VI. Zum Verhältnis von Libido und Ratio im Spiegel der Klassen in:

Karin Weingartz-Perschel

Mythos Genie, page 95 - 106

Die intellektuelle Erfahrung des Mangels

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4292-2, ISBN online: 978-3-8288-7200-4, https://doi.org/10.5771/9783828872004-95

Tectum, Baden-Baden
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Zum Verhältnis von Libido und Ratio im Spiegel der Klassen Jede menschliche Betätigung steht im Dienste der Selbsterhaltung und auch der Selbstverwirklichung, mag sie auch noch so selbstlos erscheinen. Alle Anstrengungen und Leistungen, bis hinauf in unsere Zivilisations- und Kulturstufe, dienen nur diesem einen Zweck: Erotische Optimierung der Selbsterfahrung und Erweiterung der Lebensräume. Dazu besitzt die Ratio nur eine dienende Funktion. Die eigentliche Triebfeder ist und bleibt jedoch die Libido. Wird diese beschädigt oder zerstört, entartet oder stirbt der Mensch. Adorno führt für diese These ein extremes Beispiel an, nämlich dass der Gefangene anfangen muss, seine Zelle und sein Gefangenendasein zu lieben, wenn er überleben will. Das klingt absurd. Aber wenn man bedenkt, dass der Mensch, da er weitestgehend instinktungebunden ist, alles und jedes und jeden mit Lust besetzen kann – denken wir an die Asketen, Masochisten, Sadisten, Selbstmörder, Triebtäter, Fetischisten usw., nicht zu vergessen die Geldfetischisten im Sinne eines Dagobert Duck, klingt Adornos Argumentation durchaus plausibel. In einer Gesellschaft, in der rationales Denken vom libidinösen Empfinden getrennt wird oder, wie Jürgen Habermas ausführt, das instrumentelle Handeln das kommunikative dominiert, also deren dialektische Einheit gestört ist, drohen beide besonderen menschlichen Qualitäten zu entarten. Genuss droht zu pervertieren und die Ratio beginnt ihr zerstörerisches Eigenleben. Schon Nietzsche mahnte, dass Apoll nicht ohne Dionisos sein kann187, die Ratio nicht ohne die Libido. „Die unter der klassengesellschaftlichen Repression vollzogene Deformation des Apollinischen ergibt den repressiven Arbeitsvollzug, die VI. 187 Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, gesammelte Werke Bd. 1, Hamburg 1986, S. 38 95 Arbeit der Sklaven, Leibeigenen und proletarischen Massen; hinsichtlich des Dionysischen ergibt sie den anarchischen Orgiasmus.“188 Pierre Bourdieu hat sein Klassenverständnis auf der Beobachtung der unterschiedlichen Lebensstile aufgebaut, welche Arbeiterklasse, Kleinbürgertum und Bourgeoisie voneinander unterscheiden. Dabei geht er besonders auf die Art des Wohnens, der Ernährung, des Musikhörens, der Häufigkeit von Museums-, Theater- und Konzertbesuchen sowie Frequentierung von Bildungseinrichtungen ein und arbeitet die „feinen Unterschiede“ heraus.189 Damit geht er über die materialistischen Sozialisationstheorien hinaus, die sich im Wesentlichen auf die sozial-ökonomische Analyse der Klassen beschränken. Es sind die Lebensstile, welche das Alltagsverhalten der Menschen bestimmen. „So wird in der Arbeiterbevölkerung das Leben an den harten finanziellen Notwendigkeiten ausgerichtet, was sich in Kleidungskäufen und Wohnungseinrichtungen ausdrückt, die nach Preis, Haltbarkeit und Nutzen bewertet werden. Das Kleinbürgertum ist auf sozialen Aufstieg orientiert, auf ein ehrgeiziges, teils ängstliches, teils plakatives Erfüllen vorgegebener kulturellen Standards über diese zu erheben und einen eigenen Stil zu entwickeln, diesen als gesellschaftliche Norm zu propagieren und durchzusetzen.