Einleitung in:

Karin Weingartz-Perschel

Mythos Genie, page 1 - 6

Die intellektuelle Erfahrung des Mangels

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4292-2, ISBN online: 978-3-8288-7200-4, https://doi.org/10.5771/9783828872004-1

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Niemand hat von Kindheit an den Wunsch, Intellektueller oder Intellektuelle zu werden. Dies geschieht im Laufe des Lebens früher oder später und man weiß nicht genau warum. Intellektuelle sind es, die das Denken der Epoche, in der sie leben, besonders sensibel aufnehmen, hinterfragen, kritisieren und beeinflussen. Sie riskieren, als Außenseiter ignoriert, als Phantasten belächelt, als Kritiker abgelehnt, missverstanden oder gar als gefährlich bekämpft zu werden. Schumpeter sagt über die Intellektuellen: „Intellektuelle sind in der Tat Leute, die die Macht des gesprochenen und geschriebenen Wortes handhaben, und eine Eigentümlichkeit, die sie von anderen Leuten, die das Gleiche tun, unterscheidet, ist das Fehlen einer direkten Verantwortlichkeit für praktische Dinge.“11 Für Schumpeter ist die Rolle der Intellektuellen innerhalb des sozialen Gefüges so wichtig, dass er ihnen einen eigenen Abschnitt in seinem Buch über „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“, widmet. Sie sind für den sozialen Wandel unverzichtbar, obwohl sie mit den unmittelbar praktischen Geschehnissen nur mittelbar zu tun haben. Für praktische Berufe sind sie weitgehend unbrauchbar. Auch werden sie „nur selten Berufspolitiker und erreichen noch seltener eine verantwortliche Stelle.“12 Nur relativ wenige wagen es, ihre Unabhängigkeit zu bewahren, zumal die meisten von ihnen gezwungen sind, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, was gleichbedeutend ist mit dem Sprichwort, ‚Wes‘ Brot ich ess‘, des‘ Lied ich sing‘‘. Um ihren Unterhalt zu sichern, bilden sie „die Stäbe politischer Bureaus, schreiben Partei-Flugblätter und -Reden, wirken als Sekretäre und Berater und schaffen den Zeitungsruhm des einzelnen Politikers, – einen Ruf, der zwar nicht alles ist, den aber zu vernachlässigen nur wenige sich leisten können. Dadurch, daß sie dies tun, drü- 11 Schumpeter, Joseph A.: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Tübingen 2005, S. 237 12 Schumpeter: Ebd., S. 249 1 cken sie allem, was geschieht, gewissermaßen ihre Mentalität auf.“13 Infolge der Europäisierung und Globalisierung werden Intellektuelle in den schnell wachsenden Verwaltungseinheiten vermehrt als Bürokraten benötigt. Ihr Einfluss bleibt jedoch weitgehend unsichtbar. Die beruflich unabhängigen Intellektuellen dagegen sind auf öffentliche Gelder angewiesen, die sie jedoch nur erhalten, wenn sie sich im Positiven einen Namen gemacht haben und als förderwürdig beurteilt werden; oder sie sind in der glücklichen Lage, von Haus aus über Geldmittel zu Verfügen. Um an öffentliche Gelder zu gelangen, sagt Schumpeter, muss der Intellektuelle sich das bürgerliche Publikum geneigt machen. Schumpeter führt hierzu das Beispiel Voltaire an und man bemerkt hieran eine gewisse ironische Haltung Schumpeters gegenüber den Intellektuellen: „Voltaire (bietet) ein unschätzbares Beispiel. Gerade seine Oberflächlichkeit, die es ihm möglich machte, alles von der Religion bis zur Optik Newtons zu beherrschen, in Verbindung mit einer unverwüstlichen Vitalität und einer unersättlichen Neugierde –, das völlige Fehlen von Hemmungen –, ein untrüglicher Instinkt für die Stimmungen seiner Zeit und ihre völlige Annahme –, all dies zusammen hat diesen unkritischen Kritiker und mittelmäßigen Poeten und Historiker instand gesetzt zu faszinieren – und zu verkaufen. Er hat auch spekuliert, betrogen, Geschenke und Stellen angenommen; aber daneben bestand immer seine auf die solide Basis seines Publikumserfolgs gegründete Unabhängigkeit. Rousseaus Fall und Typ – obschon völlig verschieden – zu diskutieren, wäre noch aufschlussreicher.“14 Schumpeters Begriff der Intellektuellen ist sehr ambivalent bis kritisch. Andere Wissenschaftler, besonders die auch biografisch tätigen, rücken sie nicht selten in die Sphäre des Genialen. So beschreibt Detlev Claussen den Philosophen Theodor Wiesengrund Adorno – ganz im Sinne Max Horkheimers – gar als Genie.15 Auch die zwanzig Porträts von Intellektuellen, die von Thomas Jung und Stefan Müller-Doohm zusammengestellt wurden16, geben 13 Schumpeter: Ebd. 14 Schumpeter: Ebd., S. 241 15 Claussen, Detlev: Theodor W. Adorno, Ein letzte s Genie, Frankfurt a.M. 2003 16 Jung, Thomas/Stefan Müller-Doohm: Fliegende Fische, Eine Soziologie des Intellektuellen in 20 Porträts, Frankfurt a.M. 2009 Einleitung 2 keinen Aufschluss darüber, wie diese Menschen zu Intellektuellen wurden. Alle Beiträge gehen von der Vernunftthese aus, dass der Intellektuelle sich dadurch definiert, dass er dem Geist verpflichtet ist, „dem kulturellen Ethos von Humanismus und Aufklärung“17. Dass der Intellektuelle aus den kindlichen und adoleszenten leidenschaftlichen Auseinandersetzungen mit sich und seiner Umwelt hervorgegangen ist, wird nicht erwähnt. Im Gegenteil, dies wird verneint: „Sein Denken, sein Wollen geht primär nicht aus dem Kampf um konkrete Lebensprobleme noch aus Erfahrungen in der Beherrschung von Natur und Gesellschaft hervor… der Intellektuelle (ist) der Kritiker derjenigen Denk- und Bewusstseinsstrukturen, die nicht mehr auf der Höhe der Zeit sind.