V. Das Geschlechterverhältnis in:

Karin Weingartz-Perschel

Mythos Genie, page 57 - 94

Die intellektuelle Erfahrung des Mangels

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4292-2, ISBN online: 978-3-8288-7200-4, https://doi.org/10.5771/9783828872004-57

Tectum, Baden-Baden
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Das Geschlechterverhältnis Wenn G.W.F. Hegel auch die ungleichen Geschlechterrollen als natürliches Resultat des historischen Prozesses beurteilte und damit nur den Geist seiner Zeit widerspiegelte121‚ so hat er doch als erster eine wissenschaftliche Methode entwickelt, diese Ungleichheit als soziales Unrecht aufzudecken, die jede bisherige Wissenschaftlichkeit entbehrt: Die Dialektik. Mit ihrer Anwendung ergibt sich, dass das Hegelsche Frauenbild lediglich ideologisches Resultat ist und seiner eigenen dialektischen Erkenntnistheorie nicht entspricht. Mit seiner dialektischen Logik hat Hegel nachgewiesen, dass der gesamte Geschichtsprozess Resultat zwischenmenschlicher Beziehungen und Tätigkeiten ist, woran Frauen und Männer gleichermaßen mitgewirkt haben, wenn auch unter verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen122. „Die Dialektik ist die wissenschaftliche Anwendung der in der Natur des Denkens liegenden Gesetzmäßigkeit und zugleich diese Gesetzmäßigkeit selbst“123. Sie ist die Art und Weise unseres Denkens – auch hierin sind Mann und Frau nicht unterschieden – die Umwelt wahrzunehmen, als Objekte zu erkennen und auf uns als Subjekte im Dienste unseres Lebens zu beziehen; wie rudimentär oder auch abstrakt sich dieser V. 121 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Frankfurt/M. 1970, § 166 (Zusatz)‚ S. 319: “Frauen können wohlgebildet sein, aber für die höheren Wissenschaften, die Philosophie und für gewisse Produktionen der Kunst, die ein Allgemeines fordern, sind sie nicht gemacht. Frauen können Einfälle, Geschmack, Zierlichkeit haben, aber das Ideale haben sie nicht. Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist der des Tieres und der Pflanze: das Tier entspricht mehr dem Charakter des Mannes, die Pflanze mehr dem der Frau, denn sie ist mehr ruhiges Entfalten, das die unbestimmtere Einigkeit der Empfindung zu seinem Prinzip erhält. Stehen Frauen an der Spitze der Regierung, so ist der Staat in Gefahr, denn sie handeln nicht nach den Anforderungen der Allgemeinheit, sondern nach zufälliger Neigung und Meinung.“ 122 Siehe hierzu Marx, ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband 1, Berlin 1973, S. 574 123 Hegel: Enzyklopädie, Stuttgart 1955, S. 10 57 Denkvorgang vollziehen mag, er führt stets aus uns als Subjekt heraus zum Objekt hin, lässt sich auf es ein, um seine Möglichkeiten zu entdecken und kehrt dann zum Subjekt zurück, das er mit neuen Inhalten, die er vom Objekt erfahren hat, füllt und so qualitativ erweitert. Wir pflegen zu sagen: Wir sind um Erfahrungen reicher geworden. Nur weil wir Menschen fähig sind, diesen Prozess zu vollziehen, Umwelt als objekthaft außer uns befindlich zu erkennen und unseren Zwecken gemäß mit ihr umzugehen, haben sich Geschichte und Gesellschaft bilden können. Und es ist nur folgerichtig, diese prozedierende Subjekt-Objekt- Beziehung als den Keim aller historischen wie gesellschaftlichen Beziehungen zu betrachten. „Sie ist nichts anderes als der Bau des Ganzen (der Geschichte, d.V.) in seiner reinen Wesenheit aufgestellt“124. Es liegt also in der Natur des Denkens, dass es sich auf dialektische, Subjekt-Objekt-bezogene Weise die Umwelt aneignet. Das gilt sowohl für Denkprozesse des weiblichen wie männlichen Hirns, mögen sie sich auch auf noch so bornierte Weise äußern wie z.B. lediglich im Dienste der organismischen Lebenserhaltung wie Essen, Trinken, Sichkleiden und noch einiges andere mehr. Mit Hilfe seines – wie auch immer ausgebildeten oder unausgebildeten – Verstandes nimmt der Mensch Objekte außer seiner selbst wahr, die er je nach individuellem Bedürfnis benötigt und diesem Bedürfnis anpasst. Die Objektwahl erfolgt in zunächst ausschließlicher Weise, d.h. sie blendet sowohl andere Objekte wie andere Möglichkeiten des Verhaltens dazu im Augenblick der Wahl aus, verhält sich ihnen gegenüber „negativ“, um es mit Hegel auszudrücken. Erst nach der Befriedigung der unmittelbaren, lebenserhaltenden Bedürfnisse wird der Mensch fähig, neue Objekte zu erkennen, neue Bedürfnisse zu entwickeln und stets größere Zusammenhänge zwischen ihnen herzustellen. Im Laufe seines Lebens überwindet er so seine unmittelbar negative, eindimensionale Betrachtungsweise der Umwelt zugunsten einer progressiv vermittelten Erkenntnisfähigkeit, die allein die Einsicht in die gesellschaftliche Natur der Zusammenhänge aller Subjekte und Objekte, wie die zwischen ihnen existierenden Möglichkeiten von Beziehungen, verschafft. Wie weit der individuelle Erkenntnisprozess voranschreitet, ist je nach Sozialisa- 124 Hegel: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1970, S. 37 V. Das Geschlechterverhältnis 58 tion eines jeden verschieden. Er bedeutet jedoch von Stufe zu Stufe der Entwicklung die Aufhebung des unmittelbaren bornierten negativen Verhaltens des Verstandes, der zunächst allein im Dienste der organismischen Reproduktion tätig wird; Hegel nennt ihn „Die Negation der Negation“, indem die unmittelbare Negation wiederum negiert wird, aufgehoben wird, um in Gestalt der „Position“, der neuen Qualität einer höheren Erkenntnisstufe, die Einsicht in die Wahrheit des Erkenntnisgegenstandes zu ermöglichen. Dennoch lobt er die unmittelbare, negative Kraft des bornierten, von der Vielfalt der Möglichkeiten „abstrahierenden“ Verstandes als die eigentlich geschichtsbildende125, die den „Widerspruch“ in die Welt bringt, den dialektischen Widerspruch zwischen Subjekt und Objekt und damit erst die Möglichkeit einer tätigen Auseinandersetzung der Menschen miteinander. Es lässt sich nur etwas miteinander vermitteln, das zunächst als Getrenntes wahrnehmbar ist. Diesen Widerspruch, der in der Subjekt-Objekt-Relation seinen Ursprung hat, ist zugleich die vorwärtstreibende Kraft des historischen Prozesses126‚ da er die Individuen herausfordert, sich gegenseitig als solche wahrzunehmen, sich aneinander abzuarbeiten, tätig zu werden und damit Geschichte zu haben. Das existierende Geschlechterverhältnis ist somit Resultat eines Geschichtsprozesses, an dem Frauen und Männer gleichermaßen – wenn auch unter verschiedenen gesellschaftlichen Voraussetzungen – teilhatten und teilhaben. Die untergeordnete Rolle der Frau ist damit auch ihr eigenes Werk, ist Resultat ihrer Passivität, ihrer Jahrtausende langen Duldung ihres Opferdaseins. Den stärksten Ausdruck der dialektischen Spannung zwischen Subjekt und Objekt, die zur Auflösung in eine neue Qualität drängt, beschreibt Hegel im Liebesverhältnis zwischen Mann und Frau127‚ worin jeder dem anderen ebenbürtig begegnet. Jeder will nicht ohne den anderen sein. Es findet sich hier kein Argument, das die Subalternität der Frau, wie er sie z.B. in den „Grundli- 125 Ebd.: S. 28, 29 126 Hegel: Wissenschaft der Logik II, Frankfurt/M. 1969, S. 74-76. Dass der historische Prozess von Hegel als Resultat des “absoluten Geistes“ behauptet wird, ändert nichts an der Tatsache, dass er ihn als das Ergebnis zwischenmenschlicher Beziehungen und Tätigkeiten nachweist. Die Kritik seines objektiven Idealismus‘ habe ich an anderer Stelle geleistet und braucht an dieser Stelle nicht thematisiert zu werden. 127 Hegel: Jenenser Realphilosophie II, Leipzig 1931, S. 197 V. Das Geschlechterverhältnis 59 nien der Philosophie des Rechts“ formuliert, begründen könnte. Das Gegenteil ist der Fall. Indem er Subjekt und Objekt in ihrer Beziehung aufeinander den Prozess der gegenseitigen Identifizierung durchleben lässt, woraus beide gleichzeitig um die Identität des anderen erweitert hervorgehen, nehmen das Subjekt-Frau und das Subjekt-Mann wechselseitig ihre Besonderheiten in sich auf und machen sie zu ihren eigenen – erreichen ja gerade dadurch eine neue Qualität. Der Mann wird um die weiblichen Anteile bereichert und die Frau durch die männlichen, so dass es keine Basis des Herrschens und Beherrschtseins geben kann – vorausgesetzt, die Liebesbeziehung findet in einer Gesellschaft statt, die nur an der Entwicklung der Menschen zu autonomen Individuen interessiert ist, statt an der profitmaximierenden Ausbeutung der Menschen im Dienste des Kapitals. Hegel entwirft am Beispiel der Liebenden eine freie, menschenwürdige Gesellschaftsordnung und versucht nun, die bürgerliche Realität seiner Zeit darunter zu subsumieren, ohne zu erkennen, dass dies nicht möglich ist, da die bürgerliche Ordnung gerade auf der Unterordnung der nichtbesitzenden Menschen unter die Besitzenden wie der Unterwerfung der Frau unter den Mann zum Schutze des Privateigentums basiert. Für ihn sind die bürgerlichen Gesellschaftsverhältnisse die dem Menschen angemessensten und deshalb letzten. Auftretende Ungleichheiten in der Behandlung und Beachtung der Menschen wie die von Mann und Frau haben deshalb in seiner Anschauungsweise ontischen, wesenhaft menschlichen Charakter. Er erkennt sie als ewige, naturgegebene Gesetzmäßigkeit an, als Wahrheit, weil der gesellschaftserzeugende „absolute Geist“ nichts Unwahres hervorbringen kann. Ohne die Erkenntniskrücke des absoluten Geistes hätte er diese Ungleichheiten als Produkt der Produktionsverhältnisse, die darauf basieren, interpretieren können. Statt die Notwendigkeit einer Änderung solcher Verhältnisse zu formulieren, bildet er seine im wahren Sinne menschliche Subjekt-Objekt-Dialektik darauf ab und ordnet die Menschen dem Produktionsprozess unter statt umgekehrt. Damit reproduziert er den Geist seiner Zeit statt die von ihm selbst entwickelte Subjekt-Objekt-Dialektik. Mann und Frau begegnen einander als autonome Subjekte, Individuen, die aufeinander eine starke Anziehungskraft ausüben. Indem sie sich aufeinander einlassen, lösen sie sich weitgehend aus ihrer jeweiligen Subjektivität und schlüpfen in das geliebte Objekt, identifizieren V. Das Geschlechterverhältnis 60 sich mit ihm, entäußern sich selbst im anderen. Sie verhalten sich selbst gegenüber negativ und vergegenständlichen sich im anderen. Sie vergewissern sich der Liebe des anderen, indem sie ihn ganz zu verstehen suchen. Sie sind aktiv, suchen einen geeigneten Ort, wo sie miteinander allein sein können, sie gehen ins Theater, ins Konzert, ins Kino, sie machen einander Geschenke. Sie lieben den anderen auf eine Weise, von der sie glauben, dass sie ihm am besten gefällt und ihm guttut. Die Befriedigung der Bedürfnisse des anderen bedeutet zugleich die optimale Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Kehren sie zu sich als Subjekte zurück (z.B. in die alltägliche Berufstätigkeit), so sind sie nicht mehr dieselben, die sie vor ihrer Begegnung mit der/dem Geliebten waren, sie haben sich um die Dimension des geliebten Objekts erweitert und neue Lebensräume, -qualitäten eröffnet. Sie sind Subjekt und Objekt zugleich, sie sind sie selbst und gleichzeitig nicht sie selbst, weil sie sich nur im anderen als Geliebte/r wiederfinden können. In ihrem Liebesverhältnis sind sie miteinander identisch und nichtidentisch zugleich, verkörpern gemeinsam ihre Liebe und bleiben doch auch Individuen, die unabhängig voneinander Tätigkeiten verrichten. Was Hegel unter