I. Grundkonflikte der Intellektuellen in:

Karin Weingartz-Perschel

Mythos Genie, page 7 - 16

Die intellektuelle Erfahrung des Mangels

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4292-2, ISBN online: 978-3-8288-7200-4, https://doi.org/10.5771/9783828872004-7

Tectum, Baden-Baden
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Grundkonflikte der Intellektuellen ‚Die intellektuelle Erfahrung des Mangels‘, der Mangel an Selbstgewissheit, Sicherheit, an akzeptablen Antworten auf existenzielle Fragen wie: Wo kommen wir her? Was macht uns aus? Was ist der Sinn unseres Lebens? Warum müssen wir sterben? Was ist der Tod? Wohin wird sich die Menschheit entwickeln?, treiben die Entwicklung im intellektuellen Werdegang voran. Viele Antwortversuche gibt es, seit es Menschen gibt, von denen, die ganz besonders unter dem „gefühlten Mangel“24 leiden, ihn als solchen wahrnehmen, ihm auf den Grund gehen wollen in dem Bestreben, ihn aufzuheben. Sie lassen nichts unversucht: Sie suchen nach den Ursachen, sie beobachten, lesen, lernen, studieren, disputieren, setzen sich auseinander, lehnen sich auf und verzichten auf ein bequemes, fragloses Leben. Einer der Vielen ist Rudolf zur Lippe. In seinen Ausführungen zu dem Thema, „Der gefühlte Mangel“, auf einem Treffen der Wissenschaftler 1981 im Wissenschaftskolleg Berlin, versucht er, mit dem besonderen Bezug auf Hegel, einer Definition wenigstens näherzukommen. Dazu setzt er sich zentral mit der „Jenaer Realphilosophie des Geistes“ von 1806/7 des jungen Hegel auseinander und dessen Begriff vom „gefühlten Mangel“.25 Abgesehen von Lippes schwer verständlichen Ausführungen, weil Hegel nun mal schwer zu verstehen ist, stieß sein Vortrag auf wenig Resonanz bis hin zum Unverständnis.26 Mit Hegels Worten versuchte Lippe, diesen „gefühlten Mangel“ als „Mangel des Gegensatzes“ zu erklären, als einen „Mangel, der ebenso positiv ist.“27 Dass man diese Formulierung nicht verstehen kann, da ein Mangel doch nicht positiv sei, liegt daran, dass man hierzu die gesamte Dialektik vom Widerspruch, wie Hegel sie entwickelt I. 24 Lippe, Rudolf zur: Der gefühlte Mangel, in: Uwe Pörksen, Camelot in Grunewald, Szenen aus dem intellektuellen Leben der achtziger Jahre München 2014, S. 145 ff. 25 Ebd.: S. 145 26 Ebd.: S. 147 27 Ebd. 7 hat, im Hinterkopf haben muss, seine Subjekt-Objekt-Dialektik, worin der Widerspruch die zentrale Kategorie ist, die treibende Kraft in der Geschichte wie in einem jeden Leben. Den Mangel versteht Lippe mit Hegel als den gefühlten Widerspruch zum eigenen Wohlbehagen, der notwendig ist, um überhaupt aktiv, tätig zu werden und den Mangel zu überwinden, um sich auf einer neuen, höheren Seinsstufe mit neuen Mängeln auseinanderzusetzen. Hier haben wir es mit Hegels Negation der Negation zu tun, dem zentralen Aspekt seiner Subjekt-Objekt-Dialektik.28 Ihr Prinzip ist es, den Widerspruch, der junge Hegel würde sagen: den Mangel, ausdrücklich in seine dialektische Methode ein, statt auszuschließen, wie es die traditionelle Logik fordert; dass A gleichzeitig auch Nicht-A sein kann, also das Subjekt auch gleichzeitig Objekt. Denn „Alle Dinge sind an sich widersprechend.