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1. Einleitung in:

Martin Repohl

Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt, page 15 - 26

Ein Beitrag zur materiellen Fundierung der Resonanztheorie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4289-2, ISBN online: 978-3-8288-7199-1, https://doi.org/10.5771/9783828871991-15

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
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15 1. Einleitung 1.1. Hinführung: Die existenziellen Folgen der Atomkatastrophe von Tschernobyl als Leerstelle der soziologischen Theorie „[…] ich sehe Tschernobyl als den Beginn einer neuen Geschichte, es ist nicht nur Wissen, sondern auch Vorwissen, denn seitdem ist der Mensch im Widerstreit mit seinen früheren Vorstellungen von sich und von der Welt. Wenn wir von Vergangenheit oder Zukunft sprechen, dann stützen wir uns dabei auf unsere Vorstellungen von Zeit, Tschernobyl aber ist vor allem eine Katastrophe der Zeit. Die radioaktiven Teilchen, die über unsere Erde verstreut wurden, halten sich fünfzig, hundert, zweihundert Jahre … Und mehr … Aus der Perspektive eines Menschenlebens sind sie ewig. Was also können wir begreifen? Steht es in unserer Macht, aus diesem uns noch unbekannten Grauen einen Sinn zu schöpfen und zu erkennen?“ (Alexijewitsch 2015: 39) Was geschah in Tschernobyl? Über zweiunddreißig Jahre nach der verheerenden Atomkatastrophe im Atomkraftwerk von Tschernobyl mutet diese Frage zunächst merkwürdig an, war dieses Ereignis doch jahrzehntelang Gegenstand einer umfassenden medizinischen Forschung, Teil einer weltweiten Debatte über Nutzen und Gefahr der Kernkraft sowie Auslöser vielfältiger politischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Bewegungen. Während Tschernobyl seinen Platz in der Geschichte eingenommen zu haben scheint, haben sich die gesellschaftlichen und soziologischen Debatten längst weiterentwickelt. Die Atomkatastrophe ist hier nur noch ein Referenzpunkt einer als längst überwunden erachteten gesellschaftlichen Situation, während heute doch gänzlich andere Probleme die Aufmerksamkeit erfordern. Und doch schreibt die Historikerin Melanie Arndt mit Blick auf den dreißigsten Jahrestag der Atomkatastrophe: „Warum wissen wir immer noch so wenig?“ (Arndt 2016: 5). Gemeint ist damit nicht nur die noch immer andauernde Diskussion über das exakte Ausmaß der Strahlenexposition und der damit verbundenen Anzahl der Opfer, sondern vielmehr auch die Frage, zu welchen Brüchen dieses Ereignis in den Biografien der Betroffenen geführt hat 16 (vgl. ebd.: 5-6, 8). Hinzufügen lässt sich mit den Worten der Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch, dass diese bisherige – und zweifelsohne umfangreiche – Diskussion zu Tschernobyl noch immer eine Verkürzung der eigentlichen Dimension dieses Ereignisses darstellt, denn: „Tschernobyl wird im Grunde reduziert auf medizinische und politische Fragen. Die sind ausreichend behandelt worden. Was jedoch meiner Ansicht nach fehlt, ist die philosophische Dimension. Wir müssen Tschernobyl begreifen als etwas, was uns in der Zukunft bedroht“ (Jaeggi 2011: 209). Wie das Eingangszitat verdeutlicht, scheint die Katastrophe über eine fundamentale existenzielle Dimension zu verfügen, von der sich laut Alexijewitsch die Frage stellt, ob sie überhaupt einem Verstehen zugänglich ist. Vertiefen lässt sich dieser Aspekt mit einer Äußerung des Philosophen Paul Virilio im Gespräch mit