Content

2. Grundlegung: Die Atomkatastrophe von Tschernobyl als Gegenstand der soziologischen und philosophischen Forschung in:

Martin Repohl

Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt, page 27 - 39

Ein Beitrag zur materiellen Fundierung der Resonanztheorie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4289-2, ISBN online: 978-3-8288-7199-1, https://doi.org/10.5771/9783828871991-27

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
27 2. Grundlegung: Die Atomkatastrophe von Tschernobyl als Gegenstand der soziologischen und philosophischen Forschung Bevor die in dieser Arbeit vertretene Argumentation entfaltet werden kann, ist es zunächst erforderlich, dass Verhältnis zwischen Atomkraft und Moderne grob zu skizzieren, um vor diesem Hintergrund die Atomkatastrophe von Tschernobyl und ihre bisherigen Deutungen adäquat beschreiben zu können. Auch für die Argumentation dieser Arbeit ist die Interpretation der Atomkraft als Erzeugnis des technisch-materiellen Weltverhältnisses der Moderne von großer Relevanz, da hier besonders anschaulich wird, wie die Verdinglichung der Radioaktivität letztlich zum Weltverlust führt. 2.1. Das Verhältnis von Moderne, Atomkraft und der Verdinglichung der Materie Das Verhältnis von Atomkraft und Modernisierung ist bisher noch nicht Gegenstand einer intensiven Rekonstruktion der modernen Gesellschaftsverfassung geworden, obwohl keine Technologie so prägend und symbolisch für die Errungenschaften und Pathologien der Moderne ist, wie die Atomkraft. Dies gilt sowohl für die zivile wie für die militärische Atomkraft, welche letztlich als Zwillinge (vgl. Uexküll 1978: 2-3) aus demselben sozialen Impetus hervorgingen. So schrieb der Erfinder der Atombombe Robert Oppenheimer nach dem ersten erfolgreichen Test 1945: „Die Forscher waren jedoch auch vom Gedanken beseelt, sich mit der Schöpfung zu messen. Was sich in der Atombombe abspielt […] geschieht nach unserer Kenntnis nirgendwo im Universum. Der Explosionsherd ist heißer als das Innere der Sonne, er besteht aus Materie, die in der Natur nicht vorkommt, und er besitzt eine Strahlung in Form von Neutronen, Gammastrahlen, Spaltelementen und Elektronen, deren Intensität jenseits der menschlichen Erfahrung liegt. Der Druck der Explosion ist tausendmilliar- 28 denmal so stark wie der atmosphärische Druck. So lässt sich denn sagen, dass der Mensch mit der Atombombe im des Wortes ursprünglichster Bedeutung das Neue erschaffen hat“ (Oppenheimer 1945 zitiert nach Boos 1996: 108). Oppenheimer beschreibt damit, wie eine wissenschaftliche Entdeckung des Menschen die Erschaffung gänzlich neuartiger und im Vergleich zu natürlichen Subtanzen vollkommen atypischer Stoffe ermöglicht hat. Ihren Ausgangspunkt nahm die Entwicklung der modernen Atomkraft mit der Entdeckung der Radioaktivität durch Marie Curie und Henri Bequerel. Erweitert durch die Erkenntnisse der allgemeinen Relativitätstheorie und der Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Lise Meitner 1938 (vgl. Eidemüller 2012: 11-12) wurden so die wissenschaftlichen Grundlagen dafür geschaffen, die bis dato noch unverfügbaren Kräfte des Atoms bzw. der Kernspaltung zu zähmen und technisch verfügbar zu machen (vgl. Uexküll 1978: 1)5. Diese Entdeckung lässt sich damit als Gipfelpunkt der Beherrschung materieller Stofflichkeit beschreiben, in der sich ein Signum der Konstitution der Moderne erkennen lässt. Denn es ist gerade die wissenschaftliche Bestimmung, Erzeugung und Bewegung von Stoffen, die die gesellschaftliche Verfasstheit der Moderne ausmacht (vgl. Espahangizi/Orland 2014: 11-35) und in ihrem Projekt der Welterzeugung gründet: „Das Projekt der Moderne gründet […] in einer kinetischen Utopie: die gesamte Weltbewegung soll Ausführung unseres Entwurfes von ihr werden“ (Sloterdijk: 1989: 23). Oppenheimers Darstellung ist damit Ausdruck einer vermeidlich totalen Beherrschung der Materie, wodurch es erst möglich wurde, die Vielzahl der künstlichen Radionuklide zu erzeugen, die für den Bau einer Atombombe bzw. eines AKWs erforderlich sind. Da diese Stoffe auf komplexe technische Systeme angewiesen 5 Atomarten (= Nuklide), welche bei gleicher Protonenzahl über eine unterschiedliche Anzahl an Neutronen verfügen, werden als Isotop bezeichnet. Isotope, die über einen Neutronenüberschuss verfügen, sind radioaktiv. Aufgrund dieses Ungleichgewichts kommt es zum radioaktiven