der „Identität von Identität und Nichtidentität“ von Subjekt und Objekt versteht, hat er am Beispiel der Liebesbeziehung von Mann und Frau am deutlichsten ausgeführt. Sein zu diesem Zwecke vielzitiertes Herrschaft-Knechtschaft-Kapitel der Phänomenologie128 ist kaum dazu geeignet, da es, statt von einem wesenhaft menschlichen, von einem Herrschaftsverhältnis ausgeht. Wie eine Liebesbeziehung nur auf dialektische Weise zu verstehen ist, so sind es auch die Geschichte und die gesellschaftlichen Verhältnisse, da wir es mit lebendigen Individuen zu tun haben und nicht mit chemischer, physikalischer und organismischer Natur um uns herum. Letztere besitzt deshalb mit der formalen Logik der Naturwissenschaften das geeignetste Mittel ihrer Erkenntnis, die jedoch hinsichtlich gesellschaftlicher Prozesse keine gültigen Aussagen machen kann, da sie vom Ausschluss des Widerspruches lebt. Zwar hilft die formallogische Diagnose des Chirurgen, den menschlichen Körper zu heilen und zu retten, wenn er z.B. durch einen Fall verletzt wurde. Sie sagt aber nichts darüber aus, warum der Mensch gefallen ist. Dass er, wenn er 128 Ders.: Phänomenologie …‚ a.a.O., S. 113 ff. V. Das Geschlechterverhältnis 61 fällt, stets nach dem Fallgesetz fällt, hat für ihn als Menschen keine Bedeutung. Vielleicht wollte er sich aus Liebeskummer, um beim Beispiel zu bleiben, töten; vielleicht wollte ihn der/die Geliebte aus Eifersucht töten und hat ihn gestoßen; vielleicht wollte er nur eine sportliche Leistung erbringen, die missglückte. Diese Fragen kann man nur mit Hilfe der Subjekt-Objekt-Dialektik eingrenzen und eventuell beantworten. Wenn sich zwei Menschen lieben, dann wird aus dieser Beziehung nicht formallogisch eine Ehe und es entsteht nicht unbedingt Nachwuchs. ‚Wenn ich liebe, dann heirate ich und habe Kinder‘! Diese gängige Weltanschauung reduziert die menschliche Liebe auf ein quasitierisches Niveau, auf dem die Fortpflanzung biologisch durch Instinkte geregelt ist. Wenn sich zwei Menschen lieben, heiraten sie nicht notwendigerweise und bekommen Kinder. Hierzu sind viele Faktoren von Bedeutung, die mit der formalen Wenn-Dann-Logik nicht erfasst werden können. Selbst wenn die beiden Liebenden heiraten und ein Kind zeugen oder gebären, dann ist dieses Kind Ausdruck menschlicher Liebe, worin sich die Liebenden auf der Stufe einer neuen Qualität ihrer Liebe sinnlich anschauen können und nicht logische Folge. Wäre dies so, dürfte man die gleichgeschlechtliche Liebe nicht als solche gelten lassen, weil sie nicht ehefähig, weil nicht fortpflanzungsfähig wäre. Dass dieser Irrtum heute noch so weit verbreitet ist, zeugt von einer biologistischen Betrachtungsweise der Liebe. Selbst Hegel unterlag diesem nur ideologisch zu begründenden Fehlurteil, obwohl er die Methode entwickelte, es als solches zu erkennen. Doch niemand kann seine Zeit überspringen, sondern nur bis an die Grenzen derselben mittels reflexiver Anstrengung vordringen, um zukünftige Möglichkeiten gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen zu entdecken. Im Liebesverhältnis ist „Jedes … darin dem Anderen gleich, worin es sich ihm entgegengesetzt hat. Sein Sichtunterscheiden vom Anderen ist daher sein Sichgleichsetzen mit ihm, und es ist Erkennen ebendarin … ‚ daß ihm für es selbst seine Entgegensetzung in die Gleichheit umschlägt oder dies, wie es im Anderen sich anschaut, als sich selbst weiß“129. Das Subjekt macht die Erfahrung seiner eigenen Existenz erst über die Anerkennung des anderen innerhalb eines Verhältnisses, das es eingegangen ist. Liebe ist Resultat der Bewegung, die sich zwischen 129 Ders.: Jenenser Realphilosophie, a.a.O., S. 201 V. Das Geschlechterverhältnis 62 Subjekt und Objekt ereignen muss, um die individuelle Fremdheit zu überwinden. Weder die spontane unmittelbar konsumierende Existenzweise, die sich absolut setzt und den anderen nur in Form der zu konsumierenden Sache zulässt, noch die einfache Erfahrung der Negation der eigenen Existenz, die den anderen nur als den Fremden, Widerständigen, einen selbst Verunsichernden, Bedrohenden setzt, zeichnen ihn als menschliches Wesen aus. „Das Selbstbewußtsein erreicht seine Befriedigung nur in einem anderen Selbstbewußtsein“130. Solange es keine Gesellschaft gibt, in der Mann und Frau sich als ebenbürtige, selbstbewusste und geachtete Individuen gegenüberstehen, wird das Wesen der menschlichen Liebe weitgehend unbekannt bleiben. Wie der Sklave den Herrn, liebt die Frau den Mann in dem Maße, wie es ihr gesellschaftlicher Status und ihre finanzielle Versorgung erfordern. Wie der Herr so ist der Mann mit dieser Form zufrieden, da sie seine Persönlichkeit kaum berührt. In einem solchen Liebesverhältnis entspricht die Unterentwicklung der weiblichen Identität der des Mannes – wenn auch in verschiedenen Inhalten. Die Lust der Frau am Gebraucht-Werden kommt der des Mannes am Gebrauchen entgegen. Ihr Wunsch zu dienen, ermöglicht die Herrschaft des Mannes. Beide empfinden diesen Geschlechterdualismus schmerzlich; der Mann darf nie schwach sein und die Frau nicht im männlichen Sinne stark, wenn beide ihr geschlechtsspezifisches Image nicht verlieren wollen. Diese defizitäre Empfindung reicht jedoch nicht dazu aus, dass der Mann in die Rolle der Frau schlüpfen möchte, was umgekehrt sehr häufig der Fall wäre. Im Gegensatz zur Frau fühlt der Mann sich in seiner gesellschaftlichen Rolle einigermaßen wohl, weil sie immer noch wenigstens die Beherrschung von Frau und Kindern ermöglicht, wenn er im Arbeitsleben versagt. Auch wenn der Mann am untersten Ende der sozialen Skala angekommen sein sollte, gibt es immer noch jemanden unter ihm – die Frau, und das macht selbstbewusst genug. Der Mann ist deshalb weniger daran interessiert, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern, in denen es immer noch jemanden gibt, auf den er hinabschauen kann, als die Frau, die am Ende der Skala rangiert. Deshalb ist es nun an der historischen Zeit der Frau, den Geschlechterkampf nicht als natürlichen, sondern politischen zu begrei- 130 Ders.: Phänomenologie …‚ a.a.O., S. 112 V. Das Geschlechterverhältnis 63 fen, in dem sie nichts zu verlieren hat als ihre Sucht des Gebrauchtwerdens131. Die Liebe Die Subjekt-Objekt-Dialektik zwischenmenschlicher Beziehungen wird von Hegel nicht zufällig am Beispiel zweier Liebender demonstriert. In der Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau zeigt sich, was die Besonderheit der menschlichen Spezies ausmacht: die Identifikationsfähigkeit des einen mit dem anderen Menschen. Indem einer den anderen zu verstehen versucht, gibt er vorübergehend seine Subjektivität auf und wird selbst zum geliebten Objekt. Kehrt er zu sich mit seinen Gedanken und Gefühlen zurück, ist er nicht mehr derselbe, der er vorher war, sondern ein um den Anderen erweiterter, bereicherter, erfahrener Mensch, der gleichzeitig sowohl er selbst als auch der andere ist. Dieser spezifisch menschliche Identifikations- bzw. Subjekt-Objekt- Prozess ist ein unendlicher, weil er in keinem Augenblick individueller wie gesellschaftlicher Existenzweise fehlt. In der Liebe tritt er am klarsten hervor, existiert aber in allen Formen menschlicher Beziehungen. Und da kein menschliches Wesen beziehungslos existieren oder sich zum Menschen entwickeln kann, ist dieser Identifikationsprozess allgegenwärtig. Mögen die Begegnungen der Menschen noch so flüchtig sein, das Wahrnehmen von Objekten noch so unbewusst (z.B. in der kommerziellen Warenwerbung), so gehen die Menschen aus diesen doch – wenn auch noch so minimal – verändert (ob positiv oder negativ) hervor. Selbst der Schlaf, das wissen wir seit Freud, unterbricht diesen Prozess nicht, da ich Traumbildern ausgesetzt bin, die auf mein Unbewusstes wirken und beim Erwachen die Aufmerksamkeit des Ich auf sich lenken. Ob ich sie nun verdränge oder mich ihnen stelle, ich muss bewusst oder unbewusst auf sie reagieren, mich auf sie beziehen wie auf andere Eindrücke und Objekte meiner Umwelt. Selbst wenn ich mich wie Robinson Crusoe auf eine einsame Insel allein zurückziehe, nehme ich die gesellschaftlichen Subjekt-Objekt-Beziehungen in 1. 131 Norwood, Robin: Wenn Frauen zu sehr lieben, Reinbek/Hamburg 1987 V. Das Geschlechterverhältnis 64 Gestalt meiner Träume und Erinnerungen, meiner Phantasie und Sozialisation mit und muss mich mit ihnen weiterhin auseinandersetzen. Indem ich tätig werde, und sei es nur in meinen Gedanken und Vorstellungen, schaffe ich mir selbst Objekte, auf die ich mich wieder als Subjekt beziehen kann – und so unendlich fort. Kein menschliches Wesen kann in diesem Sinne beziehungslos sein. Die Sexualität dient dem Identifikationsprozess der Liebe als das optimalste Medium. Die Art ihrer Ausübung kennzeichnet die Qualität der Beziehung wie die Qualität der entsprechenden gesellschaftlichen Stufe, auf der die Liebenden leben. Denn die menschliche Sexualität ist sich weder organismischer Selbstzweck wie beim instinktregulierten Tier, noch steht sie in erster Linie im Dienste der Arterhaltung. Ebenso wie sich die orale Lustempfindung des Säuglings von der Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme ablöst, geschieht dies in Hinsicht der organismischen Ausscheidungszonen sowie der genitalen biologischen Fortpflanzung. Wie der orale Genuss vom Menschen jederzeit und unabhängig vom Hungrigsein wiederholbar ist oder gesteigert werden kann (die Verfeinerung der Speisen und Tisch-Sitten geben Zeugnis davon132), so kann die menschliche Sexualität unabhängig von der Notwendigkeit der Fortpflanzung genossen werden. Der Mensch ist auch in dieser Hinsicht keiner Instinktregulation unterworfen, er kennt, im Gegensatz zum Tier, keine sogenannten Brunftzeiten. Die Sexualität lässt das Gefühlspotential auf optimale Weise frei, wenn sich die Liebespartner einander vorbehaltlos hingeben. Dabei kommt es weniger auf deren biologische Geschlechtsmerkmale an als auf ihre Emotionalität. Liebe ist sowohl zwischen gleichen als auch unterschiedenen Geschlechtern im menschlichen Sinne „normal“. Dass es bei der gleichgeschlechtlichen Liebe nicht zur Fortpflanzung kommen kann, ist lediglich von biologischer Bedeutung und kann im menschlichen, gesellschaftlichen Sinne nicht tabuisiert werden. Damit würde die menschliche Liebe auf die tierische Stufe heruntertransformiert werden. Dass dies noch heute geschieht, indem Homosexualität als nicht normal betrachtet wird, zeigt, dass unsere Gesellschaftsordnung zwar technologisch aber nicht im gleichen Maße kulturell angemessen entwickelt ist; dass wir uns auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen 132 Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation, Bern 1969 1. Die Liebe 65 Beziehungen noch auf „allen Vieren“ bewegen, oder – um mit Ernst Bloch zu reden – den „Aufrechten Gang“ noch nicht erlernt haben. Doch auch auf diesem Gebiet ist ein positiver Wandel in der menschlichen Gesinnung zu bemerken, der auf weiteren Wandel hoffen lässt. Aus denselben Gründen gilt auch der Inzest als gesellschaftliches Tabu, da er moralisiert statt als rein biologische Notwendigkeit der Arterhaltung betrachtet wird. In der Liebe zweier Menschen kommt es nicht auf die sexuell möglichen Praktiken an, wie sie von Masters und Johnson programmatisch untersucht wurden133‚ sondern auf die Beziehungsinhalte, die Gefühle. Alles, was Menschen tun und was mit ihnen geschieht, nimmt den Weg durch ihre Köpfe134‚ hinterlässt mehr oder weniger ausgeprägte Spuren in ihrer Psyche und bestimmt ihr zukünftiges Verhalten zur Umwelt wie zu sich selbst. Diese Gefühle sind allein Resultat individueller Sozialisation und biologisch nicht vorgegeben – auch nicht die Aggression, die gemeinhin als Trieb behauptet wird135. Unsere Gesellschaft erzieht Menschen zu Frauen und Männern, die ihre erotische Bedeutung füreinander wesentlich an biologischen Geschlechtsmerkmalen (starke Muskulatur des Mannes, zur Kopulation aufforderndes “Popowackeln“ der Frau usw.) festmachen müssen, da ihnen kaum andere erotische Verhaltensformen angeboten oder in der Familie oder im Freundeskreis vorgelebt werden. Es wundert nicht, dass sich das Liebesverhältnis im Allgemeinen auf quasi-tierischer Stufe vollzieht. Die menschliche Fähigkeit zur Liebe wurzelt jedoch nicht in Geschlechtsorganen, sondern im unbewussten Reservoir der Individuen. Der Körper dient nur als Mittler und das unbeschränkt auf bestimmte Körperteile, nicht als Erzeuger der Liebe. Er liefert die sehr wesentlichen Möglichkeiten, neben unendlich vielen körperungebundenen, die Liebe auszudrücken. 