X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge in:

Karin Weingartz-Perschel

Mythos Genie, page 147 - 182

Die intellektuelle Erfahrung des Mangels

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4292-2, ISBN online: 978-3-8288-7200-4, https://doi.org/10.5771/9783828872004-147

Tectum, Baden-Baden
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Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge Schon im Jahre 1969, als die Debatte unter den Studenten über den „Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“, wie der Methodenstreit von Theodor W. Adorno genannt wurde, losging, beschäftigte mich der Unterschied zwischen Adornos „kritischer Theorie“ und Karl R. Poppers „kritischem Rationalismus“ in besonderem Maße. Während sich Adorno auf die Methode der Dialektik berief, kritisierte Popper diese mit seiner Berufung auf die formale Logik. Popper lehnte die dialektische Methode, wie sie von Hegel erstmals entwickelt wurde, als ‚falsche Prophetie‘ ab; und Adorno kritisierte seinerseits die vom naturwissenschaftlichen Begriff der Logik ausgehende Forderung von Popper, Wissenschaft solle sich nur mit entscheidbaren Fragen befassen, also mit Problemen, die sich real stellen. Eine große Verständnishilfe in diesem Soziologenstreit war mir Jürgen Habermas, der in zwei Aufsätzen zum „Positivismusstreit“ zur Klärung der Unterschiede zwischen den beiden Methoden der Soziologie, dem „kritischen Rationalismus“ und der „kritischen Theorie“, beitrug.333 Im ersteren dominiert die „Wenn – Dann – Relationen, die in der technischen Verfügung über Natur unproblematisch sind, in Ansehung der Gesellschaft sofort problematisch werden.“334 In der kritischen Theorie gilt Hegels Dialektik, „weil der gesellschaftliche Kontext buchstäblich ein Lebenszusammenhang ist“, eine Totalität, in welcher sich die Verhaltensweisen der Individuen nicht zureichend aus zweckrationalen Perspektiven erklären und verstehen lassen.335 X. 333 Habermas, Jürgen: Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik. Gegen einen positivistisch halbierten Rationalismus. In: Theodor W. Adorno u.a.: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Darmstadt/Neuwied 1972, S. 155 ff. 334 Ebd.: S. 188 335 Ebd. 147 Nachdem ich mich ausführlich mit Habermas, Adorno und auch Popper auseinandergesetzt und alle drei, trotz ihrer unterschiedlichen Analysepraxis, als authentische Intellektuelle wahrgenommen habe, die ohne reflexive Koketterie mit herrschenden Ideologien ihren schwierigen Erkenntnisweg gegangen sind, habe ich festgestellt, dass die entscheidenden Impulse ihres jeweiligen Werdeganges in ihrer Kindheit und Adoleszenz zu finden sind. Deshalb werde ich sie in diesem Kontext versuchen darzustellen, um meiner Thematik ein paar beeindruckende Gesichter zu verleihen. Karl R. Popper Karl Raimund Popper, geboren am 28. Juli 1902 in Wien, ist der Sohn jüdischer Eltern, die bereits vor der Geburt ihres Sohnes zum Protestantismus übergetreten waren. Das Judentum, wie überhaupt jegliche Religionen, spielten in Poppers Elternhaus und infolge dessen in seinem Leben so gut wie keine Rolle. Dagegen wurde großer Wert auf Bildung gelegt. Der Vater, Dr. Simon Siegmund Carl Popper, ein gut situierter Jurist mit liberal-politischen Ambitionen, begleitete die kognitive Entwicklung seines Sohnes mit wohlwollender Geduld und Förderung. Er schrieb Gedichte, übersetzte griechische und lateinische Dichter ins Deutsche und interessierte sich intensiv für Geschichte und der ‚sozialen Frage‘. Die Mutter, Jenny Popper, geborene Schiff, entstammt ebenfalls einem bildungsbeflissenen, besonders der Musik zugewandten Elternhaus, sodass Karls Leben schon frühzeitig von Büchern und Musik bestimmt war. Er selbst berichtet in seiner Autobiografie: „Bücher waren daher ein Teil meines Lebens, lange schon bevor ich lesen konnte. Das erste Buch, das einen großen und bleibenden Eindruck auf mich machte, wurde meinen beiden Schwestern und mir (ich war das jüngste von drei Kindern) von meiner Mutter vorgelesen. Es war ein Buch, das die große schwedische Dichterin Selma Lagerlöf für Kinder geschrieben hatte. Es hieß in der ausgezeichneten deutschen Übersetzung: Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen. Viele, viele Jahre lang las ich das Buch mindestens 1. X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 148 einmal im Jahr; und im Laufe der Zeit las ich mehrere Male wahrscheinlich alles, was Selma Lagerlöf geschrieben hat.“336 Wie die überwiegende Mehrzahl der Intellektuellen gibt auch Karl Popper nur wenig über die psychischen Probleme seiner frühen Kindheit und Adoleszenz preis. Er sagt, aber nur in der Form einer Vermutung, dass er als Kind wohl ein bisschen zu brav bis hin zur Prüderie gewesen sein mag und alle die ihn umgebenden älteren Menschen für besser als sich selbst gehalten habe. Selbst seinen nur ein Jahr älteren Cousin Erich Schiff bewunderte er wegen dessen guten Aussehens und Ordnungsliebe, Eigenschaften, die für den jungen Karl unerreichbar schienen.337 Hieraus lässt sich ableiten, dass in seinem Elternhaus gutes Aussehen und Ordnungsliebe durchaus favorisiert und den Kindern als Tugenden vor Augen geführt wurden. Dies kann natürlich schon früh zu Gefühlen der Minderwertigkeit in den sensibilisierten Kindern beitragen. Der Verdacht wird dadurch verstärkt, dass Popper sich als Kind als „softy“ wahrnahm, das nicht die nervliche Stärke wie andere Kinder besaß. Bereits im Alter von fünf Jahren, so berichtet er aus seiner Erinnerung, meldete ihn seine Mutter aus dem Kindergarten ab, weil er von dem Zusammentreffen mit einem kleinen blinden Mädchen so erschüttert war, dass ihm die „Tragödie ihrer Blindheit“ fast das Herz zerriss.338 Er hat dieses Mädchen nie vergessen können und es gar als seine erste Liebe bezeichnet. Diese Art des Mitleidens mit dem Schicksal anderer lässt auf seine empfindsame Seele schlie- ßen, welche ihm durch seine subtile Erziehung im Elternhaus zuteilwurde, die den jungen Karl schon früh in den Konflikt zwischen Pflicht und Neigung, zwischen Wunsch und Wirklichkeit gestürzt haben muss, denn Mitleid setzt stets Erfahrungen mit eigenem, wenn vielleicht auch nur vorgestelltem, Leid voraus. Popper erinnert sich weiter: „Eines der großen Probleme, die mich schon als Kind bewegten, war das fürchterliche Elend in Wien. Dieses Problem beschäftigte mich so stark, daß ich fast nie ganz davon loskam…Männer, Frauen und Kinder hungerten und litten unter Kälte, Obdachlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Aber wir Kinder konnten nicht helfen. Wir konn- 336 Popper, Karl R.: Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung, München 2012, S. 7 f. 337 Ebd.: S. 3 338 Ebd.: S. 4 1. Karl R. Popper 149 ten nicht mehr tun, als ein paar Kreuzer zu erbitten, um sie den Armen geben zu können.“339 Mit ungefähr zehn Jahren freundete er sich mit dem zwanzig Jahre älteren Arthur Arndt, einem Verwandten von Ernst Moritz Arndt, an, der ein glühender Anhänger des Sozialismus, aber zugleich ein großer Kritiker des Bolschewismus war. Der fand in Karl einen „willigen Zuhörer für seine sozialistischen Ideen: Nichts konnte wichtiger sein, als der Armut ein Ende zu machen.“340 Unter dem Einfluss dieses älteren Freundes wurde Karls Interesse am Marxismus und Darwinismus geweckt. Seine Kindheitserinnerungen führt Popper mit dem Erlebnis des ersten Weltkrieges fort, bei dessen Ausbruch er zwölf Jahre alt war. „Die Kriegsjahre und ihre Folgen waren in jeder Hinsicht entscheidend für meine geistige Entwicklung. Sie machten mich kritisch gegenüber den hergebrachten Meinungen, besonders den politischen Meinungen.“ Als er 1916 den tiefen Schmerz seiner Mutter und deren Freundin Rosa Graf, der Schwester von Sigmund Freud, über den Soldatentod deren Sohns Hermann, der nur fünf Jahre älter war als Popper, mitbekam, begann er, die Brutalität des Krieges besser zu begreifen und zeitlebens jede Gewalt vehement abzulehnen. Bereits mit fünfzehn Jahren wagte er, seinem sonst so verehrten Vater in einer Diskussion über Strindbergs Biografie zu widersprechen. „Es war sein Versuch, etwas Wichtiges aus der wahren Bedeutung von gewissen Worten abzuleiten.“341 Das schien dem jungen Popper als zu „obskurantistisch“ und veranlasste ihn, zukünftig niemals mehr über Worte und ihre wahre Bedeutung zu argumentieren, weil solche Diskussionen zu unwichtig und zudem irreführend wären. Später fand er heraus, dass er seinem Vater und Strindberg Unrecht getan habe, weil er erkannte, dass der Glaube an die Wichtigkeit von Worten und besonders von Definitionen fast universell war. Er fühlte sich als Versager und fasste eine „Abneigung gegen die Philosophie. Auch seine Beschäftigung mit Spinoza, Descartes und Kant konnte dieses Gefühl der Abneigung nicht zerstreuen. Von Kant jedoch erhielt er den Impuls, „daß man Mathematik und Physik braucht, um diese Dinge zu 339 Ebd.: S. 4 340 Ebd.: S. 9 341 Ebd.: S. 17 X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 150 verstehen.“342 Dieser Impuls verstärkte sich im Laufe seiner späteren Entwicklung und manifestiert sich in seiner Methode des „Kritischen Rationalismus“, den er besonders in Auseinandersetzung mit dem Denken des sogenannten ‚Wiener Kreises‘ entwickelte und sein Leben lang gegen die von Hegel entwickelte Methode der Dialektik ins intellektuelle Feld führte. Fortan galt seine Devise: „Laß dich nie dazu verleiten, Probleme ernst zu nehmen, bei denen es um Worte und ihre Bedeutung geht. Was man ernst nehmen muß, sind Fragen und Behauptungen über Tatsachen, Theorien und Hypothesen; die Probleme, die sie lösen; und die Probleme, die sie aufwerfen.“343 Aus dem Disput mit seinem Vater zog er die Erfahrung, „daß es der sicherste Weg ins Verderben ist, echte Probleme zugunsten von Wortstreitigkeiten zu vernachlässigen.