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Kapitel 7 in:

Dirk Lau

Wahlkämpfe der Weimarer Republik, page 359 - 420

Propaganda und Programme der politischen Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag von 1924 bis 1930

3. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4203-8, ISBN online: 978-3-8288-7193-9, https://doi.org/10.5771/9783828871939-359

Tectum, Baden-Baden
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359 Zweiter Teil Die Wahlprogramme der Parteien 361 Kapitel 7 Nationalismus in Zeiten der Krise – Der Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 Die Reichstagswahl vom 4. Mai 1924 wird von der Weimar-Forschung gemeinhin als „Inflationswahl“ im Zeichen der republikbedrohenden Krisen des Vorjahres charakterisiert. Zwar war es gelungen, die Re publik durch die Reform der Währung und die Entschärfung der Reparationsfrage in ruhigere Gewässer zu bringen, doch die bis 1923 offen sichtbaren Konflikte blieben als „gefährliche Unterströmungen“1076 auch danach wirksam. Ruhrkampf, Hyperinflation, Unruhen und Reichsexekution in Sachsen sowie der im Hitler-Ludendorff-Putsch kulminierende Konflikt zwischen Bayern und dem Reich, um nur die Höhepunkte zu nennen, hatten das deutsche Wahlvolk derartig gegen das anscheinend unfähige „System“ der Re pu blik radikalisiert, dass nicht einmal mehr als dreißig Prozent der Stimmberechtigten den demokratischen Parteien der Weimarer Koalition zu folgen bereit waren. Für die Autoren einer neueren Studie über diesen ersten „ausgesprochenen Krisenwahlkampf “ erhält der 4. Mai 1924 dadurch sogar den Stellenwert einer politischen Zäsur in der Geschichte der Weimarer Re pu blik1077. Obwohl das „Wunder der Rentenmark“, die Währungsreform vom Herbst 1923, erste Zeichen wirtschaftlichen Aufschwunges brachte und sich die innenpolitische Lage im Reich mit der Umwandlung des militärischen in einen „zivilen“ Ausnahmezustand im Fe bru ar 1924 bereits wieder beruhigt zu haben schien, gab der Herausgeber eines zeitgenössischen Kompendiums der Parteiaufrufe zum 4. Mai diesem den bezeichnenden Titel „Wahlkampf auf den Trümmern des deutschen Reiches“1078. In den Regionalwahlen seit Sommer 1923 hatte sich die Radikalisierung der Wähler bereits in starken Verlusten für die gemäßigten und Ge- 362 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik winnen vor allem für die rechtsextremen Parteien angekündigt. So erhielt die erstmals kandidierende Deutschvölkische Freiheitspartei – ein Wahlbündnis aus ehemaligen Deutschnationalen – bei den Landtagswahlen in Thüringen und Mecklenburg-Schwerin bei hohen Beteiligungsquoten (89,6 bzw. 81,6 %) am 10. Fe bru ar 1924 auf Anhieb fast zehn beziehungsweise zwanzig Prozent der Stimmen. Kennzeichen der mit Rücksicht auf die besetzte Pfalz am 6.  April 1924 zunächst nur im rechtsrheinischen Bayern durchgeführten Landtagswahlen waren hohe Verluste der Regierungspartei BVP zugunsten erdrutschartiger Gewinne des „Völkischen Blocks“ – so die Listenbezeichnung, unter der sich die verbotene NSDAP hier erstmals zur Wahl stellte und mit 17,1 Prozent das gleiche Ergebnis wie die SPD erzielte, während sich die kommunistischen Stimmenanteile auf 8,3 Prozent verfünffachten. Für den linksliberalen Publizisten Hellmut von Gerlach stand schon Anfang März 1924 fest, dass sich diese „reaktionäre Tendenz“ in der Wählerschaft zugunsten der extremen Flügelparteien bei den bevorstehenden Reichstagswahlen fortsetzen würde. Grundlage aller Erfolge nationalistischer Propaganda war seiner Ansicht nach die Fortdauer des französischen Besatzungs regimes im Ruhrgebiet1079. Den politischen Hintergrund der vorzeitigen Reichstagsauflösung am 13. März 1924 bildete das endgültige Auseinanderbrechen des Weimarer Gründungskompromisses angesichts der Verteilungskämpfe um die aus Inflation und Reparationen entstandenen Lasten. Das nach dem Sturz Stresemanns Ende 1923 gebildete bürgerliche Minderheitskabinett unter dem Zen trumspolitiker Wilhelm Marx verstand sich in der Staatskrise als nationale Notstandsregierung und wollte mithilfe eines bis zum Fe bru ar 1924 befristeten Ermächtigungsgesetzes Währung und Finanzen des Deutschen Reichs ordnen, gedeckt durch das Notverordnungsrecht von Reichspräsident Ebert auf der Grundlage von Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung. Durch ihre Stabilisierungspolitik, die auf eine bewusste steuerliche Begünstigung von In dus trie und Landwirtschaft hinauslief, rief sie allerdings schwere soziale Spannungen hervor. Vor allem die De-facto-Beseitigung des Achtstundentages, der materiell und symbolisch wichtigsten „Novembererrungenschaft“, sorgte zusammen mit Lohnkürzungen für große Unruhe unter den Arbeitern. Für sie begann die relative Stabilisierung im Zeichen niedriger Löhne und hoher Arbeitslosigkeit. Aber auch im öffentlichen Dienst, der einen wesentlichen Beitrag zur Sanierung der Staatshaushalte leisten musste, förder- 363 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 te ein rigoros durchgesetzter Gehalts- und Personalabbau Antipathien gegen den Weimarer Staat. Nach Protesten breiter Mittelstandskreise, die sich als Hauptverlierer der Inflation empfanden, entschloß sich die um die Währungsstabilität besorgte Reichsregierung nur widerwillig, in der heiß umkämpften dritten Steuernotverordnung vom 14. Fe bru ar 1924 eine erste Regelung der Aufwertungsfrage einzubauen. Zugelassen wurde eine schematische Aufwertung der durch die Inflation vernichteten Sparguthaben und sonstigen Geldanlagen in Höhe von 15 Prozent des Goldwertes, während In te res senvertretungen der Gläubiger für eine individuelle und vor allem höhere Aufwertung aller privatrechtlichen Forderungen kämpften1080. Nachdem im März 1924 der Münchener Hochverratsprozess gegen die Hitler-Ludendorff-Putschisten für Schlagzeilen gesorgt hatte, rückte Anfang April wieder die Reparationsfrage ins Zen trum des öffentlichen In te res ses. Das Kabinett Marx war nach der Reichstagsauflösung, deren unmittelbarer Anlass die Ablehnung einer Verlängerung des Ermächtigungsgesetzes durch SPD und DNVP bildete, geschäftsführend im Amt geblieben, um die Verhandlungen über die Gutachten betreffend die Stabilisierung der deutschen Währung und die deutschen Guthaben im Ausland aufzunehmen. Diese wurden von den in Paris unter dem Vorsitz des amerikanischen Bankiers Charles G. Dawes tagenden alliierten Sachverständigen am 9.  April 1924 der Reparationskommission vorgelegt1081. Sie schlugen eine vorläufige Regelung der Reparationen vor, die unter dem Schlagwort „Business, not politics“ entscheidende Verbesserungen gegenüber früheren Zahlungsplänen für das Deutsche Reich bot, insbesondere durch relativ niedrige Annuitäten in den ersten Jahren, einen Transferschutz für die deutschen Geldlieferungen sowie eine erste Auslandsanleihe in Höhe von 800 Millionen Mark. Der am 16.  April 1924 von Deutschland gebilligte und bald als Dawesplan bekannte Sachverständigenbericht sorgte dafür, dass sich die Fronten vor allem zwischen Reichskanzler Marx und der DNVP klärten, die ein solches „zweites Versailles“ ablehnten. Im Wahlaufruf der Reichsregierung von Ende April hieß es zum Reparationsgutachten, dass nur die Annahme dieser „allergrößte Opfer“ von Deutschland verlangenden Vorschläge „wahrhaft nationale“ Politik sei. Ohne einen anderen Weg zur Befreiung von Rhein und Ruhr aufzeigen zu können, versuche die Rechtsop po si tion nur, das Volk mit nationalistischen Parolen aufzupeitschen. Die „Rettung vor dem Untergang“, vor Inflation und Umsturz, mache 364 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik aber im Inneren die „bitteren, grausamen Maßnahmen“ der Notverordnungen notwendig: „Nur durch Arbeit und Opfer werden wir den Weg aus dem Elend in die Freiheit finden“, so die Wahlparole der Regierung, deren neue Verständigungspolitik auch von der SPD unterstützt wurde. So schien es im Frühjahr 1924 wieder zu einer Annäherung zwischen der bürgerlichen Mitte und der sozialdemokratischen Opposition beziehungsweise zu einer Neuauflage der Großen Koalition vom vorangegangenen Herbst zu kommen. Hinsichtlich des Wahlausganges wagte die Frankfurter Zeitung Ende April 1924 die optimistische Prognose, dass die Rechte im ganzen vielleicht eine „kleine Verstärkung“ am 4. Mai erfahren werde. Das Kennzeichen der Wahl würden aber Verschiebungen innerhalb des nationalen Lagers selbst sein, und zwar auf Kosten der gro- ßen Rechtsparteien DNVP und DVP zugunsten der Völkischen1082. „Der Feind steht rechts!“ – Die SPD im Kampf gegen „innen- und außenpolitische Knechtschaft“ Seit dem November 1923, als sie aus Protest gegen das unterschiedliche Vorgehen der Reichsregierung in Bayern und in Sachsen die Große Koalition unter Stresemann verlassen hatten, waren die Sozialdemokraten wieder Oppositionspartei im Reich. Der so genannte Sachsenkonflikt sowie die scharfen Angriffe des durch die Vereinigung mit der Rest-USPD gestärkten linken Parteiflügels gegen die bisherige Koalitionspolitik im Reich stellten die sich nun bis 1925 offiziell VSPD nennende Partei im Frühjahr 1924 vor innere Zerreißproben. Gleichzeitig unter dem Druck der kommunistischen Konkurrenz, welche ihre Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz als Mitverantwortung an den Notverordnungen der bürgerlichen Reichsregierung angriff, stand sie vor der schwierigen Aufgabe, einmal den radikalisierten Arbeiterwählern ihren Tolerierungskurs gegenüber dem Kabinett Marx verständlich zu machen. Andererseits galt es sich als die „linke Volkspartei“ zu bewähren, als die sie sich auf ihren Parteitagen präsentierte1083. Der am 20. März 1924 veröffentlichte Wahlaufruf des Vorstandes sah die SPD in einer isolierten parteipolitischen Lage und das „alte, kampferprobte Heer“ der deutschen Sozialdemokratie einem „Ansturm sondergleichen“ ausgesetzt. Von links und rechts stürmten sowohl „Rückschrittler in den verschiedensten Masken“ als auch so genannte „Ra dikale“, 365 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 deren Radikalismus sich aber in sinnlosen Putschen erschöpfe, mit gleicher Wut gegen die Partei an, die „in jahrzehntelangem Kampf den Aufstieg der Arbeiterklasse Schritt für Schritt“ erzwungen habe. Unbeirrt versprach die SPD ihren Anhängern, für die Verwirklichung der „alten Grundsätze der Demokratie und des Sozialismus“ in Deutschland kämpfen zu wollen. Während sie sich außenpolitisch als „Partei der Völkerverständigung“ vorstellte – zu welcher der Weg allerdings noch voller Dornen sei −, wurden von der SPD vergleichsweise stärker die sozialen Dimensionen der inneren Stabilisierungskrise akzentuiert. Durchaus im Einklang mit den Parolen der Reichsregierung propagierte der Aufruf des Parteivorstandes als Ziel den Wiederaufbau Deutschlands und die Festigung von Wirtschaft und Währung. Allerdings dürfe dies nicht – wie die bürgerlichen Parteien es versuchten – auf Kosten der „Minderbemittelten“, der Arbeiter, Angestellten und Beamten, der Rentenbezieher, Witwen und Arbeitslosen geschehen, sondern vielmehr durch „Opfer des Besitzes“, durch Sachwerterfassung der Inflationsgewinne und eine „sozialgerechte“ Lastenverteilung. Dem aktuellen Lohn- und Sozialabbau der Regierung Marx setzte die SPD ihre Formel „Volksherrschaft über Volkswirtschaft“ entgegen, das hieß die demokratische Kontrolle der Allgemeinheit über die als zu mächtig angesehenen privaten Wirtschaftskonzerne. Kämpferische Parolen, den Weimarer Staat gegen seine Feinde verteidigen zu wollen, faßten das Programm der SPD vor dem 4. Mai zusammen: „Für die Re pu blik, gegen die Monarchie! Für den sozialen Fortschritt, gegen die soziale Reaktion! Für die Wirtschaftsdemokratie, gegen die Diktatur der kapitalistischen Monopole! Für die Völkerverständigung, gegen den internationalen Militarismus!“1084 Ihr Bekenntnis zur äußeren Verständigungspolitik der bürgerlichen Reichsregierung verband die SPD im Wahlkampf vom Frühjahr 1924 mit der Bekämpfung der rechtsradikalen „Dolchstoß“-Propaganda, auf die offensiv mit „Tatsachen und Dokumenten“ über die deutsche Kriegsniederlage geantwortet wurde. In einer Reihe von spezifischen Anti-Kriegs- Flugblättern stellte die SPD den Wähler vor die dramatische Alternative, am 4. Mai zwischen „friedlicher Aufbauarbeit oder neuen kriegerischen Verwicklungen mit Massenhunger, Massenelend und endgültigem Zusammenbruch der Nation“ entscheiden zu müssen1085. Das Sachverständigen-Gutachten, das gegen den „tollwütigen Nationalismus“ der Rechtsparteien als großer Fortschritt in der Reparationsfrage verteidigt wurde, spielte erst nach seiner Veröffentlichung eine zen tra le Rolle in der Wahl- 366 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik propaganda der SPD, die jedes Wort unterschreiben wollte, das der Wahlaufruf der Reichsregierung über die Schicksalsfrage „Befreiung durch Erfüllungspolitik oder neue außenpolitische Katastrophe“ gesagt habe. Die Revision von Versailles und seiner „Sklavenketten“ könne niemals gegen den „Weltwillen“ geschehen. Statt nationalistischer „Illusionspolitik“ sei nun „Realpolitik“ notwendig, „aber Realpolitik, getragen von großen Ideen und mit dem großen Ziele des Sozialismus“. Die zweite große Frage des 4. Mai sei, wie im Innern die Reparationslasten verteilt würden und – daran anschließend – wie sich das Verhältnis zwischen Arbeiterschaft und Unternehmertum zukünftig gestalten werde. Bei Fortsetzung einer rein bürgerlichen Regierungskoalition im Reich drohe den Arbeitern, Angestellten und Beamten nicht nur Erwerbslosigkeit und Not, sondern allen Volksgenossen „neue innen- und außenpolitische Knechtschaft“, deshalb der Appell an sie: „Wählt sozialdemokratisch, so dient ihr der Völkerverständigung. Wählt sozialdemokratisch, so dient ihr dem deutschen Volk“1086. Opposition zur bürgerlichen Reichsregierung signalisierte die SPD im Frühjahr 1924 ausschließlich bei der Beurteilung der innenpolitischen Entwicklung. Hier klagte sie die Förderung des durch die „Rechtsverbrechen in Bayern erschütterten re pu bli ka nischen Staatsgedanken“ sowie eine radikale Wende in der Sozial- und Wirtschaftspolitik ein. So spitzte die SPD die Entscheidung vom 4. Mai auf die Alternative zwischen Erhalt und Ausbau der Re pu blik oder Diktatur der Großkapitalisten im Bündnis mit den „schwarz-weiß-roten“ Nationalisten zu. Während die bürgerlichen Parteien nur die angeblich „gottgewollte kapitalistische Gesellschaftsordnung“ verteidigten, sei sozialdemokratisches Ziel, das Erzeugnis „gesellschaftlicher Massenarbeit“ aus den Händen der „Kapitalgroßherren“ zu reißen. Während sie sich zugleich scharf von jedem „tölpischen bolschewistischen Gewaltexperiment“ distanzierte und nur die „wirklich ausgereifte“ Produktion sozialisieren wollte, weckte die SPD Hoffnungen auf eine grundsätzliche Neuordnung. Im gleichen Atemzug, in dem sie sich als das „stärkste Bollwerk“ des Weimarer Staates empfahl, trat sie für den Ausbau der „bürgerlichen Re pu blik“ zum „sozialistischen Volksstaat“ ein, freilich nicht durch Gewalt oder Diktatur, sondern durch eine „Revolutionierung der Geister“ im Sinne der Ideale von Vernunft und Demokratie1087. Ihre Rolle als Fürsprecherin aller „besitzlosen“ Volksschichten, denen sie „Wohlstand und menschenwürdiges Dasein“ verhieß, war im Wahlkampf vom Frühjahr 1924 die wichtigste 367 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 Facette des Selbstbildes der SPD, die ihrem „ganzen Wesen nach eine Partei der Völker-Verständigung, des Aufbaus, des Fortschritts und der Freiheit“ sei1088. Unter der Parole „Frei nach außen – frei nach innen!“ akzentuierte sie gegenüber allen „schaffenden Schichten“ ihr zen tra les Wahlversprechen, die der bürgerlichen Regierung zugeschriebenen Missstände zu bekämpfen, sei es durch die Wiederherstellung des Achtstundentages, durch Schutzzölle auf Lebensmittelprodukte statt „Hungerzöllen“, sei es durch Änderungen in der ungerechten Steuergesetzgebung. Eine Rechtswahl bedrohe zudem das Werk der Währungsstabilisierung, die man vor allem „Hilferdings Rentenmark“ verdanke. Dass die SPD am 4. Mai 1924 ungeachtet ihres außenpolitischen Schulterschlusses mit der Reichsregierung als „Eine gegen Sechzehn!“ kämpfen werde, war die Botschaft einer Vorwärts-Sonderausgabe, in der am Vorabend der Wahl noch einmal die sozialdemokratischen Hauptparolen wiederholt wurden: „Gegen die Feinde der Demokratie! Gegen die Apostel der rohen Gewalt! Gegen Kapitalsherrschaft, Lohndruck, Lebensmittelwucher! Für die Re pu blik! Für den Achtstundentag! Für gerechte Verteilung der Lasten! Für ein nach außen und nach innen freies deutsches Volk!“1089 Sozialdemokratische Wahltaktik war, sich durch die pauschale Verurteilung aller anderen Parteien als „Feinde der schaffenden deutschen Bevölkerung“ als deren einzige In te res senvertretung auszugeben1090. Unter der Aktionsparole „Der Feind steht rechts!