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4. Analyse: Eine weltbeziehungstheoretische Deutung der Atomkatastrophe von Tschernobyl in:

Martin Repohl

Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt, page 69 - 106

Ein Beitrag zur materiellen Fundierung der Resonanztheorie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4289-2, ISBN online: 978-3-8288-7199-1, https://doi.org/10.5771/9783828871991-69

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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69 4. Analyse: Eine weltbeziehungstheoretische Deutung der Atomkatastrophe von Tschernobyl In diesem Kapitel wird nun die weltbeziehungstheoretische Analyse der Atomkatastrophe entfaltet. Dabei fließen die Zusammenfassungen der Kategorien, ergänzt durch ausgewählte exemplarische Zitate, direkt in die Analyse ein und werden mit der theoretischen Argumentation der Arbeit verbunden. Es soll gezeigt werden, dass sich Weltbeziehungen auch dann verändern können, wen sich Welt selbst verändert und dieses Phänomen den theoretischen Zugang zur existenziellen Dimension der Katastrophe von Tschernobyl bildet. Das Kapitel gliedert sich in drei Abschnitte: Zunächst wird die Materialität der radioaktiven Stoffe erläutert und die Veränderung von Welt in der radioaktiven Zone beschreiben. Daran knüpft eine Analyse der Rezeption dieser Veränderung sowie des veränderten Selbst-Welt-Verhältnisses in den Aussagen der Zeugen an. Im dritten Abschnitt wird dann gezeigt, wie sich auf dieser Grundlage Weltbeziehung verändert, Resonanzqualität verloren geht und wie diese wiedererlangt werden könnte. 4.1. Welt: Die Transformation von Welt und die Materialität der Katastrophe Ziel dieses Abschnitts ist es, zunächst eine möglichst genaue Beschreibung der materiell erfahrbaren Aspekte der Katastrophe zugeben, um daran anschließend die Transformation von subjektiven Weltbeziehung in dieser kontaminierten Welt nachzuvollziehen. Der erste Schritt der Analyse wird also vom Objekt aus getan, um sich dann perspektivisch dem Subjekt anzunähern. 4.1.1. Radioaktivität: Ein phänomenales Profil Logischer Ausgangspunkt dieser Analyse kann nur das phänomenale Wesen der Radioaktivität selbst sein, da es – wie hier angenommen – die Neigungen und Erscheinungsweisen radioaktiver Substanzen in der Welt 70 sind, die die Zone kontaminieren damit überhaupt erst eine Transformation von Weltbeziehung in Tschernobyl in Gang setzen. Radioaktivität wurde als Phänomen in der bisherigen soziologischen Debatte selbst – wenn überhaupt – nur als etwas Unsichtbares und Unerfahrbares13 thematisiert. Vor dem Hintergrund des im Rahmen dieser Arbeiten formulierten Welt- und Materialitätsbegriffs als etwas konkret Erfahrbares, ist die phänomenale Beschreibung der Erscheinung von radioaktiven Stoffen sinnvoll, da sich nur so ihre spezielle Erscheinungsform von der Konstitution der Welt abheben lässt – und so überhaupt erst ihre destruktive Agency erkenn- und theoretisierbar wird. Bisherige Ansätze klammern dies durch die Fokussierung ihrer Unsichtbarkeit aus. Daher handelt es sich bei dem folgenden Versuch, die Erscheinung der Radioaktivität aus den Aussagen der Zeugen herzuleiten, um ein Wagnis, welches seine Berechtigung im ausgewählten Materialitätsbegriff der Arbeit findet. So lassen sich über die von Jens Soentgen postulierten Neigungen von Stoffen, die je nach Stoff und Gemisch individuell sind, sog. „phänomenologische Profile“ bilden, welche das Charakteristische eines Stoffes anhand seiner Neigungen und Eigenschaften bestimmt (vgl. Soentgen 1997: 241). Im Folgenden wird näherungsweise eine Beschreibung der phänomenalen Erscheinung radioaktiver Stoffe auf Grundlage der Zeugenaussagen gegeben. Bei der folgenden Darstellung handelt es damit auch um die Zusammenfassung der Kategorie 1 „Phänomenale Erscheinung der Radioaktivität“. Das phänomenale Profil der Radioaktivität lässt sich zunächst einmal in die Eigenschaften der radioaktiven Trägersubstanzen (Agency, Dauer) und die Eigenschaft der radioaktiven Strahlung unterteilen. So werden die radioaktiven Substanzen, welche durch die Katastrophe freigesetzt wurden, mit exotischen Farben, wie grelles Grün, Gelb und Weiß, assoziiert. Diese Farben traten kurz nach der Katastrophe im kontaminierten Bereich vermehrt auf und wirkten in der natürlichen Umgebung fremdartig. Alexijewitsch zitiert einen Zeugen mit folgenden Worten: „Der warme Aprilregen damals ... Noch nach sieben Jahren erinnere ich mich an den Regen ... Die Tropfen rollten wie Quecksilber. Radioaktive Strahlung soll farblos sein? Die Pfützen waren grün oder grellgelb“ (Alexijewitsch 2015: 251). 13 So fragte Ulrich Beck in seiner risikosoziologischen Studie: „Was wäre, wenn Radioaktivität jucken würde?“ (Beck 1988: 292). Damit impliziert er nicht nur die Unsichtbarkeit dieses materiellen Phänomens, sondern auch, dass der gesellschaftliche Umgang mit dem Risiko der radioaktiven Kontamination anders ausfallen würde, wenn Radioaktivität erfahrbar wäre. Die Position dieser Arbeit unterscheidet sich insofern von dieser Annahme, als das hier davon ausgegangen wird, dass Radioaktivität als Umweltfaktor in gewisser Weise doch erfahrbar ist (wie z.B. bei Erkrankungen) und damit direkten Einfluss auf Weltbeziehungen ausüben kann. 71 Auch die freigesetzten Substanzen selbst wurden von den Zeugen wahrgenommen14. So gibt eine Zeugin eine nahezu exemplarische Beschreibung der Erscheinung der radioaktiven Stoffe, welche auf ihrem Feld lagen: „Beim ersten Mal haben sie gesagt, wir hätten die Radioaktivität, wir dachten, das ist eine Krankheit, und wer sie kriegt, stirbt gleich. Nein, sagten sie, das ist etwas, was auf der Erde liegt und in die Erde kriecht, das kann man nicht sehen. Ein Tier kann sie vielleicht sehen und hören, aber nicht der Mensch. Das stimmt nicht! Ich habe sie gesehen ... Das Caesium hat bei mir im Garten gelegen, bis der Regen es weggeschwemmt hat. Es hatte eine Farbe wie Tinte ... Es lag und glitzerte dort in Klumpen ... [Herv. d. A.] Ich kam vom Kolchosfeld und ging in meinen Garten ... Und da liegt so ein blaues Stück ... Und 200 Meter weiter noch eins ... So groß wie das Tuch, das ich um den Kopf trage. Ich rief meine Nachbarin, auch die anderen Frauen, und wir haben alles abgesucht. Alle Beete, auch das Feld ringsum ... Zwei Hektar ... Wir haben vielleicht vier große Stücke gefunden ... Und eins war rot ... Am nächsten Tag goss es in Strömen. Von morgens an. Und gegen Mittag war alles weg. Als die Miliz kam, konnten wir ihnen nichts mehr zeigen. Nur schildern. Solche Stücke waren das ... (Sie zeigt es mit den Händen.) Wie mein Kopftuch. Blaue und rote“ (ebd.: 56-57). Diese Schilderung verdeutlicht die Fremdartigkeit der Stoffe in einer natürlichen Umgebung und weist damit direkt auf ihre erfahrbare Erscheinung durch Farbe und Substanz hin. Es wird darüber hinaus eine Darstellung der materiellen Agency gegeben, die sich eindeutig als Dissipation beschreiben lässt. Diese Agency wird als ebenso fremdartiges Verhalten beschrieben – wie der verzweifelte Unterton im Zitat verdeutlicht. Da viele radioaktive Schwermetalle wasserlöslich sind, erweckte dies den Eindruck, dass die Stoffe sich bewegen könnten, indem sie an einem Ort erscheinen und wieder verschwinden. Jedoch verteilen sich die radioaktiven Substanzen durch Regen und andere natürliche Kreisläufe in immer kleinteiligeren und damit weniger wahrnehmbaren Mengen über die Umwelt. Diese Stoffe werden deshalb als gefährlich empfunden, da 14 Ein anderer Zeuge beschreibt diese Stofferfahrung anhand einer Expedition in den zerstörten Reaktor selbst: „Als ich zum ersten Mal unter dem Sarkophag angelangt bin, war ich fasziniert von der absolut unirdischen Farbe. Sie sehen die ganzen Risse. Hier auf der Oberfläche, die von mir betreten wurde, das ist wie auf dem Mond, die Farbe ist gar nicht irdisch. Niemals in meinem Leben habe ich solche Farben gesehen. Ich war begeistert von diesen Farben, von dieser Situation. Es war eine ganz andere Welt. Ich habe vergessen, welche wirklich war. Unter meinen Füßen waren irgendwelche Arten von Stoffen, die ich niemals gesehen habe, und Farben, die ich niemals erlebt habe [Herv. d. A.]“ (Kluge 1996: 65). 72 ihre phänomenale Fremdartigkeit als Repräsentation ihrer Toxizität angesehen wird. Neben der materiellen Agency wird auch die zeitliche Dauer radioaktiver Stoffe benannt. So beschreibt Alexijewitsch ihren eigenen Eindruck darüber folgendermaßen: „Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Wissenschaftler. ‚Es dauert über 1000 Jahre‘, erklärte er. ‚Die Halbwertzeit von Uran 238 beträgt über eine Milliarde Jahre. Und bei Thorium sind es sogar 14 Milliarden Jahre.‘ 50 ... 100 ... 200 Jahre ... Aber weiter? Weiter reichte mein Vorstellungsvermögen nicht. Ich begriff nicht mehr, was Zeit ist, wo ich war“ (ebd.: 161). Es ist nicht nur das Wissen um die Toxizität der Radioaktivität und die Wahrnehmung fremdartiger Substanzen in der Umwelt, die den Radionukliden ihre Bedrohlichkeit verleiht, sondern auch das Wissen um ihre enorme zeitliche Dauer. Radioaktive Stoffe können demnach nicht durch technische oder natürliche Prozesse gebunden, abgebaut oder unschädlich gemacht werden. Vielmehr verfügen diese selbst über die Neigung zu Zerfallen und im Zeitverlauf ungefährlich zu werden. Diese Halbwertszeit beschreibt eine nahezu „[…] astronomisch lange Zeit“ (Alexijewitsch/Virilio 2003: 11), welche soziale und natürliche Eigenzeiten bzw. Zeitrhythmen überlagert und damit in ihrer orientierungsstiftenden Funktion unterminiert. Parallel dazu beschreibt Alexander Kluge diese Eigenschaft als „[...] substantiellen Beharrlichkeit der Natur der radioaktiven Strahlung [...]“ (Kluge 1996: 9). Damit entsteht der Eindruck einer „ewigen Gegenwart der Katastrophe“, da aufgrund der enormen zeitlichen Dauer der radioaktiven Kontamination es den Betroffenen nicht mehr gelingt, eine zeitliche Distanz zur Katastrophe entwickelt zu können (vgl. Repohl 2018). Zu diesen – im weitesten Sinne – phänomenalen Eigenschaften der radioaktiven Substanzen, kommt jedoch die Eigenschaft der radioaktiven Strahlung selbst hinzu. So beschreibt Pjatrovic das Problem ihrer Unsichtbarkeit folgendermaßen: „[...] und hätte nicht allgemeine Ratlosigkeit und ein Nebel des Nichtwissens über allem gelegen - was wäre schon gewesen? Ein Brand eben, Feuer, Rauch, nichts weiter. Immer noch Sonnenschein und grüne Natur. Strahlung könnte ausgetreten sein? Weil es doch ein Atomkraftwerk sei? Iwo, was denn für eine Strahlung! Wo denn? Zeigt sie uns doch. Da ist nichts. Nichts zu sehen, nichts zu hören, riecht nicht, stinkt nicht, brennt nicht, beißt nicht ...“ (Pjatrovic 2011: 98). Die radioaktive Strahlung wird hier selbst nicht wahrgenommen, das heißt sie wird mit negativen Eigenschaften wie Körperlosigkeit, Geruchlosigkeit, Farblosigkeit und Geräuschlosigkeit assoziiert. Sie ist damit 73 dem biologischen Sensorium des Menschen unzugänglich. Ihre Unsichtbarkeit und Nichtwahrnehmbarkeit wird auf der einen Seite als ungefährlich rezipiert, da ihre Anwesenheit und Wirkung nicht unmittelbar erkennbar ist, auf der anderen Seite wird aber gerade diese Unsichtbarkeit als besonders gefährlich und furchteinflößend beschrieben, wie eine weitere Aussage verdeutlicht: „Ist die Radioaktivität daran schuld oder wer? Und wie ist sie? War sie vielleicht mal im Kino zu sehen? Haben Sie sie gesehen? Ist sie weiß oder wie? Welche Farbe hat sie? Einige sagen, dass sie farblos und geruchlos ist, andere sagen, dass sie schwarz ist. Wie Erde! Und wenn sie farblos ist, dann ist sie wie Gott. Gott ist überall, keiner sieht ihn. So jagt man den Leuten Angst ein!“ (Alexijewitsch 2015: 82). Die Unsichtbarkeit der radioaktiven Strahlung wird besonders gefürchtet und mit der Allgegenwart Gottes assoziiert. Diese Allgegenwart wird als negativste Eigenschaft beschrieben, da Radioaktivität potenziell überall ihre toxische Wirkung entfalten kann. Zusammenfassend lässt sich aus diesen subjektiven Beschreibungen der Radioaktivität ein doppeltes bzw. ambivalentes Erscheinungsprofil ableiten. Auf der einen Seite sind die radioaktiven Substanzen über ihre fremdartige Materialität sehr wohl erfahrbar und für die Betroffenen erkennbar. Auf der anderen Seite ist die eigentliche Wirkung dieser Stoffe – die radioaktive Strahlung – selbst unsichtbar. Deshalb wird die Radioaktivität mit Allgegenwart und Ewigkeit assoziiert. Das bedeutet, dass diese Stoffe demnach über ein Janusgesicht verfügen. Diese phänomenale Beschreibung lässt sich nun vor dem Hintergrund des in dieser Arbeit verwendeten Weltbegriffs und des epistemischen Standpunktes vertiefen. So erhält diese spezielle Form von Materialität seine Bedrohlichkeit überhaupt erst dadurch, dass sie zwar materiell vorhanden, aber sensorisch nur eingeschränkt wahrnehmbar ist. Vor dem Hintergrund einer Welt, welche als primär materiell beschrieben wurde, mit der das Subjekt immer schon verbunden ist und sich überhaupt erst durch diesen basalen Kontakt selbst konstituieren kann, stellt das Phänomen der Radioaktivität eine gegenläufige Erfahrung dar: Etwas ist da, aber trotzdem nicht wahrnehmbar. Daher ist es wenig verwunderlich, dass das Wesen der Radioaktivität von den Betroffenen mit der Allgegenwart eines strafenden Gottes assoziiert wurde. Die negative und destruktive Konnotation die diesem Phänomen allgemein und auch in den hier ausgewerteten Zeugenaussagen zukommt, wird überhaupt erst aus diesem basalen, auf physisch erfahrbarem Kontakt basierenden Weltverhältnis heraus verstehbar – und als Problem von Weltbeziehung theoretisierbar. 