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Kapitel 9 in:

Dirk Lau

Wahlkämpfe der Weimarer Republik, page 477 - 538

Propaganda und Programme der politischen Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag von 1924 bis 1930

3. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4203-8, ISBN online: 978-3-8288-7193-9, https://doi.org/10.5771/9783828871939-477

Tectum, Baden-Baden
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477 Kapitel 9 „Bürgerblock“ oder „soziale Re pu blik“ – Der Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 Die Weimarer Re pu blik schien nach 1925 trotz steigender Staatsverschuldung und einer sich 1927 weltweit ankündigenden Agrarkrise eine relativ stabile Phase der politischen und wirtschaftlichen Konsolidierung mit günstigen Konjunkturdaten und fallenden Arbeitslosenziffern zu erleben. Wahlkampf und Wahl zum Reichstag fanden im Frühjahr 1928 in einer für gemäßigtes Abstimmungsverhalten günstigen Situation statt und galten der Forschung gemeinhin als das Gegenteil einer Krisenwahl wie der vier Jahre zuvor. Im Spiegel jüngerer Arbeiten müssen die letzten „pre-depression“-Wahlen vom 20. Mai jedoch weniger als Zeichen der Stabilisierung denn der zunehmenden Desintegration betrachtet werden, welche die Symptome der Krise bereits in sich trugen. Der Zerfall der im Januar 1927 gebildeten Mitte-Rechtskoalition von DNVP, Zentrum, BVP und DVP kündigte sich bereits Anfang 1928 in der Phoebus- Film-Affäre an, über die der langjährige Reichswehrminister Otto Geßler stolperte. Angesichts der näher rückenden Neuwahlen nahm innerhalb der Koalitionsfraktionen der Kompromisswille zum Ausgleich der unterschiedlichen In te res sen rapide ab, auch in der DNVP, die den Mitteparteien weit gehende Zugeständnisse gemacht hatte, etwa bei der Verlängerung des Re pu blikschutzgesetzes oder der Annahme des Gesetzes über die Arbeitslosenversicherung, dem 1927 nach langen Verhandlungen eingeführten Prunkstück der Weimarer Sozialpolitik. Zwischen den Parteien des vierten Kabinetts Marx hatte sich ein erbitterter Streit über die in Weimar nicht geregelte Frage des Reichsschulgesetzes entzündet, die insbesondere für das Zen trum sowohl materiell wie symbolisch von zen tra ler Bedeutung war. Die Fronten gingen quer durch die Koalition. 478 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik DNVP und die katholischen Parteien sahen sich an der Seite der Kirchen, die ihren öffentlichen Einfluss stärken wollten, dem vehementen Widerstand der DVP gegenüber. Der vom deutschnationalen Reichsinnenminister Walter von Keudell vorgelegte „christliche“ Entwurf sah die Zulassung von Bekenntnisschulen in Ländern mit bereits vorhandenen Simultanschulen vor, was einer Rekonfessionalisierung des Schulwesens gleichkam. Selbst ein Brief von Reichspräsident Hindenburg, in dem dieser am 9. Fe bru ar 1928 Reichskanzler Marx vor einer Regierungskrise wegen der Schulfrage warnte, konnte das Ende des von Anfang an brüchigen „zweiten Bürgerblocks“ nicht verhindern. Nachdem der Interfraktionelle Ausschuss der Regierungsparteien am 15. Fe bru ar festgestellt hatte, dass das Reichsschulgesetz gescheitert sei, erklärte das Zen trum erwartungsgemäß die Koalition für aufgelöst. Während sich BVP und DNVP dieser Auffassung anschlossen, bestritt die DVP, dass das Schulgesetz die alleinige Grundlage der Koalition gewesen sei1368. Unter der Bedingung einer baldigen Reichstagsauflösung einigten sich die Parteien auf die Annahme eines begrenzten „Notprogramms“ zur Erledigung dringender Aufgaben durch das geschäftsführend amtierende Kabinett Marx. Am gleichen Tag, an dem nach fast sechsjähriger Dauer das Urteil im Barmat-Prozess verkündet wurde, verabschiedete der Reichstag am 30. März den Haushalt für 1928 einschließlich des Ergänzungsetats, der ein besonderes Hilfsprogramm für die Landwirtschaft umfasste. Schon einige Tage vorher hatte er den Wehr- und Marineetat mit den Mitteln für die erste Rate zum umstrittenen Bau des Panzerschiffes „A“ gegen die Stimmen der Opposition von SPD, KPD, DDP sowie einigen Wirtschaftsparteilern verabschiedet. Durch dieses Prestigeprojekt wollten die Militärs das Reich auf ein langfristiges Aufrüstungsprogramm in den engen Grenzen des Versailler Vertrages festlegen. Am Tage der Reichstagsauflösung, dem 31. März, kam es auf Initiative des sozialdemokratisch regierten Preußen zu einer Entschließung des Reichsrates, in der die Reichsregierung ersucht wurde, mit Rücksicht auf die angespannte Haushaltslage die Arbeiten für das Panzerschiff – ausgenommen die reinen Konstruktionsarbeiten – nicht vor dem September 1928 aufzunehmen. Dann, so die Hoffnung der SPD, welche die Rüstungsgelder lieber für soziale Zwecke ausgeben wollte, würden die Pläne noch einmal – von einer nun sozialdemokratischen Reichsführung – geprüft und schließlich verworfen. Der Panzerkreuzer sollte aber bereits im bevorstehenden Wahlkampf den Linksparteien ein Stichwort liefern, „wie 479 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 sie es sich zündender kaum hätten wünschen können“, wiederholte zuletzt Heinrich A. Winkler eine gängige Forschungsmeinung1369. Auf außenpolitischer Bühne, wo nach den Verträgen von Locarno und dem Völkerbundeintritt Deutschlands Windstille geherrscht hatte, kam es im Frühjahr 1928 kurz vor den Reichstagswahlen durch die amerikanisch-französische Initiative zur Ächtung des Krieges als Mittel der Politik zu neuer Bewegung. Am 27.  April stimmte die Reichsregierung dem bald so genannten Briand-Kellog-Pakt in der Erwartung zu, dass damit die Abrüstungsfrage neue Impulse erhalte und sich Deutschlands Chancen auf Gleichberechtigung langfristig erhöhen würden. Des Weiteren zog die DNVP die deutsche Verständigungspolitik bewusst in den Wahlkampf hinein, indem ihr Vorsitzender Graf Westarp in seiner Reichstagsrede vom 29. März 1928 das angeblich allgemein anerkannte „Fiasko“ der Stresemann-Politik konstatierte1370. Den „Abschiedstag“ des dritten Reichstages der Weimarer Re pu blik, der bereits völlig im Zeichen des anlaufenden Wahlkampfes stand, empfanden konservative Abgeordnete wie der Deutschnationale Reinhold Quaatz als „lärmend und wenig würdig“1371. In den Regionalwahlen 1927/28 waren keine durchschlagenden Trends zu beobachten, allenfalls eine Fortsetzung der seit dem im Ergebnis zwar fehl geschlagenen, aber eindrucksvollen Fürsten-Volksentscheid vom Sommer 1926 datierenden gemäßigten Linksentwicklung und der interessenpolitischen Segmentierung des Weimarer Parteiensystems. Bei der am 29. Januar 1928 in Mecklenburg-Strelitz nach nur sechsmonatiger Legislaturperiode abgehaltenen Wahl gewannen außer den Sozialdemokraten nur noch In te res senparteien wie die WP, die ihre Anteile zusammengenommen von 18,4 auf nun 21,9 Prozent steigern konnten. Alle anderen Parteien verloren um die zwei Prozentpunkte, wobei sich der seit 1924 kontinuierliche Rückgang der extremen Rechten fortsetzte. Gewinner der Hamburger Bürgerschaftswahlen vom 19. Fe bru ar waren au- ßer der DVP, deren Anteile auf 12,5 Prozent stiegen, die Demokraten, die auf nun 12,8 Prozent der Stimmen kamen. Stärkste Partei blieb trotz empfindlicher Verluste der demokratische Koalitionspartner SPD mit 35,9 Prozent, vor der KPD mit 16,6 und der DNVP mit 13,7 Prozent, die beide knapp zwei Prozent ihrer Stimmenanteile abgaben. Bemerkenswert war der Rückgang der WP um über ein Drittel ihrer Stimmen auf nun 2,9 Prozent sowie der Sprung der NSDAP um 0,7 auf nun 2,2 Prozent der Stimmen. Eine Art Stimmungsbarometer nach der Reichstagsauflösung stell- 480 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ten die Wahlen in dem kleinen Land Schaumburg-Lippe dar, bei denen sich am 29.  April wie in Hamburg eine knappe Linksmehrheit ergab. Im Grunde wurde seit dem Fürsten-Volksentscheid mit einer Verlagerung der Machtverhältnisse nach links bei den Reichstagswahlen gerechnet, die am 20. Mai 1928 unter anderem wieder zusammen mit der zum preu- ßischen Landtag stattfand, der ebenfalls vorzeitig aufgelöst wurde. Hellmut von Gerlach gab einer allgemeinen Erwartung Ausdruck, wenn er nach über vier Jahren rein bürgerlicher Regierung im Reich Gewinne für die SPD und in geringerem Maße für die ebenfalls oppositionelle DDP prognostizierte. Wie noch vor keiner anderen Weimarer Reichstagswahl konnten die re pu bli ka nischen Kräfte im Frühjahr 1928 berechtigten Anlass zum Optimismus haben1372. „Schluss mit dieser Bürgerblockwirtschaft!“ – Die Sozialdemokraten kämpfen für die „soziale Re pu blik“ Die seit Ende 1923 auf der Oppositionsbank im Reichstag sitzende SPD fühlte sich vor dem 20. Mai 1928 angesichts der Konsolidierung der Repu blik sowie den Zerwürfnissen im bürgerlichen Lager wieder im Aufschwung. Ihr Kieler Parteitag von 1927, dessen Hauptthema die „Aufgaben der Sozialdemokratie in der Re pu blik“ waren und der das den Bauern weit entgegenkommende Agrarprogramm verabschiedete, stand bereits unter dem Motto: „Durch die Eroberung der Staatsmacht zur Verwirklichung des Sozialismus“. Der Kampf für das Gewerkschaftsprogramm der Wirtschaftsdemokratie sei nun zur „unmittelbaren Aufgabe der Arbeiterbewegung“ geworden1373. Zugleich stabilisierte sich die innerparteiliche Lage und konnte der Sachsenkonflikt weitgehend beigelegt werden, während die Parteigründung der ASPD durch ehemalige sächsische Parteifunktionäre bedeutungslos blieb. Obwohl sie in der Debatte um das Notprogramm der Regierung Kompromissbereitschaft zeigte, gab sich die SPD Anfang März 1928 gegenüber den Anhängern unter der Losung: „Die Arbeit gegen das Kapital“ betont kämpferisch. Der „Bürgerblock“-Gedanke sei nach dem Scheitern des Schulgesetzes endgültig tot, sodass der „Kampf um die Erneuerung des politischen Lebens“ Deutschlands beginnen könne1374. Der am 22.  April 1928 veröffentlichte Wahlaufruf des Parteivorstandes erklärte den kommenden Mai zum „Schicksalsmonat“, weil an sei- 481 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 nem ersten Tag – dem Weltfeiertag der Arbeit – die Werktätigen zur Demonstration für Achtstundentag, Frieden und Sozialismus aufgerufen seien und am dritten Sonntag über die „Demokratisierung“ des Weimarer Staates entscheiden könnten. Schwer habe in den letzten Jahren die „Herrschaft der Reaktion“ auf diesem gelastet und einen „Stillstand in der auswärtigen Politik“ verschuldet. Ungewöhnlich für die SPD war, dass sie neben der Forderung nach endgültiger Begrenzung der Reparationen die „Befreiung der Rheinlande von fremder Besatzung“ zur nächsten, gar „unaufschiebbaren“ Aufgabe erklärte. Unter solch außenpolitischen Vorzeichen forderte sie den Reichstagswähler auf, am 20. Mai „gegen Militarismus und Kriegsgefahr, für die Befreiungspolitik und die Friedenssicherung“ zu stimmen. Im Innern würde die Fortsetzung einer Bürgerblockregierung den Bestand der Weimarer Sozialpolitik ernstlich gefährden, wie die SPD anhand des für unzureichend erklärten Arbeitszeitgesetzes und des „entsetzlichen Wohnungselends“ verdeutlichte. Ohne das Panzerschiff-Projekt direkt zu erwähnen, wies ihr Aufruf auf das „unwürdige Spiel“ hin, das die Regierung mit dem „hohen Volksgut“ der Schule getrieben habe, und forderte eine „gerechte“ Steuer- und Finanzpolitik, die neue unnötige Rüstungsausgaben vermeide. Angesichts der kommunistischen „Zerstörungsarbeit“ rief sie die Arbeiterschaft zur „Sammlung unter der Fahne der großen Partei der Sozialdemokratie“ auf. Den deutschnationalen Forderungen nach mehr Macht für den Reichspräsidenten antwortete man mit Parolen, welche re pu bli ka nisches Verfassungsdenken und sozialistische Staatsutopie auf einen Nenner zu bringen versuchten: „Schutz der Re pu blik, Durchsetzung der vollen De mokra tie und durch die Demokratie Verwirklichung des Sozialismus, das ist das Endziel unseres Kampfes“1375. Im Stile radikaler Opposition zogen die Sozialdemokraten im Frühjahr 1928 einen klaren Trennungsstrich zur Reichsregierung, die mit pejorativen Pauschalisierungen wie „Besitzbürgerblock“ oder „Kapitalistenblock“ das überragende Feindbild ihres Wahlkampfes darstellte. Gemäß der Devise: „Schonung des Besitzes! Stärkste Belastung der besitzlosen Schichten!“ sei in den letzten Jahren ausschließlich zugunsten der Schwerindustriellen, der Großgrundbesitzer sowie der „Fürsten und Standesherren“ regiert worden, wofür jetzt der Wähler mittels einer Linkswahl die „Quittung“ geben werde. Nur zehn Milliarden Mark hätten die „Reichen und Reichsten“ seit 1924 zur Bestreitung der Staatsaufgaben aufbringen müssen, gegenüber zwanzig Milliarden der „besitzlosen“ Schich- 482 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ten – Anlass für die Propaganda der SPD, im Frühjahr 1928 den bürgerlichen Parteien die In te res sen eines großen „Volksblocks des deutschen Arbeitsvolks“ entgegenzustellen. Statt der als „Meilensteine der reaktionären Bürgerblockpolitik“ bezeichneten Schutzzölle und Verbrauchssteuer forderte sie die Beseitigung aller Steuern auf „lebensnotwendigen“ Verbrauch und radikale Abkehr von der „Hochschutzzollpolitik“. Stärkster Beweis für die ungerechte In te res senpolitik des letzten Reichstages war der SPD, dass die bürgerlichen Parteien fünf Millionen Mark zur Durchführung der Schulspeisung ablehnten, aber zugleich neun Millionen für einen „nutzlosen Panzerkreuzer“ bewilligten und damit weitere 500 Millionen Mark für den Flottenbau aufbringen wollten. Dass die SPD den Reichstagswahlkampf im Frühjahr 1928 unter der Parole „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer“ in erster Linie gegen dieses Prestigeobjekt der Reichsmarine und die im Haushalt vorgesehene Steigerung der Rüstungsausgaben geführt habe, gehört zum Gemeingut der Weimar-Forschung. Tatsächlich stand der Panzerkreuzer aber nicht im Mittelpunkt der sozialdemokratischen Wahlpropaganda. Nur zwei von 51 Flugblättern akzentuierten den Kampf gegen ihn mit Parolen, welche den 20. Mai allerdings dramatisch zum Volksentscheid über seinen dank der SPD bereits verschobenen Bau sowie die Höhe der Wehrausgaben stilisierten1376. Unter dem Eindruck der Haushaltsdebatte fragte sie nach dem finanzpolitischen Sinn eines Panzerschiffes, das lediglich einigen Marineoffizieren bessere Aufstiegsmöglichkeiten verschaffe und deshalb als „unproduktive“ Ausgabe abzulehnen sei. Dem Appell: „Schluss mit dieser Bürgerblockwirtschaft!“ entsprach ein demonstrativer Siegeswille der SPD, die sich als „Partei aller Bedrückten in Stadt und Land“ im Frühjahr 1928 die Erringung der politischen Macht zum Ziel setzte: „Die Arbeit gegen das Kapital! Dem Volk die Macht! Dem Volke Brot, Freiheit und Frieden! Vorwärts zur sozialen Re pu blik!“1377 Wie gewohnt entnahm die Wahlpropaganda der SPD ihre Themenschwerpunkte im Frühjahr 1928 der Sozialpolitik, ohne dass eine bestimmte Einzelfrage akzentuiert, vielmehr stereotyp die „reaktionäre“ Gesamtrichtung der letzten rein bürgerlichen Reichsregierungen bekämpft wurde. So polemisierte sie gegen deren ursprünglich toleriertes Arbeitsprogramm, das als „Notsteigerungsprogramm“ firmierte, hinter dem die „soziale Reaktion“ in Gestalt der Großkapitalisten stehe, die den Staat als Machtmittel gegen das Volk und damit alle missbrauchten, die „von ihrer eigenen Arbeit leben: Arbeiter, Angestellte, Beamte, Gelehrte, 483 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 Kleingewerbetreibende, Kleinbauern“. Ohne Sozialdemokratie sei dagegen auch keine Sozialpolitik möglich. Damit auch der „Arme einen Anteil am Glück der Erde“ habe, kämpfe sie für „menschenwürdige“ Löhne und kürzere Arbeitszeiten, aber auch für eine „gerechte“ Aufwertung und bessere Staatsfürsorge sowie für die „Brechung des Bildungsprivilegs der Besitzenden“, so das Motto der dem bürgerlichen „Trümmerfeld des Schulgesetzes“ im Frühjahr 1928 entgegengestellten „Kulturforderungen“. Oberstes Ziel der SPD sei der „soziale und kulturelle Aufstieg des gesamten Volkes“. Der Achtstundentag tauchte nur im Rahmen der Maifeiern als Hauptparole der SPD auf, die um so mehr bestrebt war, ihre „praktische Arbeit“ für die Werktätigen in der Opposition als „Etappe zum Sozialismus“ auch materiell erfolgreich darzustellen, schließlich habe nur die Angst vor der SPD den Bürgerblock davon abgehalten, seine „letzten Pläne“ zu verwirklichen1378. Den Dawesplan, dessen Revision bereits vor Beginn des ersten Normaljahres am 1. September 1928 selbst vom Reparationsagenten Parker Gilbert offen diskutiert wurde, setzte ihre Wahlpropaganda in Bezug zur angeblich trostlosen Wirtschaftslage Deutschlands. Außenpolitische Parolen der sich hier auch mit nationalistischer Rhetorik profilierenden SPD waren die „fühlbare Herabsetzung der Daweslasten“ sowie die „rascheste Befreiung“ der noch besetzten Gebiete. In der Agitation gegen den Panzerkreuzerbau verband sich im Frühjahr 1928 ihre Opposition gegen den sozial- und verfassungspolitisch „reaktionären“ Bürgerblock mit dem Kampf für Völkerversöhnung und Weltfrieden, da die gegnerischen „Parteien des Krieges und des Kapitals“ schon wieder zu neuem Blutvergießen rüsten wollten1379. Die SPD führte im Frühjahr 1928 gewissermaßen einen Koalitionswahlkampf unter negativen Vorzeichen, insofern ihre Hauptstoßrichtung gegen den „Bürgerblock“ zielte, gegen den sich 27 von 51 Wahlflugblättern richteten, die typischerweise mit ideologischen Gegen über stellungen wie „Arme“ und „Reiche“, „Volk“ und „Besitz“, oder „Kapital“ und „Arbeit“ argumentierten. In der Agitation gegen den Bürgerblock, dessen Regierung auch nach dem 20. Mai als Schreckbild suggeriert werden sollte, gab es freilich Abstufungen einer Feindbildhierarchie der SPD zu erkennen. So betrachtete sie als ihre schärfsten Kontrahenten im bürgerlichen Lager die Deutschnationalen – mit einigem Abstand vor Zentrum und der insgesamt vernachlässigten DVP. Parteipolitischer Hauptgegner der SPD waren jedoch zielgruppenabhängig die „Arbeiterfeinde“, 484 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik die Kommunisten, die im Bündnis mit den deutschnationalen „Liebedienern der Monarchie“ stünden1380. Alle Gegner der SPD, von den bürgerlichen „Besitzparteien“ und den kommunistischen „Helfern des Rechtsblocks“ bis hin zu den vielen „Splitterparteien“ wie der NSDAP oder der WP sammelten sich unter der Parole „Korruption, Barmat und Ebert!