“190 Auch Hurrelmann bleibt, ebenso wie Bourdieu, die Definition des Intellektuellen-Phänomens schuldig. Sein Schwerpunkt liegt zwar auf dem Verständnis von menschlichen Krisen, deren Ursachen und Bewältigungsmöglichkeiten, aber sein „Belastungs-Bewältigungs-Modell“ dient lediglich dazu, die persönliche Handlungsfähigkeit wieder herzustellen und zu erhalten und „die Ursachen der nicht zu bewältigenden Belastung zurückzudrängen oder, falls dieses nicht möglich ist, die Belastung durch die Umstellung der Handlungsfähigkeiten und der emotionalen Verarbeitung zu ertragen.“191 Außerdem betont er die Not- 188 Kofler, Leo: Aggression und Gewissen, Grundlegung einer anthropologischen Erkenntnistheorie, München 1973, S. 119 189 Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M. 1993 190 Hurrelmann, Klaus: Einführung in die Sozialisationstheorie, Weinheim/Basel 2002, S. 118 191 Ebd.: S. 269 ff. VI. Zum Verhältnis von Libido und Ratio im Spiegel der Klassen 96 wendigkeit, Präventionsprogramme zu entwickeln, wodurch schon frühzeitig Kompetenzen zur Bewältigung von Belastungssituationen entwickelt und gefördert werden. Als gelungene Bewältigung von Problemen gilt Hurrelmann die erfolgreiche Anpassung an die vorgegebene Lebenswelt der Einzelnen. Damit bleiben die Intellektuellen außer Betracht, da sie ihre Besonderheit gerade der Nichtanpassung verdanken und das Vorgegebene hinterfragen und nicht als selbstverständlich hinnehmen. Grundsätzlich ist, trotz zahlreicher Differenzierungsversuche, das Drei-Klassen-Modell, Oberschicht, Mittelschicht, Unterschicht, als grundlegende Gesellschaftsstruktur präsent, weil man „mit Hilfe des Klassenbegriffs spannende Forschungsfragen generieren kann“.192 Jede dieser Klassen „bestimmt das Verhalten ihrer Mitglieder, zwingt sie unter sehr deutlich umrissene Handlungsantriebe. Sie prägt ihnen ihr eigenes und jeweils eigentümliches Zeichen auf, mit solcher Macht, das uns Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen … zuweilen den Eindruck vermittelt, sie gehörten verschiedenen Gattungen an,“ stellt der Soziologe Maurice Halbwachs fest.193 So läuft das Leben der Unterschicht in völlig anderen sozialen Bahnen ab als das der Mittel-oder Oberschicht. Unterschicht (Proletariat) Wenn Tätigkeit und Genuss ursprünglich zusammengehören, muss sich ihre Trennung fatal auf die Menschen und damit auf die Gesellschaft auswirken. Mangels Bildung wird dem Arbeiterkind die mögliche Genussoptimierung und -sensibilisierung vorenthalten. Die Arbeitereltern können ihr Kind nur das lehren, was sie selbst gelernt haben und praktizieren. Ihre Genüsse erschöpfen sich in der Regel in Essen, Trinken, Wohnen, Kleiden, Sexualität und einiges andere mehr. Hier kann Marx zutreffend zitiert werden: „Essen, Trinken und Zeugen etc. sind zwar auch echt menschliche Funktionen. In der Abstraktion aber, 1. 192 Groß, Martin: Klassen, Schichten, Mobilität, Wiesbaden 2015, S. 245 193 Halbwachs, Maurice: Entwurf einer Psychologie sozialer Klassen, Konstanz 2001, S. 153 1. Unterschicht (Proletariat) 97 die sie von dem übrigen Umkreis menschlicher Tätigkeit trennt und zu letzten und alleinigen Endzwecken macht, sind sie tierisch.