133 Masters, W./Johnson, v.E.: Die sexuelle Reaktion, Reinbek/Hamburg 1974 134 Engels, Friedrich: Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Berlin 1946, S. 25 135 Kofler, Leo: Aggression und Gewissen, München 1973 V. Das Geschlechterverhältnis 66 Wenn sich der Mann gebärdet „wie der Affe auf dem Affenfelsen“, der mit jeder möchte, wenn er könnte136‚ verrät er, trotz gesellschaftsverbessernder Ambitionen, seine extrem tierische Betrachtungsweise der Liebe, der es im Wesentlichen auf Geilheit ankommt und nicht auf einen bestimmten Liebespartner. Doch die Frau verhält sich in der Regel zu solch einer männlichen Betrachtungsweise komplementär, indem sie die permanente sexuelle Verfügbarkeit signalisiert, wie es selbst die Affenweibchen nur in der kurzen instinktregulierten Periode der Brunst können. Die emotionale Genussfähigkeit des Mannes ist das Resultat einer Erziehung, die unter Männlichkeit die aktive Unterwerfung der Frau im Liebesakt versteht, aggressiv-sadistische Gefühle fordert, die die Frau als Mittel der Befriedigung statt als Subjekt gelten lassen, daher eher mit dem Akt der Masturbation vergleichbar ist als mit einer erfüllten Liebesbeziehung, in der sich die Partner als gleichwertige begegnen. Dem aktiv-sadistischen Verhalten des Mannes entspricht das passiv-masochistische der Frau. Ihre emotionale Genussfähigkeit entspringt der Unterwerfung unter den Mann, indem sie sich gerade als dieses Mittel männlicher Befriedigung selbst genießt und ihre Persönlichkeit verleugnet. Ihre Gefühle basieren auf der anerzogenen Fähigkeit zur Hingabe und Selbstaufopferung. Sie kann sich nur auf diese Weise emotional reproduzieren, weil sie es nicht anders gelernt hat – oder sie muss auf die Gefühle der Liebe verzichten. Sie wird zur Selbstaufgabe erzogen und kann sich als Frau nur in dieser Rolle selbst genießen137. Weil die menschliche Libido auf Lustgewinn um jeden Preis gerichtet ist, muss die Frau ihre Opferrolle mit Lust besetzen, da ihrem Es, ihrem Unbewussten, keine anderen Möglichkeiten eröffnet wurden. Sowenig der Mann dieser gesellschaftlichen Verhältnisse die Frau als autonomes Subjekt erkennen und lieben kann, sowenig gelingt dies der Frau. Beide bleiben nahezu autistisch in sich selbst gefangen, ohne eine wahrhaft menschliche Beziehung zueinander aufnehmen zu können. Voraussetzungen, um diese Beziehungsunfähigkeit, die im Bereich der Psychiatrie besonders hervortritt, nicht als ewige, 136 So äußerte sich Wolf Biermann in der Sendung “Hallo, Ü-Wagen“ von Carmen Thomas am 12.11.87 im WDR II. Er setzt sich für menschlichere Verhältnisse ein und befindet sich als Individuum noch auf der Ebene von D. Morris “Nacktem Affen“. 137 Norwood: Wenn Frauen zu sehr lieben, a.a.O. 1. Die Liebe 67 unabänderbare menschliche Unfähigkeit zu interpretieren, was zum resignativen Opportunismus führen muss, wenn nicht zur Verzweiflung, sind nur mittels reflexiver Anstrengung zu schaffen. Mit ‚Glaube, Hoffnung, Liebe‘ kann nichts ausgerichtet werden, da sie aus ideologischen Gegebenheiten resultieren, die es geradezu hinterfragen gilt. Auf unsere Emotionen als Signifikanten der Wahrheit können wir uns nicht verlassen, da sie allein im Dienste unserer Libido stehen und auf Lust um jeden Preis ausgerichtet sind – unter welchen persönlichen und gesellschaftlichen Bedingungen auch immer. Die inhaltlichen Qualitäten unserer Gefühle hängen vom Prozess unserer Erziehung ab und besitzen keine natürlichen selbstregulierenden Konstanten. Hieraus erklärt sich die Tatsache, dass Frauen innerhalb der Kultur- und Geistesgeschichte kaum hervorgetreten sind. Im Gegensatz zu den Männern wurden und werden sie zum Dienen erzogen. Das Mädchen hat eine Puppenstube, die es für die Puppenfamilie aufräumt und sauber hält; es hat wenigstens eine Puppe, die es umsorgt und – da es sich meistens um weibliche Puppen handelt – für die männlichen Blicke schmückt; es hat eine Puppenküche, in der es für diese Puppenfamilie kocht … und so unendlich fort. Ist es zur Frau herangewachsen, sucht es sich einen Mann, der es finanziell versorgt, ihm Kinder macht und seine dienenden Qualitäten zu schätzen weiß, indem er es heiratet. Für diese anerzogene Lustbesetzung einer dienenden Zukunft gibt die Frau auch heute noch in der Regel ihre Berufstätigkeit und damit verbundene persönliche Unabhängigkeit auf. Das Gefühl des Gebrauchtwerdens verschafft ihr mehr Lust als ihre Unabhängigkeit und eine berufliche Karriere. Wählt sie dennoch die Karriere, leidet sie darunter, dass kein Mann, kein Kind sie brauchen und empfindet sich als überflüssiges Wesen, das seine „Berufung“ als Frau, Ehefrau und Mutter verfehlt hat. Die individuelle Realität einer unabhängigen, berufstätigen Frau widerspricht ihrer sozialgeprägten Emotionalität. Deshalb fällt es ihr stets leichter, auf die Karriere zu verzichten als auf Kinder, Ehe und Familienleben. Unzählige Selbstzeugnisse in Form von Briefen und Tagebüchern von Frauen, die diesen Konflikt zugunsten ihrer Selbstaufgabe lösten, liegen uns dank feministischer Frauenforschun- V. Das Geschlechterverhältnis 68 gen vor138. Entscheidet sich die Frau dennoch für die Unabhängigkeit und den Beruf, muss sie auf ein wesentlich größeres Lustreservoir verzichten als der Mann, dessen Erziehung spezifisch berufsorientiert verlaufen ist – und der deshalb gerade Unabhängigkeit und Karriere als libidinöse Werte empfindet. Sein Konflikt beginnt, wenn er z.B. durch Arbeitslosigkeit auf den häuslichen Bereich des Dienens zurückgedrängt wird. Im Gegensatz zum Mann, der den Genuss an Macht und Herrschaft als Kind bereits eingeübt hat, kann die „Karriere“-Frau diese Möglichkeiten kaum genießen, weil ihre Sozialisation nicht entsprechend verlaufen ist. Mann und Frau dieser Gesellschaftsordnung ergänzen sich in antagonistischer Weise, indem das männliche Herrschaftsprinzip dem weiblichen Knechtschaftsprinzip entspricht. Je dominanter der Mann, um so opferbereiter die Frau; sollten auch ihre schöpferischen Fähigkeiten denen des Mannes ebenbürtig oder überlegen sein, wird sie das Wissen um diese Begabung in der Regel früher oder später verdrängen, verheimlichen oder allein in den Dienst ihres Mannes stellen, um auf diese Weise am Erfolg ihres Mannes teilzuhaben. Unter dem Titel „Die Frauen der Genies“ hat Friedrich Weissensteiner versucht, einigen dieser Frauen ein dankbares Denkmal zu setzen.139 Er lobt sie als die hingebungsvollen Musen, Sekretärinnen, Haushälterinnen, Mütter und Managerinnen, die ihren genialen Männern zum Ruhm verholfen haben und selbst ein weitgehendes Schattendasein führten. Weissensteiner hebt nur einige wenige, wie Constanze Mozart, Christiane Vulpius, Cosima Wagner, Mileva Einstein, Alma Mahler-Werfel und Katja Mann, heraus und bezeichnet sie als „Schattenfrauen“, die zur Unsterblichkeit ihrer Männer beigetragen und auf eine eigene Karriere verzichtet haben. Er zitiert Katja Mann, stellvertretend für die anderen Frauen: „Ich habe in meinem Leben nie tun können, was ich hätte tun wollen.“140 Aber er zitiert diese Worte Katja Manns nicht mit Bedauern, sondern mit großer Hochachtung 138 Z.B. auf dem Gebiet der Musik haben dies u.a. Eva Weissweiler (Komponistinnen aus 500 Jahren, Frankfurt/M. 1981), Eva Rieger (Frau, Musik und Männerherrschaft, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1981), Antje Olivier/Karin Weingartz-Perschel (Komponistinnenlexikon von A–Z, Düsseldorf 1988) recherchiert. 139 Weissensteiner, Friedrich: Die Frauen der Genies, München 2004 140 Ebd.: S. 9. 1. Die Liebe 69 für die Opferbereitschaft dieser Frauen. Simone de Beauvoir, Madame de Stael oder Hannah Arendt zum Beispiel wären nie zu solchen Opfern bereit gewesen. Sogenannte Karriere-Frauen haben es schwer in der Liebe. Liebesbeziehungen werden nicht selten für sie unmöglich, da sie sich nicht mehr so recht als Frau fühlen, um geeignete Liebesobjekte für den Mann abgeben zu können. Sie müssen männliche Verhaltensnormen adaptieren, ohne sich jedoch selbst als Männer empfinden zu können. So sind sie gezwungen, eine Art gesellschaftliches Zwitterdasein zu führen, dem ihre psychische Konstitution kaum gewachsen ist, und das nicht selten in die Psychiatrie führt. Solange die gesellschaftlichen Verhältnisse an zoomorphen Weiblichkeits- bzw. Männlichkeitsbildern festhalten, werden Frauen und Männer, die sich kraft intellektueller Einsicht für die individuelle Akzeptanz der Geschlechter einsetzen, ein gesellschaftliches Zwitterdasein führen müssen, das nichts mit dem idealisierten Menschentypus des Androgynen141 zu tun hat. Erst die Gesellschaft, die auf Geschlechterrollenzuweisung verzichten kann, weil sie nicht länger ökonomischer Reproduktionsfaktor ist, wird diese Zwitterexistenz zugunsten der je besonderen Individualität, durch die allein die Menschen sich voneinander unterscheiden, auflösen und freie Menschen hervorbringen, die sich auch als Liebende frei und unabhängig vom biologischen Geschlecht aufeinander beziehen können. Die Schönheit „But if you could see her through my eyes …“‚ so beginnt der Song aus dem Musical Cabaret142‚ „wenn ihr sie mit meinen Augen betrachten könntet, würdet ihr verstehen, warum ich sie liebe“. Mit diesem Argu- 2. 