“ Doch die eigentlichen Skandale geschähen im „Lager der Schwarz-Weiß-Roten“, spottete die SPD über die Phoebus-Affäre als Missgeschick in der „nationalen Wahlküche“. Das stärkste Argument gegen die KPD stellte wie in früheren Wahlkämpfen der stereotype Vorwurf dar, sie hemme durch Spaltung und „Verrat“ der deutschen Arbeiter deren sozialen Aufstieg. Die „Moskauer Pfeifen“ verträten nur verbal Arbeiterinteressen und seien tatsächlich eine „Stütze der Reaktion“, deren Kandidaten Hindenburg sie schon 1925 entscheidende Wahlhilfe geleistet hätten. Den RFB-Verbotsversuch von Reichsinnenminister Keudell entlarvte die SPD als „alten Taschenspielertrick“, der den Kommunisten nur „Agitationsbälle“ zuwerfe, bei denen sich nach dem Zusammenbruch der weltrevolutionären Hoffnungen eine neue „Zahmheit des Tones“ gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft und dem Kapitalismus bemerkbar mache. Indem sie intensiv auf die Wahlparolen der KPD einging, ließ sich die SPD im Frühjahr 1928 zu einem guten Teil durch die aggressivere Propaganda des Gegners die Themen diktieren1381. Sah man in den Kommunisten den Hauptkonkurrenten um städtische Arbeiterschichten, wurden die Deutschnationalen bekämpft, weil sie sich jetzt wieder vor den Wahlen besonders landarbeiter- und bauernfreundlich gäben. In Wahrheit seien sie jedoch „Gegner des kleinen Mannes“, nämlich die „Partei der Junker und Schlotbarone“, deren Ziel einzig der Wiedererrichtung einer „überheblichen Adelsherrschaft“ sei. Die deutschnationalen Absichten illustrierten der „ostpreußische Junker“, der „kaiserliche Offizier auf dem Kasernenhof “ sowie die „berüchtigten Bilder großagrarischer Ausbeutung auf dem Lande“. Ebenfalls ohne echte politische Inhalte repräsentiere die insgesamt aber zurückhaltender angegriffene DVP die „Allmacht des Großkapitals“, dessen Inte res sen von der SPD gleichgestellt wurden mit „Hungerlöhnen für Arbeiter, Angestellte und Beamte, Vernichtung des Mittelstandes“1382. „Sie ist nicht für die Re pu blik, sie ist nicht für die Monarchie, die brave Zen trumspartei, sie ist für die Verfassung“, höhnte die SPD über die „Wandlungsfähigkeit“ des Zen trums, das helfe, das Brot zu verteuern und 485 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 die christlichen Arbeiter auf das Jenseits zu vertrösten. Unter dem Druck der „Großkapitalisten“ habe es sich dem „Block gegen die sozialdemokratischen Arbeitermassen“ angeschlossen, sei aber durch ihre „liberalen, kulturkämpferischen Koalitionsbrüder“ in der Schulfrage enttäuscht worden. Um den „Abmarsch der Re pu blikaner“ und der Arbeiter aus der Partei aufzuhalten, habe das Zen trum jetzt Joseph Wirth als Aushängeschild auf einen sicheren Platz der Reichsliste plaziert. Die Mexiko- Propaganda, mit der es die deutschen Katholiken zu mobilisieren versuche, wurde als „Vergiftung des öffentlichen Lebens“ in Deutschland verurteilt1383. An den Demokraten, ihrem potenziellen Koalitionspartner, kritisierte die SPD, dass ihnen das Privateigentum „heilig“ sei und sie die „Sehnsucht nach dem Manchesterliberalismus“ zu In te res senvertretern des Bankkapitals, der Beamtenschaft und der freien Berufe mache. Abgesehen von gelegentlichen Polemiken gegen die „Renegatentruppe“ der ASPD, die sich als „Handlanger der Reaktion“ betätige, erachtete die SPD im Frühjahr 1928 alle „Splitterparteien“ für so unbedeutend, dass sich eine Kritik erübrige. Spezifische Feindbild-Argumentation entwickelte sie nur gegen die NSDAP, die wie alle völkischen „Hetzapostel“ abgewirtschaftet habe und sich als „Verräter Südtirols und des deutschen Burgenlandes“ offenbare. Weil sie Deutschland mit Gewalt erneuern wollten, stünden die extremen Rechtsparteien in einer Front mit den Kommunisten. Typisch waren Bildpostkarten der SPD, auf denen ein Arbeiter beim „großen Reinemachen“ am 20.  Mai mit „Kommunisten“, „Deutsch-National“ und „Völkisch“ bedruckte Zettel wegfegte, um so für „Recht und Ordnung“ Platz zu schaffen1384. Im Mittelpunkt der sozialdemokratischen Adres sa tenwerbung standen im Frühjahr 1928 wieder die Arbeiter, an die spezifisch ein Viertel von 51 Wahlflugblättern gerichtet war, während alles in allem etwa zwei Drittel den größeren Kreis des „schaffenden Volkes“ oder der „arbeitenden Stände“ ansprachen, was sowohl Arbeiter, Angestellte und Beamte als auch Kleingewerbe und Landvolk umfaßte. In der berufsspezifischen Zielgruppenhierarchie folgten den Arbeitern die Beamten, an die immerhin vier von 51 Flugblättern adres siert waren. Die Versuche der SPD, die Stimmen der Angestellten für sich zu gewinnen, fielen ebensowenig ins Gewicht wie ihre Mittelstandspropaganda. Signifikant umworben wurden dagegen die Frauen sowie in geringerem Maße die Jugend und die Landarbeiter, an die sich spezifische Flugblätter zusammen mit den Kleinbauern richteten. Mit Blick auf die Sparer und Inflations- 486 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik opfer warb die SPD im Frühjahr 1928 um die „breite Masse der Minderbemittelten“ und bemühte sich, als die „Partei der Wohlfahrt für alle“ zu erscheinen, deren oberster Grundsatz das Allgemeinwohl sei1385. Gemäß ihrer allgemeinen Stoßrichtung gegen die „Reaktion“ und ihre Helfershelfer warnte die SPD die „breite Masse“ des Volkes, namentlich aber Arbeiter, Angestellte und Beamte vor den sozialen Kosten eines falschen Stimmzettels am 20. Mai, wie Erhöhungen der Lebensmittelzölle, der Mieten und der Verbrauchssteuern. Ausdrücklich machte sie sich unter der Parole „Wir wollen Brot und Leben!“ die Sache aller Minderbemittelten zu eigen: Alle „durch die Steuerpolitik des Bürgerblocks Ausgeplünderten, alle durch den Aufwertungsschwindel Betrogenen, alle, die bessere Gesellschaftszustände herbeisehnen, kurzum alle Unterdrückten wählen sozialdemokratisch!“1386 Zwar wurden auch die Kleingewerbetreibenden von der SPD zum „werktätigen“ Volk gezählt, aber nicht mit spezifischen Parolen umworben. Aus der Perspektive der Landarbeiter, die ihre Klassenlage erkennen sollten, forderte sie dagegen die Kleinbauern auf, die „falsche Front“ zu verlassen und mit den Arbeiter- und Verbrauchermassen gegen ihre „natürlichen Feinde“, die Großgrundbesitzer, zu kämpfen. Ihr Kieler Agrarprogramm von 1927, das die Anerkennung des bäuerlichen Eigentums, Förderung der landwirtschaftlichen Erzeugung, gerechte Besteuerung und eine ländliche Sozialpolitik vertrat, fand sich jetzt in Form von Versprechungen der SPD wieder, der „werteschaffenden Landbevölkerung“, Arbeitern wie Bauern, zu helfen und ihre Not „an der Wurzel“ fassen zu wollen. Dazu stellte sie ihnen einen solch umfangreichen Katalog konkreter Maßnahmen wie keiner anderen Berufsgruppe in Aussicht, vom Ausbau der Sozialversicherung bis hin zum großzügigen Bau von Eigenheimen auf dem Land1387. Indem sie in Abwehr eines „deutschnationalen Sudelblattes“ den Angestellten vorführte, wie die „politische Reaktion“ im Zusammenspiel mit den Unternehmern auf ihre Einfalt spekuliere, versuchte sich die SPD als ihre In te res senvertretung zu empfehlen, der sie Achtstundentag, Sonntagsruhe und Tarifverträge verdankten. Bislang sabotierten aber die bürgerlichen Parteien auch bewusst eine „Besserstellung der unteren und mittleren Beamten“. Speziell die Polizeibeamten stellte man im Frühjahr 1928 vor die Alternative, entweder wieder zu „monarchistischen Bütteln“ zu werden oder in der Demokratie mit freiheitlichem Beamtenrecht und ausreichender Besoldung dem ganzen Volk zu dienen1388. 487 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 Den Frauen präsentierte die SPD im Frühjahr 1928 einen aktuellen „politischen Küchenzettel“, auf dem die Verteuerung der Lebenshaltungskosten durch die Zollpolitik des Bürgerblockes ganz oben stand. Zur Mobilisierung einer größeren Zahl von weiblichen Wählern aus dem Bürgertum scheute sich die SPD nicht, die Frauen in Entlehnung rechtsextremer Vokabeln aufzufordern, das „Doppeljoch“ entzweizubrechen: „Brecht die Not der Sklaverei! Brecht die Sklaverei der Not! Brot ist Freiheit, Freiheit ist Brot!“1389 Für „stärkere Mitarbeit der jungen Generation in Staat und Wirtschaft“ lautete die Parole, unter der die SPD die Millionen von Jung- und Neuwählern im Frühjahr 1928 gewinnen wollte. Habe der „kaiserliche Militärstaat“ für die Jugend nur Kasernen und Krieg gebracht, sei heute in der Re pu blik bereits jeder Zwanzigjährige ein „freier und gleichberechtigter Staatsbürger“. Diejenigen aber, die nicht zur Wahl gingen, seien schließlich selbst schuld, wenn die „Arbeit“ mit noch mehr Steuern belastet und der „Besitz“ weiter geschont werde. Wählten alle „Schaffenden“, die zwei Drittel des deutschen Volkes darstellten, geschlossen sozialdemokratisch, würde es in Deutschland bald „anders“ werden1390. Unter diesen Vorzeichen führte die SPD im Frühjahr 1928 einen offensiven Wahlkampf, dessen allgemeinem „Abrechnungs“- Appell gegen den Bürgerblock alle tagespolitischen Einzelparolen untergeordnet wurden. Indem der Akzent ihrer Gegnerbekämpfung auf der Regierung des „Rechtsblocks“ und den Deutschnationalen lag, weckte sie Erwartungen auf eine Weimarer Koalition beziehungsweise politische Wende in Gestalt einer „Linksregierung“. Zugleich hielt sie sich aber die Option einer Großen Koalition offen und verschonte aus taktischen Gründen die DVP weitgehend von grobschlächtigen Angriffen. Auffälligstes Kennzeichen ihrer Zielgruppenpolitik waren die zumindest rhetorisch breitgefächerten Werbebemühungen der SPD, die auch damit Bereitschaft zur Übernahme der Regierung im Reich signalisierte. Die „gekündigte Regierungspartei“ – Rückkehr der Deutschnationalen zur alten Anti-„System“-Parole Nach dem Scheitern des Keudellschen Schulgesetzentwurfes und dem Bruch der Mitte-Rechts-Koalition im Fe bru ar 1928 befand sich die DNVP in der unangenehmen Lage einer „gekündigten Regierungspartei“. Kaum jemand glaubte, dass sie wieder in der nächsten Reichsregierung vertre- 488 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ten sein werde, zumal sie die Erwartungen vieler mittelständischer Wähler von 1924 insbesondere in der Aufwertungsfrage enttäuscht hatte. Innerparteilich verhärteten sich die Fronten zwischen dem alldeutschen Flügel unter Hugenberg, der jede Mitarbeit der DNVP in der Re pu blik strikt ablehnte, und der altkonservativen, aber pragmatisch denkenden Parteiführung um Graf Westarp, während der DHV-Vorsitzende Walter Lambach die monarchistische Restaurationsforderung der DNVP offen für überholt erklärte. Vor der Frage, einen defensiven Wahlkampf zur Rechtfertigung ihrer Regierungsmitarbeit 1925 und 1927/28 zu führen oder mit den alten radikalen Parolen gegen die Re pu blik in die Offensive zu gehen, entschied sich die DNVP für Letzteres in Form einer Kampfansage an die Außenpolitik Stresemanns1391. Ihr am 19.  April 1928 gemeinsam mit dem Aufruf für die Preußenwahlen veröffentlichter Reichstagswahlaufruf bezog scharf Stellung gegen den Verständigungskurs der Reichsregierung, da das Motto lautete: „Ziel unseres politischen Kampfes ist Deutschlands Befreiung von äußerer und innerer Knechtschaft“. Im Stile rechtsradikaler Opposition listete die DNVP die angeblichen Versäumnisse der Stresemann-Politik auf, da der Rhein immer noch „fremdes Joch“ trage, an den deutschen Grenzen weitere „offene Wunden“ klafften und die „Lüge von Deutschlands Schuld am Kriege“ die nationale Ehre beschmutze. Von der DNVP angeblich niemals geteilt, seien die „Illusionen von Locarno, Genf und Thoiry“ jetzt verflogen, betonte ihr Aufruf angesichts der andauernden „Verknechtung“ Deutschlands. Die von ihr dagegen verlangte „nationale“ Außenpolitik wolle den Frieden erhalten, allerdings „mit ehrlicher Verständigung, die das Lebensrecht und die Gleichberechtigung des deutschen Volkes“ achte. Zweite, nicht weniger zur oppositionellen Profilierung geeignete Schwerpunktsetzung der DNVP war die Forderung nach Umbau der Weimarer Verfassung. Der „uneingeschränkten Alleinherrschaft“ der Parlamente, die nur zu Regierungskrisen, öffentlicher Verschwendung und Steuerdruck führe, setzte sie ihren Ruf nach „mehr Macht“ für den Reichspräsidenten entgegen. Vor allem mit Blick auf die parallelen Landtagswahlen in Preußen übte man sich in schärfster Polemik gegen die „rote Parteipolitik“ und den „unwürdigen Verdrängungsfeldzug gegen das unvergängliche Symbol des nationalen Gedankens“, die Farben Schwarz-Weiß-Rot. Der Aufruf an die Reichstagswähler schloß mit der Beschwörung des „Volkspartei“-Charakters der DNVP, die alle „Stände“ umfasse und also schon durch ihr Dasein die Klassenkampfleh- 489 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 re widerlege: „Wer Deutschlands Stärke will und Frieden und Ordnung, wer sich für Christentum, Vaterlandsliebe und deutsches Lebensrecht entscheidet, der wählt die Partei der deutschen Zukunft, der wählt Deutschnational!“1392 In Abgrenzung zur offiziellen deutschen Außenpolitik empfahl sich die DNVP im Frühjahr 1928 wieder als nationalistische Kraft, die vor allem für die Beseitigung der „Sklavenketten von Versailles“, die Befreiung von der „Dawessklaverei“ und für die Totalrevision der Reparationen, kurz, für die „Rettung deutschen Landes in West und Ost“ kämpfe. Aktuell müsse ein drohendes „Ostlocarno“ abgewendet und statt dessen die „unmögliche“ Grenze im Osten des Reiches geändert sowie für Vereinigung mit Österreich, Rückgabe der Kolonien sowie eine „amtliche Aufrollung der Kriegsschuldlüge“ gesorgt werden. Um die enttäuschten Anhänger im inflationsgeschädigten Mittelstand von dem für sie mageren Resultat zweier Bürgerblock-Kabinette unter deutschnationaler Beteiligung abzulenken, spekulierte die DNVP mit scharfen Attacken gegen „Stresemanns Illusionspolitik“ auf antire pu bli ka nische Stimmungen. Schon immer habe sie deren „Methoden“ abgelehnt und auch in der Regierung gemeinsam mit Hindenburg eine „weit schärfere Vertretung“ der deutschen Belange gegenüber dem Ausland gefordert1393. Das entsprechende Wahlkampfmotto und zugleich der wichtigste Slogan der DNVP vom Frühjahr 1928 lautete daher „Mehr Macht dem Reichspräsidenten!“ Durch Beseitigung von Artikel 54 der Weimarer Reichsverfassung sollte der „Absolutismus“ der Parlamente und durch Personalunion von Reichspräsident und preußischem Staatspräsident die „Wühlarbeit“ des sozialdemokratischen Preußen gegen das Reich beendet werden, so eine spezielle Wahlkundgebung der DNVP zur „Verfassungsfrage“. Unter der Parole „Vorwärts mit Bismarck“ sagte sie dem Weimarer „System“, vor allem aber seiner angeblich verschwenderischen Ausgabenwirtschaft, den Kampf an. Ihr Wahlprogramm zum 20. Mai war ausdrücklich an die „Hindenburg-Wähler“ von 1925 adres siert, die dem „ehrwürdigen greisen Führer“ des deutschen Volkes das „Bitterste für seinen Lebensabend, das Joch sozialistischer Herrschaft“ im Reich ersparen sollten, indem sie auch jetzt wieder „Schwarz-Weiß-Rot“ wählten: „Herum mit dem Steuer! Der Staat muss sparsamer wirtschaften! Weg mit dem überspannten Parlamentarismus!“1394 Im Innern war die DNVP spürbar um eine positive Bilanzierung ihrer „sachlichen Arbeit im Dienste des Vaterlandes“ in der Regierung be- 490 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik müht. Als Anlass des Koalitionsbruches sorgte das Reichsschulgesetz dafür, dass sich ihre Propaganda im Frühjahr 1928 intensiver als in früheren Wahlkämpfen auf kulturpolitischem Gebiet zu profilieren versuchte. Gescheitert sei der Keudellsche Entwurf an der DVP, weil sie vor einer längerfristigen Bindung an die Koalition des „nationalen, christlichen Rechtsblocks“ zurückgeschreckt sei. Um Christentum und Deutschtum gleichermaßen gegen den „Ansturm materialistischer Irrlehren“ zu schützen, forderte die DNVP auch im Wahlkampf ein Schulgesetz, dessen „christlich-deutsch-völkischer Geist“ dafür sorge, dass die Jugend in „Ehrfurcht vor der großen Vergangenheit und den ewigen sittlichen Gesetzen“ heranwachse1395. In der Aufwertungsfrage trat sie die Flucht nach vorne an und setzte sich gegen den Vorwurf zur Wehr, in der Reichsregierung ihre umfangreichen Wahlversprechen von 1924 nicht eingelöst zu haben, und konterte vor dem 20. Mai mit eigenen „Aufwertungstatsachen“. Danach habe die DNVP keine übertriebenen Forderungen etwa auf hundertprozentige Aufwertung, sondern die Berücksichtigung des „wirtschaftlich Möglichen“ propagiert, was einschlägige Zitate beweisen sollten1396. Vor dem Hintergrund der aktuellen Agrarkrise erklärte man allerdings die „Rettung der Landwirtschaft“ zur innenpolitisch dringlichsten Aufgabe im Frühjahr 1928. In einer speziellen agrarpolitischen Kundgebung des Parteivorstandes wurde die „grundsätzliche Abkehr“ von der gegenwärtigen Handelspolitik sowie vor allem die sofortige Einführung höherer Schutzzolltarife verlangt, die denen des Auslands angepaßt seien. Wer darüber hinaus wolle, dass in der deutschen Wirtschaft der „Terror gegen Nichtsozis“ aufhöre und für „Beschäftigung und Brot“ gesorgt werde, müsse der DNVP wieder maßgeblichen Einfluss in der künftigen Regierung geben, den sie unter Verweis auf die Schaffung der Arbeitslosenversicherung auch „wieder im Sinne der werktätigen Bevölkerung“ auszuüben versprach1397. Frage des 20. Mai sei, ob in Deutschland das „Rot“ der SPD oder das alte „Schwarz-weiß-rot“ herrschen solle, stilisierten die Deutschnationalen den Wahltag wieder zum Zweikampf zwischen „Liste 1: Neue Revolution, Inflation und Not“ und „Liste 2: Christliche und nationale Politik, Ruhe und Ordnung“. Mit Blick auf Preußen akzentuierten sie den Kampf gegen die „rote Misswirtschaft“ und empfahlen sich Reichstags- wie Landtagswählern als die „große Rechtspartei“, die für die „wahre Volksgemeinschaft aller Deutschen“, für Umwandlung Preußens „aus einem roten Parteistaat in eine Stütze des Reiches“ 491 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 sowie „als letztes Hochziel für Wiederaufrichtung eines Volkskaisertums auf Bismarckscher Grundlage“ kämpfe1398. Grundsätzlich überlagert wurde die Gegnerbekämpfung der DNVP im Frühjahr 1928 durch die Suggestion einer großen Richtungswahl zwischen Deutschnationalen und dem „Marxismus“ in Gestalt der SPD, die spezifisch in 36 von 106 Flugblättern bekämpft wurde. Auch die Pamphle te, die gegen „Links“ sowie gegen das „System“ der Re pu blik polemisierten, dienten in erster Linie der Bekämpfung dieses Hauptfeindes. Stärkere Beachtung schenkte die DNVP daneben noch – im Zusammenhang mit dem Schulkampf – dem Zen trum sowie der neuerdings als „verfassungstreu“ eingestuften DVP, während die DDP als wichtigster bürgerlicher Bündnispartner der Marxisten hinsichtlich einer befürchteten Regierungsbildung nach Vorbild der preußischen „Linksregierung“ angegriffen wurde. Insbesondere an die Adresse der bisherigen bürgerlichen Koalitionspartner und ihrer Anhänger gerichtet, hieß es in diesem Sinne warnend: „Siegt links, dann geht Gewalt vor Recht“1399. Die Flugblätter der DNVP präsentierten dem „deutschen Volksgenossen“ im Frühjahr 1928 die verzerrt gezeichneten Typen eines Lumpenproletariers der KPD, eines hetzenden Juden, eines französischen Offiziers sowie eines sozialdemokratischen Bonzen als die „wahren Beherrscher Deutschlands“. Um die befürchtete Koalitionsbildung der Mitteparteien mit der SPD zu hintertreiben, legte die DNVP den Finger verstärkt auf Differenzen im „Reichsbanner-Lager“, etwa indem Zentrum und DDP vor Augen geführt wurde, dass sie sich in der „falschen Front“ befänden. In Abwehr der bereits für alles kommende Unheil verantwortlich gemachten „Linksregierung“, dem Pendant zur Bürgerblock- Agitation der SPD, versuchten sich die Deutschnationalen als „Bollwerk gegen die Revolution“ zu profilieren. Niemand außer ihnen sei stark genug, in Preußen-Deutschland die „rote Partei-Herrschaft“ sowie die „Marxisten“ zurückzudrängen, hinter denen bereits die „bolschewistischen Totengräber“ sichtbar seien und die unter Berufung auf Bismarck als die „schlimmsten Feinde des deutschen Volkes“ bezeichnet wurden. Der SPD müsse die „schwarz-rot-goldene Maske von der blutroten Fratze“ gerissen und ihr „frevelhaftes Spiel mit dem deutschen Arbeiter“ entlarvt werden. Sei sie früher noch eine „proletarische und ehrliche“ Partei gewesen, übe sie heute mit „innigen Beziehungen zur jüdischen Finanz“ nur noch „bewussten Arbeiterverrat“1400. Gegen die KPD, die „feindliche rote Bruderpartei“ der Sozialdemokraten, beschwor die DNVP in 492 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik erster Linie Schreckensbilder aus Russland, wo Chaos und Hunger herrsche, um den eigenen Parolen von „Ruhe und Sicherheit“ größere Wirkung zu verschaffen. Im Wahlkampf terrorisierten KPD und ihr RFB das „anständige Bürgertum“, rechtfertigte die DNVP den Verbotsantrag Keudells1401. Mit den Demokraten, die völlig im „Schlepptau“ der SPD segelten, beschäftigte sich die DNVP vor allem wegen der ihnen unterstellten Koalitionsabsichten. Die Sammlungsappelle der „charakterlosen Mitte“ jetzt vor der Wahl wirkten aber nur noch lächerlich, weil die seit 1919 beständig „zusammengehauene demokratische Gesellschaft“ bald gar keine Wähler mehr haben werde1402. Aber auch die DVP lasse diesmal „im Linksorchester ihr Lügentrompetchen“ gegen die Deutschnationalen erklingen. Im Stillen hoffe sie auf eine Große Koalition, um ungestört den „Stresemann-Kurs der Verständigungspolitik ohne Gegenleistung“ fortsetzen zu können. Ihre innenpolitische Wahlparole laute „Dienst am Staat“, also für die Re pu blik und damit „Verrat an der schwarzweißroten Front“1403. Obwohl man im aktuellen Schulstreit zusammen kämpfte, grenzte sich die DNVP gegenüber dem Zen trum kultur- beziehungsweise religionspolitisch scharf ab, indem sie dessen „Missbrauch der Kanzel“ zu politischen Zwecken anprangerte und sich selbst als betont „christliche“ Kraft für beide großen Konfessionen empfahl. Die katholischen Protestversammlungen zu Mexiko seien nur ein Wahlmanöver, weil das Zen trum zugleich nichts gegen die „Marterung der Deutschen Katholiken“ in Tirol unternehme1404. Unter stereotyper Betonung ihres Selbstbildes der „stärksten bürgerlichen Partei“ agitierte die DNVP im Frühjahr 1928 nachdrücklich, wenn auch wenig einfallsreich gegen die kleinen In te res senparteien. Typisch waren die Einwände gegen die WP, deren „zu enges wirtschaftliches Ziel“ an den „ideellen Forderungen“ der Zeit vorbeigehe, die vielmehr nur den Mittelstand von „großen Rechtsparteien“ wie der DNVP abziehe und ihn damit im Kampf gegen den Sozialismus schwäche. Als Splitter qualifizierte sie im Frühjahr 1928 schließlich auch die ansonsten kaum beachtete NSDAP ab, die durch Ziele wie die „Nationalisierung“ des Kapitals eine „rein marxistische“ Einstellung offenbare. An die Adresse der im VNB zusammengeschlossenen Gruppen, darunter nicht zuletzt die Deutschkonservativen, appellierte man, der „konservativen Weltanschauung“ treu zu bleiben und deutschnational zu wählen1405. 