III. Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? in:

Karin Weingartz-Perschel

Mythos Genie, page 27 - 44

Die intellektuelle Erfahrung des Mangels

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4292-2, ISBN online: 978-3-8288-7200-4, https://doi.org/10.5771/9783828872004-27

Tectum, Baden-Baden
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Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? Genetische Voraussetzungen 1859 erschütterte Charles Darwin mit seinem Buch über die Entstehung der Arten53 alle bis dahin gültigen idealistischen und religiösen Spekulationen über das Wesen des Menschen. Der Nachweis, dass die menschliche Spezies aus dem Tierreich hervorgegangen ist, enthebt die vorherrschende platonische Ideenlehre54 ihres Absolutheitsanspruches und nimmt der christlichen Schöpfungsgeschichte und Sündenfalltheorie die Glaubwürdigkeit. Leib und Seele, Trieb und Vernunft rücken wieder näher zusammen und die Frage nach ihrer Verhältnismä- ßigkeit lebt neu auf. Nach Darwin zwang der natürliche Selektionsmechanismus die Organismen zu stets optimaleren Anpassungen an die Umwelt. Dabei ist zu beobachten, dass, je höher der erreichte Entwicklungsstand der jeweiligen Art ist, umso deutlicher tritt die Verzögerung des Eintritts der Instinktregulationen hervor. Bis dahin hat die postnatale Fürsorge der Elterntiere die noch fehlende Fähigkeit der instinktregulierten Selbsterhaltung proportional zu überbrücken. Ein verlängertes Nesthockerdasein ist die Folge. Bis zum Einsetzen der selbst- und arterhaltenden ererbten Instinkte ist ein entsprechendes Maß an Brutpflegeverhalten nötig, soll die Spezies nicht aussterben. In dieser Zeit gewinnt das Lernen seine Bedeutung, das sich nur aufgrund fehlender Instinktschranken entwickeln kann. Ist die Instinktreife erreicht, ist es III. 1. 53 Darwin, Charles: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl, Stuttgart 1963 54 “soma, sema“ (der Leib ist das Grab der Seele), nicht die Körper sind wirklich, sondern die Ideen, s. Platons Höhlengleichnis“, in: Platon Hauptwerke, Leipzig 1938, S. 205 ff. 27 mit dem Lernen aus, wie die Forschungen der Kelloggs55 an Schimpansen ergeben haben. Berichte des Ehepaares Kellogg, das ihr eigenes Kind und einen Schimpansen von Geburt an unter gleichen Bedingungen aufgezogen hat, ergaben, dass das menschliche Kind in seiner Entwicklung zunächst hinter der des Schimpansen zurückblieb. Von einem gewissen Zeitpunkt an war das Kind jedoch fähig und motiviert, sich die gegenständlichen und symbolischen Bedeutungen der menschlichen Welt tätig anzueignen, während der Schimpanse, trotz gleicher Lernchancen und anfänglichem Entwicklungsvorsprung, in der Isolation und Perspektivlosigkeit seiner bloß organismischen Existenz zurückblieb56. Während seines ca. dreijährigen Nesthockerdaseins, das sich durch die Unfähigkeit auszeichnet, bereits mittels ausgebildeter Instinkte aus eigener Kraft des Organismus‘ zu überleben, ist das Schimpansenjunge auf die geselligen, es schützenden und betreuenden Zuwendungen des Familien- bzw. Gruppenverbandes angewiesen. Ohne diese besonders ausgeprägte Gruppenbezogenheit wäre das Tier kaum in der Lage, sein Überleben zu bewirken57. Während dieser Zeit konnten erstaunliche Lernleistungen beim Schimpansenjungen beobachtet werden, die jedoch mit Eintritt der Instinktreife stagnierten bzw. sich zurückbildeten, während das Menschenkind in seiner Entwicklung nicht von solchen Instinktregulationen behindert wird; sein Lernprozess ist lediglich durch das Ende seines Lebens begrenzt und bis zu dem Punkt unendlich. Der natürliche Selektionsmechanismus ist nicht länger an optimale Instinktregulation gekoppelt, um die entsprechende körperliche Anpassung an die natürliche Umwelt leisten zu können – denn dann wäre der Mensch zu Beginn seiner Existenz zum Aussterben verurteilt gewesen –, sondern sie wird, soweit es die höchstentwickelten Organismen betrifft, durch differenziertes Sozialverhalten ersetzt. Es ist also gerade die fehlende Instinktregulation, dieser einzigartig in der Natur vorkommende biologische Mangel58, der die Voraussetzung zur Menschwerdung bedeutet. Je weiter die In- 55 Kellogg, W.N./L.A.: The ape and the child, New York 1933 56 Siehe hierzu auch die Untersuchungen Klaus Holzkamps in seinem Buch “Sinnliche Erkenntnis – Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung, Frankfurt/M. 1975, S. 183 57 Lawick-Godall, Jane: Wilde Schimpansen, Reinbek/Hamburg 1971 58 Gehlen, Arnold: Anthropologische Forschung, Reinbek/Hamburg 1970, S. 18 III. Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? 28 stinktschranke hinausgeschoben ist, umso länger dauert das Nesthockerdasein, das die Einübung von Sozialverhalten ermöglicht. Die Überlebenschancen der hochentwickelten Spezies hängen weniger von der biologischen Ausstattung ab als vom Gelingen bzw. Misslingen ihrer Sozialisation. Harlows Experimente mit Rhesusaffen ergaben psychische Krankheitsbilder, die denen der Menschen ähneln59‚ wenn deren soziales Umfeld und besonders die Beziehung des Kindes zur Bezugsperson gestört ist. René A. Spitz60 hat sich besonders der Untersuchung der gestörten Mutter-Kind-Dyade gewidmet und festgestellt, dass entsprechend der Harlowschen Experimente diese Störung artgefährdende Folgen hat; trotz optimaler physiologischer Versorgung stirbt die hochorganisierte Art aus, wenn das Dialogbedürfnis nicht befriedigt wird. Wir haben es hier mit der phylogenetisch sich auswirkenden Kraft der