74 Aber erst wenn dieser Aspekt mit dem Phänomen der materiellen Agency verbunden wird, kann ein theoretischer Standpunkt bezogen werden, vom dem aus die Gefahr der radioaktiven Substanzen nicht nur als soziales Deutungsmuster analysierbar ist, sondern darüber hinaus als objektive Qualität der materiellen Welt zugänglich wird. Erst durch die Einbeziehung des Phänomens der Dissipation wird Kontamination als existenzielles Problem und nicht nur als kulturell kontingentes Deutungsmuster (vgl. Douglas 1988) verstehbar. Wie mit Soentgen und Polleri erläutert wurde, ist Kontamination nicht nur als soziale Zuschreibung (etwas wird als verschmutzt angesehen) relevant, sondern vor allem als in der Umwelt freigesetzte Neigung eines Stoffes, sich zu verteilen und mit anderen materiellen Entitäten irreversibel zu vermischen. Wenn die Zeugen beschreiben, dass obwohl sie die radioaktiven Substanzen selbst gesehen haben, diese nach einiger Zeit verschwunden sind, dann kommt darin auch die Sorge darüber zum Ausdruck, dass sich diese Stoffe eben ohne das weitere Zutun des Menschen – quasi von selbst – in der Umwelt verbreiten können. Die Dissipation radioaktiver Stoffe ist damit zunächst einmal eine empirische Tatsache, welche ihre soziale Sprengkraft dadurch entfaltet, dass Radioaktivität zum einen hochgiftig, zum anderen nicht wahrnehmbar ist – und sich diese Substanz von selbst verbreiten kann. Mit der über Zeit immer stärker zunehmenden radioaktiven Kontamination kommt es damit Schritt für Schritt zu der von Beck postulierten Verdoppelung der Welt. Die Etablierung dieser unsichtbaren Welt erschüttert damit das Kontaktverhältnis zur Welt: „Ohne die Souveränität unserer Sinne ist der Traum von Privatheit, Rückzug, Nische ausgeträumt. Unsere Lebensformen und Vorstellungen von Individualität, ‚eigener Entscheidung‘, ‚eigenem Leben‘ beruhen auf einem ungebrochenen, persönlichen Zugriff auf Wirklichkeit [Herv. d. A.]“ (Beck 1986b: 655). Mit der radioaktiven Kontamination etabliert sich eine neue Form von Wirklichkeit, welche als Materialität zugleich selbst immateriell ist und sich damit grundlegend vom basalen Weltverhältnis des Kontaktes abhebt, dieses aber zugleich durch seine Toxizität unterminiert. Die radioaktiven Stoffe geben nur durch ihre Fremdartigkeit und durch ihre destruktive Wirkung über ihre Anwesenheit selbst Auskunft. Durch die Wahrnehmung von Strahlenschäden kann damit nur ex negativo auf die materielle Vorhandenheit der radioaktiven Substanzen geschlossen werden. Durch diese Erfahrung ist der Mensch gezwungen, sich über diese „[…] explosive Offenlegung der radiologischen Hintergrunddimension menschlichen In-der-Welt-Seins […]“ (Sloterdijk 2002: 63) und damit über seinen eigenen Aufenthalt in „Strahlenmilieus“ selbst Auskunft zu 75 geben. In den Worten Sloterdijks lässt sich damit das Problem der Radioaktivität im Kontext des vorbegrifflichen Weltkontakts folgendermaßen zusammenfassen: „Mit dem nuklearen Explikationsschritt wird die phänomenale Katastrophe endgültig auch zu einer Katastrophe des Phänomenalen. Der Vorstoß der Physiker […] auf das radioaktive Niveau der Umweltbeeinflussung hat klargemacht, dass etwas in der Luft liegen kann, wovon die heiter atmenden, naiv kontextsensiblen Weltkinder [Herv. d. A.] der vornuklearen Ära, die altmenschlichen ‚Zöglinge der Luft‘, schlechterdings nichts zu bemerken vermochten. Von diesem Einschnitt an ist die Nötigung, Nichtwahrnehmbares wahrzunehmen, wie ein als Drohung verfasstes neues Gesetz über sie verhängt“ (ebd.: 59). Wenn in-der-Welt-Sein bedeutet, mit dieser immer schon in einem Kontakt zu stehen, und der zeitgleiche Aufenthalt in Strahlenmilieus eine Infragestellung dieses Kontaktverhältnisses notwendig macht, dann folgt daraus, dass sich beide Welten nicht vollständig zur Deckung bringen lassen. Folglich muss sich in das Weltverhältnis der Subjekte eine strukturelle Antinomie einschleichen – ein Widerspruch, welcher nicht vollständig aufzulösen ist. Im Folgenden soll nun die konkrete Transformation von Welt durch die radioaktive Kontamination beschrieben werden. Nur auf dieser Grundlage ist es möglich, die Transformation von Weltbeziehung durch die Transformation von Welt sinnvoll darzustellen. 4.1.2. Die Transformation von Welt in der radioaktiv kontaminierten Zone Um zu verstehen, in welcher Weise radioaktive Substanzen in der Umwelt wirksam sind, ist es erforderlich, sich jene Umwelten anzuschauen, die mit radioaktivem Material kontaminiert worden sind. Diese Bereiche werden allgemein als Zone bezeichnet, wie die gesperrten und kontaminierten Zonen rund um die zerstörten AKWs in Tschernobyl oder Fukushima. Der Topos der Zone findet seinen Ursprung in der Science- Fiction Literatur, deren Fiktionen bis heute die Vorstellungen von der Realität prägen. So beschreiben die Gebrüder Strugatzki in ihrem Roman Picknick am Wegesrand von 1972 zum ersten Mal das Phänomen der Zone: „Wenn man die Zone so anschaute, unterschied sie sich in nichts von anderem Gelände. Die Sonne leuchtete hier genau wie anderswo, und nichts schien sich in den vergangenen dreizehn Jahren verändert zu haben. Mein Vater, würde er noch leben, hätte gewiss nichts Außergewöhnliches bemerkt. Das Einzige, was ihn vielleicht verwundert hätte, wäre die Fabrik gewesen, deren Schlote nicht mehr qualmten. [...] Mit einem Wort, eine Industrieland- 76 schaft. Nur dass die Menschen fehlten, weder Tote noch Lebende gab es hier" (Strugatzki 2013: 20). Dieses Zitat verdeutlicht nahezu exemplarisch die spätere Charakteristik der realen Sperrzone von Tschernobyl. Deutlich wird hier, dass die Zone ein Ort ist, an dem anscheinend etwas nicht stimmt, ein Ort an dem etwas seltsam ist, obwohl auf den ersten Blick alles normal wirkt. Diese Irritation inmitten einer scheinbar normalen Umgebung, verleiht dem Phänomen damit eine unheimliche und mysteriöse Aura. Die Inszenierungen zahlreicher Bücher und Filme – vor allem Andrei Tarkowskis Klassiker Stalker (1979) – beeinflussen bis heute die gesellschaftliche Imagination der Zone (vgl. Hoffstadt 2014: 273-275). Doch über welche Aussagekraft verfügen diese Inszenierungen im Hinblick auf die Realität in Tschernobyl? Alexijewitsch vermerkt hierzu: „Die Zone … Eine Welt für sich … Eine andere Welt inmitten der übrigen Welt … Anfangs eine Erfindung von Science-Fiction-Autoren, aber die Realität übertrifft die Literatur“ (Alexijewitsch 2015: 50). Eine Annäherung an dieses Phänomen lässt sich bereits der Bezeichnung selbst entnehmen: So finden sich in der einschlägigen Literatur auch die Bezeichnungen Sacrifice Zone (Lerner 2012), Zone of Exclusion (Mycio 2005: 69) und Zone of Alienation (Brown 2012: 53). Diese Begriffe beschreiben im weitesten Sinne ein Gebiet, das in irgendeiner Form mit toxischen Substanzen belastet wurde und gar nicht bzw. nur eingeschränkt zugänglich ist. Der Begriff der Entfremdung verweist hier auf die affektive Wirkung dieser Orte (vgl. Mycio 2005: 28): Ihre Verlassenheit repräsentiert folglich die pathogene Veränderung dieses Weltausschnittes. Diese unheimliche Aura der Verlassenheit und Seltsamkeit lässt sich auch in der Realität nicht vollständig leugnen – wie dem folgenden Abschnitt zu entnehmen ist. Welches Bild ergibt sich nun konkret unter diesem Aspekt der kontinuierlichen Strahlenbelastung im kontaminierten Gebiet selbst? In welcher Weise unterscheidet sich ein radioaktiv kontaminiertes Gebiet von einem unbelasteten, wenn man – wie in Kapitel 4.1.1 gezeigt – annimmt, dass die Radioaktivität ein wirksamer und damit wahrnehmbarer Faktor in der Umwelt ist? Grundlage der folgenden Darstellung sind auch hier die ausgewerteten Aussagen der Betroffenen. Dabei handelt es sich um die Zusammenfassung Kategorie 2 „Phänomenale Veränderung von Welt“. Es wird zunächst nur eine Beschreibung der Welt, das heißt von den konkreten ökologischen Veränderungen vor Ort selbst gegeben, um im folgenden Abschnitt, die Rezeption dieser Veränderungen in den Aussagen analysieren zu können. Die Darstellung der phänomenalen Veränderung von dem, was als Welt erfahren wird, folgt dem postulierten Janusgesicht der Radioaktivi- 77 tät von Wahrnehmbarkeit/Nicht-Wahrnehmbarkeit. Das heißt, zum einen lassen sich sowohl drastische, als auch subtile Veränderungen in der Umwelt ausmachen, zum anderen bleibt aber trotzdem der Eindruck einer unveränderten Umgebung bestehen. So gibt es im unmittelbaren Katastrophenbereich rund um den Reaktor eine deutlich wahrnehmbare Veränderung von Welt, deren sichtbarstes Zeichen15 das strahlungsinduzierte Absterben eines Waldes in unmittelbarer Reaktornähe war (der sog. rote Wald) (vgl. Mycio 2005: 37). Im größeren Umkreis um den Reaktor traten hingegen die bereits erläuterten fremdartigen Farben verstärkt auf, wie Pjatrovic beschreibt: „Nach dem ersten, ungebremsten Regen säumten orangefarbene Ringe die Pfützen, wie man sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die einfache Erklärung dafür lautete, das sei Blütenstaub, beispielsweise von Kastanien. Warum hatte man den früher nie bemerkt? Das Orange, die Farbe der Strahlung, war wohl kein Zufall, mit diesem Gefahrensignal warnte die Natur die Menschen. Die ganze Stadt leuchtete vor ‚Blütenstaub‘, alle Schlaglöcher wiesen diesen Saum auf, dem man auswich, als strahlten diese Flecken tatsächlich“ (Pjatrovic 2011: 104) Daneben wurden radioaktive Substanzen durch fremdartige Farben (Orange, Gelb, Grün, Glitzern) und Gerüche und Geschmack eine kurze Zeit nach der Katastrophe häufiger genannt. Bereits kurz nach der Explosion und im weiteren Zeitverlauf wurden schon gesundheitliche Reaktionen auf die Strahlenemission durch die Betroffenen verspürt: „Alle, ob Erwachsene oder Kinder, alle beschweren sich über Augenschmerzen, Trockenheit im Mund, Brennen und Kratzen im Hals, Schwindelgefühle, quälende Schmerzen in den Arm- und besonders Beingelenken. Ist das Radiophobie? ( ... ) In meinem Gemüsegarten gedieh früher der Kürbis schlecht. 1986 wurde er so groß, dass ich ihn nicht bis zum Haus schleppen konnte. Beim Mais änderte sich die Farbe der Blätter, sie wurden gestreift. Die Kuh brachte ein Ungetüm zur Welt, es wurden Hündchen ohne Schwänze geboren, die Katze bekam ein Junges ohne Haare, das nachher starb; sie auch. Haben die Tiere etwa auch Radiophobie? Haben sie auch Stress?“ (Boos 1996: 123) Es gehörte zur Bewältigungsstrategie der sowjetischen Behörden, offensichtliche Gesundheitsreaktionen der psychischen Verfassung der Betroffenen anzulasten, um die tatsächliche Gefahr leugnen zu können. Je- 15 Die Ruine des zerstörten AKW ist natürlich das weithin deutlichste Zeichen für den Unfall und beeinflusst maßgeblich das Erscheinungsbild der Sperrzone: „Die verfallende Ruine des domestizierten atomaren Zerfalls hatte eine traumatisierende Wirkung: das Atomkraftwerk als Ruine macht schlicht Angst“ (Trempler 2012: 79). 78 doch wiesen vermehrt auftretende Mutationen in der Natur auf die Realität der radioaktiven Kontamination hin. So beschreibt eine weitere Zeugin: „An den Föhren wachsen die Nadeln gekringelt oder gekräuselt, übergroß oder winzig und in wildem Durcheinander. Einzelne Bäume weisen bis zu fünfunddreißig Missbildungen auf. Stolz sagt Natascha, nirgendwo auf der Welt habe man bisher an einer einzigen Pflanze derart viele Deformationen gefunden“ (Boos 1996: 17). Parallel dazu wurde auch der massenhafte Tod von Kleintieren (Vögel, Maulwürfe, Mäuse etc.) als weiterer Hinweis auf die Katastrophe gedeutet. Mit zunehmendem Zeitabstand zum Katstrophenzeitpunkt werden vor allem die subtilen Veränderungen in der Natur – wie z. B. Mutation an Neugeborenen oder Blättern – rezipiert. Diese sichtbaren Mutationen sowie eine höhere Erkrankungsrate und Sterblichkeit von Nutztieren und ihren Nachkommen werden als häufigstes Zeichen für die schädliche Auswirkung der Strahlung genannt. Zum anderen wird auch immer wieder hervorgehoben, dass – vor allem mit größerem zeitlichen Abstand – auf den ersten Blick nichts sichtbar auf die Radioaktivität hinweist – bis auf die überall aufgestellten Warn- und Verbotsschilder, welche diese Aufgabe übernehmen: „Ich [streifte] mit dem Auto und auch zu Fuß durch umliegende Wälder. Ganz normaler Wald. Wirklich nichts Besonderes. Das sagen ja alle, die in verseuchten Gebieten leben. Kein sonderbarer Geruch, keine Tiere mit zwei Köpfen. Nachdenklich stimmen nur die Warnschilder. Ich habe Pilze fotografiert. Ganz normale Pilze“ (Jaeggi 2011: 85). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass besonders sichtbare Zeichen der Radioaktivität vor allem kurz nach der Katastrophe vermehrt auftraten, entweder durch fremdartige Farben oder durch eine höhere Sterblichkeit von Kleintieren und Pflanzen. Im weiteren Zeitverlauf verändert sich dieses Erscheinungsbild. So wandeln sich diese starken sichtbaren Zeichen immer mehr in subtile Erscheinungen, die vor allem an Mutationen von Tieren und Pflanzen, sowie gesundheitlichen Folgen der Betroffenen erkennbar sind. Da viele dieser Erscheinungen nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind, drängt sich für einige Betroffene der Eindruck auf, dass eigentlich keine Veränderungen eingetreten sind und lediglich die aufgestellten Warnschilder auf die vermeintlich unsichtbare Radioaktivität hinweisen. Das heißt, dass die ökologischen Veränderungen der Zone ebenfalls der gleichzeitigen Dualität von (subtiler) Wahrnehmbarkeit und (scheinbarer) Nicht-Wahrnehmbarkeit folgen. Diese ökologischen Schäden ergeben ein Gesamtbild, das der verbreiteten Meinung, die Zone wäre ein radioökologisches Schutzgebiet, in 79 dem Natur und bedrohte Arten gedeihen, deutlich widerspricht (vgl. Mousseau/Moller 2011: 39; Achazi 2010: 139). Von überragender ökologischer Bedeutung ist hingegen, „[…] dass der GAU im April stattfand, zum Zeitpunkt des höchsten Wachstums und der Bildung der Reproduktionsorgane bei Pflanzen und der intensivsten Reproduktionsphase vieler Tiere“ (Achazi 2010: 125). Viele Populationen sind kurz nach der Katastrophe nahezu zusammengebrochen und zeigten einen Rückgang von bis zu neunzig Prozent. Im weiteren Zeitverlauf kam es nur zu einer langsamen Erholung in Verbindung mit sich ausbreitenden Mutationen und sichtbaren morphologischen Veränderungen, die u.a. die Reproduktivität und Lebensdauer einschränken (vgl. ebd.: 130-139; Mousseau/Moller 2011; Brown 2012: 56). Hinzukommt, dass sich durch die Dissipation der Radioaktivität ein stabiler Nuklidkreislauf etabliert hat, der den Jahreszeiten folgt (vgl. Achazi.: 127). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass trotz der scheinbaren Unversehrtheit der Natur, die Zone ein Ort größter ökologischer Schäden ist, in denen viele Bereiche nahezu ökologisch tot sind und in denen sich das Leben nur unter einem ständigen radioaktiven Selektionsdruck behaupten kann (vgl. Brown 2015: 333-334). Dies führt schließlich zu einer „mutant ecology“ – einer „[…] subtle but total transformation of the biosphere“ (Masco 2004: 518-520). Im Hinblick auf das Gesamtbild der Zone folgt daraus – der Beschreibung von Strugatzki nicht unähnlich –, dass die Zone ein Ort ist, der als konkreter materieller Weltausschnitt einer subtilen, aber totalen Transformation unterworfen ist. Durch die Radioaktivität setzt eine transformative Verdoppelung von Welt ein, in der sich (sichtbare) materielle und (unsichtbare) immaterielle Faktoren durchdringen. Als destruktiver und dynamischer Faktor übt die Strahlung damit eine transformative Wirkung auf Welt selbst aus, deren Effekte sich in unterschiedlichsten Folgen für die Subjekte zeigen: „They all were and still are affected by something material they cannot see, touch, feel, taste or hear, something invisible that requires the extra-sensory perception of scientific instruments to accord it the status of material reality. Without scientific measuring instruments radiation is 'known' only to our cells and can be recognised only when it shows itself as symptom and thus becomes available as sense data. Its materiality is confirmed at the everyday level when people can see the dying children, the congenital deformities in all affected species, the mutated plants, orangecoloured pine forests without needles; when they become aware of the lack of bird song; when they experience the eerie sounds and feel the ghostly quality of deserted villages and dead forests“(Adam 1998: 199). 80 Die Zone lässt sich damit als ein Weltausschnitt beschreiben, in dem die grundlegendste und wichtigste Eigenschaft von Welt als resonanzkonstitutives Gegenüber verloren gegangen ist: die ontologische Sicherheit. Die radioaktive Materialität transformiert Welt von einen unmittelbaren Kontaktraum, welcher konstitutiv für subjektive Weltbeziehungen ist, in einen Raum der Repulsivität, weil mit dem Verlust der ontologischen Sicherheit die notwendige Unmittelbarkeit des Weltkontakts verloren geht: dieser Weltausschnitt ist selbst toxisch geworden. Die großen ökologischen Schäden repräsentieren daher den Verlust der ontologischen Sicherheit. Damit fällt das resonanzkonstitutive Verhältnis von Affizierung (durch Welt) und Emotion (durch Wahrnehmung) auseinander: „Es gibt wohl niemanden unter uns, dem […] am 1. Mai 1986 nicht bewusstgeworden, diesem Tage, an dem die Natur alle seit je besungene Frühlingsschönheit präsentierte und der zugleich der Tag der höchsten radioaktiven Verseuchung in der Luft war: die schöne Natur ist nicht mehr notwendig die gute Natur“ (Böhme 1989: 41). Abschließend lässt sich festhalten, dass die Zone damit ein Ort ist, an dem in gewisser Weise tatsächliche andere Naturgesetze herrschen: Nicht etwa wie in der phantastischen Darstellung Strugatzis, sondern in dem Sinne, dass die Zone als Weltausschnitt nicht mehr über die Qualität der ontologischen Sicherheit verfügt. Dies erzeugt die beschriebene strukturelle Antinomie im Weltverhältnis: Obwohl Welt weiter als scheinbar unversehrtes Gegenüber existiert, ist sie als solche – aufgrund ihrer Toxizität – zu einem vollständig repulsiven Gegenüber geworden, womit sie nicht mehr den konstitutiven Horizont für das kontaktsensible Subjekt bilden kann – obwohl sie weiterhin da ist. In seiner affektiven Wirkung ist dieser Weltausschnitt damit tatsächlich eine Entfremdungszone. 4.2. Materielle Weltbeziehung: Die Wahrnehmung und Erfahrung von Welt und die Transformation des subjektiven in-die-Welt- Gestelltseins nach der Katastrophe Ziel des folgenden Abschnitts der Analyse ist es, aufgrund der bisher gegebenen phänomenalen Beschreibung der radioaktiven Stoffe und die durch sie induzierte totale Transformation von Welt in der kontaminierten Zone, nun den Blick auf das Subjekt zu lenken. Auf Grundlage dieser bisherigen Beschreibung erfolgt nun eine Darstellung des Subjektes, seiner Welthaltung und Weltbeziehung, welche durch den Verlust der ontologischen Sicherheit ebenfalls einer totalen Transformation unterzogen ist. Im ersten Schritt erfolgt eine Beschreibung der veränderten Rezeption dieses kontaminierten Weltausschnittes im Kontext der radioak- 81 tiven Kontamination durch die Zeugen. Daran anknüpfend erfolgt die Analyse der veränderten materiellen Weltbeziehung als eine pathogen transformierte Selbst-Welt-Beziehung. 4.2.1. Die Rezeption des veränderten Welt-Bezuges in den Aussagen der Zeugen Es erfolgt nun eine Darstellung der veränderten Wahrnehmung von Welt durch die Betroffenen aufgrund der beschriebenen ökologischen Veränderungen in der Zone. Hierbei handelt es sich um die Zusammenfassung der Kategorie 3 „Welt-Bezug“. Die Wahrnehmung dieser Veränderung von Welt erfolgt anhand von drei unterschiedlichen Bezugspunkten, die den Kontext der Rezeption dieser Veränderung bilden: Diese gliedern sich in die Rezeption der Natur, die Rezeption der Strahlung in der Natur sowie die Rezeption von Welt (als Totalität) zwischen Verdrängung, Angst und Leere. Wichtigster Bezugspunkt der Rezeption der Natur ist die bereits beschriebene und verbreitete Wahrnehmung der Tschernobyl-Region vor dem Super-GAU als besonders schöne und naturbelasse Kulturlandschaft. Hinzukommt, dass zum Katastrophenzeitpunkt der Frühling in voller Blüte stand und damit das erwachende Wachstum der Natur als besonders schön empfunden wurde. Vor diesem Hintergrund sind die angeführten Erfahrungen der Einschränkung der Bewegungsfreiheit und der Wahrnehmung des Todes in dieser erblühenden Landschaft zu verorten. So beschreibt Alexijewitsch ihren ersten Eindruck nach der Katastrophe: „Die Gärten blühten, das junge Gras leuchtete in der Sonne. Die Vögel sangen. Eine so vertraute Welt. Mein erster Gedanke: Es ist alles noch da, und alles ist wie früher. Dieselbe Erde, dasselbe Wasser, dieselben Bäume. Ihre Form, ihre Farbe und ihr Geruch sind ewig, daran kann niemand etwas ändern. Doch schon am ersten Tag erklärte man mir: Man sollte keine Blumen pflücken, sich lieber nicht auf die Erde setzen, kein Quellwasser trinken“ (Alexijewitsch 2006: 4). Auf den ersten Blick erscheint die vertraute Umgebung – die bisher gewohnte Welt die nun die Zone ist, als vollkommen normal und unbelastet. Dieser Eindruck trügt, ist doch die unmittelbare und spontane Bewegung in dieser Umgebung durch die zahlreichen Verbotsschilder und Sicherheitsvorkehrungen bei Lebensgefahr eingeschränkt. Die beschriebene Wiese, die genannte Quellen, die vertraute Welt sind nun eine radioaktiv kontaminierte Zone: 82 „Äußerlich sieht man bei uns keine Unterschiede. Die Natur hier ist wunderschön. Man sieht die Radioaktivität nicht. Man hat den Boden untersucht. Er ist verseucht. Alles, was hier produziert wird, alles was angebaut wird, ist verstrahlt. Wenn die Kühe Gras fressen und sie gemolken werden, ist die Milch ebenfalls verstrahlt. Aber wenn jemand von einer anderen Gegend zu uns kommt und nicht weiß, dass hier diese sogenannte Tschernobyl-Zone ist, würde diese Person denken, dass alles ganz normal ist“ (Jaeggi 2011: 143). Dieses Gefühl der Normalität der Umgebung geht den Betroffenen gerade deshalb verloren, weil trotz der Kontamination der Eindruck der Unversehrtheit bestehen bleibt. Daher nimmt die Sensibilität für diese einst vertraute Welt, für die gewohnte Natur in den Aussagen der Zeugen sogar zu, erhält aber nun eine negative Konnotation. Vor diesem Hintergrund entfalten die Wahrnehmung eines vermehrten Sterbens von Tieren und Pflanzen sowie von Mutationen, deren Unnatürlichkeit und Bedrohlichkeit besonders im Kontext der lebensfrohen Frühlingserfahrung erlebt wird, ihre drastische und erschütternde Wirkung. Die Wahrnehmung des Todes inmitten des Lebens wird damit zu einem deutlichen Zeichen für die Veränderung von Welt. Dadurch entsteht der Eindruck einer widersprüchlichen Erfahrung von Schönheit und Tod, die sich exemplarisch unter dem von einem Zeugen genannten Begriff des „Höllenparadies“ (ebd.: 154) beschreiben lässt. Die Rezeption der Natur vor dem Hintergrund der Katastrophe ver- änderte sich insbesondere durch das hinzukommende Wissen um die Strahlung und ihrer Wirkung. Aufgrund der Unsichtbarkeit der Strahlung selbst wird von einer unsichtbaren – inneren Verletzung – der natürlichen Entitäten ausgegangen. Das Wissen um diese Verletzungen, das heißt um die Mutationen und den vermehrten Todesfällen, wirft bei den Betroffenen die Frage auf, ob das, was bisher als Natur erfahren wurde, noch immer die vertraute Welt ist – oder nur noch ein radioaktiv verseuchtes Objekt. Dieser Aspekt ist mit einem massiven Gefühl der ontologischen Unsicherheit verbunden: „Als es gegen Morgen hell wurde, schaute ich mich um und spürte ... ich denke mir das jetzt nicht aus, ich habe das damals tatsächlich gespürt: Etwas hat sich verändert ... Ist anders geworden ... Ganz anders ...“ (Alexijewitsch 2015: 190). So vermischt sich das (nachvollziehbare) Festhalten an der Vertrautheit der Umgebung – aufgrund ihrer scheinbaren Unversehrtheit – mit einer fundamentalen Unsicherheit hinsichtlich der tatsächlichen Strahlenbelastung und der von ihr ausgehenden Gefahr. Dieses Gefühl verstetigt sich im Zeitverlauf, wie ein Vers der ukrainischen Dichterin Lina Kostenko verdeutlicht: 83 „Die Dahlien auf der Straße nach Tschernobyl werfen schon das zweite Jahr ihr Unheil ab. Durchsichtiges Entsetzen fingert an den Toren, ob man das Haus wohl noch betreten kann? Tau liegt wie Todesschweiß auf Gräsern, Nüssen. Das meiste Strontium steckt jedoch im Dach aus Stroh. Endlos besungene Dächer der Heimat, einst ihr Schmuck, heute der Strahlung Hort“ (Kostenko 1996: 119). Die Veränderung der Rezeption eines vormals vertrauten und als schön empfundenen Weltausschnittes verändert sich jedoch nicht nur durch das Wissen um die Gefährlichkeit der Radioaktivität, sondern im größeren Maße auch durch die Wahrnehmung der realen Strahlen- und Folgeschäden der Kontamination. Zu den bereits beschriebenen Veränderungen in der Natur kommen ebenfalls subtile Veränderungen in ihrer eigentlichen Wahrnehmungsqualität hinzu, wie folgendes Zitat verdeutlicht: „Ich frage meine Leute, wir waren zu dritt: ‚Sagt mal, wie duftet der Apfelbaum?