“194 Nicht dass der Arbeiter mangels Intelligenz zur Ausbildung seiner Kulturund Genussfähigkeit nicht in der Lage wäre. Die Ursachen sind allein im mangelnden Zugang zu Bildung und Wohlstand zu suchen. Damit hat der Arbeiter kaum eine Chance, seine Genüsse von den vitalen Körperfunken soweit unabhängig zu machen, dass sensibilisierende Lustmaximierung erlebt werden könnte. Sie bleibt weitgehend in den oralen, analen, phallischen Phasen stecken. Das Phantasieaufgebot bleibt sehr begrenzt, so dass es nur allzu leicht den oralen, analen und phallischen Regredierungsangeboten der entsprechenden Manipulationsmechanismen der Gesellschaft verfällt. In Ermangelung optimierender, sensibilisierender Liebes- und Bildungsangebote des Arbeitermilieus an das lernbegierige Kind, bleibt dieses nicht nur in seiner libidinösen, sondern auch in seiner kognitiven Entwicklung zurück, weil sein Lernpotenzial von der differenzierten elterlichen Zuwendung abhängt. Die Arbeitermutter verfügt kaum über die Muße und die Fähigkeit, sich weitgehend in ihr Kind einzufühlen und ihm entsprechende entwicklungsfördernde Angebote zu machen. Demzufolge ist es ganz normal, dass dessen Entwicklung in der Regel hinter der von Kindern gehobener Gesellschaftsschichten zurückbleibt. Dies hat aber gleichzeitig einen makabren Vorzug, nämlich den, dass die mangelnde erotische und kognitive Sensibilisierung das Arbeiterkind einerseits weniger an seinen eigenen Widersprüchen wie denen seiner Umwelt leiden lässt, obgleich es andererseits zu der am meisten von Entfremdung und Verdinglichung betroffenen Schicht gehört. Wovon es nichts weiß, daran kann es auch, subjektiv gesehen, nicht leiden. Solange der Arbeiter seine Arbeitsstelle und sein Auskommen hat, rebelliert er nicht. Erst wenn es daran anfängt zu mangeln, rührt er sich politisch. Zwar ist er der am meisten von den gesellschaftlichen Zwängen Betroffene, aber, im Gegensatz zum Intellektuellen, der am wenigsten an ihnen psychisch Leidende. Für ihn sind seine Lebenswelt, seine unmittelbare Umwelt und deren Werte in erster Linie von Bedeutung. Hieraus leitet er die wichtigsten Maßstäbe für sein Wohlergehen, das seiner Familie, seiner Freunde, Bekannten und Arbeitskolle- 194 Marx, Karl: Die Frühschriften, Stuttgart 1964, S. 515 VI. Zum Verhältnis von Libido und Ratio im Spiegel der Klassen 98 gen ab. Die Angelegenheiten der Gesellschaft, des Staates sowie der Politik interessieren ihn nur insoweit, als sie seine persönlichen Lebensverhältnisse unmittelbar zu betreffen scheinen. Man kann sagen, dass sich seine Lebenswelt weitgehend abstinent gegenüber gesamtgesellschaftlichen Prozessen abspielt. Den gesellschaftlich als intellektuell Bezeichneten gegenüber haben sogenannte Arbeiter ein zwiegespaltenes Verhältnis. Sie fürchten deren Bevormundung und geistige Überlegenheit einerseits und zollen andererseits ihrem Wissen, ihrer eloquenten Ausdrucksweise Bewunderung. Gleichzeitig fühlen sie sich unterlegen und weitgehend unverstanden und suchen sich Protagonisten aus den eigenen Reihen. Diejenigen, welche besonders unter der Erfahrung des Mangels in der Gesellschaft leiden, sind deshalb die Intellektuellen, „die das Bewußtsein der Versagungen, die die repressive Gesellschaft dem Individuum auferlegt, und…damit am Bedürfnis nach Befreiung fest(halten).“195 In ihrem Lebensbereich stoßen persönliche Lebenswelt und gesellschaftliche Normen am unmittelbarsten aufeinander. Hier findet öffentliche Moral ihren stärksten Niederschlag. Während die Arbeiter- Moral sich hauptsächlich aus den Normen ihres unmittelbaren Umfeldes speist und die des Bourgeois sich auf einzuhaltende Etikette reduziert, ist es besonders die Moral des Kleinbürgers, die bemüht ist, die öffentlich geltende zu internalisieren. Da jedoch das Wünschen und Wollen eines Individuums niemals mit den öffentlich postulierten in Einklang stehen können, da letztere als moralische Vorgaben lediglich eine eher abstrakte Zielsetzung sind, die gesamtgesellschaftliches Zusammenleben regeln soll, mündet der kleinbürgerliche Versuch, sie zu internalisieren, im Gegensatz zu Arbeiterschaft und Bourgeoisie, in größten persönlichen Konflikten. Oberschicht (Bourgeoisie) Die Nachkommenschaft der bürgerlichen Elite wächst in der Regel wohlhabend bis zum ökonomischen Überfluss auf. Auf sexuellem Gebiet herrscht Großzügigkeit bis Libertinage, wie sie von der ehemali- 2. 