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Martin Repohl

Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt, page 1 - 14

Ein Beitrag zur materiellen Fundierung der Resonanztheorie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4289-2, ISBN online: 978-3-8288-7199-1, https://doi.org/10.5771/9783828871991-1

Series: Tectum - Masterarbeiten

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Martin Repohl Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt Martin Repohl Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt Ein Beitrag zur materiellen Fundierung der Resonanztheorie Mit einem Geleitwort von Hartmut Rosa und Jörg Oberthür Tectum Verlag Martin Repohl Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt. Ein Beitrag zur materiellen Fundierung der Resonanztheorie © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 E-Book: 978-3-8288-7199-1 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4289-2 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: shutterstock.com, Nr. 710818957 © romm Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Für Svenja, meine Freundin und stete Diskussionspartnerin, deren Vertrauen diese Arbeit erst ermöglicht hat. 7 Inhaltsverzeichnis Zum Geleit ..................................................................................... 11 1. Einleitung ................................................................................... 15 1.1. Hinführung: Die existenziellen Folgen der Atomkatastrophe von Tschernobyl als Leerstelle der soziologischen Theorie ... 15 1.2. Thema: Forschungsfrage und These der Untersuchung .......... 19 1.3. Vorgehensweise: Die weltbeziehungstheoretische Analyse von Zeugenaussagen und die argumentative Gliederung der Untersuchung .......................................................................... 22 2. Grundlegung: Die Atomkatastrophe von Tschernobyl als Gegenstand der soziologischen und philosophischen Forschung ............................................................................... 27 2.1. Das Verhältnis von Moderne, Atomkraft und der Verdinglichung der Materie .................................................... 27 2.2. Die Atomkatastrophe von Tschernobyl: Dimensionen des Super-GAUs ............................................................................ 31 2.3. Nach dem Super-GAU: Philosophische Deutungsversuche und sozialtheoretische Leerstellen .......................................... 35 3. Forschungsdesign: Der weltbeziehungstheoretische Bezugsrahmen der Untersuchung ....................................... 40 3.1. Die Soziologie der Weltbeziehung und Resonanz mit der materiellen Welt ...................................................................... 40 3.1.1. Erkenntnisinteresse und das Prinzip der Relationalität von Subjekt und Welt .................................................. 40 8 3.1.2. Modi der Weltbeziehung und Weltbegriff .................... 42 3.1.3. Materialität und Unverfügbarkeit in der theoretischen Fundierung von Resonanz ........................................... 46 3.1.4. Weltverlust als Resonanzkatastrophe ........................... 47 3.2. Theoretische Erweiterung: Die Verknüpfung ausgewählter Begriffe mit dem weltbeziehungstheoretischen Bezugsrahmen 50 3.2.1. Realistische Epistemologie und der Begriff der „Ontologischen Sicherheit“ ......................................... 51 3.2.2. Der Begriff der Materialität .......................................... 53 3.2.3. Die Begriffe Unfall und Kontamination aus materieller Perspektive .................................................................. 56 3.3. Zusammenfassung des theoretischen Bezugsrahmens: Die analytischen Begriffe Welt, materielle Weltbeziehung, Weltkatastrophe und Struggle für Resonanz ........................... 59 3.4. Analytische Vorgehensweise: Weltbeziehung und Literatur bei Rosa und Alexijewitsch und die strukturierte qualitative Inhaltsanalyse von Zeugenaussagen ....................................... 62 4. Analyse: Eine weltbeziehungstheoretische Deutung der Atomkatastrophe von Tschernobyl ..................................... 