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Kapitel 8 in:

Dirk Lau

Wahlkämpfe der Weimarer Republik, page 421 - 476

Propaganda und Programme der politischen Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag von 1924 bis 1930

3. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4203-8, ISBN online: 978-3-8288-7193-9, https://doi.org/10.5771/9783828871939-421

Tectum, Baden-Baden
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421 Kapitel 8 „Schwarz-weiß-rot“ gegen „Schwarz-rot-gold“ – Der Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 Die zweite Reichstagswahl des Jahres 1924 stand im Zeichen innen- und außenpolitischer Entspannung und waren nach den Krisenwahlen vom Mai durch eine deutliche Tendenz zur Entradikalisierung im Wahlvolk charakterisiert. Die von der Londoner Konferenz im August 1924 festgeschriebene Wende in der europäischen Außenpolitik trug wesentlich zu dieser inneren Stabilisierung der Weimarer Re pu blik bei. In London war den Vertretern des Deutschen Reichs für den Fall einer Zustimmung zum neuen Reparationsplan die Räumung des Ruhrgebietes binnen Jahresfrist zugesichert worden. Nachdem der Reichstag alle Dawesgesetze angenommen hatte, kam es bereits im September 1924 zu ersten Räumungsaktionen der Franzosen an der seit Januar 1923 besetzten Ruhr. Zudem sorgten die bald nach Deutschland strömenden Auslandskredite für weitere wirtschaftliche Erholung, die sich vor allem in einem Rückgang der Arbeitslosigkeit bemerkbar machte. Stresemanns Kalkül, nach außen ein Junktim von Reparationsregelung und Liquidierung des alliierten Besatzungsregimes sowie der Versailler Entwaffnungsbestimmungen zu erreichen, entsprach im Innern der Versuch, die zur Regierung strebende DNVP auf seine Verständigungspolitik zu verpflichten, indem er die Durchsetzung ihrer zollpolitischen Forderungen an die Bedingung der Annahme des Dawesplanes knüpfte. Das konnten die Deutschnationalen nur im Widerspruch zu ihren Wahlparolen vom Frühjahr 1924 und unter heftigen inneren Kämpfen erfüllen. Hinzu kam der Druck der hinter ihnen stehenden industriellen und agrarischen In te res senverbände, die sich mit dem Weimarer Staat arrangieren wollten, um so ihre Position in den durch die neue Reparationsregelung aktualisierten wirtschaft- 422 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik lichen Verteilungskämpfen zu stärken. Die Reichsführung unter Ebert und Marx hatte vor der entscheidenden Sitzung vom 29. August 1924, in der über die zen tra len, verfassungsändernden Dawesgesetze bezüglich der Reichsbahn abgestimmt werden sollte, mit der Auflösung des Reichstages für den Fall der Ablehnung gedroht. Von Seiten der DVP wurde den Deutschnationalen versprochen, sich bei einer Annahme des Dawesplans mit allen Mitteln für ihre Einbeziehung in die Anfang Juni umgebildete bürgerliche Minderheitsregierung einzusetzen. Diese „Kombination von Druck und Lockung“ (Heinrich A. Winkler) wirkte schließlich: Am 29. August spaltete sich die Reichstagsfraktion der DNVP überraschend in zwei Hälften, wovon die eine mit der Regierung votierte und so die für eine Zweidrittelmehrheit nötigen Stimmen stellte. Damit standen die Weichen im Reich auf eine Mitte-Rechts-Koalition des „Bürgerblocks“. Weil jedoch die wochenlangen Verhandlungen zur Erweiterung des Kabinetts scheiterten, kam Reichspräsident Ebert dem Marxschen Ersuchen nach und löste am 20. Oktober 1924 den Reichstag nach nur fünfmonatigem Bestehen wieder auf. Die strikte Weigerung der DDP, in eine Koalition mit den Deutschnationalen einzuwilligen, sowie deren überzogene Personalforderungen hatten Marx wie auch Ebert zuletzt von der Notwendigkeit dieses Schrittes überzeugt1219. In den wenigen Regionalwahlen des Sommers 1924 zeichneten sich im Vergleich zur Inflationswahl vom Mai zwei scheinbar widersprüchliche Trends ab. Zum einen konnte die extreme Rechte ihren Reichstagswahlerfolg in den Ländern nachholen; zum anderen aber machte sich bereits ein Umschwung bemerkbar, insofern die „nationalistische Welle“ stagnierte und die Stimmenzuwächse der radikalen Parteien deutlich hinter denen des Frühjahrs zurückblieben. Außer in Hamburg wurde allerdings nur noch in Anhalt gewählt, das aber gleich zweimal, weil die nach der Wahl vom 22. Juni 1924 gebildete DNVP-Minderheitsregierung bald scheiterte und der Landtag am 9. November neu gewählt werden musste. Ein erstes Stimmungsbarometer unmittelbar nach der Reichstagsauflösung bildeten die Hamburger Bürgerschaftswahlen vom 26. Oktober, bei denen DNVP und KPD hinzugewinnen konnten. Dennoch sig nalisierte Hamburg eine Konsolidierung der politischen Mitte, denn die „kleine Koalition“ aus DDP und SPD verlor zwar ihre Mehrheit, hielt sich aber dennoch an der Regierung. Beide Parteien sprachen sogar von einem „deutlichen Ruck nach links“ im Vergleich zur Reichstagswahl vom Mai 1924, während ihre Gegner unter Zugrundelegung der letzten 423 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 Bürgerschaftswahlen von 1921 Hamburg als „Sieg der Rechten“ verbuchten. Mit mehr Recht von einem gemäßigten Linkstrend konnte bei den Anhalter Landtagswahlen am 9. November die Rede sein. Hatte die SPD schon im Juni gegenüber der letzten Wahl von 1920 ihre führende Position ausbauen können, verbesserte sie sich jetzt weiter auf 41 Prozent, während die Kommunisten um fast zwei Drittel auf 5,8 Prozent der Stimmen schrumpften. Die Völkischen konnten ihre im Sommer 1924 erzielten 4,1 Prozent zwar verteidigen, aber ihr Vormarsch schien gestoppt zu sein. DNVP und DVP hatten sich mit kleineren In te res senparteien zu einem Wahlbündnis der „Volksgemeinschaft“ zusammengeschlossen, das 38,8 Prozent der Stimmen erhielt. Als Sieger von Anhalt sah sich vor allem die DDP, die ihre Anteile gegenüber dem Juni auf 7,3 Prozent verdoppelte und noch vor der Reichstagswahl mit der SPD eine Koalitionsregierung bildete. Zum Großwahltag wurde der 7. Dezember, weil vor allem aus finanziellen Gründen mehrere regionale Wahlen vorverlegt wurden, darunter die Landtagswahlen in Preußen, wo eine Weiterführung der Großen Koalition angesichts der Umorientierung der DVP wenig aussichtsreich schien1220. Dass am 29. Oktober 1924 in England die Konservativen unter Stanley Baldwin dank eines äußerst polemischen Wahlkampfs über die erst sei Januar 1924 amtierende und als mehr verständigungsbereit geltende Labour-Regierung siegten, war nach Hellmut von Gerlach eine „große Unterstützung für die reaktionäre Propaganda“ in Deutschland1221. Die Reichsregierung hatte sich bereits am 21. Oktober 1924 vom Frühjahr mit einer knappen Kundgebung an die Wähler gewandt. Dass das deutsche Volk nach so kurzer Zeit wieder zur Wahlurne gerufen werde, sei notwendig, weil der alte Reichstag keine „feste, arbeitsfähige Mehrheit“ gebracht habe. Die unter den Nachwirkungen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs erfolgte „Fehlwahl“ vom 4. Mai habe die „radikalen Elemente“ zu stark gemacht und die „aufbauende Arbeit der übrigen Parteien“ gehemmt, weshalb die Reichsregierung für den 7. Dezember eine „Zusammenfassung der positiven Kräfte“ forderte1222. Indessen konnte die günstige innen- und außenpolitische Entwicklung Anlass zu der Hoffnung geben, dass die radikalen Parteien tatsächlich zurückgedrängt würden. Demonstrativ hatte die Re pu blik am 11. August 1924 den fünften Jahrestag der Verfassung mit besonderen Feierlichkeiten begangen, in deren Rahmen alle öffentlichen Gebäude mit der Reichsfahne beflaggt wurden und erstmals das im Fe bru ar gegründete Reichsbanner Schwarz- 424 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Rot-Gold reichsweit an die Öffentlichkeit trat. Dies habe bewirkt, hieß es in der DDP, dass „die Re pu blikaner wieder mit Mut und Offensive in den Wahlkampf gehen“ könnten1223. Doch trotz spürbarer Wirtschaftskonjunktur und sinkenden Arbeitslosenziffern blieb unsicher, ob sich die positiven Faktoren der Stresemannpolitik psychologisch günstig etwa bei den durch die ungeklärte Aufwertungsfrage aufgebrachten Mittelstandswählern auswirken würden. Für von Gerlach stellten Londoner Abkommen und Dawesgesetze jedenfalls „mächtige Waffen“ in den Händen der Re pu blikaner dar. Seiner Prognose drei Wochen vor der Wahl zufolge werde der 7. Dezember Verluste der extremen Parteien sowie eine Mehrheit für die „schwarz-rot-goldene Politik“ bringen1224. „Für die schwarz-rot-goldene Re pu blik!“ – Die Sozialdemokraten Nach ihrer katastrophalen Wahlniederlage vom Mai 1924 verzichtete die SPD auf koalitionspolitische Initiativen und überließ den bürgerlichen Parteien die Regierungsbildung. Auf ihrem Mitte Juni 1924 in Berlin abgehaltenen Reichsparteitag begann sie sich mit der Oppositionsrolle abzufinden und Koalitionspolitik als Frage der Taktik, nicht des Prinzips zu behandeln. Das Dilemma der Sozialdemokraten blieb, dass sie für die Tolerierung der bürgerlichen Minderheitsregierung Marx gemäß dem Primat der Außenpolitik keine Konzessionen im Innern erzwingen konnte. Aus ihrer „Waffenruhe“ gegenüber der Reichsregierung wurde die SPD im Sommer 1924 durch die zollpolitische Offensive der DNVP gerissen, deren Pläne zur Anhebung der deutschen Agrarzölle auf den Vorkriegsstand eine beträchtliche Steigerung der Lebensmittelpreise für die Verbraucher bedeuteten. Ungeachtet ihrer günstigen Wahlaussichten boten die Sozialdemokraten vor dem 7. Dezember ein ähnlich zerrissenes Bild wie im Frühjahr 1924, da der Sachsenkonflikt Mitte November 1924 mit der Drohung einer organisatorischen Spaltung des sächsischen Landesverbandes seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte1225. Der am 26. Oktober 1924 in Berlin veröffentlichte Wahlaufruf des Parteivorstandes erinnerte zunächst an den Ausgang der Reichstagswahl vom Mai. Damals habe das deutsche Volk unter den Nachwirkungen der Inflation einen Reichstag gewählt, der zum „Zerrbild des Volkswillens“ geworden sei, weil ihn Völkische und Kommunisten „arbeitsunfähig“ und diese sich selbst damit zu „Hilfstruppen der monarchistischen Re- 425 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 aktion“ gemacht hätten. Auch am 7. Dezember gehe es aber wieder um Annahme oder Ablehnung des Reparationsplanes, akzentuierte die SPD die außenpolitische Entscheidungsalternative. Nur aus Angst vor Neuwahlen seien am 29. August 1924 „deutschnationale Jasager“ abkommandiert worden und hätten ihre Zustimmung zu den Dawesgesetzen gegeben. An dem folgenden „erbärmlichen Schacher- und Schiebergeschäft“ sei aber bereits zu erkennen gewesen, dass die „reaktionären Kräfte in den bürgerlichen Parteien den Bürgerblock gegen das werktätige Volk“ anstrebten. In Abwehr „volksfeindlicher“ Pläne sowie der „übermächtigen Wirtschaftsgruppen“ forderte die SPD eine stärkere Heranziehung des „Besitzes“ zu den Leistungen des Staates sowie erhöhten Schutz der „wirtschaftlich Schwachen“. Dicht gedrängt folgten in diesem Sinne ihre sozialpolitischen Ziele, von der Erhaltung eines wirksamen Mieterschutzes, der Schaffung einer gesetzlichen Arbeitslosenversicherung, bis hin zur Gewährleistung des Achtstundentages durch Ratifizierung des Washingtoner Abkommens – Forderungen, deren moderater Inhalt durch scharfe Aktionsparolen konterkariert wurde: „Der Weg zurück in die Vergangenheit führt ins Verderben. Der Feind steht rechts! Nieder mit dem Bürgerblock! Es lebe die Sozialdemokratie!“1226 Am 7. Dezember, der zum Tag des „großen Aufräumens“ im Reich und in Preußen erklärt wurde, gelte es, so die defensive Generallosung der SPD, die Gefahr eines „Besitzbürgerblocks“ abzuwenden. Außenpolitisch führte sie den Wahlkampf klar erkennbar für eine Verständigungspolitik Deutschlands mit seinen früheren Feinden, ohne die weder wirtschaftlicher Aufstieg, noch „Arbeit und Brot“ zu haben seien. Das Londo ner Abkommen sei eine von den Sozialisten aller Länder herbeigeführte Reform von Versailles zur Milderung der Reparationslasten Deutschlands, dem damit der „Weg zur Gesundung“ geöffnet werde. In ihrer Werbung für die Erfüllungspolitik sowie für ein friedliches vereintes Europa ging die SPD weiter als ihre bürgerlichen Konkurrenten und stilisierte sich zur „einflussreichsten Völkerverständigungspartei“. In Abwehr deutschnationaler Revanchepolitik, die nur den Machtpolitikern Frankreichs Auftrieb gebe, erklärte sie den 7. Dezember mit Blick auf das Nachbarland zur Wahl zwischen „Herriot oder Poincaré“1227. Trotz solch dramatischer außenpolitischer Akzente wurde der Wahlkampf der SPD im Herbst 1924 von innenpolitischen Themen und Parolen beherrscht. Vor allem mit ihren Parolen gegen die deutschnationalen Schutzzollpläne, welche die Preise für Massenkonsumgüter um 426 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ein Drittel steigen ließen und deshalb „Brotwucher“ seien, bezog sie im Innern scharfe Frontstellung zum „kulturellen, geistigen, sozialen und politischen Rückschrittlertum“ aller Couleur. In Opposition zum „kapitalistischen Wahlblock“ der bürgerlichen Parteien prangerte die SPD als Vertretung der „Besitzlosen, Enteigneten und Unterdrückten“ die Abbaupraktiken der Regierung an. Drohende Rechtsmehrheit und „Bürgerblock“ bedeuteten dieser wenig differenzierten Argumentation zufolge ungehinderter Klassenkampf der Unternehmer gegen die Arbeiter sowie Abwälzung der Reparationslasten auf die minderbemittelten Volksschichten statt steuerpolitisch „gerechter“ Lastenverteilung. Der 7. Dezember sei die vielleicht letzte Möglichkeit, die Gefahr einer „reinen Klassenregierung des Besitzes“ abzuwenden und für eine soziale Ausgestaltung der Re pu blik zu sorgen1228. Allen „kleinen Leuten“ offerierte sich die SPD im Herbst 1924 dezidiert als Partei der Sozialpolitik, während sie das soziale Verhalten der bürgerlichen Parteien pauschal mit „Barbarei“ gleichsetzte. In Abgrenzung vor allem zu den deutschnationalen „Aufwertungsschwindlern“ propagierte sie die Besteuerung der Inflationsgewinne, weil eine solch „sozial gerechte“ Aufwertung gerade zum Schutze der „kleinen und bedürftigen“ Rentner und Sparer notwendig sei1229. Angesichts des „schwarzweißroten Trommelfeuers“ verstärkte sie gegenüber dem Frühjahr ihr propagandistisches Engagement für die Weimarer Re pu blik, die zur „unwiderruflich gewordenen Staatsform“ und zum Boden für den Sieg des „demokratischen Sozialismus“ erklärt wurde. Durchaus typisch für ihr Wahlprogramm verkürzte die SPD die Entscheidung formelhaft auf ein „Hie Monarchie, hie Re pu blik! Hie Kapital, hie Arbeit! Hie Deutschnationale, hie Sozialdemokraten!“ Vor solch polarisierendem Szenario wurde dem Wähler als Parole für den 7. Dezember zugerufen: „Für die Freiheit nach innen und außen! Für die schwarz-rot-goldene Re pu blik! Für sozialistische Steuer- und Sparpolitik! Zerschlagt die Parteien des Bürgerblocks!“1230 Die SPD führte ihren Wahlkampf im Herbst 1924 gegen die re publik feindliche „Einheitsfront“ der schwarz-weiß-roten Parteien und der „Linksputschisten und Rechtsbolschewiken“, lies KPD und Völkische. Ihre zweite Hauptfrontlinie zog sie zur Reichsregierung und zum „Besitzbürgerblock“, der als befürchtete Koalitionsbildung gegen die SPD die „soziale Reaktion“ verkörperte. Zwei Drittel, genau 55 von 79 Wahlflugblättern agitierten entweder gegen die „nationalistisch-kommunistischen“ oder gegen die „bürgerlich-kapitalistischen“ Gegner der Arbei- 427 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 ter1231. Parteipolitische Hauptfeinde waren neben der KPD, die wie gewohnt der arbeiterspezifischen Werbung der SPD die Feindbilder lieferte, im Unterschied zum Frühjahr 1924 die Deutschnationalen, die als treibende Kraft sowohl der Monarchisten wie auch einer Rechtsregierung im Reich erschienen. Die extremen Parteien, zu denen sie neben KPD und Völkischen auch die DNVP zählte, vereinige nach Ansicht der SPD die Methode, Verzweiflungsstimmung und soziale Not des Volkes für ihre unterschiedlichen Diktaturpläne auszunützen, wie es ihnen am 4. Mai durch einen „Sieg der Demagogie und der Lüge“ leider zum Teil gelungen sei. Dass sie der Hass gegen den gleichen Gegner erfülle, war der SPD Anlass, die These vom „völkisch-kommunistischen Geschwisterpaar“ ebenso wie die einer „Verbrüderung“ zwischen KPD und bürgerlicher Reaktion in Gestalt der DNVP zu propagieren. Von den „drei Inflationsblasen“ sei aber bereits die nationalsozialistische geplatzt und würden die beiden anderen bald folgen, da sie alle ohne „sachliche“ Ziele und Ideen kämpften. Die Völkischen erschienen im Spiegel der SPD-Flugblattpropaganda als reine „Revanchekriegshetzer“ und „Judenfresser“, die nicht erkannt hätten, dass kapitalistische Ausbeutung nicht an eine bestimmte Rasse gebunden sei1232. Die sozialdemokratische Aus ei nan der set zung mit der DNVP war ganz auf die Dawes-Abstimmung vom 29. August ausgerichtet, als die Hälfte ihrer Abgeordneten das frühere „Unannehmbar“ vergessen und sich aus „Regierungstollwut“ als machthungrige „Krippenjäger“ entlarvt habe. Vor dem Hintergrund paralleler Landtagswahlen bildete Preußen ein eigenständiges Argument der SPD gegen die monarchistische Sammelparole „Hohenzollern und Hohe Zölle“. Carl Se ve ring – als Innenminister nach dem Kapp-Putsch für die überfällige Demokratisierung der preußischen Verwaltung verantwortlich und deshalb bevorzugte Zielscheibe der antire pu bli ka nischen Polemik – habe das „alte Junkerpreußen“ in ein „modernes Staatsgebilde“ und die Schutzpolizei in ein zuverlässiges Machtmittel der Re pu blik umgewandelt. Weil das deutschnationale „Preisschießen“ auf den Reichspräsidenten aufgrund der Intervention der Reichsregierung zugunsten Eberts vorzeitig eingestellt werden musste und die Deutschnationalen ihre ganze „Munition“ weit gehend verpulvert hätten, wärmten sie jetzt die schon längst tot geglaubte Dolchstoßlegende wieder auf und würden aus Neid auf die re pu bli ka nischen Erfolge von der „Schwarzrotgelbsucht“ befallen1233. 