VIII. Der authentische Intellektuelle in:

Karin Weingartz-Perschel

Mythos Genie, page 127 - 140

Die intellektuelle Erfahrung des Mangels

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4292-2, ISBN online: 978-3-8288-7200-4, https://doi.org/10.5771/9783828872004-127

Tectum, Baden-Baden
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Der authentische Intellektuelle Als wirklichen, authentischen, auf der Höhe des Wissens unserer Zeit stehenden Intellektuellen kann ich nur denjenigen bezeichnen, der sich bewusst ist, dass sich die persönliche Umwelt der Individuen von der gesamtgesellschaftlichen, globalen immer unterscheiden wird, weil sie die eigene interne Lebenswelt kennen und verstehen und die außerhalb derselben existierende, die externe Welt, nur relativ wenig, mögen sie auch noch so weit gereist sein. Zu Eltern, Kindern, Freunden, Verwandten gelten andere Beziehungsformen als zu Staaten, Behörden, Institutionen oder Politikern. Mitgefühl, Zuneigung, Liebe, Verantwortung, Opferbereitschaft haben ihren ersten Platz in der Familie, der Gruppe, der Verwandtschaft. Diese Gefühle zu Tugenden eines ganzen Staates, gar der Welt, erheben zu wollen, wie es der Kommunismus/ Sozialismus fordert, bleibt ein unmögliches, ja desaströses Unterfangen, wie die Geschichte gelehrt hat. Die Auffassung des Faschismus, dass ‚Du nichts bist – Dein Volk alles ist‘, führt ebenso ins Desaster, wie die Geschichte gezeigt hat. Dennoch gibt es heute noch Vertreter beider Varianten, die sich Intellektuelle nennen. Auch diejenigen verstehen sich als Intellektuelle, welche selbst von der Zerstörung der Welt durch die Intellektuellen sprechen.263 Roland Baader ist davon überzeugt, dass nur eine „Re-Christianisierung des Abendlandes“ aus der Zerstörungssackgasse führen könnte.264 Dazu schlägt er die Privatisierung des Bildungswesens und die der karikativen Institutionen vor. Damit kämen auch die christlichen Kirchen aus ihrem machtpolitischen Bannkreis des Staates und den parteipolitischen Abhängigkeitsstrukturen heraus und könnten sich wieder ihren eigentlichen Aufgaben zuwenden: „der Erziehung, der Herzens- und Seelenbildung, der VIII. 263 Baader, Roland: totgedacht, Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören, Gräfelfing 2002 264 Ebd.: S. 201 127 auf Freiwilligkeit fußenden karikativen Hilfe – und nicht zuletzt der Offenbarung als der wichtigsten und größten Wahrheiten.“265 Der gelernte Diplom-Volkswirt Baader ist bekennender Hayek- Schüler und Verfechter der liberalen Marktwirtschaft. Es verwundert deshalb nicht, dass er die Intellektuellen als eine Gefahr betrachtet, die seine Weltordnung bedrohen. Er unterscheidet die Intellektuellen grundsätzlich in politische und unpolitische. Beiden Gruppierungen unterstellt er gleichermaßen einen Zerstörungswillen hinsichtlich der freien Marktwirtschaft und des Privateigentums. Sie unterscheiden sich lediglich in ihren Motivationen. Die Politischen wollen so schnell wie möglich an die Macht gelangen und die Unpolitischen wollen so kurzfristig wie möglich die Massen von ihren Heilsideen überzeugen. Deshalb sind es die „Ziele und Motive der politischen Eliten, weil sie aus Gründen des Machtgewinns und Machterhalts die langfristigen Interessen der Bürger vernachlässigen müssen, und die Ziele und Motive der wohlfahrtspriesterlichen Intellektuellen“, weil sie „ihre Herrschaftsund Sinnvermittlungs-Klientele nicht auf eine jenseitige Ewigkeit vertrösten (können). Diesseitsparadiese haben einen kurzen Zeithorizont und ihre Priesterkaste hat es eilig.“ 266 Baader aber verteidigt vehement Privateigentum und die Institutionen Familie und Unternehmertum, welche „das langfristige Wohl einer ganzen Volkswirtschaft über die kurzfristigen Glückseligkeiten ihrer Mitglieder stellen. Denn: Die Erhaltung und Vermehrung des gesamtwirtschaftlichen Kapitalstocks ist…die Ursache und Grundbedingung des Wohlstands der Nationen.