Gefühle zu tun, die zum Träger des Selektionsmechanismus‘ geworden sind. Neuere Forschungen, wie sie von R.E. Leakey und R. Lewin durchgeführt worden sind, bestätigen den Prozess der Menschwerdung als Resultat starker sozialer Bindung und kommunikativer Organisation61 statt angeborener Aggression, wie u.a. Konrad Lorenz und Friedrich Hacker behaupten. Die optimale Beziehung des Kindes zur Umwelt macht optimales Lernen desselben erst möglich. Je besser Lernprozesse der Nachkommenschaft durch die Bezugsgruppe ermöglicht werden, umso mehr können effektivere Arterhaltung und Behauptung gegenüber natürlichen Mangelsituationen erfolgen. Darin besteht die genetische Besonderheit des Menschen gegenüber allen anderen Spezies: die kommunikative Interaktion muss ihm die fehlenden Instinkte ersetzen. Er ist “von Natur aus kein menschliches Wesen“62‚ sondern muss es erst aus eigener sozialer Kraft werden. Ebenso wenig ist er von Natur aus ein Mädchen oder Junge, Frau oder Mann; er kommt lediglich mit verschiedenen biologischen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt, die allein die physiologischen Voraussetzungen der Arterhaltung ermöglichen, ohne auch nur die geringsten psycho-sozialen Konstanten hinsichtlich der Definitionen des Weiblichen oder 59 Harlow, H.F.: The Nature of Love, Amer. Psychol. 13, 1958 60 Spitz, René: Vom Dialog, Stuttgart 1976 61 Leakey, R.E./R. Lewin: Origins, London 1978 62 Bruckner, P./ Th. Leithäuser u.a. in: Psychoanalyse, Zum 60. Geburtstag von Alexander Mitscherlich, Frankfurt/M. 1969, S. 34 1. Genetische Voraussetzungen 29 Männlichen zu beinhalten. So wie der Mensch bei seiner Geburt als formbares Mängelwesen, um mit Gehlen zu sprechen, zu betrachten ist, der sich aufgrund ungünstiger sozialer Umstände auch zum “Unmenschen“ entwickeln kann, so wird er sich aufgrund spezifischer ideologischer Normen zum weiblichen oder männlichen Menschen entwickeln. Ihn nur wegen seiner natürlichen Geschlechtsmerkmale als Mann oder Frau zu behandeln und entsprechendes Sozialverhalten zu fordern, bedeutet, ihn auf der zoologischen statt auf der anthropologischen Ebene zu betrachten. Sowenig die Liebe aus dem Sexualtrieb des Menschen erklärbar ist, sowenig kann aus der Gebärfähigkeit des weiblichen Menschen mütterliches, sanftes, hausfrauliches Verhalten abgeleitet noch von der Zeugungskraft des männlichen Menschen auf dessen gesellschaftliche Vorherrschaft, Stärke, Rationalität oder kriegerische Neigung geschlossen werden. Margret Meads Feldstudien bei Eingeborenen auf Neuguinea konnten solchen Vorurteilen bereits im ersten Drittel unseres Jahrhunderts entgegenwirken, indem sie bei verschiedenen Stämmen völlig verschiedenes Rollenverhalten von Mann und Frau nachweisen63. M. Mead konnte keine natürliche Verbindung zwischen Geschlecht und Temperament feststellen. Bei einem der beobachteten Stämme unterschied sich das Selbstverständnis der Männer kaum von dem der Frauen; ein geschlechtsspezifisches Verhalten fehlte fast ganz. Bei einem anderen Stamm war das Rollenverhältnis der männlichen und weiblichen Mitglieder trotz patrilinearer Erbfolge genau entgegengesetzt. Ihre Beobachtungen zeigten, dass auch das weibliche und männliche Rollenverhalten der sogenannten zivilisierten Gesellschaften nur scheinbar natürlichen Ursprungs ist, sondern das Ergebnis bereits bestehender sozialer Normen. Die größten, wissenschaftlich festgestellten, genetischen Unterschiede zwischen Mann und Frau sind die Art der Chromosomen und die der Hormone. Während erstere keinen Hinweis auf unterschiedliche Verhaltensweisen liefern, geben die Hormone als einziges Phänomen einer möglichen Unterscheidung einigen Aufschluss. Männer verfügen über ein Mehrfaches der Testosteronkonzentration im Körper gegenüber dem der Frau. Hieraus kann man folgern, dass sich daraus die größere Neigung der Männer zur Aggression ableiten lässt. Das 63 Mead, Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften, München 1970 III. Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? 30 heißt jedoch nicht, dass dies eine zwangsweise Folge ist. Hier spielt die kulturelle Überformung eine entscheidende Rolle. Man kann durchaus Frauen beobachten, die ein wesentlich aggressiveres Verhalten zeigen als Männer. Soziale Bedingungen Da die genetischen Voraussetzungen der besonderen Spezies Mensch, ob Mann oder Frau, rein formal-biologische sind und keinerlei soziale oder psychische Inhalte transportieren, aus denen sich gesellschaftliche und historische Realismen als „natürliche“ Gesetzmäßigkeiten ableiten ließen, ist die Frage zu klären, wie in den spezifischen Gesellschaftsformationen, historischen Epochen, weibliches und männliches Selbstverständnis und ein darauf fußendes Gesellschaftsbild zustande kommen. Die sozialwissenschaftliche Forschung einigte sich auf das Prinzip menschlicher Tätigkeit, welches zur Bewusstseinsentwicklung führe, wodurch sich letztlich die menschliche von der tierischen Existenzweise unterscheide64. Dieser an Darwin anschließende materialistische Erkenntnisansatz geht auf den von Marx und Engels entwickelten Arbeitsbegriff zurück65&66‚ wenngleich oft nicht ausdrücklich. Auch Jutta Menschik67, Agnes Heller68 und Frigga Haug69 gehen von diesem Begriff der Arbeit aus, um über die Gleichberechtigung von Mann und Frau innerhalb des Arbeitsprozesses die Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen. Doch warum der Mensch im Gegensatz zum Tier arbeitet, um sich zu einem sozialen Wesen zu entwickeln, das die- 2. 