IV. Intelligenz in:

Karin Weingartz-Perschel

Mythos Genie, page 45 - 56

Die intellektuelle Erfahrung des Mangels

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4292-2, ISBN online: 978-3-8288-7200-4, https://doi.org/10.5771/9783828872004-45

Tectum, Baden-Baden
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Intelligenz Der Begriff Intelligenz ist nicht mit dem der Intellektualität gleichzusetzen. Zwar entstammt der Intellektuelle der Schicht der sogenannten Intelligenz, aber im Gegensatz zu letzterer sind es für den Intellektuellen die Widersprüche in der Gesellschaft und in sich selbst, die ihn bewegen und sein gesamtes Denken dominieren. Sartre betont zu Recht die Differenz zwischen den Begriffen: „Was dagegen…einen Intellektuellen ausmacht, ist der tiefe Widerspruch zwischen der Allgemeingültigkeit, die die bürgerliche Gesellschaft seinem Wissen zugestehen muß, und dem besonderen ideologischen politischen Rahmen, in dem er dieses Wissen anzuwenden verdammt ist.“97 Wie er jedoch erst zum Intellektuellen wird, darüber bleibt Sartre die Antwort schuldig. Für ihn zählen außerdem nur diejenigen zur Schicht der Intellektuellen, die „links“ sind: „Vor allem meine ich, daß kein Intellektueller existiert, der nicht ‚links‘ ist“98, was jedoch nur seine eigene intellektuelle Einäugigkeit ausdrückt. Kehren wir zunächst zur näheren Bestimmung des Intelligenz-Begriffes zurück, ohne den die Charakterisierung des Intellektuellen nicht auskommt. Die ersten Spuren von Erinnerungsvermögen, die im Dienste der Lustmaximierung innerhalb des kindlichen Reaktionsverhaltens zu beobachten sind, zeugen bereits von der menschlichen Fähigkeit zur Lernleistung, die im Laufe der Entwicklung die rein spielerische und phantastische Beziehung zur Außenwelt durch logisches Denken korrigiert. Auf diesem Wege dürfen Spiel- und Phantasieverlangen des Kindes nicht beeinträchtigt werden, sollen später keine Lernstörungen auftreten. Melanie Klein verleiht gerade dem kindlichen Spiel eine zentrale Bedeutung innerhalb der Ontogenese. Nach ihrer Erfahrung IV. 97 Sartre, Jean Paul: Die Intellektuellen und die Revolution, Neuwied/Berlin 1971, S. 12 98 Ebd.: S. 11 45 hat die Aufhebung der Spielhemmung meistens die Beseitigung der Lernstörung zur Folge. Der Spielhemmung liegt nach Melanie Klein eine starke Phantasieverdrängung zugrunde, die gewöhnlich mit zwangsneurotischen Zügen einhergeht99. Die Störung des kindlichen „Wisstriebes“ ist das Ergebnis falscher Erziehung. Die Verdrängung des Interesses an der Sexualität der Eltern und der eigenen führt nach Kleins Beobachtungen zu schweren Störungen der Lernfähigkeit, die sich in verschiedenen Abstufungen wie Faulheit, Interessenlosigkeit und körperlichen Erkrankungen äußern. Diese Störungen betreffen sowohl Mädchen wie Jungen, jedoch in unterschiedlicher Weise. Welche Mutter kann sich schon den durchaus „wollüstigen“ Gefühlen hingeben, die ihr das Saugen ihres Kindes an der Brust bereitet? Sie wird die Entwöhnung des Kindes betreiben, um dem Zwiespalt ihrer eigenen Gefühlswelt, ihrer Inzestangst, zu entrinnen. So werden Mannigfaltigkeit und Intensität der Lusterlebnisse, welche dem Säugling in den ersten Lebensjahren die Möglichkeit der Verhaltenserlernung und Gedächtnisbildung bieten, eingeschränkt. Natürlich wollen die liebenden Eltern das Beste für ihre Kinder, doch sie sind den Ansprüchen der Kinder nicht gewachsen, da sie deren libidinöse Forderungen als „Verführung“ empfinden, die mit der herrschenden Moral nicht in Einklang zu bringen sind. Sie weichen dem Kind aus, weil sie das eigene inzestuöse Verlangen fürchten. Das Kind kennt noch kein Inzesttabu und versteht die elterlichen Vorbehalte nicht; es deutet sie als Liebesentzug. Der „Ödipuskomplex“, wonach sich das weibliche Kind wünscht, die Frau des Vaters zu sein und das männliche, der Mann seiner Mutter100‚ umschreibt den Inzestwunsch ungerechtfertigterweise zu Lasten des Kindes. Er lässt ihn zum Ort des „schmutzigen kleinen Geheimnisses“101 werden, anstatt ihm als rein biologische Notwendigkeit alle moralische Anrüchigkeit zu nehmen. Die Inzestschranke nützt allein dem biologischen Fortbestand der menschlichen Gattung, hat aber für jegliche Art zwischenmenschlicher Beziehung, sofern sie gewaltfrei ist, keine Bedeutung. Doch da Lust und Schuld, Triebhaftigkeit und Verbrechen innerhalb 99 Klein, Melanie: Psychoanalyse des Kindes, München 1970, S. 12 100 Freud: Abriß der Psychoanalyse, Das Unbehagen der Kultur, Frankfurt/M. 1976, S. 44 101 Deuleuze, G./Guattari, F.: Antiödipus, Frankfurt/M. 1974, S. 347 IV. Intelligenz 46 der bürgerlichen Moral zusammengehen, nimmt auch Freud zugunsten der Eltern Partei102. Die natürliche Mutter-Kind-Beziehung lebt geradezu von „Verführungen“. Die Mutter und die übrigen Erziehungspersonen können das Kind nur dann zum Lernen veranlassen, wenn sie ihm stets neue Möglichkeiten eröffnen, die es libidinös zu besetzen vermag – wenn sie es in diesem Sinne dazu „verführen“, Erfahrungen zu sammeln und sich zu entwickeln. Aus sich heraus kann das Kind nichts schöpfen; es ist vollkommen auf Impulse der Außenwelt angewiesen. „Leider sind die Erwachsenen, die Subjekte der Erziehung, ihrerseits die Resultate jenes undurchsichtigen Ganzen, das wir Erziehung nennen, daher im großen ganzen ungeeignete Subjekte einer Erziehung, die auf große revolutionäre Wandlungen der Menschenseele aus ist“103. Da der Erzieher in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, „die im Grunde auf Haß gebaut ist – freie Konkurrenz, Ausbeutung, Krieg, Besitz, Profit sind ihre gesetzlich geschützten Signette –‚ sind seine Liebestriebe von Kindheit an weder gesättigt noch kultiviert, sondern verkümmert, verdrängt, verwildert … So trägt die scheinbare sublime Liebe des Erziehers den Keim zur tiefsten Unbefriedigung in sich“104. Melanie Klein warnt vor dem Bild des „guterzogenen“ Kindes, auf das die Mutter so gern stolz sein möchte: „So wäre zum Beispiel ein Kind in der ersten Kindheitsperiode das allen Forderungen der Erziehung nachkommt, sich nicht von einem Phantasieund Triebleben beherrschen läßt (sich also anscheinend seiner Realität völlig anpaßt) … sicherlich nicht nur ein altkluges und reizloses, sondern ein im vollen Sinne des Wortes nichtnormales Kind. Wenn dieses Bild noch durch eine weitgehende Phantasieverdrängung ergänzt wird liegt Anlaß vor, der Zukunft mit Besorgnis entgegenzusetzen“105. Eines der großen Verdienste der Frauenbewegung, wie heterogen sich ihr Erscheinungsbild auch seit Beginn des letzten Jahrhunderts zeigt106, ist es, das bestehende Erziehungssystem hinsichtlich der unterschiedli- 102 Fromm, E.: Analytische Sozialpsychologie und Gesellschaftstheorie, Frankfurt/M. 1972, S. 189 103 Bernfeld, Siegfried: Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung, Frankfurt/M. 1967, S. 132 104 Ebd.: S. 138 105 Klein, Melanie: A.a.O., S. 132 106 Siehe hierzu die “Geschichte der Frauenbewegung“, Hrg. Florence Hervé, Köln 1982 IV. Intelligenz 47 chen Behandlung der Geschlechter in Bewegung gebracht und auch die Pädagogen und Pädagoginnen gezwungen zu haben, über die gleichberechtigte Erziehung und Ausbildung von Mädchen und Jungen nachzudenken. In zunehmendem Maße sind es Frauen, die mit wissenschaftlichen Untersuchungen das Vorurteil der weiblichen Minderwertigkeit entkräften und geltende Tabus in der Kindeserziehung durchbrechen. So kommen wir, da Bewusstsein – ob männliches oder weibliches – nicht angeboren, sondern anerzogen