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Appendix: Kategoriendefinition in:

Martin Repohl

Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt, page 129 - 132

Ein Beitrag zur materiellen Fundierung der Resonanztheorie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4289-2, ISBN online: 978-3-8288-7199-1, https://doi.org/10.5771/9783828871991-129

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
129 Appendix: Kategoriendefinition Kategorie 1: Phänomenale Erscheinung der Radioaktivität Zuordnung Analysebegriff: Welt Zuordnung Kapitel: 4.1.1 Radioaktivität: Ein phänomenales Profil Definition: Rezeption von Radioaktivität durch Zuschreibung konkreter materieller Qualitäten und Eigenschaften. Operationalisierung durch Signalwörter: Nennung konkreter Radionuklide und der Radio-aktivität selbst, Nennung materieller Eigenschaften wie Farbe, Geruch, Leuchten, Bewegung und Toxizität. Nennung der zeitlichen Dauer der Radionuklide. Textbeispiel: „Ein Tier kann sie vielleicht sehen und hören, aber nicht der Mensch. Das stimmt nicht! Ich habe sie gesehen… Das Caesium hat bei mir im Garten gelegen, bis der Regen es weggeschwemmt hat. Es hatte eine Farbe wie Tinte. Es lag und glitzerte dort in Klumpen…“ (Alexijewitsch 2015: 57). Kategorie 2: Phänomenale Veränderung von Welt Zuordnung Analysebegriff: Welt Zuordnung Kapitel: 4.1.2 Die Transformation von Welt in der radioaktiv kontaminierten Zone Definition: Rezeption der (objektiven) Veränderung von Welt anhand der Veränderung materieller Qualitäten. Operationalisierung durch Signalwörter: Nennung konkreter materieller Entitäten und Qualitäten und ihre Veränderung durch die radioaktive Kontamination 130 Textbeispiel: „Nach dem ersten, ungebremsten Regen säumten orangefarbene Ringe die Pfützen, wie man sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die einfache Erklärung dafür lautete, das sei Blütenstaub, beispielsweise von Kastanien. Warum hatte man den früher nie bemerkt? Das Orange, die Farbe der Strahlung, war wohl kein Zufall, mit diesem Gefahrensignal warnte die Natur die Menschen. Die ganze Stadt leuchtete vor 'Blütenstaub', alle Schlaglöcher wiesen diesen Saum auf, dem man auswich, als strahlten diese Flecken tatsächlich" (Pjatrovic 2011: 104). Kategorie 3: Welt-Bezug Zuordnung Analysebegriff: Materielle Weltbeziehung Zuordnung Kapitel: 4.2.1 Die Rezeption des veränderten Welt- Bezuges in den Aussagen der Zeugen Definition: Rezeption der subjektiven Wahrnehmung und Bedeutung der strahleninduzierten materiellen Veränderungen von Welt. Operationalisierung durch Signalwörter: Nennung von subjektiven Eindrücken und Empfindungen in Anbetracht der strahleninduzierten materiellen Veränderung von Welt Textbeispiel: „Ich frage meine Leute, wir waren zu dritt: ‚Sagt mal, wie duftet der Apfelbaum?‘ ... ‚Der duftet überhaupt nicht.‘ Etwas war mit uns geschehen ... Der Flieder duftete nicht ... Der Flieder! ... Ich hatte auf einmal das Gefühl, daß alles ringsum so unwirklich ist, daß ich mitten in einer Kulisse stehe ... Und ich begreife das nicht, ich bin dazu unfähig. Ich habe auch nirgendwo dar- über gelesen ..." (Alexijewitsch 2015: 144). Kategorie 4: Selbst-Welt-Bezug Zuordnung Analysebegriff: Materielle Weltbeziehung Zuordnung Kapitel: 4.2.2 Die Rezeption des veränderten Selbst-Welt- Bezuges in den Aussagen der Zeugen Definition: Rezeption der subjektiven Veränderung des eigenen Selbst- Welt-Bezuges der Betroffenen durch Negation und Infragestellung ihrer Stellung in der Welt und ihrer subjektiven Beziehungsmöglichkeiten zur Welt anhand der Nennung materieller-leiblicher Qualitäten. 