64 Siehe hierzu meine 1981 entstandene Untersuchung: Darstellung des Begriffs der Arbeit als marxistische Zentralkategorie unter Berücksichtigung der Freudschen Libidotheorie, Frankfurt/M., Bern 65 Marx, Karl: Die Frühschriften, Stuttgart 1964 66 Engels, Friedrich: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, Berlin 1964 67 Menschik, Jutta: Feminismus, a.a.O., S. 160 ff. 68 Heller, Agnes: Das Leben ändern, Radikale Bedürfnisse, Frauen, Utopie, Hamburg 1981 69 Haug, Frigga: Geschlechterverhältnisse, Berlin 1984, Argument-Sonderband AS 110; dies., Subjekt Frau, Berlin 1985, Argument-Sonderband AS 117 2. Soziale Bedingungen 31 se Arbeit dann geschlechtsspezifisch verteilt und auf diesem Wege Herrschaftsstrukturen ausbilden kann, ist bis heute ungeklärt. Auch Georg Lukács, der sich eingehend mit der Entstehungsgeschichte der menschlichen Gesellschaft befasste70, hilft sich über diese notwendige Hinterfragung hinweg, indem er die Menschwerdung mit einem qualitativen Sprung aus dem Tierreich begründet: „Freilich ist … ein experimentelles Zurückgreifen auf die Übergänge von vorwiegender Organik in der Gesellschaftlichkeit von vorneherein ausgeschlossen. Das gesellschaftliche hic et nunc eines solchen Übergangsstadiums läßt sich wegen der penetranten Irreversibilität des historischen Charakters des gesellschaftlichen Seins unmöglich experimentell rekonstruieren … Das erreichbare Maximum ist eine Erkenntnis post festum … Die maximale Annäherung können uns etwa Ausgrabungen geben, die Licht auf verschiedene Etappen des Übergangs anatomisch-physiologisch und sozial (Werkzeuge etc.) werfen. Der Sprung bleibt aber doch ein Sprung“71. Nur die Arbeit hat ihrem ontologischen Wesen nach eine Wechselbeziehung zwischen Mensch (Gesellschaft) und Natur, und zwar sowohl unorganischer … wie organischer … Die Arbeit kann also als Urphänomen, als Modell des gesellschaftlichen Seins betrachtet werden“72. Über das Aggredi, das Movens, das als Motivation hinter jeder menschlichen Aktivität steht, ja bereits existent sein muss, um Tätigkeit zu bewirken und Sozialisation entstehen zu lassen, sagen Sigmund Freuds Studien über menschliche Sexualität Entscheidendes73. Freud weist nach, dass sowohl phylogenetisch als ontogenetisch die Triebe vor dem Denken entstehen74. Formal-biologisch haben wir es bereits mit einem Menschen zu tun, bevor dieser denken bzw. Bewusstsein entwickeln kann. Mit dem Augenblick seines Auftretens, seiner Geburt verfügt der Mensch über rudimentäres Triebverhalten wie den Saug- und Greifreflex, ob es sich nun um ein männliches oder weibliches Kind handelt. Diese Reflexe sind jedoch nicht in der Lage, 70 Lukács, Georg: Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins, Neuwied, Berlin 1971 71 Ders.: Ontologie-Arbeit, Neuwied, Darmstadt 1973, S. 6, 7 72 Ebd: S. 8, 9 73 Freud, S.: Sexualleben, Studienausgabe Bd. V, Frankfurt/M. 1972 74 Freuds eigene Abhandlungen über “Die Weiblichkeit“ sind hier nicht Gegenstand der Diskussion; sie wurden u.a. von Luce Irigaray in ihrem Buch ‘Speculum“ umfassend kritisiert III. Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? 32 das Überleben des Kindes zu sichern, wenn nicht eine menschliche Bezugsperson es zur Nahrungsquelle führen würde, um den ersten Schritt zur Selbsterhaltung zu schaffen. Das Saugen an der Mutterbrust ist jedoch noch keine Tätigkeit im gesellschaftlichen Sinne, es beweist nur die biologisch-organismische Tradition des Menschen. Die erste soziale oder spezifisch menschliche Tätigkeit benutzt jedoch diesen biologisch notwendigen, selbsterhaltenden Akt des Saugens als Transfer; sie lehnt sich also an die bloße Nahrungsaufnahme an, um sich von da an zu verselbständigen, um Mensch und Gesellschaft entstehen zu lassen. Mit der Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses erfährt das Neugeborene die Entstehung seiner ersten erogenen Zonen, der Lippen und der Zunge, der „oralen“, wie Freud sie nennt. Doch mit dem Augenblick der Entstehung löst sich diese erste libidinöse Erfahrung von der biologisch notwendigen Nahrungsaufnahme ab und führt ihr progressives, auf Erweiterung sozialer Lebensräume gerichtetes Eigenleben. Dieser progressiven Entwicklung der libidinösen Erfahrungen und Bedürfnisse steht keinerlei Instinktregulation im Wege, so dass eine unendliche – individuelle wie gesellschaftliche – Lustmaximierung möglich ist. Natürlich findet die Erotisierung der Nahrungsaufnahmeorgane auch bei den höher entwickelten tierischen Spezies statt, jedoch bleibt sie, im Gegensatz zum Menschen, stets an die biologische, instinktregulierte Selbsterhaltung gekoppelt, während sich der Mensch unabhängig von der Notwendigkeit der Selbsterhaltung libidinös betätigen kann. Er kann das Essen genießen, ohne hungrig zu sein, die Sexualität, ohne sich fortpflanzen zu müssen; das Malen eines Bildes oder auch das Schreiben eines Textes machen deutlich, dass die Genussmaximierung völlig unabhängig von der Betätigung bestimmter Körperzonen stattfinden kann, dass gerade diese Tätigkeiten den Charakter von menschlicher Gesellschaft und Geschichte bestimmen und den Unterschied zwischen Mensch und Tier offenlegen. „Anfangs war wohl die Befriedigung der erogenen Zone mit der Befriedigung des Nahrungsbedürfnisses vergesellschaftet. Die Sexualbetätigung lehnt sich zunächst an eine der zur Lebenserhaltung dienenden Funktionen an und macht sich erst später von ihr selbständig. Wer ein Kind gesättigt von der Brust zurücksinken sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln in Schlaf verfallen, der wird sich sagen müssen, daß dieses Bild auch für den Ausdruck der sexuellen Befriedi- 2. Soziale Bedingungen 33 gung im späteren Leben maßgebend bleibt. Nun wird das Bedürfnis nach Wiederholung der sexuellen Befriedigung von dem Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme getrennt“75. Unter sexuell versteht Freud nicht nur die genitale Betätigung, sondern alle Formen des Lustgewinns, auch die anale und orale. Uns interessiert an dieser Stelle nur diese Entdeckung Freuds und nicht seine eigenen theoretischen Schlussfolgerungen, die mit seiner Axiomatik im Widerspruch stehen. Die einmal erfahrene Lust führt zur Ausbildung von Erinnerungsspuren und zur Wiederholung, wobei die bereits erlebte Befriedigung diese Wiederholung in stets optimalerer Weise anstrebt; immer mehr Möglichkeiten der Lustgewinnung werden vom heranwachsenden wie historisch sich entwickelnden Menschen erkannt und wahrgenommen. Dabei bedient er sich der Zuneigung der Umwelt wie der selbst produzierten Mittel, die Lust und deren Befriedigung zu maximieren. Er wird tätig, er lernt, arbeitet, gehorcht usw., um diese Optimierung zu erreichen. Die Erinnerung wirkt als Stimulans auf die Vorstellungskraft, die Phantasie ein und erweckt eine permanente „Vorlust“ auf den nächsten „höheren Augenblick“, um im Moment der Befriedigung mit neuen Erfahrungen, Erkenntnissen, Instrumenten, Objekten zum nächsten höheren oder gar „höchsten Augenblick“ aufzubrechen – und so unendlich fort. Die Qualität dieser „höchsten Augenblicke“ hängt von den vorgegebenen gesellschaftlichen Bedingungen ab, unter denen sie stattfinden. Die menschliche Libido verfügt nicht per se über Regulatoren, die Entropien oder Perversionen ausschließen. Aber ihr ist nichts unmöglich. Sie kann Menschen zu freiwilliger Nahrungsverweigerung, Kerkerhaft, Märtyrertum und Selbstmord veranlassen, nur um auf anderer, sublimer Ebene größeren Lustgewinn zu erreichen, der nicht mehr unmittelbar aus Körperzonen entspringt, sondern einer psychischen Fähigkeit, die wir mit Herbert Marcuse „freie Sublimierung“76 nennen. Die erstmals erfahrene Lust aus Körperzonen, erweckt durch die Berührung des Mundes mit dem warmen Milchstrom der Flasche oder Mutterbrust, lässt Erinnerungsspuren zurück, die durch keine Instinktregulation außer Kraft gesetzt werden. Die Inhalte dieser Erinne- 75 Freud: Drei Abhandlungen über Sexualtheorie, Frankfurt/M. 1961, S. 56 76 Marcuse, Herbert: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt/M. 1971, S. 204 III. Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? 34 rung sind zunächst von den Verhaltensweisen der Bezugsperson abhängig. Die Mutter reicht ihrem Kind nicht nur die Brust, um es zu sättigen – auch wenn sie es glaubt; gleichzeitig wählt sie aus dem Reichtum ihrer eigenen, bereits gewonnenen Lust- und Unlusterfahrungen spontan die Varianten aus, die der Entwicklungsstufe des Kindes entsprechen und bietet sie ihm an. Sie kommuniziert mit ihm und motiviert es durch stets erweiterte Lustangebote zu freiwilligen Lernleistungen, die sie mit neuem Lustgewinn belohnt oder mit Liebesentzug bestraft, falls es sie nicht erbringt. Das Kind wählt aus den Liebesangeboten der Mutter diejenigen aus, denen es zu antworten fähig ist. Beide stehen sich in der Qualität des libidinösen Selbstgenusses nicht nach, wenngleich die äußerliche Form unterschieden ist. „Man wird sich vielleicht sträuben wollen, die zärtlichen Gefühle und die Wertschätzung des Kindes für seine Pflegeperson mit der geschlechtlichen Liebe zu identifizieren, allein ich meine, eine genauere psychologische Untersuchung wird diese Identität über jeden Zweifel hinaus feststellen können. Der Verkehr des Kindes mit seiner Pflegeperson ist für dasselbe eine unaufhörlich fließende Quelle sexueller Erregung und Befriedigung von erogenen Zonen, zumal da letztere – in der Regel durch die Mutter – das Kind selbst mit Gefühlen bedenkt, die aus ihrem Sexualleben stammen, es streichelt, küßt und wiegt und ganz deutlich zum Ersatz für ein vollgültiges Sexualobjekt nimmt“77. Sie ist die erste „Verführerin“ ihres Kindes und „erfüllt nur ihre Aufgabe, wenn sie das Kind lieben lehrt; es soll ja ein tüchtiger Mensch mit energischem Sexualbedürfnis werden und in seinem Leben all das vollbringen, wozu der Trieb den Menschen drängt“78. Noch weit entfernt von seinem Kulturpessimismus, stellt Freud hier die menschliche Tätigkeit als Resultat der libidinösen Spannung dar, die sich nur im Subjekt-Objekt-Verhältnis – hier von Mutter und Kind – bilden kann. Die Mutter begegnet ihrem Kind von Anfang an in zweifacher Funktion, als Nahrungs- und als Lustspenderin; während sie in der ersten arterhaltend wirkt, wird sie in der zweiten gesellschaftsbildend. Sie oder die entsprechende Bezugsperson sind dafür verantwortlich, ob sich aus dem Kind ein autonomes Individuum entwickeln kann oder 77 Freud: Drei Abhandlungen …‚ a.a.O., S. 92 78 Ebd.: 2. Soziale Bedingungen 35 ein defensives, unterworfenes „Weibchen“ bzw. ein dominierendes „Herrchen“. Da sie jedoch selbst Produkte ihrer Erziehung und ihres gesellschaftlichen Umfeldes mit bestimmten Moralismen, Normen, Produktions- und Reproduktionsbedingungen sind, können sie selbst nur weitergeben, was sie gelernt haben und lernen durften. Dabei haben die Besonderheiten libidinöser Erfahrung, die Erotik und Sexualität, innerhalb einer geschichtlichen Epoche, einer sozialen Schicht, einer Familie entscheidenden