69 4.1. Welt: Die Transformation von Welt und die Materialität der Katastrophe .............................................................................. 69 4.1.1. Radioaktivität: Ein phänomenales Profil ...................... 69 4.1.2. Die Transformation von Welt in der radioaktiv kontaminierten Zone .................................................... 75 4.2. Materielle Weltbeziehung: Die Wahrnehmung und Erfahrung von Welt und die Transformation des subjektiven In-die-Welt- Gestelltseins nach der Katastrophe ......................................... 80 4.2.1. Die Rezeption des veränderten Welt-Bezuges in den Aussagen der Zeugen .................................................. 81 4.2.2. Die Rezeption des veränderten Selbst-Welt-Bezuges in den Aussagen der Zeugen............................................ 87 9 4.3. Schlussfolgerung: Die Transformation von subjektiven Weltbeziehungen durch die Transformation der materiellen Welt ...................................................................... 95 4.3.1. Die Weltkatastrophe: Materialisierte Entfremdung, negative Unverfügbarkeit und der Verlust von Welt als resonanzkonstitutives Gegenüber .......................... 95 4.3.2. Struggle für Resonanz: Möglichkeiten der Wiedererlangung von Resonanz in einer kontaminierten Welt ............. 102 5. Die Diskussion der Analyse und die Darstellung weiterführender Forschungsperspektiven ........................ 107 5.1. Die Diskussion der analytischen und empirischen Vorgehensweise .................................................................... 107 5.2. Diskussion der theoretischen Begriffsbildung: Der Beitrag der Begriffe „materielle Weltbeziehung“ und „Weltkatastrophe“ für die Soziologie der Weltbeziehung ................................... 111 5.3. Forschungsperspektiven: Materialität und Verlust als Kategorien der Sozial- und Gesellschaftstheorie .................. 114 6. Resümee ................................................................................... 117 7. Literaturverzeichnis ................................................................ 121 Appendix: Kategoriendefinition ................................................ 129 11 Zum Geleit Wie und warum kann man aus der Position gesellschaftstheoretischer Beobachtung und Gegenwartsanalyse über ein Katastrophenereignis schreiben, dessen Analysen und Bewertungen längst ganze Bücherregale füllen und das, wie sich vermuten ließe, allmählich zum Gegenstand für die eher historische Betrachtung wird? Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist auf den ersten Blick ein solches Ereignis. Wer das ‚Glück‘ hatte, sie nur aus der Ferne zu erleben, sich aber gleichzeitig noch an Fernsehbilder des zerborstenen Atommeilers und an Nachrichten über ganze Zugladungen verstrahlter Molke erinnern kann – oder auch an das bedrückende Gefühl bei jedem neuen Regen im Frühling des Jahres 1986, wird mit Tschernobyl wohl auch bleibende biografische Erfahrungen verbinden. Fragt man heute jedoch sogar in einem universitären Seminar danach, warum das Zusammentreffen der Veröffentlichung von Ulrich Becks „Risiko- Gesellschaft“ und von Niklas Luhmanns Buch über „Ökologische Kommunikation“ im selben Jahr ein für die breite Öffentlichkeit notables Ereignis war, wird man keineswegs selbstverständlich mit entsprechenden Querverweisen rechnen können. Tschernobyl ist zum Sinnbild und zum Menetekel für die Risiken der zivilen Nutzung von Kernenergie geworden, aber es ist in dieser Hinsicht scheinbar auch in Begriff kulturell ‚verarbeitet‘ zu werden – und sieben Jahre ‚nach Fukushima‘ gilt dies womöglich umso mehr. Dass dies allerdings ein Trugschluss sein könnte und man in Anlehnung an Charles Perrow von der ‚Normalität‘ solcher Katastrophen eher im Sinne des dauerhaften Verlustes existenzieller Sicherheit in der späten Moderne sprechen müsste, bringt eine Headline der Online-Ausgabe der New York Times vom Sommer 2018 zum Ausdruck. Darin heißt es, dass auch Jahrzehnte später und ‚weit weg‘ die Katastrophe von Tschernobyl noch immer die Milch verstrahlt (Im Original: Decades Later and Far Away, Chernobyl Disaster Still Contaminates Milk). 