“267 Baader geht sogar so weit, den Sozialstaat für eine Utopie zu halten, deren Verwirklichungsversuche nur zur Dauerkrise führen kann.268 Und Rousseau nennt er als den Hauptschuldigen für das „gesellschaftszerstörerische Denken abendländischer Intellektueller“, die sich für den Sozialstaat einsetzen.269 Schul- und Hochschulbildung soll privatisiert und nicht staatlich subventioniert werden, damit die Intellektuellen markttauglicher werden und es, statt „Schmarotzer-Eliten“ 265 Ebd.: S. 202 266 Ebd.: S. 261 267 Ebd.: S. 26o 268 Ebd.: S. 254 269 Ebd.: S. 239 VIII. Der authentische Intellektuelle 128 wieder „Leistungs-Eliten“ gibt.270 Hier spricht der Unternehmer, ein Populist und kein Intellektueller. Ganz anders denkt Jens Reich über die Intellektuellen. Er setzt auf eine friedliche Revolution, deren „Licht aus dem Osten kommen wird“ und als deren Vorläufer er „den Herbst 1989“ in der ehemaligen DDR betrachtet.271 Indizien für die kommende Umwälzung der kapitalistischen Gesellschaft sieht er bereits darin, dass die Fülle marktwirtschaftlicher Produktion „unerträglich“ werden wird. „Der Stau im Stadtzentrum wird nicht mehr mit masochistischer Lust zu ertragen sein. Die Stresskopfschmerzen vom Leerlauf im Alltagsrad werden die Hirnschale sprengen. Der leere Konsum, von Bedürfnisartefakten getrieben, wird in Überdruß umschlagen…Es wird eine Gier nach Genügsamkeit geben…Verlangt ist, bei einer Entscheidung vom unmittelbaren Genuß für sich selbst abzusehen und stattdessen den Lohn als Ansehen in der Gemeinschaft, der Sippe, der Gruppe, dem Clan usw. zu erhalten.“272 Diametral entgegengesetzter Meinung ist Thomas Hecken. Er verteidigt den Konsum und die umfangreichen Genussangebote der kapitalistischen Marktwirtschaft.273 Er wirft den Intellektuellen im allgemeinen ihre Konsumkritik vor und fordert von ihnen, sich zum Ziel zu setzen, mit ihrer Argumentation „das private, bequeme, konsumierende Leben zu garantieren und auszuweiten.“274 Hecker kritisiert „die asketischen Selbstübersteigerungen, heroischen Denkakte und weltanschaulichen Unbedingtheiten…die Verachtung des privaten, unspektakulären Alltags“ der Intellektuellen. Ihnen fehle das Verständnis für „hinreichende Möglichkeiten für ein angenehmes und auch sinnvolles Leben“, für die vielfältigen Möglichkeiten der „Auswahl…Zurschaustellung und Aneignung von Kleidungsgegenständen, DVDs, Fahrrädern, Kosmetika, Fernsehapparaten, Besteck, Autozubehör, Kissenbezügen, Sexspielzeugen…usf.“275 Bereits in der Einleitung zu seinem 270 Ebd.: S. 267 271 Reich, Jens: Abschied von den Lebenslügen, Die Intelligenz und die Macht, Berlin 1992 272 Ebd.: S. 169 ff. 273 Hecken, Thomas: Das Versagen der Intellektuellen, Eine Verteidigung des Konsums gegen seine deutschen Verächter, Bielefeld 2010 274 Ebd.: S. 230 275 Ebd.: S. 229 VIII. Der authentische Intellektuelle 129 Buch benennt er das, nach seinem Verständnis, Versagen der Intellektuellen in dreifacher Weise: „1. Weil die meisten von Ihnen sich selbst die nähere Wahrnehmung und den möglichen Genuss des aus ihrer Sicht gewöhnlichen Konsum versagen; 2. Weil sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten…große Anstrengungen unternehmen, anderen die Möglichkeiten eines gesteigerten Konsums zu versagen – indem sie darauf hinwirken, dass bestimmte Konsummöglichkeiten untersagt werden, und vor allem indem sie dem Konsum prinzipiell eine Absage erteilen und für ein anderes Leben eintreten; 3. Weil diejenigen unter ihnen…wahrscheinlich unumgänglich versagen müssen, wenn es darum geht, die Notwendigkeit dieses Schritts plausibel zu begründen…, wenn man die kulturellen Vorlieben des großen Teils der Leute, die ein geringes oder mittleres Einkommen haben, geringschätzt.