“ akzentuierte die Flugblattpropaganda der SPD aktuell den Kampf gegen das „nationalistische Lager“, das die Völkischen zusammen mit den „schwarz-weiß-roten“ Rechtsparteien DVP und DNVP verkörperten. Parteipolitischer Hauptgegner war allerdings die KPD, die in 14 von 97 Flugblättern allein und in weiteren vier zusammen mit der DVFP angegriffen wurde. Fast ein Drittel der SPD-Flugblätter hatte aber gemäß der allgemeinen Stoßrichtung den nicht weiter differenzierten „Bürgerblock“ oder die „soziale Reaktion“ in Gestalt der Reichsregierung zum Gegner, während die „Kapitalfürsten“ der Schwerindustrie vor allem als Feindbild ihrer arbeiterspezifischen Werbung dienten1091. Die Ende März 1924 unter Beteiligung namhafter bürgerlicher Politiker stattfindende Tagung der industriellen Spitzenverbände in Berlin war der SPD Indiz dafür, dass sich die „Tendenzen zum Bürgerblock“ im Reich noch verstärkten. Aus den Reihen der Reichsregierung, welche einseitig die In te res sen der „besitzenden Klassen“ vertrete, griff sie aber nur die erklärten „Arbeiterfeinde“ der DVP mit spezifischen Flugblät- 368 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik tern im Wahlkampf an. Als Partei der „Reichen“ und des Großkapitals habe diese die Inflation dazu benutzt, einen allgemeinen Lohn- und Gehaltsabbau einzuleiten, und ziehe auch jetzt wieder wie 1920 gegen Sozialdemokratie und die In te res sen der Arbeiter in den Wahlkampf. Der alte Slogan der DVP: „Von roten Ketten macht Euch frei“ müsse daher richtig lauten: „Von Arbeitslöhnen macht Euch frei“. Ungeachtet der Befürwortung seiner Außenpolitik polemisierte die SPD auch gegen den „nationalliberalen Drehscheibenpolitiker“ Stresemann, dessen Haltung aus Angst vor der deutschnationalen Konkurrenz in der Verfassungsfrage ständig wechsle, erst monarchistisch, dann auf dem Boden der Tatsachen und jetzt wieder kaiserlich unter Schwarzweißrot sei1092. Wenngleich der Verzicht auf grobschlächtige Wahlargumente gegen Demokraten und Zen trum die Orientierung der SPD am Leitbild der Weimarer Koalition zeigte, gab sie ihnen doch fast ebensoviel Schuld an dem herrschenden „Massenelend“ wie den „reaktionären“ Rechtsparteien. Als eigentliche Drahtzieher einer Politik, die soziale Not und Wirtschaftskrise heraufbeschwöre, erschienen die „Herren der Schwerindustrie“ oder die Arbeitgeberverbände, die angeblich den Wahlkampf der gegnerischen Parteien finanzierten: „Nur wer die Erhaltung der bisherigen elenden Verhältnisse, die Sicherung des Besitzes der Großkapitalisten und die dauernde Entrechtung der Millionen von Arbeitern, Angestellten und Beamten will, der kann für die bürgerlichen Parteien stimmen“1093. Eine alles in allem untergeordnete Rolle als Gegner der SPD spielte im Frühjahr 1924 überraschenderweise die DNVP. Ihre extrem nationalistischen Wahlparolen entlarvten sie als „Schleppenträgerin“ der Deutschvölkischen, während die Versprechen auf Restauration der Monarchie und Befreiung von „Judenherrschaft“ zugleich an die „primitivsten politischen Leidenschaften“ der Wähler appellierten1094. Wesentlich stärker als die DNVP wurden die Völkischen von der Flugblattpropaganda der SPD attackiert, die jene offenbar im Frühjahr 1924 für die größere Gefahr hielt als eine Regierung der „schwarz-weiß-roten“ Nationalisten. Während die KPD ihr Hauptaugenmerk auf die Arbeiterschaft richte, kämpften die „Faschisten“ in einer Art Arbeitsteilung vor allem um die Stimmen der Beamten und Angestellten. Als „zuverlässige Haushunde des Kapitals“ stellten sich die scheinbaren Todfeinde gegen die einzige Partei, von der das arbeitende Volk „praktische, sachliche Förderung“ zu erhoffen habe, und bildeten so im Frühjahr 1924 eine „völkisch-kommu- 369 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 nistische Einheitsfront“1095. Dass die DVFP ihren Wahlkampf mit Geldern aus Frankreich finanziere, die das deutsche Volk dann in Form von Reparationen zurückzahlen müsse, war der SPD stärkstes Beweismittel für den „Vaterlandsverrat“ dieser angeblichen „Franzosenfresser“, deren Revanchepropaganda nur den französischen Nationalismus in Gestalt von Poincaré stärke1096. Weil sie als bloßes Instrument der sowjetrussischen Außenpolitik nur die „Zuspitzung der allgemeinen Not bis zur Katastrophe“ in Deutschland anstrebe, seien ihre Parolen von der Einheitsfront und gegen die Koalitionspolitik nur ein Schwindelmanöver der KPD, deren Wahl vielmehr gleichbedeutend sei mit „Blutopfern für die Zwecke der Moskauer Macht, Ohnmacht des Arbeiters, sinnlos wechselnden Parolen oder blödem Toben im Parlament“1097. Übergeordneter Adressat der SPD-Wahlpropaganda war gemäß ihrer allgemeinen Stoßrichtung das arbeitende Volk oder der „Block der Besitzlosen“, der in erster Linie von den Arbeitern, Angestellten und Beamten verkörpert wurde, dann aber auch Erwerbslose, Mieter, Rentner und selbst Kleinbauern sowie die Frauen umfassen konnte. Spezifische Berufsgruppenwerbung entfaltete die SPD in signifikantem Maße nur an die Adresse der Arbeiter und der Beamten, an die zwanzig beziehungsweise sechs von 97 Flugblättern gerichtet waren. Stark umworben wurden auch die Frauen, denen die SPD immerhin zehn Flugblätter widmete. Mittelständische Wählerschichten wurden nur im Rahmen einer Art „Verelendungs“-Propaganda als Opfer der Inflation oder der rigorosen Sparpolitik der Regierung angesprochen. Dass über ein Drittel von 97 Wahlflugblättern zielgruppenunspezifisch oder an den sozial amorphen „Volksgenossen“ adres siert war, unterstreicht deutlich die Absicht der SPD, besonders um das „Treibholz“ der politisch Schwankenden zu kämpfen1098. Vor dem Hintergrund heftiger Proteste der Gewerkschaften und Streiks unter den Arbeitern ragte im Frühjahr 1924 allein die Arbeitszeitfrage aus dem Katalog von innenpolitischen Einzelthemen des SPD- Wahlprogramms heraus. Nach der Verordnung über die Arbeitszeit vom Dezember 1923 war der Achtstundentag durch Ausnahmeregelungen faktisch aufgehoben worden, wobei jetzt in manchen Branchen effektiv zwischen zehn und zwölf Stunden wochentäglich gearbeitet wurde. Werde der neue Reichstag nicht dafür sorgen, solle die Wiedereinführung des Achtstundentages als gesetzlich garantierter Normalarbeitstag durch ein Volksbegehren errungen werden, versprach die SPD deshalb ihrer tradi- 370 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik tionellen Arbeiterklientel vor dem 4. Mai. Deren Einigkeitsbedürfnis wurde Rechnung getragen, indem sie im Sinne der proletarischen Einheitsfront eine starke große Arbeiterpartei, lies SPD, als „beste Waffe gegen die Reaktion“ propagierte1099. Neben dem Ausbau der Mitbestimmungsrechte von Arbeitern und Angestellten akzentuierte sie im Früh jahr 1924 mit der akuten Wohnungsnot ein Thema, das geeignet war, über den Kreis der Arbeiter hinausgehende Wählerschichten in den Städten anzusprechen. Während die Reichsregierung durch eine Hauszinssteuer die in den Kriegs- und Inflationsjahren faktisch eingefrorenen Mieten wieder dem Friedensniveau anpassen wollte, verlangte die SPD die Erhebung einer „Wohnungsluxussteuer“ zugunsten des öffentlichen Wohnungsbaus. Mit Parolen wie „Heranziehung der Reichen zu den nötigen Opfern!“ sowie in Bildern, welche dem Überfluss der Inflationsgewinnler das Elend der Massen gegenüberstellten, empfahl sie sich insbesondere den Rentnern und Inflationsopfern als „Partei der Armen“. Das ganze „besitzlose“ Volk sei aufgefordert, am 4. Mai über den künftigen Kurs der Sozialpolitik in Deutschland zu entscheiden1100. Während an die Gruppe der Angestellten keine spezifischen Flugblätter adres siert waren, protestierte die SPD vehement gegen den „Raub der wohl erworbenen Rechte“ der Beamten. Laut der ursprünglich von ihr befürworteten Personalabbauverordnung vom 27. Oktober 1923 sollte die Zahl der öffentlichen Bediensteten um ein Viertel – davon 15 Prozent bis zum 31. März 1924 −, das waren etwa 400 000 Beamte, Angestellte und Arbeiter, reduziert werden. Unter diesem Deckmantel be absichtige die Reichsregierung aber statt dessen nun, einen „Abbau auf der ganzen Linie“ durchzuführen, noch künstlich angeheizt durch die „Steuerscheu und Kapitalflucht“ der Unternehmer. Den unteren und mittleren Beamten versprach die SPD daher eine Nachprüfung der Abbaumaßnahmen durch unabhängige Schiedsstellen. Wenn der Beamte erst seine wahre Klassenlage an der Seite der übrigen arbeitenden Bevölkerung erkannt habe, falle auch der jetzige „Abbauschwindel“ in sich selbst zusammen, so die Botschaft des sozialdemokratischen Beamtenprogramms vom Frühjahr 1924. Dem „Landvolk“, worunter sie in klassenmäßiger Frontstellung gegen die Großgrundbesitzer alle Landarbeiter, Kleinbauern, Kleinpächter und sonstige kleine Landbebauer zusammenfaßte, stellte die SPD ein „menschenwürdiges Dasein“ in Aussicht. Obwohl von ihren Gegnern als „bauernfeindlich“ beschimpft, habe nur sie nach 1918 dafür gesorgt, dass dem Landbedürfnis der Kleinbauern möglichst weit 371 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 entsprochen worden sei1101. Die „Mütter unseres Volkes“ warnte sie im Frühjahr 1924 vor den bürgerlichen Parteien mit der Erinnerung an Hunger und Elend im Krieg – „Denkt an den Kohlrübenwinter!“ – und stellte ihnen Errungenschaften der Re pu blik wie den Mutterschutz gegen- über. Wenn auch die „Trostlosigkeiten des heutigen Lebens“ zusammen mit dem „Wahlrummel“ der Parteien durchaus gleichgültig für Politik machen könnten, schade jede nicht abgegebene Stimme nur dem Ziel des „sozialistischen Aufbaus“. Auch alle Unentschlossenen müssten so wählen, dass am 4. Mai über „Not, Elend und Unterdrückung siegt die soziale Gerechtigkeit“1102. Vor allem das unter dem Druck der linksradikalen Konkurrenz betonte Ziel, die „bürgerliche“ Re pu blik auf reformerischem Wege zu einem „sozialistischen Volksstaat“ fortbilden zu wollen, setzte die SPD im Frühjahr 1924 in Widerspruch zu den alten Koalitionsparteien. Trotz au- ßenpolitischer Übereinstimmung sah sie sich aber gezwungen, in Reaktion auf die Unzufriedenheit ihrer alten Arbeiterklientel die Opposition zur Sanierungspolitik der Regierung Marx klar zu formulieren, wollte sie nicht Gefahr laufen, nach links weitere Stimmen abzugeben. Ansätze zur Gewinnung neuer mittelständischer Wähler reduzierten sich vor diesem Hintergrund zu Floskeln, als „Partei der Wohlfahrt aller“ für eine Wende in der Sozial- und Wirtschaftspolitik sorgen zu wollen. Wenngleich auch die Führer der preußischen SPD wie Carl Severing eine Gro- ße Koalition im Reich anstrebten, vermied die sozialdemokratische Flugblattpropaganda vor dem 4. Mai, koalitionspolitische Bündnis präferenzen preiszugeben. Da aber eine Neubelebung der Weimarer Koalition als unwahrscheinlich gelten konnte, musste die Schärfe, mit der vor allem die DVP auf sozialpolitischem Gebiet angegriffen wurde, die Chancen einer Regierungsbeteiligung der SPD zusätzlich mindern. Das von ihren Flugblättern wortreich beschriebene Szenario, wonach ein Wahlerfolg der Nationalisten am 4. Mai 1924 eine neue „Hungerszeit“ wie im Krieg heraufbeschwöre, sollte als defensives Wahlziel der Eindämmung des radikalen Wählertrends zu den Völkischen dienen. 372 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren!“ – Deutschnationaler Kampf gegen die „Novemberverbrecher“ Durch die Abspaltung ihres radikalen antisemitischen Flügels, der sich Ende 1922 zur DVFP formierte, sowie durch die Regierungsbeteiligungen der DVP wurden die Deutschnationalen eindeutiger vor die Frage ihrer Mitarbeit in der Weimarer Re pu blik gestellt. Obwohl sie nach au- ßen hin weiter an extrem revisionistischen Zielen festhielt, kamen sie um die Jahreswende 1923/24 der Einbeziehung in eine Mitte-Rechts-Koalition näher, die das Reich ohne und gegen die Sozialdemokratie regieren könne. Der Wahlparteitag der DNVP akzentuierte Anfang April 1924 in Hamburg unter dem Konkurrenzdruck der Rechtsextremen jedoch wieder die Ideale der Monarchie und eines „wahren deutschen Volkstums“. Während die hinter ihr stehenden Wirtschaftskreise den neuen Reparationsplan mehrheitlich befürworteten, weil anders die dringend benötigten Auslandsanleihen nicht zu beschaffen seien, legte sich die DNVP dennoch auf eine extrem nationalistische Wahltaktik fest. Nach einer noch von dem am 23.  April bei einem Eisenbahnunglück in Bellinzona ums Leben gekommenen Karl Helfferich – Wortführer und Symbolfigur gegen eine deutsche Erfüllungspolitik – geprägten Begriffsbildung lehnte sie das Pariser Sachverständigen-Gutachten in schärfster Weise als „zweites Versailles“ ab. Der am 22. März 1924 veröffentlichte Wahlaufruf der DNVP hatte in Unkenntnis des noch nicht publizierten Dawes-Berichts ausdrücklich die Losung zum Motto, die am Anfang und Ende aller deutschnationaler Politik stehe: „Wir wollen frei sein, wie die Väter waren!“ Welche Freiheit gemeint war oder besser, wovon man frei sein wollte, erläuterte der Aufruf, indem er zugleich die wichtigsten Frontstellungen und Feindbilder für den Wahlkampf bekannt gab: „Frei von äußerer Fremdherrschaft; frei vom Marxismus, der uns Frieden, Freiheit und Brot versprach, aber Unfrieden, Knechtschaft und Not gebracht hat, frei von dem mit dem Marxismus allzeit verbündeten Judentum!“ Gegen die Erfüllungspolitik der Re pu blik rief die DNVP dem Wähler in auftrumpfendem Tone die Eckpunkte einer äußeren Politik des „entschlossenen nationalen Willens“ zu: „Zerreißung des Lügengewebes von deutscher Kriegsschuld! Los von dem Diktat von Versailles!“ Mit Blick auf die anstehende Reparationsregelung wurde den Alliierten gar in kaum verhüllter Weise gedroht, nicht noch neue den „alten Ketten“ hinzuzufügen. Als Gegenmodell zur Wei- 373 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 marer Re pu blik propagierte die DNVP den „christlichen, sozialen und monarchischen Staat“, der die neudeutsche „Alleinherrschaft des Parlaments“ beenden und zur Verfassung Bismarcks zurückkehren werde. Ziel des deutschen Selbstbestimmungsrechts könne nur sein: „Von den Alpen bis zum Belt, ein Volk, ein Reich, ein Kaiser!“ Unter der Parole „Deutschnational sein heißt deutschvölkisch sein“ schien der Aufruf im innenpolitischen Teil die rechtsradikale Konkurrenz überbieten zu wollen, wiederholte dann aber nur die bekannten Punkte des eher gemäßigten Görlitzer Parteiprogramms von 1922. Schließlich wurden alle Mitkämpfer für eine „große deutsche Rechte“ aufgefordert, unter Führung der DNVP das Reich wieder zur alten Größe aufzurichten: „Deutschland den Deutschen! Für Christentum, sozialen Geist und ehrliche Wirtschaft! Wählt Schwarz-Weiß-Rot! Das ist deutschnational!“1103 Die DNVP führte ihren Wahlkampf im Frühjahr 1924 unter außenpolitischen Vorzeichen gegen die Front der „Novemberverbrecher“ zur Befreiung vom „Marxismus“ in Gestalt der Sozialdemokratie. Ohne dass der „Dolchstoß“, der durch eigene „Tatsachen aus den Akten des deutschen Zusammenbruches“ untermauert werden sollte, ein zen tra les Argument ihrer Propaganda darstellte, versuchte sich die DNVP doch als einzige bürgerliche Partei zu profilieren, die jegliche Koalition mit der Revolution im Reich und in Preußen seit 1918/19 strikt abgelehnt habe1104. Neben dem „lügenhaften Schuldbekenntnis“ von Versailles, mit dem der „Sklavenvertrag“ stehe und falle, gewann im Frühjahr 1924 die Reparationsfrage innerhalb der außenpolitischen Argumentation der DNVP an Bedeutung. An dem als neuen „Zwangsvertrag“ bezeichneten Sachverständigengutachten lehnte sie vor allem die angebliche Überantwortung der deutschen Finanzhoheit an die „internationalen jüdischen Großbanken“ ab. Angesichts des „Sachverständigenschwindels“ appellierte die DNVP unter Beschwörung des Zukunftsbildes von Deutschland als „Sklavenkolonie“ der Alliierten an den Wähler, Schluss zu machen mit dem „weichlichen Verständigungsrummel“ und statt dessen für eine „starke“ Außenpolitik zu votieren1105. Die „Stresemannpolitik“ schwäche nur die nationale Abwehrfront, so dass wer „die Freiheit wirklich liebt, den Deutschnationalen seine Stimme gibt“. Oberstes Wahlziel der DNVP im Innern war die Wiederherstellung der Monarchie auf den Grundlagen der Bismarckschen Reichsverfassung, mit anderen Worten ein neues deutsches Kaisertum unter der alten Fahne „Schwarz-Weiß-Rot“. Entsprechend der Absicht, die Verfassungsfra- 374 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ge zu aktualisieren, verengte sie die Entscheidung vom 4. Mai 1924 explizit auf ein „Entweder: marxistisch-demokratisch“ und ein „Oder: die vaterländische Rechte, die große deutsche Volksgemeinschaft des nationalen Wiederaufbaus, also Schwarz-Weiß-Rot“. Nach fünf Jahren der Misswirtschaft der Revolution und ihrer Nutznießer stehe Deutschland jetzt am Scheideweg zwischen „Elend und Knechtschaft“ oder Widerstand gegen seine Feinde und Aufstieg. Am 4. Mai werde daher die „Schlacht um den Staat“ geschlagen, in der sich die DNVP im Sinne „Bismarckscher Staatspolitik“ fest entschlossen zeigte, „die Macht zu ergreifen in zwölfter Stunde, um die Karre herauszureißen aus dem marxistischen Schlamm“1106. Während sie als Oppositionspartei auf positive Leistungen der Vergangenheit naturgemäß wenig zurückgreifen konnte, betonte die DNVP um so mehr das Versprechen, ihr Programm der „wahren Volksgemeinschaft“ verwirklichen zu wollen. Als Antwort auf die Versuche vor allem der DVP, die Währungsreform als ihr alleiniges Verdienst zu beanspruchen, wurden im Gegenzug die „Helfferich-Mark“ und die DNVP selbst als Bollwerk gegen eine Wiederkehr der Inflation sowie gegen die „rote Finanzwirtschaft“ dargestellt. Wirtschaftspolitisch verlangte sie „strengste Sparsamkeit“ auf allen Gebieten sowie eine „sozial gerechte“ Umgestaltung des Steuersystems. Die Aufwertungsfrage und die Werbung um die Stimmen mitteständischer Inflationsopfer spielte dagegen nicht die oft behauptete Hauptrolle im Wahlkampf der DNVP. Ihre Flugblattpropaganda weckte im Frühjahr 1924 zwar Hoffnungen der verarmten Spargläubiger; konkrete Versprechen aber auf großzügige, gar hundertprozentige Aufwertung wurden nicht abgegeben. Typisch waren unklare Versprechen, der Staat werde statt des schematischen Aufwertungssatzes der dritten Steuernotverordnung seine Schuld als „erste und vornehmste Pflicht“, aber ausdrücklich nur „nach Maßgabe seiner Fähigkeiten“ einlösen1107. Höhepunkt ihrer pragmatischen Wahltaktik war die vor allem an mögliche Koalitionspartner in der bürgerlichen Mitte gerichtete Versicherung der DNVP, „auf verfassungsmäßigem Wege einen guten und ehrlichen Kampf um die Wiederaufrichtung des niedergebeugten Vaterlandes“ führen zu wollen. Statt der Wiederholung des „Kuhhandels“ um eine Große Koalition müsse der neue Reichstag endlich die „starke nationale und völkische Rechtsregierung“ bringen. Schwarzweißrot umrahmte Bildflugblätter der DNVP sahen ihre Anhänger bereits als langen Strom zu einer Volksbewegung anschwellen, die einige blasse, als 375 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 Demokraten und „Sozis“ bezeichnete Figuren mit der Parole aus dem Weg drängten: „Bürger heraus! Folgt dem Zuge nach rechts! Für Deutschtum, Christentum, Sozialreform“1108. Den parteipolitischen Hauptgegner der DNVP stellten im Frühjahr 1924 die „Marxisten“ in Gestalt der mit der Novemberrepublik identifizierten SPD dar, gegen die spezifisch mehr als ein Viertel (genau 29) von 103 Wahlflugblättern gerichtet war. Die bürgerliche Regierung unter Marx sah sich wegen ihrer Erfüllungspolitik von 13 Flugblättern attackiert. In starkem Maße beschäftigte sich die DNVP-Flugblattpropaganda notgedrungen mit der völkischen Konkurrenz im „nationalen Lager“, zu der kein direktes Feindverhältnis aufgebaut, sondern unter Einigungsappellen um die gleichen Wählerpotentiale gekämpft wurde. Gegenüber der DVP, gegen die sich fünf Flugblätter richteten, musste trotz oder gerade wegen gemeinsamer „schwarzweißroter“ Ziele ebenfalls ein klarer Trennungsstrich gezogen werden. Die Aus ei nan der set zung mit den repu bli ka nischen Gegnern war überlagert von dem grundsätzlichen Feindbild der „schwarz-rot-gelben“ Weimarer Demokratie und ihrer „Linkspolitik“, die als „öder Kuhhandel roter und demokratischer Parteibonzen“ unter gemeinsamer Leitung des „internationalen volksaussaugenden Galiziertums“ erschien1109. Statt eine „deutsche Arbeiterpartei“ darzustellen, sei die SPD bereits Teil der „kapitalistisch verseuchten und versippten internationalen sozialistischen Bourgeoisie“ geworden, weshalb sie von der DNVP zur Partei „des Klassenkampfes, des Landesverrats, des Umsturzes, der Futterkrippe und – Hauptsache! – des Judenschutzes!