ist, der Gleichberechtigung der Geschlechter von Generation zu Generation näher. An der Schwelle jedes neuen menschlichen Lebens und damit jeder neuen Generation herrscht das Es allein. Es verdankt seine Entstehung dem ersten vitalen Bedürfnis des Neugeborenen, Nahrung aufzunehmen. Der erste Kontakt des Mundes mit der Mutterbrust bewirkt eine Reizung, die von nun an zur Bedürfnisspannung eigener, sexueller Natur wird und sich progressiv verselbständigt, d.h. von den vitalen Bedürfnisspannungen wie Hunger und Durst unabhängig macht – diese gar unter ihre Herrschaft zwingt. Libido bleibt so nicht allein Lustgewinn aus Körperzonen, sondern wird zu Genuss. Als Genuss ist „alle Lust … gesellschaftlich, in den unsublimierten Affekten nicht weniger als in den sublimierten“107, das „Ludeln“ des Säuglings an der Flasche oder der Mutterbrust nicht weniger als das Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Stillsituation liefert dem Kind neben der organismischen eine emotionale Befriedigung, die als „Dialog-Vorläufer“108 anzunehmen ist. Es erlernt, Gefühle zu haben und zu äußern, die ihm ermöglichen, sich zu beziehen. „In dieser Beziehung ist die Mutter die Umwelt des Kindes, und die Umwelt ist libidinös. Daraus entsteht wohl die Tendenz, die Umwelt allgemein libidinös zu besetzen“, folgert Róheim109. Piaget untersucht die wichtigsten Reaktionsweisen des Kindes in den ersten Lebenswochen und weist nach, dass es bereits auf dem Niveau der reflexhaften Verhaltensweisen Objekte in sein Verhaltensschema einordnet, von denen es entwicklungsstimulierende Impulse erhält. Allerdings erlebt es die Dinge als solche noch 107 Horkheimer, M./Adorno, Th. W.: Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M. 1971, S. 94, 95 108 Spitz, R.: Vom Dialog, Stuttgart 1976, S. 78 109 Róheim, G.: Psychoanalyse und Anthropologie, Drei Studien über Kultur und das Unbewußte, Frankfurt/M. 1977, S. 288 IV. Intelligenz 48 nicht bewusst, die es assimiliert. „Diese primitive Assimilation gibt daher noch nicht zu objektiven Urteilen Anlaß, konstituiert indessen die ersten Operationen, die in der Folge in den eigentlichen Urteilen ihren Abschluß finden. Derartige Operationen bringen die ersten erworbenen Verhaltensweisen hervor und erzeugen folglich die ersten nicht erblich angelegten Verhaltensschemata.“110 Piaget unterscheidet Assimilations- und Akkomodationsverhalten des Kindes, wobei ersteres als egozentriertes und letzteres als umweltbestimmtes Verhalten angenommen wird. Er betont jedoch die permanente Reziprozität beider Verhaltensweisen: „Infolge der Interdependenz von Assimilation und Akkomodation ist aber die Interaktion zwischen Subjekt und Objekt so groß, daß es unmöglich ist, einen der Pole ohne den anderen zu denken“111. Für Piaget gilt die Erfindung durch geistige Kombination als die höchste Stufe menschlicher Intelligenzentwicklung; dieses Stadium gilt ihm als die Krönung aller vorausgehenden Stadien. Es muss deshalb in seiner Wurzel bereits im Aufbau der primären und sekundären Verhaltensschemata enthalten sein und sich in jeder Operation beobachten lassen. D.h., dass bereits der Saugreflex des Kindes einen geschichtlichen Ablauf innerhalb seiner Entwicklung darstellt, bei dem jede Episode von der vorausgehenden abhängt und die folgenden mitbedingt. Jede einzelne Operation bestimmt so alle anderen112. Die erste Subjekt-Objekt-Beziehung des Kindes begleitet es also von der ersten Lusterfahrung bis zum Tode. Sie bestimmt die psychische Strukturierung, die die Basis der zukünftigen Lernleistung bildet. Die Enttäuschung der Mutter über die Geburt einer Tochter, in der sie nur die Verdoppelung ihrer eigenen Minderwertigkeit sieht, wird die Beziehung zu ihrem Säugling weniger lustvoll gestalten