Alexijewitsch: „Das, was 1986 geschah, ist ein vollkommen atypisches Ereignis. Ich werde es nie vergessen“ (Alexijewitsch/Virilio 2003: 11). Alexijewitsch, selbst Zeugin der Katastrophe und als Literaturnobelpreisträgerin die wohl wichtigste Chronistin der Ereignisse, ergänzt: „Die Menschen fühlten sich wie auf dem Mars: Alles war wie vorher, und trotzdem hatte sich die Welt total verändert“ (ebd.). Diese Äußerung fasst die eigentliche Charakteristik der Katastrophe so präzise wie kryptisch zusammen und er- öffnet damit den Blick auf das Thema der vorliegenden Arbeit, welche diese philosophische Dimension als Veränderung der Welt durch die radioaktive Kontamination der soziologischen Theoriebildung zugänglich machen möchte. Bevor dieses Thema jedoch umfassend erläutert werden kann, ist eine weitere Präzisierung dessen notwendig, was konkret untersucht werden soll. Hierzu eignet sich eine Fotografie des russischen Pressefotografen Igor Kostin in besonderer Weise. Kostin dokumentierte die Atomkatastrophe und ihre Folgen über viele Jahre hinweg und schuf ausdrucksstarke Fotografien wie die folgende: 17 „Ein botanisches Experiment, Sommer 1986“ (Kostin 2006: 146-147). Was ist nun genau auf dieser Fotografie zu sehen? Auf den ersten Blick befinden sich zwei Personen auf einem Feld, ausgestattet mit Schutzanzügen und Messgeräten, um Messungen durchzuführen. Doch weder das Objekt ihrer Messung, noch der Anlass ihrer Schutzvorkehrungen ist auf diesem Motiv einer scheinbar normalen Landschaft für den Betrachter erkennbar. Und genau in diesem Aspekt liegt die eigentliche Tragweite der Katastrophe verborgen. So schreibt der Soziologe Ulrich Beck noch ganz unter dem Eindruck der Katastrophe im August 1986 von einer „Verdoppelung der Welt“: „Wir sehen, hören weiter, aber die Normalität unserer sinnlichen Wahrnehmung täuscht: Vor dieser Gefahr versagen unsere Sinne“ (Beck 1986a: 653). Gemeint ist das besondere Wesen der radioaktiven Strahlung: Zum einen hochgradig toxisch, aber zum anderen ebenso unsichtbar und nur durch spezielle Messgeräte wahrnehmbar – wodurch das sonderbare Arrangement der Aufnahme überhaupt erst verstehbar wird. Beck präzisiert: „Was beides meint: die Unfasslichkeit einer für unsere Sinne unveränderten Welt und die hinter den Dingen steckende, unserem Blick, unserer ganzen Aufmerksamkeit verschlossene Verseuchung und Gefahr. Mit dem Atomzeitalter entsteht eine Verdoppelung der Welt. Die Welt hinter der Welt, die uns unvorstellbar bedroht, bleibt unseren Sinnen ein für allemal unzugänglich“ (ebd.). Tschernobyl wird damit nicht nur zum Synonym für die größte technologische Katastrophe in der Geschichte der Menschheit, sondern vor allem zur Ursache der Entstehung einer unsichtbaren und gleichermaßen 18 toxischen Welt im Hintergrund einer scheinbar unveränderten Umgebung – und damit zu einem existenziellen Problem. Es ist diese Verdoppelung, die das Ereignis so atypisch macht, weil es das moderne Weltbild grundlegend infrage stellt (vgl. Alexijewitsch/Virilio 2003: 11) und – wie bereits Arndt und Alexijewitsch betonen – in seiner ganzen sozialen und existenziellen Tragweite bis heute nicht verstanden wurde: „Es ist, als ob sich der radioaktive Fallout mit seinen unsichtbaren Cäsium-, Strontium- und Plutoniumnukliden sehr rasch im Unterbewusstsein unserer Zeit, der Moderne, abgelagert hat. Was davon noch auftaucht und direkt sichtbar wird, ist nur ein kleiner Teil dessen, was als unsichtbarer Ballast unter der Oberfläche einer Realität bleibt, in der man sich weigert, den hohen Preis bewusst anzuerkennen, den mehrere Generationen mit ihren verschlechterten Lebensbedingungen zahlen. Gerade deshalb müssen wir uns für die Geschichte der Menschen in den kontaminierten Gebieten interessieren. Ihre Lebensläufe sind Teil einer lebendigen Realität [Herv. d. A.]