‘ ... ‚Der duftet überhaupt nicht.‘ Etwas war mit uns geschehen ... Der Flieder duftete nicht ... Der Flieder! ... Ich hatte auf einmal das Gefühl, dass alles ringsum so unwirklich ist, dass ich mitten in einer Kulisse stehe ... [Herv. d. A.] Und ich begreife das nicht, ich bin dazu unfähig. Ich habe auch nirgendwo darüber gelesen ...“ (Alexijewitsch 2015: 144). Durch den Verlust einzelner, oftmals unbewusster da als selbstverständlich erlebter, Erfahrungsqualitäten destabilisiert sich das gesamte Erleben des Weltausschnittes der Betroffenen. Durch den teilweisen Verlust der sinnlichen Affektivität einzelner Weltentitäten, entsteht ein Gefühl der Unwirklichkeit des gesamten Weltausschnittes, wie der Vergleich mit einer Kulisse beispielhaft illustriert. Neben der Wahrnehmung dieser subtilen Veränderung manifestiert sich dieses Gefühl der Unwirklichkeit jedoch auch anhand massiver und drastischer Schäden in der Umwelt, welche auf die brachialen Dekontaminierungsarbeiten zurückzuführen sind. Im Zuge der Dekontamination ganzer Landstriche wurden verseuchte Objekte wie Häuser und Fahrzeuge zerstört, Wälder gerodet und der Boden abgetragen. Notwendig wurde diese Vorgehensweise, da die radioaktiven Substanzen – wie zuvor beschrieben – sich irreversibel mit anderen materiellen Entitäten verbinden. Dekontamination ist eine euphemistische Beschreibung für Zerstörung und Entsorgung – wie im folgenden Abschnitt detailliert erläutert werden wird. Ein Zeuge beschreibt seinen Eindruck dieser Transformation der Welt von etwas Lebendigem in etwas Totes folgendermaßen: „Ich weiß noch, einmal kam ich von einer Dienstreise zurück. Eine richtige Mondlandschaft ... Bis zum Horizont zogen sich zu beiden Seiten der Straße Felder hin, die mit weißem Dolomit überzogen waren. Die oberste Bodenschicht war abgetragen und vergraben und darüber Dolomit geschüttet wor- 84 den. Es hatte was Unirdisches ... [Herv. d. A.]“ (Alexijewitsch 2015: 119- 120). Aufgrund dieser Erfahrungen, veränderte sich die Rezeption von Welt in den Aussagen zunehmend: Mit steigender Strahlenexposition und ökologischer Zerstörung wird Welt (und Natur) mehr und mehr als etwas Unbekanntes und Irreales rezipiert. Interessanterweise findet sich im Kontext dieser Rezeption auch eine zugleich zunehmende Rezeption von Welt als Totalität bzw. als Ganzes der Erfahrung. Vor diesem Hintergrund beschreiben die Zeugen ihre Reaktion auf die Katastrophe im Spannungsfeld zwischen Verdrängung, da die vertraute Umgebung nach wie vor als unbelastet erscheint, und Angst, da insbesondere das Abtragen der hochkontaminierten Bereiche und die Evakuierung der Dörfer die prägenden Erfahrungen der Katastrophe waren. Daran schließt sich eine Erfahrung von Leere an, die durch die Wahrnehmung vormals belebter Häuser, Gärten und Wälder entsteht, welche weiterhin blühen und gedeihen – aber ohne gebraucht zu werden. Die Zone wird dadurch zu einem Ort, an dem Menschen nicht mehr leben können. Innerhalb dieses Spannungsfeldes eröffnet sich für die Zeugen nun die Perspektive auf Welt als Ganzes der Erfahrbarkeit, welche vorher als Selbstverständlichkeit angesehen wurde, wie Alexijewitsch bemerkt: „Früher haben wir die Welt um uns herum nicht bemerkt, sie war wie der Himmel, wie die Luft, so als hätte sie uns jemand für alle Ewigkeit gegeben, und sie hing nicht von uns ab. Sie würde immer da sein [Herv. d. A.]. Früher lag ich gerne im Wald, im Gras und schaute in den Himmel, da war mir wohl, da vergaß ich fast, wie ich heiße. Und jetzt? Der Wald ist schön, voller Blaubeeren, aber keiner pflückt sie. Im herbstlichen Wald hört man nur noch selten eine menschliche Stimme. Angst in den Empfindungen, im Unterbewusstsein ...“ (Alexijewitsch 2015: 156). Das heißt, erst durch die Katastrophe und die radioaktive Kontamination tritt Welt als Horizont des basalen Kontaktverhältnisses in den Vordergrund: Im Moment der Prekarisierung der notwendigen Unmittelbarkeit des Weltverhältnisses tritt Welt überhaupt erst als eine solche Notwendigkeit ins Bewusstsein der Betroffenen. Durch den Verlust der ontologischen Sicherheit wird Welt als Ganzes der Erfahrbarkeit für die Zeugen überhaupt erst erkennbar – und damit ihre eigene Involviertheit, welche nun von Angst und Verlusterfahrungen geprägt ist. Durch die Toxizität wird Welt als repulsiv erfahren: „Töten konnte das abgemähte Heu. Der geangelte Fisch, das gefangene Wild. Ein Apfel ... Die Welt um uns herum, uns früher so gefügig und freundlich gesinnt, flößte nun Angst ein“ (Alexijewitsch 2015: 44). 85 Den Betroffenen wird damit bewusst, dass die eigentliche Dimension der Katastrophe nicht auf ökologische oder soziale Schäden beschränkt ist, sondern Welt als Ganzes der Erfahrbarkeit infrage stellt. Eine Zeugin verleiht ihrem Erstaunen über diese Dimensionalität der Katastrophe wie folgt Ausdruck: „Am stärksten beeindruckt war ich, als klar wurde, dass es sich um eine Weltkatastrophe [Herv. d. A.] handelt. Die ersten Jahre wurde vieles verheimlicht. Es wurde berichtet, dass es hier und dort bloß ein bisschen verseucht sei“ (Jaeggi 2011: 137). Die radioaktive Kontamination ist damit nicht nur eine ökologische Schädigung, sondern in ihrer gesamten – auch sozialen – Tragweite eine Weltkatastrophe im hier definierten Sinne des Wortes, die das Ganze der Erfahrbarkeit und damit genuin die Möglichkeit von gelingenden Weltbeziehungen betrifft. Durch den Verlust der Unmittelbarkeit und ontologischen Sicherheit des Weltausschnitts tritt dieser Erfahrungshorizont überhaupt erst in das Bewusstsein der Betroffenen. Wie beschrieben wurde, bedeutet diese Verdoppelung der Welt keine genuine Zerstörung von Welt, sondern ihre totale Transformation: Die Normalität der vertrauten Umgebung und die toxische und irreale Welt der Strahlung durchdringen sich wechselseitig, mit weitreichenden Folgen für die reale Erfahrungsqualität dieses Weltausschnitts. In der Wahrnehmung der Betroffenen verschmelzen damit die Pole von Schönheit bzw. Lebendigkeit und Tod miteinander, wodurch eine Verkehrung positiver erfahrbarer Qualitäten in ihr negatives, gleichermaßen bedrohliches Gegenteil erlebt wird. Alexijewitsch verdeutlicht diese Umkehrung der Erfahrungsqualität dieses Weltausschnitts exemplarisch: „Meine erste Fahrt in die Zone ... Unterwegs dachte ich, dort würde alles mit grauer Asche bestäubt sein. Mit schwarzem Ruß. Dort aber war es schön. Wunderschön! Blühende Wiesen, die Wälder in zartem, jungem Grün. Diese Zeit mag ich besonders. Wenn alles zum Leben erwacht, wächst und singt. Das hat mich am meisten verblüfft – diese Verbindung von Schönheit und Angst. Die Angst war nicht mehr von der Schönheit zu trennen und die Schönheit nicht von der Angst. Alles war ins Gegenteil verkehrt [Herv. d. A.]“ (Alexijewitsch 2006: 8). Es lässt sich festhalten, dass mit der Katastrophe Alles anders geworden ist (vgl. Alexijewitsch/Virilio 2003: 11). Durch die Radioaktivität und der von ihr erzeugten strukturellen Antinomie im Weltverhältnis der Betroffenen verändert sich die Rezeption dieser kontaminierten und geschädigten Welt. Der Verlust der ontologischen Sicherheit führt zu einer Prekarisierung des Weltverhältnisses, in dessen Folge Welt überhaupt erst als Welt im hier definierten Sinne ins Bewusstsein gerät. Jedoch ver- 86 liert Welt bzw. die vertraute Natur nicht vollständig ihre resonanzkonstitutive Antwortqualität – da auch weiterhin Bereiche als normal erscheinen können –, aber insgesamt wird Welt nicht mehr als antwortend erfahren, da die notwendige Unmittelbarkeit des Affiziertwerdens durch Welt fundamental beeinträchtigt ist (vgl. Rosa 2014: 137). Der Verlust der ontologischen Sicherheit führt zu einer Selbstbeschränkung und Verunsicherung im Weltverhältnis der Betroffenen, deren sichtbare und affektive Repräsentation die subtilen Veränderungen in der einst vertrauten Umgebung sind. Welt erscheint als irreal und damit als nichtresponsiv. Mit Hans Blumenberg lässt sich diese Veränderung im Weltverhältnis als ein „Unbehagen in der Natur“ aufgrund der radioaktiven Kontamination zusammenfassend beschreiben: „Dieser sechste Sinn eines immer wachen Misstrauens spürt das Unbehagen noch in der reinsten Waldesluft, für ihn hat die Natur den letzten Rest von idyllischen Möglichkeiten verloren“ (Blumenberg 2015: 56). Doch trotz dieser fundamentalen Veränderung im Weltverhältnis der Betroffenen muss ebenso konstatiert werden, dass „Tschernobyl lebt“ (Plate 2006). Noch immer leben Menschen in und um die radioaktive Zone und müssen sich mit den Folgen der Strahlung arrangieren: „Zwar ist das Leben nicht vollständig aus den betroffenen Gebieten verschwunden, aber es hat sich seiner biologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Dimension verändert. Diese Veränderung ist ebenso unsichtbar wie die Strahlung, doch sie bleibt in jedem Wort, in jeder ängstlich angespannten Geste erhalten“ (Pena-Vega 2011: 75). Es stellt sich nun die Frage, welche Folgen diese beschriebene Transformation von Welt für das konkrete in-der-Welt-Sein der Betroffenen hat, wie sich ihre Weltbeziehung verändert und ob Resonanz unter diesen Umständen überhaupt noch möglich ist. Im Folgenden wird zu zeigen sein, ob es sich bei einer Selbst-Welt-Beziehung ohne resonanzkonstitutives Weltgegenüber tatsächlich, um eine „[…] existentielle Unmöglichkeit […]“ (Rosa 2014: 137) handelt oder ob nicht vielmehr das „Leben in einer Welt der Verbote“ (Pena-Vega 2011: 71), selbst eine Transformation von subjektiven Weltbeziehungen bewirkt. Mit der Darstellung der Transformation von Welt in der Entfremdungszone ist damit die erste Hälfte der Analyse abgeschlossen, womit nun der Blick auf die Transformation der subjektiven Weltbeziehungen geworfen werden kann und die hier aufgeworfenen Fragen beantwortet werden können. 87 4.2.2. Die Rezeption des veränderten Selbst-Welt-Bezuges in den Aussagen der Zeugen Dieser Abschnitt soll zeigen, wie sich das Selbst-Welt-Verhältnis der Betroffenen durch die erläuterte materielle Transformation von Welt in der Zone verändert. Hierzu wurde der analytische Begriff der materiellen Weltbeziehung formuliert, welcher eine Klasse von konkreten Weltbeziehungen beschreibt, in der die Erfahrung von Welt durch konkrete materielle Dinge, Lebewesen und Stoffe als etwas genuin Materielles primär ist. Das heißt, dass diese Form von Weltbeziehung durch die konkrete Erfahrung materieller Entitäten vermittelt ist und deren materielle Konstitutionen einen maßgeblichen Einfluss auf das Beziehungsgeschehen ausüben. Daher sind unter dieser Perspektive ebenso leiblichaffektive Aspekte, wie auch das Kriterium der Selbstwirksamkeit besonders relevant. Im Folgenden wird zunächst eine Beschreibung der Rezeption der eigenen Stellung in der kontaminierten Welt durch die Betroffenen gegeben. Dies ist die Zusammenfassung der Kategorie 4 „Selbst- Welt-Bezug“. Diese unterteilt sich erstens in die leiblich-emotionale Weltbeziehung, welche in die Rezeption von Emotion und Leib unterteilt ist und zweitens in die tätige Selbstwirksamkeit sowie die Umkehrung des Zweckes von Tätigkeit. So beschreibt der Aspekt des leiblich-emotionalen Weltbezugs die Veränderung der Selbstwahrnehmung der Subjekte als leibliche und emotionale Wesen aufgrund des Wissens um die Anwesenheit und Bedrohung der Strahlung. Mit diesem Wissen und der Wahrnehmung der Veränderungen der unmittelbaren Umgebung verändern sich auch die vorherrschenden Emotionen der Betroffenen. Zunächst stellten sich Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit in Anbetracht der Unfasslichkeit der Katastrophe ein, welche sich im Verlauf zu einem starken Angstgefühl gegenüber der Welt selbst entwickelt, da potentiell jede Handlung und jedes Ding mit einer Gefahr verbunden ist. Folgender Tagebucheintrag gibt eine exemplarische Beschreibung dieses Gefühls: „10. Mai 1986: Die letzten Tage waren so geil. Ich hatte so viel Spaß am Dasein und am Erleben, aber der Schatten der Tschernobyl-Katastrophe liegt einfach über allem. Was ich tue, denke, erlebe, unternehme, esse, trinke, es lässt mich nicht mehr los. Ich hab keinen Bock, Kinder in diese Welt zu setzen, viel Hoffnung auf Besserung hab ich nicht mehr, möchte aber trotzdem, dass die AKW's gestoppt werden. Hoffnungsschimmer Angst. Einschränkungen hinnehmen für die Natur, die Menschen, die Welt von morgen, für die Kinder ... Das darf doch nicht schwierig sein!? Würde gerne barfuß durch Wiesen laufen, überhaupt spazieren gehen in Feldern, Wiesen, Wäldern, Grillfeten machen, schwimmen, die ‚frische‘ Luft einatmen ohne Angst, in kurzen Hosen durch den Regen laufen, Joghurt mit Müsli essen, Milch trin- 88 ken, keine Angst haben vor dem, was ich esse, trinke, atme, spüre. Zu spät?!