“ erklärt wurde. Die „Roten“ zu schlagen, das „erbärmliche sozialistische Korruptionssystem“ zu beseitigen und den „Franzmann zum Teufel“ zu jagen, verschmolz in der Wahlagitation der DNVP zu ein und derselben Zielvorstellung1110. Im Verhältnis zu den „Parteivölkischen“, der DVFP und den Nationalsozialisten, entwickelte sie im Frühjahr 1924 eine ambivalente Argumentation. Einerseits wurde unter der Sammelparole „Keine Zersplitterung im nationalen Lager!“ die Einigung der Völkischgesinnten aller Richtungen zum Gebot der Stunde erklärt. Taktische Marschroute gegenüber der rechtsradikalen Konkurrenz war andererseits, ihre Ziele und Anhänger durch den Hinweis auf ideologische Übereinstimmung und die eigene „positive deutschvölkische Aufbauarbeit“ für sich zu vereinnahmen. Mit ihren „unklaren“, ja zum Teil sozialistischen Wirtschafts- und Verstaatlichungszielen sowie durch die Herabwürdigung der Monarchie sei die 376 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik DVFP gar keine Rechtspartei, sondern gehöre in Wahrheit zur Linken und sabotiere die „große vaterländische Rechte“1111. Das Feindbild des Juden, das in der stereotyp wiederholten Forderung nach „Beseitigung des zersetzenden jüdischen Einflusses im ganzen Staatsleben“ zum Kernbestand des Wahlprogramms der DNVP im Frühjahr 1924 gehörte, tauchte sowohl in der Drahtzieher-Rolle des „internationalen Börsenkapitals“ als auch in direkter Form auf, da auf Bildzetteln die typisierte Figur eines Juden unter dem Schutz der „Schwarzrot-gelben“ den deutschen Michel folterte. Als politische Schrittmacherin der SPD wurde die DDP von dieser Argumentation zur Inkarnation der „Judenkapitalisten“ stilisiert. Durch ihre Politik der „Halbheiten“ und der Koalition mit der Sozialdemokratie hätten aber alle Mittelparteien die „bürgerliche Sache“ verraten und dem Marxismus erst zu seiner Machtstellung verholfen. Der DVP hielten die deutschnationalen Flugblätter stereotyp ihren Wahlslogan von 1920 vor – „Von roten Ketten macht Euch frei“ −, mit dem sie die Wähler getäuscht habe und den sie durch ihr ständiges Hinneigen nach Links unter dem Einfluss Stresemanns Lügen strafe. Auch jetzt vor dem 4. Mai übten die angeblichen „roten Kettensprenger“ unter Missbrauch der alten Reichsfarben wieder Wählerschwindel. Das Zen trum spielte nur im Rahmen der katholischen Zielgruppenwerbung eine wichtige Nebenrolle im Wahlkampf der DNVP. Von den insgesamt kaum wahrgenommenen kleineren In te res senparteien stellte einzig die Wirtschaftspartei ein lohnenswertes Angriffsobjekt dar1112. Unter der Parole der Volksgemeinschaft wurde die DNVP- Wahl pro pagan da von dem Appell an alle diejenigen dominiert, die weder „eigensüchtige In te res senwirtschaft“ noch „materiellen Klassenkampf “ wünschten. Zwei Drittel von 103 Flugblättern waren an soziologisch indifferente Empfänger wie die „Volksgenossen“, die „Bürger“ oder sonstige Grup pen adres siert1113. Nur in einem knappen Drittel ihrer Flugblätter umwarb die DNVP zielgruppenbezogen die „schaffenden Stände“ mit stereotypen Schutzversprechen, angefangen vom Schutz des „versinkenden“ Mittelstandes vor „Schiebern, Wucherern, schlemmendem Kapital in jeder Form“, dem Schutz der Beamten vor „unfähigem Partei-Beamtentum“ bis zum Schutz der Arbeitnehmer vor dem Klassenkampf der Sozialisten. Die am stärksten umworbenen Berufsgruppen waren die Arbeiter und die Gruppen des Mittelstandes in Stadt und Land, in erster Linie die Selbständigen und die Beamten, während als weitere wichtige 377 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 Adres sa ten noch die Frauen, die Jugend und die Inflationsopfer angesprochen wurden. Obwohl sich selbst aus den eigenen Reihen Kritik an der Volksgemeinschafts-Propaganda regte, die dazu missbraucht werde, übertriebenen Lohn- und Sozialabbau zu begründen, blieb der gemeinsame Appell an „Arbeitgeber und Arbeitnehmer“ typisch für die Ziel gruppenpolitik der DNVP im Frühjahr 1924. Beide Wirtschaftsgruppen sollten auf dem Boden einer „gemeinsamen Weltanschauung“ gemäß ihrer Verantwortung für das „Volksganze“ handeln, denn schließlich: „Das Kapital bedarf der Arbeitskraft und die Arbeitskraft des Kapitals“1114. Freilich schien sich die DNVP bewusst zu sein, dass die radikalisierten Arbeiter mit rein sozialpartnerschaftlicher Propaganda allein nicht zu gewinnen waren. In Abgrenzung zu einem „sozialpolitisch reaktionären Arbeitgebertum“ wurde das vage Bekenntnis zu einer „gesunden“ Sozialpolitik durch die weitergehenden Forderungen des DNAB etwa nach Mitbestimmung der Arbeitnehmer oder Ausbau des Arbeitsrechts ergänzt. Dass der Arbeiter aus dem „revolutionären Hexenkessel des marxistischen Klassenkampfes, Terrors und Inflationsbetruges“ sowie von den „roten Oberbonzen“ der SPD befreit werden sollte, hinderte die DNVP nicht, deren Parolen zu übernehmen und die Arbeiter aufzufordern: „Wollt Ihr Frieden, Freiheit, Brot, so wählt die wahre Volkspartei, die stärkste Arbeiterpartei Deutschlands“1115. Im Unterschied zu ihrer Arbeiterpropaganda warb die DNVP gegenüber den Beamten mit einer stärker ausdifferenzierten Argumentation, welche ausdrücklich die „besonders benachteiligten Beamtenklassen“ einbezog. Weil sie für die Erhaltung ihrer „wohl erworbenen Rechte“ kämpfe, lehnte die DNVP außer dem Re pu blikschutzgesetz auch das Ermächtigungsgesetz der Regierung sowie vor allem die rigorosen Bestimmungen der Personalabbauverordnung ab. Mit Nachdruck wurde die „Reinigung“ des Berufsbeamtentums von den seit der Revolution eingedrungenen „berufsfremden Elementen“ gefordert. Den vom Abbau bedrohten Beamtengruppen offerierte man das Ideal eines deutschnationalen „Ordnungsstaates“, der allein ihnen die ersehnte berufliche Sicherheit garantieren würde1116. Alle „schwer leidenden Volksgenossen“ warnte die DNVP vor der „Mittelstandsfeindlichkeit der politischen Linken“, deren Misswirtschaft das Klein- und Mittelunternehmertum nach 1918 an den Bettelstab gebracht habe. Neben der Ablehnung einer die Geschäftswelt „erdrosselnden Steuerpolitik“ sowie der Forderung nach 378 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik öffentlicher Sparsamkeit stand die Parole für eine „gerechte Wuchergesetzgebung“ an der Spitze der Mittelstandsforderungen der DNVP vom Frühjahr 1924. Als „stärkste Handwerkerpartei“ versprach sie, gegen die Kräfte des „internationalen Großkapitals und jüdischen Sozialismus“ zu kämpfen sowie die Reste staatlicher Zwangswirtschaft im Wohnungsbauwesen zu beseitigen. Ihre Werbebemühungen gegenüber den Bauern beschränkten sich im Frühjahr 1924 auf Polemiken gegen den Dawesplan sowie pauschale Lobpreisungen der Landwirtschaft als der Le bens grundlage von Volk und Staat1117. Während die SPD die „Arbeiter vom Geiste“ bewusst verelenden lassen wolle, versuchte sich die DNVP gegenüber dem akademischen Nachwuchs durch völkisch-nationale Parolen wie „Deutscher Geist auf deutschen Hochschulen!“ zu profilieren. Ähnlich antire pu bli ka nisch pointiert fragte sie die von der Aufwertungspolitik der Regierung enttäuschten Inflationsopfer, ob ihnen nicht auch seit der Revolution der letzte Pfennig geraubt worden sei und die Demokratie statt Friede, Freiheit, Brot nur „Verzweiflung, Entrechtung und Hunger“ gebracht habe. Die „Frauenparole: Ganz nach rechts!“ war wie der ganze Wahlkampf der DNVP vom Frühjahr 1924 eine einzige militante Kampfansage gegen die fünf Jahre Re pu blik mit den „Gottesverleugnern und Vaterlandsverrätern“ der SPD an der Spitze1118. Eingedenk ihrer offen restaurativen Zielsetzungen gab die Parole „Los von der unseligen Linkspolitik! Los von der großen Koalition!“ bereits im Wahlkampf klar die Option der DNVP für eine zukünftige „starke Rechtsregierung“ unter ihrer Führung im Reich zu erkennen. Hinsichtlich der akuten wirtschaftlichen und sozialen Pro bleme schien sie mit den anderen bürgerlichen Parteien kaum Meinungsdifferenzen zu haben. Selbst in der von der Regierung dilatorisch behandelten Aufwertungsfrage lehnten sich die Deutschnationalen nicht stärker aus dem Fenster als etwa die DVP. Die Selbststilisierung der DNVP als „schwarz-weiß-rote“ und völkische Rechtspartei sowie die Agitation gegen die Erfüllungspolitik und den neuen „Sklavenvertrag“ dürften in der bürgerlichen Mitte – ohne die kaum eine Regierungsbildung nach dem 4. Mai denkbar war – die Koalitionsbereitschaft zu ihren Ungunsten wieder geschwächt haben. 379 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 „Gegen die Politik der Verneinung“ – Das Zen trum Als führende Partei der bürgerlichen Minderheitsregierung unter Wilhelm Marx stand das Zen trum im Frühjahr 1924 vor der schweren Aufgabe, die harten und unpopulären Spar- und Abbaumaßnahmen der Notverordnungen rechtfertigen zu müssen. Die Veröffentlichung des Reparationsgutachtens bot der katholischen Partei jedoch die Chance, ihre Wahlkampfpropaganda thematisch unter den „Primat der Außenpolitik“ zu stellen und so von den Folgen der Stabilisierungspolitik im Innern abzulenken. Ungünstig auf den Wahlkampf des Zen trums musste sich allerdings die Eskalation des innerkatholischen „Bruderkriegs“ mit der BVP auswirken, die dazu führte, dass das Reichszentrum erstmals eigene Kandidaten in den bayerischen Wahlkreisen aufstellte und die BVP am 15.  April ihren Reichsjustizminister Erich Emminger aus dem Kabinett Marx zurückzog1119. Vor allen anderen Parteien wandte sich die Zen trumspartei schon am 15. März 1924 mit einem Aufruf ihres Vorstandes an die Wähler, dessen Titel die schicksalsschwere Bedeutung des 4. Mai als einer Entscheidung über „Leben und Sterben der Nation“ dramatisch betonte. Vor dem Hintergrund der wortreich dargelegten „unsagbaren Leiden“ der letzten Jahre wurde die Notwendigkeit praktischer Realpolitik, wie sie die Regierung Marx mit ihren Notverordnungen betreibe, zur Voraussetzung für den Wiederaufstieg Deutschlands erklärt. Das Zen trum verstand seinen „Dienst am Vaterland“ als Ausdruck wahrer nationaler Gesinnung, weshalb es seit den „unglücklichen Tagen des Umsturzes“ die Autorität des Staates gegen alle „zerstörenden Gewalten“ verteidigt habe. Nach dem heldenhaften Abwehrkampf der Volksgenossen in den besetzten Gebieten sei die „Leidenszeit“ Deutschlands aber noch nicht vorbei: „Der Weg zur inneren Ordnung und äußeren Freiheit ist hart und dornenreich“, lautete vielmehr die unpopuläre Botschaft des Zen trums im Frühjahr 1924. Nur durch „opferungsvolle Hingabe“ und weitere „furchtbar harte Lasten auf den Schultern aller Schichten und Stände“ werde endlich auch die „Rettung des gesamten Volkes“ gelingen. Als „zuverlässigste Sachwalter der Schwachen und Hilfsbedürftigen“ versprach die Kanzlerpartei, an den Notverordnungen der Reichsregierung zu ändern, was „untragbar“ sei. Das Zen trum bleibe aber rücksichtsloser Gegner sowohl des „sozialistischen Materialismus“ als auch des „neuheidnischen Mammonismus“ auf der Rechten. Ohne im Übrigen näher auf die Probleme 380 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik der Außenpolitik einzugehen oder konkrete Handlungsperspektiven zu nennen, schloss der Wahlaufruf mit der milieuspezifischen Parole des politischen Katholizismus: „Mit Gott in den Kampf für Wahrheit, Recht und Freiheit!“1120 Während ihre Presse die Sachverständigenberichte als Beginn eines „neuen Zeitalters“ apostrophierte, stand die Flugblattpropaganda der Zentrumspartei im Frühjahr 1924 unter deutlich außenpolitischen Vorzeichen und hielt sie den nationalistischen „Hetzern und Maulhelden“ die gouvernementale Parole „Erfüllungspolitik ist Befreiungspolitik“ entgegen. Typisch für diese Propaganda war vor allem die Mahnung: „Denkt an den deutschen Rhein!“, mit welcher der Reichstagswähler an die negativen Folgen eines Sieges der Rechtsparteien für die besetzten Gebiete bei Fortdauer des Besatzungsregimes erinnert wurde. Der 4. Mai stelle alle deutschen Wähler vor die Alternative: entweder Revanchepolitik und „Selbstmord einer waffenlosen Nation“ oder kluge Verständigung mit einem zur Zeit noch überlegenen Ausland. Gegen die Gefahr einer „nationalistischen Diktatur“ in Deutschland, die den „französischen Gewaltpolitikern“ nur Anlass zu neuen Sanktionen liefern würde, verpflichtete sich das Zen trum deshalb zu einer Politik „für die deutsche, christliche Volksgemeinschaft, für die Wahrung der Einheit von Reich und Rhein“1121. Charakteristisch für seine innenpolitische Argumentation im Frühjahr 1924 war, dass vor jedem Sach- oder Einzelproblem der ideologische Kontrast zwischen der eigenen „Politik des Ausgleichs, der Gerechtigkeit, der goldenen Mitte“ und der „wahnsinnigen Katastrophenpolitik“ der durchweg radikalen Gegner thematisiert wurde. Den Mangel an materiell interessanten Wahlzielen versuchte die Kanzler- und Regierungspartei damit zu überspielen, dass sie den schicksalsschweren Charakter der Wahl und das Selbstbild als „anständigste deutsche Partei“ mit dem Mut zur staatspolitischen Verantwortung akzentuierte. Ausdruck dieser bewusst an die Vernunft appellierenden Propaganda waren der Ruf nach einer „starken, handlungsfähigen“ Regierung sowie Parolen, welche die Maßnahmen des Zen trumskanzlers verteidigten: „Gegen die Politik der Verneinung! Für den Kurs der Mitte! Gegen den Radikalismus! Für die Politik der praktischen Mitarbeit!“1122 Stärkstes Argument der Zen trumspartei bildete noch die Festigung der Währung, die selbst von einem Helfferich als Erfolg ihrer „Leistungspolitik“ anerkannt worden sei. Würde das Reich sich aber von seiner 381 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 christlichen Grundlage entfernen und statt dessen „ungesunder, den Völkerfrieden gefährdender Nationalismus, unchristlicher Antisemitismus, zersetzender Materialismus, eigennütziger Individualismus“ gewinnen, würde auch die deutsche Nation „sterben“ und Deutschland erneut von den „Fluten des Unheils“, von neuer Inflation und Revolution verschlungen. Ein Aufrollen des Streites um die Staatsform aber, wie es SPD und DNVP versuchten, bringe nur den Staat selbst in Gefahr und störe bei der Lösung der drängenden Probleme. So skizzierte die Zen trums propa gan da das Bild einer entbehrungsreichen Gegenwart, einer „Zeit der Opfer“, in der sich allein die Partei bewähren könne, die immer „wahre Aufbauarbeit“ geleistet habe. Ähnlich wie die Opposition kaprizierte das Zen trum die Entscheidung am 4. Mai zu einem Entweder-Oder, zu einer Wahl zwischen „Ordnung! Freiheit! Verantwortung! Volkswohl! Rentenmark!“ und neuem bürgerkriegsähnlichen „Chaos“1123. Obwohl der Flugblattpropaganda des Zen trums im Frühjahr 1924 auch eine gegen die Rechtsopposition zielende Tendenz zugrundelag, führte die Partei der „goldenen Mitte“ den Hauptstoß gegen den „verderblichen Radikalismus von links und rechts“, ob nun „im nationalen, völkischen, sozialistischen oder kommunistischen Gewande“. Dass kein einziges von 24 Zen trumsflugblättern spezifisch die anderen Regierungsparteien oder die SPD angriff, dafür aber sechs sich gegen die Rechte richteten, kann als Option für eine Große Koalition nach dem 4. Mai gesehen werden. Eine Besonderheit des Zen trums und seiner insgesamt parteipolitisch wenig differenzierten Gegnerbekämpfung war die starke Polemik gegen die BVP, die immerhin in drei Flugblättern den Hauptgegner darstellte. Grundsätzliche Distanz zum Parteienstaat äußerte sich in der Klage über die politische Zersplitterung, dem „alten deutschen Erzübel“1124. Für die Aufgabe des nationalen Wiederaufstiegs und der damit verknüpften „religiös-sittlichen Erneuerung“ Deutschlands erklärte das Zen trum im Frühjahr 1924 alle anderen Parteien für ungeeignet, „die Deutsch-Völkischen Wotansdiener, Deutschnationale Kulturkämpfer, die Deutsche Volkspartei, die auf dem Boden des Unglaubens stehenden sozialistischen Parteien und die dem Börsenkapitalismus Vorspann leistende, im Aussterben begriffene Deutsche Demokratische Partei“1125. Gegen die DNVP, die wegen ihrer Werbung um die „nationalen“ Katholiken als Hauptgegner betrachtet wurde, versuchte das Zen trum in erster Linie religiöse Ressentiments zu mobilisieren. Als Nachfolgerin der „kon- 382 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik servativen Kulturkämpfer“ des Kaiserreichs und jetzige „Vorfrucht“ der Deutschvölkischen bleibe die DNVP bislang den Beweis schuldig, dass sie zu „positiver Arbeit im In te res se des Staatsvolkes“ bereit sei. Mit „gro- ßem Tamtam“ in den Wahlkampf gegen die Erfüllungspolitik gezogen, gerate sie nun selbst durch die noch radikalere Agitation der DVFP in die Defensive. Die mit den Kommunisten „geistesverwandte Umsturzpartei“ der Deutschvölkischen stehe nicht nur für eine Außenpolitik des „Verrats am besetzten Gebiet“ und eine „Innenpolitik chaotischer Zerrei- ßung der Volksgemeinschaft“, sondern scheue sich auch nicht, mit den längst begraben geglaubten „Kulturkampfschlagworten ‚Ultramontanismus‘, ‚Jesuitismus‘, ‚Reichsfeinde‘“ die deutschen Katholiken anzugreifen. Willkommen waren dieser Argumentation des Zen trums die Ausfälle Ludendorffs, der im Münchener Hochverratsprozess gegen die angeblich deutschfeindliche Haltung des Vatikans und die Inschutznahme von Juden durch die katholische Kirche polemisiert hatte. Ein Wahlsieg der Rechtsparteien am 4. Mai 1924 würde schließlich, so das wichtigste Argument des Zen trums, auf Kosten Deutschlands die „Ein heitsfront der Alliierten“ wiederherstellen, ohne dass die nationalistischen Parolen bislang auch nur schon einen „Senegalneger“, lies französischen Besatzungssoldat, vom Rhein verjagt hätten1126. Sah man rechts vor allem die „Erben der alten Kulturkämpfer“ aus dem Kaiserreich am Werk, wandte das Zen trum im Frühjahr 1924 gegen die „kulturbolschewistischen“ Parteien auf der Linken ebenfalls ihre „antireligiös-materialistischen“ Ziele ein. Während die Aus ei nan der set zung mit der KPD auf das stereotype und bereits alles erklärende Schreckensbild der drohenden „russischen Zustände“ beschränkt war, erschien der potentielle Koalitionspartner SPD wie die DNVP als radikale Agitationspartei unfähig zur nationalen Verantwortung und „positiver Arbeit“. Mit großen Versprechungen hätten die Sozialdemokraten 1918/19 das „Himmelreich auf Erden“ angekündigt, aber dann „auf der ganzen Linie versagt“ und nur für „Misswirtschaft übelster Sorte“ gesorgt. Als „Klassenkampfapostel“ gehe sie in den Parlamenten den „staatsnotwendigen Entscheidungen“ aus dem Wege, thematisierte das Zen trum in erster Linie die Oppositionshaltung zur Notverordnungspolitik der Regierung Marx, um das Verdikt über die SPD zu begründen: „Nichts gelernt, nichts geleistet“1127. In dem insgesamt als Feindbild nicht relevanten Liberalismus in Gestalt von DDP und DVP sah das Zen trum eine bereits „überwundene Weltanschauung“, während andererseits gegen die WP gerade 383 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 ihre weltanschauliche Unzuverlässigkeit und ein unpolitisches Wesen eingewandt wurden. Den innerkatholischen Konflikt mit der BVP reflektierte die Zen trumspropaganda, insofern sie – natürlich zuerst mit Blick auf die besetzten Gebiete – das Argument der Reichseinheit akzentuierte und jeden „engstirnigen, eigenbrödlerischen Partikularismus“ scharf verurteilte. Bayern aber sei unter der Regierung der BVP zur „Unordnungszelle“ im Reich geworden. An die Adresse ihrer Anhängerschaft gerichtet, wurde deshalb zur Sammlung um die „alte Fahne“ des Zentrums aufgerufen: „Los von Sondergruppen und Splitterparteien, welche die Einheit des christlichen Volksteiles Deutschlands zerschlagen!