131 Operationalisierung durch Signalwörter: Personalpronomen und subjektive Selbstbeschreibungen, Nennung von Tätigkeiten und tätige Beziehungen, Gefühle und körperliche Bedürfnisse, Verstehen/Nichtverstehen sowie von Unsicherheit und Unvermögen bzw. Hilflosigkeit. Textbeispiel: „Sind es noch die alten Farben: Wir freuen uns der ersten Tage/die wieder Wärme bringen/Wir bewundern das leuchtende Grün/der frischen Blätter/Wir sind geneigt/uns rundum zufrieden zu fühlen/Und doch ist da eine Spur Misstrauen/Sind das Wärme und Farben/von denen man liest in alten Gedichten/oder nur der falsche Glanz/von schweren Metallen und Giften/Jetzt scheint uns selbst/der Schimmer in unseren Augen/nur die Spiegelung verdrängter Angst" (Böseke/Wagner 1989: 38). Kategorie 5: Weltverlust Zuordnung Analysebegriff: Weltkatastrophe Zuordnung Kapitel: 4.3.1 Die Weltkatastrophe: Materialisierte Entfremdung, negative Unverfügbarkeit und der Verlust von Welt als resonanzkonstitutives Gegenüber Definition: Rezeption von Verlustgefühlen anhand konkreter Entitäten wie z.B. Häuser oder Wälder. Rezeption dieser Verlusterfahrung als Verlust von Welt als beziehungsstiftende und beziehungsoffene Entität. Operationalisierung durch Signalwörter: Nennung von Verlust, Verschwinden und Endgültigkeit. Nennung von damit verbundenen Gefühlen wie Trauer. Nennung des Verlorenen und seiner Bedeutung. Textbeispiel: „Gebt mir den Regen wieder. Auch die Stille. Den Wald und in der Au den Fluss. Den Abendstern, den Garten voller Bäume, den Säer und das wogende Korn im Feld. Ich will alles zurück. Gebt mir die Sprache wieder, mit der mein Volk mich einst gesegnet hat" (Kostenko 1996: 117). Kategorie 6: Sensibilität Zuordnung Analysebegriff: Struggle für Resonanz Zuordnung Kapitel: 4.3.2 Struggle für Resonanz: Möglichkeiten der Wiedererlangung von Resonanz in einer kontaminierten Welt 132 Definition: Rezeption von Sensibilität und veränderter Wahrnehmung gegenüber der Welt und ihrer Entitäten in Bezug zur Erfahrung des Weltverlustes. Operationalisierung durch Signalwörter: Subjektive Selbstbeschreibung im Hinblick auf eine gesteigerte Sensibilität für andere Lebewesen und Welt. Nennung von Nähe, Veränderung der Wahrnehmung und einer veränderten Welthaltung. Textbeispiel: „Dicht vor meinen Augen krabbelten die Ameisen über den Stamm, ohne uns zu hören, ohne uns Beachtung zu schenken… Wir würden verschwinden, und sie würden es gar nicht bemerken. Und ich? Ich hatte sie noch nie so nahe wahrgenommen…“ (Alexijewitsch 2015: 161).

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Zusammenfassung

Was geschah in Tschernobyl? – Seit über 30 Jahren werden die Auswirkungen der Atomkatastrophe von 1986 diskutiert und dennoch bleibt ihre ganze Tragweite bis heute unverstanden. Denn die Folgen der radioaktiven Kontamination sind nicht nur medizinischer oder ökologischer Art, sondern werden den Be­troffenen vor allem zu einem existenziellen Problem. Mit der Vergiftung der Lebenswelt setzt eine fundamentale Entfrem­dungserfahrung ein, die das In-der-Welt-Sein und die Weltbe­ziehung der Betroffenen unterminiert und damit zur Weltkatastrophe wird. Die vorliegende Fallstudie erschließt eine sozialphilosophische Sichtweise auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl und ent­wickelt eine theoretische Perspektive darauf, wie die Konstitution von Materialität die Dynamik von Weltbeziehungen be­einflusst.