“ (Pena-Vega 2011: 71). Diese radioaktive Kontamination ist bis heute Teil einer lebendigen Realität und übt einen erheblichen Einfluss auf das Leben der Betroffenen aus. Aus dieser Perspektive lässt sich nun das Thema der vorliegenden Untersuchung eröffnen: Denn der alles entscheidende Aspekt der sich hier im Anschluss an die von Beck konstatierte Verdoppelung der Welt – nahezu zwangsläufig – ergibt, ist die Frage, wie diese Verdoppelung der Welt das in-der-Welt-Sein der Betroffenen beeinflusst und verändert (vgl. Beck 1988: 78). Denn klammert man alle bisherigen Diskussionsaspekte – die laut Alexijewitsch ausreichend behandelt worden seien – aus, so bleibt ein wesentlicher Aspekt zurück, der den Blick darauf er- öffnet, dass es sich bei der Atomkatastrophe und ihren Folgen um ein genuin existenzielles Problem handelt, dessen angemessene soziologische und sozialphilosophische Aufarbeitung ein eigenständiges begrifflich-analytisches Instrumentarium erfordert. Der Ansatz der Arbeit folgt dabei der Überzeugung, dass es gerade die Soziologie der Weltbeziehung ist (vgl. Rosa 2016), deren Terminologie dieser komplexen Problemstellung gewachsen ist. Die vorliegende Untersuchung möchte deshalb danach fragen, wie sich soziale Weltbeziehungen verändern, wenn sich Welt als erfahrbare Entität selbst verändert und aufzeigen, welche Auswirkungen dies auf das Weltverhältnis der Betroffenen hat – was passiert also, wenn Welt für Subjekte nicht mehr erreichbar ist? Die Arbeit versteht sich damit als Beitrag zur Klärung dieser noch immer unbekannten und unerforschten Folgen der Atomkatastrophe von Tschernobyl. 19 1.2. Thema: Forschungsfrage und These der Untersuchung Die Arbeit geht von der Prämisse aus, dass dieser sozialphilosophische Aspekt der Atomkatastrophe, speziell aus der Theorieperspektive der Soziologie der Weltbeziehung (Rosa 2012, 2016, 2017) erschlossen werden kann und dass das begriffliche Instrumentarium dieser Theorie in besonderer Weise dazu prädestiniert ist, diese noch kaum betrachtete Dimension des Ereignisses zu analysieren. Dieser Ansatz versteht sich damit als Antwort auf eine doppelte Problemstellung: zum einen die bereits erläuterte Verdoppelung der Welt als soziologisches Problem, zum anderen wird aber gerade dieses Fallbeispiel ausgewählt, um auf ein konzeptionelles Problem in der Soziologie der Weltbeziehung zu reagieren. Dieses lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: „Bestimmt man Resonanz dergestalt als einen spezifischen Beziehungsmodus, das heißt als eine spezifische Art des Auf-die-Welt-Bezogenseins, welche diese Welt beziehungsweise das entsprechende Weltsegment als responsiv erfährt, so wirft dies die schwerwiegende Frage auf, in welcher Weise dieser Modus tatsächlich ‚bidirektional‘ ist, das heißt, inwieweit die Welt […] wirklich antwortet“ (Rosa 2016: 289). Wenn eine Resonanzbeziehung (als Modus einer gelingenden Weltbeziehung) tatsächlich ein bidirektionales Beziehungsgeschehen sein soll und nicht nur Ergebnis einer subjektiven Deutungszuschreibung, dann ist es notwendig, die Möglichkeit von