“344 Von nun an wandte er sich mit Vorliebe den Naturwissenschaften zu, da ihn deren Exaktheit und logische Überzeugungskraft der Beweisführung faszinierten. Ende des Jahres 1918, zum Ende des Ersten Weltkrieges, entschloss er sich, die Mittelschule ohne Abschluss zu verlassen, da sie seinem naturwissenschaftlichen Interesse nichts mehr zu bieten schien. Auf eigene Faust besuchte er die Vorlesungen der Wiener Universität, deren Einschreibungsgebühren zu jener Zeit sehr niedrig waren. Es interessierten ihn besonders die Fächer Mathematik, Physik, Geschichte und Psychologie. Mit seinem Elternhaus hatte er gebrochen und lebte im Grinzinger Barackenlager mit Studenten zusammen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit Gelegenheitsarbeiten. Die Nachkriegszeit war die Zeit des Umsturzes und der politischen Wirren und Popper schloss sich der kommunistischen Bewegung an. Dies aber nur für sehr kurze Zeit. Während einer Demonstration unbewaffneter Sozialisten und Kommunisten, um die Befreiung einiger Genossen aus dem Gefängnis zu bewirken, sah Popper mit an, wie mehrere junge kommunistische und sozialistische Arbeiter erschossen wurden. Dieses Ereignis erschütterte ihn so sehr, dass er sich unmittelbar vom Kommunismus löste und vom Marxismus als einer Theorie der Gewalt abwandte. Er verwarf die marxistische Überzeugung, dass im Klassenkampf Menschenopfer in Kauf genommen werden müssten, da sich die Kapitalisten niemals freiwillig und fried- 342 Ebd.: S. 19 343 Ebd.: S. 20 344 Ebd.: S. 21 1. Karl R. Popper 151 lich der kommunistischen Idee anschließen würden. Und besonders war er über sich selbst erschreckt, dass er einer solchen Ideologie verhaftet gewesen war und fühlte sich am Massaker der Demonstration mit schuldig. Mit siebzehn Jahren wurde er ‚Anti-Marxist‘, obwohl er die Idee der Befreiung des Proletariats von der Ausbeutung durch die Kapitalisten begrüßte. „Das, was mich zu der Zeit…am meisten abstieß, war die intellektuelle Anmaßung mancher meiner marxistischen Freunde. Sie nahmen es als fast selbstverständlich an, daß sie die zukünftigen Führer der Arbeiterklasse sein würden. Ich wußte aber, daß sie keine speziellen Qualifikationen hatten, die sie zu dieser Annahme berechtigten. Alles, was sie beanspruchen konnten, war, daß sie einige marxistische Bücher gelesen hatten – und auch das nicht gründlich und bestimmt nicht kritisch. Vom Leben der Arbeiter wußten die meisten von ihnen noch weniger als ich…Ich fühlte, daß es ein großes Privileg war, studieren zu können – ein unverdientes Privileg; und ich entschloß mich, Arbeiter zu werden.“345 1922 begann er eine Tischlerlehre bei Adalbert Pösch und schloss diese zwei Jahre später mit dem Gesellenbrief ab. Gleichzeitig setzte er seine Studien fort und legte 1924 die Reifeprüfung (Matura) an der Universität Wien ab und schrieb sich dort als ordentlicher Student ein. Von seinem Lehrmeister Pösch, so erinnerte sich Popper, habe er die Tugend der Bescheidenheit gelernt. „Keiner hat so viel dazu beigetragen, mich zu einem Schüler von Sokrates zu machen. Denn mein Meister lehrte mich nicht nur, daß ich nichts wußte, sondern auch, daß die einzige Weisheit, die zu erwerben ich hoffen konnte, das sokratische Wissen von der Unendlichkeit meines Nichtwissens war.“346 Diese Weisheit beherzigte Popper sein Leben lang; sie lehrte ihn, wie wichtig intellektuelle Bescheidenheit ist.347 Besonders war Popper von Einsteins Relativitätstheorie beeindruckt, die Newtons Mechanik, die zu der Zeit als unumstößliche Wahrheit galt und von der auch der junge Popper absolut überzeugt war, als relativ kritisierte. Er bezeichnete dies als vielleicht wichtigsten Einfluss auf sein Denken, weil er 1919 noch fest davon überzeugt war, dass in den Naturwissenschaften einmal entdeckte Gesetze für immer 345 Ebd.: S. 43 f. 346 Ebd.: S. 2 347 Ebd.: S. 45 X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 152 gelten, also wahr wären. Wenn dies selbst in den Naturwissenschaften nicht zutrifft, so sind erst recht die Sozialwissenschaften dieser Relativität ausgesetzt. Also können Erkenntnisse nur einen relativen Wahrheitsanspruch behaupten, solange, bis sie als falsch, widerlegt oder überholt bewiesen sind. Hier finden wir die Axiomatik von Poppers Theorie der Falsifikation, die er als Kritik am Begriff der Verifikation, wie ihn der Wiener Kreis entwickelte, später formulierte. Der Einfluss von Einsteins Physik und die ausführliche Beschäftigung mit ihr hat Poppers Denken zur ausschließlichen Akzeptanz der formalen Logik als wissenschaftliche Methode, auch für die Geisteswissenschaften, und zur drastischen Kritik und Ablehnung der Dialektik als intellektuelle Scharlatanerie, als pseudowissenschaftliche Herangehensweise an gesellschaftliche Probleme, gebracht. Dies ist bereits in so frühen Lebensjahren, der Adoleszenz, geschehen, dass sein Denken für die besonderen Herausforderungen der Dialektik, wie sie von Hegel entwickelt und von Marx übernommen wurde, nicht mehr bereit oder in der Lage war. Denn zu begreifen, dass Identität gleichzeitig Nicht- Identität sein kann oder Negation selbst negierbar ist, dass es gerade der Widerspruch innerhalb gesellschaftlicher Phänomene ist, welcher Erkenntnis und Fortschritt erst durch seine vorantreibende Dynamik ermöglicht, war Popper nicht mehr möglich. Er reduzierte Hegel, wie die meisten Formal-Logiker, auf die Formel: These plus Antithese gleich Synthese. Dies hat mit Hegels Dialektik nichts zu tun, wenn er von der ‚Negation der Negation gleich Position‘ spricht oder von der ‚Identität der Identität und Nicht-Identität‘, worauf in den beiden folgenden Biografien der Dialektiker Adorno und Habermas ausführlicher eingegangen wird. Zeitlebens ist Popper das Verständnis der dialektische Erkenntnismethode verschlossen geblieben und hat sie als Scharlatanerie abgetan. Deshalb hat ihn auch der sogenannte Positivismusstreit, bei dem er seinen Kritischen Rationalismus gegen die Dialektiker Adorno und Habermas verteidigte, nicht weiter beschäftigt, da er die Sprache seiner Kontrahenten, wie er später sagte, gar nicht verstand und sie ihm nur als Unsinn und Zeitverschwendung galt. Wenn in der Diskussion die z.B. Begriffe: ‚Das Konkrete‘, ‚das Abstrakte‘ oder ‚das Ganze‘ fielen, dann verstand Popper darunter etwas völlig anderes als die Dialektiker Adorno und Habermas. Für Popper galten die jeweiligen Tatsachen, der einzelne Fakt, ein bestimmter Gegenstand als 1. Karl R. Popper 153 etwas Greifbares, Konkretes und eine Theorie oder der Gesamtzusammenhang aller Phänomene, ihre wechselseitige Bezogenheit aufeinander, das Ganze des Weltgeschehens als etwas Abstraktes. Adorno und Habermas verstanden darunter genau das Gegenteil, ganz im Sinne Hegels, nämlich: Das Einzelne, eine bestimmte Tatsache, ein gegebenes Faktum als etwas Abstraktes, weil vom Ganzen, vom Gesamtzusammenhang des Weltgeschehens Abstrahiertes. Das Ganze hingegen nannten sie, ganz in Hegels Sinne, konkret, weil es alles Abstrahierte, alle existierenden und noch möglichen Phänomene in sich einschließt und deshalb als Axiomatik dialektischen Denkens gilt. Denn die Dialektiker beginnen zwar ihr Reflektieren, wie jeder Mensch, bei der Einzelerscheinung einer Sache, eines Gegenstandes oder auch Gedankens, aber dies geschieht stets unter der Voraussetzung und mit der Gewissheit, dass Alles mit Allem zusammenhängt und seine wirkliche Bedeutung erst in dieser reflexiven Vermittlungstätigkeit gewinnen kann. Hegel selbst gibt in seiner Phänomenologie des Geistes ein Beispiel für seine Dialektische Methode, nämlich die Betrachtung z.B. eines Baumes. Dieses Beispiel kann folgendermaßen interpretiert werden: Ein Mensch, z.B. in der Absicht, eine Hütte zu bauen, sieht einen Baum und erkennt in ihm die Tatsache, als Bauholzlieferant zu dienen und geht mit dieser Erkenntnis zurück zu seiner Familie – aber mit der Erkenntnis in seinem Kopf, dass er an dieser Stelle sein zukünftiges Baumaterial finden wird. Zwar kehrt er dem Baum den Rücken zu und verliert ihn so aus den Augen, aber er nimmt den Baum in seinem Kopf als Erinnerung mit sich und fügt diese Einzelerkenntnis zu seinem bisherigen Wissenstand hinzu, erweitert diesen und vermittelt ihn zu der Idee der Hütte, des Hauses. Er vermittelt die Einzelerscheinung des Baumes in Gestalt des Holzes zur Ganzheit des Hauses. Er abstrahiert so den Baum als Einzelnes zugunsten der Idee des Hauses als Ganzes, das ihm das Konkrete ist. Somit hat er sich auch selbst ver- ändert, da er sein Wissen um den Baum als Baumaterial erweitert hat, das er vorher nicht hatte. Diesen Prozess nennt Hegel Entäußerung des Menschen. Indem er sich im Anblick des Baumes mit diesem identifiziert, um die in ihm steckenden Möglichkeiten zu entdecken, zu erfahren, verlässt er seine eigene, mit sich bis dahin bestehende Identität, negiert diese für vielleicht nur einen Moment und kehrt, um seine Erkenntnis erweitert, zur eigenen Identität zurück; aber nicht mehr als X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 154 derselbe, der er vorher war, sondern um eine Erkenntnis reicher. Er musste sich zunächst negieren, um sich auf die besondere Qualität des Baumes einzulassen und Erfahrung zu gewinnen, hebt diese Negation danach wieder auf und kehrt, um diese Erkenntnis bereichert, zu sich zurück. Hier haben wir die dialektische ‚Negation der Negation‘ oder die ‚Identität (erstes Selbst) von Identität (zweites, erweitertes Selbst) und Nicht-Identität (Baum). Das Beispiel der Hütte als Ganzes ist natürlich als Teil-Ganzes zu verstehen, da diese Hütte in die unendliche Vielfalt des axiomatischen Ganzen der Dialektik gehört. Diesen Prozess erkennt erstmals Hegel als den der Entäußerung, der jedem menschlichen Handeln zugrunde liegt und dem überhaupt die menschliche Geschichte zu verdanken ist. Hegel bezeichnet ihn auch als Entfremdung, weil, um bei dem Beispiel zu bleiben, der Baum dem Menschen bei der ersten Begegnung, wie jedes andere Phänomen, zunächst fremd ist und nur über seine Tätigkeit des Erkennens diese Fremdheit überwindet und sich das Phänomen zu eigen macht. Marx übernahm mit der Hegelschen Dialektik natürlich auch dessen Begriff der Entäußerung; nur wendete er Hegels Definition der Entfremdung ins Kritische, weil er erkannte, dass diese menschliche Fähigkeit zur Entäußerung von der kapitalistischen Produktionsweise monopolisiert wurde und ihre genuin menschliche Qualität verloren hätte, da der Mensch die von ihm geschaffenen Produkte weder behalten dürfte noch sie, aufgrund der arbeitsteiligen Produktionsweise, als die seinigen wiedererkennen könnte, dass sie ihm eben fremd bleiben würden; dass der, von Hegel beschriebene, Identifikationsprozess der Menschen nicht mehr im eigentlichen humanen Sinne ablaufen kann, sondern nur noch mit einer anonymen Ware vollzogen wird, welche letztlich den Menschen selbst zu Ware werden lässt, ihn der totalen Entfremdung von sich und seinen Mitmenschen, denen es genauso geht, unterwirft. Deshalb forderte Marx die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise und die weitestgehende Befreiung der Menschen von der notwendigen Arbeit, damit der tätige, schöpferische Entäußerungsprozess im Hegelschen Sinne wirklich realisiert werden könnte. Dass dies nur in einer hochentwickelten industrialisierten Gesellschaft stattfinden könnte, die reich