“ (Böseke/Wagner 1987: 24). Dieses Gefühl des Unvermögens und der Bedrohung in den alltäglichsten Handlungen wird durch ein Gefühl des Misstrauens gegenüber einer (potenziell) verstrahlten Welt ausgelöst, von der die Betroffenen nicht wissen können, ob es wirklich die freundliche Umgebung ist oder eine kontaminierte Zone. Folgendes Gedicht verleiht diesem Misstrauen exemplarischen Ausdruck (Böseke/Wagner 1987: 38): Sind es noch die alten Farben Wir freuen uns der ersten Tage die wieder Wärme bringen Wir bewundern das leuchtende Grün der frischen Blätter Wir sind geneigt uns rundum zufrieden zu fühlen Und doch ist da eine Spur Mißtrauen Sind das Wärme und Farben von denen man liest in alten Gedichten oder nur der falsche Glanz von schweren Metallen und Giften Jetzt scheint uns selbst der Schimmer in unseren Augen nur die Spiegelung verdrängter Angst Diese ausgeprägten Gefühle resultieren als Folge aus einer fundamentalen Erschütterung der Betroffenen in ihrem Dasein – in der das für Weltbeziehung grundlegende Verhältnis von Emotion und Affizierung unterbrochen ist. Diese Gefühle schlagen sich in Reaktionen wie Verdrängung, Unverständnis und Vorsicht nieder, welche dazu führen, dass die Betroffenen aus Selbstschutzgründen auf Distanz zur kontaminierten Welt gehen und einen direkten Kontakt mit den verstrahlten Bereichen, ihren Objekten und damit verbundenen Handlungen meiden. Angst und Depressionen formen die eigene Wahrnehmung in dieser Welt mit weitreichenden Auswirkungen: „Wir haben Angst vor allem ... Angst um die Kinder ... Um unsere Enkel, die es noch gar nicht gibt ... Sie sind noch nicht geboren, und wir bangen schon um sie ... Die Menschen lächeln weniger, singen nicht, so wie früher an Feiertagen. Nicht nur die Landschaft verändert sich, wenn statt der Felder wieder Wälder und Gehölze wachsen, auch der nationale Charakter ändert sich. Alle leiden unter Depressionen ... Hoffnungslosigkeit macht sich breit.“ (Alexijewitsch 2015: 237). 89 Da die Strahlung nicht nur eine Veränderung von Perspektiven und Wahrnehmungsweisen auslöst, sondern ein materiell wirksamer Faktor in der Welt ist, lässt sich ihre Wirkung im Selbst-Welt-Verhältnis nicht auf diese subjektiven Deutungsmuster reduzieren. Denn auch die eigene Leiblichkeit, das heißt, die Welt, die die Subjekte selber sind, ist einer spürbaren Transformation unterworfen. Die Transformation der emotionalen Disposition der Betroffenen geht einher mit einer Veränderung der Selbstwahrnehmung als potenziell durch Strahlung gefährdeter Körper. Die Steigerung der Sensibilität gegenüber der eigenen Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit der Betroffenen ist mit einem Gefühl von Stress und des Ausgeliefertseins konnotiert, in dessen Folge notwendige körperliche Funktionen wie Essen, Trinken, Laufen, Atmen etc. einen bedrohlichen Anschein erhalten. Jede körperliche Äußerung bietet zugleich die Möglichkeit zur Erkrankung und stellt damit jede Lebensäußerung der Betroffenen infrage. Alexijewitsch erläutert: „Beeren gab es im Wald, Pilze ... Und jetzt ist alles zusammengebrochen, das ganze Leben. Wir dachten immer, dass das alles unzerstörbar ist, dass das, was im Topf kocht, ewig ist. Nie hätte ich geglaubt, dass es mal anders kommen könnte. Aber es ist so ... Nun dürfen wir keine Milch trinken ... Keine Bohnen essen ... Pilze, Waldbeeren sind verboten. Fleisch sollen wir drei Stunden lang einweichen ... Und von Kartoffeln muss zweimal Wasser abgegossen werden, wenn man sie kocht. Wir müssen weiterleben ... Man will uns weismachen, dass wir das Wasser nicht trinken dürfen. Aber wie soll man ohne Wasser auskommen?“ (Alexijewitsch 2015: 83). Diese Beschreibung der ernährenden und damit – nach Böhme – guten Natur verweist auf die Folgen des Verlustes der ontologischen Sicherheit und damit auf die ganze Tragweite im leiblichen Selbstverhältnis der Betroffenen: Die Umkehrung der positiv konnotierten Befriedung leiblicher Bedürfnisse in eine potenzielle Selbstgefährdung. Dadurch geraten die Betroffenen in einen Konflikt zu sich selbst. Daher werden Krankheit und Tod zu allgegenwärtigen Elementen der körperlichen Selbsterfahrung. Die Erfahrung von Erkrankungen und der Veränderung der leiblichen Selbstwahrnehmung in Folge der Strahlenexposition ist dabei eng mit einem Gefühl des Ausgeliefertseins verbunden: „Aber was dort mit uns geschehen ist, kann das Bewusstsein nicht fassen. Wir schwinden dahin ... Du spürst, wie eine völlig unbekannte Sache deine ganze frühere Welt zerstört, in dich eindringt, Besitz von dir ergreift“ (Alexijewitsch 2015: 161). 90 Damit eng verbunden verändert sich auch die Wahrnehmung des Todes bzw. der eigenen Sterblichkeit: Auf der einen Seite gelangt die eigene Sterblichkeit nun vermehrt ins Bewusstsein der Betroffenen, zum anderen ändert sich aber auch die Erfahrung des Todes. Dieser lauert nun potenziell überall und kündigt sich nicht mehr durch sichtbare Vorzeichen an: „Der Tod lauerte überall, aber dieser Tod war irgendwie anders. Er trug neue Masken. Kam in einem anderen Gewand. Der Mensch wurde davon überrumpelt, darauf war er nicht vorbereitet. Nicht vorbereitet als biologische Art; sein gesamtes natürliches Arsenal, ausgebildet zum Sehen, Hören und Tasten, versagte. Nichts davon war brauchbar; Augen, Ohren und Hände taugten nicht, waren keine Hilfe, denn Radioaktivität ist unsichtbar, lautlos und ohne Geschmack. Körperlos“ (Alexijewitsch 2015: 44). In Folge dieser Veränderung der Rezeption der leiblich-emotionalen Selbstwahrnehmung verändert sich auch die Wahrnehmung der eigenen Selbstwirksamkeit im Hinblick auf das Vermögen des eigenen Leibes und des Tätigseins als basalen Weltbezug. So rezipieren die Betroffenen alle Tätigkeiten bei denen sie unmittelbar in Berührung mit der kontaminierten Welt kommen, als potenziell gefährlich und werden primär unter diesen Aspekt erlebt. Insbesondere autotelische, das heißt spontane und zweckfreie Handlungen, wie z. B. das Spielen der Kinder oder das Streifen durch eine Wiese, müssen nun unter ihren potenziell gesundheitsschädlichen Auswirkungen bewertet werden. Dadurch verlieren sie ihren autotelischen Charakter und verstärken das konflikthafte Selbstverhältnis, wie diese Äußerung eines Kindes verdeutlicht: „Aber ich möchte keine Angst haben, wenn ich im Sandkasten spiele, in den Wald gehe, Beeren esse, Blumen sammle. Ich will keine Tränen der Erwachsenen sehen, in keinem Krankenhaus sein. Ich möchte, dass alle Kinder in Gärten und Parks spielen, lachen und sich über die Sonne freuen, in die Schule gehen, dass ihre Eltern nicht weinen und für immer die grausamen Wörter Tschernobyl und Radioaktivität vergessen“ (Jaeggi 2011: Cover). Ein weiteres aussagekräftiges Beispiel für dieses widersprüchliche Selbst-Welt-Verhältnis findet sich den Aussagen von (jungen) Frauen. So beschreiben sie die selbstwirksame Erfahrung des Kinder-zur-Welt- Bringens, welche ein wesentlicher Aspekt in der leiblichen Selbstwahrnehmung der betroffenen Frauen ist, durch die mögliche Vorerkrankung des Kindes als fundamental infrage gestellt: „Sie ist das einzige Kind in Weißrussland, das mit einer so komplexen Pathologie überlebt hat. Ich liebe mein Kind sehr. Ich kann keine Kinder mehr bekommen. Ich wage es nicht. Ich wurde aus der Entbindungsklinik nach Hause entlassen. Mein Mann küsste mich in der Nacht, und ich zitterte am 91 ganzen Leibe ... Wir dürfen nicht ... Sünde ... Angst ... Ich hatte gehört, wie die Ärzte unter sich sagten: ‚Das Mädchen ist nicht im Hemd, sondern in einem Panzer geboren. Würde man sie im Fernsehen zeigen, würde keine Frau mehr entbinden wollen.‘ Und das über unser Mädchen! ... Wie sollten wir einander danach noch lieben können?“ (Alexijewitsch 2015: 115). Auch hier kehrt die radioaktive Kontamination den leiblichen Selbst- Welt-Bezug der Betroffenen um: vormals positive, spontane und als schön empfundenen Tätigkeiten, die eine wichtige Rolle in der emotional-affektiven Grundierung des Weltverhältnisses spielen, verkehren sich in ein negativ konnotiertes und als bedrohlich bzw. schädlich empfundenes Bedürfnis, das es zu unterdrücken gilt. Dadurch geraten die Betroffenen in ein konflikthaftes Selbstverhältnis, das sich auf die strukturelle Antinomie im Weltverhältnis der Betroffenen zurückführen lässt. Dadurch verkleinert sich der Radius der Möglichkeiten von Tätigkeit an sich. Durch die radioaktive Kontamination wird die Machbarkeit als Horizont des Möglichen unter dem Aspekt der Gefährdung beschränkt. Damit kommt es zu einer negativen Umkehrung des Zwecks von Tätigkeiten selbst. Gewöhnliche Tätigkeiten werden dadurch als geradezu absurd erfahren, wie diese Zeugin beschreibt: „Unser Leben lang haben wir eigene Kartoffeln, eigene Knollen gehabt, und auf einmal hieß es: Verboten! Es ist zum Weinen und zum Lachen! ... Man riet uns, mit Mullbinden vor dem Mund und Gummihandschuhen im Garten zu arbeiten ... Und dann sprach noch ein bedeutender Wissenschaftler im Klub, der sagte, wir müssten das Holz waschen ... Na, so was Komisches! Ich denke, ich höre nicht recht!“ (Alexijewitsch 2015: 57). Tätigkeiten, die vorher durch einen positiven, das heißt tätigen und schöpferischen Weltbezug – insbesondere hier im Bereich der Arbeit – geprägt waren, erhalten nun eine negative bis absurde Konnotation. Dieses Zitat verdeutlicht, dass diese Umkehrung in bestimmten Fällen die Tätigkeit selbst ad absurdum führt, dass sie nun ihrem Zweck entgegengesetzt ist – die Betroffenen verstehen im wahrsten Sinne des Wortes die Welt nicht mehr. Seinen krassesten Ausdruck findet diese Umkehrung in dem Umgang mit hochverstrahlten Objekten selbst, wie bereits oben anhand der Dekontaminierungsarbeiten einführend beschrieben wurde. Aus der irreversiblen Kontamination folgt als einzig mögliche Reaktion des Selbstschutzes die Eliminierung dieser Gefahrenquelle durch die Vernichtung dieser Objekte. Bezeichnender Ausdruck hierfür ist die allgegenwärtige Tätigkeit des Vergrabens von hochradioaktiven Objekten. Folgendes Zitat illustriert dies exemplarisch: 92 „Wir begruben den Wald. Wir sägten die Bäume bis auf anderthalb Meter ab, wickelten die Stämme in Plastikfolie und wälzten sie in einen ‚Mogilnik ‘. Ich konnte nachts nicht schlafen. Wenn ich die Augen zumachte, sah ich, wie sich etwas Schwarzes bewegte, drehte ... Wie lebendig ... Lebende Erdschichten ... Mit Käfern, Spinnen, Würmern drin ... Ich kannte ihre Namen nicht, ich wusste nicht, wie sie heißen … Einfach Käfer und Spinnen. Ameisen. Kleine und große, gelbe und schwarze. So bunte. Bei einem Lyriker habe ich mal gelesen, dass Tiere ein Völkchen für sich sind. Ich habe sie zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden umgebracht, ohne ihre Namen zu kennen. Ich habe ihre Behausungen zerstört. Ihre Geheimnisse. Habe begraben ... begraben ...“ (Alexijewitsch 2015: 123-124) Diese negative und destruktive Tätigkeit wird zur einzigen Möglichkeit, die radioaktive Strahlung zu reduzieren: Die Zerstörung von Welt zur Wiederaneignung von Welt verdeutlicht damit die negative Umkehrung des tätigen Weltverhältnisses in besonders drastischer Weise. Die Tätigkeit des Vergrabens und des Beerdigens, welche wie beschrieben eng mit Negation, Vernichtung und Endgültigkeit konnotiert ist, wird damit zur Arbeit am Negativen selbst. In der durch die Strahlung induzierte Umkehrung des tätigen Selbst-Welt-Verhältnis verbleibt einzig die destruktive Welthaltung als Möglichkeit des tätigen Weltbezugs: Vergraben ist Arbeit am Negativen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die radioaktive Kontamination eine wesentliche Veränderung im Selbst-Welt-Verhältnis und der materiellen Weltbeziehung der Betroffenen bewirkt. So verändert sich der leiblich-emotionale Bezug zur Welt, da die Befriedigung leiblicher Bedürfnisse zur Bedrohung wird, weshalb Tätigkeiten mit einem engem Kontaktverhältnis zu Materialität eine negative Konnotation erhalten, wodurch die Betroffenen in ein konflikthaftes Selbstverhältnis geraten. Dadurch verändert sich auch die Ausrichtung und zweckhafte Ausübung tätiger Weltbeziehungen. So ist zum einen die Selbstwirksamkeit im Hinblick auf die Möglichkeiten des Leibes, aber auch allgemein im Hinblick auf die substantielle Beharrlichkeit der Strahlung eingeschränkt – wie die hilflosen Dekontaminierungsmaßnahmen verdeutlichen. Dadurch kehrt sich der Charakter von Tätigkeiten selbst um, sie erhalten eine negative bzw. destruktive Ausrichtung oder führen ihre eigene Zweckhaftigkeit ad absurdum. Tätigsein wird unter der allgegenwärtigen Strahlung zur Arbeit am Negativen, denn „[…] seitdem ist der Mensch im Widerstreit mit seinen früheren Vorstellungen von sich und von der Welt“ (Alexijewitsch 2015: 39). Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die Möglichkeit von Weltbeziehung und Resonanz. So führt der Verlust der ontologischen Sicherheit, zu einem weitreichenden Trauma (vgl. Zhukova 2016), in dessen 93 Folge soziale und leibliche Lebensäußerungen ihre Konnotation verändern. Seinen Ausgang nimmt diese Transformation von Weltbeziehung auf leiblich-vegetativer Basis, denn durch die erzwungene Selbstreflexion im Angesicht der Strahlungen geraten die Betroffenen im gewissen Sinne außer sich (vgl. Claessens 1963: 515). Die Infragestellung leiblicher Äußerungen als potenziell gefährliche Bedürfnisse zwingt den Betroffenen geradezu eine Reflexion dieser präreflexiven Selbstbeziehung auf, wodurch diese überhaupt erst als problematisch erfahren wird: Mit diesem Verlust der primären leiblich-affektiven Abstimmung zur Welt kommt es also zum Weltverlust (vgl. ebd.). Denn Betroffenen wird damit ihr „Leibsein zur Aufgabe“ (Böhme 2003). Das heißt, die Möglichkeit für Resonanz geht nicht den Betroffenen selbst verloren, etwa, weil sie diese nicht mehr empfinden könnten, sondern weil Welt als resonanzkonstitutives Gegenüber diese Möglichkeit materiell beschränkt. Es wäre vermessen zu behaupten, dass die Betroffenen der Katastrophe nicht mehr resonanzfähig seien, vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Resonanz als Weltbeziehung wird prekär, weil Welt selbst prekär wird. In leiblicher Hinsicht bedeutet dies eine verstärkte Sensibilität für Krankheit und Tod. Denn in der Krankheit wird der Körper als Welt den Subjekten selbst zum Feind (vgl. Rosa 2016: 181). Daher ist es nachvollziehbar, dass insbesondere werdende Mütter, welche in einem sehr engen Resonanzverhältnis zu ihrem Kind stehen, eine besondere Sensibilität für diese Bedrohung entwickeln (vgl. Rosa 2016: 85-86). Es kommt gerade deshalb zu einem Welt- und Resonanzverlust, weil das eigentliche Resonanzempfinden aufseiten der Subjekte intakt bleibt. Dies bedeutet auch, dass Krankheit keine genuine Einschränkung der Resonanzfähigkeit bedeutet, sondern ein Widerfahrnis, das es prinzipiell anzunehmen gilt (vgl. Böhme 2003: 249). Daher ist es nur plausibel, wenn Petryna beschreibt, wie leibliche Pathologien einen zentralen, politisch bedeutsamen und zum Teil positiven Stellenwert im Selbstverständnis der Betroffenen einnehmen können (vgl. Petryna 2013). Dieser Zusammenhang in der Transformation von Weltbeziehung lässt sich auch im Hinblick auf tätige Selbstwirksamkeit und die Ausrichtung von Tätigkeiten selbst beschreiben. Auch hier kommt es zu extremen Entfremdungs- und Repulsionserfahrungen, weil sich die Möglichkeiten von tätiger Beziehung materiell aufseiten der Welt verändert. Da Dinge ihre Resonanzqualität aus ihrer Einbettung in das Lebens- und Weltganze gewinnen (vgl. Rosa 2016: 392), verlieren sie gerade durch die radioaktive Kontamination diese Resonanzqualität. Denn durch die Kontamination verwandeln sich vormals vertraute Dinge in Gefahrenquellen. Dadurch misslingen resonanzkonstitutive Anverwandlungsprozesse, was sowohl für das Spielen der Kinder, als auch für das Arbeiten 94 der Erwachsenen als Formen der tätigen Weltbeziehung gilt. Auch hier lässt sich feststellen, dass die Möglichkeit für Resonanz als gelingender Modus von Weltbeziehung unterminiert wird, weil Welt selbst nicht mehr in einer unmittelbaren und kontaktintensiven Weise für das Subjekt erreichbar ist. Da Arbeit bzw. Tätigsein jedoch zu den unhintergehbaren Aspekten subjektiven Weltbezugs gehört (vgl. ebd.: 394), kommt es zu einer Umkehrung der zweckhaften Ausrichtung von Tätigkeit. Die Dekontaminierungsarbeiten werden zu einer „Arbeit am Tod“ (Hofmann 2010). Durch die Bedrohlichkeit der kontaminierten Weltdinge, erhält ihre Negation in Form von Zerstörung und Vergrabung einen positiven Zweck, da es diese Arbeit am Negativen ist, welche als einziger positiver Weltbezug im Tätigsein verbleibt. Dekontamination ist eine Form der Bewältigung der Strahlenbelastung welche versucht, die Möglichkeit von Resonanz als konstitutive Eigenschaft von Welt erneut freizulegen. Dennoch geht Welt irreversibel verloren, da diese Arbeit am Negativen nicht in der Lage ist, einen prä-kontaminierten Zustand wiederherzustellen. Durch die destruktive Reaktion wird der Weltverlust verstärkt. Dies verweist auf die fundamentale Veränderung von Welt und die genuine Beziehungsfähigkeit materieller Objekte, welche im Moment ihres Verlustes den Subjekten schmerzlich bewusst wird – wodurch die traumatischen Folgen dieser Tätigkeit überhaupt erst nachvollziehbar werden. Abschließend lässt sich festhalten, dass die strukturelle Antinomie im Weltverhältnis der Betroffenen, welche durch die Inkommensurabilität von radioaktiver Kontamination und Welt als Kontaktraum eintritt, eine fundamentale Transformation von Weltbeziehung auslöst. Welt ist für die Subjekte im Rahmen gelingender Weltbeziehungen nicht mehr erreichbar: Nicht, weil sie vollkommen zerstört wäre, sondern weil die radioaktive Kontamination die Subjekte zu einer Selbstdistanzierung zwingt. Im Moment dieses Weltverlustes tritt die resonanzkonstitutive Eigenschaft der materiellen Welt besonders hervor und wird von den Subjekten als solche verstärkt rezipiert. Die Resonanzsensibilität des Subjektes bleibt erhalten, wodurch der Weltverlust überhaupt erst als solcher erfahren wird. Es kommt damit zu einer fundamentalen Umkehrung im tätigen Weltverhältnis der Betroffenen, welche sowohl den Weltverlust als auch die Entfremdungserfahrung weiter verstärkt. Unter diesen Bedingungen brechen Weltbeziehungen nicht einfach ab oder werden zu einer existenziellen Unmöglichkeit, sondern sind einer negativen Umkehrung unterworfen. 95 4.3. Schlussfolgerung: Die Transformation von subjektiven Weltbeziehungen durch die Transformation der materiellen Welt Im folgenden Abschnitt erfolgt nun eine Zusammenführung der Analyse der Transformation von Welt und der Darstellung der Transformation der Selbst-Welt-Beziehung der Betroffenen, um zu zeigen, auf welche Weise Welt und subjektive Weltbeziehung im Moment des Weltverlustes aufeinander bezogen sind. Mithilfe der Zusammenfassung der Kategorie „Weltverlust“ wird eine Darstellung der Verlusterfahrung der Betroffenen gegeben, um daran zu analysieren, weshalb der Verlust von Welt als resonanzkonstitutives Gegenüber die hier beschriebenen katastrophalen Folgen für das Selbst-Welt-Verhältnis der Betroffenen hat. Damit wird auch die Leitfrage dieser Arbeit beantwortet. Daran anschließend erfolgt eine Darstellung der im Moment der Weltkatastrophe präsenten Resonanzsensibilität, um zu zeigen, dass das Hervortreten von Welt als Ganzes der Erfahrung im Moment ihres Verlustes eine Resonanzsphäre eröffnen kann, welche bereits in den Aussagen der Zeugen präsent ist. Diese abschließende Darstellung erfolgt unter dem Begriff Struggle für Resonanz und verweist auf die Schwierigkeit der Wiedererlangung einer resonanten Weltbeziehung. 4.3.1. Die Weltkatastrophe: Materialisierte Entfremdung, negative Unverfügbarkeit und der Verlust von Welt als resonanzkonstitutives Gegenüber Im Zentrum dieser Untersuchung steht die Fragestellung, wie die radioaktive Kontamination das in-der-Welt-Sein der Betroffenen verändert und welche Auswirkung dies auf Weltbeziehung und Welt als resonanzkonstitutives Gegenüber hat. Ziel dieses Abschnittes ist es, die gesamte Tragweite des Weltverlustes der Betroffenen zu beschreiben und aufzuzeigen, wie dieser Verlust zu der beschriebenen Transformation im Selbst-Welt-Verhältnis der Betroffenen führt. Hierzu wurde der analytische Begriff des „Weltverlustes“ formuliert, welcher Verlust von Welt als etwas primär Materielles in den Blick nimmt. In seiner Totalisierung fokussiert dieser Begriff Welt als das Ganze der Erfahrbarkeit, deren Verlust den Betroffenen damit zur Weltkatastrophe wird. Im Folgenden wird eine Zusammenfassung der Kategorie 5 „Weltverlust“ gegeben, um ausgehend von den Verlusterfahrungen der Betroffenen das Phänomen der Weltkatastrophe zu beschreiben. Die These der Arbeit geht davon aus, dass die Erfahrung der Atomkatastrophe als genuine Verlusterfahrung beschrieben werden kann. So beschreiben die Betroffenen eine umfassende Verlusterfahrung, die sich von Dingen ihrer unmittelbaren Lebenswelt, über den Horizont der von 96 ihnen erfahrenen Welt bis hin zu metaphysischen Gewissheiten reicht. So werden Verlusterfahrungen zunächst im Hinblick auf die verlorenen Häuser und den Familienbesitz, in Bezug auf Gärten und Nachbarn bzw. der Dorfgemeinschaft rezipiert, wie folgendes Zitat illustriert: „Ich vermisse dieses Haus noch immer, und es zieht mich noch heute dorthin zurück. Ich habe mein Haus sehr, sehr geliebt. Und im Garten wuchsen Äpfel, Pflaumen, Erdbeeren, auch rote Johannisbeeren, es gab da einfach alles“ (Jaeggi 2011: 73). Diese Erfahrungen lassen sich als Heimatverlust beschreiben, wobei nicht nur ein geografischer Weltausschnitt gemeint ist, sondern auch der Verlust einer gewissen Alltäglichkeit: „Wir haben keine Stadt verloren, sondern ein ganzes Leben ...“ (Alexijewitsch 2015: 64). Dieser Heimatverlust wird im Hinblick auf den Kontakt zur natürlichen Umwelt konkretisiert, wie ein Klagevers der Dichterin Kostenko ausdrückt: „Gebt mir den Regen wieder. Auch die Stille. Den Wald und in der Au den Fluss. Den Abendstern, den Garten voller Bäume, den Säer und das wogende Korn im Feld. Ich will alles zurück“ (Kostenko 1996: 117). Mit dem Heimatverlust ist auch die Unmittelbarkeit der Erfahrung der Natur verloren. Diese Erfahrung des Verlustes steigert sich im Hinblick auf die Dauer der radioaktiven Verstrahlung. So wird der Verlust als endgültig und unwiederbringlich rezipiert, was die Verlusterfahrung verstärkt, da keine Rückkehr in die verstrahlte Zone möglich ist. Alexijewitsch verdeutlicht dieses Gefühl von Endgültigkeit wie folgt: „Als die Leute abgereist sind, hat man ihnen gesagt, sie fahren jetzt für drei Tage weg. Und sie haben alles dort gelassen, alles, was im Haus, zum Haus gehört. Sie haben nur das Geld, ihre Papiere und Fotos mitgenommen. Und sie werden nie mehr dahin zurückkehren. Denn es heißt, die Zerfallszeit der letzten Elemente dort beträgt 40 000 Jahre. Das ist so weit entfernt, das heißt natürlich nie“ (Kluge 1996: 136). Mit der astronomischen Dauer der radioaktiven Kontamination, die von den Betroffenen als Ewigkeit erfahren wird, wird zugleich auch der Verlust von Welt als eine ewige und unzerstörbare angesehene Entität rezipiert. So wird der Anschein einer unveränderlichen ontologischen Sicherheit der Welt und ihrer Dinge durch die Ewigkeit der Radionuklide überlagert, denn diese astronomische Dauer kontaminiert auch die bisherige sozio-materielle Zeitordnung der Betroffenen. Der Verlust der Heimat, des Hauses oder des Kontaktes zur Natur im Angesicht der unabänderlichen Kontamination führt zum Verlust einer vermeintlichen Seinsgewissheit, wie eine Zeugin darlegt: 97 „Aber jetzt, nach Tschernobyl, hat sich alles verändert. Auch die Angst. Die Welt hat sich verändert, sie ist nicht mehr ewig, wie sie es noch vor kurzem schien. Die Erde ist auf einmal klein geworden. Wir haben die Unsterblichkeit verloren ... das ist mit uns geschehen!