“29 Daher werden der historische Prozess, wie die menschliche Aktivität erst möglich. „Was überhaupt die Welt bewegt, das ist der Widerspruch“30, in Lippes Meinung: der Mangel. Die Quintessenz der Hegelschen Philosophie gipfelt darin, erkannt zu haben, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich zu entäußern, aus sich als Subjekt herauszugehen, um sich mit einem Objekt zu identifizieren und nach diesem Prozess zu sich zurückzukehren, aber als ein, um die Erfahrungen mit dem Objekt erweitertes Subjekt. Hierin liegt die Motivation, tätig, aktiv zu werden. Der Widerspruch, wie der gefühlte Mangel, werden zwar als negativ empfunden, gleichzeitig sind sie etwas unentbehrlich Positives, weil Unruhe stiftend und zum Handeln erst motivierend. In diesem Sinne versteht Lippe seine Argumentation. Pörksen interpretiert ihn so: „Der gefühlte Mangel als ein Blick in Richtung Zukunft, eine Suche nach Möglichkeiten einer Antwort. Er spricht von einer geschichtlichen Anstrengung des Gemüts, die notwendig sei.“31 Damit kommt Pörksen der Auffassung der von Rudolf zur Lippe durchaus nahe und damit auch 28 An anderer Stelle habe ich mich ausführlich mit der Hegelschen Dialektik auseinandergesetzt. 29 Hegel, GWF: Die Wissenschaft der Logik II, Frankfurt a.M. 1986, S. 74 30 Hegel, GWF: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, Frankfurt a.M. 1987, S. 247 31 Pörksen: a.a.O., 148 I. Grundkonflikte der Intellektuellen 8 der Hegelschen. Aber zu der Frage, warum Menschen sich überhaupt zu Intellektuellen entwickeln, bleiben auch sie die Antwort schuldig. Die Intellektuellen entstammen in der Mehrheit einem kleinbürgerlichen Elternhaus. Differenziert wird, in Ermangelung spezifizierter Definitionen, in oberes, mittleres und unteres Kleinbürgertum. Gemeinsam ist ihnen die besondere Internalisierung ethischer und moralischer Vorstellungen, wie sie von den Eltern, der Familie und dem sozialen Umfeld vermittelt werden. Fleiß, Pflichtbewusstsein und Gehorsam gelten als die herausragenden Tugenden. Zuwiderhandeln, Auflehnung oder Ungenügen erzeugen ein mehr oder weniger schlechtes Gewissen in den Individuen, das besonders charakterprägend von der Kleinkindphase bis einschließlich der Pubertät ausgebildet wird. Maßgeblich sind es die Eltern, welche ihre eigene kleinbürgerliche Erziehung auf das Kind übertragen und perfektionieren wollen. Die herrschende Moral ist dabei nicht nur Leitfaden, sondern kategorische Verhaltensrichtschnur. Während der sogenannte Bourgeois32 seinen Nachwuchs in der Regel im ökonomischen Überfluss aufzieht oder, besser gesagt, von Bezugspersonen wie Ammen, Kindermädchen, Haus- oder Internatslehrern sowie dem übrige Hauspersonal, die alle vom Arbeitgeber existenziell abhängig sind, aufziehen lässt und deshalb den Kindern weitgehende libidinöse Freiheiten gestattet sind, erfolgt die kleinbürgerliche Erziehung hauptsächlich durch Kontrolle, Gebote und Verbote der Eltern selbst, was sich besonders auf die libidinöse Entwicklung und Sensibilisierung der Kinder auswirkt. Das Arbeiterkind hingegen lernt, mangels umfassenderer Bildung und auf Grund seiner Klassenzugehörigkeit, in der Regel vielleicht noch aus Gründen eines gewissen Arbeiterstolzes der Eltern, Großeltern und Nachbarn, nur Genüsse im rudimentären Maße kennen. Das Beschäftigen mit kulturellen Gütern, wie Kunst, Musik oder gar das Lesen von Büchern, bleibt ihm weitgehend fremd, falls ihm nicht später, im Glücksfall durch einen Lehrer oder eine Lehrerin, diese Güter nahegebracht werden und es Vergnügen daran