als die zu einem Sohn. Mit ihm gebiert sie nicht nur den gesellschaftlich Herrschenden und ihren eigenen Herrn, sondern sie hebt mit ihm ihre eigene Subalternität auf, d.h. sie macht ihre eigene scheinbare weibliche Unvollkommenheit durch ihn wett. Nur als die Mutter eines Sohnes erringt sie gesellschaftliche Anerkennung. Sie bedenkt ihn mit Gefühlen, die aus ihrem eigenen Sexualleben stammen. Sie streichelt, küsst und 110 Piaget,J.: Das Erwachen der Intelligenz beim Kinde, Stuttgart 1975, Gesammelte Werke 1, S. 411 111 Ebd.: S. 420 112 Ebd.: S. 34f IV. Intelligenz 49 wiegt ihn und nimmt ihn „ganz deutlich für ein vollgültiges Sexualobjekt“113. Das kann ihr die Tochter nie sein, und deshalb fällt die libidinöse Beziehung zu ihr undifferenzierter aus. Das bedeutet, sie stattet ihre Tochter mit einem ebenso undifferenzierten Lusttransfer der Lernleistung aus und reproduziert so ihre eigene Unterordnung unter den Mann. Dem Sohn macht die Mutter immer neue erotische Versprechen, die sie aus ihrer eigenen Erfahrung mit dem männlichen Geschlecht schöpft und die ihn seine Dominanz und Potenz fühlen lassen. Mutter und Sohn stimulieren sich wechselseitig mit stets neuen erotischen Angeboten einerseits und der begierigen Hingabe andererseits. Nichts kann die mütterliche Omnipotenz mehr bestätigen als ihr Sohn. Deshalb betrifft ihn ihre spätere Inzestangst besonders hart, da er im Gegensatz zum Mädchen libidinös besonders sensibilisiert wurde. Für ihn ist die sexuelle Vereinigung mit der Mutter eine notwendige Konsequenz seiner so sorgfältig geförderten Entwicklung. Das erste Ereignis in diese Richtung ist die Abstillung, der Entzug der Mutterbrust. Das weibliche Kind wird von der Inzestangst der Mutter weniger betroffen, da es ein gleichgeschlechtliches Wesen ist; es darf sich einer kontinuierlicheren Zuwendung erfreuen114‚ die jedoch wegen ihrer libidinösen Indifferenz keinen optimalen Lusttransfer der Lernleistung, keine größere Lust-Lernspannung zur Folge hat. Der Junge erlebt die geschlechtliche Andersartigkeit schmerzlicher, traumatischer aber gleichzeitig als etwas der Mutter überlegen Männliches, das dieses Trauma mehr als nur kompensiert, ihn als Herrscher über die Mutter und damit über alle Frauen auszeichnet. Dem Mädchen bleibt die Nähe zur Mutter und die Reproduktion weiblicher Inferiorität115, bis dass es in den Augen des Vaters, des Mannes, als Frau erkannt werden kann. Erst in diesem späteren Entwicklungsstadium erlebt es die Abtrennung von der Mutter, die ihre Tochter unter Umständen sogar als Rivalin von sich stößt. Während der Sohn den Abtrennungsschmerz mit aktiver Herrschaft über die Frau kompensieren kann, muss er vom Mädchen mit 113 Freu: Drei Abhandlungen …‚ a.a.O., S. 126 114 Siehe hierzu Nancy Chodorow, Das Erbe der Mütter, Psychoanalyse und Soziologie der Geschlechter, München 1985, S. 145, 216 115 Siehe hierzu Christiane Olivier, Jokastes Kinder, Die Psyche der Frau im Schatten der Mutter, Düsseldorf 1987, S. 63 ff. IV. Intelligenz 50 passiver Duldung des Sexualobjekt-Status‘ bewältigt werden. Beide Formen der Bewältigung bleiben entfremdete, dem menschlichen Wesen unangemessen eindimensionale116, nämlich einerseits aktivsadistisch und andererseits passiv-masochistisch; dennoch gibt erstere den besseren Lusttransfer für Lernleistungen ab. Die Inzestangst des Vaters vor der Tochter ist wesentlich vermittelter, da er in der Regel weniger mit der Pflege und Aufzucht der Kinder betraut wird. Außerdem fürchtet er den Inzest weniger, was die Statistiken des sexuellen Missbrauchs der Töchter durch ihre eigenen Väter beweisen; denn auch die eigene Tochter repräsentiert für ihn nur das schwache, minderwertige Geschlecht, das zu seiner Befriedigung und zur