Weltbeziehung ebenso vom Objekt, das heißt vom Welt-Pol aus zu denken und zu konzeptionieren, wie vom Subjekt aus1. Notwendig dafür ist es, die Welt nicht nur als passiven Gegenstand subjektiver Deutungszuschreibung zu verstehen, sondern vielmehr als das konkrete, materielle und erfahrbare Gegenüber einer subjektiven Weltbeziehung. Ziel der Arbeit ist es, anhand dieser konkreten Fallstudie aufzuzeigen, dass sich Weltbeziehungen auch dann verändern können, wenn sich Welt selbst verändert – und zwar unabhängig von bisherigen subjektiven Deutungszuschreibungen. Mit diesem Vorgehen soll nicht die damit implizit behauptete Resonanzfähigkeit der Welt erklärt werden, sondern zunächst anhand eines negativen Zusammenhangs verdeutlicht werden, dass Resonanz verloren gehen kann, wenn sich Welt selbst verändert, um im Umkehrschluss das Argument zu entwickeln, dass Weltbeziehungen und speziell Resonanz auch materiell fundiert sind. Wie die Zitate von Alexijewitsch und Virilio verdeutlichen, wird die Atomkatastrophe von Tschernobyl dabei als ein möglichst drastisches Fallbeispiel ausge- 1 Die Arbeit geht dabei von der Prämisse aus, dass hierfür keine konkrete Konzeption des Ding-an-sich notwendig ist, sondern diese Konzeption auf der Ebene der konkreten Erfahrung möglich ist (vgl. Rosa 2016: 289). 20 wählt, da hier der behauptete Argumentationszusammenhang besonders prägnant nachvollzogen werden kann. Die Arbeit folgt dabei der Überzeugung, dass eine Lösung sowohl für das Problem der theoretischen Konzeption von materieller Welt in der Soziologie der Weltbeziehung, als auch für das sozialphilosophische bzw. soziologische Problem der radioaktiven Kontamination, nur möglich ist, wenn beide Probleme in produktive Weise aufeinander bezogen werden. Im Kontext der Katastrophe von Tschernobyl bedeutet diese Aufgabenstellung konkret: „Es geht darum, in den kontaminierten Gebieten eine soziale Realität sichtbar und deutbar zu machen, in der die Menschen mit etwas vollkommen Unbekanntem konfrontiert sind, dass sie nicht verstehen, und daher ein Gefühl von Ausweglosigkeit verspüren. Es geht um Menschen, die ihr Leben für sinnlos halten oder ein Leben in einer Welt für inakzeptabel halten, die ihnen keinen Platz mehr zum Leben lässt“ (Pena-Vega 2011: 73). Ziel der Arbeit ist es, diese existenzielle Dimension von Tschernobyl der soziologischen Theoriebildung zugänglich zu machen und anhand dieses Extrembeispiels von materiellem Weltverlust den Sinn der Frage aufzuzeigen, welchen Anteil die Materialität der Welt am Resonanzgeschehen hat. Es soll daher zunächst beschrieben werden, dass die Resonanzqualität der materiellen Welt blockiert, beschädigt oder zerstört werden kann, um im Umkehrschluss das Argument zu begründen, dass Resonanz auch materiell fundiert ist. Hierzu ist die Grundfrage, was eine Atomkatastrophe aus soziologischer und sozialphilosophischer Perspektive überhaupt ist, hervorragend geeignet, da die Drastik des Beispiels eine anschauliche und empirisch fundierte Erörterung erlaubt und sich zugleich auch auf weitere Beispiele im Kontext der Debatte um die ökologischen Krise und dem Anthropozän übertragen lässt. Folgende Fragestellung steht im Zentrum der Untersuchung: Wie beeinflusst die durch die Katastrophe verursachte radioaktive Kontamination die Möglichkeit von Weltbeziehung und Resonanz? Wird die Beziehungsfähigkeit von Welt dadurch beeinträchtigt und welchen Einfluss hat dies auf die Weltbeziehung von