“1128 Ausgehend von dem Ideal der nationalen Volksgemeinschaft, stellte sich das Zen trum im Frühjahr 1924 wieder als eine sich aus allen Schichten und Berufen zusammensetzende „christliche Volkspartei“ dar. Passend dazu war die Flugblattpropaganda durch eine wenig beruflich oder sozial differenzierte Zielgruppenwerbung gekennzeichnet: Nur eines von 24 Wahlflugblättern besaß einen berufsgruppenspezifischen Adressa ten – die Bauern. Während sich der Wahlaufruf des Zen trumsvorstandes an alle Deutschen ohne erkennbare konfessionelle Distinktionen wandte, an die „deutschen Männer aller Stände, die ihrem Vaterlande dienen wollen, an die deutschen Frauen, die Hüterinnen christlicher Zucht und Ordnung, an unsere Jugend, in der ein neuer christlicher und nationaler Lebenswille aufbricht“, wurden die katholischen und evangelischen Wählergruppen in vier beziehungsweise zwei Flugblättern spezifisch umworben1129. Weil die inneren Krisen das außenpolitische Unheil herbeizögen, müssten am 4. Mai gerade die alten Wähler des Zen trums, der „Partei der christlichen Weltanschauung und damit des Ausgleiches bei allen Zerrüttungen und Zersplitterungen unseres Volkes“, vollzählig zur Stelle sein, so der Appell an die traditionelle Wählerklientel. Dass die Kanzlerpartei die Parole „christlich und deutsch“ ausgab, kann als Ausdruck einer Wahlpolitik gelten, die vor dem Hintergrund der sozialen Spannungen nicht noch zusätzliche konfessionelle Barrieren oder Konflikte in der Bevölkerung aufbauen wollte. Die Katholiken sähen vielmehr zugunsten des allgemeinen Volkswohls „sehr gern große Massen protestantischer Christen“ im Zen trum. Besorgt um seine ureigenen Besitzstände, reagierte man andererseits scharf auf deutschnationale Ver einnahmungsversuche gegenüber „rechtsgerichteten Katholiken“, wobei Wortmeldungen von hohen Geistlichen ein wichtiger Teil dieser Argu- 384 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik mentation darstellten. Für den katholischen Wähler sei klar, dass sein Weg nur zur „christlichen Mitte“, zum Zen trum führe, weder nach links, zu „Bolschewismus, Hunger, Klassenkampf “, noch nach rechts, zu „Rassenhass, Kulturkampf, Revanchekrieg“1130. Das Fehlen berufsspezifischer Zielgruppenwerbung, die mit materiellen Versprechungen argumentiert hätte, entsprach der Absicht des Zen trums als Regierungspartei, nicht durch Wahlkampfversprechen die künftige politische Bewegungsfreiheit einzuschränken. Das Reformwerk des bisherigen Kanzlers dürfe nicht durch demagogisch angeheizte Stimmungen gefährdet werden, daher der Appell: „Der wählt nicht deutsch, der sich am 4. Mai durch die Aufwertungsfrage, den Beamtenabbau oder den Steuerdruck bestimmen lässt. Nur der wählt deutsch, der bei seiner Stimmabgabe sich bewusst ist, dass es um die Rettung des Vaterlandes, um den Wiederaufstieg unseres Volkes geht“1131. Selbst wenn sich die Zen trumspartei im Frühjahr 1924 an einzelne Berufsgruppen wie etwa die Bauern wandte, enthielt sie sich bewusst konkreter interessenpolitischer oder materieller Zukunftsversprechen. Schließlich entscheide aus ihrer Sicht in der deutschen Politik nicht die „Reklame“, sondern allein die „praktische Arbeit“ einer Partei. Mit dem Slogan „Zen trumswahl ist Rettungswahl“ wurde versucht, die Gruppe der Wahlmüden zu mobilisieren. Wer von ihnen seine „nationale Pflicht“ des Wählens nicht erfülle, handle „wie der Deserteur, der vor der Schlacht feige zurückweicht“1132. Die Zen trumspartei führte den Wahlkampf vom Frühjahr 1924 entsprechend ihrem politischen Verantwortungsethos ohne taktische Versprechen in erster Linie aus der Defensive gegen die zwei großen Oppositionsparteien. Sowohl eine „Rechtsalleineregierung“ der DNVP und ihr „unmotiviertes Kraftmeiertum“ in außenpolitischen Fragen als auch ein SPD-geführtes Linkskabinett wurden zum nationalen Unglück stilisiert. Ihr zen tra ler Wahlslogan „Christlich und deutsch!“ thematisierte den interkonfessionellen Sammlungswillen der katholischen Partei und besaß seine Spitze gegen den „Kulturkampfgeist“ der Völkischen. Hinsichtlich der von ihr nicht geleugneten sozialen Probleme appellierte das Zen trum letztlich an die vernünftige Einsicht der Wähler zur „opferfreudigen Hingabe an die deutsche Volksgemeinschaft“. 385 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 „Durch Opfer und Arbeit zur Freiheit“ – Die Deutsche Volkspartei Als rechte Flügelpartei des Kabinetts Marx, dessen Notverordnungen gerade unter ihren durch die Inflation ohnehin stark in Mitleidenschaft gezogenen Wählerschichten die Missstimmung verstärkte, musste der DVP ein Wahlkampf im Frühjahr 1924 ungelegen kommen. Stresemanns Kanzlerschaft vom Herbst 1923 und die von ihm eingeleitete Verständigungspolitik waren zudem in ihren Reihen keineswegs nur auf Zustimmung gestoßen, auch wenn sich die hinter dem rechten Parteiflügel stehenden industriellen In te res senverbände von dem neuen Reparationsabkommen ausländisches Kapitel erhofften. Die schwelende Parteikrise zwischen dem zur „nationalen Realpolitik“ in der Re pu blik bereiten Stresemann und seinen Kritikern kam wenige Wochen vor der Wahl zum offenen Ausbruch, als sich Mitte März 1924 eine Nationalliberale Vereinigung mit dem Ziel formierte, den engeren Anschluss an die DNVP herbeizuführen. Nachdem der fünfte Parteitag der DVP, der Ende März in Hannover ganz im Zeichen des Stresemannschen Mottos „Durch Opfer und Arbeit zur Freiheit“ stand, der Nationalliberalen Vereinigung eine klare Absage erteilt hatte, stellte diese einen eigenen Reichswahlvorschlag auf, dessen Reststimmen der DNVP zufallen sollten1133. In dem vom Parteitag der DVP am 30. März 1924 angenommenen Wahlaufruf wurde die schicksalsschwere Bedeutung der Wahl in die Alternative gefasst, am 4. Mai zwischen „Wiederaufbau oder Zerstörung, Ordnung oder Zerrüttung und Bürgerkrieg“ und damit über „Leben und Sterben“ des deutschen Volkes entscheiden zu müssen. In fast wörtlicher Übereinstimmung zum Zen trum stellte die DVP den Kampf in den besetzten Gebieten als Vorbild für die Erringung einer nationalen Volksgemeinschaft dar. Die Einheit des Reiches müsse als das letzte, was von „Bismarcks Erbe“ noch geblieben sei, unbedingt verteidigt, und schon deshalb dürften „Rhein, Ruhr, Pfalz und Saar“ niemals preisgegeben werden. Im Unterschied zum Zen trum erhob die Volkspartei außenpolitisch aber auch Anspruch auf eine „koloniale Betätigung“ Deutschlands und bezeichnete sich ausdrücklich als Gegner einer Erfüllungspolitik, die den Forderungen der Alliierten keine feste Grenze ziehe – eine kaum verhüllte Kritik an der früheren deutschen Außenpolitik unter Wirth und Rathenau. Zen tra le und im Wahlkampf stereotyp wiederholte Ziele der DVP, die das „deutsche Bürgertum“ zur Staatsleitung rief, waren die „Wahrung nationaler Würde, Stärkung der Staatsautorität, Pflege deut- 386 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schen Wesens und deutscher Kultur, Schutz jeder ehrlichen Arbeit, Kampf gegen Wucher und Ausbeutung“. Über ihre Bereitschaft zur „verantwortungsvollen Mitarbeit“ in der Regierung hinaus versprach die DVP, das Reich von den „letzten, unsere Entwicklung hemmenden Fesseln des Marxismus“ befreien zu wollen. In der Hoffnung auf ein neues deutsches „Volkskaisertum“ kämpfe sie auch jetzt unter den „alten Farben schwarzweiß-rot“ und den bewährten Parolen: „Erst das Vaterland, dann die Partei! Durch Opfer und Arbeit zur Freiheit!“1134 In Übereinstimmung mit den anderen Regierungsparteien thematisierte die DVP vor dem 4. Mai 1924 gegen die „verantwortungslosen Demagogen“ der Opposition vor allem die Erfolge ihrer „praktischen Arbeit“ im Kabinett Marx. Unter dem Motto „Ordnung erfordert Opfer“ habe es mit den Notverordnungen den Mut zur Durchführung zwar unpopulärer, aber notwendiger Maßnahmen bewiesen. Stärkstes Argument war auch der DVP die Überwindung der „betrügerischen Inflationswirtschaft“ sowie der „Abbau der sozialistischen Wirtschaftsideen“ durch ihre maßgebliche Regierungsarbeit. Als „Partei der nationalen Volksgemeinschaft“ habe sie immer nur nach dem Grundsatz: „Keine fruchtlose Oppositionspolitik, sondern Verantwortungsfreudigkeit!“ gehandelt, gerade auch in der Großen Koalition mit der SPD. In Gegenüberstellung zu den „Illusionen“ der Gegner listete die DVP betont nüchtern die Leistungen und Erfolge ihrer „nationalen Realpolitik“ auf, wie „Ruhe, Sicherheit, Einheit des Reiches, Ordnung von Währung und Finanzen“1135. Weder Helfferichs Roggenwährung noch Hilferdings „goldumränderte Währung“, sondern die Arbeit des Kabinetts Stresemann und ihre tatkräftige Unterstützung durch „die Partei der Wirtschaft, die Partei der Rentenmark“ hätten im Herbst 1923 den Weg zur Rettung Deutschlands freigelegt. Weitere „Taten“ aber würden folgen, so das zen tra le Wahlversprechen der DVP, die nicht nur die völlige „Befreiung von Rhein und Ruhr“ und damit Wiederherstellung der nationalen „Ehre“, sondern auch das „Aufblühen unseres gesamten Wirtschaftslebens“ sowie insbesondere eine „gerechte“ Aufwertung in Aussicht stellte1136. Außenpolitisch erklärte die DVP im Frühjahr 1924 eine Verständigung mit dem Ausland zum notwendigen Übel für eine „waffenlose Nation“ wie Deutschland. Gerade in der Haltung zum neuen Reparationsplan, auf dessen wirtschaftliche Vorzüge sie hinwies, offenbarte sich die Ambivalenz ihrer Propaganda, die stark von der nationalistischen Agitation der extremen Rechte beeinflusst wurde. Sichtlich bemüht, Strese- 387 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 manns Politik von der früherer deutscher Außenminister abzugrenzen, prägte unter dem Ruf „Seid frei! Seid deutsch!“ ein nationalistischer Grundton die Wahlpropaganda der DVP vor dem 4. Mai. Obwohl der im Sommer 1920 gewählte „Reichstag der ‚Erfüllungspolitik‘“ bereits unzählige Milliarden bezahlt habe, stehe das Ausland dem Reich immer noch unverändert in „Todfeindschaft“ gegenüber, schürte die DVP die weitverbreiteten nationalen Hassgefühle gegen das Besatzungsregime der Alliierten1137. Unter dem Druck der Rechtsopposition stimmte sie sogar in die völkischen Rufe nach „Deutschland den Deutschen!“ ein, um das Protestwähler-Potential rechtsaußen abzuschöpfen. Die spezifische Parole ihres „positiven völkischen Programms“ gegenüber dem von der DNVP favorisierten Rechtsblock und den antiparlamentarischen Völkischen lautete: „Heraus aus dem Sumpf führt uns nur stille, zähe, opferwillige Arbeit“. Die Idee einer Bürgerblock-Koalition propagierte die DVP als „Sammlung aller national Gestrafften, von liberalem und sozialem Geist Durchdrungenen“, um die sich eine Regierung der „Volksgemeinschaft“ bilden müsse – ob mit oder ohne Sozialdemokratie, blieb unklar. Während der Begriff der Mitte sorgsam vermieden wurde, sollte diese Regierung jedenfalls mit „starken Bedingungen nach rechts und links“ ausgestattet werden. Die rückwärts gewandte Stoßrichtung ihres Programms verriet die Wahlpropaganda der DVP vor allem, indem sie außer mit der Autorität des „nationalen Realpolitikers“ Bismarck massiv mit den alten Symbolen des Kaiserreichs warb. Gerade wegen ihrer Mitarbeit im Staat nach der „Schande“ des Novembers 1918 glaubte sie, sich mit den Farben „Schwarz-weiß-rot“ identifizieren und schmücken zu dürfen1138. Als sowohl nationale wie liberale Partei sah sich die DVP in Frontstellung zu der „internationalen Einstellung der Sozialdemokratie, den schwärmerischen pazifistischen Ideen der Demokraten, dem unverantwortlichen Treiben überspannter Gefühlspolitiker“ bei den Deutschnationalen und schließlich zu der „Gängelung der geistigen Kräfte“ durch die Zen trumspartei1139. Der Hauptstoß des DVP-Wahlkampfes richtete sich aber gegen den „Radikalismus von links und rechts“ in Gestalt der Opposition von KPD und SPD sowie von DNVP und Völkischen. Gegen letztere waren spezifisch mit neun die meisten von 49 Wahlflugblättern der DVP gerichtet, die – von gelegentlichen Spitzen gegen die „schwarz-rot-goldene“ Re pu blik abgesehen – ihre Koalitionspartner im Kabinett Marx weitgehend schonte, dafür als Besonderheit der anders- 388 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik wo nicht wahrgenommenen NLV starke Beachtung schenkte. Zwischen den Parteien der bürgerlichen Regierungskoalition sollten im Frühjahr 1924 gegenseitige Angriffe unterbleiben, wenn auch die DDP nicht auf eine eventuelle „Abwehrpolemik“ gegen den rechten Flügel der DVP verzichten wollte. Das Kabinett gründete ungeachtet dessen einen gemeinsamen Wahlfonds der Regierungsparteien unter dem Titel „Versachlichung des Wahlkampfes“. Anfang April erschien das von Reichs fi nanzminister Hans Luther verfasste Wahlbrevier „Feste Mark – Solide Wirtschaft“, das – obwohl es eine „ausgeprägte Propagandaschrift“ sei – ohne jede „maulaufreißende Schlagwortmanie“ auskomme1140. Unter der Parole „nationale Realpolitik oder Illusionen“ warf die DVP den Deutschnationalen ihre angeblich mangelnde Bereitschaft zur Mitarbeit bei der Lösung der Staatsprobleme vor. Weil sie nicht im „Schützengraben der Verantwortung“ stehen wolle, sondern vielmehr durch die Agitation gegen die Regierung Marx und ihre Außenpolitik eine bürgerliche Mehrheit im Reichstag sabotiere, mangele es der DNVP bis jetzt an „Bismarckscher Realpolitik“. Obwohl man mit ihr im „schwarz-weißroten“ Verfassungsziel übereinstimme, müsse sie deshalb noch zu den radikalen Oppositionsparteien gerechnet werden. Unter dem „Deckmantel ‚Deutschnational‘“ versuchten im übrigen die alten Konservativen wieder nur die Massen mittelständischer Wähler vor den „Karren ihrer großagrarischen und großkapitalistischen Sonderinteressen“ zu spannen1141. Gegenüber den nur „so genannten völkischen Parteien“ versuchte die DVP in erster Linie auf Vereinnahmung und Integration der bei ihnen vermuteten Wähler und Inhalte zu setzen. Weil die völkische Bewegung eine durch das ganze deutsche Volk gehende „Welle nationaler Selbstbesinnung gegenüber feindlicher Versklavungssucht und innerem Hader“ sei, dürfe sie nicht zur bloßen Parteisache erniedrigt werden. Das aber gerade versuche die DVFP, die obendrein durch ihren „öden Radau-Antisemitismus“ und eine „zügellose Demagogie“ die Volksleidenschaften anheize. Wichtigstes Argument der DVP gegen die „Parteivölkischen“ war, dass ihr Programm Anleihen bei den „undeutschen Lehren“ des Sozialismus mache. Wer aber „wahrhaft völkisch“ denke, dürfe daher nicht den „schönen Versprechungen des völkischen Rechtsblocks“ glauben, der nur Wasser auf die doch „bereits matter klappernden Mühlen des Poincarismus“ schütten werde1142. Obwohl sie in Preußen gemeinsam mit der SPD in einer Großen Koalition regierte, versuchte sich die DVP dem Reichstagswähler als einzi- 389 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 ge strikt antisozialistische Partei im Bürgertum zu empfehlen. SPD und KPD, die als „Klassenkampfparteien“ nur den deutschen Arbeiter aufhetzten, vereinigte die volksparteiliche Wahlpropaganda zu dem einen Feindbild des „internationalen Marxismus“. Während die SPD den „gehorsamen Sowjetstipendiaten“ bei der Vorbereitung einer neuer Revolution helfe, rechnete es sich die DVP zum Verdienst an, durch den ihr zugehörigen Reichskommissar im Herbst 1923 Mitteldeutschland von „roten Ketten und Terror“ befreit zu haben1143. Schwerer fallen musste ihr der Kampf gegen die erst im Wahlkampf als Gegner auftauchende NLV schon deshalb, weil diese im Grunde ähnliche Ziele propagierte. Unter scharfer Ablehnung einer Großen Koalition klagte diese „wiedererwachte alte Bismarckpartei“ Stresemann und die DVP in 19 Punkten einer Politik der „Halbheiten“ an, weil sie nichts zur Beseitigung der „Kriegsschuldlüge“ leiste und sich weigere, den „Entscheidungskampf “ mit der SPD im Sinne einer „straff nationalen“ Politik und für eine „starke Regierung“ im Reich aufzunehmen1144. Gegen diese für sie heikle Agitation konnte die Volkspartei wenig Sachliches aufbieten; so versuchte sie, die „Fahnenflüchtigen“ der NLV als „Klub der politisch Obdachlosen“ zu diskreditieren, die zu Recht von den „großen nationalen Parteien“ hinausgeworfen worden seien. Wie im bürgerlichen Regierungslager üblich, äu- ßerte sich die DVP schließlich besorgt über die wachsende Zahl der Parteien im bürgerlichen Lager, da die Bildung von mittelständischen Sondervertretungen wie der WP nur überflüssige „Vereinsmeierei“ einzelner Berufsgruppen sei1145. Merkmal der Adres sa tenwerbung der DVP vom Frühjahr 1924 war die synchrone und dadurch meist etwas langwierige Anrede der unterschiedlichen beruflichen und sozialen Gruppen, die ihrer Ansicht nach unter das Dach der nationalen Volksgemeinschaft gehörten1146. Ziel der DVP sei nicht die „Herrschaft eines Einzelstandes“, sondern das „Wohl des ganzen Bürgertums“, was dem propagierten Selbstbild einer „Partei aller schaffenden Stände in Stadt und Land“ entsprach. Wenn auch bewusst unspezifische Adres sa ten wie alle „Unzufriedenen“ angesprochen wurden, betrieb die DVP durchaus eine interessenmäßig differenzierte Zielgruppenpolitik1147. Hauptadressat von 49 Flugblättern waren die mittelständischen Wählergruppen, insbesondere die Beamten und die städtischen Selbständigen, an die fünf beziehungsweise vier Zielgruppenflugblätter gerichtet waren, während um die Stimmen der Inflationsopfer speziell drei und um die der Bauern zwei warben. Relativ stark kümmer- 390 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik te sich die DVP noch um die In te res sen der Arbeitnehmer und der Frauen (sieben bzw. fünf Flugblätter)1148. Bei dem Versuch, das Vertrauen der mittelständischen Wählerschichten zurückzugewinnen, stand die DVP vor dem Dilemma, ihre Mitverantwortung an der Stabilisierungspolitik der Regierung mit offensiven Wahlversprechen vereinbaren zu müssen, die tendenziell oppositionellen Charakter besaßen. Als „Liste des Mittelstandes“ versprach sie etwa den Bauern pauschal Befreiung von „unerträglichen Steuerhärten“ sowie Zollschutz vor „vernichtendem ausländischem Wettbewerb“. Im Namen der Haus- und Grundbesitzer wurde „freie Betätigung zur Überwindung der Wohnungsnot“ verlangt. Gerade die Wohnungs- und Bau politik der DVP entspreche ihrem