Fortpflanzung auf der Welt ist. Je mehr die Gesellschaft mit sexuellen Tabus belastet ist, umso eher wird die Mutter zur Abstillung ihres Sohnes bereit sein, es sei denn, sie kann für die weitere Stillung auf ein ideologisches Alibi zurückgreifen, wie auf das Bild der Gottesmutter Maria, um die empfundene Wollust in den Augen des Mannes, der Familie und der Umwelt zur Apotheose hochstilisieren zu können. Welche Mutter ertrüge schon die Feststellung, sie wecke im Kind das Inzestverlangen; und dennoch ist es so – und es ist gut so, denn es bedeutet nichts anderes, als dass die Mutter ihr Kind lehrt zu lieben und darauf vorbereitet, Lernprozesse anzustrengen im Hinblick auf gesteigerten Lustgenuss117. Die undifferenziertere Mutter-Tochter-Beziehung entspringt dem mangelnden Selbstbewusstsein der Frau, wie es die Jahrtausende lange Unterdrückungsgeschichte des weiblichen Menschen produziert hat. Die Mutter reproduziert es in ihrer Tochter ebenso wie das männliche Selbstbewusstsein ihres Sohnes. Sie ist es, die ihre Kinder auf der Schwelle der Menschwerdung als erste begrüßt und auch die tradierten Geschlechterrollen perpetuiert. Solange die Frauen die reflexive Anstrengung der Einsicht in den Prozess der weiblich/männlichen Sozialisation scheuen, wird sich daran nichts ändern. Beginnen sie aber, darüber nachzudenken, bedeutet dies das Ende der weiblichen Unterdrückungsgeschichte wie des Patriarchats überhaupt. Indem sie sich gegen 116 Marcuse, H.: Der eindimensionale Mensch, Neuwied, Berlin 1967, S. 76 ff. 117 Mit dieser Anschauung befinden wir uns in diametralem Gegensatz zu Bronislaw Malinowski, Geschlecht und Verdrängung in primitiven Gesellschaften, Frankfurt/M. 1984, S. 228 ff., der den Inzest “in einem gewissen Sinne (als) die Erbsünde des Menschen“ interpretiert (S. 236). IV. Intelligenz 51 ihre Unterdrückung erheben, wehren sie sich gegen jede Form der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen, gegen jede Form von Herrschaft und Knechtschaft. Darum kann die Befreiungsgeschichte der Frau die des Menschen schlechthin und damit der Geschlechter sein. Zwar ist es für den Mann dieser Gesellschaftsordnung nicht erstrebenswert, die Rolle der Frau zu übernehmen – wie es umgekehrt durchaus der Fall ist, das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass auch er der Befreiung aus entfremdeter Existenz bedarf – wenn er sich auch wohler darin fühlen kann als die Frau. Wie sich die orale Sexualäußerung an eine vitale Körperfunktion der Nahrungsaufnahme anlehnt, so lehnt sich der kognitive Lernprozess seinerseits an diese Sexualäußerung an. Sie gibt die Motivationsebene ab, die das Kind zur Begriffsbildung veranlasst. Die erstmals erfahrene Bedürfnisbefriedigung macht sich von der vitalen Körperfunktion und deren Wiederholung unabhängig und strebt – frei von Instinktbeschränkungen – über die einfache Wiederholung hinaus zu immer umfassenderem Lusterleben, wozu Lernerfahrung nur dienlich ist. Diese Lernerfahrung erscheint dem Kind einzig dazu bestimmt, sein libidinöses Bestreben optimaler befriedigen zu können. Die Ausbildung der Sprache – als der explizite Ausdruck kognitiver Potenz – setzt das Kind in den Stand, seine Bedürfnisse unmittelbarer, unmissverständlicher zu formulieren. Die Eltern – über die Lernfortschritte ihres Kindes erfreut – sind nur allzu bereit, seinen Ansprüchen nachzukommen. Doch die Erwartungshaltungen von Eltern und Kind sind tendenziell verschieden. Während das Kind den Begriffsbildungs- und Abstraktionsprozess im Dienste des libidinösen Selbstgenusses vollzieht, dessen Optimierung ihm allein wichtig ist, begrüßen die Eltern darin die Entwicklung seiner rationalen Fähigkeit, die Lustansprüche zugunsten der Anpassung an die Umwelt