“18 Solche Auffassung von Intellektualität rückt damit alle Intellektuellen in den Status der besonderen Begabung, in die Nähe von Genialität, was aber keinesfalls gerechtfertigt ist. Auch Ignace Lepp, der sich besonders mit dem Lebensstil des Intellektuellen befasst, bleibt diesem Irrtum verhaftet, wenn er behauptet: „Intellektueller ist man in gewissem Sinne von Geburt…Es gibt Männer und Frauen, die zu geistiger Arbeit berufen sind.“19 Da er sich das Phänomen „Intellektueller“ nicht erklären kann, glaubt er an einen „geheimnisvollen Vererbungsvorgang“ in der Natur“, worauf die Sozialisation, die Lebensumstände kaum einen Einfluss haben. Er hält Intellektualität für eine „angeborene Begabung“. „Die Qualitäten und Fähigkeiten, derer es bedarf, um ein schöpferischer Geist zu werden, sind Geschenke der Natur.“20 Max Weber scheint dem Begriff des ‚Intellektualismus‘ etwas näher zu kommen, wenn er ihn als „metaphysisches Bedürfnis des Geistes, welcher …nicht durch materielle Not gedrängt wird, sondern durch die eigene innere Nötigung, die Welt als einen sinnvollen Kosmos erfassen und zu ihr Stellung nehmen zu können“ beschreibt. 21 Was aber die innere Nötigung ausmacht, darüber macht er keine weiteren Ausführungen. Als ob dieses metaphysische Bedürfnis „im Menschen 17 Ebd.: S. 51 18 Ebd.: S. 53 19 Lepp, Ignace: Der Lebensstil des Intellektuellen, Würzburg 1966, S. 22 f. 20 Lepp, Ignace: a.a.O., S. 24 21 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1922, S. 268 Einleitung 3 selbst als anthropologische Konstante verankert (ist).“22 Trotz der eingerichteten Forschungsstelle für Intellektuellensoziologie an der Universität Oldenburg, kommt Thoma Jung, der einer der Mitglieder und Mitarbeiter dort ist, nur zu dem Schluss, dass, „der Intellektuelle ein kulturell Gebildeter, ein politisch Engagierter, ein kritischer Geist, ein universell Denkender und vielleicht sogar ein Wahrheitsliebender (ist).“23 Welch eine kopflastige Interpretation! Im Allgemeinen wird unter einem Intellektuellen derjenige verstanden, der die Realität auf ihre Möglichkeitsräume hinterfragt, zum Diskurs anregt und zur Kritik auffordert. Als Begriff taucht er seit ungefähr gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affäre, auf. Damals war er negativ konnotiert; seit Emile Zolas Artikel 1899 „J’accuse“ wurden Intellektuelle noch als Illoyale gegenüber der eigenen Nation verstanden. Natürlich gelten heute auch Sokrates und die sogenannten Vorsokratiker sowie Platon, Aristoteles, Augustinus, Descartes, Voltaire usw. als Intellektuelle, ohne dass man diesen Begriff zu ihrer Zeit für sie benutzte. Er leitet sich aus dem lateinischen Verb intellegere (erkennen, verstehen) ab, womit man das entsprechende Verb aus dem Griechischen übersetzte. Die Römer verstanden unter Intellectus die „vernünftige Einsicht“, welche, ebenso wie bei den Griechen, als hohe Tugend galt. Intellektuelle sind unbequeme Zeitgenossen, die der innovativen Fortentwicklung der Gesellschaft dienen. Ihre gesellschaftliche Rolle ist zwiespältig. Sie bilden keine eigene Klasse, weil sie sich aus allen Gesellschaftsschichten rekrutieren können. Ihr Erscheinungsbild ist niemals einheitlich. Ihre Spannweite reicht vom Konsensstifter bis zum Dissidenten. In der überwiegenden Mehrzahl sind sie dem sogenannten Kleinbürgertum, der gesellschaftlichen Mittelschicht, zuzuordnen. So schwierig wie diffus auch ihre Typisierung ausfallen mag; sicher ist, dass sie einen privilegierten Zugang zur Bildung haben und in ihrem Habitus ein zwischen Distanz und Engagement zu den anderen Gesellschaftsmitgliedern perpetuierendes Verhältnis besitzen. Ihr besonders ausgeprägtes Reflexionsvermögen setzt sie in die Lage, Tendenzen und Gefahren einer gesellschaftlichen Entwicklung frühzeitig auf Grund 22 Jung, Thomas/Stefan Müller-Doohm: Fliegende Fische, a.a.O., S. 29 23 Ebd.: S. 451 Einleitung 4 ihrer ausgeprägten Sensibilität zu erfassen und zu thematisieren. Doch wie die Deutungsmuster, die ihrem Denken zugrunde liegen, zustande kommen, darüber weiß man wenig. Unter all‘ den Biografien, die über berühmte Intellektuelle geschrieben worden sind, gibt es so gut wie keine, die über deren frühste Kindheit und Jugend Aufschluss gewährt. Zu sehr ist man bemüht, nur den genialen Charakter derselben hervorzuheben. Außerdem wird kein Intellektueller daran interessiert sein, seine Leiden und Probleme und die existenziellen Konflikte, die ihm als Kind und Jugendlichem das Leben schwermachten, preiszugeben. Und doch liegt gerade hierin der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, warum sie sich zu Intellektuellen entwickelt haben. Außerdem stellt sich die Frage, warum so relativ wenige Frauen der Intellektuellengruppe angehören. Diesen Problemstellungen auf den Grund zu gehen und zu versuchen, sie aufzulösen, dienen die folgenden Ausführungen. Einleitung 5

