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Dirk Lau

Wahlkämpfe der Weimarer Republik

Propaganda und Programme der politischen Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag von 1924 bis 1930

3. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4203-8, ISBN online: 978-3-8288-7193-9, https://doi.org/10.5771/9783828871939

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Dirk Lau Wahlkämpfe der Weimarer Republik Dirk Lau Wahlkämpfe der Weimarer Republik Propaganda und Programme der politischen Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag von 1924 bis 1930 Tectum Verlag Dirk Lau Wahlkämpfe der Weimarer Republik. Propaganda und Programme der politischen Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag von 1924 bis 1930 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 Zugl. Diss. Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1995 E-Book: 978-3-8288-7193-9 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4203-8 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildungen: Plakat der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) zu den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung 1919; Bundesarchiv Bild 102-00394, Berlin, Wahlpropaganda zur Reichstagswahl (Mai 1924); Bundesarchiv Bild 102-00888, Berlin, Wahlwerbung für KPD (Dezember 1924); Wahlplakat der SPD (1928); Bundesarchiv Bild 102-10313, Reichstagswahl, Propagandawagen des Zentrums (August 1930); Bundesarchiv Bild 102-03497A, Berlin, Propaganda zur Reichstagswahl (Juli 1932); Bundesarchiv B 145 Bild- P046291, Berlin, Reichstagswahl, Wahlzettel (1932) Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 5 Vorbemerkung Sie waren eine dramatische und faszinierende Epoche – die 14 Jahre der deutschen Republik, deren Gründung in Weimar sich 2019 zum 100. Mal jährt. Was am 9. November 1918 als Aufbruch in die Demokratie und zu mehr politischer Mitbestimmung des Volkes begann, endete am 30. Januar 1933 in faschistischer Diktatur und nationalsozialistischem Terror. Zeitgenossen beschrieben den Weg dorthin – noch ganz im Banne der »Urkatastrophe« Erster Weltkrieg – als eine Abfolge unentwegter »Wahlschlachten«, als »Krieg der Parteien« um Meinungen und Macht auf einem politischen »Kriegsschauplatz«. Die politischen Wahlen auf Gemeinde-, Länder- und Reichsebene wurden nach 1919 begleitet von Volksabstimmungen im Gefolge des Versailler Vertrags und Volkentscheiden wie jenen für die Fürstenenteignung 1926 oder gegen den Young-Plan 1929. Alle diese Wahlbewegungen elektrisierten die Menschen und die öffentliche Diskussion in einem Maße, das vor 1914 unbekannt war, als der politische Wettstreit trotz aller Demokratisierungstendenzen noch unter dem »obrigkeitsstaatlichen Deckel« gehalten wurde. Die Wahlkämpfe der politischen Parteien vor den vier Weimarer Reichstagswahlen am 4. Mai 1924, am 7. Dezember 1924, am 20. Mai 1928 und am 14. September 1930, deren Themen, Ablauf, Akteure und Folgen die vorliegende Arbeit untersucht, spiegeln die Phase der »relativen Stabilisierung« der Weimarer Republik wider. Mehr als die Wahlkämpfe zur Wahl der Nationalversammlung am 19. Januar 1919 und zum ersten Reichstag am 6. Juni 1920 oder die Wahlen zum Reichstag am 31. Juli 1932 sowie am 6. November 1932 und die – bereits unter antidemokratischen, faschistischen Bedingungen abgehaltene – Wahl am 5. März 1933 können sie Aufschluss geben, wenn die politische Kultur der Weimarer Republik anhand von reichsweiten Wahlbewegungen untersucht werden soll. Bei der vorliegenden Darstellung der vier Reichstagswahlkämpfe von 1924 bis 1930 handelt es sich um den Nachdruck meiner Arbeit, mit der ich 1995 von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zum Dr. phil promoviert wurde. Der Text wurde für diese dritte Auflage inhaltlich nicht überarbeitet, sondern nur dem geänderten Druckformat angepasst. Die Anregung, mich mit parteipolitischer Propaganda anlässlich von Reichstagswahlen der Weimarer Republik zu befassen, erhielt ich Ende der 1980er-Jahre in den Lehrveranstaltungen von Professor Peter Bucher, Archivdirektor am Bundesarchiv Koblenz, an der Johannes Gutenberg- Universität Mainz. Nach dem unerwarteten Tod von Professor Bucher im August 1991 übernahm Professor Winfried Baumgart, Mainz, die Betreuung der vorliegenden Arbeit und unterstützte ihr Entstehen stets mit Rat und Tat, wofür ich ihm zu Dank verpflichtet bin. Danken möchte ich auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der von mir besuchten Archive und Bibliotheken dafür, dass sie mir Zugang zu den Archivalien und Beständen gewährten. Für seine freundliche Bereitschaft, mir über seine Tätigkeit als technischer Wahlkampleiter der Weimarer Sozialdemokratie Auskunft zu geben, gebührt Fritz Heine (1904–2002) besonderer Dank. Hamburg, Ende 2018 Dirk Lau 7 Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Kapitel 1: Historische Wahlkampfforschung und Weimarer Re pu blik . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Kapitel 2: Politische Kultur, Parteien und Wahlkämpfe im Deutschen Kaiserreich von 1871 bis 1914 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .33 Kapitel 3: Zur politischen Kultur der Weimarer Re pu blik: Parteien, Programme und Koalitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Geborene Oppositions- und klassische Staatspartei – Die Weimarer Sozialdemokraten . . . . . . . 55 „Nationale Opposition“ – Die Deutschnationalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 „Auf dem Boden der gegebenen Tatsachen“ – Die katholischen Parteien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Revolutionäre Partei „im Wartestand“ – Das Dilemma der Weimarer Kommunisten . . . . . . . . . . 70 „Von roten Ketten macht euch frei, allein die Deutsche Volkspartei“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Zwischen Reaktion und Revolution – Die Deutsche Demokratische Partei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Das Versprechen einer radikalen Systemalternative – Die Nationalsozialisten . . . . . . . . . . . . . . . . 79 Erster Teil: Der Aufmarsch der Parteien zur Wahlschlacht . . . . . . . . . 85 Kapitel 4: Organisation und Ablauf der Reichstagswahlkämpfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Der Wahlkampf zur Nationalversammlung im Winter 1918/19 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Der Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1920 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Die Wahlbewegung vom Frühjahr 1924 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Die Wahlbewegung vom Herbst 1924 und die Reichspräsidentenwahlkampf vom Frühjahr 1925 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 Die Wahlbewegung vom Frühjahr 1928 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .143 Die Wahlbewegung vom Sommer 1930 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .173 8 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Kapitel 5: Der Wahlkampfstil der Weimarer Parteien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .179 Versuche der Modernisierung liberaler Parteistrukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 Zur Wahlkampfführung von DVP und DNVP . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 „Der Stimmzettel ist eure Macht“ – Weimarer Sozialdemokraten im Wahlkampf . . . . . . . . . . . . 210 „Wahlkampf ist Klassenkampf“ – Die Kommunisten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .221 Für einen „sachlichen Kampf der Geister“ – Zur Wahlkampfführung des Zen trums . . . . . . . . . . 232 Zur Frage der Modernität der NSDAP-Propagandatechnik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 „Der Krieg muss den Krieg ernähren“ – Die Wahlwerbekosten der Parteien . . . . . . . . . . . . . . . . 246 „An den Einen … Und an Alle!“ – Zur sozialen Argumentation der Wahlpropaganda . . . . . . . . 260 Kapitel 6: „Waffen für den Wahlkampf“: Die Propagandamittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .275 Der „Kampf um die Straße“: Versammlungen, De mons tra ti o nen und Revuen . . . . . . . . . . . . . . . 283 Zeitungen, Plakate und Flugblätter im Zeichen der Bildpropaganda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Flugzeuge, Kraftfahrwagen und Fahrräder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .317 Vom Grammophon zum Rundfunk: Die „Lautsprecher“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323 Die neue „Großmacht Film“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 Symbol- und sonstige Wahlpropaganda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342 Zusammenfassung: Technisierung und Amerikanisierung der Wahlkämpfe im Zeichen der Massenmobilisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 Zweiter Teil: Die Wahlprogramme der Parteien . . . . . . . . . . . . . . . . 359 Kapitel 7: Nationalismus in Zeiten der Krise – Der Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .361 „Der Feind steht rechts!“ – Die SPD im Kampf gegen „innen- und außenpolitische Knechtschaft“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364 „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren!“ – Deutschnationaler Kampf gegen die „Novemberverbrecher“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372 „Gegen die Politik der Verneinung“ – Das Zen trum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379 „Durch Opfer und Arbeit zur Freiheit“ – Die Deutsche Volkspartei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 385 „Erfüllungspolitik ist Befreiungspolitik“ – Die Deutsche Demokratische Partei . . . . . . . . . . . . . . 392 Gegen den „neuen Versklavungsplan“ – Die „nationale“ Propaganda der Kommunisten . . . . . . 398 Abrechnung mit dem „Schwindelsystem“ – Nationalsozialistische Freiheitspartei . . . . . . . . . . . 404 Sonstige Parteien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409 9 InhaltsverzeIchnIs Wahlergebnis und Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414 Kapitel 8: „Schwarz-weiß-rot“ gegen „Schwarz-rot-gold“ – Der Reichtstagswahlkampf vom Herbst 1924 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .421 „Für die schwarz-rot-goldene Re pu blik!“ – Die Sozialdemokraten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424 „Unsere Farben bleiben: Schwarz-weiß-rot!“ – Die Deutschnationale Volkspartei . . . . . . . . . . . .431 „Für Wahrheit, Recht und Freiheit!“ – Die „wahrhaft nationale“ Politik des Zen trums . . . . . . . . 438 „Zerschlagt das Zuchthaus der Dawes-Banditen!“ – Der kommunistische Kampf für „Sowjetdeutschland“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 444 Abgrenzungsversuche gegen den „Linksblock“ Die DVP-Parole von der „nationalen Realpolitik“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449 Für eine „nationale Politik der Mitte“ – Die Deutsche Demokratische Partei . . . . . . . . . . . . . . . . 456 Gegen die „Versklavung durch die jüdischen Kapitalisten“ – Die National-Sozialistische Freiheitsbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 462 Sonstige Parteien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 467 Wahlergebnis und Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 472 Kapitel 9: Bürgerblock oder „soziale Re pu blik“ – Der Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .477 „Schluss mit dieser Bürgerblockwirtschaft!“ – Die Sozialdemokraten kämpfen für die „soziale Re pu blik“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 480 Die „gekündigte Regierungspartei“ – Rückkehr der Deutschnationalen zur alten Anti-„System“-Parole . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 487 Das Zen trum als „christliche Volkspartei“ gegen „kulturkämpferischen Sozialliberalismus“ . . . . 496 „Im Geiste Bismarcks und Hindenburgs mit Stresemann für’s Neue Reich“ – Die Deutsche Volkspartei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 502 Kommunistische „Einheitsfront aller Ausgebeuteten“ gegen die kapitalistische „Ebert-Hindenburg-Re pu blik“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 508 Kampf der Demokraten für eine „klare re pu bli ka nische Mehrheit“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .515 Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Hitlerbewegung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .521 Sonstige Parteien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 527 Wahlergebnis und Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 532 Kapitel 10: „In te res sentenhaufen oder Staatsvolk?“ – Der Reichstagswahlkampf vom Sommer 1930 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 539 10 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik „Gegen Bürgerblock, Hakenkreuz und Sowjetstern“ – Sozialdemokratischer Abwehrkampf im Zeichen der Krise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 544 „Ein Mann – Eine Bewegung – Ein Programm“ – Hugenbergs „Führer“-Wahlkampf . . . . . . . . 552 Gouvernementaler „Führer“-Wahlkampf des Zen trums: Brüning, der „neue starke Mann für Deutschlands Rettung“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 560 Der kommunistische Abwehrkampf gegen die „Sozial- und Nationalfaschisten Young-Deutschlands“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 568 „Mit Hindenburg für Deutschlands Rettung“ – Die Deutsche Volkspartei sucht die „breite Front der nationalen Mitte“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 576 Der jungdeutsche Erneuerungsversuch der Demokraten: „Keinen Parteienstaat! Darum Staatspartei!“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 583 Weg mit der „Youngrepublik“ des „alten Deutschlands“ – Das nationalsozialistische „Nein zum heutigen System“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 591 Sonstige Parteien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597 Wahlergebnis und Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 605 Zusammenfassung und Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .613 Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 639 Quellen- und Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 639 Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 696 Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 699 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 701 11 Einleitung 13 Kapitel 1 Historische Wahlkampfforschung und Weimarer Re pu blik Politisch-kulturelle Deutungen und Diskurse werden als konstitutive Bestandteile der historischen Wirklichkeit und somit auch als ein eigenständiger Forschungsbereich der Geschichtswissenschaft betrachtet. Mittlerweile ist anerkannt, dass es die Erforschung politischer Kulturen nicht nur mit isolierten Meinungsprofilen und Werthaltungen bestimmter Eliten, sondern mit „grundlegenden Vorstellungen über die Welt der Politik und damit verknüpften operativen Normen“ zu tun hat, die sich insgesamt als „das mit spezifischem Sinn gefüllte ideelle Design eines Kollektivs für sein politisches Leben“1 begreifen lassen. Unbestritten ist auch, dass sich die politische Kultur einer demokratischen und medienbewussten Gesellschaft in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung beziehungsweise in den Stellungnahmen von politischen Parteien widerspiegelt. Das von der amerikanischen Politikwissenschaft in den 1960er-Jahren entwickelte Analysekonzept „Politische Kultur“ bietet sich dabei trotz Kritik an seiner empirischen Unzuverlässigkeit als „feuilletonistisch anmutendes Zugangsmittel historischer Forschung an, denn es gestattet, die Verarbeitung von Geschichte und Politik zu beschreiben“2. Eine Arbeit, die im Rahmen des von Klaus Megerle geleiteten Berliner Forschungsprojektes zur politischen Kultur der Weimarer Re publik entstand, definiert politische Kultur als das „umfassende System politischer Vorstellungen“, das „in seiner Struktur auf dem Wege der Verarbeitung politischer Erfahrungen die Struktur der objektiven politischen Bedingungen reproduziert und gleichzeitig die politische Praxis ihrer Teilhaber strukturiert“3. Zen tra le These des Forschungsprojektes ist, dass für die politische Kultur der Weimarer Re pu blik eine ausgepräg- 14 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik te Fragmentierung konstitutiv gewesen sei. Nach 1918 habe sich in Deutschland keine einheitliche politische Nationalkultur herausgebildet, sondern sei die Gesellschaft gespalten geblieben in sich vielmehr noch verfestigende Teilkulturen mit je spezifischen Denk- und Handlungsmustern. Im Unterschied zum wilhelminischen oder später zum nationalsozialistischen Deutschland besaß die aus der Kriegsniederlage und der Revolution geborene Weimarer Re pu blik kaum Rückhalt bei großen gesellschaftlichen Gruppen4. Die Einordnung der vorliegenden Arbeit in die historische politische Kulturforschung liegt nahe. Gerade in Wahlkampfzeiten lassen sich „anhand von programmatischen Offerten, Werbemitteln und -methoden in exemplarischer Weise Strategien der Politikvermittlung zwischen der Führungsebene und dem Bürger studieren“5. Wahlkämpfe können auch in der historischen Betrachtung als „sinnfälligster Ausdruck von politischer Kultur [gelten], da sie Aufschluss über ideologische und interessenpolitische Fragen, über Kräftekonstellationen, das Verhältnis der Parteien zueinander und über ihre Stellung zum Gesamtsystem geben“6. Von einer Untersuchung der Identifikations- und Abgrenzungsstrategien der Parteien im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 versprechen sich die Historiker Elfi Bendikat und Detlef Lehnert einen relevanten Erkenntnisgewinn. Sie beschränken ihre Aussagen auf jene politischen Teilkulturen, „die unmittelbar um eine kandidierende Partei gruppiert waren und zugleich in der öffentlichen Meinung mit repräsentativen Publika tionsorganen auftraten“7. Anhand der Weimarer Reichstagswahlkämpfe kann, so die Ausgangsüberlegung der vorliegenden Arbeit, die Fragmentierung der politischen Kultur der Weimarer Re pu blik wie in einem Brennspiegel festgestellt werden. Der Stellenwert von Wahlkämpfen innerhalb eines politischen Systems ist abhängig von dessen verfassungs- und wahlrechtlicher Struktur. Als Teil der Öffentlichkeit sind sie wichtige Ereignisse der politischen Massenkommunikation, denen eine große Bedeutung bezüglich meinungsbildender Deutungs- und Handlungsmuster in demokratischen Staaten zukommt. Moderne Wahlkämpfe sind Zeiten verschärfter Ausei nan der set zung von Parteien um die Zustimmung der Bevölkerung und politische Macht. Sie sind periodisch wiederkehrende Phasen erhöhter Politikvermittlung (von Seiten der Parteien) sowie der Politikwahrnehmung (von Seiten des Wählers)8. Jede Arbeit über Wahlkämpfe muss in Rechnung stellen, dass es sich um Ausnahmesituationen des politischen 15 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk Kampfes handelt, nicht zuletzt deshalb schon, weil die Machtstellung der Parteien zur Disposition steht. Der dadurch erhöhte Konkurrenzdruck fördert wie de rum die Emotionalisierung der politischen Aus ei nan derset zung und damit geradezu zwangsläufig das Auftreten von Irrationalismen9. Die Wahlforschung stellt einen „Kernbereich politischer Kultur demokratisch verfasster Systeme“10 dar. Abgesehen von der Motivationsforschung, die für die Geschichtswissenschaft uninteressant sei, da sie erst mit den Mitteln der modernen Demoskopie Sinn mache, geht Peter Steinbach von drei Typen der historischen Wahlforschung aus: der Wahlkampfbeschreibung und -analyse, der wahlstatistischen Untersuchung sowie dem sozial-ökologischen Ansatz. Hinsichtlich der Weimarer Zeit liege der Eigenwert von Wahlkampfbeschreibungen nicht zuletzt darin, dass der Historiker etwa bei Analysen des nationalsozialistischen Wählerpotenzials nach 1929 „viel weniger auf Vermutungen angewiesen wäre, wenn wir etwa den Wahlkampf nicht nur der NSDAP, sondern aller bürgerlichen und sozialistischen Parteien überblicken können“11. Unbestritten ist, „dass nur mithilfe der historischen Wahlforschung Fragen eines Zusammenhanges zwischen sozialem Wandel, gesellschaftlicher Demokratisierung und einer Formverwandlung der politischen Stile – von der Honoratiorenpolitik zur parteiengeprägten Fundamentalpolitisierung – anschaulich und vergleichsweise schlüssig beantwortet werden können“12. Daran anknüpfend, fordert der Wahlforscher Thomas Kühne die Untersuchung historischer Wahlkämpfe ausdrücklich in einem breiten politisch-kulturellen Kontext. So fasst Kühne unter den Begriff „Wahlkultur“ diejenigen Arbeiten zusammen, „die nicht so sehr nach dem ‚Warum‘ der Wahlentscheidungen (also ihren im weiteren Sinne soziologischen Motiven und Gründen) fragen, als vielmehr auf das ‚Wie‘ der Wahlkonflikte, auf die ihnen und ihrer Austragung zugrunde liegenden Konflikt- und Konfliktlösungsmuster abheben“13. Im Zen trum der Erforschung von Wahlkulturen stehe also „die Frage nach dem bewussten oder unbewussten Konflikt- und Konsensverhalten der konkurrierenden Kräfte, Parteien, Kandidaten. Hierher gehören auch die Muster, nach denen Wahlthemen besetzt, Feindbilder inhaltlich aufgebaut und Konflikte kultiviert oder ritualisiert werden“14. Jede Orientierung historischer Wahlforschung ist mit gleichartigen Problemen konfrontiert, die sich aus der Material- und Datenlage ergeben. Weil für die Zeit der Weimarer Re pu blik repräsentative Individual- 16 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik daten fehlen, warnt gerade die wahlsoziologische Forschung bei der Präsentation ihrer Ergebnisse vor so genannten ökologischen Fehlschlüssen, das heißt dem einfachen Schluss von der Gebiets- auf die individuelle Wählerebene15. Der Zusammenhang und die Verknüpfung von Mi kro- und Makroebene, das heißt der möglichst plausiblen Verbindung von Einzeldaten und gesamtgesellschaftlichen Aussagen, stellt allerdings ein zentra les Problem der historischen Wahlforschung sowie jeder politischen Kulturforschung dar16. Zu beachten ist der Einwand von Karl Rohe, den dieser in Bezug auf Peter Steinbachs dreibändige Geschichte über Wahlkämpfe der so genannten Reichsgründungsära 1867/71 bis 1881 formulierte, welche die „politischen Vorstellungen, Ziele und Kooperationsmöglichkeiten der verschiedenen politischen Bewegungen“17 untersuchen will. So interessant dieser Versuch sei, „über eine Auswertung von Wahlkampfargumentation und veröffentlichter Meinung Vorstellungsmuster und In te res sen einer breiten Wählerschaft und deren Wandel in der Zeit zu erschließen, so notwendig ist es freilich zu betonen, dass wesentliche lebensweltliche Determinanten des Wahlverhaltens über die Analyse öffentlicher Medien in aller Regel nicht fassbar sind“18. Dagegen zählen Lehnert und Megerle gerade zu den Konstitutionsbedingungen historisch-politischer Kultur, dass diese „in veröffentlichter Meinung nicht als Durchschnittswert regionaler Messdaten hervortritt, sondern bevorzugt über die gesellschaftlichen Metropolen definiert werden kann“19. Au- ßer den für den Ansatz der Wahlkampfbeschreibung aus nationaler Perspektive vorbildlichen Studien des britischen Nuffield-College will Steinbach die von dem amerikanischen Historiker Stein Rokkan aktualisierte Modernisierungstheorie in den Kontext der Wahlanalyse stellen, insofern Veränderungen der politischen Strukturen im Medium der Wahlkämpfe sichtbar würden20. Die Analyse von Wahlkampfinhalten aus nationaler Perspektive kann nur Sinn machen, wenn angenommen wird, dass trotz aller regionaler Differenzierung ein reichsweit gültiger, milieubedingter, sozialmoralischer Konsens zumindest innerhalb der jeweiligen politischen Teilkulturen existierte. Wäre dieser nicht vorhanden, würden sich die divergierenden Elemente voneinander lösen, wie es etwa im Falle des bayerischen Zen trums oder der Abspaltung der KPD von der Sozialdemokratie nach 1918 geschah. Soziokulturelle lokale Sonderfaktoren sowie Fragen der binnennationalen Mentalitäts- und Verhaltensunterschiede – etwa zwischen dem Südwesten Deutschlands, Großstädten wie Hamburg und 17 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk dem ostelbischen Gebiet – lassen sich in der vorliegenden Arbeit nur streifen. Sie richtet vielmehr sowohl hinsichtlich der Fragestellung als auch der zugrunde gelegten Quellen den Blick „von oben“ auf die Reichstagswahlkämpfe der Weimarer Re pu blik. So bedeutsam das Gewicht der regionalen Verhältnissen und so prägend soziostrukturelle Sonderfaktoren vor Ort auch gewesen sein mögen: Die hier gewählte Methode bietet den „Vorteil, die Relevanz einzelner Fragen erkennen und durch die übergreifende Perspektive Großtrends aufzeigen zu können“21. Grundsätzliche Aussage von regionalspezifischen Arbeiten über Wahlkämpfe und Wahlen der Weimarer Zeit – zumeist basierend auf einer Auswertung der lokalen Presse – ist zudem, dass sich die Reichstagswahlkämpfe in dem betreffenden Gebiet nur wenig von den Vorgängen in anderen Teilen Deutschlands unterschieden haben. Auch Elfi Bendikat und Detlef Lehnert stellen in Bezug auf den Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 bei der Kontrolle möglicher Regionaleffekte „keine erwähnenswerten Nuancierungen“ hinsichtlich der Propagandainhalte innerhalb der jeweiligen politischen Teilkulturen fest22. In den Wahlkampfrichtlinien der Weimarer Parteizen tra len finden sich freilich immer wieder Hinweise, wie die Propaganda unter Berücksichtigung der spezifischen regionalen und lokalen Verhältnissen zu gestalten sei. Immerhin legten die zen tra len Parteiaufrufe wesentliche inhaltliche Akzente fest und ließen sich auf das Reich bezogen „für die gesamte Wahlagitation bestimmte Richtlinien aufstellen, die bei der Agitation mit Rücksicht auf die inner- und außenpolitische Entwicklung nicht außer acht gelassen werden dürfen“23. Betrachtet man die regionale Differenzierung in Reichstagswahlkämpfen, so ist die Sonderstellung kaum zu übersehen, die Berlin innerhalb der politisch-kulturellen Landschaft der Weimarer Re pu blik einnahm. Die Propaganda und das Organisationsleben der Weimarer Parteien orientierten sich in starkem Maß an den Verhältnissen in der Reichshauptstadt, ein Umstand, der auch bei der inhaltlichen Analyse ihrer Wahlpropaganda stets mitgedacht werden muss. Gerade in Wahlzeiten stand der „Kampf um Berlin“ im Mittelpunkt des öffentlichen In te res ses, nicht zuletzt weil, so der Vorwärts, es auch in einer Demokratie nicht gleichgültig sei, „wie die Hauptstadt fühlt und denkt“. Ihr „politisches Fluidum“ wirke sich unmittelbar auf die hier ansässigen Reichsbehörden und Parlamente aus, so dass die Stellungnahme der hauptstädtischen Bevölkerung nicht selten indirekt die politischen Entscheidungen beeinflusse: „Wenn die große Wahl- 18 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schlacht [vom 4. Mai 1924] geschlagen ist, wird die erste Frage Deutschlands und des Auslandes lauten: ‚Wie hat Berlin gewählt?‘“24. Es ließe sich bei der hohen Kontinuität, die das deutsche Parteiensystem im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Re pu blik bewies, vermuten, dass auch die Wahlkämpfe keinem wesentlichen Stil- und Methodenwandel unterlagen25. Ein Leitmotiv der vorliegenden Arbeit bildet daher der Frage, ob und wie sich in den relativen Stabilisierungsjahren nach 1924 die Erscheinungsformen sowie der politische Stellenwert der Wahlkämpfe qualitativ veränderten haben. Während ihr Ausgang für die tatsächliche Politik mehr und mehr bedeutungslos wurde, gilt in Bezug auf die Spätphase der Weimarer Re pu blik das Wort von Hans Mommsen, dass Wahlkämpfe zu bloßen Anlässen herabsanken, „um den Privatarmeen von links und rechts Gelegenheit zu verschaffen, ihre potenzielle Macht unter Beweis zu stellen“26. Für die Wahlen des Jahres 1932 reklamiert Mommsen daher einen neuen Wahlkampfstil, bei dem „die programmatischen Aussagen der Parteien gegenüber plakativen und pauschalen Polemiken“ zurücktraten27. Hervorstechendster äußerer Unterschied zwischen heutigen Wahlkämpfen und denen der Weimarer Zeit ist vielleicht die Verlagerung des Geschehens von der Straße auf den häuslichen Fernsehbildschirm. Gerhard Paul spricht für die Zeit nach 1918 von einer „Funktionalisierung der Straße als öffentlichem politischem Kommunikationsraum“ vor allem durch die aufblühende Bildpropaganda: „Wahlkämpfe wurden zu Plakatschlachten, in denen eine nie zuvor und nie wieder in der deutschen Geschichte erreichte, äußerst differenzierte politische Bildersprache entstand, die politische Deutungen von Vergangenheit und Gegenwart, Zukunftsängste und Utopien, in publikumswirksame, partei spezifische ikonische Zeichen, Symbole und Parolen transformierte“28. Reichstagswahlkämpfe drängten das sonstige politische Leben der Weimarer Re pu blik völlig in den Hintergrund – bis hin zu einer „Art Stillstand der Staatsgeschäfte“29. In neuerer Zeit geraten Wahlkämpfe und ihre Inhalte, die bislang hauptsächlich im Rahmen der Parteiengeschichtsschreibung behandelt wurden, stärker ins Blickfeld der historischen Wahlforschung. In dem guten Forschungsstand der Parteiengeschichte des Deutschen Kaiserreichs sowie immer mehr auch der Weimarer Re pu blik ist jedoch ebenso wenig ein Ersatz für die Wahlkampfhistoriographie zu sehen wie in der regionalen Wahlhistorie30. Die von Peter Steinbach sowie einigen 19 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk amerikanischen Historikern belebte Forschung zur Wahlpolitik im Kaiserreich konzentriert sich auf die inhaltlichen Seiten der Reichstagswahlkämpfe, auf die Themen und Programme sowie auf die Feind- und Selbstbilder der Parteien. Zen tra le, übergeordnete Fragestellungen gelten der Fundamentalpolitisierung der Bevölkerung und der Nationalisierung der deutschen Politik. Die vergleichende Studie von Elfi Bendikat über nationale Wahlkämpfe in Deutschland, Frankreich und England am Ende des 19. Jahrhunderts richtet dagegen ihr Hauptaugenmerk auf die Politikstile der Parteien. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Wahlwerbung in den drei Ländern durch die wachsende Konkurrenz auf dem „politischen Massenmarkt“ strukturell ähnliche Agitationsstrategien annahm. Die deutschen Parteien zeichneten sich dabei im internationalen Vergleich „durch eine besonders ausgeprägte Bereitschaft zur sozialen und politischen Selbstbildpflege, durch eine besondere multifrontale Konfliktorientierung und Reduktionsneigung sowie durch den aggressiven Einsatz ideologischer Stereotypen“ aus31. Nimmt man zu den Arbeiten von Steinbach und Bendikat noch die ältere Monographie von George Dunlap Crothers, der bereits 1947 eine „study of chances in public sentiment with regard to certain ‚national‘ questions and policies“ vorlegte32, und die Arbeit von Jürgen Bertram über die Reichstagswahl von 1907 beziehungsweise 1912 sowie die Studie von Brett Fairbairn über die von 1898 und 1903 hinzu, lässt sich sagen, dass für das Kaiserreich die von Steinbach geforderten „nationalen Messlatten“ vorliegen, anhand derer mögliche Regionaleffekte in den Reichstagswahlkämpfen festgestellt werden können33. Für die Zeit der Weimarer Re pu blik – immerhin „einer der am besten erforschten Abschnitte der deutschen Geschichte“34 – existieren dagegen bislang keine vergleichbaren Forschungen. Die Reichstagswahlkämpfe nach 1918 werden in den allgemein- beziehungsweise parteiengeschichtlichen Darstellungen bislang nur beiläufig behandelt, hauptsächlich unter sich zum Teil überlappenden Gesichtspunkten wie dem der Brutalisierung von Politik oder der Frage nach politischer Gewalt sowie in Arbeiten zur Parteipropaganda. Abgesehen von Studien mit regionalem beziehungsweise lokalem Schwerpunkt – stellvertretend für die ältere Forschung sei die Dissertation von Günther Mick über Wahlen in der Stadt Trier zwischen 1918 und 1933 genannt −, kann sich eine Untersuchung der Reichstagswahlkämpfe von 1924 bis 1930 auf keine spezifischen und systematischen Vorarbeiten stützen, obwohl die Ge- 20 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schichte der Weimarer Re pu blik mitunter als eine Geschichte permanenter Wahlkämpfe und speziell ihre letzten Jahre als eine „endlose Kampagne“ beschrieben werden35. Zu Recht sprechen Elfi Bendikat und Detlef Lehnert von einer „Vernachlässigung der Weimarer Reichstagswahlen als politikhistorische Quelle der kollektiven Mentalitäten“. Dies sei „um so erstaunlicher, als im konkurrenzdemokratischen Werben um die Stimmen auf dem ‚politischen Massenmarkt‘ geradezu idealtypisch“ die Interdependenz der verschiedenen Ebenen eines Forschungsansatzes zur Politischen Kultur sichtbar werde36. Auch die nationalsozialistischen Wahlkämpfe wurden bislang trotz einiger Teilstudien noch nicht einer qualitativen Interpretation unter politisch-kulturellen Aspekten unterzogen. Auf der Basis von Aufsätzen, Denkschriften und Rundschreiben und Propagandamedien sowie vor allem der Plakate stellt Gerhard Paul immerhin die visuellen Deutungs- und Agitationsmuster dar, die das „Drehbuch der wichtigsten Wahlkämpfe der NSDAP“ von 1928 bis 1933 bestimmten37. Ein Manko der vorliegenden Arbeiten zu Parteien und Wahlen in der Weimarer Repu blik ist aber, dass sie entweder hinsichtlich der Zahl der untersuchten Parteien oder eben regional eingegrenzt sind. Schon nur ganz allgemeine Informationen über die Wahlkampfpropaganda etwa der liberalen und katholischen Parteien, geschweige denn der zahlreichen Weimarer Klein- und In te res senparteien, aus der Literatur erhalten zu wollen, erweist sich als langwierige Sucharbeit oder ist von vornherein aussichtslos. Eine neuere Darstellung zur Politik des Zen trums in den Jahren von 1924 bis 1930 schenkt allerdings der Wahlkampfpraxis der Partei ausdrücklich große Beachtung38. Abgesehen von zwei älteren amerikanischen Dissertationen über die Reichstagswahl von 1928 beziehungsweise 193039 ist die bislang einzige Spezialstudie, die einen Reichstagswahlkampf in der Weimarer Re pu blik aus nationaler Perspektive analysiert, der bereits zitierte Aufsatz von Elfi Bendikat und Detlef Lehnert, der 1990 im Rahmen des Berliner Forschungsprojektes zur politischen Kultur der Weimarer Re pu blik erschien. Im Unterschied zur regionalspezifisch oder lokalhistorisch orientierten Wahl- und Parteienforschung untersuchen sie den Reichstagswahlkampf vor dem 4. Mai 1924 explizit hinsichtlich politisch-kultureller Fragestellungen. Nach einer einführenden Skizze der politischen Rahmenbedingungen 1923/24 behandelt ihre Studie die „zen tra len Themenfeldern des Selbstverständnisses und der Aus ei nan der set zungen von parteipoliti- 21 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk schen Teilkulturen“, wobei tagespolitische Einzelaspekte gegenüber den „grundsätzlichen Wertorientierungen, Leit- und Feindbildern“ der Parteien in den Hintergrund gerückt werden. Besondere Abschnitte gelten den zen tra len Wahlaufrufen, den außen- und innenpolitischen Grundsatzkonflikten, dem Einsatz von politischen Stereotypen und Feindbildern – das „ideologische und soziale Profil der Parteiargumentation“ −, während am Schluss des mit Wahlplakaten, politischen Karikaturen und Zeitungsausschnitten illustrierten Aufsatzes der sich bereits im Frühjahr 1924 ankündigende „Weg zum ‚negativen Konsens‘ der antire pu bli kanischen Sammlung“ beschrieben wird40. Abseits solcher theoriebewegter Forschung zur historisch-politischen Kultur wurden jüngst zwei Bonner Dissertationen veröffentlicht, welche ebenfalls die Wahlkampfpropaganda der Weimarer Parteien zum Gegenstand haben. Florian Stadel geht quellenmäßig ähnliche Wege wie Bendikat und Lehnert, indem er die Reichstagswahlen von 1930 und 1932 sowie die Wahl zum preußischen Landtag 1932 im Spiegel der richtungspolitischen überregionalen Tageszeitungen beschreibt. Allerdings will er die „Eigenheiten der einzelnen Blätter, ihre jeweilige Argumentationsführung […] in ihrer ganzen Subjektivität“ mehr oder weniger unkommentiert stehen lassen41. Peter Staatz wie de rum sieht seine Hauptaufgabe darin, „darzulegen, wie die Parteien [des Kreises Düren bei Köln] selbst sich dem Wähler präsentierten, mit welcher Propaganda die Parteien an die Wähler herantraten“42. Jedes Kapitel der von ihm untersuchten Reichs- und Landtagswahlen von 1918 bis 1933 schildert sowohl den Wahlkampfablauf, die regionalspezifischen Parolen jeder Parteien sowie ihre jeweiligen Hauptgegner und Zielgruppen. In der vorliegenden Arbeit werden die Reichstagswahlkämpfe in der Weimarer Re pu blik während der Phase der relativen Stabilisierung von 1924 bis 1930 dargestellt und hinsichtlich der oben angesprochenen Fragestellungen analysiert. Weder kann eine quantifizierende Wahler gebnis a nalyse noch eine Wirkungsanalyse der Propagandamedien, noch ein Beitrag zur Erklärung des Wählerverhaltens geleistet werden. Im Anschluss an die Wahlkampfhistoriographie gilt das Hauptaugenmerk vielmehr der Frage, ob sich in den untersuchten Reichstagswahlkämpfen politische Deutungs- und Handlungsmuster über die Grenzen der wichtigsten Parteien beziehungsweise Teilkulturen hinweg als durchschlagend erweisen konnten. 22 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Zwischen 1924 und 1930 akkumulierte sich das politische Widerspruchspotenzial, an dem die Weimarer Re pu blik Anfang der 1930er- Jahren scheiterte. Mit Michael Stürmer lässt sich behaupten, dass die Mittelphase für historisch-politische Untersuchungen dadurch an Bedeutung gewinnt, dass hier bei Abwesenheit gravierender äußerer Druck- oder Störfaktoren die Eigengesetzlichkeit der politischen Gestalt der Re pu blik – ebenso wie auf kulturellem Gebiet – stärker hervortrat als in der vergleichsweise besser erforschten Anfangs- oder Endphase43. Zu Recht betont die Weimar-Forschung heute allerdings die Scheinstabilität während der „goldenen 20er-Jahre“. Was die Jahre zwischen 1924 und 1930 hervorhebt, war ein Rückgang der akuten Bedrohung im Innern, etwa durch extremistische Umsturzversuche, und von außen, etwa durch Sanktionsmaßnahmen der Alliierten. Nicht zuletzt aber die Wirtschaft war während des Jahrfünfts nach dem Krisenjahr 1923, das die extreme Zuspitzung von durchgängigen Weimarer Problemlagen gebracht hatte, alles andere als stabil: „Ein Blick auf die Innenpolitik der Jahre 1924 bis 1930 zeigt ein höchst uneinheitliches Bild von Stabilisierungsbemühungen und Obstruktion, von Ansätzen re pu bli ka nischer Legitimität und von Verächtlichungmachung der neuen Ordnung um jeden Preis, von der Suche nach Mechanismen politischer Entscheidungsfindung zwischen Verfassungskonstruktion, Wählerwillen und manipulativer Öffnung des Weges in einen anderen Staat“44. Die Darstellung und Analyse der Propaganda sowie der Programme der politischen Parteien für die Wahlen zum Deutschen Reichstag am 4. Mai 1924, am 7. Dezember 1924, am 20. Mai 1928 und am 14. September 1930 geschieht in erster Linie auf der Grundlage archivalischer Quellen sowie zweitens der überregionalen Tages- und Parteipresse. Da aus der Weimarer Zeit weder Meinungsumfragen noch demoskopische Datensätze vorliegen, ist die historische Wahlkampfforschung wesentlich auf solche publizistischen Quellen angewiesen, die „von im weitesten Sinne Deutungsexperten – Journalisten, Politikern, Schriftstellern – produziert wurden, weswegen von den Eigenschaften des analysierten Materials nicht umstandslos auf die politischen Vorstellungen des Publi kums geschlossen werden kann“45. Die vorliegende Arbeit besteht aus zwei gleichberechtigten Hauptteilen, in denen verkürzt gesagt einmal die technische und zweitens die inhaltliche Seite der Reichstagswahlkämpfe beleuchtet wird. Quellenbasis für den zweiten Teil bildet das oft als „Graue Literatur“ der politischen 23 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk Werbung bezeichnete propagandistische Schriftgut, im wesentlichen knapp 1 600 thematisch verschiedene Wahlflugblätter der Weimarer Parteien. Bei diesen handelt es sich keineswegs um die Zahl aller damals produzierten „fliegenden Blätter“, sondern nur um die heute in den gro- ßen staatlichen Archiven Deutschlands überlieferten Stücke. Da der Grad der Repräsentativität von Wahlflugblättern der Weimarer Parteien nicht mehr festzustellen ist, musste versucht werden, die Validität der Aussagen durch die Breite der Materialbasis zu sichern. Zurückgegriffen wurde im Wesentlichen auf die umfangreichen Bestände des Bundesarchivs in Koblenz und Potsdam, der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart sowie der Parteiarchive, vor allem dem Bonner Archiv der sozialen Demokratie und dem Archiv für Christlich-Demokratische Politik in Sankt Augustin46. Zu beachten ist, dass ein großer Teil der Flugblätter anlässlich von Reichstagswahlen auf regionaler und lokaler Parteiebene hergestellt und auch redaktionell verantwortet wurde. In den Archiven finden sich die Wahlflugblätter meist bunt durcheinander gewürfelt und weder nach Ort, Datum oder Parteiinstanz beziehungsweise -bezirk geordnet. Es blieben aber nur solche Flugblätter in der vorliegenden Arbeit unberücksichtigt, die einen deutlich erkennbaren Bezug auf ausschließlich örtlich interessante Sachverhalte aufwiesen. Bei ihnen bildete die Reichstagswahl oft nur den äußeren Aufhänger zur Vermittlung lokalspezifischer Themen. Bezüglich der zweiten Hauptquellengruppe, der überregionalen Tages- und Parteipresse, ist anzumerken, dass der Presseberichterstattung als historische Quelle lange Zeit in der Historikerzunft skeptisch begegnet wurde. Doch waren die Tageszeitungen innerhalb der Weimarer Publizistik nicht nur die „führenden politischen Nachrichten-Übermittler“47, sondern auch ein in heute kaum mehr vorstellbarem Ausmaß genutztes Forum direkter parteipolitischer Propaganda. Gerade für die historische Wahlkampfforschung bilden sie daher eine wichtige Quellengruppe. Die Tagespresse kann geradezu als das Medium gelten, durch das „die ‚Meinungen in der Öffentlichkeit‘ zur ‚öffentlichen Meinung‘“ wurden, „zumindest in Formierungsbereichen nationaler politischer Kultur“48. Die Untersuchung der organisatorischen Seite von Wahlkämpfen leidet wie die Weimarer Parteiengeschichte generell unter dem Verlust unmittelbarer Parteiakten auf allen Ebenen49. Anhand der wenigen überlieferten Rundschreiben der Parteiführungen sowie vor allem der Berichterstattung in der überregionalen Tages- und Richtungspresse wird 24 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik zunächst schwerpunktmäßig für jede Wahl neben den wichtigsten Daten auch die allgemeine Wahlkampfatmosphäre unter spezieller Berücksichtigung des Faktors der politischen Gewalt rekonstruiert. Dann wird dem Verhältnis der einzelnen Weimarer Parteien zur Institution Wahlkampf nachgegangen und werden Beispiele ihrer konkreten Wahl kampfor ga nisation gegeben. Dabei stehen Fragen der Finanzierung, des unterschiedlichen Wahlkampfstils und der Wahlkampfplanung der Parteien im Vordergrund. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem Spek trum und der praktischen Bedeutung von einzelnen Propagandamitteln und -methoden der Parteien. Die Abschnitte des zweiten Hauptteils sind nach einem einheitlichen Schema aufgebaut, wonach zunächst die Vorgeschichte der Wahl unter spezieller Berücksichtigung etwaiger Tendenzen bei den vorangegangenen Landtags- und Regionalwahlen skizziert wird. Dann folgt jeweils die inhaltsanalytische Darstellung der Wahlprogramme der Parteien im Spiegel ihrer Flugblattpropaganda. Die Reihenfolge richtet sich nach der Stimmenstärke bei der letzten Wahl, sodass die SPD stets zuerst behandelt wird, gefolgt von der DNVP, der zwischen 1924 und 1930 zweitstärksten Weimarer Partei. Jeder Abschnitt zu einer Partei ist thematisch untergliedert nach den Aspekten ihrer allgemeinen Wahlziele – unter besonderer Berücksichtigung koalitionspolitischer Bündnisoptionen – und Hauptthemen, der Aus ei nan der set zung mit dem politischen Gegner, der wichtigsten Selbst- und Feindbildern sowie schließlich den Hauptadressaten in der Wählerschaft beziehungsweise der Zielgruppenwerbung. Zum Schluss folgt jeweils eine knappe Darstellung des Wahlergebnisses, der wichtigsten Wählerbewegungen und Reaktionen auf die Wahl sowie eine Bewertung des Wahlkampfes. Als Wahlprogramm wird das gesamte ideologische und soziale Profil der Parteiargumentation bezeichnet, für die wie de rum der Einsatz von politischen Stereotypen und Topoi charakteristisch ist. Gegenüber dem offiziellen Parteitagsprogramm, das den Kompromiss eines längeren Willensbildungs- und Entscheidungsprozesses zwischen den Parteiflügeln darstellt und längerfristige, stärker dogmatische Ziele präsentiert, geben Wahlprogramme unmittelbarer und punktueller die Einstellungen und Strategien der Parteien wieder und sind aufgrund ihres Werbecharakters mit größerer Rücksicht auf Stimmungen in der Bevölkerung formuliert. Wie die längerfristig angelegten Parteiprogramme dienen Wahlprogramme aber auch dem innerparteilichen Frieden. Sie können anderswo fest geschriebene Ziele konkretisieren sowie taktisch oder zeit- 25 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk lich begrenzte Wendungen im Parteiverhalten dokumentieren. Obwohl die opportunistischen Versprechungen der Parteien ihren Programmen oft den Charakter von Warenhauskatalogen geben, sind Wechselwirkungen zwischen ihnen und den Werthaltungen und Deutungsmustern in der Bevölkerung eklatant. Bestes Beispiel hierfür ist das Erfurter Programm der SPD von 1891, das nicht nur das „Denken zumindest zweier Generationen von Sozialdemokraten nachhaltig geprägt und die Identität der Partei über eine lange Dauer“ geformt, sondern auch „die Ängste und Ressentiments großer Teile der neuen Mittelschichten, des alten Mittelstandes und der Bauern gesteigert und verfestigt“ hat50. Wahlprogramme ergaben sich aus der Summe verstreuter Stellungnahmen der Parteien während der Wahlzeit, vor allem aber aus den Aufrufen der Berliner Parteiführungen und den sonstigen publizistischen Kundgebungen sowie den Versammlungsreden. Letztere sind allerdings nur im Ausnahmefall gedruckt worden und bleiben deshalb in der vorliegenden Arbeit unberücksichtigt. Während Quellengruppen wie etwa die Polizeiberichte von Versammlungen der Parteien aufgrund ihrer vom Thema wegführenden Entstehungsintention nicht herangezogen wurden, können auch die ausgewerteten Wahlkampfmaterialien der Parteien ebenso wie etwa Parlamentsdebatten oder biographische Zeugnisse keinen Anspruch auf Repräsentativität im Sinne von Umfragen erheben. Die Tagebücher oder Erinnerungen von Weimarer Parteipolitikern eignen sich allenfalls, um den Wahlkampf als öffentliches Spektakel zu begreifen. Wenig informativ ist etwa das Tagebuch von Joseph Goebbels, der meist nur selbstmitleidig über die persönlichen Strapazen der Wahlkämpfe reflektiert. Die Parteigeschichte von Werner Stephan, der als Generalsekretär der DDP bis 1929 an führender Position das Wahlkampfmanagement seiner Partei gestaltete, stellt allerdings eine für die vorliegende Arbeit interessante Ausnahme dar, insofern sie detailliert die parteiinterne Willensbildung sowie Kandidatenkämpfe vor den Wahlen zu schildern weiß. Prägnante Stimmungsbilder lassen sich nicht zuletzt der umfangreichen zeitgeschichtlichen Literatur entnehmen, deren herausragende Vertreter wie Oskar Maria Graf oder Alfred Döblin immer wieder auf das Thema Wahlkampf zu sprechen kommen. Aus der Weimarer Presselandschaft hat sich ein Kanon von überregionalen Tageszeitungen herauskristallisiert, der als repräsentativ für die wichtigsten politischen Teilkulturen gelten kann. Im Zeitraum von ungefähr drei Monaten vor jeder Reichstagswahl wurden daher für die 26 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik DDP die ihr nahe stehenden und in Berlin erscheinenden, aber überregional beachteten Zeitungen Berliner Tageblatt und Vossische Zeitung ausgewertet, die mit Auflagen von bis zu 300 000 beziehungsweise 80 000 Stück eine zen tra le Stellung im liberalen Pressespektrum der 1920er-Jahre einnahmen. Beide erschienen zweimal täglich, sonntags und montags jedoch nur einmal, von der Vossischen gab es ab Dezember 1924 zudem eine tägliche Reichsausgabe51. Die Frankfurter Zeitung bildete mit etwa 150 000 Kopien das „traditionelle Organ der außerpreußischen Demokraten“, das statt der ursprünglich drei täglichen Ausgaben ab August 1930 infolge von Sparmaßnahmen des Verlages nur noch mit einer Reichsaus gabe in einer Auflage von 80 000 Stück erschien52. Als offiziöses Sprachrohr der in Berlin sitzenden Parteiführung und vor allem der Reichstagsfraktion des Zen trums konnte die Tageszeitung Germania gelten. Da sie großen Einfluss auf die reichspolitische Linie der katholischen Partei ausübte53, wurde sie deren anderen Organen hier vorgezogen, auch wenn das Zen trum seine Hauptstützpunkte eher im Westen des Reiches sowie vor allem im Rheinland besaß. Die Deutsche Allgemeine Zeitung wurde ausgewertet, um das in den maßgeblichen In dus trie- und Wirtschaftskreisen lange Zeit tonangebende Segment der politischen Kultur der Weimarer Re pu blik einzubeziehen. Als Nachfolgerin der halboffiziellen Norddeutschen Allgemeinen Zeitung des Kaiserreiches nahm sie meist den Standpunkt des rechten schwerindustriellen Flügels der DVP ein, der grundsätzlich mehr zur DNVP als zur bürgerlichen Mitte tendierte. Vor Wahlen enthielt sich das Blatt, das 1927 durch Vermittlung von Stresemann in den Besitz eines Konsortiums von Ruhrindustriellen und Berliner Großbanken überging, weit gehend der direkten parteipolitischen Agitation, rief aber stets unmissverständlich gegen die „rote Gefahr“ auf54. Um die offizielle Politik der DVP abzubilden, wurde zusätzlich das Parteiorgan Nationalliberale Correspondenz herangezogen. Die antire pu bli ka nische, aber gouvernemental gesinnte Rechte der Weimarer Re pu blik besaß ihre publizistische Plattform in der Neuen Preußischen (Kreuz-) Zeitung, die bis zu den Parteispaltungen 1929/30 linientreues Sprachrohr der DNVP war, danach aber auf Distanz zur neuen Hugenberg-Führung ging. Der Völkische Beobachter, seit 1920 das Organ der Münchener Reichsleitung der NSDAP, konnte sich von einer minimalen Auflage um 2 500 im Jahr 1923 auf gut 128 000 Exemplare im Jahr 1931 steigern. Als bedeutendstes „politisches Führungsmittel“ der Hitlerpartei, von dem seit 1927 eine zusätzliche Reichsausgabe erschien, 27 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk musste ihn jeder Parteifunktionär abonnieren55. Neben Leitartikeln, welche die politische Linie der KPD erläuterten, enthielt deren in Berlin erscheinendes Zentralorgan Rote Fahne auch eine Vielzahl von Berichten über Massenaktionen der Partei, vor allem aus Berlin, ihrer mit Abstand wichtigsten Hochburg. Obwohl die Auflage der Roten Fahne bis 1932 auf 130 000 Exemplare stieg, besaß sie wie die gesamte Presse der KPD nur eine schwache Außenresonanz, sondern in erster Linie ein milieuspezifisches Publikum56. Als Mitgliederblatt und bedeutendste Tageszeitung der SPD wurde schließlich deren Berliner Zentralorgan Vorwärts ausgewertet57. Während über historisch genetisch verwandte Medien wie den öffentlichen „Maueranschlägen“ beziehungsweise Plakaten, die sich als eigenständige Gattung von Bild-Text-Quellen erst im 19. Jahrhundert herausbildeten58, eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten und Editionen vorliegt, führen Flugblätter in der Geschichtsschreibung immer noch ein Schattendasein. Obwohl ihre Bedeutung als publizistisches Massenkommunikationsmittel in den Epochen vor dem Internet- und Fernsehzeitalter kaum unterschätzt werden kann59, hat sich dies bislang noch in keiner systematischen Untersuchung über diese Quellengruppe niedergeschlagen. Lediglich das „illustrierte Flugblatt“ der Reformations- und Barockzeit, sowie die spezielle Gruppe der Kriegsflugblätter erfreuen sich größeren In te res ses. Dem Weimarer Zeitgenossen galten die Flugblätter hingegen als wichtigste Träger des „Werbefeldzuges“, den die Parteien zur Wahl der Nationalversammlung 1919 organisierten: „Die Zeiten hochgespannter Erregung sind stets ein günstiger Boden für diese Art der Ideenverbreitung gewesen. Die Menschen sind lesehungriger denn je. Sie wittern Sensation, hinter jedem Zettelverteiler. Aber die Technik des Flugblatts will auch erlernt sein“60. In den millionenfach aufgelegten Flugblättern, der nach 1918 wichtigsten Kleinform argumentativer politischer Werbung, und sonstigem Propagandaschriftgut wurde das eigentliche Programm der Parteien anlässlich von Wahlen sichtbar61. Mit Frank Kämpfer kann daher zu Recht behauptet werden, dass die Wahlkämpfe der Weimarer Re pu blik erst mithilfe der unzähligen Flugblätter und Plakate als das darstellbar werden, „was sie wirklich gewesen sind, als leidenschaftliches Ringen um den richtigen Weg aus der Krise“62. Grundsätzlich können Flugblatt und Flugschrift63 als synonyme Bezeichnungen für eine Gruppe von Bild-Text-Quellen aufgefasst werden, die sich in erster Linie durch publikationstechnische, intentionalistische 28 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik und sprachstilistische Eigentümlichkeiten von anderen publizistischen Medien unterscheiden. Stets zu bedenken ist die Formenvielfalt des Flugblatts, die vom einfachen losen Blatt bis hin zur mehrseitigen Blätterfolge, vom bloßen Ankündigungszettel bis hin zum ausformulierten Programm reichen konnte. Der äußeren Form nach handelt es sich um ein- oder beidseitig bedruckte Papierblätter, die ein- oder mehrfach gefaltet, mitunter geheftet und sowohl schriftliche als auch bildliche Elemente beinhaltend, gedruckt, gestempelt, hektographiert oder handgeschrieben sein sowie in hoher Auflage oder in wenigen Exemplaren erscheinen können. Eine wichtige gattungstypische Eigenschaft der modernen politischen Flugblätter hängt mit ihrer vergleichsweise einfachen, schnellen und billigen Herstellungsweise zusammen, durch die sie sich in besonderen Maße als Kommunikationsmittel in Zeiten der gesellschaftlichen Krise oder in Phasen verschärfter politischer Aus ei nan derset zung wie eben vor Wahlen empfehlen. Neben den publikationstechnischen Merkmalen lassen sich Flugblätter aber auch durch innere Gestaltungsprinzipien und Formelemente von anderen publizistischen Schriftquellen abgrenzen. Die zumindest teilweise immer vorhandenen Komponenten des Flugblattes sind der Text, der die wichtigsten Aussagen enthält, die Adresse oder Parole, die den Empfänger oder die Zielgruppe nennt und meistens appellativen Schlagzeilencharakter besitzt, aber auch in Frageform auftreten, fett gedruckt sowohl visueller Blickfang als auch das Konzentrat der Aussage sein kann, sowie der mitunter verdeckte Sender beziehungsweise Verfasser. Bilder, Zeichnungen und Symbole gehören in ihren vielfältigen stilistischen Erscheinungsformen der Grafik, Malerei und Fotografie neben den Farben zu den wichtigsten Mitteln der Flugblattgestaltung, die das In te res se des Adres sa ten zu wecken und fesseln vermögen. Gerade für die organisierte Arbeiterbewegung mussten Flugblätter als „erste Form der sozialdemokratischen Literatur“, so ein Ausspruch Lenins, klar umrissenen Anforderungen genügen: Prägnanz im Ausdruck, sprachliche Ökonomie und Volkstümlichkeit, Leserlichkeit und Verständlichkeit bildeten elementare Voraussetzungen für ihre Wirkung64. Wenn auch berühmte Flugschriften wie das „Manifest der Kommunistischen Partei“ oder die von Rosa Luxemburg verfassten „Junius-Briefe“ ihrer Intention nach auch für die Nachwelt geschrieben wurden, sind politische Flugblätter zumal in ihrer massenhaften Verbreitungsform kaum anders als schriftliche Überreste zu klassifizieren65. Ihre Überlie- 29 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk ferung vollzieht sich bis in die Gegenwart hinein meist zufällig und verstreut auf zahlreiche staatliche oder private Sammlungen. Von der „Zettelflut“ vergangener Wahlkämpfe ist heute nur noch ein Bruchteil erhal ten. Doch hat die unsystematische Überlieferungslage wenig Einfluss auf den Wert des politischen Flugblattes als Quelle für den Historiker. Er ist vor allem wie angesprochen in der Regulativfunktion dieses publizistischen Mittels zu sehen, in dem sich neben etablierten und ständigen Medieneinrichtungen der „öffentlichen Meinung“ im weitesten Sinne des Wortes eine Art gesellschaftlicher Gegenöffentlichkeit artikulieren kann66. Da es die vorliegende Arbeit in starkem Maße mit sprachlich-argumentativen Stereotypen von politischen Flugblättern zu tun hat, erscheint es sinnvoll, das eng damit verbundene Phänomen „Propaganda“ begrifflich einzugrenzen67. Ausgehend von der kommunikationstheoretischen Standardsituation mit Sender, Medium und Empfänger erscheint Propaganda als der Versuch, die Deutungs- und Handlungsmuster eines Empfängers durch die des Senders mithilfe verschiedener Medien zu beeinflussen, zu ändern oder im Extremfall sogar zu ersetzen. Im Anschluss an die moderne Theorie der politischen Sprache kann Propaganda als Manipulation mit dem Ziel der Beherrschung der öffentlichen Meinung und der Erringung von politischer Macht beschrieben werden. Darüber hinaus bezeichnet der Begriff in der vorliegenden Arbeit das Repertoire an Werbemitteln und -methoden, das in der politischen Parteienwerbung zur Verbreitung von Ideen und Programmen sowie zur Mobilisierung von Anhängern beziehungsweise Wählern eingesetzt wird. Empirisch nachprüfbare und allgemeingültige Aussagen über die Wirkung von Propagandamedien sind allerdings selbst bei dem heutigen Stand der Massenkommunikations- und Meinungsforschung nur sehr beschränkt möglich. Alles in allem darf es in Bezug auf die Wirkung von politischer Propaganda als sicher gelten, dass ihre Rezeption in entscheidendem Maße von den äußeren sozialen Rahmenbedingungen und politischen Stimmungen im Wahlvolk abhängig ist. Psychologische, politische und wirtschaftliche Spannungen werden zweifelsohne die Bereitschaft der Konsumenten erhöhen, einem propagandistischen Appell – welcher Art auch immer – In te res se zu schenken. Bei Wahlflugblättern muss wie bei allen zeitgeschichtlichen Propagandaquellen zudem das Bestreben des Produzenten in Rechnung gestellt werden, eine Identität des Adres sa ten mit seinen Zielen dadurch herzustellen, dass er sich des- 30 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sen Vorstellungen und In te res sen opportunistisch und zum Teil gar auf Kosten eigener Positionen anpasst68. Frank Kämpfer bezeichnet die „Scheininformation“, die gezielt manipulative Falschunterrichtung oder Tarnung, als methodisches Hauptproblem aller politischen Propagandaforschung69. Wie bei jedem parteipolitischen Agitationsmittel sind die Aussagen der durch die politische Sprache kompliziert verschlüsselten Flugblätter also eingedenk des für zeitgeschichtliche Quellen typischen Vorbehaltes ihrer ideologischen Bestimmtheit zu lesen. Eine exakte ideologiekritische Relativierung der Quellenaussagen kann die vorliegende Arbeit jedoch schon aus Platzgründen nicht leisten. Noch aussichtsloser wäre es gewesen, alle Irrtümer, Fehlbewertungen oder Lügen richtig stellen zu wollen, da sich dies Unterfangen am Wesen der Propaganda und ihrer suggestiven Verzerrung der Wirklichkeit schnell totgelaufen hätte. Jede politische Propaganda lebt von der Methode der qualitativen Reduktion, der extremen Realitätsverdichtung und Simplifizierung, die etwa Begriffe wie „Kapitalismus“, Worthülsen wie „Verrat“ oder Slogans wie „Arbeit und Brot“ kennzeichnet70. Die Analyse von Wahlflugblättern dürfte nicht zuletzt auch dadurch besonders wertvoll für den Historiker sein, dass sich hier im Konkurrenzkampf um Wählerstimmen die spezifischen Werbestrategien der Parteien gegenüber den einzelnen Bevölkerungsgruppen direkter als in anderen publizistischen Quellen offenbaren. Während die soziale und berufliche Schichtung der Wählerschaft der Weimarer Parteien aus Mangel an Datenmaterial weitgehend im Dunkeln bleiben muss71, erlaubt die Analyse der Flugblattpropaganda vor Reichstagswahlen nicht zuletzt Rückschlüsse da rauf, in welchem sozialen Raum sich die Parteien selbst sahen oder bei welchen Wählergruppen sie sich die größten Chancen erhofften. Ein grundsätzliches Problem bei der Analyse solcher „Ziel gruppen“-Werbung ist allerdings, dass die Parteien Wähler, deren Stimmen sie sich sicher glaubten, in der Regel oft gar nicht mehr oder nur eingeschränkt ansprachen. Die in einer verstärkten Werbung um Stammklientel sichtbare Verunsicherung kann andererseits bedeuten, dass sich die Partei aus dem offenen gesellschaftlichen Diskurs und Wettbewerb um Stimmenpotenziale zurückzieht und sich – wie etwa das Weimarer Zen trum nach 1928 – in ihrem angestammten sozialmoralischen Milieu „einigelt“. 31 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk Eine gleich den Adres sa tengruppen wichtige Untersuchungsebene bei der Analyse von Wahlpropaganda betrifft die Frage nach den Selbst- und Feindbildern, wobei hauptsächlich ihre Funktionsweise im politischen Kampf, nicht ihre Entstehung in te res siert. In einem 1992 erschienenen Sammelband über Feindbilder in der Geschichte werden darunter bewusst weitgefasst „alle Informationen und Darstellungsformen [verstanden], die in dem zeitgenössischen Schrifttum eingesetzt werden, um den Gegner als einen Feind zu kennzeichnen“. Feindbilder können Aufschluss geben über „konstitutive Elemente des politischen Denkens, die den Publizisten selbst, aber auch dem von diesen angesprochenen Adres sa tenkreis eigen waren“72. Das Maß des Einsatzes von Feindbildern, die eine nicht unerhebliche Integrationskraft nach innen entwickeln, kann den Grad der Identitätssicherheit der politischen Parteien beziehungsweise Teilkulturen signalisieren. Elfi Bendikat definiert Feindbilder als „extreme Reduktionen der Wirklichkeit“, die auf dem „Prinzip des antithetischen Kontrasts zum positiven Eigenbild“ basieren. Bestehende politische Unterschiede werden dabei mittels der antagonistischen Trennformel von Gut und Böse zu fundamentalen Gegensätzen gesteigert. Jedes historisch relevantes Feindbildstereotyp zieht seine Wirkung aus der scheinbaren, allerdings verzerrten sowie milieu- und schichtenspezifischen Übereinstimmung mit realen Phänomenen und kann auf tief in der Mentalität der Bevölkerung verankerten Antipathien und Weltbildern beruhen. Parallel zu der Zunahme des politischen Partizipation der deutschen Bevölkerung seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wuchsen den Feindbildern neue Wirkungsfelder zu, insofern mit ihnen nun „erfolgreich Politik gemacht und Wahlen entschieden“ werden konnten73. 33 Kapitel 2 Politische Kultur, Parteien und Wahlkämpfe im Deutschen Kaiserreich von 1871 bis 1914 Wahlkämpfe werden in erster Linie von politischen Parteien bestritten, die um politische Macht beziehungsweise um Mandate zur Durchsetzung ihrer Partikularziele ringen. In Deutschland bildeten sich solche institutionell verankerten In te res senvertretungen parallel mit dem Kampf um ein nationales Parlament heraus, was der Frankfurter Paulskirchenbewegung von 1848 entscheidende Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Parteiensystems gibt. Im Parlamentarismus nach 1867/71 darf das Vorhandensein eines relativ fortschrittlichen Wahlrechts und der sich allmählich über das Reichsgebiet ausdehnenden Parteien – unter Beibehaltung ihrer regionalen Schwerpunkte und Hochburgen – nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihnen das politische System nicht gestattete, ihre eigentliche Funktion wahrzunehmen und zu einer „Durchpolitisierung privater In te res senbestrebungen und damit zu einer Mitverantwortung für die Gesamtheit“ vorzudringen74. Die politische Kultur des frühen Bismarckreiches war noch wesentlich geprägt von den Traditionsüberhängen der deutschen Einzelstaaten. Nur langsam bildete sich nach 1867/71 aus „der Vielzahl regionalspezifischer, konfessioneller, sozialer und politisch-parteigefärbter Stimmungen und Strömungen eine neue Grundorientierung“ heraus. Schon während der Reichsgründungs- ära begannen die Parteien allerdings als „Elemente der realen Verfassung“ die autokratische Struktur des Kaiserreichs zumindest stellenweise zu durchlöchern75. Länger und in stärkerem Maße als in anderen Ländern blieben die deutschen Parteien das, was sie der Herkunft und dem Selbstverständnis her waren, „Ideen- und Weltanschauungsparteien“, weshalb es in den Reichstagswahlkämpfen immer auch um „politi- 34 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sche Glaubensbekenntnisse“ ging. Die dahinter wirkenden Tendenzen zum Absolutheitsanspruch und zur Verneinung eines Parteienpluralismus ließen Aus ei nan der set zungen über Programme außerordentlich brisant und Kompromisse schwierig, ja ehrenrührig erscheinen. Hinzu kam, „dass die Parteien ihre Basis in ganz bestimmten sozialkulturellen, sozialmoralischen Milieus fanden – dem katholischen, dem proletarischen, dem agrar-protestantisch-ostelbischen, dem (protestantisch)-städtischbürgerlichen“76. Mit der Entstehung einer politischen Partei der Arbeiterbewegung etablierte sich Mitte der 1870er-Jahre das Fünf-Parteien-System, das trotz gewisser Auflösungserscheinungen bis 1930 in seinen Grundzügen bestehen blieb. Neben der Sozialdemokratie sind vier weitere politische Richtungen zu unterscheiden: die Nationalliberalen, die Linksliberalen, die Konservativen und das Zen trum. Eine der Sozialdemokratie vergleichbare Subkultur, die ihre Angehörigen integrierte, aber gleichzeitig von Staat und Politik isolierte, stellte nur noch das katholische Milieu dar, das im Zen trum, dem zweiten „Reichsfeind“ der Bismarckära, seine politische Heimat fand77. Abgesehen von der SPD blieben die deutschen Parteien im Grunde bis 1914 ohne feste Organisationsstrukturen, sondern existierten lediglich als Parlamentsfraktionen und waren ansonsten auf lokaler Ebene Vereinigungen von Honoratioren gleicher Weltanschauung. Der dürftigen organisatorischen Gliederung entsprach das sich nur in Wahlzeiten stärker entfaltende Parteileben. Auch die Wahlkomitees der Liberalen waren nur „ein lockerer, informeller und exklusiver Zusammenschluss von einigen wenigen begüterten und einflussreichen örtlichen Notablen, die im Persönlichen die Verbindung zwischen Wählern und Gewählten suchen“78. Schon vor 1914 mussten sich jedoch die bürgerlichen Parteien der Herausforderung durch das Modell der Sozialdemokratie als einer durchorganisierten Mitgliederpartei stellen. Die wichtigsten Verschiebungen im Parteiensystem des Kaiserreichs wurden durch deren Aufstieg zur Massenbewegung vor allem der In dus triearbeiterschaft ausgelöst. In erster Linie auf Kosten der liberalen Parteien steigerte sich die Sozialdemokratie von 3,2 Prozent in der ersten Reichstagswahl von 1871 zur mit 34,8 Prozent stärksten Partei Deutschlands im Jahr 1912, während die Wahlbeteiligung im gleichen Zeitraum von 51 auf fast 85 Prozent kletterte und auffälligstes Indiz für die Politisierung der deutschen Gesellschaft war. Bei der unmittelbaren, „relativ freien“79 und geheimen Wahl aller Männer über 25 Jahre an Werk- 35 polItIsche kultur, parteIen und Wahlkämpfe Im deutschen kaIserreIch von 1871 bIs 1914 tagen wurden nicht Parteien und Listen, sondern Personen gewählt. Zwei Besonderheiten des absoluten Mehrheitswahlrechts vor 1914 seien hervorgehoben: zum einen die Möglichkeit der Stichwahlen zwischen den zwei Höchstplatzierten, die anfangs nur in wenig mehr als zehn Prozent, später dann infolge der Verschärfung der Wahlkämpfe in fast der Hälfte aller 397 Wahlkreise stattfanden80, sowie zweitens die sich ständig steigernden Verzerrungen der Wahlkreisgrößen in Bezug auf die Einwohnerzahl. Beides wirkte sich zuungunsten der Sozialdemokraten aus, zumal die bürgerlichen Parteien in Stichwahlen meist siegreiche Bündnisse durch Absprachen in den Wahlkreisen – nach dem Do-ut-des-Prinzip – schlossen. Seltener kamen dagegen Abkommen bereits vor dem ersten Wahlgang zustande, am bekanntesten wohl das „Kartell“ der Regierungsparteien von 1887 oder der „Bülow-Block“ von 190781. Obwohl Bismarck mit der Einführung des allgemeinen gleichen Männerwahlrechts für die Wahl des Norddeutschen Reichstages 1867 – einer Zäsur der deutschen Parteiengeschichte – ihre Bedeutung entscheidend aufwertete, galten ihm Wahlkämpfe als „unzulässige folgenschwere Beeinflussung der Bevölkerung“82. Bismarcks Wahlrechtspolitik schuf aus heutiger Sicht überhaupt erst die Voraussetzungen für eine national ausgreifende Politisierung der deutschen Gesellschaft. Mit Einführung des allgemeinen Wahlrechts entstand ein „politischer Massenmarkt“, auf dem nun neben der Regierung und den Behörden auch Parteien, Verbände und andere gesellschaftliche Institutionen wie die Kirchen um öffentliche Unterstützung für ihre Ziele warben. Wenn auch die Hoffnung trog, den „Parlamentarismus durch den Parlamentarismus“ besiegen zu können, wurden Reichstagswahlen dank Bismarcks „plebiszitärer Führungstechniken“ dennoch immer wieder zu triumphalen Sach- und sogar Personalplebisziten zugunsten der Reichsführung, wie vor allem die „Attentatswahlen“ von 1878 oder die „Septennatswahlen“ von 1887 belegen: „Neben dem zum Symbol gewordenen Kaiser spielte auch Bismarck in vielen Wahlkämpfen eine bedeutende Rolle, nicht zuletzt, weil es der Kanzler verstand, kunstvoll während der vorangehenden Legislaturperiode oder Sessionen jenen Knoten zu schürzen, der in der sich anschlie- ßenden Wahlkampfphase ein zündendes Thema abgab“83. Weil die Regierung nun aber die In te res sen und Vorstellungen von Parteien und Presse sowie die um 1890 einsetzende kontinuierliche Agitation durch In te res senverbände zu berücksichtigen hatte, sei es als Gegenspieler, sei es als umworbene Mitgestalter oder Sprachrohre, löste sich in der Rea- 36 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik lität der politischen Willensbildung die strikte Trennung von Staat und Gesellschaft mehr und mehr auf: „Die Geschichte der Wahlbewegungen im Kaiserreich ist somit eine Geschichte der innergesellschaftlichen Politisierung und Fragmentierung unter Einfluss und Mitwirkung der staatlichen Verwaltung“84. Diese von Steinbach im Anschluss an Stein Rokkan für die Zeit nach 1871 als „nation-building“ diagnostizierte Fundamentalpolitisierung, die das neue, mit der Reichsgründung entstandene politische System prägte, lässt sich zugleich beschreiben als eine in den Wahlkämpfen „spürbar werdende ‚Entregionalisierung‘ von Konfliktstrukturen und als Nationalisierung von Länder übergreifenden Entscheidungspositionen“85. Zwar wirkten soziostrukturelle, konfessionelle und landeshistorische Disparitäten nach wie vor weiter und blieben die regionalen und lokalen Hochburgen der Parteien bestehen. Zum Abbau der regionalspezifischen Determinanten des deutschen Parteiensystems nach 1871 trug aber bei, dass das neue Reich seine eigenen Systemkonflikte stiftete. Der Kulturkampf, der Kampf gegen den Linksliberalismus als „Vorfrucht“ der Sozialdemokratie sowie schließlich die Aus ei nan der set zung mit diesen „Reichsfeinden“ selbst, die als „vaterlandslose Gesellen“ ausgegrenzt und in den Ruf der politischen Unzuverlässigkeit gestellt wurden – diese Stationen des „inneren Kampfkurses“ Bismarcks gewinnen für Steinbach geradezu den Charakter von „Meilensteinen nationaler Integration“, da sie regionalspezifische Merkmale abschliffen und ihre Übertragung in nationalstaatliche Strukturen politischer Konfrontation bewirkten86. Weil die Massenmobilisierung durch das allgemeine Wahlrecht von den Herrschaftseliten des Kaiserreichs zunehmend als Bedrohung empfunden wurde, versuchte die Reichsregierung zugleich, die Wahlbewegungen „in den Griff “ zu bekommen. Diese „Zähmung des politischen Massenmarktes und damit die Verlangsamung der Fundamentalpolitisierung“ sollte weitgehend gelingen87, allerdings nicht ohne tiefe Spuren in der politischen Kultur Deutschlands zu hinterlassen: „Ablehnung des Parteienstaates und die Zähmung freier politischer Artikulation durch inszenierte Wahlkämpfe, die manchem Zeitgenossen geradezu als ein Wahlkampfinferno erschienen, reduzierten die stabilisierende Funktion von Wahlen, die Folge eines freien Spieles politischer Kräfte sind“88. Am Ende der Bismarckzeit schien es, als ob die Reichsführung den „Trend einer Vergesellschaftung durch Parteien, Wahlen und Presse in einer Durchstaatlichung der Gesellschaft bremsen oder sogar auffangen 37 polItIsche kultur, parteIen und Wahlkämpfe Im deutschen kaIserreIch von 1871 bIs 1914 könnte“89. Doch sollte sich gerade unter Wilhelm II. die „Ambivalenz der politischen Kultur“ des Kaiserreichs erst voll entfalten. Insbesondere die zweite Hälfte seiner Regierungszeit war einerseits durch Obrigkeitsstaat und Militarisierung der Gesellschaft, andererseits durch fortschreitende Politisierung, durch steigende Wahlbeteiligungsquoten, zunehmenden Einfluss des Parlaments und der Presse, wachsende Kritik an den vorkonstitutionellen preußischen Verhältnissen sowie stärkerer Zusammenarbeit zwischen den Fraktionen geprägt. Die 1890er-Jahre können als eine Zäsur in der Entwicklung des deutschen Parteiwesens gelten, in der nicht nur die Gewerkschaften den Durchbruch zur Massenbewegung schafften, sondern auch die bürgerlichen Parteien unter dem Konkurrenzdruck der Sozialdemokratie ihre Organisationen ausbauten und sich „tendenziell von Honoratiorenparteien, die nur im Wahlkampf und im Parlament aktiv waren, zu permanent tätigen Massenparteien“ entwickelten90. Den Hintergrund bildeten der Wandel Deutschlands vom Agrar- zum In dus triestaat, der Aufschwung der Massenpresse, die Intensivierung von kommerziellen Werbeformen sowie die Ausformung von wirtschaftlichen In te res senverbänden. Diese versuchten massiven Einfluss auf die Parteien auszuüben, was ihnen unter anderem über die Kandidatenauswahl bei Reichs- und Landtagswahlen immer mehr gelang, aber auch durch Finanzhilfen und die „Bereitstellung ihrer lokalen und regionalen Organisationen für Wahlkämpfe, sodass die Verbände den älteren Honoratiorenparteien vielfach den fehlenden Parteiapparat ersetzten“91. Die neuartige Massenpropaganda, populistische Strategien und Irrationalismen, die der liberalen Vorstellung von einer Wahlentscheidung „aus Einsicht“ widersprachen, sowie der vehemente Einsatz von Feindbildstereotypen wirkten sich politisch-kulturell aus, insofern sie die Parlamentsarbeit erschwerten und zu einer weiteren Erstarrung der Parteifronten führten. Die damit einhergehende Aushöhlung der politischen Verhaltensethik mündete schließlich – intensiviert durch das Weltkriegserlebnis – in die „Gewaltsamkeit des Politikstils der Weimarer Re pu blik“92. Nach der Reichstagsauflösung begannen die Parteien des Kaiserreichs in der Regel mit der Aufstellung der Kandidaten durch die dafür vorgesehenen Gremien wie den Wahlkomitees oder Vertrauensmännerversammlungen. War dies geschehen, lief der kaum zentral gesteuerte Wahlkampf in der Provinz meist nur sehr schleppend an, wobei sich die eigentliche Agitation unter den rigiden Vorschriften des Vereinsgesetzes 38 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik von 1850 im Abhalten von Wahlversammlungen, in der Flugblattpropaganda sowie in Zeitungsanzeigen erschöpfte. In manchen Kreisen fand der gesamte Wahlkampf vor 1914 mitunter ausschließlich in der Presse statt und genügte die Aufstellung des Kandidaten bereits zu seiner Wahl („Riviera-Wahlkreise“). Selbst in Berlin veränderte die Wahlpropaganda noch kaum das äußere Straßenbild, De mons tra ti o nen blieben eine seltene Ausnahme, in der Anbringung von Plakaten waren die Parteien beschränkt, und an Werbemittel wie Filme konnten sie noch nicht denken93. Eines Saalschutzes bei Versammlungen bedurfte es vor 1914 nicht, da die Parteien noch fast ausschließlich mit „geistigen Waffen“ kämpften und Handgreiflichkeiten zwischen politischen Gegnern in den weitgehend diszipliniert geführten Wahlkämpfen Seltenheitswert besaßen. Zu den Aufgaben der Parteien gehörte noch die Herstellung der Wahlstimmzettel, da nur Größe und Farbe des Papiers (weißgelblich) amtlich vorgeschrieben waren. Auch einheitliche amtliche Wahlurnen wurden erst per Gesetz vom Juli 1913 eingeführt, davor konnten auf dem Lande auch schon mal Suppenschüssel oder dergleichen Behälter benutzt werden. Am Wahltag selbst mussten die Parteien ihren gesamten Apparat mobilisieren, gab es doch allein in Berlin bei Reichstagswahlen nicht weniger als siebenhundert Wahllokale, vor denen je zwei Stimmzettelverteiler stehen und als letzte Instanz noch so viele Wähler wie möglich für die Partei werben sollten. Nachmittags ab 14 Uhr begann dann das „Schleppen“, das heißt die Ermahnung und Heranholung der säumigen Wähler, wobei unweigerlich auch Gegner an die Urne geschleppt wurden94. Die relative Begrenztheit der Werbemittel galt vor 1914 auch noch für die Sozialdemokratie, obwohl sie als erste Partei bereits neue Formen der Massenpropaganda einführte. Während des Sozialistengesetzes hatte die Sozialdemokratie den ihr eigenen Wahlkampfstil entwickelt, dessen konspirative Methoden zwar aufgezwungen waren, aber auch innovative Energien freisetzten. Inhaltlich gaben bereits die Wahlaufrufe des Berliner Parteivorstandes, die programmatischen Charakter und nicht selten einen Umfang von dreißig Seiten besaßen, Richtung und Tendenz des Wahlkampfes vor. Sozialdemokratische Wahlerfolge im Kaiserreich beruhten vor allem auf einer „generalstabsmäßig organisierten Beeinflussung jedes einzelnen Wählers mit einer Intensität, die die Anstrengungen der bürgerlichen Parteien weit in den Schatten stellte, auf der anderen Seite aber auch den Wahlhelfern schwere Lasten aufbürdete“95. Spätestens nach der Reichstagswahl von 1907 besaß der „Ausbau einer 39 polItIsche kultur, parteIen und Wahlkämpfe Im deutschen kaIserreIch von 1871 bIs 1914 perfektionierten Wahlmaschine“ innerhalb der SPD allerhöchste Priorität96. Über ihre Tendenz, sich in lassalleanischer Tradition auf den Ausbau ihrer „Stimmzettelmacht“ zu konzentrieren und andere Faktoren des politischen Lebens wie vor allem den Druck seitens außerparlamentarischer In te res sengruppen zu vernachlässigen, wird noch zu sprechen sein97. In den 1870er-Jahren waren Reichstagswahlkämpfe auch bei scharfen inhaltlichen Kontroversen weder sehr lang noch sehr intensiv. Erst gegen Ende des Jahrzehnts begannen die Aktionen der Parteien etwas lebhafter zu werden, vor allem die der ohne Rückendeckung von Seiten der Bürokratie (wie die Konservativen) oder großen Vereinen (wie das Zen trum) ausgestatteten Liberalen. Mit der Zeit bildeten sich Zwischeninstanzen, doch blieben diese, auch aus vereinsrechtlichen Gründen, nur locker verbundenen Landes- oder Provinzialausschüsse zunächst ohne wesentlichen Einfluss auf die Politik: „Außerhalb der Wahlzeiten konnte von einer, gar kontinuierlichen, Aktivität dieser Partei‚organe‘ nicht eigentlich die Rede sein“98. Als Folge der Pluralisierung, Ökonomisierung und Politisierung der Gesellschaft wurden aber spätestens mit der Jahrhundertwende die Grenzen zwischen den verschiedenen politischkulturellen Milieus durchlässiger und veränderte sich auch der politische Stil der Parteien, die sich mit populistischer Rhetorik den Erwartungen des Pu bli kums anzupassen versuchten. Die Reichstags wahlkämpfe wurden unter steigendem In te res se der Bevölkerung länger und kostspieliger – so stiegen die Wahlkampfkosten einer Partei von etwa 1 000 Mark um 1880 auf durchschnittlich 25 000 Mark im Jahre 1912 pro Wahlkreis99 −, es gab mehr Wahlpropaganda und Versammlungen, wobei die Mobilisierung der Massenanhängerschaft und die Wahlwerbung noch stärker Sache von Neben- und Sonderorganisationen wurde – kurz: „Aus den lässig und kurzfristig betriebenen Wahlkämpfen wurden planmäßige, langfristige, arbeits- und geldaufwändige Kampagnen“100. Zur Verbreitung der allgemein massenhafter gewordenen Wahlpropaganda nutzten die Parteien des Kaiserreichs bereits alle erdenklichen Wege, angefangen von der Wahlversammlung bis hin zur Straßen- und Hausagitation; auch auf die Post wurde zurückgegriffen, was sich besonders auf dem Land empfahl, wo die Organisationsstrukturen noch sehr schwach waren. Im Auftrage der Berliner Parteizen tra len veröffentlichten die offiziösen Presseorgane Muster von Flugblättern und Plakaten, die den Wahlkreisorganisationen zum Kauf angeboten wurden. Bezüg- 40 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik lich der Herstellung des Materials gab es die Möglichkeit, es entweder von den zen tra len Druckstellen zu beziehen, was den Vorteil hatte, dass sich durch die Großauflage die Kosten senkten, oder vor Ort selbst zu drucken. Wichtigstes Propagandamittel blieben die Versammlungen, während in den Druckschriften und der Presse noch das „belehrende“ und „aufklärerische“ Wort vorherrschte. Die Mehrzahl der Flugblätter brachte die Texte eng gedruckt in ein- oder zweispaltigem Satz, dessen Gleichförmigkeit selten durch Fett- oder Sperrdruck, Absätze oder grö- ßere Lettern aufgelockert wurde. Nur in einzelnen Fällen versuchten die Parteien etwa durch die Verwendung von Bildern schon dem Unterhaltungsbedürfnis der Wähler zu entsprechen: „Im ganzen betrachtet dürfte wohl der Wahlwerbung in der Vorkriegszeit – von den Flugblättern über die Presse bis zu den Wahlversammlungen −, verglichen mit späteren Jahren, erhöhte Bedeutung zuzumessen sein. Der Wähler war – zumindest außerhalb der Großstädte – von Reklameaktionen und Unterhaltungsmöglichkeiten noch nicht übersättigt und konnte daher von einer zielbewussten Propaganda besser angesprochen werden“101. Bestimmendes inhaltliches Merkmal der Wahlkämpfe im Bismarckreich bildete die gouvernementale „Reichsfeind“-Agitation der Regierung, die laut Steinbach das Dilemma kennzeichnete, dass sie „zur wirksamen Entwicklung regierungsfreundlicher Entscheidungsdispositionen den inneren Gegner“ brauchte102. Bismarck führte die ersten Reichstagswahlkämpfe nach der Reichsgründung mithilfe des Regierungsapparates und nicht zuletzt der offiziösen Presse, noch relativ zurückhaltend103. Nach den zwei Attentaten auf Wilhelm I. intensivierte der Reichskanzler aber 1878 seine Anstrengungen in einer Weise, dass jetzt „alles auf eine gewaltige Mobilisierung der Wähler und Nichtwähler hinauslief, dass er die Initiative hatte und alle anderen zu Reagierenden machte, die Parteien in den Hintergrund rückte und gegeneinander ausspielte, die Themen setzte, seinen – verbal gewalttätigen – Kampfstil zu Norm machte“104. Der Wahlkampf war vor allem durch drei Themen geprägt: dem gouvernementalen Appell gegen die „rote Gefahr“, gegen den Sozialismus und die Gegner der bestehenden Ordnung, der Neuorientierung hin zu einer interventionistischen Wirtschafts- und Zollpolitik im Sinne einer Koalition für Schutzzölle sowie der Frage nach einer „neuen“ Politik der Verbände und der Regierung gegenüber den Parteien. Mit der innenpolitischen Wende von 1878/79, dem Ende der liberalen Phase und dem Sozialistengesetz hatte sich Bismarcks „Technik des inneren 41 polItIsche kultur, parteIen und Wahlkämpfe Im deutschen kaIserreIch von 1871 bIs 1914 Kampfkurses“ jedoch erschöpft. Nach der klaren Entscheidungsalternative der „Attentatswahlen“ von 1878 war der Verlust an zugkräftigen Themen und Gegnern offensichtlich. Der Reichskanzler musste neue innenpolitische Gegner suchen, welche die Wahlen im gouvernementalen Sinne „fruktifizieren“ konnten. Einen Ersatz bot für die Wahlbewegungen nach der „zweiten Reichsgründung“ der bereits in den Vorjahren latente Antisemitismus, der sich im Zuge der Reichstagswahlen von 1881 zu einem Massenphänomen ausweitete. Vor allem die Rechtsparteien setzten jetzt antisemitische Parolen zur Mobilisierung ihrer Wählerschaft ein, welcher der „Jude“ als Drahtzieher des Liberalismus und der Sozialisten sowie als Schuldiger für alle Übel präsentiert wurde. Viele Wähler ließen sich von diesem „Sozialismus des dummen Kerls“ (August Bebel) beeindrucken, der wie die Phobie gegen alles, was als „undeutsch“ galt, die folgenden Wahlkämpfe prägte105. Bismarck griff auch in den Wahlen der 1880er-Jahren auf die „Methoden der Konfliktverschärfung, der Polarisierung des Gegeneinander-Ausspielens“ zurück, so beispielsweise 1887, als er aus wehrpolitischen Motiven versuchte, die Krise und Kriegshysterie anzuheizen, vor einer Verbindung äußerer und innerer Gefahrenherde warnte und den Meinungsunterschied wieder „zum Entweder/ Oder zwischen Reichsfreunden und Reichsfeinden, Erhaltung des Reiches und Katastrophe“ steigerte106. Weil der Reichskanzler damit ein Wahlbündnis der beiden konservativen Parteien mit den Nationalliberalen zustande brachte, das die absolute Mehrheit erzielte, wurden die Reichstagswahlen von 1887 bald auch „Kartellwahlen“ genannt. Die Reichstagswahlkämpfe von 1898 und 1903 wurden unter fast ähnlichen politischen Ausgangsbedingungen und gleichartigen Fragestellungen geführt. Das vorrangige Thema der Regierung und aller bürgerlichen Parteien stellte beides Mal die rasant wachsende Sozialdemokratie dar, die den neuen Massenagitationsstil sowie einen egalitären Ansatz in der deutschen Politik symbolisierte. Trotz der Sammlungspolitik Miquels fehlte den Wahlen von 1898 und 1903 aber eine einheitliche Strategie seitens des gouvernementalen Lagers, sodass die Bühne frei war für die oppositionellen Massenparteien. Überragender Sieger war jeweils die SPD, die sich ganz auf die Propagierung ihrer angestammten sozialpolitischen Themen sowie auf die Verurteilung des Militarismus und der Aufrüstung, die Kritik des Steuersystems und Verteidigung des Reichstagswahlrechts konzentriert hatte. Brett Fairbairn gelangt zu dem Ergebnis, dass die Wahlkämpfe von 1898 und 1903 zeigen, wie die Wil- 42 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik helminische Gesellschaft eben nicht infolge etwaiger „vorindustrieller“ Strukturen und Traditionen stagnierte, sondern ihre Politisierung ebenso wie die Nationalisierung der Politik voranschritt107. Das Charakteristikum des nächsten Reichstagswahlkampfes von 1907 sieht Crothers in der breiten Zustimmung der deutschen Wähler für die imperialistische „Weltpolitik“ der Reichsführung, da Bülows Appell an die patriotischen Gefühle mehr Anziehungskraft als jedes innenpolitische Thema der Opposition bewiesen habe108. Die „nationalen“ In te ressen einten nicht nur die gouvernementalen Parteien trotz unterschiedlicher Einzelziele, sondern bescherten den daran unin te res sierten Sozialdemokraten eine erste Niederlage bei Reichstagswahlen. Ihre Gewinne von 1903 hatten die Einigkeit unter den bürgerlichen Parteien und Bülows „Blockpolitik“ entschieden den Rücken gestärkt. Unter Mitwirkung der Reichsregierung, die einen offensiven Wahlkampf wie zu Bismarcks Zeiten führte, kam es zu Wahlabsprachen gegen die SPD, fast durchgängig für die Stichwahlen, in kritischen Wahlkreisen mitunter auch schon bei den Hauptwahlen109. Neben der Rechtfertigung der Reichstagsauflösung dominierte die imperialistische Kolonialpolitik den Wahlkampf, vor allem mit Blick auf Deutsch-Südwestafrika, dessen Unterstützung zu einer Frage der nationalen Zukunft Deutschlands stilisiert wurde – daher Bebels Wort von den „Hottentottenwahlen“. Auffällig am Regierungswahlkampf war, dass unter der Parole „Los von Rom!“ die Angriffe gegen das Zen trum schärfer ausfielen als der Kampf gegen die Sozialdemokratie110. Diese Aufgabe übernahm größtenteils der neu gegründete Reichsverband, der eine starke Wahlpropaganda entfaltete und insgesamt etwa zehn Millionen Flugblätter verteilte. Gleichwohl war dies nur ein Bruchteil dessen, was die SPD an Propagandamaterial für die Wahl produzierte, darunter mehr als 55 Millionen Flugblätter, was ihre Wahlkampfkosten auf die für damalige Verhältnisse astronomische Summe von knapp 1,6 Millionen Mark klettern ließ. Zur Mobilisierung von Geldmitteln für den Regierungswahlkampf wandte sich Bülow über einen „Interfraktionellen Wahlfonds“ an industrielle Kreise und nahm die Hilfe des „Komitee Patria“ in Anspruch, das Ende Dezember 1906 einen vertraulichen Spendenaufruf lancierte und innerhalb kurzer Zeit immerhin 587 000 Mark in die Wahlkasse der Regierung sammelte111. Im Ergebnis brachten die Wahlen vom Januar 1907 bei einer Rekordbeteiligung von 84,7 Prozent einen Sieg des „Bülow-Blocks“, dessen Parteien allesamt Zugewinne verzeichneten, während der Stimmenanteil der SPD 43 polItIsche kultur, parteIen und Wahlkämpfe Im deutschen kaIserreIch von 1871 bIs 1914 infolge der nationalistischen Hochstimmung von 31,7 auf nun 29 Prozent zurückfiel, womit ihr „struktureller Zuwachs“ seit 1874 vorerst aufgehalten schien112. Während schon beim Rücktritt Bülows vorzeitige Neuwahlen erwartet wurden, war spätestens seit dem Sommer 1911 eine Intensivierung der Propagandaarbeit der Parteien festzustellen, die noch zunahm, als Anfang Dezember 1911 der Reichstag aufgelöst und die Neuwahl bereits für den 12. Januar des nächsten Jahres festgesetzt wurde. Zum Teil schon vor der Reichstagsauflösung hatten die Parteiführungen ihre „Wahlprogramme“ beziehungsweise Wahlaufrufe veröffentlicht113. Während die Opposition nachdrücklich Schritte zu einer Liberalisierung der Reichsverfassung und des preußischen Wahlrechts verlangte, stand die Frage der Reichsfinanzreform im Vordergrund der gouvernementalen Wahlpropaganda. Neben den von den Berliner Parteizen tra len vorgegebenen Themen und Parolen beherrschten aber laut Jürgen Bertram „in jedem Land und jeder Provinz, in jedem einzelnen Wahlkreis besondere Probleme“ den Wahlkampf, auf dem Land dabei weniger die Fragen der „Großstadtpolitiker“, sondern die „kleinen Sorgen des Alltags“114. Das Wahlergebnis vom Januar 1912 bescherte der SPD einen überwältigenden Triumph, da sie bei einer Rekord-Wahlbeteiligung von 84,9 Prozent mit 34,8 Prozent der Stimmen und immerhin noch 110 von 397 Mandaten (27,7 %) die mit Abstand stärkste Partei wurde, während die Anteile der Konservativen um fast ein Drittel gegenüber der letzten Wahl von 1907 schrumpften115. Im Wahlkampf war es innerhalb der SPD zu heftigem Streit über das „Dämpfungsabkommen“ gekommen, das die Parteileitung mit den Freisinnigen vereinbart hatte. Obwohl derartige Stichwahlabsprachen an sich nichts Neues mehr darstellten, lehnten sie viele Sozialdemokraten nach wie vor als Ausdruck bürgerlichen „Wahlschachers“ ab. Nach dem Abbruch des preußischen Wahlrechtkampfes im Frühjahr 1910 hatte sich die Partei zudem auf eine Politik verlegt, welche den Anhängern die nächsten Reichstagswahlen als Tag der „Abrechnung“ verhieß. So steigerte sich die Agitation der SPD während des Winters 1911/12 zu einem Wahlkampf, „der an personellem und materiellem Aufwand von Seiten der SPD alle bisherigen Wahlfeldzüge weit übertraf “116. Die Massenpropaganda von allein etwa achtzig Millionen Flugblättern ließ ihre Wahlkampfkosten auf rund 2,5 Millionen Mark anschwellen, eine Summe, die selbst in den „Materialschlachten“ der Weimarer Re pu blik von ihr kaum noch übertroffen werden sollte117. 45 Kapitel 3 Zur politischen Kultur der Weimarer Re pu blik: Parteien, Programme und Koalitionen „Ja, das muss man ihr lassen, der Revolution: Sie hat auch unser privates Volk politisiert. Wir haben die Zeit der Wahlkämpfe. In jeder Wirtschaft kannst du politische Diskurse führen.“ Oskar Maria Graf, 1924118 „Wie schön wäre es, wenn wir nur eine Partei hätten! Aller Parteihader fiele fort, die heute notwendigen ungeheuren Propaganda-Summen könnten zu nützlichen Wohlfahrtseinrichtungen verwendet werden.“ P. Rad, 1924119 Obwohl der Begriff der politischen Kultur seit den 1990er-Jahren auch in der Geschichtsschreibung an Beliebtheit gewinnen konnte, hat dies lange Zeit nicht zu einer entsprechenden Beschäftigung mit historischen politischen Kulturen geführt. Noch 1992 stellte eine im Rahmen des Berliner Forschungsprojekts angefertigte Arbeit fest, dass die Erforschung der politischen Kultur der Weimarer Re pu blik erst am Anfang stehe120. Das besondere In te res se daran lässt sich in der Schlüsselfunktion eines Mangels an demokratischem Konsens für die dramatische Entwicklung und das Scheitern der ersten deutschen Re pu blik sehen. Diese Sichtweise konkretisierten Detlef Lehnert und Klaus Megerle zu der These, wo- 46 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik nach für die politische Kultur der Weimarer Re pu blik eine Fragmentierung in mehrere Teilkulturen konstitutiv gewesen sei. Aufgrund his tori scher Vorbelastungen, wie ausgeprägter territorialstaatlicher oder konfessioneller Disparitäten, und krisenhaften Rahmenbedingungen konnten diese außerhalb ihrer Gruppenidentitäten keine einheitliche Nationalkultur formen, ja nicht einmal einen gesellschaftlichen Minimalkonsens finden. Im Unterschied zu den Parteien der Bundesrepublik mit ihren fließenden Übergängen zueinander waren in Weimar-Deutschland die klassischen sozialmoralischen Milieus noch weitgehend intakt, aus denen die politischen Parteien ihre Anhänger rekrutierten. Anknüpfend an diesen Ansatz von milieugebundenen Lagern konkurrierten nach Lehnert und Megerle mindestens neun politische Teilkulturen der Weimarer Re pu blik in einer „Topographie des politischkulturellen Dissenses“: die Gesinnungsliberalen, die Sozialdemokraten, die Linksintellektuellen, die Kommunisten, der politische Katholizismus, die industriellen Eliten, die Agrarkonservativen, die nationale Rechte und schließlich die Nationalsozialisten. Die in der Weimarer Re pu blik „besonders ausgeprägte Fragmentierung der Gesellschaft in unterschiedlich strukturierte und im politischen Habitus stark von einander abweichende Teilkulturen“ wirkte sich vor allem in der Wirtschafts- und Staatskrise nach 1929 verhängnisvoll aus, insofern die geringe Interaktionsfähigkeit der Teilkulturen den Aufstieg des Nationalsozialismus mit seiner „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“-Ideologie erleichtert habe121. Im Unterschied zum Kaiserreich und seiner obrigkeitsstaatlich-militaristisch geprägten Identität etablierten sich nach 1918 auch keine „hegemonialen“ politisch-kulturellen Deutungs- und Handlungsmuster. Obwohl die Fragmentierungen überliefert waren, sehen Peter Lösche und Franz Walter das spezifische Dilemma der Weimarer Re pu blik gerade darin, „dass die Milieus einander misstrauten, sich gegeneinander abriegelten und schließlich bekämpften“, was etwa sozialdemokratischen Öffnungsversuchen gegenüber den bürgerlichen Mittelstandsschichten eine objektive Grenze setzte122. Während die regionalspezifische Differenzierung der politischen Kultur der Weimarer Re pu blik bei dem auf das Reich ausgerichteten Blickwinkel vernachlässigt wird, sehen Lehnert und Megerle selbst eine mögliche Modifizierung ihrer These darin, dass zumindest zeitweise Ansätze zur „tendenziellen Bipolarisierung statt multifrontaler Segmentierung“ nach 1918 zu beobachten seien. Hätten sich verschiedene soziokulturelle Formationen oder politische Teilkulturen 47 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen in Koalitionen etwa bei den Reichstagswahlen um ein gemeinsames Mehrheitsvotum bemüht, „wäre eine dezidierte Fragmentierungsthese von vornherein zu dementieren“123. In einzelnen Perioden der Weimarer Re pu blik sei immerhin die Herausbildung einer hegemonialen politischen Kultur erkennbar gewesen oder hätten „partielle Bündniskonstellationen einzelner Teilkulturen eine realistische Chance zur Konsolidierung handlungsfähiger Formationen“ geboten. Als Beispiel nennen sie die Formierung von „Volksblock“ und „Reichsblock“ bei den Präsidentenwahlen vom Frühjahr 1925, als sich unter umgekehrten Vorzeichen eine Trennung in „Reichsfeinde“ und „Reichsfreunde“ wie während der Bismarck-Ära zu etablieren schien. Doch sei diese Polarisierung zweier Lager eben auf die damalige Stichwahlsituation beschränkt geblieben124. Eine weitere Modifizierung der Fragmentierungsthese könnte die Existenz „politischer Deutungsmuster entlang von subkulturellen Gruppenidentitäten“ bedeuten, etwa in Form von „Soziokulturen“ als Verbindungslinien zwischen den Jugendmilieus verschiedener Parteien und Herkunft. Darauf weist die Binnendifferenzierung von breit gefächerten Integrationsmilieus oder „Solidargemeinschaften“ hin, womit Lösche und Walter die „sozialdemokratische Alltäglichkeit“ umschreiben. Allerdings warfen die regionalen Sonderfaktoren Trenngräben selbst innerhalb einer Partei auf, weil die politische Milieukultur in Deutschland immer auch „Regionalkultur“ beinhaltete, „Katholiken, Liberale, Sozialdemokraten waren z. B. im Ruhrgebiet anders als in Bayern, und das prägte die politischen Verhältnisse“125. Außer internen Differenzierungen, teilkulturübergreifenden Lagerpolarisierungen oder partiellen Gruppenidentitäten als Querverbindungen muss schließlich noch geprüft werden, ob sich die politisch-kulturelle Fragmentierung vielleicht themen- oder gebietsspezifisch veränderte. Grundsätzlich stellte aber etwa der quer über alle Weimarer Parteien reichende außenpolitische Revisionismus zu keiner Zeit ein Element echter nationaler Integration dar, sondern war die parteipolitische Einheitsfront gegen Versailles nur ein negativer Scheinkonsens126. So ist das Bild einer tief gespaltenen Gesellschaft zwischen 1918 und 1933 in der Weimar-Forschung weithin unbestritten. Der Gründungskompromiss von 1918/19, der sich in der neuen Reichsverfassung sowie der Zen tra len Arbeits-Gemeinschaft von Unternehmern und Gewerkschaften niederschlug, zerbrach spätestens während der Staatskrise von 1923/24127. 48 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Andererseits sind durchaus einige typische Eigenschaften der politischen Kultur von Weimar festzustellen. So war der weit verbreitete Irrationalismus, der sozialharmonische Volksgemeinschaftsideen förderte und sich im Konzept der konservativen Revolution mit einer diffusen Angst vor der Moderne mischte, laut Kurt Sontheimer eine „geistig bestimmende Macht“ der Re pu blik, die freilich deren Untergang vorbereitet und beschleunigt habe128. Die Fiktion einer die sozialen und ökonomischen Antagonismen überwölbenden „Volksgemeinschaft“ konnte sich in Antithese zum Weimarer Parteienstaat zur „machtvollen Sozialnorm bis ins sozialdemokratische Lager“ hinein entwickeln129. In allen politischen Teilkulturen war des Weiteren ein Nationalismus wirksam, der nach 1918 entweder aggressiv-militaristisch, großdeutsch oder paradoxerweise im internationalen Gewand auftreten konnte und zum „eigentlichen Glauben“ der Zwischenkriegszeit wurde, so eine Formulierung von Harry Graf Kessler130. Aus der Abwehr der alliierten These von der Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg heraus erwuchs bereits mit Re pu blikgründung eine „deutsche Kriegsunschuldlegende“, die kaum weniger als die Dolchstoßlegende dazu beitrug, „jenes nationalistische Klima zu erzeugen, in dem sich das politische Leben der Weimarer Re pu blik entwickelte“131. Der Kampf gegen die so genannte Kriegsschuldlüge verband sich mit der Umdeutung der Niederlage als Dolchstoß der „Novemberverbrecher“ zu der „zen tra len Lebenslüge der deutschen Gesellschaft“, deren sozialpsychologische Bedeutung nicht unterschätzt werden kann132. Als ein weiteres politisch-kulturelles Merkmal kann der „durch Friedlosigkeit geprägte Zeitgeist“ gelten, der im Krieg entzündet und durch die mannigfaltigen außen- und innenpolitischen Belastungsfaktoren nach 1918 geschürt wurde. Physische Gewaltanwendung und politische Morde kennzeichneten die politischen Aus ei nan der set zungen in Weimar-Deutschland: „Der Krieg an der äußeren fand seine Fortsetzung an der inneren Front“133. Dieser allgemeine militante „Tumultcharakter“ der Weimarer Re pu blik förderte die antire pu bli ka nische Stimmung, zumal die staatstragenden Parteien den Leidensdruck der Bevölkerung weder in der praktischen Politik noch durch glaubwürdige Zukunftsentwürfe mildern konnten134. Aus wahlhistorischer Sicht wurde schon früh bemerkt, dass sich im Übergang vom Kaiserreich zur Re pu blik die Parteien- und Wählerblöcke – der sozialistische, der katholische und der bürgerlich-protestanti- 49 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen sche – nur geringfügig umgruppierten, aber innerhalb eines jeden Lagers erhebliche Wählerbewegungen stattfanden. Hinsichtlich der demographischen und sozialen Zusammensetzung ist mit Jürgen Falter festzuhalten, dass das Weimarer Parteiensystem „einerseits durch eine hohe Stabilität des katholischen und des sozialistischen Wählerblocks, andererseits durch eine beträchtliche Instabilität sowohl der übrigen Parteien als auch der Wahlbeteiligung“ charakterisiert werden kann135. Im Unterschied zur klassischen Dreiteilung der allgemeinen Geschichte unterscheidet Falter zwei Phasen der Weimarer Wahlgeschichte: Eine erste von den Anfängen bis 1930 datierte Phase ist ihm zufolge durch den Niedergang der liberalen Parteien, den raschen Aufstieg und Rückgang der Deutschnationalen, dem starken Aufkommen von In te res sen- und Regionalparteien sowie Verschiebungen innerhalb des sozialistischen Lagers gekennzeichnet. Eine zweite wahlhistorische Phase, die von 1930 bis zum Ende der Weimarer Re pu blik angesetzt wird, charakterisiert Falter als eine der Radikalisierung und Polarisierung. In ihr sei es der NSDAP gelungen, bei steigender Wahlbeteiligung zur „Sammelpartei des nichtkatholischen, nicht-sozialistischen Lagers“ zu werden und damit für eine „in der deutschen Geschichte beispiellose Umwälzung eines Parteiensystems“ zu sorgen136. Die Destabilisierung traditioneller Wählerloyalitäten begann allerdings bereits vor dem Aufstieg der NSDAP, nämlich im Anschluss an die verheerende Inflationskrise von 1923. Die Konjunktur von Parteien, die sich auf spezielle In te res sen, Themen oder Regionen konzentrierten, ging nach 1924 einher mit der beschleunigten Auflösung der Wählerbindungen vor allem bei den bürgerlichen Mitte- und Rechtsparteien. Damit hing die weit verbreitete Kritik am Parlamentarismus und an den politischen Parteien zusammen, die in weiten Teilen der Weimarer Öffentlichkeit lediglich als „ungeliebte Kinder der Repräsentativverfassung“ galten137. Zwar meist abschätzig, aber durchaus zutreffend, ist die Weimarer Re pu blik als „Parteienstaat“ bezeichnet worden, in dem die Entscheidungen über Arbeit und personelle Besetzung der Staatsorgane fast ausschließlich im Verantwortungsbereich der Parteien lagen. Von einer Mehrheit der Bevölkerung und der politischen Elite wurden sie aber bestenfalls als notwendiges Übel empfunden, zumal im Kaiserreich auch ohne sie regiert werden konnte. Die Parteien, die sich nach 1918 selbst nur schwer in die neue Rolle hineinfanden und im wesentlichen ihre 50 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Selbstverständnisse aus dem Obrigkeitsstaat beibehielten, wurden zu Sündenböcken und die Institution der Parteien selbst zum Politikum. Im Grunde lief seit 1918 eine öffentliche Diskussion darüber, ob sie nicht durch „Bewegungen“, berufsmäßige Vertretungen oder „Bünde“ ersetzt werden sollten138. Noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg kursierte als Reaktion auf 1933 die These, dass das Weimarer Parteiensystem „versagt“ habe und dies „ein wesentlicher Grund für das Entstehen antiparteilicher, diktaturstaatlicher, totalitärer Bewegungen“ gewesen sei139. Die neuere Forschung betont dagegen die ungünstigen strukturellen und politisch-kulturellen Rahmenbedingungen nach 1918. So bot etwa das Weimarer Verfassungsrecht der Tätigkeit politischer Parteien kaum Stützen, sondern verwies sie in den „außerkonstitutionellen“ Bereich, während die herrschende Staatsrechtslehre den parteienfeindlichen Ressentiments wissenschaftliche Legitimation gab. Die Polemik gegen die angebliche „Herrschaft der Parteien“ bildete den gemeinsamen Nenner aller gegen die Re pu blik gerichteten Attacken. Selbst in der SPD stießen Vorstellungen, wonach Parteien die Zerstörer der „Volksgemeinschaft“ seien, auf Resonanz140. Zu den Ängsten vor einem „Parteienabsolutismus“ kam nach 1918 die Ungeübtheit der Parteien, staatspolitische Verantwortung zu übernehmen: „Sie hielten an Prinzipien fest, stützten nicht die eigene Regierung, waren unfähig zu pragmatischen Kompromissen. Parteien ging es nicht so sehr um Macht als vielmehr um ‚Wahrheit‘ und ‚Sinnstiftung‘. Es mangelte an Pragmatismus, an Bereitschaft zum politischen ‚Kuhhandel‘, daran, aufeinander zuzugehen“141. Neben den historischen Vorbelastungen wirkte sich der weit verbreitete Anti- Parteieneffekt verhängnisvoll für die Weimarer Re pu blik aus, da selbst Sozialdemokraten befürworteten, was auf einer zu Ehren der Wahl Hindenburgs 1925 geprägten Münze zu lesen war: „Für das Vaterland beide Hände, aber nichts für die Parteien“142. Als charakteristisch für Deutschland sah Sigmund Neumann noch 1932 die „strengen Programmparteien“ an, während der Begriff „In te ressenpartei“ lediglich ein Agitationsmittel sei. Jede Partei, die möglichst viele Stimmen gewinnen wolle, müsse ihr Programm schließlich auf die Gesamtheit ausrichten und daher „Volkspartei“ sein, denn: „Keine Arbeiterpartei kommt ohne Bauernprogramm aus, wenn das Bauerntum ein notwendiger Bestandteil des Staatsganzen ist. Jede Partei muss die Gesamtheit aller staatlichen Aufgaben umfassen, muss eine Richtung auswärtiger Politik ebenso zeigen wie ein Kulturprogramm“143. 51 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen Weimarer Zeitgenossen waren sich darüber im Klaren, dass auch in der Politik der „Schein“ keineswegs immer dem „tatsächlichen Sein“ entspreche, vielmehr jede Partei „pompöse Programme“ verbreite und ihr Heil „entweder in der Ausführlichkeit der Grundsätze und Forderungen oder in möglichst prägnanter Kürze“ suche. In der Praxis komme es zu Kompromissen, die von den Programmen wegführten. Dennoch seien diese keineswegs überflüssig, vielmehr verhalte sich eine Partei „nach einem bestimmten Bewegungsgesetz, das sich nicht zum wenigstens auch in ihrem Programm ausdrückt“, so eine offiziöse Broschüre anlässlich der Reichstagswahlen im Juli 1932. Im Gegensatz zu der um sich greifenden parteienfeindlichen Stimmung wurde hier betont, dass Parteien das „gegebene Medium zwischen Volk und Regierung und ein nicht wegzudenkender Faktor der Bildung des staatlichen Lebens“ seien144. Andererseits wurde während der Präsidialkabinette Anfang der 1930er-Jahre ein akuter Bedeutungsverlust beobachtet: „Wer fragt heute noch nach einem Parteiprogramm? Selbst unsere Antipathie oder Sympathie für diesen oder jenen Parteiführer ist augenblicklich ziemlich gleichgültig, denn eine reine Parteiherrschaft wird es (außer im Falle einer Hitler-Diktatur, an die wir nicht glauben) nicht geben“145. Wenn auch die Einschätzung des demokratischen Politikers Otto Nuschke übertrieben erscheint, dass alle im Kaiserreich „lange pietätvoll gehüteten Parteiprogramme“ bedeutungslos geworden seien146, wurden die Parteien durch den November 1918 doch vor die Notwendigkeit gestellt, ihre Ziele neu zu formulieren. Die Demokratisierung zog nicht nur eine Ausweitung der Macht- und Entscheidungsbefugnisse der Parteien nach sich, sondern auch die Vervielfältigung der Themen, wobei die wirtschaftliche In te res senvertretung durch die „Parlamentarisierung der Wirtschaftspolitik“ (Knut Borchardt) eine vorher nicht gekannte Dominanz erhielt, auf die zu reagieren reine Weltanschauungsparteien wie das Zen trum sich schwer taten147. Die oben skizzierten Vorbelastungen des deutschen Parlamentarismus führten dazu, dass die Weimarer Parteien „gesinnungstüchtige Opposition“ höher bewerteten als politische Verantwortung. Durch die in der Weimarer Reichsverfassung verankerte Möglichkeit der präsidialen Regierung fühlten sie sich im Konfliktfall dem Zwang zur parlamentarischen Mehrheitsbildung enthoben. In Krisenzeiten wie 1923/24 oder nach 1930 wurde ein Großteil der Gesetze durch Notverordnungen des Reichspräsidenten nach Artikel 48 oder aufgrund von Ermächtigungsgesetzen erlassen. Die Parteien zeigten sich weitgehend unfähig, trotz ei- 52 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik nes realpolitischen Zwanges zur Koalition stabile Mehrheitskoalitionen zu bilden, was auch in der Phase der relativen Stabilisierung eine „Labilität des parlamentarisch-parteienstaatlichen Systems“ verursachte148. Eine Folge des neuen Verhältniswahlsystems, das die absolute Mehrheit einer Partei unwahrscheinlich machte, war allerdings, dass sich die um echte politische Machtteilhabe und Wählerstimmen konkurrierenden Parteien nach 1918 überhaupt erstmals der Koalitionsfrage stellen mussten. Von „Koalitionswahlkämpfen“, in denen bereits vor der Wahl Absichtserklärungen über zukünftige Koalitionen abgegeben wurden − wie sie bei heutigen Bundestagswahlen ein wesentliches Entscheidungskriterium des Wählers darstellen149 −, war man jedoch weit entfernt. Aus heutiger Sicht befand sich die Koalitionspolitik der Weimarer Re pu blik vielmehr in einem „Dauerdilemma“150. Allerdings erschwerte die unablässige publizistische Diskreditierung des Parteiwesens von allen Seiten eine „Normalisierung des parlamentarischen In te res senausgleichs in weit höherem Umfang als der Mangel an Bereitschaft innerhalb der Parteien, politische Verantwortung zu übernehmen“151. Für die Bildung von Mehrheitsregierungen boten sich schon nach der Reichstagswahl von 1920 aber nur zwei Varianten an, da die extremen Flügelparteien von vornherein ausschieden: zum Einen die „Große Koalition“ aus SPD, DDP, Zen trum, BVP und DVP, wie sie erstmals unter Gustav Stresemann im August 1923 für drei Monate und dann wieder vom Juni 1928 bis März 1930 zustande kam, sowie die Koalition der bürgerlichen Parteien mit dem Kern von Zen trum/BVP und DVP, zu denen sich DDP oder DNVP sowie agrarische und mittelständische In te res senparteien gesellten – der „Bürgerblock“, wie er nach den Dezemberwahlen 1924 für ein Jahr unter Hans Luther bestand. Jede dieser Koalitionen trug aber aufgrund interessenpolitischer Gegensätze bereits den Keim ihres Zerfalls in sich, die Große Koalition vor allem wegen der tiefen sozialpolitischen Gegensätze zwischen der gewerkschaftsnahen SPD und der die Arbeitgeberinteressen vertretenden DVP, während die bürgerliche Mitte-Rechts-Koalition in der Außen- und Kulturpolitik nur ein labiles Scheinbündnis bildete152. Nach 1920 etablierten sich deshalb bürgerliche Minderheitsregierungen, die in der Regel aus DDP, Zen trum/BVP sowie DVP bestanden und von der SPD in „stiller Opposition“ toleriert wurden. Dieses „System wechselnder Mehrheiten“ ließ kaum politische Stabilität aufkommen, zumal selbst die Koalitionsfraktionen ein prekäres, wenn nicht ge- 53 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen störtes Verhältnis zur Regierung hatten, die eher eine Koalition von Ministern als von Parteien darstellte. Dass Parteiräson über Koalitionsräson gestellt wurde, offenbarte der Bruch der Großen Koalition im Herbst 1923, als sich SPD und DVP unter dem Druck radikaler Konkurrenten auf keinen Kompromiss einigen konnten. Bis zu den Reichstagswahlen vom Mai 1928 charakterisierte die Koalitionspolitik im Reich, dass die Bildung einer Regierung unter Einschluss der SPD immer wieder durch außerparlamentarische In te res senkreise torpediert und erst im Sommer 1928 hingenommen wurde, als neue außenpolitische Entscheidungen anstanden, für welche die bürgerlichen Parteien nicht die alleinige Verantwortung übernehmen wollten153. Insbesondere die Person Hindenburgs stand seit seiner Wahl zum Reichspräsidenten 1925 – und nicht erst seit 1930 – für eine Rechtskoalition beziehungsweise eine Politik, wonach „mehr nach rechts“ regiert werden müsse, das hieß gegen die SPD154. Der Glaube, sich mit den Anhängern des schwarz-weiß-roten Obrigkeitsstaates beim Aufbau der Re pu blik arrangieren zu können, stellte nach Hans Mommsen die „Lebenslüge“ der Weimarer Koalitionsparteien dar155. Für Heinrich August Winkler bildete hingegen die Große Koalition von SPD und DVP als Ausdruck des „Zusammenwirkens zwischen den gemäßigten Teilen des Bürgertums und der Arbeiterschaft“ das „Lebensgesetz der deutschen Re pu blik“. Während Stresemann dies vor allem aus außenpolitischen Gründen bejahte, mussten dazu allerdings in der SPD diejenigen Kräfte obsiegen, die nicht bereits „in Kompromissen mit dem Bürgertum einen Verstoß gegen die Lehre vom Klassenkampf “ erblickten156. Vielen SPD-Funktionären, vorzugsweise den ehemaligen Unabhängigen, erschienen Koalitionen stets als Opfer oder Notbehelf und nicht als Mittel zur Durchsetzung ihrer In te res sen157. Bei den von ihm als grundlegend angesehenen kulturpolitischen Fragen zeigte sich aber auch das Zen trum wenig kompromissbereit – es sei nur auf das starre Festhalten an dem Gedanken der Bekenntnisschule hingewiesen. Der Zen trumspolitiker Joseph Joos stellte 1927 in einem viel beachteten Artikel zur „Psychologie der politischen Koalition“ fest, dass man in Deutschland noch weit davon entfernt sei, die Koalitionsbildung als selbstverständlich anzusehen: „Nichts dokumentiert so recht die Uneinigkeit unserer politisch-parlamentarischen Verhältnisse als die psychologischen Hemmungen, denen Koalitionen im Bewusstsein der breiten Wählermassen von Anfang an begegneten“158. Während sich die 54 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik SPD auf ein „Nie mit den Deutschnationalen“ festlegte, bestand das koalitionspolitische Dauerdilemma der DNVP darin, dass ihre scharfe Ablehnung der Verständigungspolitik nicht nur den In te res sen der Großindustrie und Landwirtschaft widersprach, sondern eine Regierungskoalition mit den Mitteparteien eben nur um den Preis der Anerkennung der so leidenschaftlich bekämpften Stresemannpolitik zu kriegen war. Neben den konfessionellen und ideologischen Fixierungen standen auch die lokal geprägten Mentalitäten der einzelnen Regionen, die durch das Weiterbestehen von 17 Ländern nach 1918 praktisch Verfassungsschutz genossen, der Ausformung einer nationalen politischen Kultur in der Weimarer Re pu blik entgegen. Alle Parteien blieben unter dem Aspekt ihrer Hochburgen gewissermaßen Regionalparteien und waren in bestimmten Diaspora-Gebieten faktisch überhaupt nicht oder nur schwach vertreten, wenn sich auch die Hochburgenlandschaft nach 1918 zu nivellieren begann159. Die Zahl der kleinen In te res sen- und Regionalparteien, bei denen es sich oftmals um reine Ein-Themen-Parteien handelte – so etwa die nach 1924 aus den Boden der Inflation schießenden Aufwertungsgruppen −, ist in der Weimarer Re pu blik nahezu unüberschaubar. Mitunter traten Gruppierungen lediglich für eine Wahl an oder lösten sich auf, um wenige Wochen später unter dem gleichen oder anderem Namen wiederzukehren, oder kandidierten ausschließlich in einem Wahlkreis. Obwohl sie sich als Gegenteil der alten „Weltanschauungsparteien“ zu profilieren versuchten, zeigte gerade die Wahlpropaganda der ausgesprochenen In te res senparteien als gemeinsames Merkmal „an implicit ideological content that amounted to nothing less than a fundamental rejection of the very social economic, and political foundations on which the Weimar Republic was based“160. Nicht die Inflation, sondern die Stabilisierung und die mit ihr verknüpfte Aufwertungsfrage wurden zum wichtigsten Thema der mittelständischen Wählerschichten. Typisches Beispiel für die „Anti-System- Politik“ der In te res senparteien war die im September 1920 gegründete Reichspartei des deutschen Mittelstandes, kurz Wirtschaftspartei genannt. Obwohl maximal nur etwa 50 000 Mitglieder zählend, konnte sie bei den Reichstagswahlen zwischen 1924 und 1930 bis zu 1,4 Millionen Wähler mobilisieren und spielte sie zeitweilig eine nicht unwichtige parlamentarische Rolle. Als „Symptom der Unzufriedenheit“ vieler kleiner selbständiger Mittelständler profitierte die Wirtschaftspartei auch von 55 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen dem „Aufschwung mittelständischer Rhetorik“ in den großen Weimarer Parteien nach der Inflation. Mit den Worten Michael Schumachers kultivierte sie eine „schwülstige Standes- und Parteisymbolik, die nur wenig in das Bild einer mittelständischen In te res senpartei zu passen scheint, aber doch den historisch-politischen Standort dieser Bewegung im Vorfeld des autoritären Faschismus andeutet“161. Ungeachtet des Aufkommens der kleineren In te res sen- und Regionalparteien veränderte das deutsche Parteiensystem erst in der Weltwirtschaftskrise nach 1929 entscheidend sein Gesicht, einerseits durch den jetzt beschleunigten Zerfall der bürgerlichen Mitte zugunsten der NSDAP, andererseits durch eine stärker sichtbare Tendenz zur „Volkspartei“, das heißt den Versuch auch von demokratischen Massenintegrationsparteien wie dem Zen trum oder der SPD, neue Wählerschichten für sich zu erschließen. Darin spiegelten sich allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen wider, wie die Veränderung der Arbeitsmarktstrukturen, die Expansion des Dienstleistungsbereichs oder die fortschreitende Urbanisierung, was auch den Ausbau, die Professionalisierung und Bürokratisierung der Parteiapparate förderte. Bei der folgenden Charakterisierung der wichtigsten Weimarer Parteien stehen deren programmatische Ausrichtung sowie Fragen der Organisation, der Wahlentwicklung, der Propagandamittel und der Sozialstruktur im Vordergrund. Geborene Oppositions- und klassische Staatspartei – Die Weimarer Sozialdemokraten Obwohl der SPD 1918 die politische Macht nach einem halben Jahrhundert der Opposition eher überraschend zugefallen war und sie die Regierung im Reich schon 1920 wieder an die bürgerlichen Parteien abgeben musste, wurde sie in den Augen der Öffentlichkeit zur eigentlichen Staatspartei der Weimarer Re pu blik162. Zu diesem Bild trug wesentlich ihre starke Machtposition im größten deutschen Einzelstaat Preußen bei, das unter dem „roten Zaren“ Otto Braun von 1920 bis 1932 fast ununterbrochen eine sozialdemokratisch geführte Regierung besaß. Sie vermittelte der SPD das beruhigende Gefühl, „dass die Re pu blik nicht völlig in bürgerliche Hände übergegangen war“163. Während führende Politiker der SPD wie Philipp Scheidemann oder Friedrich Ebert auf parlamentarische Verkehrsformen fixiert und um Ausgleich mit den bürgerlichen 56 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Parteien bemüht waren, bildete sich in der Frage, wie sich die SPD zum Weimarer Staat stellen solle, ein innerparteilicher „Vorbehaltsrepublikanismus“ auf dem linken Flügel heraus164. Die „sozialen Errungenschaften“ der Re pu blik waren andererseits wichtigstes Abgrenzungsmittel gegenüber der linken Konkurrenz und Sowjetrussland, das als warnendes Beispiel für den Rückfall in utopische Vorstellungen bezeichnet wurde165. Als Partei des spezifischen Klassenmilieus der Arbeiterschaft, vor allem aber der Facharbeiter, vertrat die SPD von Anfang bis zum Ende der Weimarer Re pu blik eine „konsequente Reformpolitik, die allerdings – nicht zuletzt aufgrund wechselnder innerparteilicher Verhältnisse – unterschiedlich präsentiert wurde, in bestimmten Phasen verbalradikal-revolutionär, in anderen parlamentarisch-reformistisch“166. Die Orientierung an den scheinbar so erfolgreichen Parteitraditionen, das Legalitätsdenken der Funktionäre und ihr Vertrauen auf die Kraft und Vernunft des Stimmzettels sowie den puren Mechanismus einer Wahlbewegung – kurz, die aus dem Kaiserreich mitgeführten Denk- und Verhaltensmustern prägten die Weimarer Sozialdemokratie, deren ureigenstes Kampfmittel der Aufmarsch disziplinierter Massen zur Demonstration der eigenen Organisationsmacht insbesondere vor Wahlen blieb167. Sozialdemokratische Wahlerfolge im Kaiserreich beruhten vor allem auf einer „generalstabsmäßig organisierten Beeinflussung jedes einzelnen Wählers mit einer Intensität, die die Anstrengungen der bürgerlichen Parteien weit in den Schatten stellte, auf der anderen Seite aber auch den Wahlhelfern schwere Lasten aufbürdete“168. Spätestens nach der Reichstagswahl von 1907 besaß der „Ausbau einer perfektionierten Wahlmaschine“ innerhalb der SPD oberste Priorität169. Angesichts der demographischen und berufssoziologischen Veränderungen musste sich die SPD nach 1918 von der Vorstellung verabschieden, dass ihre Anhänger- und Wählerschaft immer weiter wachsen werde wie einst die wilhelminische „Stimmrechtsarmee“. Trotz diverser sozialer Öffnungsversuche hin zu den Mittelschichten, für die der Görlitzer Parteitag von 1921 steht, blieb sie aber in soziostruktureller Hinsicht eine „Berufspartei des In dus trieproletariats“, eine durch das städtische Arbeitermilieu geprägte Teilkultur, von der sich bei weiter bestehenden Gemeinsamkeiten ein neues, kommunistisch geführtes Arbeitermilieu ausdifferenzierte. Erst am Ende der Weimarer Re pu blik kam die SPD in ihrer Wählerschaft dem soziologischen Bild einer „Volkspartei“ allmählich näher170. 