wirtschaftspolitischen Grundsatz, wonach die private Wirtschaft zu schützen und jede Sozialisierung schärfstens zu bekämpfen sei1149. Einen besonders schweren Stand hatte die DVP, die 1923/24 als Partei der „Inflationsgewinnler“ der Großindustrie um Hugo Stinnes galt, bei den von der Geldentwertung betroffenen Wählern wie den kleinen Sparern. Obwohl entscheidend an dem Zustandekommen der dritten Steuernotverordnung beteiligt, scheute sie sich aber nicht, in die Rufe nach höheren Aufwertungssätzen für die Inflationsopfer einzustimmen. Um Distanz zu den industriellen In te res senkreisen bemüht, präsentierte sie sich als „Anwalt der Enterbten“, der eine „gewaltige Volksbewegung gegen das an den Inflationsgeschädigten begangene Unrecht“ entfachen werde1150. Vor dem Hintergrund des Personalabbaus bekannte sich die DVP nachdrücklich zum Berufsbeamtentum und warb um die Stimmen der Beamten als die Partei, welche sie im Vorjahr durch die Herstellung der Staatsautorität vor der „Massen-Willkür“ geschützt habe. Der Wiederaufbau Deutschlands erfordere aber im Sinne der „Notgemeinschaft aller Volksgenossen zur Rettung des Staates“ auch von den Beamten materielle Opfer. Immerhin habe die DVP den geplanten Beamtenabbau der früheren „schwarz-rot-goldenen“ Regierungen zu einem auf alle ausgedehnten Personalabbau mildern können1151. Gegenüber den Arbeitern und Angestellten akzentuierte die Stresemannpartei im Frühjahr 1924 den Gedanken einer „ehrlichen Arbeitsgemeinschaft“ mit dem Unternehmertum und verknüpfte damit das Versprechen auf bessere Aufstiegsmöglichkeiten für die „Arbeitsfreudigen und Sparsamen“ unter ihnen. Das Wohl der Arbeitnehmer hänge von der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft ab, deren Förderung allein das „Gespenst der Arbeitslosigkeit“ verscheuche. In Abgrenzung zum „scharf- 391 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 macherischen Teil“ der Unternehmer, auf dessen Sympathien sie gern verzichte, wurden spezielle „Standes“-In te res sen der Angestellten thematisiert, die vom „Gleichmachungswahnsinn“ der SPD bedroht seien. In der Frage des Achtstundentages trat die Volkspartei als deren Gegenspielerin auf und argumentierte gemäß der Devise „Mehrarbeit in der Notzeit“ als Ausweg aus der Wirtschaftskrise. Vor die Alternative gestellt, durch „ehrliche Arbeit“ wieder „ehrliches Geld“ zu verdienen oder zu verelenden und seine Familie hungern sehen zu müssen, ziehe doch jeder Arbeiter vor, mehr als acht Stunden zu arbeiten1152. Typisch für die stark appellative Rhetorik ihrer Frauenpropaganda war die Vorstellung, dass nach dem schweren Ringen um den Erhalt von Volk und Familie während Revolution und Inflation nun wieder die Zeit kommen müsse, in der die „deutsche Sehnsucht nach ideellem Besitz“ ihr Recht verlange, weshalb die Frauen nachdrücklich an ihre Wahlpflicht gemahnt wurden: „Bringt dem Vaterland ein Opfer!“1153 Sowohl hinsichtlich der Themenschwerpunkte als auch bis in Formulierungen hinein ähnelte das unter dem Motto der Volksgemeinschaft gestellte Wahlprogramm der DVP vom Frühjahr 1924 dem der Zentrumspartei. Die gouvernementale Parole „Durch Arbeit und Opfer zur Freiheit“ musste andererseits gegen die Konkurrenz der nationalistischen Rechtsparteien gerechtfertigt werden. Näherte sich die DVP dabei aus wahltaktischen Gründen völkisch-chauvinistischen Positionen an, argumentierte sie auch in anderen Punkten wie der Aufwertungsfrage eher im Stile einer Oppositionspartei. Grundsätzliche Koalitionsbereitschaft signalisierte sie den Deutschnationalen, mit denen das Bekenntnis zu „Schwarz-Weiß-Rot“ geteilt wurde, wenngleich sie erst noch den Beweis der Anerkennung der Grundsätze Bismarckscher „Realpolitik“ erbringen müsse. Nicht zuletzt unter dem Druck seiner Kritiker gelangte aber auch Stresemann im Frühjahr 1924 zu der Überzeugung, dass die SPD als regierungsfähiger Faktor „versagt“ habe. Angesichts der sozialpolitischen Gräben erschien eine Neuauflage der Großen Koalition aus Sicht der statt dessen auf eine bürgerliche Mitte-Rechts-Regierung setzenden DVP wenig erstrebenswert. Obwohl stets der sozial indifferente Appell an die Volksgemeinschaft zuerst kam, ragten unter den Adres sa tengruppen der DVP die mittelständischen Wählerschichten heraus, denen sie vor dem 4. Mai als programmatische Wahlparole präsentierte: „Der Zug geht nach rechts!“1154 392 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik „Erfüllungspolitik ist Befreiungspolitik“ – Die Deutsche Demokratische Partei Stärker noch als die DVP hatten die Demokraten unter den Folgen des Krisenjahres zu leiden, das nicht nur ihre Parteiorganisation faktisch zusammenbrechen ließ, sondern auch den Prozess der Entfremdung traditioneller Mittelstandswähler von der Partei bedrohlich verstärkte. Noch mit ihrem Wiederaufbau beschäftigt, musste die DDP bei den bayerischen Landtagswahlen Anfang April 1924 mit dem Verlust von fast zwei Dritteln ihrer Stimmen eine neue schwere Wahlniederlage hinnehmen. Auf dem am 5./6.  April veranstalteten Wahlkampf-Parteitag leitete der neue Mitvorsitzende Erich Koch-Weser eine außenpolitischen Kurskorrektur der DDP ein, die er unter der Parole „Erfüllungspolitik ist Befreiungspolitik“ auf die Linie ihres früheren Außenministers Walter Rathenau festlegte. Bündnispolitisch konzentrierte sich die DDP-Führung auf ihr Wunschziel einer Großen Koalition mit der SPD, da die bürgerliche Minderheitsregierung unter Marx nur als Notbehelf bis zu den Wahlen betrachtet wurde1155. Der am 29. März 1924 veröffentlichte Wahlaufruf der DDP glich im innenpolitischen Teil stark den Kundgebungen der beiden anderen Regierungsparteien, insofern der 4. Mai zum Entscheidungstag über „Sein oder Nichtsein“ des deutschen Volkes erklärt und die Notverordnungspolitik des Kabinetts Marx mit dem Hinweis auf die feste Währung und den Schutz der deutschen Wirtschaft gegen die „egoistischen Bestrebungen einzelner Berufsgruppen“ verteidigt wurde. Allerdings betonten die Demokraten die außenpolitische Bedeutung der Wahl unter anderen Vorzeichen als Zen trum und DVP, da sie zum ersten Mal seit Kriegsende die „Hoffnung auf Befriedigung Europas“ heraufdämmern sahen. Ohne den Versailler Vertrag als endgültige Regelung jemals anerkennen zu wollen, aber unter Berücksichtigung der bestehenden Machtverhältnisse, sei Deutschland jetzt durch eine „feste und nüchterne“ Außenpolitik in die Lage gesetzt worden, das alte Ziel der DDP zu verwirklichen: „würdig und achtungsgebietend im Rate der Völker, die freie und große deutsche Re pu blik!“ Nicht durch Diktaturpläne von rechts oder links, sondern nur durch eine Festigung der Autorität des Staates und eine „tatkräftige und starke“ Regierung könne jetzt Deutschlands Wiederaufstieg auf dem Weg „durch Frieden zur Freiheit“ gesichert werden. Aus dem Wahlprogramm der DDP hob ihr Aufruf acht Einzelpunkte hervor, an deren Spitze die Erhaltung der Reichseinheit, eine „gesunde und ehrli- 393 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 che“ Wirtschaft und der Schutz der „schwachen Schichten“ sowie eine nationale Erziehung im re pu bli ka nischen Geist standen. So empfahl sich die DDP als Weimarer Verfassungspartei des innenpolitischen Ausgleichs und der bürgerlichen Mitte1156. Thematisch im Mittelpunkt des demokratischen Wahlkampfes vom Frühjahr 1924 standen die ersten zwei „helleren Stellen“ in der deutschen Politik nach dem Zusammenbruch von 1918: das Sachverständigengutachten auf außen- sowie die Überwindung der Inflation auf innenpolitischem Gebiet. Ähnlich wie Zen trum und DVP versuchte die DDP ihre Verantwortung für die Notverordnungen dem Wähler als „Mut zu bitterer Wahrheit“ näher zu bringen. In Abgrenzung zu den „Versackungspolitikern“ der DVP, welche die Stresemannsche Politik selbst in ihrem Wahlaufruf schamhaft verleugne, bekannten sich die Demokraten aber nachdrücklich zu dem Versuch, die Reparationsfrage auf dem Weg der Verständigung zu lösen. Demokratische Erfüllungspolitik heiße, unter der Parole „Durch Arbeit und Opfer zur Freiheit!“ auf die Befreiung der besetzten Gebiete hinzuwirken. Um Vorwürfen von rechts vorzubeugen, trennte die DDP die wirtschaftlichen „Kriegsschulden“ von einer historischen „Kriegsschuld“, die sie ebenso wenig bereit sei anzuerkennen wie sonst jemand im deutschen Volk1157. Gerade weil man mit starkem innerem Aufbäumen die „Knechtung des Vaterlandes“ empfinde, plädierte die DDP unter Berufung auf frühere „Verständigungspolitiker“ in der deutschen Geschichte wie Friedrich II. und Bismarck – der selbst die Punktation von Olmütz gerechtfertigt habe – für eine „Politik der Befreiung durch Erfüllung des Unvermeidlichen“ auf dem Wege, den das Gutachten der Sachverständigen weise. Unter der Parole „Deutschland muss leben!“ versuchte die DDP-Wahlpropaganda außenpolitische Räson und nationalistische Stimmung miteinander zu verknüpfen, um gegen die Rechtsopposition, aber mit Anleihen aus deren Phrasenschatz für die „Verständigung mit dem Feindbund“ zu werben1158. In der Innenpolitik unterschied sich die DDP von den anderen Regierungsparteien durch die Wahlparole für den Schutz und Ausbau der Re pu blik. Als dringlichste Aufgabe im Innern thematisierte die DDP- Propaganda stereotyp die Markstabilisierung. Die Rentenmark wurde geradezu zum Identifikationssymbol der Partei, in deren Reihen der Mann stehe, dessen Arbeit als Reichswährungskommissar sie zu verdanken sei, Hjalmar Schacht, der „Ekkehard der deutschen Währung“. Unter der Parole „Nie wieder Inflation!“ stilisierte sich die DDP so zum ein- 394 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik zigen Garanten eines wirksamen Schutzes vor ihrer Wiederkehr. In der Aufwertungsfrage versprach sie eine Wiedergutmachung des „Unrechts an den durch die Geldentwertung Enteigneten“ im Rahmen der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Schuldner. Die jetzige Regelung der dritten Steuernotverordnung bedürfe jedenfalls dringend „wesentlicher Verbesserungen“. Wer höhere Aufwertungssätze wünsche, brauche am 4. Mai einfach nur gegen „rechts“ zu stimmen1159. Auf wirtschaftspolitischem Gebiet grenzte sich die DDP sowohl vom „Marxismus“ als auch demonstrativ von dem „Überkapitalismus“ der Großindustrie ab. Stark in den Vordergrund stellte sie die Forderung nach einer Reichsreform im Sinne stärkerer Zentralgewalt. Dass der nationale Einheitsgedanke im übrigen zurückgeführt wurde auf die Tradition deutscher Geistesgrößen von Fichte bis zum Freiherrn vom Stein, die sie zugleich als „Väter der deutschen Demokratie“ für sich beanspruchte, war typisch für die mit historischen Bezügen gespickte Wahlpropaganda der DDP, als deren symbolisches Erkennungszeichen auch die Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold dienten. Seit ihrer Gründung 1918 habe sie sich zielklar für die politische Gleichberechtigung aller Staatsbürger und für den „liberalen Gedanken der Überwindung von Klassen-, Rassen- und Standesgegensätzen“ eingesetzt. Nur durch eine „Regierung der Mitte“, die das Vertrauen des Auslandes habe, könne jetzt gegen die Extreme links und rechts der weitere Aufstieg zur „einigen, starken, nationalen Re pu blik“ gesichert werden1160. Die DDP kämpfte im Frühjahr 1924 sowohl gegen die „reaktionären Klassenparteien rechts, die Parteien schwerindustrieller und großkapitalistischer Sonderinteressen“ als auch gegen die „sozialistischen Klassenparteien links“ sowie die Zen trumspartei, die ihren konfessionellen Charakter und ihr „Kirchenregiment“ nicht verbergen könne. Die „reichszerstörenden Kräfte von rechts und links“ stellten zusammen in zehn von 34 Flugblättern der DDP den Hauptgegner dar. Die gleiche Anzahl richtete sich aber gegen die „schwarz-weiß-roten“ Rechtsparteien, von denen allein in fünf Flugblättern die DNVP als Wortführerin des monar chischen Gedankens angegriffen wurde. Zu den aktuell gefährlichsten „Feinden des inneren Friedens und damit des Vaterlandes“ zählte man die Deutschvölkischen, ohne sie in spezifischen Flugblättern anzugreifen. Im übrigen war der Einsatz von parteipolitisch indifferenten Feindbildern wie den „Monarchisten“ oder den „großen Wirtschaftsmächte“ charakteristisch für die DDP-Wahlpropaganda1161. 395 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 Gegenüber dem politischen Radikalismus setzte die DDP im Frühjahr 1924 in erster Linie auf die Überzeugungskraft des Appells an die Vernunft und den „gesunden Menschenverstand“. Alle Oppositionsparteien seien lediglich „Phrasenhelden“, da sie das notleidende deutsche Volk mit „unerfüllbaren Versprechungen“ absichtlich in einen „Rauschzustand“ trieben. In Abgrenzung zu solchen Methoden wollte die DDP den „Kampf um das Vaterland mit den Mitteln einer anständigen und sachlichen Polemik“ führen. Andererseits charakterisierte gerade ihre Agitation gegen die Rechtsopposition beachtliche Parallelen zu deren nationalistischer Rhetorik. So galt es etwa die „Fesseln des Versailler Diktates“ zu beseitigen, um Deutschlands „völkische“ Freiheit zu erreichen. Während die Hitlerleute Außenpolitik aber erst dann betrieben, wenn der „Stall daheim“ gesäubert sei, akzentuierte die DDP-Propaganda ihnen gegenüber den „Primat der Außenpolitik“, die nicht von Selbstüberschätzung der eigenen Kraft geprägt sei. Deutschnationale und Völkische strebten jedenfalls in den „Wahnsinn eines Krieges ohne Waffen gegen den Feind, der nur da rauf lauert, Deutschland zu zerstückeln“1162. Auf innenpolitischem Gebiet listete die DDP das Sündenregister dieser antire pu bli ka nischen „Parteien des Zusammenbruches“ auf. Verfolge die DNVP nur destruktive Opposition, glaubten die Deutschvölkischen gar das „eine Prozent jüdischer Bevölkerung für schuldig an allem Unglück Deutschlands“ machen zu müssen. Sowohl DNVP als auch DVP fänden kein Wort der Verurteilung über diese antisemitische Hetze, sondern förderten sie mit ihrem „‚völkischen‘ Getue“ noch. Thematisiert wurde auch die verfassungspolitische Parole dieser selbsternannten „Hüter der schwarz-weiß-roten Fahne Bismarcks“, die jedoch aufgrund ihrer Methoden als „Vorfrucht“ der Völkischen bezeichnet werden müssten1163. Gegen die DVP, die als Dienerin der Schwerindustrie und des „internationalen Kapitals“ erschien, wandte die DDP speziell den Vorwurf der „Versackungspolitik“ ein, da der ihr nahe stehende Reichsfinanzminister Luther im Vorjahr die Zuschüsse an die besetzten Gebiete aus Sorge um die Währung einstellen wollte. Mit ihrer „schwarzweiß-roten, patentamtlich geschützten Vaterlandsliebe“ und den unverantwortlichen Aufwertungsversprechen werde die „Flugblattpolitik“ der Stresemannpartei nur noch von Ludendorffs „Großsprecherei“ übertroffen1164. Über den anderen Koalitionspartner der DDP im Reich, das Zentrum, erfuhr der Wähler dagegen ebenso wenig wie eine nähere Aus einan der set zung mit den „sozialistischen Klassenparteien“ stattfand, ab- 396 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ge sehen von Kritik an der staatspolitischen „Unfruchtbarkeit“ der SPD, die aufgrund ihrer Klassenkampfideologie kein Verhältnis „zur großen deutschen Vergangenheit und zur nationalen Gefühlswelt“ habe1165. Entsprechend dem Ideal eines volksgemeinschaftlichen Ausgleiches zwischen Kapital und Arbeit, der allein das „Zerreißen des Volkes in Verbraucher und Erzeuger, Mieter und Vermieter“ verhindern könne, vermied die Flugblattpropaganda der DDP weitgehend beruflich oder sozial ausdifferenzierte Adres sa tenwerbung. Immerhin fünf von 34 Flugblättern wandten sich spezifisch an den selbständigen Mittelstand, drei weitere an die Beamten, deren Unzufriedenheit mit der Spar- und Abbaupolitik der Regierung eine besondere Fürsprache wohl unumgänglich machte. Vereinzelt kam die DDP auch gezielt auf die Probleme der Arbeitnehmer oder der Frauen zu sprechen. Drei Viertel ihrer Flugblätter kannten jedoch keinen Adres sa ten außer dem „deutschen Volk“ oder den „Volksgenossen“1166. Welche Wählergruppen zumindest rhetorisch umworben werden sollten, war der Parole der DDP zu entnehmen, „nie wieder durch Inflation als Unternehmer in Handwerk und In dus trie, als Arbeitnehmer und Angestellter, als Kleinhändler und Hausfrau, als Beamter und als Arzt, Anwalt, Schriftsteller oder Künstler“, um den Ertrag seiner Arbeit gebracht zu werden. Im Mittelpunkt der zielgruppenorientierten Appelle stand jedoch ganz eindeutig die „Rettung des Mittelstandes“, worunter in erster Linie die meist städtischen Gewerbetreibenden und Handwerker gefaßt wurden. Schuld an ihrer derzeitigen „Aushungerung“ hätten jene „antire pu bli ka nischen Elemente“, die das Reich in einen Weltkrieg geführt und auch nach Kriegsende jede positive Aufbauarbeit sabotiert hätten. Typisch für die wenig an materiellen In te res sen orientierte Argumentation der DDP war, dass sie speziell an die Adresse der „Nachdenklichen“ im gewerblichen Mittelstand versprach, sich für „Erreichbares“ einzusetzen1167. Die Beamtenschaft wurde mit der pauschalen Zusicherung umworben, ihre Belange so zu fördern, dass sie der demokratischen Re pu blik auch „treu und freudig“ dienen könne. Außerdem versprach die DDP den Beamtengruppen, ihre Einkommensbezüge „so rasch als möglich“ wieder zu erhöhen sowie für die Erhaltung des Berufsbeamtentums als einer „Staatsnotwendigkeit“ zu kämpfen – was vor dem Hintergrund des drastischen Personalabbaus durch die Notverordnungen als Bemäntelung der tatsächlichen Regierungsmaßnahmen erscheinen konnte1168. An die Adresse der Arbeiter und Angestellten ge- 397 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 richtet, sprach sich die DDP für Lohnerhöhungen aus, um ihnen eine „menschenwürdige Lebensgestaltung“ zu ermöglichen und die „Kaufkraft des inneren Marktes“ zu steigern. Den Mangel an konkreten, tagespolitischen Themen überdeckte eine schwülstige Rhetorik, wonach nur die Demokraten die „Persönlichkeit“ in allen Schichten der „körperlichen und geistigen Arbeit“ vor den „Gefahren des Großbetriebes und der Maschine“ schützten1169. Speziell auf die weibliche Wählerschaft sollten vor dem 4. Mai Plakate wirken, die eine Hausfrau mit – dank der Rentenmark – wieder voll gefüllter Einkaufstasche zeigten. Ähnlich wie die SPD-Opposition stellte die DDP angesichts der Reparationsfrage die deutschen Frauen und Mütter vor die Alternative „Krieg oder Frieden“ und appellierte an ihr „nationales“ Verantwortungsbewusstsein1170. Trotz solcher Werbeanstrengungen, die mit Ausnahme der Mittelstandspropaganda im demokratischen Wahlkampf jedoch kaum auffielen, kann alles in allem nicht von einer signifikanten oder systematischen Zielgruppenpolitik der DDP gesprochen werden. Gehemmt durch ihre Mitverantwortung für die unpopuläre Notverordnungspolitik der Regierung, bot sie kaum materiell interessante Ziele oder Versprechungen an. Überzeugender fiel das Bekenntnis zur Re pu blik und zu ihren Verfassungssymbolen aus, welche gegen die als Hauptgegner bekämpfte DNVP in Schutz genommen wurden. Ohne sich explizit auf eine zukünftige Regierungsbildung festzulegen, kämpften die Demokraten im Frühjahr 1924 sowohl für eine Fortsetzung der bisherigen „Politik der Mitte“ als auch für eine Einbeziehung der SPD. Die Schärfe, mit der die „Versackungspolitiker“ des aktuellen Koalitionspartners DVP angegriffen wurden, erklärte sich aus dem innerliberalen Konkurrenzkampf um identische Wählerpotentiale. Auf au- ßenpolitischem Gebiet bekannte sich die DDP zwar zur neuen Erfüllungspolitik, aber ein nach wie vor nationalistischer Ton ihrer Propaganda signalisierte, dass sie in Prestigeangelegenheiten der nationalen Ehre wie vor allem der Kriegsschuldfrage dem „Feindbund“ keinerlei Zugeständnisse machen wollte – schon gar nicht in einem Wahlkampf vor dem Hintergrund andauernder Ruhrbesetzung. 