genug ist, alle Bedürfnisse der Menschen zu berücksichtigen und zu finanzieren, galt Marx als Grundvoraussetzung. Deshalb kann man ihm 1. Karl R. Popper 155 das Versagen des Bolschewismus und des in der Folge ‚real-existierenden-Sozialismus‘ nicht anlasten. Dass er mit Engels die Arbeiterklasse zum Protagonisten der gesellschaftlichen Befreiung erhob, ist aus seiner Epoche heraus zu verstehen und durchaus als friedliche Revolution gemeint. Denn wenn es über den zunehmenden Monopolisierungsprozess des Kapitals immer mehr Lohnabhängige und immer weniger Kapitalisten gäbe, braucht es keine Gewalt mehr, um die Minderheit der Besitzenden zur Aufgabe ihrer kapitalistischen Stellung zu bewegen. Denn auch der Kapitalist müsste schließlich einsehen, dass er unter der Entfremdung leide. Vielleicht war Marx mit dieser Meinung noch zu sehr der Tradition der Aufklärung und dem letztendlichen Glauben an den Sieg der Vernunft verhaftet. Aber nun zurück zu Popper. Dass er die Sprache und damit den Sinn der Dialektik nicht verstand und sie gar als Unsinn abtat, mit der sich zu beschäftigen, Zeitverschwendung wäre, kann man aus seinem eigenen Entwicklungsprozess heraus verstehen, denn dialektisches Denken erfordert eine Schulung, die Popper nicht zuteilwurde. Zeit seines Lebens ist er bei seiner ‚trial-and-error-Methode‘ geblieben, wie sie in den Naturwissenschaften angewendet und ihre Bedeutung gepriesen wird, dass sie sich der Wahrheit von Erkenntnissen immer weiter annähern, indem sie permanent Irrtümer ausräumen, also erkannte Widersprüche überwinden, ohne jedoch jemals die ‚absolute Wahrheit‘ finden zu können, sich ihr nur in relativen Erkenntnisschritten nähern. Denn jede geltende Erkenntnis kann nur als vorläufig akzeptiert werden, bis dass sie von einer als fortgeschrittener geltenden überholt ist. Dies hat Popper den Vorwurf des Positivismus eingebracht, da er von sogenannten, zu Recht bestehenden, also positiv zu bewertenden, Tatsachen ausgeht, ohne deren Berechtigung zu hinterfragen und so der „normativen Kraft des Faktischen“ unterliegt, wie Habermas sagen würde. Der junge Popper studierte zunächst Geschichte, Literatur, Psychologie und Philosophie. „Bald darauf gab ich jedoch den Besuch der meisten Vorlesungen auf, mit Ausnahme derer in Mathematik und theoretischer Physik…Ich studierte Mathematik, weil ich lernen wollte und glaubte, in der Mathematik etwas über Wahrheitssuche und Wahrheitskriterien zu erfahren, und auch, weil ich an theoretischer X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 156 Physik interessiert war.“348 Mit zweiundzwanzig Jahren legte er eine Matura ab, die ihn berechtigte, Mathematik, Physik und Chemie an Hauptschulen zu unterrichten. Außerdem arbeitete er als Erzieher in einem Hort der Gemeinde Wien für sozial gefährdete Kinder. „Damals war ich dabei, meine Ideen über die Abgrenzung zwischen wissenschaftlichen Theorien (wie die Einsteins) und pseudowissenschaftlichen Theorien (wie die von Marx, Freud und Adler) weiterzuentwickeln.“349 Auch dachte Popper eine Zeit lang daran, Musiker zu werden. Nach eigenen Aussagen spielte er Violine und Klavier und komponierte auch mitunter, aber nur mit sehr mäßigem Erfolg. Er bewarb sich sogar für die Abteilung Kirchenmusik am Wiener Konservatorium und wurde aufgrund einer Fuge, die er komponiert hatte, aufgenommen. Aber schon nach einem Jahr hatte er das Gefühl, dafür nicht geeignet genug zu sein und gab dieses Studium auf. 1928 schließlich promovierte er an der Wiener Universität mit einer Dissertation „zur Methodenfrage der Denkpsychologie“ zum Doktor der Philosophie und verdiente seinen Unterhalt als Lehrer. 1930 heiratete er Josefine Anna Henninger, mit der er bis zu deren Tode zusammenblieb. Sie wohnten im Elternaus seiner Frau in Wien. 1934 veröffentlichte er sein Buch „Logik der Forschung, zur Erkenntnistheorie der modernen Naturwissenschaft, das ihm wider Erwarten große Aufmerksamkeit, über die Grenzen Wiens hinaus, einbrachte. Er wurde zu einem Vortrag nach London eingeladen. Weitere Einladungen folgten und er ließ sich als Lehrer ohne Gehalt beurlauben, um seine Kontakte zum Londoner Wissenschaftsbetrieb auszubauen. Seine Frau verdiente währenddessen den gemeinsamen Lebensunterhalt als Lehrerin. Einladungen aus Prag, Brüssel und Paris erreichten ihn und ebenfalls die Mahnungen, sich als jüdisch-stämmiger Wiener mit seiner Frau zur Emigration zu entschließen. Im Januar 1937 entschied sich das Ehepaar Popper für die Auswanderung nach Neuseeland. Sie sollte bis 1945, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, dauern. Popper arbeitete als Dozent an der Universität Christchurch und begann, seine Texte auf Englisch zu verfassen. Sein Denken blieb von der formalen Logik geprägt. Zur eigenen Selbstbestätigung veröffentlichte er 1945 un- 348 Ebd.: S. 50 f. 349 Ebd.: S. 52 1. Karl R. Popper 157 ter dem Titel: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ seine Abrechnung mit Autoren wie Platon, Hegel und Marx. Das Buch erregte weltweite Aufmerksamkeit, da es hauptsächlich als Abrechnung mit dem Faschismus verstanden wurde. Daraufhin erhielt er einen Ruf zurück an die Londoner Universität, wo er als außerordentlicher Professor für Philosophie, Logik und Wissenschaftliche Methodenlehre arbeitete. Von nun an verbreitete sich sein Ruf als Geisteswissenschaftler und es folgten weltweit Einladungen, um über seine Theorie zu referieren. In Deutschland wurde Popper besonders durch den sogenannten „Positivismusstreit“ bekannt, der 1961 auf einer Tübinger Arbeitstagung der deutschen Gesellschaft für Soziologie auf Anlass Adornos stattfand. Hier erfolgte die bis heute unabgeschlossene Grundsatzdiskussion über die „Logik der Sozialwissenschaften“, in der sich besonders Adorno und Popper als Kontrahenten gegenüberstanden. Seine spätere Erhebung in den Ritterstand durch Elisabeth II. von England und viele seiner weiteren Auszeichnungen weltweit, hat Karl Popper nicht zuletzt wegen seiner liberalen Haltung gegenüber herrschenden, wenn auch demokratischen, Machtstrukturen erhalten. Die Methode des ‚Kritischen Rationalismus‘ und ihr Prinzip der Falsifizierung, wie er es aus der Naturwissenschaft und besonders von Einstein gelernt hat, gab Popper die Geborgenheit im Denken und Fühlen, wonach er bereits seit der frühesten Jugend gesucht und sich gesehnt hat, um sein Leben endlich, wie jeder Mensch, in eine ruhige Bahn zu lenken. Auf dieser unruhigen Suche ist er, wie alle Intellektuellen, bis an sein Lebensende 1994 geblieben und hat uns und unseren Nachgeborenen Erkenntnisse vermittelt, welche uns dabei helfen, unsere Welt besser zu verstehen und weiterzubringen, mit wie vielen Widersprüchen Popper uns auch konfrontiert haben mag. Theodor W. Adorno Noch im Juli 1962 schrieb Adorno in einem Brief an Ernst Bloch, mit dem er bereits als Junger Mann freundschaftlich verbunden war, nachdem er dessen „Geist der Utopie“ mit Begeisterung gelesen hatte, dass er sich selbst als einen „sehr spät reifenden Menschen“ betrachtet, der, auch heute noch, das Gefühl hat, dass „alles, wofür er eigentlich da ist, 2. X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 158 erst noch vor ihm liegt“. Als beinahe Sechzigjähriger war er sich immer noch im Zweifel darüber, was denn der Sinn seines Lebens wäre. Zwar war ihm durchaus bewusst, was er nicht wollte, nämlich ein Geschäftsmann in der Nachfolge seines Vaters, des Weinhändlers Oscar Alexander Wiesengrund, oder ein sonstiges Rad im Getriebe der kapitalistisch geprägten Gesellschaft zu sein; aber er wusste, wenn auch sehr vage, dass er sich von den herrschenden Verhältnissen nicht seinen Lebensweg vorzeichnen lassen wollte und dass diese oppositionelle Haltung mit großen, vielleicht unlösbaren Problemen behaftet sein würde. Im „Minima Moralia“, die er 1944 im Exil in den USA verfasste, bekannte er: „Die fast unlösliche Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“350 Und als in der Kindheit besonders behütetes Einzelkind, das sich permanent von der Außenwelt bedroht fühlte und sich nun als vertrieben aus der Geborgenheit der Familie und der deutschen Heimat in Amerika wiederfand, befiel ihn ein „törichtes Entsetzen“ über einen aufkeimenden Verdacht, als wäre der deutsche Nationalsozialismus, „der totale Staat eigens gegen mich erfunden worden, um mir doch noch das anzutun, wovon ich in meiner Kindheit, meiner Vorwelt, bis auf weiteres dispensiert geblieben war.“351 In diesem Zusammenhang erinnerte er sich auch an die Hänseleien seiner Schulkameraden, die sich über seine besondere Ausdrucksweise und seinen Status als Klassenprimus lustig machten, die selbst „keinen richtigen Satz zustande brachten, aber jeden von mir zu lang fanden.“352 Und er ging in seiner Verletztheit so weit, sie als Mittäter im Hitler-Regime zu verdächtigen. Adorno wurde am 11. September 1903 als Theodor Ludwig Wiesengrund in Frankfurt am Main, im Deutschland der Vorkriegszeit, geboren. Die Mutter, geborene Maria Cavelli-Adorno, hatte 1898 den Weinhändler Oscar Alexander Wiesengrund in London geheiratet und hatte im Jahre 1900 eine Totgeburt. Als Theodor, liebevoll Teddie genannt, auf die Welt kam, war Maria bereits fast achtunddreißig Jahre alt. Teddie blieb das einzige Kind der Wiesengrunds und wurde ent- 350 Adorno, Theodor Wiesengrund: Minima Moralia, Reflexionen aus einem beschädigten Leben, Frankfurt a.M. 1983, S. 67 351 Ebd.: S. 255 352 Ebd.: S. 256 2. Theodor W. Adorno 159 sprechend geliebt, verwöhnt und vor der äußeren Welt geschützt. Die Mutter war Sängerin und hatte unter anderem in Wien als kaiserliche Hofsängerin durchaus Erfolg. Auch ihre Schwester Agathe, die auch im Hause Wiesengrund lebte, war der Musik sehr verbunden; sie hatte sich einen Namen als ausgezeichnete Pianistin gemacht und begleitete ihre Schwester Maria in manchen Konzerten. Außerdem fühlte sie sich ihrem Neffen wie eine zweite Mutter zugetan. Da der Vater geschäftlich oft außer Haus war, wuchs Teddie in der mütterlichen musikdominierten Geborgenheit der beiden Schwestern auf. Auch der Vater favorisierte seine musikalische familiäre Privatheit, die er sorgsam von der harten Geschäftswelt trennte und in die er sich zu Zeiten seines Feierabends gerne zurückzog. Auch er fühlte sich der Musik sehr zugetan, musste aber aus ökonomischen Gründen den väterlichen Weinhandel übernehmen. Wahrscheinlich wählte er sich zum Ausgleich eine Sängerin zur Ehefrau und nahm gerne deren Schwester, eine Pianistin, in sein Haus auf. Dass Adorno später den Nachnamen seiner Mutter zum Hauptnamen machte, hat zu vielen Spekulationen