195 Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch, Neuwied/Berlin 1970, S. 95 2. Oberschicht (Bourgeoisie) 99 gen Herrschaft des Adels praktiziert wurden, dem das siegreiche Bürgertum, im Hinblick auf dessen Kultur und Zivilisiertheit, ja so gerne nacheifert. Die Bezugspersonen der Kinder waren früher hauptsächlich die Ammen, Kindermädchen, Erzieherinnen und Hauslehrer sowie die übrigen Hausangestellten. Auch heute noch kümmern sich größtenteils Au pair- und Kindermädchen und das Hauspersonal um den großbürgerlichen Nachwuchs. Von ihnen fordert das Kind alle die Zuwendungen ein, die ihm von den Eltern versagt werden. Wegen des Status der finanziellen Abhängigkeit wagen es diese kaum, dem kindlichen Verlangen auszuweichen, es zu ignorieren oder gar Widerstand zu leisten und fungieren meist als willfährige Bezugspersonen, um dem Arbeitgeber keinen Grund zur Klage zu geben. Denn es steht in der Macht des Kindes, ob es den Eltern ein gutes oder schlechtes Bild von den Bediensteten zeichnet. Ihm sind in seinem libidinösen Verlangen kaum Grenzen gesetzt und da zumal die Bediensteten nicht selten häufig wechseln, droht dem Nachwuchs eine Art libidinöse Verwahrlosung, die im umgekehrten Verhältnis zu der des Arbeiterkindes steht. Während die Arbeitermutter und deren Milieu ihrem Kind nur sehr eingeschränkte libidinöse Angebote machen können, die hauptsachlich auf die Befriedigung vitaler Körperfunktionen gerichtet sind, wandert das Bourgeoiskind sozusagen von einer Hand zur anderen, wird verwöhnt, verhätschelt, gestraft, verführt, manipuliert und oft im schulreifen Alter früher oder später in ein teures Internat abgeschoben, wo es seine erfahrene libidinöse Verwahrlosung mit seinesgleichen weitertreiben kann. Der Kontakt mit den Eltern beschränkt sich im Wesentlichen auf Ermahnungen zur Leistungserbringung und Geldzuwendungen. Mutter und Vater sind zu sehr mit sich, ihren eigenen Bedürfnissen und Genussmöglichkeiten beschäftigt, als dass ein gelingender Dialog mit dem Nachwuchs entstehen könnte. Der libidinöse Verwahrlosungsprozess greift zu den heterogensten Genussangeboten, ohne dass sich ein steuerndes Scham- oder gar Schuldbewusstsein einstellen könnte. Genussmaximierung scheint grenzenlos zu sein, wenn Geld genug vorhanden ist. Frei von finanziellen Beschränkungen und zeitraubenden Pflichten sowie einschränkenden Moralvorstellungen, treibt die Psyche einer Gefühlsanarchie entgegen, die schon bald zwischen Überdruss, Langeweile bis hin zum Ekel führen kann. Nur die Einhaltung der Etikette bleibt eine konstante Devise, die keine Verlet- VI. Zum Verhältnis von Libido und Ratio im Spiegel der Klassen 100 zung erlaubt. Andernfalls drohen Ächtung und Strafe der eigenen Klasse, wie am Schicksal Marquis de Sades wegen seiner Tabu brechenden und Etikette verletzenden Romane beobachtet werden kann. De Sade bringt uns die libidinösen Verwahrlosungen der herrschenden Klasse nahe, die alle Scham oder Schuldgefühle vermissen lassen, indem er seine Protagonistin im Roman ‚Juliette‘ sagen lässt, dass die Natur die Menschen dazu geschaffen habe, alles auf Erden ihrem Genuss dienstbar zu machen. Deshalb müsse es Opfer geben, an denen diese Genüsse vollzogen werden können. Die nach de Sade benannten Perversionen, wie er sie in seinen Romanen und Erzählungen darstellt, sind keineswegs wirklichkeitsfremde Phantasien