Content

5. Die Diskussion der Analyse und die Darstellung weiterführender Forschungsperspektiven in:

Martin Repohl

Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt, page 107 - 116

Ein Beitrag zur materiellen Fundierung der Resonanztheorie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4289-2, ISBN online: 978-3-8288-7199-1, https://doi.org/10.5771/9783828871991-107

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
107 5. Die Diskussion der Analyse und die Darstellung weiterführender Forschungsperspektiven Im folgenden Abschnitt der Untersuchung erfolgt nun eine Diskussion der vorgelegten weltbeziehungstheoretischen Analyse der Atomkatastrophe und ihrer zentralen Argumente. Im Hinblick auf die eingangs formulierten Relevanzkriterien der Untersuchung gliedert sich dieser Abschnitt in eine Diskussion der Vorgehensweise der Arbeit und ihrer Ergebnisse, in einer Diskussion der theoretischen Erklärungsfähigkeit der formulierten analytischen Begriffe dieser Arbeiten sowie in eine Diskussion der sich daran anschließenden Forschungsperspektiven im Hinblick auf Materialität und Verlust. 5.1. Die Diskussion der analytischen und empirischen Vorgehensweise Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass es durch den gewählten theoretischen Zugang überhaupt erst gelang, die Erfahrung dieser Katastrophe einer wissenschaftlichen Analyse zugänglich zu machen. Die Wahl der Soziologie der Weltbeziehung als theoretische Perspektive eröffnete so die eigentliche Thematik des Phänomens, dessen Theoretisierung bisher bei einer Darstellung der empirischen Dimensionen der Katastrophe sowie einigen – wenn auch teils elaborierten – philosophischen Spekulationen stehen blieb. So konnte gezeigt werden, dass sich neben einer rein empirischen Beschreibung des Ereignisses – deren Unzulänglichkeit mit Brown aufgezeigt wurde – und einer risikosoziologischen Beschreibung – deren analytisches Instrumentarium jedoch im Hinblick auf die Katastrophe als materielle Realität an Erklärungsgrenzen stößt –, eine weitere Perspektive auf das Thema ergibt, die den – mit Alexijewitsch beschriebenen – Erfahrungsgehalt der Katastrophe als eine Veränderung des subjektiven in-der-Welt-Seins durch eine Veränderung von Welt theoretisiert. Erst aus der Perspektive der Soziologie der Weltbeziehung heraus konnte dieser Aspekt überhaupt identifiziert und als solcher einer wissenschaftlichen Analyse zugänglich gemacht werden. Daher handelt es 108 sich bereits bei der Identifizierung, Beschreibung und Gliederung dieses Themas in einen bearbeitbaren Untersuchungsgegenstand um eine eigenständige Leistung der Untersuchung, die als solche über den referierten Forschungsstand und den bisherigen Analyseversuchen – deren Stehenbleiben bei einer scheinbaren Faszination für die Katastrophe nicht vollständig ignoriert werden kann – hinausweist. Die entwickelte empirische Vorgehensweise dieser Arbeit ergab sich aus dem gewählten theoretischen Zugang. Durch eine Übertragung der Theoretisierung des Phänomens der ästhetischen Resonanz im Bereich der Lyrik, das heißt durch den besonderen weltbeziehungstheoretischen Gehalt dieser Textgattung auf die dokumentarische Prosa von Swetlana Alexijewitsch und weiterer inhaltlich verwandter Quellen, konnte eine besondere Anschlussfähigkeit zwischen theoretischer Perspektive und Analysegegenstand hergestellt werden. Diese ergab sich zum einen aus dem Erfahrungsgehalt der Katastrophe, welcher vor allem in den literarisch aufgearbeiteten Interviews Alexijewitschs