Zerfall, bei dem überschüssige Neutronen in energetische Strahlung umgewandelt werden. Diese Strahlen können durch ihre ionisierende Wirkung in großen Mengen zu Verbrennungen, Organschäden und zu Schäden am Erbgut führen und Krebs auslösen. Durch den Zerfall wandelt sich ein radioaktives Isotop um. Die Dauer des Zerfalls, das heißt die Zeit nach der die Hälfte der Atome einer Substanz zerfallen sind, wird als Halbwertszeit (HWS) beschrieben. Die Anzahl der Atome nimmt dabei exponentiell ab (vgl. Jaeggi 2011: 384). Jedoch verfügt jedes Radionuklid über eine andere HWS, so dass Substanzen mit kürzerer HWS sich in Substanzen mit längerer HWS umwandeln können. Beispielsweise wandelt sich das sehr gefährliche Plutonium-241 mit einer HWS von 14,4 Jahren in das ebenso gefährliche aber reaktivere Americium-241 mit einer HWS von 432 Jahren. Das heißt, die Menge dieser hochgefährlichen Substanz in der Zone nimmt im Zeitverlauf exponentiell zu (vgl. Boos 1996: 152). 29 sind (z. B. der Geigerzähler), um überhaupt als solche erkennbar zu sein (vgl. Heidegger 1990: 58), bildet diese totale Technifizierung und Verdinglichung der Materie zugleich den Ausgangspunkt neuartiger nichtintendierte Nebenfolgen und Kontrollverluste (vgl. Uexküll 1978: 2; Treusch-Dieter 1990: 101, Scherer 2015: 235). Die Atomkraft lässt sich damit als Produkt des für die Moderne spezifischen technischen Weltverhältnisses der Welterzeugung durch die Verfügbarmachung von Materie beschreiben (vgl. Müller 2014: 1-3). Die Entwicklung der zivilen Kernkraft ist untrennbar mit der Entwicklung der Atombombe verbunden. Nicht nur, weil hier hochangereichertes Uran und Plutonium zur Anwendung kommen, sondern auch, weil ein Kernreaktor notwendige Voraussetzung dafür ist, diese Substanzen in ausreichenden Mengen produzieren zu können. Die Entwicklung der Atombombe hat damit die Grundlage für das zivile Atomkraftwerk geschaffen. So wurde das erste AKW 1954 im russischen Obninsk in Betrieb genommen, gefolgt 1956 von einer Anlage im englischen Sellafield und 1960 im deutschen Karlstein (vgl. u. a. Cooke 2011: 172). Die Etablierung der zivilen Atomkraft ist damit auch eine Reaktion auf den steigenden Energiebedarf im Zuge des Wirtschaftswachstumes der 50er und 60er Jahre (vgl. Strohm 1981: 1-37). Die (zivile) Atomkraft lässt sich damit auch als Verkörperung eines gesamtgesellschaftlichen Strukturprinzips der Moderne beschreiben, denn eine Gesellschaft, welche sich nur über stetig steigende Wachstumsraten stabilisieren und erhalten kann, verfügt über einen ebenso steigenden Energiebedarf. Aufgrund dieser „dynamischen Stabilisierung“ wird eine immer größere Energiemenge benötigt, um diese Dynamik aufrechtzuerhalten, was die Erschließung immer neuer Energiequellen voraussetzt (vgl. Rosa/Dörre/Lessenich 2017: 61-62). Die Atomkraft erschien vor diesem Hintergrund als scheinbar erreichbare Utopie einer vermeintlich unerschöpflichen und kostenlosen Energiequelle und verhieß ein angstfreies Leben in endlosem Wohlstand (vgl. Arndt 2011: 16; Uexküll 1978: 5). Damit wurde die Atomkraft auch in kultureller Hinsicht ein prägender Aspekt der Moderne: So paarte sich ab den frühen 1950er Jahren ein unhinterfragter Fortschrittsglaube mit der Begeisterung über die erlangte Beherrschung der Kernspaltung zu einer sog. „Atomeuphorie“, die einen grenzenlosen Fortschrittsoptimismus befeuerte. Dies brachte teils skurrile Machbarkeitsfantasien hervor, wie die Begrünung der Wüsten oder die Entwicklung von Atomflugzeugen. Diese Fantasien trugen zum Mythos des Atomzeitalters bei und verbreiteten die Vorstellung eines genuin modernen Lebensstils (vgl. Arndt 2011: 13-18, Uexküll 1978: 5). So entstanden rund um die kerntechnischen Anlagen sog. Atomstädte, welche als Siedlungen des Kraftwerkspersonals den Inbegriff des modernen und fortschrittlichen Lebensstils verkörperten, sowohl im sozialistischen Os- 30 ten als auch im kapitalistischen Westen. Dies gilt auch für die ukrainische Stadt Pripyat, welche das Personal des AKW Tschernobyl beherbergte: „The new cities that rose around the nuclear power plants, proudly called ‚atomogrady‘ (atomic cities; e.g. Pripyat next to the Chernobyl power plant, or Visaginas next to the Ignalina power plant in the Lithuanian Soviet Republic) were showpieces of modern, family-friendly architecture and lifestyle. Images of dark, sordid industrial halls with