493 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 Obwohl landwirtschaftliche In te res senvertreter und der Hugenberg- Flügel große Finanzmittel bei der Kandidatenaufstellung einsetzten, galt für den Wahlkampf der DNVP im Frühjahr 1928 nach außen hin immer noch der Anspruch einer „nationalen Volkspartei“. Während die anderen Parteien „mehr oder weniger eng begrenzte In te res sen von besonderen wirtschaftlichen Berufsgruppen“ verträten, erhielten in der DNVP alle „schaffenden Stände“ und Berufe eine angemessene Vertretung1406. Ihre Flugblattpropaganda zeichnete sich dabei durch ein hohes Maß an berufsgruppenspezifischer Differenzierung aus – mit dem Akzent auf mittelständische Wählerschichten. Am stärksten umworbene Berufsgruppe waren die Arbeiter, an die sich – sowohl allein als auch zusammen mit den Angestellten als „Arbeitnehmerschaft“ – zwanzig von 106 Flugblättern richteten, gefolgt von den Gruppen des „Landvolks“ wie vor allem der Bauern. Auffallen konnte das intensive Bemühen um die Stimmen der Frauen, die in acht Flugblättern spezifisch angesprochen wurden. Mehr als andere Parteien kümmerte sich die DNVP vor dem 20. Mai auch um die „Nichtwähler“, deren Anwachsen sie fürchtete1407. Ihren potentiellen Wählern präsentierte sich die DNVP im Frühjahr 1928 mit zwei Gesichtern, sowohl als große rechte Volkspartei wie auch – zum Teil in einem Atemzuge – als die „nächst der sozialdemokratischen größte Arbeiterpartei“ oder die „größte Mittelstandspartei, trotz aller Splitterparteien“. In diesem Sinne warb sie um jede Berufsgruppe, angefangen von den „ehrlichen“ Arbeitgebern, die unter den „unerträglichen Steuerlasten“ litten, über die mittelständischen Handwerker, die der „sozialistische Regie-Betrieb“ zu schlucken drohe, bis hin zu den Arbeitern, deren „Bonzen“ von ihrem Elend profitierten1408. Aus christlicher Überzeugung und mittels einer „gesunden“ Sozialpolitik, die den notwendigen „Willen zur Selbsthilfe“ nicht schwäche, setzte sich die DNVP die Gleichberechtigung der Arbeiter in Staat und Wirtschaft zum Ziel. Nachdrücklich wies sie auf das „große Plus“ hin, das die letzte Reichsregierung in sozialpolitischer Hinsicht verbuchen könne, vor allem durch Schaffung der Arbeitslosenversicherung. In nur einem Jahr habe deutschnationaler Einfluss in der Regierung mehr zur „Besserung der Lage der Arbeiterschaft“ geleistet, als die SPD je erreicht habe. Vor dem Hintergrund des „Maifeierrummels“ der Linksparteien stellte die DNVP den Arbeitnehmern insgesamt „Verdienst und Brot“ in Aussicht und rief zum Kampf „gegen Proletarisierung, für Aufstieg und Fortschritt, für Standwerdung, Staatsbejahung und soziale Reformarbeit“ auf1409. Als Teil die- 494 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ser Propaganda entfaltete sie im Frühjahr 1928 beachtliche Anstrengungen, um die Stimmen der Arbeiterinnen und der Arbeiterfrauen für sich zu gewinnen. Die Deutschnationalen seien keineswegs die „Partei der ‚besseren Leute‘“, sondern verträten Arbeiter und Bürger gleichermaßen, so der Appell an alle Frauen, „Aktivposten in der deutschen Volksgemeinschaft“ zu werden1410. Dagegen warnte die DNVP die Beamten vor falschen Freunden, die sie als bloßes Stimmvieh in eine „angebliche Einheitsfront der Arbeiter, Angestellten und Beamten“ einreihen wollten. Indem sie mit der Beseitigung der „roten Parteiwirtschaft“ materielle Dinge, wie feste Anstellung, bessere Besoldung sowie beruflichen Aufstieg nach „Maßgabe der Leistungen“ versprach, machte sich die DNVP die Hoffnungen und In te res sen der Beamten zu eigen1411. Gegenüber dem selbständigen Mittelstand aus Handwerk und Gewerbe hieß es, dass seine Konkurrenz durch öffentliche Betriebe und große Warenhäuser sowie die Steuern und Wirtschaftsnot erst beseitigt würden, wenn sich Deutschland durch den „Zusammenschluss des Gesamtmittelstandes“ sowohl vom „inneren Terror der Marxisten“ als auch von der äußeren „Finanzknechtschaft“ befreit habe. Den Bauern stellte die DNVP in erster Linie konkrete In te res senförderung durch Befreiung von „unerträglichen“ Steuerlasten in Aussicht, statt derer günstige Kredite, ausreichender Schutzzoll sowie eine „bodenständige“ Handelsvertragspolitik ihre Not überwinden helfen sollten. Als Hauptfeind des Landvolks erschien die SPD, deren in die Praxis umgesetztes Agrarprogramm von 1927 dem Bauern durch Steuern die „letzte Kuh“ aus dem Stall ziehe sowie durch „billige Schlagworte“ Zwietracht zwischen den Landarbeitern und den Gutsbesitzer säe. Erinnert wurde an die „großen Verdienste“ des DNVP-Ministers Martin Schiele, der die deutsche Land wirt schaft durch Schließung der Zollgrenzen vor billiger Butter aus Dänemark und der Einfuhr von Schweinen aus Polen geschützt habe. Andererseits versprach die DNVP als große Volkspartei Millionen von „Verbraucher-Stimmen“ in die Waagschale zu werfen: „Für die Er näh rungsfreiheit Deutschlands! Für angemessene und feste Preise! Für eine starke, gesunde Landwirtschaft!“1412 Analog zu ihrer weitgehend interkonfessionellen Argumentation in der Schulfrage stellte sie vor dem 20. Mai alle „Christen“ vor die Entscheidung zwischen Ausbau des christlichen Einflusses im öffentlichen Leben oder allgemeiner „Zucht- und Sittenlosigkeit“. Gleichzeitig akzentuierte die DNVP mit Spitze gegen das Zen trum wieder ihren katholischen 495 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 Vertretungsanspruch und sah sich andererseits veranlasst, die Protestanten vor der Deutschen Reformationspartei zu warnen1413. Gegenüber der bei dieser Wahl zahlenmäßig stark zunehmenden Gruppe der Jungwähler glorifizierte die DNVP-Flugblattpropaganda trotz innerparteilichem Widerstand gegen solch nostalgische Verklärung die Vorkriegszeit und das „klingende Spiel und den Glanz der alten Parade“. Wenn die Jugend auch den „undeutschen“ Parlamentarismus und die „öden Parteiprogramme“ der „Alten“ verachte, dürfe sie am 20. Mai doch nicht durch Wahlenthaltung deren System stärken1414. Militärische Obertöne besaß die umfangreiche Propaganda der DNVP an die Adresse der Wahlmüden, musste sie doch damit rechnen, dass Teile ihrer Anhängerschaft aus Enttäuschung über die Politik zu Hause bleiben würden. Unter Parolen wie „Wer nicht wählt, begeht Fahnenflucht!“ und „Nichtwahl bedeutet Linkswahl“ appellierte auch der Stahlhelm trotz aller Abneigung gegen das „System der Stimmzettel-Souveränität“, am 20. Mai wählen zu gehen1415. Die DNVP führte im Frühjahr 1928 ungeachtet ihrer Regierungsverantwortung einen Wahlkampf im Rückgriff auf die alten erfolgreichen Anti-„System“-Parolen von 1924. Außenpolitisch reaktivierte sie in schroffer Frontstellung zu Stresemann ihre Opposition gegen Versailles, Dawesplan und Locarno. Schon vor der parteiinternen Machtübernahme und Radikalisierung durch Hugenberg verlegte sich die DNVP auf eine härtere Gangart gegen die Re pu blik. Die mit der Parole „Mehr Macht dem Reichspräsidenten“ aktualisierte Verfassungsfrage sollte sie als Systemgegner ausweisen, nachdem der monarchistische Slogan selbst innerparteilich mehr und mehr in Frage gestellt wurde und vor dem 20. Mai eine zugkräftige Wahlparole als Ersatz für „Schwarz-Weiß-Rot“ her musste. Gegen das verfassungspolitische Ausweichmanöver mit der Inbeschlagnahme des Reichspräsidenten bekundete jedoch nicht zuletzt dessen Büro deutliche Abneigung. Trotz offensiver nationalistischer Parolen gegen die Verständigungspolitik diktierten im übrigen die Gegner der DNVP ihr die Wahlkampfthemen wie das gescheiterte Schulgesetz oder die Aufwertungsfrage, vor deren Hintergrund sich kaum ein positives Bild über die deutschnationale Politik seit 1925 zeichnen ließ. 496 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Das Zen trum als „christliche Volkspartei“ gegen „kulturkämpferischen Sozialliberalismus“ Im Frühjahr 1928 aktualisierte sich der Konflikt zwischen Partei und Ex- Reichskanzler Joseph Wirth, der 1925 als Vertreter des „sozialen und repu bli ka nischen“ Flügels die Reichstagsfraktion aus Protest gegen die Koalitionspolitik des Zen trums verlassen hatte. Trotz innerparteilicher Widerstände beschloss die Parteiführung, Wirth auf die Reichsliste für den 20. Mai zu setzen, um so den Wahlkampf in größerer Geschlossenheit führen zu können. Auf der Tagung des Reichsparteiausschusses Mitte April 1928 in Berlin erklärte Prälat Kaas, dass das Ziel des Zen trums bleibe, den Staat im Geiste „christlicher Demokratie“ unter Beteiligung aller „aufbaufähigen und lebendigen Kräfte des Gesamtvolkes“ weiterzuentwickeln. In den Worten von Reichskanzler Marx, dem unterdessen Führungs- und Amtsmüdigkeit nachgesagt wurde, wollte das Zentrum gemäß seinem alten Grundsatz „ohne jede Bindung nach Rechts und ohne jede Bindung nach Links“ kämpfen. Der Konflikt mit der BVP war weitgehend bereinigt und die beiderseitigen In te res sengebiete nach dem Regensburger Abkommen vom November 1927 friedlich abgesteckt worden. Dass die Regierungskoalition über eine Streitfrage auseinanderbrach, die wie das Schulgesetz den Gegensatz der Konfessionen betraf, stellte für das Zen trum eine propagandistisch günstige Ausgangslage für den Reichstagswahlkampf dar. Andererseits konnte es kaum hoffen, seine kultur- und schulpolitischen Ziele in einer Mitte-Links-Regierung besser durchzusetzen, was den Ausgleichswillen der seit 1919 an jeder Reichsregierung beteiligten Partei eher schwächte1416. Der größte Teil des unter dem Datum des 12.  April 1928 veröffentlichten Wahlaufrufes des Zen trums war dem Schulkampf gewidmet, wobei die Schuld am Scheitern des Gesetzes der „liberalen“ DVP gegeben wurde. Die Wähler und Wählerinnen hätten aber am 20. Mai darüber hinaus zu entscheiden, welche Richtung die deutsche Politik überhaupt nehmen werde und ob man „Kindern auch in Zukunft Arbeit und Brot, Alternden und Fürsorgebedürftigen und verarmten Kleinrentnern Stütze und Halt“ bieten könne, akzentuierte das Zen trum den betont „entscheidungsschweren“ Charakter der Wahl unter sozialen Aspekten. Nach Außen gehe es um die Fortsetzung der „deutschen Befreiungspolitik auf dem Boden der Völkerverständigung in einer wahrhaften europäischen Ordnung“. Im Innern trat das Zen trum für die Erneuerung der Verfas- 497 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 sung im Sinne „lebendiger Demokratie“ vor allem durch eine Reform des Wahlrechts ein. So wie alle „Erwerbsstände“ gleichmäßige Förderung vom Staat beanspruchen dürften, könne die aktuelle Not der Landwirtschaft nur als eine Angelegenheit „aller schaffenden Stände“ überwunden werden. Bezeichnenderweise verlor der Aufruf über den Panzerkreuzer kein Wort. Ohne näher auf zukünftige Einzelaufgaben eingehen zu wollen, pries das Zen trum seine staatspolitischen Verdienste seit den Tagen des „Umsturzes“. Auch jetzt, da die wirtschaftlichen und sozialen In te res sengegensätze wieder hart aneinander stießen und sich überall „unpolitischer Sondergeist“ ausbreite, vertrete man „Ideal und Wirklichkeit einer christlichen Staats- und Volkspartei“. All denen, die ein „aufrichtiges Ja für den heutigen Staat“ hätten und Deutschland wieder zur Weltgeltung verhelfen wollten, empfahl sich das Zen trum mit den Losungen: „Friede und Verständigung nach außen, Gerechtigkeit und wahre Volksordnung im Innern, das ist unsere Parole! Für Wahrheit, Recht und Freiheit!“1417 Unterzeichnet war der Wahlaufruf im Namen der Zen trumsführung von Marx, dessen Bürgerblock-Kabinett innerparteilich nicht nur von Wirth kritisiert wurde. Bereits vor der Reichstagsauflösung waren Gerüchte aufgetaucht, wonach sich der Reichskanzler aus dem politischen Leben zurückziehen wolle. Im Vergleich zum letzten Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 und nach seiner missglückten Präsidentschaftsbewerbung vom Frühjahr 1925 fungierte Marx vor dem 20. Mai bereits in deutlich geringerem Maße als Aushängeschild des Zen trums. Charakteristisch für dessen Wahlkampf im Frühjahr 1928 war auch diesmal wieder der Anspruch, in der Agitation nicht wie die „falschen Propheten“ anderer Parteien auf Schlagworte und „ähnliche Rauschgifte“ vertrauen zu wollen. Gäbe es sonst keinen Grund, Zen trum zu wählen, müsse man es wegen seiner „Mittellinie“ wählen. Vor jedem tagespolitischen Einzelziel wurde seine Propaganda in diesem Sinne von dem Appell: „Zentralisiert die Kräfte“ dominiert, was eine Zusammenfassung aller „aufbauwilligen“ Parteien für den Dienst an Volk und Staat bedeute. Getreu alten Grundsätzen versprach das Zen trum wie bisher mit dem „Mut zur Verantwortung“ und in vaterländischer Pflichterfüllung „gegen Kriegsgeist und Nationalismus, für Frieden und Völkerverständigung, gegen den Klassenstaat, für den Volksstaat, gegen die Plutokratie, für soziale Volksordnung, gegen Kultur-Liberalismus, für die christliche Schule, gegen die Diktatur, für die Demokratie“ einzutreten1418. Als Regierungspartei 498 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik musste dem Zen trum daran gelegen sein, über solche Programmziele hinaus konkrete Erfolge der deutschen Außen- und Innenpolitik vorzuweisen. Dazu wurde der Blick des Wählers aber nicht auf die Arbeit der letzten Regierung gelenkt, sondern die gesamte Nachkriegsentwicklung des Reiches als Erfolgsgeschichte bilanziert. Während Deutschland 1918 ein Trümmerhaufen gewesen sei, seine Führer geflohen und weite Gebiete in „Feindeshand“ seien, habe 1924 dank dem Zen trum der deutsche Wiederaufstieg eingesetzt und werde schon bald das Rheinland wieder frei und der Dawesplan revidiert sein: „Ein neues Großdeutschland frei von Ketten und militärischer Bewachung wird erstehen“1419. Dem Bekenntnis zur äußeren Verständigungspolitik trat im Frühjahr 1928 eine „freudige Bejahung der Re pu blik und ihrer Farben“ zur Seite, wie sie vom Zen trum vorher noch nicht bekannt war. Innenpolitisches Hauptthema bildete erwartungsgemäß der Streit um das Reichsschulgesetz, der von der katholischen Partei dazu benutzt wurde, ihrem Wahlkampf die dramatischen Akzente zu verleihen. So sah sie bereits wieder den „Terror der Kulturkampfzeit“ herannahen, da sich eine „liberal-kommunistische Einheitsfront“ auf kulturpolitischem Gebiet formiere. Fordere das Zen trum ein Reichsschulgesetz, das auf der Grundlage von Elternrecht und Gewissensfreiheit „allen Weltanschauungen freie Entwicklungsmöglichkeiten“ gebe, versuche der „kulturfeindliche Liberalismus“ in Gestalt der DVP – aufgeputscht von den Demokraten – mit aller Gewalt die Simultanschule einzuführen. Überall nähmen diese „religionslosen Sammelschulen“ bereits zu und drohe die deutsche Jugend ungeschützt dem „Schmutzkapitalismus“ in Literatur und Theater ausgeliefert zu werden. Dem stellte das Zen trum im Frühjahr 1928 sein Programm der „christlichen Weltanschauung in der gesamten Gesetzgebung und Volksordnung“ entgegen1420. Zugleich versuchte sich die Regierungspartei im Wahlkampf als „christlich-soziale“ Kraft zu profilieren, die insbesondere für die „Schwachen“ eintrete und für mehr „so zialen Geist“ im Wirtschaftsleben bürge. Über vage Parolen für eine „gerechte, ausgleichende Steuerpolitik“ oder die „Zurückdrängung der Truste und Kartelle“ hinaus akzentuierte ihre Propaganda aber keine spezifischen sozial- oder wirtschaftspolitischen Themen. Hinsichtlich zukünftiger Koalitionen war zwar offizielle Parole, sich nicht festzulegen, jedoch verhüllte das Zen trum kaum, dass man die gegenwärtige Mitte-Rechts-Koalition als Auslaufmodell betrachtete. In der für ihre Agitation typischen Weise forderte die „Partei der lebendigen Mitte“ den Wähler zur Stand- 499 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 ortbestimmung am 20. Mai auf: „Schau nicht nach rechts, / Schau nicht nach links, / Der goldene Mittelweg, / Er ist der Beste, Liste 3“1421. Überschattet durch den Schulkonflikt wurden alle Gegner des Zentrums in seiner Wahlpropaganda vom Frühjahr 1928 pauschal als „Parteien des Atheismus“ bekämpft, von den Sozialisten und Kommunisten, den liberalen Parteien bis hin zum „überspannten Nationalismus“ der Rechtsparteien und dem „einseitig mittelständlerischen Klassenkampf “ in Gestalt der WP1422. Die besondere Frontstellung der katholischen Partei galt in einem knappen Drittel von 32 Wahlflugblättern dem Feindbild des kulturkämpferischen „Sozialliberalismus“, einem „rot-blauen Block“, während parteipolitisch am stärksten gegen den bisherigen Koalitionspartner DNVP agitiert wurde. Noch vor traditionellen Feindbildern des Zen trums wie dem „Radikalismus“ richteten sich spezifisch fünf von 32 Flugblättern gegen die kleinen In te res senparteien1423. Für das Zen trum stellte vor dem 20. Mai der „Radikalismus in jeder Form“ – ob nun der politische „Terror des Sozialismus und Kommunismus“ oder die wirtschaftlichen „Herrschaftsgelüste der Reaktionäre und des Großkapitals“ – gleichwohl ein Hauptgegner dar, weil er dem Gedanken der „christlichen Volksgemeinschaft“ widerspreche, vielmehr „Klassenkampf und Kastengeist“ Vorschub leiste. Speziell die SPD wurde nach bewährtem Muster als „Partei der Phrase, des Scheins, der Agitation, der inneren Unwahrhaftigkeit, der Verantwortungslosigkeit“ bezeichnet. In den letzten vier Jahren habe sie – obwohl stärkste Fraktion – stets die Übernahme von Regierungsverantwortung aus Parteirücksichten gescheut. Das Zen trum thematisierte in erster Linie die „Agitationspolitik“ der SPD, gegenüber der es sich besonders den „christlich denkenden“ Arbeitern als die pflichtbewusste „Partei des sozialen Gewissens“ empfahl. Heftig antwortete sie dem Vorwurf, wonach die Aufregung über die angebliche Katholikenverfolgung im sozialistisch regierten Mexiko lediglich ein Wahlmanöver sei, um die katholischen Arbeiter und Angestellten von der Bürgerblockpolitik des Zen trums abzulenken. Richtig sei vielmehr, dass die „mexikanischen Schrecken“ auch außerhalb Deutschlands für Empörung sorgten, allerdings außer im katholischen Lager ein „Komplott des Schweigens“ herrsche1424. Unter Beschwörung alter Kulturkampfzeiten brandmarkte das Zentrum die liberalen Parteien als Feinde von Freiheit und Recht in Deutschland, die getreu ihrer Geistestradition den Staat über das Naturrecht der Eltern stellten und jetzt im Frühjahr 1928 