einzugrenzen oder gar aufzugeben. Aus diesem Missverständnis heraus muss der Dialog zwischen Eltern und Kind entgleisen, weil die jeweiligen Erwartungshaltungen zu Enttäuschungen führen müssen. Da das Kind sich in der schwächeren Position befindet, bleibt ihm nur die Unterwerfung unter die Erwachsenenwelt und die Umwertung seiner bisherigen Werte. Dieser Umwertungsprozess macht sich als die Lebensphase geltend, die Freud die „Latenzzeit“ nennt118. Sie ist, im 118 Freud: Abriß der Psychoanalyse; a.a.O., S. 15 IV. Intelligenz 52 Gegensatz zu Freuds Annahme, nicht biologisch vorprogrammiert, sondern ein rein gesellschaftliches Produkt, das sich bei Mädchen und Jungen nicht nur zeitlich verschoben, sondern auch mit anderen, eben ideologiespezifischen Inhalten ereignet. So verstanden können wir Freud zustimmen, wenn er ausführt: Während der Latenzzeit „werden die seelischen Mächte aufgebaut, die später dem Sexualtrieb als Hemmnisse in den Weg treten und gleichzeitig wie Dämme seine Richtung beengen werden (Ekel, das Schamgefühl, die ästhetische und moralische Idealanforderung). Man gewinnt beim Kulturkinde den Eindruck, daß der Aufbau dieser Dämme ein Werk der Erziehung ist, und sicherlich tut die Erziehung viel dazu“119. Diese gesellschaftlich erzwungene Sublimationsleistung nennt Herbert Marcuse zurecht eine „repressive“120, denn sie zwingt das Kind, seinen libidinösen Anspruch von der kognitiven Lernleistung zu trennen und letztere zu favorisieren. Ratio und Libido werden nicht nur voneinander getrennt, sondern auch verkehrt, so dass die Ratio sich einbilden kann, Libido habe nur in ihrem Dienste, unter ihrer Herrschaft eine Daseinsberechtigung. Ihrer lebensspendenden, auf Erweiterung von Lebensräumen gerichteten Kraft wird nur noch ein reduzierter Weg aus dem Unbewussten erlaubt, und die große ungenutzte Restenergie muss als archaische, chaotisierende Gewalt im Es ihr – oftmals ichzerstörendes – Eigenleben führen. Diese repressive Sublimationsleistung der Lustansprüche geht mit einer gleichzeitigen Stagnation innerhalb der Lernbereitschaft und -leistung einher, da der Lusttransfer erheblich kastriert wurde. Während der Junge sich auf die aktiv sadistische Position seiner späteren Rolle als Patriarch retten kann, bleibt dem Mädchen nur die passivmasochistische Zukunft als Frau und Mutter, als Dienerin des Mannes. Ihre Restlernbereitschaft und -leistung wird sie nur auf diese Zukunft vorbereiten, während der Junge seine kognitive Anstrengung im objektiven Herrschaftsdienste der technologischen Rationalität – wenn auch formal-logisch eindimensioniert – zu immer höheren Formen abstrakten Denkens ausbilden kann. So muss die Intelligenzentwicklung des weiblichen Bewusstseins notwendigerweise hinter der der männlichen zurückbleiben, da sie sich nur an subalternen gesellschaft- 119 Ders.: Drei Abhandlungen …‚ a.a.O., S. 85 120 Marcuse, H.: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1971, S. 206 ff. IV. Intelligenz 53 lichen Zielen und Objekten abarbeiten und ausrichten darf, die im Wesentlichen weniger der kognitiven Anstrengung bedürfen. Die Frauen, die hierin eine Ausnahme machten und z.B. in die Universitäten drängten, mussten in der öffentlichen Meinung als Mannweiber, als Fehler der Natur gelten und wurden besonders von ihresgleichen gemieden, verhöhnt und als abschreckendes Beispiel betrachtet. Dass sie dümmer als der Mann seien, nehmen die Frauen als naturgegebene Tatsache hin, anstatt sie als gesellschaftliches Resultat zu begreifen, die mit der Gleichberechtigung ihre Basis verliert. Sie meinen, diesen intellektuellen Mangel durch ihre scheinbare emotionale Begabung mehr als wettmachen zu können. Sie interpretieren die Umwelt mit ihren Gefühlen und glauben so der