premodern equipment were contrasted with white-collar pictures from spaceship-like command centers of the nuclear power plants“ (Arndt 2012: 4). Diese Städte bildeten mit ihrer Fortschrittlichkeit und ihrem hohen Lebensstandard nicht nur einen Kontrast zu den teils ländlichen und unterentwickelten Nachbarstädten, sondern wurden auch zum Vorbild für einen konsumorientierten Lebensstil: „Alongside reactors, they built family-centered, consumer-oriented communities where working-class people were paid and lived like the middle class“ (Brown 2015: 4). Atomkraft wird damit auch zu einem Inbegriff für eine fortschrittliche und moderne Lebensweise. Doch mit zunehmender Verbreitung und Normalisierung der Kernkraft als selbstverständlicher Bestandteil der modernen Gesellschaft tritt auch die radioaktive Kontamination der Umwelt als Kehrseite dieser Entwicklung zutage. Denn die Betreiber dieser Anlagen „[…] polluted the sorrounding landscape freely, liberally and disastrously“ (ebd.: 3). Überall dort, wo kerntechnische Anlagen gebaut und Energie sowie radioaktive Substanzen produziert wurden, entstanden auch radioaktive Landschaften als Folge einer sowohl fahrlässigen als auch intendierten Verschmutzung. Die umgebenden Flächen fungierten dabei nicht nur als offenes Endlager für radioaktive Abfälle, sondern fielen auch produktionsimmanenten Kollateralschäden zum Opfer und wurden mit großen Mengen an radioaktiven Substanzen kontaminiert (vgl. ebd.: 9, 50-56) – wie beispielsweise im russischen Kyschtym. Teilweise sind diese Gebiete ebenso (oder stärker) verstrahlt wie die Sperrzonen rund um die zerstörten AKWs Tschernobyl und Fukushima (vgl. ebd. 189). Und so ist der Begriff des Atomzeitalters heute weit mehr mit den strahlenden Abfällen der AKWs und ihrem epochalen Entsorgungsproblem konnotiert, als mit moderner Fortschrittlichkeit. Damit lässt sich festhalten, dass die Atomkraft im doppelten Sinne eine grundlegende Entwicklung im materiellen Weltverhältnis der Moderne repräsentiert: Auf der einen Seite lassen sich die Kerntechnik und ihre radioaktiven Substanzen als Inbegriffe des Prozesses der Verdinglichung der Materie beschreiben, womit nicht nur materielle Entitäten dem Produktionsprozess verfügbar gemacht werden konnten, sondern die Ge- 31 setze ihrer Konstitution selbst verfügbar geworden sind. Atomkraft ist damit wesentlicher Bestandteil der modernen Naturbeherrschung und Technisierung. Insbesondere die militärische und zivile Produktion von großen Mengen an spaltbaren Substanzen erzeugt eine toxische Materialität, deren Verwaltung und Entsorgung zu einem immer größeren Problem wird (vgl. Bernstein 2007: 155-171). Auf der anderen Seite bringt diese Entwicklung aber auch die Entstehung von radioaktiven Landschaften – wie in Tschernobyl, Fukushima oder Kyschtym – hervor. Mit der Erfindung hochkomplexer technischer Anlagen wie eines AKWs tritt zugleich auch das Risiko der radioaktiven Kontamination in die Welt. Wie der Soziologe Charles Perrow gezeigt hat, weisen solche Systeme immanente Eigenschaften auf, welche nahezu zwangsläufig Unfälle eintreten lassen. Diese „normalen Unfälle“ lassen sich damit als direkte Konsequenz der Verdinglichung radioaktiver Materialität betrachten: die Erfindung des Kernkraftwerks bedeutet ebenso die Erfindung des Atomunfalls und damit der radioaktiven Kontamination (vgl. Virilio 2005: 17-18). Und so werden auch die Atomunfälle – von denen der Brand in Windscale (Sellafield) 1957, die Explosion in der Produktionsanlage Majak (Kyshtym) 1957, die Kernschmelze in Harrisbourg 1979 sowie der Super-GAU in Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 nur zu den verheerendsten Ereignissen zählen – zu einem Sinnbild des Prozesses der chemischen und radioaktiven Kontamination der Lebenswelt und damit zu einem zentralen Merkmal der Pathologien der Moderne. Im Folgenden wird nun die Atomkatastrophe von Tschernobyl näher beleuchtet, um daran anschließend die philosophischen Deutungen dieses Ereignisses diskutieren zu können. 