“ (Alexijewitsch 2015: 240). Die Betroffenen rezipieren ihre Verlusterfahrung vor diesem Hintergrund als total. Da Welt als Entität aber weiterhin bestehen bleibt, aber für die Betroffenen entweder nicht mehr erreichbar oder vollkommen verändert ist, geht letztlich auch ihr Realitätsbezug selbst verloren. Denn die Gleichzeitigkeit von Strahlung und vermeintlicher Normalität, Schönheit, Tod und Zerstörung wird von den Betroffenen als Realitätsverlust rezipiert. Vor der Inkommensurabilität dieser Erfahrungen versagt das Bewusstsein, wie Alexijewitsch selbst beschreibt: „Tschernobyl aber möchten wir vergessen, weil unser Bewusstsein davor kapituliert. Eine Katastrophe des Bewusstseins. Hätten wir Tschernobyl besiegt oder es wirklich verarbeitet, würden wir mehr darüber nachdenken und schreiben. So aber leben wir in einer Welt, unser Bewusstsein aber existiert in einer anderen. Die Realität entgleitet, der Mensch kann sie nicht mehr erfassen“ (Alexijewitsch 2006: 6). Es lässt sich festhalten, dass die Verlusterfahrungen der Betroffenen auch die Totalität des Daseins selbst umfasst: Vom Verlust der Häuser und der vertrauten Heimat, über den Verlust der Erfahrung der Vergänglichkeit in Anbetracht der Halbwertszeit der Radionuklide, bis hin zum Verlust der Seinsgewissheit und damit dem Verlust von Welt als Ganzes der Erfahrung. Im Folgenden soll diese Verlusterfahrung unter dem Begriff der Weltkatastrophe beschrieben werden, um zu zeigen, dass es gerade die materielle Transformation der Welt ist, die die Totalität dieser Erfahrung ausmacht und dadurch überhaupt zu einer pathogenen Transformation von Weltbeziehung führen kann. Die anhand der Zeugenaussagen beschriebene Verlusterfahrung lässt sich nun in drei analytische Aspekte zergliedern, welche eng miteinander verbunden sind: Erstens der Verlust der ontologischen Sicherheit, zweitens der Verlust der ontologischen Sicherheit als Folge einer Form von materialisierter Entfremdung und drittens diese materialisierte Entfremdung als Folge der Etablierung einer negativen Unverfügbarkeit im Weltganzen. In ihrer Zusammenführung ergeben diese drei Teilaspekte das Phänomen der Weltkatastrophe mit deren abschließender Beschreibung die Fragestellung dieser Arbeit beantwortet wird. Wie bereits an mehreren Stellen dieser Argumentation mit Cleassens, Giddens, Böhme und Rosa erläutert wurde, ist der eingetretene Weltverlust durch die Atomkatstrophe zunächst einmal eine Folge des Verlustes der ontologischen Sicherheit. Giddens beschreibt diesen Begriff als ein Vertrauen in die Kontinuität und Konstanz der sozialen und 98 materiellen Handlungswelt (vgl. Giddens 1996: 118). Diese ontologische Stabilität wurde vor dem Hintergrund der Position des Kontaktrealismus als wesentliche Eigenschaft von Welt beschrieben, da Subjekte auf ein Vertrauen in ihre Konstanz angewiesen sind, um eine stabile Selbst- Welt-Beziehung ausbilden zu können. Diese basiert auf der Notwendigkeit einer z.T. präreflexiven leiblich-affektiven Abstimmung mit der Welt (vgl. Claessens 1963: 515; Böhme 2008: 114). Gelingende Formen von Weltbeziehung sind auf die Erfahrung ontologischer Sicherheit angewiesen (vgl. Rosa 2016: 83). Diese Sicherheit wird nicht nur als Notwendigkeit, sondern auch als Gutheit erfahren. Der Verlust der ontologischen Sicherheit bewirkt nicht nur eine Infragestellung der leiblichaffektiven Abstimmung zur Welt, sondern stellt die Bejahung dieser vormals als positiv erfahrenen Responsivität der Welt selbst infrage. In diesem Sinne ist der durch die radioaktive Kontamination eingetretene Verlust der ontologischen Sicherheit ein totaler Weltverlust, weil die Seinsgewissheit im Bewusstsein der Betroffenen selbst unterminiert wurde. Total ist dieser Weltverlust deshalb, weil dieser den Verlust des resonanzkonstitutiven Gegenübers, das heißt eines Anderen, das Welt immer schon ist, bedeutet. Der Verlust der ontologischen Sicherheit betrifft Welt daher immer als Ganzes der Erfahrbarkeit, wie Beck erläutert: „Es ist das Ende der ‚anderen‘, das Ende all unserer hochgezüchteten Distanzierungsmöglichkeiten, das mit der atomaren Verseuchung erfahrbar geworden ist“ (Beck 1986a: 7). Die Folge dieses Verlustes ist eine tiefe metaphysische Trauer um diese im Verlust erkannte Ganzheit, die aus den Aussagen der Betroffenen spricht. Doch wie kann eine materielle Veränderung der Welt überhaupt diese weitreichenden sozialen Folgen für die Subjekte haben? Wieso kann eine materielle Qualität eine Transformation von Weltbeziehung auslösen? Und wieso erscheint eine positive Rezeption der Strahlung im Rahmen von Zeugenaussagen nicht als unmöglich, sondern auch als hypothetisch unplausibel? Der Grund hierfür findet sich in der materiellen Qualität der Radioaktivität, wie der Welt gleichermaßen. Ausgehend von den hier zugrundeliegenden Prämissen des Kontaktrealismus und der Materialität der Welt als konstitutiver Faktor für Weltbeziehung lässt sich zeigen, wie sich Weltbeziehungen durch eine materielle Transformation von Welt verändern können, ohne dass sich (zunächst) die Resonanzsensibilität der Subjekte und ihrer Deutungsmuster verändern muss. So lässt sich im Rahmen der durchgeführten Analyse der Transformation der Welt in der kontaminierten Zone festhalten, dass die erfahrene Repulsion eindeutig vom Objekt ausgeht, und nicht auf eine psychosomatische Disposition der Subjekte zurückzuführen ist. Folglich lässt sich festhalten, dass sich Repulsion offenbar als Eigenschaft von Welt selbst materialisiert. 99 Damit lässt sich Entfremdung nicht mehr nur als ein Modus von Weltbeziehung beschreiben mit dem Subjekte Welt erfahren, sondern auch als eine Eigenschaft der Dinge selbst. Für diese Schlussfolgerung, dass auch die Dinge selbst entfremdet sein können, spricht, dass sie durch die radioaktive Kontamination aus dem Zusammenhang des sozialen Lebens- und Weltganzen gerissen werden und damit ihre Resonanzqualität verlieren (vgl. Tsing 2018: 19, 171; Rosa 2016: 392). Aus der materiellen Agency der Radionuklide, die anhand der phänomenalen Neigungen von Stoffen und dem Phänomen der Dissipation beschrieben wurde, lässt sich schließen, dass sich mit der Toxizität nicht nur eine Form von Entfremdung materialisiert, sondern sich diese auch selbstständig verbreitet und durch die Kontamination anderer materieller Entitäten fortpflanzt. Denn durch die Strahlung verwandelt sich ein Objekt, das seine soziale Bedeutung erst aus seiner Bezogenheit auf das Subjekt gewinnt, in ein totales Objekt. Das heißt, die Strahlung objektiviert die Objekte in einer Weise, die sie aus ihrem Zusammenhang mit dem Subjekt herauslöst. Damit verlieren sowohl das Objekt, als auch das Subjekt ihr notwendig konstitutives Gegenüber (vgl. Baudrillard 2008: 10-11). Subjekt und Objekt zerfallen damit in zwei inkommensurable Sphären. Ein verstrahltes Objekt ist deshalb ein totales Objekt, weil es als etwas rein repulsives kein beziehungsfähiges Objekt mehr sein kann. Ohne Subjekt kann es jedoch auch kein Objekt geben, es verschwindet als solches aus dem beziehungskonstitutiven Weltganzen – obwohl es weiterhin physisch vorhanden ist. Es kommt zum Weltverlust, weil die radioaktiv kontaminierten Weltdinge, als totale Objekte für das Subjekt nicht mehr erreichbar sind. Doch wieso führt diese totale Objektifizierung der Weltdinge in der Entfremdungszone zu einem Weltverlust und nicht vielmehr zu einer Form von Resonanz? Den Aussagen der Zeugen ist ja eindeutig zu entnehmen, dass der hier beschriebene Störfall im Weltverhältnis der Betroffenen nicht auf eine verminderte Resonanzsensibilität der Subjekte selbst zurückzuführen ist, sondern seinen Ursprung in der Welt hat, wodurch Welt als Ganzes der Erfahrbarkeit überhaupt erst in das Bewusstsein der Betroffenen tritt. Ließe sich die beschriebene Transformation der Weltbeziehung nicht vielmehr als negative Resonanz, denn als Entfremdung beschreiben, wenn man mit Rosa davon ausgeht, dass sich Resonanz auch in negativen Verlusterfahrungen einstellen kann (vgl. Rosa 2016: 287)? Könnte im Angesicht dieser Transformation von Welt in der Zone nicht sogar eine Form von „Erhabenheit“ empfunden werden, die selbst drastischste Formen der ökologischen Zerstörung als Resonanzquellen ansieht (vgl. Sloterdijk 1989: 114)? Eine Erklärung für diesen Zusammenhang muss hier ebenfalls an der Konstitution der radioaktiven Materialität ansetzen. Als Ergebnis eines 100 anthropogenen Verdinglichungsprozesses ist diese Materialität das Produkt des Versuches einer vollkommenen Verfügbarmachung der Materie selbst – wie Oppenheimer in Anbetracht der ersten Atomexplosion konstatierte. Doch wie das Phänomen der Dissipation verdeutlicht, handelt es sich bei den freigesetzten Radionukliden um eine Materialität mit spezifischer Agency. Ihre destruktive Wirkung lässt sich daher als Folge ihrer Verfügbarmachung beschreiben: Radioaktive Substanzen wären damit so stark verdinglicht, dass sich ihre Verfügbarkeit gleichermaßen negativ umkehrt und sie wiederum zur Quelle des Unverfügbaren werden. Der Versuch einer totalen Technisierung und Verdinglichung ließe sich als eine „monströse Logik“ beschreiben, die nun ihre destruktiven Folgen in der Welt entfaltet (vgl. Scherer 2015: 231-232). Das Radioaktivwerden der verdinglichten Materie erzeugt einen Entmaterialisierungsprozess in dem sich die Wirkungsweise der Materie selbst vollständig umkehrt: „Man hätte sie wie eh und je ‚mit Schweigen nach innen und außen‘ übergehen können, wäre dieses Strahlen nicht in sich verkehrt. Eine Verkehrung, die unbeschreiblich ist, auch wenn sie mit ‚ungreifbarer Gefahr‘ mit ‚schleichender Seuche‘ beschrieben wird. Mit dieser in sich verkehrten Strahlung wird die geschichtsübliche Dialektik von ‚friedlicher Nutzung‘ und Katastrophe in dem Maß übertroffen, wie sie nichts mehr verseucht, nichts mehr beschmutzt. Strahlend sauber realisiert sie, was von der Materie, die von sich selbst als „Zeugerin gereinigt ist, geschrieben steht: sie bringt nichts hervor, lässt alles zerfallen“ (Treusch-Dieter 1990: 104). Mit der Verdinglichung der radioaktiven Materie und ihrer Freisetzung kehrt sich die Beziehungsfähigkeit des Materiellen damit vollständig um: Das Verfügbare transformiert sich in ein Unverfügbares. Jedoch kann diese Unverfügbarkeit – wie in Kapitel 3.1.3 beschrieben wurde – kein Konstitutivum für Resonanz sein, weil sie nun materielle Weltbeziehungen unterminiert statt sie zu ermöglichen. Als „Nemesis der Materie“ (Uexküll 1978: 6) ist Radioaktivität damit eine Form von negativer Unverfügbarkeit, die die Möglichkeit subjektiver Weltbeziehung beschränkt, statt sie zu fördern – und deshalb eben nicht eine Form von negativer Resonanz auslöst. Das heißt, „[…] das mit [dieser] (technischen) Vergrößerung der Weltreichweite auch der Horizont des Nichterreichbaren oder Nichtrealisierbaren anwächst“ (Rosa 2016: 701) – und sich der Horizont von gelingender Weltbeziehung in dessen Folge selbst verkleinert. Nur so lässt sich das beschriebene Phänomen der Arbeit am Negativen erklären, dass als drastischster Ausdruck der transformierten Weltbeziehung der Betroffenen analysiert wurde. Denn durch die Ausbreitung dieser negativen Unverfügbarkeit, wird die Möglichkeit von gelin- 101 gender Weltbeziehung durch die Repulsivität der Welt selbst determiniert. Innerhalb der Entfremdungszone verleibt damit die Arbeit am Negativen als einzige Form des tätigen Weltbezuges. Ein Zitat von Baudrillard fasst diese totale Umkehrung und Entfremdung exemplarisch zusammen: „Die Dinge können einen Zustand von Zerrüttung erreichen, der viel größer ist als sie selber, das heißt, sie können derartig verändert werden, dass ihr Vorhandensein noch weniger wert ist, als wenn es sie gar nicht gäbe; und darum ist die unheilvolle Versuchung aufgekommen, sie lieber gleich zu ersetzen“ (Fernandez, zitiert nach Baudrillard 1994: 1). Es lässt sich festhalten, dass die radioaktive Materialität ihre destruktive und objektifizierende Wirkung deshalb entfalten kann, weil sie als negative Unverfügbarkeit eine der Welt inhärente Grenze der subjektiven Bezugnahme zu ihr beschreibt. Die materialisierte Repulsion ist deshalb die Quelle von Entfremdungserfahrungen, weil sie die verstrahlten Weltdinge als ein negativ Unverfügbares aus dem tätigen Bezug der Subjekte herauslöst. Welt ist somit für das Subjekt nicht mehr erreichbar und geht diesem schließlich verloren – nur noch das Vergraben der unverfügbaren Strahlenobjekte verbleibt im Horizont des Möglichen. Mit Blick auf die Fragestellung dieser Arbeit lässt sich durch die Zusammenführung dieser drei Aspekte des materiellen Weltverlustes folgendes formulieren: Die Atomkatastrophe von Tschernobyl ist eine Weltkatastrophe, weil sie Welt als Ganzes der Erfahrbarkeit und als Horizont von Weltbeziehung betrifft. Durch die Ausbreitung der radioaktiven Kontamination kommt es zur Materialisierung einer negativen Unverfügbarkeit, die die genuine Möglichkeit leiblich-materieller Weltbeziehung der Betroffenen unterminiert. Sie ist den Subjekten nicht mehr erreichbar und wird gerade in ihrer Verlorenheit als Bedrohung erfahren. Die Radioaktivität enteignet damit Welt als das konstitutive Gegenüber von Weltbeziehung – Subjekt und Objekt fallen in ihrer Bezogenheit auseinander. Da es aber trotzdem kein Außerhalb von Welt gegeben kann und Welt in der kontaminierten Zone ebenso wenig verschwunden ist, müssen sich Modi gelingender Weltbeziehung in dessen Folge umkehren. Da Weltbeziehungen immer in ein Weltganzes eingelassen sind, verbleibt in einer repulsiven Welt einzig die Möglichkeit einer destruktiven Welthaltung, deren Ausdruck die Arbeit am Negativen ist. Die Atomkatastrophe von Tschernobyl ist damit Ursache eines fundamentalen Resonanzverlustes. 