12 Um die Ausgangsfrage zu beantworten: Martin Repohls Arbeit setzt dort ein, wo die fundamentale Zerrüttung von ‚Weltbeziehungen‘, so wie sie von den Betroffenen vor Ort erfahren wurde und noch immer wird, in den Diskursen über ‚Risiken‘ technologisch verursachter Umweltkatastrophen nach wie vor keine ausreichende Berücksichtigung erfährt. Ziel seiner Untersuchung ist es, darzustellen und zu erklären, wie durch den radioaktiven ‚Störfall‘ die Welt in ihren nicht nur verstehbaren und deutbaren, mithin ihren ‚verfügbaren‘, Aspekten, sondern auch auf der Ebene ihrer materiellen Verfasstheit, so grundlegend verändert wurde, dass sie seither für immer anders bzw. für die Betroffenen verloren ist. Die Auseinandersetzung des Autors mit Tschernobyl schließt hierbei an die literarische Arbeit der Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und deren in deutscher Übersetzung als „Tschernobyl: Eine Chronik der Zukunft“ erschienene Bearbeitung von Erlebnisschilderungen und Zeugenaussagen an. Repohl geht es hierbei darum, eine leiblich-affektuelle Erfahrungsschicht, die sich in der literarischen Interpretation bereits zeigt, den üblichen Kategorien sozialwissenschaftlicher Reflexion jedoch entgeht, theoretisch nachvollziehbar zu machen und darin die Reaktorkatastrophe noch einmal – diesmal aber als ‚Weltkatastrophe‘ – zu rekonstruieren. Das Vorhaben ist insofern auch darauf angelegt, zu einem generell besseren Verständnis der Art und Weise beizutragen, in der menschliche Subjekte im Sinne von ‚Weltbeziehungen‘ mit ihrer natürlichen Umwelt vermittelt sind und in der sie diese entweder als ‚Resonanzraum‘ oder als bedrohlichen, repulsiven Ort permanenter Entfremdung erfahren. Im Ergebnis zeigt Martin Repohl auf der Grundlage einer eingehenden Beschäftigung mit bestehenden theoretischen Deutungsangeboten und empirischen Beobachtungen, dass die Erfahrung ‚verstrahlter‘ Umwelten tatsächlich nicht nur als zu bearbeitende Risikolage, sondern als dramatischer Weltverlust begriffen werden muss. Welt, die nicht mehr anverwandelt werden kann, weil sie in ihrer materiellen Beschaffenheit dauerhaft ‚toxisch‘ geworden ist, entzieht sich in ihrem Charakter als dialogisch antwortender Gegenpart und die Folgen dieses Verlustes greifen tief auch in die Konstitution individueller und kollektiver Lebensgefühle und Selbstverhältnisse ein. Der Versuch, die Materie bis in ihre nuklearen Bestandteile hinein verfügbar zu machen, führt dazu, Unverfügbarkeit geradezu als Monster zurückkehren zu lassen. Im Sinne eines Ausblicks wird schließlich aber auch aufgezeigt, dass die Suche nach ‚Resonanz‘ als menschliche Grundkonstante selbst unter den Bedingungen der Katastrophe und ihrer Folgen weitergeht, ihre Realisierung sich nun aber als Mit-Leiden mit dem beschädigten Anderen der Natur vollzieht, wodurch letztlich auch ein Plädoyer für das kritische Hinterfragen anthropozentrischer Subjekt-Objektvorstellungen formuliert wird. 13 Martin Repohl ist es damit gelungen einen innovativen und im Denkansatz radikal anderen Beitrag nicht nur zur Debatte über die gesellschaftliche Wahrnehmung von ökologischen Risiken, sondern auch zur Kritik von Weltbeziehungen in der Moderne überhaupt, zu leisten. Die hohe Relevanz dieses unbedingt lesenswerten Buches ergibt sich damit über den konkreten thematischen Bezug hinaus aus der Warnung vor der Illusion grenzenloser Verfügbarkeit. Jena, im Dezember 2018 Hartmut Rosa & Jörg Oberthür

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Zusammenfassung

Was geschah in Tschernobyl? – Seit über 30 Jahren werden die Auswirkungen der Atomkatastrophe von 1986 diskutiert und dennoch bleibt ihre ganze Tragweite bis heute unverstanden. Denn die Folgen der radioaktiven Kontamination sind nicht nur medizinischer oder ökologischer Art, sondern werden den Be­troffenen vor allem zu einem existenziellen Problem. Mit der Vergiftung der Lebenswelt setzt eine fundamentale Entfrem­dungserfahrung ein, die das In-der-Welt-Sein und die Weltbe­ziehung der Betroffenen unterminiert und damit zur Weltkatastrophe wird. Die vorliegende Fallstudie erschließt eine sozialphilosophische Sichtweise auf die Atomkatastrophe von Tschernobyl und ent­wickelt eine theoretische Perspektive darauf, wie die Konstitution von Materialität die Dynamik von Weltbeziehungen be­einflusst.