57 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen Auf die erste Reichstagswahl bereiteten sich die Mehrheitssozialdemokraten mit einer Reichskonferenz Anfang Mai 1920 in Berlin vor, wo nach Abschluss der Debatte, in der man heftig über die bisherige Koalitionspolitik stritt, ein kämpferischer Aufruf zur Reichstagswahl verabschiedet wurde, der die „Parole der Einigkeit“ sowie das Ziel einer rein sozialdemokratischen Reichstagsmehrheit betonte171. Gegen die weit verbreitete Auffassung, dass die Koalition mit den bürgerlichen Parteien nur ein notwendiges Übel sei, argumentierte vor allem Reichskanzler Müller, doch auch er wusste: „Koalitionspolitik ist natürlich keine Wahlparole. Jede Partei, auch jede Koalitionspartei wird den Wahlkampf als Partei selbständig führen müssen; denn drei Koalitionsparteien, das heißt drei Weltanschauungen“172. Man könne, erläuterte Adolf Braun vom Parteivorstand, im Wahlkampf auch kein „spezialisiertes Programm für den kommenden Reichstag“ aufstellen. Ein solches müsse mit allen Schwierigkeiten rechnen, in die Deutschland verstrickt sei. Doch mit derartigen „Hemmungen“ zu agitieren, sei nahezu unmöglich, weshalb den Massen in erster Linie „die letzten großen Ideale des Sozialismus“ aufgezeigt werden müssten173. Obwohl sich insbesondere in der Einleitung des Görlitzer Parteitagsprogramms vom September 1921 volksparteiliche Tendenzen fanden, revidierte die SPD ihre Deutung der kapitalistischen Entwicklung nach 1918 nicht. Vielmehr habe sich durch den Weltkrieg der Proletarisierungsprozess der mittelständischen Gruppen, von den kleinen und mittleren Gewerbetreibenden bis hin zu den Beamten und freien Berufen, noch verstärkt. Sozialdemokratische Zukunftsaufgabe blieb die „sozialistische Re pu blik“. Um das „schaffende Volk“ aus den „Fesseln der Kapitalherrschaft“ zu befreien, kämpfte man für eine sozialistische „Gemeinwirtschaft“ zum „Wohl der Gesamtheit“174. In Görlitz definierte sich die SPD zwar als Partei des „arbeitenden Volkes in Stadt und Land“, doch zeugte im Übrigen kaum etwas davon, dass in der Partei jemals eine Revisionismusdebatte stattgefunden hatte. An der Spitze der „Kampfziele“ des im September 1922 verabschiedeten vorläufigen Aktionsprogramms, das durch die Wiedervereinigung mit dem rechten Flügel der USPD notwendig wurde, stand der Schutz der Re pu blik, weil diese „für den Kampf des arbeitenden Volkes den weitesten Spielraum, die sicherste Grundlage und den Ausgangspunkt für die Verwirklichung des Sozialismus“ biete. Unter dem Eindruck des Krisenjahres 1923 und der Vereinigung mit der Rest-USPD breitete sich in 58 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik der jetzt bis 1925 offiziell VSPD heißenden Partei wieder das Bedürfnis nach radikalen Parolen und klassenkämpferischer Abgrenzungsrhethorik aus. Dies hatte Folgen für die Koalitionspolitik, insofern man sich nicht zuletzt auf Druck der früheren Unabhängigen während der Staatskrise im November 1923 gegen die Große Koalition mit der DVP entschied175. Andererseits sehen Lösche und Walter gerade in der verbalradikalen Rhetorik das politisch-kulturelle Element, das die sozialdemokratische „Solidargemeinschaft“ zusammengehalten habe. In der Weimarer Zeit seien gar Anzeichen für einen „solidargemeinschaftlichen Höhepunkt“ ihrer Organisationskultur mit unzähligen Arbeiter- und Freizeitvereinen zu beobachten176. Während das Görlitzer Programm als „rechts“ galt, akzentuierte das Heidelberger Parteitagsprogramm von 1925 ganz in der Tradition von Erfurt 1891 wieder die Marxsche Ökonomie- und Klassenanalyse sowie die sozialistischen Ziele der SPD. Zugunsten von ihnen wurde der in Görlitz angedeutete Versuch zurückgestellt, sich von einer proletarischstädtischen Milieupartei in eine sozial und weltanschaulich offene „linke Volkspartei“ umzuwandeln. Angesichts ihrer politischen Niederlagen seit 1919 stelle Heidelberg, so Hans Mommsen, die Rückwendung der SPD zu ihrem „herkömmlichen introvertierten Selbstverständnis“ dar, was die „notorische Neigung koalitionspolitischer Abstinenz“ verstärkt habe. Motor und Indikator dieser Entwicklung sei vor allem der enge interessenpolitische Horizont der einflussreichen Gewerkschaftsführer gewesen177. Insbesondere mit seiner rigorosen Kampfansage an das „kapitalistische System“ entsprach das Heidelberger Programm „eher dem Selbstverständnis einer ‚geborenen‘ Oppositionspartei“ des Kaiserreichs als dem, „was die Sozialdemokraten tatsächlich waren – die klassische Staatspartei der Weimarer Re pu blik“178. Verfassungspolitisch bejahte sie in Heidelberg den Staat von Weimar als den „günstigsten Boden für den Befreiungskampf der Arbeiterklasse und damit für die Verwirklichung des Sozialismus“. Die Relikte des alten Obrigkeitsstaates sollten durch die „Demokratisierung der Verwaltung“ beseitigt werden. Im Abschnitt über „Internationale Politik“ hatte die SPD die Forderung nach Revision des Versailler Vertrages fallengelassen, sondern plädierte im Geiste der Locarno-Verträge für eine „friedliche Lösung internationaler Konflikte“ sowie für „internationale Abrüstung“. Neu war auch die Zielvorstellung der europäischen Integration auf wirtschaftlichem Gebiet, der „Vereinigten Staaten von Europa“. Einzig der sozialpolitische Teil des Hei- 59 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen delberger Programms nannte konkrete Versprechen auf In te res sen verwirk lichung für bestimmte Wählergruppen. Zur „Hebung der Lebenshaltung der breiten Massen“ wurden unter anderem die gesetzliche Festlegung des Achtstunden-Arbeitstages sowie der Umbau der Sozialversicherung im Sinne allgemeiner Volksfürsorge unter Einbeziehung der Arbeitsunfähigen und Erwerbslosen gefordert, Schutzzölle auf Lebensmittel, wie sie die deutschnationalen Agrarier verlangten, dagegen strikt abgelehnt. Wiederholt wurde die orthodox marxistische „Untergangs“-These, wonach der Kleinbetrieb und Kleinhandel mit innerer Notwendigkeit sterben müssten, was durch die steigende Konkurrenz der Warenhäuser bestätigt zu werden schien179. Sowohl Görlitz als auch Heidelberg dienten in erster Linie dazu, die unterschiedlichen Strömungen in der SPD zu integrieren, und waren für ihre praktische Politik wenig hilfreich. Höheren Stellenwert in dieser Hinsicht besaßen etwa das Kieler Agrarprogramm von 1927, das die „Inte res sengemeinschaft der arbeitenden Masse in Stadt und Land“ propagierte und unter anderem die Steigerung der agrarischen Produktion und eine Sozialversicherung für „kleine“ Landwirte forderte, oder die Richtlinien zur Wehrpolitik, die der Magdeburger Parteitag 1929 beschloss und die – nach der Farce um den Bau des Panzerkreuzers A – ein klares Bekenntnis zur Wehrhaftigkeit des Reiches ablegten. Das in Kiel propagierte internationalistische Selbstverständnis der SPD, deren Führung seit langem freilich „national“ empfand, stellte in der Weimarer Zeit nicht viel mehr als ein Lippenbekenntnis dar180. Die mit dem Heidelberger Programm einhergehende Verschärfung des Zwiespaltes zwischen reformistischer Praxis und theoretischer Selbstdarstellung der SPD entsprach ihrer „merkwürdigen Zwitterstellung, halb Regierungspartei, halb Oppositionspartei“, während der Mittelperiode der Re pu blik181. Die Wahlerfolge der NSDAP ab 1929, die innerhalb der SPD zunächst als „Panik im Mittelstand“ gedeutet wurden, belebten auch die Diskussion über die marxistische Verelendungstheorie mit ihrem unbeweglichen Zweiklassenschema. Da jedoch keine schlagkräftigen Alternativkonzepte zur Verfügung standen, musste als Notbehelf weiterhin die Propagierung der In te res senidentität von Mittelstand und Arbeiterschaft mittels des Kaufkraftarguments herhalten. Wie gegenüber den Katholiken, entwickelte die SPD auch gegenüber den Angehörigen des „alten“ selbständigen Mittelstandes kaum spezifische Werbebemü- 60 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik hungen, was aus heutiger Sicht die Rede von einem „sozialdemokratischen Mittelstandsdilemma“ rechtfertigt182. Schon Weimarer Zeitgenossen galt die SPD infolge ihrer „staatstragenden“ Rolle vor allem während der Spätphase der Re pu blik als eine eher konservative Partei, deren Stellung „im wesentlichen in der Mitte“ sei183. Vorgeworfen wurde ihr bereits vor 1933, Hitler nur mit der Waffe des Stimmzettels bekämpft und strikt die Spielregeln der Legalität beachtet zu haben, selbst als diese von jenem längst ad absurdum geführt worden seien. Wie die anderen Parteien auch unterschätzte die SPD die nationalsozialistische Gefahr, indem ihre Funktionäre typischerweise Parallelen zur Zeit des Sozialistengesetzes zogen und dem Glauben an die „Vernunft“ des Wählers verhaftet blieben184. Neuere Arbeiten betonen jedoch, dass keine andere Partei so energisch gegen den Nationalsozialismus gekämpft habe wie die SPD, für die spätestens seit dem September 1930 die Abwehr eines „Dritten Reiches“ höchste Priorität besaß. Tatsächlich war sie in der Weltwirtschaftskrise die einzige re pu bli kanische Kraft, die Angehörige aller Wählerschichten in nennenswertem Maße an sich binden und so mit der NSDAP konkurrieren konnte185. Gegenüber dem lange Zeit in der Forschung gültigen Verdikt von Hans Mommsen über den rein „defensiven Immobilismus“ der Weimarer SPD gelangt Detlef Lehnert zu einer günstigeren Einschätzung: „Allen restaurativen Tendenzen energisch Widerstand leistend, die Weimarer Verfassung normativ anerkennend und öffentlichkeitswirksam propa gierend, aber die demokratischen und sozialen Defizite der Verfassungswirklichkeit kritisch begleitend, sollte die Sozialdemokratie ‚Staatspartei der Re pu blik‘ selbst in Phasen der Opposition werden und zugleich Hoffnungsträger ‚revolutionärer Reformisten‘ bleiben“186. „Nationale Opposition“ – Die Deutschnationalen Als rechte Sammelbewegung im Stil der Vaterlandspartei von 1917 verkörperte die im November 1918 gegründete DNVP das politisch-personelle Erbe der konservativen Eliten und Parteien des Kaiserreichs, neben den Deutschkonservativen, Freikonservativen und Christlich- Sozia len auch Repräsentanten des Alldeutschen Verbandes sowie der extrem antisemitischen Deutschvölkischen, zu denen sich einige Nationalliberale gesellten. Obwohl sich diese „nationalen“ Kräfte des Bürgertums 61 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen durch die konterrevolutionäre Parole einigten, machten sich schon bei der Gründung zentrifugale Tendenzen zwischen einem strikt antidemokratischen und einem mehr pragmatisch-gouvernementalen Flügel der DNVP bemerkbar, eine Spaltung, die symptomatisch für die bürgerliche Rechte in der Weimarer Re pu blik werden sollte. Ihre Schwächung während der Revolutionsmonate 1918/19 war freilich nur vorübergehender Natur. Da der DNVP-Wahlkampf zur Nationalversammlung 1919 ohne einheitliche Parteiführung, Programm oder zen tra le Organisation geführt werden musste, stellte er eher eine Summe von vielen einzelnen Wahlkämpfen der alten Konservativen dar. Während der „Aufmarsch der gegnerischen Parteien“, so später Hauptgeschäftsführer Max Weiß, bereits im November begonnen habe, sei das erste Rundschreiben der DNVP erst am 20. Dezember 1918 erschienen187. Ihre Mitte Dezember 1918 einsetzende Aktivität diente dann sowohl der Mitgliederwerbung, der Gründung von Ortsgruppen als auch dem Wahlkampf. Der am 22. Dezember veröffentlichte Wahlaufruf der DNVP bekannte sich demonstrativ zu den alten „ruhmbedeckten Fahnen“ des Deutschen Reiches, das im Krieg „gegen eine Welt von Feinden Sieg auf Sieg“ errungen habe. Auch jetzt wieder bot sie sich zur „entschlossenen Arbeit am Wiederaufbau des deutschen Staates und Volkstums“ an, und zwar in „jeder durch die Nationalversammlung geschaffenen Staatsform“. Unter der neuen Verfassung werde sich aber langfristig eine „monarchistische Spitze als ein über den Parteien stehender persönlicher Faktor“ entsprechend der historischen Eigenart des deutschen Volkes durchsetzen. Mit einer für die dramatische Tendenz ihrer Propaganda typischen Beschwörung der Gefahr vor „Vernichtung durch den Bolschewismus“ rief die DNVP den Wählern zu188. Abgesehen von dem Kampf gegen die „einseitige Klassendiktatur“ der SPD richtete die DNVP ihren Hauptstoß vor dem 19. Januar 1919 gegen die „Judenpartei“ DDP, die mit einer antisemitischen Hetzkampagne gegen die „Geldsackherrschaft“ und ihre „jüdische Presse“ überzogen wurde. Im Übrigen versuchten sich die Deutschnationalen als „wahre Volkspartei“ zu profilieren, die versprach, sowohl die „Auswüchse eines international gerichteten Großkapitalismus“ zu bekämpfen als auch Arbeiter und Angestellte durch den „planmäßigen Ausbau der Sozialpolitik“ zu schützen sowie die Frauen zu vertreten, die sich durch ihre „bewundernswerten Leistungen“ im Krieg die politische Mitsprache verdient hätten189. 62 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Durch ihre Beteiligung am Kapp-Putsch kompromittiert, trat die DNVP vor dem 6. Juni 1920 die Flucht nach vorne an und beschuldigte die Reichsregierung, durch „Mangel an gutem Willen gegenüber berechtigten Forderungen“ den Putsch sowie „neues Elend“ und neuerlichen „roten Terror“ erst heraufbeschworen zu haben190. Wenn sie auch aus wahltaktischen Gründen betonte, „auf verfassungsmäßigem Boden einen guten und ehrlichen Kampf um die Wiederaufrichtung des gebeugten Vaterlandes“ auszufechten, hielt sich die DNVP in der Verfassungsfrage zurück. Vielmehr akzentuierte sie den Kampf für die „Wiedergeburt des deutschen Volksgeistes“ und gegen „jeden zersetzenden, undeutschen Geist“, vor allem die seit der Revolution „immer verhängnisvoller hervortretende Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Öffentlichkeit“191. Als Schwerpunkte ihrer politischen Arbeit kristallisierten sich nach 1920 der Kampf gegen Re pu blik und Demokratie unter Ausnutzung der parlamentarischen Strukturen sowie für die Restauration der Monarchie und außenpolitische Revanche heraus. Obwohl prominente Parteiführer wie der spätere Reichsinnenminister Walter von Keudell aktiv in den Kapp-Putsch verstrickt waren, konnte die DNVP mit verbalradikalen Wahlparolen bei der Reichstagswahl vom Juni 1920 immerhin 15,1 Prozent der Stimmen erzielen. Ihr rascher Aufstieg bis 1924 kann geradezu als Gradmesser für die Stärke der republikfeindlichen Kräfte im Nachkriegsdeutschland gelten. Während der 1920er-Jahre war die DNVP nicht nur die stärkste Fraktion unter den bürgerlichen Parteien, sondern die bestimmende Kraft der „nationalen Opposition“. Nach der Absplitterung der völkisch-antisemitischen Extremisten, die sich 1922 zur DVFP formierten, sowie der Aufnahme weiterer Nationalliberaler aus den Reihen der DVP im Frühjahr 1924 folgte in der Mittelphase der Re pu blik eine Zeit der vor allem von den wirtschaftlichen In te res senverbänden gewünschten, aber stets begrenzten Mitarbeit der DNVP im Staat der „Novemberverbrecher“192. Ihre größten Erfolge verzeichneten die Deutschnationalen mit Stimmenanteilen von um die 20 Prozent in den Reichstagswahlen 1924, die von außenpolitischen Themen wie dem von ihr scharf abgelehnten Dawesplan geprägt waren. Als weiteren Sieg konnten sie die Wahl Hindenburgs, dem Vertreter des „alten“ Deutschland, zum Reichspräsidenten im Frühjahr 1925 verbuchen. Bis 1928 bestimmten die pragmatisch denkende Parteiführung um Kuno Graf von Westarp sowie die wirtschaftlichen In te- 63 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen res senverbände die Politik der DNVP, die sich 1925 erstmals an einer bürgerlichen Reichsregierung beteiligte, aber wegen der Locarnoverträge noch im gleichen Jahr wieder bis Anfang 1927 in die Opposition ging. Auf Drängen der DNVP-Minister wurden die deutschen Zölle für Lebensmittel angehoben und ein Subventionsprogramm für die Landwirtschaft gestartet. Viele ehemalige deutschnationale Mittelstandswähler honorierten solche In te res senpolitik jedoch nicht, sondern bescherten der Partei im Mai 1928 mit einem Rückgang auf 14,1 Prozent der Stimmen eine herbe Wahlniederlage. Sie läutete das Ende der Ära Westarp und damit des ohnehin fragwürdigen Annäherungsprozesses der DNVP an die Weimarer Re pu blik ein. Unter der neuen Parteiführung Alfred Hugenbergs, dem Exponenten des alldeutschen Flügels, bis 1919 Vorsitzender des Direktoriums der Krupp AG, war ab dem Oktober 1928 die Rückkehr zur Fundamentalopposition beschlossene Sache, allerdings begleitet von weiteren Abspaltungen, darunter der christlich-soziale Flügel mit den Führern des „Deutschnationalen Arbeitnehmerbundes“ und die Altkonservativen um Westarp. Die verbliebene Rumpf- DNVP unterstützte nach 1930 den kompromisslosen Oppositionskurs Hugenbergs, der die Partei mithilfe seines Presse- und Propagandaapparates in eine autoritär geführte Bewegung nach Vorbild der NSDAP umformte, die mit national revolutionärem Ethos für die Aufrichtung eines neuen deutschen Machtstaates, eines „Dritten Reiches“, kämpfte193. Die DNVP repräsentierte in der Weimarer Re pu blik das konservativ-nationalistische Milieu, dessen sozialer Unterbau vor allem auf den Mittelschichten ruhte, den kleinen und mittleren Selbständigen und Eigentümern – was der Aufwertungsfrage nach der Inflation eine besondere Brisanz für die Partei gab −, aber auch auf ostelbischen Landarbeitern, Händlern und Bauern, monarchistisch gesinnten Akademikern sowie „national“ eingestellten Angestellten. Ihren stärksten Rückhalt besaß die DNVP ähnlich wie die alten Konservativen in den protestantischländlichen Gebieten Altpreußens. Die Unterstützung christlicher Gewerkschaftler und des DHV, aus deren Reihen sich der Arbeitnehmer flügel rekrutierte, sowie enge Verbindungen zu den evangelischen Kirchen sicherten ihr eine gewisse Massenbasis. Über die ehemaligen Offiziere und Unteroffiziere, die ganz dem Kaiserreich verhaftet blieben, war man eng mit dem Stahlhelm verbunden. Großen Einfluss auf die Politik der DNVP übten In dus trielle, Agrarier, hohe Militärs und Bankiers aus, am promi- 64 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik nentesten wohl Großadmiral Alfred von Tirpitz und Karl Helfferich, bis zu seinem Tode 1924 führender Parlamentarier der Partei. Analog zu der heterogenen sozialen Zusammensetzung bot ihre Organisation infolge einer starken Dezentralisation, die sich nicht zuletzt bei Reichstagswahlkämpfen ungünstig auswirkte, ein regional sehr unterschiedliches Bild. Die Landesverbände besaßen – zum Teil unter anderen Parteinamen (in Bayern etwa als Bayerische Mittelpartei) – gro- ßes eigenständiges Gewicht. Die Mitgliederzahl der DNVP bewegte sich in den Anfangsjahren der Weimarer Re pu blik um die 700 000194, ging aber in den 1920er-Jahren kontinuierlich zurück. Dem Anschein nach eine Massenmobilisierungspartei mit Millionen von Wählern, blieb sie doch in ihren Entscheidungsstrukturen eine Honoratiorenpartei, deren Politik von den Fraktionen und organisierten In te res senvertretern aus Schwerindustrie und Großlandwirtschaft bestimmt wurde. Fundamentale Opposition gegen die als illegitimer Staat empfundene Re pu blik einerseits, konservatives Verantwortungsgefühl mit dem Schicksal des Staates „an sich“ und handfeste materielle In te res sen andererseits, die auf Kooperation mit den bestehenden Strukturen drängten – unter diesem Zwiespalt litt auch die Politik der DNVP195. Ein verbindliches Parteiprogramm existierte bezeichnenderweise nicht, dafür liegen aus der Frühphase der Partei immerhin einige Dokumente mit programmähnlichem Charakter vor, neben dem Gründungsaufruf vom November 1918 und den Wahlaufrufen von 1919/20 insbesondere die „Grundsätze“ der DNVP von 1920. War die Partei unter dem Eindruck der Revolution noch zu defensiven Zugeständnissen an die Re pu blik bereit gewesen – etwa das Koalitionsrecht oder der kurzzeitige Verzicht auf die Monarchie-Parole in den ersten Aufrufen –, nannten die Grundsätze neben der monarchischen Restauration als vorrangige Ziele den Kampf gegen die angebliche Vorherrschaft des Judentums, für eine „starke“, das hieß nur von deutschen Gesichtspunkten geleitete Außenpolitik, die Revision des Versailler Vertrags, den Wiedererwerb der Kolonien sowie die Befreiung Deutschlands von jeder „fremder Zwangsherrschaft“. In der Präambel sowie am Ende der Grundsätze wurde die Dolchstoßlegende kolportiert, die von Hindenburg nach Kriegsende in Umlauf gesetzte „beliebteste Lebenslüge der Deutschen“196. Der programmatische Antisemitismus der Deutschnationalen gipfelte in der von ihrer Propaganda stets gebetsmühlenartig wiederholten These, dass eine „seit der Revolution immer verhängnisvoller hervortre- 65 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen tende Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Öffentlichkeit“ zurückgedrängt werden müsse. An der Spitze der angestrebten nationalen Volksgemeinschaft versprach die DNVP für die „Erneuerung des von den Hohenzollern aufgerichteten deutschen Kaisertums“ zu kämpfen197. „Auf dem Boden der gegebenen Tatsachen“ – Die katholischen Parteien Das Zen trum konnte innerhalb des deutschen Parteiensystems aufgrund seines „spezifisch katholischen Sozialmilieus eine Sonderstellung als Weltanschauungs- oder Gesinnungspartei“ beanspruchen198. Obwohl es stark den interkonfessionellen Anspruch betonte, erschöpften sich die Erneuerungsbestrebungen nach dem November 1918 allerdings in einem kurzlebigen Namenszusatz „Christliche Volkspartei“ sowie in der Absage, welche die Führung um Matthias Erzberger monarchistischen Restaurationsforderungen erteilte. Ungeachtet eines soziostrukturellen „Volkspartei“-Charakters mit Anhängern aus allen sozialen Schichten blieb das Zen trum auch nach 1918 vor allem die Partei des katholischen Volksdrittels. Es war vor allem die religiöse Bindung, welche die sozial heterogene Partei zusammenhielt, für die sich allerdings bei Wahlen etwa nur sechzig Prozent aller deutschen Katholiken entschieden, darunter die „noch stark in der katholischen Lebenswelt verwurzelten Frauen“ mit einem Stimmenanteil von bis zu sechzig Prozent deutlich überrepräsentiert199. Obwohl ohne jede re pu bli ka nische Tradition, stellte sich das Zentrum 1918 umstandslos auf „den Boden der gegebenen Tatsachen“, indem es sich als „Verfassungspartei“ der bürgerlichen Mitte ausgab. Von jeher war die Politik des Zen trums praktisch kaum durch feste Programmsätze bestimmt, sondern wurden Entscheidungen im Wesentlichen je nach den aktuellen Problemlagen getroffen. Innerparteiliche Gegensätze zwischen agrarisch-konservativen Kräften und dem gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmerflügel konnten immer wieder durch das konfessionelle Element und die gemeinsame „katholische“ Zielsetzung erfolgreich überdeckt werden. Ohne dass nach 1918 nennenswerte Ausdifferenzierungen in politischer wie soziostruktureller Hinsicht erfolgten, blieb das Zen trum ein „echtes Integrationsmilieu“, das ein beachtliches Spek trum sozialer In te res sen und Positionen unter dem katholischen Dach vereinigte200. 66 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Das Zen trum versuchte sich im ersten Reichstagswahlkampf 1920 als „wahre Volkspartei“ zu profilieren, die den „versöhnlichen Ausgleich der In te res sengegensätze zwischen den einzelnen Ständen und Berufen, zwischen den mehr fortschrittlichen und mehr konservativen Anschauungen in der Politik“ und nicht zuletzt zwischen den Konfessionen anstrebe201. Das Hauptthema ihrer Wahlpropaganda bildete die Koalitionspolitik, das hieß die innerhalb des Zen trums nicht unumstrittene Zusam menarbeit mit der Sozialdemokratie in der Nationalversammlung. In Erinnerung an das Dilemma von 1919, als es nach einem scharf antisozialistischen Wahlkampf in eine Koalition mit der SPD eingewilligt hatte, vermied das Zen trum vor dem 6. Juni 1920 richtungspolitische Festlegungen, sondern führte den Wahlkampf gleichermaßen gegen Rechts und Links202. Bei den Reichstagswahlen der 1920er-Jahre blieb das Zen trum hinter der SPD die zweitstärkste demokratische Massenpartei der Re pu blik mit einem Stimmenanteil von um die 13 Prozent, kam aber trotz etwa vier Millionen Wählern nicht über die Zahl von 200 000 Mitgliedern hinaus, die sich (außerhalb Bayerns) vor allem im Westen und im Rheinland konzentrierten, während der Osten Deutschlands – mit Ausnahme von Oberschlesien – Diasporagebiete für das Zen trum blieben. Der Aufbau eines flächendeckenden Netzes von Ortsgruppen scheiterte bereits an dem mangelnden Rückhalt der Partei in überwiegend protestantischen Regionen. Hinsichtlich der Finanzlage sorgten anlässlich der Wahlkämpfe neben den Beiträgen der Abgeordneten vor allem die Handels- und In dus triebeiräte beim Parteivorstand für ein größeres Spendenaufkommen. Dennoch litt die Partei unter chronischem Geldmangel und vermochte sie weder einen leistungsfähigen Parteiapparat noch eine eigene Presse aufzubauen, die ihrer starken Stellung im Reich und in Preußen entsprochen hätte203. Die ungenügende Parteiorganisation konnte zum Teil durch das enge Zusammenwirken mit den vielfältigen Laienorganisationen, allen voran dem Volksverein für das katholische Deutschland, weniger dem Klerus, der gleichwohl wahlstrategisch große Bedeutung für das Zen trum besaß, sowie mit den Christlichen Gewerkschaften wettgemacht werden204. Ein staatspolitischer Pragmatismus und die koalitionspolitische Flexibilität in den „wandelbaren Dingen des öffentlichen Lebens“, soweit sie nicht die Stellung der katholischen Kirche im Staat oder kulturpolitische Prinzipien betrafen, ließen das Zen trum eine Schlüsselrolle im parla- 67 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen mentarischen System von Weimar einnehmen und sowohl links- als auch rechtsgerichteten Reichsregierungen zwischen 1919 und 1932 angehören205. Die soziale Heterogenität des Zen trums bedingte seinen ausgeprägten Willen zum Ausgleich widerstrebender In te res sen und war Grundstein für die bündnispolitische Scharnierstellung zwischen konservativen und liberal-bürgerlichen Parteien sowie der SPD. Die Beteiligung an den Bürgerblockkabinetten nach 1924 führte zu neuen heftigen Kämpfen um die Bündnispolitik des Zen trums, die Ende 1925 mit dem Austritt von Joseph Wirth, der Symbolfigur des „linken“ re pu bli ka nischen Flügels, aus der Reichstagsfraktion eskalierten. 1927/28 ging seine Partei dennoch wieder eine Koalition mit der DNVP ein, weil sie hoffte, so endlich ein konfessionelles Reichsschulgesetz durchsetzen zu können. Die Regierungsbeteiligung an der Großen Koalition von 1928 bis 1930 konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass ab 1928 eine verschärfte Rechtsentwicklung des Zen trums stattfand, die mit der Wahl des Trierer Prälaten Ludwig Kaas zum Parteivorsitzenden und Heinrich Brünings zum Fraktionsvorsitzenden im Reichstag Ende 1929 personell festgeschrieben wurde. Im Anschluss an den Kölner „Parteitag der Besinnung“ vom Dezember 1928 sicherte man sich zugleich durch Aktivierung der weltanschaulichen Grundlagen das Plazet des katholischen Klerus für die kommenden Wahlkämpfe206. Hinsichtlich des programmatischen Profils des Weimarer Zen trums besaß neben den angestammten kultur- und religionspolitischen Fragen die Sozialpolitik große Bedeutung, wo es sich stark an die katholische Soziallehre anlehnte. Maßgebender als Parteiprogramme – immerhin genügte das so genannte Soester Wahlprogramm von 1870 über 50 Jahre lang als politische Plattform – waren für den praktischen Kurs des Zen trums jedoch „eine Rede von Kaas, der Wahlaufruf von 1930, die Regierungspolitik Brünings“207. Auf die revolutionären Ereignisse reagierte die zunächst völlig überraschte Parteiführung mit den „Leitsätzen“ vom 30. Dezember 1918, in denen es sich für die Wiederherstellung des Rechtsstaates sowie scharf gegen die Revolution aussprach. Es gelte, so der zen tra le Passus, „ein soziales Recht der Allgemeinheit aufzurichten, das jeden Staatsbürger für seine pflichtmäßige Arbeit und sein Eigentum einen gerechten und zuverlässigen Schutz“ gewähre. Traditionell sah sich das Zen trum als „Kulturpartei“, der die Erhaltung der christlichen Werte zugleich Herzenssache und politische Methode war. Die Zen trumspro paganda verdankte schließlich ihre Wirkung in erheblichem Maße 68 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik der „scharfen Abgrenzung gegen die andersgläubige Umwelt“208. „Volksgemeinschaft“ hieß dabei der Schüsselbegriff ihrer „Ausgleichsideologie“, der als Ideal einer konfessionellen Versöhnung und politischen Integration auch der katholischen Minderheit zugleich Gegenbild sowohl zum marxistischen Sozialismus als auch zum monarchistischen Obrigkeitsstaat war209. In seinem ersten umfassenden Grundsatzprogramm, den „Richtlinien“ vom Januar 1922, definierte sich das Zen trum als „christliche Volkspartei, die bewusst zur deutschen Volksgemeinschaft steht und fest entschlossen ist, die Grundsätze des Christentums in Staat und Gesellschaft, in Wirtschaft und Kultur zu verwirklichen“. Außenpolitisch sprach das Zen trum von der „Weltgeltung“ Deutschlands und von „nationalen Notwendigkeiten“, die jeder Parteipolitik überzuordnen seien, wie die Revision von Versailles, die Kriegsschuldfrage oder der deutsche Anspruch auf Kolonien. Innenpolitisch bestimmten die „christliche Staatsauffassung“ und der „überlieferte Charakter als Verfassungspartei“ die freilich in der Praxis nicht eindeutige Stellung des Zen trums zur Weimarer Repu blik. Direkt katholische In te res senforderungen wurden von den Grundsätzen weitgehend vernachlässigt, lediglich der Bekenntnisschule solle „Raum zur Entwicklung“ gegeben werden210. Seine Ausgleichspolitik nach 1918 verstand das Zen trum in erster Linie als „Dienst am Staat“, um das durch den „unglückseligen Umsturz“ bedrohte Reich vor dem völligen Untergang zu „retten“ – eine Denkfigur, die auch von der rechtsnationalen Propaganda verinnerlicht wurde. Das vorrangige In te res se des Zentrums an einem funktionierenden Gemeinwesen und effektiver Regierungsarbeit ließen verfassungspolitische Kontroversen um die ideale Staatsform als zweitrangig erscheinen. Karsten Ruppert sieht in der Dialektik, wonach dieselben christlich-katholischen Normen, in denen sich die Distanz des Zen trums zur Weimarer Re pu blik spiegelte, zugleich auch der Grund dafür waren, dass es zu einer ihrer „zuverlässigsten Stützen“ werden konnte, das „eigentliche Dilemma“ der katholischen Partei211. Vor allem die föderalistischen Tendenzen konnten nach dem Krieg nicht mehr in die lockere Programmstruktur des Zen trums integriert werden, sodass sich im November 1918 unter Führung des „Bayerischen Christlichen Bauernvereines“ und seines Vorsitzenden Georg Heim der bayerische Landesverband des Zen trums verselbständigte, um ein sozialdemokratisch geführtes Reich und den liberalen Erzberger-Kurs abzu- 69 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen wehren. Programmatisch unterschied sich die BVP vom Zen trum vor allem durch die landsmannschaftliche Einfärbung ihrer Positionen, den betonten Föderalismus und einen militanten „Antimarxismus“. Innerhalb des Weimarer Parteienspektrums repräsentierte sie eine katholischkonservative, strikt antisozialistische Regionalpartei, die weniger der bürgerlichen Mitte als vielmehr der Rechten zuzurechnen ist212. Die BVP verstand sich selbst als Bewahrerin der Traditionen bayerischer Eigenstaatlichkeit in der von ihr nur formell bejahten Weimarer Re pu blik. Im Januar 1920 löste sie die Fraktionsgemeinschaft mit dem Zen trum im Reichstag und nahm an allen Reichstagswahlen mit eigenen Kandidatenlisten teil (allerdings nur in den vier bayerischen Wahlkreisen). Innerparteilich konnte sich die „aktivere jüngere Richtung“ um den neuen Vorsitzenden Fritz Schäffer durchsetzen und für eine verschärft „anti marxistische“ Ausrichtung der BVP sorgen. Soziostrukturell war die BVP stark agrarisch-bäuerlich geprägt. Im katholisch-ländlichen Milieu Bayerns verfügte sie über einen festen Wählerstamm und erreichte bei Reichs- und Landtagswahlen im Durchschnitt etwa eine Million Stimmen, was ihr zwischen 16 und 22 Abgeordnete im Reichstag sicherte. Ihre Wähler mobilisierte sie ähnlich wie das Zen trum mithilfe der katholischen Vereine sowie des Klerus. Als einzige Regionalpartei erlangte sie größere reichspolitische Bedeutung und konnte in entscheidenden Situationen wie der Reichspräsidentenwahl 1925 sogar das Zünglein an der Waage spielen. Bedeutung für die praktische Politik der BVP besaß vor allem ihre Landtagsfraktion in Bayern, das bis 1933 von ihr regiert und nach Beseitigung der Münchner Räterepublik zur nationalistischen „Ordnungszelle“ des Reiches wurde. Gesellschaftspolitisches Ideal der BVP blieb der „organische Staat, eine homogene Gemeinschaft ohne gravierende In te res sengegensätze, auf naturrechtlichen Prinzipien gegründet und ständisch gegliedert“213. Gefordert wurden die „Rückkehr zur bundesstaatlichen Form des Reiches“, eine rigorose Einschränkung der Eingriffe von Seiten der „preußischen“ Zentralregierung in das Wirtschaftsleben der Länder sowie auf dem Boden der christlichen Weltanschauung der „gerechte Ausgleich der In te res sen aller Stände“. Wichtigster Punkt des Parteiprogramms blieb der gegen einen preu- ßischen Zentralismus als Feindbild gerichtete Ruf: „Bayern den Bayern“214. 70 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Revolutionäre Partei „im Wartestand“ – Das Dilemma der Weimarer Kommunisten Die aus der Vereinigung des Spartakusbundes mit linksradikalen Splittergruppen an der Jahreswende 1918/19 hervorgegangene KPD führte die Traditionen des linken Flügels der Vorkriegssozialdemokratie weiter, indem sie sich zur proletarischen Revolution nach sowjetrussischem Vorbild bekannte. Nachdem sich auf dem Parteitag der KPD Mitte April 1920 in Berlin die Führung um Paul Levi gegen den extremen syndikalistischen Flügel durchsetzen konnte, rechtfertigte die Zen tra le in ihrem am 17.  April veröffentlichten Wahlaufruf die Beteiligung an den Reichstagswahlen damit, dass die eigentliche Entscheidung über das kommunistische Endziel – die „Eroberung der gesamten Staats- und Wirtschaftsmacht durch das Proletariat“ als Rettung vor dem „drohenden Verfall in die Barbarei“ – zwar außerhalb der Parlamente fallen werde. Im Sinne Rosa Luxemburgs müsse der Reichstag aber als „Tribüne“ genutzt werden, um „dem Unterdrückten zu sagen, wie sehr er unterdrückt ist, wie viel er verloren hat und was er gewinnen kann“215. In unbedingter Gegnerschaft zur Weimarer Re pu blik sprengten sowohl die politischen Ziele der KPD als auch die Methoden ihrer „Stra- ßenpolitik“ die von der Verfassung als legal vorgegebenen Spielräume der politischen Willensbildung. Taktisches Hauptziel der Kommunisten war, die deutschen Arbeiter durch die Schaffung einer „Einheitsfront von unten“ von ihren sozialdemokratischen Führern zu lösen. Seit ihrer Gründung übte die mehrmals verbotene KPD, die erst durch die Vereinigung mit der linken USPD Ende 1920 den Status einer Massenpartei gewann, strikte Opposition gegenüber dem „kapitalistischen Staat“. Es gab im Horizont der kommunistischen Bewegung nur den einen revolutionären Ausweg aus den Weimarer Verhältnissen, die von ihrer Propaganda als ganz und gar unerträglich dargestellt wurden. Jeder sozialer oder politischer Kompromiss galt bereits als „Verrat“. Die anfängliche Putschtaktik fror man jedoch 1923 nach dem Scheitern offener Umsturzversuche ein und betrieb stattdessen parlamentarische Obstruktionspolitik, während scholastische Aus ei nan der set zungen um den richtigen Kurs die Partei lähmten216. Für die von ständigen taktischen Kursänderungen geprägte Politik der KPD war mehr und mehr Moskau beziehungsweise die Kommunistische Internationale verantwortlich. Hier wurde 1928 auch die „ultra- 71 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen linke“ Generallinie eingeläutet, wonach in einer Periode des verschärften Klassenkampfes das letzte Bollwerk des Kapitals und somit der Hauptfeind der KPD die „Sozialfaschisten“ der SPD seien – eine These, die durch Ereignisse wie etwa dem Berliner „Blutmai“ von 1929 Nahrung erhielt. Zum Dilemma der KPD als einer revolutionären Massenpartei „im Wartestand“ (Sigmund Neumann) wurde, in objektiv nichtrevolutionären Zeiten eine dem Anspruch nach revolutionäre Politik betreiben zu wollen. Als sich 1929/30 die wirtschaftliche und politische Lage in Deutschland zuspitzte, war es der Partei vor allem wegen der anderweitigen Ziele der russischen Außenpolitik nicht möglich, zu der revolutionären Putschtaktik der Anfangsjahre zurückzukehren. Für seinen Kurs der forcierten Industrialisierung und Kollektivierung in Russland – „Sozialismus in einem Lande“ – konnte Stalin keine außenpolitischen Verwicklungen gebrauchen217. Obwohl ihr gesellschaftlicher Einfluss zwischen 1924 und 1929 geringer war als in den Anfangs- und Endjahren, blieb die KPD dennoch ein wichtiger Faktor in der Weimarer Politik und gehörte mit etwa dreieinhalb Millionen Wählern, das waren bei Reichstagswahlen zwischen zehn und zwölf Prozent, zu den größten deutschen Parteien. Insbesondere in der Weltwirtschaftskrise erhielt sie starken Zulauf und konnte ihre Stimmenanteile bei den Reichstagswahlen 1932 auf 14,3 beziehungsweise 16,9 Prozent steigern. Von ihrer sozialen Zusammensetzung her stellte die KPD eine fast reine Klassenpartei der städtisch-industriellen Arbeiterschaft dar, aus der sich 1927 vier Fünftel der allerdings stark fluktuierenden Mitgliedschaft rekrutierten, während ihre Gesamtzahl um 1930 bei etwa 250 000 lag. Keineswegs war die KPD – wie lange angenommen – nur die Partei des so genannten Lumpenproletariats, vielmehr waren 1927 etwa vierzig Prozent der Mitglieder gelernte Arbeiter und erst in den Jahren nach 1930 dominierten die Arbeitslosen mit Anteilen von bis zu achtzig Prozent. Im Übrigen handelte es sich um eine fast reine „Männerpartei“, da der Frauenanteil bei nur 16 Prozent lag, sowie eine vergleichsweise junge Partei: achtzig Prozent der Mitglieder waren unter fünfzig Jahre alt218. Neben der Partei existierte ein Geflecht von Vor- und Umfeldorganisationen wie die Rote Hilfe oder die Revolutionären Gewerkschaften, auf die im Wahlkampf zurückgegriffen werden konnte. Als Kampforganisation für die Diktatur des Proletariats und Gegengewicht zu Stahlhelm und Reichsbanner hatte die KPD 1924 den Roten Frontkämpfer- 72 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik bund gegründet, der in den folgenden Jahren etwa 100 000 Mitglieder zählte und 1929 verboten wurde. Von überragender Bedeutung für die Geschichte der Weimarer KPD, die formell keine selbständige Partei, sondern eine Sektion der Komintern und als solche deren Weisungen unterworfen blieb, war der Stalinisierungsprozess, der 1924 einsetzte und sich vor allem in einer zunehmenden Abhängigkeit von Moskau offenbarte. Im Zeichen ihrer „Bolschewisierung“ ab 1924/25 konsolidierte sie sich – wenn auch begleitet von heftigen Flügelkämpfen – unter der Führung des für seine Moskautreue bekannten Ernst Thälmann zu einer „Partei neuen Typs“219. Im Unterschied zur NSDAP galt in der KPD nicht das Führerprinzip, sondern das Prinzip des „demokratischen Zentralismus“, offiziell eingeführt im Juli 1925 mit dem neuen „bolschewistischen“ Statut der KPD, das auch die Betriebs- und Straßenzellen als organisatorische Grundlage festschrieb. Die zentralistischen Momente verstärkten sich und gaben der vom Parteitag gewählten Zen tra le (später Zentralkomitee) eine große Machtbefugnis. Die faktische Entscheidungsgewalt lag in Händen des Politbüros und seines Führungsorgans, des Politsekretariats, das den hauptamtlichen Apparat der KPD kontrollierte. Als Partei der Mobilisierungs- und Massenaktionen, deren umstürzlerisches Profil und lärmende Agitation konzeptionelle Schwächen überdecken halfen, hob sich auch das soziokulturelle Milieu der Kommunisten deutlich vom defensiven Legalismus und Reformismus der Weimarer SPD ab220. Laut dem Spartakus-Programm von 1918/19 trat die KPD für die „einheitliche sozialistische Re pu blik“ ein, die als positives Gegenbild zum Weimarer Staat verheißungsvoll angepriesen wurde. Um dem großen Vorbild und „sozialistischen Vaterland“ Sowjetunion nachzueifern, stand zunächst die Weltrevolution auch auf der Tagesordnung der deutschen Kommunisten. In hymnischen Sentenzen wurde der Sieg des Spartakus- Bundes bereits mit dem „Sieg der großen Millionenmassen des sozialistischen Proletariats“ gleichgesetzt. Daran schloss sich ein maximalistischer Forderungskatalog an, der im Kontrast zu der zahlenmäßigen Schwäche der Partei stand und von der Einsetzung von Arbeiter- und Soldatenräten als politische Exekutivorgane bis zur Abschaffung der deutschen Einzelstaaten reichte. Nach dem Spartakus-Programm von 1918 verabschiedete die KPD kein ordentliches Parteiprogramm mehr. Auf dem Frankfurter Parteitag Mitte April 1924 nahm man unter der neuen „linken“ Führung lediglich 73 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen ein so genanntes Aktionsprogramm an, das eine „Epoche der verschärften kapitalistischen Offensive“ diagnostizierte221 und neben dem Manifest des XII. Parteitages von 1929222 sowie der Proklamation zur nationalen und sozialen Befreiung vom August 1930 das bedeutendste Programmdokument der KPD darstellte. Wie ein roter Faden zog sich nicht zuletzt durch ihre Wahlpropaganda der Versuch, auf nationalistische Massenbewegungen in der Bevölkerung, wie etwa während des Ruhrkampfes 1923 oder angesichts des Aufstiegs Hitlers nach 1929, mit einer verschärft nationalistischen Agitation zu reagieren, um so die vermeintlich national gesinnten Protestwähler zu gewinnen. Als verbindlich auch für die KPD galten im Übrigen die Richtlinien der von Stalin gelenkten Komintern. Deren sechster Weltkongreß gab im September 1928 in Moskau als Parole die „Ersetzung der kapitalistischen Weltwirtschaft durch das Weltsystem des Kommunismus“ aus. Zugleich dominierte nun die radikale Theorie, dass alles, was nicht kommunistisch sei, faschistisch sei, woraus die KPD eine unversöhnliche Feindschaft zur SPD ableitete. Ab 1928 wurden als „ultralinke“ Generallinie der Kampf gegen sozialdemokratischen „Gewerkschaftsbonzen“ sowie die unverbrüchliche Treue zur Sowjetunion propagiert223. Mit Abschluss der Bolschewisierung 1930 wurde innerparteiliche Kritik in der KPD weitgehend unmöglich. Ihr Hin- und Herpendeln zwischen einer mehr realistischen Taktik und der Vorbereitung eines bewaffneten Aufstandes ließ die Kommunisten einerseits unberechenbar erscheinen und zum Schreckgespenst des deutschen Bürgertums werden, andererseits mauerten sie sich dadurch in ihrem politisch-kulturellem Ghetto ein. Durch den scharfen Kon fron tationskurs gegenüber der „sozialfaschistischen“ SPD-Führung nach 1928 isolierte man sich schließlich selbst von jeder Bündnismöglichkeit mit den Demokraten gegen Hitler224. „Von roten Ketten macht euch frei, allein die Deutsche Volkspartei“ Statt nach dem Krieg den innerliberalen Bruderzwist zu überwinden, riefen in Berlin ehemalige Führer der Fortschrittlichen Volkspartei schon am 16. November 1918 die DDP ins Leben, während der Hauptteil der alten Nationalliberalen um Gustav Stresemann einen Monat später die DVP gründete. Zwischen beiden liberalen Parteien sollte es in den 1920er- Jahren zu äußerst erbitterten Abgrenzungskämpfen kommen, die das 74 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Entstehen einer stabilen bürgerlichen Mitte untergruben. Da sich einige nationalliberale Regionalverbände der DDP anschlossen, konnte die DVP bei den Wahlen zur Nationalversammlung nicht in allen Wahlkreisen antreten und blieb mit 4,4 Prozent der Stimmen weit hinter dem Ergebnis der Nationalliberalen von 1912 zurück. Schon bei den Reichstagswahlen im Juni 1920 sollte sich aber das Verhältnis zur DDP, die 1919 mit 18,5 Prozent der Stimmen drittstärkste Kraft hinter MSPD und Zen trum geworden war und ihr bestes Ergebnis in der Weimarer Re pu blik erreicht hatte, wieder umdrehen. Ohne wie die Deutschnationalen zu tief in den gescheiterten Putschversuch verstrickt gewesen zu sein, profitierte die DVP von der konterrevolutionären Grundstimmung nach dem Kapp- Putsch und gewann fast zehn Prozent hinzu. Unter dem Motto: „Von roten Ketten macht euch frei, allein die Deutsche Volkspartei“, das sich insbesondere auf die Situation in Preußen und das Spannungsverhältnis zur SPD bezog225, errang die DVP am 6. Juni 1920 mit 13,9 Prozent und 65 Mandaten den größten Wahlerfolg ihrer Geschichte. Breiten bürgerlichen Wählerschichten erschien die DVP als Garant von „Ruhe und Ordnung“, während die DDP durch ihre Koalitionspolitik als „halbsozialistische“ Partei diffamiert werden konnte. Das Bemühen, sich vom Stigma einer monarchistischen Rechtspartei zu befreien, verschwand im Wahlkampf jedoch völlig hinter der scharfen Aktionsparole der DVP: „Der Feind steht links!“226 In den Anfangsjahren der Re pu blik rief die DVP fast ebenso laut wie die Deutschnationalen nach der Rückkehr zur Monarchie als der für das deutsche Volk „nach Geschichte und Wesensart geeignetesten Staatsform“, allerdings laut ihrer vorläufigen „Grundsätze“ vom Oktober 1919227, die das einzig verbindliche Programm der DVP blieben, auf „gesetzmä- ßigem Wege“. Erst unter dem Druck des Gründers und langjährigen Vorsitzenden Stresemann schwächte die DVP nach und nach ihre Opposition zur Weimarer Re pu blik ab, indem die monarchistischen Tendenzen zumindest neu tralisiert werden konnten. Nach der Reichstagswahl vom Juni 1920 gab sie ihre bisherige Obstruktionspolitik auf und trat in die bürgerliche Reichsregierung des Zen trumspolitikers Fehrenbach ein. Während der Inflationskrise vom Herbst 1923 willigte man unter dem Druck der wirtschaftlichen In te res sengruppen gar in eine Große Koalition mit der SPD ein, um die Währungsstabilisierung durchzusetzen. In der Mittelphase der Re pu blik steuerte die Stresemann-DVP einen „vernunftre pu bli ka nischen“ Kurs und machte sich zugleich in einer 75 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen Weise vom Prestige ihres langjährigen Vorsitzenden abhängig, dass zu Recht von der „Partei Stresemanns“ gesprochen wurde. Immerhin hielten dieser und der von ihm durchgesetzte Primat der Außenpolitik die Partei über alle Flügelkämpfe hinweg bis Ende der 1920er-Jahre zusammen. Obwohl die Deutschnationalen scharf gegen Stresemanns außenpolitischen Verständigungskurs polemisierten, plädierte die DVP stets für ihre Aufnahme in die Reichsregierung. Dahinter standen die gemeinsame „schwarzweißrote“ Grundausrichtung sowie der letztlich unüberbrückbare Gegensatz zur organisierten Arbeiterbewegung in sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen. Nach dem Tod Stresemanns im Oktober 1929 brannten die innerparteilichen Gegensätze erneut auf, wobei der neue Parteivorsitzende Eduard Dingeldey ab 1930 für eine Rechtswendung und Kooperation der DVP mit der NSDAP sorgte228. In den programmähnlichen Grundsätzen von 1919 bekannte sich die DVP zu einer nationalen Staatsgesinnung und schrieb die „Aussöhnung der liberalen und sozialen Gedanken“ auf ihre Fahnen. Ausgehend von sozialpartnerschaftlichen Ideen propagierte sie die „Volksgemeinschaft“, während außenpolitisch die Wiedererringung der deutschen „Weltgeltung“ oberstes Ziel war, zu erreichen vor allem durch Revision des Versailles Vertrages. Eine Völkerversöhnung sei unmöglich, trumpfte man in nationalistischer Diktion auf, „solange die Ehre des Deutschen Volkes von unseren Feinden zertreten“ werde. Wirtschaftspolitisch gehörte die DVP zu den entschiedensten Verfechtern des Privateigentums an Produktionsmitteln und einer „freien Wirtschaft“. Bei keiner zweiten Weimarer Partei trat die personelle und interessenmäßige Verflechtung von Politik und Wirtschaft so eklatant zutage wie bei der DVP. Insbesondere schwerindustrielle In te res senkreise übten großen Einfluss auf die Politik der Partei aus, was ihr den Ruf einbrachte, die „Partei der Schlotbarone“ zu sein, und sie nach der Hyperinflation in die Nähe der „Inflationsgewinnler“ rückte229. In organisatorischer Hinsicht existierte die DVP im Wesentlichen nur in Form ihres Zentralvorstandes und der Wahlkreisverbände, während die Parteitage keinerlei Kontrollfunktionen besaßen. Die Mitgliederzahl schrumpfte bis Ende der 1920er-Jahre auf etwa 200 000, um nach 1930 rasant weiter abzunehmen. Unter soziostrukturellen Aspekten war die DVP alles andere als eine Volkspartei, sondern vielmehr eine Partei der bürgerlichen städtischen Mittelschichten, der Beamten, Angestellten, kleinen und mittleren Besitzbürger wie Handwerker, Hausbesitzer 76 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik und Händler, ohne größeren Rückhalt bei Arbeiterschaft oder Bauern. Besondere Bedeutung besaß die DVP in den Beamtenorganisationen, namentlich dem „Reichsbund der höheren Beamten“230. Dass die DVP dem Typus nach eine Honoratiorenpartei war, verdeutlicht bereits ein flüchtiger Blick auf ihre Finanzierung. Obwohl Stresemann verschiedentlich versuchte, seine Partei durch Schaffung eines ordentlichen Beitragssystems auf solide Grundlagen zu stellen, blieb die Parteikasse vor allem für Wahlkämpfe auf Spenden angewiesen, wobei die meisten Gelder aus der Ruhr- und Schwerindustrie beziehungsweise deren politischen Fonds flossen. Stresemanns Vorschlag, allen Parteien eine staatliche Wahlkampfkostenrückerstattung gemäß ihrer Parlamentsstärke zu gewähren, scheiterte 1928 nicht zuletzt am Widerstand der industriellen In te res senvertreter in der eigenen Reichstagsfraktion, die zusätzliche Belastungen des Staates strikt ablehnte231. Zwischen Reaktion und Revolution – Die Deutsche Demokratische Partei Nach dem missglückten Versuch, eine große liberale Einheitspartei zu bilden, setzte die DDP die linksliberale Tradition nach 1918 fort. Ihrem Gründungsaufruf lag die Intention zugrunde, den Liberalismus an der Seite der SPD zum Träger der Re pu blik zu machen und sich deutlich von der Vergangenheit, von Monarchie und extremen Annexionisten abzugrenzen, zu denen nicht zuletzt auch Stresemann zählte. Anders als dessen DVP, die sich zum Bollwerk gegen den „Sozialismus“ stilisierte, präsentierten sich die Demokraten unter der Parole „Jeder Arbeiter muss ein Bürger, und jeder Bürger muss ein Arbeiter werden!“232 als Partei des sozialen und politischen Ausgleichs. Die DDP war bereit, mit den Kräften des „Umsturzes“ zu kooperieren, und konnte sich aufgrund ihrer starken Mitarbeit an der Weimarer Reichsverfassung zu Recht als die eigentliche Verfassungspartei des neuen Staates fühlen. Neben dieser Repu blik bejahenden Grundhaltung charakterisierte ihre Politik ein „Primat national- und machtstaatlichen Denkens“, weshalb sie 1919 den Versailler Friedensvertrag mehrheitlich als „unerfüllbar“ ablehnte233. Ihr Erfolg bei der Wahl zur Nationalversammlung beruhte vor allem da rauf, dass große Teile des Bürgertums in der DDP das nötige Gegengewicht zur SPD sahen. Der Links- und Gesinnungsliberalismus blieb aber auch nach 1918 eine von der bildungsbürgerlichen Elite geprägte Teilkultur, 77 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen die sich vor allem in Abgrenzung zu den reinen Wirtschaftsliberalen und den unabhängigen Linksintellektuellen sammelte234. An die veränderten gesellschaftspolitischen Bedingungen konnten sich die Demokraten nur schwer anpassen und trotz großen Zulaufs während der Revolution und organisatorischer Reformversuche nicht als Massenintegrationspartei auf Dauer etablieren235. In der Öffentlichkeit litt die DDP vielmehr unter dem Image einer In te res senvertretung des Finanzkapitals und der In dus trie, was ihre Erfolgschancen im Mittelstand ebenso beeinträchtigen musste wie die fast ununterbrochene Regierungsverantwortung im Reich. Sich selbst sah die DDP als Brücke zwischen altem und neuem Deutschland, weshalb sie den Gedanken einer bürgerlichen Sammlungspolitik gegen die Sozialdemokratie ablehnte. Aufgrund dieser Brückenfunktion hatte der bereits 1920 einsetzende Abstieg der DDP entscheidende Auswirkungen auf den Bestand der Weimarer Parteiendemokratie. Der Aufruf der DDP zur ersten Reichstagswahl am 6. Juni 1920 bekannte sich zum Weimarer Verfassungswerk, das als Grundlage für die „nationale Demokratie“ und die Wiederherstellung des deutschen Ansehens in der Welt bezeichnet wurde. Neben einer Rechtfertigung der bisherigen Koalitionspolitik, die man grundsätzlich fortsetzen wolle, betonte der Aufruf der Demokraten die „tief greifenden Unterschiede“, welche sie von den bisherigen Koalitionspartnern SPD und Zen trum trennten. Wenn auch der „reaktionäre Gewaltstreich der Kapp und Lüttwitz und der Wiederaufbruch der bolschewistischen Revolution“ nur dank den Mehrheitsparteien abgewehrt worden seien, kritisierte man die SPD wegen ihres Festhaltens am Klassenkampfgedanken und das Zen trum, weil es auf kultur- und schulpolitischen Gebiet die „geistige Einheit“ des Volkes zugunsten „religiöser Machtkämpfe“ auf Spiel setze. Wer den „Aufstieg“ wolle, müsse daher demokratisch wählen: „Deutsches Volk! Jetzt gilt es! Recht oder Gewalt, Freiheit oder Knechtung, Gleichheit oder Diktatur, Krieg oder Frieden!“236 Während der 1920er-Jahre wurden die Demokraten „einerseits das typischste Opfer jenes vieldiskutierten Niedergangs der alten ‚Weltanschauungsparteien‘ und andererseits in der breiten öffentlichen Meinung immer eindeutiger zur Vertretung des Kapitals“237. Der rasche Aufschwung der DDP während der Umbruchszeit 1918/19 entpuppte sich als postrevolutionäre Scheinblüte, die schon bei der Reichstagswahl vom Juni 1920 wieder verflogen war. Ab diesem Zeitpunkt datiert der Überlebenskampf 78 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik der Demokraten, deren weit gespannte liberale Reformforderungen bei den von materiellen In te res sen bewegten Wählern immer mehr an Attraktivität einbüßten. Die Idealisten einer „nationalen Demokratie“ mussten schmerzhaft erkennen, dass eine moderne Partei nicht allein durch Berufung auf ihre „großen Ziele“ überleben kann238. Mit Ausnahme der Dezemberwahl 1924 ging ihr Stimmenanteil seit 1919 kontinuierlich zurück. Gegenüber der Wahl zur Nationalversammlung, in der sie mit 18,3 Prozent und 75 Mandaten drittstärkste Kraft hinter SPD und Zentrum wurde, verlor die DDP im Juni 1920 fast 60 Prozent ihrer Stimmen – vor allem an die liberale Konkurrenzpartei DVP – und sah sich im Mai 1928 bereits vor Ausbruch der großen Wirtschaftskrise mit 4,9 Prozent der Stimmen auf den Stand einer „Splitterpartei“ wie der WP zurückgeworfen239. Von den schätzungsweise etwa 900 000 Mitgliedern im Jahr 1919 waren Ende der 20er-Jahre nur noch knapp 100 000 übrig geblieben. Diesen Wähler- und Mitgliederschwund versuchte die DDP auf Initiative ihres Vorsitzenden Erich Koch-Weser vor den Reichstagswahlen im September 1930 durch eine Öffnung nach rechts beziehungsweise ein Bündnis mit der Volksnationalen Reichsvereinigung, dem parlamentarischen Arm des Jungdeutschen Ordens, aufzuhalten. Den politischen Bankrott der Linksliberalen offenbarten spätestens die Reichstagswahlen im Juli 1932, als die Deutsche Staatspartei, die DDP-Nachfolgepartei, nur noch ein Prozent der Wählerstimmen erreichen konnte. Statt den Schritt zu einer Volkspartei zu machen, kennzeichnete die DDP in soziostruktureller Hinsicht vor allem Heterogenität, wobei sich ihre Anhänger und Funktionsträger vor allem aus dem selbständigen und unselbständigen Mittelstand, Teilen der nationalen, in den Hirsch- Dunkerschen Gewerkschaften organisierten Arbeiterschaft, überproportional aus den freien Berufen, Intellektuellen, aber auch aus dem Großunternehmertum rekrutierten. Laut der neueren historischen Wahl forschung zur Weimarer Re pu blik erzielten beide liberalen Parteien mit steigendem Anteil der Beamten, Angestellten und Hausangestellten in den Wahlkreisen bessere Ergebnisse, nicht so aber bei den selbständigen Mittelschichten240. Stärker als in anderen bürgerlichen Parteien waren auch Frauen in der DDP vertreten, die bekannte Frauenrechtlerinnen wie Gertrud Bäumer oder Helene Lange zu ihren Führerinnen zählte. Ihre Finanzierung erfolgte – wie für eine Honoratiorenpartei typisch – fast ausschließlich über Spenden von kapitalkräftigen Unternehmern 79 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen und ihren Verbänden, von denen 1922 etwa zwei Drittel der Parteigelder kamen. Der Agitationsstil der DDP war nüchtern rational und wenig suggestiv, da den Liberalen ein dialogisches Politikverständnis verbot, auf die nach 1918 „allgemein praktizierte populistische Propaganda, auf Freund-Feind-Polarisierungen und die Hasstiraden der rechten und linken Parteien“ einzuschwenken241. Verstärkt wurde die Desintegration des Liberalismus und speziell der DDP noch durch Konzeptlosigkeit und Immobilismus in programmatischer Hinsicht. Die sich in der Regierungsverantwortung abnutzende Partei bot in vielen politischen Fragen ein „trauriges Bild der Zerrissenheit“242. Außer dem Programm, das der zweite Parteitag im Fe bru ar 1920 verabschiedete243, besaß sie in den 1920er- Jahren kein verbindliches Programm, das neuen politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen oder Einsichten Rechnung getragen hätte. Das im August 1930 veröffentlichte „Manifest“ der neuen DStP kennzeichnete bereits eine Vermischung demokratischer liberaler Positionen mit volksnationalen Einflüssen. Für Hartmut Schustereit erscheint es wegen „weit gehend fehlender programmatischer Äußerungen der DDP“ grundsätzlich schwierig, ihre Haltung zu bestimmten Fragen der Reichspolitik überhaupt deutlich zu machen244. So nachdrücklich sich die Demokraten 1919/20 auf den Boden der Weimarer Reichsverfassung stellten, so betont national gaben sie sich in ihrem Grundsatzprogramm von 1920 und forderten neben der Revision der Friedensverträge auch die des „Raubes unserer Kolonien“, bejahten aber gleichzeitig den Gedanken des Völkerbundes. Ihren vagen liberalen Reformideen, an deren Spitze die Forderungen nach einer Änderung des Wahlsystems und die Reichsreform sowie das sozialreformerische Konzept des „sozialen Kapitalismus“ standen, blieben die Demokraten auch unter der neuen Firma Staatspartei nach 1930 treu245. Das Versprechen einer radikalen Systemalternative – Die Nationalsozialisten Gegründet Anfang 1919 als eine der vielen nationalistisch-antisemitischen Splittergruppen in München, entwickelte sich die NSDAP – so der Name ab 1920 – unter dem Symbol des Hakenkreuzes zu einer aus heutiger Sicht „anfangs stark antimodernistisch-völkischen, gleichwohl totalitär-modernen Protestbewegung, die Produkt der bürgerlich-kapita- 80 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik listischen Gesellschaft war und zugleich Protest gegen sie“246. Ihren vor allem in der „Ordnungszelle“ Bayern gesammelten Einfluss büßte die NSDAP nach dem missglückten Hitler-Ludendorff-Putsch vom 9. November 1923 und dem sich anschließenden Verbot zunächst wieder ein. Bis 1928 stellte sie nicht viel mehr als eine kaum wahr genommene Splittergruppe am äußersten rechten Rand des politischen Spek trums dar247. Erst im Zeichen der Wirtschaftskrise erhielt die NSDAP wie de rum Massenzulauf aus den Reihen der mit dem „System“ unzufriedenen Wähler, die nun aber über eine pyramidenförmige Organisationsstruktur nach Vorbild der SPD und dank einem Netzwerk von Vorfeld- und Umfeldorganisationen an die Partei gebunden und integriert werden konnten. Trotz der Führerideologie kennzeichneten die NSDAP in den Entscheidungsstrukturen ein Kompetenzwirrwarr und Machtkämpfe zwischen den in Gaue, Kreise und Ortsgruppen eingeteilten Organisationen. Vor allem durch ihre Propagandamethoden und ihr militant-millenarisches Selbstverständnis unterschied sie sich von anderen Parteien der Rechten, die ihre „gewaltförmige, demonstrativ-plebejische Öffentlichkeit“ und aktionistische Präsentation von Politik im „Kampf um die Straße“ ablehnten248. Ohne den um die Person Hitlers aufgebauten Führerkult und den Propagandamythos einer sozialharmonischen Volksgemeinschaft wäre es der NSDAP nach 1929 kaum gelungen, innerhalb ihrer Anhängerschaft soziale Trennungslinien einzuebnen und auch nach außen als schichten- übergreifende Bewegung zu erscheinen249. In der Frühphase vor allem eine ländlich-kleinstädtische Partei der unteren protestantischen Mittelschichten und bis 1928/29 zunächst In te res senpartei für unzufriedene Mittelständler, verbreiterte die NSDAP danach sowohl ihre propagandistische Zielgruppenwerbung als auch ihren tatsächlichen sozialen Aktionsradius250. Wenn auch mit abnehmender Tendenz stellte sie sich in den Reichstagswahlkämpfen bis 1932 primär als „radikale Systemalternative mit proletarisch-sozialistischem Anstrich“ (Gerhard Paul) dar, deren Hauptadressat die Arbeiterschaft und deren Hauptgegner dementsprechend die SPD bildete. Ziel war die Gewinnung der proletarischen Massen für eine nationalistische Politik, mit anderen Worten die Nationalisierung des deutschen Arbeiters, der vom „internationalen Marxismus“ verführt worden sei. Ihren Aufstieg nach 1929 verdankte sie nicht zuletzt dem Geschick, im Rückgriff auf den reichen Fundus „antidemokratischen Denkens“ 81 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen (Kurt Sontheimer) und begünstigt von der Wirtschaftskrise die re pu blikfeind lichen Protesthaltungen in Wählerstimmen für sich umzumünzen. Die sensationellen Wahlerfolge von 1930 bis 1932 dürften wesentlich darauf beruht haben, dass die NSDAP von einer ständig steigenden Zahl von Wählern als radikalste und glaubwürdigste Alternative zum bestehenden „System“ angesehen wurde251. Im Bündnis mit einer Abspaltung der Deutschnationalen, der im Dezember 1922 gegründeten DVFP, die während der Staatskrise 1923 lautstark die völkische Diktatur gefordert hatte252, traten die Nationalsozialisten erstmals im Mai 1924 bei Reichstagswahlen an. Ihre im Fe bruar 1925 erfolgte „Neugründung“ fiel zusammen mit einer taktischen Kehrtwendung, insofern der aus der Haft entlassene Hitler nun über parlamentarische Wahlen zur Macht gelangen wollte und daher in erster Linie auf die Gewinnung einer Massenbasis setzte, was nicht hieß, dass NSDAP und SA ihre terroristischen Straßenkampfmethoden ablegten. Einen Großteil der Neuorganisation der Partei besorgte als Reichspropagandaleiter und (ab 1928) Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser, der die Partei zugleich auf einen „nationalen Sozialismus“ festzulegen versuchte, während Hitler aus seinen prokapitalistischen Ansichten nie einen Hehl machte. Auch nach der Bamberger Führertagung vom Febru ar 1926 blieb der Streit um die sozialistischen Zielsetzungen des Nationalsozialismus ein „Angelpunkt der politischen Differenzen“ innerhalb der Partei253. Die Wählerschaft der NSDAP besaß im Grunde kein festes Sozialprofil, sondern veränderte sich seit 1928 beinahe von Wahl zu Wahl, sodass von einer Protestpartei mit extrem hoher Wählerfluktuation gesprochen werden kann254. Neuere Untersuchungen haben ergeben, dass nur rund sechzig Prozent der Wähler Hitlers aus den alten Mittelschichten kamen, vierzig Prozent aber aus der Arbeiterschaft, während die Angestellten vergleichsweise wenig Sympathie für die NSDAP zeigten, die der Weimar-Forschung dennoch als die einzige „moderne integrationsfähige Volkspartei“255 gilt. Weitgehend resistent gegenüber ihren Parolen verhielten sich vor allem Wähler, die dem sozialdemokratischen oder katholischen Sozialmilieu angehörten. Strategisches Hauptziel aller Anstrengungen der NSDAP war nach 1925 die Eroberung der politischen Macht und damit der Sturz des Weimarer Staates: „Von hier und nicht aus ideologischen Prämissen leiten sich Strategien und Taktik, Adres sa ten und Gegnergruppen ab“, so Ger- 82 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik hard Paul mit Blick auf die Propaganda der Nationalsozialisten256. Zusammen mit Hitlers „Mein Kampf “ schrieb ihr Programm, das in Form von 25 Punkten im Fe bru ar 1920 verkündet und von Hitler als formal unabänderlich erklärt wurde, die ideologischen Grundpositionen fest. Inhaltlich bot es nur wenig Originelles, bildete vielmehr ein Bündel aus antidemokratischen und antimarxistischen Parolen. Der Grundsatz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ war dabei Ausgangspunkt für scheinbar sozialistische, in Wahrheit vorkapitalistische Ideale. Kritisch stand die NSDAP nur den von ihr antisemitisch eingefärbten Formen des Monopolkapitalismus, dem „raffenden“, aber nicht dem „schaffenden Kapital“ gegenüber. Auffälligstes Kennzeichen der 25 Punkte bildete aber die Vielfältigkeit der propagierten Ziele, mit der dieses ausgesprochene Werbeprogramm möglichst alle sozialen Gruppen und Wähler ansprechen sollte257. Den festen Kern der völkisch-nationalistischen „Weltanschauung“ Hitlers stellte neben der Raumdoktrin und ihrer antikommunistischen und expansionistischen Zielsetzung der rassenbiologische Antisemitismus dar, den die Propaganda der NSDAP allerdings nach 1929 aus Rücksicht auf neue Wählerschichten entschärfen musste258. Seine charakteristische Gestalt gewann das Konglomerat ideologischer Versatzstücke erst durch die Propagandatechnik und Organisationsform der NSDAP, der Symbole und Rituale als „Glaubens- und Kampfbewegung“ stets wichtiger waren als Programme. Der Bereich der Propaganda und Wahlkämpfe besaß folglich für den „politischen Imagekünstler“259 eine alles überragende Bedeutung. Als „modern“ eingestuft wird dabei neben den Propagandatechniken nicht zuletzt auch die dem Stimmenmaximierungsprinzip einer „Volkspartei“ folgenden Wählerpolitik der NSDAP. Der adressatenspezifische Inhalt ihrer Zielgruppenwerbung, die Verbreiterung des sozialen Aktionsradius und die Nutzung moderner Massenkommunikationsmittel gelten wie die Organisation des „permanenten Wahlkampfes“ als Voraussetzungen ihrer Erfolge nach 1929260. Auf der anderen Seite trug die neuere Weimar-Forschung erheblich zur Entmythologisierung der nationalsozialistischen Propaganda bei. Im September 1930 etwa konnte die NSDAP ihre besten Resultate gerade in Gebieten erzielen, in denen der Ausbau ihrer Parteiorganisation erst gering vorangeschritten war oder noch gar nicht eingesetzt hatte261. Dennoch ist die Propaganda, die auf die „optische und akustische Okkupation aller menschlichen Sinne“ zielte, ein für den Aufstieg der NSDAP wichtiger Faktor, wobei ihre vielleicht bedeutendste Leistung 83 zur polItIschen kultur der WeImarer re pu blIk: parteIen, programme und koalItIonen die „Umsetzung von ideologischen Mustern in Bilder und Bilderszenarien“ zu sein scheint262. 85 Erster Teil Der Aufmarsch der Parteien zur Wahlschlacht 87 Kapitel 4 Organisation und Ablauf der Reichstagswahlkämpfe Die amtliche Wahlarbeit der Reichs-, Länder- und Gemeindebehörden in der Weimarer Re pu blik konzentrierte sich ganz auf die technische Organisation des Abstimmungsaktes am Wahltag. Für die zen tra le Durchführung einer Reichstagswahl verantwortlich war formell der Reichsminister des Inneren, dessen Behörde die amtliche Wahlarbeit im Reich koordinierte und der die entsprechenden Weisungen an die Länderregierungen und Wahlkreisleiter herausgab. Wahlangelegenheiten besa- ßen höchste Priorität im Reichsinnenministerium, wofür ein eigener roter Dokumentenstempel existierte: „Sofort! Wahlsache!“ Eine Reihe von offiziösen Informationsschriften und „Ratgebern im Wahlkampf “ gab dem Weimarer Reichstagswähler zudem Auskunft darüber, was er vom Wahlrecht und seinen Bestimmungen wissen musste. Im Frühjahr 1924 erschien erstmals unter dem Titel „Die Wahl zum Reichstag“ der von Ministerialrat Georg Kaisenberg, im Reichsinnenministerium Beauftragter für das Wahlprüfungsverfahren, zusammengestellte „Führer für die Reichstagswahlen“. Er sollte die Bevölkerung mit den technischen Einzelheiten des Wahlaktes bekannt machen und enthielt das Reichswahlgesetz, die Reichsstimmordnung, einen Terminkalender sowie aktuelle behördliche Erlasse zur Reichstagswahl. Zusätzlich erschienen in der Presse zahlreiche Artikel, die ebenfalls über die „Technik des Wahlaktes“ aufklärten. Noch vier Jahre später, vor der Reichstagswahl am 20. Mai 1928, beschäftigten sich die überregionalen Tageszeitungen mit Fragen des „Wann“, „Wie“ und „Wo“ der Wahl – offenbar bestand immer noch genügend Aufklärungsbedarf263. 88 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Nach der Bekanntgabe des Wahltermins durch den Reichspräsidenten wurden einige Termine bezüglich der Zulassung zur Wahl festgelegt, die von allen Parteien und Bewerbern genau beachtet werden mussten und den Reichstagswahlkämpfen ihr äußeres Korsett gaben. Laut Reichswahlgesetz vom April 1920 war spätestens am 60. Tag nach der Reichstagsauflösung die Neuwahl an einem Sonntag anzuberaumen. In der vierten Woche vor dem Wahltag wurden die amtlich festgestellten Wählerverzeichnisse eine Woche lang zur öffentlichen Einsichtnahme ausgelegt. Einsprüche wegen falscher oder fehlender Eintragungen konnten spätestens am 21. Tag vor der Wahl erhoben werden. Zum gleichen Termin mussten die Kreiswahlvorschläge der Parteien beim Kreiswahlleiter mitsamt den Zustimmungserklärungen der Bewerber vorliegen. Spätestens am 14.  Tag vor dem Wahltag waren dann auch  – von 20 Wahlberechtigten unterschrieben – die Reichswahlvorschläge beim Reichs wahlleiter einzureichen sowie etwaige Erklärungen darüber abzugeben, welche Verbindungen von Kreiswahlvorschlägen innerhalb eines Wahlkreisverbandes stattfinden sollten. Einen Tag später wurden die zugelassenen wie die abgelehnten Reichswahlvorschläge in der Regel durch den Reichswahlleiter öffentlich bekanntgegeben. Zehn Tage vor der Wahl waren schließlich die Erklärungen beim Kreiswahlleiter darüber abzugeben, ob die Reststimmen von Kreiswahlvorschlägen einem und welchem Reichswahlvorschlag zugerechnet werden sollten. Gewählt wurde in der Zeit von 9 bis 17 beziehungsweise – im Dezember 1924 – bis 18 Uhr264. War der 60. Tag nach der Reichstagsauflösung der verfassungsrechtlich späteste Termin, so musste nach Angaben Kaisenbergs aus wahltechnischen Gründen zwischen Auflösung und Wahltag mindestens ein Zeitraum von sieben Wochen liegen. Auch müsse bei der Festlegung des Wahltermines „gebührende Rücksicht auf die religiösen Gepflogenheiten und Bedürfnisse“ genommen werden. Im Herbst 1924 reichte andererseits eine kürzere Vorbereitungszeit als sieben Wochen, weil die ansonsten aufwändigen Wählerverzeichnisse nur nach dem Stand der vorangegangenen Reichstagswahl vom Mai des gleichen Jahres ergänzt zu werden brauchten und, so Kaisenberg, „die Wahlbehörden erfahrungsgemäß je kürzer Wahlen aufeinander folgen, desto rascher die Wahlvorbereitungen abwickeln“ könnten265. Ein Bereich, in dem die staatlichen Behörden eine für jedermann sichtbare aktive Rolle während der Weimarer Reichstagswahlkämpfe spielten, betraf die „öffentliche Ordnung und Sicherheit“, die Aufsicht 89 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe über Versammlungen und sonstige Propagandaaktivitäten der Parteien. Das preußische Innenministerium unter Leitung des Sozialdemokraten Albert Grzesinski gab im Hinblick auf die bevorstehenden Reichs- und Landtagswahlen Ende März 1928 einen Runderlaß an die Ober- und Regierungspräsidenten über die polizeiliche Behandlung des Versammlungswesens sowie die geltenden Vorschriften bezüglich der Wahlpropaganda heraus. Auf der Grundlage dieses Runderlasses stellte sein Ministerium eine Broschüre zusammen, in der die gesetzlichen Bestimmungen, die für Versammlungen, das Verteilen von Druckschriften sowie das Kleben von Plakaten während des Wahlkampfes bestanden, durch praktische Beispiele veranschaulicht wurden. Eine ähnliche, vom so zial demokratischen Polizeipräsidenten Magdeburgs herausgegebene Schrift definierte die Wahlzeit als die „Zeit von der amtlichen Bekanntmachung des Wahltages bis zur Beendigung des Wahlaktes“. Für diesen Zeitraum bedurfte das „Ausrufen, Verkaufen, Verteilen, Anheften oder Anschlagen von Drucksachen“ keiner besonderen Erlaubnis, selbst wenn es zu gewerblichen Zwecken geschehe, lies, die Parteien ihr Wahlpropagandamaterial verkauften. Plakate, Flugblätter und andere Druckschriften, die stets einen Urhebervermerk tragen mussten, brauchten den Behörden auch ausnahmsweise nicht 24 Stunden vor ihrer öffentlichen Verbreitung vorgelegt zu werden. Das Einschreiten gegen Versammlungen und De mons tra ti o nen unter freiem Himmel durch „vorbeugendes Verbot“ wurde der Polizei nur dann empfohlen, wenn es sich erkennbar um eine „bewaffnete oder unfriedliche Versammlung“ handle. Auch müsse die Versammlungsauflösung stets das „letzte Mittel“ bleiben, schon damit die Behörden nicht als Helfershelfer missbraucht würden, um die Versammlungen politischer Gegner zu stören266. Durch die Notverordnung des Reichspräsidenten vom 28. Fe bru ar 1924, welche Veranstaltungen im Freien generell untersagte, konnte sich die Polizei völlig dem Schutz der Wahlversammlungen in „bedeckten“ Räumen widmen und da rauf achten, dass der Wahlkampf nicht mit „terroristischen Mitteln“ geführt werde. Wurde eine Versammlung aber gestört, sollten die Polizeikräfte unverzüglich das Hausrecht der Veranstalter durchsetzen. Ein bewaffneter Saalschutz der Parteien zwecks „Selbsthilfe“ war strengstens untersagt, Ordner durften keinerlei Waffen tragen, bei Zuwiderhandlung drohte ein sofortiges Verbot der Versammlung267. Das „wichtigste Kapitel im ganzen Wahlrecht“, so Karl Braunias in seinem 1932 veröffentlichten Handbuch, sei dasjenige über die Wahlkos- 90 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ten, „denn Wahlen sind Kriege – oder friedlicher ausgedrückt: Volkszählungen – und kosten Geld, Geld und nochmals Geld“268. Von den Werbeausgaben der Parteien waren die amtlichen Wahlkosten zu unterscheiden, welche der Staatskasse eben durch Vorbereitung und Organisation der Wahlhandlung entstanden. In der Hauptsache wurden sie durch die Anmietung und Ausstattung der Wahl- und Abstimmungslokale verursacht, durch den Druck der (seit dem Frühjahr 1924) amtlichen Einheitsstimmzettel und der Wahlumschläge, die amtlichen Bekanntmachungen über die Auslegung der Wählerlisten und Wahl termine sowie schließlich durch die Personalkosten, das hieß für die Entlohnung der Wahlbehörden und ihrer Hilfskräfte. Obwohl diese Ausgaben stets aufs äußerste beschränkt werden sollten – so wurde etwa zur Herstellung der Stimmzettel nur billiges Zeitungspapier genommen −, stellte der Betrieb der amtlichen „Wahlmaschine“ das Reich vor erhebliche finanzielle Anforderungen. Am stärksten wirkten sich die Zuschüsse der Reichskasse zu den Wahlkosten aus, die auf Länder- und Gemeindeebene entstanden. Nach § 42 des Reichswahlgesetzes hatte das Reich die Ausgaben, die den Ländern im Zusammenhang mit einer Reichstagswahl erwuchsen, in voller Höhe und die der Gemeinden zu vier Fünfteln zu erstatten. Hätten sich Reformpläne durchgesetzt, dann wären die Weimarer Parteien verpflichtet worden, einen Teil der amtlichen Wahlkosten zu übernehmen, was allerdings deren ohnehin gespannte Finanzlage weiter verschärft und wohl nur einige kleinere Splitterparteien von der Kandidatur abgeschreckt hätte. Bei den Reichstagswahlen vom 7. Dezember 1924 hatte das Reich den Gemeinden, die Ausgaben in Höhe von 898 450 Mark geltend machten, 718 760 Mark zu zahlen; die Aufwendungen der Landesbehörden und Abstimmungsleiter betrugen 336 000 Mark, diejenigen des Reichsministerium des Innern beziehungsweise des Reichswahlleiters und seines Büros weitere 65 800 Mark. Zuzüglich des von den Gemeinden selbst gezahlten Fünftels beliefen sich die öffentlichen Gesamtausgaben für die Reichstagswahlen vom Dezember 1924 auf ziemlich genau 1,3 Millionen Mark269. Erheblich höhere Wahlkosten waren dreieinhalb Jahre später anlässlich der vierten Reichstagswahl im Mai 1928 zu verzeichnen, als die Ausgaben des Reiches auf knapp 1,6 Millionen Mark kletterten, wovon wiede rum der Löwenanteil mit über 1,1 Millionen in den Gemeinden anfiel, die Kosten der Landesbehörden 372 000 und die der Reichsbehörden 74 000 Mark betrugen. Rechnet man die von den Gemeinden selbst ge- 91 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe tragenen Kosten in Höhe von 284 000 hinzu, beliefen sich die Gesamtausgaben der öffentlichen Hand alles in allem auf knapp 1,9 Millionen Mark. Weil in verschiedenen Ländern wie in Preußen und Bayern mit der Reichstagswahl gleichzeitig Landtagswahlen abgehalten wurden, hatten sich die Wahlkosten im Frühjahr 1928 sogar noch begrenzen lassen – ein Voranschlag ging ursprünglich von 2,4 Millionen Mark aus. Mit der nächsten Reichstagswahl am 14. September 1930 waren jedoch nur die Landtagswahlen in Braunschweig verbunden. Dementsprechend stiegen die Aufwendungen des Reiches im Vergleich zum Frühjahr 1928 weiter. Die öffentlichen Gesamtausgaben wurden auf knapp 2,9 Millionen Mark beziffert, wovon 2,35 Millionen in den Gemeinden anfielen, während die Kosten der Länder sich auf 400 000 und die des Reichswahlleiters auf 80 000 Mark beliefen. Allein für Berlin rechnete der Magistrat im Sommer 1930 mit amtlichen Wahlkosten in Höhe von 300 000 Mark, ungeachtet kleinerer Sonderausgaben, die etwa für die auch in dieser Wahl wieder nach Geschlechtern getrennten Abstimmungen entstanden270. Wichtigster Grund für die innerhalb von sechs Jahren um 115 Prozent gestiegenen Kosten einer Reichstagswahl wird die bis 1930 um fast vier Millionen gestiegene Zahl der Wahlberechtigten gewesen sein. Ein Vergleich mit anderen Ländern zeigte freilich, dass „auch im Wahlgeschäft der Großbetrieb rationeller ist als der Kleinbetrieb“. Während pro Kopf eines Wählers in Weimar-Deutschland bei Nationalwahlen etwa 6,7 Pfennig aufgewendet wurden, so waren es in Belgien bereits 15 Pfennig beziehungsweise 2,50 Franken oder in England 16 Pfennig beziehungsweise 2,7 Pence. Verglichen jedoch mit anderen, „produktiven“ Reichsausgaben offenbarte sich für den Weimarer Zeitgenossen Braunias auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise 1932, wie durch die Wahlen große Beträge „verpulvert“ statt für die „Aufbauarbeit im Staate“ eingesetzt würden271. Die technische Oberaufsicht über die Reichstagswahlen hatte das in Berlin ansässige Reichswahlamt inne, das „große Hauptquartier der Wahl“, in dem die Fäden von den Länderregierungen, Parteien, Behörden und alle anderen Stellen, die mit der Wahl irgendwie zu tun hatten, zusammenliefen. Die Durchführung der Wahlen im einzelnen, von der Bereitstellung der Wahllokale bis hin zur Beschaffung der Stimmzettel, war allerdings Aufgabe der Länder und Gemeinden, die dazu jeweils einen Riesenapparat aufbieten mussten. Allein Zehntausende von Wahllokalen galt es jeweils einzurichten und mit mindestens je sechs Personen zu 92 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik besetzen. Zusammen mit Amtspersonen wurde etwa im Mai 1928 fast eine halbe Million Bürger zur meist ehrenamtlichen Mitwirkung bei der Reichstagswahl herangezogen. Die Hauptlast der amtlichen Wahlarbeit lag auf den Bezirkswahlämtern, in denen auch die Wählerlisten zur Einsicht auslagen. An diesen musste während des ganzen Jahres über gearbeitet werden, um sie aufgrund polizeilicher Meldungen aktuell zu halten, nicht zuletzt für den plötzlichen Fall einer vorzeitigen Reichs tagsauflösung. Welch große logistischen Anstrengungen die einzelnen Wahlleiter in den Gemeinden zu bewältigen hatten, verdeutlicht die Tatsache, dass bei der Reichstagswahl vom 4. Mai 1924 allein in Berlin nach 2 556 Wahlbezirken getrennt abgestimmt wurde. Die fast ebensovielen Wahllokale wurden von den Bezirkswahlämtern bereitgestellt, die auch die Wahlvorsteher und das übrige Personal auf die Beine bringen mussten. Aufgrund des immensen Personalbedarfs wurde im Frühjahr 1924 erstmals die ehrenamtliche Übernahme dieser Funktionen für die Parteien zur Pflicht gemacht; wer sie ohne Grund verweigerte, musste mit Geldstrafen rechnen. Allein in Berlin waren am 4. Mai über 16 000 Helfer zur Durchführung der Wahl nötig, die ihren freien Sonntag „für die Allgemeinheit“ opferten. In Zeitungen sowie auf Plakaten an den Litfasssäulen gab man den Wählern ihre jeweiligen Wahllokale öffentlich bekannt. Das persönliche Erscheinen des Einzelnen war dabei zwingend notwendig und Briefwahl in der Weimarer Re pu blik noch nicht möglich, allerdings konnten an den jeweiligen Aufenthaltsorten Stimmscheine beantragt werden272. Als Reichswahlleiter wurde im März 1924 erstmals Professor Ernst Wagemann, Präsident des Statistischen Reichsamtes, vom Reichsinnenminister mit diesem Amt beauftragt. Der damals fünfzigjährige Volkswirtschaftler war während des Krieges Referent im Kriegsernährungsamt, dann 1919 Vortragender Rat im Reichswirtschaftsministerium geworden und leitete das Statistische Reichsamt seit Dezember 1923. Seine Arbeit als Reichswahlleiter, die er im Frühjahr 1928 zum dritten Mal ausüben sollte, nahmen die Zeitgenossen kaum wahr. Der deutsche Wähler, der nur in Wahlkämpfen aus dem „Dämmerlicht seines Daseins“ trete und zu einer „viel umworbenen Persönlichkeit“ werde, wisse in der Regel nicht, wie viel Mühe die fünf Minuten erforderten, in denen er seine Stimme abgibt, so ein Zeitungskommentar273. Wagemann und sein Stellvertreter bildeten nur die Spitze der zentra len „amtlichen Wahlmaschinerie“. Für ihre Arbeit, die mit dem Da- 93 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe tum der Ernennung nach der Reichstagsauflösung begann und der Feststellung des Ergebnisses offiziell endete, standen ihnen dreißig weitere Beamte des Statistischen Reichsamtes zur Verfügung. Zu den ersten Maßnahmen gehörte die Bildung des Reichswahlausschusses, wozu sich der Reichswahlleiter direkt an die sechs größten Parteien wandte, damit sie ihm Vertrauensmänner als Ausschussmitglieder benannten. Hauptaufgabe dieser Körperschaft wie de rum war die Entgegennahme und Prüfung auf Rechtsgültigkeit der beim Reichswahlleiter eingereichten Reichswahlvorschläge mitsamt den Kandidaten. Vor dem 20. Mai 1928 etwa mussten mehr als 6 000 Bewerber auf Name, Beruf, Wohnort und Parteizugehörigkeit hin überprüft werden. Ihren Höhepunkt erreichte die Tätigkeit des Reichswahlleiters allerdings erst während der 24 Stunden nach Schließung der Wahllokale, wenn in einer Flut von Telegrammen und Ferngesprächen das amtliche Endergebnis möglichst schnell festzustellen und jedes einzelne Teilergebnis zu überprüfen war. Spätestens 24 Stunden nach Wahlschluss sollten die Wahlkreisleiter der Berliner Zentra le die vorläufigen Teilergebnisse gemeldet haben, und zwar in dreifacher Meldung, zunächst telefonisch, dann telegrafisch und schließlich durch Eilbrief, weil so am schnellsten Fehlerquellen bei der Übermittlung entdeckt wurden274. Offiziell bekanntgegeben wurden die Wahlergebnisse durch die Presseabteilung der Reichsregierung. Parallel dazu versuchten aber die Redaktionen der großen Tageszeitungen sowie die Parteizen tra len, die Ergebnisse auf dem kürzesten Wege selbst zu recherchieren und zu veröffentlichen – wobei sich ein regelrechter Wettlauf zwischen ihnen entwickelte. Im Dezember 1924 habe man, verkündete stolz der Vorwärts, schon im Laufe der Wahlnacht zumindest die „allgemeine Tendenz“ der Reichstagswahlen melden können275. Die Hauptgeschäftsstelle der DNVP in Berlin war an Wahltagen regelmäßig ab 5 Uhr nachmittags besetzt: Mittels telefonischer Meldung der Resultate durch die regionalen Parteiorganisationen, die auf vorbereiteten Formularen die Ergebnisse festhielten, sei man „viel schneller und besser unterrichtet als Zeitungen und Telegrafenbüros, die mit einem ganz anderen technischen Apparat“ arbeiten könnten276. Die halbstaatliche Dradag konnte dagegen eine „wesentliche Erleichterung“ ihres Wahlergebnisdienstes im September 1930 melden, weil alle Rundfunkgesellschaften zum Teil schon von 19 Uhr an die Sendung der Funkstunde Berlin übernahmen und man damit „nur ein gleichmäßig ansteigendes Manuskript“ herzustellen hatte277. 94 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Die Arbeit der Wahlbehörden hörte indes nicht mit der oft langwierigen Feststellung der Ergebnisse auf – das amtliche Endergebnis der ersten Reichstagswahl vom 6. Juni 1920 stand erst fünf Wochen später am 14. Juli fest −, sondern setzte sich fort in den Wahlprüfungsverfahren sowie der Bearbeitung von Beschwerden über Propaganda im Abstimmungsraum, gefälschte Stimmzettel oder einzelne Bestimmungen des Reichswahlgesetzes278. Als dessen wichtigste technische Modifizierung wurde für die Reichstagswahl am 4. Mai 1924 erstmals nach angelsächsischem Vorbild ein einheitlicher amtlicher und auf Kosten des Reiches hergestellter Stimmzettel eingeführt, auf dem alle zugelassenen Wahlvorschläge mitsamt den Namen der ersten vier Kandidaten ihrer Liste verzeichnet waren. Im Kaiserreich und in den ersten Wahlen der Re publik waren Herstellung und Verteilung der Stimmzettel noch den Parteien überlassen, die sie den Wählern entweder ins Haus brachten oder in Versammlungen und vor den Wahllokalen verteilten. Nach dem neuen Modus von 1924 gab es für alle Wähler und Parteien den gleichen Einheitsstimmzettel, dessen Größe sich nach der Zahl der zugelassenen Reichswahlvorschläge richtete und der erst am Wahltag selbst im Wahllokal mit dem amtlichen Kuvert übergeben wurde. Damit verschwand eine früher sehr wichtige Figur von der Bühne des Wahlkampfes, nämlich der Stimmzettelverteiler, was sowohl die Wahlkosten reduzierte als auch eine Arbeitserleichterung für die Parteien bedeutete. Die Presse tat den neuen Stimmzettel-„Teppich“ mit den vielen Parteinamen anfänglich als Schreibtischschöpfung ab, deren Unzulänglichkeit in den vielen ungültigen Zetteln nach der Wahl zu Tage treten würde. Um dieser Gefahr vorzubeugen, klärten Parteien und Behörden die Wähler vor dem 4. Mai 1924 intensiv darüber auf, wie der amtliche Einheitsstimmzettel aussehe und richtig ausgefüllt werde. Wenn auch entgegen den Befürchtungen die Erfahrungen mit dem neuen „Wahlspeisezettel“ durchweg günstig ausfielen, nahm die Zahl ungültiger Stimmen im Mai 1924 gegenüber der letzten Reichstagswahl immerhin um sechzig Prozent auf 427 000 zu, das waren 1,4 Prozent von 29,7 Millionen abgegebenen Stimmen279. Die Zuordnung der Listennummern auf den Stimmzetteln wurde im Frühjahr 1924 noch in der Reihenfolge vorgenommen, in der die Parteien ihre Wahlvorschläge zeitlich beim Wahlleiter einreichten, wobei für die großen Parteien die ersten Plätze reserviert waren. Weil sie sich davon einen psychologischen Vorteil erhoffte, hatte die DDP ihren Or- 95 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe ganisationen empfohlen, die Wahlbewerbung früher als allen anderen Parteien einzureichen, „damit sie Nr. 1 erhält und deshalb auf dem Stimmzettel an erster Stelle steht“280. Nach der Reichstagsauflösung im Oktober 1924 legte das Reichskabinett fest, dass für die Numerierung die bei der letzten Wahl auf eine Partei entfallenen Stimmen maßgeblich seien. Welch hohen symbolischen Stellenwert mittlerweile die Plazierung auf dem Reichsstimmzettel besaß, offenbarte sich im Frühjahr 1928 in einem Disput zwischen Reichswahlausschuss und Reichsinnenminister. Dieser hatte die Nummernfolge der Wahlvorschläge nicht anhand der Stimmenzahl der Parteien bei der letzten Reichstagswahl, sondern anhand der Abgeordnetenzahl am Schluss der abgelaufenen Legislaturperiode bestimmt, wogegen die Parteienvertreter im Ausschuss protestierten. Von einem nachträglichen Nummerntausch wurde nur abgesehen, um die bereits angelaufenen Wahlvorbereitungen der Parteien nicht zu beeinträchtigen281. Ein oben bereits angedeuteter Effekt des amtlichen Stimmzettels war, dass die Plazierung zur politischen Prestigefrage und die Listennummer zu einem Identifikationssymbol der Parteien wurde. Die SPD legte nach 1924 als „Stärkste Partei Deutschlands“ großen Wert da rauf, bei Reichstagswahlen stets auf dem ersten Listenplatz das Bewerberfeld anzuführen. Spätestens ab Herbst 1924, als die Parteien auf den Stimmzetteln fortlaufend gemäß ihrer parlamentarischen Stärke durchnummeriert wurden, gingen sie in ihrer Wahlpropaganda dazu über, systematisch mit der Listennummer für sich zu werben, die mitunter den Parteinamen völlig ersetzen konnte. Vor dem 7. Dezember 1924 appellierte die DVP etwa an den Wähler: „Fünf Finger hast Du an jeder Hand,/ Fünf Sinne – gebrauche sie mit Verstand,/ Fünf ist die Liste unserer Kandidaten/ Wähle ‚Fünf ‘, so bist du gut beraten“. Diese Idee mag John Heartfield zu seiner Fotomontage: „5 Finger hat die Hand“ inspiriert haben, mit der die KPD im Frühjahr 1928 warb, bei der die Ziffer allerdings bereits als eigenständiges Bildobjekt behandelt wurde282. Die zen tra len Wahlkampfrichtlinien der DDP vom Frühjahr 1924 hatten angeregt, die Arbeitserleichterung durch den Wegfall des Stimmzettelverteilens für den Ausbau des „Schlepp- und Kontrolldienstes“ am Wahltage zu benutzen. Bei der Technik des Schleppens wendeten die Parteien durchaus unterschiedliche Rezepte an. So wollte etwa die DDP im Frühjahr 1924 den Wahlmüden bei seinen „schwachen Stellen“ packen und säumige männliche Wähler damit an die Wahlurne bringen, 96 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik dass „eine jüngere, hübsch gekleidete Frau zu ihnen geht und höflich um Abgabe der Stimme bittet“. Oft könne durch Gegensätzlichkeit, oft aber auch durch Gleichartigkeit die gewünschte Wirkung erzielt werden: „Ältere, halblahme Matronen muss man mit der Droschke holen lassen. Es gibt Wähler, die grundsätzlich nicht wählen gehen, wenn sie nicht im Auto oder mit der Droschke geholt werden. Einmal alle vier Jahre wollen sie Auto fahren“283. Wesentlicher Teil der Wahlvorbereitungen der Parteien war die Kandidatenaufstellung, mit der sie sich vor Beginn der eigentlichen Propaganda beschäftigten. Waren die Kandidatenlisten abgeschlossen, galt der „Aufmarsch zum Wahlkampf “ gemeinhin als vollendet und konnte die eigentliche „Wahlschlacht“ beginnen, in der ja die Kandidaten als Redner eine wichtige Rolle spielten284. Das Wahlrecht der Re pu blik hatte als eine wesentliche Neuerung die so genannte gebundene Liste gebracht, die den Wähler an eine Liste in der von den Parteien vorgeschlagenen Reihenfolge der Kandidaten band. Kritiker dieser Regelung, die statt dessen die „freie Liste“ wollten, sahen hier die Gefahr der nicht mehr demokratisch kontrollierbaren „Parteiklüngelei“. Nicht der Wähler habe bei der Nominierung das Sagen, „sondern hier werfen die wirtschaftlichen Verbände, die Berufsvereine und sonstigen Organisationen ihr Schwergewicht in die Waagschale, um ihrem Vertrauensmann und Berufsgenossen einen möglichst guten Platz in der Kandidatenliste zu erringen“285. Das neue Wahlsystem habe, ergänzte der Vorwärts, den „individuellen Wahlkampf “ nach 1918 eingeschränkt und „in andere Formen“ gebracht. Da an Stelle der Einzelwahlkreise mit je einem Abgeordneten das Listensystem mit erheblich größeren Wahlkreisen getreten sei, würden die Wahlkämpfe in der Weimarer Re pu blik „gewissermaßen kollektiv“ geführt286. Die praktische Bedeutung der Reichsliste, die unter Umständen dem ganzen Wahlkampf den Stempel aufdrücken konnte, wurde ungeachtet aller Kritik von keiner Weimarer Partei angezweifelt. Während die Landes- und Wahlkreisverbände bei ihrer Kandidatenauslese vor allem Wert auf die Wahlkreisverbundenheit des Bewerbers und seine Wahl kampfer fah rung legten, besaßen die Parteizen tra len bei der Reichsliste andere Auswahlkriterien. Diese diente nicht zuletzt als eine Art Ventil für den nach 1918 wachsenden Druck von seiten der Berufs- und In te res sen verbän de, weshalb insbesondere in den bürgerlichen Parteien die Nominierung häufig nach dem Kriterium der Berufszugehörigkeit geschah. Über 97 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe die Frage, welcher Kandidat welchen „Berufsstand“ oder In te res senverband repräsentieren konnte, kam es aber auch in den Wahlkreisen regelmä- ßig zu Aus ei nan der set zungen287. Andererseits versuchten die Berliner Parteizen tra len mit mehr oder weniger großem Erfolg, sich vor Reichstagswahlen in die Kandidatenaufstellung ihrer regionalen Organisationen einzumischen. So kritisierte etwa die SPD-Führung vor den Reichstagswahlen 1920, dass in den Wahlkreisen die Nominierung vielfach unter dem Gesichtspunkte der „Belohnung alter Parteimitglieder“ geschehe288. Das Weimarer Zen trum verzichtete in den meisten mittel- und ostdeutschen Wahlkreisen auf die Aufstellung von Kandidaten, weil die Stimmenzahl hier von vornherein nicht zur Mandatsbildung ausreichte. Um eine „zweckmäßige Berücksichtigung der Stände“ bei der Aufstellung der Reichsliste zu gewährleisten, richtete die Parteiführung aber eine Ausgleichsstelle ein, in welcher die einzelnen Berufsgruppenausschüsse sowie diejenigen Wahlkreisvereine vertreten waren, die noch keinen Platz im Parteivorstand hatten. Dieser versuchte wie de rum, seinen im Nominierungsverfahren praktisch begrenzten Einfluss durch die Veröffentlichung von Richtlinien zu kompensieren. Der Wahlkampfparteitag des Zen trums vom Oktober 1924 beschwor jedoch erfolglos alternative Prinzipien für die Kandidatenaufstellung in den Wahlkreisen, wie etwa eine stärkere Berücksichtigung von Frauen und Jugend oder „politischen Köpfen“ statt beruflichen „Standesvertretern“289. Auch in der Führung der DDP konnte darüber geklagt werden, dass sich die Wahlkreisverbände nicht an ihre Empfehlungen hielten, sondern ihre Kandidaten meist ohne Absprache mit Berlin nominierten. Telegraphische Ermahnungen, nur „staatspolitisch geschulte Kräfte“ aufzustellen und keine Listenverbindungen in den Wahlkreisen ohne vorherige Befragung der Zen tra le einzugehen, halfen wenig290. Die Weimarer Re pu blik erlebte schon rein zahlenmäßig eine dramatische Zunahme nationalstaatlicher Wahlkämpfe. Gegenüber den letzten 14 friedlichen Jahren des Kaiserreichs, in denen nur drei Nationalwahlen stattfanden, waren es zwischen 1919 und 1933 einschließlich der zwei Reichspräsidentenwahlen insgesamt elf. Obwohl bereits während der Krise 1923/24 Auflösungs- und Neuwahlpläne mit der Überlegung verknüpft wurden, die gesetzliche Frist von 60 Tagen zu überschreiten, um in der Zwischenzeit ohne den Reichstag, aber mit Notverordnungen zu regieren, wurde diese Vorschrift selbst 1932/33 von den Präsidialkabi- 98 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik netten nicht verletzt. Die bemerkenswerte Tatsache, dass alle Reichstage der Weimarer Re pu blik ein vorzeitiges Ende fanden, beleuchtet den labilen Charakter des parlamentarischen Systems, heißt andererseits aber nicht, dass die Wahlkampfaktivitäten der Parteien ausschließlich in der „heißen Phase“ zwischen Reichstagsauflösung und Neuwahl stattfanden. Die längste Zeitspanne zwischen Bekanntgabe des Neuwahltermins und dem Wahltag lag im Sommer 1930, als den Parteien 58 Tage vor dem 14. September zur Verfügung standen, dem spätestmöglichen Termin. Die Dauer der „heißen“ Wahlkampfabschnitte während der Mittelphase der Weimarer Re pu blik war im Durchschnitt eine Woche kürzer, da die Frist im Frühjahr 1924 nur 52, im Herbst 1924 sogar nur 48 und im Frühjahr 1928 51 Tage betrug. Zwischen der Bekanntgabe des Neuwahltermins am 30.  April und der ersten Reichstagswahl am 6. Juni 1920 lagen sogar nur 37 Tage, wenn auch eine baldige Wahl nach dem Kapp- Lüttwitz-Putsch Mitte März immer wahrscheinlicher wurde und sich die Parteien dementsprechend verhielten. Wenn auch in der Schlussphase der Re pu blik das Kalkül der autoritären Präsidialkabinette eine Rolle spielte, die Wahlkampfzeit zu benutzen, um mit Notverordnungen zu regieren, lässt sich anhand dieser bloßen Ziffern sagen, dass die Reichstagswahlkämpfe seit 1920 immer länger dauerten. Das äußere Erscheinungsbild der Wahlkämpfe begann sich nach 1918 trotz aller Kontinuität allein schon aufgrund der größeren Parteienvielfalt gegenüber dem Kaiserreich zu wandeln. Bei den etablierten Parteien wurde dieser neue, durch das Verhältniswahlrecht und die sozialen Umschichtungen geförderte Pluralismus durchweg negativ als In te ressenzersplitterung aufgenommen291. Besonderes Augenmerk bei der Betrachtung ihres äußeren Verlaufs wird im folgenden dem Ausmaß der politischen Gewalt geschenkt. Ziel ist dabei nicht die statistische Kategorisierung aller Zwischenfälle, wie sie etwa der amerikanische Historiker Richard D. Wernette für die Reichstagswahlkämpfe 1930 und 1932 aufgrund der Auswertung einer Tageszeitung versucht. Vielmehr geht es hier um die Feststellung des „Wahlklimas“. Während aus späterer Sicht der Reichstagswahlkampf vom Sommer 1932 als der „wohl erbittertste Wahlkampf der Weimarer Re pu blik“ empfunden wird292, bot sich den Zeitgenossen jeder neue Reichstagswahlkampf als eine Steigerung des vorangegangenen dar, sowohl was den Aufwand an Propaganda als auch die Schärfe betraf, mit der sich die Parteien bekämpften. 99 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe Der Wahlkampf zur Nationalversammlung im Winter 1918/19 Der Bankrott der Monarchie, die militärische Niederlage im Westen sowie die revolutionären Ereignisse erzwangen im Herbst 1918 die politische Neuordnung und Parlamentarisierung Deutschlands. Durch das schon während des Krieges geknüpfte Bündnis der gemäßigten Linken, die um jeden Preis eine „Bolschewisierung“ Deutschlands verhindern wollten, mit den bürgerlichen Kräften des Zen trums und der neu gegründeten Demokraten war der Weg zu einer verfassunggebenden Versammlung nach dem 9. November 1918 vorgezeichnet. Im Vordergrund stand zunächst die Umgestaltung des überkommenen Wahlsystems im Reich und in den Ländern. Waren vor der Revolution nur Männer über 25 Jahre wahlfähig, führte der Rat der Volksbeauftragten per Aufruf vom 12. November 1918 nicht nur das Frauenwahlrecht ein, sondern setzte auch das Wahlalter auf zwanzig Jahre herab und erlaubte den Soldaten die Teilnahme. Die Wahlverordnung der provisorischen Regierung vom 30. November 1918 schrieb das Verhältniswahlrecht für die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung fest, deren Termin Mitte Dezember von der Räte-Vollversammlung auf den 19. Januar 1919 festgelegt wurde. Eingeführt wurde die so genannte Verhältniswahl starrer, das heißt nachträglich von den Wählern nicht mehr veränderbarer Parteilisten. Laut Weimarer Reichsverfassung, die am 31. Juli 1919 mit den Stimmen der regierenden „Weimarer Koalition“ aus SPD, Zen trum (Christliche Volkspartei) und DDP gegen die der DNVP, der DVP, des Bayerischen Bauernbundes sowie der USPD verabschiedet wurde, war das Reich eine Re pu blik, in der die Staatsgewalt vom Volke ausging, aber der Reichspräsident starke verfassungspolitische Rechte und gewissermaßen eine Position als Ersatzkaiser erhielt. Der Reichstag wurde in allgemeinen, gleichen, geheimen und unmittelbaren Wahlen für eine vierjährige Legislaturperiode bestimmt. Beseitigt wurden die Ungerechtigkeiten der alten Wahlkreiseinteilung, die schon aufgrund des Versailler Friedensvertrages modifiziert werden musste, sowie das Stichwahlverfahren. Anstelle der 397 Wahlkreise des kaiserlichen Deutschland gab es laut Wahlgesetz vom 27.  April 1920 nur noch 35 Großwahlkreise, in denen die im Verhältnis zur Bevölkerung pro Wahlkreis festgesetzte Zahl von Mandaten nach dem d‘Hondtschen Verfahren auf die Parteilisten verteilt wurde. Die Neuaufteilung führte dazu, dass Wählerstimmenanteil und Mandatszahlen in der Weimarer Re pu blik weitgehend kongruent waren. Je 100 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik 60 000 abgegebener gültiger Stimmen wurde ein Abgeordneter bestellt, etwaige Reststimmen wurden in den gewöhnlich aus zwei benachbarten Wahlkreisen gebildeten Wahlkreisverbänden sowie danach auf Reichsebene verrechnet, wobei wie de rum auf je 60 000 Stimmen ein Mandat entfiel, deren Gesamtzahl folglich zum Teil stark schwankte. Die 459 Mandate des ersten Reichstages vom Juni 1920 teilten sich zehn Parteien – zwanzig hatten sich beworben −, die 608 Mandate des 6. Reichstages vom Juli 1932, um die sich 42 Parteien bewarben, verteilten sich schließlich auf 14 Parteien. Es war eine „oft übersehene Folge des Weimarer Wahlsystems bei Abwesenheit kompensierender Listenverbindungen“ und eine Bevorzugung der großen Massenparteien wie der SPD, dass diese leichter im ganzen Reich (Rest-)Stimmen sammeln konnten293. Während mit Verschärfung der parteipolitischen Grenzen formelle Wahlabkommen auf Reichsebene in der Weimarer Re pu blik nach Vorbild etwa des „Bülow-Blocks“ von 1907 verschwanden, wurde die Listenverbindung auf Wahlkreisebene gerade in den Anfangsjahren der Re publik und später eine besonders für die kleineren Parteien interessante Möglichkeit der Stimmenakkumulierung. Bei den in Weimarer Reichstagswahlen anzutreffenden Bündnissen handelte es sich meist um Nichtangriffspakte der bürgerlichen Parteien, so genannte Burgfriedensabkommen auf Wahlkreisebene gegen die Linksparteien. Schon wegen der schieren Größe der Wahlkreise und des neuen Verhältniswahlrechts mussten im Übrigen alle Weimarer Parteien mehr als bisher zu neuen flächendeckenden Agitationsformen übergehen. Nicht zuletzt auch die Kandidatenauslese veränderte sich im Vergleich zum Kaiserreich, andere Kriterien wie die Bewährung in der Parteibürokratie oder die interessenpolitische Herkunft der Kandidaten traten an die Stelle der „Persönlichkeit“. Weimarer Zeitgenossen kritisierten das Wahlrecht, weil nun nicht Personen, sondern Parteien gewählt würden, und weil durch die Größe der neuen Wahlkreise der Einfluss des „Geldbeutels“ in den Wahlkämpfen wachse294. Tatsächlich aber konnten die Weimarer Wahlbestimmungen als die fortschrittlichsten ihrer Zeit in Europa gelten und bedeutete die Einführung des Verhältniswahlrechtes aus heutiger Sicht ein „erhebliches Stück Demokratisierung“295. Die Geschichte der ersten re pu bli ka nischen Nationalwahlen im Januar 1919 ist unlösbar mit den revolutionären Ereignissen im Deutschen Reich seit dem 9. November 1918 verbunden. Die Taktik von Teilen der USPD und der äußersten Linken war, durch ständige Versammlungsagi- 101 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe tation die „steckengebliebene“ Revolution zur sozialen Umwälzung „weiterzutreiben“, während sich die mehrheitssozialdemokratisch dominierte Übergangsregierung im Verein mit den alten Obrigkeiten und bürgerlichen Parteienvertretern bemühte, die Revolutionsbewegung möglichst rasch in die legalen und ruhigeren Bahnen eines Wahlkampfes für verfassunggebende Versammlungen im Reich und in den Ländern zu lenken – ein Unternehmen, das aus heutiger Sicht nie ernstlich gefährdet war296. Die äußeren Rahmenbedingungen dafür waren im Winter 1918/19 gleichwohl schwierig, da die Demobilisierung der aus dem Westen zurückkehrenden Armeen, die desolate Versorgungslage der Bevölkerung, die Verkehrskatastrophe sowie die revolutionären Unruhen in vielen Städten und Gebieten des Reichs nicht ohne Rückwirkung auf die Wahlvorbereitungen der sich zum Teil neu formierenden Parteien bleiben konnten, was dem Wahlkampf, der zudem noch mitten in die Weihnachtszeit fiel, alles in allem einen außergewöhnlichen Charakter verlieh. Obwohl sich die politischen und verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen von Wahlen im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Re pu blik entscheidend änderten297, wird von der Forschung immer wieder die Kontinuität in der deutschen Parteien- und Wählerentwicklung betont. So blieben die fünf Hauptströmungen des Parteiensystems mitsamt ihren sozialmoralischen Milieus weitgehend erhalten, wenn sich auch die bürgerlichen Kräfte zumindest dem Namen nach in „Volksparteien“ verwandelten. Die epochalen Umbrüche sorgten freilich dafür, dass sich der erste Wahlkampf der Re pu blik deutlich von seinen Vorgängern im Kaiserreich abhob. In einem Aufsatz über „Deutschlands zukünftige Staatsform“ äußerte der mit der DDP sympathisierende Sozialphilosoph Max Weber im November 1918 die Befürchtung, dass die Wahlauseinandersetzungen „kein Ringen um die Zukunft, sondern eine zornige Abrechnung über die Vergangenheit“ bringen würden298. Die lautstarke Agitation der Linksradikalen im Winter 1918/19 für eine Rätediktatur nach russischem Vorbild konnte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland künftig eine demokratische Re pu blik sein werde. Vor dem Hintergrund gewaltvoller Ereignisse wie der „blutigen Weihnacht“ oder den Straßenkämpfen während der Januarunruhen in Berlin entwickelte sich nach Festsetzung des Wahltermins Mitte Dezember ein kurzer, aber heftiger Wahlkampf, über dessen technische Einzelheiten nur wenig bekannt ist299. 102 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Wegen der Neuartigkeit der Re pu blik und der meisten ihrer Parteien war das In te res se der Bevölkerung an den ersten Wahlen sehr groß. Viele Bürger hatten sich parteipolitisch noch nicht neu orientiert, so dass den im Allgemeinen überfüllten Wahlversammlungen gesteigerte Bedeutung zukam. Von den Weimarer Zeitgenossen auch später immer wieder hervorgehobenes Merkmal des Wahlkampfes im Winter 1918/19 war das vorher unbekannte Ausmaß parteipolitischer Werbung. Die Betätigungsfreiheit und der Charakter einer Richtungswahl ließ auch die Wahlpropaganda der bürgerlichen Parteien nach Anlaufschwierigkeiten neue Größenordnungen annehmen. Während früher der Wahltag ziemlich unbemerkt im Straßenbild Berlins vorübergegangen sei, habe der 19. Januar 1919 die Stadt „auf den Kopf “ gestellt und in ein „Meer von Flugblättern“ verwandelt: „Alle Häuser, alle Zäune, alle Denkmäler waren von oben bis unten mit Plakaten beklebt, und Wochen hat es gedauert, bis der Kleister entfernt war“300. Andererseits wurde dem Wahlkampf im Winter 1918/19 auch eine gewisse Leichtigkeit nach viereinhalb Kriegsjahren attestiert: „Wer in jenen Tagen durch die Hauptstadt ging, den konnte fast etwas wie von einer großen Jahrmarktstimmung überkommen. Die Mauern, Säulen und Zäune boten das fröhlichste Bild unbekümmerter Farbenzusammenstellung und lachten Hohn auf die Mär von der Papierknappheit“301. Zusammen mit anderen Werbemitteln wie vor allem den Straßenumzügen brachten neuartige Bildplakate eine „amerikanische Note“ in den Wahlkampf, dessen Abschluss am 19. Januar 1919 zwar überall ruhig und nach den blutigen Exzessen des „Spartakus-Aufstandes“ im Berliner Zeitungsviertel ohne physische Gewalt verlaufen sei, doch: „Die Straßen waren von den frühen Stunden an mit Aufrufen und Stimmzetteln dicht besät, und das Straßenreinigungspersonal konnte dieses Papieransturms nicht Herr werden, denn kaum war ein Stra- ßenzug gesäubert, so wurden aus Wagen und Flugzeugen neue Massen von Flugblättern verstreut“302. Laut einem vom regierungstreuen Deutschen Leseverein herausgegebenen Wahlhandbuch spiegelte sich die Bedeutung der Wahl nicht zuletzt in der „Riesenzahl“ von etwa vierzig Millionen Wahlberechtigten wider303. Allein durch die Herabsetzung des wahlfähigen Alters stünden am 19. Januar „elf Jahrgänge bereit zum Eingreifen in die Wahlschlachten, ein Heer, das nach Millionen zählt, frisch und unverbraucht auf den politischen Kampfplatz tritt und in seiner Masse einfach bestimmend wirken kann für den Ausfall der Wahlen, wenn es gelingt, die jungen 103 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe Wähler alle an die Urne zu bringen“304. Die Einführung des Frauenwahlrechts machte zudem die Frauen gleichsam über Nacht zu einer sogleich heftigst umworbenen Zielgruppe. Obwohl als Befürworter des Frauenwahlrechts in Deutschland ernsthaft nur SPD und mit Abstrichen noch die Linksliberalen gelten konnten, wandten sich alle Parteien mit eiligst gegründeten Reichsfrauenausschüssen und spezifischen Flugblättern an die Frauen, um dieses neue Stimmenpotenzial für sich zu gewinnen305. Inhaltlich wurde der Wahlkampf nicht von Fragen der zukünftigen Staatsform und der Verfassung beherrscht, sondern von dem ideologischen Gegensatz zwischen den sozialistischen und den bürgerlichen Parteien. In erster Linie ging es diesen darum, das politische Übergewicht, das die Arbeiterbewegung nach dem 9. November erlangt hatte, zurückzudrängen und unter allen Umständen eine „sozialistische Mehrheit“ in der Nationalversammlung zu verhindern. Die sechs Regionalwahlen vor dem 19. Januar deuteten bereits da rauf hin, dass ihnen dies auch gelingen würde. Nur in zwei Ländern – Anhalt und Braunschweig – erhielten die „Sozialisten“, das heißt SPD und Unabhängige zusammen, eine regierungsfähige Mehrheit. Der Wahlkampf zur Nationalversammlung ging aus bürgerlicher Sicht dennoch um den politischen Einfluss, ja den Bestand des deutschen Bürgertums „als soziologische Gruppe“306. In unbeschränkter Presse- und Versammlungsfreiheit führten seine Parteien nicht nur einen erstaunlich offensiven Wahlkampf, sondern verbanden in den meisten Wahlkreisen ihre Kandidatenlisten miteinander und gaben damit „über das Streben nach Mandatsgewinn hinaus den höheren Gedanken einer Sammlung aller bürgerlichen Parteien gegenüber der Sozialdemokratie“ Ausdruck307. Nach dem Ausscheiden der Unabhängigen aus der provisorischen Reichsregierung wandte sich der Rat der Volksbeauftragten Anfang Januar 1919 an alle „Arbeiter, Soldaten, Bürger, Bürgerinnen“, um sie zu „Ruhe und Ordnung“ aufzurufen, damit die Wahl ungestört durchgeführt werden könne308. Der am 10. Januar veröffentlichte Wahlaufruf des Vorstandes bezeichnete die SPD als „revolutionär in dem Sinne, dass sie die vollständige Umwälzung des Staates zur Demokratie, der Wirtschaft zum Sozialismus“ anstrebe. Sie rühmte sich, als einzige Partei fest und unerschüttert im Zusammenbruch des „Alten“ zu stehen, zumal sich das „leuchtende Rot ihrer sturmerprobten Fahne […] als einzige waschechte Farbe auf den Standarten der Parteien“ erwiesen habe. Betont wurde im übrigen der Aufbauwille der SPD, deren Ziele „höchste Freiheit und 104 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik vollkommenste Ordnung“ seien. Die bürgerlichen Parteien wollten dagegen aus Deutschland eine „Geldsackrepublik“ machen, während die Unabhängigen im „Kampfe zwischen Volksrecht und Terror“ keinen festen Standpunkt gewönnen, deshalb: „In die neue Zeit mit dem alten Kampfruf: Hoch die Sozialdemokratie!“309 Die Ziele der zwischen Regierungsverantwortung und sozialrevolutionärem Tatendrang hin- und herschwankenden USPD ergaben sich aus dem bereits am 9. Dezember veröffentlichten Aufruf der Parteileitung. Um die deutsche Re pu blik in der revolutionären Übergangszeit mit „sozialistischem Inhalt“ zu füllen, versuchte sie dem Drängen nach einer möglichst schnellen Einberufung der Nationalversammlung Widerstand zu leisten. Nur die USPD habe das „rote Banner“ unbefleckt erhalten, grenzte sich ihr Wahlaufruf für den 19. Januar scharf von den Mehrheitssozialisten ab. Als „Trägerin des revolutionären Gedankens“ wolle sie die Re pu blik auch gegen den Willen der noch keineswegs völlig zusammengebrochenen „Mächte des Alten“ ausbauen, in erster Linie durch den unverzüglichen Beginn der Sozialisierung: „Wir treten ein für die möglichst schnelle Umwandlung des kapitalistischen Klassenstaates in die sozialistische Gesellschaft“310. Der politische Katholizismus zog nicht mehr als eine einheitliche Partei in die ersten Wahlkämpfe der Re pu blik, da sich im November 1918 die Organisationen des Zen trums in Bayern verselbständigt hatten. Unter der Parole „Bayern den Bayern“ wollte die BVP einer zentralistischen Entwicklung in einem sozialistisch regierten Reich vorbeugen und protestierte gegen den Kurs Erzbergers, der in Berlin mit den „Roten“ zusammenarbeite. Das Zen trum führte den Wahlkampf zur Nationalversammlung aber keineswegs an der Seite der SPD, sondern offensiv unter dem Motto der „Zusammenfassung aller bürgerlichen Elemente gegen die Sozialdemokratie“. In der Hälfte der Wahlkreise ging man Listenverbindungen mit den übrigen bürgerlichen Parteien gegen „Gewalt-Sozialismus, Kommunismus, Bolschewismus“ ein311. Knapp und nüchtern stellte sich der Wahlaufruf des Zen trums Anfang 1919 auf den „Boden der gegebenen Tatsachen“ und signalisierte zugleich politische Kontinuität durch ein Bekenntnis zu den „alten, sturmerprobten“ Grundsätzen. Christliches Ziel bleibe, „jede Bevormundung und Willkür von Seiten einer Bureaukratie, Klassen- oder Parteiherrschaft“ auszuschließen. Ausdrücklich hieß man die Frauen auf dem „politischen Kampfplatz“ willkommen: „Mögen auch sie an der Seite der Männer mit all ihrer Kraft 105 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe eintreten für Wahrheit, Recht und Freiheit!“312 Insbesondere versuchte das Zen trum vor dem 19. Januar 1919, sich als interkonfessionelle und auch für evangelische Wählergruppen offene „Christliche Volkspartei“ zu profilieren. Allerdings bestand durchaus keine Einigkeit innerhalb der Partei, welchen Charakter und Namen die Neuordnung annehmen sollte – die Vorschläge reichten von „Katholischer Volkspartei“ bis zur „Christlich-demokratischen Volkspartei“313. Bei massiver Wahlhilfe von Seiten der katholischen Vereine und des Klerus, vor allem der Bischöfe, die sich in Hirtenschreiben gegen den „christentumsfeindlichen Sozialismus“ wandten, galten die Angriffe des Zen trums besonders der Kultur- und Schulpolitik des neuen preußischen Kultusministers Adolph Hoffmann (USPD), des „Zehn-Gebote-Hoffmanns“, der die Liberalisierung des Schul- und Religionsunterricht betrieb. Dieser „neue Schulkampf “ gab dem Zen trum zwar eine schlagkräftige Wahlparole an die Hand, bewirkte aber andererseits, dass die konfessionelle Ausrichtung als Partei der „Katholiken aller Stände“ festgeschrieben wurde. Im Übrigen bot man sich im Namen der „Ordnung“ den bürgerlichen Wählern als „stärkstes Bollwerk gegen den Umsturz“ an. Zwischen MSPD und Unabhängigen wurde nicht unterschieden, sondern gemäß der Parole „Volk, strafe die Sozialdemokratie!“ die ganze Richtung bekämpft314. Ebenfalls gegen Sozialdemokratie und Revolution kämpfte die neu gegründete DVP, deren Wahlpropaganda außer der Betonung des „nationalen“ Moments in der Staatsformfrage deutliche Sympathien für die Monarchie erkennen ließ. Ihr Mitte Dezember 1918 veröffentlichter Wahlaufruf verlangte eine „nationale und wahrhaft demokratische Politik“, wozu ein langer Katalog von Wirtschaftszielen präsentiert wurde, unter denen das nachdrückliche Bekenntnis zum Privateigentum sowie zur „leitenden Stellung“ des Unternehmers herausragte. In der Sozialisierungsfrage lehnte die DVP zwar eine Vergesellschaftung der Betriebe grundsätzlich ab, war aber bei „geeigneten Betriebszweigen“ immerhin dazu bereit, wenn es dem Allgemeinwohl diene. An die Adresse der sozialistischen Regierung gerichtet war die Forderung, „endlich energisch für Ruhe und Ordnung“ im Staat zu sorgen. Für dieses Ziel bot die DVP ihre Mitarbeit „unter der jetzigen Regierungsform“ an, verlangte aber zugleich „die Beseitigung der unverantwortlichen Eingriffe in das Wirtschaftsleben, die uns mit Hungersnot, Anarchie und Staatsbankrott bedrohen“. Voller Pathos appellierte man insbesondere an die Frauen: „Schließen wir uns zusammen unter der Fahne: Freiheit und Vaterland!“315 106 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Weil die Nationalliberalen angesichts der allerorten zu verzeichnenden Übertritte zur DDP gleichzeitig scharf diese Konkurrenz angriffen, enthoben sie sich aber jeder Chance, an einer künftigen Regierung teilzunehmen, da es nur die koalitionspolitischen Möglichkeiten gab, dass entweder die sozialistischen Parteien zusammen eine Mehrheit erreichten oder die MSPD unter Beteiligung der bürgerlichen Mitteparteien regiere316. Dank großzügiger industrieller Unterstützung konnte die DDP eine umfangreiche und für damalige Verhältnisse modern anmutende Wahlpropaganda entfalten, die ihr am 19. Januar 1919 immerhin fast ein Fünftel der abgegebenen Stimmen einbringen sollte317. Die Demokraten erschienen großen Teilen der bürgerlichen Wählerschaft während der Revolutionsmonate als zuverlässigste Gewähr dafür, „dem sozialistischen Radikalismus einen festen Damm demokratisch-bürgerlicher Staatsauffassung“ entgegenzusetzen318. In ihrem am 14. Dezember 1918 veröffentlichten Gründungsaufruf, der auch als zen tra ler Wahlaufruf diente, hatte die DDP unter dem Motto „Das ganze Deutschland soll es sein!“ scharfe Kritik an dem alten „System“ geübt und sich zum „freien Volksstaat“, lies Re pu blik, bekannt. Im In te res se von „Ordnung und Gesetzmäßigkeit“ wurde die sofortige Einberufung einer Nationalversammlung verlangt. In der DDP hätten sich deshalb alle zusammengeschlossen, die „das Schicksal Deutschlands weder der Reaktion ausliefern, noch der Sozialdemokratie allein überlassen“ wollten. Auffällig war die Betonung ihres „wirklich sozialen“ Charakters in Abgrenzung zur SPD: „Wir wollen Sozialpolitik treiben, aber nicht umstürzlerischen Sozialismus“319. Gemäß dieser Marschroute versuchten die Demokraten die Erwartungen auf eine Koalition mit der SPD dadurch für sich auszunutzen, dass ihr auf wirtschaftspolitischem Gebiet unterstellt wurde, alle Produktionsmittel sozialisieren zu wollen, und sich selbst als Hüterin des Privateigentums darzustellen, welche nur in monopolistisch entwickelten Wirtschaftsgebiete die Frage der Sozialisierung „rein sachlich für jeden Einzelfall“ prüfen wolle: „sozial“, nicht „sozialistisch“, lautete die Formel, an der sich, wie die DDP im Wahlkampf nicht müde wurde zu betonen, die Wege von der Sozialdemokratie trennten, da nur die Rückkehr zur Ordnung „Freiheit, Brot und Frieden“ bringen könne320. Mitten in den Wirren der Revolutionswochen formierte sich aus den Resten der alten konservativen Parteien die DNVP, die zunächst aber nur zu meist unkoordinierten Aktionen ihrer regionalen Verbände im- 107 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe stande war. Da der Wahlkampf ohne einheitliche Parteiführung, Programm oder zen tra le Organisation geführt werden musste, stellte er eher eine Summe von vielen einzelnen Wahlkämpfen der alten Konservativen dar. Während der „Aufmarsch der gegnerischen Parteien“, so später Hauptgeschäftsführer Max Weiß, bereits im November begonnen habe, sei das erste Rundschreiben der DNVP erst am 20. Dezember 1918 erschienen321. Ihre Mitte Dezember 1918 einsetzende Aktivität diente dann sowohl der Mitgliederwerbung, der Gründung von Ortsgruppen als auch dem Wahlkampf. Als im Unterschied zur zwischen rechts und links eingeklemmten DVP offen restaurative Partei konnte die DNVP aber offensiver agieren, wenn sich auch ihr Gründungsaufruf noch unter dem Eindruck der revolutionären Ereignisse betont zurückgehalten hatte322. Der am 22. Dezember veröffentlichte Wahlaufruf der DNVP bekannte sich – schon merklich mit gegenrevolutionären Obertönen – demonstrativ zu den alten „ruhmbedeckten Fahnen“ des Deutschen Reiches, das im Krieg „gegen eine Welt von Feinden Sieg auf Sieg“ errungen habe. Auch jetzt wieder bot sie sich zur „opferbereiten, entschlossenen Arbeit am Wiederaufbau des deutschen Staates und Volkstums“ an, und zwar in „jeder durch die Nationalversammlung geschaffenen Staatsform“. Unter der neuen Verfassung werde sich aber langfristig eine „monarchistische Spitze als ein über den Parteien stehender persönlicher Faktor“ entsprechend der historischen Eigenart des deutschen Volkes durchsetzen. Mit einer für die dramatische Tendenz ihrer Propaganda typischen Beschwörung der Gefahr vor „Vernichtung durch den Bolschewismus“ rief die DNVP den Wählern zu: „Es geht um alles! Es geht um eine heilige Sache! Um das Dasein und die ganze Zukunft unseres geliebten Vaterlandes!“323 Abgesehen von dem Kampf gegen die „einseitige Klassendiktatur“ der SPD richtete die DNVP ihren Hauptstoß vor dem 19. Januar 1919 gegen die „Judenpartei“ DDP, die mit einer Hetzkampagne gegen die „Geldsackherrschaft“ und ihre „jüdische Presse“ überzogen wurde324. Wie die anderen bürgerlichen Parteien versuchten sich die Deutschnationalen im übrigen als „wahre Volkspartei“ zu profilieren, die versprach, sowohl die „Auswüchse eines international gerichteten Großkapitalismus“ zu bekämpfen als auch Arbeiter und Angestellte durch den „planmäßigen Ausbau der Sozialpolitik“ zu schützen sowie die Frauen zu vertreten, die sich durch ihre „bewundernswerten Leistungen“ im Krieg die politische Mitsprache verdient hätten325. 