geführt. Die einen sahen den Grund in Adornos jüdischer Abstammung, die dem Namen Wiesengrund anhaftete; sein Vater war noch zur Zeit seiner Geburt Jude und trat erst später zum Protestantismus über und deshalb galt Adorno als Halbjude, der demzufolge unter dem Nationalsozialismus zur Emigration gezwungen war, obwohl er katholisch, wie seine Mutter, getauft wurde. Andere wiederum hielten es für möglich, dass Adorno deshalb mit dem Namen seiner Mutter kokettierte, weil er eine angebliche Verwandtschaft mit dem italienischen Adelsgeschlecht Adorno della Piana assoziierte, was aber unbewiesen ist. Bösartige behaupteten gar, dass er den Namen seiner Mutter angenommen hätte, damit er in den Literaturverzeichnissen immer an erster Stelle im Alphabet zitiert würde. Am plausibelsten erscheint jedoch, dass er den Namen auf Wunsch seiner Mutter dem ursprünglichen Namen hinzugefügt hat, die in ihrem Sohn immer etwas Besonderes gesehen hat, der einmal zu den Bedeutendsten, vielleicht unter den Komponisten, zählen und so den Namen Adorno verewigen würde. Denn Adorno zeigte schon früh sein musikalisches Talent. Er spielte Klavier, wozu ihm seine Tante eine ausgezeichnete Lehrerin war, und komponierte. Besonders dem vierhändigen Klavierspiel blieb er zeitlebens verbunden, weil er in diesem X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 160 das intime Miteinander zweier Gleichgesinnter, die unmittelbare musikalische Kommunikation, schätzte. Die Familie war weiblich dominiert, ebenso das Gefühl der Geborgenheit, woran sich noch der alte Adorno mit Wehmut erinnerte. Der Vater schien in der Erziehung des Jungen kaum eine Rolle gespielt zu haben. Seine Bedeutung lag eher in der komfortablen ökonomischen Absicherung der Familie. In seinen „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ beschreibt und analysiert Adorno das bürgerliche Eheleben, das er als Kind wahrscheinlich auch als das seiner Eltern erlebt hat und dessen Farce ihm, wie auch die Scheinhaftigkeit der moralischen Standpunkte seiner unmittelbaren Umwelt, in ihm frühes Unbehagen bereitet haben müssen, dem er später versuchte, es zunächst zu verdrängen, dann diesem mit Hilfe der Musik zu entfliehen, um es endlich mittels reflexiver Anstrengung zu durchschauen. „Unterhalb der verlogenen Ideologie, welche den Mann als Überlegenen hinstellt, liegt eine geheime, nicht minder unwahr, die ihn zum Inferioren, zum Opfer von Manipulation, Manövern, Betrug herabsetzt…Mit dem gleichen bornierten Scharfsinn wie der Gatte von der Gattin werden allgemein Erwachsene von Kindern eingeschätzt. In dem Mißverhältnis zwischen seinem autoritären Anspruch und seiner Hilflosigkeit, das in der Privatsphäre notwendig zutage tritt, steckt ein Lächerliches. Jedes gemeinsam auftretende Ehepaar ist komisch, und das versucht das geduldige Verstehen der Frau auszugleichen…Als verdrängte Matriarchin wird sie dort gerade zum Meister, wo sie dienen muß, und der Patriarch braucht nur als solcher zu erscheinen, um Karikatur zu sein…Beide Gegner haben Unrecht. In der Entzauberung des Mannes, dessen Macht auf dem Geldverdienen beruht, das als menschlicher Rang sich aufspielt, drückt die Frau zugleich die Unwahrheit der Ehe aus, in der sie ihre ganze Wahrheit sucht.“353 Aus diesen Bemerkungen Adornos kann man entnehmen, dass er schon als Kind, trotz allen Gefühls der Geborgenheit, durchaus die Subalternität des Vaters in der Familie empfand und dazu beigetragen haben muss, dass ihm sein frauendominiertes Familienleben in gewisser Weise als suspekt vorgekommen sein musste. Ein weiterer Hinweis auf die, noch unbewusst empfundenen, Zwiespälte in seiner bürgerlichen Kindheit, die alles Negative von der familialen Befindlichkeit 353 Ebd.: S. 227 f. 2. Theodor W. Adorno 161 fernzuhalten suchte, gibt Aufschluss über die innerliche Unruhe des Kindes Teddie, welche es dazu trieb, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen oder wenigstens Ruhe in der Wahrhaftigkeit der Musik zu finden. „Früh in der Kindheit sah ich die ersten Schneeschaufler in dünnen schäbigen Kleidern. Auf meine Frage wurde mir geantwortet, das seien Männer ohne Arbeit, denen man diese Beschäftigung gäbe, damit sie sich ihr Brot verdienten. Recht geschieht ihnen, daß sie Schnee schaufeln müssen, rief ich wütend aus, um sogleich fassungslos zu weinen.“354 Hier erkennt man die äußerst stark ausgeprägte Sensibilität Adornos, der den Widerspruch zwischen den Schnee schaufelnden Männern und seiner eigenen ökonomischen Sicherheit und behüteten familiären Situation zwar noch nicht erkannte, aber bereits tiefgreifend empfand und der ihn beunruhigte. Diese besondere Sensibilität, welche ihn die späteren Hänseleien, Zurückweisungen, zum Beispiel die persönliche Ablehnung Arnold Schönbergs, um dessen Zuneigung er doch so intensiv gerungen hatte, und die Kränkungen, die er empfand, weil er sich und seine Leistungen nicht zureichend anerkannt glaubte, stürzte ihn oft in unerträgliche Selbstzweifel bis hin zur Depression. Noch 1960 bekannte er, dass er seine reflexiven Anstrengungen, seine intellektuelle Arbeit, wie ein „Rauschmittel“ erlebte. Seine ersten Veröffentlichungen erfolgten noch unter dem Namen Wiesengrund; erst später ergänzte er ihn als Wiesengrund-Adorno und im amerikanischen Exil entschied er sich für die Endfassung: Theodor W. Adorno. Für den jungen Teddie schien klar zu sein, dass er später im Bereich der Musik tätig werden würde, als Komponist und auch Musiktheoretiker. Seine beiden Mütter unterstützten natürlich das Begehren ihres Schützlings. Finanziell war er ja durch das väterliche Einkommen abgesichert, sodass er sich über die Notwendigkeit eines Broterwerbs keine Gedanken zu machen brauchte. Er brachte die Kindheit wie in einem Kokon der Geborgenheit zu, geliebt, wohlbehütet und einzig kulturbeflissen. Auch seine frühen Spielkameraden waren danach ausgewählt, seine kindliche Welt nicht infrage zu stellen. Die erste Begegnung mit der Außenwelt als Schüler glich einem „Schock“, welcher seine gesamten Erfahrungen in der Geborgenheit des Elternhauses als realitätslos, irrational, als „unwahr“ erscheinen 354 Ebd.: S. 253 X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 162 ließ. Er konnte so gar nicht verstehen, dass ihn seine Mitschüler nicht auch so liebten und favorisierten wie seine Eltern, dass sie ihn als Klassenprimus nicht bewunderten. Dieser empfundene Bruch zwischen heiler innerer und als brutal und kalt empfundener äußeren Welt prägte sein gesamtes weiteres Leben. Noch in den Minima Moralia formulierte er seine negative Weltsicht mit den Worten: „Das Leben hat sich in eine zeitlose Folge von Schocks verwandelt, zwischen denen Löcher, paralysierte Zwischenräume klaffen. Nichts aber ist vielleicht verhängnisvoller für die Zukunft, als daß im wörtlichen Sinne bald keiner mehr wird daran denken können, denn jedes Trauma, jeder unbewältigte Schock der Zurückkehrenden ist ein Ferment kommender Destruktion. Karl Kraus tat recht daran, sein Stück ‚Die letzten Tage der Menschheit‘ zu nennen. Was heute geschieht, müßte ‚Nach Weltuntergang‘ heißen.“355 Der junge Adorno versuchte zunächst, sich in die Musik zurückzuziehen. Er immatrikulierte sich an der Frankfurter Universität 1921 in den Fächern Musikwissenschaft, Philosophie, Soziologie, Psychologie und betätigte sich als Musikkritiker. Doch der Konflikt, in den ihn die Erfahrung des Bruches zwischen Elternhaus, das sich vor den Notwendigkeiten des Brotberufes so gut als möglich hütete, und Außenwelt gestürzt hatte, ließ ihn nicht los. Er trieb ihn über die Musik hinaus, wenngleich er auch immer noch in ihr Antworten auf seine Fragen erhoffte. Er zog 1925 nach Wien, der Geburtsstätte der Zwölftonmusik, um in der Nähe Schönbergs zu sein, der seinerseits aber kein Interesse an Adorno zeigte. Deshalb schloss er sich dem Schönberg-Schüler Alban Berg an und begann bei ihm ein Aufbaustudium in Komposition. Gleichzeitig nahm er Klavierunterricht bei Eduard Steuermann, der zu der Zeit der maßgebliche Pianist der Neuen Musik war. Seine Wiener Zeit war für Adorno die kompositorisch schöpferischste. Hier lernte er auch Georg Lukács persönlich kennen, dessen Schrift „Geschichte und Klassenbewußtsein“ ihn schon als Abiturient begeistert hatte, die ihm die Gedanken des Marxismus nahebrachte und in ihm die Neugier auf Hegel weckte. Auch von dem Wiener Freud und seiner Psychoanalyse versprach sich Adorno Antworten auf seine Lebensfragen. Die Werke Hegels, Marx‘ und Freuds blieben die zentralen geistigen Wegbegleiter, 355 Ebd.: S. 63 2. Theodor W. Adorno 163 sein Leben lang. Als er dann seinen späteren Freund Max Horkheimer traf, dem er bereits als Student 1922 in der Universität Frankfurt begegnete, wurde sein endgültiger Weg in Geisteswissenschaft vorgezeichnet. Von da an spielte die Musik nicht mehr die Hauptrolle in seinem Leben und Streben. Sein Studium hatte er bereits 1924 mit einer Dissertation über Edmund Husserl an der Frankfurter Universität abgeschlossen. Nach einem ersten vergeblichen Versuch, habilitierte sich Adorno 1931 mit einer Arbeit über Kierkegaard bei dem Theologen Paul Tillich an der Universität Frankfurt und begann auch dort seine Lehrtätigkeit als Privatdozent. Im Herbst 1933 entzogen ihm jedoch die Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Herkunft väterlicherseits seine Lehrbefugnis. Bis dahin hatte ihn das Judentum so gut wie gar nicht interessiert; das änderte sich nun. Zwar wollte er zunächst die Stigmatisierung als Jude nicht wahrhaben und versuchte, sich als Musikkritiker, besonders des Jazz, dem Hitlerregime anzudienen, das u.a. die Musik des Jazz als entartet wertete, um in Deutschland bleiben zu können, was er später selbst als „dumm-taktische“ Torheit in einem öffentlichen Brief bedauerte. Nachdem er jedoch 1937die Jüdin Margarete Karplus geheiratet hatte, war für ihn und seine Frau ein Verbleiben in Deutschland zur tödlichen Gefahr geworden. Beide emigrierten 1938 auf Einladung Horkheimers hin, der sich bereits, in weiser Voraussicht hinsichtlich der Ereignisse in Deutschland, rechtzeitig in die USA abgesetzt hatte, nach New York. Dieser Schock der Vertreibung aus der Heimat und die Misshandlungen und Verhaftung seiner Eltern während der Kristallnacht 1938 vertieften die Erfahrungen der Ablehnung, Verspottung und Ausgrenzung, die Adorno spätestens seit seiner Einschulung bereits gemacht hatte. Die perfektionierte Judenvernichtung in Auschwitz durch die Nazis verdichtete seine Schockerfahrungen, die sich schließlich in seinem opus magnum, der „Negativen Dialektik“, als reflexiver Versuch der Bewältigung seiner Traumata niederschlugen. Schon 1944, in den „Minima Moralia“, wurde Adornos negative Betrachtung der Wirklichkeit, die sein „Leben beschädigt“ hatte, sehr deutlich: „Das Leben hat sich in eine zeitlose Folge von Schocks verwandelt, zwischen denen Löcher, paralysierte Zwischenräume klaffen. Nichts aber ist vielleicht verhängnisvoller für die Zukunft, als daß im wörtlichen Sinn bald keiner wird daran denken können, denn jedes Trauma, jeder unbewältigte Schock der Zurückkehrenden ist ein Fer- X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 164 ment kommender Destruktion.