428 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Ebenso scharf wie von rechts grenzte sich die SPD im Herbst 1924 von den Kommunisten ab, die stereotyp zu Helfershelfern des Kapitalismus und der Reaktion abgestempelt wurden, weil sie in dem „großem Kampfe“ zwischen Deutschnationalen und Sozialdemokraten die deutsche Arbeiterbewegung durch Spaltung schwächten. Mit ihren nationalistischen „Wahnsinnsparolen“ schütte die KPD obendrein nur Wasser auf die Mühlen der Rechtsparteien und bringe als „Marionette an den Drähten Moskaus“ blutigen Terror und Bürgerkrieg, wie in Russland, dem „Land des Schreckens“. In Abgrenzung zu kommunistischen Maximalforderungen und Einheitsfrontparolen empfahl sich die SPD der Arbeiterschaft als Partei der praktischen Sozialpolitik1234. In dem Aufmarsch der „bürgerlichen ‚Volks‘-Parteien“ zu den Wahlen sah sie im Herbst 1924 vor allem das Streben nach „nackter In te res senvertretung der Besitzenden“. Das Programm der DVP, die sich in der Sozialpolitik als „Scharfmacherpartei“ hervortue, bestehe gar nur im „Klassenkampf des Unternehmertums“ gegen die Werktätigen. Jetzt vor der Wahl kämpfe sie unter der Parole „Schwarz-Weiß-Rot gegen Schwarz-Rot-Gold“, wobei Stresemann zu den eifrigsten in dieser Kampagne gegen die Re pu blik gehöre1235. Über Zen trum und DDP erfuhr der Wähler von der SPD-Flugblattpropaganda nur wenig mehr als das, was implizit in ihrer Anti- „Bürgerblock“-Agitation gesagt wurde. Obwohl Vertreter „kapitalistischer In te res sen“, hielt man den Demokraten ihre re pu bli ka nische Einstellung zugute, mit der sie wie Reichskanzler Marx offen die Deutschnationalen bekämpften. Die Gründung der Liberalen Vereinigung wurde in diesem Sinne als Abschied der „Bürgerblöckler“ von der DDP gedeutet. Den vielen Wirtschafts- oder Aufwertungsparteien, die auf „Spezialgebieten“ Stimmen fangen wollten, schenkte die SPD vor dem 7. Dezember keine Beachtung1236. Hauptadressat der SPD-Flugblattpropaganda waren im Herbst 1924 wie im letzten Wahlkampf wie de rum die „kleinen Leute“ oder „schaffenden Volksgenossen“ in Stadt und Land. Über die Hälfte von 79 Flugblättern richtete sich an diese Gruppen, die vom „Großkapital“ abhängig und von „Unternehmerdiktatur“ bedroht seien, angefangen von den Arbeitern, den Angestellten und Beamten, den bedürftigen „Kriegs- und Arbeitsopfern“, bis hin zu den „kleinen“ Bauern, die in einem Atemzuge mit den Landarbeitern umworben wurden. Obwohl sich die SPD vor dem 7. Dezember von dem Image einer proletarischen Milieupartei der In dus triearbeiterschaft zu lösen versuchte, standen die Arbeiter mit 429 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 18 spezifischen Flugblättern an der Spitze der Zielgruppenhierarchie, gefolgt von den Beamten mit sechs. Auffällig war das verstärkte Bemühen um die Stimmen der Frauen und speziell Arbeiterinnen, an die immerhin neun Flugblätter adres siert waren. Gebot der Stunde sei die „Sammlung aller re pu bli ka nischen Männer und Frauen“ gegen die monarchistische und soziale Reaktion, damit eine „wirkliche Volksgemeinschaft“ an die Stelle der kapitalistischen „Volksausbeutung“ trete1237. Mit seinen zen tra len sozialpolitischen Versprechungen zielte das Wahlprogramm der SPD auf die „kleinen Leute“, die am 7. Dezember einen „sozialen“ Reichstag wählen könnten. Unter dem anklagenden Motto „Wehe der Gesellschaft, die ihre Mitmenschen verhungern lässt!“ warb sie im Herbst 1924 erstmals auch gezielt um die Stimmen der Erwerbslosen, in deren Namen eine eigene Versicherung gefordert wurde. Wenn ihnen der Staat schon keine Arbeit verschaffe, hätten sie wenigstens Anspruch auf ein „menschenwürdiges Dasein“ und nicht auf Almosen. Unter dem Druck der kommunistischen Konkurrenz stellte die SPD ihnen im Herbst 1924 nicht weniger als eine „Neugestaltung der gesamten politischen und sozialpolitischen Zustände“ in Aussicht1238. Typisch für ihre Wahlkampfpropaganda war, dass zwar der „untere“ oder „werktätige“ Mittelstand in den Adressen der Flugblätter erwähnt wurde, es dann aber an konkreter Argumentation seinen Berufsgruppen gegenüber fehlte. Die „Landbevölkerung“, worunter sie Kleinbauern, Pächter, Siedler sowie Land- und Forstarbeiter, eben die „kleinen Leute auf dem Lande“ faßte, warnte die SPD vor der gegnerischen Propaganda, derzufolge etwa Agrarschutzzölle Vertretung ihrer Belange und die Sozialdemokraten Feinde der Bauern seien. Im Gegenteil hätten sie als Massenpartei der Konsumenten ein elementares In te res se an einer gesunden Landwirtschaft. Darüber hinaus präsentierte die SPD speziell den Bauern einen detaillierten Forderungskatalog, der die Beseitigung ländlicher Kreditnot, die Vereinfachung des Steuersystems, den Ausbau des Genossenschaftswesens sowie die Vergrößerung des „kleinen Besitzes“ durch Siedlungspolitik für landsuchende „Besitzlose“ beinhaltete1239. Während die bürgerliche Regierung eine Politik betreibe, durch welche die unteren und mittleren Beamten zu „versinken“ drohten, empfahl sich die SPD ihnen als die einzige Vorkämpferin für eine „gerechte“ Besoldungsordnung und – nachdem der Berliner Parteitag im Juni 1924 ein eigenes Beamtenprogramm verabschiedet hatte – verstärkt mit Appellen an vitale berufsgruppenspezifische In te res sen1240. Der Wahlaufruf des 430 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Allgemeinen freien Angestelltenbundes prangerte scharf die lohn- und arbeitszeitpolitischen Benachteiligungen der von der SPD-Flugblattpropaganda sonst kaum wahrgenommenen Angestellten an, die als „Arbeitnehmer“ helfen sollten, dem drohenden „Besitzblock“ am 7. Dezember einen starken „Block der Arbeit“ entgegenzustellen. Vor dem Hintergrund von Tendenzen in der organisierten Mieterschaft, sich mit eigenen Listen an den Wahlen zu beteiligen, forderte die SPD eine Verwendung der gesamten Mietzinssteuer für den öffentlichen Wohnungsbau und sprach sich deutlich gegen die Aufhebung der Zwangswirtschaft in diesem Sektor aus1241. Nur selten und weitgehend ohne tagespolitische Bezüge warb sie um die Stimmen der Jungwähler, denen betont vage Zukunftsparolen wie „Die Zukunft aber gehört der Re pu blik und dem Sozialismus!“ zugerufen wurden. Außer den Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen, dem Kampf gegen den „Brotwucher“ der bürgerlichen Schutzzollpolitik sowie der Mahnung vor neuem Krieg stellte die Erinnerung an die Schaffung des Frauenwahlrechts ein wichtiges Thema der SPD-Frauenpropaganda dar. Mit spezifischen Flugblättern versuchte die SPD im Herbst 1924 auch die „Wahlfaulen“ zu mobilisieren. Nachdem im Mai über ein Drittel der organisierten Arbeiter nicht wählen gegangen sei, wolle man jetzt schärfer kontrollieren, wer womöglich „das Proletariat im Stich“ lasse1242. Die von scharfen ideologischen Abgrenzungen geprägte Wahlpropaganda der SPD vom Herbst 1924 kann als Station ihrer Linksentwicklung gesehen werden, die mit dem Heidelberger Parteitagsprogramm im September 1925 einen vorläufigen Höhepunkt fand. Die dort wiederbelebte marxistische Klassentheorie bestimmte die Rhetorik, mit der vor dem 7. Dezember das „Kapital“ gegen die „Arbeit“ gestellt wurde. Im Vergleich zum Frühjahr 1924 stand dem Bekenntnis der SPD zur Verständigungspolitik jetzt eine re pu bli ka nische Propaganda zur Seite, die sich jedoch defensiv in Abwehr des „schwarz-weiß-roten Trommelfeuers“ konstituierte. Verknüpft wurde sie mit der Parole für einen demokratischen Sozialismus, das heißt dem Zukunftsversprechen einer Wirtschaftsordnung mit „höchstmöglicher Wohlfahrt aller“ statt eines Staates, der zum „Vollzugsorgan des Großkapitals“ und nach dem Prinzip „Arme noch ärmer, Reiche noch reicher“ regiert zu werden drohe. In der Zielgruppenwerbung wurden trotz stärkerer Berücksichtigung der Inflationsopfer und Kleinbauern die Gruppen der Angestellten und des selbständigen Mittelstandes weiterhin vernachlässigt. Als taktisches 431 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 Hauptziel der SPD-Wahlpropaganda erschien im Herbst 1924 unter den Parolen „Nieder mit dem Bürgerblock!“ und „Der Feind steht rechts!“ die Abwehr einer drohenden Erweiterung der bürgerlichen Minderheitsregierung zur Rechtskoalition durch Aufnahme der DNVP. Koalitionspolitische Alternativen propagierte die SPD angesichts der Trennungsgräben zu den Mitteparteien vor dem 7. Dezember nicht. „Unsere Farben bleiben: Schwarz-weiß-rot!“ – Die Deutschnationale Volkspartei Nach ihrem Wahlerfolg vom 4. Mai 1924 scheiterte die DNVP mit dem Vorhaben, sich an die Spitze einer Bürgerblockregierung im Reich zu stellen. Vor allem die großagrarischen In te res senverbände drängten jedoch angesichts der bevorstehenden Handelsverträge weiter auf eine Mitarbeit im Weimarer Staat, um ihre schutzzollpolitischen Ziele durchzusetzen. Dass solch vitale wirtschaftliche In te res sen schließlich in der DNVP über nationalistische Wahlparolen siegten, führte zur „Symphonie in Weiß“ vom 29. August 1924, wie aufgrund der Farbe der „Ja“- Stimmzettel die Zustimmung von 48 ihrer Reichstagsabgeordneten zu den Dawesgesetzen bald spöttisch bezeichnet wurde. Dieser „Umfall“ stürzte die Partei in eine schwere Führungskrise. Nach dem Scheitern der Verhandlungen über eine Einbeziehung der DNVP in die Reichsregierung legte Parteichef Oskar Hergt, der zwar gegen alle Dawesgesetze gestimmt, aber Verständnis für die „Ja-Sager“ gezeigt hatte und als Befürworter einer deutschnationalen Regierungsbeteiligung galt, wie angekündigt Ende Oktober sein Amt nieder. Interimsvorsitzender wurde der Vorsitzende der preußischen Landtagsfraktion, Friedrich Winckler. Sahen die Demokraten in der „Absetzung“ Hergts einen Sieg des alldeutschen Flügels, sprachen rechtsextreme Kreise von einer leeren Geste der DNVP, die sich zur „Schleppenträgerin“ der DVP erniedrige. Trotz starker Tendenzen und Abkommen einzelner Landesverbände kam es aber im Herbst 1924 nicht zu einem „schwarz-weiß-roten“ Wahlbündnis der großen Rechtsparteien im Reich1243. Als Zeichen des Rückfalls in die Zeiten unbedingter Opposition wurde die Kundgebung der Reichstagsfraktion der DNVP vom 21. Oktober 1924 gedeutet. Wegen ihrer scharfen Töne gegen „Franzosen- und Judenherrschaft“ in Deutschland sorgte sie selbst bei der DVP für Befremden. 432 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Der Aufruf war eine kaum verhüllte Kriegserklärung an das Weimarer „System“ und vor allem seine „Erfüllungspolitiker“ unter der „schwarzrot-gelben Trikolore der Demokratie“. DVP und Zen trum wurde vorgeworfen, die zu dem „Opfer“ der Mitarbeit bereite DNVP nach dem 29. August nicht wie versprochen in die Regierung aufgenommen zu haben. Von solchem Wortbruch versuchte man sich als betont prinzipientreu abzugrenzen: „Unsere Partei bleibt, wie sie war: Monarchisch und völkisch, christlich und sozial. Unsere Ziele bleiben wie unser Name: Deutsch und national. Unsere Farben bleiben: Schwarz-weiß-rot“1244. Der am 29. Oktober 1924 veröffentlichte Wahlaufruf des Parteivorstandes war vergleichsweise moderat formuliert und unterschied sich von dem der Reichstagsfraktion vor allem durch die Anerkennung der Dawesgesetze als „jetzt bindendes Recht“, wenn auch ihre Durchführung die Notwendigkeit einer Revision beweisen werde. Weil ihr der „zugesicherte Anteil“ an der Regierung durch die „kleine sterbende Partei“ der Demokraten verweigert worden sei, setzte es sich die DNVP zum Ziel, am 7. Dezember so stark zu werden, dass sie eine bürgerliche Rechtsregierung „erzwingen“ könne. Im Vergleich zum Fraktionsaufruf wurde dem restaurativen Verfassungsziel die radikale Spitze genommen und die Monarchie lediglich zur „besten Staatsform“ erklärt, aber nach wie vor die Beseitigung der „Alleinherrschaft“ der Parlamente gefordert. Die Aktionsparole für den „Großkampftag“ im Reich und in Preußen müsse für alle Rechtswähler lauten: „Keine Zersplitterung im nationalen Lager!“ Der 7. Dezember wurde so zur großen Entscheidung zwischen rechts und links in der deutschen Politik stilisiert: „Rechts Christentum, Vaterland, gesunde Wirtschaft – links Unglaube, revolutionäre Wirrnis und wirtschaftliche Ruinen. Links Schwarz-rot-gelb – rechts Schwarz-weißrot! Wählt deutschnational, das ist Schwarz-weiß-rot!“1245 Um eine „nationale“ Außenpolitik und im Innern ein „neues deutsches Kaisertum“ vorzubereiten, rief die DNVP im Herbst 1924 unter Berufung auf den Geist „Bismarckscher Staatspolitik“ zur Schaffung der „großen vaterländischen Rechte“ auf. Unter dem Symbol der alten Reichsfahne führte sie den Wahlkampf um die politische Macht in der Re publik mit dem Zukunftsziel der Restauration des „alten, ehrlichen, sauberen, stolzen schwarz-weiß-roten Deutschland“. Die deutschnationalen Wahlkampfrichtlinien zum 7. Dezember 1924 legten fest, dass im einzelnen neben der „Kriegsschuldlüge“ vor allem die Themen Schutzzoll, der kein einseitiger Schutz der Landwirtschaft zum Nachteil der Verbrau- 433 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 cher sei, sondern der „beste Schutz der deutschen Speisekammer“, die aktuelle Wohnungsnot und der Abbau der Zwangswirtschaft sowie die Aufwertungsfrage hervorzuheben seien. Hier machte sich die DNVP zwar durch Aufstellung des Ehrenvorsitzenden des Sparerbundes, Georg Best, auf ihrer Reichsliste geschickt zur Fürsprecherin der Inflationsopfer. Versprechen auf bestimmte, gar hundertprozentige Aufwertungssätze waren aber auch jetzt von ihr nicht zu lesen. Vielmehr agitierte die DNVP wie die anderen Parteien für eine „gerechte“ Aufwertung der durch Inflation und dritte Steuernotverordnung „wegsozialisierten Spargroschen“ – mit der gleichen Verbindlichkeit, wie sie sich in antikapitalistischen Losungen gegen die „Herrschaft des internationalen Großkapitals“ stellte1246. Ihr wirtschaftspolitisches In te res senprofil gab die DNVP im Herbst 1924 durch die Forderungen nach einer „sozial gerechten“ Umgestaltung des Steuersystems und „strengster Sparsamkeit“ der öffentlichen Haushalte zu erkennen. Im Weimarer Staat werde, so hieß es zur Begründung, der Unternehmer durch eine Art „innerer Zoll“ in Form von hohen Steuern auf kaltem Wege enteignet. Deutschlands Wirtschaft leide immer noch schwer unter einem Übermaß staatlicher Bürokratie sowie der drohenden Fortsetzung der Erfüllungspolitik über das „Dawes- Opfer“ hinaus. Die „sozialpolitische Wahlmache“ der SPD gegen deutsche Agrarschutzzölle sei eine bewusste Irreführung, weil Freihandel nur möglich sei, wenn er in allen Ländern gelte1247. Offizielle Wahlparole der DNVP in der für sie so heiklen Frage des Dawesgutachtens war, dass am 29. August gar nicht mehr über das Londoner Abkommen abgestimmt worden sei, sondern schon darüber, wer Deutschland künftig regieren und weitere Verhandlungen über die Ausführung des Dawesplanes mit der Entente führen solle. Nach seiner Annahme müsse jetzt erst recht eine „starke nationale Rechtsregierung“ unter Führung der DNVP dafür sorgen, dass jede „internationalistische Erfüllungsfreudigkeit“ aus der deutschen Außenpolitik verbannt werde. Damit zu verbinden sei der Kampf für einen amtlichen Widerruf der „Kriegsschuldlüge“ sowie gegen Deutschlands Beitritt zum Völkerbund. Von einem Bekenntnis zum Stresemann-Kurs zeigte sich die DNVP im Herbst 1924 so weit entfernt wie eh und je. Vielmehr agitierte sie gegen die „schwarz-rot-gelbe Verständigungspolitik“ bis hin zur offenen Ablehnung des Dawesplanes, dieses „zweiten Dolchstosses“ der Weimarer Koalitionsparteien, der Deutschland endgültig zum „Sklaven der Entente“ mache. Höhepunkt ihrer Dolchstoß-Agitation waren Flugblätter, 434 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik die gegen die „Farben dieser Deserteure“ Stimmung zu machen versuchten1248. Der Kampf gegen die Sozialdemokratie und ihre Helfershelfer war im Herbst 1924 stark von den Wahlen im größten deutschen Einzelstaat beeinflusst. In Anknüpfung an Bebels alte Kampfparole: „Haben wir Preußen, dann haben wir das Reich“ agitierte die DNVP gegen die Koalitionsregierung unter Braun und Severing. Deren Politik, der das „Preu- ßen des großen Friedrich“ gegenübergestellt wurde, zerstöre nicht nur den ehemals mustergültigen Beamtenapparat durch „rote Parteibonzen“, sondern den Staat selbst durch einen angeblich ungehinderten Zustrom von Ostjuden, deshalb: „Fort mit Severing, fort mit dem ganzen System!“ Auch bei der im Sommer 1925 anstehenden Reichspräsidentenwahl dürfe auf keinen Fall wieder ein Sozialdemokrat wie „Fritze Ebert“, sondern nur ein „echt deutscher“ Mann dieses Amt mit seiner „ungeheuren“ Macht erlangen. Fünf Jahre re pu bli ka nische Koalitionspolitik hätten den Reichswagen so weit in den „roten Sumpf “ gefahren, dass er jetzt festsitze: „Heraus mit ihm aus dem Dreck! Zieht alle nach rechts!