wieder auf „die bekannte Li- 500 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik nie eines als ‚Liberalismus‘ ausgegebenen staatlichen Kulturabsolutismus“ einschwenkten. Zusammen mit den als „Einpeitscher“ fungierenden Demokraten sowie den Linksparteien habe die DVP einen „rot-blauen Block“ gegen das Zen trum und den Schulentwurf gebildet1425. Obwohl sie nicht der kulturpolitischen „liberal-kommunistischen Einheitsfront“ angehörte, war der Koalitionspartner DNVP dennoch der im einzelnen am stärksten vom Zen trum angegriffene Gegner im Frühjahr 1928. Während sie in der Praxis keinerlei Verständnis für die „katholische Sache“ zeigten, buhlten die Deutschnationalen trotzdem wieder massiv um katholische Wähler. Als selbsternannte „Partei Hindenburgs“ vergifteten sie mit der Parole „Mehr Macht dem Reichspräsidenten“ den Wahlkampf und brüskierten obendrein Hindenburg, der sich gegen jede parteipolitische Inbeschlagnahme wehre. Das deutschnationale Versagen in der praktischen Politik werde, warnte das Zen trum speziell die Bauern, die neugegründete Christlich-Nationale Bauern- und Landvolkpartei lediglich wiederholen1426. Indem es den Gemeinschaftsgeist der Urfamilie als „Spiegelbild unserer heutigen zerrissenen großen Volksfamilie“ beschwor, versuchte das Zen trum alle „Splitterparteien“ bloßzustellen, die nur kritisieren und keinerlei „positive Erfolge“ vorweisen könnten, so insbesondere die WP. Ohne ein kultur- oder außenpolitisches Programm zu besitzen, mache sich diese Sondervertretung durch ihre einseitige mittelständische Ausrichtung wie die Sozialisten des „unchristlichen Klassenkampfes“ schuldig1427. Auch im Frühjahr 1928 war die Flugblattpropaganda des Zen trums in erster Linie an alle deutschen Männer und Frauen der „christlichen Volksgemeinschaft“ in Stadt und Land adres siert, die nicht „Stand gegen Stand, Beruf gegen Beruf, Klasse gegen Klasse, sondern Mensch zu Mensch, Familie zu Familie“ wählen sollten. Als Partei der Mitte wollte sie Wählerschichten gleich welcher Konfession um ihre Fahne sammeln, da bereits „alle Berufe, alle Stände neben- und miteinander“ in ihr wirkten. Dieses Volkspartei-Image galt nicht zuletzt gegenüber der katholischen Spezialklientel als stärkstes Argument, die spezifisch immerhin in einem knappen Fünftel von 32 Flugblättern und auch ansonsten – sei es durch Adressen im Text, sei es durch die Thematik oder Parolen – bevorzugt angesprochen wurde. Als berufsspezifische Zielgruppen des Zen trums traten die Arbeiterschaft und der selbständige Mittelstand hervor1428. Seiner Stammwählerschaft empfahl sich das Zen trum als „festes Bollwerk“ der deutschen Katholiken, gegenüber denen im Frühjahr 1928 mit 501 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 dem Schulkampf ein kulturpolitisch brisantes Thema akzentuiert werden konnte. Die allgemeinen Parolen für die Bekenntnisschule wurden von einer milieutypischen Argumentation spezifiziert, wonach dem katholischen Volk seine „religiösen und sittlichen Güter“ höher stünden als alle materiellen „In te res sen“. Dem deutschen Katholiken liege aber nicht nur die Erziehung seiner Kinder und die „volle Freiheit“ seiner Kirche am Herzen, sondern er höre jetzt auch mit Entsetzen die Hilferufe der Glaubensgenossen in Mexiko, wo die Religion ähnlich unterdrückt werde wie in Sowjetrussland, dessen Schicksal auch Deutschland blühe, wenn der „gesamte Liberalismus“ am 20. Mai siegen würde. Speziell die „Diasporakatholiken“ bat das Zen trum um Verständnis, wenn es auch jetzt nicht möglich sei, in der Diaspora angemessenen Wahlkampf zu führen. Wahlmüdigkeit von Zen trumswählern sei aber andererseits nichts anderes als „Verrat an unserer katholischen Sache“1429. In Abgrenzung vor allem zur „klassenkämpferischen“ WP empfahl sich das Zen trum den selbständigen Handwerkern und Kaufleuten als In te res senvertretung, die das Privateigentum gegen die „unsinnigen Bestrebungen marxistischer Sozialisierung“ schütze. Sieht man von dem Hinweis auf das kurz vor den Wahlen noch verabschiedete Notprogramm der Regierung für die Landwirtschaft ab, wurden den Bauern typischerweise keine materiellen Versprechen offeriert1430. Arbeiter, Angestellte und Beamte konfrontierte die Zen trums pro pagan da im Frühjahr 1928 verstärkt mit der „sozialistischen Schaumschlägerei“ der Linksparteien, die ihnen das Blaue vom Himmel herab versprächen und so unmögliche Hoffnungen weckten. Die Lage der deutschen Arbeiter habe sich aber bereits seit der Inflation stetig verbessert, nicht nur sei die Arbeitslosigkeit zurückgegangen, sondern auch die Not der Erwerbslosen durch eine eigene Versicherung erheblich gemildert1431. Den Jungwählern signalisierte das Zen trum zwar Verständnis, wenn sie von dem „Parteigezänk“ nichts wissen wollten, weil es der Volksgemeinschaft wenig dienlich sei. Der Aufruf der Windhorstbünde wandte sich aber mit kräftigen Worten gegen die Wahlfaulheit, die „Spießbürger“ schon in jungen Jahren ereile und gegen die politische Entschlusskraft und Verantwortungsfreudigkeit propagiert wurden1432. Die Frauenpropaganda des Zen trums akzentuierte zwar kulturpolitische Parolen, versuchte aber auch durch Analogien zur Lebenswelt der Frauen die eigene Vermittlerrolle in der Politik zu rechtfertigen. Tagtäglich sei doch die Hausfrau gezwungen, Konzessionen zu machen, um die Ordnung in ih- 502 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik rem „Kleinstaate“ aufrechtzuerhalten: „Weshalb also verargst du die um der Sache willen unumgänglichen Kompromisse deiner Partei, die als Partei der Mitte die Brücke bilden muss zwischen rechts und links!“1433 Dem sich in der Regierungsverantwortung mehr und mehr abnutzenden Zen trum fiel es vor dem 20. Mai 1928 schwerer als in früheren Reichstagswahlkämpfen, eine zündende Wahlparole zu finden. Der Eindruck Karsten Rupperts, wonach man deshalb aus Verlegenheit wirtschaftliche Fragen akzentuierte, bestätigt sich im Spiegel der Flugblatt- und Pressepropaganda allerdings nicht. Vielmehr antwortete das Zen trum mit einer „kulturkämpferischen“ Agitation, die auch auf Nebenschauplätze wie Mexiko auswich, auf das Scheitern des Schulgesetzes, angesichts dessen die Bilanz des vierten Kabinett Marx auch aus Zen trumssicht negativ ausfallen musste. Die Partei des Reichskanzlers gab sich wenig Mühe, den Koalitionsfrieden nach außen hin zu wahren, sondern profilierte sich in der Schulfrage mit extrem scharfen Feindbildern als „Bollwerk“ der Katholiken und des „christlichen Volkes“ gegen eine „liberalkommunistische Einheitsfront“. Wegführend von materiellen Ta ges proble men wurde ansonsten Rückschau über zehn Jahre Zen trumspolitik in der Re pu blik gehalten, zu der sich im Reichstagswahlkampf Anzeichen eines stärker affirmativen Verhältnisses fanden. Die Berufung auf das „Mysterium“ des Zen trums und die kulturkämpferischen Obertöne kündigten im Frühjahr 1928 bereits die Kurskorrektur an, die in der Forschung gemeinhin mit dem Kölner „Parteitag der Besinnung“ vom folgenden Oktober symbolisiert wird1434. „Im Geiste Bismarcks und Hindenburgs mit Stresemann für’s Neue Reich“ – Die Deutsche Volkspartei Die DVP musste den Wahlkampf im Frühjahr 1928 aus der wenig verheißungsvollen Position einer Partei heraus führen, die wesentliche Mitverantwortung für die Reichspolitik seit 1923/24 trug, aber in den Augen der Öffentlichkeit durch ihre Ablehnung des Keudellschen Schulgesetzes maßgeblich den Bruch der bürgerlichen Regierungskoalition verschuldet hatte. Angesichts dessen mutete es wie Zweckoptimismus an, wenn sie Anfang April 1928 meldete, dass nichts ihre „Siegeszuversicht“ besser veranschauliche als die Wahlkreiskandidatur Stresemanns in Bayern. Anders als bei früheren Reichstagswahlen sei aber, so der Ehrenvor- 503 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 sitzende Geheimrat Kahl, am 20. Mai nicht über „wesentlich neue gro- ße politische Probleme“ zu entscheiden1435. Nachdem Stresemann die Wahlpropaganda der DVP bereits mit Spitze gegen das Zen trum unter dem Motto „Kein Kulturkampf – Dienst am Staate“ eröffnet hatte, charakterisierte den am 23.  April 1928 veröffentlichten Wahlaufruf des Zentralvorstandes eine betont um Ausgleich bemühte Geste. Die DVP empfahl sich darin als „Partei des Wiederaufbaus“, die stets ihre Versprechen gehalten und „praktische Arbeit“ geleistet habe, sowohl im Reich als auch in Preußen, wo vielmehr nun schon seit Jahren eine Linksregierung „unfruchtbare Politik“ betreibe. Nach diesem Seitenhieb gegen das Weimarer Koalitionsmodell wandte sich der Aufruf seinem Hauptthema zu: der zur einzigartigen Erfolgsgeschichte stilisierten Außenpolitik des „Führers der Deutschen Volkspartei Dr. Stresemann“. Durch sie habe sich das Reich seit 1923 innerhalb weniger Jahre wieder eine „geachtete und gefestigte Stellung“ in der Welt zurückerobern und „fühlbare Erleichterungen“ in den besetzten Gebieten erreichen können. Dennoch blieb der Katalog außenpolitischer Ziele lang und reichte von der „unverzüglichen völligen Befreiung der Rheinlande von fremdem Joch“, einer „erträglichen“ Gestaltung der Reparationen bis hin zur Änderung der „unmöglichen“ deutschen Ostgrenze und zu dem Anspruch auf neue koloniale Betätigung, an dem die DVP „unverrückbar“ festhalte. In der Innenpolitik wurde neben dem Erhalt eines „kräftigen Bauernstandes“ dem ganzen Mittelstand besondere Fürsorge sowie ein Rentenversorgungsgesetz versprochen. Über allem stand die Stresemannsche Parole „Dienst am Staat“, mit der die DVP ausdrücklich ihre Bereitschaft zur Teilnahme an einer künftigen Reichsregierung signalisierte: „Wer seine nationale Gesinnung nicht nur mit Worten, sondern mit der Tat bewahren, wer im Sinne liberaler Weltanschauung für die Freiheit des Geistes und der Lehre eintreten, wer im Sinne einer gesunden praktischen Realpolitik am Wiederaufbau unseres Vaterlandes mitarbeiten will, der wähle: Deutsche Volkspartei, Liste 4“1436. In ihrer Wahlpropaganda vor dem 20. Mai 1928 akzentuierte die DVP das Selbstbild einer „bewährten Partei des deutschen Bürgertums“, die allein für „nationalen Aufstieg und äußere Freiheit“ Deutschlands bürge. Ihre Politik sei nicht nur von Verantwortung und Vernunft geprägt, sondern stehe in der Kontinuität der „großen, auf Bismarck zurückreichenden nationalen und liberalen Traditionen“. Höhepunkt des mit dem Parteivorsitzenden als Aushängeschild außenpolitische Akzen- 504 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik te setzenden Wahlkampfes der DVP im Frühjahr 1928 bildete der sprichwörtliche und bald berühmte Plakatslogan: „Was gehn Dich denn die Andern an, / Du wählst wie Gustav Stresemann“. Sein krankheitsbedingter Ausfall im Wahlkampf leistete dabei einer überragenden Präsenz in der bildlichen und schriftlichen Reklame der DVP eher noch Vorschub. In ähnlicher Form und Absicht präsentierte sie „Bismarckworte zur Wahl“ und spannte sowohl den Eisernen Kanzler als auch den Reichspräsidenten direkt für ihre Wahlpropaganda ein: „Im Geiste Bismarcks und Hindenburgs mit Stresemann für’s Neue Reich“1437. Weil die DVP nach der Novemberrevolution den Einfluss der Linksparteien erfolgreich eingedämmt und seit 1923 das größte Verdienst an dem Aufschwung Deutschlands habe, könne sie mit mehr Recht als andere den Titel der „eigentlichen Staatspartei“ für sich beanspruchen. Unter dem Motto „Das freiheitlich-vaterländisch gesinnte Bürgertum erwacht!“ präsentierte sie im Frühjahr 1928 ein Wahlprogramm, das an erster Stelle den Kampf „gegen alle Angriffe auf Recht und Eigentum, gegen Sozialismus und Kommunismus, gegen würdelosen Pazifismus“ versprach. Ins Positive gewendet hieß das, „für sparsame Wirtschaft, für Senkung steuerlicher Lasten, für deutsche und christliche Kultur“ einzutreten. Innenpolitisch dominierte allerdings die Parole „Schulfrieden, nicht Schulkrieg“, unter der die DVP vor dem 20. Mai ihr Ziel wiederholte, ein „christliches und deutsches“ Reichsschulgesetz schaffen zu wollen, das die staatliche Hoheit über die Schule wahre und gegen „Klerikalisierung und Konfessionalisierung“ sowie die einseitig „überspannten“ Absichten von Zen trum und DNVP schütze1438. Auf wirtschaftlichem Gebiet versuchte sich die DVP wie in den Wahlkämpfen von 1924 vor allem als In te res senvertretung des selbständigen Mittelstandes zu profilieren. Weil der Kampf gegen das „freie“ Unternehmertum in der Hauptsache auf dem Gebiete der Steuerpolitik geführt werde, forderte sie die Beseitigung des „unerträglichen Steuerdrucks und der sozialen Überlastung“, worin die größten Hemmnisse für die Gesundung der Wirtschaft sowie für eine „günstige Entwicklung der Lebenserhaltung aller Stände“ gesehen wurden. Um das „zu viel Regierung, zu viel Behörden“ zu überwinden, engagierte sich die DVP für eine „organische“ Weiterentwicklung der Verfassung und gegen die „Auswüchse des Parlamentarismus“1439. Sozialpolitisch hatte sie auch im Frühjahr 1928 wenig mehr zu bieten als Parolen, wonach Grundlage jeder sozialen Politik nur eine „leistungsfähige“ Wirtschaft und das Privateigentum sein könnten. Der „Klassen- 505 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 kampf “ der SPD hemme dagegen den sozialen Fortschritt in Deutschland, der trotz schweren wirtschaftlichen Problemen in den Jahren bürgerlicher Regierung seit 1925 erreicht worden sei. Die Fortführung dieser Aufbauarbeit könne, so die koalitionspolitische Aussage der DVP, nur in einer „ehrlichen staatspolitischen Arbeitsgemeinschaft unter Ausschluss des Parteihaders“ geschehen1440. Mit Blick auf Preußen, von wo aus der „Sozialismus“ das Reich zu erobern drohe, führte die DVP ihren Wahlkampf im Frühjahr 1928 gegen die SPD und die preußische „Linksregierung“ der Weimarer Koalition, die auf Reichsebene ebenso verhindert werden müsse wie ein Anstieg des „Radikalismus“, womit man allerdings auch die beiden großen Flügelparteien meinte. Während sich 21 von 41 Flugblättern spezifisch gegen dieses Feindbild richteten, galt ein weiteres Hauptaugenmerk der DVP den „Splittern“, allen voran der WP. Vier Flugblätter griffen des weiteren die Kombination Zen trum und DNVP als Gegner im Schulkonflikt an. Vor allem wegen ihrer außenpolitischen Offensive gegen Stresemann bildeten die Deutschnationalen im Frühjahr 1928 erstmals einen Hauptgegner der DVP1441. Die Aus ei nan der set zung der DVP mit ihren Gegnern lebte im Frühjahr 1928 wesentlich von dem Kontrast zwischen dem Selbstbild einer „Partei der sachlichen Arbeit“, die etwa betont „vernünftige“ Wirtschaftsziele vertrete, und den Parteien, die sich in radikaler Opposition mit „unerfüllbaren Versprechungen“ gegenseitig überböten. Sprachregelung war, dass KPD und SPD zwar die „äußerste Linke“ bildeten, aber gemeinsam mit den Nationalsozialisten, den „verkappten Anhängern des eigentumsfeindlichen Sozialismus“, zur Front der Feinde jeder privaten Wirtschaftsordnung zusammengefaßt wurden. So argumentierte die DVP im Frühjahr 1928 vor allem unter wirtschaftspolitischen Vorzeichen gegen die SPD und beschwor Zustände „wie in Russland“, die bei Verwirklichung ihres „internationalen Klassenkampfprogramms“ drohten. Die sozialen Verbesserungen der letzten Jahre hätten größtenteils im Kampfe gegen die Sozialdemokratie erstritten werden müssen, die deshalb zur „Reaktion von links“ gestempelt wurde1442. An ihre bisherigen bürgerlichen Koalitionspartner appellierte die DVP, die Gegensätze in der Schulfrage nicht noch weiter zu vertiefen. Das Zen trum habe aber keinen Zweifel daran gelassen, dass es „konservativ und kirchlich“ eingestellt und als „politische Schutzorganisation des deutschen Katholizismus“ an bestimmte Grenzen gebunden sei. Der als unnötig dargestellte Bruch der Koali- 506 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik tion über das Schulgesetz verdeutliche nur, dass ihm die Politik mit den Deutschnationalen „schon lange unbehaglich“ gewesen sei und der linke Flügel auch im Reich zur Koalition mit der SPD dränge. Weil die angeblich linksgerichtete DDP es schaffe, den Bau eines neuen Panzerkreuzers sowie in unverantwortlicher Opposition den Reichshaushalt abzulehnen, andererseits in Preußen nichts gegen die „drückenden“ Steuern unternehme, könne ihr kein staatspolitisch denkender Mittelständler am 20. Mai seine Stimme geben1443. Aus der Perspektive enttäuschter Anhänger von 1924 setzte sich die DVP im Frühjahr 1928 ausführlich mit den Deutschnationalen und ihrer „zerfahrenen“ Politik auseinander. Gegen ihre sich bereits wieder in „schärfster Opposition“ übende Wahlpropaganda wurde betont, dass Stresemanns Außenpolitik nach 1924 mit ausdrücklicher Zustimmung der DNVP fortgeführt worden sei. Weil sie jetzt dennoch von ihr aus rein wahltaktischen Gründen in den Wahlkampf gezogen werde, richtete die DVP zehn „Locarno-Fragen“ an die DNVP, um ihr die eigene „Erfüllungspolitik“ vor Augen zu führen. In der Praxis habe sie nicht nur den Kampf gegen die „Versklavung“ Deutschlands aufgeben müssen, sondern seien auch ihre hochtönenden Wahlversprechen wie etwa für eine 100prozentige Aufwertung als Phrasen entlarvt worden. Während die früheren Konservativen schon immer einem „verlogenen Nationalismus“ frönten, betreibe die NSDAP in der Südtiroler Frage schlichtweg „Verrat“ und werde ihre Wahlpropaganda gegen Stresemann mit italienischer Lire bezahlt1444. Deutlich umfangreicher als früher war die Agitation, welche die DVP im Frühjahr 1928 gegen die „In te res senlisten“ entfaltete. Vor allem die „Bierbankpolitik“ der WP wurde als Gegenbild jeder „nationalen Realpolitik“ angegriffen. Damit keine Stimme sinnlos der „bürgerlichen Sache“ verloren gehe, müsse sich das gesamte „freiheitlich-vaterländisch gesinnte Bürgertum“ am 20. Mai für die DVP entscheiden1445. Vor jeder spezifischen Adres sa tenwerbung betonte die DVP im Frühjahr 1928 zunächst ihr Eintreten für den Ausgleich der In te res sen aller „Berufsstände“ im Sinne der nationalen Volksgemeinschaft von Bürgern und Arbeitern1446. Trotzdem weist ihre Flugblattpropaganda vor dem 20. Mai einige bevorzugte Adres sa ten auf, so vor allem die Berufsgruppen des selbständigen Mittelstands, an die spezifisch sieben von 41 Flugblättern gerichtet waren. Bedingt durch die thematische Schwerpunktsetzung des Wahlkampfes bildeten die Eltern und Lehrer einen wichtigen Ansprechpartner der DVP. Stärker als andere Parteien ver- 507 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 suchte sie die „Bürger“ zu gewinnen, während sich ihre Wahlpropaganda noch durch einen betont weiblichen Einschlag auszeichnete, insofern sich ihre Flugblätter stets auch explizit an die „Wählerinnen“ richteten1447. Gegenüber allen Adres sa tengruppen, die angesichts der gegenwärtigen Not zu Recht über die Parteien klagten, wies die DVP als „Partei der vernünftigen Leute“ immer wieder auf die notwendige Einigung zur „nationalen Front aller ehrlich Schaffenden in Stadt und Land“ hin. Zielgruppenspezifisch versprach sie den Schutz des „freien“ Unternehmertums vor allem im Mittelstand durch schärfste Bekämpfung jeder Sozialisierung und Kommunalisierung, um so der „privaten Leistung“ wieder größere Geltung zu verschaffen, das hieß in erster Linie die Konkurrenz der großen Warenhäuser und der Gemeindebetriebe abzubauen. Während ihre Gegner aus „großstädtischem Massenwahn“ heraus mittelstandsfeindliche Politik betrieben, habe die DVP dem deutschen Volk und den selbständigen „Berufsständen“ mit Stresemann einen Führer gestellt, der selbst aus dem Mittelstand komme1448. Unter der Parole „Die Sozialdemokratie redet, die Deutsche Volkspartei handelt“ forderte sie die Arbeiter auf, sich nicht länger von der SPD – „von den Kommunisten gar nicht zu reden“ – täuschen zu lassen. In erster Linie der DVP hätten sie die „hervorragenden sozialpolitischen Leistungen“ des alten Reichstages zu verdanken, neben dem Arbeitszeitnotgesetz vor allem die Arbeitslosenversicherung. Unter Spekulation auf soziale Harmonie- und Aufstiegswünsche versuchte sie, die Arbeitnehmer von dem Gedanken der Sozialpartnerschaft zu überzeugen, indem sie ihnen verhieß: „Die Arbeitnehmer sind als Stand so wichtig wie die Unternehmer!