Betroffenen? Es wird von der Prämisse ausgegangen, dass Weltbeziehung und Resonanz qua ihrer Definition über einen materiellen Anteil verfügen. Im Anschluss daran wird die These formuliert, dass mit der radioaktiven Kontamination eine Transformation der Welt einsetzt, die als materieller Weltverlust beschrieben werden kann: Mit der Kontamination wird die Beziehungsqualität von Welt als solche beeinträchtigt. Subjekte sind dadurch nicht mehr in der Lage, eine gelingende Beziehung zu dieser transformierten Welt aufzubauen bzw. diese im Rahmen eines gelingenden Beziehungsgeschehens zu erreichen, wodurch mit der radioaktiven 21 Kontamination auch Resonanzqualität verloren geht. Und damit geht Welt letztlich selbst verloren. Im Zentrum der Arbeit steht die These, dass die Folgen des Super-GAUs2 in der Erfahrung eines totalen Beziehungsverlustes zur materiellen Welt kulminieren und solche beschrieben werden können. Diese Untersuchung ist aus mehreren Gründen von besonderer wissenschaftlicher Relevanz. Zum einen durch die bisher fehlende sozialphilosophische Perspektive auf Tschernobyl, zum anderen durch die erläuterte konzeptionelle Leerstelle in der Soziologie der Weltbeziehung. Beide Problemstellungen lassen sich dabei im Kontext der aktuellen soziologischen Theoriebildung verorten, zu deren Hauptproblemen die Einbeziehung des Materiellen in die soziologische Theorie gehört. Auch hier kann Tschernobyl bzw. Radioaktivität als Referenzpunkt dienen: „Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit soziologische Kernparadigma angesichts dieser Herausforderung einer potentiell gerade nicht beherrschbaren und zudem potentiell anthropogen veränderten Materialität einer Erweiterung ihrer Blickrichtung bedürfen“ (Henkel 2017: 280). Insbesondere aus kritischer Perspektive eignet sich die Soziologie der Weltbeziehung besonders, um Materialität auch sozial- und gesellschaftstheoretisch zu erschließen (vgl. ebd.: 281). Das heißt, wenn im Rahmen der hier durchgeführten Fallstudie der Anteil von Materialität an Weltbeziehung exemplarisch diskutiert werden kann, wird damit auch die Grundlage dafür geschaffen, die in diesem Kontext entwickelten Argumentationsfiguren und Zusammenhänge als Ausgangspunkt dafür zu verwenden, das Verhältnis von Materialität, Gesellschaft und Weltbeziehung systematisch erschließen zu können. Gesellschaftstheoretische Relevanz erhält dieses Thema zusätzlich durch die Frage nach der gesellschaftlichen Hervorbringung von Giftstoffen und ihren Auswirkungen, wie sie bisher vor allem in der Risikosoziologie diskutiert wurde (vgl. Beck 1896b, 1988). Aber auch, wie die Existenz dieser Substanzen die gesellschaftlichen Konzepte von Raum und Zeit infrage stellt (vgl. Adam 1998). Auch hier ist danach zu fragen, inwieweit die Produktion und Verteilung von Giftstoffen (wie z.B. von Radionukliden) in Zusam- 2 Die Abkürzung GAU steht für „größter anzunehmender Unfall“. In der kerntechnischen Terminologie beschreibt ein solches Ereignis einen maximal noch beherrschbaren Störfall in einer kerntechnischen Anlage. Der Begriff Super-GAU ist hingegen ein umgangssprachlicher Pleonasmus, welcher als Steigerung des GAU einen maximalen und nicht mehr beherrschbaren Störfall beschreibt. Dieser bedeutet letztlich die Zerstörung der Anlage und die Freisetzung großer Mengen an Radioaktivität. Beide Begriffe werden häufig synonym verwendet und sind stark mit Angst, Hilfslosigkeit und Endgültigkeit konnotiert (vgl. Radkau 2014: 50-60). 