108 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Der Wahlkampf zur verfassunggebenden Nationalversammlung beschränkte sich im Winter 1918/19 auf wenige Wochen und war von den Folgen der Kriegsniederlage und der revolutionären Ereignisse überschattet. In der aufgewühlten Stimmung entfalteten die Parteien gleichwohl eine im Vergleich zu Reichstagswahlkämpfen des Kaiserreichs starke Wahlpropaganda, die sich umformierenden bürgerlichen Kräfte zwar mit einiger Verspätung, aber durchaus offensiv und tendenziell auf massenhafte Wirkung ausgerichtet. Herausragendes inhaltliches Merkmal war die bürgerliche Einheitsfront gegen die sich bereits antagonistisch gegenüber stehenden sozialistischen Parteien. Obwohl hinter den Kulissen die Mehrheitsparteien des alten Reichstages zusammenarbeiteten, verliefen die Fronten im Wahlkampf mitten durch die spätere Weimarer Koalition. Laut Karl-Dietrich Bracher lieferten der Vertrag von Versailles und die Revolution einer antidemokratischen Propaganda die Stichworte, mit denen sie der Weimarer Re pu blik „von Anfang an machtvoll und suggestiv“ entgegentrat, und dass „sowohl 1919 als auch 1933“326. Allgemeine Reaktion auf den Wahlausgang vom 19. Januar war bei den bürgerlichen Parteien die Erleichterung, den „Ansturm der Sozialdemokratie“ abgewehrt zu haben. Mehrheitssozialisten und Unabhängige kamen zusammen lediglich auf 45,5 Prozent der Stimmen. Mit 37,9 Prozent nahm die MSPD 165 der 421 Sitze in der Nationalversammlung ein, für ihre 7,6 Prozent erhielten die Unabhängigen lediglich 22 Sitze, was eine „bürgerliche Mehrheit“ von 47 Sitzen bedeutete. Die Wahlbeteiligung sank gegenüber der letzten Reichstagswahl von 1912 um knapp zwei auf nun 83 Prozent, allerdings waren 1919 fast 20 Millionen mehr Wahlberechtigte zu verzeichnen. Von diesem Zuwachs konnten in erster Linie die gemäßigten bürgerlichen Parteien profitieren, insbesondere Zentrum und DDP, die jeweils an die 20 Prozent der Wähleranteile gewannen, während die DVP abgeschlagen bei 4,4 Prozent landete. Das Ergebnis der DNVP, die nur 10,3 Prozent erhielt, wurde dennoch als positiv verbucht, weil die Konservativen früher im wesentlichen auf Ostelbien begrenzt gewesen waren, nun aber auch im Süden und Westen des Reiches Stimmen gewannen und „großstadtfähig“ wurden327. Als Grund dafür, dass die sozialdemokratischen Parteien die erhoffte absolute Mehrheit verfehlten, wurde neben der bürgerlichen Gegenpropaganda die Tatsache genannt, dass sich viele Wähler durch die Januarunruhen sowie durch das bolschewistische Schreckgespenst hätten beeindrucken ließen. Au- ßerdem profitierten die bürgerlichen Parteien in erheblichem Maße von 109 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe der Möglichkeit der Listenverbindung. Hinsichtlich der Regierungsbildung war durch das Wählervotum des 19. Januars die Fortsetzung der Koalition der alten Reichstagsmehrheit vom Oktober 1918 in der Nationalversammlung vorprogrammiert. Bereits 1919 bildete sich damit die innenpolitische Konstellation heraus, welche die Weimarer Re pu blik bis zu ihrem Ende bestimmen sollte. Sowohl auf der Rechten wie auf der Linken formierte sich eine Fundamentalopposition, die ihre Ziele nicht in positiven Koalitionen verwirklichen wollte, sondern die für die Überwindung der bestehenden Verfassungsordnung gegen die Kräfte der gemäßigten Mitte kämpfte328. Der Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1920 Die erste Reichstagswahl der Weimarer Re pu blik am 6. Juni 1920 stand außenpolitisch ganz im Zeichen der Deutschland aufgezwungenen Ratifizierung des Versailler Friedensvertrages. Zugleich sollte sie eine Art Plebiszit über die neue Reichsverfassung sowie die von der Nationalversammlung verabschiedeten Gesetze werden, insbesondere zur Finanz- und Steuerreform. Die angespannte innenpolitische Situation wurde durch den Kapp-Lüttwitz-Putsch vom März 1920 und seinen Folgen, wie die Umbildung der Reichsregierung Ende März sowie den Unruhen vor allem im Ruhrgebiet, kräftig angeheizt329. Zu den Zielsetzungen der Kapp- Putschisten gehörte, möglichst rasch den ersten Reichstag wählen zu lassen, was von der Reichsregierung unter dem Sozialdemokraten Gustav Bauer immer wieder hinausgeschoben worden war. Hatte sie ursprünglich noch einen Wahltermin frühestens im Herbst 1920 favorisiert, wurde die Reichstagswahl von der neuen Reichsregierung unter Hermann Müller (SPD) – wie ihre Vorgängerin eine Weimarer Koalition – per Erlass vom 30.  April auf den 6. Juni anberaumt. Noch während der Schlussarbeiten der Nationalversammlung, die erst am 21. Mai 1920 feierlich geschlossen wurde, veröffentlichten die Parteien ihre Wahlaufrufe. Bereits bei den Landtagswahlen in Braunschweig und in Mecklenburg-Strelitz vom Mai 1920 zeichnete sich ab, dass die Mehrheitssozialisten hohe Verluste erwarten mussten, während die Unabhängigen etwa in gleicher Höhe hinzugewinnen würden. In beiden Wahlen hatten sich die bürgerlichen Parteien – mit Ausnahme der DDP – zusammengeschlossen und spürbar zulegen können. Im Reich 110 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik propagierten die Weimarer Koalitionsparteien trotz heftiger propagandistischer Abgrenzungskämpfe allerdings die Fortsetzung ihrer „Regierung der Mitte“ und des Demokratisierungsprozesses. Schon am 4.  April, zwei Monate vor dem zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht feststehenden Wahltermin, veröffentlichte der Vorstand der SPD einen ersten Aufruf an die Wähler. Vor dem Hintergrund des Kapp-Putsches, des „wahnwitzigen Gewaltvorstoßes der Reaktion“, werde der kommende Reichstagswahlkampf um den Bestand der Re pu blik gehen, da die Wiederkehr der Monarchie „der gewaltigste Rückschritt, die schwerste Bedrohung der deutschen Zukunft“ sei. Mit vagen Beschwörungsformeln appellierte die SPD vor allem an die Stimmungen der radikalisierten Arbeiterschaft, die auf Beendigung des „unseligen Bruderkrieges“ zwischen den sozialistischen Parteien dränge: „Nicht Putsch, sondern Demokratie! Nicht Gewalt, sondern freies Ringen der Geister! Nicht abwärts in Chaos, Anarchie und Brudermord, sondern aufwärts zu neuer Ordnung, Freiheit und Wohlfahrt! Vorwärts durch Demokratie zum Sozialismus!“330 Auf die Wahl bereiteten sich die Mehrheitssozialdemokraten mit einer Reichskonferenz Anfang Mai 1920 in Berlin vor, wo nach Abschluss der Debatte, in der man heftig über die bisherige Koalitionspolitik stritt, ein Aufruf zur Reichstagswahl verabschiedet wurde, der die „Parole der Einigkeit“ sowie das Ziel einer rein sozialdemokratischen Reichstagsmehrheit betonte331. Gegen die weit verbreitete Auffassung, dass die Koalition mit den bürgerlichen Parteien nur ein notwendiges Übel sei, argumentierte vor allem Reichskanzler Müller, doch auch er wusste: „Koa li tionspolitik ist natürlich keine Wahlparole. Jede Partei, auch jede Koalitionspartei wird den Wahlkampf als Partei selbständig führen müssen; denn drei Koalitionsparteien, das heißt drei Weltanschauungen“332. Man könne, erläuterte Adolf Braun vom Parteivorstand, im Wahlkampf auch kein „spezialisiertes Programm für den kommenden Reichstag“ aufstellen. Ein solches würde mit allen Schwierigkeiten zu rechnen haben, in die Deutschland verstrickt sei. Mit derartigen „Hemmungen“ zu agitieren, sei nahezu unmöglich, weshalb den Massen in erster Linie „die letzten großen Ideale des Sozialismus“ aufgezeigt werden müssten333. Die Mehrheits-SPD sah sich vor dem 6. Juni 1920 drei gegnerischen Fronten gegenüber, den Rechtsparteien, die für monarchistischen Obrigkeitsstaat, Revanchekrieg sowie „systematisch geschürte Judenhetze“ einträten, dann Zen trum und DDP, deren Ziel die „bürgerlich-kapitalistische Re pu blik“ sei, und schließlich auf der Linken der USPD und den 111 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe Kommunisten, die für die „Diktatur des Proletariats“ kämpften. Während des Reichstagswahlkampfes im Frühsommer 1920 musste zu Bruch gehen, was immer der Kapp-Lüttwitz-Putsch an Solidarität zwischen den Arbeiterparteien noch hinterlassen hatte. Vor allem die Abgrenzungskämpfe zwischen MSPD und USPD wurden schärfer denn je: „Entweder man ist Sozialdemokrat oder man ist Kommunist. Die Unabhängigen glauben in der Mitte am sichersten zu gehen – aber es gibt keine Mitte!“334 Das Ziel einer „sozialistischen Mehrheit“ sei aber schon deshalb notwendig, weil die Gefahr bestehe, dass sich die bürgerlichen Mitteparteien nach rechts neigen könnten – wie die DDP habe auch das Zentrum „zwei Seelen in seiner Brust“. Während sich um die DVP die Wieder kehr von 1907, der „Bülow-Block“ gegen die SPD, sammle, hätten im Kapp-Putsch sowohl „deutschnationale Junker“ als auch „deutschvolksparteiliche Schlotbarone“ erst ihre Mitarbeit angeboten und nachher die Strafverfolgung der Putschisten nach Möglichkeit sabotiert. Nur die SPD biete Schutz gegen die „reaktionäre Gefahr“, da sie „in friedlicher stetiger Entwicklung den Aufstieg des Volkes durch Freiheit zum Sozialismus, zum wirtschaftlichen Wohlergehen aller“, anstrebe335. Nachdem sich auf dem Parteitag der KPD Mitte April 1920 in Berlin die Führung um Paul Levi gegen den extremen syndikalistischen Flügel durchsetzen konnte, rechtfertigte die Zen tra le in ihrem am 17.  April veröffentlichten Wahlaufruf die Beteiligung an den Reichstagswahlen damit, dass die eigentliche Entscheidung über das kommunistische Endziel – die „Eroberung der gesamten Staats- und Wirtschaftsmacht durch das Proletariat“ als Rettung vor dem „drohenden Verfall in die Barbarei“ – zwar außerhalb der Parlamente fallen werde. Im Sinne Rosa Luxemburgs müsse der Reichstag aber als „Tribüne“ genutzt werden, um „dem Unterdrückten zu sagen, wie sehr er unterdrückt ist, wie viel er verloren hat und was er gewinnen kann“. Während sie der MSPD, deren „Noskegarde“ Hunderte von Kommunisten ermordet habe, die Schuld am Kapp-Putsch und seinen Folgen gab, erinnerte die KPD alle Anhänger der USPD an deren Begünstigung der „konterrevolutionären Bureaukratie“. Man könne der deutschen Arbeiterschaft den Kommunismus zwar selbst nicht bringen, aber im „engsten Zusammenwirken mit Sowjet-Russland“ doch den Weg dorthin weisen, deshalb die Parole für den 6. Juni 1920: „Gegen die bürgerliche Demokratie! Für die deutsche Räterepublik! Für die Diktatur des Proletariats in Stadt und Land!“336 112 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Die Unabhängigen hatten auf ihrem Parteitag in Leipzig Ende 1919 ein radikales Aktionsprogramm verabschiedet, das sich zur „Diktatur des Proletariats“ und zum Rätesystem nach sowjetrussischem Vorbild bekannte, wodurch eine politische Kooperation mit der MSPD faktisch ausgeschlossen wurde. Überhaupt konnte die Wahlpropaganda der USPD im Frühsommer 1920 fast radikaler erscheinen als die der Kommunisten. Ihre oberste Aufgabe im Reichstagswahlkampf sah sie in der „nachdrücklichsten Vertretung der sozialistischen Weltanschauung“. Der am 18.  April veröffentlichte Wahlaufruf der Unabhängigen forderte die Auflösung aller noch bestehenden gegenrevolutionären Militärformationen, die Bestrafung aller Kapp-Putschisten, die sofortige Durchführung der Sozialisierung sowie eine Außenpolitik im Sinne der Völkerverständigung und für den Frieden mit Russland337. Ideologisch als ein „Machtkampf zwischen Reaktion und Revolution“ gedeutet, bekämpfte die USPD vor allem die „Mehrheitsparteien (Rechtssozialisten, Zen trum und Demokraten)“, die den „Karren immer tiefer in den Dreck“, das hieß in den „kapitalistischen Sumpf “, gezogen hätten, laute doch deren Parole: „Schonung der Reichen, Ausplünderung der Armen!“ Wer dagegen die Verhältnisse „von Grund auf anders“ gestalten wolle, woran nicht nur das Proletariat, sondern auch das Klein- und Mittelbürgertum, die Beamten und Lehrer, das kleine und mittlere Bauerntum und nicht zuletzt die Frauen in te res siert seien, deren Kampfruf müsse lauten: „Hier Kapitalismus! Dort Sozialismus!“338 Das Zen trum versuchte sich im ersten Reichstagswahlkampf der Repu blik wieder in schon gewohnter Manier als „wahre Volkspartei“ zu profilieren, die den „versöhnlichen Ausgleich der In te res sengegensätze zwischen den einzelnen Ständen und Berufen, zwischen den mehr fortschrittlichen und mehr konservativen Anschauungen in der Politik“ und nicht zuletzt zwischen den Konfessionen anstrebe339. Das Hauptthema der Wahlpropaganda bildete die Koalitionspolitik, das hieß die innerhalb des Zen trums nicht unumstrittene Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie in der Nationalversammlung. In Erinnerung an das Dilemma von 1919, als man nach einem scharf antisozialistischen Wahlkampf in eine Koalition mit der SPD eingewilligt hatte, vermied das Zen trum vor dem 6. Juni richtungspolitische Festlegungen, sondern führte den Wahlkampf gegen Rechts und Links340. Außer der Verstimmung im Bürgertum über das Betriebsrätegesetz und die Steuergesetze Erzbergers wird auch dessen Persönlichkeit selbst dem Zen trum Wählerstimmen 113 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe gekostet haben, da sich Parteiorganisationen wie in Düsseldorf gegen die „Linkspolitik“ der Partei im Reich erklärten und man organisierte Gegnerschaft aus dem katholischen Lager erhielt, etwa durch eine „Nationale Arbeits-Gemeinschaft deutscher Katholiken“ in Berlin341. Wichtigste Aufgabe des neuen Reichstags müsse, so die Wahlparole des Zen trums, die Schaffung eines Reichsschulgesetzes sein. Die Hauptgefahr drohe zwar ganz links von den Unabhängigen, doch müsse auch die DNVP energisch bekämpft werden, weil sie „Katholikenfang“ betreibe und damit in die „ureigenste Domäne“ des Zen trums einzubrechen versuche342. Dessen Anfang Mai 1920 veröffentlichte Wahlaufruf rechtfertigte die bisherige Koalition mit der SPD damit, dass sie nötig gewesen sei zur „Rettung“ und zum Schutz der „kulturellen In te res sen“ Deutschlands. Im Übrigen forderte das Zen trum jetzt eine „starke, tragfähige Regierung“ unter Beteiligung aller „wertvollen Volksgruppen“ gegen die Extreme – was immer das heißen mochte. Typisch für seine Wahlkampfpropaganda war wieder eine vage Beschwörungsrhetorik: „So sind und bleiben wir eine wahre christliche Volkspartei, Religion und Kirche, Volk und Staat, Demokratie und sozialer Fortschritt sind unsere Leitsterne“, deshalb der Appell an die Wähler und Wählerinnen: „Vergesst die engen Sorgen Eurer Privatinteressen und denkt ans große Ganze! Schließt die Reihen zum Bunde christlicher, deutscher Volksgemeinschaft im Zentrum!“343 Die durch die Beteiligung am Kapp-Putsch kompromittierte DNVP trat vor dem 6. Juni 1920 die Flucht nach vorne an und beschuldigte die Reichsregierung, durch „Mangel an gutem Willen gegenüber berechtigten Forderungen“ den Putsch sowie „neues Elend“ und neuerlichen „roten Terror“ erst heraufbeschworen zu haben344. Der Übertritt renommierter ehemaliger Freikonservativer wie Siegfried von Kardoff zur DVP nährte Befürchtungen, dass die Stresemannpartei starke Anziehungskraft auf potentielle Rechtswähler ausübe, die weitere soziale Unruhen fürchteten und eine politisch effektive Vertretung ihrer In te res sen wünschten. Die DNVP erklärte den 6. Juni 1920 daher zum Schicksalstag Deutschlands und betonte zugleich ihren vermeintlich realpolitischen Aufbauwillen. Angesichts der Staatskrise, für die ausschließlich die Regie rungsparteien verantwortlich gemacht wurden, lautete die Parole der DNVP: „Deutsche Bürger, Bauern, Arbeiter! Am Wahltag gilt es Einspruch zu erheben gegen die das Mark unseres Volkes verzehrende Misswirtschaft, gegen die verfassungswidrige Entrechtung weiter Volkskrei- 114 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik se, gegen die tatsächliche Begünstigung des Bolschewismus durch eine rücksichtslose Parteiregierung!“ Wenn sie auch aus wahltaktischen Gründen betonte, „auf verfassungsmäßigem Boden einen guten und ehrlichen Kampf um die Wiederaufrichtung des gebeugten Vaterlandes“ auszufechten, enthielt sich die DNVP zur Verfassungsfrage weiterer Stellungnahmen. Vielmehr akzentuierte sie den Kampf für die „Wiedergeburt des deutschen Volksgeistes“ und gegen „jeden zersetzenden, undeutschen Geist“, vor allem die seit der Revolution „immer verhängnisvoller hervortretende Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Öffentlichkeit“345. Ohne wie die Deutschnationalen zu tief in den gescheiterten Putschversuch verstrickt gewesen zu sein, konnte die DVP hoffen, von der antimarxistischen Grundstimmung bei der Reichstagswahl im Juni 1920 zu profitieren. Unter dem populistischen Motto: „Von roten Ketten macht euch frei, allein die Deutsche Volkspartei“, das sich insbesondere auf die Situation in Preußen und das Spannungsverhältnis zur SPD bezog346, sollte sie am 6. Juni tatsächlich den größten Wahlerfolg ihrer Geschichte erringen. Breiten bürgerlichen Wählerschichten erschien nun die DVP als Garant von „Ruhe und Ordnung“, während die DDP durch ihre Koalitionspolitik als „halbsozialistische“ Partei diffamiert werden konnte. Das Bemühen, sich vom Stigma einer monarchistischen Rechtspartei zu befreien, verschwand im Wahlkampf jedoch völlig hinter der scharfen Aktionsparole der DVP: „Der Feind steht links!“347 Die von ihr propagierte Zusammenfassung der „staatserhaltenden Bürgerschaft“ Deutschlands gegen die „rote Gefahr“ beruhte auf der Fiktion einer Einheitsfront der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie: „Nur dann kommt der Wirtschaftsfriede zwischen Arbeiter und Bürger und durch ihn die Rettung des Vaterlandes“348. Während sie unter außenpolitischen Vorzeichen die als nationale Schande empfundene Besetzung deutscher Gebiete beziehungsweise den Versailler Vertrag anprangerte, empfahl sich die DVP im Frühsommer 1920 als „liberale Bürger- und Arbeiterpartei“ vor allem den ehemaligen Wählern der DDP349. Die Demokraten selbst schrieben dem ersten Reichstagswahlkampf unter re pu bli ka nischer Flagge geradezu schicksalshafte Bedeutung zu, ein demokratisches Blatt sprach in Bezug auf den 6. Juni 1920 gar vom „gewaltigsten innerpolitischen Ringen, das die deutsche Nation seit ihrer Einigung erlebt“ habe. Von dem Ausgang der Wahl hänge ab, ob das deutsche Volk „in seiner jetzigen trostlosen Lage verharren muss, zerris- 115 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe sen und zerklüftet durch Stammes-, Partei- und Klasseneigensucht, zur Armut, zur Fronarbeit, zu Schmach und Ohnmacht verdammt!“350 Der am 16.  April veröffentlichte Wahlaufruf der DDP bekannte sich zum Weimarer Verfassungswerk, das als Grundlage für die „nationale Demokratie“ und die Wiederherstellung des deutschen Ansehens in der Welt bezeichnet wurde. Neben einer Rechtfertigung der bisherigen Koalitionspolitik, die man grundsätzlich fortsetzen wolle, betonte der Aufruf der Demokraten die „tief greifenden Unterschiede“, welche sie von den bisherigen Koalitionspartnern SPD und Zen trum trennten. Wenn auch der „reaktionäre Gewaltstreich der Kapp und Lüttwitz und der Wiederaufbruch der bolschewistischen Revolution“ nur dank den Mehrheitsparteien abgewehrt worden seien, kritisierte man die SPD wegen ihres Festhaltens am Klassenkampfgedanken und das Zen trum, weil es auf kultur- und schulpolitischen Gebiet die „geistige Einheit“ des Volkes zugunsten „religiöser Machtkämpfe“ auf Spiel setze. Wer den „Aufstieg“ wolle, müsse daher demokratisch wählen: „Deutsches Volk! Jetzt gilt es! Recht oder Gewalt, Freiheit oder Knechtung, Gleichheit oder Diktatur, Krieg oder Frieden!“351 Von sozialdemokratischer Seite wurde vor dem 6. Juni 1920 bemerkt, dass das kaiserliche Deutschland schon stürmischere Reichstagswahlkämpfe erlebt hätte als den jetzigen, obwohl der Reichstag damals nur ein „Spielzeug“ gewesen sei, „das man dem Volke hingeworfen hatte, um sich mit dem wirklichen Regieren hinter verschlossenen Schlossportalen desto ungestörter beschäftigen zu können“352. In der Fachzeitschrift „Das Plakat“, die sich der „Kultur der Reklame“ widmete, wurden dagegen die äußeren Formen des Wahlkampfes im Frühsommer 1920 heftigst kritisiert: „Flugblätter mit Verleumdungen und Beschimpfungen der politischen Gegner waren die hauptsächlichsten Kampfmittel“. Darüber hinaus hätten sich überall „Kratzkolonnen“ der Parteien zum Abreißen und Überkleben von gegnerischen Plakate gebildet, Versammlungen seien gesprengt worden, die „Kraft der Lunge und des Knüppels hatten die mangelnde Güte ihrer Sache zu ersetzen“, kurz: „Der Dreck wurde überallhin verspritzt.“353 Allen Gerüchten von möglichen Störungs- und Putschversuchen zum Trotz verlief der Wahltag am 6. Juni 1920 im ganzen Reich aber ohne größere Zwischenfälle. Auch die Straßendemonstrationen der extremen Parteien hielten sich einem Bericht der Germania zufolge in „sehr bescheidenen Grenzen“354. Bei einer gegenüber 1919 leicht gesunkenen Wahl- 116 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik beteiligung von 79,2 Prozent stellte das Ergebnis eine verheerende Niederlage für die Weimarer Koalition dar, deren Parteien zusammen nur noch über 205 der 472 Reichstagssitze verfügten – ein Debakel, das sich bei den parallelen Landtags- und Kommunalwahlen wiederholte. Der seit März 1920 erwartete Rechtsruck bescherte der DVP Gewinne von fast zehn auf nun 13,9 Prozent der Stimmen, während die DNVP ungeachtet der Kompromittierung durch die Märzereignisse ihre Stimmenanteile um die Hälfte auf nun 15,1 Prozent steigern konnte355. Von der radikalisierten Stimmung in der Arbeiterschaft profitierte vor allem die USPD, deren Anteile sich auf Kosten der Mehrheitssozialisten von 7,6 auf nun 17,9 Prozent mehr als verdoppelten. Die Partei Eberts verlor fast die Hälfte ihrer Wähler vom Januar 1919 und erhielt nur noch 21,7 Prozent der Stimmen, während die DDP knapp drei Fünftel ihrer Wähler abgab (jetzt noch 8,3 %) und das Zen trum jeden fünften Wähler außerhalb Bayerns einbüßte (jetzt 13,7 %). Weil die weiter nach links treibenden Unabhängigen ihren Erfolg aber aufgrund der inneren Konflikte nicht in politischen Einfluss ummünzen konnten, waren die Rechtsparteien, die am Kapp-Lüttwitz-Putsch weniger die Ziele als die Mittel kritisiert hatten, die eigentlichen Wahlsieger. Die Weimar-Forschung sieht die Reichstagswahl vom Juni 1920 als einen ersten Wendepunkt in der Geschichte der Re pu blik an, insofern die in sich selbst uneinige Weimarer Koalition auf Reichsebene ihre parlamentarische Mehrheit verlor und auch später nie mehr wiedergewinnen sollte356. Als Gründe für die Niederlage der politischen Mitte wird auf die Erbitterung über den Versailler Vertrag im deutschen Bürgertum sowie über die „steckengebliebene Revolution“ und die als Verrat empfundene Koalitionspolitik der SPD unter den Arbeitern hingewiesen. Im Ergebnis standen den re pu bli ka nischen Kräften nach dem Juni 1920 „zwei kompakte verfassungsoppositionelle Blöcke gegenüber, ein schwarzweiß-roter und ein roter“357, was ein normales Wechselspiel von Regierung und Opposition in Weimar-Deutschland behinderte. Die unter diesen Bedingungen äußerst schwierigen Verhandlungen zur Regie rungsbildung endeten schließlich mit der Berufung eines bürgerlichen Minderheitskabinetts unter Einbeziehung der DVP und Führung des Zentrums politikers Konstantin Fehrenbach, das von der MSPD toleriert wurde. Die Sozialdemokraten deuteten den 6. Juni 1920 als „Vormarsch der Reaktion“ nach einem Wahlkampf, der wie noch nie die „politischen Leidenschaften“ aufgewühlt und alle „Triebe der Demagogie“ ans Licht ge- 117 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe bracht habe. Die Parteiführung kam überein, sich grundsätzlich zum Gedanken der Regierungsverantwortung zu bekennen, aber günstigere Zeiten abzuwarten und vorläufig eine bürgerliche Regierung „die Suppe auslöffeln zu lassen“358. In seinem Spektator-Brief vom 1. Juli 1920 konstatierte schon Ernst Troeltsch mit Blick auf die Reichstagswahl vom 6. Juni den „Eintritt der Revolution in ein neues Stadium“, vor allem wegen der „Zertrümmerung der die neue Verfassung tragenden Mitte“. Die Gründe für diese „Katastrophe“, so Troeltsch, müssten die Parteien vor allem im Spiegel des Wahlkampfes erörtern. Dieser sei von rechts zum „Klassenkampf des Bürgertums, der Landwirtschaft und der Intellektuellen gegen das Regiment der Handarbeiter, ihrer Sekretäre, ihrer Politiker und Ideologen“ stilisiert worden. Von links her hätten die „alten bekannten Argumente“ gewirkt, dass die Demokratie in Wahrheit nur eine Militärdiktatur darstelle und die „Errungenschaften der Revolution“ durch die Weimarer Koalitionspolitik zunichte gemacht worden seien. Neben dem „Ärger über die neuen Farben schwarz-rot-gold“ im Bürgertum habe den Wahlkampf nicht zuletzt eine „grenzenlos giftige Verhetzung“ ausgezeichnet, mit der die Reichsregierung von rechts und links angegriffen worden sei359. Die Wahlbewegung vom Frühjahr 1924 Die äußeren Rahmenbedingungen für einen Reichstagswahlkampf schienen im Frühjahr 1924 nach den Wirren des Vorjahres für die Weimarer Parteien alles andere als günstig zu sein. Ruhrbesetzung und passiver Widerstand hatten ihre Organisations- und Agitationsmöglichkeiten stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Inflation zerschlug alle Vorausberechnungen und vernichtete etwaige Geldrücklagen in den Parteikassen. Freilich ließ sich seit der Markstabilisierung vom November 1923 bereits wieder eine leichte Besserung auf organisatorischem Gebiet feststellen. Die Aufhebung des militärischen Ausnahmezustandes Mitte Fe bru ar 1924 schaffte auch halbwegs normale politische Rahmenbedingungen für den bevorstehenden Reichstagswahlkampf. Schon auf dem Höhepunkt der Regierungs- und Staatskrise war im Spätherbst 1923 die Auflösung des kaum noch repräsentativen Reichstages vom Juni 1920 erwogen worden. Im Streit um das Ermächtigungsgesetz konnte sich Reichskanzler 118 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Stresemann aber noch auf die „disziplinierende Wirkung“ einer drohenden Auflösungsorder stützen360. Anfang 1924 wurden vorzeitige Neuwahlen jedoch immer wahrscheinlicher. Die Drohung der neuen Reichsregierung unter Wilhelm Marx, zur Durchsetzung ihres Sanierungsprogramms auch eine Auflösung in Kauf zu nehmen, verpuffte jetzt angesichts der ohnehin im Juni 1924 auslaufenden Legislaturperiode und einer Opposition, die sich gute Wahlchancen erhoffen konnte. Die Parteien betrieben seit Mitte Fe bruar 1924 zumindest publizistischen Wahlkampf, sodass vereinzelt schon vor seiner „Verwilderung“ gewarnt wurde. Zugleich forderte Reichsinnenminister Karl Jarres die Länderregierungen per Rundschreiben auf, die Gemeinden anzuwiesen, sofort mit der Vorbereitung der Wählerlisten für die Reichstagswahl zu beginnen361. Vor allem die auf Stimmenzuwachs hoffenden Rechtsparteien hatten schon um die Jahreswende 1923/24 vom Reichstag den „Mut“ gefordert, endlich zu „verschwinden“ und sich selbst durch Beschluss aufzulösen. Es herrsche, so der DNVP-Vorsitzende Oskar Hergt am 27. Fe bru ar 1924 vor dem Reichstag, eine „allgemeine Wahlatmosphäre“ in Deutschland, und dieser Volksstimmung müsse eben Rechnung getragen werden362. Reichspräsident Ebert ordnete schließlich die vorzeitige Auflösung des ersten Reichstages der Re pu blik am 13. März 1924 an und bestimmte als Termin für die Hauptwahl zum Reichstag den 4. Mai, eine Woche vor Ablauf der 60-Tage-Frist363. Über die Terminfrage war es im Vorfeld zu Streit zwischen den Parteien gekommen, weil in Frankreich ebenfalls nationale Parlamentswahlen im Frühjahr 1924 anstanden. Die Reichsregierung trat für einen möglichst frühen Wahltermin ein, weil sie befürchtete, dass ein angesichts der nationalistischen Stimmung in Deutschland wahrscheinlicher Wahlerfolg der Rechtsparteien dem nationalen Block in Frankreich bei Kammerwahlen – die am 20. März auf den 11. Mai festgelegt wurden – eine gute Wahlparole verschaffen und die Verhandlungsposition des Reiches in den anstehenden Reparationsverhandlungen schwächen würde. Außer nach Frankreich blickte die deutsche Öffentlichkeit im Frühjahr 1924 auch nach Italien, das am 6.  April 1924 wählte und von wo die extreme deutsche Rechte durch die „Wahlschlacht der Faschisten“ weiteren Auftrieb erhielt. Allen drei Wahlen – in Deutschland, Frankreich und Italien – attestierte der frühere englische Premier David Lloyd George, wegen seiner Kritik am Versailler Vertrag in Deutschland wohlgelitten, als gemeinsame Plattform den 119 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe „nationalistischen Appell“364. Der Streit um den richtigen Neuwahltermin gehört wesentlich zur Geschichte der keineswegs, wie Elfi Bendikat und Detlev Lehnert schreiben, erst nach Ablauf der regulären Legislaturperiode „scheinbar unspektakulären“ Reichstagswahl vom 4. Mai365. Schon kurz vor der Reichstagsauflösung am 13. März 1924 richteten die regionalen und überregionalen Tageszeitungen ihre Rubriken für die Wahlkampfberichterstattung unter Bezeichnungen wie „Aus dem Wahlkampf “ oder „Die Wahlbewegung“ und „Der Aufmarsch der Parteien“ ein. Die Linksparteien begannen ihren Versammlungskampf verschiedentlich bereits in den letzten Märzwochen, und auch das Zen trum appellierte Ende März an seine Mitglieder, die in der Inflation beschädigten Parteistrukturen in kürzester Zeit jetzt kampfbereit zu machen: „Darum prüft die Listen, sammelt die Beiträge, weckt die Säumigen, füllt die entstandenen Lücken auf. Heraus mit allen politisch kranken und faulen Stellen! Die Kampffront muss intakt sein!“366 Praxis der noch wenig zentralisierten Weimarer Parteien war, sich mit speziellen Parteitagen oder Tagungen der Parteiführungen auf den Reichstagswahlkampf vorzubereiten, welche in der Regel erst den Auftakt zur eigentlichen „hei- ßen“ Phase bildeten. Als Startzeichen konnten aber auch bereits die Ver- öffentlichung der ersten Aufrufe der Vorstandsgremien dienen, der „Wahlprogramme“ im zeitgenössischen Verständnis, oder große öffentliche Kundgebungen mit Spitzenkandidaten. Während sich 1918/19 aufgrund der politischen Umbruchsverhältnisse keine einheitliche Praxis beobachten lässt, waren die Weimarer Parteien danach dazu übergegangen, die Wahlaufrufe ihrer Zen tra len etwa einen Monat vor dem Wahltag zu veröffentlichen. Im Frühjahr 1924 besaßen bereits die letzten Reichstagsdebatten einen offen wahlkämpferischen Charakter und meldeten sich einige Fraktionen anlässlich der Reichstagsauflösung am 13. März mit Wahlaufrufen zu Wort, während die der zen tra len Parteivorstände in den letzten zwei Märzwochen erschienen. Abgedruckt oder zumindest zusammengefasst in der Partei- und Richtungspresse, schlugen sie den inhaltlichen Grundtenor des Wahlkampfes an. Als erste Partei veröffentlichte im Frühjahr 1924 das Zen trum am 15. März seinen zen tra len Wahlaufruf, nur zwei Tage nach der Reichstagsauflösung. Ihm folgten eine Woche später am 23. März die Aufrufe der zwei großen Oppositionsparteien SPD und DNVP, woraufhin im Abstand einer knappen Woche die übrigen Parteien dicht gedrängt ihre Aufrufe veröffentlichten, am 29. März die DDP, einen Tag später die USPD, am 1.  April dann DVP, BVP und 120 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik DHP, unter dem Datum des 2.  April die KPD und schließlich am 3.  April die Deutschvölkischen367. Von den zum Teil außerordentlichen Reichsparteitagen, auf denen in der Regel Fragen der Kandidatenaufstellung und der künftigen Wahlpolitik dominierten, waren die entsprechenden Veranstaltungen der Wahlkreisorganisationen zu unterscheiden, deren Planung besonders bei gleichzeitigen Landtagswahlen nicht mit dem Zeitplan der Reichspartei übereinstimmen musste. Im Frühjahr 1924 etwa eröffnete Reichskanzler Wilhelm Marx bereits am zweiten Sonntag nach der Reichstagsauflösung, nämlich am 23. März, mit einer von über 5 000 Menschen besuchten öffentlichen Versammlung in Elberfeld den Wahlkampf des Zen trums für den Wahlkreis Düsseldorf-Ost, in dem er Spitzenkandidat war368. Auf Reichsebene verzichtete man auf eine zen tra le Tagung vor den Wahlen, sondern leitete den Wahlkampf Ende März mit einem Rundschreiben an die Bezirksvorstände, Ortsgruppen und Vertrauensleute ein369. Die liberalen und konservativen Parteien hielten dagegen ihre zum Teil ohnehin für das Frühjahr 1924 geplanten Parteitage ganz im Zeichen des Reichstagswahlkampfes ab. Am 29. März 1924 begann in Hannover der 5. Parteitag der DVP, der im Anschluss an das Hauptreferat Stresemanns den vom Zentralvorstand erarbeiteten Wahlaufruf verabschiedete. Zwei Tage später, am 1.  April, eröffnete die DNVP ihren außerordentlichen Parteitag in Hamburg, auf dem der Parteivorsitzende Oskar Hergt den „Marschplan“ für den 4. Mai im mit schwarz-weiß-roten Fahnen ausgeschmückten Tagungssaal erläuterte. Beide Parteitage firmierten in der Rechtspresse als „eindrucksvolle Wahldemonstrationen“370. Während die DDP am 5./6.  April 1924 wie geplant ihren „Demokratentag“ in Weimar abhielt und auch die Kommunisten Mitte April in Frankfurt einen Parteitag unter halblegalen Bedingungen durchführten, verlegte die innerparteilich zerstrittene SPD aus wahltaktischen Gründen ihren ursprünglich für den 13.  April geplanten Parteitag auf einen Termin nach den Reichstagswahlen – was ihr prompt vom Gegner als ängstliches Eingeständnis der inneren Konflikte ausgelegt wurde. Um so intensiver bereitete sich die sozialdemokratische Organisation durch eine Reihe von Landesparteitagen auf die Wahlen vor371. Festzuhalten ist, dass alle Parteien spätestens Ende März 1924 den Reichstagswahlkampf aufgenommen und ihre internen Vorbereitungen bis Mitte April 1924 im wesentlichen abgeschlossen hatten. Lässt sich sein publizistisches Vorspiel bis in die ersten Fe bru arwochen zurückverfolgen, wurde der Wahl- 121 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe kampf spätestens nach der Reichstagsauflösung zum alles beherrschenden innenpolitischen Thema. Anlässlich von Reichstagswahlen meldeten sich jedoch nicht nur die Weimarer Parteien zu Wort, sondern griffen auch die wirtschaftlichen Berufs- und sozialen In te res senverbände sowie nicht zuletzt die Reichsregierungen in den Wahlkampf ein. Überraschen konnte die Aufregung, für die der am 27.  April 1924 veröffentlichte Aufruf der bürgerlichen Minderheitsregierung in der Rechtspresse sorgte. Sie hatte das Dawes-Gutachten zum Anlass genommen, sich gegen die nationalistische Opposition zu wenden. Das aber sei nichts anderes als Wahlagitation für die SPD und eine unzulässige Beeinflussung der Wählerschaft, hieß es von rechts. Noch nie sei in Deutschland die Autorität der Reichsregierung so offensichtlich in den Dienst von Parteipolitik gestellt worden. Selbst von seiten der DVP bezeichnete man es als eine „kaum ins parlamentarische Regime passende Maßnahme“, dass eine nur noch die Geschäfte führende Reichsregierung aktiv in den Wahlkampf eingreife372. Aus dem re pu bli ka nischen Lager wurde diesen Vorwürfen geantwortet, dass das Kabinett Marx nur eine von den „vorrevolutionären“ Regierungen begründete Tradition fortsetze, seien doch im Kaiserreich Eingriffe der Reichsleitung in den Wahlkampf der Parteien üblich gewesen – vorzugsweise allerdings gegen die inneren „Reichsfeinde“ –, weshalb die jetzige Entrüstung der Rechtsparteien nur ein wahltaktisches Manöver sei. Die SPD hielt den Erlass eines Wahlaufrufs durch die Reichsregierung im Frühjahr 1924 sogar für „demokratische Führerpflicht“ in Krisenzeiten373. Im übrigen war er nur als Höhepunkt einer offensiven Propaganda der Regierungsparteien geplant, die sich schon vor der Reichstagsauflösung auf ein „gemeinsames Vorgehen“ im Wahlkampf verständigt hatten. Mithilfe ihrer Presseabteilung, dem Wolffschen Telegraphischen Bureau und der Reichszen tra le für Heimatdienst versuchte jede Reichsregierung – ob nun bürgerlich oder sozialdemokratisch geführt – nach 1918/19, im Sinne „allgemeiner Volksaufklärung und staatsbürgerlicher Erziehung“ auf den Wähler einzuwirken, wobei sie ein breites Spek trum von Propagandamitteln aufbot, neben Broschüren und Rededispositionen auch Plakate, Bilderbogen mit Versen, Klebezettel sowie Karten mit politischen Gedichten374. Alle großen Weimarer Parteien waren in Reichstagswahlkämpfen mehr oder weniger auf die Unterstützung von Vorfeld- und Nebenorganisationen angewiesen, ihrem wichtigsten Reservoir von Hilfskräften für 122 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik die Wahlarbeit, die aber auch selbst in die Aus ei nan der set zungen eingriffen. Zweck dieser Übung war in erster Linie die interessenspezifische Wahlwerbung um einzelne soziale Schichten und Berufsgruppen, denen die allgemeinen Aufrufe der Parteien weniger boten375. Obwohl die Parteien bereits vor der Reichstagsauflösung am 13. März 1924 mit den unmittelbaren Wahlvorbereitungen begonnen hatten, setzte der eigentliche Wahlkampf in den meisten Teilen des Reiches ernsthaft erst nach den Osterfeiertagen ein. Diese fielen 1924 besonders spät auf den 20./21.  April und damit mitten in den Wahlkampf – zusätzlicher Anlass vor allem für die bürgerlichen Parteien, im Vorfeld gegen seine drohende „Verwilderung“ aufzutreten. Damit die Ruhe der „stillen Woche“ nicht gestört werde, hatten sie – mit Ausnahme der DDP – schon am 12. März im Reichstag beantragt, dass während der Karwoche vom 13. bis 21.  April Wahlversammlungen zu untersagen seien. Zwar wurde dieser Gesetzesentwurf gegen die Stimmen der SPD angenommen, dann aber vom Reichsrat abgewiesen, weil als verfassungsändernd angesehen und somit von der Zustimmung einer Zweidrittelmehrheit abhängig. Auf Anregung der DNVP sollte da raufhin eine Art Waffenstillstand zwischen den Parteien selbst geschlossen werden, wonach sie während der Osterzeit auf jede „laute Agitation“ und öffentliche Versammlungen verzichteten. Im Namen der SPD lehnte Hermann Müller auch diesen Vorschlag mit der Begründung ab, dass es in der Karwoche ohnehin von selbst zu geringerer Versammlungstätigkeit und schwächerem Besuch kommen werde. Darüber hinaus sah sich die SPD-Führung nicht in der Lage, eine so generelle Regelung für das gesamte Reich zu unterschreiben, sondern müsse vielmehr die Entscheidung darüber den Bezirksleitungen überlassen376. Von mehr Erfolg waren auf regionaler und lokaler Ebene im Frühjahr 1924 Anstrengungen zur präventiven Bekämpfung der „Auswüchse“ im Wahlkampf gekrönt. Schon am 24. März hatten die Parteiführungen in Berlin ein so genanntes Wahlabkommen beraten. Danach wurden erstens die Behörden aufgefordert, Sorge zu tragen, dass auch politisch Angeklagte und Verfolgte – gedacht war wohl in erster Linie an die aus den Besatzungszonen Ausgewiesenen – als Kandidaten am Wahlkampf teilnehmen könnten; zweitens sollten sich die Parteien gegenseitig verpflichten, bei ihren Anhängern da rauf hinzuwirken, gegnerische Versammlungen nicht zu stören377. Ende März 1924 einigten sich in Bonn Vertreter von der DNVP bis zur SPD da rauf, „unsachliche Schärfen und 123 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe persönliche Verunglimpfungen“ im Wahlkampf zu vermeiden. In Köln verabschiedeten am 9.  April die Parteien der Rheinprovinz ebenfalls eine Erklärung gegen den „Radau-Wahlkampf “. Um die „vaterländische Einheitsfront“ in den besetzten Gebieten nicht zu gefährden, sollten Störungen von Versammlungen des Gegners sowie persönliche Polemik in Flugblättern und Presse unterbleiben. Gegnerische Plakate, so eine weitere der „interparteilichen Anstandsregeln“, dürften weder abgerissen noch vorzeitig überklebt werden; und was auf Reichsebene scheiterte, gelang in Köln, wo sich die Parteien mit Ausnahme der Kommunisten da rauf einigten, die Karwoche bis einschließlich Ostersonntag möglichst frei von Versammlungen halten zu wollen378. Auch von staatlicher Seite war man bestrebt, den Reichstagswahlkampf vor dem 4. Mai in „geordneten Bahnen“ durchzuführen, damit nach den Krisen des Vorjahres und den sozialen Sparmaßnahmen der Regierung Marx die politische Erregung der Bevölkerung nicht in Gewalt umschlug. Von entscheidener Bedeutung war die bereits erwähnte Notverordnung des Reichspräsidenten vom 28. Fe bru ar 1924, durch die der seit dem Herbst 1923 geltende militärische Ausnahmezustand in einen zivilen abgemildert wurde. Verboten blieben weiterhin im ganzen Reich Versammlungen unter freiem Himmel sowie öffentliche De monstra ti o nen, wobei die Landeszentralbehörden Ausnahmen zulassen konnten. Dem Reichsinnenminister waren Eingriffe in die persönliche Freiheit und die Pressefreiheit „zur Abwehr von Bestrebungen auf gesetzwidrige Änderung der verfassungsmäßigen Staatsform“ gestattet. Des Weiteren durften Plakate nur an den dafür vorgesehenen offiziellen Plätzen wie Litfasssäulen angeschlagen werden – eine Bestimmung, die sich gegen das „wilde“ Plakatieren der vorangegangenen Wahlkämpfe richtete. Am 23.  April verschärfte Ebert seine Verordnung dahingehend, dass die Veranstaltung oder Teilnahme an nicht zugelassenen Versammlungen und Aufzügen im Freien mit Gefängnisstrafen belegt wurde. Andererseits waren schon am 28. Fe bru ar 1924 die Verbote der radikalen Parteien vom Herbst 1923 für das Reich wieder aufgehoben worden; bis der Reichstag am 26. Juli 1924 die Aufhebung aller Parteiverbote verfügte, blieben allerdings die landesrechtlichen Verbote bestehen. Außerdem bildete Absatz 2 der Verordnung vom 28. Fe bru ar die Grundlage für einige Zeitungsverbote durch Reichsinnenminister Karl Jarres, am spektakulärsten davon wohl das Verbot der Roten Fahne, dem Berliner Zentralorgan der KPD, das – wegen Abdruckes der Frankfurter Parteitags- 124 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik resolution – vom 14. bis 28.  April nicht erscheinen durfte. Zeitungsverbote waren in der immer gespannten politischen Stimmung des Frühjahres 1924 allerdings keine außergewöhnliche Erscheinung. Überlegungen der preußischen Regierung, alle kommunistischen Zeitungen in der letzten Wahlkampfwoche zu verbieten, weil sie die „blutrünstigen Aufrufe“ der KPD abgedruckt hätten, wurden aber als politisch unzeitgemäß zurückgewiesen. Die Linksopposition warte nur auf ein solches Agitationsmittel, das ihr die „Märtyrerpose“ ermögliche, hieß es379. Allgemeine Einschätzung quer durch alle parteipolitischen Lager war, dass der Reichstagswahlkampf im Frühjahr 1924 einen im ganzen überraschend ruhigen Verlauf nehme, was allerdings vor dem Hintergrund des stürmischen Krisenjahres 1923 mit seinen bürgerkriegsähnlichen Konflikten aus heutiger Sicht zu relativieren ist. Obwohl am 4. Mai 1924 so bedeutsame Fragen wie noch nie zur Entscheidung anstünden, schrieb rückblickend die Germania, habe es selten zuvor einen deutschen Wahlkampf gegeben, der in solch ruhigen Bahnen verlaufen sei: „Es gab keinerlei Aufregungen, keinerlei Sensationen, und die gelegentlichen kommunistisch-völkischen Holzereien in Versammlungen waren lediglich unbedeutende Zwischenfälle“. Verantwortlich für den „flauen“ Wahlkampf wurde unter anderem die Tatsache gemacht, dass sich das Gros der Wähler bereits vorher „innerlich“ für eine Partei entschieden habe. Dass sich die Rechtsparteien, die zwar mit „großem Tamtam“ den Wahlkampf begonnen hätten, vor allem untereinander bekämpften, habe ebenfalls dazu beigetragen. Allerdings drohe die „Apathie und Müdigkeit“ in der Bevölkerung nach den Wirren des chaotischen Vorjahres für die Parteien der Mitte gefährlich zu werden, „denn die Völkischen und die Kommunisten bringen durch rücksichtslose Agitation und verschleierten Terrorismus ihre Anhänger leicht an die Urne“380. Als in der nach seiner Zählung dritten Wahlkampfwoche der „Versammlungsfeldzug“ Anfang April bei allen Parteien angelaufen war, sah auch der Vorwärts jegliche Vernunft im „Lager der Extremen“ verschwunden, die – wie schon der bayerische Landtagswahlkampf vor dem 6.  April 1924 gezeigt habe – nur noch mit Gummiknüppeln, Stuhlbeinen und Biergläsern kämpften. Darin enthülle sich ein „Geist der Brutalität“, der das Maß an noch zu leistender „politischer Erziehungsarbeit“ gewaltig erscheinen lasse381. Im Unterschied zum Kaiserreich zeichnete sich das öffentliche Leben in der Weimarer Re pu blik von Beginn an durch eine Atmosphäre der Gewalt und Brutalisierung in der Politik aus. Die Erlebnisse des Welt- 125 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe krieges schienen in der bürgerkriegsähnlichen und krisengeschüttelten Anfangsphase der Re pu blik ihre Fortsetzung durch Putschversuche, terroristische Einzelattentate und Aktionen paramilitärischer nationalistischer Gruppen zu finden, welche den Gewaltmonopolanspruch der Staatsmacht nachhaltig in Frage stellen mussten. Während den deutschen Kommunisten eigene Terrorakte als Teil des revolutionären Befreiungskampfes gegen den „kapitalistischen Ausbeuterstaat“ erschienen382, besaß politische Gewalt über den Zweck der Einschüchterung und Androhung physischer Vernichtung hinaus für die NSDAP den Zweck, Märtyrer zu schaffen. Gewalt und ermordete „Kameraden“ wurden zu selbständigen Propagandamitteln, um die Berechtigung des politischen Machtanspruches zu unterstreichen. Ihr Opfer sollte wie de rum neuen Gewalteinsatz legitimieren und die Bereitschaft dazu bei den Mitkämpfern erhöhen – eine Technik, welche die NSDAP erstmals im Reichstagswahlkampf 1928 systematisch anwendete, als dem „ehrlich schaffenden Deutschen“ Namenslisten der nationalsozialistischen Toten und Verletzten präsentiert wurden, angeblich ermordet von den „Marxisten“383. Für Hitler und seine Anhänger ging es um die symbolische Rückeroberung der „Straße“ von den Linksparteien, in deren Hände sie im November 1918 gelangt war. Die bewusst provozierten Zusammenstöße mit dem politischen Gegner, ihre Mordversuche und Saalschlachten während der Wahlkämpfe waren nach Peter H. Merkl „Meilensteine des langen gewaltsamen Marsches der SA durch die Weimarer Re pu blik“384. Im Widerspruch zu dem allgemein als ruhig eingeschätzten Verlauf berichteten die Zeitungen während des Reichstagswahlkampfes vom Frühjahr 1924 über zahlreiche „blutige Zusammenstöße“. Diese ereigneten sich in erster Linie bei Wahlversammlungen der extremen Parteien und waren vorzugsweise Saalschlägereien zwischen deren meist jugendlichen Anhängern. Eine solche „völkisch-kommunistische Wahlschlacht“, in der nicht nur mit Stuhlbeinen und Handgranaten gekämpft wurde, sondern auch Schüsse fielen, war Anfang April ein gefundenes Fressen für den Vorwärts, der sich mit den bürgerlichen Zeitungen in der Entrüstung über die Wahlkampfmethoden der Radikalen einig wusste385. In den letzten zwei Wochen vor der Wahl am 4. Mai 1924 steigerte sich die politische Gewalt merklich. In vielen Teilen des Reiches, vorzugsweise in den größeren Städten, kam es zu blutigen Aus ei nan der setzungen. Am Ostermontag, dem 21.  April, forderte der Reichstagswahl- 126 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik kampf sein erstes Todesopfer nach einer Schlägerei zwischen Kommunisten und Völkischen in Buckow in der Märkischen Schweiz – es sollte nicht das letzte bleiben386. Ein parteiloser Arbeiter, der in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai völkische Zettelankleber in Berlin gestört hatte, wurde durch ein Mitglied der Klebekolonne getötet. Die Neue Preußische (Kreuz-)Zeitung, die andererseits systematisch den „roten Terror“ anlässlich des Maifeiertages anprangerte, erwog bezeichnenderweise die Möglichkeit eines Notwehraktes387. Obwohl Umzüge und Versammlungen im Freien gemäß den zivilen Ausnahmebestimmungen verboten waren, wurde der 1. Mai 1924 von den Linksparteien als „Generalappell“ für die Reichstagswahl begangen, wobei die Kommunisten versuchten, auch Straßendemonstrationen durchzuführen, die jedoch nur geringe Beteiligung aufwiesen388. Am Vorabend der Wahl eskalierten die Aus ei nan der set zungen und ereignete sich in der Nacht vom 3./4. Mai eine Reihe blutiger Zwischenfälle. In Berlin kostete der „Fanatismus der Radikalen“ bei nächtlichen Aus ei nander set zungen zwischen Klebetrupps der Parteien, in deren Verlauf es zu Schusswechseln mit der Polizei kam, mindestens zwei Menschen das Leben389. Die Bilanz des Frühjahrswahlkampfes 1924 fiel trotz der Schutzvorkehrungen der Behörden und dem angeblich „ruhigen“ Verlauf wenig erfreulich aus: Mindestens fünf Tote und Dutzende von Verletzten waren vor der Wahl vom 4. Mai durch politisch motivierte Gewalttaten zu beklagen. Allgemeiner Eindruck war, dass der Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 in der weitgehend mit materiellen Sorgen beschäftigten Bevölkerung zwar auf relativ wenig In te res se stoße, aber von den Parteien durchaus erbittert und in den letzten Tagen vor der Wahl auch mit dem gewohnt großen Propagandaaufwand geführt werde. Der Schriftsteller Joseph Roth, seit 1923 Korrespondent der Frankfurter Zeitung, bestätigte Ende April 1924 in Form eines ironischen Stimmungsberichtes aus Berlin dieses Urteil. Den Rhythmus und die „Maschinerie dieser halbame ri kanischen Stadt“ lasse der Wahlkampf der Parteien weitgehend unberührt. Wer aber die einschlägigen Berichte der Berliner Tageszeitungen lese, müsse glauben, dass sich hier „politische Wildwestkämpfe zwischen Rednern und Plakaten“ abspielten. Krampfhaft bemühe sich die Presse, einen Teil der Wahlgeschäfte für die Parteien zu besorgen, indem sie deren Kämpfe zum „Weltkrieg“ aufbauschten. Die Wirklichkeit aber sehe anders aus. Lediglich „ein paar halbwüchsige Jungen schlei- 127 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe chen durch die Nächte als ‚Kleisterpatrouillen‘, reißen Plakate herunter, kleben neue“, und nur in den Markthallen redeten die Hausfrauen beim Einkauf über die Wahl: „Zwischen den Gemüseständen entbrennt der Wahlkampf am hitzigsten. Die Märkte sind die Wahlschlachtfelder Berlins“390. Die Wahlbewegung belebte sich nach den Osterfeiertagen erst langsam, dann in der letzten Woche vor dem 4. Mai 1924 doch spürbar. Der Sonntag vor dem Wahltag brachte wie vier Jahre zuvor den Beginn des „Endkampfes“ der Parteien um die Gunst der Wähler. An diesem propagandistischen „Großkampftag“ riefen sie ihre Anhänger zur verstärkten Agitation vor allem mit Versammlungen auf, in denen meist Parteiprominenz aus Berlin oder die Spitzenkandidaten des Wahlkreises das „Wahl- Finish“ einläuteten391. Die letzten zwei Tage vor dem 4. Mai sahen schließlich eine nochmalige, im Vergleich zu den verhältnismäßig ruhigen Vorwochen gewaltige Steigerung der Propaganda durch die Parteien, die jetzt am Schluss ein wahres „Trommelfeuer der Wahlschlacht“ veranstalteten. Ähnlich wie vor der Wahl zur Nationalversammlung wurde der Aufwand an Propaganda im Frühjahr 1924 bald wieder als übermäßig und aufdringlich empfunden. Wiederum sei, so die Deutsche Allgemeine Zeitung, eine „Hochflut von Papier über die deutschen Wählermassen hereingebrochen, Wahlplakate schrien aufgeregt von Mauern und Litfasssäulen, und heisere Wanderredner hämmerten ihre Agitationsschlagworte mehr oder weniger bewegten Versammlungen ein“392. Die „aufgeregten äußeren Formen“ der letzten Wahlkampftage, in denen die Parteien eine geradezu hektische Aktivität zu entfalten schienen, standen nach Meinung der bürgerlichen Presse im Gegensatz zu der in der Bevölkerung beobachteten Gleichgültigkeit und Müdigkeit. Das äußere Straßenbild Berlins habe, war in der Kreuzzeitung zu lesen, schon am Wahlsamstag, dem 3. Mai, ganz im Zeichen der Wahlen gestanden: mit Fahnen und Symbolen der Parteien geschmückte „Wahlautos“ seien durch die Hauptstadt gefahren, während zugleich aus Flugzeugen Zettel geworfen wurden, eine „Flut von Flugblättern, mit denen man in den letzten Wochen wahrhaftig nicht sparsam gewesen war, überschwemmte Groß-Berlin an allen Ecken und Enden. Vom Kinderballon bis zum Flugzeug war alles in den Dienst der Sache gestellt worden“393. In der bürgerlichen Presse mischte sich Erleichterung über das Ende der Wahlbewegung mit Enttäuschung über den Ausgang der Wahl: „Die Schlacht ist geschlagen. Heiß haben sich die Parteien und Parteichen be- 128 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik kämpft. Die kleinen haben den großen Stimmen weggenommen, ohne selbst Vorteil davon zu haben. Das ist Deutschlands Schicksal – politische Zersplitterung“, kommentierte die Germania das Ergebnis vom 4. Mai 1924, dessen Hauptmerkmale die Fortsetzung des Schrumpfungsprozesses der politischen Mitte sowie die Stärkung der extremen Rechten waren394. Das Berliner Tageblatt empfand den Wahlsonntag selbst noch als Steigerung der Propaganda, ja als „Karneval, den die Reklame der Rechtsparteien zunächst noch darstellen konnte“, der gegen Mittag zu einem „wahren Hexensabbath“, einem „‚non plus ultra‘ der Papierverschwendung“ wurde395. Im Gegensatz zu den vorher beobachteten Zeichen von Wahlmüdigkeit war am 4. Mai doch plötzlich die Rede von einer relativ starken Beteiligung der Wählermassen, ein Erfolg der bis zum Schluss noch fieberhaften Werbeanstrengungen der Parteien, welche die aufkeimende Wahlfaulheit aktiv bekämpften. Bei einer gegenüber der letzten Reichstagswahl vom 6. Juni 1920 um fast 2,5 Millionen auf nun 38,4 Millionen gestiegenen Zahl der Wahlberechtigten sank die Beteiligungsquote lediglich um knapp zwei auf nun 77,4 Prozent. Für den im ganzen Reich einmütig als völlig ruhig beschriebenen Verlauf des Wahltages wurde nicht zuletzt die unfreundliche Witterung verantwortlich gemacht, die in den meisten Gegenden Deutschlands am 4. Mai herrschte und eine „hindernde Wirkung auf demonstrative Veranstaltungen“ der Parteien gehabt habe396. Festzuhalten ist, dass der äußere Verlauf des Reichstagswahlkampfes vom Frühjahr 1924 durch bestimmte, nicht unmittelbar politische Faktoren sein Gepräge erhielt. Zum einen waren alle Parteiorganisationen durch Ruhrkampf und Inflation noch geschwächt und hatten sich bis zur Reichstagsauflösung im März keineswegs so weit erholt, dass ihre agitatorischen Potentiale einen mehrere Wochen langen mit gleich hoher Intensität geführten Wahlkampf erlaubten. Geldknappheit und mangelnde organisatorische Schlagkraft der Parteien sind sicherlich die Hauptgründe für die später und schwächer als erwartet einsetzende Wahlpropaganda sowie den selbst von bürgerlicher Seite überwiegend als ruhig und unspektakulär eingeschätzten Verlauf. Die im Vergleich zu 1920 stark gestiegene Zahl blutiger Versammlungen sowie der von der Rechtspresse inszenierte Streit um den Wahlaufruf der Regierung, der im Zusammenhang mit der Veröffentlichung des umstrittenen Reparationsgutachtens zu werten ist, ragten als Besonderheiten aus der „unaufgeregten“ Wahlbewegung heraus. Im Gegensatz dazu wurden die inhaltli- 129 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe chen Aus ei nan der set zungen mit äußerster Schärfe geführt397. Die extremen Flügelparteien vermochten dem Wahlkampf sowohl durch beachtliche Aktivität mit zum Teil brachialem Körpereinsatz und ihre „laute Agitation“ den Stempel aufzudrücken – die „Straße“ war auch für sie infolge des Ausnahmezustands noch weitgehend gesperrt. Politisch motivierte Zusammenstöße kosteten im Wahlkampf mindestens fünf Menschen das Leben und gaben den Stimmen recht, die schon vorher über die „Verwilderung der politischen Sitten“ klagten. Versuche der mehrheitsfähigen Parteien, für die Wahlzeit eine Art Burgfrieden zur Befriedung und Einschränkung der Propaganda zu schließen, scheiterten jedoch am Widerwillen der SPD, auf den Mobilisierungseffekt des Wahlkampfes im Frühjahr 1924 zu verzichten. Der hier dargelegten Wahlberichterstattung in der Presse und ihren aktuellen Einschätzungen zum Trotz etablierte sich schon bald nach dem 4. Mai ein anderes Bild in der öffentlichen Meinung. Unter dem Eindruck der Regierungskrise im Spätsommer 1924 geriet er bald in den Ruf eines „Krisenwahlkampfes“, dessen „hemmungsloser Radikalismus“ verantwortlich gemacht werden konnte für die Zusammensetzung des „arbeitsunfähigen“ Reichstages, der ein schnelles, vorzeitiges Ende finden sollte. Die Wahlbewegung vom Herbst 1924 und die Reichspräsidentenwahlkampf vom Frühjahr 1925 Nach nur fünf Monaten wurde der im Mai gewählte Reichstag am 20. Oktober 1924 von Ebert wieder aufgelöst, weil Reichskanzler Marx an der monatelang verhandelten Frage einer Erweiterung der Regierungskoalition gescheitert war. Zwei Reichstagsneuwahlen innerhalb eines Jahres bildeten ein Novum in der parlamentarischen Wahlgeschichte Deutschlands. Obwohl die Möglichkeit einer Reichstagsauflösung während der Regierungskrise wie „ein Damoklesschwert am politischen Himmel“ hing, kam sie am 20. Oktober 1924 für viele doch überraschend. Im Unterschied zum Frühjahr gab es jetzt keine von wahltaktischen Erwägungen bestimmte Diskussion über die Terminierung der Neuwahlen, die von Ebert per Verordnung vom 21. Oktober auf den 7. Dezember 1924 gesetzt wurden398. Herrschte noch in den vorangegangenen Sommermonaten bei der Regierung, die zu diesem Zeitpunkt sogar einen Volksentscheid über die 130 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Annahme des Dawesplanes Neuwahlen vorgezogen hätte, ein starker politischer Widerwille gegen die Auflösung des Reichstags, wurde dieser jetzt um so mehr als ein „verspäteter Sprößling der Inflationszeit, nicht fähig zur praktischen Arbeit und den Todeskeim bei seiner Geburt in sich tragend“, verdammt. Diese gouvernementale Argumentation erklärte den Wähler zum Sündenbock, der allein an den „Fehlwahlen“ vom Mai und damit an der festgefahrenen Situation schuld sei399. Die SPD- Opposition begrüßte die neuerliche Reichstagsauflösung vom 4. Mai schon deshalb, weil man jetzt aus dem „dunklen Getriebe der parlamentarischen Intrige“ in das helle Licht des „offenen Kampfes“ trete. Allerdings glaubten die Sozialdemokraten vor neuer Wahlmüdigkeit warnen zu müssen. Nachdem Deutschland erst im Frühjahr einen „Wahlkampf von unerhörter Intensität“ erlebt habe, werde es am 7. Dezember 1924 nicht leicht sein, „das mit den Mitteln der parlamentarischen Demokratie noch wenig vertraute deutsche Volk abermals in seiner großen Masse zur politischen Entscheidung an die Wahlurne zu bringen“400. Selbst aber die krisengeschüttelte DNVP empfand Neuwahlen als „Erlösung aus einem wochenlangen Hin- und Her von saft- und kraftlosen Verhandlungen“, wenn auch die Auflösung nicht nach Art eines Bismarck herbeigeführt worden, sondern eine „recht plumpe Verlegenheitsaktion“ zur Lösung der Regierungskrise gewesen sei401. Die DDP hatte wie die Sozialdemokraten auf Neuwahlen gedrängt und traute im Unterschied zu den Rechtsparteien dem deutschen Volk zu, die „Gefahren eines Wahlkampfes“ zu überstehen, „ohne Schaden an seiner Seele zu nehmen“402. Schon am 27. Oktober 1924, nur eine Woche nach der Reichstagsauflösung, wurde in der deutschnationalen Presse vom „Kriegsschauplatz des Wahlkampfes“ gemeldet, dass dieser an Schärfe gewinne, nachdem er „in seinem ersten Stadium mit einiger sachlicher Zurückhaltung“ geführt worden sei403. Für die Parteiorganisationen und ihre noch vom Frühjahr strapazierten Kassen konnte der mehr oder weniger unerwartete Reichstagswahlkampf im Herbst 1924 kaum gelegen kommen. Langfristige technische Vorbereitungen und Materialbeschaffung fielen aus, sodass eine Vorwahlkampfzeit praktisch nicht stattfand. Konnte der Wahlkampf im Frühjahr 1924 über Monate hinweg vorbereitet werden, musste der zweite Reichstagswahlkampf des Jahres geradezu „aus dem Boden gestampft“ werden, so DDP-Hauptgeschäftsführer Werner Stephan404. Trotz der sich weiter entspannenden wirtschafts- und außenpolitischen Lage war ein kurzer, aber heftiger Wahlkampf auch deshalb zu 131 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe erwarten, weil der 7. Dezember zu einem bislang unbekannten „Großwahltag“ der Weimarer Re pu blik werden sollte. Nach Feststellung des Reichstagswahltermines waren die Wahlen zu nicht weniger als fünf Länderparlamente gleichzeitig auf diesen Tag gelegt worden, die bedeutendste darunter die Landtagswahl in Preußen, wo die Legislaturperiode zwar erst im Fe bru ar 1925 ablief, aber Ministerpräsident Braun dem Wunsch nach vorzeitigen Neuwahlen entsprach, weil sich durch eine Zusammenlegung die staatlichen Wahlkosten vermindern ließen405. Sofort nach der Reichstagsauflösung am 20. Oktober 1924 waren in Berlin die Spitzengremien der Parteien zur Beratung der Marschroute für den 7. Dezemberg zusammengekommen. Ein Blick auf die ersten Kundgebungen offenbarte bereits die inhaltlichen Hauptlinien des anlaufenden Wahlkampfes. In aller Schärfe wurden diese in den Aufrufen der Parteizen tra len herausgearbeitet, deren Veröffentlichung angesichts der knappen Zeit noch in die letzte Oktoberwoche fiel406. Die Reichstagsfraktion der DNVP trat bereits am Tage nach der Auflösung mit einem Aufruf hervor, dessen extrem revisionistische Parolen selbst bei der DVP für Befremden sorgten, weil allgemein eine Annäherung der Rechtsopposition an die bürgerliche Reichsregierung erwartet worden war. Ihren „richtigen“, vergleichsweise moderaten Wahlaufruf des Parteivorstandes veröffentlichten die Deutschnationalen eine Woche später am 29. Oktober. Den Aufruf der KPD vom 26. Oktober ergänzte diesmal – anders als noch im Frühjahr 1924 – ein Aufruf des Exekutivkomittees der Moskauer Komintern. In einigen Parteiblättern schon unter dem Datum des 25., im Vorwärts aber erst am 26. Oktober, dem Tag der Hamburger Bürgerschaftswahlen, erschien der zen tra le Aufruf der SPD diesmal als gemeinsame Kundgebung von Reichstagsfraktion und Vorstand. Als letzte der großen Parteien veröffentlichte die DVP ihren Reichstagswahl aufruf nach dem außerordentlichen Parteitag vom 13./14. November. Die Reichsregierung wandte sich im Herbst 1924 nur mit einer betont kurzen Kundgebung an die Wähler, die inhaltlich aber auf der gleichen Linie gegen „Radikalismus und Parteizersplitterung“ lag wie ihr umstrittener Wahlaufruf vom Frühjahr407. Außer den Parteien meldeten sich ihre Reichsausschüsse sowie die In te res senorganisationen ab Ende Oktober 1924 wieder publizistisch zu Wort, darunter neben dem einflussreichen Verband deutschnationaler Großagrarier, dem Reichslandbund, auffallend viele Gruppen des „schwarz-weiß-roten“ Deutschland, so etwa die Adelsgenossenschaft oder der Offiziers-Bund. Deutliches Zeichen verschärf- 132 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ter wirtschaftlicher Verteilungskämpfe und sozialer Spannungen waren Aufrufe von Organisationen der Mieter, der Inflationsopfer oder der Invaliden und Witwen, der „Ärmsten der Armen“408. Für ein neues Element sorgten im Herbst 1924 die paramilitärischen Parteiverbände, die erstmals stärker in den Reichstagswahlkampf eingriffen. Ihr Auftritt auf der politischen Bühne zu einem Zeitpunkt, als mit dem Übergang zu rein bürgerlichen Reichsregierungen im Grunde eine gewisse Stabilisierung zu beobachten war, sorgte nicht nur für zusätzliche Polarisierung, sondern verstärkte die Tendenzen zu einer Demonstrationspropaganda wie überhaupt zu außerparlamentarischen Aktionen im politischen Leben der Weimarer Re pu blik409. Der Wahlaufruf des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“, dem im Frühjahr 1924 unter Beteiligung der Weimarer Koalitionsparteien in Magdeburg gegründeten Gegenstück zum dort schon vorher ansässigen Stahlhelm, forderte den aktiven „Kampf für die Re pu blik“ und ihre Symbole. Während in der demokratischen Presse vor dem 7. Dezember der Ruf nach einem Wahlbündnis der „schwarz-rot-goldenen“ Parteien laut wurde, setzte es sich Reichsbannerführer Otto Hörsing zum Ziel, dass bei dieser Wahl „nicht eine Versammlung der re pu bli ka nischen Parteien von den Monarchisten und Kommunisten gesprengt“ werde. Über den Versammlungsschutz hinaus habe jeder Reichsbannermann die Pflicht, „mit allen Kräften im Rahmen seiner Partei für deren Sieg und damit für die re pu bli ka nische Sache zu arbeiten“410. Dank dem Reichsbanner, so ein Rundschreiben der DDP von Ende Oktober 1924, sei es in den Großstädten immerhin möglich, „re pu bli ka nische Gemeinschafts-Kundgebungen“ durchzuführen, „bei denen insbesondere auch öffentliche Aufzüge, Flaggenfeste usw. veranstaltet werden können“411. Die Rechtsparteien besaßen bereits seit 1918 im Stahlhelm, dem Bund der Frontsoldaten, eine Kampforganisation, die nach außen hin einen betont militärischen Stil des Auftretens pflegte und deren deutschnational dominierte Führung nach dem Scheitern des Hitler-Ludendorff-Putsches im November 1923 erste Vorstöße in die Politik wagte. Schwarzweißrote Wahlanzeigen vor dem 7. Dezember 1924 sowie Kandidaturen von Bundesmitgliedern für DNVP und DVP ließen die Zweifel an der Überparteilichkeit des Stahlhelms wachsen. Bis zum Aufstieg der NSDAP und der SA in den Jahren ab 1929/30 sollten Reichsbanner und Stahlhelm die zwei „eigentlichen Gegner auf der außerparlamentarischen Bühne“ der Weimarer Re pu blik bleiben412. 133 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe Parallel zur Veröffentlichung der zen tra len Aufrufe liefen in der Auftaktphase des Wahlkampfes bis Ende Oktober 1924 die organisatorischen Vorbereitungen der Parteien auf Hochtouren und fanden in einigen Städten bereits die ersten öffentlichen Wahlversammlungen statt. Vorausgegangen waren die Hamburger Bürgerschaftswahlen vom 26. Oktober, die allgemein als „Probe für den 7. Dezember“ galten, bei der die Parteien den Ton anschlugen, der auch die Wahl zum Reichstag bestimmen sollte413. Die SPD hatte bereits am 22. Oktober auf einer gemeinsamen Sitzung des Parteiausschusses und der Reichstagsfraktion die Wahlkampfrichtlinien für das Reich und Preußen festgelegt. Am 26. Oktober wurden in den Bezirken und Unterbezirken der Partei Konferenzen durchgeführt, die sich mit der Kandidatenfrage und weiteren wahltechnischen Angelegenheiten beschäftigten. Als Auftakt des Wahlkampfes in Berlin rief auf einer solchen Funktionärstagung Arthur Crispien im Namen des Vorstandes der SPD zur energischen Bekämpfung der „Wahlmüdigkeit“ auf, die angeblich das besondere Zeichen der letzten Reichstagswahlen vom Frühjahr 1924 gewesen sei414. Sofort mit „großer Schnelligkeit und ganzer Intensität“ in den Wahlkampf getreten war nach eigenen Angaben nicht zuletzt auch das Zentrum, dessen ursprünglich für den 24. Oktober 1924 in Frankfurt am Main geplanter außerordentlicher Reichsparteitag aber wegen der „besonderen politischen Verhältnisse“ auf den 27./28. Oktober nach Berlin verlegt werden musste. Der Veranstaltungsort Frankfurt wäre für viele Abgeordnete mit zu großen Reisestrapazen und erheblichem Zeitverlust in dem bereits angelaufenen Reichstagswahlkampf verbunden gewesen. Ausdrücklich sollte es vor dem Reichsparteitag, der die „großen Richtlinien“ des Wahlkampfes festlege, keine programmatischen Aufrufe des Zen trums geben, um das Bild der Geschlossenheit zu wahren. Während des Parteitages, in dessen Anschluss die preußische Landespartei ihre Wahlvorbereitungen besprach, fanden am 28. Oktober Verhandlungen mit BVP-Vertretern über einen „Burgfrieden“ der katholischen Parteien statt. Am 14. November gab der Reichsparteivorstand des Zen trums in einer „Vereinbarung“ zwischen den beiden Parteien den Verzicht eigener Kandidaten im rechtsrheinischen Bayern sowie im Gegenzug der BVP außerhalb der Grenzen Bayerns bekannt. Im linksrheinischen Wahlkreis Pfalz wollten beide Parteien zwar getrennt kandidieren, den Wahlkampf aber „sachlich“ und ohne unnötige Schärfen führen415. 134 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Der Vorstand der DDP beschloss nach der Reichstagsauflösung, den ohnehin für Ende November 1924 in Breslau geplanten Demokratentag vorzuverlegen und am 2. November als außerordentlichen Reichsparteitag nach Berlin einzuberufen. Offizieller Auftakt des DDP-Wahlkampfes sollte nach Absprache der Parteileitung mit den Wahlkreisvorsitzenden eine anschließende „öffentliche Massenkundgebung in künstlerischer Umrahmung“ werden. Sie fand im Berliner Sportpalast statt, in den am Abend des 2. November unter tatkräftiger Hilfe des Reichsbanners etwa 20 000 Menschen strömten. Laut Werner Stephan sei damit der Sportpalast zum ersten Mal von einer Partei für eine politische Massenveranstaltung genutzt worden416. Die DVP hielt als offiziellen Wahlkampfauftakt einen außerordentlichen Reichsparteitag am 13./14. November 1924 im soeben von den Franzosen geräumten Dortmund ab, wo sich Stresemann als „Befreiungs“- Außenminister einen wirkungsvollen Auftritt erhoffte. Bildete schon die Wahl des Ortes ein geschicktes publizistisches Manöver, wurden durch die Ausschmückung des Tagungssaales mit schwarz-weiß-roten Fahnen ebenfalls politische Signale – nicht zuletzt in Richtung der umworbenen DNVP – gesetzt. Obwohl man von einem formellen Wahlbündnis auf Reichsebene zurückschreckte, kam es in einigen Ländern zu Absprachen der DVP mit den Deutschnationalen, „wonach sie in dem bevorstehenden Wahlkampf einen Burgfrieden schließen und den Kampf unter der Parole Schwarzweißrot gegen Schwarzrotgold“ führen wollten417. Deutlich offenbarte sich im Herbst 1924 die fehlende Vorbereitungszeit der Parteiorganisationen für diesen zweiten Reichstagswahlkampf innerhalb nur eines Jahres. Nach der recht hektischen Auftaktphase, die mit der Veröffentlichung der „Wahlprogramme“ und den zen tra len Parteikonferenzen Anfang November 1924 als abgeschlossen gelten konnte, setzte die Propaganda- und Versammlungstätigkeit der Parteien im Reich nur sehr langsam ein. Noch Mitte November, fast einen Monat nach der Reichstagsauflösung, mutmaßte die Germania angesichts der überall schwachen Wahlbewegung, dass die Parteien – mit Ausnahme der DNVP, die dank hoher Finanzspenden als einzige bereits einen relativ lebhaften Wahlkampf führe – ihre ganzen Mittel scheinbar für die letzten zwei Wochen vor der Wahl aufsparen wollten. Grund für den flauen Wahlkampf sei neben dem Geldmangel der Parteien aber eine allerorten anzutreffende Wahlmüdigkeit in der Bevölkerung418. Am 25. Oktober hatte Reichspräsident Ebert die noch gültigen Bestimmungen über den zivilen Aus- 135 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe nahmezustand vom Fe bru ar 1924, welche das Presse-, Vereins- und Versammlungsrecht einschränkten, angesichts des bevorstehenden Wahlkampfes aufgehoben. Preußens Innenminister, der Sozialdemokrat Carl Severing, hielt jedoch seine Verordnung vom Juli 1923 bis zum Wahlsonntag am 7. Dezember aufrecht, weil er öffentliche Umzüge und Versammlungen unter freien Himmel während der Wahlzeit nach wie vor als eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit ansah419. Bedurfte es für die KPD keiner weiteren Erklärung, warum in „dieser freiesten demokratischen Re pu blik“ nicht auf der Straße demonstriert werden dürfe, protestierten rechtsoppositionelle Kreise dagegen, dass der Berliner SPD- Polizeipräsident angeblich nur dem Reichsbanner Umzüge am Wahltag des 7. Dezember gestattet habe. Richtig war, dass allen Parteien, die einen entsprechenden Antrag gestellt hatten, so genannte Propagandafahrten von Wagen mit Plakaten, Musik und Fahnen auch gestattet wurden, jedoch unter der Bedingung, dass sie bei dieser Gelegenheit keine Ansprachen hielten420. Typisch für den Versammlungskampf der Parteien im Herbst 1924 war, dass es vermehrt zu allerdings meist unblutigen Aus ei nan der setzungen des jeweiligen Saalschutzes mit „Störungstrupps“ der Gegner kam. Auf die Wahlhilfe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold zugunsten der re pu bli ka nischen Parteien antwortete die Rechtspresse mit Artikelserien gegen diese „marxistische“ Parteiorganisation. Berichte über den „schwarz-rot-gelben Wahlterror“ sollte die Reichsregierung zum Eingreifen bewegen, da die sozialdemokratischen Länderregierungen von sich aus nichts gegen das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gelb“ unternähmen, obwohl dessen „Störungskolonnen“ die Wahlarbeit der bürgerlichen Parteien behinderten421. Gehörte die Polemik gegen die Re publikfarben zur Wahltaktik der Rechtsparteien, wurden im Herbst 1924 aufgrund des Re pu blikschutzgesetzes auch noch Zeitungsverbote von den Behörden erlassen. Wegen „besonders verletzender Beschimpfungen“ der Re pu blik ließ Severing etwa das Organ des Jungdeutschen Ordens für die Zeit vom 2. bis einschließlich 15. Dezember 1924 verbieten422. Von gelegentlichen Zwischenfällen abgesehen, verlief der Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 aber alles in allem ohne größere Zusammenstöße und waren Meldungen über „blutige Wahlversammlungen“ vergleichsweise selten. Politische Gewalt und die Bereitschaft dazu, wie sie noch im Frühjahr des gleichen Jahres in hohem Maße zu beobachten war, gingen damit innerhalb weniger Monate drastisch zurück – 136 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ein deutliches Zeichen innenpolitischer Entspannung und zurückgehenden Einflusses der extremen Flügelparteien423. Im Vergleich zum Frühjahr 1924 spielte auch der Reichstagswahlkampf in den Ländern und Wahlkreisen vor dem 7. Dezember 1924 eine weit weniger prominente Rolle in der überregionalen Presseberichterstattung. Nicht zuletzt der Wahlkampf in den besetzten Gebieten war nach Annahme des Dawesplanes rasch wieder zur Normalität geworden, zumal er sich in den äußeren Bedingungen immer weniger von dem im restlichen Deutschland zu unterscheiden schien. Für die Wahlpropaganda der Parteien spielte die Tatsache der Besetzung allerdings nach wie vor eine große Rolle. Die Doppelwahl in Hessen zum Reichs- und Landtag gewinne am 7. Dezember ihre besondere Bedeutung dadurch, so der sozialdemokratische Staatspräsident Karl Ulrich, dass das Land „unter der Besatzungs- und Sanktionspolitik verhältnismäßig am meisten gelitten von allen Ländern des Reiches“ habe. Durch die Zusammenlegung der Wahlen könnten im übrigen die Folgen der Wahlmüdigkeit begrenzt werden424. Aus den wenigen Artikeln der überregionalen Presse über den Reichstagswahlkampf in den Ländern lässt sich immerhin entnehmen, dass die eigentliche Wahl- und Versammlungspropaganda der Parteien vielerorts erst während der letzten zwei Novemberwochen voll einsetzte425. Dass auch vom gleichzeitig stattfindenden Preußen-Wahlkampf nur sehr wenig in der überregionalen Presse zu lesen war, mag in erster Linie damit zusammenhängen, dass die Parteien in ihrer Propaganda beide Entscheidungen sehr eng miteinander verknüpften und auch die zentra len Wahlaufrufe „Reich“ und „Preußen“ meist in einem Atemzuge nannten. Zudem stellte der größte deutsche Einzelstaat ein selbständiges Thema des Reichstagswahlkampfes im Herbst 1924 dar, da sich gegen die Regierung unter Otto Braun und dem „System Severing“ die geballte Polemik der Deutschnationalen und der extremen Parteien rich tete. Die Wahlkampfrichtlinien der DDP vom Herbst 1924 legten ausdrücklich fest, dass die Landtagswahlen bei der Wahlagitation im ganzen Reich ausgiebig behandelt werden sollten: „Gewiss überschattet die Reichspolitik alles; aber insbesondere bei den preußischen Wahlen stehen auch so wichtige Landesangelegenheiten zur Entscheidung, dass man bemüht sein muss, diese mit im Vordergrund zu halten“426. In einer sozialdemokratischen Übersicht über den Aufmarsch zum Reichstagswahlkampf in den einzelnen Ländern wurde Preußen ande- 137 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe rerseits jedoch nicht erwähnt. Dafür erfuhr der Leser, dass die Wahlbewegung in Bayern bis kurz vor dem 7. Dezember allgemein als zurückhaltend, „teilweise sogar als sehr flau“ anzusehen sei. Die früheren Mengen von Propagandamaterial hätten die bayerischen Behörden veranlasst, diesmal schärfer gegen „übertriebene Wahlreklame“ der Parteien vorzugehen. Als übertrieben betrachtete die Polizeidirektion München bereits das Abwerfen von Flugblättern aus Automobilen und Straßenbahnen sowie öffentliche Umzüge. Im Unterschied zu der erregten Stimmung des Frühjahrs zeichne sich der jetzige Wahlkampf andererseits durch einen „ruhigeren und sachlicheren Verlauf “ aus, wobei Ausnahmen die Regel bestätigten. In Ostsachsen werde etwa mit einer noch nie dagewesener Leidenschaftlichkeit gekämpft und habe der Wahlkampf in der letzten Woche vor dem 7. Dezember einen kaum noch zu steigernden Höhepunkt erreicht: „Ein wahres Trommelfeuer von Versammlungen, Plakaten, Broschüren, Flugblättern und sonstigem Werbematerial ergießt sich über die Wähler und insbesondere die Rechtsparteien bemühen sich, auf diesem Wege der nicht zu verkennenden Wahlmüdigkeit unter ihren Anhängern zu begegnen“427. Aus den Berichten des Reichskommissars für Überwachung der öffentlichen Ordnung lässt sich die unterschiedliche Intensität der Wahlbewegung in den einzelnen Ländern herauslesen. In Ostpreußen, Hessen oder Mecklenburg, so eine Übersicht vom 11. November 1924, habe der Wahlkampf bei allen Parteien schon „stark eingesetzt“, in Westpreu- ßen, Schlesien oder dem Siegerland könne er dagegen noch als „ziemlich flau“ bezeichnet werden. Obwohl er in Schleswig-Holstein wie derum erst wenig in Erscheinung trete, werde er doch erkennbar durch die Parole „Hie schwarz-rot-gold, hie schwarz-weiß-rot“ geprägt428. Ein weiterer Bericht vom 1. Dezember 1924 sah schließlich kurz vor dem Wahltag die Propaganda in allen Teilen des Reiches lebhafter werden. Auch in Westpreußen träten nun die „Kampffronten schwarz-rot-gold und schwarz-weiss-rot“ scharf hervor, ohne dass es zu nennenswerten Ausschreitungen oder gewalttätigen Zwischenfällen gekommen sei. Neben der Verfassungsfrage stünden wirtschaftspolitische Probleme wie insbesondere die Aufwertungsfrage thematisch im Mittelpunkt. In Mecklenburg falle die starke Versammlungsagitation der SPD auf, die dabei unter dem Schutz des Reichsbanners noch keine Störungen durch den Gegner zu verzeichnen habe. In der Provinz Sachsen habe der Reichstagswahlkampf Ende November 1924 „außerordentlich erbitterte For- 138 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik men“ angenommen. Neben den Parteiversammlungen fänden noch gesonderte Wahlveranstaltungen mit „überparteilichem Anstrich“ statt, bei denen der Propaganda ein „gesellschaftliches Mäntelchen“ umgehängt werde, so etwa bei „Hakenkreuz-Frühschoppen und kriegerischen Theaterabenden“ der Völkischen, während der Stahlhelm Vorträge über „Schwarz-weiß-rot und schwarz-rot-gold in Vergangenheit und Gegenwart“ mit Gesang und Musik anbiete. Obwohl die Parteien ihre Versammlungstätigkeit nun „aufs äusserste“ gesteigert hätten, verzeichneten sie aber immer noch nur mäßigen, zum Teil sogar schlechten Besuch. In vielen Teilen des Reichs wich die anfängliche Wahlmüdigkeit dann doch einem stärkeren In te res se der Wähler und füllten sich die Versammlungen. Ganz im Zeichen des Plakates stehe der hessische Wahlkampf, sodass in Frankfurt während der letzten Novemberwoche die Anzahl der Plakatsäulen erhöht werden musste. Von Wahlmüdigkeit sei hier nichts zu spüren, allerdings auch nichts von einer besonderen Wahlfreudigkeit. Im rheinisch-westfälischen In dus triegebiet blieb der Wahlkampf trotz spürbarer Belebung gegen Ende hin insgesamt „sehr ruhig“. In Mecklenburg sei dagegen nicht nur die Zahl der Versammlungen mächtig angeschwollen, sondern hätten sich auch die „Prügeleien und handgreiflichen Zusammenstöße“ gehäuft. Selbst der Landbund, der ansonsten politische Tendenzen vehement leugne, habe nunmehr in den Wahl kampf eingegriffen, in dem sich die Verfassungsfrage „Schwarzrotgold oder Schwarzweißrot“ immer mehr als Hauptparole erweise429. Eine Woche vor dem Wahltag rüsteten die Parteien wieder zum „Endkampf “ und steigerten ihre Werbeanstrengungen. Die SPD rief ihre Anhänger Ende November noch einmal zur abermaligen Intensivierung der Wahlarbeit auf, in einer agitatorischen Schärfe, welche die stark aufgeheizte Stimmung im Herbst 1924 charakterisierte: „Lasst uns jetzt mit zum äußersten gespannter Schlagkraft zum letzten Angriff ausholen! Wir müssen die Reaktion so niederwerfen, dass sie sich niemals wieder erholen kann!“430 Infolge der vermuteten und tatsächlichen Wahlmüdigkeit entwickelte sich auch bei den bürgerlichen Parteien eine besondere Rhetorik zur Mobilisierung der Anhänger, deren ganze Aufmerksamkeit auf die Wahl konzentriert werden sollte: „Nur noch eine Woche trennt uns vom Wahlgang und sie muss mit verdoppelter Anstrengung ausgefüllt werden, um auch die Schläfrigen zu wecken und die Säumigen aufzumuntern“, war in der Germania am letzten Sonntag vor dem 7. Dezember zu lesen431. 139 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe Ähnlich einem Countdown im Boxkampf, zählte das Zentralorgan der KPD schon Wochen vorher in kleinen Propagandakästchen die Tage bis zur Wahl. Höhepunkte der kommunistischen Wahlarbeit waren die letzten Sonntage vor der Wahl, die unter Einsatz aller verfügbaren Kräfte zu Sonderaktionen genutzt werden sollten. So fand eine Woche vor der Wahl noch einmal ein großer „Rote-Propaganda-Sonntag“ statt, der mit Propagandafahrten ins Brandenburgische Land, verstärkter Straßenagitation und zum Teil – ungeachtet des nach wie vor in Preußen gültigen Demonstrationsverbotes – auch mit einigen öffentlichen Wahlumzügen bestritten wurde432. In einem ersten Rückblick rief das Zentralorgan der SPD am 7. Dezember zur „Reinigung“ des politischen Lebens auf, denn: „Sieben Wochen hat der Wahlkampf gedauert. Ganz Deutschland stinkt von Lügen!“ Dass der zurückliegende Reichstagswahlkampf der „unsauberste“ gewesen sei, den das Reich jemals erlebt habe, sei aber allein Schuld der Gegner: „In diesem Verleumdungsfeldzug war die Sozialdemokratie nur Objekt, nicht Subjekt“433. Als Oppositionspartei könne die SPD vielmehr mit dem Anspruch werben, politische Massenaufklärung betrieben und im Wahlkampf die „Wahrheit“ gesagt zu haben, während die Gegner das alte Bismarck-Zitat bestätigten: „Es wird nie so viel gelogen wie vor einer Wahl, während eines Krieges und nach einer Jagd“434. Auf demokratischer Seite schloss man sich dieser mittlerweile bekannten Klage über die „geradezu ungeheuerliche Unwahrhaftigkeit“ eines Wahlkampfes an, dessen Ende erleichtert begrüßt wurde angesichts des „Übermaßes an Propaganda“. Mit industriellen Geldern hätten vor allem die Rechtsparteien einen Wahlkampf gegen die Re pu blik entfesselt, den die Vossische Zeitung „amerikanisch“ nennen wollte, wenn das nicht eine Beleidigung für eine befreundete Nation gewesen wäre: „Es ist eine Schmutzflut über das Land gegangen, meterhoch, wie ein Lavastrom“435. Solchen Einschätzungen zum Trotz standen die Anzeichen eines äu- ßerlich eher flauen Wahlkampfes gegenüber, wie sie in Teilen der bürgerlichen Presse wahrgenommen und verbreitet wurden. So sei vor dem 7. Dezember 1924 die „Überschwemmung der Straßen mit Flugblättern und Plakaten“ weit weniger stark gewesen als bei früheren Wahlen. Allerdings wurde dies keineswegs als Ausdruck innenpolitischer Entspannung gedeutet, sondern mit der allgemeinen Geldknappheit in den Parteikassen sowie den staatlichen Schutzvorkehrungen erklärt. Wie gewohnt änderte sich das Bild, je näher die Entscheidung heranrückte. Drei Tage 140 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik vor der Wahl, als sich die Parteien bereits im „fieberhaften Endkampf “ befanden und „ganze Armeen“ von Helfern mit den „Zurüstungen für die Entscheidungsschlacht“ beschäftigt seien, begab sich ein bürgerlicher Journalist auf Rundgang durch die Berliner Hauptgeschäftsstellen der einzelnen „Heerlager“, lies Parteien. Überprüft werden sollte der „Kampfzustand der Truppen“, das heißt der Parteizen tra len und ihrer Wahlhelfer, um Rückschlüsse auf die übrige Organisation im Reich zu ziehen, „denn wie das Hauptquartier so höchstwahrscheinlich auch die Linie“. Stichprobenartig ging er so „kreuz und quer durch das Wahlschlachtfeld Berlin“, angefangen in der Bernburger Straße, wo die DNVP- Haupt geschäftsstelle residierte. Hier herrsche Zuversicht, weil mit der „klaren Wahlparole ‚Für Schwarz-weiß-rot!‘ ein wirksames Gegengift gegen die Wahlmüdigkeit“ gefunden sei. In der Reichsgeschäftsstelle der DVP auf der belebten Friedrichstraße sei es dagegen bereits „ziemlich still“ geworden. Die zen tra le Wahlarbeit sei erledigt und der Wahlkampf werde nunmehr von den Landeswahlbüros zu Ende geführt. Als völlig verödet erschien das ebenfalls in der Bernburger Straße gelegene Büro der DDP, wo von den angeblichen 15 000 Wahlhelfern nichts zu sehen sei. Die Parteizen tra len von SPD und KPD waren dem Reporter keinen Besuch wert, und bei den kleineren Parteien bedürfe es schon einer „gewissen Findigkeit“, um überhaupt die Adresse der Büros herauszufinden436. Die SPD konzentrierte ihre agitatorischen Kräfte in der Schlussphase des Wahlkampfes ausdrücklich auf den letzten Tag vor dem 7. Dezember 1924. Dieser Samstag sei der „wichtigste Kampftag“, weil er zum letzten Mal vor der Wahl die Menschen nicht „zerstreut in ihren Wohnungen“ antreffe, sondern zusammenführe, sei es im Betrieb oder in der Werkstatt, sei es in der Eisenbahn oder auf der Straße. Ihren „Kampf der letzten Stunden“ wollte die SPD im Herbst 1924 hauptsächlich um die „Mitläufer“ führen, die sich erst vor der Wahl um den festen „Kern“ von Parteianhängern scharten. Je stärker der Kampfwille der aktiven Parteigenossen, desto größer die Schar der Nicht- oder besser Wechselwähler. Viele Frauen und Männer wüßten selbst am Wahltage trotz allen „Lärms des Wahlkampfes“ noch nicht, ob und wen sie wählen sollten: „Durch ein letztes Wort in letzter Stunde kannst Du sie gewinnen! Tust Du es nicht, so wird es der Gegner tun!“437 Seitens der auf den „Systemwechsel“ drängenden DNVP, die durch eine zumindest äußerlich sehr effektvolle Wahlkampagne hervortrat, erklärte man den 7. Dezember gar zum „Tag schwarz-weiß-roter Erhebung“. 141 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe Jeder Besitzer einer alten Reichsfahne sollte sie von seinem Balkon oder Fenster heraushängen. Nach einem „erbitterten Wahlkampf “, so die Kreuzzeitung am 7. Dezember, hätten die Parteien auch am Wahltage selbst noch „mit allen Mitteln der Kleinarbeit, dem Schlepperdienst und dem Flugblatt“ ihre Propaganda fortgesetzt. SPD und Demokraten schreckten vor nichts zurück, um der „schwarz-rot-goldenen Sache“ zum Sieg zu verhelfen, lautete die Retourkutsche der Konservativen auf Vorwürfe, die DNVP habe im Herbst 1924 einen „schmutzigen“ Wahlkampf geführt: „Große Geldsummen, die wohl in erster Linie dem Judentum zu verdanken sind, standen diesen Parteien zur Verfügung, den Roten überdies noch die Organisation der Gewerkschaften, die ihren Druck bis in den einzelnen Betrieb auszuüben pflegt“438. Obwohl die dramatische Inszenierung einer Entscheidungsschlacht zwischen „Schwarz-Weiß-Rot“ und „Schwarz-Rot-Gold“ durch die Propaganda der Parteien für Polarisierung und Emotionalisierung sorgte, verlief der Wahltag am 7. Dezember 1924 bis auf einige kleinere Zwischenfälle ruhig. Sowohl im Reich als auch vor allem in Berlin schwoll allerdings die „Papierhochflut“ auf den Straßen wieder in starkem Maße an und hätten die zahlreichen Propagandawagen, aus denen wie wahllos Flugblätter geworfen seien, das Straßenbild deutlich von sonstigen Feiertagen unterschieden, so die Kreuzzeitung. Von der anfänglich befürchteten Wahlmüdigkeit sei nichts mehr zu spüren gewesen, vielmehr habe etwa in Berlin ein „so starker Ansturm“ auf die Wahllokale eingesetzt, dass schon mittags die Beteiligungsquote vom Mai 1924 erreicht worden sei439. Zur Reichstagswahl berechtigt waren am 7. Dezember 1924 knapp 39 Millionen Bürger, etwa 600 000 mehr als im vorangegangenen Frühjahr. Die Quote lag mit 78,8 Prozent um fast 1,5 Prozent höher als bei der ersten Wahl im Jahr 1924, sodass alles in allem etwa eine Million Wähler mehr zur Wahlurne schritten. Der etwa sechswöchige Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 hatte im Zeichen relativer Stabilisierung nicht zuletzt dank der Anstrengungen der Parteien, die vor allem in den letzten zwei Wochen vor der Wahl einen intensiven Wahlkampf führten, die wahlmüde Stimmung erfolgreich verscheucht. Ausschlaggebend für den überraschend hohen Mobilisierungsgrad am 7. Dezember waren aber wohl in erster Linie inhaltliche Gründe der Wahlauseinandersetzungen – hier sei nur die heiß umstrittene Aufwertungsfrage oder die Vereinfachung der Entscheidung zum Plebiszit über die Verfassung genannt, de- 142 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ren Politisierungseffekt fast mit dem nationalistischen Syndrom gleichzusetzen war. Dies sollte sich im kommenden Frühjahr 1925 bestätigen, als nach dem plötzlichen Tod Eberts am 28. Fe bru ar 1925 die vorzeitige Neuwahl des Reichspräsidenten notwendig wurde. In den schwarz-weiß-roten Fahnen und Fähnchen, die vor und nach dem Wahlsieg Hindenburgs am 26.  April 1925 allerorten gehisst wurden, kündigte sich aus heutiger Sicht auf augenfällige Weise der politische Stilwandel an, der für das zweite Jahrfünft der Weimarer Re pu blik kennzeichnend werden sollte440. Die Parteien führten den ersten Reichspräsidentenwahlkampf 1925 dabei alles andere als „von hoher Warte“ aus, sondern bewegten sich „in dem Geleise einer parteipolitischen Reichstags- oder Landtagswahl“. Hinsichtlich der anzutreffenden Polemik war er in den Augen des Zen trumsblattes Germania sogar noch schlimmer: „Bei Parlamentswahlen richten sich die Angriffe meistens weniger gegen bestimmte Personen, vielmehr gegen die betreffenden Parteien“441. Wenig half, dass laut den Richtlinien des Reichsblocks der Wahlkampf in „vornehmer und sachlicher“ Form geführt werden und die Polemik gegen den Mitbewerber auf seine politische Einstellung zielen solle, tunlichst aber nicht auf das „persönliche Gebiet“. Schließlich handle es sich bei der Reichspräsidentenwahl nicht wie bei Parlamentswahlen um eine Entscheidung über aktuelle politische Tagesfragen, sondern stünden die „großen politischen Gesichtspunkte“ im Vordergrund442. Kennzeichen des zweiten Wahlgangs am 26.  April war die Trennung der Parteien in zwei große „Blöcke“ – sieht man von dem „roten Arbeiterkandidaten“ Thälmann ab −, die den organisatorischen Rahmen vorgaben und was die Entfaltung einer grobschlächtigen Propaganda fördern musste. Vor allem die DNVP betrieb einem aggressiven Wahlkampf für Hindenburg, der den wenig aussichtsreichen Jarres ersetzt hatte und dessen Bewerbung zu einem „Glaubenskrieg zwischen gutem ‚alten‘ und ungeliebtem ‚neuen‘ Deutschland“ stilisiert wurde443. Dass der Wahlkampf der „heftigste, erbittertste, leidenschaftlichste und hemmungsloseste wurde, den Deutschland bis dahin erlebt hatte“, war am wenigsten die Schuld der beiden Hauptbewerber444. Ihr Wahlkampfstil unterschied sich deutlich voneinander, wenn auch beide im Sinne eines „sachlichen“ Wahlkampfes jeder grobschlächtigen Polemik entsagen wollten. Während Thälmann und die KPD unter der konfusen Parole: „Wer Hindenburg liebt, wählt Marx! Wer Hindenburg hasst und die Monarchisten schlagen will, kämpft in der roten Klassenfront!“445 einen Sonder-Wahl- 143 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe kampf führten, entwickelte Marx im Gegensatz zu Hindenburg, der seinen Wohnort Hannover nicht verließ und nur zweimal öffentlich auftrat, eine überaus starke Werbetätigkeit. Unmittelbar nach dem Osterfest begab er sich Mitte April 1925 auf strapaziöse Wahlkampftournee durch das Reich, wobei er innerhalb von zehn Tagen etwa neunzig Versammlungen absolvierte. Höhepunkt und Abschluss dieser Wahlreise, die er mit tatkräftiger Unterstützung des Reichsbanners unternahm, bildete am 24.  April die „Reichssendung“ im Rundfunk, zu der auch Hindenburg aus Hannover zugeschaltet war. Als neuartig erschien, dass erstmals der Schwerpunkt der Wahlpropaganda auf den De mons tra ti o nen (bevorzugt mit Lastwagen) lag, bei denen unter Teilnahme der verschiedenen paramilitärischen Verbände immer mehr auf Uniformierung der Teilnehmer geachtet wurde. Allgemeiner Eindruck war, dass die Propaganda der Parteien inzwischen „amerikanisiert“ sei, wobei Flugblätter nur noch eine Nebenrolle spielten, während in den Städten Wahlfilme den Wähler von den Vorzügen der Kandidaten zu überzeugen versuchten. Das äußere Hauptkennzeichen des zur Entscheidung zwischen Monarchie und Re pu blik stilisierten Präsidentschaftswahlkampfes war aber die Proklamation des „Fahnenkrieges“, wodurch ganz Berlin in ein einziges Meer von schwarzrotgoldenen oder schwarzweißroten Fahnen und Fähnchen gehüllt worden sei. Darüber hinaus schrieben Lichtreklametafel „glitzernde Mahnungen“ sowie in der Nacht die Kandidatennamen an den Himmel und „in den Kaufläden, in den Warenhäusern, beim Schuster und Schneider – überall, nichts als politische Gespräche“. Am 26.  April vermochte selbst der zum Teil heftige Regen nicht, die aufgeregten Gemüter wieder zu besänftigen. Alles zeigte nur ein Symptom: „Fieber, riesengroßes Wahlfieber“446. Die Wahlbewegung vom Frühjahr 1928 Nach wenigen Jahren relativer Stabilisierung schien die Reichstagswahl im Frühjahr 1928, die trotz vorzeitiger Reichstagsauflösung längere Schatten als alle ihre Vorgänger warf, im Zeichen einer innen- und außenpolitischen Beruhigung abgehalten zu werden. Das hatte unter anderem zur Folge, dass sich die Parteiorganisationen ungestörter und intensiver als bis dahin gewohnt auf den Wahlkampf vorbereiten konnten. Obwohl 144 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik das Mandat des dritten Reichstags der Re pu blik erst im Dezember 1928 endete, begann für Hellmut von Gerlach der Wahlkampf bereits ein gutes Jahr vorher. Das vorzeitige Ende des Parlaments werde immer wahrscheinlicher, berichtete Gerlach Anfang November 1927, zumal sich selbst in den Koalitionsparteien der Mitte-Rechts-Regierung die Ansicht durchsetze, dass der Reichstag das kommende Frühjahr nicht überleben werde447. Schon bei ihrer Bildung im Januar 1927 erschien die Bürgerblock- Koalition als bloße Übergangslösung, die Fragen der zukünftigen Wahltaktik und Bündnispolitik aufwarf. Der Parteitag der oppositionellen SPD in Kiel von Ende Mai 1927 stand bereits im Zeichen des nächsten Reichstagswahlkampfes und des wiedererwachten Willens der Partei zur Macht im Staat448. Auch die bürgerlichen Parteizen tra len begannen sich etwa um die gleiche Zeit auf Reichstagswahlen vorzubereiten. Mit den Erfahrungen des Jahres 1924 ausgestattet und halbwegs erholt nach den organisatorischen Rückschlägen der Inflationszeit, waren die Ausgangsbedingungen dazu durchaus als günstig zu beurteilen. Schon im Sommer 1927 musste jeder Partei klar gewesen sein, dass 1928 ein „Kampfjahr erster Ordnung“ bevorstehe, wie Anton Erkelenz in der Vossischen Zeitung anlässlich der Reichstagsauflösung am 31. März 1928 erinnerte449. Anders als vier Jahre zuvor fielen die Reichstagswahlen im Frühjahr 1928 auf einen Termin vor den Kammerwahlen im Nachbarland Frankreich, dessen verhältnismäßig ruhiger und leidenschaftsloser Wahlkampf nur noch wenig In te res se in der deutschen Öffentlichkeit erregte450. Aus den zeitlichen Rahmenbedingungen heraus ergab sich, dass im Frühjahr 1928 erstmals ein echter Vorwahlkampf stattfand. Nachdem die Regierungskoalition Mitte Fe bru ar offiziell aufgelöst wurde, schienen vorzeitige Neuwahlen zum Reichstag so gut wie sicher. Die Parteien, deren Parlamentspolitik bereits vorher – etwa in der „Phoebus-Affäre“ Anfang des Jahres – wahltaktische Züge angenommen hatte, leiteten prompt erste Wahlvorbereitungen ein. In ihrem Berliner Zentralorgan kündigte die SPD bereits am 23. Fe bru ar 1928 einen „Wahlkampf gegen Scharfmacher“ im Unternehmertum an. Anlass war der mitteldeutsche Metallarbeiterstreik, dessen Abbruch die sozialdemokratische Streikleitung ausdrücklich mit dem Hinweis auf den bevorstehenden Reichstagswahlkampf rechtfertigte, in dem es auch um die Ziele der streikenden Arbeiter gehen werde. Eine Woche später gab der Parteivorstand der SPD in 145 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe einem ersten Spendenaufruf die Parolen aus, unter denen sie im Frühjahr 1928 gegen den „Bürgerblock“ kämpfen wollte451. Während die Reichsregierung nur noch geschäftsführend amtierte, wurde die Frage des genauen Neuwahltermins zunächst dilatorisch behandelt, weil der Reichstag erst nach Verabschiedung eines zwischen den Parteien vereinbarten Notprogramms und des vorläufigen Reichsetats für 1928 aufgelöst werden sollte, spätestens aber in der zweiten Hälfte des Mai. Nach einigem Hin und Her einigte man sich schließlich auf den 20. Mai, wobei am 31. März auch der preußische Landtag aufgelöst und seine Wahl wieder mit der Reichstagswahl zusammengelegt wurde452. Die letzten Reichstagsdebatten Ende März 1928 standen bereits völlig im Zeichen der Wahlpropaganda und bildeten so nach allgemeiner Einschätzung die Ouvertüre zu einem Wahlkampf, der schärfer zu werden drohte als alle seine Vorgänger. In der Sitzung vom 29. März hatten tumultartige Szenen mit handgreiflichen Aus ei nan der set zungen zwischen Abgeordneten der SPD und KPD im Reichstag einen Vorgeschmack gegeben453. Am Tag nach der Reichstagsauflösung zeigte sich Georg Bernhard dennoch davon überzeugt, dass sich das Wahlergebnis wesentlich von früheren unterscheiden werde. Sei vier Jahre zuvor gerade die „Schreckenszeit der Inflation“ zu Ende gegangen, werde die Wahl am 20. Mai 1928 eine „Rückkehr zur Vernunft infolge der Wiederaufrichtung deutscher Lebenssicherheit“ bringen. Die Mehrheit der Wähler werde sich nicht noch einmal wie 1924 durch „billige Phrasen“ der radikalen Parteien täuschen lassen, denn: „Die Steigerung des Qualitätsgefühls im Publikum, über das alle Warenkaufleute zu berichten wissen, wenn man sie über die Veränderungen des Geschmacks ihrer Kunden seit der Vorkriegszeit befragt, erstreckt sich auch auf die geistige Ware, die Wahlredner zu bieten haben. Die Anspruchslosigkeit der Massen bei der letzten Wahl war eine begreifliche Ausnahmeerscheinung“454. Ihre Aufrufe zur Reichstagswahl veröffentlichten die Parteien in der vorletzten Aprilwoche, etwa drei Wochen nach der Reichstagsauflösung und also einen Monat vor der Wahl am 20. Mai 1928, besonders früh diesmal unter dem Datum des 12.  April wieder das Zen trum, dem eine Woche später die meisten anderen Parteien folgten. Als letzte Reichstagspartei gab am 28.  April die DDP ihren Wahlaufruf bekannt. Eine Sonderstellung beanspruchte schon bei der Veröffentlichung ihres Wahlaufrufs die NSDAP, die unter dem Titel: „An das ganze Deutschland“ bereits im März 1928 eine Art Manifest veröffentlicht hatte, das während 146 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik des Wahlkampfes in verkürzter Form als Flugblatt kursierte und fünf Tage vor dem 20. Mai vom Völkischen Beobachter noch einmal abgedruckt wurde455. An wahlstatistischen Fakten ragte vor allem die beträchtliche Zunahme der Wahlberechtigten am 20. Mai 1928 heraus, da sich ihre Zahl gegenüber 1924 um drei auf 41,9 Millionen erhöhte, darunter 4,5 Millionen Jung- beziehungsweise Erstwähler, was dieser Gruppe schon aus rein rechnerischen Gründen zu größerer Aufmerksamkeit in der Wahlpropaganda der Parteien verhelfen musste456. Am 7. Mai 1928 gab der Reichswahlausschuß in Berlin die zugelassenen Wahlvorschläge bekannt, deren Zahl diesmal mit insgesamt 31 so hoch wie nie zuvor war – bestenfalls nur die Hälfte besaß aber echte Mandatschancen. Die Zulassungspraxis des Wahlausschusses wurde erwartungsgemäß von den großen Parteien als zu freizügig, ja als „Wahl-Groteske“ verurteilt, da nicht weniger als sieben Aufwertungsparteien zugelassen wurden. Abgelehnt hatte der Ausschuß nur zwei Vorschläge, aus formalen Gründen eine Gruppierung, die sich „Ganz parteilos für des Volkes Wohl“ nannte, sowie – wegen offensichtlicher Unernsthaftigkeit – ein Wahlvorschlag mit der Bezeichnung „Lebensinteressen der Ledigen“. Ebenso als Wahlscherz konnte der jedoch zugelassene Reichswahlvorschlag mit der Nummer 31 angesehen werden, auf dem sich eine Familie Wulfmeyer aus dem westfälischen Barmen unter der Firma einer „Rechts- und Mieterschutzpartei“ bewarb457. Die Zahl von In te res senverbänden, Berufsgruppen und sonstigen Organisationen, die sich mit Wahlaufrufen zu Wort meldeten, wuchs im Frühjahr 1928 geradezu ins Unüberschaubare. Angefangen von den Gewerkschaften, den großen katholischen Verbänden, dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bis hin zu den sozialdemokratischen Kleingärtnern oder dem rechtsgerichteten Reichsbürgerrat schien sich eine bis dahin unbekannte Vielzahl von Gruppen vor den Wahlen Gehör verschaffen zu wollen. Was einerseits sowohl den hohen Politisierungsgrad als auch verschärfte In te res senkonflikte signalisierte, war andererseits kaum noch unter das, geschweige denn unter ein Parteiendach zu bringen. Im Namen der „Sportwähler“ etwa glaubte der Reichsausschuss für Leibesübungen die Parteien unter Hinweis auf die sechs Millionen Wählerstimmen aus Turner- und Sportkreisen zu „sportfreundlichen“ Wahlzielen ermahnen zu müssen458. Erstmals betrat auch die Berufsgruppe der Ärzte im Frühjahr 1928 die Bühne des Wahlkamp- 147 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe fes, nachdem der bürgerliche Ärztebund beschlossen hatte, auf jedes seiner Mitglieder pro Kopf eine Wahlumlage in Höhe von 20 Mark zu erheben, um die Wahl von Vertretern der Ärzteschaft zu fördern, wogegen nicht nur die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Ärzte protestierte459. Zeichen zunehmenden interessenpolitischen Drucks aus der Wirtschaft war ein am 8. Mai 1928 in Hamburg überregional veröffentlichter Wahlaufruf der norddeutschen Handelskammer-Präsidenten an die Wähler aller Parteien, sich den angeblich überparteilichen „wirtschaftlichen Notwendigkeiten“ zu stellen und die Reduzierung des „Übermasses“ an Steuern bei gleichzeitiger äußerster Sparsamkeit der öffentlichen Haushalte zu fordern460. Nachdem die paramilitärischen Organisationen im Herbst 1924 erstmals aktiv am Reichstagswahlkampf teilgenommen hatten, wurde ihrer Rolle im Frühjahr 1928 von der Presse erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt. Insgesamt hatte sich auch bei den Wehrverbänden und ihren Mitgliedern, deren Bedeutung und Stimmenzahl nicht zu unterschätzen waren, die Tendenz zur Politisierung fortgesetzt. Für den Stahlhelm, der sich auf seinem Reichsfrontsoldatentag von 1927 in Berlin als „parteilos national“ bezeichnete, stellte Bundesführer Seldte vor den Wahlen am 20. Mai 1928 fest, „zur Opposition verdammt“ zu sein. Spannungen innerhalb der Bundesleitung verursachte der Versuch der DNVP, in Flugblättern an die „Frontsoldaten“ als Wahlparole des Stahlhelms auszugeben, deutschnational zu wählen461. Anders als der Stahlhelm, der seinen Mitgliedern die Wahlteilnahme „befahl“, stellte der scharf parteienfeindliche Jungdeutsche Orden seinen Angehörigen frei, wählen zu gehen. Anlässlich eines so genannten „Hochkapitels“ vom 3. Mai bezeichnete die Ordensleitung Stimmenthaltung jedoch als „Generalstreik der Nation gegen plutokratische Vergewaltigung ihrer staatsbürgerlichen Rechte“462. Der Reichsbanner-Vorstand legte unter der Parole: „Für soziale Demokratie“ in seinen Richtlinien fest, dass die Wahlpropaganda Aufgabe der einzelnen re pu bli ka nischen Parteien bleibe. Das Reichsbanner werde nur in Orten, in denen diese keine Versammlungsagitation betreiben würden, eigene Kundgebungen veranstalten. Im übrigen stellte das Reichsbanner auf Anforderung den erforderlichen Saal- oder Begleitschutz für Versammlungen, eine Wahlhilfe, die vor dem 20. Mai in starkem Maße von der DDP beansprucht wurde463. Die Kandidatenaufstellung geschah bei den meisten Parteien im Frühjahr 1928 schon frühzeitig und ohne größere Zwischenfälle für das 148 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Reich und Preußen. Mitte April hatten sie ihre Bewerberlisten weitgehend abgeschlossen. Der „Aufmarsch“ war vollendet, die eigentliche „Wahlschlacht“ konnte beginnen464. Die Führung der SPD beschloß Ende Fe bru ar 1928, einen ursprünglich für Anfang April geplanten Parteitag ausfallen zu lassen, da Zeit und Geld im Wahlkampf nützlicher verwendet werden könnten. Einen besseren Auftakt zu den Wahlen als den Kieler Parteitag vom Mai 1927 könne es im übrigen gar nicht geben: „Besser als zu beraten, sei jetzt zu kämpfen“. Ungeachtet dessen wurden nach der Reichstagsauflösung wie de rum zahlreiche Landesparteitage abgehalten, die außer der Kandidatennominierung die „Waffen für den Wahlkampf “ in den Ländern schmieden helfen sollten465. Auch das Zen trum verzichtete vor dem 20. Mai 1928 auf einen ursprünglich vorgesehenen Reichsparteitag, sondern begann den Wahlkampf mit einer Tagung des Parteiausschusses am 12./13.  April in Berlin. Unmittelbar nach dem Osterfest wurden dort die Reichsliste und der zen tra le Wahlaufruf der Partei festgelegt. Nach dem „kurzen Zwischenfrieden“ der Feiertage werde der Reichstagswahlkampf bald „auf der ganzen Breite der Front“ entbrennen: „Schon grollen die ersten Donner zwischen den feindlichen Lagern“466. Als erste Partei begann die SPD im Frühjahr 1928 mit der Versammlungsagitation und innerparteilichen Mobilisierung bereits zwei Wochen vor der Reichstagsauflösung unter dem Motto: „Heraus zur Wahlschlacht!“ Ihre ohnehin intensive Propagandatätigkeit wollten die Sozialdemokraten dann in den letzten vier Wochen vor dem 20. Mai kontinuierlich steigern, mit regelrechten Versammlungswellen in den größeren Städten, bei denen – dank der auf Schallplatten vervielfältigten Reden – ihre „Wahlkanonen“ überall zu sprechen schienen. Erst Mitte April eröffneten die bürgerlichen Parteien den Wahlkampf, meist mit Großkundgebungen in den Wahlkreisen, wie etwa die DVP am 12.  April 1928 in Kassel, wo dem Parteivorsitzenden Stresemann etwa 3 500 Besucher zuhören wollten. Reichsweit gab seine Partei das Startsignal offiziell in der Sitzung ihres Zentralvorstandes am 21.  April in Berlin, die auch den zen tra len Wahlaufruf festlegte und der am nächsten Tag eine große Versammlung in der Berliner Philharmonie folgte. Wenn sie auch schon vor der Reichstagsauflösung verschiedentlich bereits Wahlversammlungen abgehalten hatte, eröffnete die DDP den „Wahlfeldzug“ in Berlin offiziell am 16.  April mit einer Versammlung sowie der ersten öffentlichen Vorführung ihres Wahlfilms. Für die Deutschnationalen bil- 149 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe dete der eigentliche Auftakt eine Wahlrede ihres Vorsitzenden Graf Westarp am 14.  April in Frankfurt an der Oder. Spätestens Ende April war somit der Wahlkampf zum 20. Mai 1928 fast überall in vollem Gange und lief auch die bürgerliche Versammlungspropaganda auf Hochtouren467. Von staatlicher Seite wurden wieder unmittelbar nach der Reichstagsauflösung erste Vorkehrungen zum besonderen Schutz der Wahl getroffen, wobei der preußische Innenminister Albert Grzesinski eine prominente Rolle spielte. Am 3.  April 1928 betonte der Sozialdemokrat in einer Konferenz der Ober- und Regierungspräsidenten Preußens in Berlin, dass der kommende Wahlkampf den Behörden erhöhte Verantwortung auferlege. Ihre Aufgabe sei, in enger Zusammenarbeit mit den Führern der politischen Parteien und Verbänden die „möglichst reibungs lose Durchführung des Wahlkampfes“ zu sichern. Für den Wahltag selbst wurde die Schutzpolizei in den Städten vorsorglich in Alarmbereitschaft gesetzt, zum Teil jedoch erst ab 12 Uhr mittags, um den Beamten vorher die Stimmabgabe zu ermöglichen. Zu warnen sei insbesondere vor dem „Wahlterror“ auf dem Land, wo infolge der ungünstigen Verhältnisse ohnehin eine gereizte Stimmung unter der Bevölkerung herrsche. Einige Gutsbesitzer versuchten, von ihnen abhängige Personen durch Drohung mit Lohnabzügen oder gar Entlassung an einer freien Stimmabgabe zu hindern. Tatsächlich gab die DNVP in Rundschreiben entsprechende Anweisungen: „Es ist Ehrensache, dass jeder Gutsbesitzer dafür sorgt, dass seine Arbeiter deutschnational wählen. Es steht so viel auf dem Spiele, dass ein paar Mark nicht gescheut werden dürfen“. Zur Sicherung der Wahlfreiheit wurde vom preußischen Innenministerium deshalb im Frühjahr 1928 die Trennung von Gutsbezirk und Wahlbezirk sowie von Wahllokal und Gutshaus verfügt. In einem Runderlass ersuchte Grzesinski die Oberpräsidenten zudem, nach der Wahl wieder Berichte über den Verlauf des Wahlkampfes abzuliefern468. Über die Erfolgsaussichten der ab Mitte April laufenden Gespräche zwischen Vertretern der Parteien und der Behörden wurde in Teilen der Rechtspresse von vornherein skeptisch geurteilt, da „guter Vorsatz und mildes Zureden“ im Wahlkampf wenig nützten. Insbesondere die KPD bestreite diesen nicht nur mit „vergiftender Propaganda“, sondern auch mit gewalttätigen Aktionen, wie der „Wahlterror“ ihrer im Geheimen wirkenden „roten Armee“, des Rotfrontkämpferbundes, beweise469. Nachdem Anfang April 1928 ein aufgrund des Re pu blikschutzgesetzes ergangenes Verbot seiner Dortmunder Ortsgruppe durch das Reichsgericht 150 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik wieder aufgehoben worden war, geschah im Wahlkampf etwas Unerwartetes: mit Datum vom 16.  April 1928 ersuchte der Reichsminister des Innern von Keudell ( DNVP) – obwohl seit der Reichstagsauflösung nur noch geschäftsführend im Amt – die Länderregierungen, den RFB nebst sämtlichen Sektionen und Ortsgruppen aufgrund des Re pu blik schutzge set zes zu verbieten und aufzulösen. Die diesem Ersuchen beigefügte Denkschrift enthielt jedoch keine Beweise politischer Gewalt, sondern war eine Blütenlese kommunistischer Phraseologie, wobei der kitschige Fahneneid des RFB („Wir schwören rot, Sieg oder Tod“) als Beleg für eine angeblich ernste Bedrohung der Re pu blik herhalten musste. Es überraschte daher kaum, dass sich die SPD-Regierung Preußens, wo das Gros der RFB-Organisationen tätig war, dem Antrag Keudells versagte und statt dessen – aus pragmatischen Gründen und unterstützt von den meisten anderen Ländern, bis auf Bayern und Württemberg – vor dem Staatsgerichtshof klagte, der am 2. Mai 1928 dem Einspruch stattgab und erwartungsgemäß ein Verbot des RFB ablehnte470. Während führende KPD-Abgeordnete unmittelbar nach der Reichstagsauflösung ihrer Immunität verlustig gingen und in die Illegalität abtauchten, wurden zugleich in einigen Städten wie Berlin oder Köln noch bestehende Betätigungsverbote der NSDAP mit sofortiger Wirkung aufgehoben, um der Hitlerpartei für die Neuwahlen Chancengleichheit zu gewährleisten471. Laut einer Notiz der Vossischen Zeitung war zwischen den bürgerlichen Parteien für die Karwoche vom 2. bis 9.  April 1928 ein so genannter Gottes-Frieden vereinbart worden, wonach „laute Agitation“ gedämpft und mit der Versammlungstätigkeit erst nach dem Osterfest begonnen werden sollte. Reichsinnenminister Keudell hatte im Ältestenrat des Reichstags am 30. März einen solchen „Waffenfrieden“ aller Parteien für die Karwoche angeregt, ohne dass die Fraktionen eingedenk des Fiaskos vom Frühjahr 1924 einen Beschluss darüber faßten. Wiederum konnten sich die Parteien aber in einzelnen Wahlkreisen einigen, etwa in Köln – mit Ausnahme von KPD und NSDAP – Ende April 1928 unter Vermittlung des Regierungspräsidenten auf einen „ruhigen und sachlichen“ Wahlkampf. Obwohl von seiten der Behörden keine Vorschriften bestanden, vereinbarten sie, Wahlplakate nur an geeignete Stellen zu kleben und die des Gegners weder abzureißen noch zu überkleben, um der „Verunstaltung des Straßenbildes“ vorzubeugen. Insbesondere das zuletzt stark verbreitete Ankleben kleiner gummierter Zettel an Fenstern und Türen sollte unterbleiben. In den Wahllokalen wollten die Parteien „friedlich ne- 151 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe ben einander“ arbeiten472. Um im In te res se des Gemeinwohls die „Auswüchse“ des Wahlkampfes auszuschalten, hatten die Parteien in der Provinz Westfalen auf Initiative des Oberpräsidenten eine ähnliche Vereinbarung getroffen. Angesichts solcher Übereinkünfte überraschte es nicht, dass die Vossische Zeitung Anfang Mai 1928 als allgemeine Signatur des Reichstagswahlkampfes ein „sachliches In te res se bei ruhiger Stimmung“ feststellen konnte473. Mit Herannahen des Wahltages gewannen die Aus ei nan der set zungen der Parteien im Frühjahr 1928 jedoch wieder an Schärfe und Lautstärke. In erster Linie zwischen SPD und Zen trum entspann sich eine Pressefehde, welche die Tiefe des konfessionellen Grabens sowie die – aus Zentrumssicht – latente „Kulturkampf “-Atmosphäre nach dem Scheitern des Reichsschulgesetzes anzeigte. Ende März hatte der Vorwärts bestritten, dass es sich bei den inneren Kämpfen im sozialistisch regierten Mexiko um einen religiösen Konflikt handle, sondern vielmehr um die „Aufrechterhaltung der Staatsautorität gegenüber unverantwortlichen Mächten“. Auf einer großen Protestkundgebung von etwa 3 000 Berliner Zen trumsanhängern gegen den „Kulturkampf “ in Mexiko, die am 7. Mai unter Teilnahme eines mexikanischen Erzbischofs stattfand, konnte der Hauptredner hingegen feststellen, dass hinter den religiösen Verfolgungen in Mexiko der „Bolschewismus“ stehe und Opfer das ganze mexikanische Volk sei, weil zu neunzig Prozent katholisch474. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund dieses Mexiko-Streites wurden gerade im Zen trum auch wieder Stimmen lauter, die einen Verfall der politischen Sitten im Reichstagswahlkampf beklagten. Hatte die katholische Regierungspartei deshalb für eine möglichste Verkürzung der Wahlzeit plädiert, so musste sie jetzt im Grunde drei Monate Wahlkampf hinnehmen. Anfang Mai, also zwei Wochen vor der Wahl, lagen die „ersten Geplänkel“ bereits viele Wochen zurück: „Diese Dehnung des Kampfes bringt bei der psychologischen Lage der Wähler zweifellos starke Nachteile mit sich und ist wirklich nicht geeignet, die bei ihnen vorhandene Sättigung und Müdigkeit irgendwie abzumildern“. Eine stärkere zeitliche Straffung wäre schon deshalb vorteilhaft gewesen, weil dem gegenwärtigen Wahlkampf die „aufrüttelnde Losung“ fehle. Vielmehr habe sich der Aufmarsch der Parteien inhaltlich in den alten Gleisen der grundsätzlichen Gegensätze vollzogen: „Programme stehen gegen Programme“. Bemerkenswert sei allenfalls noch die Kampfstellung der Parteien, 152 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik die bedingt durch die anderen koalitionspolitischen Fronten im Reich und in Preußen unterschiedlich ausfiel475. Während des Wahlkampfmonats April beherrschte bezeichnenderweise nicht die Politik, sondern der Flug der deutschen „Ozeanbezwinger“ die Schlagzeilen. Die „Bremen“, so der Name des von Professor Junkers gebauten Flugzeuges, hatte Mitte April 1928 den ersten Non-Stop-Flug über den Atlantik in Ost-West-Richtung mehr oder weniger glücklich geschafft. Das öffentliche Aufsehen und die bekannte „nationale“ Gesinnung des Piloten Freiherrn v. Hünefeld waren der DNVP Anlass, dies propagandistisch zu verwerten und Wahlplakate mit der „Bremen“ zu drucken, was all denen Recht zu geben schien, welche die großen politischen „Ideen“ im Wahlkampf vermissten476. So etablierte sich in der Presse die allgemeine Einschätzung, es im Frühjahr 1928 mit einem eher matten Reichstagswahlkampf zu tun zu haben, dem die „zugkräftigen“ Parolen fehlten und in dem sich die Parteien in einer Art von „Stellungskrieg“ gegenüberstünden477. Freilich wurde auch davor gewarnt, dass der äußere Eindruck eines nur mäßigen Wahlfiebers täuschen könne. Richtig sei jedenfalls, dass sich das politische In te res se der Bevölkerung in Deutschland mittlerweile anders artikuliere als noch in den ersten Jahren nach der Revolution vom November 1918, als der „riesige Versammlungsbesuch“ ebenso kennzeichnend wie eine „laute Agitation“ der Parteien gewesen sei. Für die vor dem 20. Mai 1928 dennoch allerorten wahrnehmbare „Versammlungsmüdigkeit“ wurde vor allem die wirtschaftliche und politische Konsolidierung Deutschlands verantwortlich gemacht. Die Bildung bestimmter „Stammgruppen“, die unter allen Umständen ihre Partei wählen würden, lasse auch das „politische Treibholz“ der unentschiedenen Wähler als nicht groß genug erscheinen, um am 20. Mai überraschende Ergebnisse erwarten zu können. Trotz der scheinbaren Ruhe im Wahlkampf und des augenscheinlichen Desinteresses der Bevölkerung wurde aber für den Wahlsonntag mit einer starken Beteiligung gerechnet478. Eine allseits als neu und wichtig anerkannte Rolle im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 fiel der „modernen Technik“ und den davon profitierenden Werbemethoden der Parteien zu. Neben der üblichen Drucksachenwerbung und Versammlungsagitation wurden erstmals systematisch die „technischen Errungenschaften“ eingesetzt, am spektakulärsten sicherlich der Film und das Flugzeug, während man sich an das so genannte Wahlauto bereits gewöhnt hatte. Der Vorwärts bezeichnete 153 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe den „gewaltigen technischen Apparat“, dessen sich die Parteien, allen voran natürlich die SPD bedienten, als den „großen Eindruck“ des Wahlkampfes vor dem 20. Mai 1928, der darin „keinen einzigen Vorgänger in der ganzen Geschichte aller deutschen Wahlkämpfe“ besitze479. Von bürgerlicher Seite hieß es zurückhaltender, dass die Parteien auf der „Suche nach neuen Methoden“ der Massenbeeinflussung seien, weil „die alten Mittel, mit denen man den Wähler auf seine Seite ziehen konnte, an Wirkungskraft eingebüßt haben und nach mehr verlangen“480. Weil sie weder Anstrengungen noch Kosten scheuten, „um mit den modernsten und eindringlichsten Mitteln die Entscheidung der Wähler zu beeinflussen“, fragte die Vossische Zeitung Anfang Mai 1928 die „Wahlmacher“ in den Parteien nach ihren Vorbereitungen für die letzten Wochen des Reichstagswahlkampfes. Das „schwerste Geschütz neuzeitlicher Propaganda“ führe, bestätigte das liberale Blatt, die SPD ins Treffen, außer Autos, auf denen Lautsprecher montiert waren, die auch im Freien Reden der Parteiführer direkt oder per Schallplatte einem großen Zuhörerkreis zugänglich machten, eine ausgedehnte Flugblattagitation, Filmvorführungen, Lichtreklame, Aufführungen von Theaterstücken mit Sprechchören, Lichtbildervorträge sowie große öffentliche De mons tra ti o nen481. In der Frankfurter Zeitung erschienen Anfang Mai 1928 unter dem Titel „Bilder vom Wahlkampf “ mehrere Artikel über den Verlauf des Reichstagswahlkampfes, der sich jetzt, so ein Korrespondentenbericht vom 9. Mai, seinem Höhepunkt nähere. Das äußere Bild der Reichshauptstadt werde jedoch wahrscheinlich erst in den letzten Tagen vor dem 20. Mai stärker im Zeichen der Wahl stehen, wenn an den Litfasssäulen und sonstigen zum Anschlag geeigneten Flächen die Wahlplakate kleben und die Parteien in Umzügen oder mit Propagandafahrten und noch „stärkeren Mitteln“ auf die Wähler einzuwirken versuchen würden. Bis dahin aber werde noch die Versammlungsagitation die Hauptrolle spielen482. Obwohl in fünf deutschen Ländern – außer in Preußen noch in Anhalt, Bayern, Oldenburg und Württemberg – am 20. Mai parallel der Landtag gewählt wurde, nahm der Reichstagswahlkampf laut der Frankfurter Zeitung im Frühjahr 1928 überall einen ruhigen Verlauf. In Schleswig-Holstein sei der Reichstagswahlkampf wie in allen „ähnlich gelagerten Provinzen“, lies agrarisch strukturierten Gegenden, durch starke Zersplitterung und Müdigkeit der Wähler gekennzeichnet, was sich in einem schlechten Besuch und einer „minderwertigen Aussprache“ in 154 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik den Wahlversammlungen äußere. Auch der Wahlkampf in den Agrarprovinzen des deutschen Ostens konzentrierte sich im Frühjahr 1928 zudem wegen der täglichen Feldarbeit auf die Abende sowie den Sonntag als „Großkampftag“ auf dem Land mit in der Regel vier statt der sonstigen zwei Versammlungen. In „Riesenwahlkreisen“ wie Ostpreußen oder Hinterpommern bedeute der Mitte April aufgenommene Reichstagswahlkampf für die Parteien und ihre Kandidaten wieder eine besonders große Herausforderung. Während hier vom Zen trum wie immer in der Öffentlichkeit recht wenig zu bemerken sei, so die Frankfurter Zeitung, hätten aber die Deutschnationalen Ostpreußens diesmal durchweg weniger Besucher in ihren Versammlungen zu verzeichnen als die DDP. So habe Graf Westarp in Königsberg nur 1 500 Hörer angelockt, der demokratische Spitzenkandidat, Oberpräsident Ernst Siehr, an gleicher Stätte vor etwa 2 000 Besuchern gesprochen. Allerdings wusste man, dass aus dem Versammlungsbesuch allein nicht die Wahlchancen zu beurteilen seien, zumal die Mundagitation in den landwirtschaftlichen Berufsorganisationen und der feste gesellschaftliche Zusammenhalt der Deutschnationalen Ostpreußens stark seien. Zwei Wochen vor der Wahl nahm der Wahlkampf hier allgemein ein „lebhafteres Tempo“ an, obwohl er sich auch jetzt noch mit „weniger Geräusch“ als früher abspielte483. Die noch vier Jahre zuvor angesichts des gerade beendeten Ruhrkampfes im Mittelpunkt des nationalen In te res se stehenden besetzten Gebiete machten im Frühjahr 1928 nur noch durch große Wahlversammlungen der Parteien überregionale Schlagzeilen. Eine Kundgebung der DVP am 7. Mai in Mainz, anlässlich derer Stresemann in der „Hauptstadt des besetzten Gebietes“ vor etwa 5 000 Zuhörern sprach, nahm durch das bewusste Weglassen der üblichen Wahlkampfparolen den Charakter einer „Feierstunde des Vaterlandes“ an. Vier Tage vor Stresemann hatte bereits sein SPD-Widerpart, Rudolf Breitscheid, vor knapp 2 000 Mainzern gesprochen. Die Bedeutung, die auch das Zen trum den rheinischen Gebieten zumaß, ließ sich schon an der Zahl ihrer „Wahlkanonen“ ermessen, die in Mainz aufmarschierten, am 16. Mai etwa Helene Weber oder am 18. Mai Joseph Wirth484. Mainz geriet noch einmal in die Schlagzeilen der überregionalen Presse, und zwar wegen der schwersten politischen Ausschreitungen, die der Reichstagswahlkampf im Frühjahr 1928 zu verzeichnen hatte. Bei dem Versuch von etwa siebzig bewaffneten Nationalsozialisten aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet, am Abend des 4. Mai in Mainz eine Ver- 155 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe sammlung abzuhalten, war es zu einer großen Schlägerei mit den sie bereits erwartenden Kommunisten gekommen, die erst durch Polizei beendet werden konnte. Wie durch ein Wunder hatte es unter den Be teiligten sowie den nach Tausenden zählenden Schaulustigen keine Toten und nur wenige Schwerverletzte gegeben. Allerdings wurde der geplante Veranstaltungsort, die Aula eines Gymnasiums, fast völlig verwüstet485. Abgesehen von diesem Zwischenfall kam es in den Wochen vor dem 20. Mai 1928 zu keinen größeren Aus ei nan der set zungen, wenn auch immer wieder von „schlagenden Argumenten“ in den Versammlungen zu lesen war und zunehmend auch Reichsbanner und RFB-Angehörige aneinandergerieten486. Das bis dahin vergleichsweise friedliche und unblutige Bild des Reichstagswahlkampfes vom Frühjahr 1928 änderte sich erst in den allerletzten Tagen vor der Wahl allerdings dramatisch, als noch mindestens zwei Todesopfer sowie weitere Verletzte zu beklagen waren. Nachdem am Himmelfahrtstage – dem 17. Mai – bei Zusammenstößen zwischen Reichsbannerleuten und Kommunisten in Hamburg ein Arbeiter getötet wurde, erlag in der folgenden Nacht ein von Nationalsozialisten angeschossener SPD-Mann seinen Verletzungen487. Schon zeitgenössische Beobachter wunderten sich, wie „ruhig und leidenschaftslos, fast ‚sachlich‘“ der Reichstagswahlkampf im Frühjahr 1928 während der ersten Wochen geführt worden sei und dass in den Wahlprogrammen der Parteien Rücksicht auf die „praktischen Erfordernisse der künftigen Koalitionspolitik“ genommen werde. Spätestens eine Woche vor den Wahlen am 20. Mai trat der Wahlkampf schließlich aber auch diesmal wieder in eine „Phase lärmender Agitation“, so die Diktion der bürgerlichen Presse. Leider greife die Werbung der Parteien dabei auch wieder nicht nur auf „saubere Mittel“ zurück. Je weiter links man blicke, desto mehr werde ein nachgerade „sinnbetörender Wahlrummel“ geboten, welcher „der Masse falsche Bilder vorgaukelt und die Einsicht einschläfert“488. Bereits der letzte Sonntag vor den Wahlen zeigte eine sichtlich verstärkte Propagandatätigkeit der Parteien, zu deren Unterstützung die befreundeten Verbände mit großen Kundgebungen und Umzügen in Marsch gesetzt wurden. In den letzten Tagen vor der Entscheidung verdoppelten sie noch einmal ihre Werbearbeit und nutzten den Feiertag am 17. Mai 1928, Christi Himmelfahrt, zu einem „gewaltigen Auftrieb“ der Agitation489. Wie gewohnt war in der Presse – der bürgerlichen wie der sozialdemokratischen – wieder über eine „Schlammflut von Lüge und Verleum- 156 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik dung“ oder von der „Flut“ an Flugblättern und den sonstigen „Auswüchsen“ der Wahlpropaganda zu lesen, die indessen neue Formen an genommen habe: „In Bühnenstücken und Lichtspielen werben die politischen Parteien für ihre Ideen. Umzüge mit Fahnen und Musik bevölkern die Hauptstraßen, von Lastkraftwagen ertönen Lautsprecher und gut gedrillte Sprechchöre, Lichtreklamen und Werbeplakate mit oftmals recht merkwürdigen Parolen leuchten allerorten dem Auge entgegen“. Neben der Zeitung komme jedoch auch im Frühjahr 1928 trotz aller Unkenrufe nach wie vor den Versammlungen die größte Bedeutung zu, weil hier das Wahlvolk noch in „persönlicher Fühlungnahme“ mit den Parteiführern trete. Verglichen damit spiele „alles lärmende und leuchtende Trara, auch im modernsten Gewand, nur die Rolle des bloßen Beiwerks“490. Vor dem Hintergrund der allgemein befürchteten Wahlmüdigkeit sorgte eine Woche vor dem 20. Mai die Gründung eines „Staatsbürgerlichen Wahldienstes“ in Berlin für Schlagzeilen, der sich an alle Parteien wendete, um gemeinsame Maßnahmen zur Hebung der Wahlbeteiligung zu lancieren. Geplant waren unter anderem ein Schleppdienst am Wahltage, Appelle zur Wahlpflicht über den Rundfunk, Kinoreklame und entsprechende Aufdrucke auf den Fahrscheinen der städtischen Verkehrsbetriebe491. Weil aber „staatsbürgerlich“ im Sprachgebrauch der Rechtsparteien den Gegensatz zu „marxistisch“ bezeichne, vermutete die SPD dahinter nur ein Wahlmanöver der Deutschnationalen. Diese hegten schließlich, pflichtete die Vossische Zeitung bei, die größte Furcht vor der Wahlmüdigkeit. So beteiligte sich auch die DDP an dem Wahldienst nicht, weil eine Zusammenarbeit mit der DNVP selbst in solch technischen Fragen nicht in Frage kam492. Flugzettel des Berliner Wahldienstes forderten dennoch zur „Handschlaggemeinschaft“ für die Wahl auf, indem jeder Stamm-, Kaffee- oder Familientisch seine Mitglieder per Handschlag zur Stimmabgabe am 20. Mai verpflichten sollte. Unter dem Motto „Wähle erst – Eh Du fährst!