“1249 Charakteristikum der DNVP-Wahlpropaganda vom Herbst 1924 war die Einteilung der Parteien gemäß der zwei farblichen Sammelparolen, dem eigenen monarchistischen „Schwarz-Weiß-Rot“ und dem gegnerischen „Schwarz-Rot-Gelb“, wie die re pu bli ka nischen Reichsfarben durchweg diffamiert wurden, weil „Gold“ gar keine Farbe sei, sondern nur ein Metall, so die fadenscheinige Begründung. Typisch für die ausgeprägte Lagermentalität der Deutschnationalen war ein Rundschreiben des Landesvorstands Hessen-Nassau, wonach sich unter „Schwarz-Rot-Gelb“ alles Undeutsche sammle, vom „jüdischen Bankdirektor bis zum sozialistischen Straßenfeger“. Parteipolitischer Hauptfeind der DNVP war ganz eindeutig die SPD, gegen die sich spezifisch ein knappes Viertel von 127 deutschnationalen Wahlflugblättern der DNVP richtete. In deren Gegnerhierarchie folgte die völkische Konkurrenz, die aus dem Feindbild-Schema herausfiel, während selbst das Zen trum in fünf Flugblättern angegriffen und nur die DVP geschont wurde1250. Ihren Hauptgegner sah die DNVP in dem „schwarz-rot-gelben“ Reichsbanner, weil er ein Bund der „antinationalen Elemente“ sei, in dem das internationale Proletariat in Gestalt der SPD mit dem internationalen Kapital in Gestalt der DDP und dem ultramontanen Zen trum zusammengehe. Als „sozialistisch-jüdisch-demokratische“ Parteigründung enthüllt und wegen seiner Abhängigkeit von Frankreich als „Papphelm Nollet“ verspottet, predige das Reichsbanner nach außen Pazifis- 435 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 mus, drohe aber nach innen als „Knüppelgarde“ der Re pu blikaner mit dem Bürgerkrieg1251. Analog zur Selbstdarstellung als „große volkstümliche Rechtspartei“ sah es die DNVP für selbstverständlich an, dass sich ihr Hauptstoß nur gegen die „vaterlands- und gottlosen“ Sozialdemokraten richten könne. Aus der Perspektive enttäuschter Anhänger der SPD wurden stark deren angebliche Verbonzung und „Futterkrippenwirtschaft“ thematisiert. Statt der versprochenen Sozialisierung seien die Kapitalisten heute mächtiger denn je in Deutschland und füllten „jüdische Schieber“ wie Barmat die Parteikasse der SPD. Wenig bis gar keine Beachtung schenkte die DNVP im Herbst 1924 den Kommunisten, die naturgemäß als „erbitterter Feind“ zu gelten hätten, weil sie Aufruhr, Klassenhass, Vaterlandsverrat predigten und Deutschland als Boden für „russische Versuchsexperimente“ zu missbrauchen versuchten1252. Gemäß der Devise „Mitte ist Feigheit!“ wurde der 7. Dezember von der DNVP zum grossen Zweikampf mit der „marxistischen“ SPD stilisiert. Die „ganz links gerichtete“ DDP, das Zen trum mit seinem einflussreichem „Linksflügel (Dr. Wirth)“, aber auch die DVP verharrten immer noch in Abhängigkeit von dieser „Todfeindin der bürgerlichen Kultur und Wirtschaft“ und müssten deshalb „rechts verankert“ werden. Im Verhältnis zum Zen trum sei „scharfer Angriff “ gegen die republiktreuen Kräfte gerechtfertigt, die nach 1918 die „großen christlichen und monarchischen Überlieferungen“ der Partei verraten hätten. Auch Reichskanzler Marx sei für Ebert und die SPD, hieß es speziell an die Adresse der „rechtsgesinnten“ Katholiken1253. Während der Stimmenanteil der DDP zuletzt nur noch „um ein weniges die Gesamtzahl der in Deutschland ortsansässigen jüdischen Bevölkerung“ überschritten habe, stemmten sich die „sterbenden“ Demokraten nur noch mithilfe der „Judenpresse“ gegen die „unaufhaltsame Rechtsentwicklung“ in Deutschland. Gegenüber der DVP wollten die Deutschnationalen sich ausdrücklich jeder verletzenden Agitation enthalten, weil sie in letzter Zeit ihren Willen zu einer „Anlehnung nach rechts“ bekundet habe. Wegen der Gefahr allzu großer Gleichsetzung müsse allerdings die eigene „ausgesprochene Rechtsrichtung“ klar von dem Charakter der DVP als Partei der Mitte abgegrenzt werden1254. Der Appell der DNVP zur Einigung des „nationalen Lagers“ sollte in erster Linie allen völkischen Wählern vom 4. Mai zeigen, dass die NSFB die notwendige „Einheitsfront ‚Schwarz-Weiß- Rot‘“ sabotiere. Wichtigster Einwand der DNVP war, dass die Nationalsozialisten „stark besitzfeindlich“ eingestellt seien und eine „sozialisti- 436 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sche Gesellschaftsordnung“ anstrebten. Als „Dolchstoß in den Rücken der nationalen Front“ wirkten aber auch die vielen Splittergruppen, insbesondere die WP, die im Unterschied zum Frühjahr 1924 nun auch zu den erklärten Gegnern der DNVP gehörten1255. Die DNVP präsentierte sich im Herbst 1924 als Partei, in der bereits die „Volksgemeinschaft von hoch und niedrig, arm und reich, Unternehmer und Arbeiter, Stadt und Land“ verwirklicht sei und deshalb alle sammle, die „zur deutschen Nation gehören wollen und nicht zu den Juden“1256. Merkmal ihrer berufsspezifischen Zielgruppenwerbung waren ressentimenterfüllte Negativthemen, sei es, dass der Mittelstand bevorzugt mit der Zwangswirtschaft, die Beamten mit Stellenabbau und Besoldungskürzung, die Kleinrentner und Sparer mit der Dritten Steuernotverordnung oder die Arbeiter und Angestellten mit den „Irrlichtern des Marxismus“ konfrontiert wurden. Hauptadressaten der DNVP- Propaganda waren im Herbst 1924 der Mittelstand, dessen Angehörige differenziert umworben wurden, gefolgt von den Arbeitern, an die sich spezifisch 18 von 127 Flugblättern richteten. Auffällig war, dass neun Flugblätter ausdrücklich den „schwachen“ Volksgruppen wie insbesondere den Inflationsopfern und sechs weitere der Mobilisierung der „Wahlfaulen“ gewidmet waren1257. Die Arbeiterwerbung der DNVP lebte im Herbst 1924 von der Polemik gegen die SPD und ihre Führer, die sich nur um ihre „fetten Pfründe“ kümmerten, während Millionen deutscher Arbeiter hungern müssten. Deren In te res senvertretung reklamierte die DNVP durch For derungen nach einer christlich inspirierten Sozialpolitik, deren Schlagworte sie wie de rum der SPD entlehnte. Außer einer Arbeitszeitverkürzung entsprechend der deutschen Leistungsfähigkeit und der wirtschaftlichen Gleichberechtigung der Arbeitnehmer gehörte dazu auch die Schaffung einer Erwerbslosenversicherung: „Wählt ihr einig Schwarz-Weiß-Rot, habt ihr Ordnung, Arbeit, Brot!“, lautete die Alternative, welche die DNVP den „Friede, Freiheit, Brot!“-Parolen der „November-Leute“ entgegenstellte. Vor dem Krieg seien die „Löhne am höchsten, die Arbeitszeit am kürzesten“ gewesen, versuchte sie ihr restauratives Verfassungsziel allen Arbeitern schmackhaft zu machen1258. Insbesondere die untere Beamtenschaft sollte über die Mobilisierung von Ressentiments gegen das „Revolutionsbeamtentum“ der Re pu blik gewonnen werden. Mit ihren besonderen „berufsständischen“ In te res sen wurden auch die Angestellten der Mittelschicht zugerechnet. Sie stellte die DNVP vor die Entscheidung, 437 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 entweder im „marxistischen Arbeitnehmerbrei“ zu versinken oder in einem Deutschland mit geschützten „Standes“-rechten und neuen Aufstiegsmöglichkeiten zu leben1259. Stärker als die Angestellten und Beamten wurden im Herbst 1924 die selbständigen Berufsgruppen der Handwerker und Gewerbetreibenden umworben, denen sich die DNVP als „stärkste Mittelstandspartei“ im Reichstag und Feind jeder Zwangswirtschaft empfahl, die vor allem gegen ihre „unerhörte“ Steuerbelastung kämpfe, aber auch gegen die preispolitischen „Übertreibungen“ der großen Wirtschaftskartelle. Unter der Parole gegen die „Sozialisierung der Heilberufe“ schürte sie im „Ärztestand“ Ängste vor einem Verlust der Selbständigkeit durch die (sozialdemokratischen) Krankenkassen1260. Die nach den Arbeitern am stärksten von der DNVP umworbene Berufsgruppe bildeten jedoch die Bauern, gegenüber denen sie in scharf antimarxistischen Tönen versuchte, In te res senkonflikte und Konkurrenz zwischen „groß“ und „klein“ auf dem Land zu leugnen. Alle Bauern, auch die Großgrundbesitzer, arbeiteten schließlich „unter derselben Sonne“ und profitierten von Agrarschutzzöllen. Im übrigen bestehe die Reichstagsfraktion der DNVP zu fast einem Drittel aus berufstätigen Landwirten und sei sie daher die „stärkste Partei des Landvolks“1261. Mit Slogans wie „Hilfe allen Schwachen! Soziale Versöhnung!“ warb die DNVP stärker noch als im Frühjahr 1924 um sozial bedürftige Wählergruppen wie die Kriegs- und Arbeitsinvaliden und vor allem die Inflationsopfer. Indem sie den „neuesten Wahlkampferzeugnissen“, den Aufwertungsparteien, die Kompetenz absprach, weckte sie bewusst Hoffnungen bei den von der Inflation „enteigneten“ Gruppen wie den Sparern und Rentnern1262. Die deutschnationale Frauenwerbung war im Herbst 1924 durch die Parole charakterisiert, wonach die Umsatzsteuer das „täglich Brot“ verteuere, Agrarschutzzölle aber den Brotpreis stabil hielten. In extrem scharfen Wendungen stachelte die DNVP die Studenten auf, sich nicht länger von der „jüdisch-demokratischen Klique“ terrorisieren zu lassen. Während jeder Nichtwähler zum Helfershelfer der „Roten“ und damit Eberts gestempelt wurde, präsentierte sie mit Admiral von Tirpitz einen der „großen, nationalen Staatsmänner“ bereits als potentiellen Kandidaten für das höchste Staatsamt1263. Der Reichstagswahlkampf der DNVP vom Herbst 1924 besaß im Grunde zwei scheinbar gegenläufige Tendenzen: eine radikale, die nach rechts hin ihre „nationale“ Opposition zur Re pu blik herausstrich, sowie eine mehr pragmatische, die den potenziellen Bündnispartnern in der 438 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Mitte ihren Regierungswillen zeigen sollte. Um das erklärte Wahlziel, die Bildung einer „starken, nationalen Rechtsregierung“ nicht wie im Frühjahr 1924 zu kompromittieren, erfuhren Zen trum und DVP weit gehende Schonung. Als Träger der Weimarer „Linkspolitik“ wurden um so schärfer die Demokraten angegriffen. Den 7. Dezember stilisierte die DNVP zum Tag „schwarz-weiß-roter“ Erhebung gegen die „Novemberverbrecher“ und die monarchistische Sammelparole zum tieferen Sinn der Wahl. Die zur „rechten“ Mehrheitsbildung fehlenden Stimmen versuchte sie durch verstärkte Werbung unter den ehemals völkischen Wählern zu finden. Außenpolitisch gab sich die DNVP deshalb auch nur bedingt gemäßigter als im Frühjahr 1924, indem sie den Dawesplan offi ziell als temporäres „Opfer“ akzeptierte, aber praktisch die Agitation gegen den neuen „Schandvertrag“ fortsetzte. Ihre breitgefächerte Zielgruppenwerbung im Stile einer Volkspartei mit Akzenten auf den Mittelstandsschichten ist vielleicht das stärkste Indiz für eine Anpassung an Weimarer Verhältnisse. „Für Wahrheit, Recht und Freiheit!“ – Die „wahrhaft nationale“ Politik des Zen trums In der Ausrichtung der Partei auf die Neuwahlen fand sich zur Erleichterung der Zen trumsführung ein Thema, das im Herbst 1924 die inneren Aus ei nan der set zungen über die rigorose Sparpolitik sowie die gescheiterten Koalitionsverhandlungen von Reichskanzler und Parteichef Marx überdecken half. Der Ende Oktober in Berlin tagende Wahlkampfparteitag der Zen trumspartei stellte sich demonstrativ hinter seine „Politik der Mitte“. Um der BVP die Rückkehr in die Reichsregierung zu ebnen, verzichtete sie nach einigem Hin und Her Mitte November auf die Aufstellung eigener Kandidaten im rechtsrheinischen Bayern. Mit diesem Wahlabkommen, so hieß es, sollten „neue Möglichkeiten zu einer Zusammenfassung der politischen Kräfte der deutschen Katholiken“ geschaffen werden1264. Als führende Regierungspartei verteidigte das Zen trum in seinem am 29. Oktober 1924 veröffentlichten Wahlaufruf den Kurs der Reichsregierung. Verbunden mit einer vorsichtigen Wählerschelte wurde die Auflösung des aus „unklaren Stimmungen“ hervorgegangenen Reichstags vom 4. Mai als unumgänglich dargestellt. Dank der sachlichen und 439 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 „wahrhaft nationalen“ Politik der Regierung Marx seien dennoch außenpolitische Entspannung und die Wirtschaftsstabilisierung erreicht worden. Ausdrücklich knüpfte das Zen trum an sein bereits im Frühjahr 1924 propagiertes Wahlprogramm an. Auch jetzt könne und wolle man dem Wähler nicht verschweigen, dass der Weg zu „neuer Höhe und Geltung“ Deutschlands ein mit weiteren Opfern verbundener „Schmerzensweg“ sei. Als „entschiedenste Vertreterin des katholischen Volksteils“ sah dabei das Zen trum seine besondere Aufgabe darin, für Ausgleich unter den „Berufsständen“ zu sorgen und sowohl den konfessionellen Hader als auch die „Auswüchse des Parteiwesens“, Radikalismus und Zersplitterung, zu bekämpfen. Ohne tagespolitische Themenakzente zu setzen, appellierte der Wahlaufruf, am 7. Dezember den „Kern jeder gesunden Mitte“ zu stärken, das Zen trum, dessen Aktionsparolen lauteten: „Für Fortsetzung der bisherigen nationalen Rettungsarbeit und für die Befreiung von Ruhr und Rhein! Für den Schutz der Weimarer Verfassung und für eine gefestigte Staatsautorität! Für wirtschaftlichen und sozialen Ausgleich und gerechte Lastenverteilung! Für christliche Erziehung und Durchdringung des öffentlichen Lebens in Wirtschaft, Staat und Politik mit den sittlichen Grundsätzen des Christentums! Darum geschlossen zur erfolgreichen Fahne des Zen trums! Für Wahrheit, Recht und Freiheit!“1265 Ausführlicher als die anderen Parteien beschäftigte sich das Zen trum im Herbst 1924 mit der umstrittenen Reichstagsauflösung, wobei die Schuld vor allem der DNVP gegeben wurde. Weil das deutsche Volk durch „nationalistische Schlagworte und wilde Versprechungen“ aufgepeitscht worden sei, erklärte man den 4. Mai kurzerhand zur „Fehlwahl“. Aber auch die SPD habe aus egoistischen Gründen die von Marx angeregte „Regierung der Deutschen Volksgemeinschaft“ im Herbst 1924 sabotiert. Ohne sich koalitionspolitisch durch Begriffe wie „Linksblock“ oder „Bürgerblock“ festlegen lassen zu wollen, verlangte das Zen trum für den 7. Dezember die Ausschaltung jeder „unfruchtbaren Opposition“. Neu an seinen innenpolitischen Parolen war das Bekenntnis zur Weimarer Verfassung und zu ihrem Schutz. Während die „Antimarxismusschreier“ durch ihren Mangel an sozialer Gesinnung die Sozialdemokratie erst stark gemacht hätten, dürfe Deutschland nicht von einer Rechtsregierung mit neuer „antisozialer Rückschrittlichkeit“ regiert werden, sondern müsse auf dem „Kurs der Verfassungstreue, der demokra- 440 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik tischen, der christlich-sozialen, der nach innen und außen friedensbereiten Mitte“ bleiben1266. Die Zen trumspartei wollte das Augenmerk bewusst auf langfristige Perspektiven und Entscheidungsalternativen gelenkt sehen, was ihrer Propaganda zwangsläufig eine abstrakte Note verlieh. Am 7. Dezember gelte es sich zu entscheiden zwischen „nationalistischem Hass“ oder „Ausgleich der Völkerinteressen“, zwischen „Zerstörung“ oder „Ordnung“, zwischen „sozialer Reaktion“ oder „Ständefrieden“. Vor einem solchem Szenario bürge nur die Stärkung des Zen trums für „Rettung, Aufbau, Fortschritt“1267. Mit der DVP stritt man sich über die Urheberschaft der bereits im Frühjahr 1924 bei allen Koalitionsparteien als Formel für die neue Erfüllungspolitik populären Losung „Durch Opfer und Arbeit zur Freiheit“, die jetzt auf Wahlplakaten des Zen trums als Ausdruck der Verbundenheit mit den besetzten Gebieten durch einen pflügenden Bauern vor der Silhouette des Rheins und des Kölner Doms versinnbildlicht wurde1268. Das Zen trum lehnte im Herbst 1924 ausdrücklich ab, wie andere Parteien mit „schönen Versprechungen“ für sich zu werben, sondern akzentuierte den Willen, seine Arbeit „im Dienste des Vaterlandes“ fortzusetzen. Als Partei der „staatserhaltenden Tat“ glaubte man allerdings nicht mit leeren Händen vor den Wähler treten zu müssen, sondern die „leuchtenden Erfolge des deutschen Führers Marx“ vorweisen zu können. Während noch vor Jahresfrist die Inflation gewütet, das Reich unter dem Druck des „räuberischen“ Frankreich gestanden und jedem Deutschen beim Gedanken an die Zukunft Entsetzen befallen habe, seien schon 900 000 Deutsche an Rhein und Ruhr von der Besatzung „befreit“, verfüge das Reich heute wieder über eine der „festesten Währungen der Welt“ und befinde sich auf dem Weg zurück zu seiner angestammten Großmachtstellung1269. Als Markstein dahin und größten außenpolitischen Erfolg der Zen trumspolitik wurde das Londoner Abkommen gewürdigt, wodurch das „Diktat von Versailles“ revidiert und die Reparationsfrage „französischer Willkür“ entzogen worden sei. Zwar seien die im Dawesplan festgelegten Lasten schwer, ja „kaum tragbar“ für Deutschland, aber verglichen mit vorher doch „wesentlich herabgemindert“. Vor allem die besetzten Gebiete hätten so schon von der „Befreiungs- und Erfüllungspolitik“ der Regierung Marx profitiert. In einen Satz gebracht, der mit seiner betont „sachlichen“ Tendenz typisch war, lautete das Wahlprogramm der Kanzlerpartei vor dem 7. Dezember 1924: „Das Zen trum 441 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 sorgt für Ordnung und Ruhe im Innern, für Arbeit und Brot, für Verständigung und Frieden nach Außen im Sinne des praktischen Christentums“1270. Der Gegnerbekämpfung des Zen trums fehlte auch im Herbst 1924 der agitatorische Ton, der bei anderen Parteien durch die Betonung fundamentaler Gegensätze, wie aktuell etwa in der Verfassungsfrage anzutreffen war. Typisch für die Mehrzahl von 22 Flugblättern war vielmehr eine „sachliche“ Aus ei nan der set zung mit dem politischen Gegner. Aus dem Kreis der vorrangig bekämpften Oppositionsparteien stach als Hauptfeindbild der „Nationalismus“ in Gestalt der DNVP heraus. Charakteristisch für die wenig angriffslustige Zen trumsagitation war die gouvernementale Frontstellung gegen die „Extreme von links und rechts“, was als Gegenbild der Mitte in erster Linie Völkische und Kommunisten meinte, aber auch die großen Flügelparteien SPD und DNVP einschlie- ßen konnte1271. Die DNVP stelle nicht nur den „brutalsten Gegner“ des Zen trums dar, sondern sei auch der „schlimmste Sünder“ gegen jede Politik der äu- ßeren und inneren Verständigung. Stärkstes Argument bildete die „Schaukelpolitik“ der Deutschnationalen im Kampf um das Dawes-Abkommen und während der Regierungskrise vom Herbst 1924. Weil das „Ja“ ihrer halben Fraktion am 29. August lediglich ein taktisches Zugeständnis darstelle, wäre die Aufnahme der DNVP in die Regierung eine „ungeheuerliche Zumutung“ gewesen. Andererseits wusste das Zen trum, dass auf die Konservativen in der deutschen Politik nicht verzichtet werden könne, nur müssten sie zum „Dienst am Vaterlande“ – so die Variante des