Anteil. Da sich Mann und Frau äußerlich nur durch ihre Geschlechtsmerkmale und die daran gekoppelten biologischen Funktionen unterscheiden und durch sonst nichts, gewinnt die gesellschaftliche Bewertung der Sexualität, der Geschlechtlichkeit, ausschlaggebende Bedeutung. Wird sie weitgehend tabuisiert und nur als Akt der Fortpflanzung erlaubt, dürfen Mann und Frau sie nicht genießen, sondern können sie nur als rein biologische Notwendigkeit der Arterhaltung begreifen, d.h. sich wie Tiere verhalten und sich – das ist die Folge – in dieser Beziehung als Tiere betrachten. Da der Mensch jedoch nicht instinktreguliert ist und alles, was er tut, den Durchgang durch seinen Kopf macht, führt eine solche tierische Reduktion der Sexualität, deren Besonderheit wir gerade unsere Menschwerdung und Kulturentwicklung verdanken, zu individuellen wie sozialen Perversionen, die die Auslöschung des Einzelnen wie der gesamten Gesellschaft zur Folge haben können. Denn die libidinöse Potenz kommt mit jedem Neugeborenen über die erste orale Berührung stets neu in die Welt und sucht sich ihre optimal mögliche Befriedigung; wenn dies nicht auf menschliche Weise möglich ist, dann erreicht sie ihren Lustgewinn auf unmenschliche Weise. Männer verbrennen Frauen als Hexen, schlagen und vergewaltigen sie, machen sie zu Huren oder Heiligen oder schauen sich pornographische Szenen an. In einer solchen Gesellschaft bleibt die Frau stets Objekt der Unterdrückung, da sie die ständige Gefahr für die Tugend des Mannes darstellt. Als Mutter und Erzieherin der Kinder tradiert sie selbst diese ideologischen Werte. Ihre libidinöse Unfähigkeit und Sexualangst prädestiniert sie zur Minimierung des Lustgewinns ihres Säuglings; sie stillt ihn vorzeitig ab oder auch gar nicht, um ihre eigene beim Stillen erfahrene unerlaubte Lust zu vermeiden. Das Kind reproduziert das Verhalten der Mutter und wird spätere Lusterfahrungen und die damit verbundenen Lernprozesse nur III. Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? 36 unter diesen Vorzeichen durchlaufen können. Auf diese Weise reproduzieren sich die gesellschaftlichen Unterdrückungsmechanismen stets neu, sofern sie nicht mittels reflexiver Kraft durchschaubar und so ver- änderbar gemacht werden. Es gibt keine natürliche Spontaneität des Menschen, sei es beim Mann, bei der Frau oder beim Kind, auf die man sich nur besinnen müsste, um eine gute Gesellschaft zu erreichen. Dieser Glaube gehört dem naiven Materialismus des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts an79. Außer den bereits genannten rudimentären Reflexen bringt das Neugeborene nichts an Konstanten mit auf die Welt, auf die es spontan zurückgreifen könnte, um sich und die Gesellschaft vor Zerstörung zu bewahren. Es reproduziert nur bereits vorgegebene gesellschaftliche Inhalte und ist so ein rein vergesellschaftetes instinktungebundenes Wesen. Unterscheidungen von männlichem und weiblichem Wesen sind daher auch rein gesellschaftlicher, ideologischer Natur; die Fixierung auf das Geschlecht kann deshalb nur zu naturwissenschaftlich-biologischen Aussagen führen, hat aber mit der menschlichen und gesellschaftlichen Natur der Frau und des Mannes nichts zu tun. Dass Frauen und Männer heute jedoch noch unter diesem biologistischen Blickwinkel betrachtet werden, beweist nur die Unentwickeltheit unserer Kultur, die in dieser Hinsicht – im Gegensatz zum technologischen Fortschritt – noch sehr vom „Aufrechten Gang“ entfernt ist. Die Gesellschaftswissenschaften konnten mit den Naturwissenschaften nicht nur nicht Schritt halten, sondern haben letztere wegen ihrer leichter einsehbaren formal-logischen Stringenz derart favorisiert, dass die Menschen sich nur noch unter der Perspektive der Operationalisierbarkeit, der technologischen Rationalität und Funktionalität betrachten. Die Fähigkeiten des Menschen, nach Art und Weise jeder Spezies zu produzieren – höher und besser zu fliegen als ein Vogel, bessere Bauwerke zu erschaffen als Biber und Biene, weiter und besser zu schwimmen als alle Fische usw. – macht doch nichts offenkundiger, als dass die Frau auch nach Art und Weise der Spezies Mann produzieren kann und umgekehrt, denn beide sind Menschen, die ihrem besonderen Wesen nach an keine biologische Vorgegebenheit, wie Körperkraft, Geschlechtsmerkmale, Gebärfähigkeit oder Zeu- 79 Siehe dazu Ludwig Feuerbachs naiven Liebesmaterialismus, in: Das Wesen der Religion, Köln 1967, Grundsätze der Philosophie der Zukunft, Frankfurt/M. 1967 2. Soziale Bedingungen 37 gungskraft gebunden sind. Es verrät nur den quasi-tierischen gesellschaftlichen Status von Kulturen, in denen diese Einsicht noch kein Allgemeingut ist. (Dass sich hinter diesen Kulturen ökonomische Interessen verbergen, die solche gesellschaftlichen Einsichten verhindern, dass es nicht die Dummheit der einzelnen Menschen ist, die solche Einsichten unmöglich machen, habe ich bereits in meinem Buch über „Das Ewig Weibliche als ideologische Metapher“ aufzuzeigen versucht.80) Psyche Die ersten Gedächtnisspuren des Kindes sind Resultate mütterlicher Weltanschauung. Von der jeweiligen Moralvorstellung der Mutter oder sonstigen Bezugsperson hängt die Entwicklung des kindlichen Bewusstseins ab, wobei unter Bewusstsein nach Freud auch das Unbewusste und Vorbewusste zu verstehen ist81. Über den Lusttransfer gelangen gesellschaftliche Verhaltensweisen in Form mütterlicher Zuwendung in die keimende kindliche Psyche und werden dort vom wahllosen Unbewussten lustmaximierend umgesetzt. Da sich die Persönlichkeit des Kindes auf der ersten Stufe der Entwicklung erst am Anfang der psychischen Ausbildung befindet, werden die äußerlichen Einflüsse hemmungslos in den Dienst des Unbewussten – der lebensspendenden, libidinösen Energie – gestellt, das keinerlei moralische Schranken kennt. Das Kind ist noch weit entfernt von der Ausbildung des Ich und des wahrnehmenden Bewusstseins, das über moralische Entscheidungskriterien verfügt. „Das kleine Kind ist bekanntlich amoralisch, es besitzt keine inneren Hemmungen gegen seine nach Lust strebenden Impulse“82. Das Kind ist der Umwelt noch in keiner Weise angepasst, es „beurteilt“ sie lediglich nach dem Befriedigungsgehalt der Objekte und wählt dieselben nur nach lust- 3. 