2.2. Die Atomkatastrophe von Tschernobyl: Dimensionen des Super- GAUs Der Begriff Tschernobyl wird heute synonym mit der dortigen Atomkatastrophe verwendet. Nahezu unbeachtet ist, dass Tschernobyl auch als Bezeichnung für eine alte und traditionsreiche Kulturlandschaft steht, deren Untergang durch den Super-GAU 1986 besiegelt wurde. So war Tschernobyl einst eine blühende Kleinstadt im Herzen der Region Polissja zwischen Polen, der Ukraine, Weißrussland und Russland, durchzogen von den Flüssen Djnper und Prypjat. Diese Landschaft ist ein wichtiges Quellgebiet mit zahlreichen Flüssen und Seen sowie großen Birkenwäldern und Moorlandschaften. Landwirtschaft wurde dort nur bedingt betrieben, während Viehzucht, Fischfang und insbesondere das Sammeln von Beeren und Pilzen die wesentlichen Einnahmequellen darstellten. Hinzuzufügen ist, dass sich kaum eine osteuropäische Region so lange ihre eigenständigen Kulturformen und einen naturverbundenen 32 Lebensstil erhalten konnte wie die Polissja, was auch für die Einwohner Tschernobyls galt (vgl. Stockhausen 2011: 14-17). Im Jahre 1978 ging der erste Block des AKWs Wladimir Iljitsch Lenin in Betrieb – so der offizielle Name des explodierten Kraftwerks. Bereits ab 1970 entstand die Retortenstadt Pripjat in unmittelbarer Reaktornähe und beherbergte bis zur Katastrophe fünfzigtausend Einwohner. Pripjat liegt ca. achtzehn Kilometer von der alten Stadt Tschernobyl entfernt und ca. einhundertzehn Kilometer von Kiew. Pripjat bot einen hohen Lebensstandard, galt als besonders fortschrittlich und sollte der gesamten Region einen wirtschaftlichen Aufschwung und die bisher ausgebliebene Modernisierung bringen. Mit der Explosion des AKWs fanden nicht nur diese Bestrebungen ein jähes Ende, sondern auch die traditionelle Lebensweise eines Großteils dieser Region (vgl. ebd.: 16; Arndt 2011: 33). So kam es in der Nacht vom 25. zum 26. April 1986 im Block vier des AKW zu einer verheerenden Explosion. Trotz einer Vielzahl an Untersuchungen kann der exakte Unfallhergang bis heute nicht vollständig rekonstruiert werden. Als gesichert gilt, dass es im Rahmen eines planmäßigen Sicherheitstests um 01:23 Uhr zu einer Fehlfunktion kam, welche eine Kettenreaktion auslöste und die Explosion verursachte. Es sollte überprüft werden, ob die Reaktoren im Falle eines Stromausfalls genügend Restenergie liefern würden, um die Kühlwasserpumpen zu betreiben, bis die Notstromaggregate übernehmen könnten. Daher wurden automatische Sicherheitsvorkehrungen für den Test abgeschaltet und der Reaktor heruntergefahren. Da die Reaktorleistung wesentlich schneller fiel als erwartet und die Stromversorgung gefährdet wurde, erfolgte eine verfrühte Wiederinbetriebnahme des Reaktors. Dies löste eine fatale Kettenreaktion aus, die zum Teil auf die Bauweise des Reaktors zurückzuführen ist, denn durch das Wiedereinfahren der Graphitstäbe in den Reaktor – welche das Reaktionsniveau moderieren –, kam es für kurze Zeit zu einem enormen Leistungsanstieg: Eine Kernschmelze setzte ein und der Reaktor explodierte. Dabei wurde der mehr als tausend Tonnen schwere Sicherheitsdeckel gesprengt, große Mengen an Graphit und radioaktivem Material herausgeschleudert und der Reaktor in Brand gesetzt. Die Brennstäbe des Reaktors brannten unter freiem Himmel (vgl. Arndt 2011: 35-37). So schleuderte die Explosion – vergleichbar mit einer vulkanischen Eruption – große Mengen der ca. zweihundert Tonnen Brennstoff (vgl. Jaeggi 2011: 37) in den Nachthimmel und verteilte diese auf einer Fläche von ca. 125.000-146.000 km². Der Reaktorbrand loderte mehrere Tage und war weithin sichtbar: 33 „Tags zuvor im Morgengrauen, [...] hatten sie im Nebel über der Stadt eine Feuersäule gesehen, riesengroß, bis in die Wolken, vielleicht Kilometer hoch, aber nie beängstigend, als gehörte sie hier hin. Nicht rot war sie, eher himbeerfarben, [...]. Schon in diesem Moment hatten die Menschen unwillkürlich gespürt, wie winzig sie angesichts dieses Kraftausbruchs waren“ (Pjatrovic 2011: 97-98). Es dauerte mehrere Tage, bis das radioaktive Feuer gelöscht werden konnte, das gewaltige Mengen an Radioaktivität emittierte. Radioaktive Wolken zogen über Europa hinweg und kontaminierten große Gebiete. Mehr als siebzig Prozent des gesamten radioaktiven Fallouts gingen über dem heutigen Belarus nieder und kontaminierten dreiundzwanzig Prozent des Territoriums. Die am stärksten verstrahlten Gebiete befinden sich im Norden der Ukraine sowie dem Süden und Osten von Belarus (vgl. Arndt 2011: 37-38). In den folgenden Tagen, Wochen und Jahren kam es daraufhin zu umfangreichen Lösch- und Dekontaminierungsarbeiten, die das Antlitz der Region vollständig veränderten. So gelang es nur unter großen Anstrengungen und erst nach mehr als einer