entwickelt. Die libidinöse Entwicklung des Kindes ist jedoch der Transfer seiner Intelligenzentwicklung. Von ihren Arbeitereltern können die Kinder nur die 32 Siehe das Kapitel über die Oberschicht I. Grundkonflikte der Intellektuellen 9 mehr oder weniger „rohen“ Genüsse, wie Essen, Trinken, Sexualität und einiges andere mehr, lernen, die diese selber erfahren haben. Sie bleiben weitgehend den körpergebundenen oralen, analen oder phallischen Stadien der Lustentwicklung verhaftet.33 Es ist also besonders die kleinbürgerliche Erziehung, welche das Kind in ausgeprägte Konflikte zwischen seinen Begierden, Wünschen, seinem allumfassenden Verlangen nach Lustgewinn und den Geboten, Erlaubnissen und Verboten der Bezugspersonen, zwischen „Es“ und „Überich“, um mit Freud zu sprechen, stürzen. Als Säugling und Kleinkind mit besonderer Aufmerksamkeit und Zuwendung seitens der Familie, besonders der Mutter, bedacht und bedient, muss es schon früh z.B. das Abstillungs- und Reinlichkeitstrauma verarbeiten lernen, will es die elterliche Zuwendung erhalten. Die Kleinbürgermutter ist nicht in der Lage, ihre Lusterfahrung, die ihr das Saugen des Kindes an ihrer Brust bereitet, zu ertragen. Es bereitet ihr Schuldgefühle. Sie zieht es vor, dem Kind den Schnuller oder die Flasche zu geben. Außerdem ist sie heutzutage meist berufstätig und wähnt sich als nicht mehr stillende Mutter emanzipiert. Welches Drama sich in der erst aufkeimenden Säuglingsseele abspielt, bleibt unbekannt. Eine Mutter, die ihr Kind noch über das dritte Lebensjahr hinaus stillt, gilt als abnorm. Ebenso gilt es als gesellschaftlich verpönt, wenn Kinder nach dem zweiten Lebensjahr noch Windeln tragen; ab dem ersten Lebensjahr greift schon die Reinlichkeitsdressur, von der Tabuisierung der autosexuellen Betätigungen des Kindes ganz zu schweigen, die nachweislich aus allen Körperzonen und Gegenständen in seiner Reichweite bestrebt sind, Lustgewinn zu ziehen. Freud bezeichnete den Säugling deshalb überspitzt als „polymorph perverses“ Wesen. Dem Kind werden also schon früh die wesentlichen Erlebnisebenen libidinöser Erfahrungen wie z.B. das „Wonnesaugen“ an der Mutterbrust und die damit verbundene Erotisierung der Lippenzone versagt. Es sucht Ersatz, indem es an allen möglichen Gegenständen lutscht, wie es Ersatz für alle späteren Lusterfahrungen, die ihm verboten oder nicht gewährt wurden, suchen wird; Raucher, Trinker, Adipöse, Sadisten, Masochisten, Pornografie- Konsumenten und sogenannte Perverse legen traurige Zeugnisse für traumatische Kindheitserfahrungen ab, je nachdem auf welcher kindli- 33 Siehe das Kapitel über die Unterschicht I. Grundkonflikte der Intellektuellen 10 chen Frustrationsstufe sie steckengeblieben sind, weil sie diese nicht angemessen ausleben durften. Der spätere Intellektuelle hat, dank seiner sorgfältigen Bildung, gelernt, die Zwiespälte zwischen Wollen und Sollen, zwischen seinen libidinösen Ansprüchen und seiner meist kleinbürgerlichen Realität, zu kompensieren. Dazu hilft ihm seine besonders geschulte und ausgebildete Reflexionsfähigkeit, wofür seine Eltern mit Eifer gesorgt haben, damit ihr Sprössling die gesellschaftliche Leiter so hoch wie möglich erklimmen kann und ihrem Stolz schmeichelt. Indem der junge Mensch versucht, hinter die Ursachen seiner persönlichen Zwiespälte zu gelangen, unter denen er heftig leidet, weil