22 menhang mit einer spezifischen gesellschaftlichen Welthaltung steht (vgl. Rosa 2012: 404). 1.3. Vorgehensweise: Die weltbeziehungstheoretische Analyse von Zeugenaussagen und die argumentative Gliederung der Untersuchung Das Thema dieser Arbeit baut auf einem breiten Forschungsstand auf, welcher sich in zwei Dimensionen aufteilt: So gibt es in der horizontalen Dimension seit den ersten Atombombenversuchen eine fortlaufende Beschäftigung mit dem Atom in den Sozialwissenschaften. Dieses wurde bisher unter militärisch-politischen, protestsoziologischen sowie technikund risikosoziologischen Perspektiven thematisiert (vgl. u.a. Ogburn 1946; Finsterbusch 1988; Beck 1986b, 1988). Hier sind insbesondere auch katastrophensoziologische Aspekte relevant (vgl. Freudenburg 1997). Beispielhaft für die kernkraftkritische Perspektive sozialer Bewegung sei hier das Standardwerk von Holger Strohm Friedlich in die Katastrophe (1981) genannt. In jüngster Zeit erfährt diese Thematik eine erneute Konjunktur, sowohl in der politisch-historischen3 als auch in der ethnografischen Forschung. Vor allem die ethnografische Erschließung radioaktiver Lebenswelten ist besonders interessant (Petryna 1995 und 2013; Masco 2004; Brown 2015). Hier gibt es eine enge thematische Überschneidung mit weiteren ethnografischen Untersuchungen zum Thema Leben mit chemischer Kontamination bzw. in postindustriellen Landschaften sowie dem gegenwärtigen Anthropozän-Diskurs (vgl. Storm 2014; Lerner 2012; Tsing et al. 2017; Tsing 2018; Renn/Scherer 2015). Quer dazu lässt sich eine vertikale Dimension beschreiben, in welcher vor allem jüngste Entwicklungen der soziologischen Theorie- und Paradigmenbildung zusammengefasst werden können. In dieser Dimension sind insbesondere die Soziologie der Weltbeziehung (vgl. Rosa 2012, 2016; Peters/Schulz 2017; Block 2016) sowie die breite und äu- ßerst heterogene Diskussion um Materialität und einen New Materialism in den Sozialwissenschaften (vgl. Henkel 2017; Coole 2014) hervorzuheben. Gerade hier findet die Bedeutung von Radioaktivität erneute Aufmerksamkeit (vgl. Folkers 2015) und wird auf innovative Weise neu thematisiert (vgl. Morton 2013; Polleri 2015). In der Zusammenschau ergibt sich aus den thematischen Überschneidungen eine Vielzahl von Synergien, auf denen die Theoriebildung dieser Arbeit aufbaut. Hier ist insbesondere die theoretische Anschlussfähigkeit jüngerer ethnografi- 3 Da diese Perspektive nicht Bestandteil der Arbeit ist, vergleiche hierzu beispielsweise Dalhouski 2015. 23 scher Studien zum Thema radioaktive Kontamination und der Soziologie der Weltbeziehung hervorzuheben. Da die hier entwickelte Position nicht nur rein theoretisch diskutiert, sondern auch empirisch fundiert werden soll, ist es notwendig einen Zugang zum Thema zu entwickeln, welcher in der Lage ist, den beschriebenen Argumentationszusammenhang auch empirisch zu untermauern. Da aus zeit- und forschungspraktischen Gründen keine eigenen Erhebungen im Feld möglich sind, wird ein qualitativer Zugang gewählt, welcher sich auf bereits vorliegende Analysen und Interpretationen stützt. So wird eine strukturierte qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz 2014; Mayring 2015) von ausgewählten Zeugenaussagen und dokumentationen durchgeführt, da entlang der oben beschriebenen existenziellen Dimension dieser Katastrophe der Annahme gefolgt wird, dass „[…] die sorgfältige Analyse der Reaktionen