Woche, das radioaktive Feuer zu löschen. Unmittelbar danach wurde mit dem Bau des sog. Sarkophags begonnen, einem massiven Betonmantel, rund um den offenen Reaktor zur Abschirmung der Strahlung. Die Arbeiten waren im November 1986 abgeschlossen. Schätzungsweise 600.000 bis 800.000 sog. Liquidatoren waren an diesen und anderen Aufräumarbeiten beteiligt. Dabei handelt es sich sowohl um Feuerwehrleute und Soldaten als auch um freiwillige und zwangsrekrutierte Männer und Frauen aus der Umgebung. Zu ihren Aufgaben gehörten die Sicherung des zerstörten Kraftwerks und die Verringerung der akuten Strahlenemission. Es wurde nicht nur versucht, das radioaktive Material wieder einzusammeln, sondern auch bereits kontaminierte Bereiche zu sichern: So wurden verseuchte Böden abgetragen, Wälder gefällt sowie ganze Dörfer zerstört und alles in sog. Mogilnik6 verscharrt. Mehr als achthundert Gruben dieser Art existieren in der Sperrzone (vgl. Arndt 2011: 43-44). Zum Zeitpunkt der Katastrophe lebten in den verstrahlten Gebieten ca. sieben Millionen Menschen, davon 130.00 in Pripjat und Umgebung. Bis zu 350.000 Menschen wurden langfristig umgesiedelt. Die Evakuierung begann erst Tage später, so dass eine große Anzahl von Menschen einer starken Strahlenexposition ausgesetzt war. Im Anschluss daran wurden eine Sperrzone mit einem Radius von dreißig Kilometern errichtet, in der ein unbefugter Aufenthalt nach wie vor verboten ist und in der 6 weißrussisch für Grab. 34 die heutige Geisterstadt Pripjat, die Stadt Tschernobyl und mehr als siebzig weitere verlassene Dörfer liegen (vgl. ebd.: 41-43). Da sich die Katastrophe in einem besonders warmen Frühling ereignete, hielten sich zum Zeitpunkt des radioaktiven Brandes besonders viele Menschen im Freien auf und waren so der Strahlung direkt ausgesetzt. Aufgrund der fehlerhaften und nur schleppenden Reaktion der sowjetischen Führung auf die Katastrophe und ihres gewaltigen und transnationalen Ausmaßes ist eine genaue Bestimmung der kollektiven Strahlendosis und der exakten gesundheitlichen Folgen außerordentlich schwierig. So gibt es weder ein zentrales Register noch ein Monitoring der betroffenen Bevölkerung. Beispielsweise bewegte sich die Zahl der offiziellen und potenziellen Todesopfer in Folge der Katastrophe zwischen einigen Dutzend und mehreren Hunderttausend und auch andere Statistiken sind hochumstritten7. Fest steht lediglich: „Die Krebsrate hat deutlich zugenommen, Schilddrüsenerkrankungen häufen sich, die Säuglingssterblichkeit ist hochgeschnellt, genetische Schäden und Fehlbildungen nehmen zu. Am schlimmsten betroffen sind die sogenannten Liquidatoren und ihre Kinder. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dies auf die Strahlenbelastung infolge der Reaktorkatastrophe zurückzuführen ist“ (Pflugbeil 2010: 75). Auch zweiunddreißig Jahre nach der Atomkatastrophe stellt die Strahlenbelastung eine zentrale Einschränkung im Leben der Betroffenen dar – nicht nur in gesundheitlicher, sondern auch in alltagspraktischer Hinsicht. Viele Bereiche sind weiterhin gesperrt und selbsterzeugte und gesammelte Nahrung muss aufwendigen Tests unterzogen werden. Das Leben mit der Radioaktivität wird damit sowohl zu einer alltäglichen Einschränkung und Belastung als auch zu einer scheinbaren Selbstverständlichkeit (Jaeggi 2011: 139-142; Plate 2006: 459-463, Pena-Vega 2006). 7 Eine dauerhafte Strahlenexposition kann zu einer Vielzahl von Schäden an lebendem Gewebe und dem menschlichen Körper führen. Diese reichen von akuter Strahlenkrankheit mit Todesfolge, über tödliche Erkrankungen, wie Krebs, Leukämie und Schilddrüsenerkrankungen, über Schäden am Herz-Kreislauf-System bis hin zu mentalen und psychischen Beeinträchtigungen. Die Anzahl der Opfer schwankt stark: Während die äußerst konservativen Schätzungen der WHO zusätzlich 25.000 Krebserkrankungen bei 16.000 zusätzlichen Toten annimmt (vgl. Jaeggi 2011: 386), gehen andere Studien von mehreren hunderttausend Todesopfern und dementsprechend gesteigerten Erkrankungsraten aus (vgl. Yablokov 2009: 161). Die Strahlenbelastung führt auch zu weitreichenden psychischen Auswirkungen, wie anhaltenden Depression, posttraumatischen Belastungsstörungen und verminderter kognitiver Leistungsfähigkeit (vgl. Bromet 2012). Die Strahlung bewirkt damit eine umfassende Beeinträchtigung des leiblichen und psychischen Wohlbefindens. 