398 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Gegen den „neuen Versklavungsplan“ – Die „nationale“ Propaganda der Kommunisten Nach dem Fiasko des „deutschen Oktober“ 1923 und dem sich anschlie- ßenden Parteiverbot gab die von inneren Flügelkämpfen gelähmte KPD die Einheitsfrontpolitik der Zusammenarbeit mit linken SPD-Politikern sowie die revolutionäre Putschtaktik auf. Beibehalten wurde jedoch die „nationalbolschewistische“ Propaganda des so genannten Schlageter-Kurses, den Karl Radek, Komintern-Sekretär für Deutschland, im Juni 1923 angesichts der Ruhrkrise mit einer Rede auf dem Dritten Plenum des Exekutivkomitees der Komintern eingeleitet hatte. Für Radek war Nationalismus ein „Mittel“, die „kapitalistische Zerrüttung“ zu steigern und die vor allem im Mittelstand vermuteten Anhängermassen der Rechtsradikalen zu gewinnen. Als Antwort auf die „Offensive der miteinander verbündeten Deutschvölkischen, Kapitalisten und Reformisten“ propagierten die deutschen Kommunisten unter neuer „linker“ Führung in dem Anfang April 1924 veröffentlichten Aktionsprogramm, ihrem „Rettungsprogramm“ in der Krise, die Losung der „Einheitsfront von unten“. Im Namen der radikalisierten Arbeiter erhob die KPD zugleich weit gehende sozialpolitische Forderungen, etwa nach dem Achtstundentag, und wandte sich gegen „Hungerlöhne“, aber auch gegen die „Ausplünderung der Kleinrentner, Kleinbauern, proletarisierten Mittelständler“ durch den Kapitalismus in Gestalt des Weimarer Staates. Als nächste Aufgaben wurden die „Organisation der Revolution“, die „Eroberung der politischen Macht“ und Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates bezeichnet1171. Der am 2.  April 1924 veröffentlichte Wahlaufruf der Zen tra le der KPD war in diesem Sinne an das ganze „werktätige deutsche Volk“ adressiert. Von der äußeren Form her handelte es sich um ein längeres Manifest, offenbar eine Vorstufe des Aktionsprogramms. Seine radikale antiparlamentarische Diktion signalisierte unmissverständlich die Fun da men talopposition der Kommunisten in der Weimarer Re pu blik. Zusammen mit der SPD, heißt es in dem Aufruf, hätten die bürgerlichen Parteien Deutschland den Generälen und der Entente ausgeliefert und es zu einem „Paradies der Kapitalisten, Spekulanten und Wucherer“ gemacht. Eingekleidet in stark emotionalisierende Phrasen, versuchte die KPD die „Schwindelparole des kapitalistischen Wiederaufbaus“ zu enthüllen: Trotz angeblicher Währungs- und Wirtschaftsstabilisierung sei 399 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 das werktätige Volk in der „Ebert-Re pu blik“ immer noch dem „Hun gerelend“ ausgesetzt und das, obwohl die „Reichen“ und „Satten“ ein Leben in Luxus führten. Auch der neue Reichstag werde sich nur als eine „Unterdrückungsmaschine gegen Arbeiter, Angestellte, Beamte und alle kleinen schaffenden Leute“ erweisen. Die Entscheidung gegen den „bürgerlichen Parlamentarismus“ falle daher nicht mit dem Stimmzettel, sondern im „offenen Kampf der Klassen, im Betriebe, im Kontor, auf der Straße“. Als Führerin in diesem „Befreiungskampf aller Unterdrückten“ gab die KPD folgende Aktionsparolen für den 4. Mai aus: „Nieder mit der Kapitalsdiktatur! Kampf allen bürgerlichen Parteien! Sturz des bürgerlichen Parlaments! Es lebe die proletarische Herrschaft! Es lebe die Diktatur des Proletariats! Es lebe das Befreiungswerk der sozialen Revolution!“1172 Ein weiterer Wahlaufruf der kommunistischen Zen tra le, der nach dem 14-tägigen Verbot der Roten Fahne eine Woche vor dem 4. Mai erschien, unterschied sich vor allem durch seinen außenpolitischen Akzent gegen das inzwischen veröffentlichte Reparationsgutachten. Als selbsternannte Fürsprecherin des werktätigen Volkes beschuldigte die KPD darin die „Gesellschaft der Ausbeuter und Volksbetrüger“ von den Völkischen bis zur SPD im Reichstag, vier Jahre lang auf Kosten des Volkes Erfüllungspolitik betrieben zu haben. Durch den „neuen Sklavenvertrag, ausgeheckt von den kapitalistischen Räubern aller Länder“, wollten sie jetzt sicherstellen, dass das deutsche Proletariat auch weiterhin durch Steuern „bis zum Weißbluten“, Beseitigung des Achtstundentages sowie Abbau sozialer Fürsorge unterdrückt werde1173. In Fortsetzung des Schlageter-Kurses führte die KPD im Frühjahr 1924 wie ihre rechtsbürgerlichen Konkurrenten den Kampf gegen Versailles als einen Kampf um die „Rettung der deutschen Nation“. Für eine kommunistische Partei trotz aller Wahltaktik höchst erstaunlich waren die Konzessionen an die nationalistische Stimmungslage unter Zuhilfenahme des Vokabulars der Rechtsopposition. Nach dem „scheußlichsten Landesverrat“ der deutschen Schwerindustrie während Poincarés „Raubzug ins Ruhrgebiet“, so hieß es etwa, setzte sich die Verständigung der Kapitalisten nun mit dem neuen „Versklavungsplan“ fort, mit dem das deutsche „Vaterland der Reichen“ an das Entente-Kapital verkauft werde. Vor diesem Szenario konnte nur ein „Schutz- und Trutzbündnis der deutschen Räterepublik mit dem russischen Arbeiter- und Bauernstaat“, so die stereotype Parole der KPD, die Werktätigen aus dem „Doppeljoch der in- und ausländischen Blutsauger“ befreien und in einer 400 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Front mit Russland den Versailler Vertrag „zerreißen“. Diesen Wahlappell veranschaulichte der Titel der Roten Fahne vom 1. Mai 1924, indem unter der Schlagzeile „Nieder mit dem Zuchthausbau!“ ein Proletarier das von den Sachverständigen gebaute, aber eben wacklige Gerüst der Stabilisierung umstößt: „Die Zwingburg, die ihr uns zugedacht, wir rei- ßen sie nieder! Auf den Trümmern errichten wir unseren Sowjetstaat!“1174 Zugunsten ihrer plakativen Umsturzparolen verzichtete die KPD im Frühjahr 1924 nahezu völlig auf die Akzentuierung interessenspezifischer Forderungen oder materieller Bedürfnisse der Wähler. Obwohl sie den Erhalt des Achtstundentages zur „Lebensfrage des deutschen Proletariats“ und ihr Programm der „vollen Sozialisierung, d. h. für die entschädigungslose Enteignung der In dus trie, des Großgrundbesitzes und der Banken“, ausdrücklich zur aktuellen Tagesforderung erklärte, spielten solche Versprechungen nur Nebenrollen in der geräuschvollen Wahlpropaganda der KPD1175. Stärkstes Gewicht legte sie vielmehr da rauf, die Rede von Deutschland als dem „freiesten Staat der Welt“ ebenso als Schwindel zu entlarven wie die „Scheinstabilisierung“ der Weimarer Demokratie. Über die gemeinsame kapitalistische Front der „schwarz-weißroten und schwarz-rot-gelben Räuber“ müsse am 4. Mai im In te res se einer besseren Zukunft die proletarische Einheitsfront der „roten Faust“ siegen1176. Die KPD machte aus ihrer politischen Isolation in der Weimarer Repu blik keinen Hehl, sondern feindete alle anderen Parteien unterschiedslos als Gegner des „werktätigen Volkes“ an: 19 von 24 Wahlflugblättern bekämpften in dem Feindbild des „schwarz-weiß-rot-gelben Geldsackblocks“ zugleich den bürgerlich-kapitalistischen Staat. Ihren Hauptstoß richtete die KPD allerdings in sechs Flugblättern gegen die stärkste Partei der „Ebert-Re pu blik“, die sozialdemokratischen „Agenten der Reichen und Mächtigen“, die wie die „neuen Demagogen“ der DVFP im Solde des Großkapitals stehe. Weil diese in den letzten Landtagswahlen vor dem 4. Mai zur „Massenbewegung“ angeschwollen und weil im „alten Verrat am arbeitenden Volke“ durch die kapitalistischen Parteien jetzt die Völkischen Trumpf seien, folgten sie in der parteipolitischen Feindbildhierarchie der KPD an zweiter Stelle mit immerhin spezifisch vier von 22 Flugblättern1177. Als gefährlichstes Moment der Völkischen erkannte die KPD im Frühjahr 1924 die Tatsache ihres Eindringens in die „proletarischen Reihen“, weshalb sie im Reichstagswahlkampf in erster Linie das pseudore- 401 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 volutionäre Auftreten der DVFP und Nationalsozialisten enthüllen wollte. Bei deren Führern handle es sich in Wahrheit um „ideenlose De magogen“ und bloße „Instrumente des deutschen Stinneskapitals“, die „mit hohlen Phrasen an verworrene In stinkte der verzweifelten Massen“ appellierten, verlautbarte die KPD direkt an die Adresse der Hitler-Leute. In Abgrenzung zum „völkischen Revanchekriegsgeplärr“, das lediglich den Machtpolitikern in Frankreich neue Argumente liefere, versuchte sie sich als einzig wahre Gegnerin des Versailler Systems zu profilieren. Dagegen kämpften die „größenwahnsinnig gewordenen Spießbürger vom Schlage Hitlers“ und die „verkrachten Generale vom Schlage Ludendorffs“ auch im Innern ausschließlich gegen das jüdische Kapital, nicht aber gegen die „christlichen Blutsauger“. So stelle die DVFP ein Sammelsurium ausgesprochener Arbeiterfeinde dar, deren wahre Aufgabe die „brutalste Unterdrückung der arbeitenden Masse, die restlose Ausplünderung der Mittelschichten“ sei1178. Außer dieser „nationalistisch verkleideten Partei des Kleinbürgertums“ wollte die KPD im Frühjahr 1924 auch die „arbeitermäßig verkleidete Partei des Reformismus“, lies SPD, nicht nur mit dem Stimmzettel schlagen, sondern im Betrieb und auf der Straße „vernichten“. Die Sozialdemokratie sei seit 1914 „objektiv ein Anhängsel der reaktionären Kleinbürgerparteien“ und zum „Büttel der kapitalistischen Gesellschaft“ geworden1179. Hauptargument gegen diese „Arbeiterverräter“ war, dass sie immer wieder dem Proletariat in den Rücken gefallen seien und es keine „Schandtat der Bourgeoisie“ gebe, an der sie als Koalitionspartei oder als „allergetreueste Opposition“ nicht auch schuld trügen, vor allem durch ihre Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz, mit dem der Achtstundentag an das Kapital verkauft worden sei1180. Über die bürgerlichen Parteien der „Besitzenden“, denen es um die „brutale Ausplünderung“ der werktätigen Massen gehe, erfuhr der Wähler in den kommunistischen Flugblättern meist nur durch summarische Einschätzungen. Kein vernünftig Denkender falle mehr, so die typische Argumentation der KPD, auf die „schönen Phrasen von sozialer Gerechtigkeit“ herein, egal ob sie von den „Zen trumspfaffen“ kämen, den „Stresemännern“ oder dem zusammengeschmolzenen Häuflein von „Börsen- und Kaufhausschacherern der so genannten Demokraten“, die nur noch dank der Hilfe des Finanzkapitals am Leben seien. Während die kleineren In te res sen- und Sonderparteien von der KPD völlig ignoriert wurden, bewies sie dem Wähler die Notwendigkeit eines kommunistischen Stimmzettels damit, 402 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik dass alle anderen Parteien unter der gleichen Parole kämpften: „Zurück zur ‚guten‘ alten Zeit“, wogegen sie ihnen zurufe: „Vorwärts! zu neuem, besserem Leben, zum Kommunismus!“1181 Hauptadressat der KPD-Flugblattpropaganda war die Gesamtheit des „werktätigen deutschen Volkes“, das sich in die Berufsgruppen der Arbeiter, Angestellten, Beamten und Bauern gliederte. Propagiert wurde, dass die überwältigende Mehrheit des deutschen Volkes in Stadt und Land „schaffende kleine Leute“ seien, denen der kapitalistische Staat und seine „Gesellschaft von Ausbeutern und Volksbetrügern“ gegenüberstünden. In sechs von 24 Flugblättern wurde aber von der KPD explizit in erster Linie um „Arbeiterinteressen“ gekämpft, immerhin fünf warben um die Stimmen der vom Abbau bedrohten Beamten und noch eines um die der Kleinbauern. Wenngleich auch viele Flugblätter in der Adresse weitere Wähler- oder Berufsgruppen wie die Frauen oder gar die „kleinen Geschäftsleute“ mitaufführten, fielen diese insgesamt nicht ins Gewicht1182. Die KPD wollte die deutschen Werktätigen im Frühjahr 1924 vor allem hinsichtlich ihrer allgemeinen Kampfbereitschaft für die proletarische Diktatur und gegen den kapitalistischen Staat mobilisieren. Negativ akzentuiert wurden in diesem Sinne vor allem die Folgen beziehungsweise Schreckbilder der wirtschaftlichen Rationalisierung und der Ausbeutung durch die Unternehmer. Von der SPD sowie den „offenen Parteien des Kapitals“ hätten die Arbeiter nur eine „Stabilisierung der Arbeitslosigkeit“ zu erwarten, die sie dem „Hungertode“ näher bringen werde. Tatsächlich sei aber die Arbeiterklasse zusammen mit den „breiten Schichten des Kleinbürgertums und der gewerblichen Stände“ die „künftige Trägerin der deutschen Nation“, hieß es an die Adresse der proletarischen Anhänger Hitlers1183. Zielgruppenorientiert akzentuierte einzig die Arbeiterwerbung der KPD auch materielle Gegenwartsinteressen und empfahl sich als Vorkämpferin für den Achtstundentag, die Sozialisierung oder die Wiedereingliederung der auch gesondert umworbenen Erwerbslosen in den Arbeitsprozess. Aber selbst der gezielte Appell an die Arbeiter in den Betrieben und den Gewerkschaften, mit dem sich die KPD gemäß ihrer Einheitsfronttaktik um die SPD-Anhängerschaft bemühte, wurde dominiert von dem notwendig abstrakten Ziel eines „Arbeitsdeutschland“ nach russischem Vorbild. Die Entwicklung in Sowjet russland und seine heroisierten Errungenschaften für die Werktäti- 403 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 gen bildeten das stärkste Argument ihrer zwangsläufig an vorzeigbaren positiven Leistungen armen Zielgruppenpropaganda1184. Vor dem Hintergrund einer rigorosen Sparpolitik der Reichsregierung versuchte die KPD mit Appellen an bestehende Existenzängste im Frühjahr 1924 unter den Mittelstandswählern vor allem die untere Beamtenschaft für sich zu gewinnen. So thematisierte sie in erster Linie den „schmählichen Verrat“, den die von der SPD mitverschuldete Personalabbau-Verordnung an den Beamteninteressen übe. Im Unterschied zu den unverbindlichen Hauptparolen ließ die KPD aber auch sozial- und lohnpolitische Forderungen wie nach Beseitigung der „ungeheuerlichen Gehaltsspannung zwischen oben und unten“ verlautbaren. Angesichts des „Damoklesschwertes des Abbaus über uns allen“ seien alle mittleren und unteren Beamten mehr denn je aufgefordert, sich der „Kampffront der Arbeitenden“ anzuschließen und am 4. Mai dem Staat „die Quittung zu geben für Micumverträge und den Sklavenpakt, für Massenentlassungen und Lohnkürzungen, für Not und Tod der deutschen Beamtenschaft!“1185 Von einer intensiven Mittelstandspropaganda der KPD kann im Frühjahr 1924 nicht die Rede sein, obwohl sie auch die „Zwischenschichten“ des Kleinhandels und -bauerntums zum Bündnis mit der Arbeiterklasse gegen die „Großgrundbesitzer, Großhändler, Bankiers und In dustriekönige“ rief. Den „schaffenden Landwirten“ oder „Arbeitsbauern“ versprach sie Befreiung von „erdrückenden Steuern“ und soviel Land, wie sie und ihre Familien zum Leben bräuchten. Speziell gegenüber den Frauen rühmte sich die KPD eines „sozialpolitischen Programms für Mutter- und Kinderschutz“, das zu den „ersten Maßnahmen einer Arbeiterregierung“ gehören werde, und versprach – recht moderat formuliert – „ausreichenden Lohn“ und eine soziale Gesetzgebung. Wer auch von den Arbeiterinnen wolle, dass es „anders“ werde, müsse daher am 4. Mai kommunistisch wählen1186. In gewisser Hinsicht entsprach das von der KPD propagierte Zukunftsziel einer klassenlosen Gesellschaft, eines „Arbeitsdeutschland“, den im Frühjahr 1924 intensivierten bürgerlichen Volksgemeinschaftsparolen. Dass sie als Fundamentalopposition, deren Koalitionsfähigkeit nicht zur Debatte stand, ihren Wahlkampf losgelöst von parlamentarischen Rücksichten für eine Räterepublik nach russischem Vorbild führte, hieß nicht, dass sie aktuelle politische Tendenzen ignorierte. „Elend und Sklaverei“ waren Begriffe, mit der auch breitere Wählerschichten ihre Situation identifizieren konnten, und der Ansatzpunkt für die KPD, gegen den kapitalistischen „Stabilisierungsschwin- 404 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik del“ der bürgerlichen Regierung und ihren „Helfershelfern“ von der SPD zu kämpfen. Die Frontstellung der KPD gegen das „Großkapital“ und Banken, auf welche sie ihre Sozialisierungsabsichten zu beschränken vorgab, zielte auf entsprechende Stimmungen in den unteren Mittelschichten. Der nationalistische Grundton sowie die Emphase, mit der die KPD den „wahren“ Charakter der DVFP enthüllte, verriet, dass sie die rechtsextreme Bedrohung zumindest ebenso ernst nahm wie die Rolle der reformistischen Sozialdemokratie. Abrechnung mit dem „Schwindelsystem“ – Nationalsozialistische Freiheitspartei Nachdem es schon 1923 im Kampf gegen Betätigungsverbote zu organisatorischen Absprachen mit den Deutschvölkischen gekommen war, stellten sich Teile der nach dem Hitler-Ludendorff-Putsch auch in Bayern verbotenen und weit gehend führerlosen NSDAP in einem Wahlbündnis mit dieser deutschnationalen Abspaltung am 4. Mai erstmals dem Reichstagswähler. Seit den Landtagswahlen in dem kleinen Land Mecklenburg-Strelitz am 8. Juli 1923, als die DVFP von null auf fast neun Prozent der Stimmen kam, feierten die Rechtsextremen im Schatten der Staats- und Inflationskrise allerorten Wahlerfolge. Trotz innerer Differenzen einigten sich ihre Organisationen deshalb im Frühjahr 1924 auf den gemeinsamen Wahlvorschlag „Vereinigte Liste der DVFP und der NSDAP“ (oder NSFP), wobei regional verschiedene Listenbezeichnungen vereinbart worden waren. Die fast nur in Süddeutschland aktiven Nationalsozialisten, deren Führer als Angeklagte im Münchener Hochverratsprozess großzügige Gelegenheit für überregional beachtete Wahlpropaganda erhielten, nahmen reichsweit gesehen in diesem Bündnis allerdings nur die Rolle eines Juniorpartners ein1187. Der am 3.  