“276 Intellektuelle sind weder genussfeindlich gesinnt noch haben sie Interesse daran, anderen Konsummöglichkeiten zu untersagen oder diese gering zu schätzen. Wichtig ist ihnen, dass die eigenen empfundenen Widersprüche und die mit und in ihrer Umwelt wie der Gesellschaft nicht von den banalen Genussofferten der Konsumindustrie überdeckt werden, um die existenziellen Fragen verstummen oder erst gar nicht entstehen zu lassen. Auch der Soziologe Ralf Dahrendorf hat sich mit der Frage beschäftigt, wer denn als Intellektueller zu bezeichnen sei. Dabei steht bei ihm der Begriff der Freiheit im Zentrum seiner Fragestellung, den er in Zeiten zunehmender „Unfreiheiten“ als im Verschwinden begriffen sieht. 2006 veröffentlichte er seine Gedanken zu diesem Thema, die sich jedoch hauptsächlich mit dem fertigen Intellektuelle beschäftigen und den im Werden befindlichen weitgehend unberücksichtigt lassen.277 Authentische Intellektuelle nennt er „Helden“ 278, die sich den „Bedrohungen der liberalen Ordnung“ mutig entgegenstellen. Er gibt ihnen den Namen „Erasmier“, weil für ihn Erasmus von Rotterdam der frühe authentische „Repräsentant des modernen liberalen Geistes“ 276 Ebd.: S. 11 277 Dahrendorf, Ralf: Versuchungen der Unfreiheit, Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung, München 2006 278 Ebd.: S. 213 VIII. Der authentische Intellektuelle 130 ist.“279 Er nennt ihn: „Vorbote der Tugenden der Freiheit“, dessen „Leben und Wirken“ ihn zum „öffentlichen Intellektuellen, wie er im Buche steht“, macht.280 Zum Werdegang des Erasmus verliert Dahrendorf nur wenige Worte, nur, dass er 1469 oder 1467 in Rotterdam geboren und der illegitime Sohn einer Ärztin und eines Priesters ist; dass ihn Mönche aufzogen und ausbildeten; dass er der Reformation nahestand; dass er u.a. mit Morus befreundet war und einiges andere mehr. Die Biografie des Erasmus interessiert Dahrendorf nicht weiter.281 Es geht ihm lediglich um die liberalen „Tugenden der Freiheit“, die er von Erasmus und seinen Nachfolgern, den Erasmiern, vertreten sieht. Und zu diesen Nachfolgern zählt Dahrendorf in erster Linie Karl Popper, Isaiah Berlin, Raymond Aron und Norberto Bobbio.282 Natürlich bezieht er auch z.B. Theodor W. Adorno, Manès Sperber und Hannah Arendt in die Reihe der Erasmier mit ein283, aber nur in zweiter Linie, weil sie für Dahrendorf die liberalen Tugenden nur bedingt vertreten. Aber Rousseau beispielsweise schließt er kategorisch aus, weil dieser das „Zurück zur Natur“ als mögliche Rückkehr zum Paradies verspreche; ebenso Marx, der auf die Aussicht des Himmels auf Erden hoffen ließe. Mit Popper argumentiert er: „Wir können nicht zurückkehren zur angeblichen Unschuld und Schönheit der geschlossenen Gesellschaft. Unser Traum vom Himmel lässt sich auf Erden nicht realisieren…Wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg in die offene Gesellschaft.“284 Dahrendorf verliert sich hier in einer abstrakten Tugendphilosophie des Liberalismus, was ihm vielleicht mit mehr Interesse an Biografien seiner Protagonisten und besonders an Psychologie nicht passiert wäre. Anders als Dahrendorf hat Heinrich Payr bereits 1997 die richtige Frage zum Thema gestellt, nämlich: „Wie wird man Intellektueller?“285 Er gibt sich nicht mit den gängigen Antworten zufrieden, die da lau- 279 Ebd.: S. 86 ff. 280 Ebd.: S. 80 281 Ebd.: S. 81 282 Ebd.: S. 9 283 Ebd.: S. 93b 284 Ebd.: S. 65 285 Payr, Heinrich: Der kritische Imperativ, Zur Psychologie von Intellektuellen, Wien 1997, S. 51 VIII. Der authentische Intellektuelle 131 ten: „Es ist die Wahrheitsliebe, ein hoher ethischer Anspruch. Intellektuelle sind demnach einfach besondere Menschen, besonders moralisch zum Beispiel, mit besonderer Denkfähigkeit ausgestattet, mit besonderer Sensibilität, von überdurchschnittlichem Mut beseelt.