35 Die Atomkatastrophe ist weit davon entfernt, zu einem rein historischen Ereignis zu werden, nicht nur, weil drei Jahrzehnte auch im zeithistorischen Maßstab gering sind, sondern auch – wie das Eingangszitat verdeutlicht – dieses Ereignis in einer sehr fernen Zukunft gegenwärtig sein wird, denn die radioaktiven Partikel zerfallen erst nach tausenden von Jahren. Die Vergangenheit der Katastrophe kann damit nicht zu einem Gegenstand der reinen Erinnerung werden, sondern verbleibt vielmehr als ständig erlebte Gegenwart, die einen nicht auszublendenden Faktor im Leben der Betroffenen darstellt: Was also bedeutet es in einer radioaktiv kontaminierten Umgebung leben zu müssen? (vgl. Petryna 1995: 214-215). 2.3. Nach dem Super-GAU: Philosophische Deutungsversuche und sozialtheoretische Leerstellen Dieser Frage gehen eine Vielzahl von Deutungsversuchen nach, ohne diese jedoch aus der konkreten Erfahrung der Betroffenen heraus zu diskutieren. Im Folgenden sollen deshalb eine Auswahl der bisherigen Analyseversuche zusammengefasst werden, um die argumentativen Leerstellen aufzuzeigen, die der Ansatz dieser Untersuchung systematisch ausleuchten möchte. Bei der Diskussion theoretischer Deutungsversuche handelt es sich nicht um ein Spezialgebiet von einem in verschiedene Ansätze ausdifferenziertes Forschungsfeld, sondern vielmehr um die Problematisierung der Frage nach dem richtigen Zugang zum Phänomen Tschernobyl. Denn wie bereits deutlich wurde, konnte die zwar umfangreiche, aber erkenntnisarme empirische Forschung zu den sozialen, medizinischen und ökologischen Auswirkungen der Katastrophe weder konsensfähige noch befriedigende Erkenntnisse generieren. Diese Fülle an unterschiedlichen Ergebnissen lässt sich auf den Umstand zurückführen, dass „international and national regulatory agencies and research instituts expended a great deal of effort not to know about the effects of the Chernobyl accident, to limit and to contain judgements“ (Brown 2017: 414). Laut Kate Brown existiert ein politisches Interesse daran, die Folgen der Katastrophe nicht exakt zu bestimmen. Die Erhebung immer neuer und abweichender Studien stuft sie als „[…] broad continuum of ignoranceproducing activities […]“ ein (ebd.: 432). Dem zufolge lässt sich ein rein empirischer Zugang zum Thema als unzureichend einstufen, um das was diese Katastrophe eigentlich ausmacht, analysieren zu können. So lässt sich in der breiten und inzwischen unübersichtlichen Literatur zu Tschernobyl ein eigenständiger Strang identifizieren, welcher als philosophischer Deutungsversuch beschrieben werden kann. Zwar findet 36 sich in dieser Literatur keine Selbstbeschreibung als solche, es handelt sich also nicht um ein systematisches Themenfeld, aber allen Texten, die sich diesem Strang zuordnen lassen, ist eine (im weitesten Sinne) philosophische Perspektive auf dieses Phänomen gemeinsam. Zu den wiederkehrenden Argumentationselementen gehören die Frage nach dem Wesen der Radioaktivität, die Thematisierung von Welt als Entität sowie die Problematisierung des modernen Weltbildes im Angesicht der Folgen der Katastrophe. Im Folgenden wird ein zusammenfassender und chronologischer Überblick über ausgewählte Deutungsversuche gegeben, welchen im Rahmen der Untersuchung besondere Relevanz zukommt. Zu den ersten und bis heute einflussreichsten Deutungsversuchen gehört der risikosoziologische Ansatz von Ulrich Beck. So beschrieb Beck bereits im Mai 1986, dass Tschernobyl das „[…] Ende der ‚anderen‘, das Ende all unserer hochgezüchteten Distanzierungsmöglichkeiten ist, dass mit der atomaren Verseuchung erfahrbar geworden ist“ (Beck 1986a: 7). Mit der radioaktiven Kontamination hat die Moderne eine Phase erreicht, in der ihre eigene Errungenschaft zum Ausgangspunkt der Produktion neuer Risiken und Gefahren werden. Da ihre potentielle Bedrohung allgegenwärtig ist, wird das Risiko zum Signum der zweiten Moderne (ebd.: 8-11). Das durchbrechen dieser Realität im Ereignis Tschernobyl wird für Beck daher zu einem „anthropologischen Schock“, welcher durch die bereits zitierte Erkenntnis einer Verdoppelung der Welt ausgelöst wird: Die Erkenntnis einer verborgenen, aber allgegenwärtigen toxischen Welt, die sich mit ihrer Unfasslichkeit den Sinnen entzieht (vgl. Beck 1986b: 653). Beck sieht damit „[…] gesellschaftliche Metamorphosen der Gefahr […]“ in Gang gesetzt, welche jegliche alltägliche Gewissheit auf den Kopf