sie ihm seine gefühlte Unzulänglichkeit unablässig vor Augen führen, befasst er sich unter anderem mit Lektüren und sucht die Nähe von Menschen, von denen er sich Aufklärung und vor Allem Linderung seiner psychischen Leiden verspricht. Somit schärft er seine Reflexionsfähigkeit und erweitert mit der Zeit sein Wissen über die Ursachen und Zusammenhänge der Widersprüche, die ihn plagen. Angestrengt denkt er darüber nach, wie er die Probleme, die ihn beschäftigen und bedrücken, lösen und sein Unbehagen beseitigen kann. Dieses Bedürfnis ist so stark, dass ihm alle, für ihn erreichbaren und erlaubten Genüsse nur ungenügende und flüchtige Befriedigung verschaffen. Er will wissen, warum er so ist, wie er ist; er ist ein Suchender, der hinter die Geheimnisse seiner Existenz gelangen und die Gründe seines Unbehagens erforschen will. Dabei entwickelt und bildet er sich immer weiter, bis er sich zuletzt die faustische Frage stellt, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Und mit zunehmendem Wissen begreift er, dass er selbst das Resultat der Widersprüche seiner eigenen Erziehung, seiner Umwelt, seiner Epoche und schließlich der gesamten Menschheitsgeschichte ist. Er macht es zu seinem Hauptanliegen, diese Widersprüche genau zu verstehen und ihre Ursachen aufzudecken, um so sein eigenes Schicksal als allgemein menschliches akzeptieren zu können und seine persönlichen Ängste, Nöte und Konflikte Bewältigung finden. Er kommt als Individuum allmählich zur Ruhe. Seine Libido hat sich hauptsächlich auf seine Reflexionsfähigkeit verlagert, da diese ihm diese Ruhe verschafft und seine frühe Erfahrung der eigenen Unzulänglichkeit, seine Erfahrung persönlicher Mangelhaftigkeit weitgehend aufgelöst hat. Nun kann er sich Aufgaben widmen, die sich eher mit I. Grundkonflikte der Intellektuellen 11 dem Gemeinwohl als dem eigenen Ich und dessen unmittelbaren Bedürfnissen befassen. Die wachsende Gewissheit, dass er das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, in die er, wie alle Menschen, hineingeboren worden ist, befreit ihn von der persönlichen Tragik seines Daseins, weil er gelernt hat, sie als allgemein menschliche zu objektvieren. Damit hat er seine Genussfähigkeit wesentlich auf die intellektuelle Ebene verlagert, weil ihm die Erkenntnisse über seine Mitmenschen, seine Umwelt, die Zusammenhänge seiner persönlichen Probleme mit den gesellschaftlichen Normen Selbstgewissheit verschaffen. Dazu ist er zunehmend bereit, auf die Stillung seiner unmittelbaren Bedürfnisse zu verzichten, sie aufzuschieben, zu sublimieren und stattdessen den Erkenntnisgenuss zu steigern, zu maximieren, weil dieser wesentlich anhaltender und erfüllender ist. Entgegen der spontanen Bejahung der gesellschaftlichen Seinsweise, die jegliche Art von Unzulänglichkeit nur als selbstverschuldete, als ganz persönlich zu verantwortende gelten lässt, begreift der Intellektuelle diese Unzulänglichkeit als eine dem gesellschaftlichen Sein selbst anhaftende. Er betrachtet die Realität nicht länger unter herkömmlichen moralischen Prämissen, sondern erlaubt sich seine eigenen Wertungen. Wie Jean-Paul Sartre es formulierte, gibt es für den Intellektuellen „keine allgemeine Moral“34. Indem er seine unmittelbaren Bedürfnisse zugunsten von Erkenntnisleistung sublimiert, gewinnt er eine befriedigendere Genussebene, weil sie ihn vom Gefühl des Leidens an der eigenen Unzulänglichkeit befreit. Sublimation bedeutet hier Verzicht auf die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse zugunsten des Gewinns befriedigenderen Lustgewinns, der nur mittels Bildung erreichbar ist. Herbert Marcuse hat dies bereits erkannt. Ihm haben wir den Begriff der „nicht repressiven Sublimierung“ in kritischer Auseinandersetzung mit Freud, der den Begriff der Sublimierung jedoch ausschließlich negativ verwendete, zu verdanken. 