auf Tschernobyl ‚grundlagentheoretische‘ Bedeutung“ hat (Clemenz 1989: 77). Um einen empirischen Zugang zu dieser existenziellen Dimension zu erhalten, ist es erforderlich, die individuellen Erfahrungen der Betroffenen im Kontext der gesamten Tragweite der Katastrophe zu betrachten: „Um die soziale Realität der Menschen in den kontaminierten Gebieten zu verstehen, gilt es, jedes Individuum in Bezug zu der kollektiven Tragödie zu setzen und diese beiden Dimensionen als einen Resonanzraum zu begreifen, in dem die Grenzen zwischen individuellem und kollektiven Bewusstsein gesprengt werden“ (Pena-Vega 2011: 73). Diese Betrachtung individueller Erfahrungen und Äußerungen kann einen Zugang zur weltbeziehungstheoretischen Dimension der Katastrophe eröffnen. Anhand eines aus der Theoriebildung der Arbeit entwickelten Kategoriensets sollen sowohl der veränderte Weltbezug als auch die darauf aufbauende Selbst-Welt-Beziehung der Betroffenen analytisch nachvollzogen werden. Den Analysemaßstab bildet dabei die Frage, wie die ausgewählten Zeugenberichte den subjektiven Bezug zur materiellen Welt thematisieren und inwieweit hier Unsicherheit und Verlust anhand materieller Qualitäten (wie auch der Radioaktivität selbst) thematisiert werden. Da es sich hier um subjektive Eindrücke und Wahrnehmungen handelt, werden ausgewählte dokumentarische Berichte und Erzählungen sowie lyrische Verarbeitungen herangezogen, da davon ausgegangen wird, dass diese literarischen Textgattungen in besonderer Weise fähig sind, Weltbeziehung zu verkörpern und zu transportieren (vgl. Rosa 2012: 385-392). Im Zentrum der Analyse steht dabei das Werk der weißrussischen Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft (2015). Es handelt sich hierbei um die wichtigste Dokumentation von individuellen Schicksalen und Erfahrungen der 24 Atomkatastrophe von Tschernobyl und ist besonders geeignet, um darin enthaltene Aussagen über die Veränderung von Weltbeziehung zu analysieren. Untermauert wird diese Analyse mit einer theoretischen Verortung des Schreibens von Alexijewitsch (vgl.; Günther 2018; Karpusheva 2017; Marchesini 2017; Zink 2011, 2018). Um die Validität der Analyse zu steigern und ein größeres Spektrum an Erfahrungen abbilden zu können, wird die Analyse von Alexijewitschs Text mit einer Auswahl weiterer dokumentarischer Texte ergänzt (u.a. Böseke/Wagner 1987; Jaeggi 2011; Pjatrovič 2011), die zusammen den Korpus dieser Analyse bilden. Ziel dieser Inhaltsanalyse ist es jedoch nicht, eine umfassende und tiefgreifende linguistische Analyse der Zeugenaussagen vorzulegen, sondern vielmehr anhand einer theoretisch fundierten, kategorienbasierten und regelgeleiteten Methodik exemplarische Aussagen auszuwählen und so zuzuordnen, dass sie den theoretischen Argumentationszusammenhang der Arbeit empirisch verdeutlichen und untermauern. Da es sich um eine Theoriearbeit handelt, deren Ziel es ist einen fundierten Interpretationsvorschlag vorzulegen, ist dieses Vorgehen ausreichend, um die Validität der Untersuchung im Kontext ihrer Zielsetzung sicherzustellen. Die Untersuchung gliedert sich in mehrere Abschnitte: so gibt Kapitel 2 eine Einführung in den Themenkomplex, ausgehend von dem Verhältnis von Atomkraft und Moderne, über die konkreten Folgen der Katastrophe, bis hin zu den philosophischen Deutungsversuchen und Leerstellen. Daran schließt sich in Kapitel 3 die Theoriebildung der Arbeit an: so erläutert und definiert Kapitel 3.1 die