sowie weiteren Berichten, Tagebucheinträgen und Gedichten der Betroffenen dokumentiert ist und der Soziologie der Weltbeziehung, welche durch ihre Perspektive diesen dokumentierten Erfahrungsgehalt überhaupt erst als subjektive Weltbeziehung im Kontext der Katastrophe beschreibbar macht. Diese wechselseitige Passfähigkeit ermöglichte so eine strukturierte Inhaltsanalyse der Aussagen, mit deren Hilfe konkrete Erfahrungsgehalte der theoretischen Beschreibung zugeordnet werden konnten. Indem diese Aussagen als Dokumente einer subjektiven Veränderung von Weltbeziehung ernst genommen wurden, gelang es, den Erfahrungsgehalt dieser Aussagen theoretisch zu explizieren und einer Analyse zugänglich zu machen. Als Illustration einer theoretisch fundierten und analytisch differenzierten Interpretation dieser Katastrophe kann die empirische Analyse eine eingeschränkte Gültigkeit beanspruchen. Da es nicht das Ziel dieser Untersuchung war, eine allgemein gültige und empirisch fundierte Erklärung der Katastrophe zu formulieren, sondern stattdessen einen begründeten Interpretationsvorschlag vorzulegen, welcher einige zentrale Zusammenhänge im Hinblick auf die genannte theoretische Relevanz darstellt, war diese Vorgehensweise legitim. Ziel war es nicht, den subjektiven Gehalt dieser Aussagen zu überwinden, um allgemein gültige Aussagen daraus abzuleiten, sondern gerade diesen subjektiven Gehalt im Hinblick auf ihre weltbeziehungstheoretische Erklärungskraft zu explizieren, um so zu zeigen, wie eine theoretische Analyse strukturiert sein muss, um die Transformation von Weltbeziehung durch die Transformation von Welt in den Blick zu bekommen – was in intersubjektiv nachvollziehbarer Weise gelang. Die vorgelegte Argumentation eignet sich in besonderer Weise, um die eigentliche Erfahrung der Katastrophe als Weltverlust zu beschreiben, benötigt aber gerade deshalb eine weitere 109 und stärker empirisch orientierte Fundierung, um auch auf andere vergleichbare Phänomene übertragbar sein zu können. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass gezeigt werden konnte, dass der Erfahrungsgehalt der Katastrophe in den Aussagen der Zeugen als Weltverlust beschrieben werden kann, weil durch die radioaktive Kontamination Welt als Horizont von Weltbeziehung prekär wird und sich dadurch die subjektive Rezeption von Welt verändert. Das heißt, dass mithilfe der These dieser Untersuchung gezeigt werden konnte, wie die Veränderung einer materiellen Qualität von Welt zu einer Transformation von Weltbeziehung führen kann. Durch den Zusammenbruch subjektiver Deutungsmuster im Augenblick der Katastrophenerfahrung wurde so die fundamentale Bezogenheit von Subjekt und Welt erkennbar. Die Beschreibung dieser Bezogenheit im Augenblick des Verlustes legte damit offen, dass Modi von Weltbeziehungen nicht nur durch subjektive Welthaltungen konstituiert sind, sondern ebenso durch Welt als materielle und erfahrbare Entität. Durch die Analyse der Rezeption von Welt im Moment ihres Verlustes konnte damit diese transformative Wirkung von Welt auf Weltbeziehung dargestellt werden. Durch die besondere Hervorhebung von Materialität als wesentlichen Erklärungsfaktor im Rahmen dieser Analyse konnte ebenfalls gezeigt werden, dass diese Transformation von Weltbeziehung erst vor dem Hintergrund der Theoretisierung von Materialität als etwas Aktives, denn als bloßer Widerstand gegenüber dem Sozialen, nachvollziehbar wird. Materialität erhält ihre analytische Relevanz, gerade weil sie in einem gewissen