141 Androgynität ist lediglich ein Ausdruck idealisierten Sehnens nach ganzheitlicher Verschmelzung weiblicher und männlicher Eigenschaften in Gestalt des wahren Menschen. Wenn die Individualität von Geschlechterrollenzuweisungen befreit wäre, jeder nach Belieben männliche wie weibliche Eigenschaften äußern könnte, ohne gesellschaftlichen Argwohn zu erregen, würde die androgyne Sehnsucht gegenstandslos sein. 142 Nach dem Roman von Ch. Isherwood, Leb‘ wohl, Berlin, Frankfurt/M., Berlin 1986 V. Das Geschlechterverhältnis 70 ment versucht ein Mann seine Liebe zu einer Äffin, die für ihn das schönste und begehrenswerteste Bild von Weiblichkeit repräsentiert, seinen Mitmenschen begreiflich zu machen. Es ist eben sein „point of view“, seine ganz individuelle Empfindung, die das Wunder seiner Liebe zu einer scheinbar abstoßenden weiblichen Kreatur bewirkt. Wenngleich dieser Song in politischer Absicht geschrieben wurde, so benutzt er doch Metaphern, die an das ontisch Menschliche rühren, an die libidinöse Wurzel unseres Bewusstseins. Begriffe wie Schönheit und Liebe leben von erotischen Versprechen, auf deren Realisierung Frauen wie Männer ihr ganzes Leben hindurch hoffen; denen sie wie Heinrich Faust von einem „höchsten Augenblick“ zum nächsten nachjagen. Und jedes erfüllte erotische Versprechen entsteht mit der gemachten Erfahrung nicht nur neu, sondern zugleich in erweiterter, lustmaximierender Weise. Es läuft den Augenblicken der Erfüllung stets davon, voraus, und der Mensch folgt ihm nach – bis dass der individuelle Tod diesen Prozess beendet, um ihn weiter an die Gattung zu delegieren. Der „point of view“ der Einzelnen wird bereits im ersten Kontakt mit der Bezugsperson angelegt. Die Brust (oder deren Surrogate) ist schön, weil sie Lust spendet. Alles was dem Kind guttut, belegt es bereits mit diesem Prädikat, wenn auch noch in empfindungsamorpher Form. Im Verlaufe seiner Erziehung lernt es, all die Objekte mit Lust zu besetzen, sie schön zu finden, sie zu lieben, die ihm angeboten werden, all die Objekte abzulehnen, die ihm als unliebenswert, als hässlich demonstriert werden. Denn es wird in eine Gesellschaft hineingeboren, die über die sog. objektiven Maßstäbe von Schönheit und Hässlichkeit, Liebens- und Unliebenswertem, Erotischem und Unerotischem zu verfügen scheint, so als ob es Schönheit an sich, als außerhalb menschlicher Individuationsformen existierende wahre Gesetzmäßigkeit gäbe. Dabei können diese sog. Gesetze der Schönheit, wie sie sich als ästhetische Theorien zu verselbständigen scheinen, niemals etwas anderes sein als die Resultate der libidomaximierenden Individuen, die, je nach ideologischem Bedarf einer Epoche, zu allgemeinen Gesetzmäßigkeiten verdichtet und u.U. gegen ihren eigenen Ursprung gewendet werden. Hegel z.B. erklärt das Schöne als den sinnlichen Schein der Idee, das wie die Kunst, deren Grundbegriff sie ist, aus der absoluten Idee 2. Die Schönheit 71 als dem welterzeugenden geistigen Prinzip selber hervorgeht143. Statt Lust ist es hier das „absolute Denken“, welches den Begriff des Schönen erzeugt. Adorno kritisiert mit Recht: „Hegel stellt die ästhetische Dialektik still durch die statische Definition des Schönen als des sinnlichen Scheins der Idee“144. So sehr sich Hegel um die dialektische Erkenntnismethode verdient gemacht hat, bleibt er doch in der Betrachtung des Schönen im idealistischen Denken seiner Zeit stecken. Ähnlich Schiller in seinen vielzitierten Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen: Für ihn ist Schönheit das Werk der freien Betrachtung, durch die wir befähigt werden, in die Welt der Ideen einzutreten145. Aus dieser freien ästhetischen Betrachtung des Schönen ist, ganz in Kant‘scher Tradition146, in der wir noch heute und trotz Freud stecken, das mittelbare Begehren verschwunden. Die kopflastige abendländische Geistesgeschichte konnte dementsprechend so erfolgreich als „Phänomenologie des Geistes“ geschrieben, verstanden und gegen die libidinöse Lebenskraft verteidigt werden. Der omnipotente Geist disqualifizierte letztere als menschenunwürdiges, nur zur Fortpflanzung notwendiges Übel. Schönheit wurde so zur Schönheit an sich, und in dieser entsinnlichten Form zum Band zwischen „männlicher Kraft und weiblicher Milde“, das „alles Sanfte und Heftige in der moralischen Welt versöhnen“ kann147. Und noch heute lesen wir die Kulturgeschichte als die des Geistes statt als das, was sie ist, als Phänomenologie der menschlichen Sinnlichkeit. Erst der „vernünftige“ Mensch gilt als der homo sapiens, der seine libidinösen Attacken zu beherrschen, abzulenken, zu verdrängen versteht, der sich seinem kopflastigen Urteil über Schönheit, Liebe und Erotik unterordnet, der seine libidinösen Ansprüche, sein eigentliches Lebensmovens, mehrheitlich auf gesellschaftlich akzeptierte Objekte wie Auto, Haus, Geld usw., eben auf Konsum richtet. 143 Hegel: Vorlesungen über die Ästhetik 1, Werke 13, Frankfurt/ M. 1986, S. 100 144 Adorno: Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1970, S. 82 145 Schiller, F.: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, Stuttgart 1975, 25. Brief, S. 108 146 Kant: Sämtliche Werke, Bd. 6, Ästhetische und religions-philosophische Schriften, Leipzig 1924, S. 54 (Kritik der Urteilskraft, § 2) 147 Schiller: A.a.O., 27. Brief, S. 125 V. Das Geschlechterverhältnis 72 Da uns nur Waren angeboten werden, besetzen wir diese mit Lust, weil wir nicht anders können, wenn wir leben wollen; wie der Straftäter, der seine Zelle lieben muss, will er nicht sterben148. Die libidinöse Kraft kennt keine Tabus, keine Moral, Ethik, Ästhetik oder Vernunft. Sie versucht, aus allen Objekten Lust zu gewinnen. Sie benutzt die Kraft des Verstandes, der Vernunft, als ihr Medium, um der geeignetsten Objekte habhaft zu werden, mit denen sie sich befriedigen kann. Was Hegel die „List der Vernunft“ zu nennen pflegt, die zwischen sich und dem erkannten Objekt das Werkzeug schiebt, um gewünschte Resultate zu erzielen, ist eigentlich die menschliche Libido, welche die Kraft der Vernunft zu dieser List werden lässt; sie zwingt das Individuum zur tätigen Auseinandersetzung mit dem einmal wahrgenommenen Objekt. Das Subjekt kann nie schöner, hässlicher, besser, schlechter, moralischer, unmoralischer sein als sein mit Lust besetztes Objekt. Der Mensch, der den Opferstatus des Objekts genießt, wird stets der Täter sein und umgekehrt. Täter und Opfer bedingen einander. Wer nur autonome, liebevolle, kommunikative usw. Objekte mit Lust besetzt, wird selbst zum Repräsentanten dieser Qualitäten. Es kommt eben auf die sozialen Verhältnisse an, die entsprechende Lustobjekte anbieten oder zulassen. Schopenhauer gibt bereits zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts einen Hinweis auf die Fragwürdigkeit all dessen, was wir als schön oder ästhetisch bezeichnen, wenn auch gegen das weibliche Geschlecht gemünzt: „Das niedrig gewachsene, schmalschultrige, breithüftige und kurzbeinige Geschlecht das schöne nennen, konnte nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt: In diesem Triebe nämlich steckt seine ganze Schönheit“149. Damit wäre Schönheit kein dem als liebenswert empfundenen Individuum objektiv anhaftendes gültiges Maß, sondern dem subjektiven Trieb selbst eigen, der all das mit dem Prädikat „schön“ belegt, was ihm Lust verspricht. Der Trieb wird nicht durch das edle Objekt seiner Wahl geadelt, sondern er ist es, der das Objekt als schönes, edles und gutes bezeichnet, sofern es ihm optimale Befriedigung verspricht. Alles und jedes kann sich so das Urteil, schön zu sein, verdienen, wenn es in 148 Adorno: Dissonanzen, Göttingen 1956, S. 21 149 Schopenhauer: Parerga und Paralipomena, Sämtliche Werke, 6.Bd., Wiesbaden 1947, Kap. 27, S. 656 (Über die Weiber) 2. Die Schönheit 73 der Lage ist, Lust zu spenden. Freud steht in unmittelbarer Tradition dieser grundsätzlich neuen Perspektive menschlicher Existenz, wie sie Schopenhauer entwickelte, die den menschlichen „Willen“, im Gegensatz zur menschlichen „Vorstellung“, als die lebenstreibende Kraft hinter jeder menschlichen Handlung annimmt. Anders als später Freud fasst Schopenhauer die menschliche Triebhaftigkeit unter den Begriff des Willens, die unter die Kontrolle der menschlichen Vorstellung, der Vernunft, gebracht werden muss. Sollen gesellschaftliches Zusammenleben und Kulturentwicklung überhaupt möglich werden, muss der Mensch sich, nach Schopenhauer, gegen seinen Trieb entscheiden, also gegen das Leben150. Noch ganz dem Kantischen Weltbild verhaftet, setzt Schopenhauer den Kantischen Imperativ absolut, was in der Konsequenz nur zur Verdammung der menschlichen Triebnatur führen kann; dennoch bezeichnet er sie als die Wurzel des Lebens schlechthin. Auch für Freud ist nicht daran zu zweifeln, „daß der Begriff des Schönen auf dem Boden der Sexualerregung wurzelt und ursprünglich das sexuell Reizende (die Reize) bedeutet“151. Ohne die menschliche Besonderheit libidinöser Erfahrung gäbe es den Begriff des Schönen ebenso wenig wie Kultur überhaupt. „Und siehe! Apollo konnte nicht ohne Dionysos leben!“ ruft Nietzsche aus152. Apollo, der Gott der Mä- ßigung, der Gestaltung, der Vernunft, des Lichts existierte nicht ohne seinen eigentlichen Verursacher Dionysos, den Gott des Rausches, des Chaos, der Lust, des Amorphen. Nicht Freud, sondern Nietzsche war der erste, der die Spaltung des Menschen in den genießenden und den reflektierenden kritisierte und – wenn auch unter ideologieimmanenten Bedingungen – dessen dialektische Identität anstrebte. Den träumenden erkannte er als den wahren Menschen, nicht den einseitig reflektierenden. „So gewiß von den beiden Hälften des Lebens, der wachen und der träumenden Hälfte, uns die erstere als die ungleich bevorzugtere, wichtigere, würdigere, lebenswertere, ja allein gelebte dünkt: so möchte ich doch, bei allem Anscheine einer Paradoxie, für jenen geheimnisvollen Grund unseres Wesens, dessen Erscheinung wir 150 Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, Sämtliche Werke, Wiesbaden 1947 151 Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, a.a.O., S. 66 152 Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, Studienausgabe 1, Frankfurt/M., Hamburg 1968, S. 42 V. Das Geschlechterverhältnis 74 sind, gerade die entgegengesetzte Wertschätzung des Traumes behaupten“153. Was der junge Nietzsche bereits erkannte, formuliert er später als Fazit seines Zarathustra: „Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!“154. Davon leben alle erotischen Versprechen, mögen sie später auch nur zu abgehobenen Schönheitsbegriffen verkommen. Sogar der ansonsten so psychologieabstinente und rigorose Nietzsche-Kritiker Lukács155 kommt in seinen ästhetischen Betrachtungen nicht umhin, die unmittelbaren „erotisch-sexuellen Beziehungen der Menschen zueinander … zum Vehikel des Aufstiegs ins Ethische“ zu erklären156‚ wo das Schöne im Guten aufgeht. „Jedenfalls ist jede, gleichviel ob bloß flüchtige oder noch so ständige, noch so allseitig leidenschaftliche sexuelle Beziehung immer die zwischen zwei partikularen Personen, und zwar gerade in ihrer Partikularität … es (ist) doch immer das Geradesosein eines Menschen, von seiner körperlichen Beschaffenheit eventuell bis zu seinen höchsten geistigen und moralischen Eigenschaften – Schwächen und Fehler miteinbegriffen –, woran sich die Liebesleidenschaft entzündet. Ihre Eigenart und Stärke besteht gerade darin, daß sie dieses Geradesosein, diese Partikularität des geliebten Menschen, als etwas Letztes, Unveränderliches, als Substanz schlechthin, als Schicksal faßt, im Gegensatz zu den allgemeinen Formen der gesellschaftlichen Beziehungen, in denen sehr häufig das Bestreben obwaltet, den Partner den eigenen Zwecken entsprechend – innerlich oder bloß äußerlich – umzumodeln.