“356 Adorno kritisierte damit die Verdrängungskultur, die er bei vielen seiner Zeitgenossen, angesichts der Gräueltaten, welche Menschen, nicht nur die Nazis, im Laufe der Geschichte begangen haben und die nicht angemessen geahndet, sondern als Verdrängtes ins Unbewusste verschoben wurden, um der eigenen Ruhe, des eigenen Fortkommens oder Wohlergehens willen, beobachtete. Durch Freud war ihm die „Wiederkehr des Verdrängten“ bekannt und fürchtete dessen ewige Wiederkehr, bis dass totale Negativität die Oberhand im Prozess der Zerstörung gewonnen hätte und das Ende der Welt irgendwann, aber unaufhaltsam, eingeläutet würde. Als einziges Mittel, das diesen Prozess vielleicht aufhalten könnte, wäre das „Erkennen“, welches „die beschädigte Gesellschaft heilen“ könnte.357 Zwar glaubte Adorno nicht wirklich an diese mögliche „Heilung“ der Gesellschaft, dennoch versucht er mit seinen Schriften wenigstens, wenn auch vergeblich, dazu beizutragen. Außerdem bedeutete ihm persönlich die Anstrengung des Erkenntnisprozesses als „das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt.“358 Aufgrund seiner Begabungen, seiner musikalischen wie seiner reflexiven, fühlt er sich aufgerufen, diese nicht nur für sich, sondern auch für die Gesellschaft nutzbar zu machen. Während seiner Wiener Erfahrungen und besonders nach seiner Begegnung mit Georg Lukács, setzte er sich zunehmend mit dem affirmativen Charakter der Musik auseinander, die sich kaum dem Anspruch des Marktes entziehen konnte, wenn sie wahrgenommen oder gar erfolgreich sein wollte. Weil er die Sprache für geeigneter hielt aufzuklären als es Kompositionen könnten, entschied er sich letztlich für das geschriebene Wort, blieb aber der Musik noch eng verbunden. Noch in den zwanziger Jahren begann er ein Aufbaustudium in Komposition bei Alban Berg, dem Schüler Arnold Schönbergs. Erst während seines Exilaufenthaltes in den USA und seiner intensiven Zusammenarbeit mit Horkheimer wurde er zu dem kritischen Gesellschaftstheoretiker, wie wir ihn als Vertreter der sogenannten Frankfurter Schule kennen. 356 Ebd.: S. 63 357 Ebd.: S. 70 358 Adorno, Theodor W.: Zit. in: Claussen, Detlev, Theodor W. Adorno, Ein letztes Genie, Frankfurt a.M. 2003, S. 61 2. Theodor W. Adorno 165 Seine Selbstzweifel hinsichtlich des Begriffes ‚Begabung‘ haben ihn zeitlebens nicht losgelassen. Was er unter Begabung verstand, hat er mit kritischem Blick selbst beschrieben: „ Begabung ist vielleicht überhaupt nichts anderes als glücklich sublimierte Wut, die Fähigkeit, jene Energien, die einmal zur Zerstörung widerspenstiger Objekte ins Ungemessene sich steigerten, in die Konzentration geduldiger Betrachtung umzusetzen und so wenig abzulassen vom Geheimnis der Objekte.“359 Seine kritische Weltsicht verstärkte sich in der „Dialektik der Aufklarung“, die Adorno gemeinsam mit Horkheimer im amerikanischen Exil verfasste und die 1947 in Amsterdam erschien: „ Seit je hat Aufklärung…das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“360 Zunehmend setzte er sich mit Marx und Hegel auseinander, von deren dialektischer Methode der „bestimmten Negation“ er sich Aufschluss über die Widersprüche in der Gesellschaft wie auch seiner eigenen persönlichen versprach. Besonders beeindruckte ihn das Kapitel über den Fetischcharakter der Ware im ersten Band des ‚Kapital‘ von Karl Marx, worin der Verdinglichungsprozess der Warenproduzenten wie der Warenkonsumenten beschrieben wird. Dass das Geld als die absolute Ware den Markt beherrscht, mit dem ich alles kaufen kann, selbst Liebe, Wissenschaft und Kunst, das sich gegen alles tauschen lässt und womit sich alle Menschen identifizieren, weil andere Möglichkeiten, z.B. mit dem selbst hergestellten Produkt oder dem Mitmenschen, nicht mehr wahrgenommen werden können, da alle Werte in Geld gemessen werden und individuelle Fähigkeiten keine Rolle mehr spielen, wenn sie nicht in Geld einlösbar sind. So werden sich die Individuen fremd, anonym, so wie es der Markt ist, auf dem sich die Menschen nur noch als Tauschende von Waren begegnen und wahrnehmen und so selbst zur Ware, zu Dingen, werden. Während Marx die Möglichkeit einer Rettung aus diesem kapitalistischen Produktionsprozess in der Beseitigung des kapitalistischen Herrschaftssystems und der Errichtung eines sozialistischen Kommunismus sah, konnte Adorno diese Perspektive nicht teilen, weil er die damit gekoppelte Gewalt als revolutionäres Mittel ab- 359 Adorno, Theodor W.: Minima Moralia, a.a.O. S. 140 360 Horkheimer, Max/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, zit. in: Hartmut Scheible, Theodor W. Adorno, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 104 X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 166 lehnte und auch das Proletariat in keiner Weise als Protagonisten der Befreiung akzeptieren konnte. Mit zunehmendem Alter sah Adorno keinen Ausweg aus dem erstarrten kapitalistischen Gesellschaftssystem mehr, weil die Verdinglichung selbst das Medium der Aufklärung und die Wissenschaften selbst erfasst hätten. Im Laufe der Menschheitsgeschichte wäre die Vernunft „krank“ geworden, weil sie sich permanent von der Instrumentalisierung, der Unterwerfung der Natur unter das Prinzip der Verwertbarkeit dominieren ließe, bis hin zur totalen Zerstörung – und damit der Menschheit selbst, da sie ja auch in ihrer Ursprünglichkeit Natur wäre. Die Perfektion der Tötungsindustrie hinsichtlich der Juden und anderer Unerwünschter im Nationalsozialismus erhärteten seine negative Weltsicht. Wenngleich er seinen vielzitierten Ausspruch, dass es barbarisch wäre, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, später abmilderte: „Darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben“361; dennoch blieb er nicht weniger kritisch, wenn er fortfährt: „Nicht falsch ist aber die minder kulturelle Frage, ob nach Auschwitz noch sich leben lasse.“362 Es war diese „bürgerliche Kälte“, mit der die Massenvernichtung von Menschen begangen wurde, ohne die „Auschwitz nicht möglich gewesen wäre“.363 Und Adorno befürchtete, dass sich die Individuen an diese Unmenschlichkeiten gewöhnen werden, weil ihnen keine Tötungshemmung qua Instinkt im Wege stehen würde, wie noch ihren älteren Schwestern und Brüdern, den Tieren. Eine solche Welt wäre für ihn keine wirkliche, wahre, sondern unwirkliche, „unwahre“, „falsche“. Er folgerte sogar „Wahrscheinlich wäre für jeden Bürger der falschen Welt eine richtige unerträglich, er wäre zu beschädigt für sie.“364 Denn „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ für Adorno. Deshalb kehrt er Hegels These: „Das Ganze ist das Wahre“ um und behauptet: „Das Ganze ist das Unwahre“ 365 Ganz im Gegensatz zu Ernst Bloch hat Adorno, anstatt des Geistes der Utopie, der Geist der Entropie ergriffen, der sich bereits seit dem ersten schulischen Schock in seiner Kindheit angebahnt hatte. Der einzige Hoffnungsschimmer, der am Hori- 361 Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik, Frankfurt a.M. 1970, S. 353 362 Ebd. 363 Ebd.: S. 354 364 Ebd.: S. 343 365 Adorno, Theodr W.: Minima Moralia, a.a.O., S. 57 2. Theodor W. Adorno 167 zont seines Denkens aufblitzt, ist, dass „die vollendete Negativität, einmal ganz ins Auge gefaßt, zur Spiegelschrift ihres Gegenteils zusammenschießt.“366 Dass also erst im Augenblick des Weltuntergangs, ausgelöst durch die Zerstörungen durch Technik, den Menschen klar wird, was sie falsch gemacht und unwiederbringlich verloren haben. Dass es dann aber für Neuanfang oder Verbesserung endgültig zu spät ist. Gleichzeitig hielt Adorno aber auch diesen winzigen Wimpernschlag menschlicher Erkenntnis für unmöglich: „Aber es ist auch das ganz Unmögliche, weil es einen Standort voraussetzt, der dem Bannkreis des Daseins, wäre es auch nur um ein Winziges, entrückt ist, während doch jede mögliche Erkenntnis nicht bloß dem was ist erst abgetrotzt werden muß, um verbindlich zu geraten, sondern eben darum selber auch mit der gleichen Entstelltheit und Bedürftigkeit geschlagen ist, der sie zu entrinnen vorhat.“367 Diesem zerstörerischen Bannkreis des Daseins, der geprägt wäre von Rückschritten statt Fortschritten, könnte niemand entrinnen: „Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe.“368 Um seine Theorie zu unterstützen, benutzte Adorno die von Hegel entwickelte Methode der Dialektik und besonders deren Kategorie der „bestimmten Negation“. Dass er sich damit vorzüglich auskannte, beweisen seine Beiträge zum, von ihm initiierten, „Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“, in denen er die dialektische Methode gegen den formal-logischen Rationalismus von Karl R. Popper verteidigte.369 Während die „abstrakte Negation“ den Widerspruch eliminiert, indem sie z.B. davon ausgeht, dass A niemals Nicht-A sein kann, wie es die sogenannten Positivisten annehmen, setzte Hegel die „bestimmte Negation“ dagegen, welche behauptet, dass A auch gleich Nicht-A wäre, dass z.B. das Falsche nur die andere Seite des Wahren wäre und beide deshalb eine dialektische Einheit bildeten. In diesem Sinne ist auch Adornos Ausspruch zu verstehen, dass es kein richtiges Leben im falschen geben könnte; Adorno schloss das richtige Leben deshalb nicht, im Sinne der „abstrakten Negation“, aus, 366 Ebd.: S. 334 367 Ebd. 368 Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik, a.a.O., S. 312 369 Adorno, Theodor W.: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, a.a.O., S. 81 ff. X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 168 sondern wollte es nur als das Andere des falschen Lebens verstanden wissen. Richtiges und falsches Leben bildeten auch für ihn eine dialektische Einheit, worin das falsche jedoch die Oberhand hätte. Allerdings verweigerte er sich der optimistischen Weltsicht Hegels, worin sich die permanent auftauchenden gesellschaftlichen Widersprüche letztendlich im Prozess der Geschichte als positive, fortschrittliche auflösen lie- ßen. Stattdessen hob er das Element der „bestimmten Negation“ dieser Methode hervor und betonte, dass sich diese Widersprüche nicht im konstruktiven Sinne auflösen, sondern sich unausweichlich zerstörerisch in der Häufung instrumentell-verdinglichter Scheinlösungen im Dienste der Kapitalakkumulation als menschliches Rückschreiten in die Barbarei, auf die Entropie, den Untergang von Natur und Menschheit zubewegen. Die Widersprüche werden nicht in der positiven Vermittlung als neue Qualitäten des Fortschritts aufgelöst, sondern verharren, ja potenzieren, kumulieren in ihrer Negativität des entfremdeten Bewusstseins der Menschen. Hegels ‚Negation 1 der Negation 2 gleich Position‘ konterkarierte Adorno mit der These ‚Negation der Negation 2 gleich Negation 3‘, also potenzierte Negation. Um diese Differenz zu Hegel nachvollziehen zu können, ist dessen Begriff der „bestimmten Negation“ näher zu erläutern. In der „Phänomenologie des Geistes“ legte Hegel offen, worin er den Grund sah, dass sich die Geschichte, ganz im Sinne Heraklits, in permanenter Bewegung befindet: Es ist der menschliche Verstand. „Die Tätigkeit des Scheidens ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, der verwundersamsten und größten oder vielmehr der absoluten Macht.