“286 Diese gängige Meinung kritisiert er und fordert stattdessen, von „der Lebensgeschichte“, der „Ontogenese“ der sogenannten Intellektuellen auszugehen.287 Da Payr sich in der Biografie George Orwells, der zwar eher ein Literat ist und nicht primär ein Intellektueller, gut auskennt und er darin typische intellektuelle Merkmale findet, greift er diese für seine Spurensuche heraus. „Von Anfang an waren seine literarischen Ambitionen auch untrennbar verbunden mit seinem Gefühl der Minderwertigkeit…Geschichten zu erfinden eröffnete ihm somit die Möglichkeit, Enttäuschungen wegzustecken, unangenehmen Tatsachen auszuweichen, Frustrationen zu kompensieren, und eine eigene, private Welt zu erschaffen, in welcher sein Versagen im Alltag entschädigt wurde.“288 Payr erkennt hier richtig, dass das Gefühl des Versagens, der Minderwertigkeit zum Entwicklungsprozess, als „Disposition zur Intellektualität“ gehört 289, um mit Hilfe der Phantasie aus der unfreundlichen Wirklichkeit zu entfliehen. Nur genügt dem authentischen Intellektuellen das Phantasieprodukt des Künstlers, des Literaten oder Komponisten nicht, um die Befreiung von seinen Ängsten, Problemen zu erreichen oder wenigstens Erleichterung des psychischen Drucks zu bewirken. Er will die Gründe hierfür erkennen und folgt seinem anstrengenden Erkenntnisweg, wenn nötig, bis zu seinem Tode, ob er öffentliche Anerkennung findet oder im Dunkel der Anonymität bleibt. Deshalb ist es auch nur „eine kleine Minderheit unter den Menschen“290, die sich dieser Anstrengung unterzieht. Payr folgert sogar, dass die Mehrheit der „Intellektuellen für die Öffentlichkeit gesichtsund namenlos bleibt.“291 Zurecht beurteilt er Julien Bendas Bezeichnung der Intellektuellen als zu streng, wenn dieser vom „Verrat der In- 286 Ebd. 287 Ebd.: S. 52 288 Ebd.: S. 53 f. 289 Ebd.: S. 54 290 Ebd.: S. 51 291 Ebd.: S. 61 VIII. Der authentische Intellektuelle 132 tellektuellen“292 spricht, besonders der Rechts- und Linksintellektuellen, weil sie sich die „politischen Leidenschaften zu eigen machen“, wie z.B. Nationalismus und Klassenhass, welche von den politischen Akteuren geschürt würden.293 Bendas Vorwurf des Verrats gehe „insofern ins Leere,…als jene Werte, die da verraten werden, gar nicht die sind, nach denen die Kritisierten handeln“. Die entscheidende Frage, um die es geht, ist „die Frage nach dem Warum.“ 294 Payr konkretisiert diese Frage, der er sein gesamtes Buch widmet: „Warum verhielten und verhalten sich Intellektuelle eben so und nicht anders? Warum weist ihr Verhalten derart auffällige, stets wiederkehrende Muster auf, quer über alle historischen, kulturellen und weltanschaulichen Differenzen hinweg? Wo liegen die Ursachen, die Motive?“295 Woraus resultiert der kritische Imperativ, dem sie folgen? Payr begreift, dass die Antworten hierauf nicht zuletzt in der Kindheits- und Jugendzeit der Betroffen zu finden sind.296 Deshalb verspricht er dem Leser, dass er sich besonders mit der Psychologie der Intellektuellen befassen wird, bleibt aber weitgehend hinter seinem Versprechen zurück. Zwar greift er einen wichtigen Aspekt in der Entwicklungsgeschichte des Menschen auf, den Widerspruch zwischen evolutionärer, mangelhaft ausgestatteter Körperlichkeit und kognitiver Potenz, der er seine Überlebensfähigkeit verdankt. Als Naturwesen hängt sein Überleben maßgeblich von körperlichen Fähigkeiten ab und ist der natürlichen Auslese, der Evolution, unterworfen; als Kulturwesen weist ihn die besondere Fähigkeit zu denken aus. Dass die Menschen überhaupt überleben konnten, ist allein ihrer Fähigkeit zu verdanken, nachdenken und soziale Beziehungen eingehen zu können. Dementsprechend sollte, aus dem Blickwinkel der Evolution gesehen, „die Fortpflanzungsprämie eher auf Intellektualität ausgesetzt sein als auf Stärke oder Schönheit…Aber dem ist nicht so, und das Vitalitätsdefizit bleibt ein Stachel im Fleisch des Intellektuellen“, folgert Payr.297 Er spielt hier auf den Körperkult an, der von den Medien hochstilisiert 292 Benda, Julien: Der Verrat der Intellektuellen, Frankfurt a.M. 1988 293 Payr, Heinrich: A.a.O., S. 19 294 Ebd.: S. 21 295 Ebd.: S. 23 296 Ebd.: S. 23 297 Payr: Ebd.: S. 65 VIII. Der authentische Intellektuelle 133 wird und der von der Masse in Form von Muskulatur, Formschönheit und sexueller Potenz favorisiert wird, anstatt den Intellekt zum Maßstab der Erotik zu machen. Als Beispiel für diesen Widerspruch nennt er eine Lehrerin, die sich dem Feminismus verschrieben hat und das chauvinistische Verhalten der Männer anprangert, die aber dennoch freimütig äußert: „Wenn ich fürs Bett einen richtigen Mann brauche, hole ich mir einen von der nächsten Baustelle.