“157 Gerade die unmittelbare Partikularität des geliebten Objektes ist es, an der sich die Sinnlichkeit des liebenden Subjekts entzündet und wegen der lustspendenden Wirkung mit dem Begriff des Schönen belegt – mag auch der Rest der Welt das Gegenteil behaupten. Was vom Liebenden am Gegenstand seiner Leidenschaft als schön empfunden und genossen wird, „steht (zunächst, d.V.) allen ästhetischen Gesichtspunkten völlig fremd und heterogen gegenüber“158. Erst in der über die Partikularität hin- 153 Ebd.: S. 40 154 Nietzsche: Also sprach Zarathustra, München 1966, S. 249 155 Lukács, Georg: Nietzsche als Begründer des Irrationalismus der imperialistischen Periode, in: Die Zerstörung der Vernunft, Bd. II, Darmstadt, Neuwied 1974, S. 7 ff. 156 Ders.: Ästhetik IV, Neuwied, Darmstadt 1972, S. 28 157 Ebd.: S. 29 158 Ebd.: S. 31 2. Die Schönheit 75 ausgreifenden Betrachtung von Gesellschaftlichkeit ergeben sich Schönheitsbegriffe, die mit ihrem Ursprung u.a. nichts mehr zu schaffen haben wollen oder sich gar gegen denselben kehren159. Adorno bemängelt zu Recht: „Merkwürdig übrigens, daß eine Ästhetik, die immer wieder auf der subjektiven Empfindung als dem Grund alles Schönen insistierte, jene Empfindung nie ernsthaft analysierte“160. Es liegt nicht in der sog. „Natur“ der Schönheit, dass sie über den Zweck sinnlicher Befriedigung erhaben ist; sie kann durch letztere erst zum Begriff werden. Die Schönheit der Frau wie die des Mannes an den je unterschiedlichen Körperformen festzumachen, wozu uns die Konsumgesellschaft anhält, indem sie entsprechende, zum Lustkonsum auffordernde Werbebilder in unser Bewusstsein projiziert, bedeutet, die libidinöse Potenz des Menschen auf der primitiven, d.h. tierischen Stufe rein körperlicher Signalwirkungen, wie sie nur zur instinktregulierten Fortpflanzung tierischer Spezies von Bedeutung sind, zu verhandeln und so in Profit zu verwandeln. Wer schön und begehrt sein will, soll – wie eingangs bereits gesagt – das Popwackeln, Muskelprotzen usw. beherrschen, um die Sinne des Objekts zu erregen. Diesem bornierten, aufs Tierische beschränkten Schönheitsbegriff korrespondiert der der „Schönen Seele“, die sich, bar aller Sinnlichkeit, ins Ethische verflüchtigt und ihren Ursprung vergessen macht. In ihr mögen sich die Liebenden auf völlig asexuelle Weise als schön empfinden, wie die „Platonische Liebe“ noch 159 Wie z.B. das Freudsche Realitätsprinzip, das ganz in der Tradition des Schopenhauers Kulturpessimismus für alles Kulturschaffen verantwortlich gemacht wird; das dein Lustprinzip als diametral entgegenstehend betrachtet wird, so dass letzteres ersteren weichen muss, damit überhaupt Kultur und Geschichte entstehen können. Statt Lust Askese, Einschränkung der libidinösen Kraft, des Lebenstriebes; Sublimierung der Triebenergie ist angesagt, damit menschliche Gesellschaft möglich wird. Herbert Marcuse nennt diesen Begriff der Sublimierung, wie Freud ihn versteht, repressiv und setzt ihm seinen der repressionslosen Sublimation entgegen (in: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt/M 1971, S. 208). Repressionslose Sublimation ist gleichbedeutend mit der Erweiterung von Lebensräumen, lustmaximierend statt einschränkend – sofern dies die gesellschaftlichen Verhältnisse zulassen, und ist damit die Kultur schaffende Kraft selbst. Auf dem Wegen der Lustmaximierung lernt der Mensch progressiv und schafft so seinen individuellen wie historischen Lebenszusammenhang – eben letztlich seine Geschichte – selbst. Freud widerspricht hier seiner eigenen Axiomatik. 160 Adorno: Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1970, S. 28 V. Das Geschlechterverhältnis 76 heute vermitteln will. Gegen sie wendet sich Adorno u.a. mit seinem Verdikt über die „höchsten Kunstwerke“: „Die Unwiderstehlichkeit des Schönen … gelangt … sublimiert vom Sexus an die höchsten Kunstwerke“161. Die Libido ist verantwortlich für die Fähigkeit des Menschen, beim Anblick oder Gedanken an ein lustverheißendes Objekt im Optimum der Gefühle zu erschauern, „so als wäre die Gänsehaut das erste ästhetische Bild“162 & 163. All‘ diese o.g. Erkenntnisse verdanken wir der intellektuellen Anstrengung einiger Weniger, welche die intellektuelle Erfahrung des Mangels an Auflösungen ihrer inneren Widersprüche entwickeln sowie von den Widersprüchen mit und in ihrer Umwelt. Sie sind letztlich Resultate ihrer Unzufriedenheiten mit sich, ihren Familien, Lebenswelten und der Gesellschaft ihrer Zeit. Diese haben sie dazu gedrängt zu hinterfragen, zu lernen, zu studieren, um Erkenntnisse zu gewinnen, um endlich ihre innere Ruhe, ihren Frieden mit sich und der Welt zu finden, wenn auch nur annähernd. Man wird ihnen nicht gerecht, wenn man sie als Genies oder Helden bezeichnet. Das ist nur ein zu bequemer Weg, um das Anstrengende, Frustrierende, Erlittene der Protagonisten nicht verstehen zu müssen. Es ist einfacher, sie als Genies zu bezeichnen, denen ihre Begabung bereits in die Wiege gelegt, also angeboren ist. Dann kann man eher entschuldigen, warum man selber nicht solche Denkleistungen vollbracht hat. Dabei werden diese Menschen ganz normal wie jeder geboren. Sie unterscheiden sich lediglich von der Mehrheit der Menschen durch die Art und Weise ihrer besonderen Sozialisation. Intellektualität Die ersten Spuren des Erinnerungsvermögens, die innerhalb des kindlichen Reaktionsverhaltens zu beobachten sind, zeugen bereits von dem besonderen Lernleistungsvermögen des Menschen. Dieser kindli- 3. 161 Ebd.: S. 84 162 Ebd.: S. 489 163 vgl. hierzu auch Norbert Zimmermann, Der ästhetische Augenblick, Theodor W. Adornos Theorie der Zeitstruktur von Kunst und ästhetischer Erfahrung, Frankfurt/M., Bern, New York, Paris 1989, S. 169 3. Intellektualität 77 che „Wisstrieb“, wie Melanie Klein die Neugierde des Kindes nennt, äu- ßert sich sehr deutlich in seinen spielerischen Beschäftigungen. Gerade dem kindlichen Spiel misst Klein zentrale Bedeutung innerhalb der Ontogenese zu, weil es die Beziehung zur Außenwelt verkörpert und zu bewältigen versucht. Es bildet die Voraussetzung des späteren Vermögens, logische Lernleistungen zu vollbringen und das eigene Denken zu fördern. Auf diesem Entwicklungswege dürfen Spiel- und Phantasieverlangen des Kindes nicht beeinträchtigt werden, sollen später keine Lernhemmungen auftreten. Der Lernhemmung liegt nach Melanie Klein eine starke Phantasieverdrängung zugrunde, die gewöhnlich mit zwangsneurotischen Zügen einhergeht.164 Nach ihrer Erfahrung hat die Aufhebung der Spielhemmung auch die Beseitigung der Lernstörung zur Folge. Der Säugling kennt noch kein Tabus, wie z.B. das Inzestverbot. Freud bezeichnet ihn deshalb auch, zum Entsetzen des Bürgertums, als „polymorph pervers“, da er alles und jeden allein auf die lustspenden Qualitäten hin kommuniziert. Er versteht die elterlichen Vorbehalte und Zurückhaltungen diesbezüglich noch nicht und deutet diese als Liebesentzug. „Leider sind die Erwachsenen, die Subjekte der Erziehung, ihrerseits die Resultate jenes undurchsichtigen Ganzen, das wir Erziehung nennen, daher im großen ganzen ungeeignete Subjekte einer Erziehung, die auf große revolutionäre Wandlungen der Menschenseele aus ist.“165 Und Bernfeld kritisiert weiter: Da der Erzieher in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, „die im Grunde auf Haß gebaut ist – freie Konkurrenz, Ausbeutung, Krieg, Besitz, Profit sind ihre gesetzlich geschützten Signette –, sind seine Liebestriebe von Kindheit an weder gesättigt noch kultiviert, sondern verkümmert, verdrängt, verwildert… So trägt die scheinbar sublime Liebe des Erziehers den Keim zur tiefsten Unbefriedigung in sich.“166 Bereits die lustvolle Stillsituation bildet innerhalb des geschichtlichen Ablaufes der Entwicklung des Kindes eine entscheidende Episode, wovon sämtliche nachfolgenden Phasen abhängen. Sämtliche darauffolgenden Episoden bedingen einander. So bestimmt jede einzelne Operation alle anderen. Die erste Subjekt-Ob- 164 Klein, Melanie: Die Psychoanalyse des Kindes, a.a.O., S. 12 165 Bernfeld, Siegfried: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung, Frankfurt a.M. 1967, S. 132 166 Ebd.: S. 138. V. Das Geschlechterverhältnis 78 jekt-Beziehung des Kindes begleitet es sein Leben lang. Sie bestimmt die psychische Strukturierung, welche die Basis der zukünftigen Lernleistung bildet. Für Piaget gilt gar die Erfindung durch geistige Kombination als die höchste Stufe menschlicher Intelligenzentwicklung, als Krönung aller vorausgehenden Stadien, als Resultat der aufgebauten primären und sekundären Verhaltensschemata. Die Ausbildung der Sprache als der explizite Ausdruck kognitiver Potenz, setzt das Kind in den Stand, seine Bedürfnisse unmittelbarer und unmissverständlicher zu formulieren. Es vollzieht den Begriffsbildungs- und Abstraktionsprozess unter der Prämisse optimierender libidinöser Selbsterfahrung im Verhältnis zur Außenwelt. Die Eltern jedoch begrüßen diese Lernentwicklung als rationale Fähigkeit, die Lustansprüche zu Gunsten der Anpassung an die Umwelt zu reduzieren, auf ein schickliches Maß einzugrenzen und zum großen Teil aufzugeben. Dieses Missverständnis zwischen Kind und Erwachsenen führt in der Regel zu Störungen im beiderseitigen Dialog, in dem das Kind, auf Grund seiner schwächeren, weil abhängigen Position, das Schweigen vorzieht oder in renitentes, „bockiges“ Verhalten verfällt. Eine totale Unterwerfung unter die Ansprüche der Erwachsenen wäre fatal, da sie die intellektuelle Entwicklung seiner je subjektiven Besonderheit nicht nur stören würde, sondern ihre Originalität gar verhindern könnte, was aus dem Kind im besten Fall ein angepasstes, aber auch nicht selten ein neurotisch gestörtes Wesen hervorbringt. Die Weigerung und der Rückzug in sich selbst führt das Kind auf die verschiedensten Wege des Suchens nach Lösungen seiner Probleme. Das sehr gut, mittels elterlicher Vorsorge, ausgebildete kognitive Verständnisvermögen setzt das Kind in die Lage, sich Lektüren, Lehrern und Theorien zuzuwenden, von denen es sich Aufklärung verspricht. Damit beginnt sein Weg in die Intellektualität. Dass dieser Weg ein vorwiegend männlicher ist, liegt nicht der Mangel an Intelligenz des weiblichen Geschlechtes zu Grunde, sondern ist das Resultat der Erziehung. Von Geburt an unterliegt das weibliche Kind einer anderen Behandlung als das männliche. Sie vollzieht sich mit weniger Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Zuwendung, da auch heute noch die Frau als das „zweite Geschlecht“, um mit Simone des Beauvoir zu reden, gilt, das auf das Kinderkriegen spezialisiert ist und von gesellschaftlichen Problemen oder Weltgeschichte nicht wirklich etwas ver- 3. Intellektualität 79 steht. Falls die Frau sich dennoch in die sogenannten Männerdomänen einmischt, gilt sie nicht mehr als „richtige“ Frau; sie irritiert, steht unter besonderer Beobachtung und wird eher wegen ihrer modischen Erscheinung kritisiert als ihrer inhaltlichen Äußerungen. Sollte sie dazu nicht auf Familie und Kinder verzichten, werden Mann und Kinder bedauert. Dass die Frauen als Intellektuelle bis heute eine gesellschaftliche Randgruppe bilden, liegt in erster Linie an ihrer Erziehung und daran, dass sie an der Mehrfachbelastung und dem besonderen Image als weibliche Intellektuelle nicht gewachsen sind. Von der Frau wird erwartet, dass sie anpassungsfähig an den Mann ist, emotional und mütterlich. Der Mann soll dominant, rational und möglichst emotionslos sein, sonst gilt er als weichlich, zu weiblich. Sollte eine Frau sich dennoch zu einer Intellektuellen entwickelt haben, so erfährt sie weniger Aufmerksamkeit als ihr männlicher Kollege. Außerdem wird sie in der hauptsächlich männlichen Geschichtsschreibung weitgehend ausgeblendet oder nur eindimensional wahrgenommen. Dass sich dies langsam zu verändern beginnt, ist zu begrüßen. So schreibt u. a. Ignace Lepp: „Fast alle berühmten Intellektuellen sind Männer…Es wäre indes ungerecht und irrig, aus solchen Feststellungen zu schließen, die Frau sei unfähig zu einem echten geistigen Leben, sie sei oberflächlich oder zu gefühlsbetont und von Leidenschaften beherrscht, als daß sie noch zur Reflexion und zu sachlichen Untersuchungen fähig wäre. Wenn wir so wenige große intellektuelle Frauen in vergangenen Epochen antreffen und auch heute ihre Zahl noch verhältnismäßig gering ist, dann liegt der Gedanke nahe, daß daran weniger eine generelle Unfähigkeit der Frau schuld ist, sondern eher die psychologischen und soziologischen Bedingungen, denen sie unterworfen ist…Es ist erstaunlich, und es spricht sehr für die weibliche Intelligenz, daß es wenigen Frauen unter diesen Bedingungen gelungen ist, echte Intellektuelle zu werden.