“ wurden Wochenendurlauber und Ausflügler auf die Stimmscheine hingewiesen, die bei veränderter Wahlzeit in ganz Deutschland von 8 bis 17 Uhr eine Wahl auch fern von zuhause möglich machten493. Aus Sicht der Rechtspresse verlief sowohl der Vorabend des 20. Mai als auch die „Abstimmungsschlacht“ selbst vergleichsweise ruhig, wenn nicht gar „noch leidenschaftsloser wie der bisherige Wahlkampf “. Die Neue Preußische Zeitung berichtete von einem „stillen Auftakt“ des Wahltages in Berlin, an dem sich die äußere Propaganda der Parteien gegen- 157 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe über früher merklich reduziert habe, als der Wahlsamstag in Berlin stets ein „buntbewegtes Bild“ abgegeben habe und so das Stimmungsbarometer für die Wahlbeteiligung gewesen sei. Nur in wenigen Straßen wehten am Vorabend der Wahl – überwiegend rote – Fahnen und wurde an den Balkons und Fenstern mit Plakaten oder selbst angefertigten Transparenten zur Wahl von SPD oder KPD aufgerufen. Dass der 20. Mai nicht zuletzt im Zeichen gereimter Parolen stehe, dokumentiere in den Arbeitervierteln Berlins ein regelrechter „Reimkrieg von Balkon zu Balkon“, der jedoch mehr von Parteibegeisterung als von Talent zeuge494. Aus fast allen Teilen des Reiches wurde am 20. Mai ein ruhiger Verlauf des Wahltages gemeldet, nur in wenigen Städten kam es zu größeren, aber glimpflich verlaufenden Ausschreitungen. Allerdings hatte in der Wahlnacht ein blutiger Zusammenstoß zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten im sächsischen Glauchau ein weiteres Todesopfer gefordert – was die Gesamtzahl der Wahlkampfopfer auf mindestens drei hochschraubte. Wegen Nichtbefolgung von Anordnungen nahm die Schutzpolizei, deren Hauptaufgabe in der Absicherung der Wahllokale bestand, allein in Berlin noch insgesamt 140 „Ruhestörer“ vorübergehend fest. Nachdem sie in den Wochen vor dem 20. Mai viel über die angebliche Wahlmüdigkeit in der Bevölkerung und die ruhige Agitation der Parteien geschrieben hatte, die in den Straßen viel weniger in Erscheinung getreten sei als etwa noch bei der Reichspräsidentenwahl von 1925, zeigte sich die Rechtspresse von dem wider Erwarten „außerordentlich regen In te res se“ überrascht495. Für den dennoch ruhigen Verlauf des Wahltages wurde das schlechte Wetter beziehungsweise derartig starke Niederschläge verantwortlich gemacht, dass bald von „Regenwahlen“ gesprochen wurde. In Berlin sorgte der Regen am 20. Mai dafür, dass sich der Straßenwahlkampf der Parteien auf ein Minimum reduzierte. Ein „monotoner, unaufhörlicher, durchdringender Landregen“, der seit der zehnten Vormittagsstunde niederging, habe den „Agitationsdrang der Wahlcholeriker“ gekühlt und viele Aktionen sprichwörtlich ins Wasser fallen lassen. Auch die Bahnhöfe seien verödet gewesen, so dass der Ausflugsverkehr die im Vergleich zum Dezember 1924 dennoch leicht rückläufige Wahlbeteiligung kaum beeinträchtigte496. Umzüge und Propagandafahrten, wie sie der Berliner von früheren Wahlen schon gewohnt war, seien nur selten zu sehen gewesen. Lediglich einige unentwegte Kommunisten und Sozialdemokraten fuhren auf Lastwagen, teilweise mit Musik, durch die Straßen, „aber all ihre Lungenkraft verpuffte rest- 158 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik los, da der Wähler, der noch im letzten Moment der Propagandakunst erliegen sollte, bei dem nassen Wetter kein In te res se dafür zeigte“. Wo in den etwas freundlicheren Morgenstunden noch Fahnen aus den Wohnungen hingen, wurden sie zur Mittagszeit regenschwer von den Besitzern eingezogen. Selbst der Kurfürstendamm, sonst immer ein „Großkampfgebiet erster Ordnung“ und schwarz von Menschen, bot diesmal ein verlassenes Bild und füllte sich erst nach Abschluss der Wahl, als die Menschen aus den Cafés strömten, um die ersten Ergebnisse zu erfahren. Einige Parteien seien in der „Amerikanisierung“ der Propaganda allerdings so weit gegangen, dass sie über auf Last- und Personenwagen montierte Lautsprecher die Resultate in den Straßen verkündeten497. Der Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 geriet rasch in den Ruf einer fast langweiligen Wahlbewegung ohne größere Zwischenfälle oder inhaltliche Kontroversen, worin sich die relative Beruhigung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse nach 1923/24 widergespiegelt habe498. Doch nicht Wahlmüdigkeit oder politisches Desinteresse – die Wahlbeteiligung war vielmehr durchschnittlich: von 41,2 Millionen Wahlberechtigten gaben 30,8 ihre Stimme ab, das waren 75,6 Prozent und damit gegenüber der letzten Wahl 3,2 Prozent weniger, aber aufgrund der um 16 Prozent gestiegenen Zahl von Wahlberechtigten immer noch absolut 500 000 mehr als im Dezember 1924 −, sondern Stimmenzersplitterung und Aufstieg der „In te res senparteien“ waren die Merkmale der Reichstagswahl. Auf organisatorischer Ebene zeichnete sich der von den Parteien intensiv vorbereitete Wahlkampf im Frühjahr 1928 durch den Einsatz „modernster Technik“ in der Propaganda sowie eine vergleichsweise lange Vorwahlkampfzeit aus. Die Wahlbewegung vom Sommer 1930 Seit dem Regierungsantritt Brünings Ende März 1930 wurde mit der Möglichkeit vorzeitiger Reichstagsneuwahlen gerechnet, da die parlamentarische Basis seines „Hindenburg-Kabinetts“ nur sehr schmal war. Der neue Reichskanzler selbst hatte es in der Regierungserklärung vom 1.  April 1930 als „letzten Versuch“ bezeichnet, die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Probleme mit dem im Mai 1928 gewählten Reichstag zu bewältigen. Das Droh- und Druckmittel, ihn aufzulösen, um die Parteien hinter die Kabinettsvorlagen zu bringen, verlor aber im Frühjahr 159 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe 1930 in dem Maße an Wirkung, in dem sich selbst die von Brüning umworbene Rechte angesichts der unsicheren parlamentarischen Situation ohnehin auf Neuwahlen einstellte und einen Wahlkampf siegreich bestehen zu können glaubte499. Als der Zen trumskanzler nach den verschiedenen Krisen und Debatten über sein Sanierungsprogramm schließlich am 18. Juli den Reichstag auflösen ließ, weil dieser die Notverordnungen abgelehnt hatte, wurde dem Parlament quer über alle Parteien ein „verdientes Ende“ bescheinigt. Dass in der politisch wie wirtschaftlich angespannten Lage des Sommers 1930 das Volk einem Wahlkampf ausgesetzt werde, wurde bedauernd hingenommen und in Amerika gar als „Sensation des Tages“ gewertet. Im Übrigen schoben sich Regierung und Opposition gegenseitig die Schuld an den vorzeitigen Neuwahlen – die auf den 14. September gelegt wurden – zu, während die bürgerlichen Parteien die Schaffung eines „arbeitsfähigen“ Reichstages unter der Parole „Inte res senhaufen oder Staatsvolk“ in den Mittelpunkt des Wahlkampfes stellten500. Obwohl sofort nach der Auflösung des Reichstages erste Aufrufe veröffentlicht wurden, ging Georg Bernhard in der Vossischen Zeitung davon aus, dass der Wahlkampf erfahrungsgemäß „im eigentlichen Sinne erst drei bis vier Wochen vor dem Entscheidungstag“ richtig einsetzen werde501. Wenn auch die Kassen der Parteien leer und diese wenig vorbereitet seien, zweifelte niemand an der Härte der kommenden Kämpfe. Die Jahreszeit förderte zudem die Tendenz der Parteien – die ohnehin seit Mitte der 1920er-Jahre immer mehr auf die „Straße“ drängten –, ihre Agitation zu einem großen Teil unter freiem Himmel zu veranstalten. Massenkundgebungen, Propagandafahrten mit Auto- und Radfahrerkolonnen, Demonstrationsmärsche der Parteianhänger und ihrer Verbände unterlagen keinen Verboten mehr und gehörten im Sommer 1930 vor allem in den größeren Städten bereits zum alltäglichen Bild des Reichstagswahlkampfes. Auf dem Lande fand dieser andererseits aus Sicht der Parteien zu einem eher ungünstigen Zeitpunkt statt, da die ländliche Bevölkerung in den Monaten August und September tagsüber mit der Ernte beschäftigt war. Der Sommer sei auch deshalb keine „glückliche Zeit für Wahlbewegungen“, weil die Schulferien in den östlichen Landesteilen erst Anfang August, im Westen noch einige Wochen später aufhörten. Bis die Vorbereitungen der Parteizen tra len sowie Kandidatenaufstellungen mit allen Formalitäten erfolgt, die Wahlkassen wieder einigermaßen gefüllt und die Wahlaufrufe beschlossen seien, ver- 160 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik strei che andererseits wertvolle Zeit502. Die „Methoden des Wahlkampfes“ seien heute aber bereits andere als noch vor einigen Jahren, stellten andererseits die deutschnationalen Wahlkampfrichtlinien Ende Juli 1930 fest. Während früher die Parteien ihre Propaganda langsam anlaufen lassen konnten „und erst in den letzten vier Wochen mit dem eigentlichen Kampf begannen, müssen wir jetzt sofort mit allen nur irgend verfügbaren Kräften ans Werk gehen“503. Die Reichsregierung hatte noch am Tage der Reichstagsauflösung eine von den Kabinettsmitgliedern namentlich unterzeichnete Kundgebung veröffentlicht, welche die Notverordnungspolitik Brünings verteidigte. Trotz ihrer Kürze und des scheinbar überparteilichen Charakters war sie nicht anders als frühere Aufrufe bürgerlicher Reichskabinette eine klare Kampfansage an die „radikale“ Opposition. Schon der Apparat, welcher der Reichsregierung zu Propagandazwecken zur Verfügung stehe, besitze einen „ausgesprochen parteipolitischen Charakter“, so die Frankfurter Zeitung über das Reichspresseamt, dessen Leitung nach dem Motto besetzt werde: „Jede große Firma nimmt sich einen möglichst guten Propagandachef “504. Die Parteiführungen reagierten ebenfalls umgehend auf die Auflösung, was vermuten lässt, dass die Entwürfe zu den Wahlaufrufen bereits in den Schubladen lagen. Noch am 18. Juli nachmittags traten die Fraktionen der bürgerlichen Regierungsparteien mit Kundgebungen vor das Wahlvolk. Schon am 19. Juli folgten die Aufrufe der Parteivorstände von SPD und KPD, am 23. Juli Hugenbergs DNVP. Bereits an diesen ersten Aufrufen konnte das Ausmaß der Kritik überraschen, die plötzlich allgemein über die vorgebliche „In te res senwirtschaft“ der Parteien hereinbrach – paradoxerweise aus deren eigenen Reihen505. Während sich die DDP zur Staatspartei umbildete und die DVP ihren zen tra len Wahlaufruf erst nach dem Scheitern der Sammlungsversuche ihres Vorsitzenden am 24. August veröffentlichte, sah die NSDAP bewusst von der Veröffentlichung eines zen tra len Wahlaufrufes als Partei ab. Ihre Hauptparolen gab vielmehr eine erste Wahlrede Hitlers vom 18. Juli in München vor, die von der nationalsozialistischen Propaganda entsprechend verbreitet wurde. Erst vier Tage vor dem 14. September erschien noch ein umfangreiches „Manifest Adolf Hitlers“, das der Form nach auch eine Reaktion auf die ebenfalls mit solchen grundsätzlichen Kundgebungen hervortretende Konkurrenz darstellte506. Bereits zwei Wochen vor der NSDAP hatte die KPD mitten im Wahlkampf am 24. August eine „Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung“ 161 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe Deutschlands veröffentlicht, der von der Parteiführung ausdrücklich eine über die Wahl hinausgehende Bedeutung zugemessen wurde. Nach dem gleichzeitig als Wahlaufruf gedachten Gründungsaufruf legte die neue DStP ihr vorläufiges Programm in Form eines „Manifests“ am 22. August vor. Selbst die demokratische Presse zeigte sich verunsichert darüber, ob dies bereits ein Parteiprogramm oder nur ein weiterer Wahlaufruf sei, dessen Aussagen zwar auch durchdacht sein sollten, den aber aufgrund seiner Anlehnung an die Tagespolitik „mit überscharfer Linie nachzuprüfen“ kleinlich wäre507. Wesentliche Eckpunkte des Wahlprogramms des Zen trums bildeten im Sommer 1930 neben dem Parteiaufruf vom 19. Juli die Reden, welche der Parteivorsitzende Kaas sowie Brüning auf der Tagung des Reichsparteivorstandes am 29. Juli hielten, die wie de rum als Auftakt des Wahlkampfes diente. Zur Besprechung der Reichsliste sowie der bis dahin geleisteten Wahlarbeit kam der Vorstand am 18. August noch einmal in Berlin zusammen. Unter Teilnahme zahlreicher Spitzenpolitiker des Zentrums aus dem Reich fand zudem am letzten Wahlkampfwochenende vom 5. bis zum 7. September der 69. Katholikentag in Münster statt. Organisatorisch bereitete sich die Partei auf den Wahlkampf mit einer Konferenz am 28. Juli in Berlin von Vertretern der Landesverbände, der Parteibeamten sowie der Zen trumspresse vor, um „Linie, Methoden und Inhalt des Wahlkampfes einheitlich“ festzulegen. Erst Ende August sollte mit der „eigentlichen“ Propaganda des Zen trums, das hieß der Versammlungsagitation, begonnen werden. Mit ersten öffentlichen Wahlreden am 20. August würden dazu gleichzeitig Kaas für den Osten und Brüning für den Westen Deutschlands das Startsignal geben. In der Zwischenzeit hätten regionale Parteikonferenzen die notwendige Vorarbeit zu leisten508. Spezielle Wahl-Reichsparteitage wurden im Sommer 1930 von keiner Partei mehr durchgeführt, da sie in der Kürze der Zeit als unzweckmäßig erschienen. Zudem war das bürgerliche Parteienlager nach der Reichstagsauflösung in starke Bewegung geraten. Bereits eine Woche nach der Auflösung verbanden sich am 23. Juli die ehemaligen deutschnationalen Abgeordneten um den Grafen Westarp mit der Volkskonservativen Vereinigung von Gottfried Treviranus zur Konservativen Volkspartei, ein „entscheidener Schritt zur Konstituierung der neuen Rechten“, so der Kommentar der Deutschen Allgemeinen Zeitung, die sich ebenso wie die Kreuzzeitung dieser brüningtreuen Parteiformation im Wahl- 162 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik kampf zur Verfügung stellte509. Durch die Gründung der KVP waren jedoch die Sammlungsbemühungen des DVP-Vorsitzenden Scholz zur Einigung der nicht-katholischen bürgerlichen Mitte bereits obsolet. Endgültig Makulatur wurden sie, als schließlich geheime Fusionsverhandlungen der Demokraten mit der VNR zur Gründung der Deutschen Staatspartei am 28. Juli 1930 führten. Während ihre Konstituierung auf einen Termin nach der Reichstagswahl verschoben wurde, nahm ein sofort gebildeter Aktionsausschuss die Koordinierung des bereits laufenden Wahlkampfes in die Hand. Einen ersten Aufruf im Namen der neuen Partei richteten der „außerparlamentarische“ Führer der DStP, der Jungdeutsche Arthur Mahraun, und Ernst Lemmer – zweiter Bundesvorsitzender des Reichsbanners – am 31. Juli an die „junge Generation“, die im Mittelpunkt der staatsparteilichen Werbestrategie stehen sollte. Mageres Ergebnis der Scholzschen Sammlungsbemühungen im Sommer 1930 bildete ein Burgfrieden zwischen den „Hindenburg-Parteien“ DVP, KVP und WP, die am 18. August einen inhaltlich belanglosen Wahlaufruf veröffentlichten. DVP und KVP fanden sich allein in Ostpreußen zu dem auf Reichsebene gescheiterten Bündnis zusammen und stellten einen gemeinsamen Wahlkreisvorschlag für den Reichstag auf510. Ungeachtet eines neuerlichen Höchstmaßes an Aufrufen von In teres senverbänden zur Wahl war die Zahl der Parteien und Kandidatenlisten im Sommer 1930 leicht rückläufig. Der Reichswahlausschuss ließ diesmal nach der Kritik an seiner Zulassungspraxis immerhin fast ein Viertel weniger Bewerber zur Wahl zu als noch im Mai 1928. Sechs von 30 eingereichten Reichswahlvorschlägen wurden abgelehnt, darunter die Aufwertungsgruppe „Recht werde Macht“, eine „Menschheitspartei“ und Adolf Schmalix, der sich an der Spitze einer „Großdeutschen Liste“ bewerben wollte, deren Reststimmen er der NSDAP anbot. Zugelassen wurden indessen die Anti-Alkoholiker, was die Vossische Zeitung trotz des kleineren Stimmzettels zu einer Glosse über die Parteienvielfalt vor dem 14. September veranlasste: Die „seltsamen Auswüchse menschlicher Eigenbrödelei“ würden bald noch zur Gründung einer „Hausschlüsselpartei der Ehemänner“ führen511. Neben der intensivierten Werbung um die Jungwähler ragte im Sommer 1930 der Appell an die ehemaligen Nichtwähler aus den Wahlkundgebungen der Parteien heraus, die sich wieder vor aufkeimender Müdigkeit fürchteten. Nur Splittergruppen der äußersten Rechten gaben die Parole „Wahlenthaltung“ aus, so die Revolutionären Nationalsozialisten 163 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe um Otto Strasser oder der Tannenbergbund Ludendorffs. Der Kyffhäuserbund wollte aber gar einen Wahlzwang eingeführt sehen, während der Berliner Bischof wieder an die Pflicht der Katholiken erinnerte, nur für solche Kandidaten zu stimmen, die für die „Ideale und Rechte unserer katholischen Weltanschauung“ einträten. Zur Wahl riefen auch der Sozialdemokratische Intellektuellenbund das „geistige Deutschland“ auf, die Internationale Frauenliga für Friede und Freiheit oder im Rheinhessischen der „Bund deutscher Aufbau“, eine „überparteiliche Vereinigung zur Bekämpfung der Lüge, des Terrors und der Korruption in der Politik“512. Schon am 24. Juli hatte der Bundesvorstand des Stahlhelms die Pflicht der „Kameraden“ betont, gegen „ein weiteres Anwachsen der roten Flut“ zu stimmen, indem sie Parteien wählten, die zusammen mit dem Bund im Volksentscheid gegen den Youngplan vom Herbst 1929 gekämpft hätten513. Infolge eines Streites über ein Verbot der preußischen Organisationen des Stahlhelms hatte dessen Ehrenvorsitzender Hindenburg seine Teilnahme an den von Preußen geplanten Feiern zur Rheinlandräumung kurzfristig zurückgezogen. SPD-Ministerpräsident Braun musste schließlich einlenken und das Stahlhelmverbot aufheben, damit die Rheinland- Reise des Reichspräsidenten im Juli 1930 programmgemäß stattfinden konnte. Die Räumung der dritten, der Mainzer Zone, wurde nicht nur in den besetzten Gebieten, sondern im ganzen Reich als „Befreiung“ von fremder Besatzung gefeiert, ein Ereignis, das den Auftakt des Wahlkampfes im Juli 1930 weit gehend aus den Schlagzeilen verdrängte514. Reichsinnenminister Joseph Wirth forderte in der letzten Juliwoche alle Länderregierungen auf, unverzüglich die Maßnahmen zur Durchführung der Reichstagswahl einzuleiten und die Gemeinde- und Verwaltungsbehörden mit entsprechenden Weisungen zu versehen. Unter Hinweis auf Verstöße bei den letzten Wahlen wie etwa dem Aufhängen von Plakaten oder dem Tragen von Parteiabzeichen durch Angehörige des Wahlvorstandes, sollten die Behörden genauer auf die Einhaltung der Reichsstimmordnung achten, die jegliche politische Propaganda im Wahllokal ausdrücklich verbiete. Nachdem es bereits in den ersten Wahlkampftagen zu heftigen Zusammenstößen gekommen war, appellierte Wirth Mitte August an alle Parteien, den Wahlkampf so zu führen, dass nach der Wahl auch noch parlamentarische Arbeit geleistet werden könne515. Den Kommunisten, deren Wahlkampf am 22. Juli von Politbüro- Mitglied Hermann Remmele eröffnet wurde und ganz im Zeichen einer neuen Taktik der Massenmobilisierung stand – dem „Roten Wahlhelfer“- 164 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Gedanken −, diente eine Hamburger „Riesenversammlung“ mit Thälmann am 8. August als offizieller Startschuss für die „heranrollende Lawine der proletarischen Empörung“, so der Parteijargon516. Die Ortsvereine der SPD erfuhren in der letzten Juliwoche die „organisatorischen und taktischen Maßnahmen des Wahlfeldzuges“ von der Parteizen tra le. Eröffnet hatte diese ihn mit einer Konferenz der Berliner Funktionären am 22. Juli, bei der Parteichef Otto Wels den alten Schlachtruf der SPD: „Vorwärts, drauf und durch!“ anstimmte. Kennzeichen ihrer Propaganda vor dem 14. September war ein offensiver Kampfgeist, der sich nicht nur inhaltlich, sondern auch in den De mons tra ti o nen und Versammlungen zeigte, da den radikalen Parteien, so Wels, die „Straße“ nicht länger kampflos überlassen werden dürfe517. Bei den bürgerlichen Parteien litt die Wahlkampfführung im Sommer 1930 sichtlich unter den diversen erwähnten Umgruppierungs- und Neugründungsaktionen. Während das Zen trum bereits Mitte August von der Vollendung seines „Aufmarsches“ sprach518, konnte die DStP aufgrund eines handfesten internen Streites um die Kandidatenlisten nur mit erheblicher Verspätung den Wahlkampf aufnehmen, in einigen Kreisen zum Teil erst zwei Wochen vor dem 14. September. Zusätzlich zu den inneren Differenzen hatte sie eine Klage gegen den neuen Parteinamen abzuwehren, den ein politischer Einzelgänger für seine angeblich seit zehn Jahren bestehende Partei mit derzeit acht Mitgliedern beanspruchte. Durch eine einstweilige Verfügung wurde der Staatspartei schließlich die Benutzung des Namens am 23. August gestattet. Am gleichen Wochenende hielt sie in Berlin erste größere Wahlversammlungen ab. Offiziell eröffnete die Staatspartei den Reichstagswahlkampf in Westdeutschland am 17. August mit einer Kundgebung in Düsseldorf, auf welcher der Jungdeutsche und VNR-Führer Mahraun neben dem preußischen Demokratenführer Höpker-Aschoff sprach519. Spitzenpolitiker anderer Parteien nahmen den Versammlungskampf zum Teil bereits in der ersten Augustwoche auf, ohne überall den Abschluss der Wahlvorbereitungen ihrer Organisationen abzuwarten. Schon am 23. Juli hatte etwa Reichsfinanzminister Dietrich noch für die DDP unter altem Namen den Wahlkampf mit einer großen Kundgebung in Berlin eröffnet. Zwei Wochen später wiederholte der badische Parteichef seine Parole „In te res senhaufen oder Staatsvolk“ anlässlich des Wahlkampfauftaktes nunmehr für die DStP in Karlsruhe520. 165 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe Besonders stark engagierte sich Reichskanzler Brüning im Reichstagswahlkampf vom Sommer 1930, der schließlich um die mit seiner Person verknüpfte Wende in der deutschen Politik ging. Bereits Anfang August begab sich der Zen trumspolitiker auf einen beispiellosen Rede- und Versammlungsmarathon durch ganz Deutschland. Unterbrochen nur von Kabinettssitzungen und offiziellen Presse-„Interviews“, betrieb Brüning bis kurz vor dem 14. September einen von seinen Vorgängern nicht gekannten Reisewahlkampf. Das Ende der modern anmutenden „Wahlkampftour“ bildeten zwei Versammlungen des Reichskanzlers am 10. und 11. September in seinem schlesischen Wahlkreis521. Wahlkämpfe verlangten von allen aktiv Beteiligten überaus hohe physische und psychische Anforderungen, besonders natürlich von den Spitzenkandidaten, die als „Wahlkanonen“ oftmals Doppel- und Mehrfachbelastungen ausgesetzt waren. Anderen Reichsministern fehlten im Sommer 1930 offenbar bereits die physischen Voraussetzungen des ehemaligen Frontoffiziers Brüning; so musste etwa Außenminister Curtius Ende August nach einem Schwächeanfall bei einer Versammlung in Baden-Baden seinen Wahlkampf vorzeitig abbrechen522. Spätestens ab Mitte August 1930 war der Reichstagswahlkampf „auf der ganzen Linie“ entbrannt und schien Ende des Monats bereits seinem Höhepunkt entgegenzugehen. Wie schon im Frühjahr 1928 griffen die Parteien für große Wahlversammlungen in Berlin wieder auf den Sportpalast als Veranstaltungsort zurück. Den Anfang machte Hugenberg, der dort am 14. August den deutschnationalen Versammlungskampf mit einer Rede eröffnete, die vor allem deshalb auffiel, weil dem Parteiführer dabei das Wort vom „Dritten Reich“ entschlüpfte523. Selbst die kleine KVP bestritt am 8. September im Sportpalast eine Versammlung, zu der mehr als zehntausend Menschen strömten, um die Reden der Parteiführer Lettow-Vorbeck und Treviranus zu hören. Die Nationalsozialisten versuchten schon kurz nach Beginn der Veranstaltung mit Zwischenrufen und Handgemengen zu stören, die eskalierten, als Goebbels persönlich erschien. Er hatte im August 1930 auch vor Gericht reichlich Gelegenheit, in mehreren gegen ihn geführten Beleidigungsprozessen die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen524. Der Reichstagswahlkampf der NSDAP selbst stand ganz im Zeichen der von ihr inszenierten „Versammlungslawine“, die am 18. August beginnen und bis zum 14. September einen „Sturm von 34 000 Versammlungen“ bringen sollte: „In einheitlicher, großangelegter Front wird an- 166 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik gegriffen“, tönte der Völkische Beobachter unter dem Motto: „Die Lawine rollt“. Für Sonntag, den 31. August, war zwei Wochen vor der Wahl ein erster Höhepunkt mit einer Wahlversammlung Hitlers in Ludwigshafen geplant, zu der angeblich 20 000 Menschen kommen wollten, während andere Versammlungen Hitlers noch höhere Besucherzahlen aufgewiesen hätten525. Dass die NSDAP am 14. September erhebliche Zugewinne verbuchen würde, war im Sommer 1930 ein offenes Geheimnis, nur über die genaue Höhe war man sich uneinig. Das Reichsinnenministerium hatte sich vor dem Hintergrund des Aufstiegs der Hitlerpartei eingehend mit ihren Zielen und Absichten beschäftigt. Resultat war eine Denkschrift, die nicht zufällig auf dem Höhepunkt des Wahlkampfes Anfang September 1930 erschien und derzufolge die NSDAP eindeutig den gewaltsamen Umsturz der Re pu blik anstrebe. Dass die Reichsanwaltschaft das Material dennoch für nicht ausreichend genug hielt, um die also verfassungsfeindliche Partei mit dem vorhandenen rechtlichen Instrumentarium zu bekämpfen, sondern ein Teil der Rechtspresse die Denkschrift gar als „durchsichtiges Zweckmanöver“ bloßzustellen versuchte, beleuchtet den im Sommer 1930 bereits mächtigen Rückhalt in Staatsapparat und Öffentlichkeit für den militanten Extremismus der NSDAP526. Deutlich stärker als seine Vorgänger wurde der Reichstagswahlkampf im Sommer 1930 überschattet von blutigen Zusammenstößen und Tumulten in den Versammlungen und nun auch vermehrt auf der Straße. Paramilitärische Aktionen von links und rechts hatten das Gewaltmonopol des Staates mittlerweile so stark ausgehöhlt, dass in der Bevölkerung die Tendenz einer „allgemeinen Abstumpfung gegenüber Exzessen in Wort und Tat“ sichtbar wurde527. Schon vor Beginn des Wahlkampfes schien auch der Reichsregierung die „Verrohung der politischen Sitten“ so weit fortgeschritten zu sein, dass sie gesetzliche Gegenmaßnahmen für notwendig hielt. Nachdem Preußens Regierung am 19. Juli ein Waffenverbot für den Reichstagswahlkampf erlassen hatte, folgte das Reich am 25. Juli mit einer auf die Wahlzeit befristeten Verordnung nach Artikel 48, die das unbefugte Führen von Hieb- und Stichwaffen – worunter in einer erweiterten Fassung nicht nur Waffen im engeren Sinne wie Pistolen oder Schlagringe, sondern auch Messer, Steine und andere Wurfgeschosse zählten – mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestrafte. Kern dieser allseits begrüßten Verordnung zur „Befriedung des Wahlkampfes“ war eine Sondervorschrift, die sich gegen das bewaffnete Auftreten politischer Verbände in der Öffentlichkeit richtete528. Angesichts der sich 167 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe dennoch häufenden Wahlzusammenstöße erließen einige sozialdemokratisch geführte Länder wie Hessen oder Hamburg darüber hinaus Demonstrations- und Uniformverbote, um dem „Missbrauch der Straße“ entgegenzutreten529. Ungeachtet dessen entwickelte sich der Reichstagswahlkampf in der stark aufgeheizten Atmosphäre des Sommers 1930 dennoch zu einem neuen blutigen Höhepunkt politischer Gewalt in der Weimarer Re publik und buchstäblich zu der Art von „Krieg“, die der Sprachgebrauch weiter Teile der Öffentlichkeit ohnehin darin erblickte. Mit den Worten Eike Hennigs etablierten sich dabei bereits Formen „kollektiver Gewalt von Straßen- und Saal‚schlachten‘“, indem neben dem „demonstrativ angekündigten Individualterror“ auch die „organisierte Präsentation von Gewaltbereitschaft in Form von ‚Propagandamärschen‘“ trat530. Der amerikanische Historiker Wernette weist für die Wochen vom 14. Juli bis zum Wahltag am 14. September insgesamt 316 Aktionen politischer Gewalt im Reich nach, fast die Hälfte davon unter Beteiligung der NSDAP, während bei einem Viertel Kommunisten sowie in wenigen Fällen SPD und DNVP beteiligt und viele Aktionen ohne identifizierbare Akteure waren. Wernette – dessen Daten eher zu niedrig erscheinen – stellt fest, dass den Reichstagswahlkampf im Sommer 1930 eine „mixture of violent and non-violent activities“ charakterisierte. Im Unterschied zu den folgenden Wahlkämpfen überwogen aber noch „non-violent, organized political activities“ wie Versammlungen, De mons tra ti o nen und Flugblattverteilungen, während kollektive Gewalt von Parteiverbänden in einem knappen Drittel der Fälle vorlag531. Bereits in den ersten Tagen nach der Reichstagsauflösung am 18. Juli zeigten vor allem die extremen Flügelparteien eine geradezu entfesselte Gewaltbereitschaft und waren in meist nächtlichen Schießereien und Schlägereien zwischen den Anhängern zahlreiche Verletzte zu beklagen. Bald berichtete die überregionale Presse von „täglichen Zusammenstö- ßen“ im ganzen Reich, wobei auch Tote oder Schwerverletzte nicht länger mehr nur Ausnahmen waren. Vorläufiger Höhepunkt der politischen Gewalt im Sommer 1930 war eine Massenschlägerei zwischen Anhängern der extremen Flügelparteien am 13. August in Nürnberg, als nach einer Versammlung der KPD etwa 70 Verletzte versorgt werden mussten. Unmittelbare Folge der Nürnberger Saalschlacht war, dass einige Länder jetzt noch schärfere Maßnahmen gegen das „politische Rowdytum“ ergriffen. Doch schon am 22. August sollten neue blutige Kämpfe 168 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik anlässlich einer Wahlversammlung der NSDAP im schlesischen Bunzlau gleich mehreren Menschen das Leben kosten. Nach heftigen Zusammenstößen zwischen kommunistischen Versammlungsstörern und der Polizei hatte der herbeigeholte Landrat Schießbefehl gegeben, was drei Tote und vier Schwerverletzte zur Folge hatte. Gerade in Schlesien sei, so die Vossische Zeitung, der Wahlkampf zwischen den Radikalen schon vorher gewalttätig und es nur eine Frage der Zeit gewesen, wann sich bei der „steigenden Nervosität und Erbitterung“ in der Bevölkerung ein Vorfall wie der in Bunzlau ereignen würde532. Ungeachtet der Gegenmaßnahmen der Länderbehörden, welche der Waffenverordnung Geltung verschaffen wollten, trugen die radikalen Parteien überall im Reich weiterhin ihre Kämpfe mit Schlagringen und Revolver aus. Nachdem der Wahlkampf Anfang September in Köln ein weiteres Todesopfer gefordert hatte, häuften sich die Zwischenfälle mit tödlichen Ausgang in den letzten Wahlkampftagen. Allein am 13. September wurden mindestens drei Menschen getötet, ein Arbeiter laut Angaben der Roten Fahne durch Schutzpolizisten anlässlich einer Demonstration der Nationalsozialisten vor dem Karl-Liebknecht-Haus, der Berliner Zen tra le der KPD, was dieser zu der Schlagzeile verhalf: „Die Re pu blik schießt auf ihre Wähler“. Gegenüber der Zählung im Völkischen Beobachter, wonach die NSDAP alleine fünf Tote und rund 400 Verletzte zu beklagen habe, sind jedoch Zweifel angebracht533. Die Gesamtzahl der Toten aus allen Parteien betrug allerdings mindestens sieben, was den Reichstagswahlkampf vom Sommer 1930 zum bis dahin blutigsten in der Geschichte der Weimarer Re pu blik machte. Ohne das Ausmaß der Gewalt zu bagatellisieren, konnte andererseits darauf verwiesen werden, dass Tote schon in früheren Reichstagswahlkämpfen zu beklagen waren. Weil zugleich das reichsweite Waffenverbot und die Demonstrationsverbote in einigen Ländern Wirkung zeigten, hielt sich die politische Gewalt alles in allem noch im Rahmen dessen, was Zeitgenossen im Sommer 1930 mit der Radikalisierung der Wähler durch die sozialen und wirtschaftlichen Krisensymptome erklärten. Zu einer aus heutiger Sicht qualitativ neuen Eskalation, ja regelrechten Welle von politischer Gewalt kam es erst in den vielzitierten „Wahlschlachten“ des Jahres 1932, vor allem in den „Terrorwahlen“ vom Sommer auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise, als sich das soziale Aggressionspotenzial mit voller Wucht entlud und gleich mehrere Dutzend Tote und Hunderte von Verwundeten zu beklagen waren534. 169 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe Damit sich der Leser ein Bild über den Stand der Wahlbewegung im Reich und in den Ländern machen konnte, veröffentlichte die Vossische Zeitung kurz vor dem 14. September 1930 eine „Umschau“ mit Berichten aus den verschiedenen Wahlkreisen. Das Ergebnis lautete, dass sich überall die extremen Parteien – durch die Not der Zeit begünstigt – im Aufwind befänden. Während Hugenberg gegenüber den DNVP-Abspaltungen den „Vorteil des Parteiapparates“ habe, sei die DVP „merkwürdig lethargisch, Staatspartei kämpft mit Schwung, Zen trum verteidigt sich gegen die stark andrängende Sozialdemokratie“. Bei durchaus regem In te res se der Bevölkerung besitze der Wahlkampf außer diesem für das ganze Reich allgemein Gültigen in jedem einzelnen Wahlkreis seine Besonderheiten und ergebe sich ein überaus „buntes Bild“. In Ostpreußen und Pommern etwa habe die Wahlbewegung erst Ende August lebhafter eingesetzt, weil in den Agrarprovinzen selbst während stürmischer Zeiten Parlamentswahlen zwangsläufig durch die Ernte in den Hintergrund gedrängt würden. Auffällig sei, dass die SPD auf dem Land „systematisch mit kurzen Kundgebungen“ unter freiem Himmel arbeite und dabei wieder stark auf die Technik, auf Propagandaautos, Lautsprecher und Filme als Hilfsmittel zurückgreife. Während die Kommunisten vor allem durch ihre Sprechchöre Aufsehen erregten, setze die NSDAP ebenfalls auf das „System vieler kleiner Versammlungen“ gegen ein geringes Eintrittsgeld. Zur Diskussion träten dabei jedoch nur Kommunisten auf, weil die SPD ihren Anhängern vom Besuch gegnerischer Versammlungen abriet535. Angesichts der blutigen Zusammenstöße überall im Reich wurden die Sicherheitsvorkehrungen Mitte August 1930 verstärkt und die Schutzpolizei allerorten in den ständig erhöhten Alarmzustand versetzt. Die schärfsten Gegenmaßnahmen gegen den „Rowdy-Wahlkampf “ hatte die sozialdemokratisch geführte Landesregierung in Hessen getroffen. Nach der blutigen Wahlschlacht von Nürnberg wurden am 15. August alle Demons tra ti o nen und Sammeltransporte nationalsozialistischer und kommunistischer Organisationen mit Kraftwagen, Fuhrwerken oder Fahrrädern in Hessen verboten. Zur Begründung hieß es, dass diese Umzüge in letzter Zeit immer wieder von „Überfällen auf friedliche Bürger und Zusammenstößen mit Andersdenkenden“ begleitet gewesen seien. Die Benutzung von Kraftfahrzeugen biete insofern einen erhöhten Anreiz zu Ausschreitungen, als die Störenfriede glaubten, sich einem polizeilichen Zugriff leicht und rasch entziehen zu können. Durch das Verbot von Lastwagendemonstrationen konnte der „Krieg der Umsturzpartei- 170 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik en“ in Hessen tatsächlich erfolgreich eingedämmt und die hier erst Mitte August einsetzende Wahlbewegung in ruhigere Bahnen gelenkt werden536. Eine besondere Note erhielt der Wahlkampf der Parteien in Baden und in Württemberg dadurch, dass hier die Sammlungsbemühungen der liberalen Parteien unter maßgeblichem Einfluss der beiden Spitzenkandidaten, Julius Curtius und Hermann Dietrich, Erfolg hatten. Laut dem am 15. August vereinbarten Wahlabkommen stellten DDP und DVP in Baden und Württemberg je eine Gemeinschaftsliste auf. Zwischen beiden Listen wurde Listenverbindung hergestellt, sodass die Reststimmen zunächst innerhalb der beiden Länder verrechnet wurden, bevor der letzte Stimmrest der Reichsliste der DStP zufiel. Bei der SPD Badens dominierten klar die von Berlin ausgegebenen Parolen, wie überhaupt die Argumente bei allen Parteien die gleichen wie sonst im Reiche seien537. Nachdem in der Pfalz Gespräche zwischen den bürgerlichen Parteien über eine Einheitsliste scheiterten, vereinbarten sie einen Burgfrieden, das hieß gegenseitige Schonung im Wahlkampf und Unterstützung gegen die radikalen Kräfte. In Bayern tobte den Presseberichten zufolge der heftigste Kampf zwischen der BVP als „Hüterin der weiß-blauen Belange“ und der Opposition von SPD und NSDAP sowie dem Bauernbund, der mitten im Wahlkampf die bayerische Regierungskrise verschärfte und den Rücktritt von Ministerpräsident Heinrich Held am 20. August erzwang, indem er die Koalition aus Protest gegen die geplante Einführung der so genannten Schlachtsteuer kündigte. Nach den Vorfällen in Nürnberg verbot die Münchener Polizeidirektion nicht nur Versammlungen von KPD und NSDAP, sondern auch jeglichen Wirtschaftsbetrieb bei Wahlveranstaltungen. Gerade für Bayern bildete der Entzug des „flüssigen Brotes“, des Bieres, ein wirksames „Erziehungsmittel“ zur Beruhigung des Wahlkampfes. In der letzten Wahlkampfwoche wurden in München auch Versammlungen unter freiem Himmel, Auf- und Umzüge sowie Propagandafahrten untersagt, wodurch die Zahl von Kämpfen „mit Zaunlatten, Maßkrügen und Senftöpfen“ weiter abnahm538. Bei der oppositionellen SPD, deren „Wahlkampf-Uhren“ im Sommer 1930 merklich anders als die der bürgerlichen Kontrahenten tickten, wurde bereits in der dritten Augustwoche das Signal zum „Endkampf “ geblasen. Weil das „Vorspiel“ mit überfüllten Versammlungen und Tausenden von Straßenkundgebungen glänzend verlaufen sei, habe die SPD allein schon durch den bisherigen Wahlkampf einen „inneren Gewinn“ verbuchen können. Die für den Wahlausgang entscheidenden Vorgän- 171 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe ge spielten sich aber nicht in den Versammlungen ab, sondern in jenem „unübersehbaren molekularen Prozeß des Volkslebens“, der im Betrieb, in den Wohnungen, auf der Straße, kurz überall dort, „wo zwei Menschen oder mehr ihre Meinungen austauschen“, stattfinde539. Um ein fortschrittliches Image bemüht, führte die SPD den Reichstagswahlkampf im Sommer 1930 mit einem selbst für ihre Verhältnisse bis dahin unbekannten Aufwand an Propaganda: „Immer gewaltiger wird der Einsatz an Kräften, immer raffinierter die Methoden ihrer Wirksamkeit. Mit den modernsten Mitteln der Technik wird der Kampf der Ideen und Anschauungen ausgefochten. Gestern noch Flugzeug und Schallplatten- Lautsprecher, heute schon ist Tonfilm die jüngste Parole“540. Im Unterschied zu der außerordentlich regen Propagandatätigkeit der Vorwochen, die zum Wahltag hin kontinuierlich eine erregte Stimmung aufgebaut hatte, verlief dieser selbst unerwartet ruhig. Nach einem allgemein als ebenso hektischen wie „hitzigen“ empfundenen Wahlkampf kühlten die politischen Leidenschaften in den letzten Tagen vor dem 14. September merklich ab, sodass aus allen Teilen des Reiches Meldungen über „völlige Ruhe“ einliefen. Selbst am Vorabend der Wahl blieb die Straßenpropaganda der Parteien gering und nicht zu vergleichen mit dem Betrieb vor früheren Reichstagswahlen. Lediglich die Kommunisten, deren Motor- und Radfahrer mit roten Fahnen die Straßen belebten, zeigten sich in stärkerem Maße präsent. Verglichen mit der „Papierflut“ in den ersten Nachkriegsjahren habe sich die Zahl der Flugblätter am Wahlwochenende im September 1930 sehr bescheiden ausgenommen, zumal die Parteien dazu übergegangen waren, verstärkt Wahlzeitungen herauszugeben. Während sich DVP und Zen trum fast ausschließlich auf Plakatierung und Hauspropaganda beschränkten, sorgten allen falls noch die von der SPD eingesetzten Flugzeuge des „Sturmvogels“ für Aufsehen, die während des Nachmittags über der Reichshauptstadt kreisten. Vermisst wurde im Straßenbild von Berlin vor allem die sonst so rege Wahlpropaganda der DNVP, deren Anhänger kaum noch wie früher die alte Kriegsflagge umherfuhren541. Allein der früh einsetzende Hochbetrieb in den Wahllokalen zeugte am 14. September von einem außergewöhnlichen Sonntag, für den Reichsinnenminister Wirth im Übrigen den Ländern auf Drängen des Reichsausschusses Deutscher Katholiken angesichts der „sehr erregten leidenschaftlichen Stimmung in weiten Volkskreisen“ ein Ausschankverbot von Alkohol empfahl542. Die Wahlbeteiligung war laut dem Vorwärts 172 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik am Vormittag stärker als in den Nachmittagsstunden, während sich um 5 Uhr bei Schließung der Wahllokale das übliche Bild zeigte und „in allen Straßen Trupps von Plakatträgern“ nach Hause pilgerten. Zu ernsteren Zusammenstößen kam es in Berlin lediglich abends vor dem Sportpalast, wo die NSDAP eine erste Siegesfeier veranstaltete, die von Krawallen begleitet war. Auch die Wahlnacht verlief zumindest unblutig, obwohl sich an den großen Verkehrskreuzungen, besonders im Zeitungsviertel, wo die sensationellen Wahlresultate im Scheinwerferlicht bekannt gegeben wurden, bis in die späte Nacht große Menschenmassen ansammelten543. Die neue Qualität in den Propagandamethoden der Weimarer Parteien führte dazu, dass sich die Presse im Sommer 1930 mit der Frage nach dem Wesen des „deutschen Wahlkampfes“ beschäftigte. Der politische Stil in Deutschland befinde sich, so die Frankfurter Zeitung Ende August, in einem „Stadium des Gestaltwandels“. Die Methoden und Formen der Agitation seien gegenüber früheren Zeiten „heftiger, blutiger, aber auch raffinierter“ geworden. Zwar könne noch gehofft werden, dass die gewalttätigen Exzesse nur eine vorübergehende Erscheinung darstellten und mit der Wirtschaftskrise wieder verschwinden würden, aber „manche Veränderung beim Wähler entspricht der Veränderung der Agitation“. Vor allem der Schaulust des Wählerpublikums werde von den Parteien immer weiter entgegengekommen, angefangen von den Flugzeugen der SPD, deren Wahlparolen die natürliche Überzeugungskraft besäßen, die Aufforderungen „von oben“ in Deutschland nun einmal hätten, bis hin zu den Wahlversammlungen mit Tonfilmautos, dank denen ein und derselbe Politiker gleichzeitig an beliebig vielen Orten sprechen könne. Die so genannte Parteimaschine habe sich mittlerweile aus einem toten Begriff zu einer „surrenden Tatsache mit Rädern und Kolben“ entwickelt. Während die SPD die Technisierung des Wahlkampfes auf ihre Fahnen geschrieben habe, sah die Frankfurter Zeitung in den Reihen der bürgerlichen Parteien noch vielfach Skepsis, mit der etwa Schallplatten oftmals abgelehnt würden, weil die Wähler nicht „redende Maschinen“, sondern lebende Menschen in den Versammlungen hören wollten. Mit der Technisierung, die dem Wahlkampf mehr und mehr den Charakter eines Schauspiels verleihe, gehe aber ein tiefer liegender Prozess des politischen Stilwandels einher, wonach die Ideen selbst „the atra li siert“ würden. Da der Einzelne der modernen „Vervielfältigung des 173 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe politischen Betriebs“ nicht mehr ohne weiteres folgen könne, werde verstärkt der „In stinkt“ zu Hilfe gerufen. Die „politische Wildheit“, die nach 1918 zunächst bei den Kommunisten zu beobachten, komme gegenwärtig durch die „nationalsozialistische Pforte“ wieder herein und breite sich leider auch bei den bürgerlichen Parteien aus. Zu erklären sei dies unter anderem mit der zunehmenden Bedeutung des „Spieltriebs“ im politischen Leben, so dass sich die Politik „immer stärkerer ästhetischer Mittel“ bediene. Andererseits sei Gewalt im politischen Kampf bereits so normal geworden, dass sie schon beinahe als natürlicher Bestandteil der Wahlkämpfe gälte544. Zusammenfassung Der von der Frankfurter Zeitung angedeutete politische Stilwandel hängt aus heutiger Sicht ursächlich mit dem Auftritt der NSDAP als Massenbewegung auf der politischen Bühne seit 1929 zusammen. Als „Krisenwahlkampf “ glich der Wahlkampf vom Sommer 1930 in manchem stark dem vom Frühjahr 1924, als ebenfalls auf einer nationalistischen Welle der Unzufriedenheit die radikalen Parteien und ihre Propaganda florierten. Im Unterschied zu damals schien sich vor dem 14. September die politische Situation jedoch erst zu verschärfen und das antire pu bli kanische Aggressionspotential weiter zuzunehmen, während sich vor dem 4. Mai 1924 bereits erste Entspannungssymptome auswirkten und die politische Radikalität bereits wieder im Abflauen war. Die deutlich nach oben zeigende Kurve politischer Gewalt gab dem Wahlkampf vom Sommer 1930 ein klar unterschiedliches Gepräge gegenüber seinem Vorgänger vom Frühjahr 1928. Staatliche Gegenmaßnahmen sowohl auf Reichsebene als auch besonders von seiten der Länderbehörden erwiesen sich als nicht völlig wirkungslos, sondern dämmten die Gewalt zum Teil erfolgreich ein, was der Wahlkampfführung wie de rum eine restriktive Note verlieh. Wenn auch blutige Zusammenstöße gerade auf dem Höhepunkt der Aus ei nan der set zungen Ende August 1930 nahezu täglich aus allen Teilen des Reiches gemeldet wurden, war noch nicht von „Terrorwahlen“ wie 1932 die Rede und schien die Situation noch nicht außer Kontrolle zu geraten, zumal der „Kampf um die Straße“ aufgrund zahlreicher Demonstrationsverbote noch vorwiegend in geschlossenen Räumen stattfinden musste. Erst in den letzten Re pu blikjahren wurden Wahlkämpfe 174 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik zum „modernen Krieg mit geistigen Waffen“, wie 1932 der sozialdemokratische Propagandatheoretiker Sergej Tschachotin befand, wenn dies auch angesichts der blutigen bürgerkriegsähnlichen Straßenschlachten mit Dutzenden von Toten aus heutiger Sicht als euphemistische Umschreibung erscheint545. Allerdings nahm die politische Gewalt spätestens 1930 kollektiv-systematische Formen an, deren Anwendung sich jedoch immer noch auf die Wahlzeit beschränkte. Interparteiliche Ver suche zur Befriedung und Dämpfung der Propaganda hatten im Sommer 1930 angesichts der Verhärtung der Fronten selbst im bürgerlichen Lager kaum noch Chancen, während die radikalen Parteien ihre Wahlpropaganda ohnehin keiner freiwilligen Selbstbeschränkung unterwerfen wollten. Um so mehr waren der Staatsapparat und seine Behörden zur Regulierung des entfesselten Parteienkampfes gefragt. Ihr Bestreben, möglichst demokratische Wahlkämpfe zu gewährleisten, lief praktisch dem In teres se des Staates an „Ruhe und Ordnung“ zuwider. Die Aufhebung radikaler Parteien- oder Betätigungsverbote vor Wahlen sowie die weit gehende Liberalisierung der Zensurvorschriften waren die eine Seite, restrik tive Maßnahmen gegen „wildes“ Plakatieren sowie Demonstrations- und Zeitungsverbote die andere Seite staatlichen Wahlkampfverhaltens. Vergleicht man das Ausmaß an politischer Gewalt in den vier Reichstagswahlkämpfen von 1924 bis 1930, so ist festzuhalten, dass es einen „friedlichen“ Wahlkampf in der Weimarer Re pu blik nicht gab, vielmehr zu jeder Zeit ein Klima latenter Gewaltbereitschaft vorhanden war und Verwundete oder auch Tote zum traurigen Alltag gehörten. Dies unterschied Weimarer Reichstagswahlkämpfe generell von ihren weitgehend disziplinierten Vorgängern im Kaiserreich. Blutige Zusammenstöße zwischen politischen Gegnern gehörten nach 1918 gewissermaßen zur Normalität in Wahlzeiten, in denen der „Kampf der Weltanschauungen“ von den Parteien zum „Krieg“ stilisiert wurde. Ihren verbalen Mobilmachungen folgte schon 1924 die Militarisierung der Wahlkämpfe durch die uniformierten Wehrverbände der Parteien. Nicht erst in der krisengeschüttelten Spätphase nach 1930, sondern bereits 1928 prägte physische Gewaltanwendung den politischen Kampf, wenn auch noch mit weniger tödlichem Ausgang. In dem Maße, in dem sie die außerparlamentarische Initiative an die aktiven extremen Bewegungen verlor, beteiligte sich auch die Sozialdemokratie an der Klage über das tiefe „sittliche“ Niveau und „Lügenhaftigkeit“ deutscher Wahlkämpfe. Als nun staatstra- 175 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe gende Partei sah sie nach 1918 Wahlkämpfe mehr und mehr wie ihre bürgerlichen Konkurrenten als notwendiges Übel denn als Politisierungs- und Profilierungschance an. Bei den extremen Flügelparteien wurde die politische Bedeutung der Wahlkämpfe wie de rum abgewertet durch ihre bloße Instrumentalisierung als Mobilisierungs- und Agitationsbühne, wie im nächsten Kapitel näher zu zeigen sein wird. Die in der Weimar- Forschung weithin übliche Unterscheidung, wonach verkürzt gesagt die Reichstagswahlkämpfe im Herbst 1924 und im Frühjahr 1928 infolge der allgemeinen Entspannung unspektakulär und langweilig verliefen, die „Krisenwahlkämpfe“ vom Frühjahr 1924 und vom Sommer 1930 dagegen Höhepunkte der innenpolitischen Aus ei nan der set zung waren, kann korrigiert werden. Zwar zeigte die politische Gewaltkurve vor dem 7. Dezember 1924 deutlich nach unten, aber über die propagandistische Schärfe des Reichstagswahlkampfes ist damit nichts gesagt. Zudem gaben am 7. Dezember bei hoher Wahlbeteiligung so viele Deutsche wie noch nie zuvor ihre Stimme ab. Von einer „ruhigen“ Wahlbewegung dürfte bei solcher Mobilisierung nur mit Vorbehalt gesprochen werden. Als einschneidende äußere Veränderung gegenüber der Wahlkampfpraxis im Kaiserreich empfanden die Weimarer Zeitgenossen die vielzitierte „Papierflut“, an deren Entstehung sich nicht mehr nur die SPD beteiligte, sondern auch die bürgerlichen Parteien, obwohl ihre Presse diese „Auswüchse“ der Wahlpropaganda nach wie vor ablehnte. Der „Regen von Flugblättern“, der vor allem das Erscheinungsbild der frühen Reichstagswahlkämpfe bis 1924 bestimmte und in den letzten Tagen vor der Wahl noch einmal anschwoll, war die wichtigste Facette des negativen Images von Wahlkämpfen in der bürgerlichen Öffentlichkeit. Die lange Vorbereitungszeit der Parteien sowie der erstmals systematische Einsatz neuer „technischer Errungenschaften“ wie vor allem des Filmes geben dem Wahlkampf vom Frühjahr 1928 eine Sonderstellung unter den Reichstagswahlkämpfen der Weimarer Re pu blik. Will man die Abkehr von den traditionellen Konzepten und Werbemitteln hin zu technisierten Multimediaereignissen zeitlich präzisieren, lassen sich die meisten Hinweise in den Wochen vor dem 20. Mai 1928 finden. Einzelne, womöglich typische Phasen in den Reichstagswahlkämpfen von 1924 bis 1930 zu unterscheiden, fällt schon deshalb schwer, weil die Weimarer Parteien ihnen schon regional je unterschiedliche Zeitpläne zugrundelegten, wenn auch die amtlichen wahltechnischen Bestimmungen gewisse Grenzen und Termine vorgaben. Mit Ausnahme des 176 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Wahlkampfes vom Frühjahr 1928 begannen die Reichstagswahlkämpfe verhältnismäßig unvermittelt und trafen sie die Parteien mehr oder weniger unvorbereitet. Diese versuchten gleichwohl Akzente zu setzen, sei es durch Reichsparteitage oder zen tra le Großveranstaltungen, wie sie im Sommer 1930 im Berliner Sportpalast von fast allen Parteien durchgeführt wurden. Schon vorher war die Praxis zu beobachten gewesen, dass die Wahlaufrufe der Zentralvorstände mehr oder weniger gleichzeitig etwa einen Monat vor dem Wahltag erschienen. Deren programmatischer Stellenwert war nicht zu unterschätzen und wuchs nach 1924 in dem Maße, in dem die Zentralisierung und Nationalisierung der Propaganda zunahm. Die „Wahlprogramme“ der Parteivorstände in Berlin gaben den regionalen Organisationen die wichtigsten Parolen vor und schlugen sozusagen den Grundakkord an. Hatte der Parteivorstand gesprochen, konnte die eigentliche „heiße“ Wahlkampfphase als eröffnet gelten. Wenn auch in den 1920er-Jahren die regionalen Besonderheiten immer mehr zugunsten reichspolitischer Einflüsse und Faktoren an Bedeutung verloren und die vor 1914 einsetzende Nationalisierung der Wahlkämpfe weiter voranschritt, spielte sich die praktische Wahlarbeit naturgemäß weiterhin auf Stadt- und Landkreisebene unter den dort je bestimmenden Verhältnissen ab. Hier wurde die eigentliche Klein- und Hausagitation organisiert und mussten etwaige Direktiven der Berliner Parteizen tra len von den Wahlkreisverbänden und Ortsgruppen in konkrete Aktionen „vor Ort“ umgesetzt werden. Im engeren Sinne lief jeder Reichstagswahlkampf von 1924 bis 1930 gemäß den regionalen politischkulturellen Besonderheiten der einzelnen Länder nach je verschiedenen Regeln ab. Bestimmte Wahlkreise wie etwa die Reichshauptstadt oder die besetzten Gebieten konnten quasi eine natürliche Sonderstellung beanspruchen. Gleichwohl schien es schon den Weimarer Zeitgenossen unstrittig zu sein, dass gewisse Richtlinien der Wahlkampfführung allgemeine Gültigkeit für das ganze Reich beanspruchten. Anders aber als auf der inhaltlichen Ebene, wo bereits ein flüchtiger Blick in die regionale und lokale Presseberichterstattung bei aller unterschiedlicher Akzentsetzung die gleichen Feindbildstereotypen, Themen und Argumentationsstrukturen offenbarte wie die überregionale oder von den Parteizen tra len herausgegebene Propaganda, konnte es passieren, dass in einigen Kreisen die erste Wahlversammlung erst Wochen nach der Eröffnung des Wahl- 177 organIsatIon und ablauf der reIchstagsWahlkämpfe kampfs durch die Berliner Reichsparteiführung stattfand. Schließlich unterlag die Wahlkampfführung der Parteien auch objektiven Beschränkungen, wie etwa leeren Kassen oder der vor Reichstagswahlen allerdings stets mehr befürchteten als wirklich vorhandenen Wahlmüdigkeit. Nur halbvolle Versammlungen ließen zusammen mit der innen- wie au- ßenpolitischen Entspannung etwa den zweiten Reichstagswahlkampf des Jahres 1924 äußerlich als „flau“ erscheinen. Dass die Parteikämpfe aber alles andere als das waren, vielmehr mit größerer Wucht denn je zuvor die Fronten des schwarzrotgoldenen und des schwarzweißroten Deutschland aufeinanderstießen, wird weiter unten ausgeführt. Das von den Parteien inszenierte Propagandaschauspiel dürfte wesentlich zur politischen Mobilisierung am 7. Dezember 1924 beitragen haben, der zum Verfassungsplebiszit stilisiert wurde und so mehr Wähler als erwartet an die Urnen zog. 179 Kapitel 5 Der Wahlkampfstil der Weimarer Parteien „Der Wahlkampf ist vorbei – Zäune, Säulen, Schilder sind wieder von allerhand Schmutz befreit“546. Dieser Stoßseufzer kurz nach der Reichstagswahl im Juni 1920 scheint charakteristisch für das Denken derjenigen Weimarer Zeitgenossen, die Wahlkampf in erster Linie als eine „Schmutzflut“ überhand nehmender Propaganda wahrnahmen, als geschriebene oder gesprochene Polemik in Flugblättern, Plakatanschlägen, Reden und Artikeln oder gar in Form von blutigen Saal- und Straßenkämpfen. Das Werben für die politische „Weltanschauung“ sollte gemäß bildungsbürgerlichem Ideal wenn überhaupt mit den traditionellen „vornehmen“ Mitteln wie der Versammlungsrede oder dem Zeitungsartikel geschehen. Die auf Massenwirkung zielenden Wahlkämpfe und ihre „laute Agitation“ wurden als Störung des inneren, sozialen Friedens und des „Geistes der Volksgemeinschaft“ gedeutet, der durch den „Kampf aller gegen alle“ ersetzt werde. Es sei zum Jammern, klagte Josef Buchhorn, preu- ßischer Landtagsabgeordneter der DVP, im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924, „wenn man dieses Schauspiel ansehen muss, wie sich da wertvolle Kräfte, die für das Ganze nutzbar gemacht werden sollten, gegenseitig“ aufhöben547. Überzeugung quer durch alle bürgerlichen Parteien war, dass diejenigen Gruppen den größten Zulauf hätten, deren Propaganda die „im Volke schwingenden Gefühlsseiten“ am stärksten anzuschlagen in der Lage sei, schrieb Julius Steinberg angesichts des nationalistischen Stimmzettels vom 4. Mai 1924 über „Reichstagswahlen und Volks-Psychologie“. Parteien wie die DDP, die eine „Verstandespolitik“ verträten, schnitten um so schlechter ab, „je heftiger die Volksleidenschaften durch die Ungunst der Zeiten und die Demagogie der politischen Kurpfuscher aufgewühlt“ seien548. So wurde aus liberaler Sicht im Mai 1924 ein neuer „Tief- 180 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik stand“ in der deutschen Wahlgeschichte beobachtet. Die Propaganda dieser Reichstagswahl sei nicht nur jeder „höheren Idee“ entkleidet, sie gleiche dem „ruhmlosen und widerlichen Gaskrieg“, dem man nur mit einer Maske geschützt begegnen könne: „Neben dieser Stinkbomben- Kunst, die Wahlzettelüberzeugung schafft, ruht die politische Gleichgültigkeit des Nurgeschäftsmannes, des boxkampfbegeisterten Philisters und des Fußballfanatikers“, der sich nur aufgrund persönlichen Ärgers, mehrmals gelesener Schlagworte oder sonstiger Zufälligkeiten entscheide. Gegen diese „Verwilderung“ müssten alle Demokraten mit den „Mitteln einer anständigen und sachlichen Polemik“ ankämpfen549. In konservativen Kreisen mischte sich die Ablehnung der Massendemokratie mit tiefer Verachtung des Wahlkampfes und seiner Erscheinungsformen. Die Agitation der Parteien wurde hier abgewertet zum Chaos der Versprechungen, in dem das an sich schon häßliche Gesicht der Politik seine wahre Fratze entblöße. Aus den Reihen der bündischnationalen Jugend wurden nach den Reichstagswahlen vom Mai 1928 als „Bilanz des Wahlkrampfs“ die Fehler des angeblich mechanistischen Wahlsystems und der „plutokratischen“ Parteiendemokratie aufgezählt: „Wochenlang ist der souveräne Staatsbürger mit Wahlseife, Grammophonplatten, Reden, Lügen und Versprechungen bombardiert worden. Nun darf er wieder vier Jahre den Schlaf der Gerechten schlafen“550. Wie weit auch das re pu bli ka nische Deutschland noch von einem wirklich demokratischen Verständnis des politischen Kampfes entfernt war, beobachtete der Historiker Ernst Troeltsch anlässlich des ersten Reichstagswahlkampfes vom Frühsommer 1920. Hinter der im Wahlkampf von den Parteien gezeigten „Gesinnung der notwendig zu wagenden Entscheidungsschlacht“, die der „Verwickeltheit der wirklichen Dinge“ nicht gerecht werde, entdeckte Troeltsch Grundsätzliches: „Es liegt dem Deutschen noch nicht, den Lärm des Wahlkampfes für unentbehrlichen Tamtam zu halten, der hinterher dann nicht mehr ernst genommen wird, wenn er nur erst seine Schuldigkeit getan hat. Er liebt bis jetzt den verbohrten Hass und ein bramarbasierendes Schimpfen, das jede politische Zusammenarbeit hinterher unmöglich macht, aber den selbstzufriedenen Dickköpfen eine hohe persönliche Genugtuung bereitet“551. Die Einstellung der Weimarer Parteien zu Wahlkämpfen war nicht nur durch solch vordemokratische Denktraditionen belastet, sondern musste fast zwangsläufig gespalten sein, da sie einerseits wichtiges Forum der Selbstdarstellung mit dem Ziel des Machterwerbs waren, ande- 181 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen rerseits aber den Parteiorganisationen immer wieder große Finanzprobleme verursachten. Schon ein flüchtiger Blick auf die immensen Wahlwerbekosten lässt freilich erkennen, welch hoher Stellenwert den Wahlkämpfen im Organisationsleben der Weimarer Parteien zugemessen wurde. Ohne dass es für sie eine Wahlkampfkosten-Rückerstattung durch den Staat gab, bestritten die ohnehin unter ständigen Geld pro blemen leidenden Parteien ihre Wahlkampagnen ausschließlich aus eigenen oder gesammelten Mitteln. Das neue Wahlsystem der Weimarer Repu blik stellte auch die bürgerlichen Parteien zwangsläufig vor die Notwendigkeit, den vor 1914 nur halbherzig betriebenen Wandel vom Honoratiorenverein zur Mitglieder- beziehungsweise Massenpartei zu forcieren. Vorbild sein konnte ihnen die Organisationsstruktur der deutschen Sozialdemokratie mit ihrem festgefügten Parteiapparat sowie der flächendeckenden Gliederung von der Ortsgruppe bis hin zu den Landesverbänden und dem Reichsparteivorstand. Vor allem die liberalen Parteien unternahmen in den 1920er-Jahren – letztlich erfolglos – Versuche der Organisationsreform, während sich das Zen trum wie im Kaiserreich auf die zahlreichen kirchlich-katholischen Vereine stützte und die DNVP die stark heterogene und regional unterschiedliche Struktur der alten Konservativen beibehielt. Zentralisierte und professionelle Werbearbeit blieb aber bei allen Weimarer Parteien noch die Ausnahme und war wenn überhaupt in Wahlzeiten anzutreffen. Immerhin wurden 1918/19 bereits von den bürgerlichen Parteien zen tra le Hauptgeschäftsstellen geschaffen, die sich um Fragen der reichsweiten Organisation und Propaganda kümmerten. Anders als die KPD oder die NSDAP, welche mit der Zentral-Agitprop beziehungsweise der Reichspropagandaleitung über ähnliche Gremien verfügten, in denen sich Parteiaktivisten, Journalisten oder Werbefachmänner mit der Vorbereitung und Führung von Wahlkämpfen beschäftigten, besaß die SPD bis zur Gründung der Werbeabteilung beim Parteivorstand 1928/29 keine vergleichbare zen tra le Propagandastelle552. Für die eigentliche Wahlarbeit waren meist journalistisch geschulte Funktionäre oder Abgeordnete vor Ort verantwortlich, die in den lokalen Propaganda- oder Wahlausschüssen ihrer Parteien die jeweiligen Beschlüsse und Vorgaben der Reichsparteileitung in Aktionen umsetzten. Schon die äußeren Lebensdaten der Landesgeschäftsführer oder regional verantwortlichen Parteisekretäre festzustellen, bedarf der intensiven lokalgeschichtlichen Forschung und kann an dieser Stelle nicht geleistet 182 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik werden. Auf der Ebene der Hauptgeschäftsführer oder Reichsgeneralsekretäre hielten, wie in der Wirtschaft, wo nach 1918 der Unternehmer alten Stils mehr und mehr einem neuartigen Direktorentyp wich – für den sich der amerikanische Begriff des „Managers“ einbürgerte –, in den Weimarer Parteien die hauptamtlichen Angestellten des Parteiapparates Einzug. Mit ihnen entstand eine neue Gruppe von Berufspolitikern, die Politik zunehmend im technokratischen Sinne vor allem als Verwaltungsarbeit betrachteten. Wenn sie auch eng mit den jeweiligen politischen Führungen zusammenarbeiteten und ihr Einfluss mit Sicherheit den manch eines Reichstagsabgeordneten übertraf, zählten sie nur bedingt zur eigentlichen Parteispitze. Die Weimar-Literatur gibt über diesen in der Öffentlichkeit kaum bekannten Personenkreis nur karge biographische Auskünfte. Den Wahlkampf des Zen trums für die Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919 leitete der damals 44-jährige Maximilian Pfeiffer, ein erfahrener Politiker, der seit 1907 Reichstagsabgeordneter war und 1918/19 als Mitglied des Reichsausschusses das in Berlin angesiedelte Generalsekretariat begründete. Pfeiffer war von 1912 bis zur Revolution auch Biblio the kar an der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek in München und den Worten Rudolf Morseys zufolge ein „unternehmungslustiger“ Generalsekretär, als promovierter Philologe literarisch ambitioniert und in den Wahlkämpfen nicht zuletzt durch das Abfassen von Flugblättern und die Redaktion der Flugschriftenreihe aktiv553. Sein 13 Jahre jüngerer Bruder Anton leitete seit 1919 das Generalsekretariat der BVP in München, bis er auf eigenem Wunsch 1927 zurücktrat und von Josef Österle abgelöst wurde. Maximilian Pfeiffer gab das Amt des Generalsekretärs des Zen trums bereits nach der Reichstagswahl 1920 an seinen damals knapp 30-jährigen Referenten Heinrich Vockel ab. Als Angehöriger der „jungen Generation“ war dieser im Unterschied zu Pfeiffer ein Vertreter der neuen, technokratisch orientierten Politikerkaste, die innerhalb der freilich noch kaum zentralisierten Parteiapparate die Weimarer Politik mitgestalteten. Nach dem Studium der Landwirtschaft und Nationalökonomie, das er mit einer Dissertation über die „Die Handwerke der Stadt Paderborn und die dortigen Organisationsbestrebungen“ abschloß, war Vockel im Krieg mehrfach ausgezeichnet worden und bei Kriegsende Oberleutnant der Reserve. Ende 1918 in den Paderborner Kommunaldienst eingetreten, wechselte er 1920 nach Berlin in die von Pfeiffer umorganisierte Parteizen tra le des Zen trums, für das er von 1930 bis 1933 183 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen auch im Reichstag saß. Als Generalsekretär seit 1922 zeigte sich der keinem Parteiflügel zugehörige Vockel wie sein Amtsvorgänger nicht zuletzt in Reichstagswahlkämpfen äußerst rege, entwarf Redeskizzen, Broschüren sowie Flugblätter, war als Wahlredner unterwegs und ein wichtiger Artikellieferant für die Zen trumspresse554. Zu Vockels formellem Stellvertreter wurde 1922 der drei Jahre jüngere Heinrich Krone bestimmt. Seine eigentliche Aufgabe bestand in der Reichsgeschäftsführung der Deutschen Windthorstbünde. Durch die He raus ga be der Monatsschrift Das junge Zen trum bildete Krone ein wichtiges Verbindungsglied zwischen der Partei und den katholischen Jugendverbänden. Wie für die an profilierten Spitzenfunktionären knappen Parteien der Weimarer Re pu blik üblich, war seine Tätigkeit durch die gleichzeitige Ausübung mehrerer Ämter geprägt, unter anderem auch als Reichstagsabgeordneter des Zen trums555. Die gleiche Funktion wie Vockel im Zen trum übte in den 1920er- Jahren unter der Bezeichnung eines Reichsgeschäftsführers Werner Stephan als Nachfolger von Hermann Schreiber innerhalb der DDP aus. Über seine Tätigkeit sind wir nicht zuletzt durch die von ihm selbst geschriebene Parteigeschichte sowie seine Erinnerungen vergleichsweise gut unterrichtet. Stephan, Jahrgang 1895, hatte Volkswirtschaft studiert und war seit 1922 in der Berliner DDP-Zen tra le tätig, wo er als „junger Mann“ und rechte Hand des neuen Vorsitzenden Erich Koch-Weser galt. Noch stärker als Vockel verkörperte Stephan den Typus des modernen, akademisch gebildeten Parteiangestellten. Sein Name steht neben dem von Anton Erkelenz für den Versuch einer Reform beziehungsweise Modernisierung der linksliberalen Parteistrukturen. Zur Verbesserung der Organisationsarbeit führte Stephan detaillierte Fragebögen für die regionalen Parteiorganisationen ein und systematische Analysen über Wahlen und Wahlverhalten durch556. Infolge des rasanten Wählerschwunds der DDP nach 1920 resignierte Stephan schließlich und wechselte 1929 in die Presseabteilung der Reichskanzlei, wo er bis 1945 tätig war. In der NSDAP fühlte sich bis 1930 aufgrund des Führungs- und Kompetenzenwirrwarrs eine ganze Reihe von Personen für die zen tra le Propaganda- und Wahlkampfarbeit im Reich verantwortlich. Nominell deckte in der Frühphase der Partei Hermann Esser diesen Bereich ab, während Adolf Hitler als „Trommler“ mehr die praktische Agitation bestimmte. Reichsgeschäftsführer der NSDAP nach ihrer so genannten Wiedergründung im Fe bru ar 1925 wurde Philipp Bouhler, dessen Einfluss auf die 184 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik konkrete Propagandatätigkeit aber trotz des scheinbar hohen Parteiamtes gering blieb557. An der Spitze der neuen Reichspropagandaleitung stand ab 1926/1927 Gregor Straßer, der die faktische Geschäftsführung wie de rum seinem Stellvertreter Heinrich Himmler überließ, dessen „bürokratischer Perfektionismus als Parteimanager“ von dem Gedanken ausging, Propaganda „generalstabsmäßig“ planen zu können558. Eine neue Phase in der Reichspropagandaleitung, die erst im September 1932 vollständig von München nach Berlin umziehen sollte, begann im Frühjahr 1930 mit der Berufung von Joseph Goebbels, der als Gauleiter von Berlin bereits seit 1926 Erfahrungen in den Wahlkämpfen der Hauptstadt gewonnen hatte. Er kannte nicht nur die Propagandamethoden der Linksparteien sehr genau, sondern mischte sich wie Hitler auch immer wieder selbst in die Agitation ein, nicht zuletzt durch das Verfassen von Flugblättern559. So gut erforscht die Biographie und das Wirken eines Joseph Goebbels ist, so wenig wissen wir über seine Pendants in den bürgerlichen Rechtsparteien der Weimarer Re pu blik. Selbst in speziellen Parteiendarstellungen tauchen die Namen der zen tra len Propagandaleiter nur selten auf. Das Amt eines Hauptgeschäftsführers der DNVP hatte zunächst der 1883 geborene Hans Erdmann von Lindeiner-Wildau inne, bis er 1920 durch Max Weiß abgelöst wurde, zugleich leitender Redakteur der DNVP- Schriftenvertriebsstelle. Weiß, promovierter Philologe und ehemals aktiver Offizier, unterschied sich schon aufgrund seines Alters – er war Jahrgang 1874 – von den anderen „Wahlkampfmanagern“. Im Krieg zunächst Bataillonskommandeur, dann 1917/18 Abteilungsleiter im Kriegspresseamt, war er 1919 Landesgeschäftsführer der DNVP im Wahlkreis Potsdam I und ein Jahr später Hauptgeschäftsführer geworden, was er bis Anfang der 1930er-Jahre blieb560. Typisch für alle bürgerlichen Parteien war ein Mangel an Funktionären, die den Wahlkampf auf regionaler und lokaler Ebene als „Agitatoren“ bestritten. So suchte die Koblenzer Wahlkreisgeschäftsstelle der DVP, deren Reichsgeschäftsführung in den 1920er-Jahren Gustav Wittig ausübte, im Frühjahr 1928 per Anzeige einen „Untergeschäftsführer für die Wahlzeit, rede- und schriftgewandt, zur Agitation gegen Wirtschaftspartei und Bauernsonderliste, vertraut mit Landwirtschaft und Weinbaufragen speziell in Westdeutschland (Rheinland)“. Mit Beginn der Wirtschaftskrise schien sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage aber auch in diesem Bereich umzudrehen, da nun die Stellengesuche 185 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen überwogen. Im Sommer 1930 bot sich für den Reichstagswahlkampf ein „erfahrener, politisch gründlich geschulter Journalist“ an, „auf dem Boden der DVP stehend, der mehrere Wahlkämpfe erfolgreich mitgemacht hat (in Baden, Hessen und im Rheinland), guter Redner und sehr befähigter Propagandist (Entwerfen von Flugblättern, Aufrufen und dergl.)“ sei und eine „journalistische oder agitatorische Tätigkeit“ suche. Ebenfalls seine „Wahlhilfe“ für den 14. September 1930 offerierte ein „bestens empfohlener, erfolgreicher, langjähriger Redakteur“, der „bei bescheidenen Ansprüchen zur Reichstagswahl geeignete journalistische Aushilfstätigkeit“ ausüben wollte561. Während die bürgerlichen Parteien über Personalmangel im Bereich der Agitation klagten, schienen die Weimarer Linksparteien und insbesondere die KPD mit „Agitatoren“ reichlich gesegnet zu sein. Die praktische Propaganda der KPD wurde an zen tra ler Stelle von Hugo Eberlein und Ernst Schneller geleitet. Als das Mitglied des Zentralkomitees der KPD, das sich um die Durchführung der Reichswahlkämpfe kümmern sollte und als eine Art zen tra le Anlaufstelle fungierte, trat der 1924 in den Reichstag gewählte Ernst Torgler auf, ab 1929 auch Vorsitzender der kommunistischen Reichstagsfraktion562. Innerhalb der SPD fiel die zen tra le Organisation der Reichstagswahlkämpfe in den ohnehin schon prallen Aufgabenbereich des nur etwa zehnköpfigen Berliner Parteivorstands. Angesichts des hohen Stellenwerts der „Stimmzettelkämpfe“ für die SPD mag überraschen, dass es bis zur Einrichtung der Werbeabteilung 1928/29 keine hauptamtlichen Mitarbeiter gab, die für die Organisation und Propaganda sowie der zentra len Steuerung der Wahlkämpfe zuständig waren. Als redaktioneller Leiter der seit 1911 bestehenden, aber 1922 infolge der Inflation aufgelösten „Flugblattzen tra le“ beim Parteivorstand war Konrad Haenisch, Jahrgang 1876, zwar formell für diese Fragen beim Parteivorstand verantwortlich. Seine Inbeschlagnahme durch zahlreiche andere Funktionen und Ämter ließen den wichtigen Bereich jedoch bereits vor Haenischs frühem Tod im April 1925 mehr oder weniger verwahrlosen, sodass es dem Parteikassierer Konrad Ludwig oblag, auf Reichsparteitagen über Organisation und Propaganda zu referieren563. Nach den Reichstagswahlen vom Mai 1928 reorganisierte aber auch die SPD ihre Führungsstruktur und richtete beim Parteivorstand eine neue Werbeabteilung ein. Mit derem Aufbau wurde der hauptamtliche Parteisekretär Friedrich Heine beauftragt, Jahrgang 1904, seit 1925 als 186 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Volontär und persönlicher Referent Ludwigs mit Organisationsfragen und der Parteipresse beschäftigt. Zum nominellem Leiter der Abteilung berief der Vorstand 1930 den weitaus älteren Redakteur Richard Hauschildt, der sich jedoch ausschließlich mit der Redaktion der „Sozialdemokratischen Parteikorrespondenz“ befasste, einer wichtigen Informationsquelle für die Funktionäre. Als „technischer Leiter“ der Werbeabteilung war es daher Heine, der die Werbe- und Wahlkämpfe der SPD auf zen tra ler Ebene bis 1933 propagandistisch bearbeitete. Wenn auch nicht akademisch gebildet, gehörte er zur „jungen Generation“ der Weimarer Re pu blik und spezialisierte sich als Fachmann für Werbe- und Propagandaarbeit, ohne allerdings nach außen hin als Repräsentant sozialdemokratischer Politik stärker in Erscheinung zu treten564. Versuche der Modernisierung liberaler Parteistrukturen Obwohl die DDP in der Vorstellung ihrer Gründer eine Massenpartei nach Vorbild der SPD werden sollte, blieb liberale Parteiarbeit auch nach 1918 auf die Zeit der Wahlen konzentriert und behielt man die eher lockere Organisationsform weitgehend bei – so etwa lautet das Verdikt über die eben „nicht ganz geglückte Anpassung“ der Linksliberalen an die massendemokratische Wirklichkeit565. Gleichwohl zeigte sich die DDP nach 1918/19 mehr als ihre bürgerlichen Konkurrenten bemüht, auch auf bislang verpönte „marktschreierische“ Mittel und Methoden moderner Reklametechnik in ihrer Wahlpropaganda zurückzugreifen. Dahinter stand die Überzeugung, dass langatmige stilvolle Abhandlungen nach altem Muster wertlos geworden seien. Das Programm der Partei müsse vielmehr wie ein „neuer Artikel“ schlagwortartig auf Plakaten und Flugblättern angepriesen werden. Die Bedürfnisse und Erwartungshaltungen der Konsumenten von Parteienwerbung müssten stärker berücksichtigt werden, wobei die englische und amerikanische Bildpropaganda während des Krieges ausdrücklich als vorbildhaft galt. Es war in den 1920er-Jahren vor allem der Mitvorsitzende Anton Erkelenz, der innerhalb der Führung der DDP da rauf beharrte, dass zu einer modernen Parteiorganisation neben Massenwerbung auch die beständige Kleinarbeit zwischen den Wahlkämpfen sowie der Aufbau eines festen Mitgliederstammes gehöre, wodurch zugleich das Problem der Parteifinanzierung in den Griff zu bekommen sei. Obwohl 1918/19 kurzfristig eine Massen- 187 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen anhängerschaft vorhanden war sowie neben der Reichsgeschäftsstelle regionale und lokale Parteisekretariate eingerichtet wurden, musste der dramatische Mitglieder- und Wählerschwund der DDP in den 1920er- Jahren jeden solcher Ansätze zur Organisationsreform erschweren, wenn nicht gar verhindern. Als den Ortsgruppen nächst übergeordnete Instanz fungierten die Wahlkreisverbände, von denen der Parteitag, das höchste Organ der DDP, sowie der Parteiausschuss mit Delegierten beschickt wurde. Dem 23-köpfigen Parteivorstand, dem die beruflich und thematisch gegliederten Reichsausschüsse beigeordnet waren, oblag die politische Führung der Partei. Verantwortlich für die zen tra le Werbearbeit und die Führung von Reichstagswahlkämpfen war die in Berlin ansässige Reichsgeschäftsstelle, das so genannte Büro der Parteileitung. Als dessen Geschäftsführer klagte Stephan darüber, dass unter den „geistig überheblichen Demokraten“ moderne Propagandamethoden wie die „Kunst der Wiederholung“ und andere Techniken nur auf wenig Verständnis gestoßen seien566. Es charakterisierte die DDP, dass sie Wahlkämpfe einerseits als „Mittel politischer Erziehung“ bejahte, mit dem das Volk im „vernünftigen“ Parteisinne politisiert werden sollte. Andererseits artikulierten die Demokraten immer auch Bedenken, ja Abscheu gegenüber dem „wochenlangen Trommelfeuer“ von Propaganda in Reichstagswahlkämpfen567. Zwar bräuchten diese in einer Demokratie keine politischen „Anstandskurse“ zu sein und seien gewisse Übertreibungen unvermeidlich, so die Frankfurter Zeitung Anfang Juli 1932. Aber „derartige Orgien der Entstellung und Verleumdung zu entfesseln, wie sie das demokratische und re pu blika nische Deutschland während all dieser Jahre und mit sich immer steigender Schärfe hat über sich ergehen lassen müssen“, schadeten der parlamentarischen Demokratie568. Die Überzeugung, dass die „werbende Kraft der Idee“ der Unterstützung durch Agitation und Propaganda bedürfe, um sich bei den Wählern durchzusetzen, veranlasste die Demokraten andererseits, sich bereits im Wahlkampf 1918/19 intensiv mit neuen Formen der Massenpropaganda zu beschäftigen. Lokale Parteiorganisationen richteten Werbebüros ein, dessen Mitarbeiter mit den Methoden „amerikanischer Reklame“ vertraut waren, und auch die Berliner Führung der Partei zeigte sich entschlossen, mit neuen Agitationsmitteln im Reich zu werben. Dank großzügiger Unterstützung aus der Wirtschaft war die DDP vor dem 19. Januar 1919 in der Lage, „ihre Werbeaktionen in einem Stil zu entfal- 188 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ten, der in der Geschichte deutscher liberaler Parteien bisher unbekannt war“569. Anlässlich der Wahlen zur Nationalversammlung befasste sich der Geschäftsführende Ausschuss der DDP als vorläufiger Vorstand seit Anfang Dezember 1918 mit den Wahlkampfvorbereitungen. Dank seiner Sitzungsprotokolle lässt sich beispielhaft nachverfolgen, welche Fragen der Wahlarbeit in den Führungsgremien der Weimarer Parteien behandelt wurden, von der Entstehung des zen tra len Wahlaufrufs, der Herstellung und Auswahl von Plakaten, der Unterstützung für die Wahlkreisvereine, über die Kandidatenfrage der Reichswahlliste bis hin zur Analyse des Ergebnisses. Da für den bereits laufenden Wahlkampf dringend Agitationsmaterial benötigt wurde, beauftragte der Ausschuss Ende 1918 mehrere „sachverständige“ Reichstagsabgeordnete damit, Flugblätter an die verschiedenen Wähler- und Berufsgruppen zu schreiben. Ideen zur praktischen Nutzung neuer „amerikanischer“ Propagandamethoden kamen unter anderem von Otto Nuschke, der ein „Filmdrama“ vorschlug, das an allen deutschen Theater- und Filmbühnen gezeigt werden solle, dessen Realisation aber aus Kostengründen – veranschlagt waren 15 000 Mark – abgelehnt wurde570. Unter dem Eindruck des zurückliegenden Wahlkampfes stellte Nuschke auf dem ersten Reichsparteitag der DDP im Juli 1919 fest, dass bei der Wahlarbeit immer noch „Flugblätter, Redner und Geld“ am wichtigsten seien. Während der wenigen Wochen des Wahlkampfes habe, so Nuschke, allein die neue Reichsgeschäftsstelle 63 Flugblätter in einer Gesamtauflage von 15 Millionen Stück herausgegeben. Als Lehre aus dem Wahlkampf müsse man künftig versuchen, die Organisation auf eigene finanzielle Füße zu stellen, sprich eine Finanzierung durch Mitgliederbeiträge zu erreichen, damit die DDP „niemals in die Abhängigkeit wohlmeinender Kapitalisten oder gar von In te res senten“ gerate – eine Forderung, für die Nuschke laut Protokoll „lebhaften Beifall“ erntete571. Vor allem auf die Aktivität ihres rührigen Hauptgeschäftsführers Werner Stephan war es zurückzuführen, dass sich die DDP schon frühzeitig auf die 1924 anstehenden Reichstagswahlen vorbereitete. Bereits im Juni 1923 forderte Stephan die Wahlkreisvorstände der Partei auf, mit den Planungen für die Wahl zu beginnen. Wichtig sei vor allem die rechtzeitige Aufstellung der Spitzenkandidaten, da für deren Agitation bei der jetzigen Größe der Wahlkreise die zwei oder drei Monate vor der Wahl nicht mehr ausreichten. Wolle etwa ein neuer Wahlkreiskandidat noch vor der für den Sommer 1924 geplanten Reichstagswahl bekannt werden, 189 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen müsse er vielmehr spätestens im August 1923 aufgestellt werden. Schon jetzt habe sich, so Stephan, die Partei daher überall „schlagfertig“ zu machen, zumal auch eine vorzeitige Reichstagsauflösung nach Beendigung des Ruhrkampfes und damit ein Wahltermin bereits im Winter möglich sei572. Angesichts des durch die Nachwirkungen der Inflation stark in Mitleidenschaft gezogenen Parteiapparates bemühte sich der Reichsgeschäftsführer der DDP 1923/24 besonders, die Aktivität und Eigeninitiative der Anhänger vor Ort für den Wahlkampf zu stärken. Ihnen teilte er seine Überzeugung mit, dass sich in Deutschland die „amerikanischen Reklamemethoden“ durchsetzen würden, etwa Wagenkolonnen oder Umzüge mit Musik, selbst so genannte „Sandwichmen, d. h. Prozessionen von Schilderträgern“. Stephan appellierte deshalb an die Parteiaktivisten vor Ort, bei diesen Dingen „nicht allzu hochnäsig“ zu sein; vielmehr müsse sich ein geschickter Agitator sowohl der alten Propagandamittel als auch dieser „Scherze“ sowie des Kinos oder der Lichtbilder bedienen, um zum Erfolg zu kommen573. Bereits einen Monat vor der Reichstagsauflösung Mitte März 1924 kündigte Stephan an, den Wahlkampf jetzt auch „geistig“ vorzubereiten, weshalb die Reichsgeschäftsstelle der DDP das zen tra le Agitationsmaterial ab Ende Fe bru ar 1924 bereitstelle. Weil es aber andernfalls unmöglich sei, bis zur Wahl am 4. Mai eine weitere Steigerung der Propaganda zu erreichen, dürfe der „eigentliche Wahlkampf “ in der Öffentlichkeit noch nicht begonnen werden, sondern müsse vielmehr „kurz und schlagend“ sein. Stephan warnte die noch von der Inflation geschwächten Partei ausdrücklich vor einem zu frühen Verschleiß ihrer Kräfte, sondern mahnte zum rationellen Einsatz der vorhandenen Propagandamittel574. Welche Werbemittel die DDP in den Wahlkämpfen einsetzte, darüber geben die von der Reichsgeschäftsstelle verschickten Materiallisten Auskunft. Aus dieser Art Katalog der in Berlin hergestellten „Produkte“ konnten die Parteigliederungen je nach Bedarf und finanziellen Möglichkeiten bestellen. Vor dem 4. Mai 1924 wurden neben Plakaten und Flugblättern – unterteilt in allgemeinpolitische und berufsgruppenspezifische  – die Wahlbeilagen des Demokratischen Zeitungsdienstes, „Schlagworte für den Wahlkampf “, Rededispositionen und schließlich ein von Erkelenz verfaßter „Leitfaden für Wahlorganisatoren und Wahlwerber“ angeboten. Vor dem 7. Dezember 1924 unterteilte Stephan die merklich längere Materialliste der DDP nach Flugblättern sowie den meist auch als Flugblatt veröffentlichten Reden prominenter Demokra- 190 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ten, den so genannten Materialien zur Demokratischen Politik, die sich mit einzelnen Gegnern der DDP oder speziellen Themen beschäftigten, sowie den Plakaten und schließlich dem „Sonstigen“, worunter Handzettel, Schlagwortsammlungen, Verse, Rededispositionen, eine Wahlzeitung sowie ein Taschenkalender für Frauen und eine Sammlung von „Musterinseraten“ für die Pressepropaganda fielen575. Nach der Reichstagswahl vom 4. Mai 1924, in der die DDP noch einmal mit einem „blauen Auge“ davon gekommen war, kritisierte insbesondere Erkelenz, dass die bisherigen Agitationsmethoden der Partei gescheitert seien. Die Konzentration auf öffentliche Versammlungen während des Wahlkampfes sei für sie jetzt noch weniger ausreichend als für die größeren Parteien. Dringender denn je müsse jetzt die Wahlpropaganda der DDP reformiert werden576. Als eine weitere große Schwäche der Partei wurde auch in den folgenden Reichstagswahlkämpfen neben der Finanzierung immer wieder das Fehlen einer flächendeckenden Parteipresse beklagt577. Welchen Fortschritt zumindest die zen tra le Propaganda der DDP nahm, signalisierten die Materiallisten der Berliner Reichsgeschäftsstelle vom Frühjahr 1928. Nach den darin an erster Stelle aufgeführten Plakaten bestand das schriftliche Werbematerial aus den demokratischen „Führerreden“, den allgemeinpolitischen Flugblättern – das waren der zen tra le Wahlaufruf sowie der Aufruf zu den parallelen Preußenwahlen – und den Berufsgruppenflugblättern. Neu im Angebot der Parteizen tra le waren die von Stephan ins Leben gerufene Schriftenreihe für politische Werbung sowie kolorierte Bilderbogen. Ebenfalls neu waren Bildpostkarten, Klebezettel mit Plakatmotiven und zwei Wahlfilme – ein Spielfilm und ein kurzer Zeichentrickfilm. Grammophonplatten mit den Reden der Parteiführern, eine Lichtbildserie sowie Musterinserate – „kurze Texte in gediegener Aufmachung“ – vervollständigten die modern anmutende Liste der Werbemittel der DDP im Frühjahr 1928578. Die Modernisierungsbemühungen der Parteispitze führten dazu, dass sich nun auch in den Wahlkreisen öfters Gedanken über eine Verbesserung der Partei- und Wahlkampforganisation regten. Die Arbeit der Reichsgeschäftsstelle, die auf eine Zentralisierung der Propaganda und Wahlkämpfe zielte, stieß jedoch immer wieder auf Widerstände in Form von regionalem Eigenständigkeitsstreben. Im liberalen Stammland Baden etwa übte der Parteiführer Hermann Dietrich nach dem Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 heftige Kritik an der Berliner 191 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Zen tra le. Diese müsse, so Dietrich, in Zukunft mehr als bisher berücksichtigen, dass „die Wahlarbeit im Reiche nicht von Berlin aus bis ins einzelne dirigiert werden kann, sondern dass hier im weitesten Umfang dezentralisiert werden muss“. Unbedingt sei die „Eigenart der Verhältnisse der verschiedenen Länder“ bei den Reichstagswahlkämpfen in Rechnung zu stellen. Das gelte insbesondere für die Flugblattpropaganda: „Man kann von Berlin aus sicherlich wertvolle Anregungen für Flugblätter geben, aber man wird kaum Flugblätter in Berlin herstellen können, die für das ganze Reich brauchbar sind“. Dietrich schlug vor, dass die Zen tra le künftig nur noch Matern von Flugblättern verschicken und statt dessen die Landesgeschäftsstellen finanziell stärker bei der Herstellung von eigenem, die regionalen Verhältnisse berücksichtigenden Wahlmaterial unterstützen solle579. Trotz solcher Widerstände ließ die Parteizen tra le der DDP vor den Reichstagswahlen im Mai 1928 nicht davon ab, die Führung des Wahlkampfes von Berlin aus weiter zu zentralisieren und gleichzeitig die Propaganda zu modernisieren. Seit Juni 1927 beschäftigte sich der Vorstand intensiv mit Plänen zur Verbesserung der Parteiorganisation im Hinblick auf die kommenden Reichstagswahlen. Erkelenz schlug eine Reihe von Maßnahmen vor, die allesamt die Umstellung auf flächendeckende Massenagitation nach dem Vorbild der SPD bezweckten. Seine Idee war es unter anderem, „systematisch Adressen in te res sierter Personen“ zu sammeln, um diese vor der Wahl gezielt mit Material bearbeiten zu können. Des weiteren sollten mehr Parteibeamte als bisher eingestellt werden sowie regelmäßige Besuche der Wahlkreise durch „sachverständige Kräfte“ aus Berlin und schließlich die Ausbildung eines „Stabes von ‚Kleinagitatoren‘“ für die Wahlen erfolgen580. Da der dramatische Wählerschwund der DDP seit 1920 nicht zuletzt auf Mängel in der praktischen Parteiarbeit zurückgeführt wurde, faßte Mitte September 1927 eine Funktionärstagung in Bad Eilsen entsprechende Beschlüsse zur Reorganisation der Partei. Auf dieser Konferenz sprach Erkelenz über „Organisationsarbeit im Jahre der Wahlvorbereitung“, bevor Hauptgeschäftsführer Stephan die Parteisekretäre über „Die Ausnutzung der technischen Mittel im Wahlkampf “ aufklärte581. Zum Zeitpunkt der Bad Eilsener Tagung war noch von einem Neuwahltermin im Dezember 1928 auszugehen, also von einer etwa einjährigen Vorbereitungszeit der Parteien für den kommenden Reichstagswahlkampf. Die gefassten Beschlüsse zielten hauptsächlich auf eine 192 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Verbesserung der Parteiarbeit in den Wahlkreisen, die stärkere Öffnung gegenüber bislang vernachlässigten Wählergruppen wie den Frauen und der Jugend sowie dem Ausbau der Zusammenarbeit mit parteinahen Organisationen wie den Gewerkvereinen, Beamtenverbänden oder Unternehmervereinigungen. Intensiv wurde die Frage diskutiert, wie das Geld für die geplante „kräftige“ Propaganda zur Reichstagswahl zu beschaffen sei. Durch eine große Sammlung über den Parteivorstand glaubte man etwa eine Million Mark aufbringen zu können. Für die Wahlvorbereitungen im engeren Sinn legte die Reichsgeschäftsstelle den Funktionären der DDP in Bad Eilsen einen vorläufigen Arbeitsplan vor. Von Oktober 1927 an sollten Vortragsserien über politische Grundfragen veranstaltet werden, zur Vorbereitung der Parteimitglieder, die als Ortsgruppenleiter oder Vertrauensleute auch die eigentliche Wahlarbeit leisten würden. Zwei bis drei Wochen vor der Wahl sollten diese Kurse intensiviert werden, sodass „viele Hunderte geschulter Helfer“ zur Verfügung stünden. Anfang September 1928 war eine weitere Organisationskonferenz wie die in Bad Eilsen geplant, um einzelne konkrete Propagandaaktionen festzulegen. Nicht möglich sei, bis zum Wahltermin eine wesentliche Stärkung der demokratischen Provinzpresse zu erreichen. Empfohlen wurde statt dessen die He raus ga be illustrierter Wählerzeitungen sowie persönliche Briefe des Kandidaten an die Wähler seines Wahlkreises auf der Grundlage der geplanten Adressenkartotheken. Ziel der DDP müsse sein, alle Berufsschichten anzusprechen, speziell aber die bislang vernachlässigten freien Berufe, denen man als „Bürgerpartei“ besonders nahe stehe. Allerdings falle es der DDP schwerer als etwa SPD oder Zentrum, die „Leidenschaft der Wähler“ zu entfachen, da ihr keinerlei „au- ßerpolitische Faktoren“ wie religiös-konfessionelle Gebundenheit oder soziales Klassengefühl der Anhänger zu Hilfe kämen, sie vielmehr mit einer „schweren Organisierbarkeit“ der für sie interessanten Wählerschichten zu kämpfen habe582. Bei der tief greifenden Reform, welche die Eilsener Beschlüsse anstrebten, lag es nahe, dass ihre Umsetzung nicht problemlos erfolgte, vielmehr die DDP-Führung nach der Tagung im Oktober 1927 mehrmals die Parteiverbände zur Durchführung ermahnen musste. Mitte November hieß es dazu in einem Rundschreiben an die Wahlkreisvorsitzenden, dass die „Last der Agitation“ innerhalb der Partei immer noch auf zu wenigen Schultern verteilt sei. Die lokale Selbstverantwortung müsse gerade bei Fragen der praktischen Propaganda erhöht werden. Ausdrücklich 193 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen machte die Parteiführung die finanzielle Unterstützung für die einzelnen Wahlkreise davon abhängig, ob sich jeder Wahlkreiskandidat – wie in Bad Eilsen beschlossen – auf zwanzig Versammlungen im Reichstagswahlkampf sowie vier weiteren in jedem Monat der Vorbereitungszeit verpflichte. Die Demokraten seien immer noch die am schlechtesten organisierte Partei der Weimarer Re pu blik und müssten daher endlich ihre „angeborene Abscheu gegenüber Vorbereitungen von langer Hand“ überwinden, mahnte Erkelenz. Anfang Dezember 1927 beschäftigte sich der Parteivorstand der DDP wieder mit dem Stand der Organisationsreform sowie der Kandidatenaufstellung für die kommenden Wahlen. Man nahm sich vor, entgegen der ursprünglichen Zeitplanung schon bis zum Juni 1928 für den Wahlkampf fertig „gerüstet“ zu sein. Um so mehr wurde jetzt die säumige Ausführung der Eilsener Beschlüsse in den Wahlkreisen kritisiert. Im Januar 1928 musste die Parteizen tra le feststellen, dass 18 der 35 Wahlkreisverbände noch keine Spitzenkandidaten nominiert hätten und vier noch keinen hauptamtlichen Geschäftsführer besäßen: Organisationsverzeichnisse, Zeitungslisten sowie Adressensammlungen waren vielfach noch nicht abgeschlossen, als nach dem Ende der Mitte- Rechts-Regierung im Reich Mitte Fe bru ar 1928 plötzlich ein Wahltermin in bedrohliche Nähe rückte583. Früher wie geplant musste die DDP jetzt in der Zeit vom 18. bis zum 25. März die Werbewoche durchführen, in der die Voraussetzungen für eine „tatkräftige Führung des Wahlkampfes“ geschaffen und die Arbeitsfähigkeit der Organisationen überprüft werden sollten. Die Werbewoche diene dazu, dass der Parteiapparat „bis in die entferntesten Teile des Reiches aufgefrischt“ werde – mit anderen Worten als „eine Art Probemobilmachung für den Wahlkampf “. Wo Parteibeamte oder Unterführer versagen würden, könnten sie dann noch rechtzeitig durch „arbeitswillige und optimistische Freunde“ ersetzt werden. Selbst auf langjährige Mitglieder dürfe keine Rücksicht genommen werden, wenn sie sich einem „ungesunden Pessimismus“ hingäben584. Die Reichsgeschäftsstelle der DDP hatte schon zu Beginn des Wahljahres eine von von Stephan verfaßte Broschüre über „Parteiorganisation im Wahlkampf “ veröffentlicht, in der noch einmal die Bedeutung der Spezialpropaganda unter den Berufsgruppen hervorgehoben wurde. In möglichst von „angesehenen Männern und Frauen des Berufsstandes“ abgefaßten Flugblättern müsse aufgezeigt werden, was die DDP für die jeweilige Gruppe geleistet habe. Vor allem aber müsse sie versuchen, den Reichstagswahlkampf 194 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik vom Frühjahr 1928 durch Einsatz neuer „technischer Errungenschaften“ zu verlebendigen. So sollten erstmals illustrierte Wahlzeitungen und Filme in den Dienst der Agitation gestellt werden, schon um den Gegnern, die sich dieser „modernen Werbemittel“ bedienten, Gleichwertiges entgegenzusetzen. Geplant war, die vom Parteivorstand am 3.  April abgesegneten Wahlfilme, die in erster Linie die Anziehungskraft der Versammlungen erhöhen sollten, bis zum 12.  April in je einer Kopie den Wahlkreisen zur Verfügung zu stellen, so dass sie vor dem 20. Mai 1928 fast sechs Wochen lang zum Einsatz kämen585. Eine weitere Facette der auf allen Gebieten um Modernität bemühten Wahlkampfführung der DDP war die verstärkte Heranziehung der Frauen. Die umfangreiche Arbeit ihres Reichsfrauenausschusses unter Leitung von Gertrud Wittstock umfasste nicht nur die Herstellung und Verschickung spezieller Propagandaschriften, sondern auch die Organisation von Wahlpropaganda in den Betrieben bis hin zum Schlepperdienst am Wahltag: „Für jede Wahl und ganz besonders für die Reichstagswahl wird ein ganz gewaltiger Apparat in Bewegung gesetzt, von dem man in der Öffentlichkeit nicht allzuviel merkt“586. Die Diskussion um die Frage, mit welchem Programm die DDP in den Wahlkampf ziehen solle, konkretisierte sich naturgemäß erst nach Bekanntgabe der Reichstagsauflösung. Statt wie vor der Wahl im Mai 1924 noch einen Parteitag durchzuführen, hatte man sich bereits Ende Fe bru ar 1928 dafür entschieden, etwa drei Wochen vor dem Wahltag eine Sitzung des Parteiausschusses anzuberaumen. Diese verabschiedete am 28.  April den zen tra len Wahlaufruf der DDP, der die leitenden Ideen beinhaltete, die am folgenden Sonntag auf einer Parteisitzung im preußischen Landtag durch Reden der Parteiführer näher erläutert wurden587. Mit dem zen tra len Propagandamaterial beschäftigte sich im einzelnen der Organisations- und Agitationsausschuss der DDP, der in der Vorbereitungsphase des Wahlkampfes wöchentlich zusammenkam. Anfang April 1928 hatte er das Hauptwahlplakat der DDP mit dem Titel „Säubert das Reich“ für gut geheißen und den Termin für den Beginn des Plakatierens auf wenige Tage vor dem 1. Mai festgelegt. Sofort nach Fertigstellung der Andrucke waren den Wahlkreisgeschäftsstellen bereits Probeexemplare zugesandt worden. Noch kürzere Fristen bestanden in der Flugblattpropaganda. Hier empfahl die Parteizen tra le, alte und während der Werbewoche noch nicht verteilte Flugblätter mit einem auf den Reichstagswahlkampf zugeschnittenen Schluss erneut zu verwenden. Die 195 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Kopien der Anfang April fertiggestellten Wahlfilme gelangten wie geplant zusammen mit den Grammophonplatten Mitte des Monats in den Versand. Ab Anfang Mai wollte die Parteizen tra le weiteres Wahlmaterial nur noch herausbringen, „soweit Maßnahmen der gegnerischen Parteien das notwendig erscheinen lassen“588. Für den Wahlkreisgeschäftsführer, der in seinem Bezirk die höchste prozentuale Stimmensteigerung gegenüber der letzten Reichstagswahl erreichen würde, setzte der Berliner Parteivorstand als Ansporn eine Prämie von 500 Mark aus, denn: „Wir dürfen nicht zurückstehen. Überlegen Sie auch, in welcher Weise am letzten Tage unsere Partei im Straßenbild in die Erscheinung treten wird. Die äußerst extensive Form der Propaganda, die durch Umzüge mit Musik, Rundfahrten, Trägerkolonnen, Flugzeugpropaganda, Lichtreklame usw. gemacht wird, ist psychologisch doch nicht ohne Wert. Die Hauptsache ist, dass wir bis zum letzten Augenblick in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten“589. Die Wahlniederlage vom Mai 1928 löste unterschiedliche Bemühungen aus, den Niedergang der DDP aufzuhalten, wobei erklärte „Modernisierer“ wie Erkelenz und Stephan nun die schlechteren Karten besa- ßen. Ihr Versuch, die Organisation und Parteipropaganda von Grund auf zu reformieren, schien an der Wahlurne fehlgeschlagen zu sein. Wenn auch der Arbeit der Reichsgeschäftsstelle kein Vorwurf gemacht werden könne, sei die Agitation der DDP doch an der Oberfläche geblieben, gestand Koch-Weser ein. Die Werbekraft ihrer „großen Ideen“ schien weit gehend aufgebraucht. Der Mitvorsitzende gab aber zu bedenken, dass „das Gros der Wähler sich seine Meinung nicht erst während der Wahlagi tation bildet, sondern schon während der vorausgegangenen vier Jahre, und zwar zum guten Teil aus der politischen Presse oder, was noch schlimmer ist, aus der Fachpresse ihres Berufs“. Solange die DDP zu dieser keinen Zugang habe, würde sie auch nicht an die entsprechenden Wählerschichten herankommen590. Gerade aber dem von Stephan verfochtenen Konzept der hochdifferenzierten Berufsgruppenwerbung wurde die Schuld am schlechten Abschneiden der Partei gegeben. Rettung und höhere Werbekraft versprachen sich die Demokraten nach 1928 verstärkt von der Jugend und der Idee einer „Staatsbürger“-Gemeinschaft. Der Einfluss der Jungdeutschen, mit denen die DDP im Sommer 1930 fusionierte, schlug sich nicht nur im Programm, sondern auch in den Wahlkampfrichtlinien der neuen DStP nieder. Hatten sich die Demokraten in ihrer Agitation vor der Reichstagswahl im Mai 1928 noch auf mo- 196 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik derne technische Propagandamittel verpflichtet, hieß es jetzt in einem Rundschreiben der Staatspartei vor der Wahl am 14. September: „Für eine Bewegung, die auf amerikanische Methoden grundsätzlich verzichtet, weil eine derartige Propaganda die Würde des Staatsbürgers missachtet und weil sie Summen erfordert, deren Aufbringung politische Abhängigkeitsverhältnisse schafft, bleiben drei Hauptarten der Werbung: die öffentliche Versammlung, die Aufklärungsarbeit durch die Presse, die Wahlzeitung“591. Zur Wahlkampfführung von DVP und DNVP Die DVP konnte nach 1918 zwar auf die Organisationsgrundlagen der alten Nationalliberalen zurückgreifen, musste aber doch ihre Parteistruktur den veränderten Bedingungen anzupassen versuchen, wobei die Aufgabenverteilung zwischen den höchsten Führungsgremien recht verwickelt war. Die neuartige Reichsgeschäftsstelle wurde zum wichtigsten Instrument des Parteivorsitzenden, weil hier die zen tra le Propaganda- und Organisationsarbeit zusammenlief und die Schaltstelle zu den Parteiinstanzen im Reich war. Die satzungsmäßige Abhängigkeit der Wahlkreisverbände von den Weisungen des Parteivorstandes führte in der Praxis häufig zu Spannungen, stärkte aber andererseits auch den Zusammenhalt der DVP, weil sich die regionalen Organisationen im allgemeinen an die Beschlüsse der Parteizen tra le hielten. Wichtigste Aufgabe der Wahlkreisverbände, die ohne jede Zwischenstufe den Ortsvereinen in der Parteihierarchie folgten, war die Vorbereitung und Durchführung der Wahlkämpfe für ihr Gebiet592. Wie sie selbst ohne flächendeckende Organisationsstrukturen oder schlagkräftige Parteiverbände unter den neuen massendemokratischen Bedingungen erfolgreiche Wahlkämpfe bestreiten könnte, wollte eine 1921 von der DVP in Dortmund herausgegebene Broschüre aufzeigen. Unter dem programmatischen Titel „Gegen den Schwarz-rot-goldenen Block!“ hatte deren Generalsekretär Koester seine innerhalb eines Rednerkurses im Frühjahr 1919 gehaltenen Vorträge zu einem „Nachschlagebuch für den Wahlkampf “ zusammengestellt. Allen DVP-Mitgliedern, die sich als Redner oder „Werber für die Partei in der Kleinarbeit“ einzusetzen bereit waren, wollte Koester mit seiner nach eigenen Angaben fast 20-jährigen politischen Erfahrung die notwendigen Ratschläge ge- 197 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen ben. Zunächst unterschied er die allgemeine Parteiarbeit in die Phasen des Wahlkampfs und in die „ruhigen Zeiten“. Der Wahlkampf selbst sei in eine Vorbereitungsphase, die Durchführung und den Wahltag einzuteilen, dessen besonderer Stellenwert für die Propaganda betont wurde. Oberstes Ziel aller Wahlarbeit sei, „möglichst viel Stimmen und dadurch möglichst viel Mandate“ zu gewinnen, weil es infolge des neuen Verhältniswahlrechts auf jede Stimme ankomme. Darüber hinaus könne der Wahlkampf auch zur Gewinnung neuer Parteimitglieder genutzt werden. Schon vor Beginn des Wahlkampfes müsse die lokale Parteiorganisation „möglichst lückenlos“ bestehen, da ihr Aufbau währenddessen kaum möglich sei, bemerkte Koester im Rückblick auf den Wahlkampf der DVP vom Winter 1918/19. Wo noch kein Wahlkreisverein oder keine Ortsgruppe bestehe, solle man sich im Wahlkampf nicht lange mit Gründungsaktionen aufhalten, sondern nur mit einigen Vertrauensleuten vor Ort oder mit der Leitung der Wahlarbeit vom Nachbarsort aus unverzüglich beginnen. Sofort nach Bekanntgabe des Wahltermins müssten dazu die amtlichen Wählerverzeichnisse beschafft werden und eine genaue Nachprüfung der Eintragungen erfolgen, um „sichere“ Parteifreunde von den Schwankenden und Gegnern zu trennen. Ohne Kenntnis der Wählerliste sei eine erfolgreiche Arbeit am Wahltage unmöglich, betonte Koester ihre Bedeutung mit Blick auf den Schleppdienst, das heißt die Ermahnung und Heranholung säumiger oder fauler Wähler593. Bei der Rekrutierung der Wahlhelfer müssten die Prinzipien der Freiwilligkeit und der Zuverlässigkeit Vorrang haben. Eine genügende Anzahl sei sowohl für die Bearbeitung der „Wähler unbekannter Parteistellung“ als auch speziell für den Wahltag sicherzustellen. Zur Wahlarbeit selbst sollten neben den Familienmitgliedern möglichst auch etwaige Hausangestellte der Parteifreunde herangezogen werden. Um einen Arbeitsplan für den Wahlkampf aufzustellen, sollten auf allen Parteiebenen (Wahlkreise, Ortsvereine, Vertrauensmänner) Vorbesprechungen unter Hinzuziehung ausgewählter Gäste aus „befreundeten“ Berufsverbänden stattfinden. Auch ein Kostenvoranschlag, die Prüfung der Durchführbarkeit geplanter Aktionen sowie die Einteilung der Redner und Anmietung der Lokale habe hier zu erfolgen. Hinsichtlich der Propagandamittel konzentrierten sich Koesters Ratschläge für die DVP im wesentlichen auf traditionelle Methoden der Versammlungs- und Flugblattagitation. Nachdem anhand der Wählerlisten die „Wähler unbekannter Richtung“ identifiziert worden seien, müsse sofort mit ihrer Werbung durch 198 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik gezielte Bearbeitung der Haushalte begonnen werden. In Städten und größeren Orten sei dazu eine „lückenlose Einteilung“ nach Wohnvierteln vorzunehmen. Während der Versammlungen sollten Werbeschriften, Flugblätter und Beitrittserklärungen ausliegen. „Sichere“ Parteifreunde könnten auch Wahlversammlungen des Gegners kontrollieren und dort mit Gegenrede auftreten. Allgemein müsse bei der Wahlpropaganda auf eine „einheitliche politische Stellungnahme“ in der gesamten Partei, auf jeden Fall aber wenigstens innerhalb eines Wahlkreises geachtet werden. Nichts konnte nach Ansicht des DVP-Funktionärs mehr Schaden anrichten als Widersprüche in der eigenen Partei oder ihrer Propaganda, da diese in Wahlzeiten stets vom Gegner mit Erfolg ausgebeutet würden. Auch dürften um „lokaler Augenblickserfolge“ willen in wichtigen Sachfragen keine propagandistischen Zugeständnisse gemacht werden, die dem Parteiprogramm widersprächen. Gefordert sei vielmehr „Disziplin“, weil jedes Abweichen von Grundsätzen den Gegnern „oft jahre- und jahrzehntelang willkommenes Agitationsmaterial“ liefere594. Die Verteilung der Werbeschriften und Flugblätter hatte sich nach Koester am wirkungsvollsten bei der Hausagitation sowie an belebten Verkehrsknotenpunkten gezeigt, an denen auch die Plakatträger die größte Wirkung erzielten. Da die Personaldecke der DVP wie bei allen bürgerlichen Parteien dünn sei, dürften sich selbst Vorstandsmitglieder nicht vor dieser Art der Wahlarbeit scheuen. Unter dem Punkt „Sonstiges“ riet Koester des weiteren zur Benutzung von Lichtbildern in Kino-Varietés, Anzeigen auch in gegnerischen Zeitungen und Plakaten, die möglichst durch „kurzen, treffenden Inhalt“ sowie Verse und Bilder auffallen und so hoch geklebt werden sollten, dass sie nur schwer wieder abgerissen werden könnten. Von geradezu wahlentscheidener Bedeutung sei die Arbeit am Wahlsonntage selbst, zu deren Vorbereitung spätestens zwei Tage vorher noch einmal in allen Ortsvereinen Besprechungen der Wahlhelfer abgehalten werden müssten. In oder vor jedem amtlichen Wahllokal seien zwei bis drei Parteifreunde zu plazieren, welche die Namen der bisherigen Wähler notierten, während vor dem Lokal den ganzen Tag über Plakatträger stehen würden. Anhand der eingehenden Meldungen über den Stand der Stimmabgabe sollte von den Wahllokalen aus der Schleppdienst koordiniert werden. Bei den ohnehin als säumig bekannten Wahlberechtigten müsse sofort mit dem Schleppen begonnen werden, nach einigen Stunden dann auch bei den Parteifreunden und etwa von mittags an „bei allen nicht als sicher gegnerisch erkannten Wäh- 199 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen lern mit allen zur Verfügung stehenden Kräften (vor allem Jugend, Schüler, Frauen)“. Nach erster erfolgloser Aufforderung seien nochmals „besonders gewandte Schlepper“ zu schicken595. Der größte Fehler, den die Partei machen könne, war laut Koester, die Propagandaarbeit in „ruhigen“, das hieß wahlkampflosen Zeiten einschlafen zu lassen und erst wieder vor den nächsten Wahlen aufzunehmen. Deshalb müssten baldmöglichst nach der Wahl die Erfahrungen des Wahlkampfes in allen Parteiinstanzen festgestellt und darüber „von unten nach oben“ berichtet werden. Ohne etwas zu beschönigen, müssten eigene Fehler offen beraten sowie erfolgreiche „Wahltricks“ der Parteileitung mitgeteilt werden. Hand in Hand mit dem Ausbau der Organisation müsse schließlich auch nach den Wahlen die Werbetätigkeit fortgesetzt werden und seien Mitgliederversammlungen, Hausagitation, Drucksachenverteilung, politische Ausbildungskurse sowie öffentliche Versammlungen notwendig, „um unser Dasein zu beweisen“596. Die Wahlkampfführung, wie sie Koester in seinem Ratgeber skizzierte, war natürlich zunächst nur graue Theorie, die da rauf zielte, die engen Grenzen einer Honoratiorenpartei zu überwinden. Ob und wieweit seine Empfehlungen in der Propagandapraxis bei der DVP Anwendung fanden, lässt sich im einzelnen nicht nachprüfen. Andererseits schrieb Koester nicht über die zen tra le Organisation eines Reichstagswahlkampfes auf nationaler Ebene. Hier bereitete sich die DVP in der Regel mit einer Sitzung des Zentralvorstandes oder einem gesonderten Wahlkampfparteitag vor. Der ohnehin fragile Parteiapparat war während der Inflation „nahezu völlig zusammengebrochen“, gestand im Dezember 1924 das Zentralorgan, die Nationalliberale Correspondenz, ein. Da sie niemals die Partei der „großen Mittel“ gewesen sei, wie ihre Gegner behaupteten, vielmehr eine „Mittelstandspartei“, habe gerade die DVP wie ihre Klientel am stärksten unter der Inflation gelitten. Die kurze Zeitspanne seit deren Überwindung sei bei weitem nicht ausreichend gewesen, um die Organisation bis zur Reichstagswahl „auch nur annähernd in der alten Stärke wieder aufzubauen“597. In den relativ ruhigen Jahren nach 1924 stabilisierte sich die Situation aber auch wieder für die DVP, so dass sie an den Ausbau und die Verfeinerung ihrer Organisation und Propaganda gehen konnte. Das größte Problem blieb, die für Wahlkämpfe erforderlichen Hilfskräfte zu mobilisieren, da ihre ohnehin zahlenmä- ßig geringere Mitgliedschaft traditionellerweise nicht den Kampfgeist etwa von Anhängern der radikalen Parteien besaß. 200 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Ein Beispiel, wie innerhalb der DVP unter diesen Bedingungen dennoch Wahlkampf geplant und gemacht wurde, ist die Kandidatur des Parteivorsitzenden Gustav Stresemann im Frühjahr 1928 im Wahlkreis Oberbayern-Schwaben. Anfang April hatte die bayerische DVP dem Reichsaußenminister die Spitzenkandidatur für die Wahlkreise Oberbayern-Schwaben und Niederbayern-Oberpfalz angeboten, beides Diaspora-Gebiete der Partei, in denen sie bei Reichstagswahlen nur um die ein bis zwei Prozent erzielte. In dem Schreiben an Stresemann begründete der Landesverband diesen Schritt damit, der Auffassung entgegentreten zu wollen, dass „Nord und Süd Gegensätze wären, die un- überbrückbar seien“. Man wolle vielmehr „sinnbildlich erscheinen lassen, dass wir uns ebenso innig mit dem Reich verbunden fühlen, wie wir dies von jedem Deutschen bezüglich Bayern voraussetzen“598. Obwohl gesundheitlich bereits angeschlagen, nahm Stresemann die schwierige und von der extremen Rechten heftig bekämpfte Kandidatur an und widmete sich sofort und parallel zu seinen Amtsgeschäften dem seit Ende März 1928 laufenden Reichstagswahlkampf. Höhepunkt einer Reihe von Großveranstaltungen bildete am 7. Mai die als „vaterländische Kundgebung“ angekündigte Wahlversammlung in Mainz. Kurz vor seinem 50. Geburtstag, der am 10. Mai international gewürdigt wurde, erkrankte Stresemann jedoch schwer und fiel für die letzten Wahlkampftage aus599. Mit der praktischen Wahlkampfführung für den viel beschäftigten Außenminister hatte die DVP in Oberbayern-Schwaben den Münchener „Werbeanwalt“ und Plakatkünstler Herbert Engelmann beauftragt. Laut eigenen Angaben konnte dieser „Form und Inhalt der Reklame und ihren planmäßigen Aufbau auf wirtschaftlicher und psychologischer Grundlage“ bearbeiten. Über den „Kampf um Stresemann“ und seine Wahlarbeit im Frühjahr 1928 lieferte Engelmann nach der Wahl am 20. Mai einen detaillierten Bericht ab. Die darin beschriebene Wahlkampfführung ist zumindest hinsichtlich ihrer Konzentration auf die Person des Spitzenkandidaten sowie dem Bemühen um größtmögliche Einheitlichkeit und Professionalität als für Weimarer Verhältnisse modern einzustufen. Während Engelmann seinen Bericht als Ratgeber für kommende Wahlkämpfe der DVP verstehen wollte, dokumentiert der „Kampf um Stresemann“ aus heutiger Sicht auch beispielhaft die Verquickung regional- und reichspolitischer Aspekte in Reichstagswahlkämpfen600. Engelmann wies auf die politisch wie sozial ungünstigen Verhältnisse für die DVP in dem oberbayerischen Wahlkreis hin, der mit Ausnah- 201 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen me der wenigen Großstädte überwiegend von „schwerblütigen Menschen“ auf dem Land besiedelt sei, die entweder unter dem Einfluss der Kirche stünden oder „sozialistischen Gedankengängen“ anhingen. Angesichts der breiten gegnerischen Front musste sich doppelt erschwerend auswirken, dass die oberbayerische Wahlkreisorganisation der DVP selbst nur schwach entwickelt war, was sich etwa bei der Verbreitung der Plakate oder im Fehlen einer Parteipresse schmerzhaft bemerkbar machte. Der Werbeleiter des Außenministers musste daher fast zwangsläufig in erster Linie auf die „unerhörte Zugkraft“ Stresemanns und seiner Verdienste spekulieren. Insbesondere hoffte er, damit die „Altliberalen“, die nach 1918 ins Lager der Demokraten gegangen seien, wiederzugewinnen sowie mit dieser „starken autoritativen Kandidatur“ auch rechtsstehende Kreise anzusprechen. Andererseits konnte Engelmann nicht leugnen, dass bei einem „echten Bayer der Begriff des Preußen nicht unmittelbar tiefe Sympathien“ hervorrufe. Wenn auch das Wort „Preußenhass“ zu stark sei, musste doch mit regionalspezifischen Ressentiments gegenüber den „Nichtbayern“ gerechnet werden. Alles in allem hätten so dem unleugbaren „Übergewicht der Persönlichkeit Stresemanns“ doch erhebliche Nachteile gegenüber gestanden601. Engelmann ging in seinem Bericht vom Frühjahr 1928 ausdrücklich von dem Idealbild eines Wahlkampfes aus, der wie alle „Reklameangelegenheiten“ sorgfältig vorbereitet werde, denn: „Strategie und Taktik gibt es im Werbewesen ebenso wie bei militärischen Dingen“. Wie die Reklame erfordere die Wahlpropaganda ein „tiefes Eindringen in die Sache selbst und in die psychische Einstellung des Pu bli kums“. Die Aufstellung eines Planes, nach dem sich „mit eiserner Folgerichtigkeit ein Werbefeldzug“ bis zur Wahl entwickeln sollte, bedürfe der Zeit und gründlicher Vorarbeit in sachlicher und personeller Beziehung, der Schaffung von Stützpunkten im Lande und Beobachtung eventueller Schwankungen in der Wählerstimmung, um ihr gegebenenfalls im Wahlkampf Rechnung zu tragen. Bei der praktischen Umsetzung des Konzeptes, klagte Engelmann, seien im Frühjahr 1928 aber wertvolle Wochen vergangen, bevor ein solcher Arbeitsplan aufgestellt wurde, weil zuvor noch Fragen der Finanzierung des Wahlkampfes und der Kandidatenaufstellung geklärt werden mussten. Im Wissen, dass „alle Reklame immer nur ein Ersatz für das gesprochene Wort“ sein könne, war als erster Höhepunkt eine Versammlung mit Stresemann am 25.  