“1449 Gegenüber den Beamten thematisierte die DVP die nachempfundene Enttäuschung über die letzte Besoldungsreform, deren „mageres Ergebnis“ – tatsächlich immerhin durchschnittlich 17 Prozent der Bezüge – den Weimarer Koalitionsparteien angelastet wurde. Statt dem Gerede zu glauben, die DVP sei eine „Partei der Wirtschaft“, sollten sich die Beamten zusammen mit ihr der von den anderen Parteien geförderten „In te ressenwirtschaft“ widersetzen1450. An die Adresse der Bauern hieß es, dass sich die DVP stets für Zollschutz der Landwirtschaft „im berechtigten Ausmaß“ eingesetzt habe, während den Deutschnationalen das Schulgesetz wichtiger sei als ein Agrarhilfsprogramm und das Zen trum unter dem Einfluss seines linken Flügels auf „Konsuminteressen“ immer stärkere Rücksicht nehme. Den Rentnern, die ebenfalls mit Recht „voller Zweifel“ gegenüber den Partei- 508 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik en seien, erklärte die DVP ihre Not als Folge von Versailles sowie der Politik der SPD, die „alle auf eine Stufe – der Armut nämlich −“ drücken wolle. Ausdruck der gerade bei den Rechtsparteien virulenten Furcht vor Wahlmüdigkeit waren die zahlreichen Appelle an die potentiellen Nichtwähler, die auch von der DVP mit soldatischer Rhetorik an die vaterländische „Wahlfront“ gerufen wurde, denn: „Wer nicht wählt, wählt links!“1451 Neben den Berufen stellten die Frauen eine signifikante Zielgruppe der DVP im Frühjahr 1928 dar, der gegenüber in spezifischen Flugblättern als stärkstes Argument der Hinweis auf die „nationale Befreiungspolitik“ Stresemanns diente, der Deutschland neue „Geltung in der Welt“ verdanke. Obwohl ihr die gesteigerte Bedeutung der Jungwähler gerade bei dieser Wahl nicht entgangen war, gehörte die Jugend nur in geringem Maße zu den Adres sa tengruppen der DVP. Der Aufruf ihres Reichsjugendausschusses akzentuierte die „politische Sendung des neuen Geschlechts“ und die Ideale der „Schützengräben“1452. Obwohl sie mit SPD und Demokraten in der Ablehnung des Schulentwurfs übereinstimmte, war es vor allem der unerwartet scharfe Oppositionskurs der DNVP, der die DVP stärker an die Seite der republiktreuen Parteien drängte, zumal sie von sich aus auf schwarzweißrote Propaganda im Frühjahr 1928 weit gehend verzichtete. Die grobschlächtige Kampfansage der Deutschnationalen gegen die Außenpolitik Stresemanns nahm die DVP dankbar zum Anlass, ihre Propaganda auf die außenpolitischen Erfolge und nicht zuletzt seine werbeträchtige Person zuzuschneiden und von ihrer Verantwortung für die ansonsten wenig ansehnliche Bilanz der letzten Reichsregierung abzulenken. Da das bürgerliche Mitte-Rechts-Bündnis vorläufig ausgedient habe, so Julius Curtius für die DVP, die Weimarer Koalition aber eine „zu starke Wendung nach links“ bedeute, bleibe als Möglichkeit der Mehrheitsbildung nur eine Große Koalition, in der sie versuchen müsse, die Linkskräfte nach dem 20. Mai für ihre „Politik der Mitte“ zu gewinnen1453. Kommunistische „Einheitsfront aller Ausgebeuteten“ gegen die kapitalistische „Ebert-Hindenburg-Re pu blik“ Die KPD hatte im Sommer 1926 mit dem so genannten Volksentscheid zur entschädigungslosen Fürstenenteignung an der Seite der SPD einen Achtungserfolg erzielen können, der sie aber weder der gemäßigteren 509 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 „Bruderpartei“ noch der Re pu blik näher brachte. Als Hauptaufgaben der KPD galten seit dem Essener Parteitag vom März 1927 vielmehr die Unterstützung der Sowjetunion gegen die „imperialistische Einkreisungspolitik“ sowie die Organisation des Kampfes gegen die „Offensive des Kapitals“ in Deutschland. Innerparteilich bewegte sich der Machtkampf der linken Parteiführung gegen „Rechte“ und „Versöhnler“ auf seinen Höhepunkt zu. Ernst Thälmann, der die KPD seit 1925 auf moskautreuen Kurs und zur „Bolschewisierung“ führte, rief nach der Reichstagsauflösung Ende März 1928 die deutschen Proletarier zur Sammlung hinter die sowjetrussische „Friedenspolitik“ und zum Kampf für den „Sturz der eigenen Bourgeoisie“ auf1454. In diesem Sinne appellierte auch der am 23.  April 1928 in Berlin ver- öffentlichte Wahlaufruf des Zentralkomitees der KPD an alle Werktätigen, sich sowohl zum 1. Mai als auch zum 20. Mai um die „Fahnen der Revolution“ zu scharen. Die Reichstagswahlen seien in einer Zeit ausgeschrieben worden, in der durch „rücksichtslose Aussperrungsoffensive der Ausbeuterklasse“ die Löhne der Arbeiter ständig gemindert und dafür das „Joch der gewalttätigen Unterdrückung“ noch gesteigert werde. Dass nach zehn Jahren „bürgerlicher Demokratie“ in Deutschland jetzt die „schwärzeste Reaktion“ über die Arbeiterschaft triumphiere, sei in erster Linie der Koalitionspolitik der SPD zu verdanken. Vor allem ihr Linksflügel täusche als „radikale Rattenfänger des reformistischen Verrats“ die sozialdemokratischen Arbeiter mit Phrasen über die wahren Absichten der Partei hinweg. In Wahrheit wolle sie den „Vernichtungskampf “ gegen die Sowjetunion, so dass jede Stimme für die SPD die „Gefahr eines neuen 4. August“ heraufbeschwöre. Die KPD versprach aber, die Anhänger nicht mit den Führern zu verwechseln, und rief nicht nur alle Arbeiter und Arbeiterinnen, sondern ausdrücklich auch die Kleinbauern und Siedler, Beamte und Angestellte, ja selbst die Kleinhändler und Rentner in die „Einheitsfront aller Ausgebeuteten“ gegen die kapitalistische „Ebert-Hindenburg-Re pu blik“, die dem Volk zwar das Wahlrecht zubillige, aber es verhungern lasse: „Wenn ihr am 20. Mai der KPD folgt, dann sammelt ihr euch in den Kämpfen um Brot und gegen die Herrschaft der Reaktion unter den Fahnen der Revolution!“1455 Im Unterschied zur Konkurrenz argumentierte die KPD vor dem 20. Mai nicht mit Gegenwartsforderungen oder „Taten“, sondern stellte ihr Wahlprogramm völlig in den Dienst der Einheitsfronttaktik von unten und des „revolutionären Klassenkampfes“. Visionäres Ziel war die 510 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik proletarische Diktatur, weshalb die Arbeiter und Bauern nach russischem Vorbild den „bürgerlichen Staat“ und seine Parteien, von der DNVP bis zu den Sozialdemokraten, mit dem Stimmzettel stürzen sollten. Vor irgendwelchen spezifischen In te res senzielen diente der Wahlkampf zum „Massenaufmarsch der Arbeiterschaft gegen den Bürgerblock und jede Koalitionsregierung der SPD mit dem Bürgertum“1456. Zen tra le Suggestion der KPD war, dass die gegenwärtige „Bürgerblockregierung, dieser Dreibund von In dus trieraubrittern, Junkern und Pfaffen“, ihre Herrschaft nur dank der sozialdemokratischen Koalitionspolitik nach 1918 habe errichten können: „Bürgerblock und Koalition, das ist die Offensive des Kapitals! Das sind Massenaussperrung und Hungerlöhne und Kriegspolitik“. Obwohl die KPD wusste, dass der Kapitalismus unabhängig von der Frage existiere, welche Koalition gerade regiere, erhob ihre Revolutionsrhetorik die Bekämpfung des sozialdemokratischen „Koalitionsverrats“ schon an sich zum Wahlziel im Frühjahr 1928. Lang war die Liste kommunistischer Vorwürfe gegen die „kapitalistische Re pu blik“, deren Realität wie gewohnt in den düstersten Farben geschildert wurde, angefangen von dem „Zehn-Stunden-Arbeitsgesetz“, über Brot- und Mietpreissteigerungen mit Hunger und Elend bis hin zum „imperialistischen Aufrüstungsprogramm“. Während die bürgerliche Regierung kein Geld für Kinderspeisung in den Schulen aufbringen wolle, verschwende sie zugleich hunderte Millionen für die Rüstung. Der Panzerkreuzerbau war der KPD vor dem 20. Mai ebenso wie der „Anschlag“ auf den RFB durch den „faschistischen Innenminister“ der Bürgerblockregierung willkommener Anlass, ihre Opposition gegen den „neuen Militarismus“ Deutschlands und die „imperialistische Kriegsgefahr“ zu akzentuieren, welche die Sowjetunion bedrohten, die als „Hort des Friedens“ glorifiziert wurde. Von der früheren nationalistischen Rhetorik war dagegen wenig mehr als die beiläufig bekundete Ablehnung der Locarno- und Dawespolitik übrig geblieben1457. Innenpolitische Hauptthemen der auch im Frühjahr 1928 wenig sachlichen Wahlpropaganda der KPD waren die Arbeitszeitfrage und die Lohnpolitik, wobei das zen tra le Versprechen des Achtstundentages in einem zukünftigen Sowjetdeutschland der gegenwärtigen „Schlichtungsdiktatur“ der Unternehmer und den „mörderischen Rationalisierungsmethoden“ des Kapitalismus kontrastiert wurde. Dagegen sollten sich alle deutschen Werktätigen „in breitester Front“ sammeln, das hieß die Arbeiter sich mit den „armen Bauern und dem verelendeten Mittelstand“ 511 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 zusammenschließen, der durch Inflation und „Aufwertungsbetrug“ enteignet worden sei. Sozialisierungsforderungen wurden selten konkret formuliert, sondern als die „großen Ziele“ annonciert, welche die russische Arbeiter- und Bauernregierung bereits verwirklicht habe: „Gruben und Fabriken denen, die in ihnen arbeiten! Grund und Boden denen, die ihn bebauen! Alle Macht der Arbeiterklasse!“1458 Um so mehr ihr selbst wegen der Teilnahme an den Wahlen von linksradikaler Seite vorgehalten wurde, dass eine revolutionäre Partei, die „von der bürgerlichen Demokratie frisst, daran krepieren muss“1459, versuchte sich die KPD mittels wirkungsvoller Bildpropaganda als Partei zu profilieren, deren Dasein allein schon der bürgerlichen Gesellschaft und allen „Spießern“ gro- ßen Schrecken einjage. Eindrucksvolles Zeugnis des suggestiv-militanten Selbstbilds war die Fotomontage von John Heartfield, die eine Woche vor dem 20. Mai die ganze Titelseite der Roten Fahne mit dem Bild einer großen zupackenden Hand ausfüllte: „5 Finger hat die Hand / Mit 5 packst Du den Feind / Wählt Liste 5 Kommunistische Partei!“1460 Unumstrittener Hauptgegner der KPD-Flugblattpropaganda war im Frühjahr 1928 die SPD, gegen die sich spezifisch fast ein Viertel von 30 Flugblättern richtete, während sie als Koalitionspartner der „Bürgerblock“-Parteien zusammen mit diesen noch im Hauptfeindbild der „betrügerischen Demokratie, ihren Parlamenten und Ausbeuterregierungen“ in der „Ebert-Hindenburg-Re pu blik“ angegriffen wurde. Von den anderen Parteien schenkte die KPD noch Zen trum und DNVP die meiste Aufmerksamkeit, ohne dass bei den vorherrschenden abstrakten Feindbildern ein aussagekräftiges Bild von diesen entstand. Wichtiger als die einzelnen Gegner war der KPD vor dem 20. Mai die Propagierung des Selbstbildes, wonach sie als „Führerin zur endgültigen Befreiung von Unterdrückung und Versklavung“ mit „revolutionärer Entschlossenheit“ den Kampf um die „Lebensinteressen der Werktätigen“ führe1461. Namentlich alle „ausgepowerten“ Arbeiter und „ruinierten Klein- und Mittelbauern“ forderte die KPD im Frühjahr 1928 auf, nicht länger den Versprechungen der kapitalistischen Parteien zu glauben, sondern den Bürgerblock zu „zerschlagen“ und statt seiner den „Kampfblock der Werktätigen in Stadt und Land“ zu bilden. Als dessen Hauptfeind erschien die SPD, da ihr einziges Ziel die große Koalition sei, die „Arbeitsgemeinschaft der reformistischen Bürokratie mit der deutschen Volkspartei, der Partei der kapitalistischen Scharfmacher, der mächtigsten Partei des Bürgerblocks und mit dem Zen trum, der Partei der Pfaffen- 512 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schule“. Illustriert wurde die Aufzählung der „Schandtaten“ der SPD durch Charakterisierungen führender Politiker, die als Mittel und Ausdruck der „Einheitsfront von unten“ den Arbeitern etwa in kleinen Karikaturheftchen als „SPD-Köpfe zum Umkegeln“ vorgestellt wurden, vom „Arbeiterschlächter Noske“ bis zu Otto Braun, dem „Staatsmann des Arbeiterverrats“. Keine Partei habe mehr versprochen und weniger gehalten als die SPD, die vom Sozialismus nur noch an Festtagen und in Wahlaufrufen spreche: „Sozialismus durch Koalition“, spottete die KPD über den aktuellen Wahlslogan1462. Auch gegenüber den bürgerlichen Parteien und ihren „großmäuligen ‚Volksvertretern‘“ forderte sie die Wähler im Frühjahr 1928 auf, den Mahnspruch August Bebels am 20. Mai zu beherzigen: „Schaut Euren Führern nicht aufs Maul, sondern auf die Fäuste!“ Oftmals übernahm die KPD lediglich die Argumentationsmuster anderer Parteien, so etwa im Verhältnis zur DNVP die These, dass sie in der Regierung ihre Wahlversprechen von 1924 Lügen gestraft habe. Nicht nur habe sie den „Inflationsraub durch ihren Aufwertungsschwindel“ vollendet, sondern auch nichts für die „nationale Befreiung“ Deutschlands getan, vielmehr im Verein mit der SPD die „Dawesfesseln“ fester schmieden geholfen. Der DNVP, dieser „Partei der Junker und der Schwerindustrie, der Offiziere und Bürokraten, der Partei des Verrats an den Inflationsopfern und Kleinbauern“ dürfe daher keine Stimme gegeben werden. Den Stresemann- Slogan der DVP „Was gehn dich die andern an“ enthüllte die KPD als Ausdruck kapitalistischen Egoismus. Auch bei den übrigen bürgerlichen Parteien handle es sich ebenso nur um In te res senvertreter des „Großkapitals, der Banken, des Großgrundbesitzes“, auch wenn sie, wie insbesondere das Zen trum, „schöne Worte“ fänden für die „soziale Re pu blik“ und für eine „christliche Volksgemeinschaft“1463. Hauptadressat der KPD-Wahlpropaganda waren im Frühjahr 1928 die Arbeiter, die wie de rum als wichtigster Bestandteil des „arbeitenden Volkes“ fungierten, das mitunter auch als alle „Arbeitssklaven in Fabriken und Gruben, in Büros, Kontoren und hinter dem Pflug“ firmierte. Erklärtes Ziel der KPD war die „Organisierung der Millionenfront der Ausgebeuteten zum kraftvollen Widerstand!“, worunter sie neben den Arbeitermassen diesmal ausdrücklich vor dem Hintergrund der Agrarkrise auch die Bauern in immerhin drei von dreißig Flugblättern spezifisch für eine Arbeiter- und Bauernregierung zu gewinnen versuchte. Überhaupt charakterisierte die Zielgruppenpolitik der KPD im Vergleich 513 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 zu früheren Wahlkämpfen eine stärkere soziale Ausdifferenzierung, da selbst die Inflationsopfer, die Jungwähler und die Frauen diesmal speziell umworben wurden1464. Gegenüber den Arbeitern thematisierte die KPD analog zu ihren allgemeinen Hauptparolen ausgiebig das verzerrt gezeichnete Bild sozialen Elends in der Weimarer Re pu blik, das sie ihnen als Teil der kapitalistischen Strategie im internationalen Klassenkampf und Folge der „Arbeitsgemeinschaftspolitik“ der SPD erklärte, die wie de rum dafür verantwortlich sei, dass der Arbeiter selbst in Zeiten der Hochkonjunktur keine Erhöhung des Reallohnes erhalte. Ausdruck der Einheitsfrontpolitik im Frühjahr 1928 war die verstärkte Zielgruppenwerbung der KPD um die „sozialdemokratischen Klassengenossen“ oder die „Reichsbanner-Arbeiter“, die zum Protest gegen das „Schlichtungsdiktat“ und die „Hungerschiedssprüche“ sowie gegen den „arbeitsgemeinschaftlichen Schwindel der Wirtschaftsdemokratie“ aufgerufen wurden. Selbst der „Stahlhelm-Arbeiter“ wurde nicht vergessen und aufgefordert, statt als „Stimmvieh“ für die In te res sen der „Herren Offiziere“ zu dienen, am 20. Mai für die „einzige revolutionäre Arbeiterpartei“ zu stimmen: „Wir verwechseln Euch nicht mit Euren Führern, die die Arbeiterklasse verraten. Wir rufen Euch zu: Formiert mit uns die einheitliche Klassenfront gegen den Unterdrückungsfeldzug der Bourgeoisie“1465. Bei der Werbung um „sozial schwache“ Wählerschichten, die von den bürgerlichen Regierungen seit 1923 planmäßig vernachlässigt worden seien, argumentierte die KPD in direkter Konkurrenz zur SPD, der sie sich zum Teil bis in wörtliche Formulierungen anpasste1466. Von den mittelständischen Wählerschichten sprach die KPD im Frühjahr 1928 einzig die „Kleinbauern“ mit interessenorientierten Parolen an, wobei sie in starkem Maße die Floskel des sozial indifferenten „Landvolkes“ gebrauchte. Typischerweise trennte diese Propaganda aber zwischen „Klein- und Mittelbauern“ sowie den Landarbeitern, denen vorrangig ihre derzeitigen „elenden“ Lohn- und Arbeitsbedingungen im Kontrast zu denen in der Sowjetunion vorgehalten wurden. Die Bauern forderte die KPD auf, nicht länger den „Parteien der Großgrundbesitzer und des räuberischen Finanzkapitals“ zu folgen, weil diese ihnen bald auch noch das „letzte Stück Vieh“ im Stall pfänden würden. Als Vertreterin der städtischen Verbraucher und Hauptabnehmer landwirtschaftlicher Produkte rief die KPD die Bauern in die Einheitsfront aller Werktätigen1467. Nur selten versuchte sie im Frühjahr 1928 mit ähnlichen Ap- 514 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik pel len die Stimmen der Beamten und Angestellten zu gewinnen. Dafür adres sierte sie wieder spezifische Wahlflugblätter an die Mieter, in denen das „grauenhafte Elend“ der sich zuspitzenden Wohnungsnot thematisiert wurde. Untypisch für ihre ansonsten kaum spezifische In te ressen berücksichtigende Wahlpropaganda präsentierte die KPD einen detaillierten Forderungskatalog des Mieterschutzes, bis hin zur Übernahme des sozialdemokratischen Planes einer „Wohnungsluxus“-Steuer1468. Erstmals gehörten im Frühjahr 1928 auch die Frauen zu den signifikant umworbenen Adres sa tengruppen der KPD, die milieutypisch vor allem die „Arbeiterfrauen“ oder die Berufstätigen unter ihnen ansprach. Nach Vorbild der bürgerlichen Agitation wurden sie in tendenziell unpolitischer Diktion ermahnt, am 20. Mai über den „Sorgen im Haushalt“ nicht zu vergessen, dass ihre Lebenshaltungskosten von der Bürgerblockregierung bewusst zugunsten der „Profite der Großen“ gesteigert würden1469. Um die Zielgruppe der „proletarischen Jugend“ bemühte sich die KPD mit spezifischen Flugblättern, in denen sie daran erinnerte, dass sie als einzige Partei für die Herabsetzung des Wahlalters und gegen ein Reichsschulgesetz kämpfe, das die Schule den „Pfaffen“ gleich welcher Konfession ausliefere. Im übrigen charakterisierte diese Zielgruppenwerbung ebenso großzügige wie spezifische lohn- und arbeitszeitpolitische Versprechen für jugendliche Arbeiter und Lehrlinge1470. Wie in früheren Reichstagswahlkämpfen war auch im Frühjahr 1928 der Hauptzweck solcher Sozialdemagogie die Destabilisierung der Weimarer Re pu blik, die durch einen Rätestaat nach sowjetrussischem Muster ersetzt werden sollte. Dazu führte die KPD einen klar negativ akzentuierten Wahlkampf, insofern ihre Hauptstoßrichtung gegen die „Arbeitsgemeinschafts- und Koalitionspolitik“ der SPD gerichtet war, was deren Anhänger unter dem Zeichen der Einheitsfront aller Werktätigen zur KPD umdirigieren sollte. Dass der „Koalitionsverrat“ der SPD als Ursache für die „sozialreaktionäre“ Entwicklung im Reich erschien, gab einen Vorgeschmack auf die Sozialfaschismus-These, welche die „ultralinke“ Politik der KPD nach 1928 bestimmte. Vor allem im zielgruppenspezifischen Teil offenbarte ihr Wahlprogramm aber vor dem 20. Mai inhaltliche Parallelen zur SPD, mit der um den Vertretungsanspruch für die „sozial Schwachen“ gestritten wurde. In außenpolitischer Hinsicht verschwand die nationalistische Rhetorik, die noch den Wahlkämpfen der KPD von 1924 ihren Stempel aufgedrückt hatte, hinter der These von der „imperialistischen Einkreisung“ Sowjetrusslands durch die kapitalistischen Staaten des Westens. 