80 Weingartz-Perschel, Karin: Das Ewig Weibliche als ideologische Metapher, Frankfurt a.M. u.a. 1990 81 Freud: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit, in: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und Neue Folge, Studienausgabe Bd. 1, Frankfurt/M. 1969, S. 496 ff. 82 Ebd.: S. 500 III. Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? 38 spendenden Gesichtspunkten. Freud nennt es zurecht ein „polymorph-perverses“ Wesen, weil sein einziges Interesse auf Lustgewinn gerichtet ist, aus welchen Objekten auch immer. Wir vermissen in ihm noch die Wirkung aller der regulierenden Faktoren, die aus der Triebverdrängung hervorgehen83. Seine kognitiven Spuren bilden sich an der erinnerten Lustbefriedigung, der einzigen Motivation für seine Lernleistung. Differenzierterer Zeichen- und Sprachgebrauch ermöglicht stets progressivere Erschließung von libidinösen Lebensräumen, aber auch optimaleres Konditionieren des Kindes auf dem Wege der Ich-Bildung durch die Elterninstanz, die dem Kind die Außenwelt, sein späteres “Über-Ich“84, repräsentiert. Auf diesem Wege gelangen bereits sämtliche späteren Rollenverhaltensweisen in das kindliche Unbewusste, die, mangels genügender Ich- oder Bewusstseinsentwicklung zu diesem Zeitpunkt, später nicht mehr oder nur ungenügend erinnert werden können, so dass das Mädchen – bereits als Kleinkind zum Puppenspielen ermuntert – seine spätere hausfrauliche Neigung als weibliche Naturgegebenheit begreift oder der Junge, wegen seiner Tränen gescholten, spätere Gefühlsarmut für eine männliche Tugend hält. Alle Einflüsse im Kindesalter sammeln sich im Unbewussten, ohne die später ausgebildete Ich-Kontrolle passieren zu müssen und sind deshalb so schwer oder gar nicht ins Bewusstsein zu heben, um ein daran gekoppeltes Krankheitssymptom zu kurieren. Die Ausbildung des Ichs, der Persönlichkeit, ist erst dann erfolgt, wenn das Individuum gelernt hat, die Außenwelt in zweckmäßiger Weise zu seinem Vorteil zu ver- ändern und gegenüber seinem Unbewussten, seinem Es, „die Herrschaft über die Triebansprüche“ zu gewinnen, indem es die „Befriedigung auf die in der Außenwelt günstigen Zeiten und Umstände verschiebt oder ihre Erregung überhaupt unterdrückt“85. Außerdem muss die Ablösung von der Elterninstanz als Repräsentantin der Außenwelt erfolgt sein und in Form des „Über-Ich“ als Korrektiv Einzug ins Ich gehalten haben. Das Ich hat die libidinösen Ansprüche des Es und die ideologischen des Über-Ich derart zu vermitteln, dass es selbst nicht dabei zugrunde geht. Es wird sich als Frau oder Mann verhalten, je nachdem welcher Weg gesellschaftlich auf den geringeren Widerstand 83 Abraham, K.: Psychoanalytische Studien II, Frankfurt a.M. 1971, S. 193 84 Freud: Abriß der Psychoanalyse, Frankfurt/M. 1976, S. 9 ff. 85 Ebd.: S. 10 3. Psyche 39 stößt bzw. optimalere Karriere verspricht. Die biologischen Gegebenheiten wie Penis einerseits und Vagina andererseits haben per se keinerlei Bedeutung für das Rollenverhalten von Mann und Frau. Deshalb kann auch von Penisneid des Mädchens oder Kastrationsangst des Jungen, wie Freud sie behauptet, keine Rede sein. Freud erliegt in diesen Ansichten wie beim Ödipuskomplex seinen eigenen ideologischen Einflüssen; vor solchen Verhaftungen in den allgemeinen weltanschaulich geprägten Denkprozessen der eigenen Epoche sind auch Wissenschaftler nicht gefeit. So groß deren Entdeckungen auch sein mögen, sie liefern auch zusätzliche Ergebnisse, die reine Behauptungen sind und nur ihrem jeweiligen Zeitgeist entsprechen. Auch das ist menschlich und schmälert nicht die eigentliche Erkenntnisleistung. Es ist deshalb überflüssig, sich mit Freuds Ausführungen über weibliche Sexualität oder den anatomischen Geschlechtsunterschieden86 zu befassen. Seine große Leistung ist die Entdeckung des menschlichen Unbewussten, der Psyche87 und des Zugangs zu ihr, der Traumdeutung88. Die formalen Strukturen der weiblichen und männlichen Persönlichkeit sind gleich. Erst die Inhalte schaffen Unterschiede, und diese bilden sich allein durch die ideologischen Maßstäbe der Außenwelt, die zunächst über die Eltern- und Familieninstanz in das noch unausgebildete, anarchisch auf Lustgewinn ausgerichtete unbewusste Es des Kindes transferiert werden. Der erste Schatten der Ich-Bildung erfolgt also aus dem Widerspruch heraus, in dem sich das unbewusste Lustprinzip des Kindes und das bewusste Realitätsprinzip in Gestalt der Eltern gegenüberstehen. Lust um jeden Preis und Anpassung um jeden Preis lautet der Dualismus, dem das Kind ausgesetzt ist; dass es unterliegen muss, liegt an seiner noch unentwickelten Persönlichkeit. Der polymorph-pervers nach Lustgenuss strebende Säugling ist zunächst undiszipliniert. Er schreit, wenn er nach der oralen Berührung der Mutterbrust verlangt – auch wenn er nicht hungrig ist. Erst auf lustversprechende Verführungsangebote der Bezugsperson ist er bereit, sich deren Forderungen anzupassen. Er lernt in der Hoffnung auf Genuss. 