April im Münchener Bürgerbräukeller geplant, die jedoch von der Hitlerpartei gesprengt wurde. Be- 202 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik vor sie wiederholt werden konnte, erkrankte dieser so schwer, dass sämtliche Wahlkampftermine abgesagt werden mussten: „Das gesprochene Wort des Führers war zum Schweigen verurteilt. […] In erhöhtem Umfang musste jetzt die Reklame helfen“602. Die Wahlkampfplanung Engelmanns, die den Schwerpunkt auf die Versammlungsagitation legte, war infolge der Erkrankung des Spitzenkandidatens über den Haufen geworfen. Der Werbeleiter konzentrierte sich nun noch stärker auf konventionelle Propagandamittel wie Plakate und Flugblätter, auf deren sorgfältigen künstlerischen Gestaltung er gro- ßen Wert legte. Mehr um Qualität als um Quantität besorgt, engagierte man Künstler wie den Münchener Maler Edwald Henel für die Pla kather stellung und ließ die Wahlschriften zum Teil von der Firma „Kunst im Druck“ anfertigen. Das völlige Fehlen moderner, technischer Werbe- oder Hilfsmittel musste hingegen jedem auffallen, der den gleichzeitigen Wahlkampf anderer Parteien mit Auto, Film oder Schallplatte im Reich sah. Um dem organisierten Plakatanschlag der Gegner in den ländlichen Gebieten Oberbayerns etwas entgegenzusetzen, ließ Engelmann immerhin von einer mithilfe des Münchener „Verteilungsinstituts“ zusammengestellten Radfahrerkolonne nicht nur überall Stresemanns Porträt anschlagen, sondern schickte die Radfahrer am Samstag, dem 12. Mai, acht Tage vor der Wahl, von München aus ein weiteres Mal über das Land. Obwohl von der Planung bis zur Ausführung dieser Aktion nur vier Tage zur Verfügung gestanden hätten, konnten laut Engelmann 10 000 Plakate im Format von 30 x 40 cm angeschlagen werden und seien die verteilten Klebezettel bald an allen „möglichen und unmöglichen Orten“ anzutreffen gewesen. Insbesondere Kinder versuchten ihrer habhaft zu werden und wurden so zu „unbewussten Helfern“ der DVP-Propaganda603. Bei allen Wahlversammlungen sollten zudem Flugblätter mit Aussprüchen Stresemanns liegen, die „schon wegen ihrer äußeren Aufmachung gerne von den Besuchern“ mit nach Hause genommen würden. Während die anderen Parteien mit massenhaften Flugblatt-Wurfsendungen arbeiteten, versuchte die DVP durch eine „besonders gute Ausstattung unserer Produkte“ zu überzeugen, so Engelmann604. Was an Propagandamaterial von der Berliner Parteizen tra le gekommen und für bayerische Verhältnisse passend gewesen sei, sei allein in München in der Woche vor dem 20. Mai noch durch zehn gewerbliche Hilfskräfte verteilt worden, deren „Ware“ reißenden Absatz gefunden habe. Am Wahltag selbst ließ die DVP in allen großen Tageszeitungen des Wahl- 203 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen kreises wieder Inserate veröffentlichen. Außer dem Bilde Stresemanns stand dabei der „kurze, persönlich gehaltene Text“ im Vordergrund. Zweifellos habe dieser letzte Appell „noch manchen Unschlüssigen bekehrt, da er sich der zwingenden Logik der Werbung nicht verschließen konnte“605. Bei der Analyse des Wahlergebnisses verbuchte Engelmann als Frucht seiner Arbeit, dass sich die DVP im benachbarten Wahlkreis Niederbayern-Oberpfalz nur leicht von 1,2 auf 1,4 Prozent steigern konnte, während der von ihm betreute Kreis einen Zuwachs von über 100 Prozent von 1,4 im Dezember 1924 auf nun 3,2 Prozent der Anteile zu verzeichnen hatte, obwohl beide Male der Kandidat Stresemann hieß. Engelmann räumte der Wahlpropaganda grundsätzlich jedoch nur begrenzten Einfluss ein, da gleichzeitig die starke Konkurrenz der übrigen Parteien hemmend im Wege stehe und durchgreifende Erfolge nur zu erreichen seien, wenn langfristig vorgearbeitet werde. Die eigentliche Wahlarbeit beschränke sich da rauf, dem Wähler den „letzten Anstoß“ zur Wahl der Partei zu geben, deren Ziele er ohnehin schon seit längerem bejahe. Hinsichtlich der Methoden und Formen bekräftigte Engelmann sein Credo, dass Propaganda, „neu in der Form, mit Bewusstsein aufgebaut auf modernen reklametechnischen Erkenntnissen“ dabei einiges bewirken könne. Gerade in Wahlkämpfen zeige sich, dass das „gut ausgestattete Werbestück“ ein viel wirksameres Instrument darstelle als die „Durchschnittsarbeiten“ der Massenpropaganda, denn: „Individualität und hohe Qualität siegen auch hier über die Quantität“. Diese elitäre Auffassung schien sich nicht mit Engelmanns Überzeugung zu widersprechen, dass die Masse der Wähler „kritiklos oder rein nach gefühlsmäßigen Erwägungen“ entscheide. Die Wahlpropaganda, die sich „irgendwie“ an das Gefühl des Wählers wende und bei diesem einen „sympathischen Eindruck“ hinterlasse, müsse Erfolg haben, wenn das Angebotene eben „wertvoll“ sei606. Solch eine für die DVP typische Konzeption von individuell ausgerichteter Wahlpropaganda stand in auffälligem Kontrast zu den Methoden und Mitteln, die nach 1918 bei Massenmobilisierungsparteien wie SPD oder KPD, ja in Ansätzen selbst bei der DNVP zu beobachten waren. Das Wahlkampfverständnis der Deutschnationalen wie de rum war von einer konservativen Verachtung der „großen urteilslosen Masse“ sowie der Vorstellung geprägt, wonach Parlamente in Massendemokratien zwangsläufig zum Schauplatz von Machtkämpfen der In te res sen wer- 204 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik den müssten. Die Wähler konnten dieser Sichtweise zufolge durch die Manipulation desjenigen gewonnen werden, der am geschicktesten an ihre „nächstliegenden In te res sen und Leidenschaften“ appelliere. Zwar beteiligte sich die DNVP auch in ihren fundamentaloppositionellen Phasen an Wahlkämpfen und Wahlen der Weimarer Re pu blik, doch galten diese ihr stets als „dunkelste Zeit demokratisch-parlamentarischen Lebensablaufs“. Dass der „Turnierplatz des Wahlkampfes mit seiner Hitze und seinem reichlich aufgewirbelten Staub erst recht nicht die geeignete Stätte ist, um die Wahrheit zu finden“, verstand sich für Deutschnationale von selbst607. Nicht überraschen kann daher, dass sie nach 1918 Verständnis für die Wahlenthaltung derjenigen zeigten, die glaubten, eine Restauration der Monarchie nicht über das Parlament erreichen zu können. Andererseits war sich gerade der Hugenberg-Flügel bewusst, dass sich der Gegner des „Systems der Stimmzettel-Souveränität“ doch deren Methoden bedienen müsse, da ein Boykott der Reichstagswahlen nur die Revolution stärke. Der Stimmzettel bedeutete der DNVP in erster Linie „Protest gegen das Heute, gegen die Parteiwirtschaft, gegen die Re pu blik, gegen die Parteien, die sie verschuldet haben und noch heute verschulden“608. Weil sich „Weltanschauungen“ gegenüber stünden, seien zwar Organisation und Propaganda wichtig, doch könne der Kampf letztlich nur als „ideale Gesinnungsgemeinschaft“ geführt werden, so der DNVP-Vorsitzende Graf Westarp609. Die Parteiorganisation, hielt sein Hauptgeschäftsführer Max Weiß dagegen, sei aber die „Waffe im Kampf um die politische Macht – ist Kriegsbereitschaft, denn Politik ist Krieg“. Ihm zufolge musste bei der Organisationsarbeit neben den „Fragen der Technik und des Geldes“ vor allem die „naturbegabte Persönlichkeit“ im Mittelpunkt stehen. Aufgabe des Parteiapparates als Vermittler zwischen Führung und Anhang sei vor allem, für „Disziplin“ zu sorgen, ohne die eine gedeihliche Parteiarbeit nicht denkbar sei. Wenn auch nicht die Zahl der Mitglieder, sondern das „Treibholz“ in der Wählerschaft den Wahlausgang entscheide, sah Weiß einen Grund für die Wahlerfolge der SPD in der vorbildhaften „Straffheit und Lückenlosigkeit“ ihrer Parteiorganisation. Der dezentralisierte und lockere Aufbau der DNVP habe sich dagegen seit den Revolutionsmonaten 1918/19, als unter den damaligen „chaotischen“ Verhältnissen die Länderorganisationen fast völlig selbständig agiert hatten, kaum verbessert610. Neben dieser regionalen Heterogenität waren für die Organisation der DNVP parteiamtliche Rundschreiben typisch, die den „Charakter 205 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen von Divisionsbefehlen“ mit dezidiert militärischem Duktus besaßen611. Als exemplarisch können die Überlegungen des Berliner Generalsekretärs Max Taube zur „Stellung und Aufgaben des Einzelmitgliedes innerhalb der Parteiorganisation“ aus dem Jahr 1920 gelten. Eine Folge der Novemberrevolution für alle deutschen Parteien sei, so Taube, dass sie nun mit viel größeren Zahlen als früher rechnen müssten, da nun die „Riesenarmee der Wähler mehr als viermal so stark als unsere einstige Feldarmee des Weltkrieges“ geworden sei. Zudem dränge sich der schwerste Teil der Wahlarbeit meist auf nur wenige Wochen zusammen und stellten „moderne“ Reichstagswahlen an die Parteien insbesondere in finanzieller Hinsicht große Anforderungen: „Wo früher vielleicht einige hunderttausend Mark für Wahlzwecke ausgegeben wurden, da handelt es sich heute um Millionen Mark. Wo früher, hoch genommen, einige hunderttausend Druckschriften verbreitet wurden, da müssen heute 10 bis 15 Millionen Druckschriften und mehr in die Wählermassen geschleudert werden“. Bewältigt werden könne dies nur noch mit einem „Heer von Parteibeamten“ und durch größte Opfer von Seiten der Mitgliedschaft, wie sie in der SPD schon lange üblich seien. Dass die deutsche Arbeiterschaft das Bürgertum bislang in der finanziellen Opferbereitschaft „tief beschämt“ habe, war für den Deutschnationalen wesentlicher Grund der Machtübernahme der SPD im November 1918. Hinsichtlich der Propagandamittel hätten sich danach zudem die „amerikanischen Methoden“ in der Wahlarbeit der deutschen Parteien weiter durchsetzen können. So sehr dies zu bedauern sei, müsse diese Amerikanisierung der Wahlen nun einmal akzeptiert werden: „Es ist unsere Pflicht und Aufgabe, auf die Wahlformen veredelnd einzuwirken, aber dem Zug der Zeit müssen wir auf diesem Gebiete einige Opfer bringen“, empfahl der Deutschnationale seinen Parteifreunden. Die gründliche Vorbereitung der Wahlen gehöre zu den wichtigsten Parteiaufgaben und habe unter Beachtung des „alten Wahlorganisationslehrsatzes“ zu erfolgen, wonach die Vorbereitungen für die nächsten Wahlen bereits am Tage nach der Wahl beginnen müssten. Es genüge nicht länger, mit dem „Gewehr bei Fuß“ zu stehen, vielmehr müsse jede Partei ständig „Gefechts- übungen“ durchführen. Deshalb dürfe sich das einzelne Mitglied nicht mehr bloß als Objekt der Parteiarbeit empfinden, sondern müsse sich in „opferfreudiger, rühriger und zäher Arbeit mitten hineinstellen in das Geschehen des Parteilebens und das Werden seiner Parteiorganisation“612. 206 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Die heterogene Struktur der DNVP erschwerte die Vereinheitlichung und Zentralisierung ihrer Propaganda- und Wahlarbeit in den Reichstagswahlkämpfen erheblich. Hinsichtlich der Propagandamittel bedeutete deutschnationaler Wahlkampf noch bis 1923/24 neben der allerdings stets recht lebhaften Versammlungs- und Flugblattagitation vor allem die Zurschaustellung der schwarzweißroten Kaiserfahne bei Propagandaumzügen von Stahlhelmkolonnen613. Die zen tra le Werbearbeit und die Führung von Reichstagswahlkämpfen war Aufgabe der Hauptgeschäftsstelle, unterstützt durch die einzelnen Abteilungen des Parteivorstands wie dem Reichspresse- oder dem Reichsfrauenausschuß, sowie vor allem durch den Hugenbergschen Presse- und Nachrichtenapparat, der über die Generalanzeigerpresse großen Einfluss auf dem Land besaß. Mithilfe der hinter ihm stehenden Schwer- und Kohleindustrie hatte Hugenberg nach 1918 begonnen, systematisch in alle Formen der Massenmedien zu investieren. Bei Übernahme der UFA kontrollierte der von ihm geleitete Konzern bereits die Telegraphen-Union, ein Nachrichtenbüro, das über 1 600 Tageszeitungen belieferte, den 1916 gekauften August Scherl-Verlag sowie 14 regionale Tageszeitungen, inklusive des auflagenstarken Berliner Lokal-Anzeigers614. Mit He raus ga be und Vertrieb der zen tra len Werbe- und Wahlmaterialien, der Plakate, Broschüren und vor allem der in Millionenauflagen gedruckten Flugblätter war die Deutschnationale (bis März 1919: Konservative) Schriftenvertriebsstelle betraut, eine Verlags-GmbH, die eng mit der Hauptgeschäftsstelle der DNVP beziehungsweise deren Propagandaabteilung zusammenarbeitete615. Redaktion und Leitung übte in Personalunion der jeweilige Hauptgeschäftsführer der DNVP aus, dessen Mitarbeiter in der Geschäftsstelle vor allem aus Reichstags- oder preußischen Landtagsabgeordneten bestanden. Alle von der Schriftenvertriebsstelle hergestellten Materialien wurden in der Regel an die Organisationen verkauft, in Wahlzeiten aber mitunter auch kostenlos abgegeben. Das Sortiment reichte von Büchern, Flugblättern, Bildhandzetteln und Wahlzeitungen, Broschüren – in den entsprechenden Schriftenreihen – über vaterländische Volkskalender, Parteiabzeichen und Postkarten bis hin – mit fortschreitender Technisierung der Propaganda – zu Lautsprechern, Kinoapparaten, Filmen, Grammophonen und Schallplatten616. Die Parteizen tra le stellte diese Wahlmaterialien den Organisationen zwar zur Verfügung – allerdings keineswegs kostenlos – oder half bei 207 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen der Beschaffung, die eigentliche Wahlarbeit musste aber auf regionaler und lokaler Ebene geleistet werden, wobei die Deutschnationalen und ihr mitgliederschwaches Ortsgruppen- und Vertrauensmännersystem nicht über ein solches Reservoir an freiwilligen Helfern wie die SPD verfügten, sondern ihre Wahlarbeit zum Teil von bezahlten gewerblichen Hilfskräften verrichten lassen mussten. Wie man sich diese in der DNVP vorstellte, darüber geben ihre Richtlinien für die Reichstagswahlen vom Juni 1920 sowie eine Broschüre der Schriftenvertriebsstelle aus dem Frühjahr 1928 näheren Aufschluss. Auf lokaler und regionaler Ebene sollten je nach den Verhältnissen zunächst Wahlausschüsse möglichst mit Vertretern aus allen „Berufsständen“ gebildet werden. Für die Dauer des Wahlkampfes hatten diese Ausschüsse ein ständiges „fliegendes“ Wahlbüro einzurichten, das vor allem den Schleppdienst organisieren sowie alle Vorbereitungen der DNVP überprüfen solle. Des Weiteren hatten die Kreisvereine ein „genaues Programm“ über die im Wahlkampf abzuhaltenden Versammlungen aufzustellen und bis etwa drei Monate vor der Wahl dem Landeswahlausschuß zu melden, damit dieser die Rednervermittlung in den Wahlkreisen koordinieren konnte. Während des Wahlkampfes selbst musste sich der Wahlkreisverein vor allem um die sachgemäße Verteilung von Flugblättern und Plakaten sowie um den Rednertransport kümmern. Aufgabe eines speziellen Finanzausschusses war, die Gelder für den Wahlfonds zu sammeln. Bereits vor Beginn des Wahlkampfes mussten die örtlichen Wahl- und Werbeausschüsse die ihnen zufallenden Gebiete durch „jede Art Kleinarbeit“ erfaßt haben, wobei die Propaganda von Haus zu Haus und von Mund zu Mund in der DNVP als die wirksamste angesehen wurde. Mit Eintritt in den Wahlkampf begann die eigentliche Tätigkeit des Wahlausschusses, der als Erstes eine Mitgliederversammlung einzuberufen hatte. Hier sollte das Parteiprogramm, die Wahltaktik und schließlich die Kandidatenliste mit der Vorstellung der Bewerber besprochen werden617. Aufschluss über die Wahlkampforganisation der DNVP auf Reichsebene lässt sich anhand ihres Reichstagswahlkampfes vom Frühjahr 1928 gewinnen, dessen Ausgang und seine Folgen – die interne „Machtergreifung“ Hugenbergs – von entscheidener Bedeutung für die weitere Parteigeschichte werden sollte. Auf der Tagung der DNVP am 22. Oktober 1928 im Reichstag, an der neben der Parteispitze auch die Geschäftsführer und Parteibeamte aus den Wahlkreisen teilnahmen, legte Hauptgeschäftsführer Weiß einen umfassenden Bericht über die Wahlkampfer- 208 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik fahrungen vor. Seine Ausführungen basierten wie de rum auf den Meldungen von 45 Abgeordneten, allen Landesverbänden sowie 198 der insgesamt 755 Kreisvereine der DNVP. Die Parteizen tra le hatte per Rundschreiben kurz nach der Wahl vom 20. Mai 1928 entsprechende Fragebögen an die Landes- und Kreisverbände verschickt, in denen unter anderem nach der allgemeinen Wahlarbeit der Parteiorganisationen, der Wirkung und Aufnahme des eigenen Propagandamaterials sowie den vom Gegner verwendeten Werbemitteln geforscht wurde618. Die Ergebnisse der Wahlkampfberichte referierte Weiß vor dem Hintergrund von Versuchen, die Schuld an der Wahlniederlage vom 20. Mai organisatorischen Versäumnissen der Hauptgeschäftsstelle zuzuschreiben. Solchen Vorwürfen antwortete Weiß, dass selbst Wahlkreise mit sehr tüchtigen Parteibeamten starke Verluste erlitten hätten. Bezüglich des zentral herausgebrachten Propagandamaterials verwies er auf die allgemeine Zustimmung aus den Landesverbänden. Kritisiert worden sei allerdings seine Vielseitigkeit, die aber wie de rum in erster Linie auf die regionale Heterogenität der DNVP selbst zurückgeführt werden müsse. So hätte man noch nicht einmal alle Wünsche aus den Landesverbänden bei der Herstellung des Wahlmaterials erfüllen können619. In den ersten Wahlkampfwochen seien nur wenige Bestellungen auf Propagandamaterial in Berlin eingegangen, wie überhaupt die Versandarbeit während der Wahlkämpfe „großen Schwankungen“ unterliege: eine „gerade aufsteigende Linie ist nur in den Tagen vom 25.  April bis 3. Mai zu finden“. Die schriftlichen Wahlmaterialien wurden im Frühjahr 1928 unter Befolgung des wirtschaftlichen Prinzips hergestellt, bei kleinen Probeauflagen erst nach Eingang der Bestellungen entsprechend höhere Auflagen zu drucken. Im einzelnen erschienen 15 Rüstzeuge, 26 Flugschriften, 84 Flugblätter, 17 Handzettel, 10 Plakate, vier Postkarten, drei Klebezettel sowie das „Politische Handwörterbuch“, eine Art aktueller Ratgeber zu ausgewählten Stichworten. Gleichwohl war bei den Druckschriften ein starker Absatzrückgang zu verzeichnen, gegenüber dem Dezember 1924 um über 100 Prozent, das heißt von 38 Millionen auf 16 Millionen Stück, was der Bericht auf die „schlechte Wirtschaftslage“ der DNVP- Organisationen zurückführte. Auffällig sei insbesondere die geringe Nachfrage nach Matern von Flugblättern und Wahlzeitungen gewesen. Unter den Kreisvereinen, die insgesamt für 126 000 Mark bestellten, ragten mit Aufträgen in Höhe von 16 300 Mark die pommerschen heraus, während ihr Landesverband selbst nur für ganze 647 Mark Propaganda- 209 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen material kaufte. In geringem Maße belieferte die Schriftenvertriebsstelle noch Landbund-Organisationen, Stahlhelm-Gruppen sowie die Vaterländischen Verbände. Nach dem Versand von Mustern „in neu traler Aufmachung“ an 17 000 evangelische Pastoren bestellten diese immerhin fast 14 000 Flugschriften und 250 000 Flugblätter. Unter dem Strich verbuchte die Schriftenvertriebsstelle der DNVP im Wahlkampf 1928 Einnahmen in Höhe von 286 200 Mark620. Auf die Frage, wie die Parteiorganisation der DNVP im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 insgesamt gearbeitet habe, gab Weiß die salomonische Antwort, „keineswegs schlechter als bei früheren Wahlkämpfen, an vielen Stellen sogar besser“. Erschwert worden sei die Agitation allerdings durch den zahlenmäßigen Rückgang der Parteibeamten und dadurch, dass oft neue, noch nicht im Wahlkampf erprobte Helfer die Arbeit leisten mussten. Für kommende Reichstagswahlkämpfe wünschten selbst Landesverbände eine schärfere Zentralisation der Propaganda und Beseitigung der „Vielregiererei und Vielrednerei in vielköpfigen Körperschaften“ der Partei. Gefordert wurde darüber hinaus der Auf- und Ausbau der Parteipresse sowie die Sammlung eines speziellen „Kriegsschatzes“, der es den Deutschnationalen ermögliche, auch zwischen den Wahlen Propagandamaterial herauszugeben, was Weiß schon seit Jahren forderte, denn bei einem „Jahrespropagandafonds“ von nur 5 000 Mark könne seine Hauptgeschäftsstelle leider kein kostenlose Unterstützung geben. Auch für das von der Schriftenvertriebsstelle bezogene Material müsse schließlich gezahlt werden, abgesehen davon sei das In te res se daran außerhalb der Wahlzeit bisher nur sehr gering. So kam Weiß immer wieder auf denselben Punkt zurück: „Eine rege Propaganda ist nur eine Geldfrage“. Sein Versprechen an die Landesverbände lautete deshalb im Oktober 1928: „Geben Sie uns die Mittel und Sie werden mit unseren Leistungen zufrieden sein“621. Nicht zufällig nannte Hugenberg bei seinem Antritt als Vorsitzender der DNVP im Oktober 1928 als erste große Aufgabe das Ordnen der Parteifinanzen, wobei er in erster Linie an die Mitgliederorganisation dachte: „Die Partei muss durch das Zusammenhalten und den Opfersinn ihrer Mitglieder grundsätzlich so finanziert werden, dass sie auf sich selbst steht“. Dies und die Handhabung eines „richtigen und scharf einsetzenden Presseapparates, eines guten Propagandaapparates“ seien die Voraussetzungen dafür, dass der DNVP bei der nächsten Reichstagswahl die „Auswetzung der Scharte“, die ihr der 20. Mai geschlagen habe, gelingen werde622. 210 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik „Der Stimmzettel ist eure Macht“ – Weimarer Sozialdemokraten im Wahlkampf Dass sie die weitaus stärkste Partei der Weimarer Re pu blik blieb, ohne ihre inneren Strukturen oder Werbemethoden gegenüber dem Kaiserreich grundlegend zu verändern, verdankte die SPD einer in Jahrzehnten aufgebauten und fest gefügten Massenmitgliedschaft. Geleitet wurde die Partei von einem in Berlin sitzenden Vorstand, der seit 1922 aus den drei Vorsitzenden, zwei Kassierern und einer kleinen Zahl hauptamtlicher Parteisekretäre bestand. Er führte die „Geschäfte“ der Partei, übte innerparteiliche Kontrollfunktionen und damit entscheidenden Einfluss auf Organisation und Presse der SPD aus. Wichtig war auch, dass der Parteivorstand entscheiden konnte, wenn es bei der Aufstellung von Reichstagskandidaten zu Differenzen kam. Die formale innerparteiliche Demokratie des Mitglieder- und Parteiapparates der Weimarer SPD mit seinen fast 10 000 hauptamtlichen Mitarbeitern wurde faktisch durch eine streng hierarchische Führung und Disziplin eingeengt. Größte Aufmerksamkeit wurde traditionell den Wahlkämpfen geschenkt, da die SPD im Glauben an die Vernunft und die Wirkung rationaler Aufklärung durch den Stimmzettel die politische Macht erobern wollte. Im Unterschied zu den bürgerlichen Parteien besaß sie ein historisch positives Verhältnis zu Wahlkämpfen, die im sozialdemokratischen Bewusstsein als eine der wichtigsten politischen Aktionsformen verankert waren. Ihrer virtuosen Handhabung schrieb die SPD nicht zuletzt den eigenen Aufstieg im Schutz der Wahlgesetze des Kaiserreichs nach 1871 zu. Die Wertschätzung von Wahlen nahm schon vor 1914 Formen an, die den Vorwurf des „Wahlfetischismus“ hervorbrachten. Wahlkämpfe galten nicht nur als der zuverlässigste Indikator der Parteistärke, sondern bildeten eine „wichtige Selbsterfahrungsdimension der Arbeiterbewegung und ihrer Trägerschichten, möglicherweise sogar einen bestimmenden Teil ihrer Kommunikationsstruktur“623. Die Vorkriegs-SPD erlebte mit einer Ausnahme nur Erfolge bei den Reichstagswahlen vor 1914, als nichts den „Siegeslauf des Proletariats“ zu hemmen schien, weder die Sozialistengesetze noch die repressiven Methoden der wilhelminischen Eliten, mit denen zwar die Mandatszahl, aber nicht die Stimmenzahl herabgedrückt werden konnte. Diese Erfolgsgeschichte änderte sich nach 1918, insofern jetzt bei stagnierenden Wähler- und Mitgliederzahlen nicht nur der bürgerliche „Klassengeg- 211 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen ner“, sondern auch andere proletarische Parteien mit der SPD konkurrierten. Bei diesen „Bruderkämpfen“ zeigte sich den Sozialdemokraten aber, „dass die scheinbar erfolgreiche Gruppe nie so viel gewinnt wie die bekämpfte proletarische Gruppe verliert“624. Dieser Stillstand des „proletarischen“ Wählerpotenzials beschleunigte die Umorientierung der SPD in Richtung einer linken Volkspartei. In dem Maße, in dem die Demokratie zum „primären Bezugspunkt ihres gesamten Denkens und Handelns“ wurde, so Wolfram Wette, rückten andererseits die politischen Betätigungsfelder noch stärker in den Vordergrund, die ihr Funktionieren gewährleisteten, neben der praktischen Parlaments- und Regierungsarbeit eben vor allem die Wahlbewegungen625. Ein Abweichen von der legalen Wahlkampftaktik erschien bald als absurd. In der Demokratie verfügten die „besitzlosen Klassen“ gegenüber den wirtschaftlichen Machtmitteln der Unternehmer über das Wahlrecht und den Stimmzettel, der unter Berufung auf Karl Marx „in der Hand eines politisch reifen Volkes […] aus einem Mittel der Prellerei zu einem Mittel der Befreiung“ werde. Die strikt legalistische Tendenz zieht sich wie ein roter Faden durch die Politik der Weimarer SPD und gipfelte in dem Appell an die Anhänger, auf den preußischen Staatsstreich Papens kurz vor den Reichstagswahlen im Juli 1932 nicht mit außerparlamentarischen Aktionen zu antworten, sondern den Kampf um die „Wiederherstellung geordneter Rechtszustände“ als Wahlkampf zu führen626. Während sich die Erinnerungen an die siegreichen „Stimmzettelschlachten“ vor 1914 verklärten, gewannen Wahlkämpfe in der Weimarer Re pu blik weiter an Bedeutung als wichtigste politische „Waffe“ der SPD, zumal Reichstagswahlen im Kaiserreich letztlich nur ein Stimmungsbarometer gewesen waren. Noch im Frühjahr 1924 glaubte sie ihre Anhänger da rauf hinweisen zu müssen, dass es sich am 4. Mai „nicht einfach um Parlamentswahlen“ handle, sondern jetzt auch die Reichsregierung neu gewählt werde: „Das ist der fundamentale Unterschied gegen- über dem alten System und erhöht die Bedeutung weit über das frühere Maß“627. Adolf Braun vom Parteivorstand beschwor in diesem Sinne die Genossen schon vor den ersten Reichstagswahlen im Juni 1920, „eine Schlacht zu schlagen, wie sie der Wahlkampf noch nicht gesehen hat“628. Solche verbal-radikalen Bekenntnisse unterschieden sich bereits von der für die USPD typischen Überzeugung, wonach Wahlen als grundsätzlicher „Machtkampf zwischen Reaktion und Revolution“ zu deuten seien. Die Unabhängigen warnten davor, um eines guten Wahlresultats willen 212 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik die Agitation in Formen zu führen, denen die „grundsätzliche Schärfe“ fehle. Gerade wenn man die Stimmen der noch nicht zur Erkenntnis ihrer Klassenlage gekommenen Proletarier gewinnen wolle, dürften in der Propaganda keine „Konzessionen irgendwelcher Art an das Denken und Fühlen der noch nicht sozialistischen Kreise“ gemacht werden. Ideologische Grundsatztreue sei um so mehr geboten, als die Partei selten so nah an die Bevölkerung herankomme und diese selten so empfänglich für Politik sei wie vor einer Wahl. Verzettele man sich in „schalem Kleinkram“ oder „persönlicher Herumbeißerei“, würde der Wahlkampf seinen Hauptzweck verlieren, nämlich die „Aufrüttelung der Massen in sozialistischen Sinne“, sowie die Partei selbst reine Mandatspolitik betreiben, mit anderen Worten „Parlamentarismus im schlimmsten Sinne“629. In den 1920er-Jahren wuchs aber auch bei der SPD eine Skepsis gegenüber den Begleiterscheinungen von Wahlkämpfen, die ursprünglich eher für bürgerliche Kreise typisch war. So warnte Philipp Scheidemann im Frühjahr 1920 vor „amerikanischen Wahlen“630. Immer häufiger zu hören war nun als Abgrenzungsmittel nach links der Hinweis auf die „erbärmlichen Agitationsmethoden“ etwa der KPD, deren Führer die Arbeiter nur als „Stimmvieh“ missbrauchten. Gemäß dem Motto „Wahlarbeit ist Parteiarbeit“ besaßen Propaganda und Agitation für die SPD einen ungleich höheren Stellenwert als für die bürgerlichen Konkurrenten. Dank ihrem subkulturellen Vereinswesen war die sozialdemokratische „Solidargemeinschaft“ auch zwischen den Wahlen visuell präsent und propagandistisch aktiv. Stärkstes Kapital der SPD stellte eine opferbereite Massenanhängerschaft dar, ohne deren freiwillige Hilfsdienste die Wahlkämpfe kaum bestritten werden konnten. Ihre Mobilisierungstechniken waren dementsprechend gut ausgebildet, wobei vor dem Hintergrund abnehmender Kampfbereitschaft oder einer gewissen Partei- und Wahlmüdigkeit die Erinnerung an die Zeit vor 1914 eine wichtige Rolle spielte. Aufwändigster Teil der Agitation, zu der jeder Parteigenosse verpflichtet wurde, war von jeher die „propagandistische Kleinarbeit“, die Verteilung der Millionen von Druckschriften, Flugblättern und Plakaten: „In jedes Dorf, in jedes Haus müssen die Sendboten des Sozialismus unsere aufklärenden Wahlzeitungen und Flugschriften tragen“631. Der Wiederaufbau der sozialdemokratischen Parteiorganisation nach der Inflation sollte sich nicht zuletzt in einer durch die Wahlen belebten Agitationsarbeit bemerkbar machen. Während die Berliner Zen tra le im 213 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Frühjahr 1924 aus taktischen Gründen auf einen Reichsparteitag vor den Wahlen verzichtete, eröffneten Landesverbände der SPD wie in Hessen den Wahlkampf mit eigenen Parteitagen. Mit der Rückkehr stabilerer Verhältnisse rege sich wieder „neues Leben in der Organisation“, wenn auch der Parteiapparat „immer noch hier und dort Lücken“ aufweise632. Unter dem Motto „Das Trommelfeuer beginnt“ wurden für den Ostersamstag, den 19.  April 1924, alle Mitglieder zur allgemeinen Flugblattverbreitung mobilisiert. Besonders aber am Samstag vor der Wahl und am Morgen des Wahlsonntags müssten die Flugblätter und Wahlzeitungen der SPD „von Haus zu Haus, von Tür zu Tür“ getragen werden. Den Klagen über eine gewisse Müdigkeit von Mitgliedern, sich für die Wahlarbeit zur Verfügung zu stellen, begegnete die Partei mit Appellen an die Parteidisziplin: „Antreten zur Wahl!“, hieß es militärisch knapp633. Obwohl die Vorbereitungszeit knapp bemessen und „Barmittel sehr beschränkt“ gewesen seien, konnte der Berliner Parteivorstand bereits im Frühjahr 1924 den Bezirken außer den Gratislieferungen von Plakaten, Broschüren und Flugblättern noch Geldzuschüsse in Höhe von 124 000 Goldmark an die Bezirke gewähren. Wenige Tage nach der Reichstagsauflösung Mitte März konnte ihnen auch bereits das zen tra le Wahlhandbuch sowie ein „kleines Merkbuch“ für Parteifunktionäre und das Referentenmaterial zugestellt werden, außerdem noch zwei Millionen Flugblätter und 15 verschiedene Plakate in einer Gesamtauflage von 500 000 Stück. Dazu kamen weitere 43 verschiedene Flugblattmatern, so viele, dass aus den Bezirken die Reaktion zu hören gewesen sei: „Parteivorstand, höre auf mit deinem Segen“. An Gesamtausgaben für den Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 verbuchte die SPD etwas weniger als eine Million Mark, was Parteikassierer Ludwig zu dem Fazit veranlasste: „Die Wahl mit diesen geringen Mitteln bei der Heftigkeit des Wahlkampfes zu führen, war nur möglich mit einer opferbereiten Organisation, in der fast alle Organisationsarbeiten für die Wahl ohne Entgelt geleistet wurden“634. Nach eigenen Angaben verteilte die SPD 1924/25 im ganzen Reich mehr als 200 Millionen Flugblätter, noch ungerechnet derjenigen, die große Ortsvereine in Eigenregie herausgegeben hatten. Einen neuen Höhepunkt der Organisations- und Agitationsarbeit brachte das Wahljahr 1928, in dem die SPD reichsweit 44 792 öffentliche und 67 000 Mitgliederversammlungen Reich abhielt sowie nicht weniger als 115 Millionen Flugblätter verteilte, das waren immerhin fast zwei Flugblätter für jeden der 62 Millionen Deutschen635. 214 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Solche gewaltigen Zahlen konnten nicht verdecken, dass die zen trale Führung von Reichstagswahlkämpfen ein Organisationsproblem der SPD war, insofern sie nach 1918 keine den Hauptgeschäftsstellen der bürgerlichen Parteien vergleichbare Abteilung aufgebaut hatte. Die Wahlkampfführung oblag dem ohnehin überlasteten Parteivorstand, wenn ihm auch seit 1920 etwa eine „Zentralstelle für Beamtenagitation“ und sukzessive ähnliche Einrichtungen für andere Berufsgruppen halfen oder die Landesverbände eigene Agitationsausschüsse einrichteten. Erst nach dem Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 wurde der Propagandabereich beim Berliner SPD-Vorstand reorganisiert und eine „Werbe-Abteilung“ als Nachfolgerin der alten Flugblattzen tra le ins Leben gerufen – nicht zuletzt, um die „Modernisierung“ der Propaganda voranzutreiben. Die faktisch von Fritz Heine geführte Abteilung nahm ihre Tätigkeit offiziell am 1. Januar 1929 auf. Sie besaß einen eigenen Etat und bestand aus etwa zehn Mitarbeitern, von denen die Hälfte im zen tra len Zeitungsausschnittsbüro beschäftigt war. Hauptaufgabe der Abteilung waren die Wahlkämpfe, die Vorbereitung und Fertigstellung des zen tra len Wahlmaterials, von den Flugblättern und Plakaten bis hin zur Organisierung von Rundreisen eines Wahlkabaretts und Beschaffung von Lautsprecheranlagen. Außerdem war sie mit der He raus ga be der wiederbelebten, 1922 aufgrund der prekären Finanzlage eingestellten Parteikorrespondenz beauftragt. Neben den Spezialisten wie etwa Fritz Baade für Agrarfragen wurden gelegentlich Redakteure des Vorwärts mit der Bearbeitung der zen tra len Wahlpropaganda oder Grafiker mit dem Entwurf von Plakaten beauftragt. Vor Beginn des Wahlkampfes stellte die Werbeabteilung jeweils Entwürfe verschiedener Künstler in einer internen Ausstellung für den Parteivorstand zusammen, der die Entscheidung traf, welche Plakate besonders bei der Wahlpropaganda berücksichtigt werden sollten. Bestimmte Präferenzen betreffs der Zielgruppen- und Feindbildagitation schrieb er nicht vor636. Im ersten Geschäftsjahr 1929 lieferte die Werbeabteilung bereits 1,3 Millionen Broschüren, 90 000 Exemplare eines Werbeplakats sowie 6,1 Millionen Flugblätter an die Bezirke, davon allein fünf Millionen Stück eines Flugblattes zum Anti-Young-Volksentscheid, Agitationsmaterial, das den Ortsgruppen völlig unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurde637. Ihre erste große Bewährungsprobe stellte der Reichstagswahlkampf im Sommer 1930 dar, gleichzeitig Höhepunkt der gesamten SPD-Agitation dieses Jahres. Sofort nach der Reichstagsauflösung vom 18. Juli setzte sie 215 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen sich mit den regionalen Parteiorganisationen in Verbindung und unterbreitete ihnen Vorschläge zur Durchführung des Wahlkampfes. Die von ihr in den folgenden Wochen eingesetzte Propaganda zeichnete sich durch eine vorher nicht gekannte Vielfalt der Mittel aus. Außer mit Versammlungen und Flugblättern, Plakaten, Lautsprecherautos, Flugzeugen warb die SPD mit Wahlfondsmarken, speziellen Schlagzeilen- und Bildmatern, graphischen Darstellungen wie Pausvorlagen für Transparente, Referentenmaterial und zum ersten Mal auch mit Tonfilmen. Ausdruck ihrer großen Aktivität war, dass allein im Wahlkampf vom Sommer 1930 dem Bericht der Werbeabteilung zufolge nicht weniger als 114 Rundschreiben in über 55 000 Abzügen an die Bezirke und Redaktionen verschickt wurden. Zu den wichtigsten Aufgaben gehörte auch diesmal wieder die Flugblattpropaganda, bei der sich die SPD seit langem auf den Maternversand umgestellt hatte, ein Verfahren, das es den Parteiorganisationen überließ, je nach Bedarf so viele Flugblätter zu drucken, wie sie für nötig erachteten. Von den 29 Wahlflugblättern der Zentra le wurden im Sommer 1930 1 000 Abzüge und 35 Matern – eine für jeden Parteibezirk – hergestellt638. Dass Reichstagswahlkämpfe in der Weimarer SPD den Höhepunkt des Parteilebens bildeten, demonstrieren eindrucksvoll die Ausgaben des „Freien Wort“, des seit 1929 wöchentlich erscheinenden „sozialdemokratischen Diskussionsorgans“, wo aus allen Parteibezirken Zuschriften mit Fragen und Anregungen für die Wahlarbeit erschienen. Vor dem 14. September 1930 galt fast jede Ausgabe nur noch dem „Aufmarsch zur Wahlschlacht“, da einfache Mitglieder sowie Funktionäre Vorschläge machten, deren Spek trum von der Bildung spezieller Agitationstrupps zur systematischen Haus- und Landpropaganda, Flugblattverteilungen „bis ins kleinste Vorwerk“, Werbearbeit in den proletarischen Massenorganisationen, zum Thema Wahlen, SPD und Angestellte, aber auch über neue Wege der Wahlpropaganda reichte639. Wie in den bürgerlichen Parteien stieß auch die zen tra le Propaganda der SPD auf das Problem, den regionalen und lokalen Besonderheiten nur bedingt gerecht werden zu können. Ihre Wahlmaterialien seien schließlich, erläuterte die Werbeabteilung, für „große Volkskreise“ bestimmt, weshalb in ihnen zwangsläufig „allgemeine Gesichtspunkte“ überwögen. Den Organisationen wurde empfohlen, verstärkt selbst das Werbematerial herauszugeben, das „an örtliche oder berufliche Vorgänge im Gesichtskreis des Aufzuklärenden“ anknüpfe, indem sie etwa „aktuelle Vorkommnisse ohne Zeitver- 216 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik lust durch selbst hergestellte Flugblätter den in te res sierten Personen“ zur Kenntnis gebracht werden konnten, wofür eine Vervielfältigungsmaschine unverzichtbar sei. Solche Appelle zur Dezentralisierung sowohl der Inhalte als auch der Methoden hatten unausgesprochen die bei der KPD als erfolgreich beobachtete Propagandapraxis zum Vorbild640. Wie sich die SPD-Führung Mitte der zwanziger Jahre vorbildliche Wahlarbeit vorstellte, schilderte ein Bericht des Vorwärts über den Gemeindewahlkampf in der österreichischen Hauptstadt Wien vom Frühjahr 1927. Die Macht der sozialdemokratischen Arbeiterschaft komme hier von jeher in der großzügigen Wahlpropaganda der Partei zum Vorschein. Was aber aktuell von den Wiener Genossen geleistet werde, stelle alles Bisherige in den Schatten. In der ganzen Hauptstadt – „in den ärmlichsten proletarischen Vorstädten ebenso wie in den luxuriösen Geschäftsgegenden“ – würden sie mit den originellsten Mitteln um die Wählerstimmen werben, Fahnenmasten für die Flaggenpropaganda pachten, sogar die schmalen senkrechten Flächen der Fußgängerstufen zur Stra- ßenbahn mit Wahlappellen auf Papierstreifen bekleben. Selbstverständlich fänden massenhaft Versammlungen statt, Umzüge und De mons trati o nen dagegen seltener. Umso mehr werde die neuartige Filmpropaganda in den Wahldienst genommen. In Hunderten von Kinos, aber auch unter freiem Himmel auf großen Plätzen würden Filme gezeigt, welche die Leistungen sozialdemokratischer Politik priesen. Schließlich sorgten Lichtreklame und Transparente dafür, dass über den Dächern Wiens tagsüber und abends weithin in roter und weißer Schrift die Wahlappelle der Sozialdemokraten zu lesen seien. Selbstverständlich verschlinge solch ein Wahlkampf „beträchtliche Geldmittel“, aber der „Arbeiter ist stolz da rauf, seine Macht und sein Können auch auf diese Weise dem noch Schwankenden und erst recht dem Gegner zu beweisen“641. Der Vorstand der SPD veröffentlichte nach der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 einen Überblick über die zurückliegende Wahlarbeit der Partei im Reich und in den Ländern. Aufgrund von Berichten aus den einzelnen Bezirken konnten detaillierte Angaben über den Aufwand und Einsatz an Agitationsmitteln, ihre Aufnahme bei den Parteiaktivisten sowie etwaige Reaktionen der Wähler bis hin zu den Wahlkampfkosten gemacht werden. Der Wahlerfolg im Mai 1928, so das Vorwort, sei „nicht zum geringsten Teil auf die Werbetätigkeit der Partei“ zurückzuführen gewesen642. Im Reichstagswahlkampf wurden zum ersten Mal in größerem Maße technische Hilfsmittel in den Dienst der Wahlarbeit genom- 217 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen men. Das Spek trum der SPD-Propaganda reichte von den vielfältigen Drucksachen, den allerorten eingesetzten Wahlautos, den Lautsprechern, Wahlfilmen und Schallplatten sowie den freilich nur von städtischen Bezirken benutzten Flugzeugen, bis hin zu Sprechchören und so genannten „Wahlgesprächen“ oder Wahlrevuen von Schauspielgruppen. Als Druckschriften zählten die sowohl in Normalgröße als auch in Postkartenformat angefertigten Plakate sowie alle Flugblätter, Flugschriften und Wahlzeitungen. Insgesamt hatte der Vorstand den Bezirken 59 verschiedene Drucksachen zur Verfügung gestellt, von denen 82,4 Millionen Stück an die Wähler im Frühjahr 1928 verteilt wurden, ungerechnet die Millionen von Hand- und Wurfzetteln sowie Versammlungseinladungen. Möglich war dies wieder nur dank der „selbstlosen, aufopfernden Arbeit“ der Funktionäre und Parteimitglieder. Außer den vier Nummern der Wahlzeitung „Sozialdemokratie voran“ verschickte der Vorstand insgesamt 28 thematische Flugblätter an die Bezirke, die daneben selbst noch eigene mit Rücksicht auf die „besonderen Verhältnisse“ vor Ort anfertigten. Alles in allem verbreitete die SPD im Frühjahr 1928 über 51,4 Millionen zum Teil mehrseitige Flugblätter und weitere 2,8 Millionen Flugschriften oder Broschüren. Das Fazit des Parteivorstands lautete: „Unsere Werbung im Maiwahlkampf hat eine zuvor nie gekannte Intensität erreicht. In vielen Orten und Bezirken beherrschten wir das Straßenbild völlig“643. Ein Bericht des Vorwärts über die „Großmacht Sozialdemokratie im Wahlkampf “ wurde kurz vor dem 20. Mai 1928 außer durch die Fotografie eines Möbelwagens noch durch die eines Wahlautos mit aufmontierten Lautsprecher illustriert. Der Blick in das Autoinnere, wo auf einem Schemel ein Mann im weißen Kittel vor den glühenden Lampen der Lautsprecherbatterien saß, sei zugleich ein „Blick hinter die Kulissen der Technik dieses Wahlkampfes“. Außer neuartigen Leuchttransparenten habe die SPD noch Litfasssäulen aufgestellt oder angemietet, die gemäß der modernen „Reklamepsychologie“ ausschließlich mit eigenen Plakaten beklebt wurden. Auch ihre Wahlversammlungen ließen die Vielfalt der Propaganda erkennen: „Überall Massengesänge, Sprechchöre, aktuelle politische Revuen, Sketche, Parodien und hervorragende Filme. Und was die Hauptsache ist: schlagfertige und den größten Diskussionsstürmen gewachsene Redner. Gleichgültig, ob es ‚Kanonen‘ oder ‚Kanönchen‘ sind“. Am letzten Tag vor dem 20. Mai werde schließlich der „ganze technische Apparat“ aufgeboten und würden sich mit Plakaten beklebte Mö- 218 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik belwagen auf Dauerfahrt durch die Straßen begeben. Selbst die bürgerliche Presse müsse anerkennen, dass die SPD alle anderen Parteien bei der technischen Wahlpropaganda übertreffe und „dem Kampf mit der geistigen Waffe um die Seele des Volkes das Beispiel und die Form“ gegeben habe644. Wie auf regionaler Ebene die Wahlkampforganisation in den 20er- Jahren aussah, lässt sich anhand der Tätigkeitsberichte des Landesvorstandes der badischen SPD nachzeichnen. Als Reaktion auf die inflationsbedingten Rückschläge hatte auch dieser Landesverband seinen Aufbau durch Vereinfachung zu verbilligen versucht und die bisherigen sieben Unterbezirke in vier „Agitationsbezirke“ zusammengefasst, denen zur Erledigung der Geschäfte jeweils ein vom Landesvorstand bestellter und besoldeter Parteisekretär beigegeben wurde645. Die zwei Reichstagswahlen, die Reichspräsidentenwahlen und die Landtagswahl in Baden beanspruchten 1924/25 die „volle Kraft der Organisation“, wie nach Ansicht des Landesparteivorstandes am deutlichsten die Übersicht über die schriftliche Propaganda zeigte. Zur Reichstagswahl im Mai 1924 hatte die SPD in Baden 1,8 Millionen Flugblätter verteilt, im folgenden Herbst dann schon mehr als die doppelte Menge, knapp vier Millionen Stück. Nicht zuletzt deshalb waren die Kosten für den zweiten Reichstagswahlkampf 1924 mit knapp 50 000 Mark fast doppelt so hoch wie im Frühjahr646. Die Kassenlage des Landesverbands erlaubten es „im gro- ßen und ganzen“, den Anforderungen des Wahlkampfes nachzukommen, allerdings unter einigen Anstrengungen, denn: „Es ist schließlich keine Kleinigkeit, jedes Jahr einen Wahlkampf zu finanzieren und daneben zugleich auch noch die Agitation und die Bildungsarbeit auf den verschiedensten Gebieten durchzuführen“. Außerdem werde die Landesparteikasse durch regelmäßige Abführungen an die Reichspartei und andere Organisationen belastet. Ohne die „außerordentliche Opferwilligkeit“ der Anhänger und ihren freiwilligen Spenden wäre eine Finanzierung des Wahlkampfes über die Mitgliedsbeiträge allein nicht möglich gewesen. Erschwerend hinzu komme, dass der Verdienst der Parteidruckereien in Wahlzeiten gleich Null sei, weil für die Herstellung des Propagandamaterials meist nur die Selbstkosten in Rechnung gestellt würden647. Als der größten re pu bli ka nischen Partei der Weimarer Re pu blik wurde und wird besonders der „Verstandespartei“ SPD der Vorwurf gemacht, dem Aufstieg Hitlers nicht genug mit massenpsychologisch wirksamer „Gefühlspropaganda“ in den Wahlkämpfen entgegengetreten zu sein. Oft 219 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen seien methodische Änderungen in der Propagandaarbeit oder Abweichungen von dem gewohnten Stil auch als ein Zugeständnis an die „Dummheit“ der Wähler abschätzig beurteilt worden, was die Umstellung der Zielgruppenwerbung vor allem auf neue, mittelständische Wählerschichten erschwert habe648. Tatsächlich prägte nach wie vor das rationale Aufklärungsideal die Werbeformen und den Wahlkampfstil der Weimarer SPD, die politische Vernunft gegen „blinde Leidenschaft“ selbst da setzen wollte, wo in der Bevölkerung materielle und emotionale Ängste eine irrationale Steigerung erfuhren. Neuerdings spricht die Forschung in diesem Zusammenhang von einem „Sinnlichkeitsdefizit“ der SPD649. Aus den Wahlerfolgen Hitlers nach 1929 lernte sie jedoch unter anderem, wie Wolfram Pyta nachweisen konnte, dass eine „Abkehr von der biederen Wahlwerbung vergangener Zeiten“ notwendig sei. Von der NSDAP habe sie das erfolgreiche Rezept übernommen, in den Reichstagswahlkämpfen „offensiv aufzutreten, den Gegner zu attackieren und die eigene Stärke mithilfe modernster Methoden der Massenpsychologie nachdrücklich zu demonstrieren“650. Jedoch hatte die SPD ihr Vertrauen auf die „Waffe des Stimmzettels“ gegen die Gegner der Re pu blik in die Defensive gebracht. Kritik an den überkommenen Propagandamethoden übten vor allem jüngere Parteifunktionäre wie der hessische SPD-Politiker und Schriftsteller Carlo Mierendorff. Sein Plädoyer für offensiv geführte Wahlkämpfe baute wesentlich auf der Bedeutung der Symbole im politischen Kampf auf und der „Aktivierung“ einer Massenpropaganda gegen die Nationalsozialisten, in denen er früher als andere den Hauptgegner der SPD sah. Das Problem jeder politischen Propaganda, das in ihrer „mangelnden Reichweite“ liege, glaubte Mierendorff durch die neue Symbolpropaganda lösen zu können, die ebenso billig wie volkstümlich sei. Die Hitlerpartei sei eine Propagandabewegung und deshalb in erster Linie mit reklametechnischen und massenpsychologischen Methoden auf dem Gebiet der Propaganda zu schlagen, wo sich das „Bewusstsein einer Bewegung von sich selbst“ entwickle, das Bild, das sie „von sich selbst, ihren Aufgaben, ihren Hoffnungen und Grenzen“ habe651. Gemeinsam mit Sergej Tschachotin, einem russischen Emigranten und ehemaligen Mitarbeiter Pawlows, und in Zusammenarbeit mit der Werbeabteilung strebte Mierendorff seit Ende der 1920er-Jahre die Neugestaltung des Propaganda- und Organisationswesens der SPD an. Durch eine „symbolpropagandistische Gegenoffensive“ sollte die kritisierte Schwerfälligkeit und Weltfremdheit ihrer Werbung überwunden wer- 220 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik den, wofür die „Drei-Pfeile“ Tschachotins stellvertretend standen. Trotz unbestreitbarer Mobilisierungserfolge blieben diese aber ein Defensivsymbol und konnten nicht mit Hammer und Sichel des „Sowjetdeutschland“ oder dem Hakenkreuz des „Dritten Reiches“ konkurrieren. Der Einsatz neuer Propagandamethoden habe zwar den „Bewegungs“-Charakter der SPD und die „Initiative von unten“ wiederbelebt, die vorher jahrelang durch eine „starre Schablone der Kampftechnik“ verkümmert war. Sie müsse aber endlich den Begriff der „Kampagne“ wieder entdecken, das hieß, den „Begriff des zähen, unermüdlichen, fanatischen Hämmerns“ vor allem in der Presse- und in der Versammlungsagitation anwenden. Ausdrücklich orientierte sich Mierendorff an der Praxis der radikalen Parteien, die schon mit wenigen und primitiven Mitteln wirksame Propaganda zu betreiben verstünden, etwa mit vor Ort hergestellten und manuell vervielfältigten Flugblättern oder mit kleinen Wandertrupps zu Fuß und zu Rad: „Trommel und Fanfare sind keine so schlechten Instrumente, wofür sie manchmal der kleinbürgerliche Hochmut und unpsychologische Puritanismus der Älteren hält“652. Mierendorffs Vorschläge fanden erst 1931/32 Gehör bei führenden Funktionären wie etwa dem neuen Reichsbanner-Vorsitzenden Max Höltermann, der sich für einen Agitationsstil einsetzte, der mehr auf „Gefühl, Seele und Gemüt“ beim Wähler wirke, damit die „Vernunft“ letztlich siege653. Auch der Parteivorstand der SPD sprach in seinen Richtlinien für die Reichstagswahlen im Sommer 1932 erstmals von einem notwendigen zen tra len „Kampfplan“. Auffällig bei der Übersicht der Propagandamittel war, dass die SPD im Sommer 1932 nach den Erfahrungen der letzten Wahlkämpfe ausdrücklich auf Bildplakate zugunsten eines reichseinheitlichen „Symbolplakats“ verzichtete. Des weiteren wurde auf die Neuproduktion der früher so gelobten „technischen Errungenschaften“ wie Film oder Schallplatten aus Kostengründen im Wahlkampf verzichtet, vielmehr wurden die Bezirke angewiesen, vorhandenes Material zu benutzen und neue Formen der Kleinpropaganda anzuwenden, etwa das „Freiheitspfeil-Konfetti“, ausgestanzte kleine Freiheitspfeile, die den Bezirken kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, ebenso wie die in Millionenauflage gedruckten satirischen „Visitenkarten“ der Papen- Regierung654. Ungeachtet ihrer symbolpolitischen Defizite war die SPD diejenige Weimarer Partei, die in den Reichstagswahlkämpfen der 1920er-Jahre den größten Aufwand an Propaganda betrieb und dabei in der Lage war, 221 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen auf die neuen „modernen“ Hilfsmittel der Technik zurückzugreifen. Das Manko ihrer nach wie vor einzigartigen „Wahlmaschine“ bestand allerdings in einer mangelnden Planung von Seiten der Parteiführung, die sich auch nach der Gründung der zen tra len Werbeabteilung 1928/29 im wesentlichen auf die Produktion von Wahlmaterialien für die Bezirke beschränkte. Bei der Umstellung auf die von Mierendorff geforderten „Kampagnen“ machte sich Anfang der 1930er-Jahre nicht zuletzt das Fehlen einer mit umfassenden Kompetenzen ausgestatteten Reichsgeschäftsführung der SPD schmerzhaft bemerkbar. „Wahlkampf ist Klassenkampf“ – Die Kommunisten Im deutlichen Unterschied zur SPD behielt die Parlamentspolitik für Weimarer Kommunisten sekundären Charakter gegenüber außerparlamentarischen Aktionsformen. Ihr nächstes politisches Ziel – die „Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse“ – wollten sie nicht durch den Parlamentarismus erreichen, sondern „in den Betrieben, auf den Straßen und in den proletarischen Massenorganisationen“, weshalb der Bereich Agitation und Propaganda einen zen tra len Stellenwert in ihren taktischen Überlegungen besaß. Zugleich versuchte sich die KPD dabei aber von dem „kapitalistischen Reklamerummel“ vor Wahlen oder dem Organisationsfetischismus der Sozialdemokratie abzugrenzen. In den Anfangsjahren der Weimarer Re pu blik schenkte die mehr mit revolutionären Kampfaktionen beschäftigte KPD der Entwicklung neuer Propagandatechniken zunächst wenig Aufmerksamkeit655. Ihre erst danach intensivierte Propagandaarbeit vor Wahlen war äußerst vielschichtig und ergänzte oder überschnitt sich zum Teil mit den Aktionen und „Kampagnen“ befreundeter Massenorganisationen wie der IAH, dem RFB oder der Roten Hilfe. Zur „revolutionären Ausnutzung des Parlamentarismus“, so jetzt die Parole der KPD, sollten deren Angehörige wie auch jedes Parteimitglied zur Wahlpropaganda eingespannt werden656. Natürlich entsprach die Organisationswirklichkeit nicht den theoretischen Postulaten und war die Propagandaarbeit keineswegs kontinuierlich, sondern schwankte von Aktion zu Aktion. Die mehrgleisige und ausdrücklich auf „Kampagnen“ ausgerichtete Propaganda kann als das Erkennungszeichen der Weimarer KPD gelten, die als Partei der Massenmobilisierung so genannte Antikriegstage, RFB-Treffen oder Erwerbs- 222 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik losenwochen und 1928/29 etwa parallel zu den Wahlkämpfen für Reichs- und Landtag weitere spezielle Kampagnen gegen den Panzerkreuzerbau führte, gegen den „Schlichtungsschwindel“ und die Wohnungsnot, eine Amnestiekampagne für die „proletarischen Gefangenen“ sowie zahlreiche Feiern und De mons tra ti o nen, etwa zum 40. Jahrestag des Sozialistengesetzes657. Auf dem Gründungsparteitag der KPD um die Jahreswende 1918/19 hatte sich die linksradikale Mehrheit der Delegierten gegen eine Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung ausgesprochen. Die Führung um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wollte aus taktischen Überlegungen heraus teilnehmen, weil es ein großer Fehler sei, ein „Moment zur Unterstützung der Massenaktionen“ wie den Wahlkampf ungenützt zu lassen658. Nach der Abspaltung ihres linksradikalen syndikalistischen Flügels 1920 behielt die KPD zwar ihr antiparlamentarisches Profil, beteiligte sich nun aber an den Wahlen und beschloss unter der Führung von Paul Levi so genannte Leitsätze über den Parlamentarismus, in denen der Reichstag im Luxemburgschen Sinne als „Tribüne“ zum unverzichtbaren Mittel der Massenaufklärung erklärt wurde. Der Wahlkampf solle, schrieben die auf dem II. Weltkongress beschlossenen Statuten der Komintern vor, nicht als „Jagd auf eine Höchstzahl von Parlamentsmandaten geführt werden, sondern im Geiste revolutionärer Mobilisierung der Massen für die Losung der proletarischen Revolution“. Vor den Reichstagswahlen im Mai 1924 verpflichteten sich die Kandidaten der KPD auf eine Erklärung, wonach sich die Partei nur zu „Agitationszwecken“ an den Wahlen beteilige und damit keineswegs ihre „grundsätzliche Gegnerschaft zur bürgerlichen Gesellschaftsordnung“ aufgebe. Die Arbeiter sollten Kommunisten wählen, weil sie den Reichstag als „Todfeinde des Kapitals und des Parlamentarismus“ so „desorganisieren“ würden, wie Liebknecht es einst getan habe659. In der politischen Praxis schenkte die KPD der Parlamentsarbeit und insbesondere den Wahlkämpfen ab Mitte der 20er-Jahre bald mehr Bedeutung, als sie theoretisch eingestehen wollte. Die publizistischen und organisatorischen Mobilisierungsmöglichkeiten von Wahlen erhielten einen solch hohen Stellenwert in der kommunistischen Taktik, dass dies zu einer Aufwertung des Wahlkampfes führen musste. Ernst Thälmann erklärte die Reichstagswahlen am 20. Mai 1928 zum „Gradmesser, wie stark die Massen im Klassenbewusstsein und im revolutionären Kampfwillen herangereift sind, oder inwieweit sie noch voller Illusionen 223 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen über das Parlament und die auf Stimmenfang ausgehenden Parteien sind“660. Der Wahlkampf sei zwar nur eine kurze, aber durchaus wichtige Phase in der revolutionären Entwicklung, „weil er die Möglichkeit, an breiteste Massen heranzukommen, in höherem Maße bietet als einzelne Teilkämpfe (die dafür in ihrer politischen Auswirkung zweifellos bedeutsamer sind!)“. Für die KPD als revolutionäre Partei würden die Forderungen des Wahlkampfes nicht mit dem Wahltag verschwinden, sondern „Angelegenheit der ernstesten Mobilisierung zu ihrer wirklichen Durchsetzung“ bedeuten, so Thälmann661. Revolutionärer Anspruch und Teilnahme an Wahlbewegungen mussten aber im kommunistischen Selbstverständnis widersprüchlich erscheinen und daher immer wieder Rechtfertigungsversuche der Parteileitung hervorrufen. Jeder Arbeiter, der die Bedeutung der Wahlkämpfe im „bürgerlichen Klassenstaat“ unterschätze, laufe auch Gefahr, die „entscheidenden revolutionären Aus ei nan der set zungen mit der herrschenden Klasse“ zu unterschätzen. Wer meine, eines Tages werde es schon irgendwie „losgehen“, verkenne, dass auch Revolutionen organisiert werden müssten. Wahlkämpfe würden zwar nicht die Schicksalsfragen des deutschen Volkes entscheiden, doch bildeten sich in ihnen bereits die Fronten und der Auftakt des „großen Befreiungskampfes“. Ihre politische Bedeutung für das Proletariat erfordere, alle vorhandenen Mittel und Kräfte aufzubieten: „Mobilisiert die letzten Reserven! Wahlkampf ist Klassenkampf!“662 Kennzeichnend für die Wahlkampforganisation der KPD war neben der Tendenz zur Zentralisierung und Vereinheitlichung durch spezielle Rundschreiben der Berliner Parteizen tra le an die Bezirke und Ortsgruppen eine parallel laufende Dezentralisation bei der technischen Herstellung des Propagandamaterials: „Initiative von unten“ lautete hier das Prinzip der KPD vor dem Hintergrund ihrer innerparteilichen Bolschewisierung. Schon im Herbst 1924 sollte den Richtlinien der Parteizen trale zufolge auch das Schwergewicht der Wahlpropaganda auf und in die Betriebe gelegt werden: In Anknüpfung an die „unmittelbarsten politischen und ökonomischen Erfahrungen der Belegschaft“ seien neben der mündlichen Bearbeitung der Arbeitskollegen und den Flugblättern kommunistische Betriebsversammlungen die wirksamsten Mittel663. Weil das „Reichswahlkomitee“ der KPD noch 1924 fast das gesamte Material für die Reichstagswahlen 1924 produzieren (und finanzieren) musste, versuchte die Parteileitung, diese Arbeit mehr auf regionale und lokale Agit- 224 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik prop-Ausschüsse zu verteilen. Vor dem 20. Mai 1928 forderte die Zentra le, dass jede Betriebs- und Straßenzelle der KPD in eigenen „Agitprop-Werkstätten“ den größten Teil des Wahlmaterials selbst anfertige, wozu ein Vervielfältigungsapparat gehöre, „der mit etwas Geschick im Basteln anstatt eines teuren, fertiggekauften, mit geringen Mitteln überall in Betrieb gesetzt werden kann“664. Einfallsreichtum und Kreativität der einfachen Parteimitglieder auszunutzen war nicht nur Wahlkampfstrategie, sondern schon ein von der ab 1924 akuten Finanzknappheit der KPD diktiertes Gebot. Gemäß der Auffassung von Kunst als „Waffe im Klassenkampf “ bildeten sich im Umfeld des von Willi Münzenberg aufgebauten Pressekonzerns so genannte Arbeiterkorrespondenten und -zeichnerbewegungen. Als neuartiges Arbeitertheater entstanden „Agitpropgruppen“, die zum größeren Teil aus Laien bestanden und deren Themen direkt aus der politischen Praxis genommen wurden. Bereits im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 seien dem Bericht der Zen tra le zufolge „gewisse neue Methoden der Agitation und Propaganda“ mit Erfolg angewandt worden, namentlich Mittel der propagandistischen Kleinarbeit wie Straßenpropaganda, Rote Landsonntage oder die Transparentpropaganda, mit denen die KPD vielerorts in den letzten Tagen vor der Wahl das Straßenbild beherrscht habe665. Weil die KPD der finanziellen Mitteln ihrer Gegner entbehre, die sich „aller Möglichkeiten der Technik und Reklame“ bedienten, so das Wahlhandbuch der Zentral-Agitprop im Frühjahr 1928, komme es für sie um so mehr da rauf an, unter Heranziehung aller Funktionäre und Anhänger andere, neue „proletarische Formen der Agitation“ zu finden. Für den Reichstagswahlkampf wollte die Zen tra le deshalb ausdrücklich kein Schema vorschreiben, sondern den Organisationen lediglich „Anregungen“ geben. Die Wahlpropaganda sei gerade dadurch am wirksamsten, dass sie überall der jeweiligen Umgebung angepaßt werde, „dass wir durch das reichhaltige Agitationsmaterial, das unsere Genossen in jedem Ort, jedem Betrieb, ja in jedem Häuserblock selbst herstellen, die allgemeinen Losungen und Parolen mit der örtlichen Lage in konkrete Verbindung bringen können“. Worauf es ankomme, sei nicht bloß die Ausführung zen tra ler Beschlüsse, sondern die „politische Konkretisierung der allgemeinen Linie der Partei entsprechend den besonderen lokalen, wirtschaftlichen, politischen Verhältnissen“ und vor allem „lebendige, aktuell eingestellte Agitation“666. 225 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Wie vorbildhafte und vor allem „kostenlose Straßenpropaganda“ aussah, illustrierte eine im Frühjahr 1924 vom Reichs-Wahlkomitee veröffentlichte Broschüre mit Fotografien und Zeichnungen. Im Rahmen der lokalen Verhältnisse und Möglichkeiten sollten die Kommunisten nach diesen Anleitungen vor Ort ähnliche Propaganda machen – nicht selten an der Grenze der Legalität. Gleich das erste Bild zeigte, wie am zweckmäßigsten das wilde Ankleben von Wahlplakaten zu bewerkstelligen sei. Auf anderen Fotografien waren Wagenkolonnen mit Fahnen und Transparenten, Wandzeichnungen oder Hofagitation und ausgefallene Kostümierungen zu sehen, wie auch wandelnde Litfasssäulen oder einfach das Zeichnen eines Sowjetsterns auf dafür geeignete Flächen667. Auf dem X. Parteitag der KPD im Juli 1925 in Berlin wurde ihre zentra le Propagandaarbeit für die mittleren Jahre festgeschrieben. In einer von der parallelen Reichs-Agitprop-Konferenz verabschiedeten Resolution zur Durchführung von Kampagnen definierte man diese als eine „konzentrierte Organisationsform, die unter einheitlicher Losung von den in Frage kommenden Parteiorganen für eine bestimmte Zeit“ geführt werde. Eine Kampagne dürfe nicht endlos sein, sondern müsse stets ein „festes organisatorisches terminmäßiges Ziel“ und ein solches Maß an Kräftekonzentration und Planung aufweisen, dass die Resolution ausdrücklich den Vergleich mit einer „militärischen Operation“ und der Präzisionsarbeit des Generalstabes einer Armee zitierte668. An der bisherigen Kampagnenführung der KPD wurde vor allem der Dualismus zwischen allgemeiner Parteipropaganda und der speziellen Agitation einer Kampagne kritisiert. Statt Wahlkämpfe nur als die „zen tra le Spitze“ der Parteiarbeit zu betrachten, stellten viele Funktionäre noch vor Wahlen die sonstige Agitation ein, darin den Sozialdemokraten ähnlich, die Wahlen als „höchste Aktion des Klassenkampfes“ betrachteten. Es sei aber grundsätzlich falsch, beim zeitlichen Zusammentreffen verschiedener Kampagnen eine zugunsten der anderen aufzugeben, vielmehr gelte das Prinzip: „Die Reichstagswahl schließt Gewerkschaftsarbeit nicht aus, sondern die Gewerkschaftsarbeit ist die Voraussetzung für gute Erfolge zur Reichstagswahl“669. Bezüglich der Vorbereitung von Kampagnen betonte die Resolution, dass alle Parteiorganisationen und Mitglieder sowohl mit den konkreten Inhalten als auch mit den technischen Abläufen vertraut gemacht werden müssten. Die Anwendung der verschiedenen Agitationsmittel müsse planmäßig und aufeinander abgestimmt sein, ob es sich nun da- 226 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik bei um die mündliche Agitation, die Versammlungstätigkeit, die He rausga be von Plakaten und Flugblättern oder De mons tra ti o nen handle. Ausgangspunkt jeder kommunistischen Werbearbeit sollten stets die täglichen Ereignisse sein, die den Arbeitern bekannt und vertraut seien. Die Gegnerbekämpfung dürfe nicht an „Ideologien“ anknüpfen, sondern müsse die „soziale Struktur“ des Gegners zum Ausgangspunkt nehmen. Generell wurde die Forderung laut, die Agitationsmittel der KPD zu verbessern und endlich den Konkurrenzkampf mit der „kapitalistischen Werbearbeit“ aufzunehmen670. Die erste größere Parteiaktion seit dem missglückten „deutschen Oktober“ von 1923 und anschließenden Parteiverbot, während dessen die Organisation der KPD fast zusammenbrach, war der Reichstagswahlkampf im Frühjahr 1924, in dem wieder breitere Mitgliederkreise aktiviert wurden. Erstmals übernahm die bereits im September 1923 bei der Berliner Parteiführung eingerichtete Zentral-Agitprop, die aus dem Abteilungsleiter, dem Sekretär, einem Stenotypisten und einem Boten bestand, die „Leitung der gesamten Agitation und Propaganda“ für das Reich, das hieß Herstellung und Versand sämtlicher Drucksachen, von Bildmaterial, Plakaten und Flugblättern, aber auch Lichtbildern oder Klebestreifen. Neben der Kontrolle der technischen Propaganda hatte sie zudem den Aufbau und die Arbeit der regionalen Organisationen zu lenken671. Die Parteileitung berief nach der Reichstagsauflösung im März 1924 ein 20-köpfiges Zentralwahlkomitee, aus dem wie de rum ein kleineres, achtköpfiges Arbeitskomitee gebildet wurde, mit Hermann Remmele als erstem Vorsitzenden und Wilhelm Pieck als Verantwortlichem für die „politisch-literarische Arbeit“ im Wahlkampf sowie anderen Spezialisten für die Druckarbeiten, den Versand und die Versammlungsagitation. Nach diesem Vorbild sollten in jedem Bezirk Wahlkomittees von Genossen gebildet werden. Wenn auch das Zentralwahlkomitee ihnen Propagandamaterial bereitstelle, müssten sich die Unterbezirke und Ortsgruppen der KPD „in stärkstem Maße auf die eigene Kraft einstellen“672. Zwar konnten nicht alle Pläne für den Wahlkampf im Frühjahr 1924 umgesetzt werden, doch gelang es den Kommunisten immerhin, neben den Druckschriften – darunter 13 Wahlflugblätter in einer Gesamtauflage von 5,3 Millionen Stück, wogegen sich die acht Plakate mit 380 000 Stück bescheiden ausnahmen – noch Diapositive für Kinopropaganda und Lichtbildvorträge, 13 Referentenmaterialien und 2,4 Millionen Klebezettel sowie 1 300 Schablonen herauszugeben. Dieses zen tra le Wahl- 227 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen material eignete sich zwar für die mit der Reichstagswahl zusammenfallenden Kommunalwahlen in Preußen, doch für die Landtagswahlen in Bayern am 6.  April musste noch Material vor Ort hergestellt werden673. Ihren eigentlichen Höhepunkt erreichte die Kampagne der KPD gegen die mittlerweile vom Reichstag angenommenen Dawesgesetze im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924, den sie unter der Parole „Zuchthauswahlen“ stellte und der mit einer Mitgliederwerbeaktion gekoppelt wurde: „Für jeden proletarischen Gefangenen zehn neue Kämpfer“. Speziell für dieses „Amnestieaufgebot“ ließ die Zen tra le unter anderem 70 000 Widmungsblätter für Neumitglieder sowie 300 Leninbilder zur Belohnung für Genossen drucken, die mehr als zehn neue Mitglieder warben674. Zusammen mit den Materialien für die am gleichen Tag abgehaltene Landtagswahl in Preußen gab die Zen tra le der KPD im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 insgesamt Drucksachen in einer Ge samtaufl a ge von 32,7 Millionen Stück heraus. Wiederum dominierten mit einer Auflage von 14,5 Millionen eindeutig die Flugblätter. Erstmals überschritt jedoch die Zahl der Plakate knapp die Millionengrenze, während die Ziffer für „instruktives“ Material auf 122 000 stieg. Damit sei der Reichstagswahlkampf vor dem 7. Dezember 1924 zur „größten organisatorischen Leistung“ der Partei im Berichtszeitraum 1924/25 geworden, so der Parteitagsbericht. Allerdings hätten die Betriebszellen noch keinen wesentlichen Einfluss ausüben können, obwohl in Gebieten mit fortgeschrittener Umstellung der Organisation eine „sehr deutliche Belebung der allgemeinen Partei- und Wahlarbeit“ festzustellen gewesen sei. Zen tra le Propagandamaterialien könnten jedoch immer nur Unterstützung und „Zuschuss für das Bezirksmaterial“ sein, weil es nicht möglich sei, lokale Ereignisse von Berlin aus angemessen zu würdigen. Aus den Kampagnen 1924/25 müssten daher alle Parteiorganisationen die Lehre ziehen, „die Arbeit auf den verschiedensten Arbeitsgebieten unter einheitlichen Parolen terminmäßig festzulegen, planmäßig durchzuführen und miteinander zu verbinden“675. Die Agitpropabteilung beim ZK konnte dem Parteitag 1929 berichten, welchen Aufschwung die Wahlarbeit der KPD in den zurückliegenden Jahren genommen hatte. Den Erfolg am 20. Mai 1928, als man über eine halbe Million Stimmen dazu gewinnen konnte, verdanke die Partei nicht zuletzt der Tatsache, dass sie „für solche Kampagnen alle modernen Agitationsmittel (Film, Grammophon, Propagandaautos, Theater- 228 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik aufführungen, lebendige Ausgestaltung des Straßenbildes usw.)“ auszunutzen gelernt habe676. Allein die zen tra le Agitpropabteilung gab zu den Reichs- und Landtagswahlen im Frühjahr 1928 insgesamt 26 Flugblätter in einer Auflage von 26,2 Millionen Exemplaren, 1,2 Millionen Stück von 24 Plakaten, 22 „Traktätchen“, das waren kleinformatige Flugschriften, in einer Auflage von zwei Millionen heraus, des weiteren 17 verschiedene Matern von Wahlzeitungen an alle Druckereien der KPD im Reich sowie 115 Bildmatern, Handbücher zur Reichs- und Landtagswahl, 29 Klebestreifen und 25 verschiedene Klebemarken in je zwei millionenfacher Auflage, 1 000 Gummistempel mit zehn verschiedenen Wahlsprüchen, schließlich drei Wahlfilme in 37 Kopien, fünf Bildbandstreifen in 391 Kopien sowie 13 Grammophonplatten in einer Auflage von 6 300677. Die Richtlinien der KPD-Zen tra le für die Wahlpropaganda konzentrierten sich auf die Arbeit in den Betrieben, angefangen von der „Fließband-Agitation“ in Großbetrieben – das heißt dem Ankleben von Zetteln, die auf dem Fließband von Mann zu Mann weiterliefen −, dem Anschreiben von Parolen mit Kreide oder Farbe an zen tra len Punkten des Betriebes, bis hin zur erfolgreichsten Methode, der „persönlichen, individuellen Bearbeitung der Kollegen, die Agitation von Mund zu Mund“678. Hinsichtlich der Wohnbezirks- und Straßenpropaganda empfahl das Handbuch der Zen tra le die Einrichtung von Agitationslokalen (meist in den bereits vorhandenen Parteilokalen), von denen aus die planmäßige Bearbeitung der einzelnen Häuserblocks, Straßen, Lokale und Plätze geschehen könne. Als Anlauf- und Sammelstellen für Wahlhelfer und das in den Agitprop-Werkstätten hergestellte Material sollte schon durch ihre Dekoration der werbende Charakter zum Ausdruck kommen, im Innern durch Bildplakate oder Statistiken an den Wänden, Schaubilder oder schriftliches Material, so dass eine „kleine Ausstellung“ zu sehen sei. Aus jeder Arbeiterwohnung sollten während des Wahlkampfes Plakate oder rote Fahnen hängen, in den Fenstern möglichst Lichttransparente angebracht, bei Dunkelheit durch Kerzen oder, wo vorhanden, durch elektrische Lampen beleuchtet, rote Stoffstreifen mit den Wahlparolen der KPD quer über die Straße gespannt werden679. Zur Straßenagitation zählte die KPD-Zen tra le im Frühjahr 1928 auch öffentliche Musikkonzerte von RFB-Kapellen und Arbeitergesangvereine oder Umzüge durch die Straßen mit Musik, Transparenten und Sprechchören. Da die bildliche Darstellung oft größere Wirkung erziele als Wort und Schrift, setzte man vermehrt auch Bildplakate sowie „figürliche Dar- 229 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen stellungen“ durch kostümierte Agitationstruppen oder Plakatkolonnen ein, wobei jeder Träger einen Buchstaben trug, die dann in richtiger Reihenfolge die kommunistische Parole wiedergaben. Die Aufmerksamkeit der Bevölkerung werde leicht auf solch „wandelnde Plakatsäulen“ gelenkt, wenn sie in größerer Anzahl hintereinander durch die Straßen marschieren würden: „Schon weil unmittelbar vor der Wahl auch der Gegner auf der Straße auftritt, müssen wir zeigen, dass die Straße uns gehört“680. Generell fällt an diesen Ratschlägen der KPD zur Wahlpropaganda die Möglichkeitsform auf, in der sie geschrieben sind und die da rauf hindeutet, dass der Organisationsstand die Durchführung nicht im beabsichtigten Maße erlaubte. Ausdrücklich sollten aber die „Sympathisierenden“ in die Wahlarbeit miteinbezogen werden. Bei ihrer Anwerbung ging die KPD nicht planlos vor, sondern anhand von Adressenlisten, so genannten Sympathisierenden-Karthotheken, die auf die einzelnen Parteimitglieder nach Häuser- oder Straßenblocks zur Bearbeitung aufgeteilt wurden. An jeden Genossen und Sympathisierenden in Berlin erging Ende April 1928 der Appell, sich zu den „Hausagitationssonntagen“ morgens um 9 Uhr in den Parteilokalen einzufinden. Außer dem zentra len „Wahlmanifest“ der KPD, ihrer „Massenliteratur“ und den Wahlzeitungen des Bezirkes, die in der Regel zum Preis von fünf Pfennig verkauft wurden, sollten noch ein „Maiabzeichen“ für zehn Pfennig bei der Hausagitation in stärkstem Maße eingesetzt werden sowie Sammellisten, Sammelbüchsen und Wahlfondsmarken zu 10 und 20 Pfennig, da die Partei allein für Berlin „100 000 Mark Wahlpulver“ brauche. Planmäßig müssten alle Betriebe in größeren Städten von Parteigenossen durch Heraus ga be von Flugblättern und Zeitungen, ihre Verteilung in und vor den Betrieben, Einberufung von Betriebsversammlungen oder Versammlungen mit Lichtbild- und Filmvorträgen bearbeitet werden. Entsprechend den Weisungen der Zen tra le stellte die Berliner Parteiorganisation im Frühjahr 1928 für die letzte Wahlkampfwoche einen detaillierten „Arbeitskalender“ auf. Der letzte Sonntag vor der Wahl wurde zum „Groß-Werbe- und Sammeltag“ erklärt. In jedem Ort seien gemeinsame Abschlussdemonstrationen möglichst aller kommunistischen Organisationen zu veranstalten, vom RFB, den Turnvereinen bis hin zum Radfahrerklub. Der Donnerstag vor der Wahl, zugleich ein Feiertag (Christi Himmelfahrt), sollte besonders der Landagitation dienen. Schon am Vorabend müssten die Ausflügler an den Bahnhöfen bearbeitet werden, anderntags dann in den Ausflugslokalen und Laubenkolonien. Am 230 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Freitag stand die große Abschlusskundgebung der KPD im Sportpalast auf dem Plan, parallel dazu Wählerversammlungen in den Außenbezirken Berlins. Ein genauer „Aufmarschplan“ für die anschließende Demonstration wurde in der Roten Fahne veröffentlicht. Der Samstag sollte vor allem zu weiteren De mons tra ti o nen genutzt werden, während der Wahlsonntag völlig verplant war: „6–10 Uhr Plakatstehen an Ausflugsbahnhöfen, 8–12 Uhr Haus-, Hof- und Straßenagitation, 7 Uhr Treffen im Agitationslokal. Schlepperdienst – Platzkonzerte des RFB – Dienst vor und im Wahllokal – Abends Wahlkundgebungen in allen Verw.[altungs]-Bezirken mit Bekanntgabe der Resultate“. Alle verfügbaren Musikkapellen des RFB und der Arbeitergesangsvereine sollten ab dem frühen Morgen Umzüge veranstalten. Damit sie dann den ganzen Tag für die Wahlarbeit zur Verfügung stünden, wurde den Mitgliedern nahegelegt, sofort nach Öffnung der Wahllokale wählen zu gehen. Vor allen Lokalen müssten rechtzeitig Plakatträger und Agitatoren der KPD stehen: „Während des ganzen Wahltages müssen alle Agitationskolonnen mit Wagen, Fahrrädern, Transparenten, Plakatsäulen usw. ständig auf den Stra- ßen sein“681. Dass die Durchführung eines Reichstagswahlkampfes von der KPD- Führung generalstabsmäßig geplant wurde, zeigen die Richtlinien der Zen tra le vom Sommer 1930. Erste Maßnahmen nach der Reichstagsauflösung waren die Sitzungen der Parteileitungen, die Aussprache mit den Vertretern der Massenorganisationen, sodann die Festlegung der Wahllokale, Aufstellung der Arbeitspläne und Anweisungen für Werbe- und Sammelaktionen in den Bezirken. Für die dritte Wahlkampfwoche standen Sonderaktionen wie die Antikriegsdemonstration der KPD auf dem Plan. Während auf dem Lande die Rednereinteilung und Beschaffung der Wahllokale zu geschehen habe, Agitpropgruppen und Musikkapellen mit dem Üben begönnen, wurden in den Sekretariaten der Parteileitungen die Kandidatenlisten vorbereitet. Für die vierte Wahlkampfwoche war neben diesen Vorbereitungen die Mobilisierung vor allem der Massenorganisationen eingeplant, der Druck der zen tra len Wahlmaterialien, die Einrichtung der Wahllokale, sowie allgemein die „Verstärkung schwacher Punkte, Heranziehung neuer Kräfte“. In der folgenden Woche sollten „Instrukteure“ der Berliner Zen tra le die Wahlvorbereitungen der Bezirke kontrollieren, bevor drei Wochen vor der Wahl der Wahlkampf „auf der ganzen Front“ einsetzen würde. Die Einsichtnahme der amtlichen Wählerverzeichnislisten in der gleichen Woche stell- 231 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen te die „Generalprobe unseres Wahlapparates“ dar, bei der etwaige Mängel entdeckt und beseitigt werden könnten682. Die Appelle zur verstärkten Dezentralisierung der Wahlpropaganda mussten den gleichzeitig starken dirigistischen Eingriffen der Berliner Zen tra le widersprechen, welche die Tatkraft der Genossen vor Ort lähmte, deren eigenständige Wahlkampfführung nur auf technischem Gebiet opportun war. Ungeachtet der früheren Appelle zur lokalen Selbstinitiative geriet die Parteileitung im Sommer 1930 in die Verlegenheit, den Bezirksorganisationen ausdrücklich eine „unkontrollierte Verlagstätigkeit“ verbieten zu müssen, weil die zen tra le Agitation nicht einheitlich zu führen sei, wenn die Bezirke zu viel eigenes Material herausgäben683. Besonderes Kennzeichen des Reichstagswahlkampfes der KPD vom Sommer 1930 waren die „roten Wahlausschüsse“, die überall als „Einheitsfrontorgane des revolutionären Proletariats zur Organisierung des politischen Massenkampfes“ gebildet werden sollten. Sie hatten die Aufgabe, als Voraussetzung für „rote Wahlhelfergruppen“ in allen Stadt- und Ortsteilen Agitationslokale einzurichten, möglichst in der Nähe von Betrieben, Stempelstellen oder an wichtigen Verkehrspunkten. Die roten Wahlhelfer konnten wie de rum zum Schutz der Agitationslokale, der Transparente, Plakate sowie der Versammlungen und De monstra ti o nen herangezogen werden. Für besonders erfolgreiche rote Wahlausschüsse stiftete die Zen tra le in Berlin Buchpreise zur „Förderung eines gewissen revolutionären Wettbewerbs“684. Bei der Kritik des Reichstagswahlkampfes vom Sommer 1930 stellte das ZK der KPD dennoch fest, dass die „Verbindung des Wahlkampfes mit der außerparlamentarischen Massenmobilisierung absolut ungenügend“ gewesen sei. So sei es während des Wahlkampfes nicht gelungen, größere Streikbewegungen auszulösen. Ein Grund dafür sah man in der fast ausschließlich auf Wohngebiete konzentrierten Wahlagitation der KPD, der geringen Anzahl von Betriebsversammlungen, womit die regionalen Parteileitungen gezeigt hätten, dass der Betrieb immer noch nicht im „Brennpunkt ihrer Politik“ liege685. Dementsprechend setzte der Arbeitsplan der Zen tra le für den Reichstagswahlkampf im Sommer 1932, durch den alle Bezirksleitungen, Redaktionen und Leitungen der Massenorganisationen instruiert wurden, die „außerparlamentarische Zielsetzung“ von vornherein strikt fest. Die Zusammenfassung der werktätigen Massen zu einer „großen zen tra len Manifestation“ am Wahltag sollte gemäß der „Methode der möglichsten Dezentralisation“ gesche- 232 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik hen, eben der Verlegung des propagandistischen Schwerpunkts auf und in die einzelnen Betriebe, Stempelstellen und Bevölkerungsschichten686. Für einen „sachlichen Kampf der Geister“ – Zur Wahlkampfführung des Zen trums Der Übergang vom Obrigkeitsstaat zur Demokratie war für die Zentrumspartei Anlass gewesen, eine Reform zumindest der zen tra len Führungsstrukturen in Angriff zu nehmen. Als Kern einer zukünftigen neuen Organisation wurde im November 1918 das Reichsgeneralsekretariat in Berlin gegründet, das in den 1920er-Jahren unter Führung von Heinrich Vockel für die Koordinierung der zen tra len Propaganda und Organisation zuständig war. Aufgrund der ungenügenden Mitgliederstrukturen blieb das Zen trum auch während der Weimarer Re pu blik wesentlich auf die vielfältige Unterstützung der katholischen Verbände angewiesen. Der 1921 gegründete Reichsverband der deutschen Windhorstbünde stellte die gerade in Wahlkämpfen wichtige Verbindung zu den mehr als eine Million Frauen und Männern sicher, die in den kirchennahen Jugendorganisationen aktiv waren687. Die mangelhafte Parteiorganisation des Zen trums, insbesondere das Fehlen eines flächendeckenden Ortsgruppennetzes, stellte auch nach 1918 ein ungelöstes Problem dar und ihr planmäßiger Ausbau eine ständig angemahnte Forderung. In Diasporagebieten trat die Partei nach wie vor selbst in Wahlzeiten nicht in Erscheinung. Erschwerend für den massendemokratischen Konkurrenzkampf wirkten sich traditionelle Vorbehalte gegenüber neuen Werbemethoden und eine daraus resultierende Farblosigkeit der Propaganda des Zen trums sowie das Fehlen einer un mittelbar von der Partei wirtschaftlich abhängigen Presse aus688. In einem 1925 wiederaufgelegten parteioffiziösen Organisationshandbuch wurde unter Berufung auf die „ruhmreiche Vergangenheit“ des Zen trums dringend ein Ausbau der Parteiorganisation und des Vertrauensmännersystems gefordert. Das „religiös-apologetische und sozial-aufklärende Gebiet“ sollte ganz dem Katholischen Volksverein überlassen werden, damit sich das Zen trum strikt auf seine politischen Aufgaben konzentrieren könne: „Eine ersprießliche Parteiarbeit ist nur möglich, wenn eine gut ausgebaute und mit reichlichen Mitteln ausgestattete Bezirks- und Wahlkreisorganisation die Parteiarbeit bis in das letzte Dorf hineinträgt und befruch- 233 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen tet“. Vorrang müsse die Gewinnung neuer Anhänger, die „Kleinarbeit gut geschulter Vertrauenspersonen“ sowie die „ständige Werbung für die Parteipresse“ haben. Als Kern neuer Ortsgruppen würde sich aber insbesondere auf dem Lande noch die Geistlichkeit empfehlen, wobei es dem Weimarer Zen trum vor Reichstagswahlen schwer fiel, diese für seine Wahlkämpfe unverzichtbare Unterstützung des Klerus und der katholischen Vereinsvorsitzenden einzuholen689. Dass vor dem Krieg noch kein „moderner Parteiapparat“ geschaffen worden sei, so Parteivorsitzender und Reichskanzler Marx auf dem Parteitag des Zen trums im Oktober 1924, habe der Auffassung entsprochen, „gemeinsame Weltanschauung und liebevoll gepflegte politische Tradition“ genügten, um der Partei einen Platz in der „politischen Arena“ des Deutschen Reiches zu sichern690. Vom Gegner, namentlich der Sozialdemokratie zu lernen, stellte einen ständigen Appell in der Propagandaarbeit des Zen trums dar, das neidvoll auf die über Mitgliederbeiträge getragene Finanzierung und die „materielle Opferwilligkeit“ ihrer Anhänger blickte. Was man der sozialdemokratischen Organisationskraft entgegensetzen konnte, war die religiöse Disziplin der eigenen Anhänger, an die vor Wahlen auch ganz bewusst appelliert wurde, etwa in Form von „zehn Geboten für Zen trumswähler“, deren erstes Gebot sei, ihre „Pflicht“ zu tun, die Kirche zu besuchen und wählen zu gehen. Wahlkämpfe bestritt das Zen trum stets in der Überzeugung von „der vaterländischen Notwendigkeit ihrer Politik und im Vertrauen auf die bewährte Treue ihrer Wähler“, so eine Entschließung nach der Reichstagsauflösung im Oktober 1924691. Analog zu dem Selbstverständnis einer Partei der politischen Mitte und der sozialen Versöhnung stand das Zen trum parteipolitischer Propaganda grundsätzlich skeptisch gegenüber. Da sie das harmonische Bild der angestrebten „Volksgemeinschaft“ in Frage stellten, wurden Wahlkämpfe allenfalls als notwendiges, zeitlich möglichst zu begrenzendes Übel akzeptiert, ihre verzerrt wahrgenommenen „Auswüchse“ jedoch schärfstens verurteilt. Der „Kampfcharakter“ jeder politischen Wahl, so eine für das Zen trum typische Verlautbarung, bestimme auch die Propaganda der Parteien, zumal es um die „Beeinflussung von Massen“ gehe. In Wahlzeiten würden zwangsläufig gröbere Mittel als sonst in der Politik angewandt: „Die Sprache der Agitation wird massiver, die Kritik am Gegner wird schärfer“. Falsch sei die selbst in bürgerlichen Kreisen anzutreffende Auffassung, die Auswüchse im Wahlkampf damit zu ent- 234 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schuldigen, dass man sagt, „im Kriege – und Wahlkampf sei eben Krieg! −“ sei jedes Mittel erlaubt. Vielmehr stelle sich die Frage, „ob ein Kulturvolk wie das deutsche es mit seiner Würde vereinbaren kann, dass in den wenigen Wochen des Wahlkampfes eine Verhetzung der Volksgenossen, eine persönliche, verletzende Bekämpfung der politischen Gegner untereinander, ein wilder Kampf mit allen, selbst den skrupellosesten Mitteln“, sich ausbreiten dürfe. Nein, lautete die Antwort, Wahlkampf sei kein Selbstzweck, schließlich müsse man sich doch nach der Wahl zur „sachlichen Arbeit“ zusammenfinden. Jede „unwürdige und exzessive Wahlmache“ würde nur eine „Vergiftung der politischen Gegnerschaften“ zur Folge haben und die unumgängliche künftige Zusammenarbeit der Parteien im „In te res se des Gemeinwohles“ erheblich behindern. Ihre „klärende, belebende vorwärts- und aufwärtsweisende Mission“ erfüllten die Wahlkämpfe aus Zen trumssicht freilich nur, insofern sie die eigene „Front der sachlichen Arbeit“ verstärkten692. Dem Ideal eines friedlichen, vorwiegend mit publizistischen Mitteln ausgetragenen „Kampfes der Geister“ entsprach im Zen trum die letztlich realitätsferne Ansicht, bei Wahlen und der Wahlentscheidung dürfe es nicht auf die „Reklame“ ankommen, sondern nur die „sachliche Arbeit“ und Leistung einer Partei „im Dienst am Staat“ beurteilt werden. Stets habe das Zen trum „opferwillig“ in allen Ministerien seit 1919 mitgearbeitet, lautete der rote Faden, der sich einem Generalmotto gleich durch seine Wahlpropaganda zog. Dem eigenen Appell an die „politische Vernunft“ des Wählers wurden die demagogischen „Taschenspielertricks“ der Gegner warnend gegenübergestellt693. Bis in die dreißiger Jahre hinein beschränkte sich das Zen trum nicht zuletzt infolge solch weltanschaulicher sowie finanzieller Gründe in Reichstagswahlkämpfen weitgehend auf traditionelle Werbemittel wie die Presse beziehungsweise Zeitungen, Broschüren, Versammlungen und Flugblätter in zudem vergleichsweise niedrigen Auflagen. Während andere Parteien mit Werbefilmen, musikalischen Vortragsabenden und „einer Zehntausende verschlingenden Lichtreklame“ arbeiteten, lasse sich die Politik des Zentrums, so das Reichsgeneralsekretariat Ende November 1924, schon mit viel weniger „Tamtam“ propagieren694. Nicht zuletzt an den Wahlplakaten der Zen trumspartei könne man erkennen, dass „bei der Werbekunst ohne Umschweife die Einstellung auf die Massenpsychologie so wichtig [sei] wie die Wahrung der rein künstlerischen Aufgabe, und dass fernerhin neben dem Werbezweck kulturelle Ziele erreicht werden mit künst- 235 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen lerischer Durchdringung des öffentlichen Lebens. Das Gute spricht immer für sich, gerade auf dem Gebiet der Wahlpropaganda“695. Während in Diasporagebieten selbst vor Reichstagswahlen nicht einmal Versammlungen des Zen trums stattfanden, legten nicht zuletzt die Parteifinanzen seiner Propaganda selbst in Hochburgen wie Düsseldorf enge Grenzen auf. Im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 verteilte das Zen trum dort immerhin 740 000 Flugblätter, konnte dafür aber im Unterschied zum Frühjahr keine eigene Wahlzeitung mehr herausbringen. Schon zaghafte Versuche, sich propagandistisch stärker auf die Bedingungen der Massendemokratie einzustellen, wurden dabei zudem von rechtskatholischen Kreisen als unchristliche Wahlkampfmethode kritisiert696. Scheiterte das auch finanziell begründete Bemühen, den Wahlkampf dadurch abzukürzen, dass man Auflösung und Neuwahl recht nahe zusammenlegte, mahnte das Zen trum dafür um so nachdrücklicher zur „sachlichen“ Führung des Wahlkampfes. Diese sei in Deutschland keineswegs selbstverständlich, weil das Reich in parlamentarischen Begriffen als „jung“ gelten müsse. In Ländern mit eingespielten demokratischen Gewohnheiten sei die „Sachlichkeit des Wahlkampfes“ schon deshalb größer, weil dort die Parteien von der Wählerschaft erfahrungsgemäß nachhaltiger an ihre Versprechungen erinnert würden: „Wieviel Gift würde aus den parlamentarischen und Wahlkämpfen verschwinden, wenn diese Mahnung, die doch nur ein Gebot der Klugheit ist, allgemeine Beachtung fände!“697 Vor dem Hintergrund solcher Grundstimmung, wonach den Wahlkämpfen an sich wenig politischer Stellenwert einzuräumen sei, entwickelte das Reichsgeneralsekretariat unter der Leitung Vockels in den 1920er-Jahren eine um so beachtlichere Aktivität. Mittels der sich vor Reichstagswahlen häufenden Rundschreiben verständigte es sich mit den Ortsgruppen und der Partei nahestehenden Zeitungsredaktionen im Reich, die zumindest im Ansatz auf eine einheitliche Linie festgelegt werden sollten, etwa wenn es galt, eine zentral in Berlin hergestellte Wahlzeitung oder ein letztes Flugblatt zu einem bestimmten Termin reichsweit erscheinen zu lassen. Angestrebtes Ideal war, dass die Propaganda überall in „lokaler Einstellung“ vorbereitet, das Wahlmaterial aber vom Reichsgeneralsekretariat zentral herausgegeben werde. Zugunsten grö- ßerer Zentralisierung forderte die Berliner Parteileitung etwa vor den Wahlen am 7. Dezember 1924 alle Organisationen auf, das zen tra le Hauptwahlplakat zu kleben, wobei den finanzschwachen Ortsgruppen eine 236 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik spätere Bezahlung erlaubt und denen, die besonders geldknapp seien, die Plakate sogar kostenlos zugeschickt würden. Den Anhängern des Zen trums müsse im Wahlkampf ein Gefühl der Sicherheit und überall wenigstens ein Zeichen der Parteiexistenz gegeben werden: „Mancher mag zweifelnd zu solch äußerlicher Parteiarbeit stehen und der Meinung sein, der gute Gedanke setzt sich von selbst durch. Doch in der heutigen geistig leicht beweglichen Zeit, wo wenige sich der Mühe des Nachdenkens unterziehen, wird eine erfolgreiche Wahlarbeit nicht ohne Werbetrommel geleistet werden können“698. Die Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft zur Wahlarbeit spielte im Zen trum keine große, etwa der in den Linksparteien vergleichbare Rolle. Auch bei dieser Art der Binnenpropaganda grenzte man sich von den „marktschreierischen“ Methoden anderer betont ab. Rekrutierungsprobleme von Wahlhelfern schien es ohnehin dank der Unterstützung aus den katholischen Vereinen in der Regel nicht zu geben. Zwar sei die Freimachung von freiwilligen Hilfskräften für die Wahlarbeit, die Heranziehung der Jugend und nicht zuletzt der Frauen wichtig, aber: „Die wichtigste Waffe im Wahlkampf ist die Zen trumspresse, die viel mehr verbreitet werden muss. Ebenso notwendig ist auch die Stärkung der Parteikasse, denn ohne große Geldmittel lässt sich der Wahlkampf nicht führen“699. Unmittelbar nach der Reichstagswahl vom 4. Mai 1924 wandte sich Generalsekretär Vockel mit einem Rundbrief an die Parteiorganisationen sowie die dem Zen trum nahestehenden Geistlichen, um Erfahrungen und Lehren aus der Wahl zu erörtern. Mithilfe eines Fragebogens wurde unter anderem nach der Stimmung in der Bevölkerung vor der Wahl geforscht, auch danach, ob und wie sie sich bis zum Wahltag verändert habe, dabei aufgegliedert nach einzelnen Berufs- und Wählergruppen sowie hinsichtlich bestimmter Themenbereiche. Auch wollte die Parteizen tra le die Zahl der Agitatoren vor Ort wissen, wie sie sich bewährt hätten und welchen Berufen sie angehörten, wie die Zen trumspres se gearbeitet habe sowie mögliche Gründe für Erfolg oder Misserfolg der Partei in dem jeweiligen Bezirk. Ganz am Schluss des Fragebogens stand die Frage nach den Lehren für die zukünftige Agitation und wie sich die Bezirke die künftige Zusammenarbeit mit der Reichsparteileitung wünschten700. Inwieweit sich die aus solchen Umfragen gewonnenen Erkenntnisse auf die Wahlkampfführung des Zen trums auswirkten, lässt sich nicht sagen, zumal keine Antwortschreiben überliefert sind. Für den alles in 237 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen allem überraschenden Reichstagswahlkampf im Herbst 1924 werden sie mit Sicherheit nicht zu Konsequenzen in der Wahlarbeit geführt haben. Eine längerfristige Vorbereitung war dem Zen trum erst wieder vor der vierten Reichstagswahl im Frühjahr 1928 möglich. Bereits die Tagung der Parteibeamten vom 19./20.  April 1927 in Köln beschäftigte sich kurz mit den „Methoden des nächsten Wahlkampfes“, wobei Reichsgeneralsekretär Vockel da rauf hinwies, dass im Reichstagswahlkampf „Bildpropaganda (Tabellen, Kurven, Bilder)“ eine größere Rolle spielen werde701. Das Referat zum Thema Parteiorganisation hielt der Reichstagsabgeordnete Georg Schreiber, Professor für Kirchengeschichte in Münster, dessen kulturpolitische Schriften einigen Einfluss auf die Wahlpolitik des Zen trums ausübten. Nach wie vor fehle ein gleichmäßiger Ausbau der Unterbezirke sowie eine planmäßigen Führung der Agitation, so Schreiber. Gerade in Wahlkämpfen entwickle sich vielmehr immer noch ein „zeit- und geldraubender Wettstreit um die Gewinnung einiger weniger beliebter Rednerpersönlichkeiten“ zwischen den Bezirken. Durch die unbedachte Übernahme amerikanischer Propagandamethoden seien die Finanzen der Partei nach 1918 in einen andauernden „trostlosen Zustand“ gebracht worden, während zugleich die Organisation lange Zeit so desolat war, dass die Parteiarbeit mitunter von Schulkindern verrichtet werden müsse und keinerlei Zahlen über den Mitgliederstand des Zen trums vorlägen702. Für die auf den 8./9. September 1927 nach Mönchengladbach anberaumte Organisationskonferenz stand die Vorbereitung der nächsten Reichstagswahlen ganz oben auf der Tagesordnung. In dem von Vockel am 23. September ausgefertigten Sitzungsbericht waren die vom Reichsgeneralsekretariat geplanten Wahlmaterialien aufgelistet, angefangen von einer Broschüre zur Zen trumspolitik seit 1919, einem allgemeinpolitischen Flugblatt, ein Plakat in Normalgröße und im Postkartenformat, Informationsberichte sowie „Merkzettel“, die verschiedene Einzelheiten „in Angriff und Verteidigung“ behandelten und auch in Matern zum Nachdrucken durch die Organisationen bezogen werden konnten. Zur Propaganda in Zeitungen wurde wieder das Pressebüro Krauss herangezogen, ein in Berlin ansässiger „Politischer und Parlamentarischer Pressedienst“, der tägliches Wahlmaterial in Form von kleinen Aufsätzen oder Kästchenpropaganda an die befreundete und neu trale Presse weiterleitete, aber etwa auch gematerte Karikaturen anbot. Hinsichtlich der Frage, wie das zentral herausgegebene Material „bis in die letzte Orts- 238 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik gruppe“ gelangen würde, entschied sich die Parteibeamtentagung auf Vorschlag Vockels dafür, dass das Reichsgeneralsekretariat zunächst Proben an die für die Verbreitung verantwortlichen Landesgeneralsekretariate versenden würde, die dann wie de rum das Material den Ortsgruppen offerierten703. Auf der Konferenz des Parteivorstandes mit den Wahlkreisvorsitzenden, die im März 1928 anstelle eines ursprünglich geplanten Reichsparteitages stattfand, war man sich einig, im kommenden Wahlkampf verstärkt Bildagitation und technische Hilfsmittel einsetzen zu müssen, namentlich illustrierte Wahlzeitungen sowie Werbefilme. Trotz aller Zentralisierungsbemühungen der Parteiführung wurde aber auch der Reichstagswahlkampf 1928 regional mit unterschiedlicher Intensität geführt. Um wenigstens ein „reibungsloses Zusammenarbeiten zwischen Landesparteileitung und Bezirks- und Ortsgruppenleitung“ herbeizuführen, hatte das Zen trum immerhin in einzelnen Ländern einheitliche Richtlinien für die Wahlpropaganda festgelegt704. Nach dem enttäuschenden Ausgang der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 wurde innerhalb der Zen trumspartei heftiger als je zuvor über die Formen und Mittel der Wahlpropaganda gestritten. Der Partei habe, hieß es auf der Tagung des Parteivorstandes mit den Landesvorsitzenden und Parteisekretären am 1. Juni 1928 in Berlin, im zurückliegenden Wahlkampf an einer „zugkräftigen Parole“ gefehlt. Der Grund dafür sei, dass das Zen trum vor 1918 in erster Linie eine „kulturpolitische Partei“ darstellte, sich aber jetzt auch auf „das rein Politische und das rein Wirtschaftliche“ einzustellen habe. Eine „scharf herausgearbeitete politische Idee, ein klares politisches Programm“ wären das wirksamste Mittel gegen die stark auftrumpfenden Splitterparteien gewesen. Von dem oberschlesischen Reichstagsabgeordneten Pfarrer Carl Ulitzka kam hingegen die für den klerikalen Flügel des Zen trums typische Kritik, zu sehr nach „amerikanischen Muster“ Propaganda betrieben zu haben: „Autofahrten mit Renommier-Zen trumsleuten, Kinovorführungen u. dgl. widerspricht unserer Weltanschauung. Zu häufige Versammlungen lähmen das In teres se; wenige grosse, gut vorbereitete Zen trumsversammlungen beleben die Agitation. Kleinarbeit – wie Hausagitation – wirken besser als viele Versammlungen. Den Mitgliedern der einzelnen Stände und Berufe müssen kleine Drucksachen über die den Stand betreffenden Fragen ins Haus geschickt werden“. Scharf kritisiert wurde andererseits, dass die „besseren Stände“ und auch die Geistlichen nicht genügend mitarbeiteten, worüber sich eine lebhafte Diskussion über ihre Stellung zur Zen trumspartei 239 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen entspannte. Die Beiträge schwankten zwischen der Beobachtung, dass einerseits gerade die jungen Geistlichen sich vom Zen trum entfernten sowie andererseits dem Bericht des Pfarrers Ulitzka, wonach in Schlesien nur der Klerus die „Situation gerettet“ habe705. Auch das Zen trum konnte sich spätestens Anfang der 1930er-Jahre nicht mehr der allgemeinen Tendenz entziehen, die Wahlkämpfe einheitlicher und mit sorgfältiger logistischer Vorbereitung in Form von „Kampagnen“ zu zentralisieren. Die vom Reichsgeneralsekretariat der Partei vor den Juliwahlen 1932 herausgegebenen Richtlinien geben Zeugnis von dem Streben nach Professionalisierung in der Wahlarbeit. Sie wurden nach „eingehenden Vorbereitungen“ der Reichs- und Wahlkreisführungen Anfang Juni für reichsweit verbindlich erklärt, nicht ohne zu betonen, dass selbstverständlich die „besonderen Bedürfnissen“ der einzelnen Gebiete auch jetzt noch je „besondere“ Kampfmethoden erforderten. Ab Sonntag, dem 3. Juli 1932, also genau vier Wochen vor der Wahl, sollte die öffentliche Wahlpropaganda des Zen trums beginnen, mit großen Kundgebungen in allen Teilen des Reiches, die von den Landesund Provinzialverbänden nach einem „genauen Plan“ festgelegt würden. Um die Finanzierung des Wahlkampfes zu sichern, wurde ein öffentlicher Spendenaufruf des Zen trumsvorsitzenden in der Presse vereinbart. Alle da raufhin eingehenden Gelder würde das Reichsgeneralsekretariat direkt den Landesverbänden zuleiten. Bittschreiben einzelner Ortsgruppen müssten ignoriert werden, weil die Verteilung der Gelder von den Landesverbänden „geordnet“ vorgenommen werden müsse. Im übrigen sei notwendig, dass alle Ortsgruppen möglichst bald auch selbständig Sammlungen einleiteten sowie bei Großkundgebungen Eintrittsgelder erhöben706. Der erwähnte Spendenaufruf des Parteivorsitzenden Prälat Kaas vom Sommer 1932 war symptomatisch für das Verhältnis des Weimarer Zen trums zum Wahlkampf. Durch die Schuld der Gegner seien „die Massen zum so und sovielten mal den aufwühlenden Wirkungen eines sinnlosen Wahlkampfes“ ausgesetzt, der nicht ein „Kampf der Geister“ zu werden drohe, sondern eine „‚Materialschlacht‘ großen Stils“707. Überblickt man die Wahlkampfführung des Zen trums in den 1920er- Jahren, so erscheint sie in erster Linie als eine Geschichte von Defiziten und Versäumnissen. Diese wurden zwar vom Reichsgeneralsekretariat unter Vockel gesehen, konnten aber gegen die strukturellen Mängel in der Parteiorganisation nicht überwunden werden. Technische Hilfsmittel, derer sich selbst die anderen bürgerlichen Parteien wenn auch zag- 240 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik haft bedienten, stießen im Zen trum auf generelle und sittlich begründete Widerstände gegen jegliche „amerikanische“ Methoden in der Wahlarbeit, die geradezu als moralisch verwerflich erschienen. Es ist wohl nur der starken Verankerung im katholischen Milieu und der Mithilfe der katholischen Vereine zuzurechnen, dass das Weimarer Zen trum überhaupt zu größeren Wahlkampfaktionen fähig war, die sich freilich auf die Presse sowie die Versammlungs- und Flugblattagitation in den katholischen Kerngebieten konzentrierten. Zur Frage der Modernität der NSDAP-Propagandatechnik Der Nationalsozialismus gilt der Forschung gemeinhin als Verkörperung eines neuen Stils der propagandistischen Massenbeeinflussung, der freilich in den 1930er-Jahren nur deshalb solche großen Erfolge feiern konnte, weil er geschickt an Traditionen in der politischen Kultur Deutschlands anzuknüpfen verstand708. Apostrophierungen der NSDAP als Propagandabewegung, deren in vieler Beziehung subversive Taktik und Politik vor 1933 durch ein „Primat der Wahlwerbung“ geprägt gewesen sei, betonen die hohe Bedeutung der Reichstagswahlkämpfe für den Aufstieg Hitlers, auf deren Bühne sich das „visuelle und verbale Alphabet der nationalsozialistischen Konterrevolution“ inszenieren ließ709. Die Organisation der Wahlpropaganda und der Hitler-Kundgebungen wurde mit dem Durchbruch der NSDAP als nationale Massenpartei 1929/30 zur Hauptaufgabe aller Ortsgruppen und SA-Stürme. Überall warben die einsatzwilligen Nationalsozialisten mit Lautsprechern und Flugblättern für die Auftritte ihres „Führers“, um dann als „Statisten die sinnfällige Kulisse einer kampfbereiten Gefolgschaft“ zu bilden. Das Organisationsgeflecht der NSDAP glich dabei, so Hans Mommsen, bald einem „riesigen Werbeunternehmen, das geradezu kapitalistischen Wachstumsbedingungen unterlag“710. In der Debatte um das Verhältnis von Nationalsozialismus und Modernisierung etablierte sich die Forschungsmeinung, wonach in der Führung der NSDAP modernes, zweckrationales und technokratisches Denken dominierte. Zum Gemeingut der Weimar-Forschung gehört, dass die „Technikbegeisterung der Nationalsozialisten und ihre Ausnützung moderner technischer Mittel in den Wahlkämpfen vom Flugzeug bis zu Film und Radio“711 ein Zeichen, wenn nicht gar dynamisches Element 241 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen der Modernisierung in der Weimarer Gesellschaft darstelle. Ihre „Organisation des permanenten Wahlkampfes“ nach 1929 sei innovativ und modern gewesen, vor allem die „zen tra le Propagandasteuerung“ der NSDAP und der „Einsatz neuester Technik“. Jürgen W. Falter weist au- ßer auf die Werbefilme und Hitlers oft zitierten Deutschlandflug im Juli 1932 noch auf die „choreographisch durchstilisierten Inszenierungen von Massenkundgebungen sowie ein fast lückenloses, höchst effizientes Kommunikationsnetz“ hin. Nicht zuletzt die nationalsozialistische Mitglieder- und Wählerpolitik scheint aus heutiger Sicht eine frappierende Modernität zu kennzeichnen. Keine andere Weimarer Partei habe ihre Wahlkämpfe derart „perfekt und konsequent auf die jeweiligen lokalen Verhältnisse abgestellt und ihre programmatischen Schwerpunkte so virtuos verlagert wie die NSDAP“712. Da bereits reichlich zur praktischen Propaganda der NSDAP vor 1933 gearbeitet wurde713, kann hier die Betrachtung ihrer Wahlkampforganisation auf die Überprüfung der skizzierten Modernitäts-These beschränkt werden. Gegenüber den oft ohne Belege superlativisch formulierten Aussagen der Weimar-Forschung scheint angesichts neuerer Ergebnisse Vorsicht geboten, zumal gegenüber Einschätzungen wie der von Hagen Schulze, der vor dem 14. September 1930 „einen massenpsychologisch bis ins letzte berechneten Wahlkampf “ der NSDAP beobachtet, „die in Massenversammlungen, in Straßendemonstrationen, in öffentlichen Redeschlachten eine Präsenz wie keine andere Partei bewies, und deren Wahlaussage jenseits aller konkreten wirtschaftlichen und politischen Sorgen die tiefsten Tiefen der deutschen Seele berührte“714. Zu erinnern ist dagegen an die Heroisierung, welche Propaganda allgemein und speziell Wahlkämpfe in der „Kampfzeit“ durch die nationalsozialistische Literatur erfuhren715. Festzustellen ist des weiteren mit Gerhard Paul, dass es keine einheitliche Wahlkampfstrategie der NSDAP vor 1933 gab, diese sich vielmehr nach den jeweils wechselnden taktischen Überlegungen und politischen Rahmenbedingungen richtete: „Kein Wahlkampf der NSDAP vor 1933 glich in seinen Erscheinungsformen und Parolen, in seinen Zielgruppen und seinem Medieneinsatz dem anderen und doch ließen sie grundsätzliche Agitationsmuster und Gegnerprioritäten erkennen“716. Die methodische Variationsbreite der nationalsozialistischen Propagandamittel ist alles in allem eher als gering anzusehen. Die NSDAP vertraute bei weithin noch ungenügenden Organisationsstrukturen vor 242 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik 1930 im wesentlichen auf die „Wunderwaffe“ Hitler sowie auf Versammlungs- und Plakatpropaganda. Während ihr 1927 eingeleiteter Strukturwandel von der Kaderpartei zur Massenbewegung fast reibungslos glückte, erlebte die Propaganda der NSDAP allenfalls erst nach dem September 1930 die Modernisierung, die andere Weimarer Parteien wie vor allem die SPD bereits im Frühjahr 1928 durch die Verbreiterung ihres Spek trums an Werbemitteln einläuteten. In der Hierarchie der einzelnen Werbemittel besaß das „gesprochene Wort“, das heißt die Agitationsrede, den größten Stellenwert in der Propaganda der NSDAP vor 1933. Fast ebenso wichtig waren die Demonstrationsumzüge vor allem der SA im „Kampf um die Straße“. Als wichtigstes Medium der Bildpropaganda folgten die Plakate, während Symbole als Integrationsmittel nach innen und Werbefaktor nach außen genutzt wurden. Für die „Propaganda durch das geschriebene Wort“ empfahlen Wahlkampfrichtlinien der NSDAP im Sommer 1930 alle möglichen Arten von Druckschriften, Klebezetteln, Handzetteln, Flugblättern, Parteizeitungen und Büchern, Werbeheften, Plakaten, Stempeln, Briefmarken der Partei und Bildkarten, Transparenten und Werbetafeln717. Die noch vor 1924 stark umstrittene Frage der Beteiligung an Wahlen war ungeachtet der antiparlamentarischen Losungen der NSDAP nach der Neugründung im Fe bru ar 1925 im Sinne der „Legalitätstaktik“ Hitlers beantwortet, der die Parole von der „Parlamentspartei aus Zwang“ ausgegeben hatte718. Nach Vorbild der KPD versuchten die Nationalsozialisten, alle verfügbaren Energien auf die politische Werbung zu konzentrieren, logistisch sorgfältige Kampagnen zu planen sowie unkonventionelle Werbemethoden, kurz, die Mobilisierung der Wähler quasi als Selbstzweck zu betreiben. Wie für die Kommunisten war ihr äußeres Erscheinungsbild und nicht zuletzt der Stil der Wahlkampfführung auch für die NSDAP in besonderem Maße ein Mittel der Abgrenzung gegen- über den etablierten „alten“ Weimarer Parteien. Typisch eine Rede Hitlers vor dem 20. Mai 1928: „Vor der Wahl raffen sich die anderen Parteien plötzlich auf und lassen einige ihrer ‚Kanonen‘ auf die Wähler los. […]. Wie machen die bürgerlichen Parteien ihre Wahlarbeit? Sie bezahlen sie! Und wie machen unsere Jungen die Wahlarbeit? Das können sie nicht verstehen, dass Menschen fähig sind, für eine Sache, die ihnen zum Ideal geworden ist, sich einzusetzen, ohne das geringste zu bekommen“719. Nicht nur als propagandistische Bühne, sondern auch als Einnahme- und Finanzierungsquelle waren Wahlkämpfe für die NSDAP bald 243 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen unentbehrlich. In der Ausschöpfung ihrer kommerziellen Möglichkeiten erwiesen sich Nationalsozialisten als überaus geschäftstüchtig und erfinderisch. Insbesondere der Münchener Parteiverlag versuchte durch den Verkauf von Schriften und anderem Material im Wahlkampf auf seine Kosten zu kommen. Parteigenossen in kleineren Orten Bayerns, die noch ohne eigene Ortsgruppe waren, offerierte der Völkische Beobachter „Wahl-Werbepakete“, das Kilo für nur zwei Mark. Im „Nazisportversand“ Paul Arendts aus Sulzbach wurden Hausfahnen aus Baumwolle, „farbecht und billig“, Fahrrad-Wimpel, Tischstandarten und Papier-Wahlfähnchen angeboten, Letztere für 1,50 Mark die 50 Stück720. Aber auch die Partei selbst war in den 1920er-Jahren auf die Gelder aus dem Verkauf von Wahlmaterialien an die Anhängerschaft zur Finanzierung ihrer Kampagnen angewiesen. Standen der Parteileitung keine Mittel für die zen tra le Durchführung des Wahlkampfes zur Verfügung, erschien eine Sondernummer des Völkischen Beobachters, welche die Aufrufe und Flugblätter enthielt, die von den Parteiorganisationen im Reich auf eigene Kosten zu verbreiten waren. Dazu sollten sich in sämtlichen Orten Wahlausschüsse und „Propagandazellen“ bilden, deren Pflicht es war, mindestens 20 Mark zu sammeln und dafür 10 000 der durch den Völkischen Beobachter oder die sonstigen völkischen Organe angezeigten Aufrufe als Flugblätter drucken zu lassen und zu verteilen. Der NSDAP stünden nicht die Mittel des „Großkapitals“ zur Verfügung, sondern nur der „ehrliche Wille“ sowie der „Opfersinn“ ihrer Anhänger721. Diese Praxis der lokalen Selbstinitiative und des Handels mit Wahlmaterial wurde auch später beibehalten722. Hitlers Konzept, die Parteiarbeit der NSDAP auf die Mitglieder- und Anhängerwerbung zu konzentrieren und ihr so den Charakter einer reinen Wahlwerbeorganisation zu geben, setzte sich nach 1925 nur langsam durch. Die Organisation der NSDAP ließ zunächst weder eine zen tra le Propagandasteuerung noch eine schlagkräftige überregionale Wahlkampff ührung zu. Die neue Reichspropagandaleitung musste dazu stets Hitlers „tiefe Abneigung gegen jede bürokratische Politik-Planung“723 mit in Rechnung stellen. Erst Anfang der 1930er-Jahre erhielten die Reichstagswahlkämpfe der NSDAP einen stärker zentralistischen und professionellen Charakter. Gerhard Paul unterscheidet hinsichtlich der Reichspro pa gandaleitung vier Phasen: zunächst eine Zeit pragmatischer Selbstbeschränkung bei bescheidenen Möglichkeiten vor allem der Versammlungspropaganda und noch geringer, regional begrenzter Organi- 244 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sation in den Jahren bis 1923. An das Parteiverbot und die Neugründung schloß sich die Phase der Konzentration auf die Pressepropaganda in den Jahren 1925/26 an, die wie de rum abgelöst wurde durch die Phase der Bürokratisierung unter der neuen Reichspropagandaleitung von Gregor Strasser und Heinrich Himmler, dessen Idee der „Propaganda kon zentra ti on“, das heißt der intensiven punktuellen Werbekampagne und konzentrierten „Materialschlachten“, nicht zuletzt eine Notgeburt aufgrund der noch unzureichenden Organisationsstrukturen war. Mit dem „Organisationsplan zur Einrichtung von Propagandazellen der NSDAP“ vom März 1926 begann nach Paul die Zentralisierung ihrer Propaganda724. Erst aber mit der Berufung Goebbels ist ab 1930 eine „qualitativ neue Phase“ zu beobachten, die neben forcierter Professionalisierung auch die Modernisierung der Wahlarbeit bringen sollte, deren Hauptgewicht nach wie vor jedoch den untersten Propagandaeinheiten, insbesondere der SA, zufiel: „Ein einheitliches Erscheinungsbild war gerade für den von der modernen Markenreklame inspirierten Goebbels eine zen tra le Erfolgsvoraussetzung. Einheitliche Parolen, reichsweite Kampagnen, einheitlich geführte Wahlkämpfe, für die Goebbels umfangreiche Denkschriften formulierte, die Nutzung derselben Plakate in allen Gauen waren für ihn eine Selbstverständlichkeit“. Wenn er auch weitaus größeren Wert auf Modernität legte, kann seine Angriffs- und Gefühlspropaganda doch als praktische Umsetzung der Vorstellungen Hitlers gelten. Im Übrigen machte die NSDAP-Propaganda auch unter Goebbels weiterhin ungeniert Anleihen beim politischen Gegner, indem nach dem „trial and error“-Prinzip kopiert wurde, was Erfolg versprach725. Wenn auch mit Paul das Geheimnis der Wahlerfolge der NSDAP in der „modernen Vielzahl der Propagandamittel“ gesehen werden kann726, muss doch da rauf hingewiesen werden, dass sie zumindest bis 1930 nicht als die Partei gelten kann, die zuerst „moderne“, das hieß technische Hilfsmittel wie den Film oder das Flugzeug in ihrer Wahlpropaganda einsetzte. Vorangetrieben wurde der technische Wandel während der 1920er-Jahre vielmehr – wie oben angedeutet – in erster Linie von den Parteien der gemäßigten Linken, vor allem der SPD, aber auch den Demokraten, die im bürgerlichen Lager am stärksten die Notwendigkeiten des politischen „Massenmarktes“ in die Praxis umzusetzen bereit waren. Der nationalsozialistische Propagandatheoretiker Georg Stark, als Berliner Gaupropagandaleiter ein enger Mitarbeiter Goebbels’, musste noch im Sommer 1930 in seiner Schrift über „Moderne politische Propagan- 245 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen da“ – dem ersten Heft der von Goebbels herausgegebenen Schriftenreihe und eine Art Richtlinien für die Großstadtpropaganda – an seine Parteigenossen appellieren, endlich die „modernsten Werbemittel“ wie Lichtreklame und Werbefilme in den Dienst der Wahlarbeit zu stellen727. Noch Anfang der 1930er-Jahre sah auch Goebbels selbst einen erheblichen Nachholbedarf, was die Modernität der NSDAP und ihrer Werbemittel betraf. Tatsächlich waren auch die Propagandamethoden, auf die der Reichspropagandaleiter in den „Wahlschlachten“ des Jahres 1932 zurückgreifen konnte, bereits vorher entwickelt und von anderen Parteien erprobt, während sich die NSDAP etwa bei der Filmpropaganda auch jetzt noch schwer tat. Bis zum Sommer 1930 wurde ihr Wahlkampfstil kaum von der gegnerischen überregionalen Tagespresse wahrgenommen, sieht man von der Versammlungstechnik und den politischen Gewalttaten ab. Aus heutiger Sicht muten allenfalls noch die Weimarer Reichsparteitage, die als „Propagandafeste“ durch eine Vielzahl von Medien geprägt waren, von Fackelzügen bis hin zu der für die nationalsozialistische Identität wichtigen Symbolpropaganda, die im Hakenkreuz und in den Uniformen der SA ihren stärksten Ausdruck fand, als modern an728. Die Propaganda der NSDAP müsse sich jetzt endlich, forderte Goebbels aber noch Mitte 1931, „aller Mittel modernster Technik“ bedienen: „Flugzettel, Plakate, Massendemonstrationen, Presse, Bühne, Film, Radio – alles das ist Handwerkszeug unserer Propaganda“729. Hinsichtlich der von der NSDAP selbst als modern angesehenen Propagandamethoden ist ein Artikel von Helmut von Wilucki aufschlussreich, in dem dieser seine Erfahrungen im Reichstagswahlkampf vom Sommer 1932 im Wahlkreis Süd-Hannover-Braunschweig wiedergibt. Der Wahlkampf sei insgesamt schwierig gewesen, schickt er voraus, weil die NSDAP sich erstmals in der Verteidigung befunden habe. Wilucki lobte die „sehr geschickte“ Drei-Pfeile-Propaganda der SPD, welche es verstanden habe, die „psychologischen Gedankengänge der Masse“ auszunutzen. Das Wirkungsvollste im Wahlkampf der NSDAP seien dagegen einmal mehr die Hitler-Kundgebungen gewesen, wie überhaupt alle „Kundgebungen großen Stiles“, zumal wenn ihnen De mons tra ti o nen folgten, denn: „Der SA-Aufmarsch war von jeher das beste Propagandamittel unserer Bewegung“, stellte Wilucki rückblickend fest. In der Flugblattpropaganda habe sich die NSDAP gleich den anderen Parteien stark beschränkt, vielmehr gezielt Wahlzeitungen verteilt, die auf den jeweiligen Adres sa tenkreis zugeschnitten waren. Fahnen und Transparente wur- 246 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik den im Wahlkampf vom Sommer 1932 in erhöhtem Maße mithilfe von elektrischer Beleuchtung und Lautsprechermusik eingesetzt. Die größte Wirkung der Kleinpropaganda lasse sich erzielen, wenn die „Hitlerfahne“ das Straßenbild beherrsche. Wirklich gut beflaggte Wohnviertel, in denen auch die Fahnen der Gegner das Bild zusätzlich belebten, könnten selbst bei den politisch Gleichgültigen eine gewisse „Wahlpsychose“ auslösen. Ähnlich wirkten die zu Tausenden verteilten kleinen Hakenkreuz-Papierfähnchen, die von Kindern wie Erwachsenen in den letzten Tagen vor der Wahl überall geschwenkt worden seien. Mit der erstmaligen Anwendung des Tonfilmes sowie „deutscher“ Theater- und Musikvorführungen habe die NSDAP im Sommer 1932 schließlich einen gro- ßen Schritt „zur Brechung der jüdischen Herrschaft über die Kunst und zur Wiedergewinnung der deutschen Volksseele“ getan730. Wiluckis Ausführungen offenbaren, dass die NSDAP erst im Laufe des Jahres 1932 auf dem technischen Niveau angelangt war, das – wie noch zu zeigen sein wird – andere Parteien bereits vier Jahre zuvor in ihrer Wahlkampfführung erreicht hatten. Eine Schrittmacherfunktion bei der Einführung neuer „moderner“ Propagandamittel kam ihr jedenfalls nicht zu. Modernität vermittelten ihre Wahlkämpfe allenfalls auf der Ebene der Propagandasteuerung, da die Parteiführung hier wenig Rücksicht auf regionale Besonderheiten oder Traditionen nehmen musste. Erst nach 1930 wurde die Reichspropagandaleitung der NSDAP unter Goebbels zu der bei allen Unzulänglichkeiten „einzigen professionellen Propagandainstitution“ im Weimarer Parteiensystem, „die in der Lage war, einen weitgehend einheitlichen, reichsweiten Wahlkampf zu organisieren“731. „Der Krieg muss den Krieg ernähren“ – Die Wahlwerbekosten der Parteien Der Wandel, den das Verhältnis der Parteien zu Wahlkämpfen nach 1918 nahm, lässt sich nicht zuletzt an den rasant steigenden Kosten der Propaganda ablesen. Je „massenhafter“ die Wahlkämpfe würden, desto wichtiger werde ihre „Finanzierung im großem Stil“ und damit die Rolle der Geldgeber, was wie de rum die „In te res senwirtschaft“ in den Parteien fördere, so eine offiziöse Broschüre über die Parteiprogramme vor den Reichstagswahlen im Juli 1932732. Da die Vorbereitung der Wahlhandlung zu Lasten der Staatskasse ging, entstanden den Weimarer Parteien Kosten ausschließlich durch ihre eigene Propaganda- und Werbetätigkeit. 247 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Eine Wahlkampfkosten-Rückerstattung durch den Staat wurde zwar nach 1918 in die Diskussion gebracht (etwa von Stresemann), aber nicht verwirklicht. Die „Technik der modernen Massenbeeinflussung“ verschlang freilich große Summen von Geld, die den Weimarer Parteien aus verschiedenen Quellen zufließen konnten, neben den Mitgliederbeiträgen, den Einnahmen der Parteiunternehmen – vor allem den Zeitungen – durch die Spenden von Anhängern oder bestimmten In te res senverbänden, wobei Details über die Spendenpraxis in den bürgerlichen Parteien kaum an die Öffentlichkeit gelangten733. Mit Ausnahme der SPD, die sich als einzige Massenpartei ohne Fremdspenden finanzieren konnte, schwiegen die Weimarer Parteien über ihre Finanz- und Kassensituation, sieht man von den ständigen Klagen über ihre Geldnot ab. Insbesondere die Parteien der bürgerlichen Mitte blieben nach 1918 weitgehend mitgliederschwache Honoratiorenparteien, deren Finanzierung wesentlich von den Spenden einzelner wohlhabender Anhänger, Geschäftsleute, In dustrieller oder ihrer Verbände abhing. Nur etwa zwanzig Prozent der Parteiausgaben etwa der DDP konnten durch Mitgliedsbeiträge – die in der Regel monatlich zwischen zehn und fünfzig Pfennigen schwankten – gedeckt werden. Selbst für eine solche verbandsnahe Partei wie die WP war aber mit Beginn der Wirtschaftskrise ab 1929 eine drückende Finanzmisere charakteristisch. Während die Zahlungsmoral der Mitglieder abnahm, die in speziellen „Opferwochen“ zu vermehrten Spenden aufgerufen wurden, führten ihre Abgeordneten nicht nur zehn Prozent der Diäten an die Parteikasse ab, sondern mussten viele Kandidaten ihre Wahlkämpfe mit Eigenmitteln finanzieren734. Weimarer Reichstagswahlkämpfe waren kostspielige Unternehmungen, deren Durchführung die Kassen aller Parteien regelmäßig an die Grenze der Belastbarkeit brachten. „Wahlschulden“ zu machen war auf regionaler wie überregionaler Ebene eine übliche Erscheinung, ihre Abzahlung konnte mitunter Monate beanspruchen und so die weitere Parteiarbeit hemmen. Neben den zwei großen Geldquellen der Parteien, den Beitragszahlungen, die allerdings nur bei einer echten Mitgliederpartei mit straff organisiertem Kassenwesen wie der SPD wirklich bedeutend waren, sowie den Spenden und Sammelaktionen kam angesichts der ständig steigenden Anforderungen der Wahlkämpfe eine weitere hinzu: die Kommerzialisierung der Propagandaarbeit735. Ansätze zur Finanzierung der Wahlkämpfe durch diese selbst sind bereits in den ersten Reichstagswahlkämpfen zu beobachten. Durch den Verkauf von Werbemate- 248 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik rialien, und zwar sowohl innerhalb der Partei – von der Zen tra le an die Landes- oder Wahlkreisverbände, von da wieder an die lokalen Organisationen – als auch an die Anhänger und Wähler, oder durch Eintrittsgelder bei Versammlungen, konnte ein Teil der Wahlkampfkosten sofort wieder hereingeholt werden. Zur Entlastung der Parteikassen trug auch die Zusammenlegung von Reichs- und Landtagswahlen bei, obwohl sich mitunter Kritik gegen solche „Großkampftage“ regte, an denen „im Ramsch“ zu mehreren Parlamenten gewählt werde736. Die Herkunft der gegnerischen Wahlgelder stellte einen traditionellen Topos der deutschen Parteienpropaganda dar. Obwohl sie ihre Finanzen vergleichsweise offen ausbreitete, regte vor allem die SPD die Phantasie an, da ihre Geldgeber einmal in Frankreich gesehen wurden oder sie das andere Mal aus den „gewaltigen Fonds“ der Gewerkschaften schöpfte737. Ihre vergleichsweise hohen Wahlkampfausgaben dienten den Gegnern als Beweis der „Bonzen“-These: „Über 100 Millionen Arbeitergroschen für den Wahlkampf der SPD“, meldete die DNVP im Ton der gerechten Empörung, weil jene laut Angaben ihres Jahrbuches für Wahlen in der Zeit von 1924 bis 1929 insgesamt über zehn Millionen Mark ausgegeben habe738. Von links sah sich die SPD ganz ähnlichen Vorwürfen wegen ihrer Wahlkampffinanzierung ausgesetzt, wobei die KPD die Verbindung zwischen Weimarer Staat und Sozialdemokratie hervorhob. Im Gegenzug machte diese die Wähler auf den „Stimmenkauf “ und die „Millionenkorruptionsfonds“ der In dus trie für die bürgerlichen Parteien aufmerksam, wobei sie sich nicht zuletzt auf Stresemann berufen konnte, der die Abhängigkeit der bürgerlichen Parteien vom Kapital sowie den Umstand beklagt habe, dass die In dus trie mit Geld Mandate kaufe: „Um ihre In te res sen zu wahren, werfen die organisierten Unternehmer, da sie dem geistigen Ringen, das sich während der Wahlbewegung abspielt, nichts anderes beizusteuern haben, als entscheidenen politischen Trumpf Geld auf den Tisch“. Auch zur Stärkung der eigenen „Wahl-Kriegskasse“ beschwor die SPD ein stets gleiches Szenario, dessen Idee an die oben zitierten Äußerungen Hitlers über die Andersartigkeit der NSDAP erinnern mochte: „Aus den Schweißtropfen ausgebeuteter Proletarier erpresste Millionenbeträge werden dem bürgerlichen ‚In te res sentenhaufen‘ zufließen. Redner, Zeitungsredakteure und Flugblattschreiber, die sich dem Meistbietenden verkaufen, werden davon gedungen, ‚In te res sentengruppen‘ und Kandidaten damit subventioniert, die politischen Sitten korrumpiert“739. Längst sei die „Prüderie“, 249 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen die vor 1914 in solchen Angelegenheiten noch geherrscht habe, vergessen. Dass wirtschaftliche In te res senverbände für Wahlgelder die Aufstellung von ihnen genehmen Kandidaten durchsetzen, klagte die Frankfurter Zeitung, unterscheide sich wesentlich von dem, was bei früheren Wahlen üblich gewesen sei740. Andererseits gehörte es zu den wichtigsten Stereotypen der Weimarer Parteienpropaganda, die KPD als eine rein von Moskau finanzierte und somit „undeutsche“ Partei bloßzustellen. Unter der Überschrift: „Der Rubel rollt … in die kommunistische Wahlkasse“ warb nicht zuletzt die SPD damit, weder „vom Ausland oder von Kapitalisten subventioniert“ zu werden, sondern ihre Ausgaben allein durch die „Opferfreudigkeit jedes einzelnen Sozialisten“ zu decken. Die KPD habe dagegen 4½ Millionen Mark Wahlgelder aus Moskau von der Sowjetregierung im Herbst 1924 erhalten741. Der „rollende Rubel“ wurde in der Weimarer Öffentlichkeit stets überschätzt, obwohl ab Mitte der 20er-Jahre die sowjetischen Finanzhilfen an die KPD stark zurückgingen. Tatsächlich flossen aus der Moskauer Komintern-Zen tra le in Wahrheit nur für größere Sonderaktionen Gelder nach Deutschland. Die geleisteten Unterstützungen waren freilich beachtlich und bestanden auch nicht nur aus reinen Barzuschüssen742. Weil die Zahlungsmoral der Mitglieder wenig diszipliniert war, kämpfte aber auch die KPD mit erheblichen Finanzproblemen und musste die Parteileitung vor Wahlen kräftig die Werbetrommel unter der Anhängerschaft rühren. Laut einem Bericht der Vossischen Zeitung betrugen die Kosten der KPD für den Reichstagswahlkampf im Frühjahr 1928 etwa zwei Millionen Mark, zu denen jedes Parteimitglied angeblich zehn Mark durch Sonderbeiträge beisteuerte, eine beispielhafte „Opferfreudigkeit“743. Die KPD rühmte sich selbst als die einzige Partei, die weder von Junkern und Großagrariern, der Schwerindustrie, von der Kirche oder von staatlichen Stellen „ausgehalten“ werde, sondern ihren Wahlkampf aus eigenen Mitteln finanziere. Jedes Parteimitglied wisse, dass die „sagenhaften Geldsubventionen“ aus Moskau Schwindel seien. Neben den Beiträgen, welche in drei Klassen abgestuft waren (je nach Einkommen von 5 bis 20 Pfennig im Monat), entstanden der KPD weitere Einnahmen aus den Diätenabgaben der Abgeordneten an die Parteikasse sowie Sammlungen, da sie nur ungern zu der stets heiklen Maßnahme von Sonderbeiträgen der Mitglieder griff. In erster Linie zur „finanziellen Heranziehung des großen Heeres der mit der KPD Sympathisierenden“ war der Verkauf von Wahlfonds-Marken zum Preis von 20 250 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik bis 40 Pfennig pro Stück gedacht. Immer wieder betonte die Parteileitung den Zusammenhang von Propaganda- und Sammelarbeit: „Genosse, du klagst über zu wenig Flugblattmaterial. Der Kassierer kann nur drucken lassen, wenn er Geld hat. Geld bekommen wir nur, wenn wir sammeln. Also, je stärker die Sammelarbeit, um so mehr Flugblätter haben wir für die Wahlagitation“744. Das angepeilte Sammelergebnis eines großen und mitgliederstarken Bezirks wie Berlin-Brandenburg lag im Sommer 1930 bei 100 000 Mark, während das Soll für den kommunistischen Diaspora-Bezirk Pommern schon mit 3 000 Mark erfüllt war. Von den Einnahmen mussten vierzig Prozent pauschal an die Zen tra le abgeführt werden. Anderes Sammelmaterial der Zen tra le waren Ansichtskarten, die den Bezirken für fünf Pfennig geliefert und von diesen für den doppelten Preis weiterverkauft werden konnten, sowie verschiedenfarbige Plaketten, eine für „Vollarbeiter“ zum Preis von fünfzig und eine für Erwerbslose zum Preis von zwanzig Pfennig745. Während die Massenparteien auf der Linken in erster Linie ihre Anhänger heranzogen, erhielten die bürgerlichen Parteien finanzielle Unterstützung traditionell von In te res senverbänden der Wirtschaft und der In dus trie, sei es durch ständige Wahlfonds, sei es durch besondere Spendenaktionen. Von den Geldern des „Kuratoriums für den Wiederaufbau des deutschen Wirtschaftslebens“ um den In dus triellen Carl Friedrich von Siemens – selbst Parteimitglied – profitierte bis 1920 in erster Linie die sich fast ausschließlich über solche Spenden finanzierende DDP. Nachdem diese aber ihre Rolle als bürgerliche Vormacht gegenüber der SPD verloren hatte, verteilten sich die industriellen Wahlspenden stärker auch auf die anderen Parteien des Bürgertums. Vor den Wahlen im Mai 1924 vergab das Kuratorium die ihm zur Verfügung gestellten 660 000 Mark nach dem Schlüssel 18:12:11:5 auf DVP, DNVP, DDP und Zen trum. Geschahen solche Transaktionen in der Regel unter Ausschluss der Öffentlichkeit, waren die Zeitungen während der Reichstagswahlkämpfe voll von Spendenaufrufen der Parteien an ihre Anhänger, „Opfer“ zu bringen. Im Frühjahr 1924 bat etwa die DDP um einen Beitrag für die Wahlkasse entsprechend den persönlichen Einkommens- und Vermögensverhältnissen. Erfahrungsgemäß könne von einem „pflichteifrigen Staats bürger“ verlangt werden, dass er in Wahljahren zwei Prozent seines Jahreseinkommens für seine Partei opfere: „Für jede paar Mark, die man uns gibt, können wir eine weitere Stimme gewinnen“746. 