35 Während Freud diesen Begriff nur negativ fasste, weil er von dem Zwang ausgeht, dass die Notwendigkeit zu arbeiten den Verzicht auf Lustgewinn bedeutet, definiert Marcuse die intellektuelle Tätigkeit 34 Sartre, Jean-Paul: Drei Essays, Frankfurt a.M. 1977, S. 20 35 Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1971 I. Grundkonflikte der Intellektuellen 12 nicht als repressiven Triebverzicht, sondern, im Gegenteil, als erotisierend. „Die geistige Zeugung ist ebenso sehr das Werk des Eros wie es die körperliche Liebe ist.“36 Sie ist darüber hinaus von Dauer und verschafft Gewissheit, dass erlebte Ängste, Ohnmacht, Frustrationen, Bestrafungen und Unzulänglichkeiten nicht mehr als individuelles Schicksal und selbst verschuldet zu betrachten sind, sondern als allgemein gesellschaftlich durchschaubare Phänomene. Der Intellektuelle gelangt in einen Zustand, in welchem er die Realität nicht mehr durch die moralische und ethische Brille gesellschaftlicher Regeln und Normen sieht, sondern sich seine eigene persönliche Wertung vorbehält. Damit macht er sich unabhängig von geltenden Meinungen, Urteilen und Überzeugungen. Das Gefühl der Freiheit greift Raum und entlastet die Kleinbürgerpsyche von persönlichem Schuld- und Pflichtbewusstsein, das so oft zu vorauseilendem Gehorsam führt. Dieses Gefühl der Emanzipation verschafft Distanz zu den Unmittelbarkeiten der Existenzbedingungen und macht den Blick frei auf die Widersprüche der Gesellschaft. Der Intellektuelle verschiebt damit das persönliche individuelle Leiden auf die soziale Ebene und kann die Widersprüche, welche sie auslösen, erkennen und formulieren und die Notwendigkeit der Beseitigung der Mängel in den öffentlichen, unter Umständen auch politischen Fokus rücken. Zwar lassen sich viele der Intellektuellen in den Dienst der Herrschenden nehmen, weil sie ihren Lebensunterhalt in der Regel selbst verdienen und sich als Bürokraten, Redenschreiber und Berater verdingen müssen. Positive Aufmerksamkeit der gesellschaftlichen Mächte erlangen sie nur, wenn deren Autorität nicht oder nur geringfügig angetastet wird. In seiner Schrift, Soziologie des Ideologischen, typisierte Leo Kofler diese Art von Intellektuellen folgendermaßen: „Der Intellektuelle verdeckt und verleugnet seine Unfreiheit sich und der Welt gegenüber, indem er sich auf den Standpunkt der reinen objektiven Kontemplativität stellt, der reinen, an der Praxis nur als einen reinen Gegenstand des Wissens…Das Denken erhebt sich scheinbar über die Wirklich- 36 Marcuse, ebd., S. 208 I. Grundkonflikte der Intellektuellen 13 keit, die als solche schlechthin gegeben und nicht als von diesem Denken selbst in dauernde Bewegung gebracht erscheint.