86 Freud: Drei Abhandlungen …‚ a.a.O., S. 159 ff. 87 Ders.: Psychologie des Unbewußten, Studienausgabe Bd. III, Frankfurt/M. 1975 88 Ders.: Die Traumdeutung, Studienausgabe Bd. II, Frankfurt/M. 1972 III. Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? 40 Sein Ich beginnt das Kind zunächst nur im Dienste des Es auszubilden; Lust um jeden Preis und sei es um den der kognitiven Anstrengung. Dabei lernt es progressiv, die dynamisch expandierenden Ansprüche des Unbewussten in dem elterlich und gesellschaftlich erlaubten Rahmen auszuleben. „Für die Vorgänge im Es gelten die logischen Denkgesetze nicht … Gegensätzliche Regungen bestehen nebeneinander, ohne einander aufzuheben oder sich voneinander abzuziehen, höchstens daß sie unter dem herrschenden ökonomischen Zwang zur Abfuhr der Energie zu Kompromißbildungen zusammentreffen“89‚ um sich ein Ventil zu verschaffen. Das Unbewusste ist und bleibt das lebensökonomische Zentrum der Persönlichkeit. Es kennt keine Zeitabläufe. „Wunschregungen, die das Es nie überschritten haben, aber auch Eindrücke, die durch (spätere, d.V.) Verdrängung ins Es versenkt worden sind, sind virtuell unsterblich, verhalten sich …‚ als ob sie (stets, d.V.) neu vorgefallen wären. Als Vergangenheit erkannt, entwertet und ihrer Energiebesetzung beraubt, können sie erst werden, wenn sie durch die analytische Arbeit bewußt geworden sind“90. Was über die Erziehung seinen Weg ins Unbewusste macht, entscheidet über die Ausbildung einer weiblichen oder männlichen Persönlichkeit. Wäre es das allgemeine Erziehungsideal, die libidinösen und kognitiven Fähigkeiten des Menschen zu optimaler Entfaltung zu bringen, wären keine gesellschaftlich-funktionalen Unterscheidungen zwischen Mann und Frau (außer den rein biologischen) mehr nötig, weil überflüssig. Statt spezifisch weiblicher oder männlicher Erziehungsideale existierten nur allgemein menschliche, und die zoomorphe Betrachtungsweise der Geschlechter wäre endlich durch eine sozialemanzipierte abgelöst. Die einzige Form der Unterscheidung zwischen Mann und Frau wäre als die zwischen allen Individuen überhaupt erkannt. Sowenig ein Individuum mit dem anderen identisch sein kann, sowenig können Verhaltens- und Lebensformen von Mann und Frau identisch werden, das wäre eine falsche Vorstellung von Gleichberechtigung. Kein Mensch durchläuft je denselben Erziehungsprozess wie ein anderer; erst die unterschiedlichen Bedürfnisse, Begabungen, Neigungen usw. ermöglichen die dialektische Beziehung von Subjekt und Objekt aufeinander, 89 Freud: Ebd., S. 511 90 Ebd. 3. Psyche 41 die den Prozess auslöst, den wir letztlich unsere Geschichte nennen. „Das Es (kennt) keine Wertungen, kein gut und böse, keine Moral“91. Das kann auch der Realitätseinfluss nicht ändern. Zwischen dem Es und der Außenwelt bildet sich das Ich als Regulativ aus. Das Ich bewertet, welche libidinösen Ansprüche des Es zugelassen werden, ob sie das unbewusste Reich überhaupt verlassen dürfen oder ob sie, einmal aufgetaucht, schnell wieder dorthin zurückgeschickt, verdrängt werden müssen, woher sie kamen. Da die herrschende Gesellschaftsordnung geschlechtsspezifisches Rollenverhalten verlangt, hat die weibliche Ich-Instanz nicht nur mehr, sondern auch andere Libidoansprüche des Es zu verdrängen als die männliche Ich-Instanz. Diese besonders anstrengenden und energieverbrauchenden Vorgänge des Verdrängens vergrößern das Chaos im Unbewussten. Sie führen zu zunehmend passivem Verhalten und in vielen Fällen zum Verfall der Persönlichkeit. Die so an die gesellschaftliche Norm besonders zur Anpassung genötigte Frau, deren Ich-Instanz selbst die Außenwelt in Gestalt ihres Über-Ich internalisiert und ausgebildet hat, wird die Lust- und Genussansprüche ihres Unbewussten niederzuhalten versuchen oder in erlaubte Formen umlenken. Die dominante Rolle des Über-Ich führt zur Umpanzerung des Es. Mit der Reduktion der libidinösen Energie, der Lebensenergie, geht die der kognitiven Neugier und Erkenntnisfähigkeit einher, da letztere im Dienste der ersteren steht. Nicht nur, dass deshalb die Frauen allgemein für „dümmer“ gehalten werden als die Männer; sie glauben es selbst mangels reflexiver Übung – und sind es im Allgemeinen auch, wenngleich auch nicht von ihrer Natur aus. Diesen Mangel aufgrund spontaner emotionaler Tätigkeiten oder Fertigkeiten ausgleichen zu wollen, ist unmöglich. Denn Spontaneität und Emotionalität sind in den gegenwärtig möglichen Formen ihrer Äußerung ideologisch-immanent gebunden und ergeben per se keine emanzipatorischen Alternativen. Ihre untergeordnete gesellschaftliche Situation und Tradition können die Frauen nur kraft reflexiver Einsicht in deren historische Ursachen verändern. Dies zu erreichen ist wegen der besonderen Sozialgenese der Frau viel schwieriger als beim Mann, dessen libidinöse Ansprüche gesellschaftlich wesentlich mehr akzeptiert werden, wenngleich deren Befriedigungsformen im Allge- 91 Freud: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit, a.a.O., S. 512 III. Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? 