eines Psychotikers. Er schreibt nur nieder, was seine Zeit im Ansatz überall im Namen der Etikette verbergen wollte. Otto Flake nennt ihn gar den Exponenten seiner Zeit, in dem ein Sittenschilderer ersten Ranges stecke.196 Seine Werke ranken um ein und dieselbe Frage: Mit welchen Mitteln lässt sich der Genuss, die Wollust steigern? Über religiöse Furcht oder Gesetze ist man durch Verschwiegenheit erhaben, nur die Etikette muss gewahrt bleiben. Deshalb bezeichnet Flake de Sade auch als einen vernachlässigten und herumgestoßenen Aristokratensohn, der seine Jugend nie verwinden konnte197, der nicht aus sich herausfand aufgrund seiner unzulänglichen, lieblosen Erziehung.198 Heute ist dieses auf die Aristokratie bezogene Bewusstsein de Sades den perfiden Neigungen der Bourgeoisie gewichen, die selbst das Geld als Sache zum Lustobjekt machen können. Leopold von Sacher- Masochs romantisch-perversen Erzählungen stehen für die Erweiterung des Sadismus um die masochistische Variante, in der Täter und Opfer vertauschbar sind. Die Akteure machen sich nach Belieben zu sexuellen Tätern oder Opfern. Der Stolz der herrischen Geste, die sadistische Tat, kann gleichzeitig mit der devoten Opferrolle genossen werden, der masochistischen Unterwerfung, über deren Gestaltung die Akteure selbst verfügen. Die unbegrenzten Möglichkeiten der Genussmaximierung rücken die Widersprüche in der Gesellschaft wie die in der eigenen Person derart aus dem bourgeoisen Blickfeld, dass sie kaum ein Gefühl des 196 Flake, Otto: Marquis de Sade, München 1966, S. 76 197 Ebd.: S. 134 198 Ebd.: S. 124 2. Oberschicht (Bourgeoisie) 101 Mangels und des Leidens daran aufkomme lassen. Wenngleich sie sich im künstlerischen, im bildnerischen, musikalischen oder literarischen Raum widerspiegeln können, so sind sie jedoch nicht vergleichbar mit der Erfahrung und Umsetzung des gesellschaftlichen wie individuellen Mangels an Lebensqualität, wie ihn der Intellektuelle verspürt. Hier haben wir es mit einer ganz besonderen Verarbeitung der Widersprüche zu tun, die eine außergewöhnliche kognitive und libidinöse Sozialisation voraussetzt und welche die Unterschicht, das sogenannte Proletariat, wie die Oberschicht, die sogenannte Bourgeoisie, in der Regel nicht leisten können. Deshalb kann die Mittelschicht, das sogenannte Kleinbürgertum, als der Hauptlieferant intellektueller Köpfe betrachtet werden. Mittelschicht (Kleinbürgertum) Im Allgemeinen glaubt der sogenannte Kleinbürger an die Grundordnung der Welt, in der er lebt. „Im Gegensatz zum Bürger kann der Kleinbürger bis in seine subtilsten seelischen Erlebnisse hinein dem Gefühl, von den äußeren Mächten abhängig zu sein und sich ihnen geschickt anpassen zu müssen, nicht entrinnen.“199 Ständig ist er bemüht, sich den Herrschenden dienstbar zu machen, um in der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen und sich von der Unterschicht, dem Prekariat, abzugrenzen. In ihm hat sich die Internalisierung der gesellschaftlichen Regeln am vollendetsten vollzogen. Seine Psyche ist der Kampfplatz, auf dem Wunsch und Moralität, Lust und Schuld ihre Widersprüche austragen. Dieser Qual versucht es mittels Gehorsam, nicht selten auch vorauseilendem, hinsichtlich Obrigkeit und vermeintlichen Autoritäten zu begegnen. Freud würde ihn als Meister der Verdrängung bezeichnen, in dessen Unbewusstem die Widersprüche ihrem grausamen Eigenleben überlassen sind und sich nicht selten in psychischen Erkrankungen bemerkbar machen. Auf die Sexualität bezogen hat der Freudschüler Wilhelm Reich treffend bemerkt: „Der Zwang zur sexuellen Selbstbeherrschung, zur Aufrechterhaltung der sexuellen Verdrängung, führt zur Entwicklung krampfhafter, beson- 3. 