“37 Den wenigsten Intellektuellen dagegen ist es möglich, ihre Unabhängigkeit im Denken zu bewahren, weil sie finanziell von Haus aus abgesichert sind und ihre Dienste nicht verkaufen müssen. Diejenigen, welche über diese finanzielle Unabhängigkeit nicht verfügen und dennoch wagen, grundlegende Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen zu üben, müssen mit ärmlichen Umständen, bis hin zu existenzieller Not, rechnen. Dazu gehört Mut, welcher zum Status der Intellektualität hinzukommen muss. Aber diese Menschen sind es gerade, welche die Gesellschaft weiterbringen können. Zurück zu den Intellektuellen allgemein. Die Mittelschicht, das sogenannte Kleinbürgertum, ist in dreifacher Weise als Intellektuellenlieferant prädestiniert: 1. Die Erziehung geschieht mit größter Sorgfalt durch die primären Bezugspersonen, Mutter und Vater, sodass eine besondere Sensibilisierung des Kindes und die optimale Ausprägung der kognitiven Potenz, der sogenannten Intelligenz, erfolgen kann. 2. Das Kind wächst in einer Lebenswelt auf, in der traditionelle, moralische und ethische Werte streng beachtet und Zuwiderhandlungen mit Sanktionen geahndet werden, die hauptsächlich auf die Psyche des Kindes zielen. Gebote und Verbote dominieren zunehmend sowohl die Gedanken- als auch die Handlungsfelder des Heranwachsenden. Dazu steht der kleinbürgerlichen Familie ein subtiles eingeübtes Belohnungs- und Bestrafungssystem zur Verfügung. Die kindliche Sinnlichkeitsstruktur wird so durch die erlernte Bewusstseinskontrolle weitgehend in die Sphäre des Unbewussten verdrängt und beginnt dort ihr anarchisches Eigenleben. 3. In unkontrollierten Momenten wie z. B. Nacht- oder Wachträumen fordert die Libido des Heranwachsenden ihr Recht und bereitet ihm Konflikte, deren Ursachen er allein bei sich selbst und seinem Unvermögen sucht. Entweder er verdrängt diese mit all‘ seiner Willenskraft und unterwirft sich den dominierenden Autoritäten, was oft zu starkem Leistungsabfall führen kann oder es erfolgt eine Flucht aus dem Einflussbereich der Familie und der vorhandenen 37 Kofler, Leo: Soziologie des Ideologischen, Stuttgart 1975, S. 42 I. Grundkonflikte der Intellektuellen 14 Lebenswelt in Randgruppen der Gesellschaft, die sich den vorherrschenden Leistungsanforderungen zu entziehen versuchen. Kunst-, Musik-, auch Literaturszenen versprechen hier Lebensalternativen. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, die existenzbedrohenden Konflikte intellektuell zu bewältigen, d. h. auf Grund der ausgeprägten kognitiven Potenz mit Hilfe von Weiterbildung und Orientierung an intellektuellen Vorbildern die eigenen Konflikte als gesellschaftlich verursachte zu enttarnen und zu verstehen. Damit ist eine enorme Studier- und Lernanstrengung verbunden, denn die Ursachen liegen nicht auf der Hand. Geschichte muss studiert, die „großen Denker“ müssen verstanden, die Strukturen verschiedener Gesellschaftsordnungen analysiert werden. Mit zunehmendem Wissen entwickelt sich eine außerordentliche Reflexionskraft, die zur Formulierung und zum Diskurs drängt. Als Lohn gilt dem so entstandenen Intellektuellen nicht primär die öffentliche Anerkennung und Wertschätzung, sondern die Bewältigung seiner Konflikte als junger Mensch, die ihm endlich die innere Gelassenheit verschafft, welche die Erkenntnis mit sich bringt, dass das Zusammenleben der Menschen eine gewisse Regelung durch Gesetze, Verbote und Gebote benötigt, um möglichst friedlich zu verlaufen, dass Auswüchse der finanziellen Bereicherung verhindert