Sinne, als etwas den Subjekten gegenüber eigenständig Wirksames, beschrieben werden kann. Die Einbeziehung materieller Agency in die Analyse von Weltbeziehungen ermöglicht es, die Möglichkeit von Weltbeziehungen auch vom Welt-Pol aus zu konzeptionieren. Die Einbeziehung von Materialität in die Sozialtheorie lässt sich – wie in dieser Untersuchung gezeigt – als eigenständige Weise des „Weltzugangs“ formulieren, mit deren Hilfe ganz bestimmte subjektive Erfahrungsgehalte in den Fokus der Analyse treten (vgl. Lindemann 2014: 11). Vor diesem Hintergrund lässt sich die eingangs zitierte Frage von Henkel, ob soziologische Kernparadigmen in Anbetracht einer potentiell unverfügbaren und anthropogen veränderten Materialität einer Erweiterung ihrer Perspektive bedürfen (vgl. Henkel 2017: 280), eindeutig und nachdrücklich bejahen. Insbesondere in der Analyse von Kontamination und (Um-)Weltzerstörung ist eine Berücksichtigung des Materiellen erforderlich, um diese Phänomene nicht nur zu beschreiben, sondern einem vertieften Verständnis im Hinblick auf soziale Weltverhältnisse zugänglich zu machen – was die sozialtheoretische Relevanz von Materialität abschließend noch einmal verdeutlicht. 110 Im Hinblick auf die theoretische Fundierung der Soziologie der Weltbeziehung ergibt sich daraus, dass es sich bei Resonanz zwar immer auch um einen gesellschaftlich-historisch kontingenten Modus von Weltbeziehung handelt, sich die Erfahrung von Resonanz jedoch nicht auf ein Deutungsmuster reduzieren lässt. Wie am Fallbeispiel gezeigt wurde, geht Resonanz auch dann verloren, wenn Welt als das erreichbare Gegenüber von Weltbeziehung verloren geht – und zwar ohne dass sich zuvor die Resonanzsensibilität und damit verbundene Deutungsmuster der Subjekte verändern müssen. Vielmehr kann dieser Verlust überhaupt erst dann erfahren werden, wenn die Resonanzsensibilität in der Verlusterfahrung erhalten bleibt. Daher wird im Rahmen dieser Diskussion für eine realistische Epistemologie in der Resonanztheorie plädiert, um Welt als basalen und materiell erfahrbaren Kontaktraum stärker zu fundieren, um so das basale in-die-Welt-Gestelltsein der Subjekte (auch jenseits von Deutungsmustern) präziser theoretisieren zu können. Aus der Theoretisierung des Weltverlustes als Folge einer materiellen Transformation von Welt, welche die Möglichkeit für Resonanz limitiert, ergibt sich nun abschließend die Frage, ob Resonanzfähigkeit auch als ontologische Qualität zu denken ist. So fragt Rosa, „[…] ob Resonanzbeziehungen jenseits intersubjektiver Beziehungen als symmetrisch oder asymmetrisch zu denken sind“ (Rosa 2017: 322). Im Hinblick auf die Analyseergebnisse dieser Arbeit lässt sich festhalten, dass durch die Analyse des materiellen Weltverlustes als Resonanzverlust quasi exnegativo eine Perspektive dafür eröffnet wird, Resonanzfähigkeit im Umkehrschluss auch als eine ontologische Qualität von Welt zu denken. Denn wenn durch die radioaktive Kontamination die Möglichkeit für Resonanz auf Seiten der Welt verloren geht, obwohl die Subjekte über eine Resonanzsensibilität verfügen, dann verweist dies darauf, Resonanz als symmetrisches Konzept zu definieren, in dem die materielle Qualität von Welt ebenso ihre Berücksichtigung findet, wie die Welthaltung der Subjekte. Wenn Welt und Materialität deshalb nicht nur als passive Projektionsflächen für die Welthaltung der Subjekte, sondern auch als aktiv antwortendes Gegenüber beschrieben werden sollen, ist die Berücksichtigung der Agency der Materialität als