199 Kofler, Leo: Der asketische Eros, Wien 1967, S. 243 VI. Zum Verhältnis von Libido und Ratio im Spiegel der Klassen 102 ders gefühlsmäßig betonter Vorstellungen von Ehre und Pflicht, Tapferkeit und Selbstbeherrschung.“200 Die Angst vor den eigenen Schwächen, dem persönlichen Versagen äußert sich im Gefühl subalterner Hilflosigkeit, welche er hauptsächlich seinem individuellen Versagen zuschreibt und mit Maskierungen wie Strenge, Korrektheit, Intoleranz und Rechthaberei zu kaschieren versucht. „Je hilfloser das Massenindividuum aufgrund seiner Erziehung geworden ist, desto stärker prägt sich die Identifizierung mit dem Führer aus, desto mehr verkleidet sich das kindliche Anlehnungsbedürfnis in die Form des Sich-mit-dem- Führer-eins-Fühlens.“201 Auch der Intellektuelle entstammt in der gesamtgesellschaftlichen Mehrheit dem gehobenen Kleinbürgertum. Auch er macht die beschriebenen Konflikte durch; spontane Reaktion auf seine Umwelt, die Anpassung und Unterordnung fordert, seine Abhängigkeit von äußeren Mächten und seine empfundene Fremdbestimmtheit, versucht er zu durchbrechen, um seine eigene Identität zu finden. Er erreicht eine Stufe der Bildung, wo die erlebten Ängste, die verspürte Ohnmacht und Unzulänglichkeit nicht mehr als ein rein individuelles Schicksal betrachtet, sondern als gesellschaftlich Allgemeines durchschaubar werden. Er registriert die Realität nicht mehr primär unter ethischen und moralischen Normen, sondern behält sich eine eigene autonome Wertung vor. Er begreift sie als Resultat der Menschen, deren individuelle Selbstentwürfe in ihrer Summe das ergeben, was wir Gesellschaft nennen. Die Individuen haben ihre Geschichte, ob bewusst oder unbewusst, selbst gemacht und sind deshalb auch in der Lage, sie zu verändern, ob zu ihrem Vorteil oder Nachteil, zum allgemeinen Wohlbefinden oder Unheil. Bin ich ein ängstliches und verzweifeltes Wesen, so trifft dies auch auf die Gesellschaft zu. Wo ich bin, ist Gesellschaft und umgekehrt. Ich kann mich also mit meinen Gefühlen der Unzulänglichkeit allen Gesellschaftsmitgliedern als verwandt begreifen und muss mich nicht als Einzelschicksal vor der Öffentlichkeit verbergen. Indem der Konflikt zwischen Sein und Sollen nicht mehr als rein subjektive Problematik, sondern als alle Gesellschaftsmitglieder betreffende, erkannt ist, kann sich der Intellektuelle aus seiner kleinbürgerli- 200 Reich, Wilhelm: Die Massenpsychologie des Faschismus, Frankfurt a.M. 1974, S. 69 201 Ebd.: S. 75 3. Mittelschicht (Kleinbürgertum) 103 chen Weltanschauung befreien und seine so schwer und schmerzlich erworbenen Erkenntnisse der Öffentlichkeit mitteilen, sowie seine Vorschläge zur besseren Zukunftsgestaltung als dynamisierende Elemente gesellschaftlich nutzbar machen. Im Gegensatz zum konservativen Intellektuellen, der seine Erkenntnisse nur zum Erhalt bestehender Herrschaftsverhältnisse einsetzt und dafür gut honoriert wird, erhält der kritische Intellektuelle für seine fortschrittlichen Ideen und Vorschläge kaum Beifall. Wohlstand oder gar Reichtum, außer den seiner Gedanken, bleiben ihm in der Regel vorenthalten. Nicht selten erfährt er Ächtung und Vertreibung, weil er eine Gefahr für die Herrschenden wird, die um ihre Pfründe fürchten. Von später Anerkennung nach seinem Ableben hat er nichts mehr. Ihm muss also zeitlebens die Antizipation einer möglichen besseren, friedlicheren und glücklicheren Welt, an der er mitgearbeitet hat, genügen. Die kritischen Intellektuellen sind die unangenehmen Mahner ihrer Epoche. Dass sie in