Zen trums von „nationaler Realpolitik“ – erzogen werden. Ihre gegenwärtige Wahlparole „Schwarzweißrot gegen Schwarzrotgold“ sei jedenfalls Ausdruck politischer Programmlosigkeit und vertiefe nur die Gegensätze im deutschen Volk1272. Blieb die Agitation gegen die linke Flügelpartei auch spürbar zurückhaltender, erinnerte das Zen trum doch stereotyp an die „schönsten Versprechungen“ der SPD, um so deren staatspolitische Unzuverlässigkeit zu beweisen. In den entscheidenden Augenblicken stelle sie das „Parteiagitatorische“ stets über die Staatsräson, weil sie immer noch das „Bleigewicht ihres Programmsatzes vom notwendigen Klassenkampf “ hemme. Gegen die als „Schleppenträger moskowitischer Weltrevolutionsprediger“ enthüllten Kommunisten wandte die Zen trumspropaganda stereotyp die Frage nach der „wahren“ Lage im russischen „Kommunistenparadies“ ein, wo die Bolschewisten seit sie- 442 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ben Jahren herrschten, aber Not und Elend grassierten. Wenn auch eine echte Aus ei nan der set zung mit den „politisch Kranken“ der extremen Parteien nicht für nötig befunden wurde, brandmarkte das Zen trum die Völkischen doch als „geistige Kinder unverantwortlicher deutschnationaler Oppositionspolitik“, die mit ihren Revancheparolen den „französischen Gewaltpolitikern“ neue Vorwände lieferten1273. Mit der gebührenden Schonung wurden die liberalen Koalitionspartner behandelt, deren weltanschauliche und kulturpolitische Zuverlässigkeit nur vereinzelt angezweifelt wurde. An die Adresse der BVP gerichtet hieß es, dass das Zen trum keinen unnötigen Kampf suche, am wenigstens mit denen, die seiner „Weltanschauung“ am nächsten stünden. Dagegen zählten die „kleinen Partei- und Wirtschaftsgruppen“ nach ihren Erfolgen im Frühjahr 1924 zu den erklärten Gegnern vor dem 7. Dezember. Nur eine gro- ße „Volkspartei“ wie das Zen trum, das alle sozialen und beruflichen Schichten umfasse, könne auch die berechtigten Wünsche jedes einzelnen „Standes“ erfüllen1274. Mit größerem Schwung als noch im Frühjahr hob das Zen trum im Herbst 1924 seinen Willen zum sozialen Ausgleich zwischen den einzelnen Volksteilen und Berufsgruppen hervor. Hauptadressat der Zentrums-Flugblattpropaganda waren die unter dem Dach der „christlichnationalen Volksgemeinschaft“ zusammengefassten deutschen Männer und Frauen aller Berufe, die weder „Klassenhass“, noch „Standes- oder Rassenradikalismus“ kennen. Immerhin drei von 22 Flugblättern umwarben spezifisch die Gruppe der Bauern. Über jeder Berufsgruppenwerbung stand aber der Anspruch, alle „Bauern, Arbeiter, Beamte, Handwerker, Kaufleute, Privatberufe, Unternehmer, Mieter, Hausbesitzer, Städter und Landleute, Produzenten und Konsumenten“ zur praktischen Zusammenarbeit für das „Volksganze“ zu führen1275. Als „christliche Volkspartei“ versprach das Zen trum im Herbst 1924, sich jedes notleidenden „Standes“ ohne Unterschied der Konfession anzunehmen, gleichzeitig aber keineswegs die „katholischen In te res sen“ zu vergessen. Wenn auch kulturpolitische Themen keine große Rolle im Wahlkampf des Zen trums spielten, warben doch drei seiner 22 Flugblätter explizit um die Stimmen der Katholiken in ihrer Eigenschaft als Glaubensgemeinschaft. Schon der Wahlaufruf des Parteivorstandes verlangte die Abwehr des Versuches, sie durch einen „neuen Kulturkampf “ abermals zu „Staatsbürgern zweiter Klasse“ abzustempeln. Insbesondere warnte das Zen trum die katholischen Wähler vor den konfessionel- 443 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 len Friedensstörern der DNVP, die um ihre Gunst buhlten, aber nur auf die Gelegenheit warteten, an der Macht ihren „Katholikenhass“ umzusetzen. In Flugblättern an die evangelischen Wählergruppen versicherte das Zen trum dagegen, keine einseitig katholische Partei zu sein, sondern aus Prinzip allen „religiös-sittlichen Mächten im Staat die Vorherrschaft über die materiellen“ einräumen zu wollen. Durch Zentrumswahl sollten alle Christen über den konfessionellen Trennungsgraben hinweg die gemeinsame Front gegen den „antichristlichen Geist“ stärken1276. Abgesehen von unverbindlichen Zusicherungen eines „gerechten Lohnes“ beschränkte sich die Arbeiterwerbung des Zen trums im Herbst 1924 weit gehend auf den Appell, an die Stelle des Klassenkampfgedankens das „Ideal der sozialen Versöhnung“ zu setzen. Als einzige Berufsgruppe wurden die Bauern vor dem 7. Dezember in signifikantem Maße umworben. Warnte das Zen trum einerseits vor den Deutschnationalen und ihrer „verhängnisvollen Kriegspolitik“, näherte sie sich doch deren agrarpolitischen Forderungen an und stellte den Bauern materielle Ziele wie Erleichterung des Steuerdrucks oder Schutzzölle vage in Aussicht1277. In den rheinischen Wahlkreisen, wo die Partei ihren „Hauptstützpunkt“ habe, warben Plakate und Flugblätter spezifisch noch um die Stimmen der Beamten und Winzerbauern mit einer stark berufsständisch geprägten Rhetorik. Weil das Zen trum die „rheinische Not“ aus eigener Erfahrung nur zu gut kenne, werde es den um seine Existenz ringenden „Winzerstand“ nicht im Stich lassen. Als die Partei, die das deutsche Berufsbeamtentum bisher vor seiner „Entrechtung“ geschützt habe, werde sie auch weiterhin für „soziale Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich“ kämpfen1278. Stärker als im Frühjahr konzentrierte das Zen trum seinen Wahlkampf im Herbst 1924 auf die Parole und Person des propagandistisch in den Vordergrund gestellten Reichskanzlers Marx, mit dessen Regierung man sich in einem Maße identifizierte, das in der Formel gipfelte: „Zen trum ist Marx und Marx ist Zen trum“. Im Mittelpunkt dieser Argumentation stand der Appell an staatsbürgerliche Einsicht und nationale „Opfer“-Gesinnung. Den Hauptstoß führte die Kanzlerpartei gegen den „Radikalismus“ und – als Reaktion auf dessen Polemik gegen die Regierung – gegen die DNVP, deren Wahl als in erster Linie außenpolitisch verhängnisvoll dargestellt wurde. Unausgesprochen signalisierte das Zen trum damit im Herbst 1924 seine Präferenz für die Weimarer Koalition, für die vor allem Reichskanzler Marx eintrat. Im Symbolstreit 444 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik um die richtige Verfassung war es offizielle Wahlpolitik, unter der „alten Zen trumsfahne“ zu kämpfen, während der im Reichsbanner aktive Parteiflügel für die Re pu blik und ihre Symbole Stellung bezog1279. „Zerschlagt das Zuchthaus der Dawes-Banditen!“ – Der kommunistische Kampf für „Sowjetdeutschland“ Nachdem das schon vorher gelockerte Parteiverbot im Juni 1924 auch von den meisten Ländern aufgehoben worden war, blieb die KPD in ihrer Betätigungsfreiheit dennoch durch zahlreiche Strafverfahren gegen ihre Funktionäre und Abgeordnete behindert. Bei der Eröffnung des Reichstages hatten sie am 27. Mai mit Kindertrompeten und Trillerpfeifen für Tumulte gesorgt und ihre antiparlamentarische Opposition jedermann vor Augen geführt. In der entscheidenden Abstimmung über die Dawesgesetze stimmte die KPD, die schon im Sommer 1924 eine spezielle, nationalistisch gefärbte Kampagne gegen das Londoner Abkommen und die „Kolonisierung“ Deutschlands durch das westliche Kapital startete, mit „Nein“. Die Auflösung des „Dawes-Reichstags“ feierte ihre Propaganda als „Bankrott des Erfüllungsblocks“. Dass der Wahlkampf von der „Klassen-Justiz der Ebert-Re pu blik“ mit Verhaftungen ihrer Abgeordneten begonnen worden sei, war der KPD Anlass, den 7. Dezember als „Zuchthauswahl“ gegen die Arbeiter und deren Vertreter zu brandmarken1280. Unter der Parole „Alle Macht den Werktätigen!“ richtete das Zentral komitee seinen am 25. Oktober 1924 veröffentlichten Wahlaufruf an das „arbeitende Volk“, das wie gewohnt einer kleinen herrschenden Klasse des Weimarer Staates gegenübergestellt wurde. Alle bürgerlichen Parteien des letzten Reichstags, Monarchisten wie Re pu blikaner, DNVP wie SPD, seien sich bis zur Annahme des „Sklavenpaktes“ am 29. August einig gewesen. Erst danach brach zwischen ihnen Streit darüber aus, wie die „Abwälzung aller Lasten auf die Besitzlosen“ am besten zu tarnen sei. Trotz aller „Schwindel-Stabilisierung“ und „Friedensfanfaren“ der Reichsregierung und ihrer sozialdemokratischen Helfershelfer stehe die „schwarz-rot-goldene Demokratie“ aber nur auf wackligen Beinen und seien Arbeitslosigkeit und Preissteigerungen als Folgen der „Dawesierung“ Deutschlands zu spüren. Um diese ungestört auf dem Rücken der Arbeiter durchzuführen, versuchten die „Dawes-Pazifisten“ jetzt, die KPD 445 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 auszuschalten und das Reich in ein großes „Nationalzuchthaus“ umzuwandeln. Im eigenen In te res se sollten deshalb alle Werktätigen am 7. Dezember gegen Betriebsstilllegungen, hohe Steuern und die „Einkerkerung der revolutionären Proletarier“, aber für den Achtstundentag und für höhere Löhne sowie auch für Land und Maschinen an „arme Bauern“ stimmen. Der Aufruf schloss mit den bekannten Revolutionslosungen der KPD wie dem Ruf nach „Sturz der Bourgeoisie“, der neben Zielen wie „Übergabe aller Produktionsmittel in die Hände des arbeitenden Volkes“ oder „Bündnis mit Sowjetrussland“ propagiert wurde1281. Unter der Parole „Nieder mit dem Dawes-Sklavenplan!“ setzte die KPD im Herbst 1924 ihre nationalistische Propaganda gegen die Weimarer Erfüllungspolitik fort, mit der sie gezielt auch mittelständische Wählerschichten für sich gewinnen wollte. Wichtigste Suggestion war, dass sie die einzige deutsche Opposition gegen die „Verschacherung“ Deutschlands an das internationale Finanzkapital durch die „Erfüllungsfront von Ludendorff bis Crispien“ sei. Statt des versprochenen Wiederaufbaus, statt Freiheit, Friede, Brot, bedeute der Dawesplan längere Arbeitszeiten, weiteren Lohnabbau und Arbeitslosigkeit für die Arbeiter, Konkurse und Steuerpfändung für die „kleinen“ Kaufleute und Bauern. Dem „Sachverständigengutachten der Kapitalisten“ stellte die KPD daher gemäß der Aktionsparole: „Anstelle der Kolonisierung setzt die Sozialisierung!“ ein eigenes „Sachverständigengutachten der Arbeiter“ entgegen. Dies meinte die Enteignung des Großgrundbesitzes, der Banken und der „großen kapitalistischen Werke“, kurz, die „Übernahme der Wirtschaft“ durch das Proletariat sowie auf dem Lande die „Übergabe der großen Güter“ an Landarbeiter und Kleinbauern. So sollten die Pläne des „internationalen Ausbeutergesindels“ durchkreuzt und zugleich die deutsche Regierung, die „Sklavenhalterin des Entente-Kapitals“, gestürzt sowie die SPD, die „Zuhälterin der Marx-Stresemann Regierung“, ausgeschaltet werden1282. Während die KPD durch stereotype Appelle an die inhaftierten Arbeiter und den „Wahlterror“ vor allem im „Preußen des Herrn Severing“ erinnerte, griff auch die Komintern-Führung in eigenen Wahlaufrufen die Parole „Zuchthauswahl“ auf, wobei Moskau vor dem 7. Dezember den Kampf gegen die „sozialverräterischen Würger des Proletariats“, lies SPD, verstärkt sehen wollte1283. In Konkurrenz zu dieser propagierten die Kommunisten als „Mindestforderungen aller Werktätigen“ im Herbst 1924 einen einprägsamen Katalog von betont populistischen Forderun- 446 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik gen wie „Acht Stunden Arbeit sind genug!“, „Die Reichen sollen die Steuern zahlen!“ oder „Heraus mit den politischen Gefangenen!“ – Slogans, deren übergeordnetes Motto die angestrebte „Einheitsfront aller Werktätigen“ bildete. Für das „alte, rote sturmtrutzende Banner der Arbeiterklasse“ bezog die KPD auch Stellung im Symbolkampf um die richtige Staatsform gemäß ihrer Gleichung „Schwarz-weiß-rot und schwarz-rotgold ist das Kapital – Rot ist die Farbe des Proletariats“1284. Dass ihre Gegner über das angebliche Elend in Russland berichteten, offenbare nur das Ausmaß des Schreckens, den das Bekenntnis des deutschen Arbeiters zu „Sowjetdeutschland“ bei seinen Feinden erzeuge. Die scharfe Ablehnung des als „Dawes-Tod“ versinnbildlichten Reparationsplanes und seiner Folgen bildeten neben der milieuspezifischen Verfolgungstheorie die Hauptthemen der KPD vor dem 7. Dezember, welche sie in dem Appell an alle Proletarier zu verknüpfen wusste: „Zerschlagt das Zuchthaus der Dawes-Banditen“1285. Die KPD führte ihren Wahlkampf vom Herbst 1924 gegen die klassenmäßige Front aller „bürgerlich-kapitalistischen Parteien“, zu denen sie auch Völkische und Sozialdemokraten zählte. Fast ein Drittel von 22 Flugblättern der KPD war aber ausschließlich der Agitation gegen die „arbeiterverräterische“ SPD gewidmet. Aus den Reihen der „‚nationalen‘ Parteien, angefangen von der schwarz-weiß-rot-gelben Volkspartei der Stinnese bis zur deutschnationalen Monarchistenpartei und zu den völkischen Weißgardisten“1286, spielte nur die DNVP eine signifikante Gegnerrolle im Wahlkampf der KPD. Unter außenpolitischen Vorzeichen konzentrierte sie sich vor allem auf drei Parteien des „Erfüllungsblocks“, die Deutschnationalen, in deren Schlepptau alle übrigen „Dawes-Parteien“ hingen, die SPD sowie als führende Kraft der „Marx-Dawes-Regierung“ das Zen trum1287. Angesichts ihrer scharfen Anti-Dawes-Agitation musste die Kampfansage der KPD sowohl an die „Nationalisten der schwarz-rot-goldenen Fakultät“ als auch an die „Über-Nationalisten von der schwarz-weiß-roten Couleur“ widersprüchlich erscheinen. Bloße Augenwischerei war dieser Argumentation selbst aber die Unterscheidung zwischen bürgerlichen Parteien und SPD, die vielmehr ein „wesentlicher Bestandteil des Bürgerblocks“ sei. Alle großen Reichstagsparteien tanzten als einheitlicher „Erfüllungsblock“ wie de rum nur nach der Pfeife des internationalen Entente-Kapitals1288. Das Sündenregister der stereotyp zur „Helfershelferin der Reaktion“ abgestempelten SPD reichte dabei bis zum August 447 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 1914 zurück, als sie der Regierung die „Mittel zum Massenmord“ bewilligt habe. Als „Henkersknechte des Dawes-Blockes“ sei es jetzt ihre Aufgabe, mithilfe von „Großschiebern“ wie den Brüdern Barmat möglichst viele Arbeiterstimmen zu sammeln. Nur aus Machtgier gaukle die SPD dem Wähler mit der Parole „Linksblock“ einen möglichen Kurswechsel in der deutschen Politik vor, während sie bei „Lohndruck, Zehnstundentag, Beamtenabbau, Kommunistenhetze“ gemeinsame Sache mit den bürgerlichen Parteien mache. Deren Führer wüßten aber, dass die radikalen Töne der SPD im Wahlkampf nur Mittel zum Zweck seien. Im Sinne der Einheitsfronttaktik forderten kommunistische Arbeiter deshalb ihre Klassengenossen auf, am 7. Dezember die Antwort auf den „Verrat“ der SPD-Führer zu geben1289. Dem Beispiel der Rechtsopposition folgend, entfaltete auch die KPD im Herbst 1924 eine spezifische Agitation gegen den Rummel um die „faschistischen Reichsbannerhelden“, die als Schutztruppe des Kapitals in „Waffenbrüderschaft“ mit dem Stahlhelm die Arbeiter drangsalierten1290. In der Hierarchie der kommunistischen Gegner folgten der SPD im Herbst 1924 die Deutschnationalen, die am 4. Mai erst durch scharfe Oppositionsparolen gegen den Dawesplan die Stimmen vieler Arbeiter erschwindelt, dann aber ihre nationale Gesinnung für den „verlangten Kaufpreis: Schutzzölle und Bürgerblock“ verraten und aufgegeben hätten, um sich ihren Anteil an der Ausbeutung Deutschlands zu sichern. Obwohl sich diese „Partei der Junker, Schlotbarone und Militärs“ auf dem Weg zur Regierung befinde, setze sie „frech ihre alte verlogene Demagogie“ gegen den Dawesplan vom Frühjahr 1924 fort. Auch mit dem „nationalistischen Phrasennebel“ der NSFB habe die konsequente Opposition der KPD nichts gemein. Durch ihre Revanchekriegsparolen hätten sich die Völkischen im Sommer 1924 als unbrauchbar für das deutsche Kapital erwiesen und seien von diesem beiseite geschoben worden. Um die Kanzlerpartei als „sozialreaktionäre“ Kraft zu enthüllen, wurde da rauf hingewiesen, dass sich das Zen trum unter dem Druck industrieller In te res senverbände und der DVP der „scharfmacherischen Front“ gegen die Arbeiter angeschlossen habe1291. Spezifische Zielgruppenpropaganda der KPD festzustellen, fällt für den Herbst 1924 schwer, insofern die soziologisch diffusen „Proletariermassen“ des arbeitenden Volkes, die mit ubiquitären Einheitsfrontparolen angesprochen wurden, den Hauptadressat bildeten. Dass die nationalistischen Parolen der KPD gegen den Dawesplan und die kapita listische 448 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Stabilisierung neue mittelständische Wähler gewinnen sollten, spiegelte sich vor allem in den gegenüber dem Frühjahr intensivierten Werbebemühungen um Bauern und Beamte wider, während Angestellte oder Kaufleute weiterhin vernachlässigt wurden, obwohl demonstrativ in den Adressen vieler Flugblätter erwähnt. So dominierte doch klar die Werbung um die Arbeiter, die spezifisch in neun von 22 Flugblättern angesprochen wurden. Ihre Presse kümmerte sich daneben noch um andere Adres sa tengruppen wie die Frauen und druckte auch den obligatorischen Intellektuellen-Aufruf der KPD1292. Neben der vorrangig thematisierten Arbeitszeitfrage, in der sie unter dem Motto „Acht Stunden Arbeit sind genug!