“370 Der Verstand abstrahiert im Dienste der menschlichen Selbsterhaltung von der Totalität der Gesellschaft, der Welt und all den unendlich vielen Phänomenen, mit denen alles zusammenhängt. Um aber z.B. seinen Hunger zu stillen, muss der Mensch die Frucht vom Baume reißen und sie essen, wenn er überleben will und kann nicht primär den Baum oder Strauch, die Landschaft usw., das ganze Drumherum, das „Ganze“ eben, berücksichtigen. Erst diese Tätigkeit des isolierenden Betrachtens und Handelns im Dienste der unmittelbaren Selbsterhaltung bringt die Erfahrung ins Bewusstsein, dass diese Frucht vielleicht zu sauer, zu bitter 370 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a.M.- Berlin-Wien 1970, S. 28 f. 2. Theodor W. Adorno 169 oder gar giftig war, kann mit ähnlichen gemachten Erfahrungen vermittelt und an andere weitergegeben werden. Erst diese negative Kraft des Scheidens, welche der Verstand bewirkt, bringt Bewegung ins Denken, führt zur Tat und kann die vermittelnde Wirkung der Vernunft erst evozieren. Der Verstand bringt den Widerspruch in die Welt, weil er sich negativ, also abstrahierend, gegenüber dem Ganzen, dem Weltzusammenhang, der Totalität, wie Hegel sagte, verhält. Die Vernunft negiert diese Negation wiederum, indem sie die gemachte Erfahrung zu den übrigen, bereits gemachten Erfahrungen hinzufügt, vermittelt und so im dialektischen Sinne in einer höheren Stufe des Bewusstseins aufhebt, sodass etwas Neues entstehen kann, in dem o.a. Fall vielleicht in der Erkenntnis, dass die Frucht im gekochten Zustand bekömmlich oder sogar gesund sein kann. Die Bändigung und Nutzung des Feuers könnten z.B. auf diesen Erfahrungsprozess zurückgeführt werden. Diese Negation der Negation, die Aufhebung des ersten abstrahierenden Verhaltens seitens des Verstandes, die in eine neue Qualität der Erkenntnis überleitet, nannte Hegel „Position“, weil sie zu einer höheren Stufe in der Erkenntnisleiter führt, und begründete damit seine Idee des Fortschritts. Die Rolle des „absoluten Geistes“, der bei Hegel natürlich der Urheber, der Demiurg allen fortschreitenden Wissens wie des Weltganzen ist, wollen wir an dieser Stelle, ganz im Sinne von Karl Marx und auch Adornos, vernachlässigen. Da nun Adorno die abstrahierende Kraft des Verstandes grundsätzlich in ihrer kapitalistischen, instrumentellen Negation begriffen hat, welche keine vernünftige Vermittlung im Sinne von Fortschritt nach sich ziehen könnte, würde auch die dialektische Bewegung der Negation der Negation keine vernünftige Position bewirken können, sondern die negative Wirkung der Widersprüche nur potenzieren, sodass letztlich die totale Verneinung, die totale Negation in diesem Vermittlungsprozess herauskäme. Während Hegel „das Wahre und Falsche“371 als dialektische Einheit betrachtete, worin es das Wahre nicht ohne das Falsche geben kann und umgekehrt, aber in der sich das Wahre letztlich immer durchsetzt, ist es bei Adorno umgekehrt. Auch er betrachtete Wahres und Falsches als nur zwei Seiten derselben Münze, auf der aber die falsche Seite immer oben sichtbar liegt und das 371 Hegel: Ebd., S. 32 f. X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 170 Wahre immer verdeckt und nur vermutet werden kann; deshalb bestimmte er das Falsche als die dominierende Kraft in dieser instrumentell beherrschten Welt und konnte behaupten, dass es deshalb kein „richtiges Leben im falschen“ geben könnte und dass die eventuelle Erahnung eines möglichen richtigen Lebens nicht ausreichen würde, um die Menschheit zum Umdenken zu motivieren. Während Hegel den Prozess der Verständigkeit als „Werden der Vernünftigkeit“372 wertete, betrachtete Adorno diesen als das Werden der Unvernünftigkeit. Zwar folgte er der Hegelinterpretation von Karl Marx, dass Hegel zuerst das Prinzip der menschlichen Selbstentäußerung als Tätigkeit, als Arbeit, erfasst hätte; jedoch unterlag für Adorno jede menschliche Tätigkeit dem kapitalistischen Prinzip der Entfremdung, Verdinglichung, aus deren Bann auch die vermittelnde Vernunft sich nicht befreien könnte, weil von einem rein zweckrational agierenden Verstand kein wahrhaft vernünftiger Impuls ausgehen würde. Für Adorno stellte sich die menschliche Geschichte als ein Prozess, ausgehend von der Erfindung der „Steinschleuder“ bis hin zur Entwicklung der „Megabombe“, dar. Dass es die Menschheit immerhin z.B. zur Konstituierung einer Demokratie gebracht hat, konnte in ihm keine Zukunftshoffnung auslösen. Die erlebten Schockwirkungen, deren letzte noch die Auseinandersetzungen mit seinen Studenten und Studentinnen in den Jahren 1968/69 waren und er glaubte, die Polizei rufen zu müssen, weil Studenten sein Institut in Frankfurt besetzen wollten, prägten den Rest seines Lebens derart, dass er den Blick auf das Fortschrittliche in der Geschichte völlig ausblendete, ja verlor. Seine Irritationen, welche die barbusig tanzenden Studentinnen um ihn herum auslösten, sowie die Abwendung eines seiner Lieblingsstudenten, Hans-Jürgen Krahl, der dabei war, bei ihm zu promovieren, bedeuteten einen Bruch in seiner Lehrtätigkeit, der noch erhärtet wurde, als er in einem anschließenden Prozess gegen Krahl vor Gericht, wegen dessen Auftreten als Rädelsführer während der Studentenunruhen, aussagen musste. Als der Staatsanwalt dann noch andeutete, dass er Adorno für den eigentlichen Verursacher der studentischen Ausschreitungen hielt, floh dieser förmlich, er, der jede Gewalt ablehnte und sich total missverstanden 372 2. Theodor W. Adorno 171 fühlte, in die Schweiz, wo er üblicherweise die Ferien mit seiner Frau verbrachte. Dass er dort am 6. August 1969 einem Herzinfarkt erlag, erschütterte die Öffentlichkeit, aber viele seiner Freunde verwunderte es nicht. Für sein bereits geschwächtes Herz war wahrscheinlich der letzte Schock einer zu viel. Vielleicht wird man Genaueres über den Lebensweg Theodor W. Adornos erfahren, wenn seine handschriftlich verfassten Tagebücher, die noch unveröffentlicht im Adorno-Archiv in Frankfurt am Main lagern sollen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Jürgen Habermas Anfang der siebziger Jahre konfrontierte mich einer meiner Kommilitonen mit dem Taschenbuch des Suhrkamp-Verlages „Technik und Wissenschaft als Ideologie“373 von Jürgen Habermas, das wir dann, wie es in den Siebzigern an deutschen Hochschulen noch üblich war, in einem schnell gegründeten Arbeitskreis, mit gleichgesinnten und wissensdurstigen Kollegen und Kolleginnen diskutierten. Da angesichts der schwierigen, weil viel Wissen voraussetzenden Thematik, die Lektüre- und Diskussionsausdauer der meisten Mitstreiter relativ schnell stark nachließ und man sich mehrheitlich im Nebenraum bereits dem Genuss von bereitgestelltem Rotwein und Knabbergebäck hingab (unsere Diskussionsrunden, die wir im platonischen Sinne und um der Auserlesenheit Willen „Symposion“ nannten, erfolgten wechselweise bei jedem von uns, unter Bereitstellung des gemeinsam finanzierten ‚Studentenfutters‘) blieb ich mit Gerd Siepmann dem Bann der Habermas-Lektüre verhaftet, der uns bis in die frühen Morgenstunden gefesselt hielt. Auch später ließ mich diese Lektüre nicht los, da ich in ihr eine Hilfe zum besseren Verständnis der geistigen Situation der Zeit und besonders von Marx und Hegel, die damals im Hauptinteresse unseres Erkenntnisstrebens lagen, erahnte und auch später fand.374 Imponiert 3. 373 Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt a.M. 1969 374 Weingartz-Perschel, Karin: Darstellung des Begriffs der Arbeit als marxistische Zentralkategorie unter Berücksichtigung der Freudschen Libidotheorie, Frankfurt a.M. 1981, S. 43 ff. X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 172 hatte mir Habermas bereits mit seiner Darstellung der dialektischen Methode und ihrer Verteidigung gegen Karl Poppers und Hans Alberts sogenanntem Positivismus, die mir, im Gegensatz zu Theodor W. Adornos Ausführungen zur Dialektik, sehr klar und einleuchtend vorkamen.375 Heute interessiert mich besonders, wie denn ein so international geachteter und gefeierter Denker zu einem solchen werden konnte, wer und was seinen Lebensweg bestimmt haben müssen, damit jemand sich solchen ungeheuren kognitiven Anstrengungen aussetzt, auf welche das immense, ungewöhnliche Wissensreservoir von Habermas schließen lässt. Am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren und aufgewachsen in der rheinischen Kleinstadt Gummersbach, begann schon früh seine persönliche Leidensgeschichte, von der er später selbst vermutete, dass sie sein Leben entscheidend geprägt hätte: Eine Gaumenspalte, ein sogenannter ‚Wolfsrachen‘, und die damit verbundenen vielen Operationen, die er bereits als Kleinkind über sich ergehen lassen musste, bestimmten sein Schicksal weitestgehend. Müller-Doohm bemerkt zu Recht, dass diese frühen Leidenserfahrungen „zeit- und lebensgeschichtlich…eine große Rolle (spielen). Sie sind so etwas wie die Magnetnadel eines Kompasses, der die Richtung der persönlichen Entwicklung anzeigt, ohne die Wahl des richtigen oder des bereits eingeschlagenen Weges zu garantieren.376 In seiner Kyoto-Rede nennt Habermas selbst drei wesentliche Erfahrungen in seiner Entwicklungsgeschichte, die sich maßgeblich in seiner Kommunikationstheorie niedergeschlagen haben: Einmal die vielen Operationen in seiner frühen Kindheit, die er wegen seiner Gaumenspalte hat über sich ergehen lassen müssen. Dann die letztlich doch verbleibende Sprachbehinderung. Und schließlich die Diskriminierungen, die er wegen seiner Sprachbehinderung erfahren musste. Er lernte früh, die Bemühungen der Ärzte und die liebevolle Zuwendung seiner Familie dankbar zu schätzen, die versuchten, mit großem Engagement sein Leiden zu beheben oder so weit als möglich zu lindern, was in ihm die Überzeugung wachsen ließ, auf 375 Habermas, Jürgen: Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik, in: Theodor W. Adorno, Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, a.a.O. S. 155 ff. 376 Müller-Doohm: Jürgen Habermas, eine Biographie, Berlin 2014, S. 564 3. Jürgen Habermas 173 Mitmenschen angewiesen zu sein und ihre Bereitschaft zu Hilfe und Kommunikation als wesentliches Element des menschlichen Zusammenlebens zu erfahren. Diese Einsicht führten später auch zu seinen theoretischen „Ansätzen, die die intersubjektive Verfassung des menschlichen Geistes betonen.“377 Seine Sprachbehinderung hat ihn zeitlebens das geschriebene Wort bevorzugen lassen, weil er seinen Makel dahinter verstecken konnte. „Die schriftliche Form verschleiert den Makel des Mündlichen“378 Die unangenehme Betroffenheit seiner Gesprächspartner bis hin zum diskriminierenden Verhalten seiner Umwelt, die seine extrem nasale Sprechweise hervorrief, hat seine besondere Sensibilisierung hinsichtlich gelingender sprachlicher Kommunikation bewirkt und ihn motiviert, sein großes Interesse für die Voraussetzungen und Bedingungen eines gelingenden oder misslingenden Diskurses zu entwickeln. Er selbst beklagte, dass die Beeinträchtigungen seiner Sprachkompetenz durch die Gaumenspalte und die damit verbundenen Kommunikationsschwierigkeiten und Kränkungen in der Jugendzeit auf die immense Dimension der Bedeutung von Anerkennung im sprachlichen Medium verweisen, die Habermas ihr beimisst.379 Es sind die lebensgeschichtlichen Erfahrungen, welche die Intuitionen wecken und prägen, die sich später in Gedanken niederschlagen. Habermas formuliert es auf den Punkt, dass es seine Intuitionen seien, die er „nicht durch Wissenschaft erworben habe,“ sondern durch sein kindliches Umfeld, in dem man aufwächst, „in einer Umgebung mit Menschen, mit denen man sich auseinandersetzen muss und in denen man sich wiederfindet.“380 Deshalb hat Müller-Doohm auch ein diesbezügliches Zitat von Jürgen Habermas seiner Biografie vorangestellt: „Unsere Lebensform ist mit der Lebensform unserer Eltern und Großeltern verbunden durch ein schwer entwirrbares Geflecht von familialen, örtlichen, politischen, auch intellektuellen Überlieferungen – durch ein geschichtliches Milieu also, das uns erst zu dem gemacht hat, 377 Habermas, Jürgen: Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt a.M. 2005, S. 17f. 378 Ebd.: S. 2o 379 Ebd.: S. 16 f. 380 Habermas, Jürgen: Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt a.M. 1985, S. 206 X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 174 was und wer wir heute sind.“381 Jedoch sind von den Intuitionen selbst keine Erkenntnisleistungen zu erwarten. Sie sind lediglich die kognitiven Auslöser wie „eine Art Scharnier zwischen lebensgeschichtlicher Erfahrung und der Entstehung von Gedanken… Aber sie geben den Anstoß zu theoretisch reflektierten Überzeugungen und intellektuellen Leistungen“.382 Habermas wuchs in einem liberalen protestantischen und bildungsbeflissenen Elternhaus auf. Der Vater war promovierter Wirtschafts- und Staatswissenschaftler, arbeitete vorübergehend als Lehrer für Deutsch, Englisch und Französisch und bekleidete schließlich eine Stelle als Syndikus der Industrie- und Handelskammer. Die Mutter, Anna Amalie Margarete, widmete sich, wie es damals üblich war, ganz der Erziehung ihrer drei Kinder, dem ältesten Sohn, Hans-Joachim, dem mittleren, Jürgen, und der 1937 geborenen Tochter Anja. Die Eltern ermöglichten allen drei Kindern ein Hochschulstudium, das alle drei mit Erfolg abschlossen. Aus der nationalkonservativen Orientierung des Elternhauses heraus, der Vater war Wirtschaftsberater der NSDAP, wurde Jürgen mit zehn Jahren Mitglied des Deutschen Jungvolkes. Allerdings hatte der kleine Jürgen keine Aufforderung zum Beitritt erhalten, wie es üblich war und er fühlte sich benachteiligt und aufgrund seiner Sprachbehinderung, deretwegen er schon so vielen Diskriminierungen ausgesetzt war, ausgeschlossen. Er wurde erst auf Drängen und Intervenieren seines Vaters aufgenommen. Er ahnte wohl den Grund, warum man ihn in den nationalsozialistischen Organisationen nicht haben wollte, denn er kannte das Biologielehrbuch der Schule, in dem u.a. die Gaumenspalte als „Erbkrankheit“ bezeichnet wurde. Als Fünfzehnjähriger sollte er als Fronthelfer an den sogenannten Westwall delegiert werden und erhielt dann im Februar den Gestellungsbefehl der Wehrmacht, dem er versuchte zu entgehen, indem er sich bei Bekannten versteckt hielt. „Dann kamen am 10. März Gottseidank die Amis.“383 Jürgen Habermas scheute die Auseinandersetzung mit seinem Vater wegen dessen Nazi-Mitgliedschaft, obwohl er sie kritisierte. Später, im März 1999, räumte er in einem Artikel der Zeit ein. „Da wir nicht wissen können, wie wir selbst uns verhalten 381 Habermas, Jürgen: Zit. in: Müller-Doohm, Jürgen Habermas, a.a.O., S. 25 382 Müller-Doohm: a.a.O., S. 565 383 Ebd.: S. 37 3. Jürgen Habermas 175 hätten, erklärt sich eine gewisse Zurückhaltung in der moralischen Beurteilung der Fehler der eigenen Eltern und Großeltern nicht nur aus der psychologisch erklärbaren Hemmung gegenüber den Nächsten. „384 Schon aufgrund seiner Sprachbehinderung konnte sich Habermas dem NS- Regime und der Ideologie der Rassenreinheit nie ganz zugehörig fühlen. Das hat ihn einerseits vor einer Mittäter- oder Mitläuferschaft bewahrt, aber ihn andererseits unter dem Gefühl des Ausgeschlossenseins leiden lassen. Der verlorene Krieg, die totale Kapitulation, die Zerstörungen und die massenhafte barbarische Vernichtung von Menschenleben bedeuteten für den jungen Habermas eine Zäsur, die bei ihm die existenziellen Denkprozesse ausgelöst hätte, „ohne die ich wohl kaum zur Philosophie und Gesellschaftstheorie gelangt wäre.“385 Die Nachrichten über die Ungeheuerlichkeiten und das Ausmaß der Naziverbrechen, die nach und nach auch den Sechzehnjährigen erreichten, bewirkten auch im jungen Habermas, wie bei so vielen seiner Altersgruppe, sich rückhaltlos für die Idee der Demokratie einzusetzen, damit niemals mehr ein solcher ‚Rückfall in die Barbarei‘ geschehen könnte. „Habermas verkörperte diese Haltung in der Tat exemplarisch. Er wollte kein angepasster Demokrat sein, sondern er wollte aktiv teilnehmen. Er war intellektuell neugierig und begann von nun an, sich eingehend über das politische Geschehen zu informieren.“386 Zunächst war auch im Elternhaus die Not groß und Jürgen verdingte sich einmal bei einem Bauern in der Nachbarschaft, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Wie häufig erfuhr er auch dort die Hänseleien der Arbeiter wegen seiner Sprachbehinderung und warf erzürnt die Arbeit hin. Sein früher Kontakt mit den vielen Ärzten und medizinischen Einrichtungen hatte ihn zunächst dazu bewogen, Medizin zu studieren. Nun aber, irritiert durch das Zeitgeschehen und die Verunsicherung, dass sich diese Kriegs- und Ideologiekatastrophe wiederholen könnte, wandte er sich der Philosophie und Soziologie zu, um mittels ihres Studiums hinter die Beweggründe eines solch katastrophalen menschlichen Versagens zu gelangen, um so dazu beitragen zu können, zukünftige Wiederholungen zu verhindern. Schon vor seiner Aufnahme des Studiums beschäftigte er sich mit der Lektüre der 384 Ebd.: S. 40 385 Ebd.: S. 48 386 Müller-Doohm, Stefan: Jürgen Habermas, a.a.O., S. 47 X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 176 Schriften von Marx und Engels, Stalin und Plechanow, Herder und Kant, die er besonders im Bücherschrank seines Onkels, in der Gummersbacher Bibliothek und auch in einer kleinen ortsansässigen kommunistischen Buchhandlung fand. Im Sommer 1949 schrieb er sich als Student der Philosophie an der Universität in Göttingen ein. Als Nebenfächer wählte er Geschichte, Psychologie, Literaturwissenschaft und Ökonomie. Dank der finanziellen Unterstützung durch den Vater wechselt er bereits 1950 an die Universität Zürich und ein Jahr später an die Bonner Universität, wo er 1954 bei Erich Rothacker und Oskar Becker mit einer Dissertation über Schelling promovierte. 1955 heiratete er Ute Wesselhoeft, die er bereits während seines Studiums an der Bonner Universität kennen- und lieben gelernt hatte und die seine Interessen voll und ganz teilte. Sie war in den Studienfächern Germanistik und Geschichte eingeschrieben und arbeitete später im Schuldienst. Ihr Elternhaus war protestantisch geprägt und stand dem Nationalsozialismus kritisch bis ablehnend gegenüber. Schon 1956 gelangte Habermas mittels eines Stipendiums an das Frankfurter Institut für Sozialforschung, wo er als Assistent von Adorno tätig war und mit dessen „Kritischer Theorie“ in Berührung kam, die er später wegen ihrer defätistischen Beurteilung der Epoche der Aufklärung kritisierte. Im Gegensatz zu Adorno, der ihn förderte, erfuhr er von Horkheimer Ablehnung wegen seines Engagements in der Studentenbewegung. Horkheimer befürchtete, dass das Institut deswegen politischen Schaden nehmen könnte. Die erhoffte Möglichkeit, sich an der Frankfurter Universität zu habilitieren, scheiterte damit. Deshalb verließ Habermas Frankfurt und ging nach Marburg, wo er 1961 bei Wolfgang Abendroth mit der Schrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ seine Habilitation erreichte. Während seines Frankfurter Aufenthaltes begegnete er u.a. Herbert Marcuse, der ihn besonders mit dem Denken von Marx und Freud vertraut machte. Seitdem beschäftigte er sich zunehmend mit Marxens Arbeitsbegriff sowie Freuds Psychoanalyse, aus deren therapeutischer Sprechsituation zwischen Therapeut und Klient er später seine Idee des „herrschaftsfreien Dialogs“ entwickelte. Leider hat er Freuds Libidotheorie kaum aufgenommen, sondern sich auf die vernunftgeleitete Sprachsituation konzentriert, was vielleicht auf seine ge- 3. Jürgen Habermas 177 störte körperliche Selbstwahrnehmung wegen seiner Gaumenspalte zurückzuführen ist. Bevor er 1964, ausgerechnet als Nachfolger Horkheimers, als Professor auf den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an die Universität in Frankfurt berufen wurde, hatte er bereits, auf Betreiben Gadamers, als außerordentlicher Professor an der Universität Heidelberg gelehrt. Gastprofessuren in den USA folgten. Seine sprachtheoretischen Forschungen verdichteten sich, was, wie er selber einmal formulierte, durchaus mit dem eigenen empfundenen Makel der Sprachbehinderung zu tun gehabt hätte. Das starke „Interesse, den Bedingungen für das Gelingen beziehungsweise Misslingen sprachlicher Kommunikation nachzugehen sowie die Genese und Wirkungsweise von moralischen Grundsätzen und sozialen Normen des Zusammenlebens zu erforschen, führt er selbst auf diesen Makel und die damit verbundenen Erfahrungen zurück.