genuine Beziehungsfähigkeit der Welt erforderlich. Dies eröffnet auch eine Perspektive auf die konzeptionelle Frage, ob sich materielle Objekte zueinander resonant oder entfremdet verhalten können (ebd.: 323). Dinge können auch dann entfremdet sein, wenn ihre innere Konstitution sie aus dem Beziehungsgeflecht des Weltganzen herauslöst (vgl. Tsing 2018: 171). Die negative Umkehrung der Beziehungsfähigkeit einer total verdinglichten Materialität, welche am Beispiel der negativen Unverfügbarkeit der Radionuklide beschreiben wurde, verweist damit auf ein – wie Uexküll dies formuliert – verborgenes Naturgesetz, das der totalen Verdinglichung der Weltdinge 111 ohne Resonanzverlust eine anscheinend unüberwindliche Grenze zu setzen scheint (vgl. Uexküll 1987: 5). 5.2. Diskussion der theoretischen Begriffsbildung: Der Beitrag der Begriffe „materielle Weltbeziehung“ und „Weltkatastrophe“ für die Soziologie der Weltbeziehung Es erfolgt nun eine gesonderte Diskussion der analytischen Begriffsbildung der Arbeit. So wurden im Anschluss an die Soziologie der Weltbeziehung und ausgewählter theoretischer Ansätze, wie der Phänomenologie der Materialität, der Risikosoziologie und der Unfallphilosophie, die Begriffe „materielle Weltbeziehung“ und „Weltverlust“ bzw. „Weltkatastrophe“ formuliert. Eine Diskussion ihrer Erklärungskraft ist sinnvoll, um ihre spezielle Leistungsfähigkeit in Abgrenzung zur Terminologie der Soziologie der Weltbeziehung hervorzuheben und ihre Übertragbarkeit auf weitere Phänomene aufzuzeigen. Dies schließt auch eine Diskussion des beschriebenen Struggle für Resonanz ein. Im Anschluss an den bereits von Rosa differenzierten Begriff von Welt als Horizont von Weltbeziehung und Ganzes der Erfahrbarkeit, nahm die analytische Begriffsbildung dieser Arbeit ihren Ausgangspunkt in einer stärkeren Akzentuierung der Teilaspekte der ontologischen Sicherheit und der Materialität. Durch eine dezidiert phänomenologisch orientierte Beschreibung der Eigenschaften von Materialität und der Hervorhebung von ontologischer Sicherheit, nicht nur als soziales Deutungsmuster, sondern als Erfahrungsqualität von Welt – wie dies insbesondere Böhme illustriert hat – konnte Welt als materiell erfahrbares und konkretes Gegenüber von Weltbeziehung beschrieben werden. In-der- Welt-Sein heißt demnach immer schon mit ihren Entitäten in einem basalen Kontaktverhältnis zu stehen. Damit konnte auch in eigeschränkter Weise konkretisiert werden, wie sich qua Materialität zwischen Subjekt und Welt ein Beziehungsverhältnis konstituieren kann. Hieran knüpft nun der Begriff der materiellen Weltbeziehung an. Als analytischer Begriff klassifiziert dieser auf der einen Seite eine Gruppe von subjektiven Welthaltungen und auf der anderen Seite eine Gruppe von konkreten Weltausschnitten, in denen jeweils Materialität das konkrete und primäre der Erfahrung bildet. Dies ist den Aussagen der Zeugen zu entnehmen, wie z. B. in der Feld- und Gartenarbeit, im Spielen, in der körperlichen Selbstwirksamkeit oder allgemein im autotelischen Kontakt zur Welt. Eine heuristische Klassifizierung erfolgt parallel zu den in der Soziologie der Weltbeziehung formulierten Resonanzachsen und Gruppierungen von Weltbeziehungen, wobei eine große Überschneidung mit der diagonalen Resonanzachse vorhanden ist. Durch die Akzentuierung von Materialität ist es möglich, bestimmte Weltaus- 112 schnitte immer dann in die Analyse einzubeziehen, wenn sie qua ihrer Materialität einen wirksamen Faktor im Beziehungsgeschehen