“167 Besonders seit den 1968er Jahren hat sich das europäischen Frauenbild stark geändert, aber dennoch ist die Auffassung noch weit verbreitet, „die wahre Berufung der Frau seien Ehe und Mutterschaft; Studium und Berufsausübung werden als nur beiläufige Beschäftigungen, wenn nicht gar als bloße Sicherung gegen die mögliche Ehelosigkeit angesehen. Daraus folgt, daß viele junge Mädchen, 167 Lepp, Ignace: Der Lebensstil des Intellektuellen, Würzburg 1966, S. 141 f. V. Das Geschlechterverhältnis 80 sogar höchstbegabte, ihre geistige Fortbildung nicht mit der gleichen Leidenschaft betreiben, wie die Männer des gleichen Intelligenzgrades dies tun…Hier und nicht in einer angenommenen naturbedingten Minderwertigkeit liegt die Erklärung dafür, daß die wirklich intellektuellen Frauen noch relativ selten sind. Ihre Zahl wächst jedoch ständig.“168 Erst diese spezifisch an Mädchen und Jungen verschieden verteilten Inhalte, wie sie zunächst von der Mutter, den Eltern, der Familie und später den Institutionen vermittelt werden, lassen aus den jungen Menschen die Frauen und Männer werden, wie sie dem Gesellschaftssystem entsprechen. Die sogenannten männlichen Entwicklungsmöglichkeiten werden den Frauen, wie umgekehrt die weiblichen den Männern, vorenthalten und so ihre volle Entfaltung verhindert. Noch 2014 berichtet Uwe Pörksen von einem Treffen bekannter Wissenschaftler 1981 im Wissenschaftskolleg Berlin, wo u.a. das Thema „Wie männlich ist die Wissenschaft?“‘ diskutiert werden sollte und ein Beitrag von Helga Nowotny zur ‚Geschlechtsblindheit‘ in den Wissenschaften169 kaum Resonanz bei den vornehmlich männlichen Teilnehmern fand. Nowotny wies darauf hin, dass es innerhalb der Professorenschaft nur drei Prozent Frauen gibt. Sie wies entschieden zurück, dass dies an der nicht genügend qualifizierten Anzahl von Frauen liege, sondern an den sozialen Umständen; dass eine ausgewogene Beteiligung von Frauen und Männern im Wissenschaftsbereich in Zukunft wesentlich zu einer sachlicheren und ausgewogeneren Diskussion führen würde. Pörksen kommentiert: „Der Vortrag hatte nicht das Echo, das ein zweifellos neuer Gesichtspunkt erzeugt, wenn er aufgegriffen wird. Ihm folgte weder an dem Abend noch nachträglich eine Debatte. Die Stimmung war eher unwillig.“170 Hier wird deutlich, dass, selbst nach den Erfahrungen der achtundsechziger Studentenbewegung, wenig Interesse an dieser Thematik bestand. Neben der Befreiung von kapitalistischen Unterdrückungsmechanismen und der sexuellen Befreiung im Allgemeinen spielte die 168 Lepp: Ebd., S. 142 f. 169 Pörksen, Uwe: Camelot in Grunewald, Szenen aus dem intellektuellen Leben der achtziger Jahre, München 2014 170 Ebd.: S. 202 3. Intellektualität 81 intellektuelle Emanzipation der Frau noch kaum eine Rolle. ‚Die intellektuelle Erfahrung des Mangels‘ bleibt wesentlich männlich konnotiert. Natürlich ist der biologische Unterschied zwischen Männern und Frauen nicht wegzuleugnen. Die Natur hat die Priorität des weiblichen Geschlechts auf die Gebärfähigkeit und die des Mannes auf die Befruchtung des weiblichen Eis festgelegt. Hieraus sind auch unterschiedliche Verhaltensweisen von Männern und Frauen abzuleiten. Frauen sind von der Natur zu besonderer Hege und Pflege des Nachwuchses vorgesehen, der Mann für deren Versorgung und Schutz. Deshalb verfügt er in der Regel über mehr körperliche Kraft und Testosteron als die Frau. Das verführt zu Macht und Dominanz, wie die menschliche Geschichte bis heute gezeigt hat, rechtfertigt aber nicht Gewalt und Unterdrückung, denn wir sind Menschen und keine Tiere. Der Mensch hat sich nicht wegen seiner Körperlichkeit aus dem Tierreich herausentwickelt, sondern wegen seiner besonderen Fähigkeit zu kommunizieren. Aufgrund seiner, im Gegensatz zum Tier, mangelhaft ausgestatteten körperlichen Fähigkeiten wäre er nachweislich ausgestorben. Sein Überleben und seine in der Natur dominierende Stellung verdankt er allein seiner sozialen Kompetenz, die ihn letztlich zu einem vernünftigen Wesen hat werden lassen, das begriffen hat, dass es ohne seine Mitmenschen nicht überleben könnte. Es gilt die Priorität des Gleichheitsprinzips, auch zwischen Männern und Frauen, das nicht durch eine Argumentation mit den biologischen Unterschieden unterlaufen werden darf. Allein Unterschiede in Begabungen, Neigungen, Interessen zählen und sollten in gesellschaftlichen Gemeinwesen berücksichtigt, geachtet und gefördert werden. Der gesellschaftlich erwirtschaftete Reichtum sollte dementsprechend verteilt und zum Vorteil aller genutzt werden und nicht aus Gründen von Machtausstattung, verabsolutiertem Egoismus und angehäuftem Kapital missbraucht werden. Die Minderbewertung von Leistungen wie Aufzucht, Erziehung und Pflege, die sich drastisch in der Bezahlung deutlich macht, sowie die rein zweckrationale Betrachtung und Ausbeutung der Natur, der Erde, widersprechen dem sozialen Prinzip der Menschwerdung diametral und werden deshalb unausweichlich früher oder später zur selbstverschuldeten Selbstauslöschung führen, wenn nicht das spezifisch menschliche Mittel der vernünftigen Regulierung in den Vordergrund V. Das Geschlechterverhältnis 82 unseres Denkens gerückt wird. Dazu ist die intensivste Förderung und Ausbreitung der Bildung unerlässlich. Hier muss der größte Anteil gesellschaftlichen Reichtums investiert werden, weil nur aufgeklärtes vernünftiges Bewusstsein, so vieler Menschen wie möglich, uns und unsere Erde retten kann. Die Beherrschung, Unterwerfung, Ausbeutung bis hin zur Vergewaltigung der Schwächeren durch die Stärkeren gehören nicht zum Menschsein, sie bedeuten nur die große Nähe zum Tierreich, das wir doch so stolz sind, verlassen zu haben und zu dessen Beherrschern wir uns nur mittels vernünftigen sozialen Zusammenhaltes entwickeln konnten. Behandeln wir uns als Menschen also mit Respekt und leiten unser Recht nicht aus rein biologischen Vorgaben ab. Erst dann wird Gleichberechtigung, nicht nur von Mann und Frau, verwirklicht werden können. Es ist also noch sehr viel zu tun, um unserem Menschsein endlich gerecht zu werden. Der Fall Hannah Arendt Die als Philosophin, Soziologin und politische Schriftstellerin bezeichnete und hochgelobte Hannah Arendt habe ich nach reiflicher Überlegung nicht in die Reihe der authentischen Intellektuellen gestellt, weil sich in ihrem Werdegang zu viele Probleme in den Weg gestellt haben, die sich „nur“ aus spezifisch kulturell geprägter Vorstellung von Weiblichkeit und auch nicht zuletzt dem Judentum ergeben haben, anstatt aus allgemein menschlichen, ontologischen. Frauen konnten sich erst sehr spät in der Geschichte auf den Weg der Gleichberechtigung machen, wurden deshalb im Hinblick auf ihre Bildung vernachlässigt und auf das sogenannte „Ewig Weibliche“-Verhalten171 eingeschworen und festgeschrieben. Erst 1918 ist das Frauenwahlrecht in Deutschland erkämpft worden und das Universitätsstudium war für Frauen noch eine Rarität. Darüber hinaus galten studierte Frauen meist als dominante unweibliche Blaustrümpfe, die den Männern feindlich gesonnen wären. Auch noch zu Hannah Arendts Zeiten galt das intellektuelle Engage- 4. 171 Weingartz-Perschel, Karin: Das Ewig Weibliche als ideologische Metapher, Frankfurt a.M. u.a. 1990 4. Der Fall Hannah Arendt 83 ment von Frauen als Seltenheit und schien den angesagten weiblichen Tugenden zu widersprechen. Wollten sie eine Lehrtätigkeit ergreifen, war die Bedingung, auf Ehe und Mutterschaft zu verzichten. Deshalb hat es auch Hannah Arendt noch ungemein schwerer in ihrer intellektuellen Entwicklung gehabt als ihre männlichen Zeitgenossen. Dies zeigt sich ganz besonders deutlich in ihrem Verhältnis zu Martin Heidegger, von dem sie bis zu ihrem Tode nicht loskam. Er war ihre erste große Liebe, deren Pikanterie besonders darin bestand, dass er nicht nur ihr Hochschullehrer und siebzehn Jahre älter, sondern dazu noch mit einer emphatischen Nazi-Anhängerin verheiratet war, mit der er bereits zwei Kinder hatte. Auch Heidegger stand dem Nazi-Regime durchaus nahe, da er sich von Hitler und dessen „Drittem Reich“ eine mögliche Erneuerung der bestehenden Gesellschaftsordnung erhoffte. Doch seine Haltung kann als eigentlich unpolitische gelten, die aus seiner philosophischen Überzeugung abzuleiten ist. Er glaubte, dass die menschliche Gesellschaft mit der Hitler-Diktatur an einer neue „Lichtung“ in der Geschichte angekommen wäre, die nun die Möglichkeit zu einem neuen Entwurf ihrer selbst eröffnen könnte. Auch kann man ihm keine grundsätzliche Aversion gegen jüdische Menschen unterstellen. Unter seinen Studenten befanden sich viele jüdischer Herkunft. Was ihn besonders am Judentum störte, war die bei ihnen ausgeprägte ökonomische Orientierung, ihre scheinbar besondere Begabung für das rein „Rechnerische“, der geschickte Umgang mit Zahlen, was seiner Seins-Philosophie widersprach. Es verhinderte, seiner Meinung nach, das Denken und bezeichne das geistlose „uferlose Treiben verstandesmäßiger Zergliederung“. Wäre er ausgesprochener Antisemit gewesen, hätte er sich gar nicht auf eine Liebesbeziehung mit einer Jüdin einlassen können. Die leidenschaftliche Liebesbeziehung mit der Jüdin Hannah Arendt hat er nicht zuletzt nach gut einem Jahr aufgrund der Eifersucht seiner Ehefrau, die eine glühende Nazi-Anhängerin war, aber gewiss auch aus Gründen eines gewissen opportunistischen Ehrgeizes, versucht abzubrechen. Beiden ist dies jedoch ein Leben lang, zwar mit Unterbrechungen, nicht gelungen. Noch zum Zeitpunkt des Todes von Hannah Arendt hat man drei Fotografien auf ihrem Schreibtisch stehen sehen: Das Foto ihrer Mutter, das ihres zweiten Ehemannes, Heinrich Blücher, und das von Martin Heidegger. V. Das Geschlechterverhältnis 84 Trotz aller Bemühungen hat sie es nicht geschafft, dem Bannkreis ihres existenzialistischen Lehrers Heidegger und auch ihres späteren Förderers, des Zionisten Kurt Blumenfeld, zu entkommen. Ihren Versuchen, Heideggers „Dasein zum Tode“ ihren Begriff der „Natalität“, seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ ihre „Vita activa“ entgegenzusetzen, fehlt die zureichend begründete Axiomatik. Den Fakt der Geburt mit dem des Todes gleichzusetzen und über letzteren als maßgeblicheren herauszuheben, ist lediglich eine biologische Reflexion und hat keine weitere ontologische Bedeutung. Denn die Gewissheit des Todes prägt jedes menschliche Leben; dagegen hat die Tatsache des Geborenseins als solche keine weitere Auswirkung auf die Befindlichkeit der Individuen, außer dass sie entscheidend für die Klassenzugehörigkeit ist. Geburt und Tod