515 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 Kampf der Demokraten für eine „klare re pu bli ka nische Mehrheit“ Die DDP musste im Frühjahr 1928 erstmals aus der Opposition heraus einen Reichstagswahlkampf führen, in dem die Fronten für sie allerdings seit der Bildung der Mitte-Rechts-Koalition im Vorjahr klar abgesteckt waren. Ihre Wahlchancen schätzten die Demokraten selbst trotz einiger Mängel in der sorgfältigen, langfristigen Vorbereitung als günstig ein. Zumal nach dem als „sensationellen Erfolg“ ihres Bürgermeisters Petersen gefeierten Ausgang der Hamburger Bürgerschaftswahlen Mitte Febru ar herrschte ein demonstrativer „Geist der Aktivität und des Optimismus“. Auf der Parteiausschusssitzung Ende April 1928 in Berlin betonte Parteichef Koch-Weser die „Unfruchtbarkeit des Rechtsblocks“, der durch eine „feste Mehrheitsregierung“ in Form einer Weimarer oder großen Koalition abgelöst werden müsse. An der Spitze von „sieben gro- ßen Zielen“ der DDP stellte sie die Rheinlandräumung sowie die weitere Festigung der Re pu blik, allerdings nicht unter der Parole: „Schwarzrot-gold oder Schwarz-weiß-rot“, weil solch „engherziger Konfessionalismus“ in der Verfassungsfrage unzweckmäßig sei1471. In ihrem am 28.  April 1928 veröffentlichten Wahlaufruf erinnerte die DDP an die Zeit unmittelbar nach Kriegsende, als die Gefahren der „Bolschewisierung“ und des „Verhungerns“ nicht durch die Anhänger des „alten Systems“, sondern dank der aufopfernden Arbeit der DDP eingedämmt worden sei. Angesichts des „völligen Versagens“ der letzten bürgerlichen Reichsregierung gerade im Kampf gegen die Sozialdemokratie sollten jetzt auch DVP und Zen trum einsehen, dass es falsch sei, sich der Bildung einer Großen Koalition länger zu widersetzen. Oberstes Ziel der DDP bleibe vor dem 20. Mai ausdrücklich wie bisher ein „freies und großes Deutsches Reich“, das voranschreite in der Zusammenarbeit der Völker und im Innern eine „aktive, fortschrittliche Wirtschaftspolitik mit dem Ziel der Förderung der Lebenshaltung aller Schichten unseres Volkes“ betreibe. Wie um ihre pessimistischen Prognosen von 1924 noch einmal zu bestätigen, beharrte die DDP da rauf, dass die von der DNVP beherrschten Rechtskabinette 1925 und 1926/27 außenpolitisch nur Misserfolge vorzuweisen hätten. An die Adresse der DVP gerichtet hieß es, dass der Demokrat Rathenau für jene Erfüllungspolitik sein Leben ließ, die Stresemann den Friedensnobelpreis eingetragen habe. Ungeachtet ihres Bekenntnisses zur Völkerversöhnung stimmte die DDP in die Rufe nach sofortiger Räumung der Rheinlande ein und verlangte die Bekämp- 516 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik fung der „Kriegsschuldlüge“ sowie eine Lösung der „Ostfragen“ und baldige Revision des Dawesplanes1472. So sehr sich die DDP im Frühjahr 1928 für die Fortsetzung der „Rathenau-Stresemannschen nationalen Politik der Verständigung“ einsetzte, so akzentuierte ihre Wahlpropaganda den Kampf für die Weimarer Re pu blik. Die von ihr angestrebte „klare re pu bli ka nische Mehrheit“ müsse am 20. Mai die Demokratie als Kern einer neuen Regierungskoalition bringen. Weil im Ausland und speziell in Amerika große Skepsis gegenüber jeder Art von Sozialismus herrsche, dürfe die SPD nicht zum Sammelbecken für von der alten Regierung enttäuschte Wähler werden. In diesem Sinne empfahl sich die DDP als die bürgerliche Mittelpartei, die einem zu starken Linkstrend in Preußen-Deutschland gegensteuern werde1473. Zu ihrer Wahltaktik gehörte, dem „Versagen des Rechtsblocks“ die eigenen „Leistungen und Erfolge“ in den Regierungen des Reiches, aber vor allem auch Preußens entgegen zusetzen, der „festesten Stütze“ der demokratischen Re pu blik, wo die DDP zusammen mit SPD und Zentrum, aber unter Wahrung ihrer liberalen Eigenart im Dienst des „ganzen Deutschland“ arbeite1474. Vor allem auf wirtschaftspolitischem Gebiet versuchten sich die Demokraten mit Parolen „für Ordnung, Ruhe und Sicherheit des Staates“ gegen ihre bürgerlichen Konkurrenten als „Partei der Steuersenkung und Lebensverbilligung“ zu profilieren. Die Rechtsregierungen hätten Milliarden zuviel an Steuern aus dem „ausgebluteten deutschen Volke“ gepreßt und vor allem den auf dem Mittelstand lastenden Steuerdruck immer „unerträglicher“ erhöht. Zugleich seien die Lebenshaltungskosten für die Verbrauchermassen durch die „Misswirtschaft“ zweier Rechtskabinette seit 1925 ebenfalls um zwanzig Prozent in die Höhe gegangen1475. Vor diesem Szenario versprach die DDP im Frühjahr 1928 eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die ohne Bevorzugung einzelner „In te res sen“ den „Unternehmungsgeist“ aller fördere, aber speziell den Mittelstand gegen die „immer stärkere Zusammenballung“ in der In dus trie schütze. Auf sozialpolitischem Terrain beließ man es bei Beteuerungen, am Gedanken des „sozialen Volksstaates“ und seinen bisherigen „Errungenschaften“ festhalten zu wollen. In Abgrenzung zur SPD sollte die Sozialpolitik ihres bisherigen „Klassencharakters“ entkleidet und aus einer einseitigen Forderung der Arbeitnehmer zum Gegenstand des „gemeinsamen Willens aller Stände“ gemacht werden. Den Katalog innenpolitischer Reformforderungen führte neben den Wahlrechtsplänen die Neu- 517 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 gliederung des Reiches an, wobei die DDP als Vorkämpferin des „dezentralisierten Einheitsstaates“ mit der „überlebten und kostspieligen Kleinstaaterei“ aufräumen und durch den Anschluss Österreichs die „großdeutsche Einheitsrepublik“ anstrebe1476. Im aktuellen Schulkampf habe sie sich als Hüterin der kulturellen Freiheit bewährt, während „Sozialismus links und Großwirtschaftsparteien rechts“ deren natürliche Feinde seien. Im übrigen trete die DDP für eine „einheitliche nationale Erziehung“ in Simultanschulen und gegen jede „Klerikalisierung“ der Schule ein. So wie sie in der Vergangenheit stets jede „einseitige Klassen-, In te res sen-, und Rassenpolitik“ abgelehnt habe, werde sie auch künftig getreu ihren verfassungspolitischen Grundsätzen unter der schwarz-rot-goldenen Reichsfahne kämpfen „für die Befreiung des deutschen Volkes nach außen, für die Freiheit des deutschen Bürgers“. Vor allem an seine parteienfeindlichen In stinkte appellierte die DDP, wenn sie gegen den „Wirrwarr der Parteien“ redete: „Was soll Lärmen, Toben, Hetze? Überbrückt die Gegensätze! Führet Schwarz-Rot-Gold zum Sieg, wählt nur die Partei der Tat! Einheit, Freiheit, Re pu blik!“1477 An der Feindbildhierarchie der DDP lässt sich ohne Schwierigkeiten ablesen, dass sie ihren Hauptstoß vor dem 20. Mai gegen die alte Regierung führte, die in knapp der Hälfte von 46 Flugblättern pauschal als „Rechtsblock“ angegriffen wurde. Dabei schenkte man den Deutschnationalen als angeblich führende Kraft der Reichsregierung die meiste Aufmerksamkeit. Übergeordnetes Feindbild der DDP waren zudem alle „Klassen- und Standesparteien“, die nur die In te res sen bestimmter Volksschichten verträten, „wie z. B. die Deutschnationalen (Großgrundbesitz!), die Volksparteiler (die Großwirtschaftsmächte!), oder Sozialdemokraten und Kommunisten (Klasseninteressen der Arbeiterschaft!)“1478. Im Zusammenhang mit ihrer ausgedehnten Mittelstandspropaganda griffen die Demokraten die WP in einem Maße an, das diese Sondervertretung als einen ihrer parteipolitischen Hauptgegner im Frühjahr 1928 auswies1479. Für die DDP stand fest, dass ihr ambitioniertes Wahlversprechen auf Hebung der allgemeinen Lebensverhältnisse, das sich hinter der Formel „gerechter Ausgleich der In te res sen aller Volksgenossen“ verbarg, keinesfalls durch die „Klassenpolitik der Kommunisten, Sozialisten und der Deutschnationalen, auch nicht durch die großkapitalistische In te ressenpolitik der Volkspartei, nicht durch die bewusst kulturpolitisch einseitige Machtpolitik des Zen trums“ verwirklicht werden könne. Keine 518 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik andere Partei sei aber in ihren Versprechungen „zynischer“ gewesen als DNVP, die die höchsten Aufwertungssätze versprochen und in der Regierung denselben Dawesplan durchgeführt habe, der in Millionen von Flugblättern aus den „Hugenbergschen Giftfabriken“ vorher verteufelt worden sei. Um von dem Bruch früherer Wahlversprechen abzulenken, ziehe sie jetzt den Reichspräsidenten als „Blitzableiter“ in den Wahlkampf hinein, obwohl der sich redlich bemühe, sein Amt als „Sachwalter der ganzen Nation“ auszuüben. Die Forderung der DNVP nach mehr Macht für den Reichspräsidenten laufe faktisch auf eine Verfassungsänderung hinaus, weil sie ja nicht auf die Person Hindenburgs beschränkt sei, sondern dauerhaften Bestand haben solle, andererseits aber nicht gelte, wenn ein „Mann der Mitte“ oder wieder ein Sozialdemokrat Präsident würde1480. Weil das früher propagierte Volkskaisertum nicht mehr „modern“ sei, aber sie sich andererseits nicht zur Re pu blik zu bekennen wage, führe die DVP als Zeichen politischer Programmlosigkeit ihren Wahlkampf ausschließlich mit einer „geistig nicht sehr hoch stehenden Reimpolitik“ und der werbeträchtigen Person des Außenministers, der noch ihr „stärkstes Aktivum“ sei, dessen Streit mit den Deutschnationalen aber von der DDP als „Bruderkrieg“ dargestellt wurde. Zwar habe sie sich im Kampf gegen die Klerikalisierung der Schule als „liberal“ gezeigt, doch wisse niemand, ob die DVP nach dem 20. Mai für eine Rechtsregierung oder für die Große Koalition mit der SPD eintrete, deshalb: „Fort mit der Verschwommenheit, fort mit dem volksparteilichen Kuddelmuddel!“1481 Die Gegnerbekämpfung der DDP im Frühjahr 1928 charakterisierte ein letztlich verzweifeltes Ringen um eigenständiges Profil in der bürgerlichen Mitte, was sie sowohl eine Rechtsregierung als auch die Weimarer Koalitionsparteien bekämpfen ließ, wenngleich in schwächerem Maße und vorrangig schablonenhaft. An die Adresse des Zen trums hieß es aber, dass die Partei in kultur- und schulpolitscher Hinsicht bereits eine „reaktionäre“ Entwicklung nehme und sonst wandlungsfähig nach wie vor jede „Melodie“ pfeife, ob Re pu blik oder Monarchie, ob rechts oder links. An der letzten Reichsregierung hätten die katholischen Parteien nur in der Hoffnung teilgenommen, ihre Ziele „kulturpolitischer Reaktion“ wie ein „klerikalisierendes“ Schulgesetz durchzubringen. Selbst an der Re pu bliktreue der SPD müsse gezweifelt werden: „das Schwarzrot-gold, das geht zur Not, doch das Fahnentuch bleibt rot“. Während die Kommunisten gehorsam dem „Sowjetstern“ Moskaus folgten, achte- 519 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 ten viele SPD-Führer immer noch mehr auf die Agitation statt auf „praktische Arbeit im Dienst der breiten Massen“, weshalb um so mehr eine „Partei der re pu bli ka nischen Staatsgesinnung“ wie die DDP nötig sei1482. „Große Worte – aber keine Taten!“, ließ sie in bezug auf die WP verlauten, von der sie sich im Frühjahr 1928 scharf abzugrenzen versuchte. Ohne jede weltanschauliche Grundlage offenbare diese „Splitterpartei“ eine den Sozialisten vergleichbare „klassenkämpferische Einstellung“, die dem Mittelstand nur Schaden zufüge. Dass sie als Regierungspartei in Sachsen die höchste Hauszinssteuer des Reiches zu verantworten habe, enthülle sie als „Partei des Großhausbesitzes und der Bodenspekulanten“1483. Zwar hielt die DDP im Frühjahr 1928 an der nationalen Volksgemeinschaft als gesellschaftspolitischem Ideal fest, doch sprach sie im Unterschied zu früheren Wahlkämpfen mit einer erstaunlich ausdifferenzierten Zielgruppenwerbung diesmal einen breitgefächerten Adres saten kreis an, aus dem die Frauen sowie der selbständige Mittelstand als Hauptzielgruppen hervorstachen, die spezifisch von fünf beziehungsweise neun von 46 Flugblättern umworben wurden. In signifikantem Maße warb die DDP des weiteren noch um die Stimmen der Arbeitnehmer – ohne dass eine originelle „Arbeiter“-Werbung festzustellen ist – sowie um die der Jugend. Auffällig war schließlich das Eintreten der DDP für die wirtschaftlich und sozial „Schwachen“, etwa für Kleinrentner und Inflationsgeschädigte, sowie im Unterschied zu anderen Parteien auch mit spezifischen Flugblättern für den jüdischen Bevölkerungsteil1484. Eine wichtige Rolle im Wahlkampf der DDP spielten die Frauen, denen im Frühjahr 1928 nicht nur bessere Entlohnung der „weiblichen Arbeit“, sondern darüber hinaus die „volle Gleichberechtigung als Einzelpersönlichkeit, im Berufsleben und als Staatsbürgerin“ in Aussicht gestellt wurde. Des weiteren charakterisierte die Frauenwerbung der DDP ein spezifischer Appell an patriotische In stinkte der Wählerinnen, die „für freiheitliche Volkskultur, für Nationalbewusstsein und Friedenspolitik“ am 20. Mai stimmen sollten1485. Statt dem „Schwarz-Weiß-Rot der Reaktion“ oder einem „unwahrhaftigen“ Radikalismus, der sich in Uniformen und Waffen erschöpfe, wolle die Jugend „schlichten Dienst“ an der Volksgemeinschaft sowie die „Verjüngung“ der deutschen Politik, legte die DDP ihr in den Mund. Speziell die Studenten dürften als Vorkämpfer der demokratischen „Zukunftsforderungen“ mit ihrem Idealismus nicht Parteien unterstützen, die doch nur die „egoistischen In te res sen bestimmter Wirtschaftskreise“ verträten1486. Stärkste Aufmerksamkeit schenkte 520 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik die spezifische Berufsgruppenpropaganda der DDP im Frühjahr 1928 dem gewerblichen Mittelstand, Handwerkern und Kaufleuten, denen sie versicherte, mit gleicher Entschiedenheit gegen die „Großmächte des Kapitalismus“ wie gegen alle „sozialistischen Verstaatlichungs- und Kommunalisierungs-Unternehmungen“ kämpfen zu wollen. Anders als die WP verspreche die DDP den Selbständigen keine „leeren Worte“, sondern biete wirkungsvolle In te res senwahrnehmung durch „praktische Taten“ in den Parlamenten. Als Teil des „schaffenden Mittelstandes“ solle sich der Bauer, dem die Förderung seines „Standes“ durch großzügige Siedlungspolitik versprochen wurde, nicht von den „bezahlten Landbundagitatoren“ irreführen lassen, die nur im In te res se der In dus trie und des Großgrundbesitzes für niedrige Löhne der städtischen Arbeiter stritten, den wichtigsten bäuerlichen Kunden1487. Wenn zwar auch üblicherweise in den Flugblattadressen der DDP noch getrennt, wurden Arbeiter und Angestellte als „Arbeitnehmer“ mit weithin identischen Parolen Argumenten umworben. Am 20. Mai stehe, tönte der Aufruf der demokratischen Arbeitnehmerausschüsse im Stile der SPD, die „Abrechnung mit den reaktionären Feinden des demokratischen Volksstaates“ auf der Tagesordnung. Gerade die Angestellten dürften sich nicht länger durch nationale Phrasen von der in Wahrheit „arbeitnehmerfeindlichen“ Reichsregierung täuschen lassen, hinter der sich Schwerindustrie und Großlandwirtschaft zur „Gemeinschaftsfront der ‚Raffenden Hände‘“ zusammengefunden hätten. Durch eine „sozial gerechte“ Wirtschafts- und Sozialpolitik stellte die DDP den Arbeitnehmern den Aufstieg vom „Arbeitssklaven“ zum „Wirtschaftsbürger“ in Aussicht, analog dem vom „Untertanen“ zum „Staatsbürger“1488. In spezifischen Flugblättern präsentierte die DDP im Frühjahr 1928 ihr Beamtenprogramm, welches die stark ausdifferenzierten Beamten mit Appellen an materielle Bedürfnisverwirklichung für den Weimarer Staat vereinnahmen wollte. So antwortete sie „allen Beamten und Beamtinnen, Lehrern, Warte- und Ruhestandsbeamten und deren Hinterbliebenen“ auf die Frage, warum die Re pu blik nicht mehr für sie getan habe, dass es bislang an einer „festen re pu bli ka nisch-demokratisch-sozialen Mehrheit“ im Reichstag gefehlt habe, die allein den Weg für „soziale Gerechtigkeit“ und „wahre Volksgemeinschaft“ frei mache1489. Indem sie den Sparern und Rentnern die enttäuschende Aufwertungsbilanz der deutschnationalen Regierungsbeteiligung vorhielt, versuchte die DDP neue Sympathien unter den Inflationsopfern zu gewinnen. Bestandteil 521 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 ihrer Wahlpropaganda war im Frühjahr 1928 auch das Werben um soziale und berufliche Kleingruppen, die von anderen Parteien vernachlässigt wurden, wie die Juden oder die Freiberufler. Ärzte und Anwälte, Schriftsteller und Künstler sollten die Partei wählen, die von Natur aus die Hüterin ihres „kostbaren Berufsgutes“ sei. Direkt interessenbezogen argumentierte die DDP in der Rolle des Fürsprechers der „israelitischen Mitbürger“, die angesichts der „immer drohender werdenden Hetze der Nationalsozialisten“ aufgefordert wurden, sich mit der Waffe des Stimmzettels zu wehren. Weil die SPD zwar allgemein für die Juden eintrete, aber das „jetzige Wirtschaftsleben“ ablehne, das die Grundlage der jüdischen Existenz sei, bleibe nur die DDP, die sich rückhaltlos für die Gleichstellung der „Israeliten“ im Staat einsetze1490. Wie im Dezember 1924 charakterisierte ihren Wahlkampf auch diesmal wieder eine vergleichsweise klare Koalitionsparole, insofern sie den 20. Mai zum Tag der „Abrechnung mit Rechts“ stilisierte und das Ziel einer „handlungsfähigen“ Reichstagsmehrheit anstrebte. SPD und DVP würden jedoch nur zu einer „starken Regierung der großen Koalition“ zusammenfinden, wenn eine starke DDP die Brücke zwischen ihnen bilde. In diesem Sinne versuchte sie sich als „Partei der bürgerlichen Mitte“ zu profilieren, die das Bürgertum im Frühjahr 1928 vor allem mit „vernünftiger Mittelstandspolitik“ und dem Versprechen der Steuersenkung umwarb. Auf das „starke Hervortreten wirtschaftlicher und berufsständischer In te res sen“, das die „allgemein staatspolitischen Ideen“ verdränge, reagierte die DDP andererseits selbst mit verstärkt interessenspezifischer Wahlwerbung unter den Berufsgruppen. Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Hitlerbewegung) Die Nationalsozialisten stellten nach der Trennung von den Deutschvölkischen nur noch eine Splitterpartei mit einer Handvoll Reichstagsabgeordneter dar, die in den Regionalwahlen 1926/27 zwischen zwei und vier Prozent erhielt. Die Reichstagswahl im Mai 1928, bei der die jetzt als „Hitlerbewegung“ auftretende Partei erstmals in eigener Regie kandidierte, bedeutete für sie eine erste große Bewährungsprobe. Innerparteilich befanden sich die Nationalsozialisten noch im Stadium der Reorganisation, was kaum eine reichsweit flächendeckende Wahlkampfführung erlaubte. Seit der Bamberger „Führertagung“ vom Fe bru ar 1926 bildete der 522 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik vor allem in Norddeutschland starke „linke“ NSDAP-Flügel um die Gebrüder Strasser kein Gegengewicht mehr zur Münchener Parteizen trale und zum totalen Führeranspruch Hitlers. Hinsichtlich der Wahltaktik stand man im Frühjahr 1928 vor der Frage, die nationalistische Propaganda oder – wie es Gregor Strasser befürwortete – das „sozialistische“ Profil unter Vermeidung eines platten „Radau-Antisemitismus“ stärker zu akzentuieren. Als Reichswahlleiter seiner Partei erklärte Wilhelm Frick, dass die NSDAP eine „vollkommene Umwälzung des heutigen Staates“ anstrebe, allerdings auf „legalem Wege“. Nach den Hamburger Bürgerschaftswahlen vom 19. Fe bru ar 1928, wo sie eine fast fünfzigprozentige Steigerung um 0,7 auf nun 2,2 Prozent der Stimmen gegen- über dem Vorjahr verzeichneten, war die Stimmung der Nationalsozialisten vor dem 20. Mai durchaus optimistisch1491. Ein zen tra ler Wahlaufruf an das „ganze schaffende Deutschland“ erschien bereits am 23. März 1928 und dann wieder in leicht aktualisierter Form fünf Tage vor dem Wahlsonntag. Der „Bankrott der Revolte von 1918“ enthülle sich jetzt vollends, hieß es darin angesichts des „Versagens der gesamten Erfüllungs- und Verelendungspolitik“ der Weimarer Repu blik: „Ergebung vor den französischen Bajonetten, Kriechen vor den Börsenpiraten der Wallstreet, Korruption, Schieberschutz, Arbeitsnot, Wohnungsmangel, eine erschreckende Selbstmordepidemie, Auswanderung der besten Volksteile“. Ebenso tabellenförmig und ohne erkennbare Schwerpunktsetzung listete der Aufruf das „gegen“ und „für“ der nationalsozialistischen Ziele für den 20. Mai auf. So kämpfe sie gegen die „Herrschaft des internationalen Finanzkapitals und seiner marxistischdemokratischen Knechte“, gegen „Dawestribute und Riesensteuern“, aber für die „Verstaatlichung der Notenbanken und Börsen, d. h. für Sicherung des ganzen, ehrlich arbeitenden Volkes vor privater Ausbeutung“ und für eine „gerechte Aufwertung der Beraubten, hohe Besteuerung der Bankfürsten und Todesstrafe für Volksausbeuter“. Adressat dieser Parolen waren entsprechend dem weitgreifenden Vertretungsanspruch die „Deutschen aller Berufe und Stände“, eben das „ganze schaffende Deutschland“, wie es die NSDAP definierte. Mit Blick speziell auf die Arbeiter akzentuierte sie ihre pseudosozialistischen Parolen gegen das „System“ der Re pu blik. Wer statt dessen die „Freiheit der deutschen Arbeit u. einen wirklichen Volksstaat“ wolle, der müsse am 20. Mai seine Stimme jener Bewegung geben, welche die „deutsche Einheitsfront aller Schaffenden“ in sich verwirkliche und eintrete „für echten Nationalismus und 523 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 wahren Sozialismus, der nicht Bürger und Proletarier kennt, sondern nur Deutsche“1492. Alles beherrschendes Schlagwort und Thema der NSDAP im Frühjahr 1928 war indessen der Dawesvertrag, der als „Teufelspakt“ zum Symbol der Weimarer Re pu blik und ihrer Parteien erklärt wurde. In einer Sondernummer des Völkischen Beobachters „Gegen die Dawessklaverei“ schärfte sie dem Wähler ein, womit „Dawes“ gleichzusetzen sei: „Für die Börse 12 Milliarden fast zinslose Gewinne, für das Volk Hungerlöhne“. Die angeblich sozial verheerenden Folgen der „Stresemannpolitik“ bildeten die aktuellen Angriffsflächen gegen die Weimarer Re pu blik, deren Diffamierung Sinn und Zweck des Wahlkampfes der NSDAP im Frühjahr 1928 war. Dazu gehörte die Suggestion, dass die deutschen „Dawesparteien“ von der SPD bis zur DNVP nur vom Ausland bezahlte Handlanger im Dienste jüdischer Großkapitalisten seien und mithilfe der Reparationen das deutsche Volk auf immer „versklaven“ wollten: „Deutschland erwache!