stellen, die Souveränität der Sinne enteignet und die Lebenswelt auf Technik reduziert (Beck 1986a: 10; 1986b: 655-656). Die Explosion in Tschernobyl ist nach Beck damit der Urknall einer sich selbst gefährdenden Zivilisation, welche Beck zuvor in den Termini seiner Risikosoziologie beschrieben hat. Er konstatiert: „Ach, wäre es die Beschwörung einer Zukunft geblieben, die es zu verhindern gilt“ (ebd.: 11). In eine ähnliche Richtung argumentieren auch Swetlana Alexijewitsch und Paul Virilio. So kreist ein wichtiger Teil des Schaffens der Schriftstellerin und Zeugin Alexijewitsch um die Frage, was die Erfahrung von Tschernobyl eigentlich ausmacht. Ähnlich wie Beck argumentiert auch sie, dass sich seit der Katastrophe der Mensch „[…] im Widerstreit mit seinen früheren Vorstellungen von sich und von der Welt“ befindet (Alexijewitsch 2015: 39). Ihr Fragen gilt daher weniger der eigentlichen Katastrophe, sondern dem Zustand, der durch die Katastrophe eingetreten ist – also der „[…] Welt von Tschernobyl“ (ebd.). Für Alexijewitsch ist Tschernobyl keine Metapher oder Symbol, sondern reale 37 Gegenwart und konkretes Zuhause vieler Betroffener. Ihr Fragen gilt diesem „ungeheuerlichen Ereignis“, dass zum Hauptbestandteil einer Welt geworden ist, die für die Betroffenen sowohl Innen wie Außen vergiftet wurde (ebd.: 40-41). Sie beschreibt die konkreten Erfahrungen des Lebens in dieser Welt, in der die Radioaktivität zum alles bedrohenden Faktor geworden ist: „Töten konnte das abgemähte Heu. Der geangelte Fisch, das gefangene Wild. Ein Apfel … Die Welt um uns herum, uns früher so gefügig und freundlich gesinnt, flößte nun Angst ein“ (ebd. 44). Die Erfahrung von Tschernobyl ist damit vor allem die Erfahrung eines Verlustes: „Es suggeriert Endlichkeit. Stößt an das Nichts“ (ebd.: 47). Gemeinsam im Dialog mit dem Philosophen Paul Virilio umkreist die Autorin das Wesen dieser Erfahrung, dass das Weltbild der Gegenwart fundamental infrage stellt. So versuchen beide die eigentliche Dimension dieses Ereignisses festzustellen. Dabei wird deutlich, dass Tschernobyl eine totale Katastrophe ist, die alle Dimensionen des Seins betrifft: So ist der Super-GAU nicht nur ein Unfall der Substanz, sondern auch der Zeit, des Wissens, des Bewusstseins und der Beziehungen. Vertraute Qualitäten kehren sich um und werden durch die radioaktive Kontamination zur Bedrohung: Nahrung und Wasser werden toxisch, Kategorien wie Vergangenheit und Zukunft verlieren in Anbetracht der nahezu ewigen Dauer der Radionuklide an Bedeutung, Wissen wird zu Nichtwissen, dass Bewusstsein versagt vor der Nichtwahrnehmbarkeit der Radioaktivität und Beziehungen zu Menschen und Dingen wandeln sich in Anbetracht der strahlenden Bedrohung (vgl. Alexijewitsch/Virilio 2003: 11-14). Nach Alexijewitsch und Virilio „sind [wir] in eine undurchsichtige Welt eingetreten“ (ebd.: 15), denn nach Tschernobyl „[…] scheint die gesamte Konstruktion unserer [bisherigen] Welt Risse bekommen zu haben“ (ebd.). Ergänzend dazu ist für Virilio der Super- GAU eine „[…] Entblößung dessen, was verborgen war – und darauf wartete, sich vor aller Augen zu ereignen“ (Virilio 2005: 23). Ähnlich argumentiert auch Guillaume Grandazzi, wenn er das Fehlen eines Gedenkens an diese Katastrophe thematisiert: „Tschernobyl ist eine Katastrophe, die sich in der Gegenwart ausbreitet und die Zukunft bestimmt. Je weiter der Zeitpunkt des Unglücks zurückliegt, je mehr die Erinnerungen daran verblassen, je mehr Zeugen sterben, desto mehr Anzeichen gibt es für seine Aktualität und für die Gegenwärtigkeit dieser Katastrophe. Gerade diese Zeichen stellen ein Problem für das Gedenken an eine Vergangenheit dar, die nicht vergeht“ (Grandazzi 2006: 8). Tschernobyl ist damit kein singuläres Ereignis, sondern eine Katastrophe „im Werden“ (ebd.: 10) ohne ein „[…] kausal erlebbares, ursprüngliches 38 Ereignis“ (ebd.: 8). Auch Grandazzi thematisiert die völlige Umkehrung aller Erfahrung: „Der Alltag ist so neuartig, dass er selbst das Ereignis ist“ (ebd.). Damit teilt der Autor die bereits beschriebenen Deutungsfiguren und erweitert diese um den Zeitaspekt, denn die Tatsache, dass Tschernobyl diese existenzielle Wirkung entfalten konnte, liegt daran, dass der Mensch durch die Katastrophe schutzlos in einer Welt ist, deren Gegenwart und Zukunft vom Atom kolonisiert wurde (ebd.: 13). Neben diesem in der Literatur häufig