der Mehrheit der gehobenen Mittelschicht entstammen, lässt sich damit begründen, dass hier die psychischen Konflikte zwischen Sein und Sollen derart existenziell sind, dass Lösungen auf intellektueller Ebene drängender sind, als dies in der Unterschicht oder der Oberschicht der Fall ist. In der Unterschicht fehlt dazu die nötige Sensibilisierung und Bildung und in der Oberschicht sind mittels Reichtum alle möglichen Genüsse erlaubt, sofern die Etikette gewahrt bleibt; der Lern- und Leistungsimpetus richtet sich vornehmlich auf den Erhalt oder die Vermehrung derselben. Die damit gewährleisteten optimalen Genussmöglichkeiten überdecken, dämpfen, minimieren den Konflikt zwischen Sein und Sollen derart, dass Intellektualität nur in seltenen Fällen und durch Zufall der Begegnungen vorkommen kann. Der Intellektuelle hat seine Genussfähigkeit wesentlich auf die kognitive Ebene verlagert, weil ihm die Erkenntnisse über seine Mitmenschen, seine Umwelt, die Zusammenhänge seiner persönlichen Probleme mit den gesellschaftlichen Normen Wohlbefinden verschaffen. Dazu ist er bereit, auf die Stillung seiner unmittelbaren Bedürfnisse zu verzichten, sie aufzuschieben, zu sublimieren und stattdessen den Erkenntnisgenuss zu steigern, zu maximieren, weil dieser für ihn wesentlich anhaltender und erfüllender ist. Er betrachtet die Realität nicht länger unter herkömmlichen moralischen Prämissen, sondern erlaubt VI. Zum Verhältnis von Libido und Ratio im Spiegel der Klassen 104 sich seine eigenen Beurteilungen. Wie Jean-Paul Sartre es ausdrückt, gibt es für den Intellektuellen „keine allgemeine Moral“202. Indem er seine unmittelbaren Bedürfnisse zugunsten von Erkenntnisleistung „sublimiert“, wie Freud folgert, gewinnt er eine befriedigendere Genussebene, weil sie ihn vom Gefühl des Leidens an der eigenen Unzulänglichkeit befreit. Sublimation bedeutet hier Verzicht auf die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse zugunsten des Gewinns befriedigenderen Lustgewinns, der nur mittels Bildung erreichbar ist. 202 Sartre, Jean-Paul: Drei Essays, Frankfurt a.M. 1977, S. 20 3. Mittelschicht (Kleinbürgertum) 105

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References

Zusammenfassung

Niemand hat von Kindheit an den Wunsch, Intellektueller oder Intellektuelle zu werden. Dies geschieht im Laufe des Lebens früher oder später, und man weiß nicht genau, warum. Intellektuelle sind es, die das Denken der Epoche, in der sie leben, besonders sensibel aufnehmen, hinterfragen, kritisieren und beeinflussen. Sie riskieren, als Außenseiter ignoriert, als Phantasten belächelt, als Kritiker abgelehnt, missverstanden oder gar bekämpft zu werden. Intellektuelle sind unbequeme Zeitgenossen, die der innovativen Fortentwicklung der Gesellschaft dienen. Ihr besonders ausgeprägtes Reflexionsvermögen versetzt sie in die Lage, Tendenzen und Gefahren einer gesellschaftlichen Entwicklung frühzeitig auf Grund ihrer ausgeprägten Sensibilität zu erfassen und zu thematisieren. Sie halten es in der Regel für unangebracht, ihre Leiden und Probleme und die existenziellen Konflikte, die sie als Kinder und Jugendliche belasteten, preiszugeben. Und doch liegt gerade in ihren Biografien der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, warum sie sich zu Intellektuellen entwickelt haben. Außerdem stellt sich die Frage, warum relativ wenige Frauen der Intellektuellengruppe angehören. Das vorliegende Buch ist eine Annäherung an das vielschichtige Phänomen des Intellektuellen und entwirft vor dem Hintergrund biografischer Entwicklungslinien ein umfassendes Panorama seiner Charakteristika.