Wahrheit näher zu kommen als der Mann, der dazu erzogen wurde, Gefühle zu unterdrücken. Dieser Irrglaube ist der größte Feind der weiblichen Emanzipation wie der Emanzipation des Menschen überhaupt, da die Gefühle nur die unreflektierten herrschenden Normen reproduzieren. Niemand wird mit Bewusstseinskonstanten geboren, die es ermöglichen, spontan zwischen wahr und falsch, gut und böse, schön und hässlich zu unterscheiden. Es gibt im menschlichen Bewusstsein nichts, was nicht gesellschaftlich determiniert ist. Nichts fordert kritischere Würdigung, als die Macht unserer Emotionen, wie wir besonders eindrucksvoll am sog. Dritten Reich studieren können. Auch die Frau kann sich nicht länger mit dem Hinweis auf ihr Gefühlsmonopol um die reflexive Anstrengung drücken, wenn sie die Ebenbürtigkeit der Geschlechter erreichen will. Sowenig der Mann seine herrschende gesellschaftliche Stellung mit natürlicher Intelligenzbegabung rechtfertigen kann, sowenig gelingt dies der Frau mittels ihres emotionalen Eskapismus‘. Beide Geschlechter müssen sich als die begreifen, die sie sind: als Menschen, die kraft ihres Bewusstseins die Welt in eine friedliche verwandeln können. Hierzu zählt nicht nur der Friede unter den Menschen und zwischen den Völkern, sondern auch der mit den Tieren und der übrigen Natur. Die Unterscheidung von Mann und Frau wird sich von der biologistischen Anschauung lösen und sich als individuelle herausstellen, wie sie zwischen allen menschlichen Individuen vorkommt. Wenn das biologische Geschlecht innerhalb der Erziehung keine Rolle mehr spielt, wird sich herausstellen, dass keine spezifisch männlichen oder weiblichen Begabungen und IV. Intelligenz 54 Nichtbegabungen existieren (außer den biologischen des Zeugens oder Gebärens, die für sich betrachtet keine spezifisch menschlichen Begabungen sind, da sie das Tier ebenfalls auszeichnen). In allen Lebensund Wirkungsbereichen des gesellschaftlichen Seins werden Männer wie Frauen gleichermaßen repräsentiert sein. Die individuell verschiedenen Neigungen und Fähigkeiten werden über die gesellschaftlichen Rollenverteilungen entscheiden und die Geschlechterdifferenz als rein biologischen Faktor im Dienste der Arterhaltung erkennen lassen – und als sonst nichts. IV. Intelligenz 55

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Zusammenfassung

Niemand hat von Kindheit an den Wunsch, Intellektueller oder Intellektuelle zu werden. Dies geschieht im Laufe des Lebens früher oder später, und man weiß nicht genau, warum. Intellektuelle sind es, die das Denken der Epoche, in der sie leben, besonders sensibel aufnehmen, hinterfragen, kritisieren und beeinflussen. Sie riskieren, als Außenseiter ignoriert, als Phantasten belächelt, als Kritiker abgelehnt, missverstanden oder gar bekämpft zu werden. Intellektuelle sind unbequeme Zeitgenossen, die der innovativen Fortentwicklung der Gesellschaft dienen. Ihr besonders ausgeprägtes Reflexionsvermögen versetzt sie in die Lage, Tendenzen und Gefahren einer gesellschaftlichen Entwicklung frühzeitig auf Grund ihrer ausgeprägten Sensibilität zu erfassen und zu thematisieren. Sie halten es in der Regel für unangebracht, ihre Leiden und Probleme und die existenziellen Konflikte, die sie als Kinder und Jugendliche belasteten, preiszugeben. Und doch liegt gerade in ihren Biografien der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, warum sie sich zu Intellektuellen entwickelt haben. Außerdem stellt sich die Frage, warum relativ wenige Frauen der Intellektuellengruppe angehören. Das vorliegende Buch ist eine Annäherung an das vielschichtige Phänomen des Intellektuellen und entwirft vor dem Hintergrund biografischer Entwicklungslinien ein umfassendes Panorama seiner Charakteristika.