“298 Diese Äußerung zeigt deutlich, dass sich der Mensch, bei noch so überragender Intellektualität, nicht ganz dem Einfluss seiner vitalen Körperfunktionen, von seiner tierischen Herkunft und ihrer Triebhaftigkeit, emanzipieren kann, so sehr ihn seine Moralvorstellungen und besonders die seiner Umwelt dazu erziehen wollen. Wenn auch sehr bedingt, bleibt er gewissen tierischen Instinkten verhaftet, mehr oder weniger. Trieb und bürgerliche Moral bleiben Kontrahenten, treiben ihr besonderes Unwesen in der Psyche des Intellektuellen. Die Liste der sogenannten Intellektuellen ist lang und ihre Definitionen von Intellektualität reichen von rechts, links, genial, heldenhaft bis närrisch. Die einen nennen sie Verräter, Versager, Opportunisten oder Träumer, Erzieher oder, wie Ernst Bloch sie nennt, „Hannemann“, der den Unterprivilegierten „vorangehen“ soll. Andere versuchen, den Begriff zu retten, indem sie in „klassische Intellektuelle“, „Postintellektuelle“ und „Transintellektuelle“ unterscheiden, wobei unter Transintellektuellen diejenigen verstanden werden, welche der Anonymisierung im Globalisierungsprozess am besten gewachsen sind. „Mindestens für den Binnenraum des EU-Europa gilt aber, dass der auf ihn bezogene Typ des den Abschied vom Nationalstaat vollziehenden Transintellektuellen seinen ganzen Mut wird aufbringen müssen, um seiner Fernstenliebe, seinem universalen Mitleid Ausdruck zu verleihen.“299 Viele Autoren, die sich mit dem Phänomen „Intellektueller“ befassen, zählen auch „Propheten, Rebellen und Minister“ dazu, wie es z. B. Martin Greiffenhagen tut.300 Neben vielen bekannten Persönlichkei- 298 Ebd.: S. 64 299 Brumlik, Micha: Intellektuelle, Postintellektuelle, Transintellektuelle, in: Wenzel, Uwe Justus (Hg.), Der kritische Blick, Über intellektuelle Tätigkeiten und Tugenden, Frankfurt a.M. 2002, S. 104 300 Greiffenhagen, Martin, Propheten, Rebellen und Minister, Intellektuelle in der Politik, München 1986 VIII. Der authentische Intellektuelle 134 ten, wie u.a. Voltaire, Rathenau und Sartre, beschäftigte ihn besonders Arthur Köstler, der sich jedoch vorwiegend literarisch-politisch betätigte. Mit Köstler, der unter seinem Minderwertigkeitskomplex und seinen Neurosen litt und sich selbst „nicht leiden“ konnte, setzte sich Greiffenhagen besonders auseinander. Er zitiert ihn: Als Jemand, der „selbständig denkt und handelt, gerät man ganz von selbst in Gegensatz zur Mehrheit, deren Denken und Handeln von herkömmlichen Mustern abhängig ist, und die Zugehörigkeit zu einer Minderheit ist an und für sich schon eine Situation, in der sich Neurose bildet.“301 Koestler stammt selbst aus dem gehobenen Kleinbürgertum und beschreibt hier typische intellektuelle Befindlichkeiten, die er jedoch hauptsächlich literarisch verarbeitet hat. Auf ähnliche Weise charakterisiert Greiffenhagen Robespierre, der nur die Idee liebte und die Realität verachtete, der sich in dem Rigorismus seiner Idee verlor, um seiner verzweifelten Identitätssuche zu entkommen.302 Wie für Robespierre galt auch für Lenin die Theorie des Kommunismus als oberstes Handlungsgebot. Nach ihren Vorgaben wollte er die russische Gesellschaft revolutionieren; „das Proletariat (blieb) in seinen Gedankengängen stets eine abstrakte Größe, deren Bedürfnisse und Sehnsüchte ebenso abstrakt und theoretisch definiert werden konnten…Wagten die Arbeiter, sich anders zu benehmen, womöglich gar aufzubegehren, dann wurden sie rücksichtslos niedergemacht.