April 1924 veröffentlichte Wahlaufruf der DVFP wandte sich an „alle Deutschen“ und war eine radikale Kampfansage an die „Novemberrepublik“, die in fünf Jahren des „himmelschreiendsten Elends“ das deutsche Volk „bis aufs Mark ausgebeutet“ habe. In diesem „jüdischparlamentarischen System“ und der Erfüllungspolitik komme jede Leistung der deutschen Arbeiter, Beamten und Angestellten nur den Reparationsforderungen des „Feindbundes“ zugute, dessen Ziel die „Lohnversklavung der deutschen Nation“ sei. Am 4. Mai müsse „Abrechnung“ 405 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 mit all dem gehalten werden, so das Motto des Wahlaufrufs. Als Alternative der DVFP zur Weimarer Re pu blik rief sie unter der Parole „Deutschland den Deutschen“ nach einem Staat, in dem die nationale Volksgemeinschaft durch „schroffe Ausschaltung des Judentums“ in jeglicher Gestalt verwirklicht werde: „Wir wollen auf dem Übergangswege einer völkisch-sozialen Diktatur zu einer auf rein völkischem Staatsbürgerrecht aufgebauten berufsständischen Volksvertretung gelangen“. Wer aber wie die „alten“ Parteien einschließlich der „so genannten Rechten“ durch „positive Mitarbeit“ das Weimarer System am Leben erhalten wolle, sei nur zu feige, den offenen Kampf gegen das „jüdische Großkapital und seine Schergen“ anzutreten1188. Die radikalen Phrasen ihrer Flugblattpropaganda sollten die DVFP im Frühjahr 1924 als Fundamentalopposition kennzeichnen und vor den Anhängern zugleich die Tatsache überspielen helfen, dass man trotz grundsätzlichem Antiparlamentarismus aus taktischen Gründen dennoch an den Reichstagswahlen teilnahm. Die Vorstellung, wonach das Volk von den „Parlamentariern aller Färbungen“ betrogen werde, besaß konstitutiven Charakter für das Wahlprogramm der DVFP. Zur Wahl stelle sie sich am 4. Mai nur, um mit dem „demokratischen Schiebersystem“ und dem „Erfüllungswahnsinn“ seiner Parteien – „von den Roten bis zu den Deutschnationalen“ – ein für allemal abzurechnen. Im Fall einer deutschvölkischen Wahl wurde daher keine Verwirklichung von Sachzielen, sondern die „Reinigung der Parlamente von ihrer elenden In te res senpolitik“ versprochen. Unter der Parole, jetzt der „morschen, verfaulten Vergangenheit“ den Rücken zuzuwenden, lehnte die DVFP ausdrücklich auch die Restauration der Monarchie ab. Ohne sich über die völkisch-sozialen Diktaturforderungen hinaus in der Staatsformfrage festzulegen, akzentuierte sie den appellativen Charakter ihres Wahlprogramms: „Wacht endlich auf! Heraus aus der roten wie bürgerlichen Parteiwirtschaft! Arbeiter – dein jüdischer Sozialistenführer betrügt Dich! Bürger – deine Partei steckt mit dem Judenkapital unter einer Decke! Im Zeichen des Hakenkreuzes rufen wir auf zur befreienden Tat!“1189 Das Ziel der DVFP, die Befreiung Deutschlands von „Sklaverei und Fremdherrschaft in jeder Form“, entsprach der Absicht, zuerst im Innern „Ordnung“ schaffen und dann an die Befreiung vom „furchtbaren Feindesjoch“ gehen zu wollen. Obwohl die außenpolitische Propaganda der Völkischen im Frühjahr 1924 noch auf Versailles und die „Schuldlüge“ fixiert blieb, wurde der neue Reparationsplan schon als Werk „interna- 406 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik tionaler Börsenkreise“ verteufelt, mit dem die „jüdischen Weltmacht- Gelüste“ verwirklicht und dem deutschen Volk selbst noch die „Schergendienste zu dieser Versklavung“ abverlangt würden1190. Abgesehen von Flugblättern, welche die grundsätzlichen Ziele der reichsweit noch kaum in Erscheinung getretenen Partei bekannt machen sollten, enthielt sich die Wahlpropaganda der DVFP weitgehend der ansonsten üblichen Forderungskataloge. Vielmehr lehnte sie es ausdrücklich ab, irgendwelchen Berufsgruppen „Sonderversprechungen“ zu machen, da erst ein „gesunder, sauberer Staat“ in Deutschland her müsse, bevor „jedem das Seine“ gegeben werden könne1191. Zum festen Repertoire der Deutschvölkischen gehörten allerdings die ihr antikapitalistisches Profil hervorhebenden Forderungen nach „Schutz des schaffenden Volkes vor Ausbeutung“ oder „Todesstrafe für Wucherer und Schieber“. In der Aufwertungsfrage versprach sie des weiteren nicht weniger, als alle durch den „jüdischen Geldentwertungsschwindel“ verlorenen Sparguthaben durch die Schuldner in voller Höhe ersetzen zu lassen. Angesichts von Angriffen vor allem der bürgerlichen Parteien sah sie sich veranlasst, ein Bekenntnis zum „ehrlich erworbenen Eigentum“ abzulegen, hielt aber weiterhin an ihren Losungen von der „Brechung der Zinsknechtschaft“ und „Verstaatlichung der Privatbanken“ fest1192. Einen höheren Stellenwert als bei anderen Parteien nahm die Selbstdarstellung bei der DVFP ein, die keine Partei im herkömmlichen Sinne sei, sondern unter Führung des „Arbeiters“ Hitler und des Generals Ludendorff die Sammelbewegung aller „Deutschblütigen und -fühlenden“, die den Wiederaufstieg Deutschlands wünschten: „Wir sind die ‚Partei‘ der geistig und materiell Enterbten. Wir sind die ‚Partei‘ der alten Feld-Soldaten. Wir sind nur gezwungen Partei! – Wir sind das Volk!“1193 Ihren Hauptstoß richtete die DVFP im Frühjahr 1924 gegen die Parteien der „Novemberrepublik“, die wie de rum – ob nun rechts oder links – alle vom „überstaatlichen jüdischen Finanzkapital“ abhängig seien. Neun von 48 Flugblättern waren dabei ausschließlich dem Kampf gegen den parteipolitischen Hauptgegner SPD – mit den Feinbildern „marxistisches Deutschland“ oder „jüdischer Marxismus“ – gewidmet, drei der „Reaktion“ in Gestalt der großen Rechtsparteien und vier dem Zen trum beziehungsweise der BVP. Explizit sprach die DVFP von „drei Fronten“, die sich im Wahlkampf gegenüberstünden: dem „internationalen Marxismus und Bolschewismus mit all seinen schwarzen, rötlichen und goldenen Anhängseln“ sowie den sich „national“ nennenden, aber sozial- 407 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 rückschrittlichen und von „überkapitalistisch-wirtschaftlichen Vor stellungen seelenlos gemachten alten Parteien der so genannten Rechten“. Mit Akzent auf dem Feindbild der „jüdischen Hochfinanz“ griffen speziell drei von 48 Flugblättern das Weimarer System an1194. Bevorzugt an die Adresse der Arbeiter gerichtet war das Hauptargument der DVFP gegen die sozialistischen „Volksverführer“ ein de mago gisch konstruierter Widerspruch zwischen der Weimarer Gegenwart und den Versprechungen, mit denen die SPD 1918 die „Sehnsucht des Volkes nach sozialer Besserstellung“ missbraucht habe. Statt Frieden, Freiheit, Brot habe sie Massenelend nach Deutschland und dem schaffenden Volk „mehr Arbeit und weniger Lohn“ gebracht. Obwohl Symbol des „marxistischen Deutschland“, firmierte die SPD so gleichzeitig als „Schützerin des Kapitalismus“. Gegen die KPD, die aus den gängigen Feindbild-Klischees herausfiel, thematisierte die DVFP um so stärker deren „lügenhafte Sowjet-Propaganda“. Der russische Arbeiter müsse in Wahrheit schon wieder dem „Träger des Kapitalismus“, dem Juden, gehorchen, weil die Kommunisten selbst größtenteils Juden seien und in Deutschland einen „Zuchthausstaat“ wie in Russland errichten wollten1195. Wenn sie auch die „gemeinsame Kampffront“ aller Völkischgesinnten beschwor, grenzte sich die DVFP im Frühjahr 1924 doch scharf gegen die alten Rechtsparteien ab. Von dieser „überlebten Reaktion“ sei sie trotz aller Übereinstimmung in Fragen der nationalen Ehre durch eine völlig unterschiedliche „Weltanschauung“ getrennt. DNVP und DVP trauerten immer noch „alten Standesideen“ und der Monarchie nach und könnten daher den „revolutionären Kern“ des neuen völkischen Staatsgedankens gar nicht erkennen, antwortete man ihren Bemühungen, sich im Wahlkampf ein „völkisches Mäntelchen“ überzuziehen. Zudem hätten sie keinen Begriff von der sozialen Frage und angesichts der „marxistischen Welle“ nach 1918 vor den sozialpolitischen Notwendigkeiten versagt1196. Den liberalen Parteien, die insgesamt in der deutschvölkischen Agitation nur Nebenrollen spielten, wurde pauschal vorgehalten, sich 1918 feige auf „den Boden der gegebenen, aber von ihnen nicht verhinderten Tatsachen“ gestellt zu haben. Während die gegen die BVP gerichtete Agitation der Nationalsozialisten vor allem regionale bayerische Bezüge aufwies, wurde das Zen trum von den betont „christlich“ auftretenden Deutsch völkischen beschimpft, mit der Religion „politischen Kuhhandel“ zu treiben. Das hinderte sie vor dem 4. Mai nicht, dem „Juden“ als 408 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ubiquitäres Hauptfeindbild die bekannte Drahtzieher-Rolle zuzuschreiben. Der Antisemitismus war gleichsam konstitutiv für die Wahlpropaganda der DVFP, die jedem Feindbild das pejorative und alles erklärende Beiwort anhängte  – von der „jüdischen Börsenrevolution“ des Novembers 1918 bis hin zu den neuen „jüdischen Zwangsanleihen (Reparationssteuern)“ jetzt im April 19241197. Während sich der Wahlaufruf der DVFP scheinbar differenziert an die Adresse der Beamten, der Arbeiter, aber auch der „deutschen Unternehmer“ und der „deutschen Landwirte“ wandte, dominierte in ihrer Flugblattpropaganda vom Frühjahr 1924 der Versuch, alle „Betrogenen und Wahrheitssuchenden“ unter der Parole der „Einheitsfront des schaffenden, deutschen Volkes“ zu sammeln. Mit dieser Floskel faßte die DVFP alle „Arbeiter und Bürger“, das heißt ausdrücklich auch die Wählerschichten des „werktätigen“ Mittelstands zusammen. Die Suggestion dieser Volksgemeinschafts-Propaganda, auf zielgruppenspezifische Versprechungen verzichten zu können, wurde von der DNVP freilich nicht durchgehalten. Vielmehr umwarben spezifische Flugblätter durchaus einzelne Gruppen des „werktätigen Volkes aller Berufe und Stände“, an erster Stelle die Arbeiter und den Mittelstand in je zehn von 48 Wahlflugblättern1198. Gegenüber den Arbeitern, der am stärksten von ihr umworbenen Berufsgruppe, verließ sich die DVFP im Frühjahr 1924 weitgehend auf die von anderen Parteien entlehnten und als zugkräftig bekannten Schlagworte und Argumentationsmuster. Ohne einzelne Forderungen zu akzentuieren, versprach sie etwa, für eine „weitblickende soziale Gesetzgebung“ einzutreten, wobei der marxistische Klassenkampf ebenso wie das „reaktionäre“ Unternehmertum als der „Todfeind völkischer Erneuerung“ Deutschlands erschien. Vor allem aber sollten der „deutschen Arbeiterschaft der Stirne und der Faust“ die Augen geöffnet werden über den angeblichen Betrug ihres „verdorbenen Führergesindels“1199. Nicht mit „schönen Programmen“, wie es die anderen Parteien versuchten, sondern durch konkrete „Taten“ wurde dem Mittelstand im völkischen Zukunftsstaat umfassender Schutz seiner Belange in Aussicht gestellt. Während das Kleinunternehmertum gegenwärtig die „unerträglichsten Steuern“ aufzubringen habe, sagte die DVFP allen Großunternehmen und Kartellen den Kampf an, um die „Proletarisierung“ des werktätigen Mittelstandes aufzuhalten. Den Bauern hielten ihre Flugblätter bevorzugt das Schreckbild vor, als „moderner Leibeigener des Judentums“ endgültig in dessen 409 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 Zinsknechtschaft zu verelenden. Weil im völkischen Zukunftsstaat der „freie Beamtenstand“ nur dem Volk und nicht einer Partei diene, versprach man den Abbau aller „Novemberbeamten“. An die Adresse der Angestellten gerichtet, versuchte die DVFP die massiven sozialen Ressentiments dieses „Standes“ gegenüber der Arbeiterschaft und dem sozialdemokratischen „Dogma der Gleichmacherei“ zu aktivieren1200. In schärfsten antisemitischen Tönen warb sie gelegentlich sogar um die Stimmen der Frauen, die zu „Hüterinnen der sittlichen Reinheit“ des Volkes stilisiert wurden1201. Indem sie sich von allen Bündnisüberlegungen des „parteipolitisch-parlamentarischen Bonzentums“ von vorn herein abgrenzte, konnte es für die rechtsextreme Fundamentalopposition am 4. Mai nur darum gehen, sich des in den Landtagswahlen 1923/24 gewonnenen Wählereinflusses auf Reichsebene zu vergewissern. Ihre Wahlpropaganda versäumte es aber, aus der Protesthaltung breiter Mittelstandswähler – etwa der Inflationsgeschädigten – durch entsprechend massive Werbeversuche oder Aufwertungsparolen Profit zu schlagen. Auffälligster Bestandteil ihres ausdrücklich keine „Sonderversprechungen“ aufweisenden Programms war eine antisemitische und antibürgerliche Geste gegen das Kapital in Gestalt des „Bankjudentums“, aber auch der von „jüdischer Profitgier“ beherrschten Großunternehmer. Korrespondierend zu der angestrebten Volksgemeinschaft bildeten die Arbeiter und der selbständige Mittelstand die wichtigsten Adres sa ten des DVFP -Wahlkampfes, dessen Hauptfeinde neben dem Marxismus in Gestalt der SPD vor allem die großen „reaktionären“ Rechtsparteien waren. Grundsätzlich wurde bei aller Polemik gegen Versailles und das „feindliche“ Ausland der Bekämpfung des „Systems“ von Weimar Vorrang eingeräumt. Durch diese Prioritätensetzung unterschieden sich die Völkischen von der DNVP, deren Propaganda vor dem 4. Mai mehr Gewicht auf die außenpolitische Antithese zur Weimarer Politik legte. Sonstige Parteien Überschattet von dem sich zuspitzenden „Bruderkampf “ mit dem Reichszentrum und dem verheerenden Ergebnis der Landtagswahlen in den rechtsrheinischen Gebieten Bayerns am 6.  April 1924, nahm die Bayerische Volkspartei erst relativ spät ihre Agitation zur Reichstagswahl auf. Unter der landesspezifischen Aktionsparole „Bayern! Auf zum Kampfe, 410 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik das weiß-blaue Banner voran!“ bot der am 24.  April veröffentlichte Aufruf ihres Landesvorstandes ein populistisches Gemisch aus bayerischen Selbständigkeitsgefühlen und scharf berlinfeindlichen Wendungen, die noch den an sich beigelegten Konflikt zwischen Bayern und dem Reich vom Vorjahr wach zu halten schienen. Alle Parteien seien „verkappte Berliner“ geworden, deren Wahl gleichgesetzt wurde mit dem „Verrat“ an den bayerischen In te res sen, nur die BVP bleibe, was sie immer gewesen sei, die „Hüterin der tausendjährigen Staatlichkeit unserer bayerischen Heimat“. Selbst das traditionelle Marxismus-Feindbild verblasste hinter dem mit dem Stichwort „Berlin“ versinnbildlichten Zentralismus. Vor allem wanderten, so das schlagkräftigste Argument der BVP im Frühjahr 1924, die „Steuergroschen“ Bayerns nach Berlin, um dort nach dem „Diktat allmächtiger Parteien“ verschwendet zu werden. War somit ihre innenpolitische Parole klar, strebten die Bayern außenpolitisch im Sinne einer deutschen „Wiedergeburt in alter Kraft und Würde“ die Beseitigung des „Schandvertrags von Versailles“ sowie der „unerhörten Lüge“ einer deutschen Kriegsschuld an. Dazu müsse der Kampf gegen den „Missbrauch des nationalen Gedankens“ sowie gegen alle aufgenommen werden, die ein „gottloses Neuheidentum“ verträten. Die BVP versprach einzutreten für eine „konservative Staatspolitik im besten Sinne des Wortes, für ein starkes Bayern in einem starkem Reich“. Um dem Vorwurf des Separatismus vorzubeugen, unterstrich sie ihre Rolle als „treue Dienerin“ am „großen deutschen Vaterland“ mit dem Bekenntnis: „Deutschland, Deutschland über alles! Gott mit Dir, Du Land der Bayern!“1202 Aktueller Hauptgegner der BVP im Frühjahr 1924 waren neben dem Zen trum aus besonderem Anlass die Rechtsextremen, die am 6.  April in Bayern sensationelle Gewinne verbuchten. Gegen die Nationalsozialisten thematisierte die BVP stereotyp, dass einer ihrer Führer, der ehemalige Münchener Polizeipräsident Erich Pöhner, im Hitler-Prozess vor dem Volksgericht zugeben habe müssen, bei dem Putschversuch vom November 1923 nicht an die Folgen für die bayerische Heimat gedacht zu haben, und getönt habe: „Bayern ist mir wurscht!“1203 Solche „Verräter am Bayernlande“ auch noch als bayerische Reichstagsabgeordnete nach Berlin zu schicken, hieße den Bock zum Gärtner zu machen, warnte die BVP ihre Wähler vor der „großpreußischen Begehrlichkeit“ der DVFP. Gegen das Zen trum im Reich wandte die BVP vor allem ein, unter dem Einfluss Erzbergers und Wirths „linkshörig“ geworden zu sein. Gegen die verhasste Weimarer Re pu blik insgesamt gerichtet war das de- 411 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 monstrative Bekenntnis zur „weiß-blauen“ Fahne der Wittelsbacher, unter der sich die BVP vor dem 4. Mai als die „einzige wirkliche bayerische Partei“ präsentierte1204. Ebenso eine Regionalpartei wie die BVP, hatte die Deutsch-Hannoversche Partei, deren Wirkungsgebiet sich auf Niedersachsen beschränkte und deren oberstes Ziel die Wiederherstellung der Selbständigkeit Hannovers war, dank des Wahlrechts im Juni 1920 immerhin fünf Reichstagsmandate erringen können. Unter regional akzentuierten Parolen propagierte sie im Stammland des ehemaligen Königreichs vor dem 4. Mai 1924 einen monarchistisch-antipreußischen Partikularismus. Der am 1.  April veröffentlichte Wahlaufruf ihres Direktoriums war adres siert an alle „Hannoveraner“ und von landespolitischen Themen wie vor allem der bevorstehenden Abstimmung über die Loslösung Hannovers aus dem preußischen Staatenverband beherrscht – Anlass für die DHP, den endgültigen völligen Bankrott des „großpreußischen Zentralismus“ sowie des „Berliner Parlamentarismus“ zu verkünden. Nur die von ihr geforderte Reichsreform – „starke kräftige Reichsgewalt, getragen von der freiwilligen Einordnung lebenskräftiger Stammesstaaten“, so deren Formel – öffne auch das „Tor zu außenpolitischer Freiheit“ Deutschlands und erschließe die „Quellen politischer und wirtschaftlicher Gesundung“ im Innern. Weil es die DHP ausdrücklich ablehnte, in den „Kampf der Parteien“ vor der Reichstagswahl einzugreifen, fehlten ihrer Wahlpropaganda darüber hinaus jegliche tages- beziehungsweise reichspolitischen Bezüge1205. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte nahm im Mai 1924 die Deutsche Wirtschafts-Partei für Handel und Gewerbe, Handwerk, Hausund Grundbesitz und den gesamten Mittelstand, kurz Wirtschaftspartei, ein Zusammenschluss von in erster Linie preußischen Mit tel standsgruppen, selbständig an Reichstagswahlen teil. Ihr Wahlaufruf besaß trotz langatmiger Programmerklärungen die unmissverständliche Botschaft, dass der deutsche Mittelstand seit 1918 durch eine falsche Steuer- und Wirtschaftspolitik des Staates zwischen den „beiden gefräßigen Ungeheuern unserer Zeit, dem Großkapitalismus auf der einen und dem Sozialismus auf der anderen Seite“ mit Vernichtung bedroht werde, wenn er sich nicht in letzter Stunde entschließe, ein selbständiger politischer Machtfaktor zu werden: „Deutscher Mittelstand, mache dich frei durch deine eigene Wirtschaftspartei!