102 4.3.2. Struggle für Resonanz: Möglichkeiten der Wiedererlangung von Resonanz in einer kontaminierten Welt Mit dieser Beschreibung der Weltkatastrophe ist die Analyse dieser Arbeit jedoch noch nicht an ihrem Ende angelangt. Denn wie den Aussagen der Zeugen eindeutig zu entnehmen ist, findet sich in der Rezeption und Wahrnehmung der katastrophalen Folgen der radioaktiven Strahlung auch eine besondere Form von Resonanzsensibilität, durch die überhaupt erst der Verlust von Welt als Ganzes der Erfahrbarkeit empfunden werden kann. Es wurde beschrieben, dass gerade durch diesen Weltverlust, Welt überhaupt erst als konstitutives Gegenüber und als Horizont von Weltbeziehung reflektierbar wird. Ist es daher möglich, dass – wie Rosa beschreibt – auch hier im Moment dieser Prekarisierung von Weltbeziehung, das Rettende erwachsen kann (vgl. Rosa 2016: 78)? Kann es neben den entfremdeten Beziehungsmodi des Verdrängens und Negierens auch eine weiterhin resonanzfähige Beziehung geben? Im Folgenden soll eine Beschreibung dieses Aspektes gegeben werden, um zu fragen, ob Tschernobyl tatsächlich das unwiderrufliche Ende der Anderen ist – wie Beck konstatierte –, oder ob in diesem Verlust nicht auch die Erkenntnis einer unhintergehbaren Involviertheit liegen könnte, wie demgegenüber Alexijewitsch fragt: „Was hat uns die Tschernobyl-Erfahrung vermittelt? Hat sie uns der wortlosen, geheimnisvollen Welt der ‚anderen‘ zugewandt?“ (Alexijewitsch 2006: 5). Unter dem Begriff Struggle für Resonanz soll diskutiert werden, ob und wie Resonanz als Modus einer gelingenden Weltbeziehung möglich bleiben kann. Der Begriff des Struggle beschreibt hierbei, ausgehend von der gesteigerten Sensibilität der Betroffen, die Möglichkeit einer Wiedererlangung von Resonanz, welche als Schwierigkeit und Herausforderung in Anbetracht der Katastrophe formuliert ist. Damit ist jedoch nicht die unmögliche Wiederherstellung des präkatastrophalen Weltverhältnisses gemeint, sondern die Wiedererlangung einer resonanten Weltbeziehung, die in Anbetracht des Verlustes eine gesteigerte Sensibilität und intensivere Beziehung zur (vermeintlich) verlorenen Welt entwickelt und damit eine neue Resonanzsphäre erschließen könnte. Ausgangspunkt ist auch hier die Zusammenfassung der Rezeption dieser Sensibilität in den Aussagen der Zeugen, die zugleich die Zusammenfassung der Kategorie 6 „Sensibilität“ bildet. In enger Verbindung zu der beschriebenen totalen Verlusterfahrung in den Aussagen der Zeugen findet sich auch der Verweis auf eine andere Weise der Erfahrung, auf einen anderen Blick auf die Welt, welcher durch den traumatisierenden Verlust entstanden ist. Dieser wird zunächst als eine gesteigerte Sensibilität gegenüber der verstrahlten Natur und der 103 durch die Dekontaminierungsarbeiten angerichteten Zerstörungen rezipiert, wie ein Zeuge beschreibt: „Ameisen krabbeln über den Stamm ... Ringsum dröhnt schweres Armeegerät. Soldaten. Geschrei. Schimpfen. Flüche. Hubschrauber knattern. Sie aber krabbeln ... Ich kam aus der Zone, und von allem, was ich an dem Tag gesehen hatte, ist mir nur das eine Bild deutlich in Erinnerung geblieben ... Wir hielten im Wald an, ich stand, an eine Birke gelehnt, und rauchte. Dicht vor meinen Augen krabbelten die Ameisen über den Stamm, ohne uns zu hören, ohne uns Beachtung zu schenken ... Wir würden verschwinden, und sie würden es gar nicht bemerken. Und ich? Ich hatte sie noch nie so nahe wahrgenommen ...“ (Alexijewitsch 2015: 161). Diese veränderte Wahrnehmung gegenüber der Natur und den Tieren findet sich vor allem in Bezügen, mit denen die Betroffenen versuchen die Folgen der Katastrophe und ihre eigene – nun prekäre – Stellung in der verstrahlten Welt zu reflektieren. So beschreiben die Betroffenen diese Erfahrung der gesteigerten Sensibilität als ein neues Verhältnis, welches die einstige Distanz zwischen ihnen und der Natur verringert: „Ich sehe die Welt um mich herum jetzt mit anderen Augen ... Die kleine Ameise, die über den Weg krabbelt, ist mir nun näher. Auch der Vogel am Himmel. Der Abstand zwischen ihnen und mir wird kleiner. Die frühere Kluft ist aufgehoben. Alles ist Leben“ (Alexijewitsch 2015: 48). „Mir ist dort etwas Seltsames passiert. Ich bin den Tieren nähergekommen ... Den Bäumen ... Vögeln ... Sie sind mir heute näher als früher ... Die Distanz zwischen uns hat sich verringert ...“ (Alexijewitsch 2015: 151). Das Hervortreten von Welt als umgebender Raum der Erfahrung, in den das Subjekt immer schon eingebettet ist, wird von den Betroffenen auch als eine Distanzverringerung zwischen ihnen und den sie umgebenden Lebewesen, das heißt den konkreten Weltdingen, erfahren. Obwohl durch die radioaktive Kontamination ein Weltverlust eingetreten ist, bleibt Welt dennoch der unhintergehbare Horizont der Erfahrung. Die Subjekte bleiben qua ihrer eigenen Leiblichkeit auf diese repulsive Welt verworfen. Im Weltverlust ist Welt als Ganzheit evident geworden und eröffnet den Subjekten damit eine andere Sphäre der Erfahrung. Diese tragische Weise des in-der-Welt-Seins, beschreibt folgendes Zitat exemplarisch: „Tschernobyl ... Eine andere Welt wird es bei uns nicht mehr geben ... Am Anfang, als uns der Boden unter den Füßen weggerissen wurde, haben wir den Schmerz offen hinausgeschrien, aber jetzt ist uns bewusst geworden, dass es keine andere Welt gibt und dass man sich nirgendwohin retten kann 104 ... Es ist das Gefühl einer tragischen Verwurzelung mit dieser Tschernobyl- Erde, ein ganz anderes Weltgefühl“ (Alexijewitsch 2015: 176). Diese Rezeption einer intensiven Wahrnehmung der Gegenwart des Anderen als neues Weltgefühl, lässt sich aus der Totalität der Katastrophe erklären. Denn mit der Weltkatastrophe setzte auch ein Zusammenbruch von Deutungsmustern ein, mit denen sich die Betroffenen zuvor in ihrer Welt orientierten – wie anhand des Verlustes der ontologischen Sicherheit dargelegt wurde. Im Moment des Verlustes scheint den Betroffenen ihre fundamentale und unhintergehbare Involviertheit im Weltganzen selbst auf: „Wir waren nackt – nackte Menschen auf nackter Erde“ (Alexijewitsch/Virilio 2003: 13), wie Alexijewitsch hierzu konstatiert. Und dies ist die eigentliche Erkenntnis, welche am Ende aller Distanzierungsmöglichkeiten liegt: Denn durch die radioaktive Kontamination ist das Subjekt fundamental auf sich selbst und seiner Stellung in der Welt verwiesen. Mit diesem von Beck konstatierten Ende aller Distanzierungsmöglichkeiten ist deshalb auch nicht das Ende der Anderen gekommen, sondern vielmehr die Möglichkeit erwachsenen „[…] dieses Andere als eigenes zu erkennen“ (Böhme 1992: 52). Das in-der-Welt-Sein der Betroffenen, dass durch die Strahlung zur Geworfenheit in eine repulsive Welt geworden ist, verweist damit trotz der fundamentalen Prekarisierung von Weltbeziehung in Anbetracht der Katastrophe auf eine unhintergehbare Gegenwart des Seins, in welches die Subjekte immer schon hinein gestellt sind. Die Weltkatastrophe verfügt damit über eine metaphysische Dimension, die die Negation von Welt in ihrem Verlust selbst transzendiert. Durch dieses Hervortreten von Welt als Gegenwart des Nahen, verweist dies auf eine Daseinsform, in der subjektive Weltbeziehungen nicht mehr durch das Verfügbarmachen von Welt, sondern durch das gemeinschaftliche Gegenwärtig-Sein in Welt gekennzeichnet sind. Der Philosoph Jean-Luc Nancy beschreibt dies folgendermaßen: „Stattdessen käme es darauf an, in der Gegenwart zu denken und die Gegenwart zu denken. Nicht mehr das Ziel oder die künftigen Ziele, auch nicht eine glückliche anarchische Verstreuung von Zielen, sondern die Gegenwart als Element des Nahen. Das Ziel ist stets fern, die Gegenwart Ort der Nähe zur Welt, zu den anderen, zu sich selbst. Wenn man von einem ‚Ziel‘ sprechen will, muss man feststellen, dass die Gegenwart ihr Ziel in sich selbst hat […]. Die Gegenwart hat ihr Ziel in sich selbst in beiden Bedeutungen des Wortes: ihren Zweck und ihr Ende. Finalität und Endlichkeit zusammengenommen – das bedeutet, wenn man es recht bedenkt, Eröffnung des Unendlichen. Erkenntnis der Existenz als unendliche Möglichkeit von Sinn. Denken des ‚Sinns‘ als desjenigen, was kein zu erreichendes Ziel ist, dem man stattdessen nah sein kann“ (Nancy 2013: 53-54). 105 Die hier beschriebenen Aussagen der Zeugen sind vor diesem Hintergrund als eine Affizierung durch Nähe zu interpretieren, in dem eine eigenständige Sinnquelle erkannt werden kann. Denn im Gegenwärtig- Sein, vollzieht sich immer auch ein Mit-Sein mit Anderen, den konkreten Weltdingen und Lebewesen. In der Erkenntnis dieses Anderen als Eigenes vollzieht sich laut Nancy ein singulär-plural-sein: „Was auch immer existiert: Weil es existiert, ko-existiert es. Ko-Implikation des Existierens ist Teilen einer Welt. Eine Welt ist nichts der Existenz äußerliches, keine äußerliche Hinzufügung anderer Existenzen: Sie ist Ko- Existenz […]“ (Nancy 2004: 58). Es ist deshalb plausibel zu behaupten, dass die Weltkatastrophe auch die Möglichkeit für ein anderes Weltverhältnis birgt, nicht in dem Sinne, dass Resonanz mit der verstrahlten Welt möglich oder geboten wäre, sondern weil sich durch die Kontamination das Subjekt seiner Involviertheit in Welt und seinem Mit-Sein konkret bewusst werden kann. Auf diese Weise wird auch die Möglichkeit für gelingende Weltbeziehungen in einer kontaminierten Welt transformiert – womit die hier durchgeführte Analyse nun vervollständigt ist: „Beyond the reach of the senses, radiation perforates the boundaries of person, species and earth and thus places humans and other life-forms in a new relation to each other, emphasises their communality“ (Adam 1998: 200). Es lässt sich festhalten, dass „[…] unsere wichtigste Beziehung die zum Kosmos [ist]“ (Kluge 1996: 135), wie Alexijewitsch in einem Interview zur Katastrophe bekannte. Die Bedeutung dieser Beziehung zum Kosmos als das unhintergehbare Weltganze, ist eine wesentliche Schlussfolgerung aus der hier vorgenommen Analyse der Transformation von Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt – welche sich in Anbetracht der ökologischen Krise nicht nur auf die Entfremdungszone in Tschernobyl erstreckt. Die Denkfigur der Weltkatastrophe birgt in diesem Sinne auch eine Möglichkeit zum Nachdenken darüber, wie Entfremdung überwunden werden kann: „Man darf sich mit der Entfremdung nicht abfinden, man muss zum anderen des Anderen durchstoßen, zur radikalen Andersheit“ (Baudrillard 1992: 192). Für die konkrete Wiedererlangung von Resonanz in der kontaminierten Zone von Tschernobyl folgt daraus, dass die Strahlung selbst, ihre Gegenwart und Wirkung, als Faktor auch in gelingenden Formen von Weltbeziehungen präsent sein muss, gerade weil sie nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist: 106 „Die Radioaktivität, von der ganzen übrigen Welt als grausames Äußeres Übel betrachtet, ist für sie alltägliche Realität. Und ebenso, wie die Naturgewalten über Jahrhunderte in die Mythen dieses Volkes eingegangen sind, wird auch die unsichtbare, aber reale Radioaktivität Gegenstand neuer Mythen“ (Jaeggi 2011: 118). Es ist wenig verwunderlich, dass die Strahlung einen wichtigen Platz im kollektiven Gedenken der Betroffenen einnimmt und ihre Unsichtbarkeit eine Inspiration für eine Vielzahl kultureller Erzeugnisse der Traumabewältigung darstellt. Ihre symbolische Repräsentation ist damit ein Akt der Aufarbeitung und der Erinnerung und erschließt damit ein neues Weltverhältnis im Leben der Betroffenen (vgl. Phillips 2008: 159-160). Durch die Erkenntnis des in-der-Welt-Seins als ein Mit-Sein mit anderen Lebewesen und Dingen erschließt sich so die Möglichkeit, neue Lebenspraxen und Wahrnehmungsweisen zu erproben (vgl. Tsing 2018: 287). Damit wird die Katastrophe nicht in ihrer traumatischen Tragweite verkannt, sondern vielmehr als die bleibende Herausforderung im Leben der Betroffenen angesehen, die sie nun einmal ist. Durch die Strahlung ist die Welt nicht verschwunden, sondern in neuer Weise exponiert. Die erneute Möglichkeit von Resonanz in der kontaminierten Zone besteht darin, diese Welt in all ihrer Versehrtheit und Entfremdung nicht aufzugeben, sondern anzuerkennen – denn „[…] die Wahrnehmung rettet die Welt“ (Serres 2009: 81).

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References

Zusammenfassung

Was geschah in Tschernobyl? – Seit über 30 Jahren werden die Auswirkungen der Atomkatastrophe von 1986 diskutiert und dennoch bleibt ihre ganze Tragweite bis heute unverstanden. Denn die Folgen der radioaktiven Kontamination sind nicht nur medizinischer oder ökologischer Art, sondern werden den Be­troffenen vor allem zu einem existenziellen Problem. Mit der Vergiftung der Lebenswelt setzt eine fundamentale Entfrem­dungserfahrung ein, die das In-der-Welt-Sein und die Weltbe­ziehung der Betroffenen unterminiert und damit zur Weltkatastrophe wird. Die vorliegende Fallstudie erschließt eine sozialphilosophische Sichtweise auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl und ent­wickelt eine theoretische Perspektive darauf, wie die Konstitution von Materialität die Dynamik von Weltbeziehungen be­einflusst.