251 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Es war vor allem das Verdienst ihres langjährigen Schatzmeisters Hermann Fischer, der als Präsident des Hansabundes zahlreiche Wirtschaftskontakte knüpfte, dass sich die DDP mit Spenden in den 1920er- Jahren finanziell über Wasser halten konnte. Jeder Wahlkreis besaß zudem einige „Engel“, das heißt meist mittelständische Unternehmer, die bestimmte Kandidaten unterstützten oder für spezielle Aktionen spendeten747. Für das schlechte Abschneiden der Partei in den Wahlen vom Mai 1924 wurden jedoch die durch die Inflation zusätzlich geschwächten Finanzen verantwortlich gemacht. Im Wahlkampf hatten einzelne Abgeordnete und Kandidaten in ihren Wahlkreisen persönliche Schreiben an vermögende Parteifreunde mit der dringenden Bitte um Unterstützung verschickt. In Baden etwa wandte sich Hermann Dietrich Anfang April 1924 an ihm bekannte Fabrikanten und In dus trielle, um „wenigstens 60 000 Mark“ zusammenzubringen748. Immerhin konnte so der Wahlkampf der DDP in Baden durch freiwillige Spenden finanziert werden, ohne dass die Mittel zu einer „wirklich großzügigen Propaganda“, vergleichbar der „amerikanischen Reklame“ der Gegner, gereicht hätten, berichtete Dietrich. Auf der Vorstandssitzung am 21. Oktober 1924 bezeichnete Erkelenz die Finanzierungsfrage als eines der Hauptprobleme der Demokraten, warnte aber zugleich davor, die Macht des Geldes zu überschätzen, denn: „Herzen sind wichtiger als Geldbeutel“. Die wenigsten Wähler der DDP dächten bislang darüber nach, mit welcher „Munition“ der Wahlkampf bestritten werde. Die Opfer, die der deutsche Bürger für seine Partei bringe, seien im Durchschnitt immer noch „jämmerlich gering“. Gegen den wachsenden Verbandseinfluss bei der Parteienfinanzierung appellierte Erkelenz: „Lasst uns eine vom werbenden Idealismus durchflutete deutsche Demokratie aufbauen, die nicht eine Dienerin der In te res sen ist“749. Über die Wahlkampfkosten der bürgerlichen Parteien liegt nur noch wenig aussagekräftiges Material vor. Einem Rechenschaftsbericht ihrer Reichsgeschäftsstelle zufolge kostete der Reichstagswahlkampf der DDP im Frühjahr 1924 insgesamt 342 000 Mark. Den größten Teil davon verschlangen die Beihilfen der Parteizen tra le an die Adresse der Wahlkreisvereine mit 119 500 Mark, gefolgt von den Aufwendungen für die zen trale Plakatpropaganda mit 104 000 Mark sowie dem Posten für Flugblätter und andere Materialien, für die 68 500 Mark ausgegeben wurden. Weniger als das Porto (10 500 Mark) kosteten der Parteizen tra le die Redner, die mit 6 500 Mark zu Buche standen. Bis auf einen Restbetrag von 15 000 252 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Mark, der noch als Beihilfe an die Wahlkreise zu zahlen war, konnten die Wahlkampfkosten der Partei bis zum Juli 1924 gedeckt werden, so dass die DDP ohne Schulden aus dem Reichstagswahlkampf hervorging. Aufgebracht wurde das Geld im wesentlichen durch Sammlungen oder Zuschüsse und Spenden. Zu Schwierigkeiten war es gekommen, weil wichtige Spender wie der Großhandelsverband ihre schon zugesagten Wahlgelder – in diesem Fall immerhin die stattliche Summe von 250 000 Mark – wieder kündigten, weil sie mit dem Platz ihres Kandidaten auf der Reichsliste der DDP nicht zufrieden waren. In mühevollen Verhandlungen konnte Schatzmeister Fischer immerhin noch 55 000 Mark „herausschlagen“. Auch das Kuratorium spendete im Frühjahr 1924 bereits weniger als erwartet, und von den schließlich der DDP bewilligten 150 000 Mark behielt der Vorsitzende v. Siemens noch zwei Drittel zur Finanzierung seiner eigenen Kanndidatur in Berlin zurück. Ein „vollständiger Versager“ bei den Spenden sei, so der Rechenschaftsbericht, der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gewesen. Dieser habe verlangt, dass ein Verbandsmitglied auf aussichtsreicher Stelle der Reichsliste gesetzt werde, obwohl der Wahlkampf im Frühjahr 1924 „nicht dazu angetan sei, diesem Wunsch besonders sichtbar zu entsprechen“. Schließlich spendete der Centralverein der DDP lediglich 5 000 Mark, während viele jüdische In te res senkreise ihre Wahlgelder lieber den Rechtsparteien zukommen ließen. Voll seine Verpflichtungen erfüllt habe dagegen der Gewerkschaftsbund der Angestellten, der 25 000 Mark spendete. Aus Sondersammlungen im Anschluss an eine Sitzung des Reichsausschusses der DDP für Handel und In dus trie kamen weitere 40 000 Mark zusammen. Eine öffentliche Sammlung durch Zirkulare, die zu Spenden aufriefen, sowie ein „Bierabend“ bei Reichsminister Rudolf Oeser brachten 70 100 beziehungsweise 54 700 Mark in die Wahlkasse der DDP. Insgesamt beliefen sich die Einnahmen an Wahlgeldern auf 379 462 Mark, womit ein Überschuss von rund 35 000 Mark erwirtschaftet wurde, der für die Arbeit der Reichsgeschäftsstelle aufgebraucht werden konnte. Angesichts der leidvollen Erfahrungen mit widerspenstigen Spendern kritisierte Stephan dennoch die „untragbare“ Wahlkampffinanzierung der DDP. Nicht zuletzt die Zahlungsbereitschaft der Mitglieder sei derart unzureichend, dass „ein Wahlkampf in Zukunft einfach unmöglich wird, wenn diese Teilnahmslosigkeit des Landes den finanziellen Bedürfnissen einer Partei gegenüber sich nicht grundlegend ändert“. Drohend fragte Stephan, ob die DDP bald „ihre Existenz den Kassen einiger Verbän- 253 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen de verdanken soll, die ihrer Macht bewusst, rücksichtslos mit ihren Kandidatenansprüchen hervortreten und die Partei im Stich lassen, wenn sie ihren Ansprüchen nicht restlos Folge leistet“750. Die Partei- und Wahlkampffinanzierung der DDP blieb auch nach 1924 ein ständiges Problem, verschärft noch durch den kontinuierlichen Mitgliederschwund, was die Demokraten immer mehr von den Spenden immer wenigerer Anhänger abhängig machte. Nach den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 stand die neugegründete Staatspartei nicht nur vor einem politischen Fiasko. Durch den Wahlkampf mussten sich die Demokraten erstmals auch hoch verschulden. Da sich jüdische Geldgeber vom Antisemitismus der Jungdeutschen distanzierten und der DStP auch die großindustriellen Wahlfonds verschlossen blieben751, gestaltete sich die Finanzierung der DDP-Nachfolgepartei sehr schwierig. Aus der Geldnot machte sie eine Tugend, insofern sie sich im Wahlkampf ausdrücklich als „arme Partei“ präsentierte, die politische Gelder grundsätzlich ablehne, weil ihr Ziel gerade die Befreiung des deutschen Staatsbürgertums von der „politischen Bevormundung durch einseitig gebundene In te res senkreise“ sei752. Die drückenden Wahlschulden in Höhe von 150 bis 200 000 Mark versuchte die neue Parteiführung unter Hermann Dietrich 1930/31 durch eine Organisationsreform und vor allem die Verkleinerung des Parteiapparates abzubauen. Wenn dies auch weitgehend gelang, musste man doch feststellen, dass die „Zeit des Einsammelns großer Gelder“ aus Wirtschaftskreisen endgültig vorbei sei753. Die von der Ruhr-Schwerindustrie bereits gegen Ende des Kaiserreichs gegründete „Kommission zur Sammlung, Verwaltung und Verwendung des In dus triellen Wahlfonds“ – ursprünglich von Alfred Hugenberg geleitet – zahlte seit 1919/20 beträchtliche Summen an die bürgerlichen Parteien, in vielen Fällen zweckgerichtet für der In dus trie genehme Kandidaten. Anfang 1928 übertrugen die Ruhrindustriellen die Verwaltung dieser politischen Gelder einem geheimen Spitzengremium unter Führung des Hugenberg-Gegners Paul Reusch, der so genannten Ruhrlade. Vor den Wahlen im Mai 1928 gab sie mindestens 200 000 Mark an die Parteileitung der DNVP, fast die Hälfte der Mittel, welche diese überhaupt an Spenden für den Reichstagswahlkampf erhielt; ein ähnlicher Betrag ging an die DVP, ein geringerer an das Zen trum. Ein geheimer Sonderausschuss, der unter dem Namen „Kalle-Kreis“ die politischen Gelder der IG-Farben verwaltete, vergab pro Jahr etwa 300 000 Mark an die bürgerlichen Parteien und vor Reichstagswahlkämpfen noch- 254 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik mal ähnlich hohe Beträge – beträchtliche Summen in einer Zeit, in der das Jahresbudget einer Partei wie der DNVP in „ruhigen“ Jahren etwa eine halbe Million Mark betrug und sie in einigen preußischen Wahlkreisen den Berichten der politischen Polizei zufolge schon für 20 000 bis 30 000 Mark Wahlkampf führte. Die Großindustrie besaß im Konkurrenzkampf um günstige Listenplätze mit anderen In te res sengruppen wie Kirche und Gewerkschaft allerdings insgesamt die schlechteren Karten. Weil ihr die Massenanhängerschaft fehlte, konnte sie den Parteien keine großen Blöcke sicherer Wählerstimmen versprechen – ein nach Meinung von Henry  A. Turner entscheidender Nachteil, den die Unternehmer mehr schlecht als recht eben mit Geld zu kompensieren versuchten: „Vom Standpunkt der deutschen Großindustrie war die Wahlpolitik in der Weimarer Re pu blik bald ein Mittel, die große Zahl der Wähler, die hinter anderen In te res sengruppen standen, durch finanzielle Ressourcen auszugleichen. Sie spielten Geld gegen Stimmen aus“754. Wie alle bürgerlichen Parteien standen auch die Deutschnationalen vor dem Problem eines völlig unterentwickelten Mitgliederbeitragswesens. Nach dem Reichstagswahlkampf vom Frühsommer 1920 richtete ihre Parteileitung einen dringlichen Spendenappell an die Mitgliedschaft. Weil die Propagandakosten gegenüber früher „ungeheuer“ gestiegen seien, müsse jetzt der große, bislang noch weitgehend unangetastete „Schatz“ gehoben werden, nämlich die Finanzkraft der Mitglieder, was in erster Linie Aufgabe der Ortsgruppen und Landesverbände sei. Deren Beitragsleistungen müssten vervielfacht werden, was nicht schwer fallen solle, wenn man sich die Praxis in den Linksparteien vor Augen halte755. Auch später reichten die nur spärlich fließenden Mitgliederbeiträge der DNVP bei weitem nicht zur Wahlkampffinanzierung aus. In einem Rundschreiben eines hessischen Bezirksvorstandes zur Vorbereitung des Reichstagswahlkampfes im Herbst 1924 hieß es: „Wir haben nicht die riesigen Geldmittel, die der Terror der so genannten freien Gewerkschaften aus dem Arbeitergroschen zusammenscharrt, auch nicht die gewaltigen Summen der von der Börsenwelt ausgehaltenen Demokratie, noch die Gelder, die die Groß- und Schwerindustrie der Volkspartei zuzuführen in der Lage ist“756. Bei den Sammlungen für den Wahlfonds schreckte die DNVP aber selbst vor drastischen Mitteln nicht zurück und forderte etwa ihre Anhänger in den ländlichen Wahlkreisen beziehungsweise unter den Bauern auf, zur Finanzierung des Wahlkampfes drei Mark pro Pferd als besondere Steuer in die Wahlkasse der DNVP zu spenden757. 255 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Innerparteilich wurden die Kosten für einen Reichstagswahlkampf wie dem im Frühjahr 1928 von Parteifunktionären auf ungefähr eine halbe Million Mark geschätzt: „Wahlbedarf 450 000, Zusage westlicher In dustrie 300 000, davon 200 000 gezahlt. 269 000 seien ausgegeben und gedeckt“, notierte der deutschnationale Abgeordnete Reinhold Quaatz einen knappen Monat vor der Reichstagswahl am 20. Mai 1928758. Die BVP, die in den 1920er-Jahren ebenfalls nie eine Finanzierung aus Mitgliederbeiträgen erreichte, unternahm bei den Reichs- und Landtagswahlen den Versuch, eine Wahlumlage der Parteibezirke zu erheben: Pro abgegebener Stimme für die BVP im Dezember 1924 sollte etwa vor dem 20. Mai 1928 jeder Bezirksverband vier Pfennig an die Wahlkasse abführen759. Das gleiche Dilemma einer Wählerpartei erlebte nicht zuletzt das Zen trum, das zudem von Wirtschaftsspenden weniger profitieren konnte als andere bürgerliche Parteien und sich bei geringen Beitragseinnahmen „dauernd am Rande des Defizits“ befand760. Selbst in katholischen Hochburgen wie etwa Düsseldorf litt die Wahlarbeit unter chronischem Geldmangel und konnte die Finanzierung der Wahlkämpfe nur durch größte Sparsamkeit gesichert werden761. Nach den Reichstagswahlen vom 4. Mai 1924 bat das Reichsgeneralsekretariat die Organisationen um nochmalige Spenden zur Finanzierung der Wahl kampfkosten beziehungsweise zum Abbau der Schulden. Für die Herstellung und den Versand des zen tra len Wahlmaterials seien rund 240 000 Mark ausgegeben worden. Diesen „gewaltigen Ausgaben“ stünden bis dahin Einnahmen aus dem Verkauf von Plakaten, Flugblättern und Broschüren von nur knapp 10 000 Mark gegenüber762. Schwer hatte die Führung des Zen trums mit der Auffassung in den eigenen Reihen zu kämpfen, wonach größere Ausgaben für Wahlkämpfe nur Verschwendung und überhaupt die Wirkung von Propaganda ohnehin gering sei. Geld sei aber nötig, so ein Aufruf der Parteiführung, um die Masse der noch „Au- ßenstehenden durch die Hilfsmittel der Agitation und Propaganda“ aufzurütteln, wenn das Zen trum den Wahlkampf auch nicht mit den „kostspieligen Mitteln einer lauten Reklame“ führen wolle763. Während sich die kleineren In te res senparteien zumindest die Unterstützung der hinter ihnen stehenden Verbände vor Wahlen sicherten, litt die NSDAP in den zwanziger Jahren wie ihre bürgerlichen Konkurrenten unter chronischem Geldmangel vor allem an der Parteibasis. Für die Wahlkämpfe „finanzielle Opfer“ zu bringen, soweit es die finanzielle Leistungsfähigkeit erlaube, bezeichnete Hitler daher im April 1928 als 256 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik geradezu „moralische Pflicht“ eines jeden Parteigenossen764. Die NSDAP konnte sich in der Tat nach 1925 zum Typus der Mobilisierungspartei entwickeln, die von der SPD das System mit Parteibuch und Beitragsmarken übernahm und es erfolgreich auf ihre kleinere, jedoch im Durchschnitt finanzkräftigere Mitgliedschaft übertrug. Im Unterschied zu den bürgerlichen Parteien blieb die NSDAP daher von Spenden aus In dustrie und Wirtschaft weitgehend unabhängig. Bis zum Sommer 1932 finanzierte sie sich im wesentlichen selbst über relativ hohe Mindestmitgliedsbeiträge von einer Mark im Monat, Eintrittsgelder für Kundgebungen sowie zusätzliche Spendensammlungen unter der Anhängerschaft, aber auch diverse Unternehmertätigkeiten vor allem der SA und die erwähnte Kommerzialisierung der Wahlkämpfe, den Verkauf von Propagandamaterialien. Das Selbstfinanzierungssystem der NSDAP, das spätestens ab dem Sommer 1930 mit dem der sehr viel größeren SPD konkurrieren konnte, gab ihr stärkere finanzielle Autonomie als im bürgerlichen Parteienlager üblich. Erst nach ihrem Erfolg in den Reichstagswahlen vom September 1930 kam die NSDAP in den Genuß der von der In dus trie zugunsten der bürgerlichen Parteien gesammelten Gelder. Den Großteil der geschätzten Wahlkampfkosten in Höhe von 1,35 Millionen Mark hatte sie vor dem 14. September noch über Eintrittsgelder und den Verkauf von Wahlmaterialien hereingeholt, die in München produziert, an die Gauleitungen verkauft und von diesen entweder verteilt oder weiter verkauft wurden765. Als vorbildhaft galt den bürgerlichen Parteien nicht nur die Organisationsstruktur und das Beitragssystem der SPD, sondern vor allem auch die beeindruckende Opferwilligkeit ihrer Mitglieder. Während der sozialdemokratische Arbeiter jede Woche angeblich eine Mark an die Parteikasse abgebe, so ein Flugblatt der DVP, zahle der deutsche Bürger seinen Parteien nur ein Almosen von drei Mark jährlich. Solch kleinlicher „Bürgersinn“ schlage sich direkt im Wahlausgang nieder766. Außer auf die in der Regel sechsstelligen Beträge aus Wahlfonds der In dus trie oder der Großbanken war etwa die DVP noch auf Zuwendungen einzelner, das heißt lokaler und branchenmäßig organisierter Unternehmer angewiesen und erhielten Wahlkreisverbände noch beträchtliche Sonderzuschüsse, wenn sie industrielle In te res senvertreter an aussichtsreicher Stelle kandidieren ließen. Ihre geheimnisumwitterte Finanzierungspraxis provozierte immer wieder Spekulationen der Gegner, denen sie wie de rum mit Dementis antwortete. So trat das zen tra le Parteiblatt im Frühjahr 257 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen 1928 den angeblich weit übertriebenen Vorstellungen entgegen, die von der Größe der verfügbaren Geldmittel der DVP für den kommenden Reichstagswahlkampf existierten. Im Vergleich etwa zu den Ziffern bei amerikanischen oder französischen Wahlen könne für die deutschen Parteien allgemein gesagt werden, dass keine von ihnen auch nur annähernd an derartige Beträge herankomme. Ohne Zweifel sei aber die SPD die „kapitalstärkste Partei in Deutschland“. Allein 1926 habe sie bei einem Mitgliederstand von über 800 000 eine Einnahme von acht Millionen verbuchen können, bei einem Parteivermögen von 26 Millionen Mark, weshalb sie und nicht die DVP auch über die größten Mittel für den Reichstagswahlkampf verfüge. Lächerlich sei daher, wenn ihre Presse sich darüber errege, dass „da und dort ein industrieller Verein“ Wahlgelder für die bürgerlichen Parteien sammle. Humoristisch werde der Fall, wenn demokratische Zeitungen die Entrüstung der SPD teilten, wo doch allen bekannt sei, dass gerade die DDP mehr als jede andere Partei „auf große Summen einzelner Geldgeber“ angewiesen sei. Dennoch besitze die Frage der Wahlgelder eine „allgemeine politische Seite“. Kein geringerer als Stresemann habe schließlich davor gewarnt, dass die Geldnot der Parteien sie „unter die Botmäßigkeit weniger finanzkräftiger Leute“ bringe. Zu seinem Vorschlag, dem Staat einen Teil der Wahlkosten der Parteien aufzubürden, um den Einfluss der In te res senverbänden einzudämmen, äußerte sich allerdings selbst das eigene Parteiorgan zurückhaltend. Den richtigen Weg beschreite die DVP vielmehr, wenn sie eine „private Besteuerung“ ihrer Mitglieder je nach Leistungsfähigkeit vornehme767. Über die tatsächlichen Wahlkampfkosten von Weimarer Parteien lassen sich die detailliertesten Angaben im Falle der SPD machen. Ihr Parteivorstand verbuchte an Gesamtkosten für den Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 knapp 145 000 Mark, während die Ausgaben in den Wahlkreisen beziehungsweise Parteibezirken rund 845 000 Mark betrugen, also zusammen eine knappe Million, was den Wahlkampf in den Augen von Parteikassierer Konrad Ludwig noch als billig erscheinen ließ768. In Baden verbuchte der Kassenbericht des Landesparteivorstandes im Frühjahr 1924 auf der Ausgabenseite insgesamt sieben Posten in einer Gesamthöhe von 28 100 Mark. Das meiste Geld verschlang mit 8 700 Mark die Versammlungsagitation, ebensoviel der Druck und die Verbreitung der Wahlflugblätter. Größere Ausgaben verursachten noch die Redner und Referenten nebst Material und Fahrgeld (4 400 Mark) 258 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sowie Porto, Telephon, Telegramme (1 300 Mark), während für „Sonstiges“ knapp 5 000 Mark ausgegeben wurden. Bei einem insgesamt ausgeglichenen Wahlkonto erzielten andererseits die Sammellisten der badischen SPD mit 12 750 die höchsten Einnahmen, der Verkauf von Flugblättern erbrachte dagegen gerade eben 930 Mark. Der Etat für die Reichstagswahl im Dezember 1924 war in Baden mit 49 500 Mark fast doppelt so hoch wie im Frühjahr – Zeichen einer nach den Rückschlägen der Inflation wiedererstarkten Organisation. Während die Versammlungsagitation nun Ausgaben in Höhe von 15 300 verursachte, schlug die Flugblattpropaganda mit ziemlich genau 20 000 Mark deutlich kräftiger zu Buche. Auf der Einnahmenseite standen diesmal 24 100 aus den Sammellisten sowie weitere 9 400 Mark durch freiwillige Spenden. Zuzüglich der Reichspräsidentenwahl, die den Bezirksverband 33 100 Mark kosteten, und der badischen Landtagswahl vom 25. Oktober 1925 (45 000 Mark), hatte die Landespartei im Berichtsjahr 1924/25 Gesamtausgaben für Wahlen in Höhe von 155 700 Mark769. Die Ausgaben aller Bezirksorganisationen der SPD für Wahlen in der Zeit vom April 1924 bis Ende März 1925 beliefen sich auf 2,1 Millionen gegenüber 340 000 des Parteivorstandes bei einem Gesamtetat der Partei von 6,7 Millionen Mark770. Für die verschiedenen Wahlkämpfe des Jahres 1928 gab die SPD insgesamt 2,6 Millionen aus, davon 1,9 Millionen Mark allein in den Bezirken. Im Reichstagswahlkampf vom Sommer 1930 steigerten sich die Ausgaben der SPD dann noch einmal auf insgesamt etwa drei Millionen Mark, immerhin eine Verdreifachung der Kosten im Vergleich zum ersten Reichstagswahlkampf nach der Inflation. Von 1924 bis 1928 wurden nach parteiinternen Angaben für Wahlen einschließlich Volksentscheid und Volksbegehren für die Fürstenenteignung zusammen 8,4 Millionen Mark ausgegeben, während der Umsatz der Parteigeschäfte von 62 Millionen im Jahre 1926 auf 75 Millionen Mark im Jahre 1928 stieg. Solche „Riesenzahlen“ seien nur dank der Tätigkeit und den Beiträgen der Mitgliedermassen zustandegekommen, betonte die SPD-Führung. Einzelpersonen, die große Beträge spendeten, gebe es leider nicht, „jedenfalls nicht bei mir im Kassabuch, sondern nur in der Phantasie der Gegner“, erklärte Konrad Ludwig. So habe der Parteivorstand von den zehn Millionen der Bezirke nur seinen festgelegten Anteil von etwa drei Millionen Mark erhalten, um den obendrein stets ein „kleiner Ringkampf “ geführt werden müsse771. Die Gesamtausgaben der SPD in Baden für die Reichstagswahl im Mai 1928 lagen mit 63 220 Mark um fast ein Drittel 259 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen höher als vier Jahre zuvor. Während die Flugblattpropaganda merklich verringert wurde und der Plakatanschlag mit 2 300 Mark kaum ins Gewicht fiel, beliefen sich die Versammlungskosten, einschließlich Redner und Inseraten, auf 21 900 Mark. Nicht zuletzt der Modernisierungsschub in der Wahlpropaganda der SPD sorgte andererseits für höhere Ausgaben. Erstmals durchgeführte Filmvorführungen schlugen in der badischen Parteikasse im Frühjahr 1928 mit 7 300 Mark zu Buche, gegenüber Eintrittseinnahmen von 2 000 Mark. Neben den Porto- und Te le phonaus lagen verzeichnete der Kassenbericht für „sonstige Ausgaben, Fackelzüge, Reklamewagen“ noch 5 300 Mark. Während auf der Einnahmenseite die Zuschüsse aus der Landeskasse an die Ortsgruppen mit 15 500 Mark gegenüber dem Herbst 1924 um fast das Doppelte stiegen, erbrachten freiwillige Spenden, Sammellisten und Tellersammlungen immerhin 19 300 Mark. Hinzu kamen aus dem Verkauf von Wahlfondsmarken (à 20 Pfennig) weitere 7 200 Mark772. Selbst die mitgliederstarke und finanzkräftige SPD geriet jedoch während der Wirtschaftskrise am Ende der Weimarer Re pu blik in Geldnot. Im Sommer 1930 meldete der hessische Landesvorstand vor dem Reichstagswahlkampf, dass die letzten Wahlschulden zwar bezahlt seien, die Landeskasse aber nunmehr leer sei. Mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Notlage der arbeitslosen Genossen, denen es nicht möglich sei, die Partei im Wahlkampf finanziell zu unterstützen, erwartete die Parteiführung daher von allen, die eine „gesicherte Existenz“ hätten, einen nach Einkommen gestaffelten „außerordentlichen Wahlbetrag“773. Zunehmende Geldschwierigkeiten ließen auch die SPD Anfang der 30er- Jahre verstärkt zu dem Mittel der Wahlfinanzierung aus dem Verkauf von Propagandamaterialien greifen. Um zur „größten aller Wahlschlachten“ zu rüsten, forderte der Berliner Bezirksverband vor dem 31. Juli 1932 von allen Anhängern ein „Freiheitsopfer“, denn zum „Kriegführen“ gehöre „Munition“. Man erwartete, dass zumindest alle Mitglieder die Wahlfondsmarken des Parteivorstandes kaufen würden, da für den Wahlkampf die Devise gelte: „Der Krieg muss den Krieg ernähren“774. 260 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik „An den Einen … Und an Alle!“ – Zur sozialen Argumentation der Wahlpropaganda Ein wichtiger Aspekt der Wahlkämpfe, der von der technischen Ebene zu den inhaltlichen Aus ei nan der set zungen führt, hängt mit den soziologischen Veränderungen nach 1918 zusammen und betraf deren Auswirkungen auf die Wahlpropaganda und die Zielgruppenpolitik der Parteien. Schon Weimarer Zeitgenossen waren sich der Wechselbeziehungen bewusst, die zwischen dem Wähler beziehungsweise seiner Bewertung von politischen Themen oder Ereignissen und der Propaganda bestehen, welche die Normen und Werte der jeweiligen Partei beinhaltet775. Jede Wahlpropaganda habe schließlich zum Ziel, schrieb 1925 der liberale Publizist Waldemar Gurian, eine „möglichst große Anzahl von Wahlberechtigten zu veranlassen, im Sinne dessen zu stimmen, von dem sie ausgeht“. Durch eine mehr oder weniger ausgefeilte Suggestionstechnik werde der Kandidat mit den Wählern identifiziert. Für Gurian bestand die Aufgabe von Wahlpropaganda daher in dem „Suggerieren von Identitäten“ sowie in ihrer „restlosen Beanspruchung für eine bestimmte Partei“. Um zu wirken, dürfe sie sich nicht auf die Zeiten des Wahlkampfes beschränken, sondern müsse langfristig vorbereitet werden und an „bestehende Tendenzen“ anknüpfen, indem sie das In te res se der Wähler auf bestimmte konkrete Schlagworte und Ziele fixiere. Die Parteien wie derum identifizieren sich mit „bestimmten Ideen, Schlagworten, imponierenden Persönlichkeiten der Gegenwart und Vergangenheit“. Eine viel zu allgemeine Identität sei zum Beispiel die Tendenz der Weimarer Parteien, sich als „Volks“partei auszugeben, eine viel zu konkrete Identität dagegen etwa die der „Mittelstands“partei. Durch den je bestimmten „Aufbau der Identitäten“ zeige sich „im Wahlkampfe und in der Wahlpropaganda die Geistesstruktur des Volkes“. Die Wähler entschieden aber umso mehr nach „außerpolitischen Momenten“, je stärker die „äußeren Mittel (Plakate, Kinovorführungen, Lautsprecher)“ in den Vordergrund träten. Die Wahlentscheidung verwandle sich entweder in eine „ästhetische Angelegenheit“ oder in eine Frage nach der besten In te res sen vertre tung. Die Unterschiede zwischen den Parteien verwischten, während gleichzeitig ein „Personenkult“ an Bedeutung gewinne und der Kandidat nicht mehr als „Repräsentant einer Idee“, sondern als „geschickter Demagoge“ wahrgenommen werde, schrieb Gurian 1925 unter dem Eindruck der Reichspräsidentenwahlen. In modernen Demokratien liege 261 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen die Bedeutung der Wahlkämpfe darin, dass sie neben Volksabstimmungen einen „letzten Rest der Demokratie“ verkörperten. In der Wahlpropaganda der Parteien offenbare sich die „demokratische Identität von Volkswille und politischer Entscheidung“, die allerdings durch die Wahl selbst wieder aufgehoben würde776. Die Wahlpropaganda, soviel kann hier festgehalten werden, konstituierte sich nach 1918 tendenziell ebenso aus den Ideen und Zielen der Parteien wie aus den vermuteten Wünschen und Vorstellungen der von ihnen umworbenen Wähler und Adres sa tengruppen. Ohne dass eine demoskopische Wirkungsforschung existierte, prägten schon in den 20er- Jahren die Erwartungshaltungen und Stimmungen der Konsumenten auf dem „politischen Massenmarkt“ immer stärker die praktische Werbearbeit der Parteien, denen es in den Reichstagswahlkämpfen um Machtgewinn durch Stimmenmaximierung und damit um die Erschließung neuer Wählergruppen ging. Selbst die Kommunisten versuchten zumindest verbal nicht-„proletarische“ Schichten zu gewinnen, wenn sie auch diese Zugeständnisse an die Realität einer Wahldemokratie auf ideologischer Ebene bemäntelten. Vielen Zeitgenossen erschien die zunehmende Ausrichtung der Weimarer Parteien an den Wünschen im Wählerpublikum allerdings bereits von Übel für die politische Kultur. Es scheine mittlerweile so, dass trotz Differenzen in Einzelfragen von allen Parteien im wesentlichen dasselbe an Versprechungen in der Wahlwerbung zu hören sei, so die Frankfurter Zeitung im Sommer 1930. Die Versammlungsredner reisten in einer „Wolke von Flugblättern, Wahlzeitungen, Zeitungsaufsätzen, Matern und Plakaten“ durch das Reich, deren Inhalte stets nach einem Kollektiv zielten: „An den Arbeiter; Bauer, wach’ auf; für die Hausfrau, den Beamten, an die Herren Lehrer“. Dass es andererseits der Einzelne sei, der entscheide, sei eine Suggestion, die „aus dem Psychologischen ins Moralische umschlägt und praktisch sich bis zum Wahlzwang steigern kann, wenn sich eine gleichgeartete Gruppe, etwa die Arbeiterschaft einer Fabrik, trifft“777. Ein Hauptkennzeichen von Wahlkampfpropaganda der Weimarer Zeit war, dass sie in starkem Maße speziell an einzelne berufliche Gruppen adres siert wurde. Das im Zusammenhang mit der Debatte über einen deutschen „Sonderweg“ von Thomas Childers untersuchte soziale Vokabular der Weimarer Parteienwerbung charakterisieren ein hoher Grad von Ideologisierung und stereotype Floskeln wie der „Stand“ der Beamten, der Angestellten usw., die ihre beabsichtigte Wirkung nicht 262 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik verfehlten, obwohl sie unrealistische Vereinfachungen waren, die mit der sozialen Wirklichkeit wenig gemein hatten. Korporalistische Traditionen, wie sie sich in dem hohen Stellenwert des „Berufes“ oder des „Standes“ widerspiegelten, waren nach Childers symptomatisch für die vorindustriellen Reste in der deutschen Gesellschaft nach 1918778. Zu berücksichtigen ist, dass die Weimarer Parteipropaganda dahin tendierte, die Heterogenität ihrer Adres sa ten in der sozialen Wirklichkeit zu verschleiern und integrative Oberbegriffe zu verwenden. Schon Siegfried Neumann wies 1932 auf die berufliche Unbestimmtheit von Adres sa ten wie etwa „Arbeiter, Angestellte und Beamte“ hin. Man brauche nur die Weimarer Berufsstatistik und die tatsächlichen wirtschaftlich-sozialen Funktionen der Reichstagsabgeordneten miteinander zu vergleichen, um zu erfahren, was alles unter diese Rubrik subsumiert werde779. Als „Angestellte“ etwa konnte das gesamte berufliche Spek trum vom kaufmännischen Personal bis zum Werkmeister und Techniker bezeichnet werden, von den verschiedenen Ebenen im öffentlichen Dienst oder den Hausangestellten ganz zu schweigen780. Die „Absolutheitsansprüche“, mit denen die Weimarer Parteien ihre Anhänger weltanschaulich einzubinden und sich selbst „in der – militant und polemisch vorgetragenen – Feindschaft gegen andere“ zu definieren versuchten, erschwerten ihnen die Öffnung gegenüber neuen Wählerschichten, die zugleich Verluste an anderer Stelle bedeutet hätte. Der Begriff „Zielgruppe“, so geben Peter Lösche und Franz Walter zu bedenken, verharmlose den Sachverhalt, dass sich in Wirklichkeit nach 1918 „weltanschauliche Lager mit ihren Kirchen, Ritualen, Symbolen, mit ihren Heeres- und Agitationsformen unversöhnlich gegenüber“ gestanden hätten781. Tatsächlich resultierten im wesentlichen drei Tendenzen aus dem Bestreben der Parteien nach 1918, ihre Ziele und Programme neuen breiteren Wählerschichten über die Grenzen der sozialmoralischen Milieus hinweg schmackhaft zu machen, sich mit anderen Worten als „Volkspartei“ zu präsentieren: Zunächst eine Popularisierung in Ausdruck und Form der Wahlpropaganda, die verständlicher und deren Gestaltung abwechslungsreicher und damit interessanter für den Wähler wurde, wobei das Schlagwort und die Parole in den Vordergrund rückten, ab Mitte der 20er-Jahre dann auch verstärkt bildliche Elemente wie Zeich nungen oder Fotografien. Parallel dazu war zweitens eine Entsachlichung zu beobachten, dergestalt, dass wichtige, aber polarisierende Kernziele von den Parteien relativiert wurden, um etwa unentschiedene Wähler nicht 263 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen von vornherein zu verprellen. Drittens setzte sich gerade in der Zielgruppenwerbung der Parteien und im scheinbaren Widerspruch zu der „Volkspartei“-Ideologie eine vorher unbekannte Differenzierung durch, die das Wahlvolk nach sozialer Zugehörigkeit, Alter, Geschlecht, an erster Stelle aber nach dem Beruf oder „Stand“ unterschied. Für Thomas Childers stellt dieses „disaggregating the population by occupation“ gar eines der hervorstechendsten Merkmale der politischen Kultur der Weimarer Re pu blik dar. Zu fragen ist, ob die Parteien die gesellschaftliche Fragmentierung durch ihre berufsspezifische Zielgruppenpropaganda bewusst förderten oder ob diese in erster Linie nur einen Reflex auf die soziale Realität darstellte782. Parteiübergreifendes Merkmal der Berufsgruppenwerbung in den Weimarer Reichstagswahlkämpfen war eine „Stände“-Rhethorik, mit der an spezielle In te res sen- und Bewusstseinslagen beim Adres sa ten appelliert wurde. Anknüpfen konnte diese daran, dass auch nach 1918 vor allem in Mittelstandskreisen, aber selbst bei Arbeitern und besonders fest verankert auf dem Land noch ein zünftlerisches, aus heutiger Sicht vorindustriell-„ständisches“ Denken anzutreffen war. Zum „Mittelstand“ durfte sich dabei ursprünglich jeder zählen, der selbständig arbeitete und über gewissen Besitz verfügte. Mit fortschreitender Industrialisierung verschob sich aber die Bedeutung dieses schillernden Begriffes, während die reale Umgestaltung der alten Mittelschichten nach 1918 durch Krieg und Inflation vielfach katastrophale Ergebnisse zeigte. In die Wertvorstellungen des Mittelstandes hinein wuchs die Schar der Angestellten, deren wirtschaftliche und soziale Stellung jedoch krass ihrem Selbstbild widersprach. Um so stärker war unter ihnen die Furcht vor Deklassierung ausgeprägt. Im ganzen Mittelstand richteten sich die Aggressionen weniger gegen das Großkapital als vielmehr gegen die „marxistischen“ Parteien, die den Mittelschichten das prophezeiten, was sie am meisten fürchteten: die Proletarisierung. Die Neigung des gewerblichen Mittelstandes, seine Lebenswelt als normativen Mikrokosmos zu sehen, machte ihn zum „idealen Adres sa ten aller Volksgemeinschaftsparolen“783. Die Tatsache, dass der „neue Mittelstand“ der Angestellten keine eigene berufs„ständische“ Vergangenheit besaß, vielmehr zu einem Viertel aus der Arbeiterschaft stammte, trug dazu bei, dass die Angestellten in der Wahlpropaganda der Weimarer Parteien ein Sonderleben führen beziehungsweise zur stiefmütterlich behandelten Problemgruppe werden konnten. Ohne klare Werbestrategie ihnen gegenüber, galten die An- 264 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik gestellten etwa der SPD als „neue Proletarier“, deren sozialer Geltungsanspruch gegenüber den Arbeitern kurzerhand als „falsches“ Bewusstsein abgetan wurde784. Während unter den Adres sa tenkreisen parteipolitischer Werbung traditionell keine Berufsgruppe stärker als sozial homogene Einheit behandelt wurde als die Beamten, gehörte die Kategorie „Arbeiter“ zu den schillerndsten Berufsbezeichnungen. Nach orthodoxmarxistischer Auffassung umfaßte sie mehr als neunzig Prozent der deutschen Wählerschaft. Selbst die viel beschworene „proletarische Einheitsfront“ der KPD beinhaltete jedoch beispielsweise auch den „kleinen“ Mittelstand, während die SPD ihre Arbeiterwerbung bis auf den In dustriezweig, ja bis auf den einzelnen Betrieb hin aufgliedern konnte785. Entsprechend dem propagierten Selbstbild war die Arbeiterschaft auch die mit Abstand wichtigste berufliche Zielgruppe der NSDAP, deren Hauptadressat freilich stets das „geknechtete deutsche Volk“ blieb. Nach nationalsozialistischer Vorstellung umschloss die Kategorie der „Arbeiter der Stirn und der Faust“ die Gesamtheit aller „Schaffenden“, das heißt von Arbeitern und (produktiven) Unternehmern. Ausgegrenzt blieben lediglich die „Drohnen der Gesellschaft“, die Bezieher mühelosen Einkommens, die „oberen Zehntausend“ aus der angeblich jüdisch dominierten Großunternehmerschaft. Der Kampf gegen die „marxistische“ Arbeiterbewegung und der „Kampf um die Seele des deutschen Arbeiters“ bildeten stets eine Einheit in der nationalsozialistischen Agitation: „Die Fixierung auf die Arbeiterschaft begründete den Doppelcharakter der NSDAP-Propaganda als in ihrer Methodik und Formensprache plebejisch-revolutionär und in ihrem Inhalt antimarxistisch“786. Die Floskel „Arbeiter, Angestellte und Beamte“ diente vor allem der SPD dazu, eine mehr und mehr von der sozialen Realität abweichende In te res sen- und Klassenidentität zu beschwören, was von ihr noch in den 1920er-Jahren als die probate Agitationsmethode schlechthin betrachtet wurde. Während das Hauptgewicht der Werbung eindeutig auf den Arbeitergruppen lag, näherten sich die Sozialdemokraten den Beamten auf die gleiche ambivalente Weise an wie den Angestellten: „Teils schmeichelten sie ihnen und ließen ihre besondere In te res sen unangetastet, teils aber behandelten sie sie wie Proletarier, denen man nur noch beizubringen brauchte, dass sie es auch wirklich waren“787. Ende der 1920er-Jahre machte sich allerdings in der SPD-Propaganda eine stärkere Differenzierung bemerkbar und wurden auch andere Wählergruppen verstärkt als Adres sa ten wahrgenommen. Mit ihrem vom Kieler Partei- 265 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen tag 1927 verabschiedeten Agrarprogramm, das eine klare Abkehr von der marxistischen Theorie darstellte, kam die SPD den Bauern wie keiner zweiten Berufsgruppe außerhalb der In dus triearbeiterschaft programmatisch entgegen. Im Kampf um die „Seele des Landes“ sah sie vor den Reichstagswahlen im Mai 1928 noch „unermessliche politische Energien“ brachliegen, weniger in den bäuerlichen Schichten, an denen nur auf lange Sicht gearbeitet werden könne, als vielmehr bei den „ausgesprochenen Acker- und Fabrikproletariern in jenen Dörfern, die weitab von den großen und kleinen Zentren des Lebens“ lägen788. So intensiv sich die Weimarer Sozialdemokraten um die „Kleinbauern“ zu kümmern versuchten, so wenig vermochte ihre Wahlpropaganda auf die In te res sen und Bedürfnisse des städtischen selbständigen Mittelstandes, der Handwerker, Kaufleute und Gewerbetreibenden einzugehen, auch wenn seit 1925 eine Organisation sozialdemokratischer Kleinhändler bestand. Den Versuch der Weimarer SPD, sich in ihrer Zielgruppenpolitik von dem überkommenen Image einer Vertretung des In dus trieproletariats zu lösen und zur linken „Volkspartei“ zu werden, betrachtet die Weimar-Forschung daher im großen und ganzen als gescheitert789. Die Wahlpropaganda der Weimarer Parteien zeichnete sich bei aller Konzentration auf die einzelnen Berufsgruppen dadurch aus, dass ihre Hauptadressat stets übergeordnete, sozial wenig konkrete Konstrukte wie das „deutsche Volk“ oder die „Volksgenossen“ waren. Zumindest verbal-propagandistisch stellten sie alle „Volksparteien“ dar, eine Tendenz, die sich selbst bei einer ausgesprochenen In te res senvertretung wie der Wirtschaftspartei mit Fortdauer ihrer Existenz auf dem politischen Massenmarkt einschlich. Darin spiegelte sich unter anderem die immer wichtigere Rolle eines Adres sa tenkreises wider, der von der angelsächsischen Terminologie her als Gruppe der „floating timber“ bezeichnet wurde. Dieses „Treibholz“ der Unentschiedenen oder politisch Ungebundenen galt den Weimarer Parteien als eine „bunte, unselbständige und zugleich auch unberechenbare Masse“, die in Krisenzeiten am leichtesten von den Parolen der Extremisten erfasst werde. Nach einer Berechnung des Vorwärts wenige Tage vor der Wahl am 4. Mai 1924 hätten von den rund dreißig Millionen Wahlberechtigten etwa zwei Millionen immer noch nicht gewußt, wen sie wählen sollten. Diese Wähler, um die sich in der Schlussphase der eigentliche Wahlkampf der Parteien entspanne, „standhaft“ zu machen, konnte nach Auffassung der SPD weniger durch Flugblätter oder Versammlungen, sondern am besten durch 266 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Hausagitation, durch die persönliche Bearbeitung durch einen „gefestigten“ Mann oder eine „anständige“ Frau der Partei gelingen790. Für Carlo Mierendorff lautete die „propagandistische Hauptaufgabe“ der SPD, gerade die Wähler zu gewinnen, die der Politik im allgemeinen fernstünden, die „keine Zeitungen lesen, keine Versammlungen besuchen und Flugblätter mit der natürlichen Voreingenommenheit des Unpolitischen wegwerfen“. Etwa 80 bis 90 Prozent der Stimmberechtigten fielen in diese Kategorie der politisch Inaktiven, die in der Regel „gefühlsmäßig“ wählten, von deren Beeinflussung aber der Wahlsieg abhänge791. Einer sozialdemokratischen Analyse vor der Reichstagswahl am 14. September 1930 zufolge gab es in Deutschland vier unterschiedliche Wählerblöcke. Mit über 10,1 Millionen Stimmen die stärkste einzelne Gruppe seien im Mai 1928 die Nichtwähler gewesen, eine völlig unbekannte Größe, über deren soziale Lage, Alter oder Geschlecht man nichts wisse. Als zweite Wählergruppe wurden die Anhänger der „weltanschaulich fest gefügten politischen Bewegungen“ angesehen, das heißt von SPD, Zen trum und BVP, die zusammen 13,7 Millionen erhielten. Diese beeinflussten sich gegenseitig kaum, so dass die Fluktuation gering sei oder sich ausgleiche. Bei der dritten Gruppe von Wählern handle es sich um die von politisch-kulturellen Schwankungen abhängigen Parteien wie KPD, WP oder NSDAP, auf die im Mai 1928 zusammen 5,5 Millionen Stimmen entfielen. Die vierte Gruppe schließlich charakterisiere die Tatsache, dass sich ihre Parteien jetzt – das hieß vor dem 14. September 1930 – in Auflösung oder „struktureller Umbildung“ befänden. Gemeint war das nichtkatholische bürgerliche Lager von DNVP, DDP und DVP mit rund zwölf Millionen Wählern im Mai 1928. Von dieser Systematisierung nicht erfaßt werden könne das Treibholz der Wähler, die einmal diese, das andere Mal jene Partei „probierten“. Ebensowenig sei der Umfang der „inneren Erneuerung“ im Wahlvolk und in den Parteien genau bekannt. Jährlich seien immerhin rund 1,25 Millionen Bürger erstmals wahlberechtigt, seit 1919 also schon zehn Millionen, was ein Viertel der Wahlberechtigten im September 1930 zu „Jungwählern“ mache792. Der Generationenkonflikt und die Mobilisierung der Jugend, deren Integration in das politische System weitgehend misslang, bildete zentra le Problemfelder der Weimarer Parteien793. Vor der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 stellten die Zwanzigjährigen der Jahrgänge 1904 bis 1908, die zum ersten Mal wählen durften und deren Zahl etwa vier Millionen betrug, den „großen Unsicherheitskoeffizienten“ dar. Die generations- 267 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen bedingte Umschichtung innerhalb des deutschen Wahlvolkes, speziell die Tatsache, dass im Mai 1928 zum ersten Mal Jahrgänge wählten, „von denen keiner den Krieg an der Front miterlebt“ habe und „von denen daher auch keiner von feindlichen Kugeln dezimiert“ sei, war der DVP Anlass zu fragen, ob im Bürgertum die Bedeutung der Neu- und Jungwähler genügend erkannt worden sei. Man selbst müsse jedenfalls die „wahlpsychologisch richtige Einstellung“ zu ihnen erst noch finden. Vorteilhaft sei allerdings, dass die Jugend noch durch keine „Parteischule“ gegangen und daher bei der Werbung „sicher zugänglicher als solche Wähler [sei], die sich schon bei früheren Wahlen ‚festgelegt‘“ hätten794. Da man nicht annahm, dass sich die Jung- und Erstwähler einfach proportional auf die vorhandenen Parteien verteilen würden – „Die Jugend liebt es, eigene Wege zu gehen“ −, versuchte sich auch das Zen trum im Mai 1928 gezielt auf die junge Generation einzustellen: „So stark auch immer die Einwirkung der Tradition, des Milieus und insbesondere auch der Familie nach der politischen Seite hin sein mögen: die Jugend ist ihnen nicht so stark unterworfen, wie die politischen Parteien das vielfach annehmen mögen“795. Die wichtigste neue Adres sa tengruppe der Wahlpropaganda bildeten nach 1918 jedoch die Frauen, deren Stimmrecht noch im Kaiserreich kein zen tra les politisches Thema für die deutschen Parteien gewesen war. Lediglich die SPD trat seit 1891 programmatisch für das Frauenwahlrecht ein, wobei sie nach der Jahrhundertwende von Teilen der bürgerlichen Frauenbewegung Unterstützung erhielt796. Um so erstaunlicher mochte erscheinen, dass die Bevorzugung konservativ-klerikaler Parteien zusammen mit einer durchschnittlich geringeren Wahlbeteiligung (mit der Ausnahme 1919) als das typische ge schlechtsspezifi sche Wahlverhalten der Frauen gelten kann. Während die KPD als reine Männerpartei erschien, erreichte selbst die SPD nur unterdurchschnittliche Frauenanteile bei Reichstagswahlen. Bezüglich der liberalen Parteien hielten sich Mann und Frau in etwa die Waage, wogegen das Zen trum als ausgesprochene Frauenpartei betrachtet werden kann, wenn auch ihr Überschuss an weiblichen Wählern Anfang der 1930er-Jahre schmolz. Mit kontinuierlich steigender Tendenz wählten Frauen deutschnational, während sie gegenüber der NSDAP Skepsis zeigten und deren rasanter Stimmenanstieg erst mit zeitlicher Verzögerung auf weibliche Stimmen zurückzuführen ist. Amtliche Sonderauszählungen der Weimarer Zeit belegen, „dass Frauen sich im Durchschnitt weniger als Män- 268 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ner an der Wahl beteiligten, eher als diese religiös oder konservativ orientierte Parteien wählten und extremistischen Gruppen von links und rechts anfangs ihre Stimme versagten“797. Überzeugung quer durch alle Parteien war immer noch, dass Frauen – ähnlich wie die Jugend – anfälliger für die „leidenschaftlichen Einflüsse“ in der Politik seien. Es gehöre daher viel psychologisches Studium zur Werbung um die Stimmen von Frauen, die im Krieg als Objekt politischer Propaganda entdeckt worden und erst durch die Revolution zu aktiven Staatsbürgern geworden seien, wenn auch unter dem „Dröhnen des Wahlkampfes“ 1918/19 in einer Art „politischer Schnellbleiche“798. Männer galten schon durch ihre soziologische und berufliche Stellung als politisch in te res sierter, während die zu zwei Dritteln aus Hausfrauen bestehende weibliche Wählerschaft schwer zu mobilisieren sei, was die Werbung um Frauenstimmen aus Sicht des SPD-Politikers Carl Mierendorff zu einem „besonders viel geduld- und energieraubenden Zweig der politischen Propagandaarbeit“ machte799. Hinzu trat die weitverbreitete Auffassung, dass sich Frauen entweder mit den In te res sen ihrer Ehemänner identifizierten oder nur durch den Appell an spezifisch weibliche Themen aus den Bereichen „Kinder, Küche, Kirche“ zu erreichen seien. Das führte nach Thomas Childers wie de rum dazu, dass insbesondere die berufstätigen Frauen weniger Beachtung in der Wahlkampfpraxis der Weimarer Parteien fanden als die männlich dominierten Berufsgruppen800. Im Anhang des offiziösen Wahlhandbuchs zur Nationalversammlung im Januar 1919 beschäftigte sich Agnes von Harnack mit der Frage, wie sich die Frauen zu ihrem „neuen Recht“ stellen sollten, das sie quasi über Nacht zu gleichberechtigten Staatsbürgern gemacht habe und mit einem „Dreimillionen-Überschuss tatsächlich die Wahlen entscheiden“ lasse801. Auf den Wettkampf der Parteien um ihre Stimmen seien sie aber nur ungenügend vorbereitet. Trotz aller Reden und Lehrveranstaltungen über staatsbürgerliche Erziehung komme ja die große Masse der Frauen bereits früh ohne vertiefte Bildung aus der Schule: „Hin- und hergerissen zwischen den Programmen und Werbungen der verschiedenen Richtungen wird die Mehrzahl der Frauen schließlich dem lautesten Schreier, dem unablässigsten Werber folgen, ohne eigenes Urteil, auf bloße Autorität, vielfach auf Massensuggestion hin“. Auch werde ein großer Teil der Frauen einfach wie ihre Männer wählen, ohne zu bedenken, dass das Wort „Stimmvieh“ keinen schönen Klang habe. Nur durch 269 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen die Bildung eines selbständigen Urteils könne sich die Frau gegenüber dem „Ansturm der Parteien“ bewähren802. Ohne Richtlinien für diese neue Art der Zielgruppenwerbung zu besitzen, beschränkten sich diese in der Anfangszeit der Weimarer Re pu blik meist auf gute Ratschläge an die Frauen über den friedvollen Gebrauch des Stimmrechts sowie auf „trockene Programmreden“803. Schon vor 1914 war wirkungsvoller Teil jeder konservativen Argumentation gegen das Frauenwahlrecht, dass die politische Betätigung der Frau automatisch zur Verletzung ihrer Familienpflichten führen müsse. So versuchte es die DNVP auch im Januar 1919 wieder mit Religion, Kirche und Appellen an die Treue der Frau zu Familie und Volk. Wählen müsse sie aber gehen, weil ihr privater Haushalt vom Staatshaushalt abhänge804. Die Frauen nahmen die Chance, erstmals ihre politische Stimme zu erheben, im Januar 1919 tatsächlich in erstaunlichem Maße wahr, da von 17,7 Millionen Frauen immerhin 82,3 Prozent wählten, eine später nicht mehr wiederholte Quote. Den Slogan „Wahlrecht ist Wahlpflicht!“ propagierten die bürgerlichen Parteien auch in späteren Wahlkämpfen in dem Bewusstsein, überproportional von der weiblichen Stimmabgabe profitieren zu können. Typisch war, wie die DVP im Herbst 1924 die „Staatsbürgerinnen“ an ihre Wahlpflicht erinnerte: „All Ihr Müden, vom Kampf des Alltags Zerriebenen, die Ihr am Sonntag einen Ruhetag ersehnt und Euch nur ungern in das Getriebe des Wahllokals mengt! Rafft Euch auf! Bringt dem Vaterland ein Opfer!“805 Weil jetzt selbst die Konservativen nicht länger verschmähten, um Frauenstimmen zu werben, müsse die SPD lernen, die Demokratie „praktisch“ zu handhaben, plädierte Marie Juchacz im Mai 1920 für eine zeitgemäße Frauenpropaganda. Das hieß für sie, der „besonderen weiblichen Psyche“ im Wahlkampf das nötige Verständnis entgegenzubringen und die noch wenig geschulten Frauen, die „sehr leicht unsachlich und erbittert“ seien, in das politische Leben einzuführen806. Schien für Juchacz noch im Mai 1920 „unbegreiflich“, dass es Frauen gebe, die nicht sozialdemokratisch wählten, musste sie auf der nach den Reichstagswahlen vom Mai 1924 abgehaltenen Konferenz der SPD-Frauenausschüsse erkennen, dass gerade die DNVP bei den Frauen große Sympathie genieße. Ein Grund dafür sah sie in der verdeckten Propaganda der Konservativen, die in den zahlreichen Massenunterhaltungsblättern und vor allem auch den Kinofilmen geleistet werde. Die SPD müsse daher endlich wie die bürgerlichen Parteien das „Bedürfnis nach Abwechslung und 270 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Ausspannung“ bei den Frauen planmäßig in ihren Werbemethoden berücksichtigen807. Auch den Kommunisten blieb nicht verborgen, dass die Frauen nach 1919 größtenteils bürgerlich wählten. Erklärt wurde dies zunächst einfach damit, dass die meisten von ihnen das „würgende Fa brikelend“ nicht selbst kennengelernt hätten und deshalb auf den „kirchlichsentimentalen und national-heroischen Schwindel“ eher hereinfielen als die Männer. Schaue man sich zudem näher an, welche Frauen „national“ wählten, dann seien das einmal „höhere Töchter“, die „kritiklos bis zur Verblödung“ seien, dann „alte, treue Weibchen“, die immer noch glaubten, der liebe Gott habe für Deutschland einen Kaiser vorgesehen, sowie die „braven Eheweibchen“, deren geistiger Horizont sich zwischen Modeinteressen und der Dienstbotenfrage bewege808. Die Richtlinien der Frauenbeiräte des Zen trums, vom Reichsparteitag im Januar 1922 in Berlin verabschiedet, warnten mit der für die katholische Auffassung typischen Bemerkung vor der gegnerischen Propaganda: „Wahlzeiten sind Kampfzeiten, deren Charaktermerkmal viel fach das Häßliche, Vergiftete, Brutale ist. Gerade Frauen lassen sich durch derartige Begleitumstände oft von der Sache selbst zurückschrecken“. Richtlinie müsse sein, eine „genügende Anzahl von Frauenmandaten“ für den Reichstag aufzustellen, da die Frauen gerade im Zen trum den größeren Teil der Wähler bildeten. Um Irrtümern vorzubeugen, wurde aber versichert, dass die Frauenbeiräte des Zen trums nicht den Zweck hätten, „die weiblichen Mitglieder der Partei zu sammeln und mit ihnen gewissermaßen einen weiblichen Seitenzug zu bilden“809. Das Zen trum wollte bei der Frauenpropaganda ausdrücklich weniger wirtschaftliche oder „große politische Fragen“ in den Vordergrund stellen, sondern vielmehr die kulturellen Themen, weshalb sich für spezielle Frauenversammlungen nicht zuletzt der Geistliche oder der Dorfpfarrer als Redner empfehle: „Unsere politische Kultur hängt mehr von der Frau wie vom Man ne ab. An ihr ist es, durch lebendigen Willen, kraftvolle Überzeugung und unerschütterliches Gottvertrauen, die stärkere natürliche Tatkraft des Mannes zu stützen, aber auch gelegentlich sein Ungestüm zu zügeln“810. Das 1918 eingeführte Frauenwahlrecht zahlte sich vor allem für die christlichen und „nationalen“ Parteien der Weimarer Re pu blik aus. Nur mühsam gelang es der SPD, ihr Aufklärungsideal den realen Stimmungen und Gefühlen der Frauen anzugleichen. Der augenscheinliche Erfolg der konservativ-klerikalen Propaganda mit ihren kulturellen Stan- 271 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen dardthemen aus Familie, Kirche und Religion führte dazu, dass sich auch die Linksparteien verstärkt an die „Mütter“ und ihre emotionalen Instinkte wandten. Eine ähnliche Sonderrolle wie die Frauen konnten in der Wahlpropaganda nur noch die Jung- und Neuwähler beanspruchen, deren Zahl bei den Reichstagswahlen in den 1920er-Jahren dramatisch anstieg. Hier stand das Bemühen um Politisierung im Vordergrund der Propagandakonzepte. Insgesamt reagierten alle Weimarer Parteien auf die soziale Ausdifferenzierung des Wahlvolks mit der Tendenz, sich in ihrer Propaganda als „Volkspartei“ zu präsentieren. Hinsichtlich ihrer Wahlkampforganisation gingen sie dazu über, einerseits die zen tra len Führungsebenen auszubauen und andererseits die „Initiative von unten“ zu fördern. Das Bemühen um reichseinheitliche Hauptparolen wurde aus logistisch-technischen Gründen mit der Intensivierung der Wahlarbeit „vor Ort“ verknüpft. Den Zentralisierungsbestrebungen der Parteizentra len, welche von Berlin aus die Wahlkampfführung vereinheitlichen wollten, stand jedoch das In te res se der lokalen und regionalen Parteiführer entgegen, die „Eigenart der Verhältnisse in den verschiedenen Ländern“ auch bei der inhaltlichen Agitation zu wahren. Versuche der bürgerlichen Honoratiorenparteien, ihre Propaganda den massendemokratischen Bedingungen anzupassen, scheiterten letztlich an der Hürde ungenügender Organisationen, deren Reform aus mehreren Gründen, vor allem aber aufgrund des Mangels einer breiten und festen Massenanhängerschaft wenig durchschlagende Ergebnisse zeigte. Während die DDP immerhin nach Vorbild der SPD auf moderne Technik in ihrer Wahlpropaganda zu setzen versuchte, engagierte die DVP im Frühjahr 1928 zwar einen ausgewiesenen Reklamefachmann für den Wahlkampf Stresemanns in Bayern. Dessen Konzeption von „wertvoller“, das hieß um Qualität statt um Quantität bemühter Propaganda war jedoch von vornherein weniger auf Massenwirksamkeit angelegt. Dem kostspieligen Ausbau sowie der Modernisierung der Wahlpropaganda standen in den bürgerlichen Parteien außer „weltanschaulichen“ Gründen in erster Linie eine chronische Finanznot entgegen, die trotz großzügiger, allerdings meist zweckgebundener Spenden aus der Wirtschaft auch vor Wahlen nur selten überwunden werden konnte. Zudem sahen sie selbst die durch die Spendenpraxis wachsende Abhängigkeit von den Launen der In te res senverbände als problematisch an. Das Dilemma der bürgerlichen Parteien war, einerseits für die Gewinnung oder Verbreiterung der Wählerbasis die Propagandamethoden an die Massen- 272 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik demokratie und ihre veränderten Bedürfnisse anpassen zu müssen – schon um konkurrenzfähig zu bleiben, was bei der Organisations- und Finanzstärke der SPD und ihrer Massenanhängerschaft fast hoffnungslos erscheinen mochte −, andererseits durch den erforderlichen Mittelaufwand und bei Fehlen einer staatlichen Parteienfinanzierung stärker in Abhängigkeit von den ungeliebten „In te res senten“ zu geraten, deren Einfluss sie schamhaft zu bemänteln versuchten. Gleichwohl sorgte das Spendenaufkommen alles in allem dafür, dass sich die Parteien in den 1920er-Jahren nicht über die Maßen durch Reichstagswahlkämpfe verschuldeten. Erst wenn der Spendenfluss aus der Wirtschaft versiegte, konnten wie etwa im Falle der DStP die Wahlschulden zu einem ernsthaften Problem werden. Festzuhalten ist, dass für die Wahlkampffinanzierung der Weimarer Parteien keine einheitlichen Regeln bestanden, abgesehen davon, dass die bürgerlichen Kräfte vorrangig auf Spenden angewiesen waren, während Massenparteien wie die SPD oder (ab 1930) auch die NSDAP in erster Linie ihre Anhängerschaft zur Finanzierung heranzogen. Eingedenk der nur spärlichen Quellenangaben über Wahlkampfkosten scheint der Aufwand der SPD als der mitglieder- und kapitalkräftigsten Partei von zwei bis drei Millionen Mark für einen Reichstagswahlkampf – mit steigender Tendenz – in den 20er-Jahren von keiner anderen Partei erreicht worden zu sein. Auf Länderebene ließ sich ein mittelgroßer Parteibezirk der SPD den Reichstagswahlkampf zwischen 50 000 und 60 000 Mark kosten. Bürgerliche Parteizen tra len hatten durchschnittlich einen deutlich geringeren Wahlfonds zur Verfügung, der sich aber auch immerhin in der Größenordnung von mehreren Hunderttausend Mark bewegte. Anhand der für die SPD vorliegenden Ziffern kann festgestellt werden, dass Reichstagswahlkämpfe in den 20er- Jahren gegenüber dem Kaiserreich deutlich kostspieliger wurden und vor allem der Einsatz neuer „moderner“ Propagandamittel für kontinuierlich steigende Ausgaben sorgte. Mehr noch als von den Millionen Mark Wahlgeldern, welche die SPD regelmäßig in Reichstagswahlkämpfe investierte, profitierte ihre Propagandaarbeit nach wie vor von dem „Heer“ der freiwilligen Helfer, das mobilisiert wurde und diszipliniert zu flächendeckenden Flugblattverteilungen „antrat“ – wenn auch im Vergleich zum Kaiserreich zunehmend widerwilliger. Die mitgliederschwächere KPD musste dagegen versuchen, das Reservoir der „Sympathisierenden“ im Wahlkampf einzuspannen, wobei sie besondere Mobili sierungstechniken wie den „roten Wahlhelfergedanken“ entwickelte. Zu- 273 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen mindest hinsichtlich der theoretischen Propagandakonzepte können die Kommunisten aus heutiger Sicht als bahnbrechend gelten. Ihre originellen – wenn auch zum Teil aus der Not geborenen – Methoden der Kleinpropaganda vor Ort nach dem Prinzip der „Initiative von unten“ sowie Begriff der „Kampagne“, das hieß der möglichst zentral gelenkten und konzentrierten Propaganda, wurden von NSDAP wie SPD aufgegriffen und weiterentwickelt. Letztere kann auf der anderen Seite dank ihrer überlegenen Finanzkraft das Verdienst beanspruchen, bei der Einführung moderner Propagandamittel vor 1930 innovativ und systematisch vorangegangen zu sein, da der NSDAP noch die organisatorischen und finanziellen Grundlagen dazu fehlten. 275 Kapitel 6 „Waffen für den Wahlkampf“ – Die Propagandamittel der Parteien Bereits Anfang der 1930er-Jahre drohte in den Augen von Zeitgenossen die Wahlwerbung alten Stils – Versammlungs- und Demonstrationspropaganda sowie publizistische Medien – fast völlig durch die „modernsten Reklamemittel: Austeilung von Flugzetteln durch Flugzeuge, Verwendung von Luftschreibern, Lichtreklame, Tonfilmbühne“ verdrängt zu werden811. Auf der Betrachtung dieser neuen und als „modern“ eingestuften Propaganda und ihrer Aufnahme durch die Weimarer Parteien liegt der Schwerpunkt dieses Kapitels. Vorauszuschicken ist, dass sich politische Werbung nach 1918 in der Einschätzung und Wahrnehmung durch die Bevölkerung gegenüber der Zeit vor 1914 unterschied. In einer parlamentarischen Massendemokratie wie der Weimarer Re pu blik mussten die nach politischer Machtteilhabe strebenden Parteien, die möglichst viele Wählerstimmen gewinnen wollten, ihrer Werbe- und Agitationsarbeit mehr Bedeutung zuerkennen als früher. Eng mit dem Schock der Niederlage und dem Novembertrauma verknüpft war der weit verbreitete Glaube an die kriegsentscheidende Überlegenheit der alliierten Feindpropaganda. Daraus leitete sich wie de rum ein Glaube an die Omnipotenz oder zumindest hohe Wirkung von Propaganda schlechthin ab, der als charakteristisch für die Weimarer Zeit gelten kann812. Die deutsche Medienlandschaft durchlebte nach 1918 stürmische, zum Teil schon in den letzten Kriegsjahren einsetzende Wandlungsprozesse im Vergleich zu der noch vielfach begrenzten und disziplinierten Öffentlichkeitsstruktur des Kaiserreichs. Der Aufstieg der Presse, die sich in einer heute nicht mehr vorstellbaren Vielfalt ausformte, sowie der Siegeszug neuer Medien wie Film und Rundfunk oder auch der Plakatwerbung prägten die 276 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik politische Kultur der Weimarer Re pu blik. Detlev Lehnert spricht in diesem Zusammenhang von einer „Neuformierung der politischen Öffentlichkeit über massenwirksame Medien“813. Mit den Worten von Eberhard Kolb entstand nach 1918 eine „Populärkultur eigener Art, gekennzeichnet vor allem durch die Ausbildung jener modernen Massenmedien, die seit dieser Zeit nachhaltig das politische, das kulturelle und das Alltagsleben in Deutschland – wie in anderen In dus trie ge sell schaft en – beeinflussen“ konnten814. Während sich elektronische Kommunikationsmedien wie der Rundfunk zu Beginn der 1920-Jahre aber erst noch in der Erprobung befanden, hatten in Konkurrenz zu den Tageszeitungen, deren Auflagenzahlen und sozialer Adres sa tenkreis mit Ausnahme des Lokalanzeiger-Typus begrenzt blieben, Werbemittel wie Flugblätter und Plakate eine im heutigen Fernsehzeitalter verlorengegangene Bedeutung für die Wahlkämpfe der Weimarer Parteien815. Um so auffälliger war die gleichzeitige Geringschätzung dieser publizistischen „Massenware“ vor allem in bürgerlichen Kreisen, wo man auf das traditionelle Medium der Zeitung fixiert blieb und die „Flut der Plakate und Zettel“ ebenso lästig oder bedrohlich empfand wie das Aufkommen neuer Wahlwerbemittel. Anlässlich der Reichstagswahl vom November 1932 widersprach andererseits der Vorwärts dem „weitverbreiteten Irrtum“, dass es sich bei den modernen Propagandamethoden um eine „Errungenschaft unseres technischen Zeitalters“ handle. Jede Zeit habe vielmehr ihre Werbung – ob politisch oder wirtschaftlich – in Einklang mit dem jeweiligen technischen Fortschritt zu bringen versucht. Die Rede von den angeblich „guten alten Zeiten“ vor 1914 sei ebenso falsch wie die von den so genannten „ritterlichen“ Wahlkämpfen der Vergangenheit. Gegenwärtige Wahlpropaganda werde dabei hauptsächlich durch die drei „technischen Errungenschaften“ des Flugzeugs, des Lautsprechers und des Filmes geprägt. Nicht zuletzt an die Adresse der Kritiker ihrer kostspieligen Wahlkampfmethoden gerichtet, die angesichts Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit zunehmend in Frage gestellt wurden, prophezeite das Zentralorgan der SPD im Sommer 1932: „Die Wahlkämpfe der Zukunft werden zum großen Teil von Ingenieuren und Technikern geleitet werden. Vielleicht eröffnen sich hier auch neue, heute noch ungeahnte Be rufs aussich ten“816. Parallel zur Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie zu den Fortschritten auf den Gebieten der Technik und der 277 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Sozialpsychologie vollzog sich in den 1920er-Jahren die Technisierung und damit Modernisierung der Parteipropaganda. Eine Art negative Vorbildfunktion übte dabei für deutsche Wahlkampfstrategen die Entwicklung in den Vereinigten Staaten aus. Die kriegsentscheidende Siegermacht Amerika galt vielen Weimarer Zeitgenossen bei starken Vor behal ten ihrer „minderwertigen“ Kultur gegenüber nicht zuletzt als Heimatland der Propaganda, besser gesagt der kapitalistischen „Reklame“. Die politischen Eliten Weimar-Deutschlands blickten neidvoll bis bewundernd auf die Überlegenheit der amerikanischen Wirtschaft und die scheinbare Modernität der „amerikanischen Ideale“. In allen Bevölkerungsschichten lässt sich darüber hinaus ein Prozess beobachten, der es erlaubt, nachgerade von einer „Amerikanisierung“ des Alltagslebens in der Weimarer Re pu blik zu sprechen. Allerdings blieb diese deutsche Amerika-Begeisterung stets ambivalent und ließ mit Beginn der Weltwirtschaftskrise um 1929/30 auch rasch wieder nach817. 1926 klagte der Verleger Samuel Fischer, dass „der verlorene Krieg und die amerikanische Welle“ die Lebensauffassung der Deutschen und ihren „Geschmack“ verändert hätten818. Technik-Kult und Amerikanismus verschmolzen zu einer vagen Ideologie des Fortschritts, wobei die Technik nicht nur von einer intellektuellen Elite als Befreiungsinstrument und Amerika als Vorbild eines neuen, besseren Lebens gefeiert wurde. Schon vor 1914 hatte sich andererseits im Zusammenhang mit politischen Wahlen die Vorstellung herausgebildet, wonach unter dem Stichwort „Amerikanisierung“ die als negativ empfundenen Begleiterscheinungen einer übermäßigen Propaganda angeprangert wurden. Im Kern zielte diese Kritik auf den angeblich zu mächtigen Einfluss des Geldes bei Wahlen, in denen nicht der beste, sondern der finanzkräftigste und „lauteste“ Bewerber siege. Scharf wurde der damit verknüpfte Niedergang argumentativer Aus ei nan der set zung zugunsten emotionaler und obendrein teurer Massenwerbung verurteilt. Ein im Frühjahr 1924 Aufsehen erregender politischer Bestechungsfall in den Vereinigten Staaten – der „Ölskandal“ – war für die Germania bezeichnenderweise eine „Schlappe des von dem Amerikaner so sehr gepriesenen und auch außerhalb Amerikas oft als nachahmenswert empfohlenen Prinzips ökonomischer Gestaltung der Politik“. Kritisiert wurde, dass sich der Kandidat nach einem kostspieligen Wahlkampf weniger als vom Volke gewählt denn als „Sieger in einem geschäftlichem Kampfe“ fühlen dürfe, der nun an der Regierung auch „geschäftlich günstige Resultate“ abwerfen müsse819. Das 278 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Adjektiv „amerikanisch“ symbolisierte aus bürgerlicher Sicht ein geradezu moralisch verwerfliches Übermaß an Propaganda, an Chaos und politisch-kultureller Unreife, dass es keiner weiteren Erläuterung bedurfte, wenn die Zen trumspresse im Sommer 1930 den wegen seiner Intransigenz und Demagogie unbeliebten DNVP-Führer Hugenberg „als Propagandachef nach dem ‚minder kultivierten‘ Amerika“ schicken wollte820. Die Präsidentenwahlkämpfe in den USA selbst erregten dabei während der zwanziger Jahre weniger wegen ihrer politischen Inhalte oder dem Ergebnis als aufgrund ihrer äußeren Erscheinungsformen das In te res se der deutschen Öffentlichkeit. Der amerikanische Wahlkampf im Herbst 1924 sei völlig von kurzen schlagkräftigen Wahlparolen, den „Slogans“, dominiert und werde bereits mithilfe neuer technischer Werbemittel wie dem Radio geführt. Aus deutscher Sicht beeindruckte, wie die Straßen der großen Städte völlig im Zeichen der Wahlarbeit der Parteien stünden: „Fast alle Häuser haben geflaggt. An jeder Straßenecke begegnet man Rednern der einen oder der anderen Partei. Umzüge, bei denen die Bilder der Kandidaten und bunte Plakate umhergetragen werden, sind an der Tagesordnung“821. Auch der Reichstagswahlkampf werde, schrieb die Rote Fahne Anfang April 1924, an „amerikanischer Reklame“ alles bis dahin Erlebte bei weitem übertreffen. Neben den alten Methoden der Propaganda in Wort und Schrift bedienten sich die Weimarer Parteien „aller technischen Fortschritte und Errungenschaften“. Selbst die „Stätten der Erholung, das Kino, das Varieté, das Theater, die Konzertlokale und endlich auch die neueste Attraktion, der Rundfunk“, stünden im Wahldienst. Der alte Spruch der Polizeipräsidenten: „Die Straße gehört dem Verkehr“ sei längst Lügen gestraft. Die Straße gehöre heute vielmehr den kapitalistischen Parteien, die dem Wähler am Tage auf Plakatsäulen und Reklametafeln sowie bei Nacht mit Lichtreklame und Schattenbildern eintrichterten, was er „als Sklave zur Aufrechterhaltung der Sklaverei zu ‚wählen‘“ habe822. Nach dem Krieg, so klagte Georg Schreiber noch im April 1927, habe sich das Zen trum in der Wahlpropaganda durch die schlechten amerikanischen Vorbilder vom richtigen Weg abbringen lassen und sich von der Massenpropaganda der anderen Parteien anstecken lassen: „Diese Methode läuft da rauf hinaus, dass man den Wahlfonds in Papier umsetzt, Millionen von Flugblättern in den Wind streut usw. Die einzigen Gewinner sind dann die Drucker und Zeitungsverleger, die In te res senten für 279 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Inserate und Plakate“823. Schon der unter neuen demokratischen Bedingungen von allen Seiten äußerst heftig geführte Wahlkampf zur Deutschen Nationalversammlung besaß vor allem in den letzten Tagen vor der Wahl am 19. Januar 1919 für zeitgenössische Beobachter ein „ungewöhnlich amerikanisches Aussehen“, da die Propaganda der Parteien bereits an die Reklame großer Warenhäuser erinnerte. Die Reichshauptstadt sei, schrieb der Korrespondent einer Mainzer Tageszeitung, nicht wieder zu erkennen gewesen, vielmehr habe der Wahlkampf für ein „buntes und neues Schauspiel“ gesorgt: „Die Umzüge mit Musik, mit den Wahlplakaten der Parteien, die gravitätisch durch die Menge schreitenden Reklameträger mit ihren großen Schildern, die dahinsausenden über und über beklebten Autos, aus denen Wahlzettel flogen, alles das ließ eine Wahl erkennen, wie sie in Berlin bisher noch nicht stattgefunden hat“824. Anlässlich des zweiten Präsidentenwahlganges im April 1925 stellte die Germania fest, dass die Propaganda der Parteien nunmehr völlig „amerikanisiert“ sei, wobei neuartige Massenpropaganda die bisher gewohnten Flugblätter fast verdrängt habe. Auf den belebten Plätzen der Stadt seien vielmehr Filme über die Kandidaten sowie überall Fahnen zu sehen, während die Lichtreklame Wahlappelle an den Himmel schriebe825. Wenn auch die „amerikanischen Methoden“ als wenig nachahmenswert, ja unpassend für die deutsche Politik angesehen wurden, gibt es doch genügend Anzeichen dafür, dass die Weimarer Parteien in der Praxis um so mehr an ihre propagandistische Wirksamkeit glaubten. Von Amerika kommend, erlebte Deutschland nach 1918 schließlich einen rasanten Aufschwung der Wirtschaftsreklame, deren psychologisch ausgefeilte Werbemethoden bald auch als vorbildhaft für den politischen Bereich galten. Die zeitgenössische Literatur zur „Reklame-Psychologie“ behauptete in Übereinstimmung mit den nach dem Krieg überall aus dem Boden schießenden Propagandatheoretikern eine methodisch gleiche Intentionalität von politischer Propaganda und „geschäftlicher Reklame“, worunter „die planmäßige Einwirkung auf die menschliche Psyche mit dem Ziel der Herbeiführung einer möglichst hohen Wil lensbereitschaft zum käuflichen Erwerb des Angepriesenen“ verstanden wurde826. Die Übertragung einer solchen Definition auf die Politik sowie die praktische Nutzung von werbepsychologischen Erkenntnissen im Bereich der politischen Werbung lag nahe. 1920 wurde in der Fachzeitschrift „Das Plakat“ gefordert, dass die Parteien für ihre praktische Propaganda 280 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik endlich auf Fachleute und Kenntnisse der Wirtschaftsreklame zurückgreifen sollten. Plädiert wurde für die systematische Zusammenarbeit von Politik, Werbung und Kunst827. Die hier angepeilte Verknüpfung zwischen den Bereichen Parteienpropaganda und Wirtschaftswerbung verwirklichte sich – wie oben im vorangegangenen Kapitel gesehen – jedoch nach 1918 in der Weimarer Re pu blik allenfalls in Ansätzen, zumal die meisten Parteien bestrebt waren, sich von der bloß am „Verkauf “ orientierten Reklame verbal und ideologisch abzugrenzen. Schon ihr Selbstverständnis als Weltanschauungsparteien widersprach der Vorstellung, das Werben um Wählerstimmen rein im ökonomischen Sinne zu begreifen. Die Abneigung dagegen, die eigene politische Idee oder das Programm wie eine Ware zu Markte zu tragen, hielt bei den bürgerlichen Parteien zusammen mit dem Kostenargument Widerstände gegenüber zweckorientierter Massenpropaganda, wie sie in der Geschäftsreklame anzutreffen war, am Leben. In dem Maße aber, in dem gerade die alten Parteien an die Mobilisierungsgrenze der angestammten Wählerklientel stießen und sie sich gezwungenermaßen verstärkt als Volksparteien zu profilieren versuchten, wurden sie auch vor die Frage nach neuen Mitteln und Wegen ihrer Wahlpropaganda gestellt. Diese war jedoch traditionell mit dem „schweren Rüstzeug der Ethik“ beladen, während ihr die „suggestive Phantasie“ und die „Inbrunst der geschäftlichen Reklame“ fehlte, wie der Schriftsteller und Journalist Joseph Roth im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 beobachtete828. Die Ausrichtung der Werbemaßnahmen auf Erwartungen und Gefühlswerte des Pu bli kums, die Bereitstellung eines Symbols, eines Markenzeichens als Identifikationsobjekt, die Methode der „Einhämmerung“ und Vereinfachung in der Werbestrategie für ein Produkt, all das wurde jedoch von der Politik mehr und mehr adaptiert, so dass die Grenzen zwischen wirtschaftlicher und politischer Werbung in der Praxis zusehends undeutlicher wurden. Dass die Weimarer Parteien schließlich ihre Programme wie Zigaretten und Seife angeboten hätten, wie Gerhard Paul schreibt, mag übertrieben formuliert erscheinen829. Vor dem Hintergrund einer florierenden Geschäftsreklame und Propagandaforschung, die es nach 1918 geradezu zur Mode machte, sich mit Fragen der Massenpsychologie zu beschäftigen, faßten aber auch bürgerliche Parteien die Erneuerung ihrer Werbetechniken ins Auge. Die Zusammenarbeit mit reklametechnisch versierten Kräften aus der Wirtschaft oder mit politisch engagierten Künstlern wuchs in dem Maße, in dem zu neuartigen Wer- 281 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen bemitteln gegriffen wurde, da nun nicht nur Druckereien, sondern auch Filmverleihgesellschaften oder Hersteller technischen Geräts und dergleichen mit den Parteien kooperierten830. Gewerbliche Werbeagenturen, deren Dienste nicht billig waren, konnten im Ausnahmefall schon einmal logistische Aufgaben oder die regional begrenzte Führung von Wahlkämpfen übernehmen, sei es, dass die Kandidatur Stresemanns in Oberbayern vor dem 20. Mai 1928 durch den Münchener „Werbeanwalt“ Herbert Engelmann geleitet wurde, sei es, dass die Herstellung von Wahlbroschüren für den Reichsjugendausschuß des Zen trums der „Werbewoche GmbH“ oblag, einer privaten Werbe- und Verkaufsberatung in Berlin831. Die Grenzen zwischen Geschäftsreklame und Wahlpropaganda der Parteien verwischten sich gerade im Anzeigenteil der lokalen Presse, um so mehr, weil hier Partei- und Wahlaufrufe oder Versammlungsankündigungen häufig neben rein gewerblichen Anzeigen plaziert wurden. Verfügte eine Partei in einem Wahlkreis nicht über eigene Zeitungen, war sie auf solch kostspielige Annoncenwerbung angewiesen. Oftmals fand sich auf ein und derselben Seite eine verwirrende Vielzahl von Kästchenpropaganda unterschiedlicher Parteien vermischt mit kommerziellen Kleinanzeigen, amtlichen Verlautbarungen oder Einladungen zu Musikoder Theatervorstellungen. Neben gestalterischen Ähnlichkeiten waren es vor allem die Texte und Slogans der Geschäftsanzeigen, die in Anspielung auf wahlpolitische Gepflogenheiten formuliert waren oder den Stil der Parteien kopierten, mitunter bis zur Persiflage. In der Aufmachung kaum von einem Wahlplakat zu unterscheiden, war etwa die Waschmittelreklame „Frauen! Wählt Persil“, die im Frühjahr 1924 vor den Reichstagswahlen in der regionalen und überregionalen Presse erschien832. So finden sich unzählige Beispiele von Geschäftsanzeigen, die direkt die Werbe- und Bildsprache der Wahlkämpfe aufgriffen und dadurch ihrem Kundenkreis sowohl Witz als auch Aktualität demonstrierten. Andererseits konnten Ideen der gerade hinsichtlich bildlicher Gestaltung innovativen Reklame – ob zufällig oder nicht – in der Parteienwerbung wiederauftauchen. Aus heutiger Sicht frappant ist jedenfalls die Übereinstimmung einer Bildanzeige vom Frühjahr 1924 mit der Fotomontage von John Heartfield für ein Wahlplakat der KPD im Mai 1928. Standen hier die fünf Finger der ausgestreckten Hand Symbol für die durchschlagende Kraft der Liste Nummer 5, hieß es dort zum gleichen Bild: „Fünf Gute Rechner ersetzt/ Eine Brunsviga Rechenmaschine“833. 282 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Während die Vorbereitungen zum Reichstagswahlkampf auf Hochtouren liefen, fragte im Frühjahr 1928 ein Mitarbeiter der IG Farben Berlin in einem Artikel für die wirtschaftsliberale Deutsche Allgemeine Zeitung, wie die Methoden der modernen Werbetechnik besser für die Wahlpropaganda der Parteien nutzbar gemacht werden könnten. Bemerkenswert sei, stellte der Wirtschaftsmann fest, dass diese ihr „Buhlen um die Gunst des Wählers“ bis dahin ohne jedes „werbepsychologische und werbetechnische Verständnis“ praktizierten. Er wollte daher den Parteien die Voraussetzungen erfolgreicher Reklame zeigen, die von ihm als „Vergewaltigung des persönlichen Seelenlebens eines Einzelnen aus wirtschaftlichen, politischen, kulturellen oder religiösen Bestrebungen“ definiert wurde. Dass die Erregung von „Lustgefühlen“ wichtiger sei als der Appell an die Vernunft des Wählers, hätten aber die bisherigen Reichstagswahlkämpfe bestätigt, insofern Versprechungen der Parteien gemeinhin keiner kritischen Nachprüfung unterzogen würden. Erfolgreiche Wahlpropaganda müsse vor allem durch ein Charakteristikum aus der mittlerweile unüberschaubaren Masse von Reklame herausragen. Dazu sollten die Parteien die jeweiligen Hauptgedanken ihres Programmes auf eine möglichst einfache und prägnante Formel zu bringen versuchen. Viel mehr als bisher könnten hierfür auch Symbole, wie etwa Sowjetstern, Hakenkreuz, Schwarz-rot-gold oder Schwarz-weiß-rot nach Vorbild der kaufmännischen Schutzmarke eingesetzt werden. Für die Wirkung jeder Propaganda sei des weiteren wichtig, dass sie den Wähler in einer Situation der „splendid isolation“ anspreche. Die Litfaßsäule werde etwa dann am besten genutzt, wenn sie nur die Plakate einer Partei zeige. Au- ßer im Bereich der Presse fehle es den meisten Werbemitteln der Parteien bislang an einer „rationellen Ausnutzung“. Wahlflugblätter dürften nicht länger in Massen sozusagen wahllos verteilt oder bündelweise aus Autos oder Flugzeugen geworfen werden. Erfolgversprechender sei vielmehr die gezielte Verteilung, vorzugsweise direkt an die jeweiligen Adressa ten oder Haushalte. Ferner müsse die typographische Gestaltung zum Lesen einladen, wobei gutes Papier, Illustrationen und Bilder hervorragende Dienste leisten könnten. Der Text des Flugblattes müsse in der Sprache des Empfängers geschrieben sein, die Wortwahl sich – modern gesprochen – nach dem Idiom der jeweiligen Zielgruppe richten. Gegen- über den unteren sozialen Schichten dürften etwa nur die „gebräuchlichsten Worte der täglichen Umgangssprache“ benutzt werden. Zu überlegen sei auch, wann die Anreden des „Du“ oder des „Ihr“ gegenüber 283 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen welchen Wählergruppen ratsam seien. Wichtiger als das „Was“ der Plakatdarstellung erschien dem Verfasser das „Wie“, weshalb unbedingt ein Künstler damit beauftragt werden solle, auch wenn er nur nach einer von der Partei vorgegebenen Idee arbeite. Der Text des Plakates selbst könne nicht kurz genug sein. Hinsichtlich seines Anschlagortes sei die Ubiquität wichtig – vor öffentlichen Gebäuden, an Bretterzäunen und Werbeautos, in Versammlungslokalen sowie Verkleinerungen in Zeitungen oder auf Flugblättern und Postkarten. Gemäß den reklamepsychologischen Erkenntnissen der „Wiederholungstheorie“ lasse sich größere Wirkung erzielen, wenn nicht 1 000 Plakate an ebenso vielen Stellen, sondern zum Beispiel je drei Plakate an 333 Orten geklebt würden. Neue Medien wie Film und Rundfunk, so die Beobachtung im April 1928, seien bislang trotz ihrer anerkannten Werbemöglichkeiten viel zu wenig genutzt – säßen doch täglich bis zu 200 000 Menschen in den Kinos und ein Vielfaches allein in Berlin vor den Radios. Die umstrittene „Politisierung“ des Rundfunks sah der Autor nicht als Gefahr an, vielmehr würde, eine Gleichbehandlung aller Parteien vorausgesetzt, der direkte Vergleich im Radio anspornend wirken. Weil sie sich des Mittels der psychologischen Suggestion bediene und großen Einfluss auf die öffentliche Meinung ausübe, müsse schließlich der Grundsatz „Wahrheit in der Werbung“ besonders für jede Art von Wahlpropaganda gelten834. Der „Kampf um die Straße“: Versammlungen, De mons tra ti o nen und Revuen Als klassischer Ort von Wahlwerbung vor 1914 dienten Versammlungen den deutschen Parteien sowohl der öffentlichen Selbstdarstellung als auch zur Mobilisierung ihrer Anhängerschaft und der Aus ei nan der setzung mit dem politischen Gegner. Sie waren grundsätzlich für jedermann frei oder gegen ein geringes Eintrittsgeld zugänglich und stellten in den Wahlkämpfen ein Forum der interparteilichen Diskussion sowie der „Aufklärung von Mund zu Mund“ dar. In der Hauptsache von den lokalen Parteiorganisationen veranstaltet, waren die Versammlungen meist in begrenztem, kleinerem Rahmen lockere Zusammenkünfte, bei denen die Wahlrede ebenso wichtig war wie die Aussprache und Debatte. Vor allem die Sozialdemokratie hatte im Kaiserreich von der allerdings allgemein anerkannten Möglichkeit Gebrauch gemacht, in den gegnerischen Versammlungen die direkte Aus ei nan der set zung zu suchen. 284 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Die Versammlung blieb auch in der Weimarer Re pu blik das mit Abstand wichtigste Instrument der Wahlpropaganda der Parteien. Gerade auf dem mit politischen Veranstaltungen nicht eben gesegneten Land und in den Dörfern bildeten die meist sonntäglichen Versammlungen oftmals neben der Presse den einzigen Wahlkampf835. Auffälligste Veränderung im Versammlungsstil nach 1918 stellt aus heutiger Sicht neben einer neuen und bis dahin auch in den Städten unbekannten Massenhaftigkeit – wofür größere Veranstaltungsstätten wie der Berliner Sportpalast standen – der parallele Verlust des ursprünglichen Diskussionscharakters dar. Nachdem das Werbemittel der Versammlung Mitte der 1920er-Jahre infolge von Wahlmüdigkeit, schlechtem Besuch und Technisierung der Wahlkämpfe bereits für überlebt erklärt worden war, ließ sich ab 1929 im Zusammenhang mit dem Aufstieg der NSDAP eine Art Renaissance der Versammlungspropaganda beobachten. Nicht zuletzt als Reaktion auf die sich nach 1918 häufenden Störaktionen des politischen Gegners wurde zugleich ihre äußere Gestalt immer mehr vorher festgelegten Regeln unterworfen. Zugleich entwickelten sich die Massenveranstaltungen, die auf ein möglichst breites Publikum zielten und schon allein durch ihre Organisation der Imagepflege dienten, zur wenn nicht wichtigsten, so doch auffälligsten Form der Versammlungspropaganda. Sie erhielten ein künstlerisches Rahmenprogramm, das bald die Wahlrede des Kandidaten oder die politische Debatte in den Hintergrund drängte. Anfang der dreißiger Jahre stellte der Publizist Emil Dovifat fest, dass die Wahlversammlung ihre „alten demokratischen Formen“ bereits nahezu völlig verloren habe. An deren Stelle seien die Prinzipien militärischer Geschlossenheit und disziplinierter Aufführung getreten: „Es spricht ein umjubelter Redner, und die Opposition, wenn sie nicht schweigt, fliegt raus; weniger übrigens auf Wunsch der Leitung als durch spontanen Akt der suggestiv gepackten Masse“. Diese werde durch gezielt eingesetzte dramatische Mittel in eine Art von Gruppenhypnose versetzt: „Sprechchöre, im Takt gerufene Schlachtrufe, gleiche Grußgesten und ähnliches faszinieren durch ihren Rhythmus, der wie de rum innerlich die Masse um so fester zu sam menschweißt“836. Solche Kritik hatte vor allem die Versammlungen der NSDAP vor Augen, die sich von ihrem Volksfestcharakter zu ritualisierten Selbstinszenierungen entwickelt hatten und für ihre Wahlkämpfe während des Aufstiegs zur Massenpartei nach 1929 als emotionales Gemeinschaftser- 285 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen lebnis unverzichtbar wurden. Die auf ein Minimum reduzierte oder völlig weggelassene Diskussion mit dem politischen Gegner besaß weit gehend nur noch Showcharakter. Die Wertschätzung für solche Kundgebungen entsprach dem Bild des „autoritativen Redners“ als wichtigsten „Propagandisten der nationalsozialistischen Idee“837. Im Verlust des Diskussionscharakters durch den Versammlungsstil der NSDAP sahen bürgerliche Parteienvertreter durchweg eine Zweckentfremdung, ja „Entartung“ des traditionellen Werbemittels. Anfang September 1930, auf dem Höhepunkt des Reichstagswahlkampfes, setzte sich die Frankfurter Zeitung vor diesem Hintergrund mit der „Wahlversammlung von heute“ auseinander. In den letzten Reichstagswahlkämpfen schien, war dort zu lesen, die Versammlungspropaganda an „allgemeiner Entkräftung“ zugrundezugehen. Was sich noch Wahlversammlung genannt habe, sei in Wirklichkeit meist nichts anderes als eine schlecht besuchte „Zusammenkunft von Gleichgesinnten“. Solche Versammlungen hätten ihren ursprünglichen Sinn und Zweck verloren, nämlich um die Stimmen Andersdenkender zu werben und die Gegner in der Debatte zu überzeugen. Erschienen von vornherein nur gleichgesinnte Parteianhänger, verwundere nicht, dass der Besuch nachlasse und schließlich über ihre Abschaffung „einfach mangels Beteiligung“ nachgedacht werde. Vor diesem Schicksal sei die Wahlversammlung aber durch die NSDAP bewahrt worden, in deren Versammlungen wieder Tausende strömten, um sich „berauschen“ zu lassen, weil dort immer „Betrieb“ herrsche. In Wahrheit schalte diese Versammlungstechnik aber die „lebendige Konfrontierung der verschiedenen Parteimeinungen in Rede und Gegenrede, in einer ernsthaft gemeinten und fair durchgeführten Diskussion“ aus. Die systematischen Störaktionen der NSDAP hätten überdies den schlimmen Effekt, dass auch andere Weimarer Parteien ihre Versammlungen mittels Saalschutz und „eiserner Disziplin“ abzuschotten versuchten. Um der echten Wahlversammlung wieder zu neuem Leben zu verhelfen, gab die Frankfurter Zeitung allen Parteien den Rat, weniger autoritär auf Störungen zu reagieren, andererseits aber jede Gewalt rechtzeitig zu unterdrücken838. Solche Plädoyers für den Versammlungsstil alten Zuschnitts unterschlugen meistens, dass schon vor 1929/30 im bürgerlichen Lager selbst Abkehrtendenzen von den traditionellen Formen zu beobachten waren. In den Wahlkampfrichtlinien des Reichsblocks für die Kandidatur Hindenburgs war etwa bereits 1925 zu lesen, dass Versammlungen nicht in 286 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik der bei den Reichstagswahlen üblichen Form aufzuziehen seien, sondern „in der Form grosser Kundgebungen“, bei denen die Aussprache mit dem Gegner überflüssig erschien. Ausdrücklich wurden die Organisationen angewiesen: „Diskussionen sollen möglichst verhütet werden, damit der Wahlkampf nicht in ein politisches Gezänk über irgendwelche Tagesfragen“ ausarte. Am besten lasse sich dies durch Musikkapellen erreichen, die mit „stimmungsvollen Märschen“ die Versammlung einleiteten und mit dem Deutschlandlied endeten839. Im Namen der DDP, für die Versammlungen nach 1918 das wichtigste Instrument der Wahlpropaganda blieben, plädierte ihr Vorsitzender Erich Koch-Weser bereits 1924 angesichts einer allgemeinen „Verflachung der Diskussion“ dafür, den nach „althergebrachter Regel ablaufenden Versammlungsbetrieb“ umzustellen. Teilnehmer, die nur „papageimäßig“ Vorwürfe gegen die Partei des Hauptredners wiederholten, dürften, obwohl leicht abzufertigen, nicht länger geduldet werden. Noch im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 wurden in der DDP aber unterschiedliche Erfahrungen darüber gemacht, ob die herkömmliche „Diskussionsversammlung“ oder die „Kundgebung“ neuen Stils und ohne freie Aussprache wirksamer beziehungsweise vorzuziehen sei. So berichtete die Parteizen tra le der DDP von Versammlungen, in denen gerade durch die Diskussion der Eindruck der Kandidatenrede noch vertieft worden sei840. Vor dem Hintergrund der Umwandlung zur DStP entschieden sich aber auch die Demokraten im Sommer 1930 für die neue Versammlungstechnik. Nunmehr galt die Auffassung, dass „der Stil des heutigen Wahlkampfes in höherem Maße die öffentliche Kundgebung als die Versammlung mit Diskussion“ erfordere. Die Wirkung der eigenen Kandidaten sei ungleich stärker in den mit „feierlichem Rahmen“ ausgestatteten Kundgebungen, wenn sich keine gegnerischen Redner zu Wort melden dürften. Mustergültig illustrierte die DStP-Führung, wie solche Versammlungspropaganda vorzubereiten sei. Außer mit Einladungen an alle Mitglieder und mehreren Notizen in der lokalen Presse müsse zwei oder drei Tage vorher mit Zeitungsanzeigen und Plakatanschlägen für die Versammlung geworben werden – bislang ein besonders trostloses Kapitel, weil diese Arbeit oft ohne Beachtung der „einfachsten reklametechnischen Regeln“ geschehen sei. Schließlich wurde die Zweckmäßigkeit eines Eintrittsgeldes in Frage gestellt: Eine Versammlung, für die 500 ohnehin überzeugte Anhänger je eine Mark bezahlten, werde zwecklos, wenn dadurch 1 000 „Unpolitische“ abgeschreckt würden841. 287 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Neben den allgemeinen Wahlversammlungen waren alle Weimarer Parteien schon früh bestrebt, ihre Versammlungspropaganda sozial- und adressatenspezifisch zu diversifizieren und etwa spezielle „Standes“-Versammlungen für einzelne Berufsgruppen durchzuführen. Arbeitnehmer, Beamte, Gewerbetreibende, Hausangestellte, Frauen, Sportler, Inflationsgeschädigte und Jungwähler – fast jede soziale Gruppe wurde in den Wahlkämpfen zu exklusiven und thematisch auf sie zugeschnittenen Versammlungen gerufen. Ein Versammlungsplan der Berliner DNVP sah etwa im Frühjahr 1928 außer einer „großen nationalen Kundgebung“ im Sportpalast spezielle Frauen- und Berufsgruppenversammlungen bis hin zu Kleinrentner-Nachmittagen vor842. Auch die großen Massenkundgebungen wurden so aufgebaut, dass nach einem Hauptredner, der in der Regel das allgemeinpolitische Referat hielt, die Vertreter der Sonderorganisationen oder einzelner Berufsgruppen zu spezifischen Themen sprachen. Als Voraussetzung für den Erfolg jeder Versammlungspropaganda erklärte das Zen trum im Frühjahr 1928 neben einer guten Vorbereitung zudem die Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse. Wichtig sei, über die Versammlungen kurze Berichte in den Lokalzeitungen erscheinen zu lassen, was auch die Stimmung der Anhänger stärke. Die im Frühjahr 1928 überall anzutreffenden rückläufigen Besucherzahlen veranlassten die Partei im übrigen zu intensivierter Flugblatt- und Hausagitation nach dem Motto: „Wir müssen an die Wähler herankommen; kommen sie nicht zu uns, dann kommen wir zu ihnen ins Haus“843. Aber auch das Zen trum paßte seine Versammlungspropaganda den mit Aufstieg der NSDAP und Ausbruch der Wirtschaftskrise veränderten Verhältnissen an. So empfahl das Reichsgeneralsekretariat in seinen Richtlinien vom Sommer 1930, Versammlungen mit Diskussion nach Möglichkeit nur noch als „geschlossene“ Parteiveranstaltung durchzuführen. Zudem sei mittlerweile die Organisation eines Saalschutzes unabänderlich geworden, wozu verstärkt die Jugendverbände des Zen trums herangezogen werden sollten. Diese stünden auch für die an Bedeutung gewinnende „äußere Ausstattung“ der Versammlungen mittels Musik und Gesang zur Verfügung844. Auf Seiten der bürgerlichen Rechtsparteien vollzog sich der Abschied von der Diskussionsversammlung alten Stils reibungsloser und früher als bei den Mitteparteien. Damit die öffentlichen Wahlversammlungen der Partei nicht zum „Tummelplatz“ der Gegner würden, plädierte der Dortmunder DVP-Generalsekretär Koester schon 1921 für eine „energi- 288 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sche Versammlungsleitung“. Weil politische Gegner ohnehin nicht überzeugt werden könnten, solle in den Wahlversammlungen allein um die politisch noch Unentschlossenen geworben werden845. Gemäß den Richtlinien der DNVP für den Wahlkampf im Herbst 1924 hatten die Versammlungen der Partei mit einem von den Vaterländischen Verbänden organisierten Saalschutz und möglichst ohne Diskussion stattzufinden. Dazu wurde empfohlen, im Anschluss an die Rede des Kandidaten sofort das Deutschlandlied singen zu lassen, um so eventuelle Wortmeldungen im Gesang zu ersticken. Sei eine Diskussion dennoch nicht zu vermeiden, müsse die Redezeit möglichst auf 5 bis 10 Minuten beschränkt und gleichzeitig dafür gesorgt werden, dass zwischen den gegnerischen Rednern stets ein eigener zu Wort komme846. In der Praxis sah das laut einem Bericht des Vorwärts so aus, dass der Versammlungsleiter der DNVP zwar fünf Minuten zur Aussprache „kommandierte“, aber vorher abgesprochen worden sei, dass sobald der erste Diskussionsredner das Wort erhielt, ihm „planmäßig eingestelltes Gebrüll“ antworte847. Aber auch die SPD ergriff Maßnahmen dagegen, dass ihre Wahlversammlungen als „Diskutierklubs“ von denjenigen missbraucht würden, die aus eigener Kraft keine Versammlungen zustande brächten. Insbesondere die Kommunisten versuchten, als „Parasiten“ von der Organisationsarbeit der SPD zu profitieren, während es in ihren eigenen Versammlungen ohnehin keine Diskussion gebe. Von der vorherigen Ankündigung einer „freien Aussprache“ sei daher abzusehen, vielmehr habe die jeweilige Versammlungsleitung über deren Zweckmäßigkeit zu entscheiden. In jedem Fall solle die Redezeit kontingentiert und strikt auf zehn Minuten begrenzt werden848. Neben solchen Bemühungen, die Versammlungen von gegnerischen Störungsaktionen freizuhalten, suchte gerade die Weimarer SPD nach neuen Formen der Versammlungspropaganda. Auf dem Land habe sich etwa die „Arbeitstechnik“ des Reichsbanners bewährt, da „Disziplin, Rhythmus, Farbe, Musik, diese Elemente des Begriffs der geformten Masse“, dort, weil ungewohnt, noch stärker wirkten „als im Getriebe der Städte“849. Als sehr wirksam, auch auf dem Land, beschrieb der Wahlkampfbericht des Parteivorstandes vom Frühjahr 1928 die Unterstützung durch Radfahrerkolonnen. Gruppen von acht bis zehn Radfahrern fuhren dabei in ein Dorf ihres Kreises, verteilten dort Werbematerial der SPD und luden zu einer sofort beginnenden Wahlversammlung. Währenddessen fahren einige bereits wieder zum nächsten Ort und laden 289 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen auch dort zu einer Versammlung ein. So sei es im Bezirk Mittelschlesien möglich gewesen, an einem Tag mit nur sieben Rednern nicht weniger als 38 Versammlungen in kleineren Ortschaften abzuhalten850. Bei seiner Kritik der SPD-Propaganda klagte Carlo Mierendorff, dass die Versammlungen zwar gegenüber früher „schwungvoller und farbiger“ geworden seien, doch noch immer dem „künstlerischen Teil“ zu wenig Beachtung geschenkt werde. Anstelle einer oftmals „leeren Sprechchorlyrik“ oder „unverbindlicher Rezitationspathetik“ sprach sich Mierendorff für den Einsatz von Militärmusik und die Einbeziehung von Verbänden der Gewerkschaften aus, die als lebendiges „Bekenntnis zur menschlichen Arbeit“ stets in Berufskleidung auftreten sollten. Hinsichtlich der Redeinhalte seien die Zuhörer nicht länger mit Zahlenangaben zu „quälen“. Außerdem dürfe nicht nur auf die „Kanonen“ vertraut werden, deren Zahl durch das Fehlen einer systematischen Rednerschule der SPD begrenzt sei. Vor allem aber müsse die „Regie“ der einzelnen Versammlung verbessert werden, die wirkungslos bleibe, wenn die Propaganda nicht nach einheitlichen Gesichtspunkten geleitet und etwa ein ganzer Landstrich systematisch mittels einer „Welle von Versammlungen jeden nur möglichen Stils“ erfaßt werde851. Traditionell stellte die SPD vor Wahlen regelmäßig so genannte Versammlungspläne auf und rief ihre Ortsgruppen sowie Referenten dazu auf, rechtzeitig in Plakaten oder durch die „Ortsschelle“ für die Wählerversammlungen zu werben. Deren Zahl war in Großstädten wie Berlin natürlich um vieles höher als etwa im gesamten Agitationsbezirk Rheinhessen, wo in den letzten zehn Tagen vor der Reichstagswahl am 4. Mai 1924 insgesamt 81 Versammlungen stattfanden. An nur zwei Tagen im Sommer 1930 hielt die SPD in Berlin eigenen Angaben zufolge 35 Kundgebungen ab, die Gesamtpartei in den acht Wochen des Reichstagswahlkampfes über 34 000 öffentliche Versammlungen852. Zu einer effektiven Versammlungspropaganda gehörte eine gute Rednervermittlung beziehungsweise Verteilung auf die Wahlkreise. Nicht nur der SPD, allen Weimarer Parteien fehlten geschulte Redner, welche die Bedürfnisse ihrer Organisationen hätten abdecken können. Es sei zwecklos, so die Reichsgeschäftsstelle der DDP im Frühjahr 1924, wenn die regionalen Verbände selbst mit prominenten Parteirednern verhandeln würden, weil diese „Wahlkanonen“ von der Zen tra le bereits für Rundreisen in den Wahlkreisen verplant seien853. Festzuhalten ist, dass bereits vor 1930 und dem Aufstieg der NSDAP ein Trend von den wenig 290 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik reglementierten Diskussionsversammlungen alten Stils mit meist begrenztem, aber politisch gemischtem Publikum hin zu inszenierten und „durchgestylten“ Massenkundgebungen mit mehreren Tausend Besuchern einsetzte. Eine Aussprache, stellten die DNVP-Wahlkampfrichtlinien schon im Sommer 1930 nur noch lapidar fest, sei in Großstädten bei Massenversammlungen „im allgemeinen unzweckmäßig“, weil sie den Eindruck des eigenen Redners verwische854. Spätestens Anfang der 1930er- Jahre setzte sich der neue Versammlungsstil, der die Persönlichkeit des Redners und das „bunte“ Rahmenprogramm immer stärker in den Vordergrund stellte, bei allen Parteien durch. Obwohl die Verbote für Versammlungen und De mons tra ti o nen unter freiem Himmel nach 1924 nur sukzessive gemildert wurden, spielten sich diese trotz Ausnahmeregelungen noch vorwiegend in geschlossenen Räumen ab. Wurden auf dem Land in der Regel Wirtshäuser bevorzugt, standen den Parteien in den Städten größere, anzumietende Hallen oder dergleichen zur Verfügung. Dem Beispiel der Demokraten, die den Berliner Sportpalast im Herbst 1924 erstmals für eine große Wahlversammlung nutzten, folgten bald die anderen Parteien und hielten dort – meist zum feierlichen Auftakt, Abschluss oder Höhepunkt ihres Wahlkampfes – Massenkundgebungen ab855. Beschränkten sich die bürgerlichen Parteien im wesentlichen auf die Versammlungen in geschlossenen Räumen, drängten die Massenmobilisierungsparteien, zumal nach der Lockerung der diesbezüglichen Verbote und sofern es Jahreszeit und Wetter erlaubten, verstärkt auf die „Straße“. Im Frühjahr 1928 veranstaltete die SPD etwa in Kassel vor der Reichstagswahl ein „politisches Feuerwerk“, zu dem die Partei alles an Propaganda aufbot, was sie hatte, nach einem Demonstrationsmarsch mit Fackeln sowie einer Filmvorführung noch „Musik- und Massenchöre der Arbeitersänger, Trommler-, Pfeifer- und Bläserchor der Turner, Bewegungschor der Sportler und Sportlerinnen, Fahnenaufmarsch der Arbeiterorganisationen, Sprechchor der Jugend, Ansprache, womöglich übertragen durch Lautsprecher, gemeinsamer Schlussgesang“856. Als Preußen nach 1925 die Demonstrationsverbote lockerte, intensivierten insbesondere die Kommunisten ihre Straßenpropaganda. Schon im Dezemberwahlkampf 1924 hatten sie in einigen Bezirken von Berlin Umzüge veranstaltet, bei denen Transparente und Plakate mitgeführt und Flugblätter sowie Zeitungen an die Passanten verteilt wurden. Für den Präsidentschaftswahlkampf, dessen eigentümliches Zeichen eben 291 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen die neuartige Demonstrationspropaganda war, organisierte die KPD im Frühjahr 1925 so genannte „Wahldemonstrationsversammlungen“, das hieß Wahlversammlungen mit anschließendem Demonstrationszug durch die Straßen857. Hinsichtlich ihrer Versammlungstechnik wollte sich die KPD ausdrücklich nicht auf die einfache Wahlversammlung beschränken, da an bestimmte Schichten nur mit „lebendigen, auch unterhaltenden Veranstaltungen“ heranzukommen sei, weshalb neben dem – zunächst zögerlichen  – Einsatz des neuen Mediums Film vor allem Agitpropgruppen wie die „Blauen Blusen“ zur Auflockerung ihre Stücke spielen858. An bekannten Ausflugsorten, an Bahnhöfen, in Warenhäusern und auf öffentlichen Plätzen sollten des Weiteren „fliegende Versammlungen“ improvisiert werden. Möglichst im sofortigen Anschluss an jede Versammlung, so die Richtlinien der KPD im Sommer 1930, solle eine Demonstration erfolgen, die auch von den Betrieben oder den Stempelstellen aus organisiert werden könne. Ihr Erscheinungsbild müsse durch Musik, Sprechchöre, Transparente und Fahnen belebt werden, damit die KPD das „Gesicht der Straßen und Plätze“ bestimme859. Teil der Wahlversammlungen insbesondere bei den Parteien der Arbeiterbewegung konnten spezielle Agitations-Sprechchöre sein, die zur Anfeuerung der Teilnehmer und zur Auflockerung dienten. Im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 wurde diese als Neuerung bezeichnete Methode auf Anregung des SPD-Vorstandes systematisch mithilfe vorgefertigter Werbe- und Mahnrufe von den Parteibezirken aufgegriffen. Allerdings war die Aufnahme insgesamt zwiespältig, da viele ältere Genossen den Chören ablehnend gegenüberstanden. Ähnliche Zurückhaltung zeigten die Bezirksorganisationen bei den 1928 ebenfalls neu aufgenommenen „Wahlgesprächen“, von denen der Parteivorstand sieben Muster bereit gestellt hatte860. Ungeachtet der anfänglichen Vorbehalte verzichtete die SPD aber nicht auf solche relativ einfachen und billigen Propagandamittel, deren Wirksamkeit bei der kommunistischen Konkurrenz gesehen wurde. Entgegen früheren Erfahrungen wirkten sie auch in der improvisierten Form, wenn rasch ein paar Genossen die Texte ein- übten. Wichtig sei, dass sie weniger „theatralisch“, sondern schlicht und deutlich in genügender Lautstärke, jedoch auch keinesfalls schreiend, gesprochen würden861. Zum Sprechchor bemerkte das zen tra le Wahlagitations-Handbuch der KPD im Mai 1928, dass er insbesondere für die Haus- und Hofagitation wirkungsvoll sei, wenn eine Gruppe durch Trompetensignal die Bewohner ans Fenster bringe und ihnen mittels eines 292 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik kurzen Sprechchores die Ziele der Partei näher bringe. Während einer kurzen Rede im Hof (auch mit Schautafeln) könne ein Teil der Kommunisten bereits in den Häusern mit Sammellisten und Wahlmaterial agitieren. Noch wirkungsvoller als bei solchen Hofveranstaltungen sei der kurze Massensprechchor bei De mons tra ti o nen, wenn die Parolen im Marschrhythmus gesprochen würden862. In einer politisch dramatischen Epoche wie der Weimarer Re pu blik, zugleich eine Blütezeit des Theaters, lag es nahe, dass auch die Mittel der szenischen Kunst ihren Weg in die Wahlpropaganda fanden. Vor allem die Parteien der Arbeiterbewegung benutzten sie nach sowjetrussischem Vorbild in den Versammlungen. Halb bewundernd, halb angewidert schrieb Emil Dovifat über die Wahlrevuen der kommunistischen Schauspielgruppen, die sich des „ersten, ältesten und wirksamsten Werbemittels“, nämlich der „Tat“ bedienten, um „Rausch, Hass und Verzückung in die Massen“ zu pflanzen863. Die politische Revue oder der kürzere Sketch hatte sich erst nach 1918 zum Wahlwerbemittel der Parteien entwickelt. Aus den sozialdemokratischen Arbeiter-Theatervereinen mit ihrem weitgehend unpolitischen Unterhaltungsprogramm entstanden Anfang der 1920er-Jahre Gruppen, die auch politische Stücke zu spielen begannen. Im Unterschied zu den Arbeiter-Theatervereinen bestanden die Truppen der KPD größtenteils aus Parteimitgliedern. Aufgabe dieser geschulten Agitpropgruppen wie den „Roten Raketen“ oder „Blauen Blusen“ war die Unterstützung aller Kampagnen, Feiern und De monstra ti o nen der Partei. Bis 1928 kletterte ihre Zahl bei noch wachsender Pu bli kumsnachfrage nach ihren zum Teil recht burlesken Stücken auf über hundert im ganzen Reich. Zwar begrüßte die Führung der KPD die Belebung der Versammlungspropaganda durch die Agitpropgruppen, mahnte aber, dass ein Teil von ihnen „zu sehr Theater und zu wenig Politik“ betreibe864. Ihre Werbekraft hatten sie schon in den „politisch-satirischen Abenden“ der KPD unter Beweis gestellt, die im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 wesentlich besser besucht gewesen seien als die sonstigen Wahlversammlungen. Der durch sein politisches Theater bekannte Regisseur Erwin Piscator inszenierte für den Wahlkampf der KPD die zusammen mit Felix Gasbarra verfasste „Revue Roter Rummel“, bunt aneinandergereihte Collagen aus Text, Bild, zeitgeschichtlichen Dokumenten. Sie wurde zum wichtigen Vorbild für die kommunistische Agitprop-Bewegung, die in der zweiten Hälfte der 1920er- Jahre eine große Bedeutung erlangte. Wie die Aufführung einer solchen 293 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen aus mehreren Szenen beziehungsweise „Bildern“ bestehenden Wahlrevue aussah, ist der Roten Fahne zu entnehmen. Ihrem Bericht zufolge zogen in einem mit Leinwänden für Lichtbilder und Scheinwerferapparaten ausgestatteten Bühnenraum zunächst die Schauspieler als eine Art Zirkustruppe ein, was den Wahlkampf der bürgerlichen Parteien darstellen sollte, gefolgt von kabarettistischen Einlagen und weiteren von Musik und Gesang umrahmten Revueszenen sowie der obligatorischen Wahlrede eines Genossen. Zum Schluss der Revue, in deren Rahmen mitunter auch schon Stummfilme gezeigt wurden, sei spontan die „Internationale“ gesungen worden865. Auch im Frühjahr 1928 kämpfte Piscator wieder für die Kommunisten, indem er Szenen aus Ernst Tollers „Hoppla, wir leben!“ mit Musik inszenierte, ein „originelles Stück kommunistischer Wahlpropaganda“, wie selbst die Vossische Zeitung fand, mit Chorvorträgen und einer Schallplattenrede, in welcher der von der Polizei gesuchte Reichstagskandidat Paul Frölich aus seinem Unterschlupf zur Revolution aufrief. Weil viele Ortsgruppen keine eigene Agitationstruppe unterhalten konnten, gab die Zen tra le der KPD im Frühjahr 1928 „praktische Winke“, wie ähnliche Stücke mit geringem Aufwand auch durch Laien vor Ort aufzuführen seien866. In der SPD und der ihr nahestehenden Volksbühnenbewegung lebte seit den 1890er Jahren der Glaube an das Theater als sozial wirksame Kraft gemäß dem Motto: „Die Kunst dem Volke“. Dem Belehrungszweck und dem Ziel der Wissensvermittlung entsprachen die lange Zeit eher konservativen und unpolitischen Inhalte. Dem kommunistischen Beispiel folgend, veranstaltete die SPD erstmals im Frühjahr 1928 eigene politische Wahlrevuen zur Belebung ihrer Versammlungsagitation, die sowohl von einer zen tra len Kabarett-Truppe namens „Die Wanderratten“ als auch von Gruppen der Bezirke gespielt und ähnlich erfolgreich wie die Filmabende wurden. Die Uraufführung der Wahlrevue „Wenn Ihr wollt …“, dem Stück eben der Wanderratten, inszeniert von Max Hochdorf und Erich Kuttner mit der Musik von Claus Clauberg, fand Mitte März im Berliner Lehrervereinshaus statt und veranlasste den Vorwärts zu den grundsätzlichen Bemerkungen: „Während unseren Vätern noch die Wahlparolen auf Zeitungspapier und von der Plattform des Versammlungsredners eingehämmert wurden, ziehen wir heute die Künste zur Werbung heran – die Künste, die so sehr viel demokratischer geworden sind und sich ohne alle akademischen Bedenken in den Dienst der Tageskämpfe stellen“. Die nur mit wenig Personal aufgeführte Revue war 294 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik dreigeteilt in eine „rote Jahrmarkt“-Szene im Moritatenstil, einem Zwischenspiel, das die Geschichte des deutschen Sozialismus vorführte, und schließlich einer dramatischen Satire über einen sozialdemokratischen Zettelverteiler, welche diese „frisch-fröhliche Wahlrevue“ abrundete867. Als eine sehr zweckmäßige Methode bezeichneten die KPD-Wahlkampfrichtlinien im Sommer 1930 das Spiel der Agitproptruppen von Lastwagen herunter auf öffentlichen Plätzen. Diese Art der Aufführung sei ebenso wirkungsvoll wie fahrende Rednertribünen, an denen Parolen und Plakate angebracht werden konnten. Rasch liefen bei solchen improvisierten Versammlungen in den Städten Tausende von Menschen zusammen868. Die Agitpropgruppen der KPD spielten vor dem 14. September aber auch in Betriebsversammlungen, bei Erwerbslosenkundgebungen und in Laubenkolonien, ja selbst in gegnerischen Versammlungen. So sollen sie etwa im Sommer 1930 bei einer Zuschauerzahl von etwa 180 000 ziemlich genau 350 Vorstellungen während des Monats vor der Wahl gegeben haben – ein „weitgespanntes Netz von zahlreichen dezentralisierten Kundgebungen“, wie die Führung der KPD lobte869. Auf bürgerlicher Seite verhinderte schon die Abneigung gegen die politische Indienstnahme von Kunst das Zustandekommen vergleichbarer Wahlpropaganda. Die angeblich geringe Zahl „nationaler“ Theaterstücke beklagend, bot die DNVP-Parteileitung im Sommer 1930 ihren Organisationen immerhin die Vermittlung von Theatervorträgen zum Wahlkampf an, wobei es sich um einzelne Künstler mit individuellen Programmen handelte. Der Münchener Ernst Schrumpf könne etwa Auszüge aus Fichtes Reden an die deutschen Nation in „außerordentlich fesselnder Weise“ darbieten. Sein Honorar betrug pro Abend 75 Mark, wozu allerdings noch die Kosten einer Eisenbahnfahrt dritter Klasse zum jeweiligen Engagement hinzukamen. Billiger wurde der Auftritt bei organisierten Anschlussreisen. Zu den gleichen Konditionen empfahl sich ein ehemaliger königlich württembergischer Hofschauspieler namens Hermann Weinreich mit Rezitationen aus verschiedenen Werken der deutschen Klassik. Außerdem konnte die DNVP auf Walter Illges Theaterstück „Die Laterne“ verweisen, ein konterrevolutionäres Drama aus der französischen Revolutionszeit, das vor allem wegen seiner „außerordentlich wirkungsvollen Parallele zur heutigen Zeit“ besteche870. 295 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Zeitungen, Plakate und Flugblätter im Zeichen der Bildpropaganda In den Großstädten etablierte sich nach 1918 mit den Mittags- und Abendblättern eine neue Art der auflagenstarken und tendenziell unpolitischen Boulevardpresse, während in den Kleinstädten und auf dem Land das meist konservative Lokalblatt des Generalanzeigertypus vorherrschte. Die Konzentration auf dem Gebiet der Presse und die Herausbildung von Großverlagen wie Ullstein und Mosse liefen in den 20er-Jahren parallel zu dem Aufbau einer ausufernden Unterhaltungsindustrie. Durch Materndienste sowie den Pressediensten („Korrespondenzen“), etwa der Hugenbergschen Telegraphen-Union, wurde die Provinzpresse mit Nachrichten „versorgt“ und so meist im konservativen Sinne informiert. Allgemein war eine Expansion, ja stürmischer Aufschwung parteipolitischer Publizistik wie überhaupt der Presse zu beobachten. Mit der Wandlung vom illustrierten Text zur Bildreportage entwickelte sich nach 1918 der Typus der Zeitungsillustrierten „zur ‚typischen‘ Publikationsform der Zeit: Wie der Film, so befriedigte auch die Illustrierte das in diesen Jahren immer stärker zum Durchbruch kommende Bedürfnis nach visueller Erfahrung“871. Ein Viertel der Weimarer Tageszeitungen mit einer täglichen Gesamtauflage von über vier Millionen konnte als partei- oder interessenpolitisch festgelegt gelten, mithin eine Publizistik, die zwar nicht das Sprachrohr der Parteien war, aber jeweils deren ungefähre politische Richtung repräsentierte (Gesinnungspresse). Hier war der Ort, wo die Parteien zuerst ihre zen tra len Wahlaufrufe sowie die programmatischen Reden abdruckten und erläuterten. Überhaupt spielte die Weimarer Presse sowohl durch Berichterstattung als auch durch Kommentierung und Veröffentlichung von Parteinachrichten und Kandidatenlisten, Aus einan der set zung mit dem politischen Gegner sowie – in begrenztem Maße – der Werbung um bestimmte Wählergruppen eine kaum zu unterschätzende Rolle in den Reichstagswahlkämpfen. Überregionale und regionale Tageszeitungen sowie Parteiblätter richteten spätestens nach der Reichstagsauflösung spezielle Rubriken ein, die „Aus der Wahlschlacht“, „Die Wahlbewegung“ oder „Wahlvorbereitungen“ und dergleichen betitelt waren. Solche Rubrizierung war jedoch irreführend, insofern der Wahlkampf keineswegs auf diese Spalten beschränkt blieb. Vielmehr öffnete die Richtungspresse in Wahlzeiten ihre Seiten den ihnen nahestehenden Parteien und Politikern in einem heute kaum noch 296 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik vorstellbaren Maße, wobei es natürlich Abstufungen gab. Während in der konservativen Kreuzzeitung etwa das Thema in vornehmer Nichtbeachtung der massendemokratischen Verfassungswirklichkeit erst relativ kurz vor dem Wahltag eine Titelrolle spielte, war das besondere Verhältnis der liberalen Großstadtpresse zur DDP bekanntlich personell bedingt und zog eine enge Zusammenarbeit im Wahlkampf nach sich. An die Redaktionen der Frankfurter Zeitung und des Berliner Tageblatt verschickte der DDP-Vorsitzende Erkelenz Ende Oktober 1924 identische Schreiben, in denen er sich zuversichtlich zeigte, dass sie auch vor der Reichstagswahl am 7. Dezember wieder „das Bestmögliche für die von uns vertretenen Gedanken“ leisten würden. Da der Wahlkampf noch fast sechs Wochen dauern werde, falle es schwer, ihn auf einer „guten geistigen Höhe“ zu halten. Bereits seit Wochen im Einsatz, hätten viele Parteiführer ihre Kräfte zum Teil schon verausgabt und würden bald nur noch „automatische Sprechmaschinen“ sein. Hier sei Aufgabe der Presse, dem Wahlkampf der DDP neue geistige Kräfte zuzuführen. Damit bis zur Wahl noch eine Steigerung möglich sei, schlug Erkelenz den Redaktionen spezielle Maßnahmen für den „täglichen Kleinkrieg“ vor, angefangen von besonderen Wahlbeilagen nach Vorbild des Vorwärts bis hin zur „schweren Artillerie“ der Pressepropaganda, das hieß der ständigen Bearbeitung der wichtigsten politischen Probleme durch Sachkundige im Wahlkampf. Außer mit Gratisexemplaren bei Wahlversammlungen unterstützte die Vossische Zeitung die DDP mit Artikeln und Flugblättern, die unter dem Motto „Waffen für den Wahlkampf “ erschienen und anhand von geschichtlichem Material zu seiner Versachlichung beitragen sollten872. Den Einfluss der gegnerischen Presse übertreibend zu beschwören, gehörte zu den Topoi der Weimarer Parteienpropaganda873. Der Wirkungskreis der Berliner Großstadtblätter, die sich für die DDP einsetzten, war tatsächlich jedoch insbesondere auf dem Land eher gering. Die kleinstädtische Presse, die landwirtschaftlichen Fachblätter und die kirchlichen Sonntagsblätter befanden sich meist in den Händen der Rechtsparteien oder schwerindustrieller und agrarischer Kreise. Alle Ortsgruppen der DDP wurden daher von der Parteizen tra le aufgefordert, für die Dauer des Wahlkampfes wenigstens eines der großen Berliner Blätter zu abonnieren. Die „ständige Bearbeitung der eigenen und der neu tralen Presse wie die fortgesetzte Beobachtung der gegnerischen Presse“ war eine Hauptaufgabe der demokratischen Ortsvereine, denen mittels be- 297 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen sonderer Presseausschüsse eine „intensive persönliche Fühlungnahme“ zu den Redaktionen empfohlen wurde. Wo die Mittel reichten, müssten sie aber auch Inserate und Anzeigen in neu tralen Lokalzeitungen schalten. Diese oder gar Beilagen in der Generalanzeigerpresse seien zwar sehr kostspielig, im Verhältnis zur Wirkung „aber billiger als die ungeregelte Verteilung von Flugblättern und die Veranstaltung von Versammlungen“874. Zeitungen bildeten nicht nur in Berlin eine wichtige Stütze für mitgliederschwache Parteien wie die Demokraten. Die Propaganda durch die ihnen nahestehende Presse sei allgemein die „beste Wahlreklame“, berichtete Hermann Dietrich nach dem 4. Mai 1924 aus Baden. Eine äußerst lebhafte Pressepropaganda habe aber dort die DVP entfaltet, indem sie in allen Zeitungen „bis herunter zum kleinsten Lokalblatt während des ganzen Wahlkampfes fortwährend große Inserate“ schalten ließ. Zu solch kostspieliger Inseraten- beziehungsweise Anzeigenpropaganda habe es dagegen der badischen DDP an den finanziellen Mitteln gefehlt875. Dass das Zeitungsinserat als ein teures Mittel der Wahlpropaganda vor allem in der Lokalpresse anzutreffen war, trug dem Umstand Rechnung, dass selbst große Parteien wie die DNVP längst nicht in jeder Stadt über eine eigene oder ihr nahestehende Zeitung verfügten. Praxis war daher, in neu tralen oder gar gegnerischen Blättern zu inserieren, womit zugleich neue Wählerkreise angesprochen werden konnten, doch kamen Anzeigen bürgerlicher Parteien in Zeitungen der SPD oder gar der KPD ebensowenig vor wie umgekehrt. Was und wie inseriert werden sollte, war von Partei zu Partei unterschiedlich. Nur Schlagworte zu inserieren wurde anfänglich als wenig erfolgversprechend in den bürgerlichen Parteien angesehen, die vielmehr inhaltsreiche Texte in guter Aufmachung bevorzugten. Bald setzte sich aber bei dieser Kästchenpropaganda in Zeitungen der knapp gehaltene und oft gereimte Wahlslogan durch876. Neben der Tagespresse meldeten sich natürlich auch die parteioffiziellen Mitteilungsblätter im Wahlkampf zu Wort, etwa mit speziellen Sondernummern für die Parteifunktionäre und Agitatoren. Im Sommer 1930 schlug die Hauptgeschäftsstelle der DNVP ihren Wahlkreisverbänden ohne eigene Zeitungen vor, ihnen aus dem zen tra len Parteiorgan „besonders wichtiges Kampfmaterial“ zu einer etwa vierseitigen Wahlzeitung unter dem „neu tralen Titel: ‚Volk erwache!