vertretenen Zeitaspekt etabliert sich in jüngster Zeit nun auch eine materielle Deutung von Tschernobyl, welche u. a. an Argumentationen von Beck und Virilio anschließt. So beschreibt Barbara Adam, dass das Problem der Unsichtbarkeit der Radioaktivität, vor allem die alltäglichen und tradierten Weisen des in- Beziehung-tretens zur materiellen Welt infrage stellt und damit den Status des Materiellen im Denken über und Theoretisieren von Welt herausfordert (vgl. Adam 1998: 194, 199). Im Anschluss an die Perspektive des New Materialism formuliert Owen Abbott, dass Tschernobyl „[..] exemplifies clearly the performative agency of the non-human. Moreover, it shows how human agency interacts with this non-human agency in a continual process […] (Abbott 2016: 231). Abbott beschreibt diesen Prozess als einen „dance of agency“, welcher bisherige ontologische Konzepte des in-der-Welt-Seins problematisiert (ebd.: 232). Diesen Aspekt greift auch Elsa Alves auf, wenn sie konstatiert, dass die radioaktive Kontamination eine Neukonzeptionierung dieser Gefahr erfordert, denn ihr ontologischer Status kann von nun an nicht mehr ausschließlich auf Deutungszuschreibungen reduziert werden: Toxizität wird zu einem objektiven Faktor der Welt (vgl. Alves 2015: 127- 128). Im Anschluss an diese materiell-ontologische Problematisierung fragt Maxime Polleri: „Do we truly understand how ‘contamination’ has affected – and continues to affect – the world around us?“ (Polleri 2015: 14). Tschernobyl wird damit zum Anlass, (radioaktive) Kontamination nicht nur aus der Perspektive des Subjektes zu denken und im Hinblick auf unterschiedliche Deutungszuschreibungen zu untersuchen, sondern zu einem Marker, mit dem die bisher verborgene Eigenaktivität der materiellen Welt sichtbar wird. Dadurch wird es möglich, Materialität nicht nur als passives Gegenüber einer Beziehung zu betrachten, sondern selbst als aktiven Akteur innerhalb eines komplexen Beziehungsgeflechts, in das Subjekte immer schon involviert sind (vgl. ebd.: 22-23). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die hier dargestellten Deutungsversuche Tschernobyl als ein Ereignis rezipieren, dass bisherige Vorstellungen von Zeit, Welt und Materialität herausfordert. Den genannten Deutungsversuchen ist gemeinsam, dass sie Welt als eine vor allem materielle Welt thematisieren, die existenzielle Dimension – ins- 39 besondere im alltäglichen Leben – hervorheben und die Möglichkeit des normalen Weiterlebens in Anbetracht der Katastrophe hinterfragen. Dabei eröffnen insbesondere jüngere Ansätze den Blick auf die Materialität der Welt und ihre Eigenaktivität, die erst durch ihre radioaktive Kontamination als solche erkennbar und Gegenstand der Theoriebildung wird. In der Zusammenschau dieser Deutungsversuche wird jedoch deutlich, dass die Problematisierung von materieller Welt und die Problematisierung der Existenz in dieser Welt getrennt voneinander erfolgt und so die Frage offenbleibt, wie sich das in-der-Welt-Sein von Subjekten durch die Katastrophe konkret verändert. Verknüpft man diesen Aspekt mit der Erkenntnis der Eigenaktivität der materiellen Welt, konkretisiert sich dieser Aspekt als Frage nach den verbliebenen Weisen des in-Beziehung- Tretens zu den kontaminierten Entitäten, mit denen diese undurchschaubare bzw. verdoppelte Welt als Welt den Subjekten begegnet. Alexijewitschs Frage nach der Erfahrung von Tschernobyl erweist sich damit genuin als eine Frage nach der Möglichkeit von Weltbeziehung in einer vergifteten Umwelt.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Was geschah in Tschernobyl? – Seit über 30 Jahren werden die Auswirkungen der Atomkatastrophe von 1986 diskutiert und dennoch bleibt ihre ganze Tragweite bis heute unverstanden. Denn die Folgen der radioaktiven Kontamination sind nicht nur medizinischer oder ökologischer Art, sondern werden den Be­troffenen vor allem zu einem existenziellen Problem. Mit der Vergiftung der Lebenswelt setzt eine fundamentale Entfrem­dungserfahrung ein, die das In-der-Welt-Sein und die Weltbe­ziehung der Betroffenen unterminiert und damit zur Weltkatastrophe wird. Die vorliegende Fallstudie erschließt eine sozialphilosophische Sichtweise auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl und ent­wickelt eine theoretische Perspektive darauf, wie die Konstitution von Materialität die Dynamik von Weltbeziehungen be­einflusst.