bilden. Dies gilt insbesondere für die konkreten Erfahrungsqualitäten der Natur. Erst durch die analytische Beschreibung von Weltbeziehung als primär materielle Weltbeziehung im Rahmen der Fallstudie war es möglich, den besonderen Erfahrungsgehalt der Katastrophe im Hinblick auf ihr Wesen und ihre Dimensionalität zu explizieren. Eine reine Beschränkung entweder auf die Materialität der Katastrophe oder die subjektive Rezeption von Welt in den Aussagen der Betroffenen hätte die Beschreibung der bereits als unzureichend kritisierten bisherigen Erklärungsversuche bloß reproduziert. Erst durch das argumentative Verbinden beider Aspekte konnte ein vertiefter Zugang gewonnen werden. Es lässt sich festhalten, dass der Begriff der materiellen Weltbeziehung eine nützliche Heuristik bildete, um die für diese Argumentation relevanten Aspekte hervorzuheben und zu beschreiben. Dennoch lässt sich auch sagen, dass gerade weil die potenzielle Erklärungskraft demonstriert werden konnte, eine weitere Fundierung notwendig ist. Ähnliches lässt sich auch für den Begriff der Weltkatastrophe festhalten. Auch hier findet der Begriff seine Fundierung in den Begriffen des Weltverlustes und Resonanzkatastrophe, welche bereits umfangreich in der Soziologie der Weltbeziehung beschrieben wurde. In Abgrenzung hierzu konnte mithilfe des Begriffes der Weltkatastrophe aufgezeigt werden, was diesen Weltverlust eigentlich ausmacht. Denn wie den Aussagen der Zeugen eindeutig zu entnehmen war, bedeutet Weltverlust nicht einfach das Verschwinden von Welt als Gegenüber und damit das Abbrechen von Weltbeziehung, sondern vielmehr eine Transformation von Weltbeziehung, weil sich Welt in ihrem Verlust immer auch auf eine andere Weise exponiert. Das heißt, Welt kann eben nicht auf eine physische Weise verloren gehen, sondern sich vielmehr in einer Weise verändern, dass sie nicht mehr für Subjekte erreichbar ist – obwohl sie weiterhin da ist. Am Beispiel der radioaktiven Kontamination konnte dieses Phänomen exemplarisch illustriert werden. Daran konnte ebenfalls gezeigt werden, dass Weltverlust im Hinblick auf die Transformation von Welt als etwas materiell Erfahrbares, immer auch bedeutet, Welt als Ganzes zu verlieren. Durch den Verlust der ontologischen Sicherheit wurde so gezeigt, dass Weltverlust immer auch eine Weltkatastrophe ist, weil sie Welt als Ganzes der Erfahrbarkeit infrage stellt. Dieser Verlust wird den Subjekten zur Katastrophe, weil sie sich in einer unauflöslichen Bezogenheit zur Welt befinden, die besonders durch eine repulsive Transformation von Welt zum Problem wird. Nur vor diesem Hintergrund kann ein Weltverlust als Transformation von Weltbeziehung beschrieben werden. Insbesondere der Teilaspekt der negativen Unverfüg- 113 barkeit16 konnte hier zur Erklärungskraft des Begriffs beitragen, weil dieser zeigt, dass Welt nicht mehr erreichbar ist, weil ihre transformierte Materialität dem Beziehungsbegehren der Subjekte eine innere und äu- ßere Grenze setzt. Deshalb wird im Rahmen dieser Arbeit dafür plädiert, den Begriff der Weltkatastrophe auch auf die Analyse strukturähnlicher Phänomene zu übertragen. Dies ist insbesondere dann geboten, wenn – wie Nancy konstatiert – das Wesen moderner Technikkatastrophen darin begründet liegt, dass es sich hier nicht um zeitlich und lokal eingrenzbare Ereignisse handelt, sondern diese immer eine Vielzahl von räumlich und zeitlich unverfügbaren Folgewirkungen entfalten (vgl. Nancy 2013: 7-12). Somit gilt, dass es sich bei zahlreichen Umweltkatastrophen