‘“ zum Selbstkostenpreis zusammenzustellen. Solch eine „Kampfzeitung“ könnten die Organisationen dann noch, was besonders wichtig sei, mit eigenen Lokalbeilagen 298 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik versehen. Im übrigen hatte sich der Verlag der rechtskonservativen Zeitung „Der Tag“ bereit erklärt, während des Wahlkampfes den Parteifunktionären der DNVP Gratisexemplare zu schicken877. In der SPD kümmerte sich der Vorwärts als zen tra les Mitgliederblatt auch während der Wahlzeit um die allgemeine Agitation, wobei der Wert der Presse als „Waffe im Wahlkampf “ von den Sozialdemokraten betont wurde. Seit Mitte Fe bru ar 1928 erschien die zweite Tagesausgabe des Vorwärts’ in einer nach Maßgabe „leichterer Großstadtlektüre“ aufgelockerten achtseitigen Spätausgabe unter dem Titel „Der Abend“, die sich durch einen aggressiveren Schlagzeilenstil auszeichnete. Rechtzeitig zum Wahlkampf wurde damit den vielfachen Wünschen an der Parteibasis nach einem „noch volkstümlerischen Inhalt“ des Zentralorgans Rechnung getragen und außer „leichterem Unterhaltungsstoff “ etwa auch ein aktueller Bilderdienst eingerichtet878. Während sich der Trend zum verstärkten Einsatz von Bildern im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 allmählich durchsetzte, verteilte die SPD vor dem 20. Mai bereits gezielt neuartige Wahl- oder Wählerzeitungen in Massenauflagen, da die Schlagworte der Flugblätter allein den Wähler nicht „erziehen“ könnten879. Alle Weimarer Parteien gingen bei ihrer Pressepropaganda dazu über, durch zen tra le Wahldienste von Berlin aus die parteinahen und neu tralen Zeitungen im Reich fortlaufend mit Mitteilungen und Nachrichten zu versorgen. Im Falle der KPD sollte die Parteipresse dadurch möglichst unabhängig von bürgerlichen Nachrichtenagenturen wie WTB oder der Hugenbergschen Telegraphen-Union gemacht werden. Auch wurden die nur schwach besetzten Lokalredaktionen entlastet und mit Leitartikeln, Kästchenpropaganda oder Informationsmaterial versorgt. Alle Zeitungen der KPD waren vor Wahlen verpflichtet, eine Seite nur für die Mobilisierung und Propaganda zu reservieren. Der Provinzpresse wurden zusätzlich illustrierte Wahlbeilagen bewilligt, wozu die Zen tra le in gro- ßer Anzahl Klischees und Matern bereitstellte880. Während ihr Zeitungsdienst bereits vorher Wahlbeilagen und anderes Material auch an neutrale Blätter verschickte, gab die DDP im Reichstagswahlkampf 1928 erstmals noch eine so genannte Wahlkorrespondenz heraus, die dreimal wöchentlich erschien (im Sommer 1930 dann täglich) und allen in te ressierten Tageszeitungen gratis zuging881. Auch das Reichsgeneralsekretariat des Zen trums stellte vor dem 14. September 1930 seinen Artikeldienst zum so genannten „Wahldienst“ um, der fast täglich unter einem bestimmten Motto an die neu trale und 299 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen eigene Presse verschickt wurde882. Darüber hinaus gaben die Parteien eine Vielzahl von zeitungsähnlichen Drucksachen heraus, unter denen die Wahl- oder Wählerzeitung eine Art Zwitterstellung einnahm, aber spätestens Ende der 20er-Jahre zum festen Bestand der Parteienwerbung gehörte. Als nicht-periodische Pressepropaganda konnten sie sowohl in Form von mehreren gefalteten oder aneinandergehefteten Flugblättern mit gesondertem Kopfteil, als Zeitungsbeilage wie auch in Form einer eigenständigen Publikation erscheinen. Anders als Einzelflugblätter boten die Wahlzeitungen den Vorteil für die Parteien, eine breitere Palette an Themen sowie einen größeren Adres sa tenkreis anzusprechen. Auffälligster Unterschied zur herkömmlichen Flugblattpropaganda war der hohe Bildanteil dieser mitunter für einen Preis von 10 bis 15 Pfennigen verkauften Blätter. Karikaturen, Witzen, Gedichten, Zeichnungen und Fotobildern konnte mehr Platz gegeben und so dem Bedürfnis des Wählers nach Unterhaltung stärker entsprochen werden. Die zentral hergestellten Wahlzeitungen wurden meist im Maternversand an die Parteiorganisationen verschickt und von diesen oftmals als Beilage der lokalen Parteizeitungen veröffentlicht oder – was aufwändiger war – extra verteilt. Bis 1928 scheint die He raus ga be in erster Linie den regionalen Parteiorganisationen überlassen gewesen zu sein. Ob eine Wahlzeitung erschien oder nicht, richtete sich dabei nach den Finanzen sowie der Stärke der im Wahlkreis bereits vorhandenen Parteipresse. Wo nicht gewährleistet war, dass durch diese eine nennenswerte Zahl „neu traler Wähler“ erreicht werde, entschieden sich auch die bürgerlichen Parteien – aufgrund der hohen Kosten nur schweren Herzens – für eine zusätzliche Wahlzeitung. Die Wahlkampfrichtlinien der DStP stellten dazu im Sommer 1930 Grundsätze auf, die vor allem zeigten, wie das steigende Unterhaltungsbedürfnis des Pu bli kums mit dem Werbe- und Aufklärungsziel der Partei vereinbart werden sollte. Bei den zwischen vier und acht Seiten langen Wahlzeitungen müsse in jedem Fall Langeweile vermieden werden, indem sich Text und Bild abwechselten, wozu die Partei zen tra le während des Wahlkampfes einen speziellen Dienst einrichtete, der Bildmatern, Zeichnungen und Karikaturen anbot. Un verzichtbar für jede Wahlzeitung sei Material für den „unpolitischen“ Teil der Wähler, etwa auch Silbenrätsel, deren Auflösung eine Wahlparole der Partei ergeben könne. Zwischen den Text seien immer wieder Schlagworte, Verse und dergleichen zur Auflockerung zu streuen. Ohne hinsichtlich ihrer Verteilung einheitliche Regeln festzulegen, nahm die Parteizen tra le 300 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik an, dass „die illustrierte Wahlzeitung selbst bei der extensivsten Verbreitungsart, der Verteilung auf der Straße, wesentlich mehr Aussicht hat, beachtet zu werden, als das einfache Flugblatt“883. Das Reichsgeneralsekretariat des Zen trums nahm erstmals im Herbst 1924 zur Herstellung von Wahlzeitungen die Hilfe eines privaten Pressebüros in Anspruch, und zwar der Berliner Korrespondenz Krauss, über welche die Manuskripte den lokalen oder regionalen Zeitungen zugeleitet wurden, um als Beilagen zu erscheinen. Unter dem jeweils verschiedenen Layout der Zeitungen litt allerdings die angestrebte einheitliche Erscheinungsform der zentral hergestellten Wählerzeitungen884. Besondere Bedeutung erlangte diese Publikationsform in der Wahlpropaganda der KPD, die seit Mitte der 20er-Jahre so genannte Betriebszellen-, Stadtteil- oder Häuserblockzeitungen, aber auch Zeitungen für Erwerbslose oder für die „Sportwähler“ herausgab. Die Zentralagitprop hatte dazu im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 allen Bezirksleitungen eine Broschüre über solche Wahlzeitungen zugeschickt, die durch Einbeziehung lokaler Ereignisse mehr bewirken könnten als die „schönsten Flugblätter“ aus Berlin. Größtenteils im üblichen Zeitungsformat und mit einem Umfang von vier bis sechs Seiten sollten sie durch Zeichnungen, Bilder oder „kernige Gedichte“ aufgelockert werden. Jedoch sei noch ein Großteil in „schlechter technischer Aufmachung (unleserlich, keine Gedichte, Karikaturen, Bilder usw.)“ erschienen, kritisierte die Führung der KPD nach dem 20. Mai 1928885. Emil Dovifat machte dennoch nicht zuletzt diese „niedere Publizistik“, deren Reiz gerade in dem Bezug auf das Alltägliche liege, für die Wahlerfolge der Kommunisten verantwortlich. Sie könnten zwar nicht mit der großen Presse konkurrieren, seien aber „so vielfältig in Form und Zahl und so persönlich gehalten, dass sie von Hand zu Hand laufen, wie das gut geprägte Schlagwort von Mund zu Mund läuft“886. Als erste Weimarer Partei arbeitete die SPD im Frühjahr 1928 flächendeckend mit dem vergleichsweise teuren Propagandamittel zentral hergestellter und reichsweit einheitlicher Wahlzeitungen, die in Massenauflage gratis an die Haushalte verteilt wurden. In einer Gesamtauflagenhöhe von 24,2 Millionen Stück hätten sie, so der Wahlkampfbericht des Parteivorstandes, sehr gute Aufnahme gefunden, weil sie dem Wähler in abwechslungsreicher Form von Artikeln, Notizen, Darstellungen und Bildern die Parteiziele näher brächten887. Im Sommer 1930 agitierte die SPD wie de rum auf Kosten der gewohnten Flugblattpropaganda ver- 301 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen stärkt mit solchen „Blättern zur Reichstagswahl“, die bei relativ geringem Aufwand jetzt auch von den Bezirken selbst herzustellen waren. Mit eigenem Kopfteil ausgestattet, bestanden sie meist aus mehreren Flugblättern, die auf größeren Papierbögen hintereinander nachgedruckt wurden. Die neue Werbeabteilung beim SPD-Parteivorstand stellte der Parteipresse und den Bezirksleitungen seit Anfang 1930 des weiteren zielgruppenspezifische Zeitungen wie die „Erwerbslosen-Tribüne“ oder die „Landstimme“ zur Verfügung, vorzugsweise im Maternversand, so dass vor Ort die gewünschte Anzahl produziert werden konnte. Obwohl die zweiseitige Flugblattzeitung „Anti-Faschist“, die sich – mit zum Teil recht groben Mitteln – nur der Agitation gegen die NSDAP widmete, im Wahlkampf gute Dienste geleistet habe, wurde sie nach dem 14. September durch die monatliche und vierseitige Zeitung „Unser Weg“ abgelöst, mit der die Verbindung zwischen Wähler und Partei auch in ruhigen Zeiten aufrechterhalten werden sollte888. Als Flugschriften firmierten in der Weimarer Parteienwerbung überwiegend Druckschriften längeren Umfangs, die in der Art von Broschüren geheftet waren und periodisch erschienen, oftmals in speziellen Publikationsreihen, am bekanntesten wohl die von der Schriftenvertriebs stelle herausgegebenen „Deutschnationalen Flugschriften“. Weil sie sich kaum zur größeren Verbreitung eigneten, waren sie für die Massenagitation auch wegen der meist diskursiven Inhalte nur begrenzt brauchbar, sondern dienten in erster Linie zur Information der Redner und Agitatoren. Ihre Bedeutung für die eigentliche Wahlpropaganda sank stetig, sodass von einem Niedergang der Broschüren- und Flugschriftenliteratur in den 20er-Jahren gesprochen wurde. Dem Wahlkampfbericht der DNVP nach dem 20. Mai 1928 war ein bemerkenswerter Absatzrückgang der Flugschriften gegenüber dem Herbst 1924 zu entnehmen. Wurden damals noch 670 000 Stück von 28 verschiedenen Flugschriften im Wahlkampf verteilt, so waren es vier Jahre später nur noch 446 000 von 26 Flugschriften889. Für die Wahlen im Sommer 1930 verzeichnete der Bericht der SPD-Werbeabteilung inklusive der Wahlnummern der Parteikorrespondenz sieben verschiedene Referentenmaterialien beziehungsweise Broschüren in einer Gesamtauflage von knapp 105 000 Stück, womit sie eindeutig ein Schattendasein in der Wahlwerbung zwischen Zeitungen einerseits und Flugblättern andererseits fristeten890. Allerdings meldeten sich jetzt Sozialdemokraten wie der Journalist Paul Kampffmeyer zu Wort, die nach dem Erfolg der NSDAP im 302 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik September 1930 die „Erziehung der Massen“ gerade durch den Rückgriff auf die zuletzt so vernachlässigte „klassische Broschürenliteratur“ verstärken wollten. Weil zu den Wahlen „ein oft noch politisch unerzogenes junges Volk“ gerufen werde, gab Kampffmeyer zu bedenken, dass „die Herzen und Köpfe der Wähler nicht durch einige Wahlflugblätter, Wahldemonstrationen und Wahlfilme vor dem Wahlakt“ erobert würden891. Als Ergänzung zu den Handbüchern ihrer Reichstagsfraktionen gaben die Weimarer Parteien noch besondere Wahlbücher heraus, in denen schwerpunktartig ausgewählte politische Fragen auf mitunter hunderten von Seiten behandelt wurden. Weil sie in erster Linie als Nach schlag werke und Referentenmaterial den Wahlrednern zu allen erdenklichen Fragen die Stichworte liefern sollten, waren sie so umfassend wie möglich angelegt. Im eigentlichen Wahlkampf selbst konnten sie aufgrund mangelnder Tagesaktualität und wegen der notwendigen längeren Vorbereitungszeit sowie des voluminösen Umfanges nur begrenzt wirksam sein. Selbst aber die antiparlamentarischen Parteien verzichteten nicht auf sie. Im Vorwort des Wahlhandbuches der KPD vom Juli 1930 hieß es, dass dies „eine gute Waffe sowohl im kommenden Wahlkampf wie aber auch eine Fundgrube von Argumenten gegen unsere Gegner in der täglichen Kleinarbeit nach der Wahl“ sein werde892. An die Stelle des vom Parteivorstand herausgegebenen „Handbuches für sozialdemokratische Wähler“ traten bei der SPD nach den Wahlen von 1924 die umfangreichen „Jahrbücher“893. Zur Reichstagswahl im Mai 1928 gab die Schriftenvertriebsstelle der DNVP ein über tausend Seiten starkes „Führer-ABC“ heraus, eine Art Ratgeber für Parteiaktivisten, in dem wichtige Stichworte der deutschnationalen Wahlagitation erläutert wurden, von der „Judenfrage“ bis zur Revolution und Sozialdemokratie. Die Aufnahme durch die Partei sei sehr günstig gewesen, berichtete Hauptgeschäftsführer Weiß, ungeachtet der redaktionellen Probleme wie auch grundsätzlicher Bedenken betreffs der Nützlichkeit eines solch monumentalen Wörterbuches. Von den insgesamt 2400 gedruckten Exemplaren konnten 1917 zum Preis von zwanzig Mark abgesetzt werden894. Besonderen Stellenwert besaßen die Wahlhandbücher beim ohnehin stärker auf publizistische beziehungsweise schriftliche Propagandamittel fixierten Zen trum. Vor der Wahl am 4. Mai 1924 erschien im Verlag der Germania ein von Georg Schreiber verfaßtes Handbuch über die „Grundfragen der Zen trumspolitik“, das 303 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen sich in sozialpädagogischer Form von Frage und Antwort auf das „Wesentliche“ der praktischen Parlamentsarbeit seit 1920 beschränke. Dem Reichsparteitag am 27./28. Oktober 1924 lag das wie de rum von Schreiber in Verbindung mit Mitgliedern der Fraktion redigierte Wahlhandbuch unter dem Titel „Zen trum und deutsche Politik“ vor. In Anknüpfung an die seit 1925 von ihm herausgegebenen „Politischen Jahrbücher“ veröffentlichte Schreiber im August 1930 auch das Handbuch „Zen trum und Reichspolitik“, das auf 240 Seiten in „kurzer, knapper Darstellung“, so die Anzeige, auf die „Lebensfragen des deutschen Volkes“ eingehe und für den Reichstagswahlkampf „ganz unentbehrlich“ sei895. Obwohl schon vor 1914 meist kleinformatige Plakatzettel zu Wahlzwecken angeschlagen wurden, gewann das politische Plakat in Deutschland erst in den Tagen des Ersten Weltkrieges, der Kriegsanleihen und der Revolution an Bedeutung. Für die Weimarer Zeit können großformatige Plakatanschläge, deren Gestaltung die Bildelemente bewusst in den Vordergrund stellte und vor allem auf visuelle Wirkung zielte, als ein noch relativ junges Medium in der Wahlpropaganda der Parteien gelten. Wenn diese auch bis Mitte der 1920er-Jahre das billiger und einfacher herzustellende Flugblatt dem Plakat vorzogen sowie dem Bild überhaupt traditionellerweise nur eine rein illustrierende Funktion zumaßen, erschien das Plakat einigen Zeitgenossen jedoch bereits 1919/20 als das „kräftigste Werbemittel“ der Parteien zur „Einwirkung auf eine große, unterschiedslose Masse“896. Warum es so hoch geschätzt werde, da rauf gab es eine einfache Antwort: „Das bunt bemalte Papier ist geduldig, viel geduldiger, als etwa eine Wählerversammlung, in der man Rede und Antwort stehen und sich möglicherweise auch mit Gegnern auseinandersetzen muss. Im Plakat kann man auch Dinge andeuten, die, wenn sie mit Worten umschrieben würden, eine allgemeine Heiterkeit auslösen und das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung hervorrufen würden“897. Ein zeitgenössischer Überblick über die im Herbst 1924 verwendete Plakatpropaganda stellte fest, dass die Wahlplakate noch weitgehend beliebig in Form und Ausdruck seien, aber schon während der Revolutionsmonate 1918/19 die Straßen „überwuchert“, weil die Parteien keine Häuserfront oder leerstehende Wand unbeklebt gelassen hätten. Mittlerweile sei aber diese „wilde Kleberei“ eingedämmt worden und auch in der Plakatpropaganda wieder weitgehend „deutsche Ordnung“ eingekehrt, da selbst das sich „noch so wild gebärdende Parteiplakat“ jetzt an dem behördlich genehmigten Ort – vorzugsweise der Litfasssäule – 304 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik hänge. Wie im Frühjahr dominiere bei den Wahlplakaten im Herbst 1924 der Typus des „knappen Bildplakates mit nur wenigen Schlagworten als Text“, da die Parteien nach 1918 von dem „wortreichen Aufruf “ als Plakatanschlag abgekommen seien. Vielmehr hätten sie die Bedingungen dieser „Zweckkunst“ erkannt. Historisierende oder gar „literarische“ Plakate seien nicht nur langweilig, sondern auch künstlerisch meist die schlechteren. Als wichtigste Veränderung gegenüber früher wurde der Versuch der Parteien gedeutet, in den Plakaten einprägsame Werbesymbole einzusetzen. Standen in der Inflationswahl vom Mai 1924 thematisch noch Ordnung und Rettung aus der Not an erster Stelle, so zeigten die Wahlplakate vor dem 7. Dezember 1924 wieder verstärkt politische Ideen. Gerade aber für solche „Ideenplakate“ sei wichtig, im Stil und Inhalt nicht bloß restaurativ zu sein – wie etwa die Plakate der Deutschnationalen, auf denen der friderizianische Grenadier-Trommler das alte Preußentum symbolisiere −, sondern „immer wieder einen Schritt vorwärts“ zu tun898. In der Weimar-Forschung wird politischen Plakaten nicht zuletzt deshalb mehr Aufmerksamkeit als verwandten Massenmedien wie etwa Flugblättern geschenkt, weil in ihnen die „folgenschweren Mentalitätsunterschiede zwischen den Lagern der Weimarer Re pu blik“ ablesbar seien, so der Historiker Manfred Hagen. Während die Plakate der prore publi ka nischen Parteien in ihrer überwiegend „nüchtern-sachbezogenen, oft fast vornehm zu nennenden Machart“ mehr dem Text als der Bildwirkung vertrauten, signalisierten die „derb agitatorischen und oft genug buchstäblich ‚zuschlagenden‘“ Plakate der radikalen Parteien in mitunter identischer Plakatsprache eindringlich ihre Kampfbereitschaft gegen das „System“899. Folgt man Gerhard Paul, vermitteln erst die metapherreichen Wahlplakate der NSDAP deren eigentliches Programm. Bilder und Illustrationen dienten der Hitlerpartei als unerlässliche Hilfsmittel, um ihren politischen Zielvorstellungen Nachdruck zu verleihen und ihnen die „Durchsetzungskraft zu geben, die sie verbal allein nicht besaßen“900. Entsprechend der hohen Wertschätzung des Mediums entwickelte sich nach 1918 eine regelrechte Plakatkunst, deren Produkte nicht zuletzt in den Reichstagswahlkämpfen für Jedermann zu bewundern waren. Das aus heutiger Sicht typische Weimarer Wahlplakat formte sich allerdings erst in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre, als das Bild zur eigentlichen Aussage der jetzt auch mit verbesserter Technik angefertigten Plakate 305 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen wurde. Nach 1924 gingen die Parteien verstärkt dazu über, zentral hergestellte und reichsweit einheitlich angeschlagene Plakate als eines ihrer Hauptwerbemittel in Wahlkämpfen zu benutzen. Höhepunkt eines sich zuspitzenden „Plakatkrieges“ waren die Reichswahlkämpfe 1932, die noch einmal das gesamte Symbol- und Bilderrepertoire der Weimarer Parteien zum Vorschein brachten901. Nach den extrem intensiven Aus ei nander set zungen wurden jedoch gewisse Ermüdungstendenzen spürbar und Stimmen laut, die angesichts solcher Überspannung auf die Grenzen der Wirksamkeit des Plakates hinwiesen. Anlässlich einer von der Berliner Hochschule für Politik veranstalteten Ausstellung über Wahlplakate schrieb die Frankfurter Zeitung im Juli 1932, dass es in den letzten Wahlkämpfen keine „guten“ Plakate mehr gegeben habe, im Gegensatz zu früheren Wahlen, obwohl diese „an Prozentsatz der Wahlbeteiligung, materiellem Aufwand und leidenschaftlicher Anteilnahme“ weit schwächer gewesen seien. Seine Kritik verband das liberale Blatt mit grundsätzlichen Bemerkungen über das Wesen des Wahlplakates, das die „werbend herausgestellte Meinung einer Partei“ sei und dessen Inhalte durch einen „kurzen, auf das Schlagwort gestellten Text vertreten und durch das Bild konkretisierend verstärkt“ würden. Ein Plakat sei gelungen, wenn das Zusammenwirken von Text und Bild beim Betrachter das „blitzartige Herstellen einer richtigen Assoziation“ bewirke. Als Symptom des Bedeutungsverlustes und der schwachen Symbolkraft der Plakatpropaganda sah die Frankfurter Zeitung den Rückgang des Bildplakates zugunsten von Textplakaten an. Plakattechnisch sei die Vernachlässigung der Fotomontage zu beklagen, obwohl sie die einzige Möglichkeit „zeitgemä- ßer Propaganda“, an deren Stelle jetzt „klägliche Malerei“ trete902. Die Plakate zur Reichstagswahl im Sommer 1932 hätten wieder mehr Kraft im bildlichen Ausdruck gezeigt. Je klarer die Fronten, desto stärker werde politische Propaganda, wobei das Textplakat weiter an Bedeutung gewonnen habe: „Ganze Parteiprogramme waren da zu studieren (und wurden studiert), und vom Plakat blieb gerade nur noch das bunte Papier“. Neben anderen Umstellungen in ihrer Wahlpropaganda verzichtete die SPD im Sommer 1932 ganz auf die Herstellung von Bildplakaten zugunsten des Symbolplakats mit den drei Pfeilen der Eisernen Front sowie einem thematischen Textplakat für jede der letzten vier Wahlkampfwochen. Nur der KPD sei diesmal jener „Kurzschluss zwischen Bild und Wort, Auge und Gehirn“ gelungen, der das Wesen eines schlagkräftigen Plakats ausmache. Insgesamt überrasche die geringe Rolle der 306 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Plakate im Wahlkampf vom Sommer 1932, der vielmehr als ein „Kampf der Symbole“ in die Geschichte eingehen werde903. Obwohl bei den Linksparteien traditionell ein größeres Reservoir an künstlerisch befähigten Mitarbeitern vorhanden war, blieb ihre gedruckte Propaganda bis 1924 ebenfalls noch vom meist unbebildertem Flugblatt dominiert. Erst relativ spät rezipierte etwa die KPD die fortschrittliche sowjetische Plakatkunst, wobei das 1926/27 beim ZK eingerichtete graphische Atelier für Agitation und Propaganda sowie die 1924 gegründete „Rote Gruppe“ um John Heartfield und George Grosz politische Plakate entwarfen, deren künstlerische Gestaltung ihresgleichen in der Weimar Re pu blik suchte904. Um den zur reichsweiten Verbreitung gedachten Plakaten einen möglichst unverwechselbaren und künstlerischen Stil zu geben, bereiteten alle Parteien ihre Herstellung besonders sorgfältig vor. Auf der Sitzung des Organisationsausschusses der DDP im März 1928 stand die Besprechung des Hauptwahlplakates auf der Tagesordnung. Die Demokraten entschieden sich schließlich für den Plakatentwurf, auf dem der Held die als „Gewürm“ dargestellten Gegner mit einem Schild von der Landkarte des Reiches schob. Jedoch sollte die Zahl der Würmer verringert und durch Embleme der gegnerischen Parteien wie „Stahlhelm, rote Ballonmütze mit dem Sowjetstern, Agrarmützchen usw.“ ersetzt werden. Nachdem eine Woche später festgelegt worden war, diese Symbole optisch noch zu vergrößern und auf der Landkarte Ostpreußen durch eine Klammer mit dem übrigen Reich zu verbinden, einigte man sich endlich auf den Titel des Plakates: „Säubert das Reich“905. Nicht zuletzt auch die für ihre aggressive Bildpropaganda berüchtigte DNVP gab sich im Frühjahr 1928 mehr Mühe bei den zen tra len Wahlplakaten als je zuvor. Während es in früheren Wahlkämpfen im Höchstfalle dreißig gewesen seien, lagen der Schriftenvertriebsstelle diesmal über hundert Plakatentwürfe vor. Noch niemals seien auch soviel Künstler zur Mitarbeit herangezogen worden, die freilich in der Mehrzahl politisch nicht geschult seien und denen deshalb die „Idee“ des Plakats erst erklärt werden musste906. Große Bedeutung bei der Plakatpropaganda maßen die Weimarer Parteien der Frage des Anschlagortes zu. Als für die Plakate besonders geeignete Plätze empfahl die DNVP ihren Klebetrupps im Sommer 1920 alle öffentlichen und von vielen Menschen frequentierte Orte wie Bahnhöfe, Gastwirtschaften, Ämter, Banken oder eben Plakatsäulen. Auf dem Lande eigneten sich besonders die Häuser der Gemeindevorsteher oder 307 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen die in deren Nähe liegenden Gebäude, aber auch Telefonstangen, Scheunentore oder Landstraßenbäume. Da es sich dabei um mehr oder weniger „wilde“ Anschläge handelte, sollte regelmäßig kontrolliert werden, ob die Plakate noch hingen, wobei die „Patrouillen“ gleich Ersatzplakate kleben könnten. Letzte Plakatzettel seien „am zweckmäßigsten erst in der Nacht vor dem Wahltage überall an geeigneter Stelle“ zu kleben, insbesondere auf den „Anmarschwegen der Wählermassen“907. Das Überkleben oder Abreißen gegnerischer Plakate gehörte gerade in den Anfangsjahren der Re pu blik zum Wahlkampfalltag. Durch strengere Vor schriften versuchten die Behörden, den Plakatanschlag der Parteien in geordnete Bahnen zu lenken, weshalb sie im Frühjahr 1924 das „wilde“ Ankleben ausdrücklich untersagten. Geklebt werden durfte nun nur noch an den Litfaßsäulen oder anderen „eigens dazu vorhandenen“ Orten von „eigens dazu befugten“ Personen, wie es in den Erlassen hieß. Erwartungsgemäß kümmerten sich zumal die Radikalen jedoch nur wenig um das Verbot und stellten in den Städten so genannte Klebetrupps zusammen, die vorzugsweise nachts ihre Plakate weiter an allen möglichen Orten und Stellen anschlugen. Das Agitationshandbuch der KPD beschäftigte sich vor dem 4. Mai 1924 mit dieser Arbeit, die nicht nur oft zu Konflikten mit der Polizei führe oder die Kleidung mit Kleister beschmutze, sondern auch die Sympathie von Kleingewerbetreibenden und Hausbesitzern koste, wenn deren Häuser oder Läden beklebt würden: „Aber – wer vermöchte die agitatorische Wirkung bestreiten, die ein schönes Bildplakat oben an der Hauswand oder eine im schönsten Rot leuchtende Parole auf Hunderte, ja oft Tausende von Vorübergehenden ausübt?“908 So war vor den Wahlen im Mai 1924 eine bis dahin unbekannte Vielzahl von Plakaten zu bestaunen. Die bürgerliche Presse berichtete teils amüsiert, teils entrüstet über den „nächtlichen Wahlspuk“, den die radikalen „Jünger mit Kleistertopf und Pinsel“ veranstalteten. Auch der Vorwärts beobachtete nachts „seltsame Szenen“, da mit Pinsel, Plakaten, Leitern und Kleistertopf bewaffnete Gestalten in den Straßen herumschlichen. Nicht nur die Polizei machte „Jagd auf die Plakate“, sondern auch die Parteien selbst, die etwa frisch geklebte Plakate der Gegner in „verkehrsarmen Zeiten“ nachts oder morgens wieder abrissen oder ihre Aussage durch kleine Manipulationen etwa mit Papierstreifen zu verfälschen versuchten909. Weil sich die Beschwerden aus den Ortsgruppen im Frühjahr 1924 häuften, rief die SPD schließlich zur Gegenwehr auf. Zumal der offizielle Anschlag von SPD-Plakaten auf dem Land noch von seiten der 308 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik monarchistisch gestimmten Amtspersonen boykottiert werden konnte, dürfe „kein Laternenpfahl, kein Leitungsmast, kein Zaun, keine Ecke, keine passende Stelle“ unbeklebt bleiben910. Wahlplakate sorgten immer wieder für Streit zwischen den Parteien und waren notorischer Gegenstand von Verboten und Beschlagnahmungen durch die Behörden911. Nicht zuletzt deshalb legte der Polizeipräsident von Magdeburg in einer nach einem Runderlaß des preußischen Innenministeriums im März 1928 angefertigten Broschüre dar, wie die Polizei Versammlungen, Druckschriften sowie Plakate während der Wahlzeiten zu behandeln habe. Maxime müsse sein, heißt es darin, dass ein „vorbeugendes polizeiliches Einschreiten im Hinblick auf den geistigen Inhalt des Plakates“ unterbleibe. Der Gesetzgeber habe schließlich durch Aufhebung des alten preußischen Pressegesetzes das Plakatwesen „möglichst frei von polizeilicher Beschränkung“ halten wollen. Jedes kleinliche, nicht durch zwingende polizeiliche Erwägungen gebotene Einschreiten habe daher zu unterbleiben912. In welcher Größenordnung sich die Plakatpropaganda der Weimarer Parteien bewegte und welchen Aufschwung das Medium nahm, illustrieren folgende Ziffern: Vor dem 4. Mai 1924 verschickte der SPD- Parteivorstand von seinen zwölf Wahlplakaten insgesamt 600 000 Stück unentgeltlich an die Bezirke, vor dem 7. Dezember nur noch acht Muster in leicht höherer Gesamtauflage von 700 000 Stück913. Zwar konnten die Auflagen der Plakate auch vor dem 20. Mai 1928 naturgemäß nicht mit denen der Flugblattwerbung konkurrieren. Immerhin klebte die SPD jetzt aber bereits fast 2,4 Millionen Plakate, die zu zwei Dritteln vom Vorstand aus Berlin stammten. Hinzugezählt werden können noch 1,6 Millionen Plakate in Postkartengröße, die als Wurf- und Schleppzettel Verwendung fanden914. Zum Vergleich: Von ihren zehn Wahlplakaten setzte die DNVP vor dem 20. Mai 1928 insgesamt 280 000 Stück ab 915. Bei deutlich gestiegenen Gesamtausgaben für den Wahlkampf baute die SPD hingegen zwei Jahre später im Sommer 1930 ihre plakative Propaganda weiter aus. So lieferte die zen tra le Werbeabteilung von insgesamt neun Wahlplakaten über drei Millionen Stück in fünf verschiedenen Größen an die Parteibezirke und gab dafür insgesamt 245 000 Mark aus. Meistaufgelegtes Einzelplakat war der Titel „Liste 1“ mit über 1,3 Millionen Stück in vier verschiedenen Größen. Von den kleinen Klebezetteln erschienen vor dem 14. September zusätzliche 4,5 Millionen Stück916. Plakate und ihre Bildmotive wurden von allen Weimarer Parteien in ver- 309 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen kleinerter Form sowohl als Postkarten wie eben auch als Klebezettel verwendet. Erstmals tauchten diese billig herzustellenden Zettel in Etikettengröße im Reichstagswahlkampf vom Sommer 1920 auf. Sie eigneten sich nicht nur zum Überkleben der gegnerischen Plakate, sondern waren selbst eine Art „Mini-Plakat“, meist im ungefähren DIN-A7-Format, während ein normales Wahlplakat in der Regel die Ausmaße von 71 x 95 cm besaß. Noch kleiner waren so genannte Briefverschlussmarken, gummiert und farbig, mit Aufschriften in Parolenform, wie sie die DNVP während der Inflationsjahre nicht nur für Briefe und Drucksachen empfahl, sondern etwa auch „zum Ausbessern zerrissener Geldschei ne“917. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts avancierte das Flugblatt zu einem massenhaft eingesetzten Mittel der Parteipropaganda, deren Adressat mit Ausbau der politischen Partizipation nach und nach die Gesamtheit der Bevölkerung, mit anderen Worten „Alle“ wurden. Durch die Erfindung neuer drucktechnischer Methoden veränderte sich auch die äußere Form der Flugblätter – bestimmt vor allem von Fett- und Farbdruck sowie Balkenüberschriften – und wurde ihre Herstellung durch neue Reproduktionsmethoden billiger. Das Wahlflugblatt selbst erlebte seinen Aufschwung in Deutschland nach 1890, als insbesondere die Sozialdemokratie ihre erfolgreichen Reichstagswahlkämpfe dank massenhaft verteilter Flugblätter bestritt. Ihre Wertschätzung als Propagandamittel auch von seiten der bürgerlichen Parteien sollte im und nach dem Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichen918. Aus Sicht eines Weimarer Zeitgenossen war das Flugblatt in der Zeit der allgemeinen Lesekenntnis an die Stelle der mittelalterlichen „Wanderprediger und fahrenden Spielleute, der Herolde und Ausrufer“ getreten und stehe der Form nach zwischen Versammlungsrede und Zeitung. Wie diese besitze es einen aktuellen Charakter, wende sich aber in der Regel nicht an ein bestimmtes Publikum, sondern ziele auf die Erfassung aller Volksschichten: „Deshalb klopft in ihnen, von den ‚fliegenden Blättern‘ aus der Kindheit des Buchdruckes an, seit jenen Einblattdrucken, die die Reformation vorbereiteten, stets der Pulsschlag des politischen Lebens am heißesten und heftigsten, haben sie auf die Massen den stärksten Einfluss ausgeübt und bewahren uns das getreueste Spiegelbild stürmisch bewegter Zeiten“919. Flugblätter bildeten in den ersten Reichstagswahlkämpfen der Weimarer Re pu blik das auffälligste, überall anzutreffende Propagandamit- 310 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik tel der Parteien, sodass sich überspitzt sagen lässt: Wahlkampf war, wenn Flugblätter verteilt wurden. Relativ leicht herzustellend, unterlagen sie je nach politischem Lager der gleichen Wert- oder Geringschätzung wie dieser selbst. Das Flugblatt sei eines der „wichtigsten Mittel der politischen Propaganda“, bemerkte unmittelbar nach dem Wahlkampf zur Nationalversammlung im Januar 1919 etwa Paul Landau, Leiter eines USPDnahen „Werbedienstes“. Zu kritisieren sei aber die „papierne Offensive“ der staatlichen und militärischen Stellen während des Krieges gewesen, als sich eine „ungeheure Flut von Flugblättern und Broschüren“ über das Deutsche Reich und seine Bevölkerung ergossen habe. Die damals in Bewegung gesetzte amtliche „Beeinflussungsmaschine“ habe jedoch keinerlei Verständnis für den „Massengeist“ gezeigt. Vielmehr bewegten sich die Kriegsflugblätter „auf dem tiefsten intellektuellen und künstlerischen Niveau“, weil die Verfasser, meist Professoren und Offiziere, der Ansicht gewesen seien, so „zum Volke herunterzusteigen“. Um aus dem Versagen der deutschen Kriegspropaganda zu lernen, plädierte Landau Anfang 1919 für sorgfältig gestaltete Flugblätter, in denen durchaus intellektuelle Anforderungen an das so oft zu Unrecht geschmähte „Verständnis der Vielen“ gestellt werden könnten920. Bereits 1911 hatte Rosa Luxemburg die Flugblätter als die „Pioniere, die uns den Weg in noch nicht gewonnene Kreise bahnen müssen“, bezeichnet. Auch um die eigene Anhängerschaft zu festigen, seien sie eine „außerordentlich wichtige Waffe“. Zwar weniger anregend als öffentliche Versammlungen, dafür aber „viel nachhaltiger in ihrer Wirkung“, könnten Flugblätter die „breitesten Massen“ aufrütteln und im Parteisinne beeinflussen, wenn sie „kurz und populär“ geschrieben seien und doch die wichtigsten Ziele der Partei mitteilten921. Eine davon abweichende Vorstellung über die Gestalt und Aufgabe eines Flugblattes herrschte vor 1914 in regierungsnahen bürgerlichen Kreisen: „Gebildete Wähler werden durch Flugblätter und Schriften, die während der Wahlbewegung erscheinen, überhaupt kaum umgestimmt“, hieß es dort. Bei ihrer Abfassung sei also nur auf die breite Masse zu rechnen, ohne deshalb in einen allzu „kindlichen Ton“ zu fallen: „Keine Zahlen und koloniale Zukunftsmusik, sondern konkrete, anschauliche Erzählung, je blutiger, desto besser, denn das melodramatische Bedürfnis der Massen verlangt immer nach Kolportageliteratur“922. Das politische Flugblatt gehörte schon vor 1918 zum Propagandarepertoire der deutschen Parteien und zählte somit in der Weimarer Re- 311 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen pu blik bereits zu den „alten“ Werbemitteln. In Sprachduktus und Argumentationsstil kam es der so genannten Mundpropaganda am nächsten. Seine „prompte Sprache“ entsprach aber auch dem „neusachlichen“ Zeitgeist der 1920er-Jahre, der eher „unscheinbare“ publizistische Mittel wie Broschüren, Plakate und eben Flugblätter gegenüber dem Buch als schlagkräftiger erachtete. In der Regel von den Parteizen tra len zum Stück- beziehungsweise Herstellungspreis (von etwa einer bis zwei Mark pro 100 Stück) verkauft oder in Matern an die Organisationen verschickt, folgten auch die bürgerlichen Parteien nach 1918 dem Beispiel der SPD und verbreiteten anlässlich von Wahlen ihre Flugblätter in Millionenauflagen923. Andererseits wurden die Begleiterscheinungen dieser neuen publizistischen Massenpropaganda in weiten Teilen der Öffentlichkeit weiterhin als negativ registriert. Sowohl die pure „Papierflut“ als auch die Flugblattagitation der Parteien stieß insbesondere im Bürgertum auf Ablehnung. Gewissermaßen drückte sich darin die Distanz zu den „Auswüchsen“ der Parteiendemokratie aus, mit denen das Flugblatt wie kein zweites Werbemittel gleichgesetzt wurde. Noch Siegfried Neumann schreibt im Ton der Abscheu über die „flachen und vergröbernden Schlagworte der politischen Pamphletliteratur“. Zugleich hätten die Parteiprogramme zugunsten dieser Tagespublizistik als ein „Sprachrohr konstanter Beeinflussung der Anhängerschaft“ an Bedeutung verloren924. Bemerkenswert war die Herausbildung neuer Formen in der Flugblattpropaganda nach 1918. Die Weimarer Parteien fassten darunter in der Regel ihre gesamte „kleine“ Schrift- und Textwerbung, also nicht nur die Flugblätter, sondern auch Wahlzeitungen und Textplakate, Handzettel oder Pressepropaganda durch Inserate und Kästchen-Anzeigen925. Die graphische Gestaltung der Flugblätter konnte erheblich verfeinert und vor allem durch die Hinzunahme von Bildern in den Text „bunter“ werden. Politische Triebfeder dieser neuen Formenvielfalt war der Versuch der Parteien, sich an die speziellen Bedürfnisse breiterer Wählergruppen anzupassen. Die am häufigsten anzutreffende Form von Flugblättern in den Reichstagswahlkämpfen der Weimarer Re pu blik, das, wenn man so will, „typische“ Wahlflugblatt, blieb ein meist beidseitig bedruckte und zunächst nur wenig bebilderte Einzelblatt im ungefähren DIN-A4-Format. Noch in den Reichstagswahlkämpfen von 1924 überwogen die kaum illustrierten und meist einfarbigen Flugblätter, wie sie aus dem Kaiserreich überliefert waren, die „alten, schlechterprobten und eng bedruckten langen Zettel aus grauem porösem Papier“, deren Frakturschrift zwar 312 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik einen amüsanten Eindruck biete, aber keinerlei optische Reize. Wenn auch in Millionenmengen verteilt, hätten viele Wähler sie deshalb bald wieder „flattern“ lassen926. Erst im Frühjahr 1928 erfuhren die Druckschriften etwa der SPD laut dem Bericht des Parteivorstandes eine „wesentliche Veränderung“ in Richtung moderner Gestaltung. Ausgehend von der Erfahrung, dass lange absatzlose Darstellungen nicht mehr gelesen würden, wollte die SPD stärker dem Pu bli kumsbedürfnis Rechnung tragen und durch „knappen, interessanten Text, gute typographische Anordnung und Bilder das gedruckte Wahlmaterial lebendig“ gestalten927. Auch die bürgerlichen Parteien griffen nun verstärkt auf Bildflugblätter zurück. Das „illustrierte Flugblatt“ feierte gewissermaßen Ende der 1920er-Jahre seine Wiedergeburt. In der Herstellung zwar teurer als solche ohne Bilder, Karikaturen oder Farben, schienen sie wie die Wahlzeitungen für den Leser inte res santer und damit größere Sicherheit zu bieten, gelesen zu werden928. Als gelungen galt ein Flugblatt in den Augen von Weimarer Zeitgenossen, wenn es „packende Schlagworte“, „scharfe Gegensätze“ sowie eine „bildhafte Wirkung“ besitze929. In den Wahlbewegungen entfaltete sich ein regelrechter „Flugblattkampf “ der Parteien, dessen Hauptregel lautete, dass die meisten Flugblätter erst während der „Kampfhandlungen“ entstehen und im Gegensatz etwa zu den Broschüren erst kurz vor dem Versand aus der aktuellen Situation des Wahlkampfes heraus geschrieben würden930. Im Sommer 1930 empfahl die Parteileitung der DNVP ihren Landesverbänden, in diesem Sinne ein illustriertes Wahlflugblatt als „Schlager für die letzte Woche“ zu verteilen. Moderne Fotomontage sowie ein „besonders zugkräftiges und neu trales Titelblatt“ sicherten ihm größte Werbekraft. Darüber hinaus werde kein weiteres Propagandamaterial mehr hergestellt, abgesehen von den Wahlnummern des Parteiorgans, die „ganz ausgezeichnetes Material, auch illustriertes, zur Herstellung von Flugblättern und Handzetteln“ enthielten931. Oftmals beschäftigte sich auch die große Richtungspresse mit den Methoden und Inhalten der Flugblattagitation932. Wegen seiner billigen und einfachen Produktionsweise wurde das Flugblatt gerade von den radikalen Parteien besonders geschätzt. Innerhalb des Spek trums der Werbemittel der NSDAP kam ihm jedoch nur eine Hilfsfunktion neben den „lebendigen Propagandaträgern“ wie den Versammlungsrednern oder den SA-Trupps zu. Goebbels erklärte Flugblätter in der bereits „im Über- 313 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen maß mit gedruckten Papier“ gefüllten Reichshauptstadt 1931 sogar als völlig ungeeignet zur Wahlpropaganda933. Laut seinem Berliner Propagandaleiter hatte der zum Verteilen auf der Straße gedachte Handzettel schon im Sommer 1930 „so ziemlich abgewirtschaftet“. Er werde vom Leser schnell weggeworfen und sein Inhalt, selbst nur eine kurze Versammlungsanzeige, kaum beachtet. Eine „viel versprechende Modifikation“ stelle allerdings der mit Karikaturen bebilderte Handzettel dar, weil Bilder immer „fesseln“ würden. Flugblätter könnten in „kurzer gemeinverständlicher Weise einen Gedanken klar zum Ausdruck bringen und den Gegner herausfordern“. Die „markantesten Stellen“ sollten durch Fettdruck und größere Schrift hervorgehoben werden. Zu kleine Schrift, schlechte Anordnung und langatmige Ausführungen des Flugblattes missachteten das In te res se des Wählers. Schließlich müssten dadurch „ja Gleichgültige aufgeweckt werden, denen man keine besondere Anstrengung zumuten darf “934. Eine eng mit dem Distributionsproblem der Flugblattpropaganda verknüpfte Frage betraf den Herstellungsort und spiegelt aus heutiger Sicht den Zwiespalt zwischen zen tra ler und regionaler Wahlkampfführung wider. Die Flugblätter der Berliner Parteizen tra len konnten naturgemäß nicht auf die speziellen Probleme der einzelnen Wahlkreise eingehen, sondern behandelten vorrangig allgemeinpolitische Fragen und wandten sich an Wählergruppen im ganzen Reich. Flugblätter lokaler Parteiinstanzen waren dagegen nicht nur wegen der wegfallenden Frachtkosten preiswerter, sie galten vielfach auch als wirksamer durch ihren aktuellen Bezug und durch die Tatsache, dass sie dem Schauplatz des Wahlkampfes vor Ort näher waren. Die technischen Vorteile des Maternversands von zentral hergestellten Flugblättern lagen auf der Hand, entlastete er doch die Parteizen tra len und gab den Wahlkreisen die Möglichkeit, die gewünschte Menge je nach Bedarf nachzudrucken und so überflüssigen Druck oder Materialengpässe zu vermeiden. Doch die Produktion von reichseinheitlichem Wahlmaterial durch die Parteizen tra le stieß vor allem auf inhaltliche Kritik in den Wahlkreisen. Strebten die Berliner Vorstände das möglichst geschlossene Erscheinungsbild der Propaganda an, wünschten sich die regionalen Parteiverbände, dass auch in Reichstagswahlkämpfen Rücksicht auf die Eigenart der Verhältnisse vor Ort genommen werde, was sie nicht hinderte, sich andererseits selbst mit allgemeinpolitischen Themenflugblättern in die Geschäfte der Berliner Parteizen tra len einzumischen. Der Hauptgeschäftsführer der DNVP 314 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schrieb rückblickend, dass es etwa im Wahlkampf zur Nationalversammlung 1918/19 fast unmöglich gewesen sei, von Berlin aus Flugblätter für die einzelnen Landesverbände zu schreiben, weil „der Geschmack und das Bedürfnis je nach früherer Parteizugehörigkeit und nach den örtlichen Gegenden ganz verschiedenartig“ gewesen seien935. Die deutschnationale Schriftenvertriebsstelle unterschied zwischen ihren broschürenartigen „Flugschriften“, die bis zu dreißig Seiten lang sein und bis zu 25 Pfennig das Stück kosten konnten, und den „Flugblättern“, die meist beidseitig bedruckt und zwischen ein bis vier Seiten lang waren, mitunter bebildert und bei gestaffelten Preisen für zwei Pfennig pro Stück. Verfaßt wurden die Flugblätter wie alle gedruckte Propaganda vorzugsweise von „sachverständigen“ Funktionären oder Abgeordneten, bei denen es sich in der Regel um journalistisch geschulte Kräfte handelte. In den bürgerlichen Parteien war es üblich, auch herausragende Vertreter der In te res sen- und Berufsverbände mit dem Abfassen von Wahlflugblättern zu beauftragen, zumal ein Hauptgewicht der zen tra len Flugblattpropaganda auf den Berufsgruppen lag. Der Trend ging nach 1918 weiter vom allgemeinpolitischen, an „Alle“ adres sierten Flugblatt hin zu beruflich differenzierten Spezialflugblättern. Diese verkaufte etwa die Zen tra le der DDP im Frühjahr 1928 je nach Aufmachung – ob koloriert oder einfarbig, ob illustriert, im Quart- oder Oktavformat – für einen Preis von einer bis zwei Mark je 100 Stück936. Die Konzentration auf „berufsständische“ Flugblattpropaganda wurde Ende der 1920er-Jahre innerhalb der bürgerlichen Parteien jedoch zunehmend kritisiert, glaubte man dadurch doch den Gedanken der „Volksgemeinschaft“ konterkariert. Außerdem habe sie, so ein weiteres Argument, die Wahlerfolge der als mittelständische Konkurrenz heftig bekämpften „In te res senparteien“ wie der WP nicht verhindern können. Es verwundert daher kaum, dass die Wahlkampfrichtlinien der neuen DStP vom Sommer 1930 feststellten, Berufsflugblätter richteten mehr Schaden als Nutzen an, zumal „bei nicht sorgfältiger Aussiebung nachher das Beamtenflugblatt in die Hand des Handwerkers und das Bauernflugblatt in die Hand des Arbeitnehmers“ gelange937. An die Stelle des textintensiven und womöglich noch mehrseitigen Flugblattes traten ab Mitte der 1920er-Jahre mehr und mehr die kürzeren und noch stärker auf bloße Schlagworte fixierten Zettel sowie die bereits erwähnten Wahlzeitungen. Bei seiner Abrechnung mit den Propagandamethoden der Weimarer SPD ging Carlo Mierendorff hart mit dem 315 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen aus seiner Sicht veralteten Flugblattwesen ins Gericht. Obwohl ihre Flugblätter bereits „konzentrierter im Inhalt, schlagender in der Formulierung“ als früher seien, so Mierendorff, blieben viele nach wie vor „überflüssig, geschwollen, gereizt, humorlos“, voll von „schwülstigen De klama tionen und schwerfälligen Formulierungen“. Gerade die typographische Anordnung und die „vielfach abscheulichen“ Zeichnungen müssten verbessert werden. Trotz einiger guter Ansätze fehle es den Flugblättern wie der gesamten Agitation der SPD daher an „Schmiss, Schwung und Witz“938. Auf bürgerlicher Seite zog etwa die DVP im Frühjahr 1928 den Flugblättern faksimilierte Briefe in sauberem Offsetdruck vor, die in verschlossenem Umschlag an die Haushalte verteilt wurden. Ihre persönliche Form und Inhalte weckten das In te res se der Adres sa ten eher „als die in schlechtem Druck und auf schlechtem Papier erscheinenden altgewohnten Agitationsflugblätter“939. Schließlich war auch die Frage, wie, wo und wann sie am günstigsten zur Verteilung, „unter die Leute“ gebracht werden sollen, ein Faktor, der ihre Wirkung beeinflusst haben wird. Die Verteilung der Flugblätter stellte die Weimarer Parteien vor erhebliche logistische Probleme, da eine flächendeckende Verbreitung gro- ße Scharen von Helfern erforderte, auf die nur Parteien mit gut ausgebauter Organisation und Massenmitgliedschaft wie der SPD kostenlos zurückgreifen konnten. Sie mobilisierte zur Flugblattverbreitung in Wahlzeiten regelmäßig die gesamte verfügbare Mitgliedschaft. Die ganze Parteiarbeit und die „gewaltigen Summen“, welche die Flugblattpropaganda verschlinge, sowie selbst die „gediegensten Flugblätter“ seien Ma kula tur, wenn sie nicht in der gewissenhaftesten Weise verbreitet würden. Schließlich sei diese Arbeit in der Stadt, wo das Treppensteigen das einzige „Opfer“ darstelle, leicht im Vergleich zur Landpropaganda und ihren weiten Wegen, wo bei der Ausstreuung der „Samenkörner des Sozialismus in den durch die Wahlerregung gelockerten Boden“ bis vor kurzem noch Zettelverteiler der SPD „auf Befehl der Grundbesitzer von ihren ländlichen Arbeitsbrüdern mit Dreschflegeln und Hunden vom Hof und aus dem Dorf herausgehetzt“ worden seien940. Spätestens im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 war die gezielte Flugblattwurfsendung an die Haushalte eine allgemein angewandte Verteilungsart, die immer mehr der anonymen Straßenverteilung vorgezogen wurde. Die Nationalsozialisten wurden im Sommer 1930 von ihrer Propagandaleitung daran erinnert, dass sich nur Verkehrsknotenpunkte zum Verteilen von Flugblättern eigneten, wo gewährleistet sei, dass der Inhalt 316 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sofort gelesen werde. Außer in Bahnhöfen, wo die Abfahrenden und nicht die Ankommenden versorgt werden müssten, da in der Bahn gelesen werde, aber nicht auf der Straße, empfahl die NSDAP das „Verteilen morgens vor den Fabriktoren (nicht bei Arbeitsschluss), Versorgen der Arbeitsplätze vor Beginn der Arbeitszeit mit Werbematerial“, das in der Frühstückspause durchgelesen und besprochen werde, aber auch bei den Wartenden auf den Arbeitsämtern und überall da, „wo Zeit totgeschlagen werden muss und jedes Schriftstück gelesen wird“. Die größte Wirkung aber zeige das systematische Verteilen an die einzelnen Haushalte, das möglichst morgens erfolgen müsse, „damit der Volksgenosse beim Frühkaffee sich in aller Ruhe sein Urteil bilden kann“941. Die bürgerlichen Parteien ohne Massenanhängerschaft mussten oft private „Verteilungsinstitute“ für diese Wahlarbeit einschalten. Als wirkungsvollste Form der Flugblattverteilung empfahl der badische DDP- Führer Hermann Dietrich nach den Reichstagswahlen vom Mai 1924 die Zeitungsbeilage, da seine Partei nur in kleineren Orten eine Verteilung durch ehrenamtliche Helfer von Haus zu Haus erledigen könne, für gewerbliche Kräfte aber kein Geld habe. In den Städten müssten die Flugblätter ohnehin durch „bezahlte Boten ähnlich den Zeitungsträgern“ sowie vor allem in den Wahlversammlungen der DDP verbreitet werden942. Weil jedes Flugblatt, so die Wahlkampfrichtlinien der DNVP vom Sommer 1930, seinen Zweck verfehle, das nicht in der Hand seines Adres saten lande, sei das Verfahren der Straßenverteilung einzuschränken. Für die Straße eigneten sich nur noch ganz knappe Flugblätter, die dem Passanten ihre Botschaft schon beim flüchtigem Überfliegen vermittelten943. Auf innerparteiliche Kritik, dass die Einzelverteilung von Flugblättern überholt und nur noch die Zeitungsbeilage sinnvoll sei, antwortete DNVP-Hauptgeschäftsführer Weiß im Oktober 1928 mit dem Hinweis auf die nach wie vor starke Flugblattpropaganda der Linksparteien, die allerdings fast überall über ein „ausgezeichnetes System der Hausverteilung“ verfügten. Im Frühjahr 1928 stießen die Flugblattmatern der DNVP auf so wenig Nachfrage, dass der Absatz ihrer Wahlflugblätter dramatisch zurückging. Insgesamt verteilte sie vor dem 20. Mai im Vergleich zur Dezemberwahl 1924 über 15 Millionen Stück weniger, statt 25,8 Millionen von 73 nur noch 10,7 Millionen von 84 verschiedenen Flugblättern944. 317 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Flugzeuge, Kraftfahrwagen und Fahrräder In den relativen Stabilisierungsjahren nach 1923 beschleunigte sich das Tempo der Technisierung der Wahlpropaganda, da neben die traditionellen Mittel der Parteienwerbung wie öffentlichen Versammlungen, Plakaten und Flugblättern mehr und mehr technische Hilfsmittel wie das Auto, der Film, Schallplatten und Lautsprecher traten. In den ersten Reichstagswahlkämpfen der Weimarer Re pu blik hatte sich die Rolle der Technik noch auf die unkoordinierte Nutzung von größtenteils privaten Kraftwagen als Transportmittel oder auf den gelegentlichen Einsatz von gemieteten Flugzeugen, in erster Linie zum Abwurf von Flugblättern nach Vorbild der Weltkriegspropaganda, sowie der kommerziellen Werbung beschränkt945. Bezüglich der Propaganda „von oben“ führt es freilich in die Irre, isoliert den spektakulären Gebrauch des Flugzeugs durch die NSDAP im Präsidentschafts-Wahlkampf vom Frühjahr 1932 („Hitler über Deutschland“) zu akzentuieren, mit denen sie alle Konkurrenten übertroffen habe946. Eine innovative Vorreiterrolle bei der Nutzung solch „moderner“ Werbemethoden spielte vielmehr die SPD, die schon Ende der zwanziger Jahre die Mittel zu einer systematischen Flugzeugpropaganda aufbrachte, während andere Weimarer Parteien wie das Zen trum schon aus Kostengründen von einer vergleichbaren Propaganda absehen mussten947. Wegen der relativ hohen Kosten konzentrierte diese sich ohnehin vor allem auf die Schlussphase des Wahlkampfes sowie auf Großstadt- beziehungsweise Ballungsgebiete, da hier die „Trefferquote“ höher lag. Die Flugblattverteilung per Flugzeug wurde während der 20er-Jahre zwar nicht aufgegeben, jedoch im Zuge wachsender Skepsis über den Sinn solch letztlich wahlloser Abwürfe von Propagandamaterial mehr und mehr eingeschränkt. Andere Formen der Propaganda aus und in der Luft konnten dabei von vornherein aus verschiedenen Gründen nicht mit dem Flugzeug konkurrieren. Wenn auch der Flug des Zeppelins LZ 126 im Herbst 1924 massiv von der bürgerlichen Wahlpropaganda aufgegriffen wurde, waren die Luftschiffe selbst als Propagandamittel viel zu kostspielig. Unter der Parole: Ausnutzung „aller technischen Errungenschaften der Neuzeit“ empfahlen die Wahlkampfrichtlinien der DNVP vom Sommer 1920 dagegen, über Städten große Fesselballons mit weithin sichtbaren Aufschriften aufsteigen zu lassen, denn: „Wenn der Wähler überall und immerfort immer nur den einen Namen des Kandidaten hört und liest, so wirkt das schließlich suggestiv“948. 318 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Generell gehörte das Flugzeug zu den kostspieligsten Propagandamitteln und fand deshalb bei den Weimarer Parteien naturgemäß weniger Anklang und Verbreitung als etwa das Auto. Ab Mitte der 1920er- Jahre ist zu beobachten, dass planvoller und in veränderter Form auf das Flugzeug zu Wahlzwecken zurückgegriffen wurde. So setzte der Vorstand der SPD im Reichstagswahlkampf vor dem 20. Mai insgesamt acht Flugzeuge ein, die zwar auch noch mit dem Abwurf von Wahlflugblättern beschäftigt waren, von denen einige aber schon mittels Tragflächenaufschriften wie „Wählt SPD“ warben, die zum Teil während der Dunkelheit noch beleuchtet wurden. In erster Linie sollte diese Flugzeugagitation den Anhängern und Wählern die Macht der sozialdemokratischen Organisation im Wahlkampf demonstrieren. Zumal sich weitere Verwendungsmöglichkeiten ergeben würden, prophezeite die SPD dem Flugzeug „in zukünftigen Wahlkämpfen sicher noch eine weit größere Rolle“ als bislang949. Von seiten des Reichsverkehrsministers Wilhelm Koch, einem Deutschnationalen, war dagegen vor der Wahl am 20. Mai 1928 versucht worden, „das Flugwesen von der Wahlagitation der Parteien freizuhalten“. Hintergrund war der Fall eines Stuttgarter Unternehmens für „Flugreklame“, das bei der Landesregierung um Erlaubnis angefragt hatte, für die DVP im Wahlkampf Druckschriften aus Flugzeugen auch über solche Städte abzuwerfen, die dies polizeilich untersagt hatten (was ihnen das Kommunalrecht gestattete). In seinem Antwortschreiben vom 16. Mai wies Reichsinnenminister Keudell, ebenfalls DNVP, den Kollegen da rauf hin, dass ein generelles Verbot von Flugzeugpropaganda die Wahlfreiheit beschränke. Erfahrungsgemäß sei zudem die schiere Menge an Flugblättern, die etwa durch Autos in den Städten verbreitet werde, ohnehin größer als die durch Flugzeuge950. Im Sommer 1930 war es wie de rum die SPD, die systematisch Flugzeuge in den Dienst ihrer Wahlpropaganda stellte, wozu der Parteivorstand vom Arbeiter-Flugverband „Sturmvogel“ fünf Flugzeuge für die letzten zwei Wochen vor dem 14. September anmietete. Das von der Parteipresse als „Deutschlandflug“ apostrophierte Unternehmen startete am 30. August 1930 von Berlin aus. Angeflogen wurden in einer Rundreise fast alle Gegenden Deutschlands, bevorzugt natürlich größere Städte. Ein mitfliegender Mitarbeiter des Vorwärts berichtete mehrmals über den Verlauf der Aktion. Die Tragflächen sowie die Hecksteuer der fünf Maschinen waren in den Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold angestrichen und 319 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen unter den Tragflächen war noch in dicken Lettern die Aufschrift „Wählt Liste 1“ zu lesen. Durch den Abwurf von Flugblättern, aber vor allem durch die Sensation ihres bloßen Erscheinens sollten die „SPD-Sturmvögel“ die Wahlhelfer der Partei anspornen sowie die Gleichgültigen zum Wahlgang aufrütteln, indem sie „über Dörfer und Städte brummen und dort Werber für die Sozialdemokratie“ seien951. Andere Parteizentra len hatten dieser Agitation im Sommer 1930 nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Während liberale Lokalzeitungen während der Wahlkampfwochen „Werbeflugtage“ veranstalteten und Gratisflüge an ihre Leser verlosten, wurde nichts bekannt über weitere reichsweit ausgerichtete Aktionen auf dem Gebiet der Flugzeugagitation. Das Zen trum setzte vor dem 14. September 1930 in einigen Hochburgen wie Düsseldorf immerhin bereits Flugzeuge mit beschrifteten Fahnen für Wahlpropaganda ein952. Die Zen tra le der DNVP nannte ihren Organisationen lediglich die Adressen von privaten Firmen, an die sie sich zwecks Flugzeugpropaganda wenden könnten. Der Preis einer Flugstunde betrug bei ihnen 150 Mark, mit Beschriftung noch einmal fünfzig Mark extra zuzüglich der Kosten für den Anflug, doch verfügten die genannten Firmen in fast allen grö- ßeren Städten Deutschlands über Flugzeuge, sodass längere Anflugzeiten entfielen. Außer auf eine rechtzeitige Buchung wies die DNVP noch ausdrücklich da rauf hin, dass sich der Propagandaflug bei einer Flugzeit von unter vier Stunden kaum lohnen würde953. Der relativ hohe Aufwand und die Kosten machten das Flugzeug zu einem alles in allem eher selten anzutreffenden Propagandamittel in den Wahlkämpfen der Weimarer Re pu blik, ganz im Gegensatz zum Automobil, das außer zur Materialverbreitung noch am Wahltage zum „Schleppen“ säumiger oder kranker Wähler oder auch zum Rednertransport genutzt wurde. So war das „Wahlauto“ spätestens in den Reichs tagswahlkämpfen von 1924 bei allen Parteien zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel geworden, das sich darüber hinaus mehr und mehr zu einem selbständigen Träger beziehungsweise Medium der Propaganda entwickelte. Die verschiedenen, größtenteils noch privaten oder von den Par tei mit glie dern requirierten Kraftfahrzeuge, Personen- wie Lastwagen und auch Motorräder, dienten allen Weimarer Parteien dazu, Präsenz im „Kampf um die Straße“ zu demonstrieren. Vor allem in der Schlussphase des Wahlkampfes wurden die Kraftfahrzeuge auch als bewegliche Plattformen für Wahlreden oder durch Ausschmückung mit Fahnen und 320 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Transparenten unmittelbar für Werbezwecke eingespannt. Die in den Städten allgegenwärtigen Umzüge und Fahrten mit Automobilen, von denen die Parteiaktivisten großzügig Flugblätter und Handzettel warfen, erschienen der Presse gar als das eigentümliche Kennzeichen des Wahltages am 4. Mai 1924. Handelte es sich auf bürgerlicher Seite noch überwiegend um zweckentfremdete Privatwagen, hatte die SPD bereits gewerblich welche angemietet954. Vor allem im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 erlebte das Auto dann eine wahre Konjunktur als Hilfsmittel, wobei sich die Formen der Autopropaganda änderten. Für Aufsehen sorgten insbesondere die erstmalig eingesetzten „Schallplatten- und Kinoautos“, die mit Grammophon, Schallplatten, Lautsprecher und Filmvorführungsapparaten ausgerüstet auf Propagandafahrt gingen (zwei Jahre später fuhren dann auch „Tonfilmautos“). Diese Technik erlaubte es den Weimarer Parteien, mobile öffentliche Wahlversammlungen abzuhalten beziehungsweise zu improvisieren. Statt wie bisher auf den Besuch der Wähler warten zu müssen, konnten sie nun selbst mithilfe des Autos zu ihnen hin fahren, was zur angestrebten Erschließung neuer Wählerschichten immer unumgänglicher erschien. Als solch vielseitiges Hilfsmittel verdrängte das Auto im Zuge einer allgemein starken Motorisierung seit Anfang der zwanziger Jahre immer mehr das Fahrrad aus der Wahlpropaganda. Freilich blieben die Drahtesel vor allem auf dem Land ein unverzichtbares technisches Hilfsmittel der Parteien. Bei so genannten Propagandafahrten in ländlichen Wahlkreisen, wie sie etwa von der KPD im Herbstwahlkampf 1924 im Umkreis von Berlin veranstaltet wurden („Rote Kavallerie“), leistete das weniger kostspielige Fahrrad nach wie vor gute Dienste. Angesichts der weiten Wege, die bei der Landagitation anfielen, vertraute auch die SPD da rauf, dass „flinke Arbeiterradfahrerkolonnen“ sie abkürzten. Mit Wahlplakaten geschmückt, brachen solche Kolonnen von bis zu 20 Radfahrern meist frühmorgens mit Flugblättern und anderem Agitationsmaterial auf, das sie dann bis zum späten Abend in den umliegenden Dörfern der jeweiligen Kreisstadt verteilten. Aber auch in den Großstädten gehörten Radfahrer oder Motorräder, die ebenfalls mit kleinen Fähnchen geschmückt wurden, zum Bild der Reichstagswahlkämpfe955. Eine seit Anfang der 1920er-Jahre gewohnte Erscheinung waren die so genannten Propagandafahrten von dekorierten Last- und Kastenwagen, die mit Fahnen, Schildern mit den Namen der Kandidaten, den 321 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen wichtigsten Parolen und zum Teil auch mit Musikkapellen bestückt waren. Im Berliner Bezirk setzte die SPD vor dem 20. Mai 1928 ein Dutzend großer, mit Transparenten geschmückte Möbelwagen ein, die in vier Kolonnen zu je drei Wagen durch die Straßen fuhren und starkes Aufsehen erregten. Der Wahlkampfbericht des Parteivorstandes vom Frühjahr 1928 sah die Nützlichkeit der Kraftwagen vor allem in einer „besseren Durchdringung des Gebiets, größeren Versammlungszahl und Zeit- und Kostenersparnis“ für die Partei956. Dass Wahlagitation auf Rädern aber nicht nur Auto, Fahrrad oder Motorrad bedeutete, sondern in den Städten auch die öffentlichen Verkehrsmittel miteinbezog, war einem Bericht des Vorwärts vom Herbst 1924 zu entnehmen. In Berlin leistete sich ein Parteigenosse während des Wahlkampfes den Luxus, im Zweiter-Klasse-Abteil der Straßenbahn morgens inmitten „national“ eingestellter Bürger zur Arbeit zu fahren. Unter deren unwilligen Blicken begann er „breit und umständlich“ den Vorwärts zu lesen, was schnell die Aufmerksamkeit des ganzen Abteils erregte. Wenn er dann das Parteiblatt wie zufällig liegen ließ, sei sicher, dass andere es läsen und solch „spaßige Intermezzi am Morgen“ ihren Agitationszweck erfüllten957. Propagandawagen, die mit Lautsprechern, Grammophon und Schallplatten ausgerüstet waren, konnten die Methoden der herkömmlichen Versammlungs- und Flugblattpropaganda natürlich nicht ersetzen. Seine Übersicht über die im Wahlkampf benutzten technischen Hilfsmittel begann der Bericht der SPD im Frühjahr 1928 dennoch mit dem Auto, das sich überraschend schnell in der Wahlarbeit bewährt habe und angesichts der allgemein „fortschreitenden Vermehrung der Propagandatätigkeit“ bereits unentbehrlich geworden sei. Insgesamt besaßen die SPD- Bezirke 55 parteieigene Personen- und Lastkraftwagen, zu denen während des Wahlkampfes noch mindestens die zehnfache Menge geliehener oder gemieteter Wagen hinzukam. Hervorgehoben wurde immer wieder die Vielseitigkeit des Autos, das sich nicht nur beim Schleppdienst am Wahltage, sondern auch beim Transport von Referenten oder von speziellen „Filmkolonnen“ bewährt habe. Ein großes „Kino-Auto“ des Parteivorstands, ausgestattet mit einem Filmvorführungsgerät und Großlautsprechern, unterstützte im Frühjahr 1928 erstmals die Versammlungspropaganda der SPD. Im Innern eines solchen Wagens waren in der Regel Übernachtungsmöglichkeiten für drei Personen sowie Waschgelegenheiten und Heizung eingebaut. Falls Mikrophon und Lautsprecher nicht zur externen Übertragung herausgenommen werden mussten, war die 322 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Apparatur innerhalb weniger Minuten einsatzbereit. Dank den Filmprojektoren und Lautsprechern, die auch zur Schallplattenpropaganda eingesetzt wurden, waren bereits Kinovorführungen mit Ton beziehungsweise Musikbegleitung im Freien möglich. Sei bei der herkömmlichen Saalversammlung mitunter stundenlanges Ausharren verlangt, entsprächen solche mehr improvisierten Wahlveranstaltungen den Bedürfnissen des Pu bli kums, da sich eine Schallplattenrede von wenigen Minuten auch derjenige anhöre, der keine Zeit habe. Am Abend standen meist Filmvorführungen im örtlichen Kinotheater – so vorhanden – auf dem Programm, zu denen nachmittags bereits per Lautsprecheransagen eingeladen wurde. Dank einem „Kino- und Schallplattenauto“ konnten täglich 15 bis 20 Versammlungen improvisiert werden. Angesichts der allgemeinen Klage der Parteien über nur mäßigen Versammlungsbesuch in den letzten Wahlkämpfen wusste die SPD den Erfolg ihrer Wagen im Wahlkampf vor dem 20. Mai 1928 zu der Erkenntnis zu verallgemeinern: „Die neue Zeit scheint zu verlangen, dass der Wähler vom Referenten aufgesucht wird“958. Auch die KPD richtete für den Reichstagswahlkampf 1928 einen Automobildienst vor allem zur Landpropaganda ein, der laut Bericht der Vossischen Zeitung aus 25 mit Lautsprechern und Filmapparaten ausgerüsteten Fahrzeugen bestand. Intern ordnete die Zen tra le an, „alle der Partei zur Verfügung stehenden Wagen (Fuhrwerke, Automobile, Motorräder, Handwagen, Schubkarren usw.) in jeglicher Größe und Bauart“ für die Wahlarbeit zu requirieren. Darüber hinaus könnten noch so genannte Plakatwagen durch die Zusammenstellung mehrerer Fahrräder in Form eines Autos von den Genossen vor Ort selbst gebaut beziehungsweise „gebastelt“ werden. Holzaufbau und transparente Plakate ermöglichten eine Beleuchtung von innen her und eigneten sich nach Ansicht der Zen tra le vorzüglich zur Werbung während der Dunkelheit. Vor dem 14. September 1930 forderte die KPD ihre Anhänger auf, demonstrativ mit allen zur Verfügung stehenden Fahrzeugen, Auto-, Rad- und Kraftfahrern in Berlin „rote Autokolonnen“ zu bilden959. Von den bürgerlichen Parteien war es in erster Linie die DNVP, die ebenfalls erstmals im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 ein speziell präpariertes Lastauto zur Kino- und Lautsprecherpropaganda einsetzte, das ihre Hauptgeschäftsstelle während der letzten 14 Tage vor dem 20. Mai in den Potsdamer Landesverband entsandte. Ob damit improvisierte „fliegende“ Versammlungen abgehalten wurden, ist nicht bekannt. Wie die Wagen der Links- 323 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen parteien durchfuhr das Auto der DNVP jedoch die Straßen der Orte, in denen Wahlversammlungen geplant waren, wobei meist soldatische Märsche gespielt, Flugblätter, Handzettel und Postkarten verteilt und dazwischen durch Lautsprecher zur Versammlung eingeladen wurde960. Selbst die der Technik eher skeptisch gegenüberstehende Zentrumspartei plante im Frühjahr 1928 den verstärkten Einsatz des Autos für ihren Wahlkampf. Immerhin ließen sich damit nicht nur die „entlegensten Landorte“ erreichen, sondern überhaupt eine viel größere Zahl von Orten und Versammlungen durchführen961. Als im Sommer 1930 erstmals „Tonfilmautos“ auf Propagandafahrt vor der Wahl gingen, konnte sich wie de rum die SPD als Vorreiterin der Modernisierung und Technisierung profilieren, die auf dem Gebiet der Wahlpropaganda stattfand: „Immer gewaltiger wird der Einsatz an Kräften, immer raffinierter die Methoden ihrer Wirksamkeit. Mit den modernsten Mitteln der Technik wird der Kampf der Ideen und Anschauungen ausgefochten. Gestern noch Flugzeug und Schallplatten-Lautsprecher, heute schon ist Tonfilm die jüngste Parole“962. Vom Grammophon zum Rundfunk: Die „Lautsprecher“ Die Lautsprecher, die erstmals im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 systematisch zum Einsatz kamen, galten als diejenige „technische Errungenschaft“, welche den Parteien die Abhaltung von modernen Massenversammlungen überhaupt erst ermöglichte. Erst mit ihrer Hilfe konnte die Stimme des Redners nicht nur einem größeren Publikum verständlich gemacht werden, sondern auch Schallplattenreden und -musik etwa bei improvisierten Versammlungen im Freien verstärkt werden. In der Presse wurde die „potenzierte Wahlrede“ im Frühjahr 1928 als eine geradezu sensationelle technische Neuheit empfunden, die dem gesamten Wahlkampf ihren Stempel aufdrückte. Der Großlautsprecher und die zugrunde liegende technische Apparatur hatten sich schon vorher bei anderen Anlässen gut bewährt, nicht zuletzt bei Sportveranstaltungen wie dem ersten Stuttgarter Sechstage-Radrennen im Fe bru ar 1928. Es lag daher nahe, dass sich die Parteien dieses Hilfsmittels bedienen würden, um ihren Rednern bei Massenversammlungen die nötige Lautstärke zu geben. Mithilfe eines Großlautsprechers, wie ihn z. B. Siemens herstellte, war es möglich, die Worte eines Wahlredners im Umkreise von mehre- 324 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ren hundert Metern klar und deutlich wiederzugeben. Auch der „Großstadtlärm“, der früher noch bei solchen Anlässen störte, konnte ihm damit nichts mehr anhaben963. Der Bericht des SPD-Vorstandes nach dem 20. Mai 1928 zeigte sich äußerst zufrieden über den Einsatz der Lautsprecher als technisches Hilfsmittel im Wahlkampf. Etwa vierzig Stück in unterschiedlichen Grö- ßen hatten die Parteibezirke benutzt, teils auf Kraftwagen montiert, teils stationär. Gelegentlich wurden auch bereits so genannte „Sprachrohre“, Vorläufer der Megaphone, verwendet. Einer größeren Verbreitung der Lautsprecher standen im Frühjahr 1928 allerdings der hohe Anschaffungspreis sowie technische Schwierigkeiten im Wege, da die Apparate häufig noch nicht mit der gewünschten Sicherheit funktionierten. Als zweckmäßigste Lösung hatte sich der Einbau von Lautsprechern in umgerüstete Personenwagen erwiesen, die zugleich auch Kino- und Lichtbildapparate enthielten, wodurch diese Technik insgesamt rentabler wurde, aber immer noch nur für finanzkräftige Parteien bezahlbar964. Die DNVP bot ihren Organisationen im Wahlkampf 1930 verschiedene Typen von Lautsprechern der Firma Siemens an. Zum Preis von 11 000 Mark konnten sie einen Großlautsprecher mitsamt Wagen für drei Wochen einschließlich Bedienungspersonal und Betriebsstoff für 600 Kilometer ausleihen: Der Tagespreis betrug 700 Mark, ein Kaufpreis wurde erst gar nicht genannt. Ein mittelgroßer Lautsprecher, der auf jedes Auto zu montieren oder im Versammlungssaal aufzubauen war, besaß eine Reichweite von etwa 300 Metern und kostete 3 200 Mark, die Leihgebühr pro Tag betrug 200 Mark. Zum Verstärken der Stimme überall benutzt werden konnte ein kleiner tragbarer Apparat zum Kaufpreis von 850 Mark, der im Rucksack geliefert wurde und insbesondere für die Landagitation geeignet war965. Obwohl das Abspielen von Musikstücken und Grammophonen schon in den Wahlkämpfen des Kaiserreichs gebräuchlich war, bedeuteten die Schallplatten der Weimarer Parteizen tra len mit Reden bekannter Parteiführer im Frühjahr 1928 doch eine Neuerung. Auf der Rückseite solcher Sprechplatten etwa der SPD befanden sich sozialistische Freiheitslieder oder Musikstücke der Arbeiterbewegung. Eingesetzt wurden sie sowohl zur Belebung von Massenversammlungen mithilfe der Lautsprecher als auch bei kleineren Versammlungen auf dem Land sowie zur Unterstützung von Film- und Lichtbildabenden. Unter dem Motto „In jedes Arbeiterheim eine Schallplatte der Partei!“ machte der Parteivorstand der 325 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen SPD jedem sozialdemokratischen Grammophonbesitzer zur Pflicht, das neue Werbemittel zu erwerben. Als sehr zweckmäßig bezeichnete er im Frühjahr 1928 das Abspielen einer Schallplattenrede in Verbindung mit einem projektierten Lichtbild des Redners, weil so die „konzentrierte Aufmerksamkeit des Versammlungsbesuchers“ erreicht werde966. Wie auf politischem Gebiet entwickelte sich zwischen den Parteien ein Prestigekampf, der den technischen Modernisierungsprozeß ihrer Propaganda förderte. In direkter Bezugnahme auf die SPD-Werbung pries etwa die DNVP ihre Schallplattenreden vor dem 20. Mai zum Einzelpreis von 5 Mark, auf deren Rückseiten ein „Soldatenlieder-Potpourri“ zu hören war, als technisch besser an. Allerdings werde diese „Grammophonplattenpropaganda“ noch von zu wenigen Landesverbänden genutzt, rügte ihre Hauptgeschäftsstelle den geringen Absatz von nur 4 000 Schallplatten967. Von Seiten ihrer Gegner wurde der Einsatz von Schallplattenreden zudem spöttisch als Scheu der DNVP vor einer direkten Aus ei nander set zung gedeutet. Weil sie sich im Wahlkampf in der Defensive befinde und ängstlich den „rauen Ton“ der Versammlungen meide, versuche sie nun mit „mechanischen Mitteln“ wie der gegen Widerspruch gefeiten Schallplatte zu werben968. Anlässlich der Reichstagswahl im Mai 1928 gab auch die KPD erstmals mehrere Schallplatten heraus, die auf einer Seite Wahlreden ihrer Parteiführer, auf der anderen Seite meist einen revolutionären Arbeitermarsch oder russische Volks- und Revolutionslieder enthielten. Diese Platten, die für den Preis von 2 Mark 65 über die Zen tra le oder die Bezirksleitungen zu beziehen waren, wurden sowohl in Wahlversammlungen als auch bei De mons tra ti o nen, in den Parteilokalen und bei der Haus- und Hofpropaganda, in Arbeitervierteln und auf dem Land eingesetzt. Ein Artikel in der Roten Fahne vom 6. Mai 1928 berichtet, wie Funktionäre der KPD auf das Land fuhren, im Rucksack dabei Grammophon und Schallplatten. Auf dem Bahnhof, in der Gastwirtschaft oder auch nur vor einer Gruppe Landarbeitern wurden die Grammophone dann ausgepackt und mithilfe der Schallplatten eine Wahlversammlung improvisiert. Die Besonderheit der Schallplattenpropaganda der KPD bestand im Frühjahr 1928 darin, dass einige ihrer Reichs- und Landtagsabgeordneten nach Aufhebung der Immunität von der Polizei gesucht wurden, aber durch die Besprechung von Platten doch noch am Wahlkampf teilnahmen. Außerdem, so teilte die KPD mit, habe man Schallplatten der SPD aufgekauft, um sie in eigenen Versammlungen zu spie- 326 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik len und „widerlegen“ zu lassen – was, so spottete die Vossische Zeitung, keine schwierige Aufgabe sei, da die Platten weder Zwischenrufe machen noch sonst etwas erwidern könnten969. Der zen tra le Organisationsausschuss der DDP legte Ende März 1928 fest, insgesamt sechs Grammophonplatten mit Reden der Parteiführer besprechen zu lassen, deren Spieldauer ungefähr je 4½ Minuten betrug und auf deren Rückseite das Deutschlandlied erklang, das sich gut für den Schluss der Versammlungen eigne. Auf einem Grammophonapparat gespielt, könnten diese Schallplatten einen kleineren Wirtshaussaal füllen. Für größere Säle empfahl der Vorstand der DDP, Lautsprecherapparate zu verwenden, die auch als Koffer transportabel für die Landagitation geeignet und bei einer der Partei „nahestehenden“ Firma für etwa 100 Mark zu kaufen seien. Schallplattenpropaganda im Wahlkampf könne auch dadurch betrieben werden, dass etwa Geschäftsinhaber unter den Parteifreunden ihrem Personal die Wahlplatten vorspielten. Sie würden schon allein deshalb in teres siert angehört, weil es sich um eine technische Neuheit handle970. Neu in der Weimarer Re pu blik war auch das Aufkommen und die Entwicklung von Film und Rundfunk zu Massenmedien. Als erste deutsche Rundfunkgesellschaft hatte im Oktober 1923 die Funkstunde AG in Berlin ihren regulären Sendebetrieb aus dem Voxhaus aufgenommen. Ende 1924 gab es bereits 15 regionale Radiosender, die Zahl der Rundfunkteilnehmer überschritt 1926 die Millionengrenze und kletterte bis zum Frühjahr 1928 auf 2,2 Millionen, womit das Deutsche Reich im Weltvergleich hinter den USA und Großbritannien an dritter Stelle lag971. Im Unterschied zum Film blieb der Rundfunk in den 20er-Jahren ein unter strenger staatlicher Kontrolle stehendes Massenmedium, dem von der Reichsregierung lediglich Unterhaltungs- oder Bildungszwecke zugebilligt wurde und das den Parteien deshalb bis 1932 formell verschlossen blieb. Gesichert werden sollte ein „überparteilicher“ Rundfunk, was dazu führte, dass selbst die Übertragung von Reichstagsdebatten durch das Rundfunkgesetz von 1926 untersagt wurde. Ein mit umfassenden Befugnissen ausgestatteter „Überwachungsausschuss“, der in der Regel aus einem Vertreter des Reiches und zwei der zuständigen Landesregierung gebildet wurde, besaß das Recht, jede politische Sendung der privatwirtschaftlich organisierten Rundfunkgesellschaften zu verbieten. Mit der Gründung der Aktiengesellschaft „Drahtloser Dienst“ im Juli 1927 sicherte sich das Reichsinnenministerium das Monopol für alle Formen der politischen Berichterstattung. Obwohl regierungsamtliche Stellen 327 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen schon früh auf die Möglichkeiten als Propagandamittel hinwiesen, kam dem Rundfunk, der 1930 bei rund drei Millionen Anschlüssen eine geschätzte Hörerzahl zwischen sechs und zehn Millionen erreichte, in den Weimarer Reichstagswahlkämpfen durch seine Eigenschaft als Staatsmonopol kaum Bedeutung zu972. Erst im Juni 1932 wurden den Parteien durch Erlaß der neuen Reichsregierung Franz von Papen reguläre Sendezeiten für Wahlpropaganda eingeräumt, und zwar allen im Reichstag in Fraktionsstärke vertretenen Parteien mit Ausnahme der KPD je 25 Minuten in der letzten Woche vor der Wahl. Mit den Papenschen „Leitsätzen“ vom 27. Juli 1932 wurde der Weimarer Rundfunk so präpariert, dass seine Gleichschaltung nur sechs Monate später durch die NSDAP ohne Schwierigkeiten vonstatten gehen konnte973. Da ihr bis zum Juli 1932 der Rundfunk als politisches Propagandamittel versperrt blieb, hatte diese sich nach Vorbild der KPD auf Ersatzmedien wie Schallplatten oder die passive Nutzung des Rundfunks konzentriert. Durch Gründung von Hörerorganisationen, „Radiobastelbücher“ zum Selbstbau, Forderungen nach „öffentlichen Radiohörstellen“, Ausbau der so genannten Arbeiter-Radio-Bewegung oder gezielte Störaktionen versuchten die Kommunisten, die für eine Politisierung des Rundfunks eintraten, von der Empfängerseite indirekt Einfluss auf dieses Medium zu gewinnen. Eine andere Möglichkeit kommunistischer Rundfunkpropaganda in den zwanziger Jahren bildeten die Sender Sowjetrusslands, die allerdings nur in den östlichsten Gebieten des Deutschen Reiches empfangen werden konnten. Wo „Moskau“ nicht zu hören war, veranstaltete die KPD aber auch Konzertabende, in deren Verlauf statt Rundfunkreden die eigenen Wahlkampfschallplatten gespielt wurden974. Das Prinzip, den Rundfunk frei von jeglicher Parteipropaganda zu halten, war nach 1918 keineswegs unumstritten und wurde bezeichnenderweise in den Reichstagswahlkämpfen mehrmals durchbrochen. Vorbild konnte wieder die Entwicklung in Amerika sein, wo die Parteien Radio und Rundfunk bereits im Präsidentenwahlkampf vom Herbst 1924 benutzten, was den wichtigsten Durchbruch in der technischen Wahlarbeit dieser Zeit bedeutete – Anlass jedenfalls genug für deutsche Zeitungen, von den „Radiowahlen in Amerika“ zu berichten. Schon 1928 gaben die amerikanischen Parteien zusammen fast eine Millionen Dollar nur für ihre Radiowerbung im Wahlkampf aus – über 20 Prozent ihres gesamten Wahlbudgets –, in erster Linie zur Finanzierung der kostspieligen Übertragung von Kandidatenreden. Doch die teuren Radio- 328 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik zeiten machten sich für die Parteien bezahlt, da allein über die zwei gro- ßen Sender CBS und NBC ein landesweites Publikum von schätzungsweise 15 bis 20 Millionen Hörern erreicht werden konnte975. Das neue Wahlwerbemittel besaß in deutschen Augen aber auch staatspolitisch durchaus positive Effekte. Der Rundfunk ersetze nicht nur die mühselige Schlepparbeit der Parteien, da die Säumigen nun über den Äther zum Wahlgang aufgefordert werden konnten. Auch die übliche Erregung der Wahlnacht würde schwinden, weil Millionen das Ergebnis ruhig zu Hause vor dem Radio abwarten würden statt in den Straßen oder Lokalen976. Vor der Reichstagswahl am 4. Mai 1924, die noch in die Frühphase des deutschen Rundfunks mit recht improvisierter und wenig reglementierter Programmgestaltung fiel, war zwischen den Weimarer Parteien eine begrenzte und auch von Reichsinnenminister Karl Jarres abgesegnete Nutzung dieser „allerneuesten technischen Errungenschaft“ vereinbart worden. Je ein Vertreter der großen Reichstagsparteien durfte in der letzten Wahlkampfwoche je 15 Minuten lang über den Rundfunksender der Reichstelegraphenverwaltung im Berliner Vox-Haus abends um 7 Uhr 30 zu den etwa 20 000 Hörern über die politischen Ziele seiner Partei sprechen977. Schon im nächsten Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 untersagte die Reichsregierung jedoch die Benutzung des Rundfunks für Wahlzwecke und ordnete vielmehr seine strikte politische Überwachung an. Der Mitteldeutschen Rundfunkgesellschaft in Leipzig, die für die letzte Woche vor dem 7. Dezember nach Vorbild des Berliner Senders wie im Frühjahr Ansprachen von Parteivertretern senden wollte, wurde dies noch am Vorabend der Sendung telegraphisch verboten978. Eine weitere Ausnahme von dem Neutralitätsgebot stellte die „Reichssendung“ vom 24.  April 1925 dar, zu der alle deutschen Sender zusammengeschlossen wurden, um die Ansprachen der Bewerber Marx und Hindenburg für die Reichspräsidentenschaft zu übertragen. Dies war um so bemerkenswerter, als die Kandidaten des ersten Wahlganges nicht im Rundfunk sprechen durften, sich aber die Lage mit Hindenburgs Kandidatur für den neuen deutschnationalen Reichsinnenminister Martin Schiele offenbar geändert hatte. Auch jetzt wieder wurde der KPD eine Sprechzeit im Rundfunk verweigert979. Obwohl das Rundfunkgesetz von 1926 das Verbot jeglicher parteipolitischer Propaganda im Rundfunk festschrieb, blieb die Frage weiterhin aktuell. Vor der Reichstagswahl im Mai 1928 ließ die Reichsregie- 329 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen rung aber verlautbaren, dass frühere Wahlreden im Radio schon deshalb keine Präzedenzfälle seien, weil es zu dieser Zeit eben die Richtlinien für die „parteipolitische Neutralität“ des Rundfunks noch nicht gegeben habe. Wenn auch die Reichsregierung grundsätzlich berechtigt war, Ausnahmen zuzulassen, entschied sie sich gegen eine Wiederholung des Experiments von 1924980. Über den Äther sollten lediglich in der Wahlnacht bis 3 Uhr morgens und unterbrochen von Musik die ersten Ergebnisse gesendet werden, was schon früher etwa in Kinotheatern durch eigene Radioanlagen während der Vorstellungen laufend geschah. Die Entscheidung, den Rundfunk aus dem Reichstagswahlkampf herauszuhalten, stieß auf heftige Proteste der Opposition. Die SPD bezichtigte die Regierung der Verletzung des Neutralitätsgebotes, insofern diese mitten im Wahlkampf einen Rundfunkvortrag des deutschnationalen Vorsitzenden im Untersuchungsausschuss über die Ursachen des Zusammenbruchs 1918 gestattete, obwohl ihm eine „ausgesprochene Rechtstendenz“ zugrundegelegen habe. Die politische „Anstandspflicht“ verlange, dass nun auch ein Ausschussmitglied der SPD zum Thema im Radio sprechen dürfe981. Von Seiten der bürgerlichen Weimarer Reichsregierungen wurde im Grunde stets die ambivalente Politik verfolgt, einerseits den Rundfunk von direkter Parteipropaganda freizuhalten, andererseits ihn für eigene Zwecke im Sinne „staatspolitischer Aufklärung“ zu nutzen. Nach der Wahl im Mai 1928 drängten daher Politiker der SPD wie Carl Severing mit Macht da rauf, die Zweckmäßigkeit politischer Sendungen im Rundfunk anzuerkennen. Als Severing Anfang November 1928 als Reichsinnenminister anlässlich des 10. Jahrestages der Revolution im Rundfunk sprach, war er sich bewusst, dass eine derartige Rede die weitere Politisierung des Mediums bedeute982. Erstmals zur planmäßigen Unterstützung der Reichsregierung wurde der Rundfunk im Herbst 1929 herangezogen, als auf Severings Initiative hin Kabinettsmitglieder gegen das von DNVP und NSDAP getragene Volksbegehren zum Youngplan sprachen. Ohne dass ihr Anteil an dessen Scheitern exakt festzustellen ist, trugen diese als „Aufklärungsvorträge“ deklarierten Ministerreden im Radio dazu bei, dass sich das In te res se der NSDAP an diesem neuen Medium regte983. Schon kurz nach der Reichstagsauflösung im Juli 1930 benutzten Mitglieder der bürgerlichen Mitte-Rechts-Regierung unter Brüning den Rundfunk wie de rum zur politischen Rede, so etwa Reichsinnenminister Wirth gerade eben über das Thema der Neutralität des Rundfunks. 330 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Obwohl der Zen trumspolitiker dabei die Ansicht vertrat, den Parteien vor Wahlen Sendeplätze einzuräumen, sah die sozialdemokratische Opposition in seinem Vortrag Wahlpropaganda der Regierung. Wenn schon, dann müssten alle Parteien als „sichtbarste Vertreter der miteinander ringenden Weltanschauungen“ auch im Rundfunk zu Worte kommen dürfen. Warum, fragte der Vorwärts die Regierung anschließend, lasse sie ihn als das „vornehmste Mittel gegen die Verrohung“ im Wahlkampf ungenützt, weil weniger Polemik und keine Handgreiflichkeiten vorkommen könnten, wenn sich nur die „besten Redner“ der Parteien vor dem Mikrofon mäßen984. Dieser Appell im Namen der Meinungsfreiheit durch die größte Oppositionspartei blieb nicht völlig ohne Wirkung. In der Woche vor dem 14. September 1930 hielten erstmals wieder wie im Frühjahr 1924 ausgewählte Parteiführer – für die Regierung sowohl Brüning als auch sein Vizekanzler Hermann Dietrich, für die SPD Severing – Vorträge im Rundfunk, die im Grunde nichts anderes als Wahlreden waren. Nun kam prompt Protest von den ausgeschlossenen radikalen Parteien – darunter diesmal auch die Hugenberg- DNVP – gegen solchen „Rundfunkmissbrauch“. Schützenhilfe erhielten sie von liberaler Seite, wenn auch aus anderen Motiven. Der Ausschluss bestimmter Parteien sei falsch, weil den Millionen von Rundfunkhörern die Gelegenheit gegeben werden müsse, die Stimmen aller Bewerber miteinander vergleichen zu können, was für die Frankfurter Zeitung ein „Stück vernünftiger Demokratie“ darstellte985. Die neue „Großmacht Film“ Als eine ebenfalls neue „technische Errungenschaft“ ersten Ranges wurde dem Film in der Weimarer Re pu blik wie keinem zweiten Medium Wirklichkeitsvermittlung und insofern Glaubwürdigkeit sowie hohe Wirkung nachgesagt. Im schichtenübergreifenden Film schien sich, so Frank Trommler und Jost Hermand, die „Demokratisierung der Kultur“ nach 1918 widerzuspiegeln und wuchs ein wichtiges Element des Alltags und der Freizeit heran. Seine Entwicklung vom „Volksvergnügen“ auf Jahrmärkten zu einem Massenbeeinflussungsmittel hatte bereits vor 1914 eingesetzt. Das von den Eliten des kaiserlichen Deutschland als Unterhaltung für die unteren sozialen Schichten angesehene Medium erhielt aber erst durch die filmische Berichterstattung während des Ersten Weltkrie- 331 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen ges und die Herausbildung der Wochenschauen eine politische Dimension. Der Krieg schuf zugleich die Grundlagen für den Aufbau einer deutschen Filmindustrie, insofern Militärs wie Ludendorff den Nutzen des Filmes als „nationales“ Propagandamittel erkannten. Den äußeren Anstoß für die Gründung der UFA im November 1917 gab das Vorbild der psychologischen Kriegführung der Alliierten. Das Programm der privatwirtschaftlich organisierten deutschen Filmindustrie erstreckte sich neben ersten Wochenschauen und Frontreportagen auf patriotische Unterhaltungsstücke, während ausländische Filme der Militärzensur unterlagen. Nach deren Aufhebung im November 1918 und einer kurzen Zeit der Freizügigkeit wurden Film und Kino durch das Reichslichtspielgesetz von 1920 wieder unter stärker restriktive Vorschriften beziehungsweise staatliche Vorzensur gestellt, während verwandte Medien wie das Theater davon weitgehend frei blieben. In den Nachkriegsjahren änderten sich die Zuschauererwartungen und sorgte das gesteigerte Unterhaltungsbedürfnis der Bevölkerung für eine Blütezeit der Kinoindustrie. Die „Großmacht Film“ lautete der Titel eines 1928 veröffentlichten Buches über dieses „Geschöpf von Kunst und Technik“, wonach im Jahr 1927 die Besucherzahl bei annähernd 4 000 Kinotheatern reichsweit etwa 500 Millionen betragen habe, was erahnen lasse, wie viele „rettungslos der Großmacht Film verfallen“ seien986. Das Monopol auf massenwirksame „leichte Unterhaltung“ mittels abendfüllender Spielfilme hatten die großen, meist „national“ eingestellten Produktionsfirmen. Obwohl eines der populärsten Filmthemen während der Weimarer Re pu blik die Hollenzollernmonarchie war und UFA- Kassenerfolge wie „Fridericus Rex“ (1922) oder „Bismarck“ (1925) als scheinbar unpolitische Metapher die monarchische Vergangenheit verklärten, blieben ausgesprochene Tendenzfilme die Ausnahme. Der Versuch, politische Gesinnung zu suggerieren, geschah in erster Linie mittels der Wochenschauen. Ab 1923/24 mehrten sich allerdings die Kri sen symptome der deutschen Filmindustrie, die in den wirtschaftsdepressiven Jahren nach 1929 in eine existentielle Krise geriet. Bei starkem Besucherschwund sah sie sich einer starken ausländischen Konkurrenz vor allem aus den USA ausgesetzt. Schon 1926 konnte nur knapp die „Amerikanisierung“ der UFA verhindert werden, indem das defizitäre Unternehmen durch die Übernahme in den Hugenberg-Konzern saniert wurde. Gerade zum Zeitpunkt der krisenhaften Zuspitzung vollzog sich 1929/30 die epochale Umstellung vom Stumm- auf den Tonfilm, nach- 332 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik dem in Amerika bereits 1926 die ersten „sprechenden Filme“ in die Kinos gekommen waren. Die kostspielige Tonfilmtechnik verursachte neue Investitionen und erhöhte Produktionskosten und verstärkte damit die Konzentrationstendenz, sodass es 1933 nur noch drei deutsche Filmkonzerne gab (UFA, Tobis und Terra)987. Anders als der staatlich kontrollierte Rundfunk konnte sich der Film nach einigen Anlaufschwierigkeiten einen festen Platz in der Weimarer Parteipropaganda erobern. Wenn auch schon 1918/19 erste Überlegungen kursierten, den Film als Hilfsmittel der Wahlpropaganda zu verwenden, dauerte es doch noch Jahre, bis sich das neue Medium im Propagandarepertoire der Weimarer Parteien etablieren konnte. Alle waren sie mehr oder weniger mit den gleichen Problemen konfrontiert, nämlich günstige Produktionsstätten sowie Distributions- und Vorführungsmöglichkeiten zu finden, zumal die Linksparteien, da sich die meisten Kinotheater in bürgerlichen Händen befanden. Einer systematischen Filmpropaganda der Parteien standen neben dem Fehlen eigener Verleih- und Kinonetze die hohen Kosten und der technische Aufwand entgegen. Über die allenfalls geringe Anzahl von speziellen Wahlfilmen aus den frühen 1920er-Jahren ist heute kaum noch etwas bekannt. Insgesamt wird diesem Propagandamittel in den Reichstagswahlkämpfen nur geringe Bedeutung zugekommen sein. Bis 1930 waren es hauptsächlich große finanzkräftige Parteien wie SPD und DNVP, die Stummfilme einsetzten, wenn es auch an Ideen zur Filmpropaganda nicht mangelte und Filme ohne direkten Bezug zur Wahl im Rahmenprogramm von Versammlungen gezeigt wurden988. Die Reichszen tra le für den Heimatdienst plante vor der Wahl zur Nationalversammlung Filme, die im Sinne „staatsbürgerlicher Erziehung“ zur Teilnahme an den Wahlen aufforderten. Weil sich die Herstellung von Spielfilmen aber als zu teuer erwies, beschränkte sich ihre Filmpropaganda auf einige Lauf- oder Stehbilder, die im Reklameteil der Kinoprogramme gezeigt wurden. Vor den Reichstagswahlen im Juni 1920 schlug die RfH der Filmstelle der Presseabteilung der Reichsregierung vor – ohne dass etwas über die Verwirklichung dieser Vorhaben bekannt ist −, mehrere Wahlfilme unterschiedlicher Machart herzustellen, da runter die reportagehafte Darstellung einer Versammlung mit einem Reichsminister sowie einen längeren Spielfilm, aber auch Trickfilme, das heißt gezeichnete Karikaturstreifen mit humoristischer Absicht989. 333 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Mit dem Aufschwung, den die Wochenschauen in den Stabilisierungsjahren nach 1924 erlebten, und parallel zur Konzentrationsbewegung in der deutschen Filmindustrie versuchten die Linksparteien, sich des neuen Mediums Film zu bedienen und insbesondere ihren Einfluss im Bereich der Wochenschauen zu verstärken, welche besser als Wahlfilme geeignet schienen, eine „Identität der In te res sen von Produzent und Konsument“ vorzutäuschen990. Die seit Anfang der zwanziger Jahre in Deutschland für die Sowjetunion werbenden „Russenfilme“ der Internationalen Arbeiter-Hilfe (IAH) fanden zwar selbst von bürgerlicher Seite Beifall991. Erst gegen Mitte der zwanziger Jahre etablierten sich aber „proletarische“ Filmgesellschaften wie der kommunistische Prometheus- Film-Verleih oder der von Marie Harder geleitete Film- und Lichtbilddienst (FuL) der SPD, der sich nach 1925 als Referat beim Parteivorstand zunächst auf die Herstellung von Kurzfilmen mit meist kulturellem Inhalt konzentrierte. Angesichts der wachsenden Bedeutung des Filmes sowie der monopolartigen Stellung der UFA und des Hugenberg-Konzerns auf dem kommerziellen Kinosektor erkannte auch die SPD die Notwendigkeit einer aktiven Filmarbeit und -politik. So wenig sie das Versäumte im Unterhaltungsbereich aufholen konnte, um so mehr war sie bemüht, sich gerade vor Reichstagswahlen als innovative Kraft auf diesem Gebiet zu profilieren. Kein anderes Werbemittel sollte sich so rasch und erfolgreich in der praktischen Propaganda der SPD bewähren wie der Film, was schon ein Blick auf den Etat ihres FuL zeigt. Verbuchte dieser 1926 gerade erst 15 Ausleihen bei Kosten von 21 000 Mark, waren es 1930 schon 2 645 Ausleihen bei einem Etat in Höhe von 454 000 Mark. Dieses geradezu „filmartige Tempo“ betrachteten die Sozialdemokraten selbst im unmittelbaren Zusammenhang mit der Modernisierung ihrer Agitationsmethoden. Nicht zuletzt dank der Filmautos und Wanderkinos erwiesen sich die Filmveranstaltungen im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 laut Bericht des SPD-Vorstandes als das „erfolgreichste Werbemittel“, mit dem trotz eines gelegentlichen Eintrittgeldes Wähler erreicht worden seien, die sonst nie in ihre Versammlungen gegangen wären: „Wo das gesprochene Wort nicht mehr ausreicht, da wird das wandelnde Bild zu den Massen reden“992. Ihre Wahlfilme, die in mehreren Dutzend Kopien reichsweit kursierten, betrachtete die SPD im Frühjahr 1928 selbst als „ersten Vorstoß in das Neuland modernster Bildpropaganda“. Neu war vor allem, dass die Filme nunmehr auf Kosten der politischen Rede in den Mittelpunkt 334 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik der Versammlung rückten und besondere Filmabende durchgeführt wurden. Jede Vorführung besaß ein Rahmenprogramm, das in der Regel aus einem Tendenzfilm, künstlerischen Einlagen (etwa eines Männerchors), einem Schallplattenkonzert und der Kandidatenrede bestand. Mithilfe der „Wanderkinos“ und leicht transportablen Apparaten wurde es im Frühjahr 1928 möglich, die Wahlfilme der SPD auch in den „entlegensten Dörfern“ zu zeigen. Die Wirkung der durchweg noch stummen Filme war aber in hohem Maße von der musikalischen Begleitung abhängig, weshalb außer Schallplattenkonzerten häufig Klavierspiel, bisweilen Geige oder Cello, seltener Blasorchester oder Gesang eingesetzt wurden. Allgemein war zu beobachten, dass den Wahlfilmen in den Städten weniger In te res se geschenkt wurde, da hier die zahlreichen Kinos dem Film das Neue nahmen993. Am größten sei, so etwa die Erfahrungen der SPD in Baden, das In te res se in den Dörfern, während die „kinoübersäte Großstadt“ schwerer zu erobern sei. Aber auch hier werde durch diese Art der Propaganda noch ein „starkes politisches Wahlinteresse“ ausgelöst994. Sozialdemokratische Überzeugung war spätestens seit dem Frühjahr 1928, dass das Bild wie die „unmittelbare Anschauung“ auf Plakaten oder eben im Film, dem „begrifflichen Denken“, dem Wort gleichberechtigt zur Seite stehe. Sollte das Bild den Zuschauer und potenziellen Wähler „mitrei- ßen und fesseln“, müsse es in Handlung umgesetzt werden, wie es auch die Theatergruppen mit ihren Wahlrevuen könnten: „Die größte Wirkung auf die Massen aber erzielt man mit dem Film. Den kann man vervielfältigen und vor Tausenden gleichzeitig abspielen. Der Film ist das ideale Propagandamittel“. Was der meist halbstündige Wahlfilm bewirke, könne in Dutzenden von Versammlungen und stundenlangen Reden nicht gesagt werden995. Die besten Resultate bei ihrer Versammlungspropaganda im Frühjahr 1928 hatte die SPD mit dem Streifen „Dein Schicksal“ erzielt, ihrem ersten längeren, unter Leitung des Parteigenossen Bernhard Lohmann gedrehten Wahlfilm von 35 Minuten. In einer Sondervorstellung wurde er vor Beginn des Wahlkampfes dem Parteivorstand am 20. März 1928 in Berlin gezeigt und – nachdem er mit kleinen Korrekturen die Zensur passiert hatte – anschließend an die Bezirke in 63 kostenlosen Kopien versandt, während weitere 50 verkauft und fünf von der FuL für gelegentlichen Verleih bereit gehalten wurden996. Seine öffentliche Erstaufführung hatte der Wahlfilm am 4.  April 1928 im Lehrervereinshaus am Berliner Ale xan derplatz. Vor Beginn der Vorführung wurde ein Bild ge- 335 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen zeigt, das die Zensur gestrichen hatte: den „Transportarbeiter“ Thälmann, der auf seinen Schultern Reichspräsident Hindenburg trägt. Laut einem Bericht des Vorwärts charakterisierte der Film dennoch in prägnanten Bildern die Gegner der SPD sowie die Folgen für die Arbeiter, wenn diese am 20. Mai siegen würden. Die eingefügten Trickzeichnungen seien witzig und dabei „durchaus filmisch“ empfunden. Wenn auch die Kritik am politischen Gegner im Film besonders „kontrastreich“ sei, bleibe sie doch für sich allein wirkungslos, weshalb am Schluss des Filmes einige Parolen über die positive Aufbauarbeit der SPD informierten. Nicht mit dem „Rüstzeug der Barbaren“, sondern mit den „Waffen des Geistes“ werde sie am 20. Mai siegen, pries der Vorwärts den Wahlfilm, dem in der Rechtspresse immerhin „gewissenlose Volksverhetzung“ vorgeworfen wurde997. Die innerparteiliche Kritik entzündete sich vor allem an der Kargheit seines positiven Teils sowie – vor allem aus kleinstädtischen und ländlichen Ortsgruppen – an „dem Tempo, der Kürze und Knappheit der Titel“. Aus Rücksicht auf den „kinoverwöhnten Großstädter“ habe die SPD hier, gab der Vorstand zu, des Guten zuviel getan; leichter lesbare und länger stehende Zwischenüberschriften hätten die Wirkung des Filmes noch erhöhen können. Einige Parteibezirke kürzten den Wahlfilm um den gegen die KPD gerichteten Teil, andere wieder fügten Lichtbilder ihrer Reichstagskandidaten am Schluss hinzu. In Berlin wurde er insgesamt bei vierzig Kundgebungen der SPD vor dem 20. Mai 1928 gezeigt, zusammen mit Filmen wie „Die Weber“ oder „Was wir schufen“, Letzteres ein Überblick kommunal- und sozialpolitischer Leistungen der SPD. Ebenfalls zum Einsatz kam der stumme Animationsfilm „Was wählst Du?“, dessen Spielszenen aus Realaufnahmen und Zeichentrick zusammengesetzt waren998. In der KPD wurden dem Kino als „Mittel zur Bereicherung der Bourgeoisie“ zunächst noch stärkere Vorbehalte als in der SPD entgegengebracht und die Möglichkeiten des neuen Mediums Film unterschätzt. Die Erprobung innovativer Methoden und künstlerischer Gestaltungsmittel in der Propaganda wurde anfänglich durch eine Auffassung behindert, welche die Literaturkritikerin der Roten Fahne, Gertrud Ale xander, noch 1920 beispielhaft mit Blick auf neue Theatertechniken for mulier te: „Kunst [ist] eine zu heilige Sache, als dass sie ihren Namen für plattestes Propagandamachwerk hergeben dürfte“999. Ansätze einer eigenständigen Filmarbeit deutscher Kommunisten waren freilich schon seit den frühen 20er-Jahren zu beobachten. Schritt- 336 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik macherfunktion besaßen dabei Willi Münzenberg und die Gründung der in Berlin ansässigen IAH, die inspiriert von dem Erfolg der „Russenfilme“ seit 1923 bald auch eigene Filme produzieren ließ. In einem programmatischen Aufsatz verlangte Münzenberg 1925 mit Nachdruck die „Agitpropisierung“ des Filmes, dessen Bedeutung inzwischen die der Presse übertroffen habe. Die KPD greife aber immer noch zu wenig auf das „lebendige“ Bild in ihrer Propaganda zurück. Film und Kino hätten sich aber technisch ständig verbessert, und inzwischen sei unbestritten, dass „das gesehene Bild in viel stärkerer und eindringlicherer Weise auf die Zuschauer wirkt, als das geschriebene Wort auf den Zeitungsleser“, so Münzenberg1000. Angesichts „persönlicher Zensurvorschriften“ bürgerlicher Kinobesitzer und hoher Theatermieten müsse die KPD dem Vorbild der IAH folgen und sich durch eigene Filmapparate unabhängig machen. Den Massenbesuch ihrer Filmabende müsse eine „breite, auff ällige, schreiende Reklame“ sowie Musikvorträge, Arbeitergesangvereine oder Massensprechchöre als Rahmen sichern. Münzenbergs Plänen standen 1925, wie er selbst eingestehen musste, neben den „Zensurschwierigkeiten“ vor allem noch organisatorische Mängel im Weg. Zudem koste ein „guter Film mit Massenszenen und mit allem technisch not wendi gen Raffinement“ mehrere Hunderttausend Mark, wenn auch die Moskauer Produktionsstelle der IAH, die Meschrabpom-Russ, zur Verfügung stehe1001. Obwohl der Filmpropaganda in ihren Wahlkämpfen keine vergleichbare Rolle wie etwa in denen der SPD zukam, verstärkten die Kommunisten ab Mitte der 20er-Jahre die „filmpolitische Massenarbeit“. In einem Rundschreiben des Sekretariats zur Filmpropaganda an alle Bezirksleitungen vom Mai 1927 hieß es, dass die früheren Schwierigkeiten – der Mangel geeigneter Filme sowie das Finanzierungs- und Distributionsproblem – weitgehend beseitigt seien, letzteres durch die Anschaffung einer genügenden Anzahl von Vorführapparaten. Da diese aber nur von Fachleuten bedient werden könnten, sei der einfache Verleih nicht möglich, sondern organisierte die Parteizen tra le von Berlin aus „Filmtourneen“ in die Bezirke1002. Anlässlich der Reichstagswahlen im Mai 1928 konnte die KPD immerhin insgesamt drei Wahlfilme produzieren. Bei der Uraufführung des Filmes: „Die Rote Kamera“ erklärte Wilhelm Pieck, dass dieser als ein „Stück Zeitgeschichte“ im Gegensatz zum „bürgerlichen Lügenfilm“ die wahren Zustände in Deutschland zeige1003. Obwohl die Zentralagitprop reichlich instruktives Material zur Organisati- 337 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen on von Filmveranstaltungen herausgab, konnte sich das neue Medium in der KPD jedoch nicht etablieren, zu hoch blieben die organisatorischen und finanziellen Hürden. Im Sommer 1930 verzichtete ihre Zentra le daher bereits wieder auf die Produktion spezieller Filme zur Reichstagswahl am 14. September1004. Vorläufer der Filmpropaganda, aber von dieser spätestens 1928 in den Hintergrund gedrängt, waren die Lichtbildvorträge, deren sich die Weimarer Parteien schon in den ersten Wahlkämpfen mithilfe privater Firmen bediente. Über den in Berlin ansässigen Deutschen Lichtbilddienst bot das Zen trum etwa vor dem 7. Dezember seinen Organisationen mehrere Serien von Lichtbildern an, unter anderem zur Reparationsproblematik. Die vierzig Bilder dieser Serie waren sowohl schwarz-weiß als auch farbig und kosteten einschließlich Text je 60 Mark, billiger mit Mengenrabatt. Außerdem hatte das Zen trum Stehbilder von einem Wahlplakat zur Projektion auf Kinoleinwände präpariert, deren Einzelpreis 2 Mark 20 betrug1005. Auch die SPD pries noch im Frühjahr 1924 die „vorzüglichen Dienste“ an, die das Lichtbild für die Wahlpropaganda leisten könne. Die Mobilisierungswirkung eines Lichtbildervortrags sei insbesondere auf dem Land groß, wenn neben den Bildern von sozialistischen Führern noch proletarische Demonstrationszüge gezeigt würden1006. Ebenfalls vor der Reichstagswahl im Mai 1924 hatte die in Berlin ansässige „Kulturfilm AG“ dem Fraktionsvorsitzenden der DVP im Reichstag, Ernst Scholz, auf dessen Anfrage hin ein Exposé über die Möglichkeiten der Lichtbild- und Filmpropaganda vorgelegt. Darin wurden unter Berufung auf die Erinnerungen Hindenburgs die deutschen Kriegsgegner gelobt, weil sie die „Psychologie des stehenden (Diapositiv) und des laufenden (Film) Bildes“ vorbildhaft in den Dienst ihrer Propaganda gestellt hätten. Obwohl jeder wisse, dass sich das Bild viel stärker dem Gedächtnis einpräge als das gesprochene Wort, sei dagegen in Deutschland erst nach dem Krieg Filmpropaganda in größerem Maße eingesetzt worden, etwa bei den Abstimmungen in Schleswig-Holstein und Oberschlesien. Während sich die Lichtbild-Reklame in den Kinotheatern durchgesetzt habe, sei bei der Filmpropaganda zweckmäßig, die Veranstaltungen unter ein „unauffälliges“ Thema wie „Der Bürger im Staat“ oder „Aufstieg oder Niedergang“ zu stellen, um den parteipolitisch Desinte res sierten nicht abzuschrecken1007. Angesichts der hohen Kosten von Wahlfilmen griffen gerade die bürgerlichen Parteien weiterhin auf Lichtbilder zurück, nicht zuletzt aber 338 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik auch als Teil des Rahmenprogrammes von Versammlungen oder Filmaben den. So stellte die DNVP vor der Wahl im Mai 1928 Stehbilder mit Parteiführern oder thematische Serien her, die durch Weglassen der letzten Bilder auch nach der Wahl bei Versammlungen oder in Kinotheatern während der Pause verwendet werden könnten1008. Das deutschnational geführte Reichsinnenministerium plante, in der Woche vor dem 20. Mai mit einer „Scheinwerfer-Diapositiv-Reklame“ in den Kinos zur Wahl aufzurufen. Verhandelt wurde dazu mit einer Werbekunst-Epoche-Reklame GmbH, die anbot, entsprechende Diapositive für einen Preis von insgesamt 6 000 Mark herzustellen und damit in hundert Theatern neun Tage lang zu werben, was nach ihren Berechnungen etwa vier Millionen wöchentliche Kinobesucher erreiche1009. Der flächendeckenden Nutzung des Films für Wahlzwecke standen in den bürgerlichen Parteien allerdings neben den Kosten nicht zuletzt „weltanschauliche“ Bedenken gegen dieses Propagandainstrument entgegen. Über solche Skrupel hinweg setzten sich am ehesten die Deutschnationalen hinweg, die wie die SPD bereits im Frühjahr 1928 erstmals in großem Stil systematische Filmpropaganda betrieben. Der zen tra le Wahlfilm der DNVP mit dem Titel „Wohin wir treiben“ war ein vernichtender Rückblick auf die innenpolitische Entwicklung seit dem November 1918. Produzieren ließ die Partei den zwanzigminütigen Film durch die UFA, der sie dann das Negativ mitsamt Aufführungsrechten für 18 000 Mark abkaufte. Anfang Mai passierte er die Kontrolle der Behörden, die ihn – wie die Wahlfilme aller Parteien – für Jugendliche verboten. Zum Preis von 260 Mark verkaufte die DNVP-Schriftenvertriebsstelle von dem Film insgesamt 35 Exemplare an die Landesverbände, während die Leihgebühr für die Wahlkampfzeit 50 Mark betrug. Eine Logos-Film- Gesellschaft aus Berlin schnitt des weiteren im Auftrage der DNVP den Film „Hindenburgs Ehrentage“ von 1925 für die Reichstagswahl am 20. Mai 1928 zurecht. Diesen Streifen, von dem zum Preis von 120 Mark immerhin 42 Stück abgesetzt wurden, hatten die Behörden ebenso wie die deutschnationalen „Führerfilme“ mit Graf Westarp oder Admiral Tirpitz unbeanstandet auch für Jugendliche freigegeben. Einfach zu transportierende Kino-Box-Apparate, die ebenfalls über die UFA vermittelt wurden, sollten den Deutschnationalen im Frühjahr 1928 die Filmpropaganda erleichtern. Angesichts des hohen Kaufpreises von 1 195 Mark wurden davon jedoch nur elf Stück abgesetzt1010. 339 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Ohne neue Wahlfilme anzubieten, schlug die DNVP im Sommer 1930 ihren Organisationen vor, verstärkt „unpolitische Filme“ in den Wahlversammlungen zu benutzen, wozu sie sich direkt an den UFA-Filmverleih in Berlin wenden sollten. Für die Lichtbilderpropaganda empfahl die Parteileitung vor allem den Dresdener Lichtbild-Dienst, der über ein reiches Lager „nationaler“ Bildserien verfüge. Im Übrigen ließ sie bereits vorhandene Produktionen umarbeiten, so den Wahlfilm von 1928: „Wohin wir treiben“ oder den Lichtbildervortrag „Volksentscheid“ vom Herbst 19291011. Über die Filmpropaganda der DVP lässt sich nur wenig Aussagekräftiges in Erfahrung bringen, obwohl einzelne finanzkräftige Parteivereine schon früh In te res se an dem neuen Medium zeigten. Im Herbst 1924 verteilte die Berliner DVP Einladungszettel für eine Stresemann-Versammlung am 29. November, auf denen sie damit warb, dass vorher der „große nationale Sensationsfilm“ laufe. Hierbei scheint es sich um einen stummen Wahlfilm mit dem Titel „Liste 5 ist Trumpf “ zu handeln, der laut der Roten Fahne nur in Berlin lief1012. Film- und Lichtbilderpropaganda setzte die DVP auch in späteren Wahlkämpfen allenfalls sporadisch ein, zumal ihre Spitzenfunktionäre wenig von dieser Art Werbung hielt, die sich kaum zur Gewinnung von Wählerstimmen eigne, weil sie, „um Aufnahme innerhalb der Reklame zu finden, sich parteipolitisch möglichst zurückhalten“ müsse1013. Während sich das Zen trum da rauf beschränkte, im Vorprogramm der Filmtheater mit Lichtbildern zu werben1014, griff die DDP im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 auf das „moderne“ Werbemittel Film zurück. Ihre Reichsgeschäftsstelle ließ zwei Wahlfilme produzieren, einen humoristischen Zeichentrickfilm sowie einen längeren „seriösen“ Spielfilm mit historischen Bildern zur Geschichte der Weimarer Re publik1015. Als Titel für diesen vierzigminütigen Streifen wählte man das Motto „In diesem Zeichen wirst Du siegen!“, der Trickfilm erhielt den satirischen Titel „Der erlösende Traum“ und dauerte zehn Minuten. Die erste öffentliche Vorführung der Wahlfilme bildete am 16.  April 1928 zugleich den Wahlkampfauftakt der DDP in Berlin. Die Gesamtkosten ihrer Filmagitation bezifferte Hauptgeschäftsführer Stephan Ende Fe bruar 1928 auf insgesamt knapp 40 000 Mark, wovon allein die Hälfte für die Produktion der Wahlfilme durch eine private Firma veranschlagt wurde. Nach der Fertigstellung Anfang April 1928 zeigte man sie zunächst dem Parteivorstand sowie den Wahlkreisvorsitzenden, aus deren Reihen sich prompt Widerstand gegen solch kostspielige Methoden der Berli- 340 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ner Zen tra le regte. Auf dem Lande sowie in Kleinstädten wollten einige Demokraten aus Angst vor rechtsradikalen Störaktionen auf die Wahlfilme von vornherein verzichten. Das Kostenargument hingegen ließ Stephan im Frühjahr 1928 nicht gelten, da sie die Kopien von Berlin umsonst erhielten. Schon angesichts der umfangreichen Filmpropaganda der Gegner war ihm zufolge ein genereller Verzicht von seiten einer Wahlkreisorganisation töricht, weil er die DDP zwangsläufig weiter ins Hintertreffen bringe1016. Um vielmehr die größtmögliche Auswertung der Filme zu erreichen, empfahl die Parteileitung, rechtzeitig Lichtspieltheater anzumieten. Es gebe in Deutschland kaum noch einen Ort mit mehr als 2 000 Einwohnern, in dem nicht ein Kinotheater oder eine andere Möglichkeit zur Filmvorführung bestehe. Falls aber nicht, riet die Reichsgeschäftsstelle nachdrücklich zur Anschaffung „ambulanter Kinovorführapparate“, die auch in wahlkampflosen, „ruhigen“ Zeiten sehr nützlich für die Parteiarbeit seien. Immerhin lag der Preis des empfohlenen Kofferapparates „Knirps“ einer Breslauer Firma inklusive Zubehör bei über 1 000 Mark, wenn er auch durch Rabatt bei Sammelbestellung über die Parteizen tra le schon für 885 Mark zu haben war. Der Apparat biete die Vorzüge „leichter Transportfähigkeit, solider Konstruktion und ausgezeichneter Bildprojektion“, die der bei einer regulären Kinovorstellung durchaus gleichkomme. Allerdings seien zum Betrieb noch ausgebildete Filmvorführer notwendig, die bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 300 Mark wie de rum kaum über die ganze Dauer des Wahlkampfes engagiert werden konnten. Die DDP versuchte daher Parteifreunde, besonders Lehrer oder auch Studenten der technischen Fakultäten, für diese Wahlarbeit heranzuziehen. Schließlich wies ihre Reichsgeschäftsstelle im Frühjahr 1928 noch da rauf hin, dass die Filme im Wahlkampf keinen abendfüllenden Zweck erfüllten, sondern immer nur als Rahmenprogramm, als „Zugabe“, in den Versammlungen gedacht sein dürften1017. Während die Aus ei nan der set zung mit der „jüdisch-kapitalistischen“ Filmwirtschaft einen festen Platz in ihrer Propaganda besaß, maß die NSDAP eigenen filmischen Produktionen lange Zeit nur wenig Bedeutung zu. Die frühen Parteitagsstreifen besaßen lediglich interne, wenn man so will binnenpropagandistische Funktion. Bis 1930 existierte eine aktive oder systematische nationalsozialistische Filmpropaganda faktisch nicht. Die Entdeckung des neuen Mediums und seiner Propagandamöglichkeiten für die NSDAP war eng mit der Person Goebbels’ ver- 341 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen knüpft. Kontinuierliche Filmpolitik betrieb sie erst nach Gründung ihrer „Reichsfilmstelle“ im November 1930, die auch den Aufbau „Nationalsozialistischer Verbandszellen deutscher Lichtspieltheaterbesitzer“ leitete. Dass die NSDAP keine Vorreiterrolle in der Einführung „moderner“ Propagandamittel beanspruchen konnte, wird durch die Tatsache verdeutlicht, dass sie erst im Sommer 1932 – zwei Jahre nach dem sozialdemokratischen Gegner – den Tonfilm zur Wahlpropaganda heranzog1018. In Amerika hatten sich die Präsidentschaftsbewerber zum ersten Mal schon 1924 in kurzen „sprechenden Filmen“ den Wählern vorgestellt. Der Vorteil solcher später tausendfach kopierter Kandidatenfilme lag auf der Hand, da die Bewerber so bereits im amerikanischen Wahlkampf vom November 1928 überall aufzutreten schienen. In Deutschland war der „Sprechfilm“ zur gleichen Zeit noch nicht einmal in die kommerziellen Kinotheater gedrungen, zumal zu seiner Wiedergabe kostspielige Apparate notwendig waren, die kleinere Theaterbesitzer nicht bezahlen konnten. Auch herrschte aufgrund der großen Beliebtheit des „stummen Bildes“ Skepsis, ob sich das deutsche Publikum mit dem Tonfilm anfreunden werde1019. Solche Zweifel waren zwei Jahre später im Sommer 1930 verflogen, als sich die Parteien – allen voran die SPD – bei ihrer Filmpropaganda rechtzeitig zum Reichstagswahlkampf umstellten. Für die vom Parteivorstand verbreiteten Filme unter dem Titel „Die Sozialdemokratie im Reichstagswahlkampf 1930“ waren Reden bekannter Parteiführer nach bewährter Art auf Schallplatte gebracht worden. Indem die Einleitungs- und Schlussrede eines Versammlungsleiters sowie zwei Lieder der Arbeitersänger – am Anfang „Erwache Volk, erwache“ und zum Schluss „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ – hinzugefügt wurden, sollte eine Wahlversammlung filmisch dargestellt werden1020. Tatsächlich wirkten die gefilmten Parteiführer mitunter wie „verunglückte Puppen“, schrieb die Frankfurter Zeitung. Allerdings wende sich der Film in erster Linie doch nicht an den Verstand des Wählers, sondern werbe mit den Reizen eines Schauspiels, das das „trockene Gezänk der Argumente“ versinnliche: „Der Tonfilmwagen der Partei kommt als Festveranstalter ins Dorf mit Augen- und Ohrenschmaus“1021. Als rundum gelungen verbuchte der SPD-Vorstand selbst den von der FuL hergestellten Zeichentrickfilm „Dem deutschen Volk“, der zusammen mit weiteren kurzen Stummfilmen das Filmangebot der Partei im Sommer 1930 komplettierte. Außer in gemieteten Kinotheatern wur- 342 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik den die Wahlfilme wie schon im Frühjahr 1928 mithilfe der „Kino-Autos“ flächendeckend vorgeführt. Wegen der aufwändigen Apparatur des Tonfilms, die mitunter noch zu technischen Störungen wie durchgebrannten Leitungen führte, konnten jedoch nur drei dieser Wagen eingesetzt werden. Der Ablauf der Filmabende selbst hatte sich gegenüber dem letzten Reichstagswahlkampf kaum verändert. Zuerst zeigte man den satirischen Zeichentrickfilm, dann eine Reihe historischer Lichtbilder, die „knapp und plastisch“ die Geschichte der SPD umrissen. Im Anschluss an eine kurze Pause mit Musik kam als Höhepunkt des Abends der Tonfilm: „Als größte Partei Deutschlands nützt die Sozialdemokratie ihre Stärke und sendet sprechende Filme durch Stadt und Land, um neue Massen zu werben“, rechtfertigte die SPD vor dem 14. September 1930 im Zeichen der Wirtschaftskrise das teure Propagandamittel gegen- über Vorwürfen, als angebliche „Partei der Ärmsten der Armen“ eher den „kostspieligen Apparat eines Tonfilms“ zu finanzieren, statt die „vielen Tausende von Reichsmark“ zu benutzen, um jenen zu helfen1022. Auch aus den eigenen Reihen mehrte sich Anfang der 1930er-Jahre die Kritik an der Filmarbeit der SPD, die sich zu sehr auf reine Agitation beschränke, auf „Flugblattfilme“, die mit der „psychologisch etwas robusten Methode der Handzettelwerbung“ vor allem von dem Wert der Organisation überzeugen und neue Mitglieder werben wollten. Auch aus finanziellen Gründen verzichtete die SPD schließlich in den Reichstagswahlkämpfen 1932 zugunsten von billigeren Propagandaformen auf neue Filmproduktionen, obwohl sie wusste, dass der Tonfilm „in künftigen Wahlkämpfen noch mehr als heute zu Propagandazwecken herangezogen“ werde1023. Symbol- und sonstige Wahlpropaganda Über die bislang angesprochenen Werbemittel hinaus griffen vor allem die Massenmobilisierungsparteien auf eine im Vergleich zur Praxis des Kaiserreichs neuartige Vielzahl von Mitteln der Kleinagitation zurück. Der Wahlkampfbericht des SPD-Vorstandes vom Frühjahr 1928 listete die ganze Palette der nichtschriftlichen und nicht im engeren Sinne technischen Werbung in der Rubrik „Andere Wahlpropaganda“ auf. In der Hauptsache handelte es sich dabei um von den Parteibezirken vor Ort selbst produzierte und auf Massenwirkung abzielende Straßenpropagan- 343 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen da. Intensiv wurde etwa die neue „Lichtreklame“ für die Wahlarbeit eingesetzt, sei es in Form von beleuchteten Transparenten, sei es in Form von Lichtbildern in Kinos und Theatern sowie als Straßenillumination. Viel Beachtung fanden die „leuchtenden Wahlaufrufe“ mittels der Lichttransparente, welche die SPD erstmals an zen tra len Berliner Verkehrspunkten wie dem Funkturm, einem Wahrzeichen des „neuen“ Berlin, anbrachte. Laut Bericht des Vorwärts formten sich bei dieser Propaganda mithilfe elektrischer Lichtquellen meterhohe Buchstaben und aus diesen dann wieder „wandernde“ Sätze. Statt langer Wahlappelle wurden dem Passanten kurze, eindringliche Losungen mitgeteilt, um wie bei einer Sensationsmeldung sein In te res se zu wecken. Große Leinwandflächen mit solch zeitgemäßer „Himmelsschrift“ wurden bis spät in die Nacht hell erleuchtet. Von der Bewunderung über derartig „imponierende Machtentfaltung“ auf technischem Gebiet sei es nur noch ein kleiner Schritt zur Stimmabgabe für den Urheber. Einfach und doch wirkungsvoll seien rote Lichttransparente, die abends in den Wohnungsfenstern oder von Balkonen der Sozialdemokraten mit kleinen Lämpchen leuchteten1024. Modern mutet die so genannte „Schnickschnack“-Werbung der SPD an, die etwa im Frühjahr 1928 Millionen von kleinen Luftballons sowie 20 000 Stocklaternen, 200 000 roten Kinderfähnchen mit Aufschriften wie „Wählt Sozialdemokraten“, des weiteren 50 000 illustrierte Postkarten und schließlich Seifenstücke mit dem Aufdruck „Wählt SPD“ gratis verteilte. Speziell bei Frauen sei diese Wahlkampfseife bestens angekommen, während Flugblätter nach dem Verteilen oft nur den Boden bedeckten. So aber gingen „mit einem Schlage 500 000 Stück Seife zum Einseifen der Wähler“ weg, spottete die Rote Fahne1025. Kinderfähnchen waren im übrigen als Massenagitationsmittel vor Wahlen keineswegs neu. Bereits im Reichspräsidentenwahlkampf vom Frühjahr 1925 hatten die Rechtsparteien massenweise doppelseitig in schwarz-weiß-rot sowie mit dem Hindenburg-Bild bedruckte Fähnchen verteilt, zur Empörung der re pu bli ka nischen Presse selbst in Schulen. Während solche Methoden in den „wohl disziplinierten Scharen“ des Reichsbanners nicht geduldet würden, versähen die Rechtsparteien „das Kleinvolk, das kaum das gro- ße Einmaleins fehlerfrei beherrscht, für ihre Zwecke mit schwarz-weißroten Fahnen“1026. Mit besonderem Eifer versuchte sich die KPD auf dem Gebiet dieser „kleinen“ Straßenpropaganda zu profilieren, vor allem mit roten Fah- 344 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik nen und Transparenten für Wahldemonstrationen. Gleich den Liedern der Agitproptruppen erklärte ihre Führung diese zu „Gradmessern der revolutionären Leidenschaften und der politischen Geschultheit der Massen“. Tatsächlich zeigten die Kommunisten immer wieder, was unkonventionelle und ohne große Geldmittel herzustellende Straßenpropaganda zu leisten vermochte, wobei ihr Erfindungsgeist mitunter die Grenze des guten Geschmacks überschritt. So marschierte vor der Reichstagswahl am 4. Mai 1924 eine kleine Trauergemeinde mit schwarz umschlagener, sargähnlicher Kiste durch die Straßen Berlins. Nur die Aufschrift ließ die erstaunten Passanten die wahre Bedeutung dieser nach Meinung des Zen trumsblattes Germania „jedem christlichen Gefühl spottenden Komödie“ erkennen: Die Kommunisten trugen feierlich „ihre Brüder von der VSPD“ zu Grabe1027. Des Weiteren marschierte man mit Leuchttransparenten, das heißt auf einer Holzlatte befestigten, von innen her beleuchteten Pappschachteln mit Buchstaben oder Symbolen, nach Art der Plakatkolonnen auch bei Dunkelheit. Andere Möglichkeiten der „Lichtreklame“ waren Fackelzüge und Feuerwerk, die aufgrund der hohen Kosten jedoch nur im Rahmen einer größeren Veranstaltung von der Leitung der KPD empfohlen wurden. Die Anwendung solcher Methoden erschien aber auch in kommunistischen Augen immer wichtiger, weil das „Bild und die bildliche Darstellung von größerer Wirkung als Wort und Schrift“ seien1028. Auf die Frage, welche Propaganda die Wahlerfolge von NSDAP und KPD im September 1930 am meisten begünstigt habe, verwies Emil Dovifat auf die neuen „kollektiven Führungsmittel“ in der radikalen Parteienwerbung, die eine vor allem emotionale Anziehungskraft ausübten, angefangen von der politischen Uniform bis hin zur Schlipsnadel und dem Knopflochabzeichen, die als „Gesinnungssymbole“ auf der Straße zur Schau getragen würden. Leidenschaftlich habe man bereits einen „Kult des Symbols“ gefeiert1029. Das demonstrative Zeigen der eigenen Gesinnung mittels entsprechender Abzeichen war eine seit jeher beliebte deutsche Vereinssitte, die auch von den bürgerlichen Weimarer Parteien gepflegt wurde. Die DVP gab im Herbst 1924 erstmals neben der üblichen schwarz-weiß-roten Schleife spezielle „Wahlkampfabzeichen“ an die Delegierten ihres Wahlparteitages aus, die aus drei fest ineinandergeschlungenen Ringen mit den Worten „Einigkeit, Recht, Freiheit“ bestanden1030. In der SPD hielt man solche Partei- oder Vereinsabzeichen bezeichnenderweise für überflüssig und lächerlich oder „Spielzeug für 345 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen große Kinder“, so der damalige preußische Innenminister Albert Grzesinski im Mai 1928. Da laut Weimarer Reichsverfassung Orden und Ehrenzeichen vom Staat nicht verliehen wurden und die Re pu blik auf derlei „Mätzchen“ auch getrost verzichten könne, trügen doch auf den Straßen „gut die Hälfte aller männlichen Passanten im Knopfloch irgendein Abzeichen“ zur Schau1031. Grzesinskis Appell an die Vernunft änderte wenig an der Begeisterung der Deutschen für äußere Zeichen ihrer Weltanschauung. Nachdem schon im Frühjahr 1928 in einigen Orten der Wahlvorstand während der Ausübung seines Amtes Parteiabzeichen getragen hatte, musste Reichsinnenminister Wirth dies vor dem 14. September 1930 erst wie de rum ausdrücklich verbieten. Das allgemeine Verbot von politischen Uniformen und Abzeichen, das per Notverordnung im Dezember 1931 erlassen worden war, wurde schließlich nicht zuletzt mit den Stimmen der SPD Ende Juni 1932 inklusive der noch bestehenden Demonstrationsverbote vor den Reichstagswahlen aufgehoben1032. Ungeachtet aller neuen Technik und Vielfalt in den Propagandamethoden wurden die Weimarer Reichstagswahlkämpfe entscheidend von den inhaltlichen und damit sprachlichen Aus ei nan der set zungen der Parteien geprägt. Sprachtheoretisch betrachtet, trat (und tritt) dabei die so genannte monologische Persuasion in den Vordergrund, ein Sender versucht den Empfänger mithilfe der Propaganda auf seine Seite zu ziehen, ohne dass eine direkte Rückkopplung stattfindet. Die sprachlichen Argumentationsmuster der Wahlpropaganda zielen nicht nur auf Aufklärung, sondern mindestens genauso auf Vereinfachung, Ideologisierung, Personalisierung und Polarisierung1033. Sprache und Wahlkampf stehen in einer Wechselbeziehung, insofern die politischen Konflikte die Sprachfindung inspirieren und umgekehrt sich die Sprache den inhaltlichen Kontroversen anpasst. Bereits zwischen den Weimarer Parteien und ihren politischen Teilkulturen lässt sich dabei ein reger Austausch bemerken, was den Gebrauch von bestimmten politischen Schlüsselvokabeln betraf1034. Bekanntestes Beispiel für die Adaption, ja Zweckentfremdung von Parolen durch den politischen Gegner sind die Slogans vom November 1918, welche die Hoffnungen auch vieler bürgerlicher Wähler ansprachen. Die prore pu bli ka nische Parole „Für Frieden, Freiheit und Brot!