und Straftaten geahndet werden müssen. Der Intellektuelle, um den es hier geht, kann auf Grund seines Wissens innovative Vorschläge zur gesellschaftlichen Entwicklung und auf Gefahren aufmerksam machen, weil er durch seine eigene Entwicklung über eine hohe sprachliche Kompetenz verfügt, die für einen Diskurs der Verständigung unerlässlich ist. Künstler, wie Maler, Bildhauer, Musiker, Komponisten, Schriftsteller und auch Politiker gehen aus der je spezifischen, auch nach Talent begabten Bewältigung ihrer Konflikte aus Kindheit und Adoleszenz hervor und liefern der Gesellschaft vielfältige Orientierungsmuster für Gefühle und Engagement. Sie figurieren aber nicht als Intellektuelle, obwohl sie sich auch auf intellektuellem Gebiet äußern und betätigen können. Der Intellektuelle, um den es sich hier handelt, ist kritisch gegen- über seiner Zeit, weil er zum Kritiker seiner eigenen Lebenswelt werden musste, um seine eigenen persönlichen Probleme seiner Kindheit I. Grundkonflikte der Intellektuellen 15 und Adoleszenz optimal bewältigen zu können und sich nicht unter dem Leidensdruck als Anpasser den herrschenden Autoritäten zu unterwerfen oder in der Psychiatrie oder einer Sucht zu enden. Natürlich wollen alle Menschen auf der Welt ihre Konflikte so optimal wie möglich lösen und ihre verschiedensten und mannigfaltigen Bedürfnisse befriedigen. Aber nur der Intellektuelle findet seine Befriedigung am optimalsten im Wissen um die Dinge, die Menschen und die Welt. Die kritischen Intellektuellen sind deshalb unangenehme Mahner, die über die besondere Erfahrung und Bewältigung der Leidenssituationen ihrer eigenen Adoleszenz, die sie als ausgesprochenen Mangel an Lustgewinn verspürten, den gesellschaftlichen Mangel an Lustgewinn aufspüren und Möglichkeiten und Notwendigkeiten von entsprechenden Veränderungen aufzeigen. I. Grundkonflikte der Intellektuellen 16

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Zusammenfassung

Niemand hat von Kindheit an den Wunsch, Intellektueller oder Intellektuelle zu werden. Dies geschieht im Laufe des Lebens früher oder später, und man weiß nicht genau, warum. Intellektuelle sind es, die das Denken der Epoche, in der sie leben, besonders sensibel aufnehmen, hinterfragen, kritisieren und beeinflussen. Sie riskieren, als Außenseiter ignoriert, als Phantasten belächelt, als Kritiker abgelehnt, missverstanden oder gar bekämpft zu werden. Intellektuelle sind unbequeme Zeitgenossen, die der innovativen Fortentwicklung der Gesellschaft dienen. Ihr besonders ausgeprägtes Reflexionsvermögen versetzt sie in die Lage, Tendenzen und Gefahren einer gesellschaftlichen Entwicklung frühzeitig auf Grund ihrer ausgeprägten Sensibilität zu erfassen und zu thematisieren. Sie halten es in der Regel für unangebracht, ihre Leiden und Probleme und die existenziellen Konflikte, die sie als Kinder und Jugendliche belasteten, preiszugeben. Und doch liegt gerade in ihren Biografien der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, warum sie sich zu Intellektuellen entwickelt haben. Außerdem stellt sich die Frage, warum relativ wenige Frauen der Intellektuellengruppe angehören. Das vorliegende Buch ist eine Annäherung an das vielschichtige Phänomen des Intellektuellen und entwirft vor dem Hintergrund biografischer Entwicklungslinien ein umfassendes Panorama seiner Charakteristika.