zugleich immer auch um Weltkatastrophen handeln würde, wie hier am Beispiel der Katastrophe von Tschernobyl illustriert wurde, was aber beispielsweise auch übertragbar wäre auf die Atomkatastrophe in Fukushima, der gigantischen Ölpest infolge der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon 2010, den verheerenden ökologischen Folgen des anhaltenden Einsatzes von Pestiziden oder der Frackingtechnologie und ganz allgemein auf die fortschreitende Verschmutzung der Lebenswelt durch anthropogene Stoffe, wie z.B. Mikroplastik oder endokrine Disruptoren. Aber auch die drastischen ökologischen Folgen des Klimawandels ließen sich unter diesem Aspekt diskutieren. Diesen Phänomenen ist gemein, dass die Agency einer anthropogen veränderten, aber trotzdem unverfügbaren Materialität zum Verlust von Weltausschnitten führt. Nach Soentgen macht genau dieser Umstand die eigentliche Tragweite der ökologischen Krise aus. In diesem Sinne wäre die ökologische Krise als Weltkatastrophe zu beschreiben: Mit der Zerstörung der äußeren Natur zerstört der Mensch letztlich seinen eigenen Platz in der Welt (vgl. Rosa 2014: 123). Das heißt, durch den Verlust von Weltausschnitten und Beziehungsqualitäten verliert der Mensch immer mehr an Möglichkeiten für Weltbeziehung selbst, bis schließlich in Anbetracht einer toxischen und repulsiven Welt einzig eine negative und destruktive Welthaltung als Weise einer tätigen Weltbeziehung verbleibt. Das Vergraben der kontaminierten Weltdinge in der Zone wirft damit ein Schlaglicht auf einen Teufelskreis aus Verdinglichung, negativer Unverfügbarkeit und Weltverlust17. 16 Insbesondere in Abgrenzung zum Phänomen der negativen Resonanz konnte so auch erläutert werden, warum das Phänomen des Weltverlustes nicht sinnvoll als Resonanzerfahrung beschrieben werden kann und sollte. 17 Auch in der Sperrzone von Fukushima ist dieses Phänomen zu beachten, denn es werden dort im Zuge der Dekontaminierungsarbeiten ganze Landschaften abgetragen und in unzählige schwarze Kunststoffsäcke verfüllt. Die sich so auftürmenden Pyramiden symbolisieren die Endgültigkeit des Weltverlustes in drastischer Weise. 114 Der Begriff der Weltkatastrophe eignet sich damit als Zeitdiagnose zur analytischen Erschließung einer „Universalität des Desasters“ (Virilio 2008), und damit einer fortschreitenden Prekarisierung resonanter Weltbeziehung im Zeitalter des Anthropozän. Dies gilt umso mehr, als das gezeigt werden konnte, dass Weltverlust immer auch die Chance für die – noch so schwierige – Wiedererlangung von Resonanz bietet. Aus der gezeigten Dialektik von Entfremdung und Resonanz (vgl. Rosa 2016: 316) ergibt sich, dass auch massive und totale Entfremdungserfahrungen die Möglichkeit für ein anderes Weltverhältnis bergen, da sich Welt in ihrem Verlust auf unmittelbare Weise exponiert. Damit transzendiert die Weltkatastrophe das destruktive Weltverhältnis der Moderne. Für die weitere Theoriebildung bedeutet dies, dass die analytische Beschäftigung mit Weltkatastrophen immer auch nach den verschütteten Möglichkeiten für ein gelingendes und unmittelbares Weltverhältnis fragen muss. 5.3. Forschungsperspektiven: Materialität und Verlust als Kategorien der Sozial- und Gesellschaftstheorie Im Anschluss an die Ergebnisse der Untersuchung sollen nun abschlie- ßend sich daraus ergebende Forschungsperspektiven vorgestellt werden. Dies ist auch deshalb geboten, weil es eines der Hauptziele der Untersuchung war, im Anschluss an den beschriebenen Weltverlust neue Perspektiven