“ Zu aktuellen Entwicklungen der deutschen Innen- oder Außenpolitik äußerte sich die WP vor dem 4. Mai nur 412 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sporadisch, sieht man von der polemischen Kritik an der Weimarer „Zwangs- und Misswirtschaft“ ab. Als Vertreterin des „bodenständigen Bürgertums“ sei für sie der Kampf gegen Versailles und die „Kriegsschuldlüge“ allerdings selbstverständlich auch ein Kampf für die völkisch-nationale Erneuerung unter der Parole „Deutschland den Deutschen“1206. Die Wahlpropaganda der WP vom Frühjahr 1924 besaß infolge ihrer erstmaligen reichsweiten Bewerbung vor allem aufklärerischen Charakter über das Parteiprofil. Ihre Kandidaten wurden dabei als „Männer der praktischen Arbeit“ vorgestellt, die sich angesichts der „Unfruchtbarkeit“ des parlamentarischen Systems sowie der Weimarer „Partei- und Günstlingswirtschaft“ durch uneigennützigen Aufbauwillen zum Wohle der Volksgemeinschaft empföhlen. Obwohl ihr Sammelruf an die „Bürger aller Stände und Schichten“ erging, war die Flugblattpropaganda der WP im Frühjahr 1924 deutlich auf die mittelständischen Wählergruppen zugeschnitten. Als deren „Standesvertretung“ stellte sie sich jetzt trotz der von den großen bürgerlichen Parteien verbreiteten Warnungen und ihrem „Märchen der Zersplitterung“ zur Wahl1207. Eine ähnlich „berufsständische“ Tendenz in der Reichspolitik verkörperte der mit der WP verbundene Bayerische Bauern- und Mittelstandsbund, der mit klaren regionalen Schwerpunkten agrarprotektionistisch orientiert war, aber eine etwas freundlichere Haltung zur Re pu blik einnahm als die stark rechtslastige WP. In seinem Wahlaufruf zum 4. Mai 1924 schlug der Bund den gleichen interessenpolitischen Grundakkord an und forderte den Mittelstand in Stadt und Land „in letzter Stunde“ zur Sammlung auf. Unter der Parole „Nicht weitere Belastung, sondern Entlastung!“ präsentierte er an der Spitze seiner spezifischen Bauernforderungen die Einführung von Schutzzöllen sowie den Abbau der Steuerlasten für die Landwirtschaft, während die Aufwertungsgesetze der dritten Steuernotverordnung als „unmoralisch, unsittlich und eines christlichen Staates unwürdig“ verurteilt wurden. Der Mittelstand sollte sich angesichts der „geschlossenen Riesenmacht des Großkapitals“ und der „Einheit der Arbeiterschaft“ von den alten Parteien lösen, von denen er mit „leeren Versprechungen“ jahrelang betrogen worden sei: „Am 4. Mai soll Mobilmachungstag des Mittelstandes sein!“1208 Die Parolen der extrem antisemitischen Deutsch-Sozialen Partei unter Führung von Richard Kunze, der sich bereits 1921 von der DNVP 413 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 getrennt hatte, war ganz auf das Ziel abgestimmt, die angebliche „jüdische Vorherrschaft“ in Deutschland zu beseitigen. Kunzes Wahlaufruf zum 4. Mai schlug unter der bereits bekannten Losung „Deutschland den Deutschen!“ konkret vor, wie die Juden am schnellsten aus dem Reich zu vertreiben seien: In angeblicher Übereinstimmung mit den „Zionisten (völkische Juden)“ sollte ein „besonderes Staatsgebiet an die jüdische Nation“ gegeben werden. Unter dem Ruf „Fort mit aller Korruption“ propagierte die DSP im Innern vor allem den Kampf gegen die „Herrschaft des Geldsacks“, dessen Vertreter bei allen „alten, überlebten“ Parteien, von den Kommunisten bis zur DNVP, das Sagen hätten und vor allem für die „lange Dauer des Papiergeldschwindels“ verantwortlich seien. Außenpolitisch befand sich die DSP im Frühjahr 1924 ganz auf der Linie der großen rechtsoppositionellen Parteien, deren Hassparolen gegen Versailles sie um die Nuance verschärfte, dass das Reich keine weiteren Reparationen mehr zahlen solle1209. Als eine aus den Inflationswirren entstandene Formation erhoffte sich auch die Deutsche Arbeitnehmer-Partei, kurz Darpa genannt, im Frühjahr 1924 von den antire pu bli ka nischen Stimmungen zu profitieren. Ihr Wahlaufruf zum 4. Mai war trotz verfassungstreuer Grundhaltung eine einzige Anklage gegen das „furchtbare Elend“ Weimars, vom „Hungern und Sterben von Frauen, Kindern, Greisen“, über den „Raub der 20 Milliarden Spareinlagen des kleinen Mannes“ bis hin zu den „erdrückenden Steuern und der Steuerfreiheit der Reichen“. Mit antikapitalistischen Parolen wollte die Darpa neben den Arbeitnehmern auch die von Proletarisierung bedrohten Wählerschichten der Kleingewerbetreibenden und der freien Berufe mobilisieren1210. Die Vielzahl der kleineren Parteien und Sondervertretungen, die im Frühjahr 1924 dank der Unzufriedenheit in der Bevölkerung gediehen und sich trotz fehlender flächendeckender Organisation zur Reichstagswahl stellten, war ein Zeichen des Protestes gegen bestehende oder empfundene Missstände. Ihre interessenspezifisch formulierten Wahlprogramme versuchten aus den wirtschaftlichen Zukunftssorgen und sozialen Ängsten breiter Wählerschichten Kapital zu schlagen. Dazu wandten sie sich unter bewusster Abkehr von dem Volksgemeinschafts- Konzept der großen bürgerlichen Parteien an die einzelnen Berufsgruppen und ihre jeweils „besondere Not“. Allen diesen In te res sen- und Regionalparteien war aus dem gleichen Grund auch die Frontstellung gegen die „alten“ Parteien und ihre Misswirtschaft gemein. Die Umverteilungs- 414 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik prozesse der Inflation waren ihnen Anlass, das „schreiende Unrecht“ der Geldentwertung hervorzuheben, das sich in der die „Inflationsgewinnler“ begünstigenden Aufwertungsgesetzgebung fortsetze. Ihre Wahlpropaganda vom Frühjahr 1924 erhielt dadurch eine ausgesprochen antikapitalistische Note gegen das je nach Bedarf antisemitisch eingefärbte „Großkapital“, selbst bei Parteien wie der WP, die felsenfest auf dem Boden des Privateigentums standen. Für eine Regierungskoalition im Reich kamen die Regional- und In te res senparteien mit Ausnahme der BVP wegen ihrer extremen Parolen von vornherein nicht in Betracht. Wahlergebnis und Zusammenfassung Im rückblickenden Urteil Carl Severings hat es keinen Wahlkampf in der Weimarer Re pu blik gegeben, der „mit einem solchen Hass von Demagogie und Verlogenheit“ geführt worden sei wie der vor dem 4. Mai 1924. Für den Sozialdemokraten lieferte er in erschreckender Deutlichkeit den Beweis, wie sehr die demokratische Erziehung der Deutschen noch „in den primitivsten Anfängen“ stecke1211. Im Ergebnis fügten die Reichstagswahlen vom Mai 1924 den seit 1918 regierenden Parteien der gemäßigten Linken und der Mitte – mit Ausnahme des Zen trums – ihre bislang schwerste Niederlage zu und bescherten vor allem der verfassungsoppositionellen Rechten einen überwältigenden Erfolg. Die Abwanderung der durch die Inflation traumatisierten Mittelstandswähler sowie vor allem der starke Rechtsruck auf Kosten der Liberalen waren deutliche Anzeichen zunehmender interessenpolitischer Segmentierung und Polarisierung der politischen Kultur. Die „sonstigen“ Regional- und In te res senparteien konnten bei einer gegenüber der letzten Reichstagswahl vom Juni 1920 leicht gesunkenen Wahlbeteiligung von 77,4 Prozent ihre Anteile fast verdreifachen und mit über 2,5 Millionen (8,6 %) zusammen bereits mehr Stimmen auf sich vereinigen als die DDP. Von den mittelständischen und agrarischen „Splitter“gruppen erhielten der DNVP-nahe Landbund sowie die WP mit jeweils knapp 2 Prozent der Stimmen den Löwenanteil. Die Demokraten büßten dagegen ein Drittel ihrer Wähler von 1920 ein und erhielten mit nun 5,7 Prozent nur noch 28 statt vorher 39 Sitze im Reichstag. Gleich hohe Verluste hatte die Partei des Außenministers, die DVP, zu verzeichnen. Statt den 13,9 Prozent von 1920 entfielen nur noch 9,2 Prozent der Stimmen auf die Stresemann- 415 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 sche Volkspartei, das waren noch 45 von insgesamt 472 Reichstagsmandaten. Die Deutschnationalen erzielten am 4. Mai 1924 den größten Wahlerfolg in ihrer bisherigen Geschichte und konnten ihren Stimmenanteil gegenüber 1920 um fast ein Viertel auf nun 19,5 Prozent steigern. 96 Mandate machten die DNVP mithilfe der zehn Abgeordneten des Landbunds erstmals vor den Sozialdemokraten zur stärksten Reichstagsfraktion. Auf der äußersten Rechten erreichte das Wahlbündnis von DVFP und Nationalsozialisten auf Anhieb 1,9 Millionen oder 6,5 Prozent der Stimmen. Das waren 32 Sitze anstelle der bisher drei völkischen Reichstagsabgeordneten, die den Triumph für das antire pu bli ka nische Lager am 4. Mai vervollständigten. Obwohl in einigen Teilen des Reiches wie dem evangelischen Ostelbien Zusammenhänge zwischen Verlusten der SPD und den Gewinnen der Rechtsparteien bestehen, kam der Hauptteil ihrer neuen Anhänger nicht aus der Arbeiterschaft, sondern von den selbständigen und unselbständigen Mittelschichten, die in der Inflationszeit das Vertrauen zu den bürgerlichen Regierungsparteien verloren hatten. Angesichts der Sparpolitik von Reichskanzler Marx und den an der Aufwertungsfrage eher unin te res sierten Linksparteien erschienen die Deutsch nationalen breiten Mittelstandsschichten als „einzige Protestpartei gegen Revolution, Inflation und nationale Misere“, die ihnen zugleich auch parlamentarische In te res senvertretung versprach1212. Auf der anderen Seite des parteipolitischen Spek trums profitierte vor allem die KPD von der Spaltung der USPD sowie der Unzufriedenheit in weiten Teilen der In dus triearbeiterschaft und versechsfachte ihre Anteile auf nun 12,6 Prozent der Stimmen (knapp 3,7 Millionen) – ein Ergebnis, das sie erstmals auf Reichsebene zur Massenpartei machte. Die Führung der KPD kritisierte zwar die teilweise falsche Stoßrichtung ihres Wahlkampfes, insofern die Völkischen „nicht annähernd so stark“ geworden seien, wie ursprünglich angenommen. Doch sei sie nun zur „Partei des Proletariats“ geworden, was den 4. Mai zu einem bedeutungsvollen Sieg der KPD mache. Insgesamt aber schrumpfte das „sozialistische Lager“ im Mai 1924 gegenüber den letzten Reichstagswahlen um zwei Millionen Stimmen und vereinigte nur noch ein Drittel der Wähler hinter sich. Die wiedervereinigte SPD hatte katastrophale Verluste hinzunehmen und erreichte noch nicht einmal das Ergebnis der Mehrheitssozialdemokraten vom Juni 1920. Statt den damaligen 21,7 Prozent und 102 Mandate, zu denen 69 ehemalige USPD-Abgeordnete hinzugekommen waren, bedeuteten 20,5 Prozent der Stimmen nur noch 100 416 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Mandate im Reichstag vom 4. Mai 19241213. Während die BVP fast 20 Prozent ihrer Stimmen abgab und reichsweit nur noch 3,2 Prozent errang, konnte aus dem unter starkem innenpolitischen Druck stehenden Regierungslager einzig das Zen trum seine Anteile wenn auch knapp halten. Ihre am 4. Mai erzielten 13,4 Prozent brachten der Partei des Reichskanzlers sogar wegen der absolut höheren Zahl der Wahlbeteiligten ein weiteres Mandat zu den bisherigen 64 Sitzen. Dieses von der Parteipresse als Sieg über die radikalen Parteien gefeierte Ergebnis beweist nach Karsten Ruppert, dass das Wahlverhalten der Katholiken auch in Krisenzeiten „mehr von kollektiven Wertvorstellungen als von individuellen In te res sen“ bestimmt werde1214. Nach Ansicht des liberalen und der DDP nahestehenden Publizisten Julius Steinberg war der Wahlkampf im Mai 1924 hauptsächlich von „gefühlsmäßigen Faktoren“ entschieden worden, wobei Deutschvölkische und Deutschnationale von dem „furor teutonicus“ über Versailles und französisches Besatzungsregime profitierten, der sich in dem „nationalistischen Stimmzettel“ Luft verschafft habe. Während Steinberg das Anwachsen der KPD mit dem „wirtschaftlichen Elend“ und die Unerschütterlichkeit des Zen trums mit der katholischen Religion erklärte, deren „unzerstörbare Wurzeln im Gefühlsleben breitester Volksschichten“ verankert seien, hätten die Rechtsparteien die Wirkung ihrer Agitation zudem durch den „Vorspann des nie versagenden, seit Jahrtausenden bewährten jüdischen Sündenbocks“ verstärkt1215. Dem Phänomen der bis dahin auf nationaler Bühne kaum in Erscheinung getretenen Deutschvölkischen sowie den durch die Ruhrbesetzung angeheizten nationalistischen Stimmungen in der Bevölkerung begegneten die gemäßigten Parteien eher hilflos. Im Einklang mit der sozialdemokratischen Opposition versuchten die Regierungsparteien die neue Verständigungspolitik mit dem „übermächtigen Feindbund“ als realpolitische Notwendigkeit einer „waffenlosen Nation“ und damit wahrhaft nationale „Befreiungspolitik“ vor den Rufen nach einer „starken“ und „aktiven“ Außenpolitik zu verteidigen. Doch selbst die Partei des Außenministers scherte hier aus der gouvernementalen Front aus und grenzte die Politik Stresemanns scharf von der angeblich viel zu nachgiebigen Erfüllungspolitik seiner Vorgänger ab. Das im Wahlkampf ver- öffentlichte Dawesgutachten aktualisierte den außenpolitischen Grundsatzkonflikt zwischen Verständigungsgegnern und -befürwortern über die Mittel zur Revision von Versailles. Die heftige deutschnationale Agi- 417 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 tation gegen den „neuen Sklavenpakt“ war dabei von der gleichen wahltaktischen Überlegung der Gewinnung „national“ eingestellter Protestwähler im Mittelstand motiviert wie der Kampf der KPD gegen Versailles und die „französischen Raubimperialisten“. Von den re pu bli ka nischen Parteien, die durch innenpolitische Gräben getrennt für einen weithin unpopulären Verständigungskurs marschierten, wurde der alliierte Sachverständigenbericht zwar begrüßt, aber als wirksame Gegenpropaganda der innerdeutschen Erfüllungsfront eignete er sich im Wahlkampf zumal vor dem Hintergrund der Ruhrbesetzung nicht. Folgt man Elfi Bendikat und Detlef Lehnert, stellte die einzige mehrheitsfähige Grundhaltung im Frühjahr 1924 jene weitverbreitete „Re publikverdrossenheit“ dar, die bereits den „negativen Konsens“ der antirepu bli ka nischen Sammlung im Zeichen der Weltwirtschaftskrise nach 1929 ankündigte. Während sich der politische Katholizismus in früheren Wahlkämpfen noch ausdrücklich zur „rechten“ beziehungsweise „bürgerlichen“ Bündnisoption bekannt und etwa die nach links koalitionsbereiten Demokraten als „rot-liberale“ Partei abgestempelt hatte, sei bereits im Frühjahr 1924 die wichtigste Frontlinie des Reichstagswahlkampfes gemäß den Verfassungsvoten der Parteien zu ziehen gewesen. Dem „schwarz-rot-goldenen“ Lager von SPD, Zen trum und DDP habe eine „schwarz-weiß-rote“ Front der Rechtsparteien gegenüber gestanden. Beim Übergang von der Nachkriegs- und Inflationskrise zur relativen Stabilisierung hätten die Themen „brauner“, das heißt rechtsradikaler, oder „roter“, das heißt kommunistischer Umsturzversuche, bereits keine Rolle mehr gespielt1216. Dieser Befund kann im Spiegel der Flugblattpropaganda zum 4. Mai 1924 differenziert werden. Wie gezeigt wurde, war der Verfassungsdualismus zwischen re pu bli ka nischem und kaiserlichem Deutschland im Frühjahr 1924 keineswegs so auf der Parteienebene ausgeprägt, wie es das Bild zweier „Lager“ suggerieren mag. Mehr ein Streit um Symbole denn um Inhalte und Machtverhältnisse, fand er im Grunde nur von einer, nämlich der „schwarz-weiß-roten“ Seite her statt, die auf das verklärte Bild einer irgendwie besseren Monarchie bei vielen Wählern spekulierte. Auf der anderen Seite propagierten allein die Demokraten ihre pro-re pu bli ka nische Haltung in vergleichbarem Maße als konstitutiv für ihr Wahlprogramm, während SPD und Zen trum andere Schwerpunkte setzten. Die radikalen Anti-„System“-Parteien wie de rum stellten bewusst alle tagespolitischen Forderungen und Themen hinter ihre fundamen- 418 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik taloppositionellen Generallosungen vom „völkisch-sozialen Staat“ beziehungsweise „Sowjetdeutschland“ zurück. Die Wahlpropaganda der bündnisfähigen Parteien vor dem 4. Mai orientierte sich in erster Linie an den interessenpolitischen Kontroversen über die aus der Inflations- und Stabilisierungskrise entstandenen Probleme sowie an der damit verknüpften Kurskorrektur in der Außenpolitik des Reiches, das nach dem Fiasko des passiven Widerstandes Ende 1923 zur Erfüllungspolitik zurückkehren musste. Wenn von Seiten der Reichsregierung und ihrer Parteien versucht wurde, den Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 unter außenpolitischen Vorzeichen zu führen, stand dahinter auch das Ziel, von den unpopulären „Opfern“ der Spar- und Sanierungspolitik im Innern abzulenken. Übereinstimmend stilisierten die Koalitionsparteien den 4. Mai daher zur Entscheidung um „Leben und Sterben der deutschen Nation“. In Verknüpfung mit dem Schreckbild einer Rückkehr der Inflation stellte das „Wunder der Rentenmark“ das stärkste Argument der Regierungsparteien dar, um dessen Verdienst sie deshalb heftig untereinander stritten. Die gouvernementale Hauptparole „Durch Arbeit und Opfer zur Freiheit“ erwies sich im nachhinein als wenig geeignet, die Erbitterung breiter Wählerschichten zu glätten und ihnen die positiven Effekte der Stabilisierung- und Verständigungspolitik näher zu bringen1217. Es waren vor allem die außenpolitischen Zwänge, die nach dem 4. Mai 1924 dazu führten, dass sich das Ergebnis der Wahl zunächst nicht in einer veränderten Koalitions- und Regierungsbildung niederschlug. Die Schaffung einer „arbeitsfähigen“ Mehrheitsregierung erwies sich angesichts der Schwächung der politischen Mitte zugunsten der extremen Parteien noch schwieriger als vor der Wahl. Obwohl die DNVP ihren im Wahlkampf betonten Regierungswillen wiederholte und als stärkste Fraktion folgerichtig, aber erfolglos den Auftrag zur Kabinettsbildung von Ebert forderte und sich zudem die DVP für eine rein bürgerliche Mitte- Rechtskoalition stark machte, stieß die Idee des Bürgerblocks bei Zentrum und DDP nach dem 4. Mai zunächst auf wenig Gegenliebe. Mit Blick auf das neue Reparationsgutachten, dessen parlamentarische Beratung im Sommer 1924 bevorstand, wurde allerdings auch über eine „noch größere Koalition“ aller an einer Annahme des Dawesplanes in teres sierten Gruppen spekuliert. Dass sich die DNVP schließlich gemäß dem Kalkül Stresemanns von der unbedingten Opposition lossagte, bildete die Voraussetzung dafür, dass 1924 die Koalitionspolitik im Reich 419 natIonalIsmus In zeIten der krIse – der reIchstagsWahlkampf vom frühjahr 1924 ihren Schwerpunkt in Richtung rechter Bürgerblock-Kabinette verlagerte1218.

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References

Zusammenfassung

Reichstagswahlkämpfe entwickelten sich in den 1920er-Jahren zu wahren „Wahlschlachten“ mit einem bis dahin nicht gekannten Aufwand an Propaganda, Material, Geld und Menschen. Die scharfe Polarisierung in Wort und Bild sowie das hohe Maß an physischer Gewaltanwendung machten die Wahlbewegungen buchstäblich zum „Kriegsschauplatz“. Auch der massive Einsatz neuer, moderner Propagandamittel wie Lautsprecher und Flugzeuge, Schallplatten und Filme, zusammen mit der gegenüber dem Kaiserreich nochmals gesteigerten Verwendung traditioneller Medien wie Flugblättern und Zeitungen, veränderte nach 1918 den Charakter und die öffentliche Wahrnehmung der Reichstagswahlkämpfe. Parallel zum technischen Fortschritt begann in den 1920er-Jahren die „Amerikanisierung“ der Parteipropaganda, die von Zeitgenossen als „Sittenverfall“ beklagt wurde und die – wie auch viele Feindbildstereotype der Weimarer Zeit – die Zeit des Nationalsozialismus überdauerte und nach 1949 der Entpolitisierung von Wahlkämpfen in Deutschland den Weg ebnete.