“ 303 Aber authentische Intellektuelle sind sie nicht, weil sie ihre Gedankengänge nicht bis zu Ende gehen, zu ungeduldig sind, sich zu früh in politischen, literarischen, künstlerischen und anderen Bewältigungsversuchen ihrer Problematik verlieren oder auch flüchten, weil ihnen ihr Geschäft zu mühsam oder unerklärbar bleibt oder dem Mainstream Rechnung trägt, um mit ihren Werken Geld zu verdienen. Der authentische Intellektuelle muss Geduld aufbringen, den Widerspruch zwischen eigener Befindlichkeit, Lebenswelt und Gesellschaft nicht nur auszuhalten, sondern auch zu lösen versuchen, was ihm niemals ganz gelingen wird, weil sich die Menschen und mit ihnen die Welt im steten Wandel befinden. Vor allem dürfen sie nicht 301 Ebd.: S. 211 f. 302 Ebd.: S. 71 ff. 303 Payr: Ebd. 119 VIII. Der authentische Intellektuelle 135 dem Traum von der „Perfektibilität des Menschengeschlechts“ 304 verfallen, sich nicht „an trostreiche Glaubenssätze…gut gemeinte Bekenntnisse zum Frieden, zur Demokratie, zur Zivilisation (klammern), anstatt die Realität zu analysieren.“305 Aber auf ihrem Erkenntniswege müssen sie aufrichtig, selbstkritisch und möglichst frei von Angst vor Kritik, Ächtung oder Unbekanntheit bleiben, damit sie Nachgeborenen stetig besseres Rüstzeug der Erkenntnis mitgeben und so die Menschen und die Welt weiterbringen können. Doch „über den Röntgenblick, welcher hinter den Ereignissen die verborgene Anatomie der Seele, des Sozialen oder einer Epoche freizulegen vermag, verfügen die allerwenigsten Beobachter des Zeitgeschehens.“306 Voraussetzung bleiben ausgeprägte Sensibilität, große Antizipationsfähigkeit, optimale Bildung, vor allem umfassende Kenntnisse der Geschichte und der Psychologie, der Außen- und der Innenwelt der Menschen und von sich selbst, und, nicht zu vergessen, eine finanzielle Unabhängigkeit. Der authentische Intellektuelle hat gelernt, dass er sich das ganze Wissen der Welt im Laufe seines Lebens nicht aneignen kann, weil sein Leben, wie das eines jeden Menschen, begrenzt ist. Das Wissen um diese Tragik begleitet ihn ständig, bringt ihn oft um die Geduld, die er auf seinem Erkenntnisweg so dringend benötigt, um nicht vorschnell einer scheinbaren Lösung seiner Probleme zu verfallen oder Pseudoantworten zu akzeptieren. Ungeduldige Intellektuelle gibt es viele: Marx verfiel der Erlöserrolle des Proletariats, weil er den arbeitenden Menschen zur Axiomatik seiner Theorie erhob und nur den Arbeiter als den realen Repräsentanten derselben erklärte, dem er deshalb auch die zwingende Rolle des Protagonisten der Weltrevolution zuwies. Eine differenziertere Reflexion und Definition des Arbeitsbegriffes, wie es später Jürgen Habermas unternahm, hätte ihn zu anderen Ergebnissen führen können. Aber auch Marx fehlte die nötige Geduld, weil er permanent um seine ökonomische Existenz und die seiner Familie kämpfen musste. Als sein Freund Engels, von dem er fi- 304 Wenzel, Justus (H.G.): Der kritische Blick, Über intellektuelle Tätigkeiten und Tugenden, Frankfurt a.M. 2002 305 Sofsky, Wolfgang: Illusionslose Beobachtung, in: Martin Greiffenhagen, Propheten, a.a.O., S. 184 306 Ebd.: S. 181 VIII. Der authentische Intellektuelle 136 nanziell abhängig war, ihm das Proletariat als Subjekt der Befreiung von der kapitalistischen Ausbeutung präsentierte und der revolutionäre Zeitgeist ihn in dieser Auffassung bestärkte, beendete Marx seinen suchenden Erkenntnisweg, weil dieser ihm mit der Zeit wohl auch zu anstrengend wurde, ihn gar seine Gesundheit und die seiner Frau kostete. Auch Adorno war nach der Erfahrung des perfektionierten Massenmordes im „Dritten Reich“ nicht mehr in der Lage, an die Möglichkeit einer besseren Zukunft der Menschheit zu glauben. Den Prozess der Zivilisation betrachtete er unter dem Primat ‚Vom Faustkeil