für die soziologische und gesellschaftstheoretische Theoriebildung aufzuzeigen – wobei es erstaunlich ist, dass es sich hier noch immer um Forschungslücken handelt. Mit Blick auf die Totalität der technoökologischen Katastrophen der Spätmoderne, für die Tschernobyl zweifelsohne zum Sinnbild geworden ist, konstatiert Virilio: „Tatsächlich ist der Unfall plötzlich bewohnbar geworden auf Kosten der Substanz der Alltagswelt… Eben das ist der ‚vollständige Unfall‘, der uns vollständig in sich aufnimmt und manchmal auch physisch auflöst“ (Virilio 2005: 63). Die Tatsache, dass Weltverlust keinen Verlust, sondern eine – pathogene – Transformation von Weltbeziehung bedeutet, wirft dies die Frage auf, was für eine Welt da eigentlich mit der Totalisierung des Unfalls im Entstehen begriffen ist. Mehr noch: Was für eine Welt bringt die welterzeugende Bestrebung der Verfügbarmachung von Materialität hervor? Und was bedeutet dies für die Möglichkeit von Weltbeziehung? Als erstes – und wichtigstes – Forschungsfeld, das sich im Anschluss an die hier durchgeführte Analyse ergibt, lässt sich das Verhältnis von Materialität, Sozialität und Weltbeziehung benennen. Denn wenn Ge- 115 sellschaft durch spezifische Formen von Welthaltung einen gestaltenden Einfluss auf ihre materielle Umwelt ausübt, ist aus dezidiert gesellschaftstheoretischer Perspektive danach zu fragen, wie sich Sozialität und Materialität durch Weltbeziehung wechselseitig durchdringen. Das heißt, wie Sozialität zum einen durch Weltbeziehung Materialität verfügbar macht und in ihrer Konstitution prägt, wie aber auch eine als aktiv und potenziell unverfügbar gedachte Materialität ihrerseits die Möglichkeit für Weltbeziehung beeinflusst. Die Soziologie der Weltbeziehung bietet hierzu die Möglichkeit Materialität aus einer kritischen und gesellschaftheoretischen Perspektive zu betrachten und ihre – bereits mit Henkel konstatierte – Bedeutung im Hinblick auf Sozialität und menschliches in-der-Welt-Sein zu analysieren. Eine mögliche Arbeit müsste deshalb in Anbetracht von Weltverlust und Kontamination grundlegend danach fragen, welche Möglichkeiten sich für Weltbeziehungen im materiellen Milieu der Spätmoderne bzw. des Anthropozän ergeben und wie dies Sozialität und Gesellschaft in ihrer Konstitution beeinflusst. Besondere theoretische Relevanz kommt diesem Thema zu, weil es – wie das Beispiel dieser Arbeit illustriert – ein fundamentales Zusammenspiel zwischen Sozialität, Materialität und Weltbeziehung gibt, aber auch, weil es bei einer dezidiert gesellschaftstheoretischen Perspektive auf Materialität um einen weißen Fleck in der Gesellschaftstheorie handelt: „Bislang liegen zwar mikrosoziologische Studien zum Mitwirken von Materialität im Sozialen vor sowie Ansätze Materialität als aktiv zu denken; doch es steht die Entwicklung einer Perspektive aus, die danach fragt, wie mit einer potentiell gesellschaftsevolutionär unterschiedlichen Konstitution dessen, was dieser gesellschaftlichen Formation Materialität ‚ist‘, sich die Form der sozialen Einbettung dieser je spezifischen Materialität verändert“ (Henkel 2017: 280). Der hier verwendete Begriff der materiellen Weltbeziehung könnte dabei als analytische Heuristik dienen, um bestimmte Formen der subjektiven Welthaltung und bestimmte anthropogen veränderte Weltausschnitte unter diesem Aspekt in ihrem Zusammenhang zu beschreiben. Als Vorlage hierfür könnte Serres Beschreibung der Verschmutzung als einer pathogenen Aneignung von Welt – welche zu einer Enteignung ihrer