“, so der Appell der NSDAP an die Wähler, die vor die Entscheidung gestellt wurden, entweder weiter „Sklavenketten“ zu tragen oder den Kampf für „Freiheit und Brot, für Sauberkeit und Gerechtigkeit“ aufzunehmen1493. Erkennungszeichen ihrer Wahlpropaganda vom Frühjahr 1928 war die stereotype Bezugnahme auf die Novemberrevolution, deren Parolen und Verheißungen im Sinne einer „verratenen“ Revolution mit der staatlichen Gegenwart kontrastiert und – wo irgend möglich – als Ziele der NSDAP reklamiert wurden. An die Stelle der „Juden- und Kapitalistenherrschaft“ in der Re pu blik sollte ein autoritärer Führerstaat mit den „Besten des Volkes gleich welchem Stande“ an die Spitze gesetzt werden, denen zur Seite wie de rum eine beratende „Ständevertretung“, eine Art Berufsparlament aus Fachleuten, stehe. Die Selbstdarstellung der NSDAP akzentuierte im Frühjahr 1928 stärker als in früheren Wahlkämpfen das Bild einer neuen Kraft des „jungen kommenden Deutschland“, die allein zum Kampf um seine Freiheit berufen sei, „getragen von heißer Vaterlandsliebe, verbunden mit echt deutschem Sozialismus“. Im jetzigen Wahlkampf gehe es vor allem darum, den „Dawesschwindlern aller Schattierungen“ ebenso wie den „Judenbütteln aller Richtungen“ einen Strich durch die Rechnung zu machen und für eine „starke nationalsozialistische Opposition“ im Reichstag zu sorgen. In Abgrenzung zu den „alten“ Parteien, die dem Wähler „goldene Berge“ versprächen, lehnte die NSDAP es ab, ihre Absichten zu spezifizieren. An konkreten Zielen wollte sie aus- 524 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik drücklich nur die 25 Punkte von 1920 gelten lassen, deren Charakter eines unverbindlichen „Zeitprogramms“ hervorgehoben wurde, das nicht den Zweck habe, „durch künstlich gesteigerte Unzufriedenheit der Massen das Fortbestehen der Partei zu ermöglichen“. Um die Kritik an seinen „eigentumsfeindlichen“ Zielen und vor allem die „verlogenen Auslegungen“ des Punktes 17 zu beenden, musste es im Wahlkampf durch die „Anmerkung“ Hitlers vom 13.  April 1928 ergänzt werden. Nur der radikale Systemwechsel könne die Fortsetzung des „Wahl- und Parlamentsschwindels“ der Weimarer Demokratie am 20. Mai verhindern: „Volksgenossen aller Stände. Arbeiter der Stirn und Faust. Der Weg zu Brot und Leben geht nur über die Trümmer des heutigen jüdisch-verseuchten parlamentarischen Systems. Wir zeigen Euch den Weg!“1494 In der Feindbildhierarchie der NSDAP vor dem 20. Mai stand das „ganze charakterlose System“ an übergeordneter Stelle, ob es nun als „Juden- und Kapitalistenherrschaft“ oder als außenpolitische Front der „Dawes parteien“ verdammt wurde. Worum es ihr ging, war die „Vernichtung der inneren Feinde“ des Volkes, der „Juden und sonstigen neudeutschen Geldsackpatrioten“. Nur ein Sechstel von dreißig Wahlflugblättern war auf bestimmte parteipolitische Gegner fixiert, wobei vor allem die SPD als Hauptstütze des Re pu blik angegriffen wurde, während die Kommunisten mit den Feindbildstereotypen der NSDAP schlecht zu erfassen waren. Methode war, den allgemeinen „Charakterverfall der alten Parteien“, für den die „Lügenhaftigkeit“ dieses Wahlkampfes stärkster Beweis sei, mit Blick auf ihre jeweilige Hauptklientel zu spezifizieren: „Restlose Enthüllung des Verrats der Sozialdemokratie an der Arbeiterschaft – Dawes- und Locarnobetrug der Deutschnationalen am Mittelstand und am Bauerntum“. Dem „restlosen Versagen der ‚vaterländischen Opposition‘“ wurde der Aufstieg des Nationalsozialismus als „Deutschlands Zukunft“ gegenübergestellt1495. Mit ihren allgemeinen Flugblattparolen griff die NSDAP im Frühjahr 1928 abgesehen von der KPD pauschal alle Weimarer Parteien als „Dawespatrioten“ an, die den Verständigungskurs gegenüber dem feindlichen Ausland nach dem 20. Mai fortsetzen wollten: „Sie alle, von rechts bis links, Sozialdemokratie, Demokraten, Wirtschaftsparteiler, Zen trum, BVP, DVP und Deutschnationale, sie alle stehen auf dem Boden der unheilvollen Erfüllungspolitik des Reichsaußenministers Dr. Stresemann“. Wenn man „Stresemann“ sage, erläuterte die NSDAP ihr Feindbild, sei nicht allein dieser gemeint, sondern „jene riesige Maschine der Volks- 525 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 verdummung“, die „Erfüllung“ predige, neben den Parteien etwa auch die großstädtische liberale „Judenpresse“. Die extrem scharfe Polemik gegen Stresemann, der statt der versprochenen Befreiung von „roten Ketten“ noch weitere, diesmal die „goldenen Ketten seiner jüdischen Sippschaft“ an das Reich gelegt habe, bezog ihre aktuelle Bedeutung im Frühjahr 1928 aus seiner Kandidatur in Bayern und füllte gleich mehrere Wahlkampf-Sondernummern des Völkischen Beobachters1496. Sowohl gegenüber der SPD als auch gegenüber den Kommunisten agitierte die NSDAP vor allem mit dem zielgruppenspezifischen Hinweis auf ihren „Arbeiterverrat“ und die angeblich terroristischen Methoden. Aus scheinbar neu traler Perspektive forderte sie die „Werktätigen der deutschen Re pu blik“ auf, selbst darüber zu urteilen, ob diese „marxistischen Mordparteien“ ihre In te res sen vertreten könnten. Statt Achtstundentag und Lohnerhöhungen verantworte die SPD seit 1918 Massenarbeitslosigkeit und Hunger, während die Kommunisten sogar „ihr heiliges Russland an das jüdisch-amerikanische Großkapital“ auszuliefern bereit seien1497. Von den bürgerlichen „Dawesparteien“ schenkte die NSDAP im Frühjahr 1928 allein dem Zen trum und den Deutschnationalen erhöhte Aufmerksamkeit, gegen die vor allem ihre Beteiligung an zwei Weimarer Reichsregierungen thematisiert wurde. Dass im Verhältnis zu anderen Gruppen der „bürgerlichen Parteienwelt“ stereotyp die gleichen Argumentationsfiguren angewandt wurden, zeigte die Kommentierung des Wahlaufrufs der BVP, der die NSDAP außer „Bayernverrat“ speziell noch „Verrat an der Monarchie“ vorwarf1498. Gegen ihre alten Mitstreiter von 1924, den mit anderen Rechtsradikalen im VNB zusammengeschlossenen Deutschvölkischen, fiel der NSDAP nicht viel mehr ein, als sie wegen ihrer Attacken auf Ludendorff zu verurteilen und ansonsten das Prinzip Totschweigen zu beachten. In nahezu jedem Wahlflugblatt der NSDAP tauchte im Frühjahr 1928 dagegen das Feindbild des „internationalen Juden“ auf, ob in abstrakter Form als Hochfinanz, oder personalisiert, wie Goebbels es gegen den demokratischen Polizei- Vizepräsidenten Bernhard Weiß als bevorzugte Zielscheibe seines Berliner „Angriffs“ vorexerzierte1499. Der parteimäßigen Diffusität ihrer Feindbilder entsprach die sozial weit gehend undifferenzierte Adres sa tenwerbung der NSDAP im Frühjahr 1928, die etwa „jede Frau und jeden Mann von Charakter“ für sich zu gewinnen versuchte. Nur neun von 30 Wahlflugblättern wiesen einen soziologisch beziehungsweise beruflich erkennbaren Adres sa ten auf, 526 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sechs davon die Arbeiter und drei den selbständigen Mittelstand. Soweit in den restlichen Flugblättern ein Adressat auftauchte, waren es nicht die herkömmlichen Berufs- oder Sozialgruppen, sondern vielmehr rhetorische Konstrukte wie die „Front des jungen kommenden Deutschland“ und ihre Angehörigen, gleich ob sie „an der Esse, in tiefer Grube, in Hörsälen, im Büro“ arbeiteten oder säßen. Häufigste Konkretisierungen bildeten noch die Anreden „Arbeiter, Bürger, Bauer“, gefolgt vom „schaffenden Deutschland“ oder auch den „Volksgenossen aller Stände“, die „Klassenkampf und Standesdünkel“ gleichermaßen wie „Marxismus“ und „bürgerliche Reaktion“ ablehnten1500. Aus der anvisierten „Einheitsfront aller Schaffenden“, welche die deutsche Volksgemeinschaft „aller Berufe und Stände“ meinte, ragten im Frühjahr 1928 nur die Arbeiter und die den Mittelstand repräsentierenden Bauern als signifikante Adres sa tengruppen der NSDAP heraus. Gegenüber den „Arbeitern der Faust und Stirne“ thematisierte sie primär die unerfüllten Verheißungen der Revolution auf der Folie einer verzerrt dargestellten Gegenwart der Weimarer Re pu blik. Den sozialdemokratischen Arbeitern sollten die Augen geöffnet werden über den Betrug ihrer „Bonzen“-Führer, die 1918 die politische Macht „nachweisbar“ in den Händen gehabt, aber dann doch nicht den versprochenen Staat mit „Freiheit, Schönheit und Würde“ geschaffen, sondern als „Schutztruppe des Kapitalismus“ die „ehrlichen sozialistischen Ziele“ der Arbeiter verraten hätten. Unter der Parole „Der Marxismus stirbt, damit der wahre Sozialismus leben kann“ pflegte die NSDAP im Frühjahr 1928 ein betont antikapitalistisches Image: „Immer größer wird das braune Heer mit den roten Fahnen der Arbeitsmänner, die sich Nationalsozialisten nennen, deren Führer Adolf Hitler lange Jahre selbst als Bauarbeiter sein Brot verdienen musste“1501. In den mittelständischen Berufsgruppen weckte die NSDAP bewusst materielle Hoffnungen und versuchte, die Beamten mit Versprechen auf Gehaltsaufbesserungen zu ködern sowie den selbständigen Mittelständler mit Beseitigung der Gewerbesteuer oder die Verbraucher mit Sicherung der Preise, andererseits die Hauseigentümer mit „freiem Verfügungsrecht“ über ihren Besitz. Insbesondere der „Kleinkaufmann“ sollte mit Ressentiments gegen die von den anderen Parteien geförderte „Pest der jüdischen Warenhäuser“ mobilisiert werden1502. Allen Adres sa tengruppen wurde die Verwirklichung und Finanzierung dieser Ziele als verblüffend einfach dargestellt, nämlich durch Aufgabe der Erfüllungspolitik, gemäß dem Motto Hitlers: „Zuerst Brot für 527 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 das deutsche Volk, dann Reparationen!“ Hauptargument gegenüber den Bauern bildete analog dazu im Frühjahr 1928 der Kampf gegen die „Dawestribute“, die als Ursache ihrer stereotyp beschworenen Not thematisiert wurden. Im Einklang mit ihren rechtsbürgerlichen Konkurrenten rief die NSDAP nach Agrarschutzzöllen und griff die Handelsvertragspraxis der Reichsregierung an, durch die ausländische Produkte „zu billigsten Schleuderpreisen“ eingeführt würden und der deutsche Bauer „kaputt“ gemacht werde1503. Ungeachtet ihrer massiven Anleihen bei der gegnerischen Propaganda suchte die NSDAP im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 keine Verbündeten unter den anderen Parteien. Wie die KPD führte sie vielmehr einen weitgehend auf sich selbst bezogenen Wahlkampf, der sie als Fundamentalopposition auswies und dessen Themenschwerpunkte auch kaum von der Weimarer Tagespolitik geprägt waren. Der doppelten Frontstellung gegen „Marxismus“ und „Reaktion“ entsprach eine Zielgruppenwerbung, die im Vergleich zu der vom Herbst 1924 wieder stärker ideologisch überfrachtet war, wovon das bevorzugt angesprochene Begriffspaar „Arbeiter und Bürger“ zeugte. Die Obertöne der NSDAP-Propaganda vor dem 20. Mai 1928 bestimmten aber die pseudosozialistischen Sammelparolen des „schaffenden Deutschland“ gegen die Front der „Dawesparteien“, die je nach Bedarf antisemitisch aufgeladen werden konnten, wie die Polemik gegen Stresemann exemplarisch zeigte. Sonstige Parteien Nachdem der Konflikt mit dem Zen trum durch das Regensburger Abkommen vom November 1927 weitgehend beigelegt worden war, akzentuierte der am 19.  April 1928 in München veröffentlichte Wahlaufruf der Bayerischen Volkspartei ihren Charakter als „christliche Weltanschauungspartei“, die jede Art von Klassen- und Standeskampf ablehne und den „konfessionellen Hader“ durch Anwendung der christlichen Grundsätze im staatlichen Leben überwinden wolle. Aktuell stehe in der Reichspolitik die Sorge um die Wiedergewinnung der „vollen nationalen Würde“ Deutschlands und also seine Befreiung von fremden Truppen im Vordergrund. Zwar bekannte sich die BVP zum Gedanken der „friedlichen Verständigung“, forderte aber im gleichen Atemzuge die Wiedervereinigung mit den „Stammesbrüdern“ in Südtirol und Österreich. Der 528 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik innenpolitische Teil ihrer Wahlpropaganda wurde von dem Ruf nach Wahrung der „föderalistischen Lebensgesetze“ des Reiches gegen den „undeutschen“ Einheitsstaatsgedanken beherrscht. Für den Ausbau der „Eigenstaatlichkeit“ Bayerns verlangte sie die Rückkehr zur früheren Finanzhoheit der Länder sowie speziell die volle Unversehrtheit des bayerischen Staatsgebietes. Wirtschaftspolitische Hauptforderung stellte im Frühjahr 1928 die Milderung des „Steuerdrucks“ dar, der insbesondere auf dem immer noch „schwer um seine Existenz ringenden gewerblichen Mittelstand“ laste. Stärkste Aufmerksamkeit schenkte die BVP aus aktuellem Anlass der Landwirtschaft, deren zen tra le Rolle für die deutsche Wirtschaft mit betont einfachen Worten verdeutlicht werden sollte. Im Übrigen sprach sich ihr Wahlaufruf für eine „vernünftige Sozialpolitik“ aus, was in erster Linie die Begrenzung der öffentlichen Ausgaben meinte, und kam abschließend auf das Verhältnis Bayerns zum Reich zu sprechen, mit dem es nicht zuletzt dank der BVP wieder „vorwärts“ gehe. Für die „Stärke Deutschlands nach außen“ versprach sie zu kämpfen: „Für den christlichen Staat! Für den Ausgleich und Frieden zwischen den Ständen! Für ein selbständiges Bayern in einem geachteten, freien Deutschen Reich!“1504 Obwohl sich die Wirtschaftspartei nach ihren in scharfer Konkurrenz zu den bürgerlichen Parteien erzielten Erfolgen von 1924 auf Annäherungskurs an die Re pu blik befand, versuchte sie sich vor dem 20. Mai wieder als antiparlamentarische Oppositionsbewegung darzustellen. Erstmals adres sierte sie ihren Reichstagswahlaufruf nicht nur spezifisch an den Mittelstand, sondern an die scheinbar weiter gefaßte Gruppe aller deutschen „Bürger und Bauern“. Insbesondere jedoch hinter dem deutschen Mittelstand liege, stellte der Aufruf klar, eine Zeit „schwerster Enttäuschung über das heutige parlamentarische System und die politischen Parteien“. In gerade für ihn „katastrophalen Wirtschaftsjahren“ sei nach 1925 wieder einmal bewiesen worden, dass der Artikel 164 der Reichsverfassung, der den Schutz des Mittelstandes zum Ziel habe, nur „leere Worte auf geduldigem Papier“ darstelle. Ob in Preußen von links oder im Reich von rechts regiert werde, stets herrsche unter dem „ewigen Druck der Straße“ entweder eine Politik im Sinne der „stets fordernden Masse“ oder eine ebenso einseitige, „Hab und Gut raubende Steuergesetzgebung“. Solcher „Vernichtungswille gegen den freien Bürger“ könne sich nicht nur deshalb austoben, weil alle bürgerlichen Parteien vom Sozialismus „infiziert“ seien und den Mittelstand an diesen „verraten 529 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 und verkauft“ hätten. Der Mittelständler selbst aber müsse endlich begreifen, dass in diesem „Zeitalter der Zahl und der Masse“ nur der zu seinem Recht komme, der sich „zielbewusst und rücksichtslos“ auf die eigenen In te res sen besinne. Auch wenn ihn der „moderne Staat mit seiner vernichtenden Partei- und Bürokratenherrschaft“ abstoße, müsse sich der Mittelstand doch organisieren, weil sich sowohl die „landfremde großkapitalistische Idee“ als auch der „neue Geist des persönlichkeitsfeindlichen“ Marxismus ausbreite. Unter dieser doppelten Kampfparole rief die WP im Frühjahr 1928 namentlich die „Männer und Frauen aus Handel, Handwerk und Gewerbe, Grundbesitz und dem Landvolke, ihr ehrsamen Berufsbeamten, ihr geistig schaffenden Kräfte im Volke, ihr nach Selbständigkeit ringenden Arbeiter, Handwerksgesellen, Gehilfen und Angestellten“ zur Wahl am 20. Mai auf. Bis in die Reihen der Deutschnationalen hinein säßen die „Kapitäne der Truste und Konzerne, der Warenhäuser“, und selbst noch unter einer rein bürgerlichen Reichsregierung würden die „Totenstätten für den selbständigen Mittelstand“, die kommunalen Betriebe, gefördert, deshalb: „Fort mit den Berufspolitikern, den bezahlten Parteibonzen und Gewerkschaftssekretären!“ Im übrigen kolportierte die WP die außenpolitischen Revisionsforderungen der Rechtsparteien sowie im Innern die Parolen für Steuersenkung, öffentliche Sparsamkeit beziehungsweise gegen die „ungehemmte Bewilligungswut“ der Parlamente1505. Der Wahlaufruf der Anfang März 1928 von deutschnationalen Agrari ern gegründeten Christlich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei zog ebenfalls mit dem Vorwurf einseitiger In te res senvertretung gegen die bürgerliche Reichsregierung zu Felde. Diese habe zwar für eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben, der Soziallasten und der Löhne gesorgt, aber der Landwirtschaft und den Bauern damit nur zusätzliche Steuern und wachsende Not gebracht. Den wahren Schuldigen erblickte die CNBLP im Weimarer Parteiensystem: „Parteipolitik zerfleischt das deutsche Volk, ruiniert jeden Erwerbsstand und schafft nur den Bonzen auf der einen und den Tagedieben auf der anderen Seite goldene Zeiten“. Was die Landwirte deshalb jetzt bräuchten, sei eine wirkungsvolle „berufsständische Vertretung“. Unter dem Kampfruf „Bauern, heraus für euer Eigentum, für Vaterland und Christentum“ erinnerte die CNBLP daran, dass sie bisher leer ausgegangen seien: „Es gibt in den Parlamenten eine einheitliche Unternehmer-, Arbeiter- und Beamtenfront, wenn es um Lebensfragen dieser Stände geht, aber keine Bauernfront“. Ohne 530 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Aussagen über ihre zukünftige Politik zu machen, beschränkte die Landvolkpartei ihr Programm auf Forderungen nach Erhaltung des „Eigentumsbegriffs“, nach „christlicher Schule“ sowie Beseitigung der „Tributzahlungen“, an denen Deutschland zu ersticken drohe. Adres sa ten dieser Propaganda waren im Frühjahr 1928 namentlich die „Bauern und Bauersfrauen, Jungbauern- und Jungbäuerinnen, landwirtschaftlichen Beamten, Knechte und Mägde und alle, die ihr sonst zum Landvolk gehört, ländliche Arbeiter usw.“. In den Parlamenten herrsche der CNBLP zufolge der „Verbraucher“, der für das Landvolk nur niedrige Preise und hohe Steuern bringe: „Darum weg mit dem verrotteten Partei-Parlamentarismus, der die Landwirtschaft ruiniert. Wir verlangen Bauernpolitik!