42 meinen perverser sind, da sie die Frau zu reinen Lustobjekten degradieren (von anderen Objekten soll hier nicht die Rede sein)92. Dem Mann bleibt jedoch der wesentlich virulentere Lusttransfer erhalten, so dass seiner Intelligenzbildung optimalere – wenn auch einseitige – Möglichkeiten gegeben sind. Die männliche Domäne des (eindimensionalen) formal-logischen Denkens beweist dies. Die Zerstörung der weiblichen Persönlichkeit äußert sich in Krankheits- und Selbstdestruktionsphänomenen, die aus dem permanenten Versuch der Zurückdrängung und Abtötung libidinöser Ansprüche resultieren. Sie erlaubt auch kein oder nur sehr reduziertes perverses Ausleben derselben, dass wenigstens der Lusttransfer ihrer Lernleistung erhaltener bliebe. „Das Ich ist doch nur ein Stück vom Es, ein durch die Nähe der … Außenwelt zweckmäßig verändertes Stück“93. Auf die Inhalte der Ver- änderungen kommt es an, nicht auf das Geschlecht. „Realangst vor der Außenwelt, Gewissensangst vor dem Über-Ich, neurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften im Es“94 kommen in besonders ausgeprägtem Maße beim weiblichen Geschlecht vor und führen zu passivierenden Minderwertigkeits- und Schuldgefühlen. Diesen entgeht natürlich auch der Mann nicht – er begegnet ihnen nur auf andere Weise. Er darf seine libidinösen Ansprüche zur Kenntnis nehmen und in Etablissements, mit Pornographie und Missbrauch seiner Frau oder Freundin soweit wie möglich befriedigen. Dass er sich nicht wirklich befriedigt fühlt, wird er nicht den gesellschaftlichen Zwängen anlasten, sondern seiner eigenen Genussunfähigkeit. Nur Schuldgefühle braucht er nicht zu entwickeln, da erlaubt ist, was dem männlichen Geschlecht zu gefallen scheint. Seine Genussunfähigkeit, die aus seinem sexuellen Konsumverhalten resultiert, zu dem er angehalten wird, will er als ein „richtiger“ Mann gelten, definiert er als persönliches nicht als gesellschaftliches Versagen. Er ordnet sich umso lieber in die vorgegebene berufliche Alltäglichkeit ein, weil er nur noch hier sein normales Funktionieren in Gestalt des zufriedengestellten Vorgesetzten oder der Form des regelmäßig gezahlten Lohnes unter Beweis nehmen kann. 92 Siehe hierzu Jutta Brückners Aufsatz, Sexualität als Arbeit im Pornofilm, in: Das Argument 141, 25. Jg., Berlin 1983, S. 674 f. 93 Freud: Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit, a.a.O., S. 513, 514 94 Ebd.: S. 515 3. Psyche 43 Verliert er seinen Job, gilt er so wenig wie eine Frau. Je minderwertiger und unbefriedigender seine Lusterlebnisse ausfallen, desto widerspruchsloser unterwirft sich der Mann fast jeder Art von Lohnarbeit, wenn er nicht gar einen Ausweg in die Kriminalität findet. Der Frau ist diese Art des beruflichen Ausgleichs im allgemeinen nicht möglich. Die ihr zugewiesene Rolle als Hausfrau potenziert ihr bereits reduziertes Selbstwertgefühl eher, da Hausarbeit nicht als berufliche Qualifikation gilt und deshalb unbezahlt ist. Ihre mangelhafter ausgebildete Reflexivität führt zur Unterwerfung unter alles, was mit männlichen Attributen versehen ist oder bedacht werden kann. Um diesen Zustand zu ändern, muss sie zunächst lernen, ihre libidinösen Ansprüche zu erkennen und sie so optimal wie möglich auszuleben versuchen, um so den Lusttransfer der Lernleistung zu stärken; ihre Aufklärung kann nur kognitiv erfolgen und benötigt kognitives Potential. „Wir stimmen damit überein, daß Theorie- und Wissenschaftsfeindlichkeit oder auch nur -gleichgültigkeit von Frauen eine Bedrohung ist für die Perspektive der Befreiung, auch ihrer eigenen. Auf dem Wege der Emanzipation sind Wissenschaft und Theorie Produktivkräfte, die man nicht straflos beiseite wirft“95. Nur auf diesem reflexiven Weg kann die Frau dazu beitragen, die traditionellen Geschlechterverhältnisse zu ändern, die bestimmt sind „durch Überwindung/ Unterwerfung, Zucht und Anbetung. Frauen werden Objekte, Sklavinnen, die Kompetenzen erlangen, wie Lust zu bereiten, statt eigenes Begehren zu entwickeln“96. 95 Haug, Frigga: Frauen und Theorie, in: Das Argument 132, 24. Jg., Berlin 1982, S. 169 96 Dies.: Die Moral ist zweigeschlechtlich wie der Mensch, in: Das Argument 141, 25. Jg., Berlin 1983, S. 665 III. Gibt es ein geschlechtsspezifisches Bewusstsein? 44

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Zusammenfassung

Niemand hat von Kindheit an den Wunsch, Intellektueller oder Intellektuelle zu werden. Dies geschieht im Laufe des Lebens früher oder später, und man weiß nicht genau, warum. Intellektuelle sind es, die das Denken der Epoche, in der sie leben, besonders sensibel aufnehmen, hinterfragen, kritisieren und beeinflussen. Sie riskieren, als Außenseiter ignoriert, als Phantasten belächelt, als Kritiker abgelehnt, missverstanden oder gar bekämpft zu werden. Intellektuelle sind unbequeme Zeitgenossen, die der innovativen Fortentwicklung der Gesellschaft dienen. Ihr besonders ausgeprägtes Reflexionsvermögen versetzt sie in die Lage, Tendenzen und Gefahren einer gesellschaftlichen Entwicklung frühzeitig auf Grund ihrer ausgeprägten Sensibilität zu erfassen und zu thematisieren. Sie halten es in der Regel für unangebracht, ihre Leiden und Probleme und die existenziellen Konflikte, die sie als Kinder und Jugendliche belasteten, preiszugeben. Und doch liegt gerade in ihren Biografien der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, warum sie sich zu Intellektuellen entwickelt haben. Außerdem stellt sich die Frage, warum relativ wenige Frauen der Intellektuellengruppe angehören. Das vorliegende Buch ist eine Annäherung an das vielschichtige Phänomen des Intellektuellen und entwirft vor dem Hintergrund biografischer Entwicklungslinien ein umfassendes Panorama seiner Charakteristika.