“387 Habermas selbst hat zeitlebens die schriftliche Form der Sprache gegenüber der mündlichen bevorzugt, denn „die schriftliche Form verschleiert den Makel des Mündlichen.“388 Vielleicht hat dies 1971 seinen Entschluss verstärkt, an das Max-Planck-Institut am Starnberger See zu wechseln, um sich dort ganz mit einer ausgewählten Kollegenschaft der sozialwissenschaftlichen Forschung zu widmen und so dem Vorlesungszwang, dem öffentlichen mündlichen Vortrag an den Universitäten, zu entgehen. Auch fühlte er sich in Frankfurt nicht mehr wohl, da ihn seine Konflikte mit den Studenten wegen Fragen der Studienreform und des Vorwurfes, er hätte Verrat an der „Kritischen Theorie“ und der Auslegung des Marxismus begangen, bedrückten. Demonstrationen und Institutsbesetzungen seitens der Studentenschaft waren für Habermas von notwendiger Aufklärung weit entfernt. Zentral blieben seine Forschungen zur menschlichen Kommunikationsfähigkeit und besonders der Sprache. Sie hält er für das menschliche Monopol schlechthin, das den homo sapiens grundsätzlich vom Tier unterscheidet. „Zurückgreifend auf aktuelle Forschungen von Michael Tomasello bekräftigt er seine Überzeugung von der triadischen Struktur der Sprache, die eben darin bestehe, dass Sprecher und Hörer sich mit einer wechselseitig geteilten 387 Müller-Doohm: A.a.O., S. 564 f. 388 Habermas, Jürgen: Zit. in: Müller-Doohm, ebd., S. 564 X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 178 Intention auf etwas in der Welt beziehen.“389 Während der Zeit am Starnberger See entstand auch sein opus magnum, „Theorie des kommunikativen Handelns“, das 1981 veröffentlicht wurde. Im selben Jahr beendete Habermas seine Arbeit am Max-Planck-Institut, da er seine Vorstellungen von effektiver gemeinsamer Forschung als nicht mehr gewährleistet ansah. Inzwischen war sein Ruf als außergewöhnlicher Philosoph und Sozialwissenschaftler international bekannt, sodass auch die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt wieder an ihm interessiert war. 1980 hatte ihm die Stadt Frankfurt am Main bereits den Theodor W. Adorno-Preis verliehen. Im Oktober 1981 wurde er zum Professor für Sozial- und Geschichtsphilosophie ernannt. Viele nationale und internationale Ehrendoktorwürden und Auszeichnungen folgten. Sein Hauptinteresse gilt nach wie vor der Ergründung und Weiterentwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und knüpft, ganz im Gegensatz zu Horkheimer und Adorno, an die Errungenschaften und Ideale der Aufklärung an, weshalb man ihn auch nicht als Nachfahren der sogenannten „Frankfurter Schule“ bezeichnen sollte. Er kritisiert, dass deren „berechtigte Kritik an einer auf die instrumentelle Dimension der Vernunft begrenzte Auffassung der Vernunft nicht dahin führen (darf), das Vernunftprojekt im Ganzen zu verwerfen.“390 Sein Glaube an die Möglichkeit der Verwirklichung einer vernünftigen demokratischen Gesellschaft, die von mündigen und emanzipierten Bürgern gestaltet wird, ist ungebrochen. Deshalb hält er es für die Aufgabe seiner „Theorie des kommunikativen Handelns, die in die kommunikative Alltagspraxis eingelassene Vernunft aufzusuchen und aus der Geltungsbasis der Rede einen unverkürzten Begriff der Vernunft zu rekonstruieren.“391 Diesen Glauben unterlegt er mit seinen ungeheuer vielen wissenschaftlichen Studien, die ihm den Namen eines Universalgelehrten eingebracht haben. Das Prinzip der menschlichen Mündigkeit durch Sprache ist axiomatisch für sein Werk. Hierauf beruht sein ganzes wissenschaftliches Gebäude der „Theorie des kommunikativen Handelns“, die er auch als „Theorie der Moderne“ verstanden 389 Müller-Doohm: A.a.O., S. 519 390 Greve, Jens: Jürgen Habermas, Eine Einführung, Konstanz 2009, S. 18 391 Habermas, Jürgen: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt a.M. 1989, S. 605 3. Jürgen Habermas 179 wissen will.392 „Mündigkeit ist die einzige Idee, deren wir im Sinne der philosophischen Tradition mächtig sind; denn jedem Akt des Sprechens wohnt das Telos der Verständigung schon inne. Verständigung ist ein normativer Begriff; jeder, der eine natürliche Sprache spricht, kennt ihn intuitiv und traut sich darum zu, grundsätzlich einen wahren von einem falschen Konsensus zu unterscheiden. In der philosophischen Bildungssprache nennen wir dieses Wissen a priori oder ‚angeboren‘.“393 Mit der Sprache setzt sich Natur als Welt und hebt den Menschen aus dem animalischen Zustand heraus, so dass er sich – ganz im Hegelschen Sinne – als Subjekt wie als Objekt begreifen kann. „Denn ein tierischer Organismus kann nicht in demselben Sinn für sein Verhalten verantwortlich gemacht werden wie ein sprach- und erkenntnisfähiges Subjekt für seine Handlungen.“394 Mittels Sprache kann er unterscheiden und zugleich das Unterschiedene wiedererkennen; es stellt sich Gedächtnis ein, so dass das Bewusstsein gleichzeitig bei den Gegenständen und bei sich selbst sein kann. „Das Interesse an Mündigkeit schwebt nicht bloß vor, es kann a priori eingesehen werden. Das, was uns aus Natur heraushebt, ist nämlich der einzige Sachverhalt, den wir seiner Natur nach kennen können: die Sprache. Mit ihrer Struktur ist Mündigkeit für uns gesetzt.“395 Zur Veranschaulichung bezieht sich Habermas das Hegel-Beispiel des Vertrages, um die normative Kraft des gesprochenen Wortes zu belegen. Der Vertrag ist die Grundlage der gegenseitigen Anerkennung der Individuen in Form gelingender Interaktion.396 Im Unterschied zu Marx, der die menschliche Tätigkeit, die Arbeit, zur Axiomatik seines historisch-dialektischen Materialismus macht, setzt Habermas die Sprache als der Arbeit vorausgehende Qualität voran. Erst die Sprachkompetenz könne zu gelingender Tätigkeit und Interaktion führen. Um zum Gelingen eines „herrschaftsfreien Dialogs“, den Habermas als Quasi-Utopie seiner Theorie des kommunikativen Handelns implementiert, beizutragen, 392 Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns, 2. Bd., Frankfurt a.M. 1981, S. 593 393 Habermas, Jürgen: Theorie und Praxis, Frankfurt a.M. 1972, S. 23 f. 394 Habermas, Jürgen: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns, a.a.O., S. 13 395 Habermas, Jürgen: Technik und Wissenschaft als Ideologie, Frankfurt a.M. 1968, S. 163 396 Ebd.: S. 34 X. Drei Beispiele typisch intellektueller Werdegänge 180 ist es von großer Bedeutung, den Begriff der Arbeit zu erweitern, indem zwischen technologisch-rationalem und kommunikativem Handeln unterschieden wird. Ersteres ist als naturwissenschaftlich dinglich zu verstehen, das in der Hauptsache auf der formalen Logik der Naturwissenschaften basiert, und letzteres als dialektisch interaktiv, das hauptsächlich auf Intersubjektivität und gegenseitiger Akzeptanz beruht. Während das instrumentelle Handeln seine Entwicklungslogik wesentlich auf empirisch-analytische Weise dem Gegenstand seiner Untersuchung entlehnt, folgt das kommunikative Handeln, die Interaktion, der Moral und den Normen der Gesellschaft, dem „institutionellen Rahmen“. Nun darf das instrumentelle, rein auf Verwertbarkeit ausgerichtete, Handeln die Gesellschaft nicht dominieren, so wie es im jetzt herrschenden Kapitalismus der Fall ist und Entfremdung und Verdinglichung der Individuen nach sich zieht, sondern muss unter das kommunikative subsumiert und in der Anwendung im Sinne des Humanum kontrolliert und gesteuert werden. Dies wäre nur mit der Förderung des herrschaftsfreien Dialogs möglich und könnte somit zur menschenwürdigen Gestaltung der Gesellschaft, ja der ganzen Welt führen. Die „lösende Kraft der Reflexion“, welche zur zwanglosen Kommunikation, dem herrschaftsfreien Dialog über die „Intention des guten Lebens“397, führe, könnte allein der Tradition der Aufklärung gerecht werden. Sein unerschütterlicher Glaube an die Möglichkeit, dass die Menschen herrschaftsfrei miteinander kommunizieren könnten, resultiert aus seiner Axiomatik, dass einem jeden die Mündigkeit mit der Sprachbegabung in die Wiege gelegt wäre. Habermas fasst den Menschen also primär, durchaus auch im Sinne Kants, als Vernunftwesen auf. Er scheint davor zurückzuschrecken, ihn, eher im Sinne Freuds, als ‚ziemlich umfängliches Triebwesen‘ zu begreifen, das erst durch die Regung seiner libidinösen Wunschvorstellungen zum Nachdenken und zur Notwendigkeit von Verständigung angeregt wird. Doch seine lebenslange Bewunderung normaler Sprechakte, die ihm wegen seiner Sprachbehinderung und seines extremen Näselns verwehrt sind, lie- ßen das Phänomen der Sprache zur tragenden Säule seiner Theorie der Moderne, des kommunikativen Handelns werden. 397 Ebd.: S. 119, 99 3. Jürgen Habermas 181

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References

Zusammenfassung

Niemand hat von Kindheit an den Wunsch, Intellektueller oder Intellektuelle zu werden. Dies geschieht im Laufe des Lebens früher oder später, und man weiß nicht genau, warum. Intellektuelle sind es, die das Denken der Epoche, in der sie leben, besonders sensibel aufnehmen, hinterfragen, kritisieren und beeinflussen. Sie riskieren, als Außenseiter ignoriert, als Phantasten belächelt, als Kritiker abgelehnt, missverstanden oder gar bekämpft zu werden. Intellektuelle sind unbequeme Zeitgenossen, die der innovativen Fortentwicklung der Gesellschaft dienen. Ihr besonders ausgeprägtes Reflexionsvermögen versetzt sie in die Lage, Tendenzen und Gefahren einer gesellschaftlichen Entwicklung frühzeitig auf Grund ihrer ausgeprägten Sensibilität zu erfassen und zu thematisieren. Sie halten es in der Regel für unangebracht, ihre Leiden und Probleme und die existenziellen Konflikte, die sie als Kinder und Jugendliche belasteten, preiszugeben. Und doch liegt gerade in ihren Biografien der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, warum sie sich zu Intellektuellen entwickelt haben. Außerdem stellt sich die Frage, warum relativ wenige Frauen der Intellektuellengruppe angehören. Das vorliegende Buch ist eine Annäherung an das vielschichtige Phänomen des Intellektuellen und entwirft vor dem Hintergrund biografischer Entwicklungslinien ein umfassendes Panorama seiner Charakteristika.