“ klares In te res senprofil signalisierte, kennzeichnete die speziell an die Arbeiterschaft adres sierte Propaganda der KPD ein spürbar schärferer antikapitalistischer Ton als ihre allgemeine Wahlkampf-Rhetorik im Herbst 1924. Sieht man von den Zielen „Sowjetdeutschland“ und Sozialisierung ab, schlug sich diese Tendenz vor allem in einem massiven Einsatz von Feindbildern wie dem „Geldsack“-Kapitalismus oder den SPD-„Bonzen“ nieder, gegenüber denen man sich als „Partei des proletarischen, unbeugsamen Klassenkampfs“ pries1293. Sozialpolitische „Mindestforderungen“ der Werktätigen, die jedoch nicht zu den Hauptparolen der KPD im Herbst 1924 gehörten, waren die Bekämpfung jeder „Zwangsarbeit“ für Erwerbslose sowie eine Erhöhung der Unterstützungssätze auch für Kriegsopfer, Sozial- und Altersrentner auf das Existenzminimum. Wie den erwerbslosen Arbeitern stellte sie auch den „abgebauten“ Beamten in erster Linie die Rückkehr ins Berufsleben in Aussicht. Unter Ausnutzung der infolge der Dawesgesetze und der Sparmaßnahmen verbreiteten Existenzängste versuchten sich die Kommunisten in diesem Wahlkampf mit Parolen gegen den „Beamtenabbau“ der Regierung Marx zu profilieren1294. Speziell an die Adresse der Land- und Forstarbeiter waren Flugblätter gerichtet, die in sozialdemokratischer Manier moderat formulierte Gegenwartsforderungen nach „Erhöhung der Löhne“, „Verringerung der Arbeitszeit“ oder „menschenwürdigen Wohnungen“ erhoben. In Abgrenzung zu deutschnationalem „Gutsbesitzerterror“ und sozialdemokratischem „Verrat“ nannte die KPD als Wahlziel die „Eroberung der politischen Macht im In te res se der Arbeitenden“. Angestellte, Jungwähler oder Frauen bildeten Gruppen der Arbeiterklasse, die aus Sicht der KPD keine spezifischen In te res sen besaßen und von ihrer Wahlpropaganda im Herbst 1924 ignoriert wurden. Als Neuerung gegenüber dem Frühjahr 449 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 bemühte sie sich in diesem Wahlkampf intensiver auch um die „schaffenden Landwirte (Kleinbauern)“. Sie wurden ins Klassenbündnis mit den Landarbeitern und „Stadtproleten“ gerufen, um mit ihnen gegen Schutzzölle und „Aushungerung durch die Agrarier“ zu kämpfen. Dem Bauern versprach die KPD aber auch großzügig Befreiung von jeder Pacht und soviel Land, wie er mit seiner Familie bewirtschaften könne, sowie Kredite und völligen Steuererlass. Unterstützt wurde diese Spezialpropaganda um die Stimmen der „schaffenden Bauernschaft“ von der Weimarer Reichskonferenz der Kleinbauernverbände Ende November 1924 sowie der Durchführung von „Roten Landsonntagen“1295. Bei rückläufiger Arbeitslosigkeit drohte aber im Herbst 1924 die für eine kommunistische Protestwahl günstige Erbitterungsstimmung weiter abzunehmen. Spürbar hatte die KPD zugegebenermaßen unter den von den Gegnern „systematisch genährten Stabilisierungs- und Sanierungsillusionen der breiten Massen“ zu leiden1296. Vor dem 7. Dezember reagierte sie da rauf mit einer Verschärfung ihrer Gangart gegen die SPD, die im Unterschied zum Frühjahr unangefochten den Hauptgegner darstellte, sowie mit verstärkten Einheitsfrontappellen und intensivierter Zielgruppenwerbung. Ihre Versprechen auf In te res senvertretung der „schaffenden Kleinbauern“ dürften allerdings kaum glaubwürdig gewirkt oder zusätzliche Stimmen gebracht haben, da der Versuch, mittels nationalistischer Befreiungsrhetorik den radikalisierten Mittelstand zu gewinnen, realitätsfern dessen tief sitzende antimarxistische Ressentiments missachtete. Abgrenzungsversuche gegen den „Linksblock“ Die DVP-Parole von der „nationalen Realpolitik“ Die DVP manövrierte sich im Sommer 1924 in die heikle Lage, den Deutschnationalen schon weit gehende Zusagen bezüglich ihrer Regierungsbeteiligung gemacht zu haben, diese dann aber nicht bei den vorsichtigeren Koalitionspartnern durchsetzen zu können. Als indirekte Folge musste die Stresemannpartei, welche die „innere Überwindung“ der Sozialdemokratie propagierte, einen Wahlkampf unter der Koalitionsparole einer Rechtsregierung in Kauf nehmen. Innerparteilich hatte sie sich seit dem Frühjahr weiter konsolidiert, da die Kritiker Stresemanns mit der Gründung einer bedeutungslosen Nationalliberalen Partei ver- 450 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik stummten. Der Mitte November in Dortmund abgehaltene Wahlparteitag stand ganz unter dem Motto der „nationalen Realpolitik“, wie Stresemann seinen Kurs kennzeichnete und für welche die DNVP gewonnen werden sollte. Gedanken an ein schwarz-weiß-rotes Wahlbündnis wurden nach der Reichstagsauflösung im Oktober 1924 nicht zuletzt als Reaktion auf deren radikalen Töne wieder fallengelassen1297. Der auffällig knappe Aufruf, den der Zentralvorstand der DVP am 13. November 1924 veröffentlichte, ignorierte geflissentlich die Vorgänge, die zur Reichstagsauflösung geführt hatten. Der Wahlkampf sei vielmehr „unter falscher Flagge“, das hieß mit irreführenden Verfassungsparolen eröffnet worden, obwohl er doch ganz im Zeichen der erfolg reichen Außenpolitik Stresemanns stehe. Jedes „zur Schau getragene Repu blikanertum“ lenke angesichts der Not des deutschen Volkes nur vom „Wesentlichen“ ab, hieß es an die Adresse der Reichsbanner-Parteien. Nicht „Schlagworte, Formen und Dekorationen“, sondern einzig „Arbeit und Taten, Verantwortungsbewusstsein und Opfersinn“ hülfen jetzt in der deutschen Politik. In Abgrenzung zu den „Illusionspolitikern“ rechts und links identifizierte die DVP ihr Programm mit dem Gedanken der „nationalen Realpolitik“ und versprach, als höchstes Ziel die „Befreiung des Vaterlandes von moralischen und materiellen Fesseln“ anzustreben. Um Deutschland „als Faktor in Weltpolitik und Weltwirtschaft“ wieder einzuführen, werde auch nicht auf seinen „unverjährbaren Anspruch auf koloniale Betätigung“ verzichtet. Im Innern sah die DVP als Hauptaufgabe die Stärkung der Wirtschaft, die ohne eine „vernünftige“ Steuerreform, Bekämpfung der Sozialisierungsbestrebungen sowie staatlichen Schutz vor Auslandskonkurrenz durch Zölle und Handelsverträge nicht denkbar sei. Ein Sieg des „Linksblocks“, lies die Bildung einer Reichsregierung unter Beteiligung der SPD, bringe nicht nur außenpolitische Nachteile, sondern würde auch den Gesundungsprozess im Innern hemmen, weshalb die DVP am 7. Dezember für eine „starke“ Regierung sowie unter dem „Symbol der alten Reichsflagge Schwarz-Weiß-Rot“ überhaupt für ein „neues glückliches Deutschland“ kämpfe. Richtungspolitisch lautete ihre taktische Wahlparole: „Der Weg zu diesem Aufstieg führt nicht rechts noch links, er führt geradeaus!“1298 Weil DDP und SPD eine unvergleichliche „Jauchespritze“ gegen die Idee des von der DVP favorisierten Bürgerblocks in Gang gesetzt hätten, so die Deutung der Regierungskrise, sei Deutschland im Herbst 1924 einem vermeidbaren Wahlkampf ausgesetzt. Satirisch kennzeichneten 451 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 Flugblätter die Demokraten als „Hauptangeklagte“ an dem „Anschlag“ auf den Reichstag, weil sie eine „sichere Regierungsmehrheit“ durch Aufnahme der DNVP in das Kabinett Marx verhindert hätten. Im Urteilsspruch wurde der 7. Dezember zum „Volksgericht“ erklärt, bei dem sich der Wähler entscheiden müsse gegen „Illusionspolitik, Radikalismus, Knechtschaft und internationalen Pazifismus“, vielmehr für „Realpolitik, Volksgemeinschaft, Freiheit, Vaterland“1299. Während die SPD im Herbst 1924 die Probe auf ihre Regierungsfähigkeit nicht bestanden habe, die Durchführung der Dawes-Gesetze aber wegen der auf das Reich fallenden Lasten die Einigung aller „aufbauwilligen“ Parteien erfordere, könne den Deutschnationalen die „sachliche Mitarbeit am Staat“ nicht versagt werden. Allerdings musste der DVP das Ziel einer Mehr heitsregierung der „großen bürgerlichen Koalition“ mitunter selbst fragwürdig erscheinen, weil sie von der Ablehnung bei den Demokraten sowie im linken Zen trumsflügel wusste1300. Sie führte daher einen Stellvertreterkampf um die „sittliche Erneuerung“ des Staates und gegen den „volksfremden Geist“, der sich neuerdings vor allem in einer Verächtlichmachung der deutschen Vergangenheit bemerkbar mache. Anstelle der „Revolutionsfarben“, dem re pu bli ka nischen „Schwarz-rot-gelb“, setzte die DVP massiv die alten Reichsfarben als Identifikationssymbol ein: „Wählt schwarz-weiß-rot! Das ist Deutsche Volkspartei“1301. Seltene Bekenntnisse, auf dem Boden der „verfassungsmäßigen Entwicklung“ zu stehen, wurden von Parolen wie „Zurück zu Bismarck“ übertrumpft, dem heroisierten „Vater der nationalen Realpolitik“, womit implizit die Revision der Weimarer Verfassung propagiert wurde. Deren „allgemeine Gleichmacherei“ sollte durch den Grundsatz der individuellen Freiheit sowie ein nicht näher erläutertes „Volks-Kaisertum“ ersetzt werden. Um die DVP, die „Partei des nationalen und liberalen Bürgertums“, sammelten sich am 7. Dezember diejenigen, die in Stadt und Land „alle Stände vereinigen wollen zum großen Ziel der deutschen Volksgemeinschaft und der nationalen Freiheit“1302. Unter dem Motto „Durch Arbeit und Opfer zur Freiheit und zum Wiederaufstieg“ empfahl sich die DVP im Herbst 1924 mit ähnlichem Profil wie das Zen trum. Gerade die Außenpolitik sei aber bei ihr in den „besten Händen“, schob sie stärker als noch im Frühjahr ihren „Führer Stresemann“ nach dessen außenpolitischen Verhandlungserfolgen in den Vordergrund. Um rechten Kritikern des Außenministers den Wind aus den Segeln zu nehmen, betonte man im Herbst 1924 wie de rum den Un- 452 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik terschied zwischen seiner „Befreiungs- und nationalen Realpolitik“ und der früheren „uferlosen Erfüllungspolitik“. Das Londoner Abkommen stelle aber nur den Anfang der Befreiung der „versklavten“ Gebiete an Rhein und Ruhr dar, da die Übernahme der Reparationslasten von der Räumung ebenso wie ein deutscher Völkerbundeintritt von „Garantien“ abhängig sei. Stresemann habe gemäß der Formel: „Keine Leistung ohne Gegenleistung“ bereits in London die Räumung der Ruhr „erzwungen“ und die Frage der „Schuldlüge“ ins Rollen gebracht1303. Zen tra le Aussage ihrer von ökonomischen Argumenten dominierten innenpolitischen Wahlpropaganda war, dass der Wiederaufstieg Deutschlands nicht durch eine neue Inflation gefährdet werden dürfe und abhängig von dem weiteren Aufschwung seiner „freien“ Wirtschaft sei, als deren Bahnbrecher sich die DVP gegen die „roten Zwangswirtschaftler und die demokratischen Planwirtschaftler“ empfahl1304. Ausdrücklich wollte sie „große Versprechungen“ im Wahlkampf vermeiden, stellte aber klar, dass der Aufschwung nur durch die Abkehr vom „Dogma des Achtstundentages“ erreicht werde. Im In te res se ihrer mittelständischen Wähler forderte sie „steuerliche Gerechtigkeit, Hebung des Bauwesens, Schutz der Landwirtschaft (besonders kleiner und mittlerer Betriebe)“ sowie „Ausbau der sozialen Gesetze, Erhaltung der Beamtenrechte (Schluss mit dem Abbau)“. Als Ansatzpunkt sozialer Profilierungsversuche diente der DVP vor allem die Aufwertungsfrage, in der sie ohne Angabe eines genauen Prozentsatzes für eine „gerechte Aufwertung“ im Sinne der Inflationsgeschädigten einzutreten versprach. Ihr zen tra les Wahlversprechen des wirtschaftlichen Aufstiegs kleidete sie in das alte Unternehmer-Sprichwort: „Wenn der Schornstein rauchen soll, wenn In dus trie, Handel, Gewerbe, Arbeiter, Angestellte lohnende Arbeit haben sollen, dann wählt DVP Liste 5“1305. Die DVP führte ihren Wahlkampf im Herbst 1924 hauptsächlich gegen die mit dem koalitionspolitischen Feindbild „Linksblock“ identifizierten SPD und DDP, die angesichts erwarteter Stimmenzuwächse zu Gegnern eines nationalen Wiederaufstiegs stilisiert wurden. Über die Hälfte von 42 Wahlflugblättern der DVP hatte die re pu bli ka nischen Weimarer Koalitionsparteien in Gestalt der „schwarz-rot-gelben Front“ des Reichsbanners zum Feindbild. Weitere acht konzentrierten sich auf den parteipolitischen Hauptfeind SPD, die als „marxistische“ Partei den extremen Kräften zugeordnet wurde. Während sie fast gleich stark gegen 453 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 die Demokraten Front machte, polemisierte die DVP im Verhältnis zur Kanzlerpartei nur gegen das re pu bli ka nisch eingestellte „Linkszentrum“1306. Die SPD stellte für die DVP im Herbst 1924 schon deshalb den Hauptgegner dar, weil sie unter dem Motto „Sozialismus gegen Bürgertum!“ in den Wahlkampf gezogen sei. Aus dieser dezidiert „bürgerfeindlichen“ Aktionsparole versuche die „so genannte bürgerliche Demokratie“ als treuer Bundesgenosse der SPD die Losung „Freunde der Re pu blik gegen ihre Gegner“ zu machen – für die DVP ein durchsichtiges Täuschungsmanöver, das nur die wahren Absichten dieser „roten und rosaroten“ Verbündeten vertuschen solle. In diesem Sinne warnte sie vor der „sozialistischen Reichsbannerorganisation ‚Schwarz-Rot-Gelb‘“, die als „Schutztruppe des Internationalismus“ in Wahrheit den Bürgerkrieg in Deutschland entfache: „Militarist nach innen, gegen die eigenen Volksgenossen, und Pazifist nach außen, gegen die Erbfeinde“. Während die KPD als terroristische und mit russischem Geld genährte Kraft abgestempelt wurde, agitierte die DVP gegen die SPD darüber hinaus mit den bewährten Vorwürfen ihrer angeblich „vaterlandsfeindlichen“ Politik und „Futterkrippenwirtschaft“1307. Weil die DDP unter ihrem neuen Vorsitzenden Anton Erkelenz den „Linksblock“ anstrebe, hätten bereits die „bewusst nationalen und bodenständigen Elemente“ die Partei verlassen. Ihr wahres Gesicht zeige das Beispiel des Berliner Spitzenkandidaten Georg Bernhard als linksgerichteter „Franzosenfreund“. Im Übrigen vertrete die DDP nur die In te ressen des „internationalen Großkapitals“, wogegen sich die DVP im Herbst 1924 als der „letzte Hort des deutschen Bürgertums“ zu profilieren versuchte1308. Dem Zen trum hielt sie eine Politik vor, die es mit keiner Seite verderben wolle: Eigentlich sympathisiere man mit der Rechten, lasse sich aber durch einen starken Linksflügel zu „Schwarz-rot-gelb“ hinziehen. So spekulierte die DVP auf die innere Fragilität des Reichsbanners. Schon längst nicht mehr „Sammelpunkt aller katholischen Kreise“ in Deutschland, fehle dem Zen trum für eine künftige Regierungsbildung im Reich die „klare Parole“. Als direkten Konkurrenten um die selbständigen Mittelstandswähler bekämpfte sie vor allem die WP, die nur „kleinlichsten Parteigeist“, aber keine „hohen, kulturellen Ziele“ oder praktische Erfolge vorweisen könne. Für die Erhaltung des deutschen Mittelstandes sei aber eine „große, nationale, realpolitisch eingestellte Mittelpartei“ wie die DVP unabdingbar1309. Von Angriffen weitgehend verschont ließ sie vor dem 7. Dezember die Deutschnationalen, gegen- 454 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik über deren schwarz-weiß-roten Kaiserparolen vielmehr ein verbaler Schulterschluss geübt wurde. Habe sie auch durch ihre frühere Fundamentalopposition Schuld auf sich geladen, sei sie nun auf den Boden der Stresemannschen Politik getreten, glaubte die DVP. Auf parteienfeindliche Stimmungen spekulierte sie, indem die Zersplitterung des „bürgerlichen Lagers“ durch die In te res senparteien im Kampf gegen die drohende Linksregierung beklagt wurde1310. Spürbar war die DVP bemüht, ihrem Wahlprogramm eine stärkere soziale Ausstrahlung zu verleihen, indem sie besonders den „unglücklichen Scharen der Entrechteten, Geschädigten und Kriegsbeschädigten“ sowie überhaupt allen „Verdrängten, Vertriebenen“ Fürsprache in Aussicht stellte. Eingedenk dessen akzentuierte sie ihren Anspruch, eine „Partei des Mittelstandes, eine schwarz-weiß-rote Partei, eine christliche Partei“ zu sein, die keinen Unterschied zwischen „Bürger und Arbeiter“ kenne; vielmehr jeden, der arbeite, auch als „Bürger“ ansehe1311. Vor der Gruppe der Arbeitnehmer bildete der selbständige Mittelstand den beruflichen Hauptadressaten in neun von 42 Wahlflugblättern der DVP. Der Appell an die „überzeugungstreuen Nichtwähler“ besaß vor dem Hintergrund der Preußenwahl eine geradezu militant antisozialistische Note1312. Das Versprechen auf eine „menschenwürdige Existenz“, mit dem die DVP um die Stimmen der Arbeiter- und Angestelltengruppen, aber auch der „enteigneten Schichten“ des Mittelstandes, der Kriegsopfer und Sozialrentner warb, korrespondierte mit dem Bild der angestrebten „gro- ßen Volks- und Notgemeinschaft“ aller Deutschen. Speziell den Selbständigen stellte sie darüber hinaus materielle In te res senverwirklichung in Aussicht, die durch eine „positive“, das hieß antisozialistische Wirtschaftspolitik erreicht werde. Die DVP versprach, den Mittelstand durch „schärfste Bekämpfung jeder Sozialisierung und Kommunalisierung“ zu schützen. Mit Forderungen nach Maßnahmen gegen „übermächtige Kartelle“ sowie Gewerbesteuer für Konsumvereine zog sie eine Trennungslinie gegenüber der Konkurrenz des mittelständischen Unternehmertums. Gegenüber den Bauern warb die DVP damit, sich für „größte Sparsamkeit“ in der öffentlichen Verwaltung und – unverbindlich – die Behandlung der Schutzzollfrage im Reichstag einzusetzen, und empfahl sich gegenüber deutschnationaler Oppositionspolitik und Marxismus dem „schaffenden Landvolk“ als Partei, die seine In te res sen erfolgreich im Parlament und in der Verwaltung durchsetze1313. Ohne echte sozial- 455 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 politische Ziele, sondern mit ideologischen Argumenten sprach die DVP im Herbst gezielt die Arbeiter an, die von der SPD enttäuscht worden seien, indem sie deren Führer als „Bonzen“ nach Muster der radikalen Parteienpropaganda diskreditierte. Andererseits wollte sie sich einer Lösung der „sozialpolitischen Seite des Problems ‚Kapital und Arbeit‘“ ausdrücklich nicht verschließen. Statt den „Stand“ der Angestellten um jeden Preis mit den anderen Arbeitnehmern zu vereinigen, sei es Ziel der DVP, jene als „wertvolle Schicht des Mittelstandes“ zu erhalten. Nur das Zusammenwirken der Wirtschaftsgruppen sowie eine „reale Sozialpolitik“ könne die Gefahr des „Versinkens des deutschen Angestelltenstandes in das Proletariat“ abwenden1314. Neben Bekenntnissen zum Berufsbeamtentum bildete der Hinweis auf ihre „positive“ Parlamentsarbeit das stärkste Beweismittel der DVP dafür, dass sie die „praktische Vertretung der Beamteninteressen“ sei. Als „bewährte