sind zwar entscheidende biologische Ereignisse; doch letzterer beschäftigt das Denken der Menschen lebenslang, während man sich an die Geburt nicht einmal erinnern kann. Dass sie das Wunder des Lebens bedeutet, gilt für alle Lebewesen, aber nur der Mensch ist in der Lage, darüber zu reflektieren und deshalb spielt für ihn, was vor seiner Geburt war, im Gegensatz zu dem, was nach dem Tod auf ihn zukommen mag, so gut wie keine Rolle. Dass mit der Geburt eines jeden Menschen stets die Hoffnung gepaart ist, dass mit ihm und durch ihn die Welt immer weiter verbessert werden kann, ist eine gattungsspezifische Tatsache, trägt aber nichts zur Lösung der erkenntnistheoretischen Problematik bei, warum der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist, warum er sich aus dem Tierreich herausentwickelt hat, warum und wie er seine Geschichte selbst gestaltet oder warum er sich im Kapitalismus wiederfindet. Dass er „arbeitet, herstellt und handelt“, wie Arendt dem Phänomen menschlicher Tätigkeit näherzukommen versuchte, ist nur eine zu beobachtende Faktizität, trägt aber nicht zur Beantwortung der Frage des ‚Warum‘ bei. Dass Arendt die Form des Handelns als kommunikative Tätigkeit und menschliche Besonderheit herausstellte, kann als Denkanstoß gelten, wie er zum Beispiel von Jürgen Habermas für die Definition seines Begriffes des „Kommunikativen Handelns“ aufgenommen wurde, lässt aber den Ansatz einer erkenntnistheoretischen Analyse bei Arendt vermissen. Auch Arendts Verhältnis zu ihrem Judentum ist nicht eindeutig. Einerseits lehnte sie das Assimilationsbestreben der Juden mit der Begründung ab, dass dies eine Identifikation mit dem Antisemitismus 4. Der Fall Hannah Arendt 85 bedeutet, andererseits verkannte sie die unmenschliche Brutalität der Judenvernichtung und bezeichnete sie als „Banalität des Bösen“, das sie in der Person Adolf Eichmanns verkörpert sah. Zudem gerierte sie sich in der Öffentlichkeit stets als Jüdin mit dem Argument, dass sie das Judentum seit ihrer frühen Jugend beherzigte: ‚Als Jude musst du dich allen Angriffen gegenüber auch als Jude verteidigen‘. Sie unterstützte aus diesem Grunde auch die Bildung einer jüdischen Armee, die gegen den Nationalsozialismus ins Feld ziehen sollte. Gleichzeitig lehnte sie aber die Gründung eines jüdischen Staates auf palästinensischem Gebiet ab und befürwortete ein friedliches Zusammenleben beider Völker. Später begründete sie ihren Ausdruck „Banalität des Bösen“, da sie von ihren jüdischen Leidensgenossen deshalb kritisiert wurde. Sie hätte Eichmann und den Nazi-Tätern damit die herausragende brutale Besonderheit und den damit verbundenen „Ruhm“ nehmen wollen, die exorbitante Aufmerksamkeit auf dieses Verbrechen. Dennoch – das sogenannte Böse ist so wenig banal wie das sogenannte Gute. Das Gute und das Böse sind nur als dialektische Begriffe zu verstehen, die als solche einander bedingen. Das hätte Arendt bei Hegel lernen können, aber den hat sie gar nicht verstanden und vorschnell zur Seite gelegt. Und was sie nicht verstanden hat, das hat sie entweder ignoriert oder aus Unverständnis kritisiert. Das fällt besonders auf, wenn sie sich mit dem Begriff der Arbeit auseinandersetzte, welcher zentral für ihr opus magnum, „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ ist .172 Hier kritisierte sie Karl Marx und seinen Arbeitsbegriff völlig unbegründet.173 Da Marx diesen aus Hegels Begriff der dialektischen Entäußerung herleitet, bleibt er Hannah Arendts Verständnis auch völlig verschlossen, da sie sich mit Hegel gar nicht weiter beschäftigt hat. Einige ihrer Freunde, zum Beispiel der drei Jahre ältere Philosoph Hans Jonas, bemängelten ihr oft „allzu schnelles, schneidendes Urteil über eine Person oder eine Situation“ oder ihre selbstherrlich und arrogant wirkende Art.“174 Es scheint zu ihrem Naturell zu gehören, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die sie ganz persönlich berührten, obwohl sie ständig betonte, dass das Persönliche allein in die Privatsphäre gehöre und in der Öffentlichkeit nichts zu suchen habe. Das lässt sich bereits aus ihrer 172 Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2016 173 Ebd.: S. 122 ff. 174 Prinz, Alois: Hannah Arendt oder ihre Liebe zur Welt, Berlin 2013, S. 204 V. Das Geschlechterverhältnis 86 Dissertation über Augustinus schließen. Angeregt von ihrem Lehrer Heidegger und von ihrem gemeinsamen, streng geheim gehaltenen Liebesverhältnis widmete sie sich speziell dem augustinischen Liebesbegriff und interpretierte ihn auf ihre Weise, wahrscheinlich um ihrer eigenen leidenschaftlichen Liebe zu ihrem Lehrer auf die Spur zu kommen oder ihr gar zu entfliehen. Doch die Liebe zu Heidegger ließ sie nicht los. Mit den Gedichten, die sie in dieser Zeit des Verliebtseins schrieb, versuchte sie, ihr Leiden an dieser Liebe zu mildern, zu verstehen, zu überwinden: „Warum gibst du mir die Hand Scheu und wie geheim? Kommst du aus so fernem Land Kennst nicht unseren Wein?“175 Dies ist nur ein Beispiel für die vielen Gedichte, die sie schrieb, in denen sie versuchte, hinter den Sinn ihres Lebens zu gelangen. Das Magische an der Liebe zu Heidegger, ihre Hingabe an diesen Mann, den sie anhimmelte und der sich selbst in dieser ersten großen Liebe eines jungen Mädchens sonnte und kreativ angeregt fühlte, der siebzehn Jahre älter war und bereits den Ruf eines ganz besonderen Philosophen besaß, zu dem man hinpilgerte, um ‚das Denken zu lernen‘, bereiteten ihr, neben der Sehnsucht nach Erfüllung, auch Angst, Angst, sich selbst in dieser Hingabe wie ein Schatten zu verlieren. Es war ihr ziemlich klar, dass er keine Änderung seines Lebensstatus‘ und Lebenszieles für sie vornehmen würde. Darum versuchte sie, mit dem Prozess der Überwindung der sinnlichen Liebe, wie Augustinus sie beschrieben hat, ihre eigene Liebe zu verstehen, zu beherrschen und schließlich zu überwinden. Sie floh sozusagen 1926 von Marburg, wo Heidegger lehrte, nach Heidelberg und promovierte dort bei Karl Jaspers über den Liebesbegriff bei Augustinus, wobei sie dessen theologischen Kontext derart vernachlässigte, dass die Bewertung ihrer Arbeit, trotz Fürsprache Heideggers, der mit Jaspers befreundet war, nicht mit der Bestnote ausfiel. Sie widersprach nicht, sondern freundete sich mit ihrem Dok- 175 Arendt, Hannah: Zit. in: Hannah Arendt, Leben, Werk und Zeit von Elisabeth Young-Bruehl, Frankfurt a.M. 2000, S. 97 4. Der Fall Hannah Arendt 87 torvater an und diese Freundschaft hielt ein Leben lang. Jaspers erfuhr erst viel später, dass Arendt und Heidegger ein leidenschaftliches Liebespaar waren. Aus ähnlichen persönlichen Gründen stürzte sie sich auf das Leben von Rahel Varnhagen, der Jüdin, die alles daransetzte, ihr Judentum zu verleugnen und abzuschütteln, aber die sich am Ende ihres Lebens endgültig zu ihrer jüdischen Herkunft bekannte. „In Rahel Varnhagens Briefen und Tagebüchern spürte Hannah Arendt eine Sensibilität und Verletzbarkeit, die ihrer eigenen sehr ähnlich war. Sie verstand die Liebe, die Rahel für den Nichtjuden Graf von Finckenstein empfunden hatte, eine Liebe, die allmählich leidvoll zurückgewiesen worden war. Der Graf hatte Rahels Salon zugunsten der Geborgenheit seiner Familie und dessen, was er seine persönlichen Verhältnisse nannte, verlassen. Als ihr dieser Verlust klar wurde, war Rahel geworden, was auch Hannah Arendt sich werden fühlte: …An die Stelle ihres Nichts- Seins ist die Erfahrung getreten, das Wissen: So ist das Leben.“176 Hannah Arendt identifizierte sich nach eigenen Aussagen mit dem Schicksal Rahel Varnhagens und versuchte, mittels der intensiven Beschäftigung mit deren Leben, ihre eigene unglückliche Liebeserfahrung sowie ihre jüdische Herkunft und das damit verbundene Schicksal zu verstehen. Wie überhaupt das Motto ihres Lebens war: ‚Ich will verstehen!‘ In ihrem Buch über Rahel Varnhagen schreibt sie: Es „schlägt das Denken in sich selbst zurück und findet an der eigenen Seele seinen einzigen Gegenstand, wird es zur Reflexion, so erzwingt es allerdings, sofern es vernünftig bleibt, einen Schein unbegrenzter Macht, indem es sich eben von der Welt isoliert, an ihr sich desinteressiert, sich schützend vor den eigenen interessanten Gegenstand stellt: das eigene Innere…Selbst vor Schicksalsschlägen gibt es eine Flucht in das eigene Innere…so daß der Schreck, diesmal und gerade diesmal getroffen zu sein, gar nicht erst aufkommen kann.“177 Was sie über Rahel Varnhagen schrieb, hätte sie zu dieser Zeit auch über sich selbst sagen können. Den Rückzug in die Innerlichkeit hielt sie für den besten Weg, sich vor seelischen Bedrängnissen und Verletzbarkeiten zu schüt- 176 Young-Bruehl, Elisabeth: Hannah Arendt, Leben, Werk und Zeit, Frankfurt a.M. 2000, S. 101 177 Arendt, Hannah: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik, München 1981, S. 21 V. Das Geschlechterverhältnis 88 zen. Erst die freundschaftliche Beziehung zu Karl Jaspers, der für sie zu einem väterlichen Freund geworden war, bewirkte, dass sie langsam den Mut entwickelte, sich zu öffnen, nach außen, in die Öffentlichkeit zu gehen, ihre Gedanken zu äußern und sich auch der Kritik auszusetzen, wenn sie etwas bewirken wollte. Von Jaspers lernte sie, dass es nur die Kommunikation sein kann, mittels der sich die Menschen miteinander austauschen, lernen und sich entwickeln können. „Hannah kann, natürlich, nicht von heute auf morgen aus ihrer Haut. Sie kann ihre Kindheitsängste nicht einfach abschütteln, genauso wenig, wie sie ihre Liebe zu Heidegger beenden kann. Aber unter dem Einfluss von Jaspers findet sie doch allmählich aus ihrer Selbstbefangenheit heraus…so beginnt sie jetzt, sich auch von außen zu sehen, und das heißt auch, sich als Jüdin wahrzunehmen.“178 Mit der Schrift über Rahel Varnhagen wollte Hannah Arendt sich habilitierten, konnte sie aber erst im amerikanischen Exil vollenden, weil ihre Emigration dazwischenkam. Auch in ihren späteren Veröffentlichungen spürt man ihr leidenschaftliches Engagement, das ihre Persönlichkeit ausmachte und das ihr nicht selten den intellektuellen Blick auf die Realität beschränkte. So verurteilte sie Theodor W. Adorno nur deswegen, weil dieser den Versuch ihres damaligen Lebenspartners, Günther Stern, sich an der Frankfurter Universität mit einer musikphilosophischen Arbeit zu habilitieren, boykottiert haben soll. Die Arendt-Biografin Elisabeth Young-Bruehl schreibt: „Hannah Arendt konnte die Marxisten der Frankfurter Schule schon aus intellektuellen Gründen nie leiden, und dieser Vorfall war nur einer von vielen, die persönliche Sympathie eigentlich ausschlossen. Hannah Arendts Meinungen von Menschen, ob positiv oder negativ, waren immer sehr dezidiert – wenn auch nicht immer gleichbleibend –, und sie nahm bestimmt kein Blatt vor den Mund, als sie nach dem Kennenlernen Adornos zu Günther Stern sagte: ‚Der kommt uns nicht ins Haus.