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Niemand hat von Kindheit an den Wunsch, Intellektueller oder Intellektuelle zu werden. Dies geschieht im Laufe des Lebens früher oder später, und man weiß nicht genau, warum. Intellektuelle sind es, die das Denken der Epoche, in der sie leben, besonders sensibel aufnehmen, hinterfragen, kritisieren und beeinflussen. Sie riskieren, als Außenseiter ignoriert, als Phantasten belächelt, als Kritiker abgelehnt, missverstanden oder gar bekämpft zu werden. Intellektuelle sind unbequeme Zeitgenossen, die der innovativen Fortentwicklung der Gesellschaft dienen. Ihr besonders ausgeprägtes Reflexionsvermögen versetzt sie in die Lage, Tendenzen und Gefahren einer gesellschaftlichen Entwicklung frühzeitig auf Grund ihrer ausgeprägten Sensibilität zu erfassen und zu thematisieren. Sie halten es in der Regel für unangebracht, ihre Leiden und Probleme und die existenziellen Konflikte, die sie als Kinder und Jugendliche belasteten, preiszugeben. Und doch liegt gerade in ihren Biografien der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, warum sie sich zu Intellektuellen entwickelt haben. Außerdem stellt sich die Frage, warum relativ wenige Frauen der Intellektuellengruppe angehören. Das vorliegende Buch ist eine Annäherung an das vielschichtige Phänomen des Intellektuellen und entwirft vor dem Hintergrund biografischer Entwicklungslinien ein umfassendes Panorama seiner Charakteristika.