zur Megabombe‘. Ein totaler Zerstörungsprozess der Natur durch die Technik schien ihm unausweichlich zu sein und, daran gekoppelt, die Selbstzerstörung des Menschen, der ja aus der Natur kommt und von ihr abhängig ist. Seine ausgeprägte Idiosynkrasie hinderte ihn daran, die notwendige Geduld dafür aufzubringen, sich angemessen mit der Geschichte der Menschheit zu befassen, aus der er hätte erkennen können, dass es in der Entwicklung des Menschen und zum Menschen Gefahren und Grausamkeiten gegeben hat, die dieser, trotz aller Hindernisse, bewältigen konnte. Hier hätte er von Ernst Bloch, den Adorno als junger Mann bewunderte und mit dem er zeitlebens befreundet war, und dessen geduldigem lebenslangen Forschen lernen können, dass das Prinzip Hoffnung eine Grundausstattung der menschlichen Psyche ist, die dazu motiviert, trotz aller Hindernisse, an das Gute im Menschen zu glauben, das irgendwann zu einem befriedeten Zusammenleben der Menschen und mit der Natur führen kann – wenn auch die entropische Gefahr immer im Raume steht. Auch die anfängliche Sympathie Heideggers mit dem Nationalsozialismus zeugt von der Ungeduld, eine bessere Menschheit auf einer neuen historischen „Lichtung“ entstehen zu sehen. Die Entwicklung eines Menschen zu einem, den man einen authentischen Intellektuellen nennen kann, ist anstrengend, heterogen, kompliziert und voller schmerzhafter wie euphorisierender Erfahrungen, vor denen die meisten zurückschrecken, falls sie überhaupt dazu in die Lage kommen. Die meisten geben sich mit ihrem, ihnen von der Gesellschaft zugewiesenen Platz zufrieden, weil sie einerseits ihre bürgerliche Existenz und deren Wohlstand nicht riskieren wollen oder ihr Denken von der intellektuellen Erfahrung des Mangels gar nicht erst VIII. Der authentische Intellektuelle 137 berührt wird, andererseits ihre subalterne Klassenlage ein intellektuelles Nachdenken über den Sinn der Welt und des Menschen mangels Bildung gar nicht möglich werden lässt. Ein sogenannter authentischer Intellektueller ist deshalb kein besserer Mensch. Er kann nicht eindeutig definiert werden, weil er unter den verschiedensten Erscheinungen auftritt, z.B. als Pessimist, wie Adorno, Hobbes und auch Schopenhauer, als Optimist, wie Bloch, Rousseau und Hegel, als Kommunist, wie Marx, Gramsci und Lukács, als Existenzialist, wie Sartre und Heidegger – um nur einige aus der schillernden Palette der Intellektuellen zu nennen. Wie die verschiedenen Erkenntniswege der Einzelnen verlaufen, hängt in erster Linie von ihrer Sozialisation ab und in zweiter von den Einflüssen, denen sie auf ihrem Lebensweg ausgesetzt sind oder die sie suchen. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann lehnt es grundsätzlich ab, überhaupt über den Begriff „Intellektueller“ nachzudenken: „Ich habe Wichtigeres zu tun als mich mit Intellektuellen zu beschäftigen oder mit mir – schon gar das! Das wäre ja das Letzte!“ Mit diesem Luhmann-Zitat leitet Bernd Ternes seine kritische Auseinandersetzung mit Luhmanns Sicht auf Intellektualität ein.307 Luhmann interessiert sich nicht für Intellektuelle, sowenig wie er sich für das menschliche Subjekt, den individuellen Einzelnen interessiert. Für ihn gelten Intellektuelle lediglich als ‚Trittbrettfahrer‘, die sich mit ihrem wahrheitsliebenden Gestus lediglich gewissen gängigen Meinungen andienen. Er hält sie für bevormundend und anmaßend. Ihre Gedanken und Ideen sind für ihn reine Illusionen, mit denen sie den Menschen etwas vorspiegeln. Für Konfliktlösungen wären sie höchstens als Agenten tauglich, welche sich aus Entscheidungsfindungen unparteilich heraushalten sollten, weil jede Bestimmung, die auf das Bessere zielt, doch destruktive Folgen haben kann. Hier stellt man eine Nähe zu Sloterdijks paradoxer Meinung fest, dass sich intelligente Intellektuelle der Aufgabe verweigern, den gegenwärtigen Luxuszustand des westlichen Menschen in die