Vorkämpfer des Aufwertungsgedankens“ hielt sie sich auch zugute, diese Frage parlamentarisch überhaupt erst ins Rollen gebracht zu haben, während sich andere Parteien wie die DNVP den Inflationsgeschädigten nur aus agitatorischen Gründen annähmen1315. In Bezugnahme auf die konkrete Lebenswelt der Hausfrauen, denen man die leeren Läden und hohen Preise der Inflationszeit als Folge des Acht stundentages und der „roten“ Zwangswirtschaft erklärte, wurden die Vorteile „freier Wirtschaft und Mehrarbeit“ gepriesen. Seit Stresemann die Währung stabilisiert habe, könne wenigstens wieder gewirtschaftet werden und wählten „auch alle meine Bekannten“ DVP, ließ sie die Hausfrau sprechen. Jungwähler und Studenten wurden speziell mit für die DVP höchst ungewöhnlichen antikapitalistischen Parolen gegen die „goldene Geldsack-Demokratie“ und die „Prätorianergarde des jüdisch-demokratischen Kapitalismus, das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gelb“, umworben1316. Die DVP führte den Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 programmatisch dicht an der Seite der DNVP unter der „schwarz-weißroten“ Kaiserfahne. Ihre Flugblattpropaganda ließ so vor dem 7. Dezember keinen Zweifel an dem koalitionspolitischen Wahlziel einer bürgerblockartigen „Regierung der Volksgemeinschaft“ aufkommen. Eine Abstützung seiner Außenpolitik nach links durch die SPD zu suchen, schien für Stresemann im Herbst 1924 ausgeschlossen. Durch Gewinnung bürgerlicher Wähler der Demokraten, denen das Schreckgespenst eines „Linksblockes“ vorgehalten wurde, sollte die Rechtsmehrheit im Reichstag erreicht werden. Die zielgruppenspezifischen Bemühungen 456 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik der DVP, sich als bürgerliche „Mittepartei“ zu profilieren, dienten dem gleichen Zweck. Unter dem Druck der deutschnationalen Wahlpropaganda erklärte sie auch die ursprünglich als zweitrangig gedeutete Verfassungsfrage zur wichtigsten innenpolitischen Trennlinie vor dem 7. Dezember1317. Selbst den Schutzzollforderungen der DNVP, welche den In te res sen des industriellen Flügels zuwiderlaufen musste, verschloss sich die DVP nicht, sondern führte sich auch in anderen Fragen wie der Aufwertung als Opposition zur eigenen Regierung auf. Mit einem solch ambivalenten Kurs versuchte sie zu einem Sammelbecken bürgerlicher Mittelstandswähler zu werden und ihr industriefreundliches Image abzustreifen. Für eine „nationale Politik der Mitte“ – Die Deutsche Demokratische Partei Dass sich die DDP im Herbst 1924 vor allem aufgrund außenpolitischer Bedenken gegen die Aufnahme der Deutschnationalen in die Regierung ausgesprochen hatte, nahm eine Gruppe von Abgeordneten um Eugen Schiffer zum Anlass, aus Protest gegen die „einseitige“ Entwicklung der Partei eine Liberale Vereinigung zu gründen, die in Annäherung an die DVP den „auf vaterländischer Gesinnung beruhenden“ Liberalismus neu beleben wollte und von der Rechtspresse als ein weiteres „Sterbenszeichen“ der DDP gedeutet wurde. Demonstrativ feierte diese daher die Verdopplung ihrer Anteile bei den Anhalter Landtagswahlen vom 9. November 1924 (auf nun 7,3 %) nach erdrutschartigen Verlusten im Sommer als großen Sieg. Ihr außerordentlicher Wahl-Parteitag war schon am 2. November entschieden für eine Fortsetzung der bisherigen Außenpolitik und energische Abwehr aller verfassungsfeindlichen Bewegungen eingetreten. In einem der „schwersten Wahlkämpfe“, der jemals in Deutsch land ausgefochten würde, so Gertrud Bäumer vor den Delegierten, gehe es nicht um „kleine Dinge“, sondern um Demokratie und Repu blik. Weil sie den „klassenfreien Volksgedanken“ symbolisiere, bekenne sich die DDP auch jetzt wieder zu deren Farben „Schwarz-Rot-Gold“1318. In ihrem bereits am 21. Oktober 1924 gemeinsam veröffentlichten Aufruf gaben Parteivorstand und Reichstagsfraktion die Schuld an der Regierungskrise und den „aufgezwungenen“ Neuwahlen der DVP, die sich hinter dem Rücken ihrer bisherigen Koalitionspartner mit unverantwortlichen Zusagen an die DNVP gebunden habe. In Übereinstim- 457 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 mung mit der Reichsregierung nannten die Demokraten eine gründliche Schwächung der extremen Parteien zugunsten der „nationalen Politik der Mitte“ als Sinn des 7. Dezember. Kämpferisch gaben sie sich als „Partei der jungen demokratischen Re pu blik“ zu erkennen, die mit allen Mitteln eine Rückkehr der Monarchisten, lies DNVP, in die Reichsregierung verhindern werde, weil dadurch das frische Vertrauen des Auslands in das Reich Schaden nehme. Unter dem Motto „Ganz Deutschland soll frei werden!“ versicherte die DDP zugleich, dass die besetzten Gebiete nur auf dem Weg einer „demokratischen Außenpolitik“ befreit werden könnten. Nachdrücklich unterstrich der Aufruf, dass die DDP weder nach links gegangen sei, noch in Zukunft gehen werde. Die notwendige „Überwindung der Sozialdemokratie“ dürfe nicht durch Gewalt, sondern nur durch ihre „volkserzieherische Arbeit und Mitverantwortung am Staate“ erfolgen. In knappen Slogans skizzierte die DDP ihre innenpolitischen Wahlziele, von der Bekämpfung des Klassen- und Rassenkampfes bis hin zur Stärkung der Massenkaufkraft als Grundlage des wirtschaftlichen Wiederaufstiegs. Den Bereich der Sozialpolitik deckten Absichtserklärungen auf Beseitigung der Arbeitslosigkeit sowie „Linderung der Not in allen von Krieg, Revolution, Friedensvertrag und Inflation betroffenen Volksschichten“ ab. Mit dramatischen Parolen, dass angesichts des „Vorstoßes der Reaktion“ die Re pu blik in Gefahr sei, ver suchte die DDP vor dem 7. Dezember ihre Wähler zu mobilisieren: „Für das Rheinland und die besetzten Gebiete! Für eine wahre Volksgemeinschaft, die auf staatsbürgerlicher Gemeinschaftsgesinnung beruht! Für ein freies Deutschland unter freien Völkern Europas!“1319 Ungeachtet ihres Eintretens für Erfüllung und Verständigung formulierte die DDP im Herbst 1924 auch wieder offensive Forderungen im Sinne einer „wahrhaft nationalen“ Außenpolitik. Während die Rechtsparteien das besetzte Ruhrgebiet „versacken“ und den Franzosen überlassen wollten, stehe die Demokratie für die „beschleunigte Räumung von Rhein und Ruhr, Rückgabe des Saarlandes, Anschluss Deutsch-Österreichs, Neuregelung der Ostgrenze, deutschen Kolonialbesitz“. Der Dawesplan war dieser Argumentation zufolge das „kleinste der in Frage kommenden Übel“, dessen Annahme aber immerhin eine „wesentliche Erleichterung“ gegenüber früher bedeute1320. Aus Sicht der DDP spiegelte sich die innenpolitische Alternative des 7.  Dezember in dem symbolischen Flaggenstreit über die richtige Staats- und Verfassungsform wider, die jedoch nicht wie von der DNVP auf ein dualistisches 458 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Entweder-Oder zugespitzt wurde. Typisch für die DDP-Propaganda war vielmehr die Berufung auf Autoritäten, die in der Kontinuität re pu blika nischer Tradition stünden, „berühmte deutsche Männer“ wie Reichsbankpräsident Schacht, der „Schöpfer der festen Währung“, oder der Schriftsteller Thomas Mann1321. War die verfassungspolitische Parole der DDP klar, lautete ihre taktische Marschroute im Herbst 1924 weniger eindeutig: „Geradeaus – nicht rechts, nichts links!“ Im Unterschied zur DVP schloss dies jedoch die Option der in einer starken „Mitte“ verankerten Regierung unter Beteiligung der SPD nicht aus, damit diese nicht in die „wilde Opposition“ getrieben, sondern der „Geist wahrer Volksgemeinschaft“ in der deutschen Politik erhalten werde. Im Wahlkampf selbst aber dürfe es keine „weichlichen Neigungen nach rechts oder nach links“ geben, antwortete die DDP den Spekulationen über einen Linksblock1322. Ihr alles in allem unter interessenmäßigen Aspekten wenig gegenständliches Wahlprogramm gewann seine eigentliche Bedeutung im Herbst 1924 aber als Kontrapunkt zur monarchistischen Propaganda. Die Akzentuierung der „schwarz-rot-goldenen“ Parole konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es der DDP im Herbst 1924 an zugkräftigen innenpolitischen Themen fehlte, wenn sie auch stereotyp die Erfolge ihrer „wahrhaft vaterländischen Arbeit“ hervorhob. Kern dieser gouvernementalen Argumentation war die Erinnerung an die noch vor einem Jahr mit Arbeitslosigkeit und Elend wütende Inflation, während nun dank DDP wieder „Ruhe, Ordnung, sichere Währung“ eingekehrt seien. Wirtschaftspolitisch versuchte sie sich auch jetzt wieder in erster Linie das Profil einer mittelständischen In te res senvertretung zu geben, die sowohl gegen Sozialisierungsbestrebungen als auch gegen „Zusammenballungen des Großkapitals“ kämpfe. Neu im Wahlprogramm der DDP vor dem 7. Dezember war die der SPD entlehnte Forderung, die „Kriegs-, Revolutions-, und Inflationsgewinnler zur inneren Reparation“ heranzuziehen und so eine „gerechte“ Aufwertung zu finanzieren1323. Wenn die DDP auch auf Bewegungsfreiheit nach rechts und links pochte, besaß ihre Flugblattpropaganda doch einen klaren Akzent gegen die „Rechtsparteien bis herab zur deutschen Volkspartei“, die unter der schwarzweiß-roten Fahne kämpften. Hauptfeind war gemäß ihrer koalitionspolitischen Präferenz folgerichtig die DNVP, gegen die sich spezifisch acht von 48 Flugblättern richteten. Weil sie den Wahlkampf ebenfalls mit der Parole Rechtsregierung führte, folgte die DVP in der 459 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 demokratischen Gegnerhierarchie, für die andere Feindbilder bedeutungslos blieben, sieht man von der Abgrenzung gegen die extremen Parteien ab: „Es gibt nur zwei Entscheidungen: Entweder: reaktionärer Bürgerblock oder demokratische Volksgemeinschaft!“, so die taktische Aktionsparole der DDP für den 7. Dezember1324. Typisch für die DDP war die Bezugnahme auf die Agitationsmethoden der Gegner, die noch vor jedem Inhalt kritisiert wurden. So stellte sie ein Übermaß von „verzerrender, jeder Wahrheit hohnsprechender Hetze“ fest, mit der die angeblich „nationalen“ Parteien den Wahlkampf „schändeten“, nicht zuletzt durch die Herabwürdigung der alten Reichsfarben zur „Kampfflagge für extreme Parteiziele“. Zur Widerlegung des „Märchens von der ‚sterbenden Partei‘“, trat die DDP im Herbst 1924 den Beweis an, dass sie auch trotz der letzten „Abbröckelungen“, gemeint war die Liberale Vereinigung, keineswegs „tot“ sei. In Wahrheit verzeichne sie überall Erfolge, sowohl jetzt im Reichstagswahlkampf als vor allem auch in den letzten Landtagswahlen. Bitter musste sie jedoch der Vorwurf aus den Reihen der LV treffen, wonach sich die DDP durch ihre Koalitionspolitik zu „Verrätern an den ‚bürgerlichen Idealen‘“ mache. Ausführlich beschäftigte sie sich deshalb mit der Phrase, nur ein „Anhängsel“ der Sozialdemokratie zu sein, und reklamierte eine „vollkommen selbständige“ Politik. Vielmehr sei das „Anlehnungsbedürfnis“ der DVP an die Deutschnationalen „wahre Schleppenträgerei“. Indem sie nach „Revanche“ riefen, arbeiteten diese nur den „unversöhnlichen Feinden Deutschlands, den Anhängern Poincarés“ in die Hände. Da es ihnen an echten Zielen fehle, tischten sie dem Wähler auch wieder das „Märchen vom Dolchstoß“ auf1325. Wie bei allen bürgerlichen Parteien stand die Aus ei nan der set zung der DDP mit den Deutschnationalen im Herbst 1924 unter dem Zeichen ihrer umstrittenen Einbeziehung in die Regierung. Für die DDP stand fest, dass diese Partei, die erst „Reinigung vom Erfüllungsgeist“ gepredigt, aber dann selbst „Erfüllungspolitiker“ abkommandiert habe, auch deshalb nicht regieren dürfe, weil sie die im In te res se der Schwerindustrie und Großagrarier auf „kaltem Wege einherschreitende Gegenrevolution“ gegen den Weimarer Sozialstaat repräsentiere. Um auch die Rechtsextremen zu einer „deutschnationalen Einheitsfront“ gegen die Re pu blik zu sammeln, benutze die DNVP jetzt die Verfassungsfrage als neueste „Verlegenheits-Wahlparole“1326. Unter ihrem Druck habe sich die DVP bereits aus der politischen Mitte verabschiedet und sei zu einer „halbkon- 460 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik servativen“ Partei geworden. In Verkennung der wahren Volksmeinung wollten die „unverbesserlichen Krisenmacher“ jetzt die Re pu blik den „machtlüsternen Monarchisten“ ausliefern. Erst wenn sie den Trennungsstrich zur DNVP so scharf ziehe, wie ihn die SPD nach links ziehe, sei sie wieder bündnisfähig. Obwohl allgemein als „Partei der Groß in dustrie und Inflationsnutznießer“ angesehen, versuche die DVP zudem, durch Aufwertungsparolen die Stimmen der Inflationsopfer zu gewinnen1327. Dem Zen trum konnte die DDP den Vorwurf nicht ersparen, dass durch „Nachgiebigkeit seines demokratischen Flügels“ die Regierungskrise im Herbst 1924 erst heraufbeschworen worden sei. Indem die gemeinsame Frontstellung gegen einen „Rechtsblock“ hervorgehoben wurde, sollte die Kanzlerpartei auf eine nach links offene Koalitionspolitik verpflichtet werden. Die Betonung des „starken inneren Gegensatzes“ zur selten erwähnten Sozialdemokratie diente in erster Linie der Beruhigung bürgerlicher Ängste vor einer Linksentwicklung. Wer aber immer noch den „albernen Sozialistenschreck“ verbreite, habe verschlafen, dass die SPD von 1924 nicht mehr die gleiche sei wie 20 Jahre zuvor1328. Nach ihrem schwachen Abschneiden vom Frühjahr 1924, das primär auf die ungenügende Artikulation berufsspezifischer In te ressenvertretung zurückgeführt wurde, war die DDP vor dem 7. Dezember bestrebt, ein stärker sozial differenziertes Profil zu zeigen. Für ihre Flugblattpropaganda blieb gleichwohl der Appell an soziologisch oder beruflich nicht zu unterscheidende Adres sa tengruppen wie die „deutsche Volksgemeinschaft“ typisch. Gegenüber dem selbständigen Mittelstand und den Beamten, die spezifisch mit acht beziehungsweise vier von insgesamt 48 Flugblättern bedacht wurden, waren signifikante Ansätze berufs- und interessenspezifischer Zielgruppenwerbung sichtbar. Auch fiel die verhältnismäßig starke Zielgruppenwerbung der DDP um die Stimmen der Frauen auf1329. Unter dem Motto „Volksgemeinschaft und Arbeitsgemeinschaft“ präsentierte die DDP im Herbst 1924 ihrem Hauptadressaten, den mittelständischen Selbständigen, wirtschaftspolitische Forderungen, deren eigentümliches Merkmal die zweifache Frontstellung gegen die groß kapitalistischen „Auswüchse der Kartelle und Syndikate“ sowie die „Sozialisierungsexperimente“ darstellte. Nicht durch „Klassenkampf von oben oder unten“, sondern nur durch Zusammenarbeit aller „Klassen und Stände“ könne die deutsche Wirtschaft gedeihen und der soziale Frieden gesichert werden. Gerade der gewerbliche Mittelstand profitiere 461 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 schon jetzt am meisten von der „nüchternen Aufbaupolitik“ der DDP. Als bewährte „Vertretung des kleinen und mittleren Besitzes“ stellte sie den Bauern die Zurückdrängung des Großgrundbesitzes und der „Junker“ in Aussicht. Den gesondert angesprochenen Freiberuflern wurde der schleunige Abbau von Steuern in Aussicht gestellt, um ihre „Verelendung“ aufzuhalten1330. Den Inflationsgeschädigten versprach die DDP eine Neuregelung der Aufwertungsfrage, den Arbeitern ebenso wie den Erwerbslosen „geeignete sozialreformerische Maßnahmen“. Ohne da rüber hinaus materielle Versprechen abzugeben, warnte sie die Arbeitnehmer im Herbst 1924 vor „einseitiger Klassenherrschaft“ und empfahl sich in Konkurrenz zur SPD als „wahrer Hort der Demokratie und der Repu blik“1331. Speziell gegenüber den Beamten warb sie mit dem Kampf für eine Revision der Personalabbauverordnung und verbreitete die Parolen, die der Reichsausschuß der demokratischen Beamten zur Erhaltung eines „staats- und pflichtbewussten Berufsbeamtentums“ propagierte. Gerade die Lehrer würden ihr „blaues Wunder“ erleben, nähme eine „reine Rechtsregierung“ die Zügel der deutschen Schule in die Hand1332. Wenn auch selbst der christliche Glaube in den „Schmutz des Wahlkampfes“ gezogen werde, forderte die DDP die ansonsten kaum wahrgenommene „junge Generation“ auf, dennoch ihre Abneigung gegen die Weimarer Politik abzulegen, weil es am 7. Dezember um die „geistigen Grundlagen der Zukunft unseres Volkes“ gehe. In Abgrenzung zu den Rechts parteien und deren „patriarchalischer Weltanschauung“ propagierte die DDP nachdrücklich den Gedanken der Gleichberechtigung der Geschlechter. Eine „deutsche Frau“ dürfe aber nicht nur die Vorteile der eigenen Klasse kennen, sondern müsse der „ganzen Volksgemeinschaft bis zum letzten ärmsten Glied“ dienen. An die Adresse der ehemaligen Nichtwähler und Wahlfaulen gerichtet, setzte die DDP eine Stimmenthaltung aus Bequemlichkeit dramatisch mit „Volksverrat“ gleich1333. Alles in allem führte sie im Herbst 1924 einen offensiven Koalitionswahlkampf für die „demokratische Mitte“ der Parteien des schwarzrot-goldenen Reichsbanners. Abgesehen von den geringen Verwirklichungschancen einer Weimarer Koalition – immerhin war dazu am 7. Dezember eine Steigerung der re pu bli ka nischen Stimmenanteile um zehn Prozent nötig −, drängte die DDP spiegelverkehrt zur DVP aus der bestehenden bürgerlichen Bündnisformation nach links, musste aber 462 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik mit Rücksicht auf ihre bürgerlichen Wähler als „Partei der Mitte“ Distanz zur SPD signalisieren. Gegen die „Versklavung durch die jüdischen Kapitalisten“ – Die National-Sozialistische Freiheitsbewegung Während Hitler bis Weihnachten 1924 in Haft saß, bildeten im Sommer Deutschvölkische und einige vorwiegend norddeutsche Nationalsozialisten aus dem erfolgreichen Wahlbündnis vom 4. Mai die National-Sozialistische Freiheitsbewegung (Großdeutschlands). Auf dem Einigungsparteitag in Weimar bekannte sich Mitte August 1924 die Reichs führerschaft Ludendorff, Gregor Strasser und Albert v. Graefe zu Hitlers „25 Programmpunkten“ von 1920. Trotz der Zerwürfnisse im völkischen Lager gelang es ihnen, eine gemeinsame Kandidatenliste für den 7. Dezember 1924 einzureichen. Die Münchner Anhänger Hitlers um Max Amann sowie die Antisemiten Julius Streichers opponierten jedoch gegen die Interimsführung und sammelten sich in einer auf Bayern beschränkten Großdeutschen Volksgemeinschaft1334. In ihrem am 22. Oktober 1924 veröffentlichten Wahlaufruf setzte es sich die NSFB-Reichsführerschaft zum Ziel, das deutsche Volk für eine „Freiheits- und Befreiungspolitik“ zu mobilisieren, die im scharfen Gegensatz zur Reichsregierung von dem Willen zur „völkischen Selbstbehauptung“ bestimmt sei und gegen die „Versklavung“ durch die „Mächte des internationalen und jüdischen Kapitalismus“ kämpfe. In direkter Antwort an die DNVP wurde den Dawesgesetzen mit der Begründung die Anerkennung als „bindendes Recht“ verweigert, dass sie im „krassen Widerspruch“ zur Verfassung stünden. Nach der Wahl werde die völkische „Kampfgruppe“ im Reichstag daher unverzüglich eine „Ungültigkeitserklärung der Dawesgesetze“ beantragen. Nur mit leichten Nuancen versehen wiederholte die NSFB vor dem 7. Dezember das Wahlprogramm der Deutschvölkischen vom Frühjahr 1924. An die Stelle der Weimarer Re pu blik solle ein „neues Großdeutschland“ treten, ein „völkisch-sozialer, Eigentum und Person sichernder Staat der wahren Volksgemeinschaft“, in welchem der deutsche Arbeiter aus der „Umklammerung des internationalen, kapitalistischen und jüdischen Polypen“ befreit werde. Anders als die bisherige völkische Propaganda erhob die NSFB-Reichsführerschaft allerdings im Herbst 1924 eine Reihe von spezifischen For- 463 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 derungen wie die Beseitigung der Dritten Steuernotverordnung, die Bereitstellung „zinsfreier“ Kredite für die Wirtschaft oder den Rechtsschutz der Persönlichkeit, insbesondere mit Blick auf die „Freiheitsberaubung unseres Adolf Hitler“. Eine im Ton spürbar schärfere Kundgebung an die Anhängerschaft sollte die Teilnahme an der „elenden Wahl- und Parlamentswirtschaft der Novemberrepublik“ in Einklang mit den strikt antiparlamentarischen Losungen bringen. Die NSFB könne nicht „verantwortungslos“ beiseite stehen, weil es am 7.  