für die Soziologie der Weltbeziehung zentralen Begriffe Welt, Weltbeziehung und Weltverlust und gibt einen Überblick über die Argumentationsweise dieser Theorie. In Kapitel 3.2 erfolgt dann eine Ergänzung dieser Elemente mithilfe weiterer Argumentationsfiguren: Hierzu zählen der epistemische Standpunkt der Arbeit und der so zentrale Begriff der ontologischen Sicherheit sowie die Begriffe der Materialität, der Kontamination und des Unfalls. Durch die Zusammenführung dieser Argumentationselemente ist dann in Kapitel 3.3 die Definition der Analysebegriffe dieser Arbeit Welt, materielle Weltbeziehung, Weltkatastrophe und Struggle für Resonanz4 möglich. Diese werden in Kapitel 3.4 mit der Vorgehensweise der qualitativen Inhaltsanalyse verbunden. 4 Dieser Begriff wird bewusst auf Englisch formuliert, da der Autor den Begriff des Struggle in besonderer Weise für geeignet hält, um das Schwierige, Mühlevolle, Schmerzhafte und Anstrengende einer – vielleicht – möglichen Wiedererlangung von Resonanz in einer kontaminierten Welt zu betonen. Hingegen implizieren verwandte Begriffe wie Kampf oder Wiedererlangung ein nur einseitiges Vermögen des Subjektes sich eine Resonanzbeziehung anzueignen. Diese Implikation würde jedoch der hier vertretenen Annahme einer Bidirektionalität und Unverfügbarkeit von Resonanzbeziehungen widersprechen. 25 In Kapitel 4 erfolgt die weltbeziehungstheoretische Analyse der Zeugenaussagen, wobei die Ergebnisse der Inhaltsanalyse jeweils den entsprechenden Abschnitten zugeordnet werden. Kapitel 4.1 beschreibt die Materialität der Katastrophe, sowohl hinsichtlich der materiellen Qualität der radioaktiven Stoffe als auch der Transformation von Welt in der kontaminierten Zone. Daran knüpft in Kapitel 4.2 die Analyse der Zeugenaussagen im Hinblick auf die Rezeption dieser Veränderung von Welt sowie auch auf den veränderten Selbst-Welt-Bezug an. Kapitel 4.3 gibt daraufhin einen Überblick über die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen der Arbeit. Diese beziehen sich einerseits auf den totalen Verlust von Welt als beziehungsfähiges Gegenüber (Weltkatastrophe) und andererseits auf die sich daraus ergebenden Möglichkeiten und Schwierigkeiten einer erneuten Resonanzbeziehung in dieser kontaminierten Welt (Struggle für Resonanz). In Kapitel 5 widmet sich schließlich der Diskussion der vorgelegten Interpretation sowie der Diskussion der Leistungsfähigkeit der verwendeten Analysebegriffe und der Möglichkeiten einer sich daran anschließenden weiteren Theoriebildung. Die Arbeit schließt mit einem Resümee.

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Zusammenfassung

Was geschah in Tschernobyl? – Seit über 30 Jahren werden die Auswirkungen der Atomkatastrophe von 1986 diskutiert und dennoch bleibt ihre ganze Tragweite bis heute unverstanden. Denn die Folgen der radioaktiven Kontamination sind nicht nur medizinischer oder ökologischer Art, sondern werden den Be­troffenen vor allem zu einem existenziellen Problem. Mit der Vergiftung der Lebenswelt setzt eine fundamentale Entfrem­dungserfahrung ein, die das In-der-Welt-Sein und die Weltbe­ziehung der Betroffenen unterminiert und damit zur Weltkatastrophe wird. Die vorliegende Fallstudie erschließt eine sozialphilosophische Sichtweise auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl und ent­wickelt eine theoretische Perspektive darauf, wie die Konstitution von Materialität die Dynamik von Weltbeziehungen be­einflusst.