‘ “179 Geboren 1906 in der Nähe von Hannover, wuchs Hannah Arendt als einziges Kind in Königsberg auf, wohin die Familie wegen der schweren Erkrankung des Vaters umzog, als sie kaum drei Jahre alt 178 Prinz, Alois: Hannah Arendt oder die Liebe zur Welt, Berlin 2013, S. 66 179 Young- Bruehl, Elisabeth: Hannah Arendt, Leben, Werk und Zeit, Frankfurt a.M. 2000, S. 132 4. Der Fall Hannah Arendt 89 war. In Königsberg lebten die Familien des Vaters wie der Mutter seit Generationen in wohlhabenden Verhältnissen. Dort verlebte Hannah Kindheit und Jugend in einem gutbürgerlichen assimilierten deutschjüdischen Haushalt und ihr wurde von Eltern und Großeltern liebevolle größte Aufmerksamkeit zuteil. Ihre jüdische Religion spielte in ihrem Elternhaus kaum eine Rolle; auf die wurde sie erst durch die Nachbarskinder und durch ihre Schulzeit besonders aufmerksam gemacht und entwickelte daraufhin eine wachsende trotzige Sensibilität, die dann durch die Nazi-Verfolgung der Juden unter Hitler ihre Nähe zum Zionismus begründete. Besonders durch ihre Mutter wurde sie dazu ermutigt, sich jeder von ihr empfundenen Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen. So wurde sie des Gymnasiums verwiesen, weil sie einige Schüler zum Boykott des Unterrichtes eines Lehrers wegen dessen unangemessenen Äußerungen zum Judentum aufrief. Die Mutter stand voll zu ihr, nahm sie von der Schule und organisierte mittels ihrer Beziehungen die Möglichkeit der Teilnahme ihrer Tochter an Vorlesungen an der Universität Berlin. Zu Hause nach Königsberg zurückgekehrt, studierte Hannah Arendt weiter privat die notwendigen Schulfächer und bestand 1924 das Abitur, auf Betreiben ihrer Mutter, extern am besagten Königsberger Gymnasium mit Auszeichnung und noch ein Jahr früher als ihre früheren Klassenkameraden. Diese gewisse, von der Mutter unterstützte, Widerspenstigkeit behielt sie zeitlebens. Ihren Vater verlor sie bereits 1913 im frühen Kindesalter durch Tod wegen eines wieder ausgebrochenes Leidens an Syphilis. Um seinen Verlust zu kompensieren, soll sie ihrer Jugendfreundin Yela Löwenfeld einmal gesagt haben, den „Traum ihres Vaters …wahr zu machen und eine berühmte Gelehrte zu werden.“180 Von Geburt an führte die Mutter ein Tagebuch „Unser Kind“ über die, besonders körperliche, Entwicklung ihrer Tochter, worin sie jede Einzelheit sorgfältig vermerkte; wahrscheinlich war der Anlass dazu die Sorge, ob sie wegen der syphilitischen Erkrankung ihres Erzeugers, bereits vor der Eheschließung, abnormale Anzeichen in der Entwicklung zeigen würde. Als dies nicht der Fall zu sein schien, brach die Mutter die Tagebucheintragungen nach dem Tod ihres Mannes ab. Aufgrund dieses Tagebuches kann man erfahren, dass Hannah ein lebhaftes, fröhliches Kind 180 Ebd.: S. 629 V. Das Geschlechterverhältnis 90 war, aber auch sehr eigenwillig. Sie wurde sehr frei erzogen, zeigte aber, zum Leidwesen der Mutter, die sehr musikalisch war und das Klavierspiel ausgezeichnet beherrschte, keinerlei musikalisches Talent. Sie soll zwar viel und fröhlich gesungen, aber kaum die richtigen Töne getroffen haben. Dagegen fiel ihr logisches Talent und ihre rasche Auffassungsgabe sowie ihr Interesse an Büchern schon sehr früh auf. So soll sie sich schon im Alter von vierzehn Jahren für die Philosophie Immanuel Kants begeistert haben. Gleich nach dem Abitur begann sie ihr Studium der Philosophie 1924 bei Martin Heidegger in Marburg. Außerdem belegte sie die Nebenfächer Evangelische Theologie bei Rudolf Bultmann sowie Griechisch. Den antiken Philosophen war sie zeitlebens verbunden, mit denen sie schon in ihrem Elternhaus bekannt gemacht worden war. Au- ßerdem blieb Immanuel Kant seit der Kindheit ihr ‚Hausphilosoph‘. Ihr ganzes Leben gleicht der Befolgung dessen kategorischen Imperativs: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Arendt war stets bemüht, einen Maßstab für gerechtes Handeln zu finden und damit auch in die politische Öffentlichkeit zu gehen. Es genügte ihr nicht, „nur die eigenen Werke der Öffentlichkeit vorzulegen und ansonsten im privaten Hintergrund zu bleiben, sondern man müsse seine ganze Persönlichkeit in die Öffentlichkeit bringen und mit ihr haften. Sich so zu veröffentlichen bedeute jedoch nicht, seine persönliche Besonderheit aufzugeben und sich in der Masse zu verlieren. Im Gegenteil: Erst in der Öffentlichkeit komme das, was ein Mensch ist, wirklich zur Entfaltung.“181 In dieser Aussage zeigt sich, dass sich Arendt selbst nicht zu den Intellektuellen zählen möchte, die sie für „Gebildete“ hält, „für die die Öffentlichkeit der Ort ist, wo es nur Durchschnitt gibt und wo alle Dinge flach und platt gemacht werden.“182 Für Arendt bedeutete Öffentlichkeit der Raum des Verstehens, des gegenseitigen Austauschs, dessen Medium die Sprache ist, der optimalen Kommunikationsmöglichkeit. Deshalb hat sie die Bezeichnung Philosophin für sich stets abgelehnt, sondern sich eher als politische Denkerin verstanden. In diesem Punkt stand sie Heidegger, der die Zurückgezogenheit und 181 Prinz, Alois: Hannah Arendt, a.a.O., S. 208 182 Ebd.: S. 20 4. Der Fall Hannah Arendt 91 Selbstbezogenheit bevorzugte, um seine Gedanken zu entwickeln, immer kritisch gegenüber. Dennoch ließ sie ihm 1960 ihr philosophisches Werk „Vita activa“, voller Hoffnung auf seine Anerkennung, vom Verlag zusenden, traute sich aber nicht, es ihm offiziell zu widmen. In einem Begleitschreiben erklärte sie ihm: „Du wirst sehen, dass das Buch keine Widmung trägt. Wäre es mit uns je mit rechten Dingen zugegangen…, so hätte ich dich gefragt, ob ich es dir widmen darf; es ist unmittelbar aus den ersten Marburger Tagen entstanden und schuldet dir in jeder Hinsicht so ziemlich alles. So wie die Dinge liegen, schien mir das unmöglich; aber auf irgendeine Weise wollte ich dir doch den nackten Tatbestand sagen.“183 Als Martin Heidegger keinerlei Reaktion auf ihr Buch und ihr Schreiben zeigte, war sie sehr gekränkt und brach den Kontakt zu Heidegger ab – aber nur vorübergehend. Um ihrem Ärger Luft zu machen, schrieb sie 1961 an Jaspers: „Ich weiß, daß es ihm unerträglich ist, daß mein Name in der Öffentlichkeit erscheint, daß ich Bücher schreibe, etc. Ich habe ihm gegenüber mein Leben lang gleichsam geschwindelt, immer so getan, als ob all dies nicht existiert und als ob ich sozusagen nicht bis drei zählen kann, es sei denn in der Interpretation seiner eigenen Sachen. Nun war mir das Schwindeln plötzlich zu langweilig geworden, und ich habe eins auf die Nase gekriegt.“184 Als sie diesen Brief an ihren Freund Jaspers schrieb, war Hannah Arendt fünfundfünfzig Jahre alt und noch immer hinderte sie ihre weibliche Psyche auf dem Wege zu ihrer Selbstfindung. Ihr Liebe zu Heidegger hat ihr eine Unterwürfigkeit unter den Mann abverlangt, die sie ihr Leben lang versucht hat, zu überwinden. Das verlieh ihrer Person das Profil einer Art Getriebenen, Heimatlosen. Sicher trug dazu auch wesentlich ihr Schicksal als Jüdin bei und dass sie so lange Zeit auf die amerikanische Staatsbürgerschaft hat warten müssen, also staatenlos war, nachdem die Nazis ihr die deutsche aberkannt hatten. Von ihrem zweiten Ehemann, Heinrich Blücher, den sie 1936 kennengelernt hatte und 1940 heiratete, nachdem sie von Günther Stern, alias Günther Anders, geschieden worden war, erhoffte sie sich Ruhe und Stabilisierung. Sie war ihm, im Gegensatz zu ihrem ersten Mann, in Liebe zugetan. Sterns Ehe mit Arendt glich eher einer Notgemein- 183 Ebd.: S. 216 184 Arendt, Hannah: Briefwechsel Arendt an Jaspers, München 2001, S. 494 V. Das Geschlechterverhältnis 92 schaft, um gemeinsam in den Wirren des Naziregimes besser überleben zu können. Mit Blücher konnte sie leidenschaftlich über Marx, Lenin, Trotzki und auch Stalin diskutieren und er vermittelte ihr auch ein besseres Verständnis der revolutionären Praxis, für die er sich einsetzte. „Blücher – kein Universitätsmann, sondern ein Proletarier, kein Theoretiker, sondern ein Mann der Tat, kein Jude, sondern ein Mann, für den das Denken eine Art Religion war – war Hannah Arendts neue Welt. Sie sagte später einmal, dass sie von ihm politisches Denken und historisches Sehen gelernt habe sowie in dem Mut bestärkt worden sei, sich voll zu ihrem Judentum zu bekennen.185 Blücher weckte auch ihr Interesse an Rosa Luxemburg. In deren Beziehung zu Leo Jogiches erkannte sie ihre eigene zu Blücher. Auch Jogiches war ein Mann der Tat, ein „masculini generis“, wie sie einen ‚richtigen Mann‘ zu bezeichnen pflegte. Besonders imponierte ihr Blüchers Respektlosigkeit gegenüber Heidegger, dem er sowohl fehlende Menschenkenntnis als auch Mangel an politischem Urteilsvermögen unterstellte. Das half ihr ein wenig, die erlittene Demütigung, die sie durch die Nichterfüllung ihrer jungen Liebe zu Heidegger erfahren musste, zu verarbeiten und mit politischem Engagement zu kompensieren. Am 30. Oktober 1970 starb Heinrich Blücher im gemeinsamen New Yorker Exil. Hannah Arendt folge ihm fünf Jahre später. Sie litt sehr unter dem Verlust ihres Ehe- und Diskussionspartners; das Gefühl der „Ungeborgenheit“, der Heimatlosigkeit, das sie aufgrund ihrer Vertreibung aus Deutschland und ihrer langen Staatenlosigkeit entwickelt hatte, schien wiederzukehren. Nur die deutsche Sprache, die Sprache der Philosophie und Literatur bezeichnete sie als ihre Heimat, die sie nie verlassen musste und hätte. Darin blieb sie Heidegger-Schülerin, dessen Maxime es war: „Die Sprache ist das Haus des Seins“186. Sie pflegte weiterhin Kontakte zu ihren Freunden und nahm ihre öffentlichen Aufgaben, wenn auch mit Einschränkungen, wahr. Kinder hatte sie keine; manchmal nannte sie einige ihrer Studenten so. Einmal danach gefragt, soll sie geantwortet haben, dass sie zunächst zu arm dazu gewesen wäre und später zu alt. Diese existenzielle Erfahrung, die man nur als Frau machen kann, ist ihr, wie so vielen klugen Frauen auf 185 Arendt, Hannah: Brief an Jaspers vom 29. Januar 1946, zit. in: Elisabeth Young- Bruehl, Hannah Arendt…a.a.O., S. 187 186 Heidegger, Martin: Über den Humanismus, Frankfurt a.M. 1949, S. 5 4. Der Fall Hannah Arendt 93 ihrem Weg zur Intellektualität, verwehrt geblieben. Dank der Entschädigungsleistung, die sie für ihre erlittene Vertreibung und Verfolgung als Jüdin in Deutschland gerichtlich erstritten hatte, konnte sie ihre letzten Jahre ohne finanzielle Not verleben. V. Das Geschlechterverhältnis 94

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References

Zusammenfassung

Niemand hat von Kindheit an den Wunsch, Intellektueller oder Intellektuelle zu werden. Dies geschieht im Laufe des Lebens früher oder später, und man weiß nicht genau, warum. Intellektuelle sind es, die das Denken der Epoche, in der sie leben, besonders sensibel aufnehmen, hinterfragen, kritisieren und beeinflussen. Sie riskieren, als Außenseiter ignoriert, als Phantasten belächelt, als Kritiker abgelehnt, missverstanden oder gar bekämpft zu werden. Intellektuelle sind unbequeme Zeitgenossen, die der innovativen Fortentwicklung der Gesellschaft dienen. Ihr besonders ausgeprägtes Reflexionsvermögen versetzt sie in die Lage, Tendenzen und Gefahren einer gesellschaftlichen Entwicklung frühzeitig auf Grund ihrer ausgeprägten Sensibilität zu erfassen und zu thematisieren. Sie halten es in der Regel für unangebracht, ihre Leiden und Probleme und die existenziellen Konflikte, die sie als Kinder und Jugendliche belasteten, preiszugeben. Und doch liegt gerade in ihren Biografien der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, warum sie sich zu Intellektuellen entwickelt haben. Außerdem stellt sich die Frage, warum relativ wenige Frauen der Intellektuellengruppe angehören. Das vorliegende Buch ist eine Annäherung an das vielschichtige Phänomen des Intellektuellen und entwirft vor dem Hintergrund biografischer Entwicklungslinien ein umfassendes Panorama seiner Charakteristika.