Sprache des Mangels zu übersetzen; deswegen halten sie den Mund.308 Dies gleicht einer Bankrotterklärung gegenüber der Auf- 307 Ternes, Bernd: Luhmanns Sicht auf Intellektualität zischen systemtheoretischer Verwerfung und ästhetischer Denkfunktionalität, in: Jung, Thomas/Müller- Doohm (Hg.), Fliegende Fische, a.a.O. S. 291 ff. 308 Sloterdijk, Peter: Sphären III Schäume, Frankfurt a.M. 2004, S. 808 VIII. Der authentische Intellektuelle 138 klärung, dem Kampf um die Demokratie und den Glauben an die menschliche Fähigkeit, sich in friedlicher Absicht weiterzuentwickeln. Man könnte Luhmann als einen Antiintellektuellen bezeichnen, was ein Absurdum wäre, da Luhmann selbst ein Intellektueller ist. Vielleicht ist die Grundthematik in seiner Sozialisation zu finden. Er soll einmal geäußert haben, dass ihn der Wechsel vom Nationalsozialismus zur Demokratie irritiert habe, weil vorher alles in Ordnung zu sein schien und hinterher schien auch alles in Ordnung zu sein, alles war anders und alles war dasselbe.309 Im Nationalsozialismus ging alles nach Recht und Gesetz zu und später, in der Demokratie, ebenso. Diese Irritation hat auf sein Denken großen Einfluss genommen und sein Vertrauen in Intellektualität gestört. Gemeinsam ist den authentischen Intellektuellen die jeweilige intellektuelle Erfahrung des Mangels, die sie in ihrer Kindheit und Pubertät als besonders unangenehm bis schmerzhaft erfahren haben und die sie mittels reflexiver Anstrengung kompensieren, verstehen und überwinden wollen, um endlich mit ihrem Ich ins Reine zu kommen. Wie weit sie auf ihrem Erkenntniswege gelangen, hängt nicht zuletzt von ihrer Geduld ab, mit der sie den ihnen eigenen Widersprüchen und denen mit ihrer Umwelt begegnen, sich auseinandersetzen, diskutieren und formulieren. Sie gelten zu Recht als Individualisten, deren Tragik darin besteht, die eigenen empfundenen Widersprüche als gesellschaftliche zu erkennen, aufzudecken, aber sie letztendlich nicht wirklich auflösen zu können, obwohl sie den Horizont der Möglichkeiten ihrer Auflösung durchaus antizipieren. Tröstung über ihre eigene Unzulänglichkeit können sie nur in dem Bewusstsein erfahren, die Welt und auch Geisteswelt durch ihre Erkenntnisse vielleicht ein wenig weitergebracht zu haben und darin auch eine eigene bescheidene Zufriedenheit mit ihrem Schicksal zu finden. 309 Ternes: a.a.O., S. 312 VIII. Der authentische Intellektuelle 139

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References

Zusammenfassung

Niemand hat von Kindheit an den Wunsch, Intellektueller oder Intellektuelle zu werden. Dies geschieht im Laufe des Lebens früher oder später, und man weiß nicht genau, warum. Intellektuelle sind es, die das Denken der Epoche, in der sie leben, besonders sensibel aufnehmen, hinterfragen, kritisieren und beeinflussen. Sie riskieren, als Außenseiter ignoriert, als Phantasten belächelt, als Kritiker abgelehnt, missverstanden oder gar bekämpft zu werden. Intellektuelle sind unbequeme Zeitgenossen, die der innovativen Fortentwicklung der Gesellschaft dienen. Ihr besonders ausgeprägtes Reflexionsvermögen versetzt sie in die Lage, Tendenzen und Gefahren einer gesellschaftlichen Entwicklung frühzeitig auf Grund ihrer ausgeprägten Sensibilität zu erfassen und zu thematisieren. Sie halten es in der Regel für unangebracht, ihre Leiden und Probleme und die existenziellen Konflikte, die sie als Kinder und Jugendliche belasteten, preiszugeben. Und doch liegt gerade in ihren Biografien der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, warum sie sich zu Intellektuellen entwickelt haben. Außerdem stellt sich die Frage, warum relativ wenige Frauen der Intellektuellengruppe angehören. Das vorliegende Buch ist eine Annäherung an das vielschichtige Phänomen des Intellektuellen und entwirft vor dem Hintergrund biografischer Entwicklungslinien ein umfassendes Panorama seiner Charakteristika.