Dezember „trotz allen heuch lerischen Scheins um Freiheit oder dauernde Versklavung des deutschen Volkes, um Sein oder Nichtsein“ gehe. Während die Reichsregierung unter „unbegreiflichem Schweigen der so genannten nationalen Rechten“ die Volksrechte vergewaltige, könne Deutschland durch einen völkischen Wahlsieg doch noch seine neuen „furchtbaren Sklavenketten“ abstreifen1335. Unter außenpolitischen Vorzeichen führte die NSFB den Wahlkampf vom Herbst 1924 gegen alle „alten“ Parteien zugleich, gegen die „Erfüllungsfanatiker von Crispien bis Hergt“. Die Annahme des Dawesplans durch den Reichstag wurde zum „blutigsten Triumph des jüdischen Weltwucherkapitals über ein arbeitsames Volk“ stilisiert. Angesichts der Folgen dieses „zweiten Versailles“ versprach die NSFB mit unverminderter Schärfe gegen seine Voraussetzungen zu kämpfen, die alliierte „Kriegsschuldlüge“ sowie die These von der inneren Entschuldung Deutschlands durch die Inflation. Eine scheinbar sachliche Aus ei nan der set zung mit dem Reparationsplan boten Flugblätter, die „hervorragende Persönlichkeiten des Auslandes“ zitierten, so etwa den durch seine Kritik an Versailles bekannten englischen Ökonomen John Maynard Keynes, demzufolge jeder patriotisch denkende Deutsche gegen die Dawesgesetze kämpfen müsse1336. Eher beiläufig äußerte sich die NSFB im Herbst 1924 zum aktuellen Symbolkampf um die richtige Staatsform, wobei sie sich zum „ruhmreichen ‚Schwarz-weiß-rot‘ mit unserem Freiheitssymbol dem Hakenkreuz“ bekannte. Gemäß dem Motto „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ sollte das neue Deutschland „wahrhaft sozial, wahrhaft gemeinsinnig und gerecht“, kein „Egoisten-Staat“, sondern ein „Gemeinschafts-Staat“ sein, so die eigentümliche Rhetorik der NSFB. Angesichts des Existenzkampfes des deutschen Volkes sei es jedoch gewissenlos, die als zweitrangig erachtete Verfassungsfrage aufzurollen. Zugleich war die NSFB bestrebt, als Vertreterin des „völkisch-erwachenden Deutschland“ ihre Oppositi- 464 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik on gegen die Restauration der Monarchie zu akzentuieren. Zur Konkretisierung ihrer wirtschaftspolitischen Losungen sah sich die NSFB gezwungen, weil ihr die gegnerische „Lügen“-Propaganda in der Eigentumsfrage sozialistische Ziele unterstelle. Unter „Staatsaufsicht“ wolle sie aber in Wahrheit nur das „Bankwesen und was dazu gehört“ stellen, das die Linksparteien gerade unangetastet lassen würden. Indem Bismarck das deutsche Verkehrswesen „auf nationaler Grundlage“ sozialisiert habe, reklamierte man den Reichsgründer als „bahnbrechend für den wirtschaftlichen Nationalsozialismus“1337. Wichtigste innenpolitische Parole der NSFB bildete im Herbst 1924 der Kampf gegen die Dritte Steuernotverordnung und für eine „sofortige volle Aufwertung“ aller Forderungen. Im Namen des „schaffenden Deutschland“ wurde die Festlegung „völkischer, sozialer Arbeitsbedingungen“ verlangt. Vor jedem Einzelthema war aber unter der Parole „Alle sind gegen uns!“ die Agitation gegen den politischen Gegner konstitutiver Bestandteil der Wahlpropaganda der NSFB. Stärkstes Beweismittel ihrer Verfolgungstheorie bildete der im „schwarzrotgoldenen November-Deutschland“ hinter Gefängnismauern gesetzte Hitler. Weil seine Partei die einzige „Zukunftshoffnung aller ehrlichen Deutschen“ sei, müsse sich der Wähler am 7. Dezember in die „Front der völkischen Freiheitsbewegung“ stellen. Der Begriff „völkisch“ komme in dem neuen Parteinamen nur deshalb nicht vor, weil er sonst zu lang geworden wäre und weil ohnehin jeder wüßte, dass „nach Hitlers Idee anstelle des internationalen Sozialismus der Sozialdemokratie der völkische, der soziale und nationale Gedanke“ gesetzt werde1338. Kollektives Hauptfeindbild in über der Hälfte von 55 Flugblättern der NSFB waren die „alten kapitalistischen Parteien“, die das Weimarer „System“ stützten: „Jagt sie fort die Erfüllungspolitiker, die Juden und Schieberfreunde!“, so die gewalttätige Kampfansage an alle, die den Dawes plan angenommen hätten. Abgesehen von der Agitation gegen den Hauptfeind SPD und die „Umfallmänner“ der DNVP, die in zehn beziehungsweise sieben Flugblättern spezifisch angegriffen wurden, setzte sich die NSFB jedoch überwiegend nicht einzeln mit anderen Parteien auseinander. Eine besondere Polemik richtete sie gegen die bürgerliche Regierung der „goldenen Mitte“, der man in Umkehrung ihrer eigenen Propaganda politische „Verantwortungslosigkeit“ vorhalten zu können glaubte1339. 465 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 Mit dem Selbstbild einer „völkischen Bewegung“ versuchte sich die NSFB im Herbst 1924 sowohl institutionell von der alten „parteimäßigen Cliquenwirtschaft“ als auch von dem aktuellen „Partei-Unwesen“ abzugrenzen, da drei oder vier, dafür aber „absolut judenfreie“ Parteien völlig genügten. Das Feindbild des Juden spielte wieder die bekannte Drahtzieher-Rolle in der Propaganda der Völkischen, die hier den Verantwortlichen für alles fanden, was Deutschland Schaden zufüge. Auf den Vorwurf der Einäugigkeit antwortete man, den Kapitalismus zu bekämpfen, „wo und wie auch immer er vorhanden ist, ob deutsch oder jüdisch“1340. Dass die Marxisten nach 1918 nichts gegen den „ungeheuren jüdischen Reichtum“ unternommen hätten, war der NSFB im Gegenzug das stärkste Argument dafür, dass die SPD keine – wie noch unter dem „ehrlichen“ Bebel – Arbeiterpartei mehr, sondern zur „Schleppenträgerin des internationalen jüdischen Großkapitals“ geworden sei. An die Adresse ihrer Anhänger richtete sich deshalb der Appell, den „Lügenparolen der Friede-Freiheit-Brot-Sozialisten“ am 7. Dezember den Kehraus zu machen1341. Weiter verhärtet hatte sich im Laufe des Jahres 1924 das Verhältnis der Völkischen zu den großen Rechtsparteien, deren „nationaler“ Vertretungsanspruch schärfer denn je bestritten wurde. Aus der Perspektive des enttäuschten Wählers beklagte die NSFB, dass die DNVP noch im Frühjahr als Partei der „nationalen Opposition“ in den Wahlkampf gezogen sei, dann aber diese verraten und sich nur noch als „verlängerte Stresemann-Gruppe“ betätigt habe, um den Eintritt in die Reichsregierung zu erreichen. Indem ihr Wahlaufruf zum 7. Dezember die Dawesgesetze zu geltendem Recht erkläre, hätten die „deutschnationalen Erfüllungspolitiker“ den Kampf um Deutschlands Freiheit aufgegeben1342. Auch die „schwarz-weiß-rot“ im Wahlkampf auftrumpfende DVP könne von Rechtswählern nicht ernst genommen werden, weil sie in Preu- ßen mithelfe, den „schwarz-rot-goldenen“ Staatsapparat zu festigen. Vor den anderen Parteien der „goldenen Mitte“, den Demokraten und dem Zen trum, warnte die NSFB ebenfalls in erster Linie unter Hinweis auf ihre Helfershelfer-Rolle für den Marxismus. Als „notorische Regierungspartei“ treibe das Zen trum seit sechs Jahren gemeinsame Sache mit der „vaterlandslosen, gottleugnerischen und glaubensfeindlichen Sozialdemokratie“ im Reich und in Preußen1343. Während die „wahnsinnigen Kommunisten“ keinen Gegner für die Agitation der NSFB darstellen konnten, bildete ein besonderes Kapitel des Wahlkampfes im Herbst 1924, 466 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik dass die Münchener Nationalsozialisten gegen die von ihnen nicht anerkannte Reichsführerschaft kämpften. In Flugblättern an alle „treuen Hitlerfreunde“ sahen jene den Streit im völkischen Lager sich um die Frage drehen, ob Hitler bedingungslos als „gottbegnadeter Führer im deutschen Freiheitskampfe“ anerkannt werde oder ob man sich der „parlamentarischen Kamarilla“ der Deutschvölkischen unterwerfe1344. Hauptadressat der NSFB war im Herbst 1924 das „schaffende Deutschland“, zu dessen „produktiven Ständen“ ausdrücklich auch die „redlichen“ Unternehmer gezählt wurden. Allerdings trennte man die „oberen Zehntausend“ respektive Großkapitalisten von den „Ausgebeuteten aller Klassen“. Die Zielgruppenpolitik der NSFB, deren Adres sa ten vor allem das Attribut „deutsch“ verband, war in erster Linie ideologisch, nicht interessenmäßig ausgerichtet1345. Andererseits unterschied sie durchaus einzelne Berufsgruppen der anvisierten „Volks- und Werksgemeinschaft“, die in der Hauptsache aus den „deutschen Hand- und Kopfarbeitern, deutschen Bürgern, deutschen Bauern“ bestand. 19 von 55 Flugblättern, also ein gutes Drittel, war aber allein mittelständischen Wählergruppen gewidmet, die damit in der Zielgruppenhierarchie noch vor dem wichtigsten Einzeladressaten, den Arbeitern rangierten. Auffällig ist das Fehlen der bei den anderen Parteien wenigstens in den Flugblattadressen erwähnten Frauen und Jungwähler1346. Alle Adres sa tengruppen wurden von der NSFB stereotyp als in irgendeiner Form „Betrogene“ angesprochen, der Arbeiter durch die Versprechungen der SPD oder das „arme dumme Volk“ allgemein von den Parteien. Doch nicht nur der „kleine Mann“, selbst Unternehmer und Grundbesitzer würden von den „jüdischen Großschiebern“ an der Börse betrogen. Die antikapitalistischen Wendungen der NSFB sollten vor allem die „Arbeiter der Stirne und der Faust“ aus der Herrschaft des „Geldsacks“ sowie vom „jüdischen, marxistischen Novembergeist“ lösen und zur „Volksgemeinschaft aller Deutschen“ führen. An positiven Versprechen stellte sie ihnen im Herbst 1924 dafür den Achtstundentag, eine angemessene Entlohnung, gesunde Wohnungen sowie „Mitbesitz“ an den Betrieben und dem Boden in Aussicht1347. Mit Forderungen nach „gerechten, sozialen Besoldungsverhältnissen“ sowie auf Säuberung der Beamtenschaft von den „sog. ‚Revolutionsgewinnlern‘“ versuchte sich die NSFB als spezifische In te res senvertretung zu empfehlen1348. Die nach den Arbeitern und Beamten dritte signifikant umworbene Berufsgruppe bildeten im Herbst 1924 die Bauern. Im Gegensatz zu den deutschna- 467 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 tionalen „Jasagern“, die der Landwirtschaft jetzt wieder den Schutzzoll als „Lockspeise“ bei den Wahlen vorsetzten, propagierte die NSFB diese Agrarierforderung im Herbst 1924 als ihr ureigenstes Ziel. Der Kampf gegen äußere „Versklavung“ sei für sie gleichbedeutend mit Schutz der deutschen Bauern vor „Erdrosselung“ durch ausländische Konkurrenz1349. Wenn sie auch den „jüdischen Parlamentarismus“ ablehnten, sollten alle „nationalen“ Volkskreise ihn doch zur „Abwehr gegen ihn selbst“ benutzen, so der umständliche Wahlappell der NSFB an die eigenen Anhänger vor dem 7. Dezember: „Alle Mann an die Front! Keine ‚Wahlmüdigkeit‘. Denkt an Eure Kinder. Denkt an die kommende Hungersnot, die jeder Erfüllungsversuch unerbittlich nach sich ziehen wird. Die Dawesgesetze müssen fallen“1350. In dem Maße aber, in dem sich die innenpolitische Situation nach dem Krisenvorjahr entspannte und die Re pu blik stabiler wurde, mussten die demagogischen Parolen der Völkischen im Herbst 1924 an Durchschlagskraft einbüßen. Nachdem die Deutschnationalen ihre außenpolitische Widerstandsrhetorik zugunsten einer Annäherung an den Weimarer Staat abgeschwächt hatten, versuchte die im völkischen Lager keineswegs unumstrittene NSFB, sie als Partei der „nationalen Opposition“ zu beerben. In dieser Rolle war sie ähnlich wie die KPD darum bemüht, die von den „System“parteien betonten Stabilisierungserfolge abzustreiten. Grundsätzlich erschwerend wirkte sich für die NSFB die den Wahlkampf im Herbst 1924 charakterisierende Trennung in zwei politische Lager aus, zumal es ihr gerade in der Verfassungsfrage an einer klaren Parole fehlte. Eine uneingestandene Annäherung an die Standards der Weimarer „Partei- und Parlamentswirtschaft“, deren Negation für das Image der „Freiheitsbewegung“ wesentlich blieb, signalisierten die Ansätze interessenspezifischer Ausdifferenzierung ihrer Zielgruppenwerbung. Sonstige Parteien Die Bayerische Volkspartei hatte sich nach ihren Rückschlägen 1923/24 wieder vorsichtig an das Reichszentrum und dessen Politik angenähert, was sich vor allem in der Zustimmung der Bayern zu den Dawesgesetzen niederschlug. Doch blieb das Misstrauen zwischen den beiden katholischen Parteien wach und wurde die BVP zur Schrittmacherin eines rechtsgerichteten Bürgerblocks im Reich. Für das bayerische Volk, hieß 468 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik es in ihrer zen tra len Wahlbroschüre vor dem 7. Dezember, bedeute der unerwartete Reichstagswahlkampf eine „neue große Belastung“. Wenn auch das Jahr 1924 als das politisch wichtigste seit der Revolution angesehen werden könne, sei infolge der „Übersättigung der Wählerschaft mit Politik“ große Wahlmüdigkeit zu befürchten. Ein Hauptaugenmerk müsse daher der Werbung um das „Heer der Nichtwähler“ gelten1351. Ihren Wahlaufruf veröffentlichte die BVP unter dem symbolischen Datum des 7. Novembers 1924, dem sechsten Jahrestag der „unglückseligen bayerischen Revolution“, womit sich bereits die scharf antimarxistische Stoßrichtung ihres Wahlkampfes ankündigte. Immer klarer, so der Aufruf, vollziehe sich die Scheidung in „zwei große Gedanken“, die allein noch in der deutschen Politik um die Macht kämpften: „Dauernde Festigung der Revolution aus sozialistischem Geiste oder Erneuerung des Vaterlandes im Sinne des christlichen Staatsgedankens“. Weil die Gegner Bayerns mit den bisherigen Ergebnissen ihrer Katastrophenpolitik – Versailles, Klassenkampf, Sittenverfall und „Kriegsschuldlüge“ – noch nicht zufrieden seien, versuchten sie nun durch Neuwahlen einen „Regierungsblock der revolutionären Linken“ im Reich zu schaffen. Vor diesem Szenario versprach die BVP ihren Wählern im Herbst 1924, grundsatztreu für den „christlichen Staat“ und einen „gerechten Ausgleich zwischen den In te res sen aller Stände“ zu kämpfen. Ihr Aufruf schloss mit der für sie typischen Parole, welche die partikularistischen Tendenzen durch ein Lippenbekenntnis zur Reichseinheit überdeckte: „Ein starkes geachtetes Bayern in einem starken geachteten Reich!“1352 Für die Wahlpropaganda der BVP besaß die Frage der Staatsform im Herbst 1924 bei weitem nicht die Bedeutung, die ihr von den großen Rechtsparteien zumindest symbolisch gegeben wurde. Zwar kämpfte sie auch gegen die „revolutionsgeborenen Farben- und Verfassungsbestimmungen“, doch in erster Linie für das „weiß-blaue Banner“ Bayerns. Wichtigste Parole ihres landespolitisch akzentuierten Wahlkampfes war dessen „Eigenstaatlichkeit“, ohne dass aber wie noch im Frühjahr 1924 ein scharfer Gegensatz zum Reich betont wurde. Mit Blick auf die bevorstehenden Reichspräsidentenwahlen erklärte die BVP zur Voraussetzung einer angestrebten Abwahl Eberts, dass der 7. Dezember ein „starker Sieg der bürgerlichen Parteien“ werde. Wesentlichste Einzelforderung bildete die „gerechte“ Aufwertung früherer Sparguthaben und Hypotheken. Durch „rücksichtslosen Kampf gegen preisverteuernde Kartelle und Syndikate“ versprach die BVP insbesondere den gewerblichen Mittelstands- 469 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 gruppen Förderung sowie der Landwirtschaft Schutzzölle, langfristige Kredite und eine gründliche Reform des gesamten Steuerwesens1353. Den Dawesplan und seine volkswirtschaftlich „großen Vorteile“ gegenüber vorherigen Regelungen thematisierte die BVP nur am Rande. Außenpolitisches Hauptaugenmerk galt der Wiedervereinigung mit den im Versailler Vertrag „entrissenen deutschen Brüdern“, insbesondere Deutsch- Österreichs. Angesichts der militärischen Schwäche des Reiches könne aber „vorerst nicht Macht-, sondern nur Verhandlungspolitik“ helfen, grenzte sich die BVP von der rechten Opposition ab1354. Explizit bekämpfte sie die „radikalen Flügelgruppen, die sich rechts nennen und mit den Methoden der Linken arbeiten“. Ihr alles überragendes Feindbild blieb aber die „sozialistische Parteiwirtschaft“, die in der Regel nicht spezifiziert wurde. Neben den Männern rief die BVP auch die Frauen und besonders die vermeintlich Wahlmüden in die „große staatsbürgerliche Front“ und zur Wahl für „Bayern“ auf: „Das Vaterland ruft, und Du wirst mit der friedlichen Waffe des Stimmzettels in der Hand kämpfen und eine Entscheidungsschlacht gewinnen helfen. Es geht um Dein Brot und um Deine Arbeit! Es geht um christliche Zucht und Sitte!