“1506 Nach dem Bruch mit der DNVP, von der man sich durch ihr Verhalten in der Aufwertungsfrage betrogen fühlte, setzten sich im Sparerbund die Kräfte durch, die auf Gründung einer eigenen politischen Partei drängten. Ende 1926 entstand so die Volksrechtspartei als der parlamentarische Arm der Sparer und Inflationsgeschädigten. Ihr Wahlaufruf zum 20. Mai 1928 war – für eine In te res senpartei eher untypisch – an alle Deutschen adres siert, denen das „Versagen“ der alten Parteien vor Augen geführt wurde. Versagt hätten diese vor allem mit ihrer „von den ‚wirtschaftlichen Geschulten‘ geförderten und ausgenutzten Inflationspolitik“. Ebenso versagt habe die Reichsregierung, als es galt, die Folgen der Inflation wieder gutzumachen, sie aber statt dessen in London 1924 die „ungeheure Torheit“ begangen habe, Deutschland im Innern für schuldenfrei zu erklären. Gefordert wurden eine völlige Neuregelung der Aufwertungsfrage mit dem Ziele „weit gehender Wiederherstellung des enteigneten Sparkapitals“ sowie der „offizielle Widerruf der Lüge von der inneren Entschuldung“. Über diese spezifischen Kernpunkte hinaus versprach die VRP im Frühjahr 1928 gegen „Großkapital und die Hochfinanz“ zu kämpfen. Unter der Losung „Recht im Innern, Recht nach au- ßen“ wandte sie sich damit namentlich an die Inflationsopfer, denen sie sich als überparteilicher „Kampfbund der Entrechteten, ein Volksbund für das Recht“ präsentierte1507. Nach dem Zerwürfnis mit Hitler versuchten die Deutschvölkischen im Frühjahr 1928 unter der Bezeichnung Völkisch-Nationaler Block zusammen mit anderen rechtsextremen Splittergruppen wie der Deutschen Reformationspartei oder der Deutschkonservativen Partei ein breites Wahlbündnis in Konkurrenz zu Hitler als Sammelbecken der antire publi ka nischen, antisemitischen und antiklerikalen Kräfte zu bilden. Weil 531 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 selbst die großen Rechtsparteien Versailles und Dawes hinnähmen, so der Gründungs- und Wahlaufruf des VNB, brauche das Reich dringender denn je eine „nationale und völkische Opposition“, die dem deutschen Volk den „Willen zur Freiheit“ einpflanze und einen Damm gegen die „internationalen und pazifistischen Mächte“ bilde. Als neues Parteigebilde musste der VNB über solche Rhetorik hinaus den Wähler im Frühjahr 1928 zumindest über seine programmatischen Hauptziele aufklären. Sowohl gegen „Kastengeist und Klassenkampf “ als auch gegen den „kapitalistischen Parlamentarismus“ propagierte er dabei ein „Drittes Reich“, was ihn im scharfen Konkurrenzkampf mit der NSDAP um die deutschvölkischen Wähler von 1924 sah. Dazu wurden alle Deutschen gleich welchen „Standes“ in die gemeinsame völkische Front gerufen, denn: „Die Partei trennt, der Block schließt zusammen“1508. Unter der Parole „Freiheitsfront gegen Erfüllungsfront“ versuchte sich der Block im Frühjahr 1928 als die einzig fundamentaloppositionelle Alternative zu profilieren. Auch die DNVP habe sich „voll und ganz auf den Boden des Erfüllungssystems“ gestellt und im Kampf gegen den „alljüdischen Imperialismus“ versagt. In einem an die „Kopf- und Handarbeiter aller Stände“ adres sierten Flugblatt näherte sich der VNB stark der sozialen Demagogie der NSDAP an. Den Stimmungen der anvisierten Hitler- Anhänger wurde soweit entsprochen, dass als Voraussetzung des „Dritten Reiches“ die Förderung eines „echten deutschen Sozialismus“ erschien. Die „mehr oder minder marxistischen Forderungen“ der Nationalsozialisten bedeuteten dagegen das Ende jeder „nationalen Wirtschaft“. Wer von den Völkischen die „neuen Wege und Methoden der Hitlerbewegung“ ablehne, solle daher zurückkehren in die Reihen der DVFP und diese „reine und gesunde völkische nationale Bewegung“ stärken1509. Wie die anderen Klein- und In te res senparteien kennzeichnete die Wahlpropaganda des VNB im Frühjahr 1928 ein eklatanter Mangel an allgemein- und tagespolitischen Themen und Parolen. Um die aktuellen Streitfragen der Reichspolitik, wie das Reichsschulgesetz oder den Panzerkreuzerbau, kümmerten sie sich ebensowenig, wie sie es für unnötig hielten, koalitionspolitische Aussagen zu treffen. Den Ein-Themen-Wahlkämpfern vom Schlage der noch verhältnismäßig moderat auftretenden Volksrechtspartei war vielmehr die Tendenz eigen, sich einzig und allein auf die Bedürfnisse und In te res sen der jeweiligen speziellen Adres satengruppen zu konzentrieren. In Richtung einer über den „freien“ Mittelstand hinausgreifenden Sammelbewegung des deutschen Bürgertums 532 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik versuchte allein die WP im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 aus den engen In te res senkreisen zumindest verbal auszubrechen. Als Reaktion auf die „Zersplitterungs“-Propaganda der sich um ihre Besitzstände sorgenden bürgerlichen Konkurrenten stellte sie ihren wirtschaftlichen Mittelstandsforderungen außen- und innenpolitische Floskeln zur Seite, die sich an den Positionen der Rechtsparteien orientierten oder von diesen einfach übernommen wurden. Auffällig waren die Übereinstimmungen in der Feindbildpropaganda aller kleinen Parteien (inklusive NSDAP), die mit der doppelten Kampfansage gegen „internationales Kapital“ und „internationalen Marxismus“ ihre Adres sa ten zur Sammlung gegen das Weimarer „System“ riefen. Wahlergebnis und Zusammenfassung Im Ergebnis konnte die Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 als ein Zeichen der politischen Stabilisierung der Weimarer Re pu blik erscheinen, da die gemäßigten verfassungstreuen Parteien – einschließlich der DVP – wieder die Mehrheit mit 285 von 491 Sitzen erhielten, vor allem dank starker Gewinne der SPD, die mit knapp 30 Prozent der Stimmen künftig über 153 Mandate verfügte. In dem Debakel der Deutschnationalen, die fast ein Drittel ihrer Wähler von 1924 verloren, spiegelte sich die Niederlage des „zweiten Bürgerblocks“ wider. Angesichts eines Stimmenrückgangs auf nun 14,2 Prozent (73 Sitze) musste die DNVP den „Wahlsieg der Marxisten“ anerkennen und sah sich selbst „parlamentarisch auf den Stand der Nationalversammlung zurückgeworfen“1510. Das Ausland interpretierte die Reichstagswahlen als Beleg dafür, dass die Deutschen zehn Jahre nach Kriegsende dem extremen Nationalismus und der Monarchie den Rücken zugewandt hätten. Aus heutiger Sicht trägt der 20. Mai allerdings trotz der nach außen hin signalisierten Stabilität mit der fortschreitenden Zersplitterung der bürgerlichen Mitte und dem Niedergang der liberalen „Weltanschauungsparteien“ die kommenden Krisensymptome bereits in sich. Bedenklich war zunächst die mit 75,6 Prozent – bei einer allerdings um über zwei auf 41,2 Millionen gestiegenen Zahl von Wahlberechtigten – niedrigste Beteiligungsquote seit Bestehen der Weimarer Re pu blik. Bereits vielen Zeitgenossen erschien die „Flucht in die In te res senparteien“ vor allem der mittelständischen Wähler als überaus gefährlich. Die WP gewann am 20. Mai fast 700 000 Stimmen hinzu und 533 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 verdoppelte damit beinahe ihre Anteile von 2,3 auf 4,5 Prozent, während andere, die zum ersten Mal kandidierten, Achtungserfolge verbuchen konnten, so die VRP mit 1,6 Prozent oder die CNBLP aufgrund eines zweistelligen Ergebnisses in Thüringen mit 1,9 Prozent. Zusammengenommen erhielten diese Gruppierungen, die in der wahlsoziologischen Literatur als „Zwischenwirte“ vor allem bürgerlicher Wählerschichten auf dem Weg von den liberal-konservativen Parteien zum Nationalsozialismus angesehen werden, mit 4,3 Millionen bereits annähernd so viele Stimmen wie die DNVP1511. Von dem sich seit dem Fürsten-Volksentscheid 1926 abzeichnenden Linkstrend auf der Wählerebene profitierte im Mai 1928 vor allem die SPD, die mit über neun Millionen Stimmen durch Zugewinne von fast vier Prozent (auf 29,8 %) nun wieder klar die stärkste Partei im Reich war. In weit schwächerem Maße gewannen die Kommunisten, die sich nur leicht auf 10,6 Prozent verbesserten und nun 54 statt vorher 45 Abgeordnete stellten. Im sozialdemokratischen Urteil firmierte der 20. Mai als „Volksurteil gegen den Bürgerblock“, da sich mit der „gesamtbürgerlichen Niederlage“ der angekündigte „Ruck nach links“ verwirklicht habe1512. Tatsächlich erhielten alle Parteien der Mitte-Rechts-Koalition einen Denkzettel für ihre zuletzt von Affären und Krisen überschattete Politik. Erstmals bei Reichstagswahlen musste selbst das Zen trum Stimmenverluste hinnehmen – im Durchschnitt zwölf Prozent ihrer Anteile von 1924, im „bekenntnistreuen“ katholischen Wahlkörper sogar noch etwas mehr –, was die innerparteiliche Kritik an Parteichef Marx und Rufe nach Erneuerung lauter werden ließ. Das Ergebnis, das der katholischen Regierungspartei von den bisherigen 69 noch 62 Sitze (12,1 %) ließ, kam einer Katastrophe gleich1513. Trotz eines aus der Opposition geführten Wahlkampfes fiel auch die DDP am 20. Mai weiter zurück und erhielt nur noch 1,5 Millionen Stimmen, das waren 4,9 Prozent beziehungsweise 25 Mandate – womit sie etwa auf die Größe der WP schrumpfte. Ungefähr in gleicher Höhe sanken die Anteile der DVP, die trotz ihres Stresemann-Wahlkampfes statt bei 10,1 nur noch bei 8,7 Prozent landete. Zu den eindeutigen Verlierern der Reichstagswahl gehörte das völkisch-rechtsextreme Bündnis des VNB, der gerade 270 000 beziehungsweise 0,8 Prozent der Stimmen erhielt und ohne Mandat blieb. Dagegen feierten die Nationalsozialisten ihre im Alleingang erzielten 2,6 Prozent (12 Sitze) durchaus zu Recht als Erfolg beziehungsweise „Weckruf für den radikalen deutschen Nationalismus“1514. Das Ergebnis der preu- 534 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ßischen Landtagswahlen lehnte sich „naturgemäß stark an die Ziffern der Reichstagswahl“ an1515 und bescherte der Weimarer Koalition insgesamt eine hauchdünne Mehrheit (226 von 450 Mandaten). Aus Sicht der DVP war der Einzug der Jungwähler in die Politik, von dem so viel gesprochen worden sei und der angeblich fünfzig neue Mandate schaffen würde, am 20. Mai 1928 überall wirkungslos verpufft. Vielmehr hätten im Reich die „äußerste Linke“ und damit die grundsätzlichen Gegner der Privatwirtschaft gesiegt, was die „Regenwahlen“ – so genannt nach dem schlechten Wetter am Wahltag – nicht zu einem „Ruhmesblatt deutscher innerer Politik“ mache1516. Während ihre Gegner darin eine verdiente Quittung für den Bruch der Wahlversprechen von 1924 gegenüber den Inflationsopfern sahen, erklärte die DNVP nach außen hin ihre Niederlage vor allem mit der allgemeinen Wahlmüdigkeit und ihrer Regierungsbeteiligung, die bei vielen „unerfüllbare Hoffnungen“ geweckt habe, sowie des „Trommelfeuers aller Parteien von der DVP bis zu den Kommunisten“ gegen sie. Hauptgeschäftsführer Weiß suchte die Ursache des weiteren in der „materialistischen, rein wirtschaftlichen Einstellung“ vieler Wähler, der künftig noch stärker die „großen, tragenden Ideen konservativer Weltanschauung“ entgegengesetzt werden müssten1517. Insgeheim wurde der 20. Mai 1928 aber von Deutschnationalen als „katastrophale Niederlage“ empfunden, die der Partei eine „Quittung über das vierjährige Doppelspiel“ präsentiere. Das Wahlergebnis sei „weniger ein Anwachsen der Linken als Versagen der Rechten“, notierte Reinhold Quaatz1518. Im Zen trum wurde nicht geleugnet, dass die Partei zwar am 20. Mai eine „Schlappe“ erlitten habe, allerdings ihre „weltanschaulichen“ Ideen damit nicht geschlagen worden seien. Weil aber große politische Gesichtspunkte im Wahlkampf keine Rolle gespielt hätten, vielmehr das „Sozial-Wirtschaftliche“ entschieden habe, hätten die Parteien gewonnen, die am geschicktesten auf der „Klaviatur der Privatinteressen“ gespielt hätten1519. Für den katholischen Sozialphilosophen Friedrich Dessauer war der aktuelle Wählerschwund Beweis dafür, dass die weltanschauliche Grundidee des Zen trums an bindender Kraft verloren habe. Während ökonomische Fragen immer mehr in die Politik drängten und Parteien wie SPD, KPD oder die WP mit ihren Wirtschaftszielen Wahlsiege errängen, sei der 20. Mai die Quittung dafür, dass das Zen trum mit seinem traditionellen Selbstverständnis als „Kulturpartei“ zwar gute Grundsätze habe, aber kein „konkret sichtbares Programm“ zu den „irdischen“ 535 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 wirtschaftlichen Problemen1520. Obwohl das Wahlziel erreicht und der „Rechtsblock“ abgewählt worden war, wollte auch bei den Demokraten keine rechte Freude aufkommen, da sie selbst trotz eines aufwändigen und ambitionierten Wahlkampfes weitere Stimmeneinbußen erlitten hatten. Parteichef Koch-Weser sah den „Hauptgrund an dem Niedergang einer Weltanschauungspartei“ wie der DDP darin, dass „alle großen Fragen“ – ob nun Re pu blik, Einheitsstaat oder Schulgesetz –, für die sie sich im Wahlkampf engagiert habe, „kein Echo mehr in der Bevölkerung finden, der es nur auf materielle Fragen ankommt“. Der Wähler gebe seine Stimme nicht länger dem Vertreter von Staatsinteressen, sondern dem Vertreter seiner Standes- und Berufsinteressen. Die DDP sei damit Opfer einer „gewissen Naturgewalt“, unter deren Auswirkungen aber alle Parteien litten. Speziell habe sie versäumt, den „nichtpolitischen Teil“ der Wählerschaft zu gewinnen und energisch den Eindruck zu bekämpfen, wonach die DDP eine „Partei des Hochkapitalismus“ sei1521. Hauptthema des nach den relativ ruhigen Stabilisierungsjahren scheinbar von großen Kontroversen unberührten Wahlkampfes im Frühjahr 1928 war die Bilanz der letzten vier Jahre bürgerlicher Koalitionsregierung. Der verfassungspolitische Dualismus hatte nach dem Streit um die Flaggenverordnung weiter an Aktualität verloren und vor allem auf „schwarz-weiß-roter“ Seite einer gewissen Ernüchterung Platz gemacht. Im Vergleich zu 1924 erhielt das re pu bli ka nische Lager dafür diesmal im Wahlkampf stärkere Unterstützung aus den Reihen des Zen trums, während sich die DVP von der schwarzweißroten Wahlparole früherer Tage verabschiedete. Herausragendes Einzelthema war bei den bürgerlichen Parteien zweifellos der Konflikt um das Reichsschulgesetz, in dem die Frontlinien konträr zu denen in der Außenpolitik verliefen. Zusammen mit den Deutschnationalen, die sich als Fürsprecher evangelischer In teres sen zu profilieren versuchten, gab sich das Zen trum offen als Befürworterin eines Einflusses der Kirchen in der Schule zu erkennen, was sie in verschärften Gegensatz zu den liberalen Parteien bringen musste. DDP, DVP und SPD wurden von der katholischen Partei wegen ihrer Ablehnung des Schulentwurfs als „rot-blaue Kulturkämpfer“ scharf angefeindet, sodass dieses letztlich zweitrangige Thema, das für die „Kulturpartei“ aber von so großer Bedeutung war, eine künftige Koalitionsbildung der „Verfassungsparteien“ erschwerte. Hinzu kamen die wirtschaftspolitischen Differenzen, die wie de rum DNVP und Zen trum in gemeinsamer Front für höhere Schutzzölle auf Agrarprodukte kämpfen sah, wäh- 536 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik rend die liberalen Parteien und die SPD dies im Namen der städtischen Verbraucher ablehnten. Durch seine gleichzeitige konfessionelle Abgrenzung gegen die Katholikenpropaganda der DNVP büßte das Zen trum aber auch nach rechts an politischem Handlungsspielraum ein, worin eine gewisse Regierungsmüdigkeit zum Ausdruck kam. Tendenziell aus der Perspektive einer Oppositionspartei argumentierte im Frühjahr 1928 neben den Deutschnationalen noch die DVP, namentlich in wirtschafts- und steuerpolitischen Fragen. Ihr Wahlkampf musste aber vor allem wegen der modern anmutenden, weil personenbezogenen Stresemann-Parole Aufsehen erregen, hinter der sich die Partei zu verstecken versuchte. Unter dem Druck des kommunistischen Wahlkampfes gegen ihren „Koalitionsverrat“ schwieg die SPD vor dem 20. Mai zur Frage der künftigen Regierungsbildung, ließ aber an ihrem Machtwillen zur Ablösung des „Besitzbürgerblocks“ keinen Zweifel. Als dessen nach außen hin stärkste Kraft führten die Deutschnationalen den Wahlkampf bereits im Stile einer Partei, die sich gerade auf außenpolitischem Gebiet als „nationale“ Opposition zu profilieren gedachte. In diesem Bestreben konkurrierte sie sowohl mit der NSDAP als auch mit kleineren Splittergruppen der Rechten, die sich im VNB zusammengeschlossen hatten. Einigendes Band der Rechtsparteien war im Frühjahr 1928 die Frontstellung gegen eine sich festigende Weimarer Re pu blik, sei es, dass die DNVP gegen die „Alleinherrschaft der Parlamente“ polemisierte und mehr Macht für den Reichspräsidenten verlangte, sei es, dass die Völkischen offen die Beseitigung des parlamentarischen „Systems“ forderten. Stärker als in den Wahlkämpfen von 1924 führten die politischen Lager links und rechts thematisch kaum miteinander zu verknüpfende Kampagnen. So wie der Schulkonflikt im Grunde nur die bürgerlichen Parteienpropaganda beschäftigte, war der Panzerkreuzer fast ausschließlich nur eine Parole der Linksparteien – im Übrigen keine besonders schlagkräftige, wie der enttäuschende Ausgang des Volksbegehrens der KPD im Oktober 1928 zeigte, als sich nur 2,9 Prozent von 41,3 Millionen Wahlberechtigten in ihre Listen eintrugen. Gewissermaßen eine symbolpublizistische Nachwirkung des Präsidentenwahlkampfes von 1925 stellte die explizite „Block“- Propaganda der Weimarer Parteien dar, etwa in den radikalen Obertönen der SPD, die dem „Besitzbürgerblock“ einen „Volksblock“ der Werktätigen entgegenstellte. Als „stärkste Partei Deutschlands“ sollte sie nach dem 20. Mai 1928 die Staatsmacht in einem Augenblick wieder in 537 „bürgerblock“ oder „sozIale re pu blIk“ – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1928 die Hand bekommen, als die Zeichen der politischen Desintegration zunahmen und in der Außenpolitik neue Probleme mit der Neuregelung der Reparationsfrage ihren Schatten vorauswarfen. Während Zen trum und DVP zunächst zurückhaltend auf ihre Koalitionsofferten reagierten, bekräftigte die SPD Anfang Juni 1928 ihren Führungsanspruch innerhalb einer Großen Koalition – der einzig denkbaren parlamentarischen Mehrheitskonstellation. Anders aber als in Preußen, wo die Weimarer Koalition unter Otto Braun ihre Arbeit nach dem 20. Mai rasch fortsetzen konnte, gestaltete sich die Regierungsbildung im Reich überaus kompliziert und langwierig. Erst Ende Juni 1928 kam es zur Berufung eines „Kabinetts der Persönlichkeiten“ unter dem Sozialdemokraten Hermann Müller auf der Grundlage einer Großen Koalition von SPD bis DVP und BVP. Fraktionell gebunden und damit eine echte Koalition wurde diese Reichsregierung erst Anfang 19291522.

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References

Zusammenfassung

Reichstagswahlkämpfe entwickelten sich in den 1920er-Jahren zu wahren „Wahlschlachten“ mit einem bis dahin nicht gekannten Aufwand an Propaganda, Material, Geld und Menschen. Die scharfe Polarisierung in Wort und Bild sowie das hohe Maß an physischer Gewaltanwendung machten die Wahlbewegungen buchstäblich zum „Kriegsschauplatz“. Auch der massive Einsatz neuer, moderner Propagandamittel wie Lautsprecher und Flugzeuge, Schallplatten und Filme, zusammen mit der gegenüber dem Kaiserreich nochmals gesteigerten Verwendung traditioneller Medien wie Flugblättern und Zeitungen, veränderte nach 1918 den Charakter und die öffentliche Wahrnehmung der Reichstagswahlkämpfe. Parallel zum technischen Fortschritt begann in den 1920er-Jahren die „Amerikanisierung“ der Parteipropaganda, die von Zeitgenossen als „Sittenverfall“ beklagt wurde und die – wie auch viele Feindbildstereotype der Weimarer Zeit – die Zeit des Nationalsozialismus überdauerte und nach 1949 der Entpolitisierung von Wahlkämpfen in Deutschland den Weg ebnete.