Unmittelbarkeit führt – dienen, da diese als Modus von Weltbeziehung so einen Blick auf das gesellschaftliche Verhältnis zu Materialität eröffnen würde (Serres 2009). Auch Rosas Frage, in welchem Zusammenhang der Raubbau an der Erde und die stetig steigende Produktion von Giftstoffen mit einer kulturell und institutionell verhärteten Welthaltung steht (vgl. Rosa 2012: 404), kann hier als Anhaltspunkt verwendet werden. Im Kontext der hier vorgelegten Analyse sollte das materielle Weltverhält- 116 nis der Moderne im Spannungsfeld zwischen Weltverlust und Welterzeugung diskutiert werden. Ziel einer solchen Perspektive kann es nur sein, diese klaffende Forschungslücke zu schließen und Materialität neben Raum und Zeit als eigenständige Kategorie der soziologischen Theoriebildung zu etablieren. In Anbetracht der hier analysierten Verlusterfahrungen der Betroffenen ergibt sich ein weiteres Forschungsthema, das danach fragt, welche Bedeutung Verlust als existenzielle Konstante im Hinblick auf Sozialität und gesellschaftlichen Weltverhältnissen zukommt. So verfügt das Phänomen des Weltverlustes – insbesondere im Zeitalter des Anthropozän – über eine entscheidende sozialtheoretische Relevanz, wie Claessens bereits 1963 erkannte: „Die Maßstäbe oder Parameter menschlichen Verhaltens sind heute zunehmend dem menschlichen Zugriff selbst ausgesetzt. Insofern das geschieht, werden die mit dem Wort ‚Weltverlust‘ zu fassenden Probleme gerade für die Soziologie ständig bedeutsamer werden“ (Claessens 1963: 525). Gemeint ist damit, dass Verlust zu den grundlegenden und allgegenwärtigen Erfahrungen des Menschseins gehört, dessen Bedeutung aber im Rahmen der Soziologie bisher noch nicht systematisch aufgearbeitet wurde. Im Kontext einer sich scheinbar ausweitenden Verlusterfahrung als Charakteristikum von Subjektivität in der Spätmoderne, wäre danach zu fragen, was überhaupt verloren werden kann bzw. welche Erfahrungen als Verlust beschrieben werden können, welche Bedeutung diese Verluste im Hinblick auf Selbst- und Weltverhältnisse ausüben sowie ob sich im Verlust wiederum eine veränderte existenzielle Disposition erkennen lässt, welche diesen hin zu anderen Daseinsformen transzendieren kann – wie am Beispiel des Struggle für Resonanz beschrieben wurde. Eine Soziologie des Verlustes müsste sich dem Verlust, als ein Verschwinden von Dingen, Natur, Gewissheiten, Beziehungen usw. in allen seinen Facetten widmen, um diese existenzielle Grunderfahrung in ihrem Gehalt und in ihren existenziellen Folgen im Hinblick auf andere Weltverhältnisse zu einer grundlegenden Kategorie der Sozial- und Gesellschaftstheorie zu machen.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Was geschah in Tschernobyl? – Seit über 30 Jahren werden die Auswirkungen der Atomkatastrophe von 1986 diskutiert und dennoch bleibt ihre ganze Tragweite bis heute unverstanden. Denn die Folgen der radioaktiven Kontamination sind nicht nur medizinischer oder ökologischer Art, sondern werden den Be­troffenen vor allem zu einem existenziellen Problem. Mit der Vergiftung der Lebenswelt setzt eine fundamentale Entfrem­dungserfahrung ein, die das In-der-Welt-Sein und die Weltbe­ziehung der Betroffenen unterminiert und damit zur Weltkatastrophe wird. Die vorliegende Fallstudie erschließt eine sozialphilosophische Sichtweise auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl und ent­wickelt eine theoretische Perspektive darauf, wie die Konstitution von Materialität die Dynamik von Weltbeziehungen be­einflusst.