“1355 Die Wirtschaftspartei adres sierte ihren Wahlaufruf zum 7. Dezember 1924 in erster Linie an die Angehörigen des deutschen Mittelstandes, versuchte aber stärker als noch im Frühjahr die Perspektive des ganzen „verarmten Volkes“ zu berücksichtigen. Verantwortlich für das Elend der letzten Jahre in Deutschland seien „alle politischen Parteien im Rahmen kleiner und großer Koalitionen“. In den neuen Reichstag müssten daher endlich mehr „ehrliche, einwandfreie Männer aus dem praktischen Wirtschaftsleben“ gewählt werden, vor allem Männer aus dem „Stand“, der allein das Deutsche Reich wieder „hochbringen“ könne. Angesichts des „erwachenden“ Mittelstandes lautete die Wahlparole der WP im Herbst 1924 gegen den „neuzeitlichen Parlamentarismus“ in Gestalt der Weimarer Re pu blik einfach: „Schluss mit diesem System!“1356 Diesem militanten Appell legte sie einen umfangreichen Katalog von Forderungen und Zielen bei, die ausdrücklich als mittelständische In te res senvertretung annonciert wurden. Neben der Bekämpfung von „sozialistischen Experimenten“ klagte die WP auch ein „klares, einfaches Steuersystem“ ein, das nicht wie bisher Schwerindustrie und Hochfinanz schone und den Klein- und Mittelunternehmer „bis zum Weißbluten“ belaste. Weder sozialistische In dus triearbeiterschaft noch Großkapital, sondern der deutsche Mittelstand bilde die „Brücke zu einer besseren Zeit“. Mit besonde- 470 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik rem Nachdruck drängte die WP auf Abschaffung der Hauszinssteuer, der denkbar „unsozialsten“ Steuer, welche die Sanierung des Haus- und Grundbesitzes bislang hemme. Obwohl In te res senvertreterin der Sachwertbesitzer, trat sie auch für eine „gerechte allgemeine Aufwertung aller Schuldverpflichtungen“ ein, allerdings im Rahmen dessen, was das „verarmte deutsche Volk“ leisten könne. Im Bestreben, „alle deutschen Stände“ anzusprechen, empfahl sie sich als eine aus dem Mittelstand erwachsene Volksbewegung, was gegen den „Riesenschwindel der angeblichen ‚Zersplitterung des Bürgertums‘“ gemünzt war. Insbesondere die DNVP trage viel größere Schuld an dem Elend der mittelständischen Schichten, weil sie durch die „verfehlte Politik des passiven Widerstandes“ erst die Voraussetzungen für die Hyperinflation geschaffen habe1357. Nach der Auflösung des Wahlbündnisses mit der WP marschierte der Bayerische Bauern- und Mittelstandsbund selbständig zur Reichstagswahl am 7. Dezember auf und forderte dazu auf, nicht länger den „sog. ‚Volksparteien‘“ die Stimme zu geben, die sich entweder zu „Steigbügelhaltern des Großkapitals“ entwickelt hätten oder die bayerischen In te res sen dem „Berliner Zentralisierungswahnsinn“ opferten. Eine selbst bei anderen In te res senparteien selten so direkt formulierte Zielgruppenwerbung signalisierte die Andersartigkeit des Bauernbunds, der seine Adres sa ten bevorzugt in der Duzform anredete. So brauche der Bauer vor allem Schutzzölle und Lockerung der „Steuerschlinge“, der Kaufmann müsse vor „Schmutzkonkurrenz und Hausiererunwesen“ sowie gegen die „Wucherzinsen des Bankkapitals“ geschützt werden und der Staatsbeamte gegen schematisch durchgeführte Abbaumaßnahmen. Ohne auf Fragen der Reichspolitik einzugehen, schloss der Aufruf des BBMb mit dem Appell an seine mittelständischen Wählerschichten, für „Ruhe und Ordnung“ im Bayernland zu stimmen1358. Der Wahlaufruf der Deutsch-Sozialen Partei, die zusammen mit dem Reichsbund für Aufwertung zum 7. Dezember antrat, wandte sich in extrem antisemitischer Diktion ebenfalls gegen alle „‚großen‘ kapitalistischen Parteien“. Groß seien diese „Judenparteien“ aber vor allem im Betrügen, allen voran die DNVP, die sich durch ihren „schändlichen Verrat“ bei der Annahme des Dawesplanes bis auf die „königstreuen Knochen“ blamiert habe. In Konkurrenz zu den Deutschvölkischen versuchte sich die DSP und ihr „Führer“ Richard Kunze als „wahre deutsche Freiheitsbewegung“ zu profilieren, deren zen tra ler Wahlaufruf ausdrücklich an alle „Arbeitslosen, Abgebauten, Verarmten und Verelendeten“ 471 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 adres siert war. An der Spitze ihrer Forderungen stand im Herbst 1924 die „sofortige gerechte und ausgiebige Aufwertung“ bei „restloser Erfassung der Kriegs- und Revolutionsgewinne“, gefolgt von völkisch-sozialen Parolen wie der Ausweisung aller Ausländer oder „Brot und Wohnung“1359. Überall im Reich seien Wahlmüdigkeit und Abscheu vor dem „öden Parteigezänk“ anzutreffen, beschwor der am 2. November veröffentlichte Aufruf des Direktoriums der Deutsch-Hannoverschen Partei eine angeblich weitverbreitete Politikverdrossenheit im Herbst 1924. Schon wieder müsse das deutsche und hannoveranische Volk dazu noch einen Wahlkampf über sich ergehen lassen, weil der „zentralistisch eingestellte, vermeintlich demokratische, in Wirklichkeit volksfremde Berliner Parlamentarismus“ bankrott sei. Dagegen wurde die Rückkehr zu den „klaren Quellen gesunden deutschen Volkstums“ wie vor allem dem Gedanken der „freien Selbstverwaltung“ gefordert. Konkret versprach die DHP der „heimatlichen“ Wirtschaft In te res senförderung durch Abbau von Steuern und Zwangsmaßregeln sowie durch Agrarschutzzölle für die Bauern. Außenpolitisch kämpfte die Welfenpartei gegen Versailles und die „Lüge von der Alleinschuld Deutschlands am großen Kriege“. Militärische Schwäche habe die Annahme der Dawesgesetze zu einer „harten Notwendigkeit“ für das Reich gemacht. Die äußere Befreiung bleibe aber sinnlos, solange im Innern „ein Deutscher des andern Knecht“ sei, sprich ein Staat, natürlich Preußen, die Vorherrschaft über alle anderen Länder ausübe. Zugleich empfahl sich die DHP als „getreuer Eckart deutschen Wesens“ durch ein Motto, das ihre partikularistischen Abtrennungsgelüste überdecken sollte: „Alles für Deutschland, heut’ und immerdar!“1360 Alle In te res sen- und Regionalparteien boten in ihren Wahlprogrammen zum 7. Dezember 1924 wenig Neues im Vergleich zum Frühjahr. Mit antiparlamentarischen Parolen bezogen sie wie de rum Stellung gegen die „alten“ oder die „Berliner“ Parteien, gegen deren Misswirtschaft sie die Bedürfnisse der anvisierten Adres sa tengruppen mit dem In te res se des ganzen Volkes gleichsetzten. Die von der Reichsregierung dilatorisch behandelte Aufwertungsfrage schien ihre Zugkraft für mittelständische Protestwähler zwar noch lange nicht eingebüßt zu haben, doch gingen nun auch die großen Parteien stärker auf die Stimmungen und Bedürfnisse der Inflationsgeschädigten ein. Mit der Überwindung der Inflation, dem weiteren Abbau der Zwangswirtschaft und ersten Stabilisie- 472 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik rungserfolgen verloren die In te res senparteien wichtige Ansatzpunkte ihrer Kritik, was sie durch Ausdehnung ihres Wahlappells auf breitere Adres sa tengruppen oder eine verschärfte Kampfansage an das „System“ und seine Träger auszugleichen versuchten. Wahlergebnis und Zusammenfassung Der 7. Dezember 1924 stellte aufgrund der zahlreichen parallelen Landtagswahlen einen bis dahin einzigartigen „Großkampftag“ in der Weimarer Wahlgeschichte dar. Während sich in Preußen die Umschichtungen der Krisenwahl vom 4. Mai in abgemilderter Form wiederholten, gab es im Reich deutliche Zeichen einer Normalisierung auch auf der Wählerebene. Bei einer leicht gestiegenen Wahlbeteiligung von 78,8 Prozent erlitten die extremen Flügelparteien jetzt hohe Verluste. Die KPD verlor fast ein Drittel und die Völkischen mit rund einer Million Stimmen sogar über die Hälfte ihrer Anteile vom Mai: Drei Prozent der Stimmen für die NSFB und neun Prozent für die Kommunisten bedeuteten nur noch 14 beziehungsweise 45 von 493 Reichstagssitzen. Als Sieger des 7. Dezember konnten sich trotz interner Spannungen die beiden großen Oppositionsparteien fühlen. Die SPD verbuchte einen Zuwachs von 1,9 auf nun knapp acht Millionen Stimmen, was ihre Anteile um ein Viertel auf 26 Prozent klettern ließ und sie mit 131 Mandaten wieder zur stärksten Fraktion im Reichstag machte. Größere Überraschung rief das angesichts ihrer desolaten Führung unerwartet gute Abschneiden der DNVP am 7. Dezember hervor. Durch eine halbe Million hinzugewonnener Stimmen steigerte sie sich auf 20,5 Prozent beziehungsweise 103 Mandate. Hinsichtlich der Wählerströme kann vermutet werden, dass viele deutschnationale Wähler vom Mai 1924 ihre Stimme am 7. Dezember eine der Mittelparteien gaben, die DNVP andererseits diese Verluste aus den Reihen der Völkischen und der Splittergruppen mehr als kompensieren konnte1361. Nur geringe Verschiebungen ergaben sich bei den Parteien der bürgerlichen Mitte und der gemäßigten Rechten, die gegenüber dem Mai 1924 jeweils um weniger als ein Prozent hinzugewannen, wobei das Zentrum auf 13,6, die BVP auf 3,8 und die DVP auf 10,1 Prozent kam. Die Gewinne blieben vor allem bei der DDP hinter den Erwartungen zurück; sie legte nur um ein halbes Prozent auf nun 6,3 Prozent zu. Schien auch 473 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 der dramatische Wählerschwund der Demokraten gestoppt, führte dies nicht zu einem Rückgang bei den mittelständischen In te res senparteien. Vielmehr erhöhte die WP ihre Anteile um fast ein Drittel auf nun 2,3 Prozent der Stimmen (11 Sitze). Allerdings entfiel auf die zahlreichen Aufwertungsgruppen zusammen nur noch ein Prozent der Stimmen und musste etwa die DSP ihre vier Mandate vom 4. Mai 1924 alle wieder abgeben, während auch der deutschnationale Landbund zwei von seinen zehn Mandaten einbüßte. Stärker als frühere Reichstagswahlkämpfe wurde der vom Herbst 1924 durch Fragen der Taktik und Bündnispolitik geprägt, die sich zur symbolpublizistischen Abstimmung über die Verfassung steigern sollten. Die vor allem von der DNVP und der DVP forcierte Parole „Schwarzweißrot gegen Schwarzrotgold“ suggerierte das Bild zweier großer Verfassungslager und symbolisierte auch für Hellmut von Gerlach den Reichstagswahlkampf, wobei er das Ergebnis als ein „Plebiszit für die Repu blik“ wertete. So standen den 10,4 Millionen monarchistischen Stimmen von DNVP, DVP und BVP knapp 14 Millionen Stimmen der Reichsbannerparteien gegenüber, während 3,6 Millionen radikal wählten und 2,5 Millionen auf die „sonstigen“ Parteien entfielen. Nach Gerlach habe damit auch die große Mehrheit der Deutschen am 7. Dezember nachträglich die Dawesgesetze gebilligt, die im Wahlkampf eine überwältigende Rolle gespielt hätten. Ungeachtet dieser positiven Tatsachen würde die Regierungsbildung schwer werden, wobei alles vom Zen trum abhänge. Reichskanzler Marx, so die Überzeugung Gerlachs, werde sich aber keinem Bürgerblock voranstellen, weil er seinen „ganzen Wahlkampf gegen die Nationalisten und für die schwarzrotgoldene Fahne“ geführt habe1362. In der Tat sah der Zen trumspolitiker angesichts der Zunahme der Deutschnationalen nur zwei Mehrheitsmöglichkeiten nach dem 7. Dezember: den Rechtsblock oder eine große Koalition, die jedoch von der DVP schon deshalb für unmöglich erklärt wurde, weil die SPD den Wahlkampf mit dem „deutlichen Ziel des Linksblockes“ geführt habe. Besorgt und überrascht zeigte sich Marx über die Art und Weise, wie die DNVP im Herbst 1924 wieder gegen den Dawesplan und die Verfassung polemisierte, was ihm der auf den Bürgerblock drängende DVP-Fraktionsvorsitzende Ernst Scholz auszureden versuchte: „Jede Koalition sei unmöglich, wenn man nicht den Wahlkampf vergesse“1363. Die DVP, die den Wahlkampf unter der Koalitionsparole für eine Rechtsregierung geführt hatte, konnte aber mit dem mageren Ergebnis von 51 Mandaten 474 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik auch kaum zufrieden sein, obwohl ihre Presse das Scheitern des „Linksblockes“ betonte und die Forderung nach einer „Regierung der bürgerlichen Volksparteien“ wiederholte. In den letzten Wahlkampfwochen seien das Reichsbanner und sein „Riesenapparat“ zu einer „Offensive gegen Schwarz-weiß-rot“ übergegangen, die alle „Grenzen des Anstands“ verletzt habe. Diese Agitation habe als „psychologische Reaktion“ die ehemals völkischen Wähler in die DNVP „hineintreiben“ müssen1364. Auch die Abnahme der extremen Fundamentalopposition links und rechts konnte die Regierungsbildung nach dem 7. Dezember 1924 nicht erleichtern. Die KPD hatte eine Niederlage erlitten, weil sie sich nach Meinung von Arthur Rosenberg mit ihren nationalistischen Parolen gegen die Verständigungspolitik in Widerspruch zur herrschenden Volksstimmung gesetzt habe. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit im Laufe des Jahres 1924 habe außerdem als „objektiver“ Grund für ihre Stimmenverluste gewirkt. Die auf Berlin – wo sie kaum verloren hatte – fixierte Führung der KPD gewann dem Ergebnis noch positive Seiten ab, weil der von den „schwarz-weiß-roten und schwarz-rot-gelben Feinden der Arbeiterklasse“ erhoffte Zusammenbruch der Partei abgewendet worden sei1365. Als ein „Wahlsieg der Re pu blik“ feierte die demokratische Presse den Ausgang der dritten Reichstagswahlen vom Dezember 1924, obwohl sich speziell die DDP mehr erhofft hatte. Als bedenklich empfand Gertrud Bäumer, dass der Wahlkampf im Herbst 1924 vor allem „gefühlsmäßig“ und um „Symbole“ geführt worden sei. Zwar habe sich die Entscheidung am 7. Dezember um die Frage Re pu blik oder Monarchie gedreht, doch gebe es auch „schwarzweißrote Re pu blikaner“ oder Politiker, die nicht die Monarchie wiederherstellen wollten. Allerdings sei die Gemeinsamkeit von DNVP und DVP im Wahlkampf soweit getrieben worden, dass schwarzweißrote Zettel mit dem Appell „Wählt Liste 2 oder 5!“ bewusst die Parteigrenzen aufgehoben hätten. Unversöhnlich habe sich so vor dem 7. Dezember das „schwarzweißrote mit dem schwarzrotgoldenen Deutschland“ befehdet, klagte die liberale Politikerin1366. Diese symbolische Frontstellung bildete in der Tat das hervorstechendste Merkmal der wahlpropagandistischen Aus ei nan der set zungen im Herbst 1924 und erhielt gesteigerte Bedeutung vor dem Hintergrund der gleichzeitig abgehaltenen Preußenwahlen. Die verfassungsoppositionelle Propaganda suchte und fand ihr spezielles Feindbild im „System Severing“, wie Preußens große Koalitionsregierung unter Führung der SPD diskreditiert wurde. Dass sie nach der Wahl im Dezember 1924 von 475 der reIchstagsWahlkampf vom herbst 1924 der DVP formell gekündigt wurde, war noch vor Bildung einer neuen Reichsregierung Indiz für die zukünftige Rechtsentwicklung in Deutschland. Aus den wirtschaftlichen Verteilungskämpfen der postinflationären Krise resultierte trotz außenpolitischer Entspannung im Herbst 1924 eine deutliche propagandistische Verschärfung der innen- beziehungsweise verfassungspolitischen Fronten. Im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 formierten sich dabei bereits die „Blöcke“ der Reichspräsidentenwahlen im folgenden Frühjahr. Dieser Aufmarsch von zwei sich jeweils aus mehreren politischen Teilkulturen zusammensetzenden Verfassungslagern könnte – wenn auch zeitlich und inhaltlich begrenzt – die Fragmentierungsthese der politischen Kulturforschung zur Weimarer Re pu blik zumindest in Frage stellen. Freilich sind bereits an die innere Konsistenz eines schwarz-rot-goldenen „Reichsbannerlagers“ starke Vorbehalte zu knüpfen, vor allem hinsichtlich der Unterstützung von seiten des Zen trums1367. Auf der anderen Seite bildete zwar der Antimarxismus in Gestalt der Forderung nach Abwahl des Sozialdemokraten Ebert, dessen Amtszeit als Reichspräsident im Frühjahr 1925 auslief, das einigende Band im „nationalen“ Lager vor dem 7. Dezember. Der Kampf um Wählerstimmen sah aber auch im Verhältnis der schwarz-weiß-roten Parteien untereinander und erst recht zu den ohnehin aus der Lagertheorie herausfallenden Völkischen mehr Trennendes als Gemeinsames. Die Wahlpropaganda der Parteien zog die ideologische Grenze zum Gegner vielmehr um so schärfer, je näher man sich bei den Zielen oder Parolen in der Werbung um die gleichen Wählergruppen kam.

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Zusammenfassung

Reichstagswahlkämpfe entwickelten sich in den 1920er-Jahren zu wahren „Wahlschlachten“ mit einem bis dahin nicht gekannten Aufwand an Propaganda, Material, Geld und Menschen. Die scharfe Polarisierung in Wort und Bild sowie das hohe Maß an physischer Gewaltanwendung machten die Wahlbewegungen buchstäblich zum „Kriegsschauplatz“. Auch der massive Einsatz neuer, moderner Propagandamittel wie Lautsprecher und Flugzeuge, Schallplatten und Filme, zusammen mit der gegenüber dem Kaiserreich nochmals gesteigerten Verwendung traditioneller Medien wie Flugblättern und Zeitungen, veränderte nach 1918 den Charakter und die öffentliche Wahrnehmung der Reichstagswahlkämpfe. Parallel zum technischen Fortschritt begann in den 1920er-Jahren die „Amerikanisierung“ der Parteipropaganda, die von Zeitgenossen als „Sittenverfall“ beklagt wurde und die – wie auch viele Feindbildstereotype der Weimarer Zeit – die Zeit des Nationalsozialismus überdauerte und nach 1949 der Entpolitisierung von Wahlkämpfen in Deutschland den Weg ebnete.