“ fand sich bereits in den ersten Reichstagswahlkämpfen bei der verfassungsoppositionellen Rechten wieder, zum Teil mit unterschwellig affirmativer Geste. Ebenso wurde bald das Schlagwort der „sozialen Gerechtigkeit“ zum Gemeingut der Wei- 346 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik marer Parteienpropaganda. In der linksliberalen „Neuen Rundschau“ kritisierte der Schriftsteller Alfred Döblin bereits Ende 1919, dass die Parteien das Wahlvolk künstlich durch „Schlagworte, affektbeladene, undeutliche und schillernde Worte“ erregten1035. Der den Demokraten nahestehende Historiker Willhelm Mommsen, Privatdozent in Göttingen, wies vor dem 7. Dezember 1924 auf die Langlebigkeit solcher überkommener Schlagwörter hin. Wie viele Wahlkämpfe seien in Deutschland schon, so Mommsen, unter der demagogischen Parole: „Gegen die Sozialdemokraten und ihre Begünstiger“ geführt worden: „Ja, das Fortbestehen alter Schlagworte ist so stark, dass selbst das Wort von den ‚staatserhaltenden Parteien‘, das man heute doch nur auf die re pu bli ka nischen anwenden könnte, für diejenigen gebraucht wird, die Gegner des bestehenden Staates sind“1036. Die wohl wirkungsvollsten Parolen und Schlagworte entstanden zusammen mit der Weimarer Re pu blik. Schon kurz nach Kriegsende wurde die Dolchstoß-Legende, welche der Revolution die Schuld an Niederlage und Gegenwartsmisere gab, zu einer „tragenden Säule der konservativ-nationalistischen Rechtfertigungs- und Kampfideologie“ gegen die Re pu blik1037. Die Rechtsparteien und ihre Presse bedienten sich in den 20er-Jahren gezielt einer „Politik der Schlagworte“, auf deren Phrasenschatz und Argumentationsmuster gegen das universelle Sündenbock- Symbol des Weimarer „Systems“ Hitler ausgiebig zurückgriff1038. Überparteiliches und auffälligstes Kennzeichen von Wahlkampfsprache in der Weimarer Re pu blik war die Entlehnung von Metaphern und Vokabeln aus dem militärischen Bereich. Die Brutalisierung der Politik nach 1918 ging einher mit einer Militarisierung der politischen Sprache, ein Prozeß, dessen Katalysatoren der Weltkrieg sowie der innere Bürgerkrieg während der ersten Re pu blikjahre bildeten. Der Kampf der Parteien um Wählerstimmen und politische Macht wurde nicht als demokratische Konkurrenz wahrgenommen, sondern als tendenziell un ver söhn liches kriegerisches Ringen zwischen politischen Weltanschauungen oder „Lagern“. Zwar wurden die Wahlkämpfe schon vor 1914 als eine Art kriegerischer Aus ei nan der set zung charakterisiert, für die man „Munition“ brauche1039. Für die allgegenwärtige Existenz der noch aus dem Ersten Weltkrieg in frischer Erinnerung gehaltenen Stereotypen und Vokabeln der Militärs in den Tageszeitungen, deren Wahlkampfberichterstattung oft Meldungen von der Front ähnelten, lassen sich aber nach 1918 unzählige Beispiele zitieren, angefangen von dem „Wahlaufmarsch“, 347 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen bei dem die Parteien ihre „Munition verpulverten“, mithilfe von „Propagandawaffen“, bis hin zur „politischen Mobilmachung“ der Parteien und ihrer „Hauptquartiere“ vor der Wahl. Selbst sozialdemokratische Zeitungen verglichen die Arbeit des Wahlbüros mit der eines Generalstabes, da die Partei „wie ein geschickter Feldherr“ jede neue Situation nach Möglichkeit für sich auszunützen versuche1040. Typisch für die kriegerische Sicht des Wahlkampfes und den neuen volksnationalen Ton, der mit Gründung der Staatspartei bei den Demokraten Einzug hielt, war ein Artikel der Vossischen Zeitung von Anfang September 1930: „Ein Trommelfeuer von Aufrufen und Programmen hagelt auf uns nieder, das Giftgas gegenseitiger Verleumdungen liegt in ganzen Schwaden über dem Schlachtfeld, im erbitterten Wahlkampf schlägt man sich munter die Schädel ein. Und wie im wirklichen Krieg wird auch hier das Hinterland immer mehr in Mitleidenschaft gezogen: auch der, dem alle Politik von Herzen zuwider ist, kann heute nicht abseits stehen und in bequemer Selbstverleugnung das Feld dem Berufspolitiker überlassen. Denn es geht ja um dein, um unser aller Wohl, und was auch das Resultat dieser Schlacht sein wird: die Kriegskosten werden wir alle bezahlen müssen. Auch der Drückeberger im Wahlkampf, der Nichtwähler, entrinnt nicht der grausamen Verantwortung“1041. Die vielleicht wichtigste Veränderung in der Propagandasprache der Parteien, die ihren direkten Anstoß aus der Reklamepraxis amerikanischer Wahlkämpfe nahm, war nach 1918 die Konzentration der zen tralen programmatischen Werbeaussagen auf eine möglichst einprägsame Parole mit Schlagzeilencharakter, den „Slogan“. Hier war die Weimarer Parteiwerbung markanter Ausdruck des an Amerika orientierten „neusachlichen“ Zeitgeistes und seines betont zweckmäßigen Denkens. Angesichts der Veröffentlichung der zen tra len Wahlaufrufe stellte der Vorwärts Ende Oktober 1924 fest, wie solche „langen Welt an schau ungsbe kenntnisse“ der Parteien immer mehr an Bedeutung verlören, weil sie in der gegenwärtigen „schnellebigen Zeit“ von der großen Masse gar nicht mehr gelesen würden. Stärkste Wirkung erzielten aber die „kurzen Schlagworte“, was in den angelsächsischen Ländern schon lange erkannt worden sei, zumal in den Vereinigten Staaten, wo der „Slogan“ mittlerweile eine Hauptrolle in den Wahlkämpfen spiele. Dahinter stand bereits die bis heute gültige Erkenntnis, dass derjenige, der die Begriffe zuerst besetze, sich Vorteile im politischen Wettbewerb verschaffe. Wer das, was er dem Wähler anzubieten habe, auf die „knappste Formel“ zu bringen 348 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik verstehe, so der Vorwärts im Oktober 1924, würde vor dem „weitschweifigeren“ Gegner schnell einen Vorsprung erzielen1042. Als besonders geeignetes Werbemittel für die kurzen Slogans, die ein „Zeichen für das Tempo unserer Zeit“ seien, empfahl die Berliner SPD vor der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 ihre Lichtreklame, die bei Dunkelheit über den Dächern in Leuchtbuchstaben zur Wahl aufforderten. Ihr Einsatz sei gar eine Forderung des „praktischen Zeitsinnes“, der man sich nicht verweigern dürfe1043. Wenn die KPD auch früh versuchte, ihre Wahlkampagnen auf ein Generalthema mit einheitlichem Hauptslo gan zu fixieren (mustergültig etwa die Parole „Zuchthauswahlen“ im Herbst 1924), ist gerade im Falle ihres ideologiegetränkten Vokabulars davon auszugehen, dass die Mitglieder von der internen offiziellen Thesensprache der Führung ebenso weit wie von der Rhetorik der Wahlpropaganda entfernt waren. Die Parteiagitatoren müssten endlich, so selbst die Wahlkampfrichtlinien der KPD im Sommer 1930, eine „einfache, jedem Arbeiter verständliche, offensive Kampfsprache“, eine populäre „Massensprache“ lernen1044. Eine besondere Facette der Wahlkampfsprache bildete die Reim- und Versprosa, wobei das politische Gedicht schon vor 1914 Bestandteil der deutschen Parteienpropaganda war. Ähnlich wie die Karikatur besaß diese Form den Vorteil, durch mehrdeutige Aussageebenen Positionen beziehen zu können, die aus taktischen Gründen ansonsten nicht oder nur weniger pointiert vertreten wurden. Während Verse und Reime von der extremen Linken gemäß dem Motto „Kunst als Waffe“ zu Agitationszwecken benutzt wurden, herrschte bei den bürgerlichen Parteien die Auffassung vor, dass sie sich mit dieser Art lyrischer Propaganda über das „verhetzende Schlagwort“ hinweg in das „Pathos der Dichtung“ erhöben1045. Eine besonders auffällige Rolle spielte die Reimpropaganda im Herbstwahlkampf 1924, als damit nicht zuletzt die allerorten gefürchtete Wahlmüdigkeit bekämpft wurde. Das Zen trum etwa gab Lieder und Gedichte heraus, darunter neben neueren Dichtungen mit aktuellen politischen Bezügen auch geeignete Liedtexte von Franz Schubert. Als Auftragsarbeit eines Berliner Werbefachmannes versandte die Zen tra le der DDP Matern von Sprüchen und Sentenzen wie „Wer rettet den Staat? Der Demokrat!“, die sich besonders für die Klebezettel-Propaganda eigneten1046. Die Linksparteien brauchten für ihre Wahlkampfpoesie nicht weit nach Autoren zu suchen. Schriftsteller wie Johannes R. Becher achteten dabei weniger auf literarische Ideale als auf den agitatorischen 349 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Zweck1047. Die gereimte Wahlprosa der SPD zeichnete sich vor allem durch ein heute nicht mehr nachvollziehbares Pathos aus und gewann erst in späteren Jahren an agitatorischer Schärfe: „Eine Wahl, wie deutsche Lande sie noch nie geschaut, hebt an!/ Wahlkampf züngle! Wahlkampf brande sturmgepeitscht um Weib und Mann“, hieß es noch 1919 vor der Wahl zur Nationalversammlung1048. Auffällig war das Bemühen der Linksparteien, die Arbeiter selbst sprechen zu lassen und so den Eindruck zu erwecken, als ob es sich um authentische „proletarische“ Stellungnahmen handle1049. Unter den bürgerlichen Parteien glänzte insbesondere die DVP in den Reichstagswahlkämpfen mit eingängigen Reimparolen, am bekanntesten der 1920 erstmals verwendete Slogan „Von roten Ketten macht Euch frei/ Allein die Deutsche Volkspartei“ oder die Plakatparole aus dem Frühjahr 1928: „Was gehen uns die andern an/ Wir wählen Dr. Stresemann!“ Ähnlich wie Reim und Vers wurden Bilder, Zeichnungen, Fotografien und vor allem Karikaturen wegen ihrer mehrdeutig-suggestiven Aussage von den Weimarer Parteien geschätzt. Bildpropaganda galt vor allem den antire pu bli ka nischen Kräften als ein besonders für emotionale Appelle geeignetes Instrument der Massensuggestion. Einer neueren Arbeit über die Propaganda der NSDAP zufolge indoktrinierte diese ihre Wähler vor 1933 in erster Linie über ihre „eng begrenzte, ständig wiederholte, populistische Bildersprache, die Komplexität auf personalistische Typenmuster und Sprachformeln reduzierte und konkrete Handlungsperspektiven durch Feindbilder anbot“1050. Die politische Flugblattpropaganda hatte seit dem 19. Jahrhundert ein eigenständiges Zeichensystem entwickelt, deren bevorzugte Ausdrucksmittel Karikaturen und Satire waren. Diese wurden nach 1918 um so mehr von den radikalen Parteien bevorzugt, als sie sich leichter dem strafrechtlichen Zugriff entzogen. In den Bildern und Zeichnungen konnten vage Gefühle oder Stimmungen visuell auf ein meist personales Objekt gelenkt und der politische Gegner zugleich der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Bildpropa ganda beschränkte sich in den Weimarer Reichstagswahlkämpfen keineswegs auf Plakate oder die Presse, sondern wurde in allen Printmedien eingesetzt, in Flugblättern, Wahlzeitungen oder speziellen Witzblättern. Im Zusammenhang mit der Brutalisierung der deutschen Politik lassen sich nach 1918 vor allem zwei Phänomene beobachten: die Entmenschlichung des politischen Gegners durch seine Verwendung als stereotype Figur beziehungsweise der polemische Rekurs auf sein äußeres 350 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Erscheinungsbild sowie die Eskalation der Gewalt in Wort und Bild1051. Besonders in den Wahlkämpfen des Jahres 1932, die als „symbolpublizistische Bürgerkriege“ bezeichnet werden können, ersetzten Bilder, aber immer mehr auch Symbole, Fahnen und Uniformen das rationale politische Argument. Hier offenbarte sich mit den Worten Gerhard Pauls die „schleichende Entpolitisierung der Wahlkämpfe, die Substitution von Politik durch Ästhetik, wie sie ihren Höhepunkt zur Zeit des Dritten Reiches fand und für die Wahlkämpfe der Nachkriegszeit [1949 ff.] insgesamt typisch wurde“1052. Neben produktionstechnischen Gründen war es vor allem ihr Vertrauen auf die Kraft des „geschriebenen Wortes“, das die SPD bis in die 1920er-Jahre von der Verwendung mehrfarbiger und bebilderter Flugblätter absehen ließ1053. Die grellen Karikaturen, Fotografien und Plakate der NSDAP hatten freilich nicht zuletzt die Bildersprache der organisierten Arbeiterbewegung zum Vorbild. In der Hitlerpartei setzte sich die Erkenntnis von der Wirksamkeit des Bildes konsequenter durch als bei ihren Gegnern: „Noch mehr als stundenlange Reden und durchschlagender als lange Leitartikel wirkt das unableugbare Bild, die Photographie“, pries die NSDAP im Frühjahr 1928 ihren Illustrierten Beobachter an1054. Eine der gebräuchlichsten Bildstereotypen der Linksparteien, die suggestive Figur des „Riesen Proletariat“, der als heroisierter Typus der Arbeiter mit geballter Faust proletarisches Selbstbewusstsein und Klassenintegration symbolisierte, wurde mehr und mehr von der Arbeiterwerbung der NSDAP und der dieser nacheifernden DNVP vereinnahmt1055. Erst ab Mitte der 20er-Jahre trieben die Weimarer Parteien die bildliche und graphische Ausgestaltung ihrer Printmedien systematisch voran. Auf bürgerlicher Seite fehlten, klagte DNVP-Hauptgeschäftsführer Max Weiß im Oktober 1928, stets „politisch geschulte Karikaturzeichner“, während die „guten Künstler ins andere, viele ins demokratische Lager“ gehörten1056. Wenn auch die Karikaturen und Bilder der bürgerlichen Parteien im allgemeinen weniger polemisch waren, zeigten etwa Wahl flugblätter der DVP vor dem 14. September 1930, wie sich ihre Bildpropaganda die Ideen neokonservativer Kulturkritik zu eigen machte, insbesondere deren ressentimenterfüllte Polemik gegen großstädtische Lebensformen als „kulturbolschewistisches“ Verfallssymptom1057. Die Bildagitation der KPD charakterisierte eine Verknüpfung der Darstellung von Typen-Insignien bestimmter politischer Einstellungen (etwa der Jagdhut des „Großagrariers“) mit dem persönlichen Aussehen 351 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen des Gegners, während die SPD die reine Typendarstellung bevorzugte. Gerade in den Wahlkämpfen entwickelte sich ein interparteilich aktives System der Bildersprache, das mitunter stärker als jede verbale Aussage Verbindungs- oder Trennungslinien zwischen den politischen Teilkulturen markieren konnte. Sowohl die bürgerlichen Parteien als auch die SPD vertrauten etwa – um nur ein Beispiel zu nennen – gegen die KPD auf die visuelle Suggestivwirkung des Bildstereotyps eines „Heil Moskau“ rufenden und Bomben werfenden „vertierten“ Bolschewisten. Darin manifestierte sich ein antikommunistischer Konsens, der freilich kaum positive bündnisbildene Kraft und auch kein gegen die Rechtsradikalen gerichtetes Gegenstück besaß. Analog zum Siegeszug von bildorientierten Medien wie Wahlzeitungen oder Plakaten entsprachen alle Parteien dem Bedürfnis der Wähler nach veranschaulichten Inhalten, so dass ihre Bildpropaganda die politischen Konflikte zunehmend visualisierte und emotional auflud. Ein Vergleich der Wahlflugblätter vom Frühjahr 1924 mit denen des Sommers 1930 erbringt, dass sich in diesen der Anteil der Bildele mente grob geschätzt verdoppelt hatte. Der Reichstagswahlkampf vor dem 14. September offenbarte schon für Zeitgenossen ein bis dahin unbekanntes Maß von Bildern in den Zeitungen und Flugblättern1058. Gleichwohl stellten die Wahlkampfrichtlinien der DStP vom Sommer 1930 fest, dass in Deutschland immer noch „viel zu wenig mit der politischen Karikatur, dem illustrierten Text und dem Bild der Politiker“ gearbeitet werde, denn: „Der einfache Mann, die unpolitische Frau will […] viel lieber sehen als lesen“1059. Mit dem Bild, der Fotografie und der Fotomontage gewannen zugleich suggestive Integrations- beziehungsweise Desintegrationssymbole wie das Hakenkreuz oder der Sowjetstern, aber auch Farben und Fahnen an Bedeutung, die vor allem auf irrationale Wünsche der Wähler nach Veränderung spekulierten1060. Symbole – nach George L. Mosse, „sichtbare, konkrete Vergegenständlichung von Mythen“, die im Zeitalter der Massenpolitik dem Einzelnen politische Teilhabe suggerieren können1061 – waren selbstverständlicher Ausdruck der fragmentierten politischen Kultur der Weimarer Re pu blik und ihrer sich verfestigenden Sozialmilieus, spielten aber in den Reichstagswahlkämpfen der 1920er- Jahre insgesamt nur eine Nebenrolle. Die re pu bli ka nischen Parteien standen öffentlicher und offensiver Symbolpropaganda sehr reserviert gegenüber. Carlo Mierendorff kritisierte 1926 anlässlich des Flaggenstreits, dass die SPD den Stellenwert von Symbolen in der Politik immer noch 352 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik unterschätze, obwohl ihm zufolge der „Kampf um das Symbol“ immer auch schon der „Kampf um die Sache selbst“ sei. Symbolpropaganda eigne sich aber hervorragend dazu, den unpolitischen Wählerteil zu bearbeiten, „ja ihn geradezu damit zu verfolgen und ihn dann aus seiner Lethargie zu wecken und zur Stellungnahme zu zwingen“1062. Die republikfeindlichen Kräfte strebten dagegen von Anfang an eine visuell-symbolische Beherrschung der Öffentlichkeit der „Straße“ durch Fahnen, Transparente oder Uniformen an. Unter dem Einfluss der exzessiven Symbolpropaganda der NSDAP verselbständigten sich diese Werbemittel zusehends zu „reinen Kampf- und Feldzeichen des symbolpublizistischen Straßenkampfes“, die für jedermann sichtbare „geographische und soziale Geländegewinne“ absteckten1063. Zwar verfügte gerade die SPD über eine Reihe traditioneller Parteisymbole, doch führte ihr Vertrauen auf die Überzeugungskraft „vernünftiger“ Appelle in Wort und Schrift zur „Entsymbolisierung des sozialistischen Gedankens“1064. Aktive Symbolpropaganda blieb bis Anfang der 1930er-Jahre eine Domäne der radikalen Opposition, wenn auch die NSDAP hier wieder hauptsächlich von dem „Diebstahl aus der Waffenkammer des politischen Gegners“ lebte1065. Symbolpropaganda bestand während der 20er-Jahre hauptsächlich aus dem Kampf um die Verfassungs- und Staatsfarben, der bereits 1919 in der Nationalversammlung zu heftigen und lagerübergreifenden Kontroversen geführt hatte. Um kein anderes Symbol wurde in den Anfangsjahren der Re pu blik erbitterter gekämpft als um die Fahne und Farben des Reiches, den gebräuchlichsten Gesinnungssymbolen Weimar-Deutschlands. Der sich an der Flaggenfrage entzündende nationale Dissens zwischen „Schwarzrotgold“ und „Schwarzweißrot“ signalisierte die Distanz zwischen den Verfassungslagern. Fahnen und Farben markierten aber nicht nur politisch-kulturelle Milieugrenzen, sondern erfüllten als Symbole für Bewegung und Dynamik auch wichtige agitatorische Funktionen, vor allem in den hoch emotionalisierten Wahlkämpfen Anfang der 1930er-Jahre1066. Die teilweise Fortgeltung der Farbsymbole des alten Deutschland stellte die Re pu blikgegner nach 1919 keineswegs ruhig, vielmehr blieb Schwarz-Weiß-Rot den Konservativen die zeichenhafte Kombination ihres reaktionären Staatszieles. Dass das Re pu blikschutzgesetz vom Juni 1922 die öffentliche Beschimpfung der neuen Reichsfarben unter Gefängnisstrafe bis zu drei Monaten stellte, verhinderte nicht, dass sie etwa im Bayerischen als „Schwarz-Rot-Hennadreck“ verhöhnt wur- 353 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen den, was die Weimarer Gerichte meist nur mit geringen Geldstrafen ahndeten1067. Vor allem die Deutschnationalen und mit Abstrichen auch die DVP hielten die Flaggenfrage in den Reichstagswahlkämpfen wach. Ihre Berufung auf die kultisch verehrten Symbole Vorkriegsdeutschlands war kaum verschlüsselter Ausdruck der Gegnerschaft zur Weimarer Re publik. So sollte die Wahl am 7. Dezember 1924 ein „Tag schwarz-weiß-roter Erhebung“ werden, an dem jeder Deutschnationale, der im Besitz der Kaiserfahne war, die „Ehrenpflicht“ habe, sie zu flaggen, „denn die schwarz-weiß-rote Fahne ist ein Symbol deutscher Treue und deutscher Kraft“1068. Solche Flaggenpropaganda erschien den Gegnern der DNVP als „Spekulation auf alteingewurzelte Stimmungen, In stinkte und Gefühle“. Typisch für das Reichsbannerlager war, das Bekenntnis zur Re pu blik nicht als Ablehnung der alten Reichsfarben zu deuten. Gerade weil diese aber durch die Entwicklung seit 1918 zu einem scharf umkämpften Zeichen des inneren Gegensatzes geworden seien, sollte dieser nach Ansicht des Zen trums etwa nicht noch künstlich verschärft werden1069. Dies rechtfertigte für die katholische Regierungspartei allerdings auch den Verzicht auf ein klares Bekenntnis zum Schwarz-Rot-Gold der Re pu blik. Auf re pu bli ka nischer Seite antwortete in dem Symbolkampf eigentlich nur die DDP (und das auch erst ab 1924) mit einer vergleichbaren Taktik, wobei sie grundsätzlich die explizite Gegenüberstellung der Flaggen- und Verfassungssymbole vermied. Aktive Schützenhilfe erhielten die re pu bli ka nischen Farben im Herbstwahlkampf 1924 vom Reichsbanner, in dessen Reihen sie gerade umgekehrt zu der Auffassung in den Rechtsparteien als Symbol „deutscher Treue und Liebe“ angesehen wurden1070. Dass die Weimarer SPD zwischen Staats- und Parteifahne hin- und herschwanke, wurde ihr selbst aus dem Reichsbannerlager vorgeworfen: „Schwarz-rot-gold, das geht zur Not, doch das Fahnentuch bleibt rot“. In dem Maße, in dem die Sozialdemokraten in die Rolle der Staatspartei der Re pu blik hineinwuchsen, beanspruchte andererseits die KPD die alte Farbe der Arbeiterbewegung als ihr legitimes Identifikationssymbol gegen die „schwarz-weiß-rot-goldene Front“ der Gegner, der die „rote Front des klassenbewussten Proletariats“ gegenüberstehe. Der Ausgleichswille auf re pu bli ka nischer Seite konnte nicht verhindern, dass die Reichspräsidentenwahlen vom Frühjahr 1925 eine sich bereits bei der Reichstagswahl im Dezember 1924 ankündigende Eskalation der symbolpropagandistischen Aus ei nan der set zungen brachte. In der 354 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Reichshauptstadt wurde dem Bericht der Germania zufolge der „Fahnenkrieg“ proklamiert, der ganz Berlin „in ein einziges Meer von Schwarzrotgold und Schwarzweißrot“ verwandelt habe1071. Konnte der Sieg Hindenburgs im Frühjahr 1925 von seinen Anhängern nicht zuletzt als eine zumindest symbolische Wende in der Geschichte der Re pu blik gefeiert werden und zeigte noch der Sturz von Reichskanzler Luther Mitte 1926 die politische Brisanz der Flaggenfrage an, verlor sie danach aber rasch an Bedeutung und spielte in den folgenden Reichstagswahlkämpfen kaum noch eine Rolle, als mehr und mehr die rote Fahne und das Hakenkreuz die Straßenbilder beherrschten. Auf Kritik, dass ihre Flugblätter im Frühjahr 1928 durch schwarzen und roten Druck auf weißem Papier eine „zu starke Betonung der alten Reichsfarben“ darstellten, rechtfertigte sich die DVP mit dem Hinweis auf die anhaltende Bedeutung „nationaler Tradition“ unter den Wählern. Im übrigen aber handle es sich nur um die „gebräuchlichsten Farben der elementaren Typographie“1072. Erst nach dem Wahlsieg der NSDAP vom 14. September 1930 entwickelte die SPD auf Drängen Mierendorffs eine systematische Symbolpropaganda, die aber erstmals im Reichstagswahlkampf vom Sommer 1932 flächendeckend zur Anwendung kam. Das Freiheitszeichen des „Drei-Pfeile-Symbols“, der Freiheitsruf und der Freiheitsgruß dienten in erster Linie der direkten Bekämpfung der NSDAP. Den Vorwürfen, es handle sich dabei nur um eine Kopie, antwortete Mierendorff, dass niemand anderes als die Sozialdemokratie das „Urheberrecht an diesen Massenpropagandamethoden“ beanspruchen könne. Seit dem 19. Jahrhundert wende sie solche Mittel an, verwies er auf die rote Fahne als Parteisymbol, die rote Nelke als Parteiabzeichen, die einheitliche Anrede „Genosse“ und schließlich sogar auf die sozialdemokratische Parteiuniform: rote Krawatte, Schlapphut und Bebelfrisur. An diese Tradition knüpfe die SPD jetzt „unter Benutzung der Erkenntnisse der modernen Massenpsychologie“ wieder an. Ernst nahm Mierendorff die innerparteiliche Kritik an der „angeblichen Hohlheit der drei Pfeile“, die unmittelbar zum „propagandistischen Zielproblem“ aller Symbole führe, nämlich der Mobilisierung und Gewinnung der politisch Inaktiven. Schließlich handle es sich nicht um „Wahlkampfromantik“, wenn die Freiheitszeichen ständig präsent sein sollten, sondern um ein notwendiges Signal der Kampfentschlossenheit: „Alle qualifizierte Propaganda, die aggressivsten Flugblätter, die schönsten Reden, die besten Leitartikel werden zu einem Schlag ins Wasser, wenn nicht mithilfe der Tiefenwir- 355 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen kung der Symbolpropaganda stimmungsmäßig der Boden vorbereitet ist“1073. Zur heftigsten symbolpublizistischen Aus ei nan der set zung in der Geschichte der Re pu blik kam es im Sommer 1932, als SPD und Eiserne Front ihre Drei Pfeile als „Symbol der Aktivität, der Disziplin und der Einigkeit“ dem Hakenkreuz der NSDAP entgegenstellten. Dieser Wahlkampf werde als der „Kampf der Symbole“ in die Geschichte eingehen, wusste die Frankfurter Zeitung schon kurz nach dem 31. Juli 1932. Neben die auf eine Statistenrolle zurückgedrängten Plakate sei der festliche Umzug mit Symbolwagen, Schauspielgruppen und Chören sowie Wahlfilme und Lautsprecher getreten, alles zusammen eine „liebenswürdige Mischung aus russischen Methoden und österreichischem Spieltrieb“1074. Ihre Körpergestik machte die Parteisoldaten obendrein zu lebendigen Symbolen, was die seit 1919 schleichende Entpolitisierung der Wahlkämpfe evident widerspiegle, bei denen es zunehmend nicht länger um echte politische Handlungsmodelle oder Zukunftsalternativen der Parteien ging, sondern „um deren mehr oder minder diffuse ästhetische Symbolisierung in Zeichen und Bildern“. Insbesondere die letzten Wahlkämpfe der Weimarer Re pu blik gaben so für Gerhard Paul einen „Vorgeschmack auf die nach 1933 auf die Spitze getriebene Ästhetisierung der Politik“1075. Zusammenfassung: Technisierung und Amerikanisierung der Wahlkämpfe im Zeichen der Massenmobilisierung Während die Zeitungen ihre Position in der Medienkonkurrenz der Wahlkämpfe ausbauen konnten, büßten andere traditionelle Agitationsmittel der deutschen Parteien wie vor allem die Flugblätter und Versammlungen nach 1918 stetig an Bedeutung ein. Allgemeinpolitische Wahlflugblätter erschienen den Weimarer Parteien angesichts sozialer Ausdifferenzierung der Gesellschaft kaum noch geeignet, um auf die sich wan deln den Bedürfnisse im Wahlvolk mit einer interessenspezifischen Zielgruppenwerbung zu reagieren. In den seit 1924 verstärkt auftauchenden Wahl- oder Wählerzeitungen erhielten die Flugblätter ein starkes publizistisches Konkurrenzmedium, das in lockerer Aufmachung mit hohem Bildanteil eine breitere Zielgruppenansprache ermöglichte. Aber auch das in den Anfangs- und Mitteljahren der Re pu blik so hoch geschätzte Plakat überschritt seine Blütezeit spätestens in den Reichstagswahlkämp- 356 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik fen 1932 und wurde durch die Symbol- und Uniformpropaganda als wirkungsvollstes visuelles Medium verdrängt. Geradezu epochal nahm sich in den 1920er-Jahren der Einzug der Technik in die Wahlpropaganda der Parteien aus, der nach Überwindung der Inflation nach 1923 in großem Stil einsetzte. Gegen zum Teil erhebliche Widerstände aus den Reihen der Wahlkreisorganisationen versuchten die Parteizen tra len, Methoden und Mittel ihrer Wahlpropaganda dem technischen Fortschritt anzupassen. Diese erlebte Mitte der 20er-Jahre einen Modernisierungsschub, der sich erstmals im Frühjahr 1928 auf der Bühne des Reichstagswahlkampfes – auch dank längerer Vorbereitungszeit für die Parteien – weithin bemerkbar machen konnte. Als die innovativen Kräfte auf dem Gebiet der Wahlkampftechnik und -mittel betätigten sich in erster Linie die „alten“ Weimarer Parteien SPD und DDP, die nach den für sie enttäuschenden Reichstagswahlen des Jahres 1924 die Modernisierung ihrer Propaganda einleiteten. Wenn auch schon vorher gelegentlich Filme zu Wahlzwecken benutzt wurden – so 1924/25 die „Leninfilme“ der KPD oder die „Hindenburgfilme“ des Reichsblockes −, konnte erst im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 von einer systematischen beziehungsweise aktiven Filmpropaganda der Weimarer Parteien – mit Ausnahme der DVP und des Zen trums – gesprochen werden. Besonders hervor tat sich die SPD, die mit den Mitteln ihrer mitgliederstarken finanzkräftigen Organisation auf wahlpolitischem Gebiet zu versuchen schien, das im unterhaltenden Filmsektor Versäumte aufzuholen. Bereits 1930 sahen sich Parteien wie die KPD oder DNVP durch die kurze Vorbereitungszeit, aber auch unter dem Eindruck der Rezession gezwungen, von der Produktion neuer Wahlfilme abzusehen. Für großes Aufsehen in den Wahlkämpfen sorgten die Flugzeuge, die zunächst ausschließlich als Transportmittel zum Abwurf von Propagandamaterial benutzt, später aber selbst zu einem Medium der Massensuggestion wurden. Der „Deutschlandflug“ der sozialdemokratischen Flugzeugstaffel im August und September 1930 war an sich als Sensation der Wahlwerbung geplant und setzte Maßstäbe, wie sie Hitler zwei Jahre später erfolgreich kopierte. Die eigentliche Technisierung der Reichstagswahlkämpfe nach 1918 vollzog sich jedoch in weniger spektakuläre Weise vor allem auf dem Boden und stellte hauptsächlich eine Motorisierung der Parteipropaganda dar. Autos, vor 1914 noch eher eine seltene Erscheinung, waren schon bald nicht mehr aus dem Wahlkampfalltag der Re pu blik wegzudenken. Während das Fahrrad auf dem Land nach wie vor als billigere Alterna- 357 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen tive im Einsatz blieb, lernten die Weimarer Parteien das Auto vor allem wegen seiner vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten als unentbehrliches Hilfsmittel schätzen, sei es nun zum Personen- oder Materialtransport, als fahrbare Rednertribüne oder auch umfunktioniert als „Schallplattenauto“ oder „Tonfilmwagen“. Das Aufkommen der Lautsprecher wie derum, mit deren Hilfe sowohl Grammophon-Reden oder Musikstücke von speziell präparierten Autos, im Freien oder im Rahmenprogramm von Wahlversammlungen übertragen als auch die Stimme des Redners einem Massenpublikum verständlich gemacht werden konnten, wurde als ebenso epochale technische Neuheit empfunden wie der Film. Durch die Lautsprecher veränderte die öffentliche Versammlung als das nach wie vor wichtigste Wahlkampfmittel der Parteien weiter ihre angestammte Form. Mittels Schallplattenreden versuchten diese ihren Mangel an ausgebildeten Rednern zu kaschieren und die wenigen, ebenso zugkräftigen wie begehrten „Wahlkanonen“ behelfsmäßig bei einer größeren Zahl von Versammlungen sprechen zu lassen. Wenn auch nach wie vor die Praxis kleiner oder mittlerer Versammlungsformen vor allem in ländlichen Gebieten überwog, wurde der Massencharakter zum eigentümlichen Kennzeichen der Wahlversammlung nach 1918. In den Städten und vor allem in Berlin aufwändige Großveranstaltungen mit mehreren zehntausend Besuchern zu organisieren, wurde geradezu zu einer Prestigefrage für die Parteien. Ihre Durchführung bedurfte allerdings der sorgfältigen Planung, und das Publikum verlangte auch nach Unterhaltung, ein Bedürfnis, dem die Parteien nachgeben mussten, wollten sie es „bei der Stange halten“. So erhielten die Wahlversammlungen ein Rahmenprogramm, das wie de rum mithilfe der Lautsprecher und Filme, aber auch durch Agitationsspielgruppen oder Sprechchöre „lebendiger“ gemacht wurde. Auf der Strecke blieb dabei der ursprüngliche Diskussionscharakter der Wahlversammlungen, dessen Verlust durch innerparteiliche Regieanweisungen beschleunigt wurde. Allen Weimarer Partei en waren die Störaktionen des politischen Gegners auch Alibi, ihre früher offenen Wahlversammlungen immer mehr zu reinen „Kundgebungen“ umzufunktionieren. Schließlich ging es ihnen in erster Linie nicht um die Überzeugung des politischen Gegners, sondern um die Gewinnung und Erschließung neuer Stimmen- und Wählerpotenziale. Gerade der Gesichtspunkt, dass mit neuen Propagandatechniken und ver- ändertem Versammlungsstil vorher nicht erreichbare, „unpolitische“ 358 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Wähler ansprechbar würden, ist in den Wahlrundschreiben der Parteien immer wieder anzutreffen. Im Kampf um Stimmen bildete sich während der relativ stabilen Jahre nach 1923/24 in den Weimarer Parteien eine strategische Sichtweise heraus, die in Zeiten scheinbar steigender Wahlmüdigkeit und sinkender Beteiligungsquoten propagierte: kommt der Wähler nicht zu uns, kommen wir zu ihm, sei es durch Flugblattverteilungen direkt an die Haushalte, improvisierte Versammlungen auf öffentlichen Plätzen oder in Hinterhöfen oder Rundfahrten mit „Kino-Autos“ in den Bezirken. Auf Ermüdungserscheinungen im Publikum wie nachlassenden Versammlungsbesuch oder – um ein modernes Wort zu bemühen – „Politik- und Parteienverdrossenheit“ reagierten die Weimarer Parteien gewisserma- ßen mit erhöhten Politisierungsanstrengungen. Selbst grundsätzlich demokratiefeindliche Parteien wie DNVP und KPD konnten sich diesem Wettbewerb im Wahlkampf nicht entziehen und waren um die Hinzunahme neuer Massenagitationsmittel wie Film oder Schallplatte in ihre praktische Propaganda bemüht. Die nach 1918 rasch voranschreitende Motorisierung sowie die 1928 massiv einsetzende Technisierung der Wahlkämpfe war andererseits kaum geeignet, deren Image in der öffentlichen Meinung der Weimarer Re pu blik aufzubessern. Eine neue Stufe bei der Totalisierung der Aus ei nan der set zungen, das heißt ihrer visuellen Ausweitung, wurde bereits 1930 erreicht, als zwar nicht neue, aber nunmehr massenhaft und systematisch eingesetzte „kollektive“ Werbemittel wie Symbole, Fahnen und Uniformen den Ton der Propaganda bestimmten, während die Parteien zugleich immer stärker in die Öffentlichkeit der „Straße“ drängten. 359 Zweiter Teil Die Wahlprogramme der Parteien 361 Kapitel 7 Nationalismus in Zeiten der Krise – Der Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 Die Reichstagswahl vom 4. Mai 1924 wird von der Weimar-Forschung gemeinhin als „Inflationswahl“ im Zeichen der republikbedrohenden Krisen des Vorjahres charakterisiert. Zwar war es gelungen, die Re publik durch die Reform der Währung und die Entschärfung der Reparationsfrage in ruhigere Gewässer zu bringen, doch die bis 1923 offen sichtbaren Konflikte blieben als „gefährliche Unterströmungen“1076 auch danach wirksam. Ruhrkampf, Hyperinflation, Unruhen und Reichsexekution in Sachsen sowie der im Hitler-Ludendorff-Putsch kulminierende Konflikt zwischen Bayern und dem Reich, um nur die Höhepunkte zu nennen, hatten das deutsche Wahlvolk derartig gegen das anscheinend unfähige „System“ der Re pu blik radikalisiert, dass nicht einmal mehr als dreißig Prozent der Stimmberechtigten den demokratischen Parteien der Weimarer Koalition zu folgen bereit waren. Für die Autoren einer neueren Studie über diesen ersten „ausgesprochenen Krisenwahlkampf “ erhält der 4. Mai 1924 dadurch sogar den Stellenwert einer politischen Zäsur in der Geschichte der Weimarer Re pu blik1077. Obwohl das „Wunder der Rentenmark“, die Währungsreform vom Herbst 1923, erste Zeichen wirtschaftlichen Aufschwunges brachte und sich die innenpolitische Lage im Reich mit der Umwandlung des militärischen in einen „zivilen“ Ausnahmezustand im Fe bru ar 1924 bereits wieder beruhigt zu haben schien, gab der Herausgeber eines zeitgenössischen Kompendiums der Parteiaufrufe zum 4. Mai diesem den bezeichnenden Titel „Wahlkampf auf den Trümmern des deutschen Reiches“1078. In den Regionalwahlen seit Sommer 1923 hatte sich die Radikalisierung der Wähler bereits in starken Verlusten für die gemäßigten und Ge- 362 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik winnen vor allem für die rechtsextremen Parteien angekündigt. So erhielt die erstmals kandidierende Deutschvölkische Freiheitspartei – ein Wahlbündnis aus ehemaligen Deutschnationalen – bei den Landtagswahlen in Thüringen und Mecklenburg-Schwerin bei hohen Beteiligungsquoten (89,6 bzw. 81,6 %) am 10. Fe bru ar 1924 auf Anhieb fast zehn beziehungsweise zwanzig Prozent der Stimmen. Kennzeichen der mit Rücksicht auf die besetzte Pfalz am 6.  April 1924 zunächst nur im rechtsrheinischen Bayern durchgeführten Landtagswahlen waren hohe Verluste der Regierungspartei BVP zugunsten erdrutschartiger Gewinne des „Völkischen Blocks“ – so die Listenbezeichnung, unter der sich die verbotene NSDAP hier erstmals zur Wahl stellte und mit 17,1 Prozent das gleiche Ergebnis wie die SPD erzielte, während sich die kommunistischen Stimmenanteile auf 8,3 Prozent verfünffachten. Für den linksliberalen Publizisten Hellmut von Gerlach stand schon Anfang März 1924 fest, dass sich diese „reaktionäre Tendenz“ in der Wählerschaft zugunsten der extremen Flügelparteien bei den bevorstehenden Reichstagswahlen fortsetzen würde. Grundlage aller Erfolge nationalistischer Propaganda war seiner Ansicht nach die Fortdauer des französischen Besatzungs regimes im Ruhrgebiet1079. Den politischen Hintergrund der vorzeitigen Reichstagsauflösung am 13. März 1924 bildete das endgültige Auseinanderbrechen des Weimarer Gründungskompromisses angesichts der Verteilungskämpfe um die aus Inflation und Reparationen entstandenen Lasten. Das nach dem Sturz Stresemanns Ende 1923 gebildete bürgerliche Minderheitskabinett unter dem Zen trumspolitiker Wilhelm Marx verstand sich in der Staatskrise als nationale Notstandsregierung und wollte mithilfe eines bis zum Fe bru ar 1924 befristeten Ermächtigungsgesetzes Währung und Finanzen des Deutschen Reichs ordnen, gedeckt durch das Notverordnungsrecht von Reichspräsident Ebert auf der Grundlage von Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung. Durch ihre Stabilisierungspolitik, die auf eine bewusste steuerliche Begünstigung von In dus trie und Landwirtschaft hinauslief, rief sie allerdings schwere soziale Spannungen hervor. Vor allem die De-facto-Beseitigung des Achtstundentages, der materiell und symbolisch wichtigsten „Novembererrungenschaft“, sorgte zusammen mit Lohnkürzungen für große Unruhe unter den Arbeitern. Für sie begann die relative Stabilisierung im Zeichen niedriger Löhne und hoher Arbeitslosigkeit. Aber auch im öffentlichen Dienst, der einen wesentlichen Beitrag zur Sanierung der Staatshaushalte leisten musste, förder- 363 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 te ein rigoros durchgesetzter Gehalts- und Personalabbau Antipathien gegen den Weimarer Staat. Nach Protesten breiter Mittelstandskreise, die sich als Hauptverlierer der Inflation empfanden, entschloß sich die um die Währungsstabilität besorgte Reichsregierung nur widerwillig, in der heiß umkämpften dritten Steuernotverordnung vom 14. Fe bru ar 1924 eine erste Regelung der Aufwertungsfrage einzubauen. Zugelassen wurde eine schematische Aufwertung der durch die Inflation vernichteten Sparguthaben und sonstigen Geldanlagen in Höhe von 15 Prozent des Goldwertes, während In te res senvertretungen der Gläubiger für eine individuelle und vor allem höhere Aufwertung aller privatrechtlichen Forderungen kämpften1080. Nachdem im März 1924 der Münchener Hochverratsprozess gegen die Hitler-Ludendorff-Putschisten für Schlagzeilen gesorgt hatte, rückte Anfang April wieder die Reparationsfrage ins Zen trum des öffentlichen In te res ses. Das Kabinett Marx war nach der Reichstagsauflösung, deren unmittelbarer Anlass die Ablehnung einer Verlängerung des Ermächtigungsgesetzes durch SPD und DNVP bildete, geschäftsführend im Amt geblieben, um die Verhandlungen über die Gutachten betreffend die Stabilisierung der deutschen Währung und die deutschen Guthaben im Ausland aufzunehmen. Diese wurden von den in Paris unter dem Vorsitz des amerikanischen Bankiers Charles G. Dawes tagenden alliierten Sachverständigen am 9.  April 1924 der Reparationskommission vorgelegt1081. Sie schlugen eine vorläufige Regelung der Reparationen vor, die unter dem Schlagwort „Business, not politics“ entscheidende Verbesserungen gegenüber früheren Zahlungsplänen für das Deutsche Reich bot, insbesondere durch relativ niedrige Annuitäten in den ersten Jahren, einen Transferschutz für die deutschen Geldlieferungen sowie eine erste Auslandsanleihe in Höhe von 800 Millionen Mark. Der am 16.  April 1924 von Deutschland gebilligte und bald als Dawesplan bekannte Sachverständigenbericht sorgte dafür, dass sich die Fronten vor allem zwischen Reichskanzler Marx und der DNVP klärten, die ein solches „zweites Versailles“ ablehnten. Im Wahlaufruf der Reichsregierung von Ende April hieß es zum Reparationsgutachten, dass nur die Annahme dieser „allergrößte Opfer“ von Deutschland verlangenden Vorschläge „wahrhaft nationale“ Politik sei. Ohne einen anderen Weg zur Befreiung von Rhein und Ruhr aufzeigen zu können, versuche die Rechtsop po si tion nur, das Volk mit nationalistischen Parolen aufzupeitschen. Die „Rettung vor dem Untergang“, vor Inflation und Umsturz, mache 364 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik aber im Inneren die „bitteren, grausamen Maßnahmen“ der Notverordnungen notwendig: „Nur durch Arbeit und Opfer werden wir den Weg aus dem Elend in die Freiheit finden“, so die Wahlparole der Regierung, deren neue Verständigungspolitik auch von der SPD unterstützt wurde. So schien es im Frühjahr 1924 wieder zu einer Annäherung zwischen der bürgerlichen Mitte und der sozialdemokratischen Opposition beziehungsweise zu einer Neuauflage der Großen Koalition vom vorangegangenen Herbst zu kommen. Hinsichtlich des Wahlausganges wagte die Frankfurter Zeitung Ende April 1924 die optimistische Prognose, dass die Rechte im ganzen vielleicht eine „kleine Verstärkung“ am 4. Mai erfahren werde. Das Kennzeichen der Wahl würden aber Verschiebungen innerhalb des nationalen Lagers selbst sein, und zwar auf Kosten der gro- ßen Rechtsparteien DNVP und DVP zugunsten der Völkischen1082. „Der Feind steht rechts!“ – Die SPD im Kampf gegen „innen- und außenpolitische Knechtschaft“ Seit dem November 1923, als sie aus Protest gegen das unterschiedliche Vorgehen der Reichsregierung in Bayern und in Sachsen die Große Koalition unter Stresemann verlassen hatten, waren die Sozialdemokraten wieder Oppositionspartei im Reich. Der so genannte Sachsenkonflikt sowie die scharfen Angriffe des durch die Vereinigung mit der Rest-USPD gestärkten linken Parteiflügels gegen die bisherige Koalitionspolitik im Reich stellten die sich nun bis 1925 offiziell VSPD nennende Partei im Frühjahr 1924 vor innere Zerreißproben. Gleichzeitig unter dem Druck der kommunistischen Konkurrenz, welche ihre Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz als Mitverantwortung an den Notverordnungen der bürgerlichen Reichsregierung angriff, stand sie vor der schwierigen Aufgabe, einmal den radikalisierten Arbeiterwählern ihren Tolerierungskurs gegenüber dem Kabinett Marx verständlich zu machen. Andererseits galt es sich als die „linke Volkspartei“ zu bewähren, als die sie sich auf ihren Parteitagen präsentierte1083. Der am 20. März 1924 veröffentlichte Wahlaufruf des Vorstandes sah die SPD in einer isolierten parteipolitischen Lage und das „alte, kampferprobte Heer“ der deutschen Sozialdemokratie einem „Ansturm sondergleichen“ ausgesetzt. Von links und rechts stürmten sowohl „Rückschrittler in den verschiedensten Masken“ als auch so genannte „Ra dikale“, 365 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 deren Radikalismus sich aber in sinnlosen Putschen erschöpfe, mit gleicher Wut gegen die Partei an, die „in jahrzehntelangem Kampf den Aufstieg der Arbeiterklasse Schritt für Schritt“ erzwungen habe. Unbeirrt versprach die SPD ihren Anhängern, für die Verwirklichung der „alten Grundsätze der Demokratie und des Sozialismus“ in Deutschland kämpfen zu wollen. Während sie sich außenpolitisch als „Partei der Völkerverständigung“ vorstellte – zu welcher der Weg allerdings noch voller Dornen sei −, wurden von der SPD vergleichsweise stärker die sozialen Dimensionen der inneren Stabilisierungskrise akzentuiert. Durchaus im Einklang mit den Parolen der Reichsregierung propagierte der Aufruf des Parteivorstandes als Ziel den Wiederaufbau Deutschlands und die Festigung von Wirtschaft und Währung. Allerdings dürfe dies nicht – wie die bürgerlichen Parteien es versuchten – auf Kosten der „Minderbemittelten“, der Arbeiter, Angestellten und Beamten, der Rentenbezieher, Witwen und Arbeitslosen geschehen, sondern vielmehr durch „Opfer des Besitzes“, durch Sachwerterfassung der Inflationsgewinne und eine „sozialgerechte“ Lastenverteilung. Dem aktuellen Lohn- und Sozialabbau der Regierung Marx setzte die SPD ihre Formel „Volksherrschaft über Volkswirtschaft“ entgegen, das hieß die demokratische Kontrolle der Allgemeinheit über die als zu mächtig angesehenen privaten Wirtschaftskonzerne. Kämpferische Parolen, den Weimarer Staat gegen seine Feinde verteidigen zu wollen, faßten das Programm der SPD vor dem 4. Mai zusammen: „Für die Re pu blik, gegen die Monarchie! Für den sozialen Fortschritt, gegen die soziale Reaktion! Für die Wirtschaftsdemokratie, gegen die Diktatur der kapitalistischen Monopole! Für die Völkerverständigung, gegen den internationalen Militarismus!“1084 Ihr Bekenntnis zur äußeren Verständigungspolitik der bürgerlichen Reichsregierung verband die SPD im Wahlkampf vom Frühjahr 1924 mit der Bekämpfung der rechtsradikalen „Dolchstoß“-Propaganda, auf die offensiv mit „Tatsachen und Dokumenten“ über die deutsche Kriegsniederlage geantwortet wurde. In einer Reihe von spezifischen Anti-Kriegs- Flugblättern stellte die SPD den Wähler vor die dramatische Alternative, am 4. Mai zwischen „friedlicher Aufbauarbeit oder neuen kriegerischen Verwicklungen mit Massenhunger, Massenelend und endgültigem Zusammenbruch der Nation“ entscheiden zu müssen1085. Das Sachverständigen-Gutachten, das gegen den „tollwütigen Nationalismus“ der Rechtsparteien als großer Fortschritt in der Reparationsfrage verteidigt wurde, spielte erst nach seiner Veröffentlichung eine zen tra le Rolle in der Wahl- 366 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik propaganda der SPD, die jedes Wort unterschreiben wollte, das der Wahlaufruf der Reichsregierung über die Schicksalsfrage „Befreiung durch Erfüllungspolitik oder neue außenpolitische Katastrophe“ gesagt habe. Die Revision von Versailles und seiner „Sklavenketten“ könne niemals gegen den „Weltwillen“ geschehen. Statt nationalistischer „Illusionspolitik“ sei nun „Realpolitik“ notwendig, „aber Realpolitik, getragen von großen Ideen und mit dem großen Ziele des Sozialismus“. Die zweite große Frage des 4. Mai sei, wie im Innern die Reparationslasten verteilt würden und – daran anschließend – wie sich das Verhältnis zwischen Arbeiterschaft und Unternehmertum zukünftig gestalten werde. Bei Fortsetzung einer rein bürgerlichen Regierungskoalition im Reich drohe den Arbeitern, Angestellten und Beamten nicht nur Erwerbslosigkeit und Not, sondern allen Volksgenossen „neue innen- und außenpolitische Knechtschaft“, deshalb der Appell an sie: „Wählt sozialdemokratisch, so dient ihr der Völkerverständigung. Wählt sozialdemokratisch, so dient ihr dem deutschen Volk“1086. Opposition zur bürgerlichen Reichsregierung signalisierte die SPD im Frühjahr 1924 ausschließlich bei der Beurteilung der innenpolitischen Entwicklung. Hier klagte sie die Förderung des durch die „Rechtsverbrechen in Bayern erschütterten re pu bli ka nischen Staatsgedanken“ sowie eine radikale Wende in der Sozial- und Wirtschaftspolitik ein. So spitzte die SPD die Entscheidung vom 4. Mai auf die Alternative zwischen Erhalt und Ausbau der Re pu blik oder Diktatur der Großkapitalisten im Bündnis mit den „schwarz-weiß-roten“ Nationalisten zu. Während die bürgerlichen Parteien nur die angeblich „gottgewollte kapitalistische Gesellschaftsordnung“ verteidigten, sei sozialdemokratisches Ziel, das Erzeugnis „gesellschaftlicher Massenarbeit“ aus den Händen der „Kapitalgroßherren“ zu reißen. Während sie sich zugleich scharf von jedem „tölpischen bolschewistischen Gewaltexperiment“ distanzierte und nur die „wirklich ausgereifte“ Produktion sozialisieren wollte, weckte die SPD Hoffnungen auf eine grundsätzliche Neuordnung. Im gleichen Atemzug, in dem sie sich als das „stärkste Bollwerk“ des Weimarer Staates empfahl, trat sie für den Ausbau der „bürgerlichen Re pu blik“ zum „sozialistischen Volksstaat“ ein, freilich nicht durch Gewalt oder Diktatur, sondern durch eine „Revolutionierung der Geister“ im Sinne der Ideale von Vernunft und Demokratie1087. Ihre Rolle als Fürsprecherin aller „besitzlosen“ Volksschichten, denen sie „Wohlstand und menschenwürdiges Dasein“ verhieß, war im Wahlkampf vom Frühjahr 1924 die wichtigste 367 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 Facette des Selbstbildes der SPD, die ihrem „ganzen Wesen nach eine Partei der Völker-Verständigung, des Aufbaus, des Fortschritts und der Freiheit“ sei1088. Unter der Parole „Frei nach außen – frei nach innen!“ akzentuierte sie gegenüber allen „schaffenden Schichten“ ihr zen tra les Wahlversprechen, die der bürgerlichen Regierung zugeschriebenen Missstände zu bekämpfen, sei es durch die Wiederherstellung des Achtstundentages, durch Schutzzölle auf Lebensmittelprodukte statt „Hungerzöllen“, sei es durch Änderungen in der ungerechten Steuergesetzgebung. Eine Rechtswahl bedrohe zudem das Werk der Währungsstabilisierung, die man vor allem „Hilferdings Rentenmark“ verdanke. Dass die SPD am 4. Mai 1924 ungeachtet ihres außenpolitischen Schulterschlusses mit der Reichsregierung als „Eine gegen Sechzehn!“ kämpfen werde, war die Botschaft einer Vorwärts-Sonderausgabe, in der am Vorabend der Wahl noch einmal die sozialdemokratischen Hauptparolen wiederholt wurden: „Gegen die Feinde der Demokratie! Gegen die Apostel der rohen Gewalt! Gegen Kapitalsherrschaft, Lohndruck, Lebensmittelwucher! Für die Re pu blik! Für den Achtstundentag! Für gerechte Verteilung der Lasten! Für ein nach außen und nach innen freies deutsches Volk!“1089 Sozialdemokratische Wahltaktik war, sich durch die pauschale Verurteilung aller anderen Parteien als „Feinde der schaffenden deutschen Bevölkerung“ als deren einzige In te res senvertretung auszugeben1090. Unter der Aktionsparole „Der Feind steht rechts!“ akzentuierte die Flugblattpropaganda der SPD aktuell den Kampf gegen das „nationalistische Lager“, das die Völkischen zusammen mit den „schwarz-weiß-roten“ Rechtsparteien DVP und DNVP verkörperten. Parteipolitischer Hauptgegner war allerdings die KPD, die in 14 von 97 Flugblättern allein und in weiteren vier zusammen mit der DVFP angegriffen wurde. Fast ein Drittel der SPD-Flugblätter hatte aber gemäß der allgemeinen Stoßrichtung den nicht weiter differenzierten „Bürgerblock“ oder die „soziale Reaktion“ in Gestalt der Reichsregierung zum Gegner, während die „Kapitalfürsten“ der Schwerindustrie vor allem als Feindbild ihrer arbeiterspezifischen Werbung dienten1091. Die Ende März 1924 unter Beteiligung namhafter bürgerlicher Politiker stattfindende Tagung der industriellen Spitzenverbände in Berlin war der SPD Indiz dafür, dass sich die „Tendenzen zum Bürgerblock“ im Reich noch verstärkten. Aus den Reihen der Reichsregierung, welche einseitig die In te res sen der „besitzenden Klassen“ vertrete, griff sie aber nur die erklärten „Arbeiterfeinde“ der DVP mit spezifischen Flugblät- 368 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik tern im Wahlkampf an. Als Partei der „Reichen“ und des Großkapitals habe diese die Inflation dazu benutzt, einen allgemeinen Lohn- und Gehaltsabbau einzuleiten, und ziehe auch jetzt wieder wie 1920 gegen Sozialdemokratie und die In te res sen der Arbeiter in den Wahlkampf. Der alte Slogan der DVP: „Von roten Ketten macht Euch frei“ müsse daher richtig lauten: „Von Arbeitslöhnen macht Euch frei“. Ungeachtet der Befürwortung seiner Außenpolitik polemisierte die SPD auch gegen den „nationalliberalen Drehscheibenpolitiker“ Stresemann, dessen Haltung aus Angst vor der deutschnationalen Konkurrenz in der Verfassungsfrage ständig wechsle, erst monarchistisch, dann auf dem Boden der Tatsachen und jetzt wieder kaiserlich unter Schwarzweißrot sei1092. Wenngleich der Verzicht auf grobschlächtige Wahlargumente gegen Demokraten und Zen trum die Orientierung der SPD am Leitbild der Weimarer Koalition zeigte, gab sie ihnen doch fast ebensoviel Schuld an dem herrschenden „Massenelend“ wie den „reaktionären“ Rechtsparteien. Als eigentliche Drahtzieher einer Politik, die soziale Not und Wirtschaftskrise heraufbeschwöre, erschienen die „Herren der Schwerindustrie“ oder die Arbeitgeberverbände, die angeblich den Wahlkampf der gegnerischen Parteien finanzierten: „Nur wer die Erhaltung der bisherigen elenden Verhältnisse, die Sicherung des Besitzes der Großkapitalisten und die dauernde Entrechtung der Millionen von Arbeitern, Angestellten und Beamten will, der kann für die bürgerlichen Parteien stimmen“1093. Eine alles in allem untergeordnete Rolle als Gegner der SPD spielte im Frühjahr 1924 überraschenderweise die DNVP. Ihre extrem nationalistischen Wahlparolen entlarvten sie als „Schleppenträgerin“ der Deutschvölkischen, während die Versprechen auf Restauration der Monarchie und Befreiung von „Judenherrschaft“ zugleich an die „primitivsten politischen Leidenschaften“ der Wähler appellierten1094. Wesentlich stärker als die DNVP wurden die Völkischen von der Flugblattpropaganda der SPD attackiert, die jene offenbar im Frühjahr 1924 für die größere Gefahr hielt als eine Regierung der „schwarz-weiß-roten“ Nationalisten. Während die KPD ihr Hauptaugenmerk auf die Arbeiterschaft richte, kämpften die „Faschisten“ in einer Art Arbeitsteilung vor allem um die Stimmen der Beamten und Angestellten. Als „zuverlässige Haushunde des Kapitals“ stellten sich die scheinbaren Todfeinde gegen die einzige Partei, von der das arbeitende Volk „praktische, sachliche Förderung“ zu erhoffen habe, und bildeten so im Frühjahr 1924 eine „völkisch-kommu- 369 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 nistische Einheitsfront“1095. Dass die DVFP ihren Wahlkampf mit Geldern aus Frankreich finanziere, die das deutsche Volk dann in Form von Reparationen zurückzahlen müsse, war der SPD stärkstes Beweismittel für den „Vaterlandsverrat“ dieser angeblichen „Franzosenfresser“, deren Revanchepropaganda nur den französischen Nationalismus in Gestalt von Poincaré stärke1096. Weil sie als bloßes Instrument der sowjetrussischen Außenpolitik nur die „Zuspitzung der allgemeinen Not bis zur Katastrophe“ in Deutschland anstrebe, seien ihre Parolen von der Einheitsfront und gegen die Koalitionspolitik nur ein Schwindelmanöver der KPD, deren Wahl vielmehr gleichbedeutend sei mit „Blutopfern für die Zwecke der Moskauer Macht, Ohnmacht des Arbeiters, sinnlos wechselnden Parolen oder blödem Toben im Parlament“1097. Übergeordneter Adressat der SPD-Wahlpropaganda war gemäß ihrer allgemeinen Stoßrichtung das arbeitende Volk oder der „Block der Besitzlosen“, der in erster Linie von den Arbeitern, Angestellten und Beamten verkörpert wurde, dann aber auch Erwerbslose, Mieter, Rentner und selbst Kleinbauern sowie die Frauen umfassen konnte. Spezifische Berufsgruppenwerbung entfaltete die SPD in signifikantem Maße nur an die Adresse der Arbeiter und der Beamten, an die zwanzig beziehungsweise sechs von 97 Flugblättern gerichtet waren. Stark umworben wurden auch die Frauen, denen die SPD immerhin zehn Flugblätter widmete. Mittelständische Wählerschichten wurden nur im Rahmen einer Art „Verelendungs“-Propaganda als Opfer der Inflation oder der rigorosen Sparpolitik der Regierung angesprochen. Dass über ein Drittel von 97 Wahlflugblättern zielgruppenunspezifisch oder an den sozial amorphen „Volksgenossen“ adres siert war, unterstreicht deutlich die Absicht der SPD, besonders um das „Treibholz“ der politisch Schwankenden zu kämpfen1098. Vor dem Hintergrund heftiger Proteste der Gewerkschaften und Streiks unter den Arbeitern ragte im Frühjahr 1924 allein die Arbeitszeitfrage aus dem Katalog von innenpolitischen Einzelthemen des SPD- Wahlprogramms heraus. Nach der Verordnung über die Arbeitszeit vom Dezember 1923 war der Achtstundentag durch Ausnahmeregelungen faktisch aufgehoben worden, wobei jetzt in manchen Branchen effektiv zwischen zehn und zwölf Stunden wochentäglich gearbeitet wurde. Werde der neue Reichstag nicht dafür sorgen, solle die Wiedereinführung des Achtstundentages als gesetzlich garantierter Normalarbeitstag durch ein Volksbegehren errungen werden, versprach die SPD deshalb ihrer tradi- 370 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik tionellen Arbeiterklientel vor dem 4. Mai. Deren Einigkeitsbedürfnis wurde Rechnung getragen, indem sie im Sinne der proletarischen Einheitsfront eine starke große Arbeiterpartei, lies SPD, als „beste Waffe gegen die Reaktion“ propagierte1099. Neben dem Ausbau der Mitbestimmungsrechte von Arbeitern und Angestellten akzentuierte sie im Früh jahr 1924 mit der akuten Wohnungsnot ein Thema, das geeignet war, über den Kreis der Arbeiter hinausgehende Wählerschichten in den Städten anzusprechen. Während die Reichsregierung durch eine Hauszinssteuer die in den Kriegs- und Inflationsjahren faktisch eingefrorenen Mieten wieder dem Friedensniveau anpassen wollte, verlangte die SPD die Erhebung einer „Wohnungsluxussteuer“ zugunsten des öffentlichen Wohnungsbaus. Mit Parolen wie „Heranziehung der Reichen zu den nötigen Opfern!“ sowie in Bildern, welche dem Überfluss der Inflationsgewinnler das Elend der Massen gegenüberstellten, empfahl sie sich insbesondere den Rentnern und Inflationsopfern als „Partei der Armen“. Das ganze „besitzlose“ Volk sei aufgefordert, am 4. Mai über den künftigen Kurs der Sozialpolitik in Deutschland zu entscheiden1100. Während an die Gruppe der Angestellten keine spezifischen Flugblätter adres siert waren, protestierte die SPD vehement gegen den „Raub der wohl erworbenen Rechte“ der Beamten. Laut der ursprünglich von ihr befürworteten Personalabbauverordnung vom 27. Oktober 1923 sollte die Zahl der öffentlichen Bediensteten um ein Viertel – davon 15 Prozent bis zum 31. März 1924 −, das waren etwa 400 000 Beamte, Angestellte und Arbeiter, reduziert werden. Unter diesem Deckmantel be absichtige die Reichsregierung aber statt dessen nun, einen „Abbau auf der ganzen Linie“ durchzuführen, noch künstlich angeheizt durch die „Steuerscheu und Kapitalflucht“ der Unternehmer. Den unteren und mittleren Beamten versprach die SPD daher eine Nachprüfung der Abbaumaßnahmen durch unabhängige Schiedsstellen. Wenn der Beamte erst seine wahre Klassenlage an der Seite der übrigen arbeitenden Bevölkerung erkannt habe, falle auch der jetzige „Abbauschwindel“ in sich selbst zusammen, so die Botschaft des sozialdemokratischen Beamtenprogramms vom Frühjahr 1924. Dem „Landvolk“, worunter sie in klassenmäßiger Frontstellung gegen die Großgrundbesitzer alle Landarbeiter, Kleinbauern, Kleinpächter und sonstige kleine Landbebauer zusammenfaßte, stellte die SPD ein „menschenwürdiges Dasein“ in Aussicht. Obwohl von ihren Gegnern als „bauernfeindlich“ beschimpft, habe nur sie nach 1918 dafür gesorgt, dass dem Landbedürfnis der Kleinbauern möglichst weit 371 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 entsprochen worden sei1101. Die „Mütter unseres Volkes“ warnte sie im Frühjahr 1924 vor den bürgerlichen Parteien mit der Erinnerung an Hunger und Elend im Krieg – „Denkt an den Kohlrübenwinter!“ – und stellte ihnen Errungenschaften der Re pu blik wie den Mutterschutz gegen- über. Wenn auch die „Trostlosigkeiten des heutigen Lebens“ zusammen mit dem „Wahlrummel“ der Parteien durchaus gleichgültig für Politik machen könnten, schade jede nicht abgegebene Stimme nur dem Ziel des „sozialistischen Aufbaus“. Auch alle Unentschlossenen müssten so wählen, dass am 4. Mai über „Not, Elend und Unterdrückung siegt die soziale Gerechtigkeit“1102. Vor allem das unter dem Druck der linksradikalen Konkurrenz betonte Ziel, die „bürgerliche“ Re pu blik auf reformerischem Wege zu einem „sozialistischen Volksstaat“ fortbilden zu wollen, setzte die SPD im Frühjahr 1924 in Widerspruch zu den alten Koalitionsparteien. Trotz au- ßenpolitischer Übereinstimmung sah sie sich aber gezwungen, in Reaktion auf die Unzufriedenheit ihrer alten Arbeiterklientel die Opposition zur Sanierungspolitik der Regierung Marx klar zu formulieren, wollte sie nicht Gefahr laufen, nach links weitere Stimmen abzugeben. Ansätze zur Gewinnung neuer mittelständischer Wähler reduzierten sich vor diesem Hintergrund zu Floskeln, als „Partei der Wohlfahrt aller“ für eine Wende in der Sozial- und Wirtschaftspolitik sorgen zu wollen. Wenngleich auch die Führer der preußischen SPD wie Carl Severing eine Gro- ße Koalition im Reich anstrebten, vermied die sozialdemokratische Flugblattpropaganda vor dem 4. Mai, koalitionspolitische Bündnis präferenzen preiszugeben. Da aber eine Neubelebung der Weimarer Koalition als unwahrscheinlich gelten konnte, musste die Schärfe, mit der vor allem die DVP auf sozialpolitischem Gebiet angegriffen wurde, die Chancen einer Regierungsbeteiligung der SPD zusätzlich mindern. Das von ihren Flugblättern wortreich beschriebene Szenario, wonach ein Wahlerfolg der Nationalisten am 4. Mai 1924 eine neue „Hungerszeit“ wie im Krieg heraufbeschwöre, sollte als defensives Wahlziel der Eindämmung des radikalen Wählertrends zu den Völkischen dienen. 372 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren!“ – Deutschnationaler Kampf gegen die „Novemberverbrecher“ Durch die Abspaltung ihres radikalen antisemitischen Flügels, der sich Ende 1922 zur DVFP formierte, sowie durch die Regierungsbeteiligungen der DVP wurden die Deutschnationalen eindeutiger vor die Frage ihrer Mitarbeit in der Weimarer Re pu blik gestellt. Obwohl sie nach au- ßen hin weiter an extrem revisionistischen Zielen festhielt, kamen sie um die Jahreswende 1923/24 der Einbeziehung in eine Mitte-Rechts-Koalition näher, die das Reich ohne und gegen die Sozialdemokratie regieren könne. Der Wahlparteitag der DNVP akzentuierte Anfang April 1924 in Hamburg unter dem Konkurrenzdruck der Rechtsextremen jedoch wieder die Ideale der Monarchie und eines „wahren deutschen Volkstums“. Während die hinter ihr stehenden Wirtschaftskreise den neuen Reparationsplan mehrheitlich befürworteten, weil anders die dringend benötigten Auslandsanleihen nicht zu beschaffen seien, legte sich die DNVP dennoch auf eine extrem nationalistische Wahltaktik fest. Nach einer noch von dem am 23.  April bei einem Eisenbahnunglück in Bellinzona ums Leben gekommenen Karl Helfferich – Wortführer und Symbolfigur gegen eine deutsche Erfüllungspolitik – geprägten Begriffsbildung lehnte sie das Pariser Sachverständigen-Gutachten in schärfster Weise als „zweites Versailles“ ab. Der am 22. März 1924 veröffentlichte Wahlaufruf der DNVP hatte in Unkenntnis des noch nicht publizierten Dawes-Berichts ausdrücklich die Losung zum Motto, die am Anfang und Ende aller deutschnationaler Politik stehe: „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren!“ Welche Freiheit gemeint war oder besser, wovon man frei sein wollte, erläuterte der Aufruf, indem er zugleich die wichtigsten Frontstellungen und Feindbilder für den Wahlkampf bekannt gab: „Frei von äußerer Fremdherrschaft; frei vom Marxismus, der uns Frieden, Freiheit und Brot versprach, aber Unfrieden, Knechtschaft und Not gebracht hat, frei von dem mit dem Marxismus allzeit verbündeten Judentum!“ Gegen die Erfüllungspolitik der Re pu blik rief die DNVP dem Wähler in auftrumpfendem Tone die Eckpunkte einer äußeren Politik des „entschlossenen nationalen Willens“ zu: „Zerreißung des Lügengewebes von deutscher Kriegsschuld! Los von dem Diktat von Versailles!“ Mit Blick auf die anstehende Reparationsregelung wurde den Alliierten gar in kaum verhüllter Weise gedroht, nicht noch neue den „alten Ketten“ hinzuzufügen. Als Gegenmodell zur Wei- 373 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 marer Re pu blik propagierte die DNVP den „christlichen, sozialen und monarchischen Staat“, der die neudeutsche „Alleinherrschaft des Parlaments“ beenden und zur Verfassung Bismarcks zurückkehren werde. Ziel des deutschen Selbstbestimmungsrechts könne nur sein: „Von den Alpen bis zum Belt, ein Volk, ein Reich, ein Kaiser!“ Unter der Parole „Deutschnational sein heißt deutschvölkisch sein“ schien der Aufruf im innenpolitischen Teil die rechtsradikale Konkurrenz überbieten zu wollen, wiederholte dann aber nur die bekannten Punkte des eher gemäßigten Görlitzer Parteiprogramms von 1922. Schließlich wurden alle Mitkämpfer für eine „große deutsche Rechte“ aufgefordert, unter Führung der DNVP das Reich wieder zur alten Größe aufzurichten: „Deutschland den Deutschen! Für Christentum, sozialen Geist und ehrliche Wirtschaft! Wählt Schwarz-Weiß-Rot! Das ist deutschnational!“1103 Die DNVP führte ihren Wahlkampf im Frühjahr 1924 unter außenpolitischen Vorzeichen gegen die Front der „Novemberverbrecher“ zur Befreiung vom „Marxismus“ in Gestalt der Sozialdemokratie. Ohne dass der „Dolchstoß“, der durch eigene „Tatsachen aus den Akten des deutschen Zusammenbruches“ untermauert werden sollte, ein zen tra les Argument ihrer Propaganda darstellte, versuchte sich die DNVP doch als einzige bürgerliche Partei zu profilieren, die jegliche Koalition mit der Revolution im Reich und in Preußen seit 1918/19 strikt abgelehnt habe1104. Neben dem „lügenhaften Schuldbekenntnis“ von Versailles, mit dem der „Sklavenvertrag“ stehe und falle, gewann im Frühjahr 1924 die Reparationsfrage innerhalb der außenpolitischen Argumentation der DNVP an Bedeutung. An dem als neuen „Zwangsvertrag“ bezeichneten Sachverständigengutachten lehnte sie vor allem die angebliche Überantwortung der deutschen Finanzhoheit an die „internationalen jüdischen Großbanken“ ab. Angesichts des „Sachverständigenschwindels“ appellierte die DNVP unter Beschwörung des Zukunftsbildes von Deutschland als „Sklavenkolonie“ der Alliierten an den Wähler, Schluss zu machen mit dem „weichlichen Verständigungsrummel“ und statt dessen für eine „starke“ Außenpolitik zu votieren1105. Die „Stresemannpolitik“ schwäche nur die nationale Abwehrfront, so dass wer „die Freiheit wirklich liebt, den Deutschnationalen seine Stimme gibt“. Oberstes Wahlziel der DNVP im Innern war die Wiederherstellung der Monarchie auf den Grundlagen der Bismarckschen Reichsverfassung, mit anderen Worten ein neues deutsches Kaisertum unter der alten Fahne „Schwarz-Weiß-Rot“. Entsprechend der Absicht, die Verfassungsfra- 374 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ge zu aktualisieren, verengte sie die Entscheidung vom 4. Mai 1924 explizit auf ein „Entweder: marxistisch-demokratisch“ und ein „Oder: die vaterländische Rechte, die große deutsche Volksgemeinschaft des nationalen Wiederaufbaus, also Schwarz-Weiß-Rot“. Nach fünf Jahren der Misswirtschaft der Revolution und ihrer Nutznießer stehe Deutschland jetzt am Scheideweg zwischen „Elend und Knechtschaft“ oder Widerstand gegen seine Feinde und Aufstieg. Am 4. Mai werde daher die „Schlacht um den Staat“ geschlagen, in der sich die DNVP im Sinne „Bismarckscher Staatspolitik“ fest entschlossen zeigte, „die Macht zu ergreifen in zwölfter Stunde, um die Karre herauszureißen aus dem marxistischen Schlamm“1106. Während sie als Oppositionspartei auf positive Leistungen der Vergangenheit naturgemäß wenig zurückgreifen konnte, betonte die DNVP um so mehr das Versprechen, ihr Programm der „wahren Volksgemeinschaft“ verwirklichen zu wollen. Als Antwort auf die Versuche vor allem der DVP, die Währungsreform als ihr alleiniges Verdienst zu beanspruchen, wurden im Gegenzug die „Helfferich-Mark“ und die DNVP selbst als Bollwerk gegen eine Wiederkehr der Inflation sowie gegen die „rote Finanzwirtschaft“ dargestellt. Wirtschaftspolitisch verlangte sie „strengste Sparsamkeit“ auf allen Gebieten sowie eine „sozial gerechte“ Umgestaltung des Steuersystems. Die Aufwertungsfrage und die Werbung um die Stimmen mitteständischer Inflationsopfer spielte dagegen nicht die oft behauptete Hauptrolle im Wahlkampf der DNVP. Ihre Flugblattpropaganda weckte im Frühjahr 1924 zwar Hoffnungen der verarmten Spargläubiger; konkrete Versprechen aber auf großzügige, gar hundertprozentige Aufwertung wurden nicht abgegeben. Typisch waren unklare Versprechen, der Staat werde statt des schematischen Aufwertungssatzes der dritten Steuernotverordnung seine Schuld als „erste und vornehmste Pflicht“, aber ausdrücklich nur „nach Maßgabe seiner Fähigkeiten“ einlösen1107. Höhepunkt ihrer pragmatischen Wahltaktik war die vor allem an mögliche Koalitionspartner in der bürgerlichen Mitte gerichtete Versicherung der DNVP, „auf verfassungsmäßigem Wege einen guten und ehrlichen Kampf um die Wiederaufrichtung des niedergebeugten Vaterlandes“ führen zu wollen. Statt der Wiederholung des „Kuhhandels“ um eine Große Koalition müsse der neue Reichstag endlich die „starke nationale und völkische Rechtsregierung“ bringen. Schwarzweißrot umrahmte Bildflugblätter der DNVP sahen ihre Anhänger bereits als langen Strom zu einer Volksbewegung anschwellen, die einige blasse, als 375 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 Demokraten und „Sozis“ bezeichnete Figuren mit der Parole aus dem Weg drängten: „Bürger heraus! Folgt dem Zuge nach rechts! Für Deutschtum, Christentum, Sozialreform“1108. Den parteipolitischen Hauptgegner der DNVP stellten im Frühjahr 1924 die „Marxisten“ in Gestalt der mit der Novemberrepublik identifizierten SPD dar, gegen die spezifisch mehr als ein Viertel (genau 29) von 103 Wahlflugblättern gerichtet war. Die bürgerliche Regierung unter Marx sah sich wegen ihrer Erfüllungspolitik von 13 Flugblättern attackiert. In starkem Maße beschäftigte sich die DNVP-Flugblattpropaganda notgedrungen mit der völkischen Konkurrenz im „nationalen Lager“, zu der kein direktes Feindverhältnis aufgebaut, sondern unter Einigungsappellen um die gleichen Wählerpotentiale gekämpft wurde. Gegenüber der DVP, gegen die sich fünf Flugblätter richteten, musste trotz oder gerade wegen gemeinsamer „schwarzweißroter“ Ziele ebenfalls ein klarer Trennungsstrich gezogen werden. Die Aus ei nan der set zung mit den repu bli ka nischen Gegnern war überlagert von dem grundsätzlichen Feindbild der „schwarz-rot-gelben“ Weimarer Demokratie und ihrer „Linkspolitik“, die als „öder Kuhhandel roter und demokratischer Parteibonzen“ unter gemeinsamer Leitung des „internationalen volksaussaugenden Galiziertums“ erschien1109. Statt eine „deutsche Arbeiterpartei“ darzustellen, sei die SPD bereits Teil der „kapitalistisch verseuchten und versippten internationalen sozialistischen Bourgeoisie“ geworden, weshalb sie von der DNVP zur Partei „des Klassenkampfes, des Landesverrats, des Umsturzes, der Futterkrippe und – Hauptsache! – des Judenschutzes!“ erklärt wurde. Die „Roten“ zu schlagen, das „erbärmliche sozialistische Korruptionssystem“ zu beseitigen und den „Franzmann zum Teufel“ zu jagen, verschmolz in der Wahlagitation der DNVP zu ein und derselben Zielvorstellung1110. Im Verhältnis zu den „Parteivölkischen“, der DVFP und den Nationalsozialisten, entwickelte sie im Frühjahr 1924 eine ambivalente Argumentation. Einerseits wurde unter der Sammelparole „Keine Zersplitterung im nationalen Lager!“ die Einigung der Völkischgesinnten aller Richtungen zum Gebot der Stunde erklärt. Taktische Marschroute gegenüber der rechtsradikalen Konkurrenz war andererseits, ihre Ziele und Anhänger durch den Hinweis auf ideologische Übereinstimmung und die eigene „positive deutschvölkische Aufbauarbeit“ für sich zu vereinnahmen. Mit ihren „unklaren“, ja zum Teil sozialistischen Wirtschafts- und Verstaatlichungszielen sowie durch die Herabwürdigung der Monarchie sei die 376 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik DVFP gar keine Rechtspartei, sondern gehöre in Wahrheit zur Linken und sabotiere die „große vaterländische Rechte“1111. Das Feindbild des Juden, das in der stereotyp wiederholten Forderung nach „Beseitigung des zersetzenden jüdischen Einflusses im ganzen Staatsleben“ zum Kernbestand des Wahlprogramms der DNVP im Frühjahr 1924 gehörte, tauchte sowohl in der Drahtzieher-Rolle des „internationalen Börsenkapitals“ als auch in direkter Form auf, da auf Bildzetteln die typisierte Figur eines Juden unter dem Schutz der „Schwarzrot-gelben“ den deutschen Michel folterte. Als politische Schrittmacherin der SPD wurde die DDP von dieser Argumentation zur Inkarnation der „Judenkapitalisten“ stilisiert. Durch ihre Politik der „Halbheiten“ und der Koalition mit der Sozialdemokratie hätten aber alle Mittelparteien die „bürgerliche Sache“ verraten und dem Marxismus erst zu seiner Machtstellung verholfen. Der DVP hielten die deutschnationalen Flugblätter stereotyp ihren Wahlslogan von 1920 vor – „Von roten Ketten macht Euch frei“ −, mit dem sie die Wähler getäuscht habe und den sie durch ihr ständiges Hinneigen nach Links unter dem Einfluss Stresemanns Lügen strafe. Auch jetzt vor dem 4. Mai übten die angeblichen „roten Kettensprenger“ unter Missbrauch der alten Reichsfarben wieder Wählerschwindel. Das Zen trum spielte nur im Rahmen der katholischen Zielgruppenwerbung eine wichtige Nebenrolle im Wahlkampf der DNVP. Von den insgesamt kaum wahrgenommenen kleineren In te res senparteien stellte einzig die Wirtschaftspartei ein lohnenswertes Angriffsobjekt dar1112. Unter der Parole der Volksgemeinschaft wurde die DNVP- Wahl pro pagan da von dem Appell an alle diejenigen dominiert, die weder „eigensüchtige In te res senwirtschaft“ noch „materiellen Klassenkampf “ wünschten. Zwei Drittel von 103 Flugblättern waren an soziologisch indifferente Empfänger wie die „Volksgenossen“, die „Bürger“ oder sonstige Grup pen adres siert1113. Nur in einem knappen Drittel ihrer Flugblätter umwarb die DNVP zielgruppenbezogen die „schaffenden Stände“ mit stereotypen Schutzversprechen, angefangen vom Schutz des „versinkenden“ Mittelstandes vor „Schiebern, Wucherern, schlemmendem Kapital in jeder Form“, dem Schutz der Beamten vor „unfähigem Partei-Beamtentum“ bis zum Schutz der Arbeitnehmer vor dem Klassenkampf der Sozialisten. Die am stärksten umworbenen Berufsgruppen waren die Arbeiter und die Gruppen des Mittelstandes in Stadt und Land, in erster Linie die Selbständigen und die Beamten, während als weitere wichtige 377 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 Adres sa ten noch die Frauen, die Jugend und die Inflationsopfer angesprochen wurden. Obwohl sich selbst aus den eigenen Reihen Kritik an der Volksgemeinschafts-Propaganda regte, die dazu missbraucht werde, übertriebenen Lohn- und Sozialabbau zu begründen, blieb der gemeinsame Appell an „Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ typisch für die Ziel gruppenpolitik der DNVP im Frühjahr 1924. Beide Wirtschaftsgruppen sollten auf dem Boden einer „gemeinsamen Weltanschauung“ gemäß ihrer Verantwortung für das „Volksganze“ handeln, denn schließlich: „Das Kapital bedarf der Arbeitskraft und die Arbeitskraft des Kapitals“1114. Freilich schien sich die DNVP bewusst zu sein, dass die radikalisierten Arbeiter mit rein sozialpartnerschaftlicher Propaganda allein nicht zu gewinnen waren. In Abgrenzung zu einem „sozialpolitisch reaktionären Arbeitgebertum“ wurde das vage Bekenntnis zu einer „gesunden“ Sozialpolitik durch die weitergehenden Forderungen des DNAB etwa nach Mitbestimmung der Arbeitnehmer oder Ausbau des Arbeitsrechts ergänzt. Dass der Arbeiter aus dem „revolutionären Hexenkessel des marxistischen Klassenkampfes, Terrors und Inflationsbetruges“ sowie von den „roten Oberbonzen“ der SPD befreit werden sollte, hinderte die DNVP nicht, deren Parolen zu übernehmen und die Arbeiter aufzufordern: „Wollt Ihr Frieden, Freiheit, Brot, so wählt die wahre Volkspartei, die stärkste Arbeiterpartei Deutschlands“1115. Im Unterschied zu ihrer Arbeiterpropaganda warb die DNVP gegenüber den Beamten mit einer stärker ausdifferenzierten Argumentation, welche ausdrücklich die „besonders benachteiligten Beamtenklassen“ einbezog. Weil sie für die Erhaltung ihrer „wohl erworbenen Rechte“ kämpfe, lehnte die DNVP außer dem Re pu blikschutzgesetz auch das Ermächtigungsgesetz der Regierung sowie vor allem die rigorosen Bestimmungen der Personalabbauverordnung ab. Mit Nachdruck wurde die „Reinigung“ des Berufsbeamtentums von den seit der Revolution eingedrungenen „berufsfremden Elementen“ gefordert. Den vom Abbau bedrohten Beamtengruppen offerierte man das Ideal eines deutschnationalen „Ordnungsstaates“, der allein ihnen die ersehnte berufliche Sicherheit garantieren würde1116. Alle „schwer leidenden Volksgenossen“ warnte die DNVP vor der „Mittelstandsfeindlichkeit der politischen Linken“, deren Misswirtschaft das Klein- und Mittelunternehmertum nach 1918 an den Bettelstab gebracht habe. Neben der Ablehnung einer die Geschäftswelt „erdrosselnden Steuerpolitik“ sowie der Forderung nach 378 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik öffentlicher Sparsamkeit stand die Parole für eine „gerechte Wuchergesetzgebung“ an der Spitze der Mittelstandsforderungen der DNVP vom Frühjahr 1924. Als „stärkste Handwerkerpartei“ versprach sie, gegen die Kräfte des „internationalen Großkapitals und jüdischen Sozialismus“ zu kämpfen sowie die Reste staatlicher Zwangswirtschaft im Wohnungsbauwesen zu beseitigen. Ihre Werbebemühungen gegenüber den Bauern beschränkten sich im Frühjahr 1924 auf Polemiken gegen den Dawesplan sowie pauschale Lobpreisungen der Landwirtschaft als der Le bens grundlage von Volk und Staat1117. Während die SPD die „Arbeiter vom Geiste“ bewusst verelenden lassen wolle, versuchte sich die DNVP gegenüber dem akademischen Nachwuchs durch völkisch-nationale Parolen wie „Deutscher Geist auf deutschen Hochschulen!“ zu profilieren. Ähnlich antire pu bli ka nisch pointiert fragte sie die von der Aufwertungspolitik der Regierung enttäuschten Inflationsopfer, ob ihnen nicht auch seit der Revolution der letzte Pfennig geraubt worden sei und die Demokratie statt Friede, Freiheit, Brot nur „Verzweiflung, Entrechtung und Hunger“ gebracht habe. Die „Frauenparole: Ganz nach rechts!“ war wie der ganze Wahlkampf der DNVP vom Frühjahr 1924 eine einzige militante Kampfansage gegen die fünf Jahre Re pu blik mit den „Gottesverleugnern und Vaterlandsverrätern“ der SPD an der Spitze1118. Eingedenk ihrer offen restaurativen Zielsetzungen gab die Parole „Los von der unseligen Linkspolitik! Los von der großen Koalition!“ bereits im Wahlkampf klar die Option der DNVP für eine zukünftige „starke Rechtsregierung“ unter ihrer Führung im Reich zu erkennen. Hinsichtlich der akuten wirtschaftlichen und sozialen Pro bleme schien sie mit den anderen bürgerlichen Parteien kaum Meinungsdifferenzen zu haben. Selbst in der von der Regierung dilatorisch behandelten Aufwertungsfrage lehnten sich die Deutschnationalen nicht stärker aus dem Fenster als etwa die DVP. Die Selbststilisierung der DNVP als „schwarz-weiß-rote“ und völkische Rechtspartei sowie die Agitation gegen die Erfüllungspolitik und den neuen „Sklavenvertrag“ dürften in der bürgerlichen Mitte – ohne die kaum eine Regierungsbildung nach dem 4. Mai denkbar war – die Koalitionsbereitschaft zu ihren Ungunsten wieder geschwächt haben. 379 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 „Gegen die Politik der Verneinung“ – Das Zen trum Als führende Partei der bürgerlichen Minderheitsregierung unter Wilhelm Marx stand das Zen trum im Frühjahr 1924 vor der schweren Aufgabe, die harten und unpopulären Spar- und Abbaumaßnahmen der Notverordnungen rechtfertigen zu müssen. Die Veröffentlichung des Reparationsgutachtens bot der katholischen Partei jedoch die Chance, ihre Wahlkampfpropaganda thematisch unter den „Primat der Außenpolitik“ zu stellen und so von den Folgen der Stabilisierungspolitik im Innern abzulenken. Ungünstig auf den Wahlkampf des Zen trums musste sich allerdings die Eskalation des innerkatholischen „Bruderkriegs“ mit der BVP auswirken, die dazu führte, dass das Reichszentrum erstmals eigene Kandidaten in den bayerischen Wahlkreisen aufstellte und die BVP am 15.  April ihren Reichsjustizminister Erich Emminger aus dem Kabinett Marx zurückzog1119. Vor allen anderen Parteien wandte sich die Zen trumspartei schon am 15. März 1924 mit einem Aufruf ihres Vorstandes an die Wähler, dessen Titel die schicksalsschwere Bedeutung des 4. Mai als einer Entscheidung über „Leben und Sterben der Nation“ dramatisch betonte. Vor dem Hintergrund der wortreich dargelegten „unsagbaren Leiden“ der letzten Jahre wurde die Notwendigkeit praktischer Realpolitik, wie sie die Regierung Marx mit ihren Notverordnungen betreibe, zur Voraussetzung für den Wiederaufstieg Deutschlands erklärt. Das Zen trum verstand seinen „Dienst am Vaterland“ als Ausdruck wahrer nationaler Gesinnung, weshalb es seit den „unglücklichen Tagen des Umsturzes“ die Autorität des Staates gegen alle „zerstörenden Gewalten“ verteidigt habe. Nach dem heldenhaften Abwehrkampf der Volksgenossen in den besetzten Gebieten sei die „Leidenszeit“ Deutschlands aber noch nicht vorbei: „Der Weg zur inneren Ordnung und äußeren Freiheit ist hart und dornenreich“, lautete vielmehr die unpopuläre Botschaft des Zen trums im Frühjahr 1924. Nur durch „opferungsvolle Hingabe“ und weitere „furchtbar harte Lasten auf den Schultern aller Schichten und Stände“ werde endlich auch die „Rettung des gesamten Volkes“ gelingen. Als „zuverlässigste Sachwalter der Schwachen und Hilfsbedürftigen“ versprach die Kanzlerpartei, an den Notverordnungen der Reichsregierung zu ändern, was „untragbar“ sei. Das Zen trum bleibe aber rücksichtsloser Gegner sowohl des „sozialistischen Materialismus“ als auch des „neuheidnischen Mammonismus“ auf der Rechten. Ohne im Übrigen näher auf die Probleme 380 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik der Außenpolitik einzugehen oder konkrete Handlungsperspektiven zu nennen, schloss der Wahlaufruf mit der milieuspezifischen Parole des politischen Katholizismus: „Mit Gott in den Kampf für Wahrheit, Recht und Freiheit!“1120 Während ihre Presse die Sachverständigenberichte als Beginn eines „neuen Zeitalters“ apostrophierte, stand die Flugblattpropaganda der Zentrumspartei im Frühjahr 1924 unter deutlich außenpolitischen Vorzeichen und hielt sie den nationalistischen „Hetzern und Maulhelden“ die gouvernementale Parole „Erfüllungspolitik ist Befreiungspolitik“ entgegen. Typisch für diese Propaganda war vor allem die Mahnung: „Denkt an den deutschen Rhein!“, mit welcher der Reichstagswähler an die negativen Folgen eines Sieges der Rechtsparteien für die besetzten Gebiete bei Fortdauer des Besatzungsregimes erinnert wurde. Der 4. Mai stelle alle deutschen Wähler vor die Alternative: entweder Revanchepolitik und „Selbstmord einer waffenlosen Nation“ oder kluge Verständigung mit einem zur Zeit noch überlegenen Ausland. Gegen die Gefahr einer „nationalistischen Diktatur“ in Deutschland, die den „französischen Gewaltpolitikern“ nur Anlass zu neuen Sanktionen liefern würde, verpflichtete sich das Zen trum deshalb zu einer Politik „für die deutsche, christliche Volksgemeinschaft, für die Wahrung der Einheit von Reich und Rhein“1121. Charakteristisch für seine innenpolitische Argumentation im Frühjahr 1924 war, dass vor jedem Sach- oder Einzelproblem der ideologische Kontrast zwischen der eigenen „Politik des Ausgleichs, der Gerechtigkeit, der goldenen Mitte“ und der „wahnsinnigen Katastrophenpolitik“ der durchweg radikalen Gegner thematisiert wurde. Den Mangel an materiell interessanten Wahlzielen versuchte die Kanzler- und Regierungspartei damit zu überspielen, dass sie den schicksalsschweren Charakter der Wahl und das Selbstbild als „anständigste deutsche Partei“ mit dem Mut zur staatspolitischen Verantwortung akzentuierte. Ausdruck dieser bewusst an die Vernunft appellierenden Propaganda waren der Ruf nach einer „starken, handlungsfähigen“ Regierung sowie Parolen, welche die Maßnahmen des Zen trumskanzlers verteidigten: „Gegen die Politik der Verneinung! Für den Kurs der Mitte! Gegen den Radikalismus! Für die Politik der praktischen Mitarbeit!“1122 Stärkstes Argument der Zen trumspartei bildete noch die Festigung der Währung, die selbst von einem Helfferich als Erfolg ihrer „Leistungspolitik“ anerkannt worden sei. Würde das Reich sich aber von seiner 381 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 christlichen Grundlage entfernen und statt dessen „ungesunder, den Völkerfrieden gefährdender Nationalismus, unchristlicher Antisemitismus, zersetzender Materialismus, eigennütziger Individualismus“ gewinnen, würde auch die deutsche Nation „sterben“ und Deutschland erneut von den „Fluten des Unheils“, von neuer Inflation und Revolution verschlungen. Ein Aufrollen des Streites um die Staatsform aber, wie es SPD und DNVP versuchten, bringe nur den Staat selbst in Gefahr und störe bei der Lösung der drängenden Probleme. So skizzierte die Zen trums propa gan da das Bild einer entbehrungsreichen Gegenwart, einer „Zeit der Opfer“, in der sich allein die Partei bewähren könne, die immer „wahre Aufbauarbeit“ geleistet habe. Ähnlich wie die Opposition kaprizierte das Zen trum die Entscheidung am 4. Mai zu einem Entweder-Oder, zu einer Wahl zwischen „Ordnung! Freiheit! Verantwortung! Volkswohl! Rentenmark!“ und neuem bürgerkriegsähnlichen „Chaos“1123. Obwohl der Flugblattpropaganda des Zen trums im Frühjahr 1924 auch eine gegen die Rechtsopposition zielende Tendenz zugrundelag, führte die Partei der „goldenen Mitte“ den Hauptstoß gegen den „verderblichen Radikalismus von links und rechts“, ob nun „im nationalen, völkischen, sozialistischen oder kommunistischen Gewande“. Dass kein einziges von 24 Zen trumsflugblättern spezifisch die anderen Regierungsparteien oder die SPD angriff, dafür aber sechs sich gegen die Rechte richteten, kann als Option für eine Große Koalition nach dem 4. Mai gesehen werden. Eine Besonderheit des Zen trums und seiner insgesamt parteipolitisch wenig differenzierten Gegnerbekämpfung war die starke Polemik gegen die BVP, die immerhin in drei Flugblättern den Hauptgegner darstellte. Grundsätzliche Distanz zum Parteienstaat äußerte sich in der Klage über die politische Zersplitterung, dem „alten deutschen Erzübel“1124. Für die Aufgabe des nationalen Wiederaufstiegs und der damit verknüpften „religiös-sittlichen Erneuerung“ Deutschlands erklärte das Zen trum im Frühjahr 1924 alle anderen Parteien für ungeeignet, „die Deutsch-Völkischen Wotansdiener, Deutschnationale Kulturkämpfer, die Deutsche Volkspartei, die auf dem Boden des Unglaubens stehenden sozialistischen Parteien und die dem Börsenkapitalismus Vorspann leistende, im Aussterben begriffene Deutsche Demokratische Partei“1125. Gegen die DNVP, die wegen ihrer Werbung um die „nationalen“ Katholiken als Hauptgegner betrachtet wurde, versuchte das Zen trum in erster Linie religiöse Ressentiments zu mobilisieren. Als Nachfolgerin der „kon- 382 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik servativen Kulturkämpfer“ des Kaiserreichs und jetzige „Vorfrucht“ der Deutschvölkischen bleibe die DNVP bislang den Beweis schuldig, dass sie zu „positiver Arbeit im In te res se des Staatsvolkes“ bereit sei. Mit „gro- ßem Tamtam“ in den Wahlkampf gegen die Erfüllungspolitik gezogen, gerate sie nun selbst durch die noch radikalere Agitation der DVFP in die Defensive. Die mit den Kommunisten „geistesverwandte Umsturzpartei“ der Deutschvölkischen stehe nicht nur für eine Außenpolitik des „Verrats am besetzten Gebiet“ und eine „Innenpolitik chaotischer Zerrei- ßung der Volksgemeinschaft“, sondern scheue sich auch nicht, mit den längst begraben geglaubten „Kulturkampfschlagworten ‚Ultramontanismus‘, ‚Jesuitismus‘, ‚Reichsfeinde‘“ die deutschen Katholiken anzugreifen. Willkommen waren dieser Argumentation des Zen trums die Ausfälle Ludendorffs, der im Münchener Hochverratsprozess gegen die angeblich deutschfeindliche Haltung des Vatikans und die Inschutznahme von Juden durch die katholische Kirche polemisiert hatte. Ein Wahlsieg der Rechtsparteien am 4. Mai 1924 würde schließlich, so das wichtigste Argument des Zen trums, auf Kosten Deutschlands die „Ein heitsfront der Alliierten“ wiederherstellen, ohne dass die nationalistischen Parolen bislang auch nur schon einen „Senegalneger“, lies französischen Besatzungssoldat, vom Rhein verjagt hätten1126. Sah man rechts vor allem die „Erben der alten Kulturkämpfer“ aus dem Kaiserreich am Werk, wandte das Zen trum im Frühjahr 1924 gegen die „kulturbolschewistischen“ Parteien auf der Linken ebenfalls ihre „antireligiös-materialistischen“ Ziele ein. Während die Aus ei nan der set zung mit der KPD auf das stereotype und bereits alles erklärende Schreckensbild der drohenden „russischen Zustände“ beschränkt war, erschien der potentielle Koalitionspartner SPD wie die DNVP als radikale Agitationspartei unfähig zur nationalen Verantwortung und „positiver Arbeit“. Mit großen Versprechungen hätten die Sozialdemokraten 1918/19 das „Himmelreich auf Erden“ angekündigt, aber dann „auf der ganzen Linie versagt“ und nur für „Misswirtschaft übelster Sorte“ gesorgt. Als „Klassenkampfapostel“ gehe sie in den Parlamenten den „staatsnotwendigen Entscheidungen“ aus dem Wege, thematisierte das Zen trum in erster Linie die Oppositionshaltung zur Notverordnungspolitik der Regierung Marx, um das Verdikt über die SPD zu begründen: „Nichts gelernt, nichts geleistet“1127. In dem insgesamt als Feindbild nicht relevanten Liberalismus in Gestalt von DDP und DVP sah das Zen trum eine bereits „überwundene Weltanschauung“, während andererseits gegen die WP gerade 383 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 ihre weltanschauliche Unzuverlässigkeit und ein unpolitisches Wesen eingewandt wurden. Den innerkatholischen Konflikt mit der BVP reflektierte die Zen trumspropaganda, insofern sie – natürlich zuerst mit Blick auf die besetzten Gebiete – das Argument der Reichseinheit akzentuierte und jeden „engstirnigen, eigenbrödlerischen Partikularismus“ scharf verurteilte. Bayern aber sei unter der Regierung der BVP zur „Unordnungszelle“ im Reich geworden. An die Adresse ihrer Anhängerschaft gerichtet, wurde deshalb zur Sammlung um die „alte Fahne“ des Zentrums aufgerufen: „Los von Sondergruppen und Splitterparteien, welche die Einheit des christlichen Volksteiles Deutschlands zerschlagen!“1128 Ausgehend von dem Ideal der nationalen Volksgemeinschaft, stellte sich das Zen trum im Frühjahr 1924 wieder als eine sich aus allen Schichten und Berufen zusammensetzende „christliche Volkspartei“ dar. Passend dazu war die Flugblattpropaganda durch eine wenig beruflich oder sozial differenzierte Zielgruppenwerbung gekennzeichnet: Nur eines von 24 Wahlflugblättern besaß einen berufsgruppenspezifischen Adressa ten – die Bauern. Während sich der Wahlaufruf des Zen trumsvorstandes an alle Deutschen ohne erkennbare konfessionelle Distinktionen wandte, an die „deutschen Männer aller Stände, die ihrem Vaterlande dienen wollen, an die deutschen Frauen, die Hüterinnen christlicher Zucht und Ordnung, an unsere Jugend, in der ein neuer christlicher und nationaler Lebenswille aufbricht“, wurden die katholischen und evangelischen Wählergruppen in vier beziehungsweise zwei Flugblättern spezifisch umworben1129. Weil die inneren Krisen das außenpolitische Unheil herbeizögen, müssten am 4. Mai gerade die alten Wähler des Zen trums, der „Partei der christlichen Weltanschauung und damit des Ausgleiches bei allen Zerrüttungen und Zersplitterungen unseres Volkes“, vollzählig zur Stelle sein, so der Appell an die traditionelle Wählerklientel. Dass die Kanzlerpartei die Parole „christlich und deutsch“ ausgab, kann als Ausdruck einer Wahlpolitik gelten, die vor dem Hintergrund der sozialen Spannungen nicht noch zusätzliche konfessionelle Barrieren oder Konflikte in der Bevölkerung aufbauen wollte. Die Katholiken sähen vielmehr zugunsten des allgemeinen Volkswohls „sehr gern große Massen protestantischer Christen“ im Zen trum. Besorgt um seine ureigenen Besitzstände, reagierte man andererseits scharf auf deutschnationale Ver einnahmungsversuche gegenüber „rechtsgerichteten Katholiken“, wobei Wortmeldungen von hohen Geistlichen ein wichtiger Teil dieser Argu- 384 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik mentation darstellten. Für den katholischen Wähler sei klar, dass sein Weg nur zur „christlichen Mitte“, zum Zen trum führe, weder nach links, zu „Bolschewismus, Hunger, Klassenkampf “, noch nach rechts, zu „Rassenhass, Kulturkampf, Revanchekrieg“1130. Das Fehlen berufsspezifischer Zielgruppenwerbung, die mit materiellen Versprechungen argumentiert hätte, entsprach der Absicht des Zen trums als Regierungspartei, nicht durch Wahlkampfversprechen die künftige politische Bewegungsfreiheit einzuschränken. Das Reformwerk des bisherigen Kanzlers dürfe nicht durch demagogisch angeheizte Stimmungen gefährdet werden, daher der Appell: „Der wählt nicht deutsch, der sich am 4. Mai durch die Aufwertungsfrage, den Beamtenabbau oder den Steuerdruck bestimmen lässt. Nur der wählt deutsch, der bei seiner Stimmabgabe sich bewusst ist, dass es um die Rettung des Vaterlandes, um den Wiederaufstieg unseres Volkes geht“1131. Selbst wenn sich die Zen trumspartei im Frühjahr 1924 an einzelne Berufsgruppen wie etwa die Bauern wandte, enthielt sie sich bewusst konkreter interessenpolitischer oder materieller Zukunftsversprechen. Schließlich entscheide aus ihrer Sicht in der deutschen Politik nicht die „Reklame“, sondern allein die „praktische Arbeit“ einer Partei. Mit dem Slogan „Zen trumswahl ist Rettungswahl“ wurde versucht, die Gruppe der Wahlmüden zu mobilisieren. Wer von ihnen seine „nationale Pflicht“ des Wählens nicht erfülle, handle „wie der Deserteur, der vor der Schlacht feige zurückweicht“1132. Die Zen trumspartei führte den Wahlkampf vom Frühjahr 1924 entsprechend ihrem politischen Verantwortungsethos ohne taktische Versprechen in erster Linie aus der Defensive gegen die zwei großen Oppositionsparteien. Sowohl eine „Rechtsalleineregierung“ der DNVP und ihr „unmotiviertes Kraftmeiertum“ in außenpolitischen Fragen als auch ein SPD-geführtes Linkskabinett wurden zum nationalen Unglück stilisiert. Ihr zen tra ler Wahlslogan „Christlich und deutsch!“ thematisierte den interkonfessionellen Sammlungswillen der katholischen Partei und besaß seine Spitze gegen den „Kulturkampfgeist“ der Völkischen. Hinsichtlich der von ihr nicht geleugneten sozialen Probleme appellierte das Zen trum letztlich an die vernünftige Einsicht der Wähler zur „opferfreudigen Hingabe an die deutsche Volksgemeinschaft“. 385 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 „Durch Opfer und Arbeit zur Freiheit“ – Die Deutsche Volkspartei Als rechte Flügelpartei des Kabinetts Marx, dessen Notverordnungen gerade unter ihren durch die Inflation ohnehin stark in Mitleidenschaft gezogenen Wählerschichten die Missstimmung verstärkte, musste der DVP ein Wahlkampf im Frühjahr 1924 ungelegen kommen. Stresemanns Kanzlerschaft vom Herbst 1923 und die von ihm eingeleitete Verständigungspolitik waren zudem in ihren Reihen keineswegs nur auf Zustimmung gestoßen, auch wenn sich die hinter dem rechten Parteiflügel stehenden industriellen In te res senverbände von dem neuen Reparationsabkommen ausländisches Kapitel erhofften. Die schwelende Parteikrise zwischen dem zur „nationalen Realpolitik“ in der Re pu blik bereiten Stresemann und seinen Kritikern kam wenige Wochen vor der Wahl zum offenen Ausbruch, als sich Mitte März 1924 eine Nationalliberale Vereinigung mit dem Ziel formierte, den engeren Anschluss an die DNVP herbeizuführen. Nachdem der fünfte Parteitag der DVP, der Ende März in Hannover ganz im Zeichen des Stresemannschen Mottos „Durch Opfer und Arbeit zur Freiheit“ stand, der Nationalliberalen Vereinigung eine klare Absage erteilt hatte, stellte diese einen eigenen Reichswahlvorschlag auf, dessen Reststimmen der DNVP zufallen sollten1133. In dem vom Parteitag der DVP am 30. März 1924 angenommenen Wahlaufruf wurde die schicksalsschwere Bedeutung der Wahl in die Alternative gefasst, am 4. Mai zwischen „Wiederaufbau oder Zerstörung, Ordnung oder Zerrüttung und Bürgerkrieg“ und damit über „Leben und Sterben“ des deutschen Volkes entscheiden zu müssen. In fast wörtlicher Übereinstimmung zum Zen trum stellte die DVP den Kampf in den besetzten Gebieten als Vorbild für die Erringung einer nationalen Volksgemeinschaft dar. Die Einheit des Reiches müsse als das letzte, was von „Bismarcks Erbe“ noch geblieben sei, unbedingt verteidigt, und schon deshalb dürften „Rhein, Ruhr, Pfalz und Saar“ niemals preisgegeben werden. Im Unterschied zum Zen trum erhob die Volkspartei außenpolitisch aber auch Anspruch auf eine „koloniale Betätigung“ Deutschlands und bezeichnete sich ausdrücklich als Gegner einer Erfüllungspolitik, die den Forderungen der Alliierten keine feste Grenze ziehe – eine kaum verhüllte Kritik an der früheren deutschen Außenpolitik unter Wirth und Rathenau. Zen tra le und im Wahlkampf stereotyp wiederholte Ziele der DVP, die das „deutsche Bürgertum“ zur Staatsleitung rief, waren die „Wahrung nationaler Würde, Stärkung der Staatsautorität, Pflege deut- 386 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schen Wesens und deutscher Kultur, Schutz jeder ehrlichen Arbeit, Kampf gegen Wucher und Ausbeutung“. Über ihre Bereitschaft zur „verantwortungsvollen Mitarbeit“ in der Regierung hinaus versprach die DVP, das Reich von den „letzten, unsere Entwicklung hemmenden Fesseln des Marxismus“ befreien zu wollen. In der Hoffnung auf ein neues deutsches „Volkskaisertum“ kämpfe sie auch jetzt unter den „alten Farben schwarzweiß-rot“ und den bewährten Parolen: „Erst das Vaterland, dann die Partei! Durch Opfer und Arbeit zur Freiheit!“1134 In Übereinstimmung mit den anderen Regierungsparteien thematisierte die DVP vor dem 4. Mai 1924 gegen die „verantwortungslosen Demagogen“ der Opposition vor allem die Erfolge ihrer „praktischen Arbeit“ im Kabinett Marx. Unter dem Motto „Ordnung erfordert Opfer“ habe es mit den Notverordnungen den Mut zur Durchführung zwar unpopulärer, aber notwendiger Maßnahmen bewiesen. Stärkstes Argument war auch der DVP die Überwindung der „betrügerischen Inflationswirtschaft“ sowie der „Abbau der sozialistischen Wirtschaftsideen“ durch ihre maßgebliche Regierungsarbeit. Als „Partei der nationalen Volksgemeinschaft“ habe sie immer nur nach dem Grundsatz: „Keine fruchtlose Oppositionspolitik, sondern Verantwortungsfreudigkeit!“ gehandelt, gerade auch in der Großen Koalition mit der SPD. In Gegenüberstellung zu den „Illusionen“ der Gegner listete die DVP betont nüchtern die Leistungen und Erfolge ihrer „nationalen Realpolitik“ auf, wie „Ruhe, Sicherheit, Einheit des Reiches, Ordnung von Währung und Finanzen“1135. Weder Helfferichs Roggenwährung noch Hilferdings „goldumränderte Währung“, sondern die Arbeit des Kabinetts Stresemann und ihre tatkräftige Unterstützung durch „die Partei der Wirtschaft, die Partei der Rentenmark“ hätten im Herbst 1923 den Weg zur Rettung Deutschlands freigelegt. Weitere „Taten“ aber würden folgen, so das zen tra le Wahlversprechen der DVP, die nicht nur die völlige „Befreiung von Rhein und Ruhr“ und damit Wiederherstellung der nationalen „Ehre“, sondern auch das „Aufblühen unseres gesamten Wirtschaftslebens“ sowie insbesondere eine „gerechte“ Aufwertung in Aussicht stellte1136. Außenpolitisch erklärte die DVP im Frühjahr 1924 eine Verständigung mit dem Ausland zum notwendigen Übel für eine „waffenlose Nation“ wie Deutschland. Gerade in der Haltung zum neuen Reparationsplan, auf dessen wirtschaftliche Vorzüge sie hinwies, offenbarte sich die Ambivalenz ihrer Propaganda, die stark von der nationalistischen Agitation der extremen Rechte beeinflusst wurde. Sichtlich bemüht, Strese- 387 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 manns Politik von der früherer deutscher Außenminister abzugrenzen, prägte unter dem Ruf „Seid frei! Seid deutsch!“ ein nationalistischer Grundton die Wahlpropaganda der DVP vor dem 4. Mai. Obwohl der im Sommer 1920 gewählte „Reichstag der ‚Erfüllungspolitik‘“ bereits unzählige Milliarden bezahlt habe, stehe das Ausland dem Reich immer noch unverändert in „Todfeindschaft“ gegenüber, schürte die DVP die weitverbreiteten nationalen Hassgefühle gegen das Besatzungsregime der Alliierten1137. Unter dem Druck der Rechtsopposition stimmte sie sogar in die völkischen Rufe nach „Deutschland den Deutschen!“ ein, um das Protestwähler-Potential rechtsaußen abzuschöpfen. Die spezifische Parole ihres „positiven völkischen Programms“ gegenüber dem von der DNVP favorisierten Rechtsblock und den antiparlamentarischen Völkischen lautete: „Heraus aus dem Sumpf führt uns nur stille, zähe, opferwillige Arbeit“. Die Idee einer Bürgerblock-Koalition propagierte die DVP als „Sammlung aller national Gestrafften, von liberalem und sozialem Geist Durchdrungenen“, um die sich eine Regierung der „Volksgemeinschaft“ bilden müsse – ob mit oder ohne Sozialdemokratie, blieb unklar. Während der Begriff der Mitte sorgsam vermieden wurde, sollte diese Regierung jedenfalls mit „starken Bedingungen nach rechts und links“ ausgestattet werden. Die rückwärts gewandte Stoßrichtung ihres Programms verriet die Wahlpropaganda der DVP vor allem, indem sie außer mit der Autorität des „nationalen Realpolitikers“ Bismarck massiv mit den alten Symbolen des Kaiserreichs warb. Gerade wegen ihrer Mitarbeit im Staat nach der „Schande“ des Novembers 1918 glaubte sie, sich mit den Farben „Schwarz-weiß-rot“ identifizieren und schmücken zu dürfen1138. Als sowohl nationale wie liberale Partei sah sich die DVP in Frontstellung zu der „internationalen Einstellung der Sozialdemokratie, den schwärmerischen pazifistischen Ideen der Demokraten, dem unverantwortlichen Treiben überspannter Gefühlspolitiker“ bei den Deutschnationalen und schließlich zu der „Gängelung der geistigen Kräfte“ durch die Zen trumspartei1139. Der Hauptstoß des DVP-Wahlkampfes richtete sich aber gegen den „Radikalismus von links und rechts“ in Gestalt der Opposition von KPD und SPD sowie von DNVP und Völkischen. Gegen letztere waren spezifisch mit neun die meisten von 49 Wahlflugblättern der DVP gerichtet, die – von gelegentlichen Spitzen gegen die „schwarz-rot-goldene“ Re pu blik abgesehen – ihre Koalitionspartner im Kabinett Marx weitgehend schonte, dafür als Besonderheit der anders- 388 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik wo nicht wahrgenommenen NLV starke Beachtung schenkte. Zwischen den Parteien der bürgerlichen Regierungskoalition sollten im Frühjahr 1924 gegenseitige Angriffe unterbleiben, wenn auch die DDP nicht auf eine eventuelle „Abwehrpolemik“ gegen den rechten Flügel der DVP verzichten wollte. Das Kabinett gründete ungeachtet dessen einen gemeinsamen Wahlfonds der Regierungsparteien unter dem Titel „Versachlichung des Wahlkampfes“. Anfang April erschien das von Reichs fi nanzminister Hans Luther verfasste Wahlbrevier „Feste Mark – Solide Wirtschaft“, das – obwohl es eine „ausgeprägte Propagandaschrift“ sei – ohne jede „maulaufreißende Schlagwortmanie“ auskomme1140. Unter der Parole „nationale Realpolitik oder Illusionen“ warf die DVP den Deutschnationalen ihre angeblich mangelnde Bereitschaft zur Mitarbeit bei der Lösung der Staatsprobleme vor. Weil sie nicht im „Schützengraben der Verantwortung“ stehen wolle, sondern vielmehr durch die Agitation gegen die Regierung Marx und ihre Außenpolitik eine bürgerliche Mehrheit im Reichstag sabotiere, mangele es der DNVP bis jetzt an „Bismarckscher Realpolitik“. Obwohl man mit ihr im „schwarz-weißroten“ Verfassungsziel übereinstimme, müsse sie deshalb noch zu den radikalen Oppositionsparteien gerechnet werden. Unter dem „Deckmantel ‚Deutschnational‘“ versuchten im übrigen die alten Konservativen wieder nur die Massen mittelständischer Wähler vor den „Karren ihrer großagrarischen und großkapitalistischen Sonderinteressen“ zu spannen1141. Gegenüber den nur „so genannten völkischen Parteien“ versuchte die DVP in erster Linie auf Vereinnahmung und Integration der bei ihnen vermuteten Wähler und Inhalte zu setzen. Weil die völkische Bewegung eine durch das ganze deutsche Volk gehende „Welle nationaler Selbstbesinnung gegenüber feindlicher Versklavungssucht und innerem Hader“ sei, dürfe sie nicht zur bloßen Parteisache erniedrigt werden. Das aber gerade versuche die DVFP, die obendrein durch ihren „öden Radau-Antisemitismus“ und eine „zügellose Demagogie“ die Volksleidenschaften anheize. Wichtigstes Argument der DVP gegen die „Parteivölkischen“ war, dass ihr Programm Anleihen bei den „undeutschen Lehren“ des Sozialismus mache. Wer aber „wahrhaft völkisch“ denke, dürfe daher nicht den „schönen Versprechungen des völkischen Rechtsblocks“ glauben, der nur Wasser auf die doch „bereits matter klappernden Mühlen des Poincarismus“ schütten werde1142. Obwohl sie in Preußen gemeinsam mit der SPD in einer Großen Koalition regierte, versuchte sich die DVP dem Reichstagswähler als einzi- 389 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 ge strikt antisozialistische Partei im Bürgertum zu empfehlen. SPD und KPD, die als „Klassenkampfparteien“ nur den deutschen Arbeiter aufhetzten, vereinigte die volksparteiliche Wahlpropaganda zu dem einen Feindbild des „internationalen Marxismus“. Während die SPD den „gehorsamen Sowjetstipendiaten“ bei der Vorbereitung einer neuer Revolution helfe, rechnete es sich die DVP zum Verdienst an, durch den ihr zugehörigen Reichskommissar im Herbst 1923 Mitteldeutschland von „roten Ketten und Terror“ befreit zu haben1143. Schwerer fallen musste ihr der Kampf gegen die erst im Wahlkampf als Gegner auftauchende NLV schon deshalb, weil diese im Grunde ähnliche Ziele propagierte. Unter scharfer Ablehnung einer Großen Koalition klagte diese „wiedererwachte alte Bismarckpartei“ Stresemann und die DVP in 19 Punkten einer Politik der „Halbheiten“ an, weil sie nichts zur Beseitigung der „Kriegsschuldlüge“ leiste und sich weigere, den „Entscheidungskampf “ mit der SPD im Sinne einer „straff nationalen“ Politik und für eine „starke Regierung“ im Reich aufzunehmen1144. Gegen diese für sie heikle Agitation konnte die Volkspartei wenig Sachliches aufbieten; so versuchte sie, die „Fahnenflüchtigen“ der NLV als „Klub der politisch Obdachlosen“ zu diskreditieren, die zu Recht von den „großen nationalen Parteien“ hinausgeworfen worden seien. Wie im bürgerlichen Regierungslager üblich, äu- ßerte sich die DVP schließlich besorgt über die wachsende Zahl der Parteien im bürgerlichen Lager, da die Bildung von mittelständischen Sondervertretungen wie der WP nur überflüssige „Vereinsmeierei“ einzelner Berufsgruppen sei1145. Merkmal der Adres sa tenwerbung der DVP vom Frühjahr 1924 war die synchrone und dadurch meist etwas langwierige Anrede der unterschiedlichen beruflichen und sozialen Gruppen, die ihrer Ansicht nach unter das Dach der nationalen Volksgemeinschaft gehörten1146. Ziel der DVP sei nicht die „Herrschaft eines Einzelstandes“, sondern das „Wohl des ganzen Bürgertums“, was dem propagierten Selbstbild einer „Partei aller schaffenden Stände in Stadt und Land“ entsprach. Wenn auch bewusst unspezifische Adres sa ten wie alle „Unzufriedenen“ angesprochen wurden, betrieb die DVP durchaus eine interessenmäßig differenzierte Zielgruppenpolitik1147. Hauptadressat von 49 Flugblättern waren die mittelständischen Wählergruppen, insbesondere die Beamten und die städtischen Selbständigen, an die fünf beziehungsweise vier Zielgruppenflugblätter gerichtet waren, während um die Stimmen der Inflationsopfer speziell drei und um die der Bauern zwei warben. Relativ stark kümmer- 390 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik te sich die DVP noch um die In te res sen der Arbeitnehmer und der Frauen (sieben bzw. fünf Flugblätter)1148. Bei dem Versuch, das Vertrauen der mittelständischen Wählerschichten zurückzugewinnen, stand die DVP vor dem Dilemma, ihre Mitverantwortung an der Stabilisierungspolitik der Regierung mit offensiven Wahlversprechen vereinbaren zu müssen, die tendenziell oppositionellen Charakter besaßen. Als „Liste des Mittelstandes“ versprach sie etwa den Bauern pauschal Befreiung von „unerträglichen Steuerhärten“ sowie Zollschutz vor „vernichtendem ausländischem Wettbewerb“. Im Namen der Haus- und Grundbesitzer wurde „freie Betätigung zur Überwindung der Wohnungsnot“ verlangt. Gerade die Wohnungs- und Bau politik der DVP entspreche ihrem wirtschaftspolitischen Grundsatz, wonach die private Wirtschaft zu schützen und jede Sozialisierung schärfstens zu bekämpfen sei1149. Einen besonders schweren Stand hatte die DVP, die 1923/24 als Partei der „Inflationsgewinnler“ der Großindustrie um Hugo Stinnes galt, bei den von der Geldentwertung betroffenen Wählern wie den kleinen Sparern. Obwohl entscheidend an dem Zustandekommen der dritten Steuernotverordnung beteiligt, scheute sie sich aber nicht, in die Rufe nach höheren Aufwertungssätzen für die Inflationsopfer einzustimmen. Um Distanz zu den industriellen In te res senkreisen bemüht, präsentierte sie sich als „Anwalt der Enterbten“, der eine „gewaltige Volksbewegung gegen das an den Inflationsgeschädigten begangene Unrecht“ entfachen werde1150. Vor dem Hintergrund des Personalabbaus bekannte sich die DVP nachdrücklich zum Berufsbeamtentum und warb um die Stimmen der Beamten als die Partei, welche sie im Vorjahr durch die Herstellung der Staatsautorität vor der „Massen-Willkür“ geschützt habe. Der Wiederaufbau Deutschlands erfordere aber im Sinne der „Notgemeinschaft aller Volksgenossen zur Rettung des Staates“ auch von den Beamten materielle Opfer. Immerhin habe die DVP den geplanten Beamtenabbau der früheren „schwarz-rot-goldenen“ Regierungen zu einem auf alle ausgedehnten Personalabbau mildern können1151. Gegenüber den Arbeitern und Angestellten akzentuierte die Stresemannpartei im Frühjahr 1924 den Gedanken einer „ehrlichen Arbeitsgemeinschaft“ mit dem Unternehmertum und verknüpfte damit das Versprechen auf bessere Aufstiegsmöglichkeiten für die „Arbeitsfreudigen und Sparsamen“ unter ihnen. Das Wohl der Arbeitnehmer hänge von der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft ab, deren Förderung allein das „Gespenst der Arbeitslosigkeit“ verscheuche. In Abgrenzung zum „scharf- 391 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 macherischen Teil“ der Unternehmer, auf dessen Sympathien sie gern verzichte, wurden spezielle „Standes“-In te res sen der Angestellten thematisiert, die vom „Gleichmachungswahnsinn“ der SPD bedroht seien. In der Frage des Achtstundentages trat die Volkspartei als deren Gegenspielerin auf und argumentierte gemäß der Devise „Mehrarbeit in der Notzeit“ als Ausweg aus der Wirtschaftskrise. Vor die Alternative gestellt, durch „ehrliche Arbeit“ wieder „ehrliches Geld“ zu verdienen oder zu verelenden und seine Familie hungern sehen zu müssen, ziehe doch jeder Arbeiter vor, mehr als acht Stunden zu arbeiten1152. Typisch für die stark appellative Rhetorik ihrer Frauenpropaganda war die Vorstellung, dass nach dem schweren Ringen um den Erhalt von Volk und Familie während Revolution und Inflation nun wieder die Zeit kommen müsse, in der die „deutsche Sehnsucht nach ideellem Besitz“ ihr Recht verlange, weshalb die Frauen nachdrücklich an ihre Wahlpflicht gemahnt wurden: „Bringt dem Vaterland ein Opfer!“1153 Sowohl hinsichtlich der Themenschwerpunkte als auch bis in Formulierungen hinein ähnelte das unter dem Motto der Volksgemeinschaft gestellte Wahlprogramm der DVP vom Frühjahr 1924 dem der Zentrumspartei. Die gouvernementale Parole „Durch Arbeit und Opfer zur Freiheit“ musste andererseits gegen die Konkurrenz der nationalistischen Rechtsparteien gerechtfertigt werden. Näherte sich die DVP dabei aus wahltaktischen Gründen völkisch-chauvinistischen Positionen an, argumentierte sie auch in anderen Punkten wie der Aufwertungsfrage eher im Stile einer Oppositionspartei. Grundsätzliche Koalitionsbereitschaft signalisierte sie den Deutschnationalen, mit denen das Bekenntnis zu „Schwarz-Weiß-Rot“ geteilt wurde, wenngleich sie erst noch den Beweis der Anerkennung der Grundsätze Bismarckscher „Realpolitik“ erbringen müsse. Nicht zuletzt unter dem Druck seiner Kritiker gelangte aber auch Stresemann im Frühjahr 1924 zu der Überzeugung, dass die SPD als regierungsfähiger Faktor „versagt“ habe. Angesichts der sozialpolitischen Gräben erschien eine Neuauflage der Großen Koalition aus Sicht der statt dessen auf eine bürgerliche Mitte-Rechts-Regierung setzenden DVP wenig erstrebenswert. Obwohl stets der sozial indifferente Appell an die Volksgemeinschaft zuerst kam, ragten unter den Adres sa tengruppen der DVP die mittelständischen Wählerschichten heraus, denen sie vor dem 4. Mai als programmatische Wahlparole präsentierte: „Der Zug geht nach rechts!“1154 392 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik „Erfüllungspolitik ist Befreiungspolitik“ – Die Deutsche Demokratische Partei Stärker noch als die DVP hatten die Demokraten unter den Folgen des Krisenjahres zu leiden, das nicht nur ihre Parteiorganisation faktisch zusammenbrechen ließ, sondern auch den Prozess der Entfremdung traditioneller Mittelstandswähler von der Partei bedrohlich verstärkte. Noch mit ihrem Wiederaufbau beschäftigt, musste die DDP bei den bayerischen Landtagswahlen Anfang April 1924 mit dem Verlust von fast zwei Dritteln ihrer Stimmen eine neue schwere Wahlniederlage hinnehmen. Auf dem am 5./6.  April veranstalteten Wahlkampf-Parteitag leitete der neue Mitvorsitzende Erich Koch-Weser eine außenpolitischen Kurskorrektur der DDP ein, die er unter der Parole „Erfüllungspolitik ist Befreiungspolitik“ auf die Linie ihres früheren Außenministers Walter Rathenau festlegte. Bündnispolitisch konzentrierte sich die DDP-Führung auf ihr Wunschziel einer Großen Koalition mit der SPD, da die bürgerliche Minderheitsregierung unter Marx nur als Notbehelf bis zu den Wahlen betrachtet wurde1155. Der am 29. März 1924 veröffentlichte Wahlaufruf der DDP glich im innenpolitischen Teil stark den Kundgebungen der beiden anderen Regierungsparteien, insofern der 4. Mai zum Entscheidungstag über „Sein oder Nichtsein“ des deutschen Volkes erklärt und die Notverordnungspolitik des Kabinetts Marx mit dem Hinweis auf die feste Währung und den Schutz der deutschen Wirtschaft gegen die „egoistischen Bestrebungen einzelner Berufsgruppen“ verteidigt wurde. Allerdings betonten die Demokraten die außenpolitische Bedeutung der Wahl unter anderen Vorzeichen als Zen trum und DVP, da sie zum ersten Mal seit Kriegsende die „Hoffnung auf Befriedigung Europas“ heraufdämmern sahen. Ohne den Versailler Vertrag als endgültige Regelung jemals anerkennen zu wollen, aber unter Berücksichtigung der bestehenden Machtverhältnisse, sei Deutschland jetzt durch eine „feste und nüchterne“ Außenpolitik in die Lage gesetzt worden, das alte Ziel der DDP zu verwirklichen: „würdig und achtungsgebietend im Rate der Völker, die freie und große deutsche Re pu blik!“ Nicht durch Diktaturpläne von rechts oder links, sondern nur durch eine Festigung der Autorität des Staates und eine „tatkräftige und starke“ Regierung könne jetzt Deutschlands Wiederaufstieg auf dem Weg „durch Frieden zur Freiheit“ gesichert werden. Aus dem Wahlprogramm der DDP hob ihr Aufruf acht Einzelpunkte hervor, an deren Spitze die Erhaltung der Reichseinheit, eine „gesunde und ehrli- 393 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlk