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Kapitel 6 in:

Dirk Lau

Wahlkämpfe der Weimarer Republik, page 275 - 358

Propaganda und Programme der politischen Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag von 1924 bis 1930

3. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4203-8, ISBN online: 978-3-8288-7193-9, https://doi.org/10.5771/9783828871939-275

Tectum, Baden-Baden
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275 Kapitel 6 „Waffen für den Wahlkampf“ – Die Propagandamittel der Parteien Bereits Anfang der 1930er-Jahre drohte in den Augen von Zeitgenossen die Wahlwerbung alten Stils – Versammlungs- und Demonstrationspropaganda sowie publizistische Medien – fast völlig durch die „modernsten Reklamemittel: Austeilung von Flugzetteln durch Flugzeuge, Verwendung von Luftschreibern, Lichtreklame, Tonfilmbühne“ verdrängt zu werden811. Auf der Betrachtung dieser neuen und als „modern“ eingestuften Propaganda und ihrer Aufnahme durch die Weimarer Parteien liegt der Schwerpunkt dieses Kapitels. Vorauszuschicken ist, dass sich politische Werbung nach 1918 in der Einschätzung und Wahrnehmung durch die Bevölkerung gegenüber der Zeit vor 1914 unterschied. In einer parlamentarischen Massendemokratie wie der Weimarer Re pu blik mussten die nach politischer Machtteilhabe strebenden Parteien, die möglichst viele Wählerstimmen gewinnen wollten, ihrer Werbe- und Agitationsarbeit mehr Bedeutung zuerkennen als früher. Eng mit dem Schock der Niederlage und dem Novembertrauma verknüpft war der weit verbreitete Glaube an die kriegsentscheidende Überlegenheit der alliierten Feindpropaganda. Daraus leitete sich wie de rum ein Glaube an die Omnipotenz oder zumindest hohe Wirkung von Propaganda schlechthin ab, der als charakteristisch für die Weimarer Zeit gelten kann812. Die deutsche Medienlandschaft durchlebte nach 1918 stürmische, zum Teil schon in den letzten Kriegsjahren einsetzende Wandlungsprozesse im Vergleich zu der noch vielfach begrenzten und disziplinierten Öffentlichkeitsstruktur des Kaiserreichs. Der Aufstieg der Presse, die sich in einer heute nicht mehr vorstellbaren Vielfalt ausformte, sowie der Siegeszug neuer Medien wie Film und Rundfunk oder auch der Plakatwerbung prägten die 276 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik politische Kultur der Weimarer Re pu blik. Detlev Lehnert spricht in diesem Zusammenhang von einer „Neuformierung der politischen Öffentlichkeit über massenwirksame Medien“813. Mit den Worten von Eberhard Kolb entstand nach 1918 eine „Populärkultur eigener Art, gekennzeichnet vor allem durch die Ausbildung jener modernen Massenmedien, die seit dieser Zeit nachhaltig das politische, das kulturelle und das Alltagsleben in Deutschland – wie in anderen In dus trie ge sell schaft en – beeinflussen“ konnten814. Während sich elektronische Kommunikationsmedien wie der Rundfunk zu Beginn der 1920-Jahre aber erst noch in der Erprobung befanden, hatten in Konkurrenz zu den Tageszeitungen, deren Auflagenzahlen und sozialer Adres sa tenkreis mit Ausnahme des Lokalanzeiger-Typus begrenzt blieben, Werbemittel wie Flugblätter und Plakate eine im heutigen Fernsehzeitalter verlorengegangene Bedeutung für die Wahlkämpfe der Weimarer Parteien815. Um so auffälliger war die gleichzeitige Geringschätzung dieser publizistischen „Massenware“ vor allem in bürgerlichen Kreisen, wo man auf das traditionelle Medium der Zeitung fixiert blieb und die „Flut der Plakate und Zettel“ ebenso lästig oder bedrohlich empfand wie das Aufkommen neuer Wahlwerbemittel. Anlässlich der Reichstagswahl vom November 1932 widersprach andererseits der Vorwärts dem „weitverbreiteten Irrtum“, dass es sich bei den modernen Propagandamethoden um eine „Errungenschaft unseres technischen Zeitalters“ handle. Jede Zeit habe vielmehr ihre Werbung – ob politisch oder wirtschaftlich – in Einklang mit dem jeweiligen technischen Fortschritt zu bringen versucht. Die Rede von den angeblich „guten alten Zeiten“ vor 1914 sei ebenso falsch wie die von den so genannten „ritterlichen“ Wahlkämpfen der Vergangenheit. Gegenwärtige Wahlpropaganda werde dabei hauptsächlich durch die drei „technischen Errungenschaften“ des Flugzeugs, des Lautsprechers und des Filmes geprägt. Nicht zuletzt an die Adresse der Kritiker ihrer kostspieligen Wahlkampfmethoden gerichtet, die angesichts Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit zunehmend in Frage gestellt wurden, prophezeite das Zentralorgan der SPD im Sommer 1932: „Die Wahlkämpfe der Zukunft werden zum großen Teil von Ingenieuren und Technikern geleitet werden. Vielleicht eröffnen sich hier auch neue, heute noch ungeahnte Be rufs aussich ten“816. Parallel zur Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie zu den Fortschritten auf den Gebieten der Technik und der 277 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Sozialpsychologie vollzog sich in den 1920er-Jahren die Technisierung und damit Modernisierung der Parteipropaganda. Eine Art negative Vorbildfunktion übte dabei für deutsche Wahlkampfstrategen die Entwicklung in den Vereinigten Staaten aus. Die kriegsentscheidende Siegermacht Amerika galt vielen Weimarer Zeitgenossen bei starken Vor behal ten ihrer „minderwertigen“ Kultur gegenüber nicht zuletzt als Heimatland der Propaganda, besser gesagt der kapitalistischen „Reklame“. Die politischen Eliten Weimar-Deutschlands blickten neidvoll bis bewundernd auf die Überlegenheit der amerikanischen Wirtschaft und die scheinbare Modernität der „amerikanischen Ideale“. In allen Bevölkerungsschichten lässt sich darüber hinaus ein Prozess beobachten, der es erlaubt, nachgerade von einer „Amerikanisierung“ des Alltagslebens in der Weimarer Re pu blik zu sprechen. Allerdings blieb diese deutsche Amerika-Begeisterung stets ambivalent und ließ mit Beginn der Weltwirtschaftskrise um 1929/30 auch rasch wieder nach817. 1926 klagte der Verleger Samuel Fischer, dass „der verlorene Krieg und die amerikanische Welle“ die Lebensauffassung der Deutschen und ihren „Geschmack“ verändert hätten818. Technik-Kult und Amerikanismus verschmolzen zu einer vagen Ideologie des Fortschritts, wobei die Technik nicht nur von einer intellektuellen Elite als Befreiungsinstrument und Amerika als Vorbild eines neuen, besseren Lebens gefeiert wurde. Schon vor 1914 hatte sich andererseits im Zusammenhang mit politischen Wahlen die Vorstellung herausgebildet, wonach unter dem Stichwort „Amerikanisierung“ die als negativ empfundenen Begleiterscheinungen einer übermäßigen Propaganda angeprangert wurden. Im Kern zielte diese Kritik auf den angeblich zu mächtigen Einfluss des Geldes bei Wahlen, in denen nicht der beste, sondern der finanzkräftigste und „lauteste“ Bewerber siege. Scharf wurde der damit verknüpfte Niedergang argumentativer Aus ei nan der set zung zugunsten emotionaler und obendrein teurer Massenwerbung verurteilt. Ein im Frühjahr 1924 Aufsehen erregender politischer Bestechungsfall in den Vereinigten Staaten – der „Ölskandal“ – war für die Germania bezeichnenderweise eine „Schlappe des von dem Amerikaner so sehr gepriesenen und auch außerhalb Amerikas oft als nachahmenswert empfohlenen Prinzips ökonomischer Gestaltung der Politik“. Kritisiert wurde, dass sich der Kandidat nach einem kostspieligen Wahlkampf weniger als vom Volke gewählt denn als „Sieger in einem geschäftlichem Kampfe“ fühlen dürfe, der nun an der Regierung auch „geschäftlich günstige Resultate“ abwerfen müsse819. Das 278 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Adjektiv „amerikanisch“ symbolisierte aus bürgerlicher Sicht ein geradezu moralisch verwerfliches Übermaß an Propaganda, an Chaos und politisch-kultureller Unreife, dass es keiner weiteren Erläuterung bedurfte, wenn die Zen trumspresse im Sommer 1930 den wegen seiner Intransigenz und Demagogie unbeliebten DNVP-Führer Hugenberg „als Propagandachef nach dem ‚minder kultivierten‘ Amerika“ schicken wollte820. Die Präsidentenwahlkämpfe in den USA selbst erregten dabei während der zwanziger Jahre weniger wegen ihrer politischen Inhalte oder dem Ergebnis als aufgrund ihrer äußeren Erscheinungsformen das In te res se der deutschen Öffentlichkeit. Der amerikanische Wahlkampf im Herbst 1924 sei völlig von kurzen schlagkräftigen Wahlparolen, den „Slogans“, dominiert und werde bereits mithilfe neuer technischer Werbemittel wie dem Radio geführt. Aus deutscher Sicht beeindruckte, wie die Straßen der großen Städte völlig im Zeichen der Wahlarbeit der Parteien stünden: „Fast alle Häuser haben geflaggt. An jeder Straßenecke begegnet man Rednern der einen oder der anderen Partei. Umzüge, bei denen die Bilder der Kandidaten und bunte Plakate umhergetragen werden, sind an der Tagesordnung“821. Auch der Reichstagswahlkampf werde, schrieb die Rote Fahne Anfang April 1924, an „amerikanischer Reklame“ alles bis dahin Erlebte bei weitem übertreffen. Neben den alten Methoden der Propaganda in Wort und Schrift bedienten sich die Weimarer Parteien „aller technischen Fortschritte und Errungenschaften“. Selbst die „Stätten der Erholung, das Kino, das Varieté, das Theater, die Konzertlokale und endlich auch die neueste Attraktion, der Rundfunk“, stünden im Wahldienst. Der alte Spruch der Polizeipräsidenten: „Die Straße gehört dem Verkehr“ sei längst Lügen gestraft. Die Straße gehöre heute vielmehr den kapitalistischen Parteien, die dem Wähler am Tage auf Plakatsäulen und Reklametafeln sowie bei Nacht mit Lichtreklame und Schattenbildern eintrichterten, was er „als Sklave zur Aufrechterhaltung der Sklaverei zu ‚wählen‘“ habe822. Nach dem Krieg, so klagte Georg Schreiber noch im April 1927, habe sich das Zen trum in der Wahlpropaganda durch die schlechten amerikanischen Vorbilder vom richtigen Weg abbringen lassen und sich von der Massenpropaganda der anderen Parteien anstecken lassen: „Diese Methode läuft da rauf hinaus, dass man den Wahlfonds in Papier umsetzt, Millionen von Flugblättern in den Wind streut usw. Die einzigen Gewinner sind dann die Drucker und Zeitungsverleger, die In te res senten für 279 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Inserate und Plakate“823. Schon der unter neuen demokratischen Bedingungen von allen Seiten äußerst heftig geführte Wahlkampf zur Deutschen Nationalversammlung besaß vor allem in den letzten Tagen vor der Wahl am 19. Januar 1919 für zeitgenössische Beobachter ein „ungewöhnlich amerikanisches Aussehen“, da die Propaganda der Parteien bereits an die Reklame großer Warenhäuser erinnerte. Die Reichshauptstadt sei, schrieb der Korrespondent einer Mainzer Tageszeitung, nicht wieder zu erkennen gewesen, vielmehr habe der Wahlkampf für ein „buntes und neues Schauspiel“ gesorgt: „Die Umzüge mit Musik, mit den Wahlplakaten der Parteien, die gravitätisch durch die Menge schreitenden Reklameträger mit ihren großen Schildern, die dahinsausenden über und über beklebten Autos, aus denen Wahlzettel flogen, alles das ließ eine Wahl erkennen, wie sie in Berlin bisher noch nicht stattgefunden hat“824. Anlässlich des zweiten Präsidentenwahlganges im April 1925 stellte die Germania fest, dass die Propaganda der Parteien nunmehr völlig „amerikanisiert“ sei, wobei neuartige Massenpropaganda die bisher gewohnten Flugblätter fast verdrängt habe. Auf den belebten Plätzen der Stadt seien vielmehr Filme über die Kandidaten sowie überall Fahnen zu sehen, während die Lichtreklame Wahlappelle an den Himmel schriebe825. Wenn auch die „amerikanischen Methoden“ als wenig nachahmenswert, ja unpassend für die deutsche Politik angesehen wurden, gibt es doch genügend Anzeichen dafür, dass die Weimarer Parteien in der Praxis um so mehr an ihre propagandistische Wirksamkeit glaubten. Von Amerika kommend, erlebte Deutschland nach 1918 schließlich einen rasanten Aufschwung der Wirtschaftsreklame, deren psychologisch ausgefeilte Werbemethoden bald auch als vorbildhaft für den politischen Bereich galten. Die zeitgenössische Literatur zur „Reklame-Psychologie“ behauptete in Übereinstimmung mit den nach dem Krieg überall aus dem Boden schießenden Propagandatheoretikern eine methodisch gleiche Intentionalität von politischer Propaganda und „geschäftlicher Reklame“, worunter „die planmäßige Einwirkung auf die menschliche Psyche mit dem Ziel der Herbeiführung einer möglichst hohen Wil lensbereitschaft zum käuflichen Erwerb des Angepriesenen“ verstanden wurde826. Die Übertragung einer solchen Definition auf die Politik sowie die praktische Nutzung von werbepsychologischen Erkenntnissen im Bereich der politischen Werbung lag nahe. 1920 wurde in der Fachzeitschrift „Das Plakat“ gefordert, dass die Parteien für ihre praktische Propaganda 280 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik endlich auf Fachleute und Kenntnisse der Wirtschaftsreklame zurückgreifen sollten. Plädiert wurde für die systematische Zusammenarbeit von Politik, Werbung und Kunst827. Die hier angepeilte Verknüpfung zwischen den Bereichen Parteienpropaganda und Wirtschaftswerbung verwirklichte sich – wie oben im vorangegangenen Kapitel gesehen – jedoch nach 1918 in der Weimarer Re pu blik allenfalls in Ansätzen, zumal die meisten Parteien bestrebt waren, sich von der bloß am „Verkauf “ orientierten Reklame verbal und ideologisch abzugrenzen. Schon ihr Selbstverständnis als Weltanschauungsparteien widersprach der Vorstellung, das Werben um Wählerstimmen rein im ökonomischen Sinne zu begreifen. Die Abneigung dagegen, die eigene politische Idee oder das Programm wie eine Ware zu Markte zu tragen, hielt bei den bürgerlichen Parteien zusammen mit dem Kostenargument Widerstände gegenüber zweckorientierter Massenpropaganda, wie sie in der Geschäftsreklame anzutreffen war, am Leben. In dem Maße aber, in dem gerade die alten Parteien an die Mobilisierungsgrenze der angestammten Wählerklientel stießen und sie sich gezwungenermaßen verstärkt als Volksparteien zu profilieren versuchten, wurden sie auch vor die Frage nach neuen Mitteln und Wegen ihrer Wahlpropaganda gestellt. Diese war jedoch traditionell mit dem „schweren Rüstzeug der Ethik“ beladen, während ihr die „suggestive Phantasie“ und die „Inbrunst der geschäftlichen Reklame“ fehlte, wie der Schriftsteller und Journalist Joseph Roth im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 beobachtete828. Die Ausrichtung der Werbemaßnahmen auf Erwartungen und Gefühlswerte des Pu bli kums, die Bereitstellung eines Symbols, eines Markenzeichens als Identifikationsobjekt, die Methode der „Einhämmerung“ und Vereinfachung in der Werbestrategie für ein Produkt, all das wurde jedoch von der Politik mehr und mehr adaptiert, so dass die Grenzen zwischen wirtschaftlicher und politischer Werbung in der Praxis zusehends undeutlicher wurden. Dass die Weimarer Parteien schließlich ihre Programme wie Zigaretten und Seife angeboten hätten, wie Gerhard Paul schreibt, mag übertrieben formuliert erscheinen829. Vor dem Hintergrund einer florierenden Geschäftsreklame und Propagandaforschung, die es nach 1918 geradezu zur Mode machte, sich mit Fragen der Massenpsychologie zu beschäftigen, faßten aber auch bürgerliche Parteien die Erneuerung ihrer Werbetechniken ins Auge. Die Zusammenarbeit mit reklametechnisch versierten Kräften aus der Wirtschaft oder mit politisch engagierten Künstlern wuchs in dem Maße, in dem zu neuartigen Wer- 281 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen bemitteln gegriffen wurde, da nun nicht nur Druckereien, sondern auch Filmverleihgesellschaften oder Hersteller technischen Geräts und dergleichen mit den Parteien kooperierten830. Gewerbliche Werbeagenturen, deren Dienste nicht billig waren, konnten im Ausnahmefall schon einmal logistische Aufgaben oder die regional begrenzte Führung von Wahlkämpfen übernehmen, sei es, dass die Kandidatur Stresemanns in Oberbayern vor dem 20. Mai 1928 durch den Münchener „Werbeanwalt“ Herbert Engelmann geleitet wurde, sei es, dass die Herstellung von Wahlbroschüren für den Reichsjugendausschuß des Zen trums der „Werbewoche GmbH“ oblag, einer privaten Werbe- und Verkaufsberatung in Berlin831. Die Grenzen zwischen Geschäftsreklame und Wahlpropaganda der Parteien verwischten sich gerade im Anzeigenteil der lokalen Presse, um so mehr, weil hier Partei- und Wahlaufrufe oder Versammlungsankündigungen häufig neben rein gewerblichen Anzeigen plaziert wurden. Verfügte eine Partei in einem Wahlkreis nicht über eigene Zeitungen, war sie auf solch kostspielige Annoncenwerbung angewiesen. Oftmals fand sich auf ein und derselben Seite eine verwirrende Vielzahl von Kästchenpropaganda unterschiedlicher Parteien vermischt mit kommerziellen Kleinanzeigen, amtlichen Verlautbarungen oder Einladungen zu Musikoder Theatervorstellungen. Neben gestalterischen Ähnlichkeiten waren es vor allem die Texte und Slogans der Geschäftsanzeigen, die in Anspielung auf wahlpolitische Gepflogenheiten formuliert waren oder den Stil der Parteien kopierten, mitunter bis zur Persiflage. In der Aufmachung kaum von einem Wahlplakat zu unterscheiden, war etwa die Waschmittelreklame „Frauen! Wählt Persil“, die im Frühjahr 1924 vor den Reichstagswahlen in der regionalen und überregionalen Presse erschien832. So finden sich unzählige Beispiele von Geschäftsanzeigen, die direkt die Werbe- und Bildsprache der Wahlkämpfe aufgriffen und dadurch ihrem Kundenkreis sowohl Witz als auch Aktualität demonstrierten. Andererseits konnten Ideen der gerade hinsichtlich bildlicher Gestaltung innovativen Reklame – ob zufällig oder nicht – in der Parteienwerbung wiederauftauchen. Aus heutiger Sicht frappant ist jedenfalls die Übereinstimmung einer Bildanzeige vom Frühjahr 1924 mit der Fotomontage von John Heartfield für ein Wahlplakat der KPD im Mai 1928. Standen hier die fünf Finger der ausgestreckten Hand Symbol für die durchschlagende Kraft der Liste Nummer 5, hieß es dort zum gleichen Bild: „Fünf Gute Rechner ersetzt/ Eine Brunsviga Rechenmaschine“833. 282 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Während die Vorbereitungen zum Reichstagswahlkampf auf Hochtouren liefen, fragte im Frühjahr 1928 ein Mitarbeiter der IG Farben Berlin in einem Artikel für die wirtschaftsliberale Deutsche Allgemeine Zeitung, wie die Methoden der modernen Werbetechnik besser für die Wahlpropaganda der Parteien nutzbar gemacht werden könnten. Bemerkenswert sei, stellte der Wirtschaftsmann fest, dass diese ihr „Buhlen um die Gunst des Wählers“ bis dahin ohne jedes „werbepsychologische und werbetechnische Verständnis“ praktizierten. Er wollte daher den Parteien die Voraussetzungen erfolgreicher Reklame zeigen, die von ihm als „Vergewaltigung des persönlichen Seelenlebens eines Einzelnen aus wirtschaftlichen, politischen, kulturellen oder religiösen Bestrebungen“ definiert wurde. Dass die Erregung von „Lustgefühlen“ wichtiger sei als der Appell an die Vernunft des Wählers, hätten aber die bisherigen Reichstagswahlkämpfe bestätigt, insofern Versprechungen der Parteien gemeinhin keiner kritischen Nachprüfung unterzogen würden. Erfolgreiche Wahlpropaganda müsse vor allem durch ein Charakteristikum aus der mittlerweile unüberschaubaren Masse von Reklame herausragen. Dazu sollten die Parteien die jeweiligen Hauptgedanken ihres Programmes auf eine möglichst einfache und prägnante Formel zu bringen versuchen. Viel mehr als bisher könnten hierfür auch Symbole, wie etwa Sowjetstern, Hakenkreuz, Schwarz-rot-gold oder Schwarz-weiß-rot nach Vorbild der kaufmännischen Schutzmarke eingesetzt werden. Für die Wirkung jeder Propaganda sei des weiteren wichtig, dass sie den Wähler in einer Situation der „splendid isolation“ anspreche. Die Litfaßsäule werde etwa dann am besten genutzt, wenn sie nur die Plakate einer Partei zeige. Au- ßer im Bereich der Presse fehle es den meisten Werbemitteln der Parteien bislang an einer „rationellen Ausnutzung“. Wahlflugblätter dürften nicht länger in Massen sozusagen wahllos verteilt oder bündelweise aus Autos oder Flugzeugen geworfen werden. Erfolgversprechender sei vielmehr die gezielte Verteilung, vorzugsweise direkt an die jeweiligen Adressa ten oder Haushalte. Ferner müsse die typographische Gestaltung zum Lesen einladen, wobei gutes Papier, Illustrationen und Bilder hervorragende Dienste leisten könnten. Der Text des Flugblattes müsse in der Sprache des Empfängers geschrieben sein, die Wortwahl sich – modern gesprochen – nach dem Idiom der jeweiligen Zielgruppe richten. Gegen- über den unteren sozialen Schichten dürften etwa nur die „gebräuchlichsten Worte der täglichen Umgangssprache“ benutzt werden. Zu überlegen sei auch, wann die Anreden des „Du“ oder des „Ihr“ gegenüber 283 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen welchen Wählergruppen ratsam seien. Wichtiger als das „Was“ der Plakatdarstellung erschien dem Verfasser das „Wie“, weshalb unbedingt ein Künstler damit beauftragt werden solle, auch wenn er nur nach einer von der Partei vorgegebenen Idee arbeite. Der Text des Plakates selbst könne nicht kurz genug sein. Hinsichtlich seines Anschlagortes sei die Ubiquität wichtig – vor öffentlichen Gebäuden, an Bretterzäunen und Werbeautos, in Versammlungslokalen sowie Verkleinerungen in Zeitungen oder auf Flugblättern und Postkarten. Gemäß den reklamepsychologischen Erkenntnissen der „Wiederholungstheorie“ lasse sich größere Wirkung erzielen, wenn nicht 1 000 Plakate an ebenso vielen Stellen, sondern zum Beispiel je drei Plakate an 333 Orten geklebt würden. Neue Medien wie Film und Rundfunk, so die Beobachtung im April 1928, seien bislang trotz ihrer anerkannten Werbemöglichkeiten viel zu wenig genutzt – säßen doch täglich bis zu 200 000 Menschen in den Kinos und ein Vielfaches allein in Berlin vor den Radios. Die umstrittene „Politisierung“ des Rundfunks sah der Autor nicht als Gefahr an, vielmehr würde, eine Gleichbehandlung aller Parteien vorausgesetzt, der direkte Vergleich im Radio anspornend wirken. Weil sie sich des Mittels der psychologischen Suggestion bediene und großen Einfluss auf die öffentliche Meinung ausübe, müsse schließlich der Grundsatz „Wahrheit in der Werbung“ besonders für jede Art von Wahlpropaganda gelten834. Der „Kampf um die Straße“: Versammlungen, De mons tra ti o nen und Revuen Als klassischer Ort von Wahlwerbung vor 1914 dienten Versammlungen den deutschen Parteien sowohl der öffentlichen Selbstdarstellung als auch zur Mobilisierung ihrer Anhängerschaft und der Aus ei nan der setzung mit dem politischen Gegner. Sie waren grundsätzlich für jedermann frei oder gegen ein geringes Eintrittsgeld zugänglich und stellten in den Wahlkämpfen ein Forum der interparteilichen Diskussion sowie der „Aufklärung von Mund zu Mund“ dar. In der Hauptsache von den lokalen Parteiorganisationen veranstaltet, waren die Versammlungen meist in begrenztem, kleinerem Rahmen lockere Zusammenkünfte, bei denen die Wahlrede ebenso wichtig war wie die Aussprache und Debatte. Vor allem die Sozialdemokratie hatte im Kaiserreich von der allerdings allgemein anerkannten Möglichkeit Gebrauch gemacht, in den gegnerischen Versammlungen die direkte Aus ei nan der set zung zu suchen. 284 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Die Versammlung blieb auch in der Weimarer Re pu blik das mit Abstand wichtigste Instrument der Wahlpropaganda der Parteien. Gerade auf dem mit politischen Veranstaltungen nicht eben gesegneten Land und in den Dörfern bildeten die meist sonntäglichen Versammlungen oftmals neben der Presse den einzigen Wahlkampf835. Auffälligste Veränderung im Versammlungsstil nach 1918 stellt aus heutiger Sicht neben einer neuen und bis dahin auch in den Städten unbekannten Massenhaftigkeit – wofür größere Veranstaltungsstätten wie der Berliner Sportpalast standen – der parallele Verlust des ursprünglichen Diskussionscharakters dar. Nachdem das Werbemittel der Versammlung Mitte der 1920er-Jahre infolge von Wahlmüdigkeit, schlechtem Besuch und Technisierung der Wahlkämpfe bereits für überlebt erklärt worden war, ließ sich ab 1929 im Zusammenhang mit dem Aufstieg der NSDAP eine Art Renaissance der Versammlungspropaganda beobachten. Nicht zuletzt als Reaktion auf die sich nach 1918 häufenden Störaktionen des politischen Gegners wurde zugleich ihre äußere Gestalt immer mehr vorher festgelegten Regeln unterworfen. Zugleich entwickelten sich die Massenveranstaltungen, die auf ein möglichst breites Publikum zielten und schon allein durch ihre Organisation der Imagepflege dienten, zur wenn nicht wichtigsten, so doch auffälligsten Form der Versammlungspropaganda. Sie erhielten ein künstlerisches Rahmenprogramm, das bald die Wahlrede des Kandidaten oder die politische Debatte in den Hintergrund drängte. Anfang der dreißiger Jahre stellte der Publizist Emil Dovifat fest, dass die Wahlversammlung ihre „alten demokratischen Formen“ bereits nahezu völlig verloren habe. An deren Stelle seien die Prinzipien militärischer Geschlossenheit und disziplinierter Aufführung getreten: „Es spricht ein umjubelter Redner, und die Opposition, wenn sie nicht schweigt, fliegt raus; weniger übrigens auf Wunsch der Leitung als durch spontanen Akt der suggestiv gepackten Masse“. Diese werde durch gezielt eingesetzte dramatische Mittel in eine Art von Gruppenhypnose versetzt: „Sprechchöre, im Takt gerufene Schlachtrufe, gleiche Grußgesten und ähnliches faszinieren durch ihren Rhythmus, der wie de rum innerlich die Masse um so fester zu sam menschweißt“836. Solche Kritik hatte vor allem die Versammlungen der NSDAP vor Augen, die sich von ihrem Volksfestcharakter zu ritualisierten Selbstinszenierungen entwickelt hatten und für ihre Wahlkämpfe während des Aufstiegs zur Massenpartei nach 1929 als emotionales Gemeinschaftser- 285 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen lebnis unverzichtbar wurden. Die auf ein Minimum reduzierte oder völlig weggelassene Diskussion mit dem politischen Gegner besaß weit gehend nur noch Showcharakter. Die Wertschätzung für solche Kundgebungen entsprach dem Bild des „autoritativen Redners“ als wichtigsten „Propagandisten der nationalsozialistischen Idee“837. Im Verlust des Diskussionscharakters durch den Versammlungsstil der NSDAP sahen bürgerliche Parteienvertreter durchweg eine Zweckentfremdung, ja „Entartung“ des traditionellen Werbemittels. Anfang September 1930, auf dem Höhepunkt des Reichstagswahlkampfes, setzte sich die Frankfurter Zeitung vor diesem Hintergrund mit der „Wahlversammlung von heute“ auseinander. In den letzten Reichstagswahlkämpfen schien, war dort zu lesen, die Versammlungspropaganda an „allgemeiner Entkräftung“ zugrundezugehen. Was sich noch Wahlversammlung genannt habe, sei in Wirklichkeit meist nichts anderes als eine schlecht besuchte „Zusammenkunft von Gleichgesinnten“. Solche Versammlungen hätten ihren ursprünglichen Sinn und Zweck verloren, nämlich um die Stimmen Andersdenkender zu werben und die Gegner in der Debatte zu überzeugen. Erschienen von vornherein nur gleichgesinnte Parteianhänger, verwundere nicht, dass der Besuch nachlasse und schließlich über ihre Abschaffung „einfach mangels Beteiligung“ nachgedacht werde. Vor diesem Schicksal sei die Wahlversammlung aber durch die NSDAP bewahrt worden, in deren Versammlungen wieder Tausende strömten, um sich „berauschen“ zu lassen, weil dort immer „Betrieb“ herrsche. In Wahrheit schalte diese Versammlungstechnik aber die „lebendige Konfrontierung der verschiedenen Parteimeinungen in Rede und Gegenrede, in einer ernsthaft gemeinten und fair durchgeführten Diskussion“ aus. Die systematischen Störaktionen der NSDAP hätten überdies den schlimmen Effekt, dass auch andere Weimarer Parteien ihre Versammlungen mittels Saalschutz und „eiserner Disziplin“ abzuschotten versuchten. Um der echten Wahlversammlung wieder zu neuem Leben zu verhelfen, gab die Frankfurter Zeitung allen Parteien den Rat, weniger autoritär auf Störungen zu reagieren, andererseits aber jede Gewalt rechtzeitig zu unterdrücken838. Solche Plädoyers für den Versammlungsstil alten Zuschnitts unterschlugen meistens, dass schon vor 1929/30 im bürgerlichen Lager selbst Abkehrtendenzen von den traditionellen Formen zu beobachten waren. In den Wahlkampfrichtlinien des Reichsblocks für die Kandidatur Hindenburgs war etwa bereits 1925 zu lesen, dass Versammlungen nicht in 286 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik der bei den Reichstagswahlen üblichen Form aufzuziehen seien, sondern „in der Form grosser Kundgebungen“, bei denen die Aussprache mit dem Gegner überflüssig erschien. Ausdrücklich wurden die Organisationen angewiesen: „Diskussionen sollen möglichst verhütet werden, damit der Wahlkampf nicht in ein politisches Gezänk über irgendwelche Tagesfragen“ ausarte. Am besten lasse sich dies durch Musikkapellen erreichen, die mit „stimmungsvollen Märschen“ die Versammlung einleiteten und mit dem Deutschlandlied endeten839. Im Namen der DDP, für die Versammlungen nach 1918 das wichtigste Instrument der Wahlpropaganda blieben, plädierte ihr Vorsitzender Erich Koch-Weser bereits 1924 angesichts einer allgemeinen „Verflachung der Diskussion“ dafür, den nach „althergebrachter Regel ablaufenden Versammlungsbetrieb“ umzustellen. Teilnehmer, die nur „papageimäßig“ Vorwürfe gegen die Partei des Hauptredners wiederholten, dürften, obwohl leicht abzufertigen, nicht länger geduldet werden. Noch im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 wurden in der DDP aber unterschiedliche Erfahrungen darüber gemacht, ob die herkömmliche „Diskussionsversammlung“ oder die „Kundgebung“ neuen Stils und ohne freie Aussprache wirksamer beziehungsweise vorzuziehen sei. So berichtete die Parteizen tra le der DDP von Versammlungen, in denen gerade durch die Diskussion der Eindruck der Kandidatenrede noch vertieft worden sei840. Vor dem Hintergrund der Umwandlung zur DStP entschieden sich aber auch die Demokraten im Sommer 1930 für die neue Versammlungstechnik. Nunmehr galt die Auffassung, dass „der Stil des heutigen Wahlkampfes in höherem Maße die öffentliche Kundgebung als die Versammlung mit Diskussion“ erfordere. Die Wirkung der eigenen Kandidaten sei ungleich stärker in den mit „feierlichem Rahmen“ ausgestatteten Kundgebungen, wenn sich keine gegnerischen Redner zu Wort melden dürften. Mustergültig illustrierte die DStP-Führung, wie solche Versammlungspropaganda vorzubereiten sei. Außer mit Einladungen an alle Mitglieder und mehreren Notizen in der lokalen Presse müsse zwei oder drei Tage vorher mit Zeitungsanzeigen und Plakatanschlägen für die Versammlung geworben werden – bislang ein besonders trostloses Kapitel, weil diese Arbeit oft ohne Beachtung der „einfachsten reklametechnischen Regeln“ geschehen sei. Schließlich wurde die Zweckmäßigkeit eines Eintrittsgeldes in Frage gestellt: Eine Versammlung, für die 500 ohnehin überzeugte Anhänger je eine Mark bezahlten, werde zwecklos, wenn dadurch 1 000 „Unpolitische“ abgeschreckt würden841. 287 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Neben den allgemeinen Wahlversammlungen waren alle Weimarer Parteien schon früh bestrebt, ihre Versammlungspropaganda sozial- und adressatenspezifisch zu diversifizieren und etwa spezielle „Standes“-Versammlungen für einzelne Berufsgruppen durchzuführen. Arbeitnehmer, Beamte, Gewerbetreibende, Hausangestellte, Frauen, Sportler, Inflationsgeschädigte und Jungwähler – fast jede soziale Gruppe wurde in den Wahlkämpfen zu exklusiven und thematisch auf sie zugeschnittenen Versammlungen gerufen. Ein Versammlungsplan der Berliner DNVP sah etwa im Frühjahr 1928 außer einer „großen nationalen Kundgebung“ im Sportpalast spezielle Frauen- und Berufsgruppenversammlungen bis hin zu Kleinrentner-Nachmittagen vor842. Auch die großen Massenkundgebungen wurden so aufgebaut, dass nach einem Hauptredner, der in der Regel das allgemeinpolitische Referat hielt, die Vertreter der Sonderorganisationen oder einzelner Berufsgruppen zu spezifischen Themen sprachen. Als Voraussetzung für den Erfolg jeder Versammlungspropaganda erklärte das Zen trum im Frühjahr 1928 neben einer guten Vorbereitung zudem die Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse. Wichtig sei, über die Versammlungen kurze Berichte in den Lokalzeitungen erscheinen zu lassen, was auch die Stimmung der Anhänger stärke. Die im Frühjahr 1928 überall anzutreffenden rückläufigen Besucherzahlen veranlassten die Partei im übrigen zu intensivierter Flugblatt- und Hausagitation nach dem Motto: „Wir müssen an die Wähler herankommen; kommen sie nicht zu uns, dann kommen wir zu ihnen ins Haus“843. Aber auch das Zen trum paßte seine Versammlungspropaganda den mit Aufstieg der NSDAP und Ausbruch der Wirtschaftskrise veränderten Verhältnissen an. So empfahl das Reichsgeneralsekretariat in seinen Richtlinien vom Sommer 1930, Versammlungen mit Diskussion nach Möglichkeit nur noch als „geschlossene“ Parteiveranstaltung durchzuführen. Zudem sei mittlerweile die Organisation eines Saalschutzes unabänderlich geworden, wozu verstärkt die Jugendverbände des Zen trums herangezogen werden sollten. Diese stünden auch für die an Bedeutung gewinnende „äußere Ausstattung“ der Versammlungen mittels Musik und Gesang zur Verfügung844. Auf Seiten der bürgerlichen Rechtsparteien vollzog sich der Abschied von der Diskussionsversammlung alten Stils reibungsloser und früher als bei den Mitteparteien. Damit die öffentlichen Wahlversammlungen der Partei nicht zum „Tummelplatz“ der Gegner würden, plädierte der Dortmunder DVP-Generalsekretär Koester schon 1921 für eine „energi- 288 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sche Versammlungsleitung“. Weil politische Gegner ohnehin nicht überzeugt werden könnten, solle in den Wahlversammlungen allein um die politisch noch Unentschlossenen geworben werden845. Gemäß den Richtlinien der DNVP für den Wahlkampf im Herbst 1924 hatten die Versammlungen der Partei mit einem von den Vaterländischen Verbänden organisierten Saalschutz und möglichst ohne Diskussion stattzufinden. Dazu wurde empfohlen, im Anschluss an die Rede des Kandidaten sofort das Deutschlandlied singen zu lassen, um so eventuelle Wortmeldungen im Gesang zu ersticken. Sei eine Diskussion dennoch nicht zu vermeiden, müsse die Redezeit möglichst auf 5 bis 10 Minuten beschränkt und gleichzeitig dafür gesorgt werden, dass zwischen den gegnerischen Rednern stets ein eigener zu Wort komme846. In der Praxis sah das laut einem Bericht des Vorwärts so aus, dass der Versammlungsleiter der DNVP zwar fünf Minuten zur Aussprache „kommandierte“, aber vorher abgesprochen worden sei, dass sobald der erste Diskussionsredner das Wort erhielt, ihm „planmäßig eingestelltes Gebrüll“ antworte847. Aber auch die SPD ergriff Maßnahmen dagegen, dass ihre Wahlversammlungen als „Diskutierklubs“ von denjenigen missbraucht würden, die aus eigener Kraft keine Versammlungen zustande brächten. Insbesondere die Kommunisten versuchten, als „Parasiten“ von der Organisationsarbeit der SPD zu profitieren, während es in ihren eigenen Versammlungen ohnehin keine Diskussion gebe. Von der vorherigen Ankündigung einer „freien Aussprache“ sei daher abzusehen, vielmehr habe die jeweilige Versammlungsleitung über deren Zweckmäßigkeit zu entscheiden. In jedem Fall solle die Redezeit kontingentiert und strikt auf zehn Minuten begrenzt werden848. Neben solchen Bemühungen, die Versammlungen von gegnerischen Störungsaktionen freizuhalten, suchte gerade die Weimarer SPD nach neuen Formen der Versammlungspropaganda. Auf dem Land habe sich etwa die „Arbeitstechnik“ des Reichsbanners bewährt, da „Disziplin, Rhythmus, Farbe, Musik, diese Elemente des Begriffs der geformten Masse“, dort, weil ungewohnt, noch stärker wirkten „als im Getriebe der Städte“849. Als sehr wirksam, auch auf dem Land, beschrieb der Wahlkampfbericht des Parteivorstandes vom Frühjahr 1928 die Unterstützung durch Radfahrerkolonnen. Gruppen von acht bis zehn Radfahrern fuhren dabei in ein Dorf ihres Kreises, verteilten dort Werbematerial der SPD und luden zu einer sofort beginnenden Wahlversammlung. Währenddessen fahren einige bereits wieder zum nächsten Ort und laden 289 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen auch dort zu einer Versammlung ein. So sei es im Bezirk Mittelschlesien möglich gewesen, an einem Tag mit nur sieben Rednern nicht weniger als 38 Versammlungen in kleineren Ortschaften abzuhalten850. Bei seiner Kritik der SPD-Propaganda klagte Carlo Mierendorff, dass die Versammlungen zwar gegenüber früher „schwungvoller und farbiger“ geworden seien, doch noch immer dem „künstlerischen Teil“ zu wenig Beachtung geschenkt werde. Anstelle einer oftmals „leeren Sprechchorlyrik“ oder „unverbindlicher Rezitationspathetik“ sprach sich Mierendorff für den Einsatz von Militärmusik und die Einbeziehung von Verbänden der Gewerkschaften aus, die als lebendiges „Bekenntnis zur menschlichen Arbeit“ stets in Berufskleidung auftreten sollten. Hinsichtlich der Redeinhalte seien die Zuhörer nicht länger mit Zahlenangaben zu „quälen“. Außerdem dürfe nicht nur auf die „Kanonen“ vertraut werden, deren Zahl durch das Fehlen einer systematischen Rednerschule der SPD begrenzt sei. Vor allem aber müsse die „Regie“ der einzelnen Versammlung verbessert werden, die wirkungslos bleibe, wenn die Propaganda nicht nach einheitlichen Gesichtspunkten geleitet und etwa ein ganzer Landstrich systematisch mittels einer „Welle von Versammlungen jeden nur möglichen Stils“ erfaßt werde851. Traditionell stellte die SPD vor Wahlen regelmäßig so genannte Versammlungspläne auf und rief ihre Ortsgruppen sowie Referenten dazu auf, rechtzeitig in Plakaten oder durch die „Ortsschelle“ für die Wählerversammlungen zu werben. Deren Zahl war in Großstädten wie Berlin natürlich um vieles höher als etwa im gesamten Agitationsbezirk Rheinhessen, wo in den letzten zehn Tagen vor der Reichstagswahl am 4. Mai 1924 insgesamt 81 Versammlungen stattfanden. An nur zwei Tagen im Sommer 1930 hielt die SPD in Berlin eigenen Angaben zufolge 35 Kundgebungen ab, die Gesamtpartei in den acht Wochen des Reichstagswahlkampfes über 34 000 öffentliche Versammlungen852. Zu einer effektiven Versammlungspropaganda gehörte eine gute Rednervermittlung beziehungsweise Verteilung auf die Wahlkreise. Nicht nur der SPD, allen Weimarer Parteien fehlten geschulte Redner, welche die Bedürfnisse ihrer Organisationen hätten abdecken können. Es sei zwecklos, so die Reichsgeschäftsstelle der DDP im Frühjahr 1924, wenn die regionalen Verbände selbst mit prominenten Parteirednern verhandeln würden, weil diese „Wahlkanonen“ von der Zen tra le bereits für Rundreisen in den Wahlkreisen verplant seien853. Festzuhalten ist, dass bereits vor 1930 und dem Aufstieg der NSDAP ein Trend von den wenig 290 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik reglementierten Diskussionsversammlungen alten Stils mit meist begrenztem, aber politisch gemischtem Publikum hin zu inszenierten und „durchgestylten“ Massenkundgebungen mit mehreren Tausend Besuchern einsetzte. Eine Aussprache, stellten die DNVP-Wahlkampfrichtlinien schon im Sommer 1930 nur noch lapidar fest, sei in Großstädten bei Massenversammlungen „im allgemeinen unzweckmäßig“, weil sie den Eindruck des eigenen Redners verwische854. Spätestens Anfang der 1930er- Jahre setzte sich der neue Versammlungsstil, der die Persönlichkeit des Redners und das „bunte“ Rahmenprogramm immer stärker in den Vordergrund stellte, bei allen Parteien durch. Obwohl die Verbote für Versammlungen und De mons tra ti o nen unter freiem Himmel nach 1924 nur sukzessive gemildert wurden, spielten sich diese trotz Ausnahmeregelungen noch vorwiegend in geschlossenen Räumen ab. Wurden auf dem Land in der Regel Wirtshäuser bevorzugt, standen den Parteien in den Städten größere, anzumietende Hallen oder dergleichen zur Verfügung. Dem Beispiel der Demokraten, die den Berliner Sportpalast im Herbst 1924 erstmals für eine große Wahlversammlung nutzten, folgten bald die anderen Parteien und hielten dort – meist zum feierlichen Auftakt, Abschluss oder Höhepunkt ihres Wahlkampfes – Massenkundgebungen ab855. Beschränkten sich die bürgerlichen Parteien im wesentlichen auf die Versammlungen in geschlossenen Räumen, drängten die Massenmobilisierungsparteien, zumal nach der Lockerung der diesbezüglichen Verbote und sofern es Jahreszeit und Wetter erlaubten, verstärkt auf die „Straße“. Im Frühjahr 1928 veranstaltete die SPD etwa in Kassel vor der Reichstagswahl ein „politisches Feuerwerk“, zu dem die Partei alles an Propaganda aufbot, was sie hatte, nach einem Demonstrationsmarsch mit Fackeln sowie einer Filmvorführung noch „Musik- und Massenchöre der Arbeitersänger, Trommler-, Pfeifer- und Bläserchor der Turner, Bewegungschor der Sportler und Sportlerinnen, Fahnenaufmarsch der Arbeiterorganisationen, Sprechchor der Jugend, Ansprache, womöglich übertragen durch Lautsprecher, gemeinsamer Schlussgesang“856. Als Preußen nach 1925 die Demonstrationsverbote lockerte, intensivierten insbesondere die Kommunisten ihre Straßenpropaganda. Schon im Dezemberwahlkampf 1924 hatten sie in einigen Bezirken von Berlin Umzüge veranstaltet, bei denen Transparente und Plakate mitgeführt und Flugblätter sowie Zeitungen an die Passanten verteilt wurden. Für den Präsidentschaftswahlkampf, dessen eigentümliches Zeichen eben 291 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen die neuartige Demonstrationspropaganda war, organisierte die KPD im Frühjahr 1925 so genannte „Wahldemonstrationsversammlungen“, das hieß Wahlversammlungen mit anschließendem Demonstrationszug durch die Straßen857. Hinsichtlich ihrer Versammlungstechnik wollte sich die KPD ausdrücklich nicht auf die einfache Wahlversammlung beschränken, da an bestimmte Schichten nur mit „lebendigen, auch unterhaltenden Veranstaltungen“ heranzukommen sei, weshalb neben dem – zunächst zögerlichen  – Einsatz des neuen Mediums Film vor allem Agitpropgruppen wie die „Blauen Blusen“ zur Auflockerung ihre Stücke spielen858. An bekannten Ausflugsorten, an Bahnhöfen, in Warenhäusern und auf öffentlichen Plätzen sollten des Weiteren „fliegende Versammlungen“ improvisiert werden. Möglichst im sofortigen Anschluss an jede Versammlung, so die Richtlinien der KPD im Sommer 1930, solle eine Demonstration erfolgen, die auch von den Betrieben oder den Stempelstellen aus organisiert werden könne. Ihr Erscheinungsbild müsse durch Musik, Sprechchöre, Transparente und Fahnen belebt werden, damit die KPD das „Gesicht der Straßen und Plätze“ bestimme859. Teil der Wahlversammlungen insbesondere bei den Parteien der Arbeiterbewegung konnten spezielle Agitations-Sprechchöre sein, die zur Anfeuerung der Teilnehmer und zur Auflockerung dienten. Im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 wurde diese als Neuerung bezeichnete Methode auf Anregung des SPD-Vorstandes systematisch mithilfe vorgefertigter Werbe- und Mahnrufe von den Parteibezirken aufgegriffen. Allerdings war die Aufnahme insgesamt zwiespältig, da viele ältere Genossen den Chören ablehnend gegenüberstanden. Ähnliche Zurückhaltung zeigten die Bezirksorganisationen bei den 1928 ebenfalls neu aufgenommenen „Wahlgesprächen“, von denen der Parteivorstand sieben Muster bereit gestellt hatte860. Ungeachtet der anfänglichen Vorbehalte verzichtete die SPD aber nicht auf solche relativ einfachen und billigen Propagandamittel, deren Wirksamkeit bei der kommunistischen Konkurrenz gesehen wurde. Entgegen früheren Erfahrungen wirkten sie auch in der improvisierten Form, wenn rasch ein paar Genossen die Texte ein- übten. Wichtig sei, dass sie weniger „theatralisch“, sondern schlicht und deutlich in genügender Lautstärke, jedoch auch keinesfalls schreiend, gesprochen würden861. Zum Sprechchor bemerkte das zen tra le Wahlagitations-Handbuch der KPD im Mai 1928, dass er insbesondere für die Haus- und Hofagitation wirkungsvoll sei, wenn eine Gruppe durch Trompetensignal die Bewohner ans Fenster bringe und ihnen mittels eines 292 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik kurzen Sprechchores die Ziele der Partei näher bringe. Während einer kurzen Rede im Hof (auch mit Schautafeln) könne ein Teil der Kommunisten bereits in den Häusern mit Sammellisten und Wahlmaterial agitieren. Noch wirkungsvoller als bei solchen Hofveranstaltungen sei der kurze Massensprechchor bei De mons tra ti o nen, wenn die Parolen im Marschrhythmus gesprochen würden862. In einer politisch dramatischen Epoche wie der Weimarer Re pu blik, zugleich eine Blütezeit des Theaters, lag es nahe, dass auch die Mittel der szenischen Kunst ihren Weg in die Wahlpropaganda fanden. Vor allem die Parteien der Arbeiterbewegung benutzten sie nach sowjetrussischem Vorbild in den Versammlungen. Halb bewundernd, halb angewidert schrieb Emil Dovifat über die Wahlrevuen der kommunistischen Schauspielgruppen, die sich des „ersten, ältesten und wirksamsten Werbemittels“, nämlich der „Tat“ bedienten, um „Rausch, Hass und Verzückung in die Massen“ zu pflanzen863. Die politische Revue oder der kürzere Sketch hatte sich erst nach 1918 zum Wahlwerbemittel der Parteien entwickelt. Aus den sozialdemokratischen Arbeiter-Theatervereinen mit ihrem weitgehend unpolitischen Unterhaltungsprogramm entstanden Anfang der 1920er-Jahre Gruppen, die auch politische Stücke zu spielen begannen. Im Unterschied zu den Arbeiter-Theatervereinen bestanden die Truppen der KPD größtenteils aus Parteimitgliedern. Aufgabe dieser geschulten Agitpropgruppen wie den „Roten Raketen“ oder „Blauen Blusen“ war die Unterstützung aller Kampagnen, Feiern und De monstra ti o nen der Partei. Bis 1928 kletterte ihre Zahl bei noch wachsender Pu bli kumsnachfrage nach ihren zum Teil recht burlesken Stücken auf über hundert im ganzen Reich. Zwar begrüßte die Führung der KPD die Belebung der Versammlungspropaganda durch die Agitpropgruppen, mahnte aber, dass ein Teil von ihnen „zu sehr Theater und zu wenig Politik“ betreibe864. Ihre Werbekraft hatten sie schon in den „politisch-satirischen Abenden“ der KPD unter Beweis gestellt, die im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 wesentlich besser besucht gewesen seien als die sonstigen Wahlversammlungen. Der durch sein politisches Theater bekannte Regisseur Erwin Piscator inszenierte für den Wahlkampf der KPD die zusammen mit Felix Gasbarra verfasste „Revue Roter Rummel“, bunt aneinandergereihte Collagen aus Text, Bild, zeitgeschichtlichen Dokumenten. Sie wurde zum wichtigen Vorbild für die kommunistische Agitprop-Bewegung, die in der zweiten Hälfte der 1920er- Jahre eine große Bedeutung erlangte. Wie die Aufführung einer solchen 293 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen aus mehreren Szenen beziehungsweise „Bildern“ bestehenden Wahlrevue aussah, ist der Roten Fahne zu entnehmen. Ihrem Bericht zufolge zogen in einem mit Leinwänden für Lichtbilder und Scheinwerferapparaten ausgestatteten Bühnenraum zunächst die Schauspieler als eine Art Zirkustruppe ein, was den Wahlkampf der bürgerlichen Parteien darstellen sollte, gefolgt von kabarettistischen Einlagen und weiteren von Musik und Gesang umrahmten Revueszenen sowie der obligatorischen Wahlrede eines Genossen. Zum Schluss der Revue, in deren Rahmen mitunter auch schon Stummfilme gezeigt wurden, sei spontan die „Internationale“ gesungen worden865. Auch im Frühjahr 1928 kämpfte Piscator wieder für die Kommunisten, indem er Szenen aus Ernst Tollers „Hoppla, wir leben!“ mit Musik inszenierte, ein „originelles Stück kommunistischer Wahlpropaganda“, wie selbst die Vossische Zeitung fand, mit Chorvorträgen und einer Schallplattenrede, in welcher der von der Polizei gesuchte Reichstagskandidat Paul Frölich aus seinem Unterschlupf zur Revolution aufrief. Weil viele Ortsgruppen keine eigene Agitationstruppe unterhalten konnten, gab die Zen tra le der KPD im Frühjahr 1928 „praktische Winke“, wie ähnliche Stücke mit geringem Aufwand auch durch Laien vor Ort aufzuführen seien866. In der SPD und der ihr nahestehenden Volksbühnenbewegung lebte seit den 1890er Jahren der Glaube an das Theater als sozial wirksame Kraft gemäß dem Motto: „Die Kunst dem Volke“. Dem Belehrungszweck und dem Ziel der Wissensvermittlung entsprachen die lange Zeit eher konservativen und unpolitischen Inhalte. Dem kommunistischen Beispiel folgend, veranstaltete die SPD erstmals im Frühjahr 1928 eigene politische Wahlrevuen zur Belebung ihrer Versammlungsagitation, die sowohl von einer zen tra len Kabarett-Truppe namens „Die Wanderratten“ als auch von Gruppen der Bezirke gespielt und ähnlich erfolgreich wie die Filmabende wurden. Die Uraufführung der Wahlrevue „Wenn Ihr wollt …“, dem Stück eben der Wanderratten, inszeniert von Max Hochdorf und Erich Kuttner mit der Musik von Claus Clauberg, fand Mitte März im Berliner Lehrervereinshaus statt und veranlasste den Vorwärts zu den grundsätzlichen Bemerkungen: „Während unseren Vätern noch die Wahlparolen auf Zeitungspapier und von der Plattform des Versammlungsredners eingehämmert wurden, ziehen wir heute die Künste zur Werbung heran – die Künste, die so sehr viel demokratischer geworden sind und sich ohne alle akademischen Bedenken in den Dienst der Tageskämpfe stellen“. Die nur mit wenig Personal aufgeführte Revue war 294 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik dreigeteilt in eine „rote Jahrmarkt“-Szene im Moritatenstil, einem Zwischenspiel, das die Geschichte des deutschen Sozialismus vorführte, und schließlich einer dramatischen Satire über einen sozialdemokratischen Zettelverteiler, welche diese „frisch-fröhliche Wahlrevue“ abrundete867. Als eine sehr zweckmäßige Methode bezeichneten die KPD-Wahlkampfrichtlinien im Sommer 1930 das Spiel der Agitproptruppen von Lastwagen herunter auf öffentlichen Plätzen. Diese Art der Aufführung sei ebenso wirkungsvoll wie fahrende Rednertribünen, an denen Parolen und Plakate angebracht werden konnten. Rasch liefen bei solchen improvisierten Versammlungen in den Städten Tausende von Menschen zusammen868. Die Agitpropgruppen der KPD spielten vor dem 14. September aber auch in Betriebsversammlungen, bei Erwerbslosenkundgebungen und in Laubenkolonien, ja selbst in gegnerischen Versammlungen. So sollen sie etwa im Sommer 1930 bei einer Zuschauerzahl von etwa 180 000 ziemlich genau 350 Vorstellungen während des Monats vor der Wahl gegeben haben – ein „weitgespanntes Netz von zahlreichen dezentralisierten Kundgebungen“, wie die Führung der KPD lobte869. Auf bürgerlicher Seite verhinderte schon die Abneigung gegen die politische Indienstnahme von Kunst das Zustandekommen vergleichbarer Wahlpropaganda. Die angeblich geringe Zahl „nationaler“ Theaterstücke beklagend, bot die DNVP-Parteileitung im Sommer 1930 ihren Organisationen immerhin die Vermittlung von Theatervorträgen zum Wahlkampf an, wobei es sich um einzelne Künstler mit individuellen Programmen handelte. Der Münchener Ernst Schrumpf könne etwa Auszüge aus Fichtes Reden an die deutschen Nation in „außerordentlich fesselnder Weise“ darbieten. Sein Honorar betrug pro Abend 75 Mark, wozu allerdings noch die Kosten einer Eisenbahnfahrt dritter Klasse zum jeweiligen Engagement hinzukamen. Billiger wurde der Auftritt bei organisierten Anschlussreisen. Zu den gleichen Konditionen empfahl sich ein ehemaliger königlich württembergischer Hofschauspieler namens Hermann Weinreich mit Rezitationen aus verschiedenen Werken der deutschen Klassik. Außerdem konnte die DNVP auf Walter Illges Theaterstück „Die Laterne“ verweisen, ein konterrevolutionäres Drama aus der französischen Revolutionszeit, das vor allem wegen seiner „außerordentlich wirkungsvollen Parallele zur heutigen Zeit“ besteche870. 295 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Zeitungen, Plakate und Flugblätter im Zeichen der Bildpropaganda In den Großstädten etablierte sich nach 1918 mit den Mittags- und Abendblättern eine neue Art der auflagenstarken und tendenziell unpolitischen Boulevardpresse, während in den Kleinstädten und auf dem Land das meist konservative Lokalblatt des Generalanzeigertypus vorherrschte. Die Konzentration auf dem Gebiet der Presse und die Herausbildung von Großverlagen wie Ullstein und Mosse liefen in den 20er-Jahren parallel zu dem Aufbau einer ausufernden Unterhaltungsindustrie. Durch Materndienste sowie den Pressediensten („Korrespondenzen“), etwa der Hugenbergschen Telegraphen-Union, wurde die Provinzpresse mit Nachrichten „versorgt“ und so meist im konservativen Sinne informiert. Allgemein war eine Expansion, ja stürmischer Aufschwung parteipolitischer Publizistik wie überhaupt der Presse zu beobachten. Mit der Wandlung vom illustrierten Text zur Bildreportage entwickelte sich nach 1918 der Typus der Zeitungsillustrierten „zur ‚typischen‘ Publikationsform der Zeit: Wie der Film, so befriedigte auch die Illustrierte das in diesen Jahren immer stärker zum Durchbruch kommende Bedürfnis nach visueller Erfahrung“871. Ein Viertel der Weimarer Tageszeitungen mit einer täglichen Gesamtauflage von über vier Millionen konnte als partei- oder interessenpolitisch festgelegt gelten, mithin eine Publizistik, die zwar nicht das Sprachrohr der Parteien war, aber jeweils deren ungefähre politische Richtung repräsentierte (Gesinnungspresse). Hier war der Ort, wo die Parteien zuerst ihre zen tra len Wahlaufrufe sowie die programmatischen Reden abdruckten und erläuterten. Überhaupt spielte die Weimarer Presse sowohl durch Berichterstattung als auch durch Kommentierung und Veröffentlichung von Parteinachrichten und Kandidatenlisten, Aus einan der set zung mit dem politischen Gegner sowie – in begrenztem Maße – der Werbung um bestimmte Wählergruppen eine kaum zu unterschätzende Rolle in den Reichstagswahlkämpfen. Überregionale und regionale Tageszeitungen sowie Parteiblätter richteten spätestens nach der Reichstagsauflösung spezielle Rubriken ein, die „Aus der Wahlschlacht“, „Die Wahlbewegung“ oder „Wahlvorbereitungen“ und dergleichen betitelt waren. Solche Rubrizierung war jedoch irreführend, insofern der Wahlkampf keineswegs auf diese Spalten beschränkt blieb. Vielmehr öffnete die Richtungspresse in Wahlzeiten ihre Seiten den ihnen nahestehenden Parteien und Politikern in einem heute kaum noch 296 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik vorstellbaren Maße, wobei es natürlich Abstufungen gab. Während in der konservativen Kreuzzeitung etwa das Thema in vornehmer Nichtbeachtung der massendemokratischen Verfassungswirklichkeit erst relativ kurz vor dem Wahltag eine Titelrolle spielte, war das besondere Verhältnis der liberalen Großstadtpresse zur DDP bekanntlich personell bedingt und zog eine enge Zusammenarbeit im Wahlkampf nach sich. An die Redaktionen der Frankfurter Zeitung und des Berliner Tageblatt verschickte der DDP-Vorsitzende Erkelenz Ende Oktober 1924 identische Schreiben, in denen er sich zuversichtlich zeigte, dass sie auch vor der Reichstagswahl am 7. Dezember wieder „das Bestmögliche für die von uns vertretenen Gedanken“ leisten würden. Da der Wahlkampf noch fast sechs Wochen dauern werde, falle es schwer, ihn auf einer „guten geistigen Höhe“ zu halten. Bereits seit Wochen im Einsatz, hätten viele Parteiführer ihre Kräfte zum Teil schon verausgabt und würden bald nur noch „automatische Sprechmaschinen“ sein. Hier sei Aufgabe der Presse, dem Wahlkampf der DDP neue geistige Kräfte zuzuführen. Damit bis zur Wahl noch eine Steigerung möglich sei, schlug Erkelenz den Redaktionen spezielle Maßnahmen für den „täglichen Kleinkrieg“ vor, angefangen von besonderen Wahlbeilagen nach Vorbild des Vorwärts bis hin zur „schweren Artillerie“ der Pressepropaganda, das hieß der ständigen Bearbeitung der wichtigsten politischen Probleme durch Sachkundige im Wahlkampf. Außer mit Gratisexemplaren bei Wahlversammlungen unterstützte die Vossische Zeitung die DDP mit Artikeln und Flugblättern, die unter dem Motto „Waffen für den Wahlkampf “ erschienen und anhand von geschichtlichem Material zu seiner Versachlichung beitragen sollten872. Den Einfluss der gegnerischen Presse übertreibend zu beschwören, gehörte zu den Topoi der Weimarer Parteienpropaganda873. Der Wirkungskreis der Berliner Großstadtblätter, die sich für die DDP einsetzten, war tatsächlich jedoch insbesondere auf dem Land eher gering. Die kleinstädtische Presse, die landwirtschaftlichen Fachblätter und die kirchlichen Sonntagsblätter befanden sich meist in den Händen der Rechtsparteien oder schwerindustrieller und agrarischer Kreise. Alle Ortsgruppen der DDP wurden daher von der Parteizen tra le aufgefordert, für die Dauer des Wahlkampfes wenigstens eines der großen Berliner Blätter zu abonnieren. Die „ständige Bearbeitung der eigenen und der neu tralen Presse wie die fortgesetzte Beobachtung der gegnerischen Presse“ war eine Hauptaufgabe der demokratischen Ortsvereine, denen mittels be- 297 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen sonderer Presseausschüsse eine „intensive persönliche Fühlungnahme“ zu den Redaktionen empfohlen wurde. Wo die Mittel reichten, müssten sie aber auch Inserate und Anzeigen in neu tralen Lokalzeitungen schalten. Diese oder gar Beilagen in der Generalanzeigerpresse seien zwar sehr kostspielig, im Verhältnis zur Wirkung „aber billiger als die ungeregelte Verteilung von Flugblättern und die Veranstaltung von Versammlungen“874. Zeitungen bildeten nicht nur in Berlin eine wichtige Stütze für mitgliederschwache Parteien wie die Demokraten. Die Propaganda durch die ihnen nahestehende Presse sei allgemein die „beste Wahlreklame“, berichtete Hermann Dietrich nach dem 4. Mai 1924 aus Baden. Eine äußerst lebhafte Pressepropaganda habe aber dort die DVP entfaltet, indem sie in allen Zeitungen „bis herunter zum kleinsten Lokalblatt während des ganzen Wahlkampfes fortwährend große Inserate“ schalten ließ. Zu solch kostspieliger Inseraten- beziehungsweise Anzeigenpropaganda habe es dagegen der badischen DDP an den finanziellen Mitteln gefehlt875. Dass das Zeitungsinserat als ein teures Mittel der Wahlpropaganda vor allem in der Lokalpresse anzutreffen war, trug dem Umstand Rechnung, dass selbst große Parteien wie die DNVP längst nicht in jeder Stadt über eine eigene oder ihr nahestehende Zeitung verfügten. Praxis war daher, in neu tralen oder gar gegnerischen Blättern zu inserieren, womit zugleich neue Wählerkreise angesprochen werden konnten, doch kamen Anzeigen bürgerlicher Parteien in Zeitungen der SPD oder gar der KPD ebensowenig vor wie umgekehrt. Was und wie inseriert werden sollte, war von Partei zu Partei unterschiedlich. Nur Schlagworte zu inserieren wurde anfänglich als wenig erfolgversprechend in den bürgerlichen Parteien angesehen, die vielmehr inhaltsreiche Texte in guter Aufmachung bevorzugten. Bald setzte sich aber bei dieser Kästchenpropaganda in Zeitungen der knapp gehaltene und oft gereimte Wahlslogan durch876. Neben der Tagespresse meldeten sich natürlich auch die parteioffiziellen Mitteilungsblätter im Wahlkampf zu Wort, etwa mit speziellen Sondernummern für die Parteifunktionäre und Agitatoren. Im Sommer 1930 schlug die Hauptgeschäftsstelle der DNVP ihren Wahlkreisverbänden ohne eigene Zeitungen vor, ihnen aus dem zen tra len Parteiorgan „besonders wichtiges Kampfmaterial“ zu einer etwa vierseitigen Wahlzeitung unter dem „neu tralen Titel: ‚Volk erwache!‘“ zum Selbstkostenpreis zusammenzustellen. Solch eine „Kampfzeitung“ könnten die Organisationen dann noch, was besonders wichtig sei, mit eigenen Lokalbeilagen 298 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik versehen. Im übrigen hatte sich der Verlag der rechtskonservativen Zeitung „Der Tag“ bereit erklärt, während des Wahlkampfes den Parteifunktionären der DNVP Gratisexemplare zu schicken877. In der SPD kümmerte sich der Vorwärts als zen tra les Mitgliederblatt auch während der Wahlzeit um die allgemeine Agitation, wobei der Wert der Presse als „Waffe im Wahlkampf “ von den Sozialdemokraten betont wurde. Seit Mitte Fe bru ar 1928 erschien die zweite Tagesausgabe des Vorwärts’ in einer nach Maßgabe „leichterer Großstadtlektüre“ aufgelockerten achtseitigen Spätausgabe unter dem Titel „Der Abend“, die sich durch einen aggressiveren Schlagzeilenstil auszeichnete. Rechtzeitig zum Wahlkampf wurde damit den vielfachen Wünschen an der Parteibasis nach einem „noch volkstümlerischen Inhalt“ des Zentralorgans Rechnung getragen und außer „leichterem Unterhaltungsstoff “ etwa auch ein aktueller Bilderdienst eingerichtet878. Während sich der Trend zum verstärkten Einsatz von Bildern im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 allmählich durchsetzte, verteilte die SPD vor dem 20. Mai bereits gezielt neuartige Wahl- oder Wählerzeitungen in Massenauflagen, da die Schlagworte der Flugblätter allein den Wähler nicht „erziehen“ könnten879. Alle Weimarer Parteien gingen bei ihrer Pressepropaganda dazu über, durch zen tra le Wahldienste von Berlin aus die parteinahen und neu tralen Zeitungen im Reich fortlaufend mit Mitteilungen und Nachrichten zu versorgen. Im Falle der KPD sollte die Parteipresse dadurch möglichst unabhängig von bürgerlichen Nachrichtenagenturen wie WTB oder der Hugenbergschen Telegraphen-Union gemacht werden. Auch wurden die nur schwach besetzten Lokalredaktionen entlastet und mit Leitartikeln, Kästchenpropaganda oder Informationsmaterial versorgt. Alle Zeitungen der KPD waren vor Wahlen verpflichtet, eine Seite nur für die Mobilisierung und Propaganda zu reservieren. Der Provinzpresse wurden zusätzlich illustrierte Wahlbeilagen bewilligt, wozu die Zen tra le in gro- ßer Anzahl Klischees und Matern bereitstellte880. Während ihr Zeitungsdienst bereits vorher Wahlbeilagen und anderes Material auch an neutrale Blätter verschickte, gab die DDP im Reichstagswahlkampf 1928 erstmals noch eine so genannte Wahlkorrespondenz heraus, die dreimal wöchentlich erschien (im Sommer 1930 dann täglich) und allen in te ressierten Tageszeitungen gratis zuging881. Auch das Reichsgeneralsekretariat des Zen trums stellte vor dem 14. September 1930 seinen Artikeldienst zum so genannten „Wahldienst“ um, der fast täglich unter einem bestimmten Motto an die neu trale und 299 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen eigene Presse verschickt wurde882. Darüber hinaus gaben die Parteien eine Vielzahl von zeitungsähnlichen Drucksachen heraus, unter denen die Wahl- oder Wählerzeitung eine Art Zwitterstellung einnahm, aber spätestens Ende der 20er-Jahre zum festen Bestand der Parteienwerbung gehörte. Als nicht-periodische Pressepropaganda konnten sie sowohl in Form von mehreren gefalteten oder aneinandergehefteten Flugblättern mit gesondertem Kopfteil, als Zeitungsbeilage wie auch in Form einer eigenständigen Publikation erscheinen. Anders als Einzelflugblätter boten die Wahlzeitungen den Vorteil für die Parteien, eine breitere Palette an Themen sowie einen größeren Adres sa tenkreis anzusprechen. Auffälligster Unterschied zur herkömmlichen Flugblattpropaganda war der hohe Bildanteil dieser mitunter für einen Preis von 10 bis 15 Pfennigen verkauften Blätter. Karikaturen, Witzen, Gedichten, Zeichnungen und Fotobildern konnte mehr Platz gegeben und so dem Bedürfnis des Wählers nach Unterhaltung stärker entsprochen werden. Die zentral hergestellten Wahlzeitungen wurden meist im Maternversand an die Parteiorganisationen verschickt und von diesen oftmals als Beilage der lokalen Parteizeitungen veröffentlicht oder – was aufwändiger war – extra verteilt. Bis 1928 scheint die He raus ga be in erster Linie den regionalen Parteiorganisationen überlassen gewesen zu sein. Ob eine Wahlzeitung erschien oder nicht, richtete sich dabei nach den Finanzen sowie der Stärke der im Wahlkreis bereits vorhandenen Parteipresse. Wo nicht gewährleistet war, dass durch diese eine nennenswerte Zahl „neu traler Wähler“ erreicht werde, entschieden sich auch die bürgerlichen Parteien – aufgrund der hohen Kosten nur schweren Herzens – für eine zusätzliche Wahlzeitung. Die Wahlkampfrichtlinien der DStP stellten dazu im Sommer 1930 Grundsätze auf, die vor allem zeigten, wie das steigende Unterhaltungsbedürfnis des Pu bli kums mit dem Werbe- und Aufklärungsziel der Partei vereinbart werden sollte. Bei den zwischen vier und acht Seiten langen Wahlzeitungen müsse in jedem Fall Langeweile vermieden werden, indem sich Text und Bild abwechselten, wozu die Partei zen tra le während des Wahlkampfes einen speziellen Dienst einrichtete, der Bildmatern, Zeichnungen und Karikaturen anbot. Un verzichtbar für jede Wahlzeitung sei Material für den „unpolitischen“ Teil der Wähler, etwa auch Silbenrätsel, deren Auflösung eine Wahlparole der Partei ergeben könne. Zwischen den Text seien immer wieder Schlagworte, Verse und dergleichen zur Auflockerung zu streuen. Ohne hinsichtlich ihrer Verteilung einheitliche Regeln festzulegen, nahm die Parteizen tra le 300 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik an, dass „die illustrierte Wahlzeitung selbst bei der extensivsten Verbreitungsart, der Verteilung auf der Straße, wesentlich mehr Aussicht hat, beachtet zu werden, als das einfache Flugblatt“883. Das Reichsgeneralsekretariat des Zen trums nahm erstmals im Herbst 1924 zur Herstellung von Wahlzeitungen die Hilfe eines privaten Pressebüros in Anspruch, und zwar der Berliner Korrespondenz Krauss, über welche die Manuskripte den lokalen oder regionalen Zeitungen zugeleitet wurden, um als Beilagen zu erscheinen. Unter dem jeweils verschiedenen Layout der Zeitungen litt allerdings die angestrebte einheitliche Erscheinungsform der zentral hergestellten Wählerzeitungen884. Besondere Bedeutung erlangte diese Publikationsform in der Wahlpropaganda der KPD, die seit Mitte der 20er-Jahre so genannte Betriebszellen-, Stadtteil- oder Häuserblockzeitungen, aber auch Zeitungen für Erwerbslose oder für die „Sportwähler“ herausgab. Die Zentralagitprop hatte dazu im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 allen Bezirksleitungen eine Broschüre über solche Wahlzeitungen zugeschickt, die durch Einbeziehung lokaler Ereignisse mehr bewirken könnten als die „schönsten Flugblätter“ aus Berlin. Größtenteils im üblichen Zeitungsformat und mit einem Umfang von vier bis sechs Seiten sollten sie durch Zeichnungen, Bilder oder „kernige Gedichte“ aufgelockert werden. Jedoch sei noch ein Großteil in „schlechter technischer Aufmachung (unleserlich, keine Gedichte, Karikaturen, Bilder usw.)“ erschienen, kritisierte die Führung der KPD nach dem 20. Mai 1928885. Emil Dovifat machte dennoch nicht zuletzt diese „niedere Publizistik“, deren Reiz gerade in dem Bezug auf das Alltägliche liege, für die Wahlerfolge der Kommunisten verantwortlich. Sie könnten zwar nicht mit der großen Presse konkurrieren, seien aber „so vielfältig in Form und Zahl und so persönlich gehalten, dass sie von Hand zu Hand laufen, wie das gut geprägte Schlagwort von Mund zu Mund läuft“886. Als erste Weimarer Partei arbeitete die SPD im Frühjahr 1928 flächendeckend mit dem vergleichsweise teuren Propagandamittel zentral hergestellter und reichsweit einheitlicher Wahlzeitungen, die in Massenauflage gratis an die Haushalte verteilt wurden. In einer Gesamtauflagenhöhe von 24,2 Millionen Stück hätten sie, so der Wahlkampfbericht des Parteivorstandes, sehr gute Aufnahme gefunden, weil sie dem Wähler in abwechslungsreicher Form von Artikeln, Notizen, Darstellungen und Bildern die Parteiziele näher brächten887. Im Sommer 1930 agitierte die SPD wie de rum auf Kosten der gewohnten Flugblattpropaganda ver- 301 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen stärkt mit solchen „Blättern zur Reichstagswahl“, die bei relativ geringem Aufwand jetzt auch von den Bezirken selbst herzustellen waren. Mit eigenem Kopfteil ausgestattet, bestanden sie meist aus mehreren Flugblättern, die auf größeren Papierbögen hintereinander nachgedruckt wurden. Die neue Werbeabteilung beim SPD-Parteivorstand stellte der Parteipresse und den Bezirksleitungen seit Anfang 1930 des weiteren zielgruppenspezifische Zeitungen wie die „Erwerbslosen-Tribüne“ oder die „Landstimme“ zur Verfügung, vorzugsweise im Maternversand, so dass vor Ort die gewünschte Anzahl produziert werden konnte. Obwohl die zweiseitige Flugblattzeitung „Anti-Faschist“, die sich – mit zum Teil recht groben Mitteln – nur der Agitation gegen die NSDAP widmete, im Wahlkampf gute Dienste geleistet habe, wurde sie nach dem 14. September durch die monatliche und vierseitige Zeitung „Unser Weg“ abgelöst, mit der die Verbindung zwischen Wähler und Partei auch in ruhigen Zeiten aufrechterhalten werden sollte888. Als Flugschriften firmierten in der Weimarer Parteienwerbung überwiegend Druckschriften längeren Umfangs, die in der Art von Broschüren geheftet waren und periodisch erschienen, oftmals in speziellen Publikationsreihen, am bekanntesten wohl die von der Schriftenvertriebs stelle herausgegebenen „Deutschnationalen Flugschriften“. Weil sie sich kaum zur größeren Verbreitung eigneten, waren sie für die Massenagitation auch wegen der meist diskursiven Inhalte nur begrenzt brauchbar, sondern dienten in erster Linie zur Information der Redner und Agitatoren. Ihre Bedeutung für die eigentliche Wahlpropaganda sank stetig, sodass von einem Niedergang der Broschüren- und Flugschriftenliteratur in den 20er-Jahren gesprochen wurde. Dem Wahlkampfbericht der DNVP nach dem 20. Mai 1928 war ein bemerkenswerter Absatzrückgang der Flugschriften gegenüber dem Herbst 1924 zu entnehmen. Wurden damals noch 670 000 Stück von 28 verschiedenen Flugschriften im Wahlkampf verteilt, so waren es vier Jahre später nur noch 446 000 von 26 Flugschriften889. Für die Wahlen im Sommer 1930 verzeichnete der Bericht der SPD-Werbeabteilung inklusive der Wahlnummern der Parteikorrespondenz sieben verschiedene Referentenmaterialien beziehungsweise Broschüren in einer Gesamtauflage von knapp 105 000 Stück, womit sie eindeutig ein Schattendasein in der Wahlwerbung zwischen Zeitungen einerseits und Flugblättern andererseits fristeten890. Allerdings meldeten sich jetzt Sozialdemokraten wie der Journalist Paul Kampffmeyer zu Wort, die nach dem Erfolg der NSDAP im 302 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik September 1930 die „Erziehung der Massen“ gerade durch den Rückgriff auf die zuletzt so vernachlässigte „klassische Broschürenliteratur“ verstärken wollten. Weil zu den Wahlen „ein oft noch politisch unerzogenes junges Volk“ gerufen werde, gab Kampffmeyer zu bedenken, dass „die Herzen und Köpfe der Wähler nicht durch einige Wahlflugblätter, Wahldemonstrationen und Wahlfilme vor dem Wahlakt“ erobert würden891. Als Ergänzung zu den Handbüchern ihrer Reichstagsfraktionen gaben die Weimarer Parteien noch besondere Wahlbücher heraus, in denen schwerpunktartig ausgewählte politische Fragen auf mitunter hunderten von Seiten behandelt wurden. Weil sie in erster Linie als Nach schlag werke und Referentenmaterial den Wahlrednern zu allen erdenklichen Fragen die Stichworte liefern sollten, waren sie so umfassend wie möglich angelegt. Im eigentlichen Wahlkampf selbst konnten sie aufgrund mangelnder Tagesaktualität und wegen der notwendigen längeren Vorbereitungszeit sowie des voluminösen Umfanges nur begrenzt wirksam sein. Selbst aber die antiparlamentarischen Parteien verzichteten nicht auf sie. Im Vorwort des Wahlhandbuches der KPD vom Juli 1930 hieß es, dass dies „eine gute Waffe sowohl im kommenden Wahlkampf wie aber auch eine Fundgrube von Argumenten gegen unsere Gegner in der täglichen Kleinarbeit nach der Wahl“ sein werde892. An die Stelle des vom Parteivorstand herausgegebenen „Handbuches für sozialdemokratische Wähler“ traten bei der SPD nach den Wahlen von 1924 die umfangreichen „Jahrbücher“893. Zur Reichstagswahl im Mai 1928 gab die Schriftenvertriebsstelle der DNVP ein über tausend Seiten starkes „Führer-ABC“ heraus, eine Art Ratgeber für Parteiaktivisten, in dem wichtige Stichworte der deutschnationalen Wahlagitation erläutert wurden, von der „Judenfrage“ bis zur Revolution und Sozialdemokratie. Die Aufnahme durch die Partei sei sehr günstig gewesen, berichtete Hauptgeschäftsführer Weiß, ungeachtet der redaktionellen Probleme wie auch grundsätzlicher Bedenken betreffs der Nützlichkeit eines solch monumentalen Wörterbuches. Von den insgesamt 2400 gedruckten Exemplaren konnten 1917 zum Preis von zwanzig Mark abgesetzt werden894. Besonderen Stellenwert besaßen die Wahlhandbücher beim ohnehin stärker auf publizistische beziehungsweise schriftliche Propagandamittel fixierten Zen trum. Vor der Wahl am 4. Mai 1924 erschien im Verlag der Germania ein von Georg Schreiber verfaßtes Handbuch über die „Grundfragen der Zen trumspolitik“, das 303 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen sich in sozialpädagogischer Form von Frage und Antwort auf das „Wesentliche“ der praktischen Parlamentsarbeit seit 1920 beschränke. Dem Reichsparteitag am 27./28. Oktober 1924 lag das wie de rum von Schreiber in Verbindung mit Mitgliedern der Fraktion redigierte Wahlhandbuch unter dem Titel „Zen trum und deutsche Politik“ vor. In Anknüpfung an die seit 1925 von ihm herausgegebenen „Politischen Jahrbücher“ veröffentlichte Schreiber im August 1930 auch das Handbuch „Zen trum und Reichspolitik“, das auf 240 Seiten in „kurzer, knapper Darstellung“, so die Anzeige, auf die „Lebensfragen des deutschen Volkes“ eingehe und für den Reichstagswahlkampf „ganz unentbehrlich“ sei895. Obwohl schon vor 1914 meist kleinformatige Plakatzettel zu Wahlzwecken angeschlagen wurden, gewann das politische Plakat in Deutschland erst in den Tagen des Ersten Weltkrieges, der Kriegsanleihen und der Revolution an Bedeutung. Für die Weimarer Zeit können großformatige Plakatanschläge, deren Gestaltung die Bildelemente bewusst in den Vordergrund stellte und vor allem auf visuelle Wirkung zielte, als ein noch relativ junges Medium in der Wahlpropaganda der Parteien gelten. Wenn diese auch bis Mitte der 1920er-Jahre das billiger und einfacher herzustellende Flugblatt dem Plakat vorzogen sowie dem Bild überhaupt traditionellerweise nur eine rein illustrierende Funktion zumaßen, erschien das Plakat einigen Zeitgenossen jedoch bereits 1919/20 als das „kräftigste Werbemittel“ der Parteien zur „Einwirkung auf eine große, unterschiedslose Masse“896. Warum es so hoch geschätzt werde, da rauf gab es eine einfache Antwort: „Das bunt bemalte Papier ist geduldig, viel geduldiger, als etwa eine Wählerversammlung, in der man Rede und Antwort stehen und sich möglicherweise auch mit Gegnern auseinandersetzen muss. Im Plakat kann man auch Dinge andeuten, die, wenn sie mit Worten umschrieben würden, eine allgemeine Heiterkeit auslösen und das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung hervorrufen würden“897. Ein zeitgenössischer Überblick über die im Herbst 1924 verwendete Plakatpropaganda stellte fest, dass die Wahlplakate noch weitgehend beliebig in Form und Ausdruck seien, aber schon während der Revolutionsmonate 1918/19 die Straßen „überwuchert“, weil die Parteien keine Häuserfront oder leerstehende Wand unbeklebt gelassen hätten. Mittlerweile sei aber diese „wilde Kleberei“ eingedämmt worden und auch in der Plakatpropaganda wieder weitgehend „deutsche Ordnung“ eingekehrt, da selbst das sich „noch so wild gebärdende Parteiplakat“ jetzt an dem behördlich genehmigten Ort – vorzugsweise der Litfasssäule – 304 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik hänge. Wie im Frühjahr dominiere bei den Wahlplakaten im Herbst 1924 der Typus des „knappen Bildplakates mit nur wenigen Schlagworten als Text“, da die Parteien nach 1918 von dem „wortreichen Aufruf “ als Plakatanschlag abgekommen seien. Vielmehr hätten sie die Bedingungen dieser „Zweckkunst“ erkannt. Historisierende oder gar „literarische“ Plakate seien nicht nur langweilig, sondern auch künstlerisch meist die schlechteren. Als wichtigste Veränderung gegenüber früher wurde der Versuch der Parteien gedeutet, in den Plakaten einprägsame Werbesymbole einzusetzen. Standen in der Inflationswahl vom Mai 1924 thematisch noch Ordnung und Rettung aus der Not an erster Stelle, so zeigten die Wahlplakate vor dem 7. Dezember 1924 wieder verstärkt politische Ideen. Gerade aber für solche „Ideenplakate“ sei wichtig, im Stil und Inhalt nicht bloß restaurativ zu sein – wie etwa die Plakate der Deutschnationalen, auf denen der friderizianische Grenadier-Trommler das alte Preußentum symbolisiere −, sondern „immer wieder einen Schritt vorwärts“ zu tun898. In der Weimar-Forschung wird politischen Plakaten nicht zuletzt deshalb mehr Aufmerksamkeit als verwandten Massenmedien wie etwa Flugblättern geschenkt, weil in ihnen die „folgenschweren Mentalitätsunterschiede zwischen den Lagern der Weimarer Re pu blik“ ablesbar seien, so der Historiker Manfred Hagen. Während die Plakate der prore publi ka nischen Parteien in ihrer überwiegend „nüchtern-sachbezogenen, oft fast vornehm zu nennenden Machart“ mehr dem Text als der Bildwirkung vertrauten, signalisierten die „derb agitatorischen und oft genug buchstäblich ‚zuschlagenden‘“ Plakate der radikalen Parteien in mitunter identischer Plakatsprache eindringlich ihre Kampfbereitschaft gegen das „System“899. Folgt man Gerhard Paul, vermitteln erst die metapherreichen Wahlplakate der NSDAP deren eigentliches Programm. Bilder und Illustrationen dienten der Hitlerpartei als unerlässliche Hilfsmittel, um ihren politischen Zielvorstellungen Nachdruck zu verleihen und ihnen die „Durchsetzungskraft zu geben, die sie verbal allein nicht besaßen“900. Entsprechend der hohen Wertschätzung des Mediums entwickelte sich nach 1918 eine regelrechte Plakatkunst, deren Produkte nicht zuletzt in den Reichstagswahlkämpfen für Jedermann zu bewundern waren. Das aus heutiger Sicht typische Weimarer Wahlplakat formte sich allerdings erst in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre, als das Bild zur eigentlichen Aussage der jetzt auch mit verbesserter Technik angefertigten Plakate 305 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen wurde. Nach 1924 gingen die Parteien verstärkt dazu über, zentral hergestellte und reichsweit einheitlich angeschlagene Plakate als eines ihrer Hauptwerbemittel in Wahlkämpfen zu benutzen. Höhepunkt eines sich zuspitzenden „Plakatkrieges“ waren die Reichswahlkämpfe 1932, die noch einmal das gesamte Symbol- und Bilderrepertoire der Weimarer Parteien zum Vorschein brachten901. Nach den extrem intensiven Aus ei nander set zungen wurden jedoch gewisse Ermüdungstendenzen spürbar und Stimmen laut, die angesichts solcher Überspannung auf die Grenzen der Wirksamkeit des Plakates hinwiesen. Anlässlich einer von der Berliner Hochschule für Politik veranstalteten Ausstellung über Wahlplakate schrieb die Frankfurter Zeitung im Juli 1932, dass es in den letzten Wahlkämpfen keine „guten“ Plakate mehr gegeben habe, im Gegensatz zu früheren Wahlen, obwohl diese „an Prozentsatz der Wahlbeteiligung, materiellem Aufwand und leidenschaftlicher Anteilnahme“ weit schwächer gewesen seien. Seine Kritik verband das liberale Blatt mit grundsätzlichen Bemerkungen über das Wesen des Wahlplakates, das die „werbend herausgestellte Meinung einer Partei“ sei und dessen Inhalte durch einen „kurzen, auf das Schlagwort gestellten Text vertreten und durch das Bild konkretisierend verstärkt“ würden. Ein Plakat sei gelungen, wenn das Zusammenwirken von Text und Bild beim Betrachter das „blitzartige Herstellen einer richtigen Assoziation“ bewirke. Als Symptom des Bedeutungsverlustes und der schwachen Symbolkraft der Plakatpropaganda sah die Frankfurter Zeitung den Rückgang des Bildplakates zugunsten von Textplakaten an. Plakattechnisch sei die Vernachlässigung der Fotomontage zu beklagen, obwohl sie die einzige Möglichkeit „zeitgemä- ßer Propaganda“, an deren Stelle jetzt „klägliche Malerei“ trete902. Die Plakate zur Reichstagswahl im Sommer 1932 hätten wieder mehr Kraft im bildlichen Ausdruck gezeigt. Je klarer die Fronten, desto stärker werde politische Propaganda, wobei das Textplakat weiter an Bedeutung gewonnen habe: „Ganze Parteiprogramme waren da zu studieren (und wurden studiert), und vom Plakat blieb gerade nur noch das bunte Papier“. Neben anderen Umstellungen in ihrer Wahlpropaganda verzichtete die SPD im Sommer 1932 ganz auf die Herstellung von Bildplakaten zugunsten des Symbolplakats mit den drei Pfeilen der Eisernen Front sowie einem thematischen Textplakat für jede der letzten vier Wahlkampfwochen. Nur der KPD sei diesmal jener „Kurzschluss zwischen Bild und Wort, Auge und Gehirn“ gelungen, der das Wesen eines schlagkräftigen Plakats ausmache. Insgesamt überrasche die geringe Rolle der 306 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Plakate im Wahlkampf vom Sommer 1932, der vielmehr als ein „Kampf der Symbole“ in die Geschichte eingehen werde903. Obwohl bei den Linksparteien traditionell ein größeres Reservoir an künstlerisch befähigten Mitarbeitern vorhanden war, blieb ihre gedruckte Propaganda bis 1924 ebenfalls noch vom meist unbebildertem Flugblatt dominiert. Erst relativ spät rezipierte etwa die KPD die fortschrittliche sowjetische Plakatkunst, wobei das 1926/27 beim ZK eingerichtete graphische Atelier für Agitation und Propaganda sowie die 1924 gegründete „Rote Gruppe“ um John Heartfield und George Grosz politische Plakate entwarfen, deren künstlerische Gestaltung ihresgleichen in der Weimar Re pu blik suchte904. Um den zur reichsweiten Verbreitung gedachten Plakaten einen möglichst unverwechselbaren und künstlerischen Stil zu geben, bereiteten alle Parteien ihre Herstellung besonders sorgfältig vor. Auf der Sitzung des Organisationsausschusses der DDP im März 1928 stand die Besprechung des Hauptwahlplakates auf der Tagesordnung. Die Demokraten entschieden sich schließlich für den Plakatentwurf, auf dem der Held die als „Gewürm“ dargestellten Gegner mit einem Schild von der Landkarte des Reiches schob. Jedoch sollte die Zahl der Würmer verringert und durch Embleme der gegnerischen Parteien wie „Stahlhelm, rote Ballonmütze mit dem Sowjetstern, Agrarmützchen usw.“ ersetzt werden. Nachdem eine Woche später festgelegt worden war, diese Symbole optisch noch zu vergrößern und auf der Landkarte Ostpreußen durch eine Klammer mit dem übrigen Reich zu verbinden, einigte man sich endlich auf den Titel des Plakates: „Säubert das Reich“905. Nicht zuletzt auch die für ihre aggressive Bildpropaganda berüchtigte DNVP gab sich im Frühjahr 1928 mehr Mühe bei den zen tra len Wahlplakaten als je zuvor. Während es in früheren Wahlkämpfen im Höchstfalle dreißig gewesen seien, lagen der Schriftenvertriebsstelle diesmal über hundert Plakatentwürfe vor. Noch niemals seien auch soviel Künstler zur Mitarbeit herangezogen worden, die freilich in der Mehrzahl politisch nicht geschult seien und denen deshalb die „Idee“ des Plakats erst erklärt werden musste906. Große Bedeutung bei der Plakatpropaganda maßen die Weimarer Parteien der Frage des Anschlagortes zu. Als für die Plakate besonders geeignete Plätze empfahl die DNVP ihren Klebetrupps im Sommer 1920 alle öffentlichen und von vielen Menschen frequentierte Orte wie Bahnhöfe, Gastwirtschaften, Ämter, Banken oder eben Plakatsäulen. Auf dem Lande eigneten sich besonders die Häuser der Gemeindevorsteher oder 307 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen die in deren Nähe liegenden Gebäude, aber auch Telefonstangen, Scheunentore oder Landstraßenbäume. Da es sich dabei um mehr oder weniger „wilde“ Anschläge handelte, sollte regelmäßig kontrolliert werden, ob die Plakate noch hingen, wobei die „Patrouillen“ gleich Ersatzplakate kleben könnten. Letzte Plakatzettel seien „am zweckmäßigsten erst in der Nacht vor dem Wahltage überall an geeigneter Stelle“ zu kleben, insbesondere auf den „Anmarschwegen der Wählermassen“907. Das Überkleben oder Abreißen gegnerischer Plakate gehörte gerade in den Anfangsjahren der Re pu blik zum Wahlkampfalltag. Durch strengere Vor schriften versuchten die Behörden, den Plakatanschlag der Parteien in geordnete Bahnen zu lenken, weshalb sie im Frühjahr 1924 das „wilde“ Ankleben ausdrücklich untersagten. Geklebt werden durfte nun nur noch an den Litfaßsäulen oder anderen „eigens dazu vorhandenen“ Orten von „eigens dazu befugten“ Personen, wie es in den Erlassen hieß. Erwartungsgemäß kümmerten sich zumal die Radikalen jedoch nur wenig um das Verbot und stellten in den Städten so genannte Klebetrupps zusammen, die vorzugsweise nachts ihre Plakate weiter an allen möglichen Orten und Stellen anschlugen. Das Agitationshandbuch der KPD beschäftigte sich vor dem 4. Mai 1924 mit dieser Arbeit, die nicht nur oft zu Konflikten mit der Polizei führe oder die Kleidung mit Kleister beschmutze, sondern auch die Sympathie von Kleingewerbetreibenden und Hausbesitzern koste, wenn deren Häuser oder Läden beklebt würden: „Aber – wer vermöchte die agitatorische Wirkung bestreiten, die ein schönes Bildplakat oben an der Hauswand oder eine im schönsten Rot leuchtende Parole auf Hunderte, ja oft Tausende von Vorübergehenden ausübt?“908 So war vor den Wahlen im Mai 1924 eine bis dahin unbekannte Vielzahl von Plakaten zu bestaunen. Die bürgerliche Presse berichtete teils amüsiert, teils entrüstet über den „nächtlichen Wahlspuk“, den die radikalen „Jünger mit Kleistertopf und Pinsel“ veranstalteten. Auch der Vorwärts beobachtete nachts „seltsame Szenen“, da mit Pinsel, Plakaten, Leitern und Kleistertopf bewaffnete Gestalten in den Straßen herumschlichen. Nicht nur die Polizei machte „Jagd auf die Plakate“, sondern auch die Parteien selbst, die etwa frisch geklebte Plakate der Gegner in „verkehrsarmen Zeiten“ nachts oder morgens wieder abrissen oder ihre Aussage durch kleine Manipulationen etwa mit Papierstreifen zu verfälschen versuchten909. Weil sich die Beschwerden aus den Ortsgruppen im Frühjahr 1924 häuften, rief die SPD schließlich zur Gegenwehr auf. Zumal der offizielle Anschlag von SPD-Plakaten auf dem Land noch von seiten der 308 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik monarchistisch gestimmten Amtspersonen boykottiert werden konnte, dürfe „kein Laternenpfahl, kein Leitungsmast, kein Zaun, keine Ecke, keine passende Stelle“ unbeklebt bleiben910. Wahlplakate sorgten immer wieder für Streit zwischen den Parteien und waren notorischer Gegenstand von Verboten und Beschlagnahmungen durch die Behörden911. Nicht zuletzt deshalb legte der Polizeipräsident von Magdeburg in einer nach einem Runderlaß des preußischen Innenministeriums im März 1928 angefertigten Broschüre dar, wie die Polizei Versammlungen, Druckschriften sowie Plakate während der Wahlzeiten zu behandeln habe. Maxime müsse sein, heißt es darin, dass ein „vorbeugendes polizeiliches Einschreiten im Hinblick auf den geistigen Inhalt des Plakates“ unterbleibe. Der Gesetzgeber habe schließlich durch Aufhebung des alten preußischen Pressegesetzes das Plakatwesen „möglichst frei von polizeilicher Beschränkung“ halten wollen. Jedes kleinliche, nicht durch zwingende polizeiliche Erwägungen gebotene Einschreiten habe daher zu unterbleiben912. In welcher Größenordnung sich die Plakatpropaganda der Weimarer Parteien bewegte und welchen Aufschwung das Medium nahm, illustrieren folgende Ziffern: Vor dem 4. Mai 1924 verschickte der SPD- Parteivorstand von seinen zwölf Wahlplakaten insgesamt 600 000 Stück unentgeltlich an die Bezirke, vor dem 7. Dezember nur noch acht Muster in leicht höherer Gesamtauflage von 700 000 Stück913. Zwar konnten die Auflagen der Plakate auch vor dem 20. Mai 1928 naturgemäß nicht mit denen der Flugblattwerbung konkurrieren. Immerhin klebte die SPD jetzt aber bereits fast 2,4 Millionen Plakate, die zu zwei Dritteln vom Vorstand aus Berlin stammten. Hinzugezählt werden können noch 1,6 Millionen Plakate in Postkartengröße, die als Wurf- und Schleppzettel Verwendung fanden914. Zum Vergleich: Von ihren zehn Wahlplakaten setzte die DNVP vor dem 20. Mai 1928 insgesamt 280 000 Stück ab 915. Bei deutlich gestiegenen Gesamtausgaben für den Wahlkampf baute die SPD hingegen zwei Jahre später im Sommer 1930 ihre plakative Propaganda weiter aus. So lieferte die zen tra le Werbeabteilung von insgesamt neun Wahlplakaten über drei Millionen Stück in fünf verschiedenen Größen an die Parteibezirke und gab dafür insgesamt 245 000 Mark aus. Meistaufgelegtes Einzelplakat war der Titel „Liste 1“ mit über 1,3 Millionen Stück in vier verschiedenen Größen. Von den kleinen Klebezetteln erschienen vor dem 14. September zusätzliche 4,5 Millionen Stück916. Plakate und ihre Bildmotive wurden von allen Weimarer Parteien in ver- 309 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen kleinerter Form sowohl als Postkarten wie eben auch als Klebezettel verwendet. Erstmals tauchten diese billig herzustellenden Zettel in Etikettengröße im Reichstagswahlkampf vom Sommer 1920 auf. Sie eigneten sich nicht nur zum Überkleben der gegnerischen Plakate, sondern waren selbst eine Art „Mini-Plakat“, meist im ungefähren DIN-A7-Format, während ein normales Wahlplakat in der Regel die Ausmaße von 71 x 95 cm besaß. Noch kleiner waren so genannte Briefverschlussmarken, gummiert und farbig, mit Aufschriften in Parolenform, wie sie die DNVP während der Inflationsjahre nicht nur für Briefe und Drucksachen empfahl, sondern etwa auch „zum Ausbessern zerrissener Geldschei ne“917. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts avancierte das Flugblatt zu einem massenhaft eingesetzten Mittel der Parteipropaganda, deren Adressat mit Ausbau der politischen Partizipation nach und nach die Gesamtheit der Bevölkerung, mit anderen Worten „Alle“ wurden. Durch die Erfindung neuer drucktechnischer Methoden veränderte sich auch die äußere Form der Flugblätter – bestimmt vor allem von Fett- und Farbdruck sowie Balkenüberschriften – und wurde ihre Herstellung durch neue Reproduktionsmethoden billiger. Das Wahlflugblatt selbst erlebte seinen Aufschwung in Deutschland nach 1890, als insbesondere die Sozialdemokratie ihre erfolgreichen Reichstagswahlkämpfe dank massenhaft verteilter Flugblätter bestritt. Ihre Wertschätzung als Propagandamittel auch von seiten der bürgerlichen Parteien sollte im und nach dem Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichen918. Aus Sicht eines Weimarer Zeitgenossen war das Flugblatt in der Zeit der allgemeinen Lesekenntnis an die Stelle der mittelalterlichen „Wanderprediger und fahrenden Spielleute, der Herolde und Ausrufer“ getreten und stehe der Form nach zwischen Versammlungsrede und Zeitung. Wie diese besitze es einen aktuellen Charakter, wende sich aber in der Regel nicht an ein bestimmtes Publikum, sondern ziele auf die Erfassung aller Volksschichten: „Deshalb klopft in ihnen, von den ‚fliegenden Blättern‘ aus der Kindheit des Buchdruckes an, seit jenen Einblattdrucken, die die Reformation vorbereiteten, stets der Pulsschlag des politischen Lebens am heißesten und heftigsten, haben sie auf die Massen den stärksten Einfluss ausgeübt und bewahren uns das getreueste Spiegelbild stürmisch bewegter Zeiten“919. Flugblätter bildeten in den ersten Reichstagswahlkämpfen der Weimarer Re pu blik das auffälligste, überall anzutreffende Propagandamit- 310 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik tel der Parteien, sodass sich überspitzt sagen lässt: Wahlkampf war, wenn Flugblätter verteilt wurden. Relativ leicht herzustellend, unterlagen sie je nach politischem Lager der gleichen Wert- oder Geringschätzung wie dieser selbst. Das Flugblatt sei eines der „wichtigsten Mittel der politischen Propaganda“, bemerkte unmittelbar nach dem Wahlkampf zur Nationalversammlung im Januar 1919 etwa Paul Landau, Leiter eines USPDnahen „Werbedienstes“. Zu kritisieren sei aber die „papierne Offensive“ der staatlichen und militärischen Stellen während des Krieges gewesen, als sich eine „ungeheure Flut von Flugblättern und Broschüren“ über das Deutsche Reich und seine Bevölkerung ergossen habe. Die damals in Bewegung gesetzte amtliche „Beeinflussungsmaschine“ habe jedoch keinerlei Verständnis für den „Massengeist“ gezeigt. Vielmehr bewegten sich die Kriegsflugblätter „auf dem tiefsten intellektuellen und künstlerischen Niveau“, weil die Verfasser, meist Professoren und Offiziere, der Ansicht gewesen seien, so „zum Volke herunterzusteigen“. Um aus dem Versagen der deutschen Kriegspropaganda zu lernen, plädierte Landau Anfang 1919 für sorgfältig gestaltete Flugblätter, in denen durchaus intellektuelle Anforderungen an das so oft zu Unrecht geschmähte „Verständnis der Vielen“ gestellt werden könnten920. Bereits 1911 hatte Rosa Luxemburg die Flugblätter als die „Pioniere, die uns den Weg in noch nicht gewonnene Kreise bahnen müssen“, bezeichnet. Auch um die eigene Anhängerschaft zu festigen, seien sie eine „außerordentlich wichtige Waffe“. Zwar weniger anregend als öffentliche Versammlungen, dafür aber „viel nachhaltiger in ihrer Wirkung“, könnten Flugblätter die „breitesten Massen“ aufrütteln und im Parteisinne beeinflussen, wenn sie „kurz und populär“ geschrieben seien und doch die wichtigsten Ziele der Partei mitteilten921. Eine davon abweichende Vorstellung über die Gestalt und Aufgabe eines Flugblattes herrschte vor 1914 in regierungsnahen bürgerlichen Kreisen: „Gebildete Wähler werden durch Flugblätter und Schriften, die während der Wahlbewegung erscheinen, überhaupt kaum umgestimmt“, hieß es dort. Bei ihrer Abfassung sei also nur auf die breite Masse zu rechnen, ohne deshalb in einen allzu „kindlichen Ton“ zu fallen: „Keine Zahlen und koloniale Zukunftsmusik, sondern konkrete, anschauliche Erzählung, je blutiger, desto besser, denn das melodramatische Bedürfnis der Massen verlangt immer nach Kolportageliteratur“922. Das politische Flugblatt gehörte schon vor 1918 zum Propagandarepertoire der deutschen Parteien und zählte somit in der Weimarer Re- 311 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen pu blik bereits zu den „alten“ Werbemitteln. In Sprachduktus und Argumentationsstil kam es der so genannten Mundpropaganda am nächsten. Seine „prompte Sprache“ entsprach aber auch dem „neusachlichen“ Zeitgeist der 1920er-Jahre, der eher „unscheinbare“ publizistische Mittel wie Broschüren, Plakate und eben Flugblätter gegenüber dem Buch als schlagkräftiger erachtete. In der Regel von den Parteizen tra len zum Stück- beziehungsweise Herstellungspreis (von etwa einer bis zwei Mark pro 100 Stück) verkauft oder in Matern an die Organisationen verschickt, folgten auch die bürgerlichen Parteien nach 1918 dem Beispiel der SPD und verbreiteten anlässlich von Wahlen ihre Flugblätter in Millionenauflagen923. Andererseits wurden die Begleiterscheinungen dieser neuen publizistischen Massenpropaganda in weiten Teilen der Öffentlichkeit weiterhin als negativ registriert. Sowohl die pure „Papierflut“ als auch die Flugblattagitation der Parteien stieß insbesondere im Bürgertum auf Ablehnung. Gewissermaßen drückte sich darin die Distanz zu den „Auswüchsen“ der Parteiendemokratie aus, mit denen das Flugblatt wie kein zweites Werbemittel gleichgesetzt wurde. Noch Siegfried Neumann schreibt im Ton der Abscheu über die „flachen und vergröbernden Schlagworte der politischen Pamphletliteratur“. Zugleich hätten die Parteiprogramme zugunsten dieser Tagespublizistik als ein „Sprachrohr konstanter Beeinflussung der Anhängerschaft“ an Bedeutung verloren924. Bemerkenswert war die Herausbildung neuer Formen in der Flugblattpropaganda nach 1918. Die Weimarer Parteien fassten darunter in der Regel ihre gesamte „kleine“ Schrift- und Textwerbung, also nicht nur die Flugblätter, sondern auch Wahlzeitungen und Textplakate, Handzettel oder Pressepropaganda durch Inserate und Kästchen-Anzeigen925. Die graphische Gestaltung der Flugblätter konnte erheblich verfeinert und vor allem durch die Hinzunahme von Bildern in den Text „bunter“ werden. Politische Triebfeder dieser neuen Formenvielfalt war der Versuch der Parteien, sich an die speziellen Bedürfnisse breiterer Wählergruppen anzupassen. Die am häufigsten anzutreffende Form von Flugblättern in den Reichstagswahlkämpfen der Weimarer Re pu blik, das, wenn man so will, „typische“ Wahlflugblatt, blieb ein meist beidseitig bedruckte und zunächst nur wenig bebilderte Einzelblatt im ungefähren DIN-A4-Format. Noch in den Reichstagswahlkämpfen von 1924 überwogen die kaum illustrierten und meist einfarbigen Flugblätter, wie sie aus dem Kaiserreich überliefert waren, die „alten, schlechterprobten und eng bedruckten langen Zettel aus grauem porösem Papier“, deren Frakturschrift zwar 312 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik einen amüsanten Eindruck biete, aber keinerlei optische Reize. Wenn auch in Millionenmengen verteilt, hätten viele Wähler sie deshalb bald wieder „flattern“ lassen926. Erst im Frühjahr 1928 erfuhren die Druckschriften etwa der SPD laut dem Bericht des Parteivorstandes eine „wesentliche Veränderung“ in Richtung moderner Gestaltung. Ausgehend von der Erfahrung, dass lange absatzlose Darstellungen nicht mehr gelesen würden, wollte die SPD stärker dem Pu bli kumsbedürfnis Rechnung tragen und durch „knappen, interessanten Text, gute typographische Anordnung und Bilder das gedruckte Wahlmaterial lebendig“ gestalten927. Auch die bürgerlichen Parteien griffen nun verstärkt auf Bildflugblätter zurück. Das „illustrierte Flugblatt“ feierte gewissermaßen Ende der 1920er-Jahre seine Wiedergeburt. In der Herstellung zwar teurer als solche ohne Bilder, Karikaturen oder Farben, schienen sie wie die Wahlzeitungen für den Leser inte res santer und damit größere Sicherheit zu bieten, gelesen zu werden928. Als gelungen galt ein Flugblatt in den Augen von Weimarer Zeitgenossen, wenn es „packende Schlagworte“, „scharfe Gegensätze“ sowie eine „bildhafte Wirkung“ besitze929. In den Wahlbewegungen entfaltete sich ein regelrechter „Flugblattkampf “ der Parteien, dessen Hauptregel lautete, dass die meisten Flugblätter erst während der „Kampfhandlungen“ entstehen und im Gegensatz etwa zu den Broschüren erst kurz vor dem Versand aus der aktuellen Situation des Wahlkampfes heraus geschrieben würden930. Im Sommer 1930 empfahl die Parteileitung der DNVP ihren Landesverbänden, in diesem Sinne ein illustriertes Wahlflugblatt als „Schlager für die letzte Woche“ zu verteilen. Moderne Fotomontage sowie ein „besonders zugkräftiges und neu trales Titelblatt“ sicherten ihm größte Werbekraft. Darüber hinaus werde kein weiteres Propagandamaterial mehr hergestellt, abgesehen von den Wahlnummern des Parteiorgans, die „ganz ausgezeichnetes Material, auch illustriertes, zur Herstellung von Flugblättern und Handzetteln“ enthielten931. Oftmals beschäftigte sich auch die große Richtungspresse mit den Methoden und Inhalten der Flugblattagitation932. Wegen seiner billigen und einfachen Produktionsweise wurde das Flugblatt gerade von den radikalen Parteien besonders geschätzt. Innerhalb des Spek trums der Werbemittel der NSDAP kam ihm jedoch nur eine Hilfsfunktion neben den „lebendigen Propagandaträgern“ wie den Versammlungsrednern oder den SA-Trupps zu. Goebbels erklärte Flugblätter in der bereits „im Über- 313 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen maß mit gedruckten Papier“ gefüllten Reichshauptstadt 1931 sogar als völlig ungeeignet zur Wahlpropaganda933. Laut seinem Berliner Propagandaleiter hatte der zum Verteilen auf der Straße gedachte Handzettel schon im Sommer 1930 „so ziemlich abgewirtschaftet“. Er werde vom Leser schnell weggeworfen und sein Inhalt, selbst nur eine kurze Versammlungsanzeige, kaum beachtet. Eine „viel versprechende Modifikation“ stelle allerdings der mit Karikaturen bebilderte Handzettel dar, weil Bilder immer „fesseln“ würden. Flugblätter könnten in „kurzer gemeinverständlicher Weise einen Gedanken klar zum Ausdruck bringen und den Gegner herausfordern“. Die „markantesten Stellen“ sollten durch Fettdruck und größere Schrift hervorgehoben werden. Zu kleine Schrift, schlechte Anordnung und langatmige Ausführungen des Flugblattes missachteten das In te res se des Wählers. Schließlich müssten dadurch „ja Gleichgültige aufgeweckt werden, denen man keine besondere Anstrengung zumuten darf “934. Eine eng mit dem Distributionsproblem der Flugblattpropaganda verknüpfte Frage betraf den Herstellungsort und spiegelt aus heutiger Sicht den Zwiespalt zwischen zen tra ler und regionaler Wahlkampfführung wider. Die Flugblätter der Berliner Parteizen tra len konnten naturgemäß nicht auf die speziellen Probleme der einzelnen Wahlkreise eingehen, sondern behandelten vorrangig allgemeinpolitische Fragen und wandten sich an Wählergruppen im ganzen Reich. Flugblätter lokaler Parteiinstanzen waren dagegen nicht nur wegen der wegfallenden Frachtkosten preiswerter, sie galten vielfach auch als wirksamer durch ihren aktuellen Bezug und durch die Tatsache, dass sie dem Schauplatz des Wahlkampfes vor Ort näher waren. Die technischen Vorteile des Maternversands von zentral hergestellten Flugblättern lagen auf der Hand, entlastete er doch die Parteizen tra len und gab den Wahlkreisen die Möglichkeit, die gewünschte Menge je nach Bedarf nachzudrucken und so überflüssigen Druck oder Materialengpässe zu vermeiden. Doch die Produktion von reichseinheitlichem Wahlmaterial durch die Parteizen tra le stieß vor allem auf inhaltliche Kritik in den Wahlkreisen. Strebten die Berliner Vorstände das möglichst geschlossene Erscheinungsbild der Propaganda an, wünschten sich die regionalen Parteiverbände, dass auch in Reichstagswahlkämpfen Rücksicht auf die Eigenart der Verhältnisse vor Ort genommen werde, was sie nicht hinderte, sich andererseits selbst mit allgemeinpolitischen Themenflugblättern in die Geschäfte der Berliner Parteizen tra len einzumischen. Der Hauptgeschäftsführer der DNVP 314 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schrieb rückblickend, dass es etwa im Wahlkampf zur Nationalversammlung 1918/19 fast unmöglich gewesen sei, von Berlin aus Flugblätter für die einzelnen Landesverbände zu schreiben, weil „der Geschmack und das Bedürfnis je nach früherer Parteizugehörigkeit und nach den örtlichen Gegenden ganz verschiedenartig“ gewesen seien935. Die deutschnationale Schriftenvertriebsstelle unterschied zwischen ihren broschürenartigen „Flugschriften“, die bis zu dreißig Seiten lang sein und bis zu 25 Pfennig das Stück kosten konnten, und den „Flugblättern“, die meist beidseitig bedruckt und zwischen ein bis vier Seiten lang waren, mitunter bebildert und bei gestaffelten Preisen für zwei Pfennig pro Stück. Verfaßt wurden die Flugblätter wie alle gedruckte Propaganda vorzugsweise von „sachverständigen“ Funktionären oder Abgeordneten, bei denen es sich in der Regel um journalistisch geschulte Kräfte handelte. In den bürgerlichen Parteien war es üblich, auch herausragende Vertreter der In te res sen- und Berufsverbände mit dem Abfassen von Wahlflugblättern zu beauftragen, zumal ein Hauptgewicht der zen tra len Flugblattpropaganda auf den Berufsgruppen lag. Der Trend ging nach 1918 weiter vom allgemeinpolitischen, an „Alle“ adres sierten Flugblatt hin zu beruflich differenzierten Spezialflugblättern. Diese verkaufte etwa die Zen tra le der DDP im Frühjahr 1928 je nach Aufmachung – ob koloriert oder einfarbig, ob illustriert, im Quart- oder Oktavformat – für einen Preis von einer bis zwei Mark je 100 Stück936. Die Konzentration auf „berufsständische“ Flugblattpropaganda wurde Ende der 1920er-Jahre innerhalb der bürgerlichen Parteien jedoch zunehmend kritisiert, glaubte man dadurch doch den Gedanken der „Volksgemeinschaft“ konterkariert. Außerdem habe sie, so ein weiteres Argument, die Wahlerfolge der als mittelständische Konkurrenz heftig bekämpften „In te res senparteien“ wie der WP nicht verhindern können. Es verwundert daher kaum, dass die Wahlkampfrichtlinien der neuen DStP vom Sommer 1930 feststellten, Berufsflugblätter richteten mehr Schaden als Nutzen an, zumal „bei nicht sorgfältiger Aussiebung nachher das Beamtenflugblatt in die Hand des Handwerkers und das Bauernflugblatt in die Hand des Arbeitnehmers“ gelange937. An die Stelle des textintensiven und womöglich noch mehrseitigen Flugblattes traten ab Mitte der 1920er-Jahre mehr und mehr die kürzeren und noch stärker auf bloße Schlagworte fixierten Zettel sowie die bereits erwähnten Wahlzeitungen. Bei seiner Abrechnung mit den Propagandamethoden der Weimarer SPD ging Carlo Mierendorff hart mit dem 315 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen aus seiner Sicht veralteten Flugblattwesen ins Gericht. Obwohl ihre Flugblätter bereits „konzentrierter im Inhalt, schlagender in der Formulierung“ als früher seien, so Mierendorff, blieben viele nach wie vor „überflüssig, geschwollen, gereizt, humorlos“, voll von „schwülstigen De klama tionen und schwerfälligen Formulierungen“. Gerade die typographische Anordnung und die „vielfach abscheulichen“ Zeichnungen müssten verbessert werden. Trotz einiger guter Ansätze fehle es den Flugblättern wie der gesamten Agitation der SPD daher an „Schmiss, Schwung und Witz“938. Auf bürgerlicher Seite zog etwa die DVP im Frühjahr 1928 den Flugblättern faksimilierte Briefe in sauberem Offsetdruck vor, die in verschlossenem Umschlag an die Haushalte verteilt wurden. Ihre persönliche Form und Inhalte weckten das In te res se der Adres sa ten eher „als die in schlechtem Druck und auf schlechtem Papier erscheinenden altgewohnten Agitationsflugblätter“939. Schließlich war auch die Frage, wie, wo und wann sie am günstigsten zur Verteilung, „unter die Leute“ gebracht werden sollen, ein Faktor, der ihre Wirkung beeinflusst haben wird. Die Verteilung der Flugblätter stellte die Weimarer Parteien vor erhebliche logistische Probleme, da eine flächendeckende Verbreitung gro- ße Scharen von Helfern erforderte, auf die nur Parteien mit gut ausgebauter Organisation und Massenmitgliedschaft wie der SPD kostenlos zurückgreifen konnten. Sie mobilisierte zur Flugblattverbreitung in Wahlzeiten regelmäßig die gesamte verfügbare Mitgliedschaft. Die ganze Parteiarbeit und die „gewaltigen Summen“, welche die Flugblattpropaganda verschlinge, sowie selbst die „gediegensten Flugblätter“ seien Ma kula tur, wenn sie nicht in der gewissenhaftesten Weise verbreitet würden. Schließlich sei diese Arbeit in der Stadt, wo das Treppensteigen das einzige „Opfer“ darstelle, leicht im Vergleich zur Landpropaganda und ihren weiten Wegen, wo bei der Ausstreuung der „Samenkörner des Sozialismus in den durch die Wahlerregung gelockerten Boden“ bis vor kurzem noch Zettelverteiler der SPD „auf Befehl der Grundbesitzer von ihren ländlichen Arbeitsbrüdern mit Dreschflegeln und Hunden vom Hof und aus dem Dorf herausgehetzt“ worden seien940. Spätestens im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 war die gezielte Flugblattwurfsendung an die Haushalte eine allgemein angewandte Verteilungsart, die immer mehr der anonymen Straßenverteilung vorgezogen wurde. Die Nationalsozialisten wurden im Sommer 1930 von ihrer Propagandaleitung daran erinnert, dass sich nur Verkehrsknotenpunkte zum Verteilen von Flugblättern eigneten, wo gewährleistet sei, dass der Inhalt 316 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sofort gelesen werde. Außer in Bahnhöfen, wo die Abfahrenden und nicht die Ankommenden versorgt werden müssten, da in der Bahn gelesen werde, aber nicht auf der Straße, empfahl die NSDAP das „Verteilen morgens vor den Fabriktoren (nicht bei Arbeitsschluss), Versorgen der Arbeitsplätze vor Beginn der Arbeitszeit mit Werbematerial“, das in der Frühstückspause durchgelesen und besprochen werde, aber auch bei den Wartenden auf den Arbeitsämtern und überall da, „wo Zeit totgeschlagen werden muss und jedes Schriftstück gelesen wird“. Die größte Wirkung aber zeige das systematische Verteilen an die einzelnen Haushalte, das möglichst morgens erfolgen müsse, „damit der Volksgenosse beim Frühkaffee sich in aller Ruhe sein Urteil bilden kann“941. Die bürgerlichen Parteien ohne Massenanhängerschaft mussten oft private „Verteilungsinstitute“ für diese Wahlarbeit einschalten. Als wirkungsvollste Form der Flugblattverteilung empfahl der badische DDP- Führer Hermann Dietrich nach den Reichstagswahlen vom Mai 1924 die Zeitungsbeilage, da seine Partei nur in kleineren Orten eine Verteilung durch ehrenamtliche Helfer von Haus zu Haus erledigen könne, für gewerbliche Kräfte aber kein Geld habe. In den Städten müssten die Flugblätter ohnehin durch „bezahlte Boten ähnlich den Zeitungsträgern“ sowie vor allem in den Wahlversammlungen der DDP verbreitet werden942. Weil jedes Flugblatt, so die Wahlkampfrichtlinien der DNVP vom Sommer 1930, seinen Zweck verfehle, das nicht in der Hand seines Adres saten lande, sei das Verfahren der Straßenverteilung einzuschränken. Für die Straße eigneten sich nur noch ganz knappe Flugblätter, die dem Passanten ihre Botschaft schon beim flüchtigem Überfliegen vermittelten943. Auf innerparteiliche Kritik, dass die Einzelverteilung von Flugblättern überholt und nur noch die Zeitungsbeilage sinnvoll sei, antwortete DNVP-Hauptgeschäftsführer Weiß im Oktober 1928 mit dem Hinweis auf die nach wie vor starke Flugblattpropaganda der Linksparteien, die allerdings fast überall über ein „ausgezeichnetes System der Hausverteilung“ verfügten. Im Frühjahr 1928 stießen die Flugblattmatern der DNVP auf so wenig Nachfrage, dass der Absatz ihrer Wahlflugblätter dramatisch zurückging. Insgesamt verteilte sie vor dem 20. Mai im Vergleich zur Dezemberwahl 1924 über 15 Millionen Stück weniger, statt 25,8 Millionen von 73 nur noch 10,7 Millionen von 84 verschiedenen Flugblättern944. 317 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Flugzeuge, Kraftfahrwagen und Fahrräder In den relativen Stabilisierungsjahren nach 1923 beschleunigte sich das Tempo der Technisierung der Wahlpropaganda, da neben die traditionellen Mittel der Parteienwerbung wie öffentlichen Versammlungen, Plakaten und Flugblättern mehr und mehr technische Hilfsmittel wie das Auto, der Film, Schallplatten und Lautsprecher traten. In den ersten Reichstagswahlkämpfen der Weimarer Re pu blik hatte sich die Rolle der Technik noch auf die unkoordinierte Nutzung von größtenteils privaten Kraftwagen als Transportmittel oder auf den gelegentlichen Einsatz von gemieteten Flugzeugen, in erster Linie zum Abwurf von Flugblättern nach Vorbild der Weltkriegspropaganda, sowie der kommerziellen Werbung beschränkt945. Bezüglich der Propaganda „von oben“ führt es freilich in die Irre, isoliert den spektakulären Gebrauch des Flugzeugs durch die NSDAP im Präsidentschafts-Wahlkampf vom Frühjahr 1932 („Hitler über Deutschland“) zu akzentuieren, mit denen sie alle Konkurrenten übertroffen habe946. Eine innovative Vorreiterrolle bei der Nutzung solch „moderner“ Werbemethoden spielte vielmehr die SPD, die schon Ende der zwanziger Jahre die Mittel zu einer systematischen Flugzeugpropaganda aufbrachte, während andere Weimarer Parteien wie das Zen trum schon aus Kostengründen von einer vergleichbaren Propaganda absehen mussten947. Wegen der relativ hohen Kosten konzentrierte diese sich ohnehin vor allem auf die Schlussphase des Wahlkampfes sowie auf Großstadt- beziehungsweise Ballungsgebiete, da hier die „Trefferquote“ höher lag. Die Flugblattverteilung per Flugzeug wurde während der 20er-Jahre zwar nicht aufgegeben, jedoch im Zuge wachsender Skepsis über den Sinn solch letztlich wahlloser Abwürfe von Propagandamaterial mehr und mehr eingeschränkt. Andere Formen der Propaganda aus und in der Luft konnten dabei von vornherein aus verschiedenen Gründen nicht mit dem Flugzeug konkurrieren. Wenn auch der Flug des Zeppelins LZ 126 im Herbst 1924 massiv von der bürgerlichen Wahlpropaganda aufgegriffen wurde, waren die Luftschiffe selbst als Propagandamittel viel zu kostspielig. Unter der Parole: Ausnutzung „aller technischen Errungenschaften der Neuzeit“ empfahlen die Wahlkampfrichtlinien der DNVP vom Sommer 1920 dagegen, über Städten große Fesselballons mit weithin sichtbaren Aufschriften aufsteigen zu lassen, denn: „Wenn der Wähler überall und immerfort immer nur den einen Namen des Kandidaten hört und liest, so wirkt das schließlich suggestiv“948. 318 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Generell gehörte das Flugzeug zu den kostspieligsten Propagandamitteln und fand deshalb bei den Weimarer Parteien naturgemäß weniger Anklang und Verbreitung als etwa das Auto. Ab Mitte der 1920er- Jahre ist zu beobachten, dass planvoller und in veränderter Form auf das Flugzeug zu Wahlzwecken zurückgegriffen wurde. So setzte der Vorstand der SPD im Reichstagswahlkampf vor dem 20. Mai insgesamt acht Flugzeuge ein, die zwar auch noch mit dem Abwurf von Wahlflugblättern beschäftigt waren, von denen einige aber schon mittels Tragflächenaufschriften wie „Wählt SPD“ warben, die zum Teil während der Dunkelheit noch beleuchtet wurden. In erster Linie sollte diese Flugzeugagitation den Anhängern und Wählern die Macht der sozialdemokratischen Organisation im Wahlkampf demonstrieren. Zumal sich weitere Verwendungsmöglichkeiten ergeben würden, prophezeite die SPD dem Flugzeug „in zukünftigen Wahlkämpfen sicher noch eine weit größere Rolle“ als bislang949. Von seiten des Reichsverkehrsministers Wilhelm Koch, einem Deutschnationalen, war dagegen vor der Wahl am 20. Mai 1928 versucht worden, „das Flugwesen von der Wahlagitation der Parteien freizuhalten“. Hintergrund war der Fall eines Stuttgarter Unternehmens für „Flugreklame“, das bei der Landesregierung um Erlaubnis angefragt hatte, für die DVP im Wahlkampf Druckschriften aus Flugzeugen auch über solche Städte abzuwerfen, die dies polizeilich untersagt hatten (was ihnen das Kommunalrecht gestattete). In seinem Antwortschreiben vom 16. Mai wies Reichsinnenminister Keudell, ebenfalls DNVP, den Kollegen da rauf hin, dass ein generelles Verbot von Flugzeugpropaganda die Wahlfreiheit beschränke. Erfahrungsgemäß sei zudem die schiere Menge an Flugblättern, die etwa durch Autos in den Städten verbreitet werde, ohnehin größer als die durch Flugzeuge950. Im Sommer 1930 war es wie de rum die SPD, die systematisch Flugzeuge in den Dienst ihrer Wahlpropaganda stellte, wozu der Parteivorstand vom Arbeiter-Flugverband „Sturmvogel“ fünf Flugzeuge für die letzten zwei Wochen vor dem 14. September anmietete. Das von der Parteipresse als „Deutschlandflug“ apostrophierte Unternehmen startete am 30. August 1930 von Berlin aus. Angeflogen wurden in einer Rundreise fast alle Gegenden Deutschlands, bevorzugt natürlich größere Städte. Ein mitfliegender Mitarbeiter des Vorwärts berichtete mehrmals über den Verlauf der Aktion. Die Tragflächen sowie die Hecksteuer der fünf Maschinen waren in den Reichsfarben Schwarz-Rot-Gold angestrichen und 319 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen unter den Tragflächen war noch in dicken Lettern die Aufschrift „Wählt Liste 1“ zu lesen. Durch den Abwurf von Flugblättern, aber vor allem durch die Sensation ihres bloßen Erscheinens sollten die „SPD-Sturmvögel“ die Wahlhelfer der Partei anspornen sowie die Gleichgültigen zum Wahlgang aufrütteln, indem sie „über Dörfer und Städte brummen und dort Werber für die Sozialdemokratie“ seien951. Andere Parteizentra len hatten dieser Agitation im Sommer 1930 nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Während liberale Lokalzeitungen während der Wahlkampfwochen „Werbeflugtage“ veranstalteten und Gratisflüge an ihre Leser verlosten, wurde nichts bekannt über weitere reichsweit ausgerichtete Aktionen auf dem Gebiet der Flugzeugagitation. Das Zen trum setzte vor dem 14. September 1930 in einigen Hochburgen wie Düsseldorf immerhin bereits Flugzeuge mit beschrifteten Fahnen für Wahlpropaganda ein952. Die Zen tra le der DNVP nannte ihren Organisationen lediglich die Adressen von privaten Firmen, an die sie sich zwecks Flugzeugpropaganda wenden könnten. Der Preis einer Flugstunde betrug bei ihnen 150 Mark, mit Beschriftung noch einmal fünfzig Mark extra zuzüglich der Kosten für den Anflug, doch verfügten die genannten Firmen in fast allen grö- ßeren Städten Deutschlands über Flugzeuge, sodass längere Anflugzeiten entfielen. Außer auf eine rechtzeitige Buchung wies die DNVP noch ausdrücklich da rauf hin, dass sich der Propagandaflug bei einer Flugzeit von unter vier Stunden kaum lohnen würde953. Der relativ hohe Aufwand und die Kosten machten das Flugzeug zu einem alles in allem eher selten anzutreffenden Propagandamittel in den Wahlkämpfen der Weimarer Re pu blik, ganz im Gegensatz zum Automobil, das außer zur Materialverbreitung noch am Wahltage zum „Schleppen“ säumiger oder kranker Wähler oder auch zum Rednertransport genutzt wurde. So war das „Wahlauto“ spätestens in den Reichs tagswahlkämpfen von 1924 bei allen Parteien zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel geworden, das sich darüber hinaus mehr und mehr zu einem selbständigen Träger beziehungsweise Medium der Propaganda entwickelte. Die verschiedenen, größtenteils noch privaten oder von den Par tei mit glie dern requirierten Kraftfahrzeuge, Personen- wie Lastwagen und auch Motorräder, dienten allen Weimarer Parteien dazu, Präsenz im „Kampf um die Straße“ zu demonstrieren. Vor allem in der Schlussphase des Wahlkampfes wurden die Kraftfahrzeuge auch als bewegliche Plattformen für Wahlreden oder durch Ausschmückung mit Fahnen und 320 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Transparenten unmittelbar für Werbezwecke eingespannt. Die in den Städten allgegenwärtigen Umzüge und Fahrten mit Automobilen, von denen die Parteiaktivisten großzügig Flugblätter und Handzettel warfen, erschienen der Presse gar als das eigentümliche Kennzeichen des Wahltages am 4. Mai 1924. Handelte es sich auf bürgerlicher Seite noch überwiegend um zweckentfremdete Privatwagen, hatte die SPD bereits gewerblich welche angemietet954. Vor allem im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 erlebte das Auto dann eine wahre Konjunktur als Hilfsmittel, wobei sich die Formen der Autopropaganda änderten. Für Aufsehen sorgten insbesondere die erstmalig eingesetzten „Schallplatten- und Kinoautos“, die mit Grammophon, Schallplatten, Lautsprecher und Filmvorführungsapparaten ausgerüstet auf Propagandafahrt gingen (zwei Jahre später fuhren dann auch „Tonfilmautos“). Diese Technik erlaubte es den Weimarer Parteien, mobile öffentliche Wahlversammlungen abzuhalten beziehungsweise zu improvisieren. Statt wie bisher auf den Besuch der Wähler warten zu müssen, konnten sie nun selbst mithilfe des Autos zu ihnen hin fahren, was zur angestrebten Erschließung neuer Wählerschichten immer unumgänglicher erschien. Als solch vielseitiges Hilfsmittel verdrängte das Auto im Zuge einer allgemein starken Motorisierung seit Anfang der zwanziger Jahre immer mehr das Fahrrad aus der Wahlpropaganda. Freilich blieben die Drahtesel vor allem auf dem Land ein unverzichtbares technisches Hilfsmittel der Parteien. Bei so genannten Propagandafahrten in ländlichen Wahlkreisen, wie sie etwa von der KPD im Herbstwahlkampf 1924 im Umkreis von Berlin veranstaltet wurden („Rote Kavallerie“), leistete das weniger kostspielige Fahrrad nach wie vor gute Dienste. Angesichts der weiten Wege, die bei der Landagitation anfielen, vertraute auch die SPD da rauf, dass „flinke Arbeiterradfahrerkolonnen“ sie abkürzten. Mit Wahlplakaten geschmückt, brachen solche Kolonnen von bis zu 20 Radfahrern meist frühmorgens mit Flugblättern und anderem Agitationsmaterial auf, das sie dann bis zum späten Abend in den umliegenden Dörfern der jeweiligen Kreisstadt verteilten. Aber auch in den Großstädten gehörten Radfahrer oder Motorräder, die ebenfalls mit kleinen Fähnchen geschmückt wurden, zum Bild der Reichstagswahlkämpfe955. Eine seit Anfang der 1920er-Jahre gewohnte Erscheinung waren die so genannten Propagandafahrten von dekorierten Last- und Kastenwagen, die mit Fahnen, Schildern mit den Namen der Kandidaten, den 321 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen wichtigsten Parolen und zum Teil auch mit Musikkapellen bestückt waren. Im Berliner Bezirk setzte die SPD vor dem 20. Mai 1928 ein Dutzend großer, mit Transparenten geschmückte Möbelwagen ein, die in vier Kolonnen zu je drei Wagen durch die Straßen fuhren und starkes Aufsehen erregten. Der Wahlkampfbericht des Parteivorstandes vom Frühjahr 1928 sah die Nützlichkeit der Kraftwagen vor allem in einer „besseren Durchdringung des Gebiets, größeren Versammlungszahl und Zeit- und Kostenersparnis“ für die Partei956. Dass Wahlagitation auf Rädern aber nicht nur Auto, Fahrrad oder Motorrad bedeutete, sondern in den Städten auch die öffentlichen Verkehrsmittel miteinbezog, war einem Bericht des Vorwärts vom Herbst 1924 zu entnehmen. In Berlin leistete sich ein Parteigenosse während des Wahlkampfes den Luxus, im Zweiter-Klasse-Abteil der Straßenbahn morgens inmitten „national“ eingestellter Bürger zur Arbeit zu fahren. Unter deren unwilligen Blicken begann er „breit und umständlich“ den Vorwärts zu lesen, was schnell die Aufmerksamkeit des ganzen Abteils erregte. Wenn er dann das Parteiblatt wie zufällig liegen ließ, sei sicher, dass andere es läsen und solch „spaßige Intermezzi am Morgen“ ihren Agitationszweck erfüllten957. Propagandawagen, die mit Lautsprechern, Grammophon und Schallplatten ausgerüstet waren, konnten die Methoden der herkömmlichen Versammlungs- und Flugblattpropaganda natürlich nicht ersetzen. Seine Übersicht über die im Wahlkampf benutzten technischen Hilfsmittel begann der Bericht der SPD im Frühjahr 1928 dennoch mit dem Auto, das sich überraschend schnell in der Wahlarbeit bewährt habe und angesichts der allgemein „fortschreitenden Vermehrung der Propagandatätigkeit“ bereits unentbehrlich geworden sei. Insgesamt besaßen die SPD- Bezirke 55 parteieigene Personen- und Lastkraftwagen, zu denen während des Wahlkampfes noch mindestens die zehnfache Menge geliehener oder gemieteter Wagen hinzukam. Hervorgehoben wurde immer wieder die Vielseitigkeit des Autos, das sich nicht nur beim Schleppdienst am Wahltage, sondern auch beim Transport von Referenten oder von speziellen „Filmkolonnen“ bewährt habe. Ein großes „Kino-Auto“ des Parteivorstands, ausgestattet mit einem Filmvorführungsgerät und Großlautsprechern, unterstützte im Frühjahr 1928 erstmals die Versammlungspropaganda der SPD. Im Innern eines solchen Wagens waren in der Regel Übernachtungsmöglichkeiten für drei Personen sowie Waschgelegenheiten und Heizung eingebaut. Falls Mikrophon und Lautsprecher nicht zur externen Übertragung herausgenommen werden mussten, war die 322 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Apparatur innerhalb weniger Minuten einsatzbereit. Dank den Filmprojektoren und Lautsprechern, die auch zur Schallplattenpropaganda eingesetzt wurden, waren bereits Kinovorführungen mit Ton beziehungsweise Musikbegleitung im Freien möglich. Sei bei der herkömmlichen Saalversammlung mitunter stundenlanges Ausharren verlangt, entsprächen solche mehr improvisierten Wahlveranstaltungen den Bedürfnissen des Pu bli kums, da sich eine Schallplattenrede von wenigen Minuten auch derjenige anhöre, der keine Zeit habe. Am Abend standen meist Filmvorführungen im örtlichen Kinotheater – so vorhanden – auf dem Programm, zu denen nachmittags bereits per Lautsprecheransagen eingeladen wurde. Dank einem „Kino- und Schallplattenauto“ konnten täglich 15 bis 20 Versammlungen improvisiert werden. Angesichts der allgemeinen Klage der Parteien über nur mäßigen Versammlungsbesuch in den letzten Wahlkämpfen wusste die SPD den Erfolg ihrer Wagen im Wahlkampf vor dem 20. Mai 1928 zu der Erkenntnis zu verallgemeinern: „Die neue Zeit scheint zu verlangen, dass der Wähler vom Referenten aufgesucht wird“958. Auch die KPD richtete für den Reichstagswahlkampf 1928 einen Automobildienst vor allem zur Landpropaganda ein, der laut Bericht der Vossischen Zeitung aus 25 mit Lautsprechern und Filmapparaten ausgerüsteten Fahrzeugen bestand. Intern ordnete die Zen tra le an, „alle der Partei zur Verfügung stehenden Wagen (Fuhrwerke, Automobile, Motorräder, Handwagen, Schubkarren usw.) in jeglicher Größe und Bauart“ für die Wahlarbeit zu requirieren. Darüber hinaus könnten noch so genannte Plakatwagen durch die Zusammenstellung mehrerer Fahrräder in Form eines Autos von den Genossen vor Ort selbst gebaut beziehungsweise „gebastelt“ werden. Holzaufbau und transparente Plakate ermöglichten eine Beleuchtung von innen her und eigneten sich nach Ansicht der Zen tra le vorzüglich zur Werbung während der Dunkelheit. Vor dem 14. September 1930 forderte die KPD ihre Anhänger auf, demonstrativ mit allen zur Verfügung stehenden Fahrzeugen, Auto-, Rad- und Kraftfahrern in Berlin „rote Autokolonnen“ zu bilden959. Von den bürgerlichen Parteien war es in erster Linie die DNVP, die ebenfalls erstmals im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 ein speziell präpariertes Lastauto zur Kino- und Lautsprecherpropaganda einsetzte, das ihre Hauptgeschäftsstelle während der letzten 14 Tage vor dem 20. Mai in den Potsdamer Landesverband entsandte. Ob damit improvisierte „fliegende“ Versammlungen abgehalten wurden, ist nicht bekannt. Wie die Wagen der Links- 323 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen parteien durchfuhr das Auto der DNVP jedoch die Straßen der Orte, in denen Wahlversammlungen geplant waren, wobei meist soldatische Märsche gespielt, Flugblätter, Handzettel und Postkarten verteilt und dazwischen durch Lautsprecher zur Versammlung eingeladen wurde960. Selbst die der Technik eher skeptisch gegenüberstehende Zentrumspartei plante im Frühjahr 1928 den verstärkten Einsatz des Autos für ihren Wahlkampf. Immerhin ließen sich damit nicht nur die „entlegensten Landorte“ erreichen, sondern überhaupt eine viel größere Zahl von Orten und Versammlungen durchführen961. Als im Sommer 1930 erstmals „Tonfilmautos“ auf Propagandafahrt vor der Wahl gingen, konnte sich wie de rum die SPD als Vorreiterin der Modernisierung und Technisierung profilieren, die auf dem Gebiet der Wahlpropaganda stattfand: „Immer gewaltiger wird der Einsatz an Kräften, immer raffinierter die Methoden ihrer Wirksamkeit. Mit den modernsten Mitteln der Technik wird der Kampf der Ideen und Anschauungen ausgefochten. Gestern noch Flugzeug und Schallplatten-Lautsprecher, heute schon ist Tonfilm die jüngste Parole“962. Vom Grammophon zum Rundfunk: Die „Lautsprecher“ Die Lautsprecher, die erstmals im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 systematisch zum Einsatz kamen, galten als diejenige „technische Errungenschaft“, welche den Parteien die Abhaltung von modernen Massenversammlungen überhaupt erst ermöglichte. Erst mit ihrer Hilfe konnte die Stimme des Redners nicht nur einem größeren Publikum verständlich gemacht werden, sondern auch Schallplattenreden und -musik etwa bei improvisierten Versammlungen im Freien verstärkt werden. In der Presse wurde die „potenzierte Wahlrede“ im Frühjahr 1928 als eine geradezu sensationelle technische Neuheit empfunden, die dem gesamten Wahlkampf ihren Stempel aufdrückte. Der Großlautsprecher und die zugrunde liegende technische Apparatur hatten sich schon vorher bei anderen Anlässen gut bewährt, nicht zuletzt bei Sportveranstaltungen wie dem ersten Stuttgarter Sechstage-Radrennen im Fe bru ar 1928. Es lag daher nahe, dass sich die Parteien dieses Hilfsmittels bedienen würden, um ihren Rednern bei Massenversammlungen die nötige Lautstärke zu geben. Mithilfe eines Großlautsprechers, wie ihn z. B. Siemens herstellte, war es möglich, die Worte eines Wahlredners im Umkreise von mehre- 324 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ren hundert Metern klar und deutlich wiederzugeben. Auch der „Großstadtlärm“, der früher noch bei solchen Anlässen störte, konnte ihm damit nichts mehr anhaben963. Der Bericht des SPD-Vorstandes nach dem 20. Mai 1928 zeigte sich äußerst zufrieden über den Einsatz der Lautsprecher als technisches Hilfsmittel im Wahlkampf. Etwa vierzig Stück in unterschiedlichen Grö- ßen hatten die Parteibezirke benutzt, teils auf Kraftwagen montiert, teils stationär. Gelegentlich wurden auch bereits so genannte „Sprachrohre“, Vorläufer der Megaphone, verwendet. Einer größeren Verbreitung der Lautsprecher standen im Frühjahr 1928 allerdings der hohe Anschaffungspreis sowie technische Schwierigkeiten im Wege, da die Apparate häufig noch nicht mit der gewünschten Sicherheit funktionierten. Als zweckmäßigste Lösung hatte sich der Einbau von Lautsprechern in umgerüstete Personenwagen erwiesen, die zugleich auch Kino- und Lichtbildapparate enthielten, wodurch diese Technik insgesamt rentabler wurde, aber immer noch nur für finanzkräftige Parteien bezahlbar964. Die DNVP bot ihren Organisationen im Wahlkampf 1930 verschiedene Typen von Lautsprechern der Firma Siemens an. Zum Preis von 11 000 Mark konnten sie einen Großlautsprecher mitsamt Wagen für drei Wochen einschließlich Bedienungspersonal und Betriebsstoff für 600 Kilometer ausleihen: Der Tagespreis betrug 700 Mark, ein Kaufpreis wurde erst gar nicht genannt. Ein mittelgroßer Lautsprecher, der auf jedes Auto zu montieren oder im Versammlungssaal aufzubauen war, besaß eine Reichweite von etwa 300 Metern und kostete 3 200 Mark, die Leihgebühr pro Tag betrug 200 Mark. Zum Verstärken der Stimme überall benutzt werden konnte ein kleiner tragbarer Apparat zum Kaufpreis von 850 Mark, der im Rucksack geliefert wurde und insbesondere für die Landagitation geeignet war965. Obwohl das Abspielen von Musikstücken und Grammophonen schon in den Wahlkämpfen des Kaiserreichs gebräuchlich war, bedeuteten die Schallplatten der Weimarer Parteizen tra len mit Reden bekannter Parteiführer im Frühjahr 1928 doch eine Neuerung. Auf der Rückseite solcher Sprechplatten etwa der SPD befanden sich sozialistische Freiheitslieder oder Musikstücke der Arbeiterbewegung. Eingesetzt wurden sie sowohl zur Belebung von Massenversammlungen mithilfe der Lautsprecher als auch bei kleineren Versammlungen auf dem Land sowie zur Unterstützung von Film- und Lichtbildabenden. Unter dem Motto „In jedes Arbeiterheim eine Schallplatte der Partei!“ machte der Parteivorstand der 325 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen SPD jedem sozialdemokratischen Grammophonbesitzer zur Pflicht, das neue Werbemittel zu erwerben. Als sehr zweckmäßig bezeichnete er im Frühjahr 1928 das Abspielen einer Schallplattenrede in Verbindung mit einem projektierten Lichtbild des Redners, weil so die „konzentrierte Aufmerksamkeit des Versammlungsbesuchers“ erreicht werde966. Wie auf politischem Gebiet entwickelte sich zwischen den Parteien ein Prestigekampf, der den technischen Modernisierungsprozeß ihrer Propaganda förderte. In direkter Bezugnahme auf die SPD-Werbung pries etwa die DNVP ihre Schallplattenreden vor dem 20. Mai zum Einzelpreis von 5 Mark, auf deren Rückseiten ein „Soldatenlieder-Potpourri“ zu hören war, als technisch besser an. Allerdings werde diese „Grammophonplattenpropaganda“ noch von zu wenigen Landesverbänden genutzt, rügte ihre Hauptgeschäftsstelle den geringen Absatz von nur 4 000 Schallplatten967. Von Seiten ihrer Gegner wurde der Einsatz von Schallplattenreden zudem spöttisch als Scheu der DNVP vor einer direkten Aus ei nander set zung gedeutet. Weil sie sich im Wahlkampf in der Defensive befinde und ängstlich den „rauen Ton“ der Versammlungen meide, versuche sie nun mit „mechanischen Mitteln“ wie der gegen Widerspruch gefeiten Schallplatte zu werben968. Anlässlich der Reichstagswahl im Mai 1928 gab auch die KPD erstmals mehrere Schallplatten heraus, die auf einer Seite Wahlreden ihrer Parteiführer, auf der anderen Seite meist einen revolutionären Arbeitermarsch oder russische Volks- und Revolutionslieder enthielten. Diese Platten, die für den Preis von 2 Mark 65 über die Zen tra le oder die Bezirksleitungen zu beziehen waren, wurden sowohl in Wahlversammlungen als auch bei De mons tra ti o nen, in den Parteilokalen und bei der Haus- und Hofpropaganda, in Arbeitervierteln und auf dem Land eingesetzt. Ein Artikel in der Roten Fahne vom 6. Mai 1928 berichtet, wie Funktionäre der KPD auf das Land fuhren, im Rucksack dabei Grammophon und Schallplatten. Auf dem Bahnhof, in der Gastwirtschaft oder auch nur vor einer Gruppe Landarbeitern wurden die Grammophone dann ausgepackt und mithilfe der Schallplatten eine Wahlversammlung improvisiert. Die Besonderheit der Schallplattenpropaganda der KPD bestand im Frühjahr 1928 darin, dass einige ihrer Reichs- und Landtagsabgeordneten nach Aufhebung der Immunität von der Polizei gesucht wurden, aber durch die Besprechung von Platten doch noch am Wahlkampf teilnahmen. Außerdem, so teilte die KPD mit, habe man Schallplatten der SPD aufgekauft, um sie in eigenen Versammlungen zu spie- 326 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik len und „widerlegen“ zu lassen – was, so spottete die Vossische Zeitung, keine schwierige Aufgabe sei, da die Platten weder Zwischenrufe machen noch sonst etwas erwidern könnten969. Der zen tra le Organisationsausschuss der DDP legte Ende März 1928 fest, insgesamt sechs Grammophonplatten mit Reden der Parteiführer besprechen zu lassen, deren Spieldauer ungefähr je 4½ Minuten betrug und auf deren Rückseite das Deutschlandlied erklang, das sich gut für den Schluss der Versammlungen eigne. Auf einem Grammophonapparat gespielt, könnten diese Schallplatten einen kleineren Wirtshaussaal füllen. Für größere Säle empfahl der Vorstand der DDP, Lautsprecherapparate zu verwenden, die auch als Koffer transportabel für die Landagitation geeignet und bei einer der Partei „nahestehenden“ Firma für etwa 100 Mark zu kaufen seien. Schallplattenpropaganda im Wahlkampf könne auch dadurch betrieben werden, dass etwa Geschäftsinhaber unter den Parteifreunden ihrem Personal die Wahlplatten vorspielten. Sie würden schon allein deshalb in teres siert angehört, weil es sich um eine technische Neuheit handle970. Neu in der Weimarer Re pu blik war auch das Aufkommen und die Entwicklung von Film und Rundfunk zu Massenmedien. Als erste deutsche Rundfunkgesellschaft hatte im Oktober 1923 die Funkstunde AG in Berlin ihren regulären Sendebetrieb aus dem Voxhaus aufgenommen. Ende 1924 gab es bereits 15 regionale Radiosender, die Zahl der Rundfunkteilnehmer überschritt 1926 die Millionengrenze und kletterte bis zum Frühjahr 1928 auf 2,2 Millionen, womit das Deutsche Reich im Weltvergleich hinter den USA und Großbritannien an dritter Stelle lag971. Im Unterschied zum Film blieb der Rundfunk in den 20er-Jahren ein unter strenger staatlicher Kontrolle stehendes Massenmedium, dem von der Reichsregierung lediglich Unterhaltungs- oder Bildungszwecke zugebilligt wurde und das den Parteien deshalb bis 1932 formell verschlossen blieb. Gesichert werden sollte ein „überparteilicher“ Rundfunk, was dazu führte, dass selbst die Übertragung von Reichstagsdebatten durch das Rundfunkgesetz von 1926 untersagt wurde. Ein mit umfassenden Befugnissen ausgestatteter „Überwachungsausschuss“, der in der Regel aus einem Vertreter des Reiches und zwei der zuständigen Landesregierung gebildet wurde, besaß das Recht, jede politische Sendung der privatwirtschaftlich organisierten Rundfunkgesellschaften zu verbieten. Mit der Gründung der Aktiengesellschaft „Drahtloser Dienst“ im Juli 1927 sicherte sich das Reichsinnenministerium das Monopol für alle Formen der politischen Berichterstattung. Obwohl regierungsamtliche Stellen 327 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen schon früh auf die Möglichkeiten als Propagandamittel hinwiesen, kam dem Rundfunk, der 1930 bei rund drei Millionen Anschlüssen eine geschätzte Hörerzahl zwischen sechs und zehn Millionen erreichte, in den Weimarer Reichstagswahlkämpfen durch seine Eigenschaft als Staatsmonopol kaum Bedeutung zu972. Erst im Juni 1932 wurden den Parteien durch Erlaß der neuen Reichsregierung Franz von Papen reguläre Sendezeiten für Wahlpropaganda eingeräumt, und zwar allen im Reichstag in Fraktionsstärke vertretenen Parteien mit Ausnahme der KPD je 25 Minuten in der letzten Woche vor der Wahl. Mit den Papenschen „Leitsätzen“ vom 27. Juli 1932 wurde der Weimarer Rundfunk so präpariert, dass seine Gleichschaltung nur sechs Monate später durch die NSDAP ohne Schwierigkeiten vonstatten gehen konnte973. Da ihr bis zum Juli 1932 der Rundfunk als politisches Propagandamittel versperrt blieb, hatte diese sich nach Vorbild der KPD auf Ersatzmedien wie Schallplatten oder die passive Nutzung des Rundfunks konzentriert. Durch Gründung von Hörerorganisationen, „Radiobastelbücher“ zum Selbstbau, Forderungen nach „öffentlichen Radiohörstellen“, Ausbau der so genannten Arbeiter-Radio-Bewegung oder gezielte Störaktionen versuchten die Kommunisten, die für eine Politisierung des Rundfunks eintraten, von der Empfängerseite indirekt Einfluss auf dieses Medium zu gewinnen. Eine andere Möglichkeit kommunistischer Rundfunkpropaganda in den zwanziger Jahren bildeten die Sender Sowjetrusslands, die allerdings nur in den östlichsten Gebieten des Deutschen Reiches empfangen werden konnten. Wo „Moskau“ nicht zu hören war, veranstaltete die KPD aber auch Konzertabende, in deren Verlauf statt Rundfunkreden die eigenen Wahlkampfschallplatten gespielt wurden974. Das Prinzip, den Rundfunk frei von jeglicher Parteipropaganda zu halten, war nach 1918 keineswegs unumstritten und wurde bezeichnenderweise in den Reichstagswahlkämpfen mehrmals durchbrochen. Vorbild konnte wieder die Entwicklung in Amerika sein, wo die Parteien Radio und Rundfunk bereits im Präsidentenwahlkampf vom Herbst 1924 benutzten, was den wichtigsten Durchbruch in der technischen Wahlarbeit dieser Zeit bedeutete – Anlass jedenfalls genug für deutsche Zeitungen, von den „Radiowahlen in Amerika“ zu berichten. Schon 1928 gaben die amerikanischen Parteien zusammen fast eine Millionen Dollar nur für ihre Radiowerbung im Wahlkampf aus – über 20 Prozent ihres gesamten Wahlbudgets –, in erster Linie zur Finanzierung der kostspieligen Übertragung von Kandidatenreden. Doch die teuren Radio- 328 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik zeiten machten sich für die Parteien bezahlt, da allein über die zwei gro- ßen Sender CBS und NBC ein landesweites Publikum von schätzungsweise 15 bis 20 Millionen Hörern erreicht werden konnte975. Das neue Wahlwerbemittel besaß in deutschen Augen aber auch staatspolitisch durchaus positive Effekte. Der Rundfunk ersetze nicht nur die mühselige Schlepparbeit der Parteien, da die Säumigen nun über den Äther zum Wahlgang aufgefordert werden konnten. Auch die übliche Erregung der Wahlnacht würde schwinden, weil Millionen das Ergebnis ruhig zu Hause vor dem Radio abwarten würden statt in den Straßen oder Lokalen976. Vor der Reichstagswahl am 4. Mai 1924, die noch in die Frühphase des deutschen Rundfunks mit recht improvisierter und wenig reglementierter Programmgestaltung fiel, war zwischen den Weimarer Parteien eine begrenzte und auch von Reichsinnenminister Karl Jarres abgesegnete Nutzung dieser „allerneuesten technischen Errungenschaft“ vereinbart worden. Je ein Vertreter der großen Reichstagsparteien durfte in der letzten Wahlkampfwoche je 15 Minuten lang über den Rundfunksender der Reichstelegraphenverwaltung im Berliner Vox-Haus abends um 7 Uhr 30 zu den etwa 20 000 Hörern über die politischen Ziele seiner Partei sprechen977. Schon im nächsten Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 untersagte die Reichsregierung jedoch die Benutzung des Rundfunks für Wahlzwecke und ordnete vielmehr seine strikte politische Überwachung an. Der Mitteldeutschen Rundfunkgesellschaft in Leipzig, die für die letzte Woche vor dem 7. Dezember nach Vorbild des Berliner Senders wie im Frühjahr Ansprachen von Parteivertretern senden wollte, wurde dies noch am Vorabend der Sendung telegraphisch verboten978. Eine weitere Ausnahme von dem Neutralitätsgebot stellte die „Reichssendung“ vom 24.  April 1925 dar, zu der alle deutschen Sender zusammengeschlossen wurden, um die Ansprachen der Bewerber Marx und Hindenburg für die Reichspräsidentenschaft zu übertragen. Dies war um so bemerkenswerter, als die Kandidaten des ersten Wahlganges nicht im Rundfunk sprechen durften, sich aber die Lage mit Hindenburgs Kandidatur für den neuen deutschnationalen Reichsinnenminister Martin Schiele offenbar geändert hatte. Auch jetzt wieder wurde der KPD eine Sprechzeit im Rundfunk verweigert979. Obwohl das Rundfunkgesetz von 1926 das Verbot jeglicher parteipolitischer Propaganda im Rundfunk festschrieb, blieb die Frage weiterhin aktuell. Vor der Reichstagswahl im Mai 1928 ließ die Reichsregie- 329 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen rung aber verlautbaren, dass frühere Wahlreden im Radio schon deshalb keine Präzedenzfälle seien, weil es zu dieser Zeit eben die Richtlinien für die „parteipolitische Neutralität“ des Rundfunks noch nicht gegeben habe. Wenn auch die Reichsregierung grundsätzlich berechtigt war, Ausnahmen zuzulassen, entschied sie sich gegen eine Wiederholung des Experiments von 1924980. Über den Äther sollten lediglich in der Wahlnacht bis 3 Uhr morgens und unterbrochen von Musik die ersten Ergebnisse gesendet werden, was schon früher etwa in Kinotheatern durch eigene Radioanlagen während der Vorstellungen laufend geschah. Die Entscheidung, den Rundfunk aus dem Reichstagswahlkampf herauszuhalten, stieß auf heftige Proteste der Opposition. Die SPD bezichtigte die Regierung der Verletzung des Neutralitätsgebotes, insofern diese mitten im Wahlkampf einen Rundfunkvortrag des deutschnationalen Vorsitzenden im Untersuchungsausschuss über die Ursachen des Zusammenbruchs 1918 gestattete, obwohl ihm eine „ausgesprochene Rechtstendenz“ zugrundegelegen habe. Die politische „Anstandspflicht“ verlange, dass nun auch ein Ausschussmitglied der SPD zum Thema im Radio sprechen dürfe981. Von Seiten der bürgerlichen Weimarer Reichsregierungen wurde im Grunde stets die ambivalente Politik verfolgt, einerseits den Rundfunk von direkter Parteipropaganda freizuhalten, andererseits ihn für eigene Zwecke im Sinne „staatspolitischer Aufklärung“ zu nutzen. Nach der Wahl im Mai 1928 drängten daher Politiker der SPD wie Carl Severing mit Macht da rauf, die Zweckmäßigkeit politischer Sendungen im Rundfunk anzuerkennen. Als Severing Anfang November 1928 als Reichsinnenminister anlässlich des 10. Jahrestages der Revolution im Rundfunk sprach, war er sich bewusst, dass eine derartige Rede die weitere Politisierung des Mediums bedeute982. Erstmals zur planmäßigen Unterstützung der Reichsregierung wurde der Rundfunk im Herbst 1929 herangezogen, als auf Severings Initiative hin Kabinettsmitglieder gegen das von DNVP und NSDAP getragene Volksbegehren zum Youngplan sprachen. Ohne dass ihr Anteil an dessen Scheitern exakt festzustellen ist, trugen diese als „Aufklärungsvorträge“ deklarierten Ministerreden im Radio dazu bei, dass sich das In te res se der NSDAP an diesem neuen Medium regte983. Schon kurz nach der Reichstagsauflösung im Juli 1930 benutzten Mitglieder der bürgerlichen Mitte-Rechts-Regierung unter Brüning den Rundfunk wie de rum zur politischen Rede, so etwa Reichsinnenminister Wirth gerade eben über das Thema der Neutralität des Rundfunks. 330 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Obwohl der Zen trumspolitiker dabei die Ansicht vertrat, den Parteien vor Wahlen Sendeplätze einzuräumen, sah die sozialdemokratische Opposition in seinem Vortrag Wahlpropaganda der Regierung. Wenn schon, dann müssten alle Parteien als „sichtbarste Vertreter der miteinander ringenden Weltanschauungen“ auch im Rundfunk zu Worte kommen dürfen. Warum, fragte der Vorwärts die Regierung anschließend, lasse sie ihn als das „vornehmste Mittel gegen die Verrohung“ im Wahlkampf ungenützt, weil weniger Polemik und keine Handgreiflichkeiten vorkommen könnten, wenn sich nur die „besten Redner“ der Parteien vor dem Mikrofon mäßen984. Dieser Appell im Namen der Meinungsfreiheit durch die größte Oppositionspartei blieb nicht völlig ohne Wirkung. In der Woche vor dem 14. September 1930 hielten erstmals wieder wie im Frühjahr 1924 ausgewählte Parteiführer – für die Regierung sowohl Brüning als auch sein Vizekanzler Hermann Dietrich, für die SPD Severing – Vorträge im Rundfunk, die im Grunde nichts anderes als Wahlreden waren. Nun kam prompt Protest von den ausgeschlossenen radikalen Parteien – darunter diesmal auch die Hugenberg- DNVP – gegen solchen „Rundfunkmissbrauch“. Schützenhilfe erhielten sie von liberaler Seite, wenn auch aus anderen Motiven. Der Ausschluss bestimmter Parteien sei falsch, weil den Millionen von Rundfunkhörern die Gelegenheit gegeben werden müsse, die Stimmen aller Bewerber miteinander vergleichen zu können, was für die Frankfurter Zeitung ein „Stück vernünftiger Demokratie“ darstellte985. Die neue „Großmacht Film“ Als eine ebenfalls neue „technische Errungenschaft“ ersten Ranges wurde dem Film in der Weimarer Re pu blik wie keinem zweiten Medium Wirklichkeitsvermittlung und insofern Glaubwürdigkeit sowie hohe Wirkung nachgesagt. Im schichtenübergreifenden Film schien sich, so Frank Trommler und Jost Hermand, die „Demokratisierung der Kultur“ nach 1918 widerzuspiegeln und wuchs ein wichtiges Element des Alltags und der Freizeit heran. Seine Entwicklung vom „Volksvergnügen“ auf Jahrmärkten zu einem Massenbeeinflussungsmittel hatte bereits vor 1914 eingesetzt. Das von den Eliten des kaiserlichen Deutschland als Unterhaltung für die unteren sozialen Schichten angesehene Medium erhielt aber erst durch die filmische Berichterstattung während des Ersten Weltkrie- 331 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen ges und die Herausbildung der Wochenschauen eine politische Dimension. Der Krieg schuf zugleich die Grundlagen für den Aufbau einer deutschen Filmindustrie, insofern Militärs wie Ludendorff den Nutzen des Filmes als „nationales“ Propagandamittel erkannten. Den äußeren Anstoß für die Gründung der UFA im November 1917 gab das Vorbild der psychologischen Kriegführung der Alliierten. Das Programm der privatwirtschaftlich organisierten deutschen Filmindustrie erstreckte sich neben ersten Wochenschauen und Frontreportagen auf patriotische Unterhaltungsstücke, während ausländische Filme der Militärzensur unterlagen. Nach deren Aufhebung im November 1918 und einer kurzen Zeit der Freizügigkeit wurden Film und Kino durch das Reichslichtspielgesetz von 1920 wieder unter stärker restriktive Vorschriften beziehungsweise staatliche Vorzensur gestellt, während verwandte Medien wie das Theater davon weitgehend frei blieben. In den Nachkriegsjahren änderten sich die Zuschauererwartungen und sorgte das gesteigerte Unterhaltungsbedürfnis der Bevölkerung für eine Blütezeit der Kinoindustrie. Die „Großmacht Film“ lautete der Titel eines 1928 veröffentlichten Buches über dieses „Geschöpf von Kunst und Technik“, wonach im Jahr 1927 die Besucherzahl bei annähernd 4 000 Kinotheatern reichsweit etwa 500 Millionen betragen habe, was erahnen lasse, wie viele „rettungslos der Großmacht Film verfallen“ seien986. Das Monopol auf massenwirksame „leichte Unterhaltung“ mittels abendfüllender Spielfilme hatten die großen, meist „national“ eingestellten Produktionsfirmen. Obwohl eines der populärsten Filmthemen während der Weimarer Re pu blik die Hollenzollernmonarchie war und UFA- Kassenerfolge wie „Fridericus Rex“ (1922) oder „Bismarck“ (1925) als scheinbar unpolitische Metapher die monarchische Vergangenheit verklärten, blieben ausgesprochene Tendenzfilme die Ausnahme. Der Versuch, politische Gesinnung zu suggerieren, geschah in erster Linie mittels der Wochenschauen. Ab 1923/24 mehrten sich allerdings die Kri sen symptome der deutschen Filmindustrie, die in den wirtschaftsdepressiven Jahren nach 1929 in eine existentielle Krise geriet. Bei starkem Besucherschwund sah sie sich einer starken ausländischen Konkurrenz vor allem aus den USA ausgesetzt. Schon 1926 konnte nur knapp die „Amerikanisierung“ der UFA verhindert werden, indem das defizitäre Unternehmen durch die Übernahme in den Hugenberg-Konzern saniert wurde. Gerade zum Zeitpunkt der krisenhaften Zuspitzung vollzog sich 1929/30 die epochale Umstellung vom Stumm- auf den Tonfilm, nach- 332 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik dem in Amerika bereits 1926 die ersten „sprechenden Filme“ in die Kinos gekommen waren. Die kostspielige Tonfilmtechnik verursachte neue Investitionen und erhöhte Produktionskosten und verstärkte damit die Konzentrationstendenz, sodass es 1933 nur noch drei deutsche Filmkonzerne gab (UFA, Tobis und Terra)987. Anders als der staatlich kontrollierte Rundfunk konnte sich der Film nach einigen Anlaufschwierigkeiten einen festen Platz in der Weimarer Parteipropaganda erobern. Wenn auch schon 1918/19 erste Überlegungen kursierten, den Film als Hilfsmittel der Wahlpropaganda zu verwenden, dauerte es doch noch Jahre, bis sich das neue Medium im Propagandarepertoire der Weimarer Parteien etablieren konnte. Alle waren sie mehr oder weniger mit den gleichen Problemen konfrontiert, nämlich günstige Produktionsstätten sowie Distributions- und Vorführungsmöglichkeiten zu finden, zumal die Linksparteien, da sich die meisten Kinotheater in bürgerlichen Händen befanden. Einer systematischen Filmpropaganda der Parteien standen neben dem Fehlen eigener Verleih- und Kinonetze die hohen Kosten und der technische Aufwand entgegen. Über die allenfalls geringe Anzahl von speziellen Wahlfilmen aus den frühen 1920er-Jahren ist heute kaum noch etwas bekannt. Insgesamt wird diesem Propagandamittel in den Reichstagswahlkämpfen nur geringe Bedeutung zugekommen sein. Bis 1930 waren es hauptsächlich große finanzkräftige Parteien wie SPD und DNVP, die Stummfilme einsetzten, wenn es auch an Ideen zur Filmpropaganda nicht mangelte und Filme ohne direkten Bezug zur Wahl im Rahmenprogramm von Versammlungen gezeigt wurden988. Die Reichszen tra le für den Heimatdienst plante vor der Wahl zur Nationalversammlung Filme, die im Sinne „staatsbürgerlicher Erziehung“ zur Teilnahme an den Wahlen aufforderten. Weil sich die Herstellung von Spielfilmen aber als zu teuer erwies, beschränkte sich ihre Filmpropaganda auf einige Lauf- oder Stehbilder, die im Reklameteil der Kinoprogramme gezeigt wurden. Vor den Reichstagswahlen im Juni 1920 schlug die RfH der Filmstelle der Presseabteilung der Reichsregierung vor – ohne dass etwas über die Verwirklichung dieser Vorhaben bekannt ist −, mehrere Wahlfilme unterschiedlicher Machart herzustellen, da runter die reportagehafte Darstellung einer Versammlung mit einem Reichsminister sowie einen längeren Spielfilm, aber auch Trickfilme, das heißt gezeichnete Karikaturstreifen mit humoristischer Absicht989. 333 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Mit dem Aufschwung, den die Wochenschauen in den Stabilisierungsjahren nach 1924 erlebten, und parallel zur Konzentrationsbewegung in der deutschen Filmindustrie versuchten die Linksparteien, sich des neuen Mediums Film zu bedienen und insbesondere ihren Einfluss im Bereich der Wochenschauen zu verstärken, welche besser als Wahlfilme geeignet schienen, eine „Identität der In te res sen von Produzent und Konsument“ vorzutäuschen990. Die seit Anfang der zwanziger Jahre in Deutschland für die Sowjetunion werbenden „Russenfilme“ der Internationalen Arbeiter-Hilfe (IAH) fanden zwar selbst von bürgerlicher Seite Beifall991. Erst gegen Mitte der zwanziger Jahre etablierten sich aber „proletarische“ Filmgesellschaften wie der kommunistische Prometheus- Film-Verleih oder der von Marie Harder geleitete Film- und Lichtbilddienst (FuL) der SPD, der sich nach 1925 als Referat beim Parteivorstand zunächst auf die Herstellung von Kurzfilmen mit meist kulturellem Inhalt konzentrierte. Angesichts der wachsenden Bedeutung des Filmes sowie der monopolartigen Stellung der UFA und des Hugenberg-Konzerns auf dem kommerziellen Kinosektor erkannte auch die SPD die Notwendigkeit einer aktiven Filmarbeit und -politik. So wenig sie das Versäumte im Unterhaltungsbereich aufholen konnte, um so mehr war sie bemüht, sich gerade vor Reichstagswahlen als innovative Kraft auf diesem Gebiet zu profilieren. Kein anderes Werbemittel sollte sich so rasch und erfolgreich in der praktischen Propaganda der SPD bewähren wie der Film, was schon ein Blick auf den Etat ihres FuL zeigt. Verbuchte dieser 1926 gerade erst 15 Ausleihen bei Kosten von 21 000 Mark, waren es 1930 schon 2 645 Ausleihen bei einem Etat in Höhe von 454 000 Mark. Dieses geradezu „filmartige Tempo“ betrachteten die Sozialdemokraten selbst im unmittelbaren Zusammenhang mit der Modernisierung ihrer Agitationsmethoden. Nicht zuletzt dank der Filmautos und Wanderkinos erwiesen sich die Filmveranstaltungen im Wahlkampf vom Frühjahr 1928 laut Bericht des SPD-Vorstandes als das „erfolgreichste Werbemittel“, mit dem trotz eines gelegentlichen Eintrittgeldes Wähler erreicht worden seien, die sonst nie in ihre Versammlungen gegangen wären: „Wo das gesprochene Wort nicht mehr ausreicht, da wird das wandelnde Bild zu den Massen reden“992. Ihre Wahlfilme, die in mehreren Dutzend Kopien reichsweit kursierten, betrachtete die SPD im Frühjahr 1928 selbst als „ersten Vorstoß in das Neuland modernster Bildpropaganda“. Neu war vor allem, dass die Filme nunmehr auf Kosten der politischen Rede in den Mittelpunkt 334 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik der Versammlung rückten und besondere Filmabende durchgeführt wurden. Jede Vorführung besaß ein Rahmenprogramm, das in der Regel aus einem Tendenzfilm, künstlerischen Einlagen (etwa eines Männerchors), einem Schallplattenkonzert und der Kandidatenrede bestand. Mithilfe der „Wanderkinos“ und leicht transportablen Apparaten wurde es im Frühjahr 1928 möglich, die Wahlfilme der SPD auch in den „entlegensten Dörfern“ zu zeigen. Die Wirkung der durchweg noch stummen Filme war aber in hohem Maße von der musikalischen Begleitung abhängig, weshalb außer Schallplattenkonzerten häufig Klavierspiel, bisweilen Geige oder Cello, seltener Blasorchester oder Gesang eingesetzt wurden. Allgemein war zu beobachten, dass den Wahlfilmen in den Städten weniger In te res se geschenkt wurde, da hier die zahlreichen Kinos dem Film das Neue nahmen993. Am größten sei, so etwa die Erfahrungen der SPD in Baden, das In te res se in den Dörfern, während die „kinoübersäte Großstadt“ schwerer zu erobern sei. Aber auch hier werde durch diese Art der Propaganda noch ein „starkes politisches Wahlinteresse“ ausgelöst994. Sozialdemokratische Überzeugung war spätestens seit dem Frühjahr 1928, dass das Bild wie die „unmittelbare Anschauung“ auf Plakaten oder eben im Film, dem „begrifflichen Denken“, dem Wort gleichberechtigt zur Seite stehe. Sollte das Bild den Zuschauer und potenziellen Wähler „mitrei- ßen und fesseln“, müsse es in Handlung umgesetzt werden, wie es auch die Theatergruppen mit ihren Wahlrevuen könnten: „Die größte Wirkung auf die Massen aber erzielt man mit dem Film. Den kann man vervielfältigen und vor Tausenden gleichzeitig abspielen. Der Film ist das ideale Propagandamittel“. Was der meist halbstündige Wahlfilm bewirke, könne in Dutzenden von Versammlungen und stundenlangen Reden nicht gesagt werden995. Die besten Resultate bei ihrer Versammlungspropaganda im Frühjahr 1928 hatte die SPD mit dem Streifen „Dein Schicksal“ erzielt, ihrem ersten längeren, unter Leitung des Parteigenossen Bernhard Lohmann gedrehten Wahlfilm von 35 Minuten. In einer Sondervorstellung wurde er vor Beginn des Wahlkampfes dem Parteivorstand am 20. März 1928 in Berlin gezeigt und – nachdem er mit kleinen Korrekturen die Zensur passiert hatte – anschließend an die Bezirke in 63 kostenlosen Kopien versandt, während weitere 50 verkauft und fünf von der FuL für gelegentlichen Verleih bereit gehalten wurden996. Seine öffentliche Erstaufführung hatte der Wahlfilm am 4.  April 1928 im Lehrervereinshaus am Berliner Ale xan derplatz. Vor Beginn der Vorführung wurde ein Bild ge- 335 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen zeigt, das die Zensur gestrichen hatte: den „Transportarbeiter“ Thälmann, der auf seinen Schultern Reichspräsident Hindenburg trägt. Laut einem Bericht des Vorwärts charakterisierte der Film dennoch in prägnanten Bildern die Gegner der SPD sowie die Folgen für die Arbeiter, wenn diese am 20. Mai siegen würden. Die eingefügten Trickzeichnungen seien witzig und dabei „durchaus filmisch“ empfunden. Wenn auch die Kritik am politischen Gegner im Film besonders „kontrastreich“ sei, bleibe sie doch für sich allein wirkungslos, weshalb am Schluss des Filmes einige Parolen über die positive Aufbauarbeit der SPD informierten. Nicht mit dem „Rüstzeug der Barbaren“, sondern mit den „Waffen des Geistes“ werde sie am 20. Mai siegen, pries der Vorwärts den Wahlfilm, dem in der Rechtspresse immerhin „gewissenlose Volksverhetzung“ vorgeworfen wurde997. Die innerparteiliche Kritik entzündete sich vor allem an der Kargheit seines positiven Teils sowie – vor allem aus kleinstädtischen und ländlichen Ortsgruppen – an „dem Tempo, der Kürze und Knappheit der Titel“. Aus Rücksicht auf den „kinoverwöhnten Großstädter“ habe die SPD hier, gab der Vorstand zu, des Guten zuviel getan; leichter lesbare und länger stehende Zwischenüberschriften hätten die Wirkung des Filmes noch erhöhen können. Einige Parteibezirke kürzten den Wahlfilm um den gegen die KPD gerichteten Teil, andere wieder fügten Lichtbilder ihrer Reichstagskandidaten am Schluss hinzu. In Berlin wurde er insgesamt bei vierzig Kundgebungen der SPD vor dem 20. Mai 1928 gezeigt, zusammen mit Filmen wie „Die Weber“ oder „Was wir schufen“, Letzteres ein Überblick kommunal- und sozialpolitischer Leistungen der SPD. Ebenfalls zum Einsatz kam der stumme Animationsfilm „Was wählst Du?“, dessen Spielszenen aus Realaufnahmen und Zeichentrick zusammengesetzt waren998. In der KPD wurden dem Kino als „Mittel zur Bereicherung der Bourgeoisie“ zunächst noch stärkere Vorbehalte als in der SPD entgegengebracht und die Möglichkeiten des neuen Mediums Film unterschätzt. Die Erprobung innovativer Methoden und künstlerischer Gestaltungsmittel in der Propaganda wurde anfänglich durch eine Auffassung behindert, welche die Literaturkritikerin der Roten Fahne, Gertrud Ale xander, noch 1920 beispielhaft mit Blick auf neue Theatertechniken for mulier te: „Kunst [ist] eine zu heilige Sache, als dass sie ihren Namen für plattestes Propagandamachwerk hergeben dürfte“999. Ansätze einer eigenständigen Filmarbeit deutscher Kommunisten waren freilich schon seit den frühen 20er-Jahren zu beobachten. Schritt- 336 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik macherfunktion besaßen dabei Willi Münzenberg und die Gründung der in Berlin ansässigen IAH, die inspiriert von dem Erfolg der „Russenfilme“ seit 1923 bald auch eigene Filme produzieren ließ. In einem programmatischen Aufsatz verlangte Münzenberg 1925 mit Nachdruck die „Agitpropisierung“ des Filmes, dessen Bedeutung inzwischen die der Presse übertroffen habe. Die KPD greife aber immer noch zu wenig auf das „lebendige“ Bild in ihrer Propaganda zurück. Film und Kino hätten sich aber technisch ständig verbessert, und inzwischen sei unbestritten, dass „das gesehene Bild in viel stärkerer und eindringlicherer Weise auf die Zuschauer wirkt, als das geschriebene Wort auf den Zeitungsleser“, so Münzenberg1000. Angesichts „persönlicher Zensurvorschriften“ bürgerlicher Kinobesitzer und hoher Theatermieten müsse die KPD dem Vorbild der IAH folgen und sich durch eigene Filmapparate unabhängig machen. Den Massenbesuch ihrer Filmabende müsse eine „breite, auff ällige, schreiende Reklame“ sowie Musikvorträge, Arbeitergesangvereine oder Massensprechchöre als Rahmen sichern. Münzenbergs Plänen standen 1925, wie er selbst eingestehen musste, neben den „Zensurschwierigkeiten“ vor allem noch organisatorische Mängel im Weg. Zudem koste ein „guter Film mit Massenszenen und mit allem technisch not wendi gen Raffinement“ mehrere Hunderttausend Mark, wenn auch die Moskauer Produktionsstelle der IAH, die Meschrabpom-Russ, zur Verfügung stehe1001. Obwohl der Filmpropaganda in ihren Wahlkämpfen keine vergleichbare Rolle wie etwa in denen der SPD zukam, verstärkten die Kommunisten ab Mitte der 20er-Jahre die „filmpolitische Massenarbeit“. In einem Rundschreiben des Sekretariats zur Filmpropaganda an alle Bezirksleitungen vom Mai 1927 hieß es, dass die früheren Schwierigkeiten – der Mangel geeigneter Filme sowie das Finanzierungs- und Distributionsproblem – weitgehend beseitigt seien, letzteres durch die Anschaffung einer genügenden Anzahl von Vorführapparaten. Da diese aber nur von Fachleuten bedient werden könnten, sei der einfache Verleih nicht möglich, sondern organisierte die Parteizen tra le von Berlin aus „Filmtourneen“ in die Bezirke1002. Anlässlich der Reichstagswahlen im Mai 1928 konnte die KPD immerhin insgesamt drei Wahlfilme produzieren. Bei der Uraufführung des Filmes: „Die Rote Kamera“ erklärte Wilhelm Pieck, dass dieser als ein „Stück Zeitgeschichte“ im Gegensatz zum „bürgerlichen Lügenfilm“ die wahren Zustände in Deutschland zeige1003. Obwohl die Zentralagitprop reichlich instruktives Material zur Organisati- 337 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen on von Filmveranstaltungen herausgab, konnte sich das neue Medium in der KPD jedoch nicht etablieren, zu hoch blieben die organisatorischen und finanziellen Hürden. Im Sommer 1930 verzichtete ihre Zentra le daher bereits wieder auf die Produktion spezieller Filme zur Reichstagswahl am 14. September1004. Vorläufer der Filmpropaganda, aber von dieser spätestens 1928 in den Hintergrund gedrängt, waren die Lichtbildvorträge, deren sich die Weimarer Parteien schon in den ersten Wahlkämpfen mithilfe privater Firmen bediente. Über den in Berlin ansässigen Deutschen Lichtbilddienst bot das Zen trum etwa vor dem 7. Dezember seinen Organisationen mehrere Serien von Lichtbildern an, unter anderem zur Reparationsproblematik. Die vierzig Bilder dieser Serie waren sowohl schwarz-weiß als auch farbig und kosteten einschließlich Text je 60 Mark, billiger mit Mengenrabatt. Außerdem hatte das Zen trum Stehbilder von einem Wahlplakat zur Projektion auf Kinoleinwände präpariert, deren Einzelpreis 2 Mark 20 betrug1005. Auch die SPD pries noch im Frühjahr 1924 die „vorzüglichen Dienste“ an, die das Lichtbild für die Wahlpropaganda leisten könne. Die Mobilisierungswirkung eines Lichtbildervortrags sei insbesondere auf dem Land groß, wenn neben den Bildern von sozialistischen Führern noch proletarische Demonstrationszüge gezeigt würden1006. Ebenfalls vor der Reichstagswahl im Mai 1924 hatte die in Berlin ansässige „Kulturfilm AG“ dem Fraktionsvorsitzenden der DVP im Reichstag, Ernst Scholz, auf dessen Anfrage hin ein Exposé über die Möglichkeiten der Lichtbild- und Filmpropaganda vorgelegt. Darin wurden unter Berufung auf die Erinnerungen Hindenburgs die deutschen Kriegsgegner gelobt, weil sie die „Psychologie des stehenden (Diapositiv) und des laufenden (Film) Bildes“ vorbildhaft in den Dienst ihrer Propaganda gestellt hätten. Obwohl jeder wisse, dass sich das Bild viel stärker dem Gedächtnis einpräge als das gesprochene Wort, sei dagegen in Deutschland erst nach dem Krieg Filmpropaganda in größerem Maße eingesetzt worden, etwa bei den Abstimmungen in Schleswig-Holstein und Oberschlesien. Während sich die Lichtbild-Reklame in den Kinotheatern durchgesetzt habe, sei bei der Filmpropaganda zweckmäßig, die Veranstaltungen unter ein „unauffälliges“ Thema wie „Der Bürger im Staat“ oder „Aufstieg oder Niedergang“ zu stellen, um den parteipolitisch Desinte res sierten nicht abzuschrecken1007. Angesichts der hohen Kosten von Wahlfilmen griffen gerade die bürgerlichen Parteien weiterhin auf Lichtbilder zurück, nicht zuletzt aber 338 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik auch als Teil des Rahmenprogrammes von Versammlungen oder Filmaben den. So stellte die DNVP vor der Wahl im Mai 1928 Stehbilder mit Parteiführern oder thematische Serien her, die durch Weglassen der letzten Bilder auch nach der Wahl bei Versammlungen oder in Kinotheatern während der Pause verwendet werden könnten1008. Das deutschnational geführte Reichsinnenministerium plante, in der Woche vor dem 20. Mai mit einer „Scheinwerfer-Diapositiv-Reklame“ in den Kinos zur Wahl aufzurufen. Verhandelt wurde dazu mit einer Werbekunst-Epoche-Reklame GmbH, die anbot, entsprechende Diapositive für einen Preis von insgesamt 6 000 Mark herzustellen und damit in hundert Theatern neun Tage lang zu werben, was nach ihren Berechnungen etwa vier Millionen wöchentliche Kinobesucher erreiche1009. Der flächendeckenden Nutzung des Films für Wahlzwecke standen in den bürgerlichen Parteien allerdings neben den Kosten nicht zuletzt „weltanschauliche“ Bedenken gegen dieses Propagandainstrument entgegen. Über solche Skrupel hinweg setzten sich am ehesten die Deutschnationalen hinweg, die wie die SPD bereits im Frühjahr 1928 erstmals in großem Stil systematische Filmpropaganda betrieben. Der zen tra le Wahlfilm der DNVP mit dem Titel „Wohin wir treiben“ war ein vernichtender Rückblick auf die innenpolitische Entwicklung seit dem November 1918. Produzieren ließ die Partei den zwanzigminütigen Film durch die UFA, der sie dann das Negativ mitsamt Aufführungsrechten für 18 000 Mark abkaufte. Anfang Mai passierte er die Kontrolle der Behörden, die ihn – wie die Wahlfilme aller Parteien – für Jugendliche verboten. Zum Preis von 260 Mark verkaufte die DNVP-Schriftenvertriebsstelle von dem Film insgesamt 35 Exemplare an die Landesverbände, während die Leihgebühr für die Wahlkampfzeit 50 Mark betrug. Eine Logos-Film- Gesellschaft aus Berlin schnitt des weiteren im Auftrage der DNVP den Film „Hindenburgs Ehrentage“ von 1925 für die Reichstagswahl am 20. Mai 1928 zurecht. Diesen Streifen, von dem zum Preis von 120 Mark immerhin 42 Stück abgesetzt wurden, hatten die Behörden ebenso wie die deutschnationalen „Führerfilme“ mit Graf Westarp oder Admiral Tirpitz unbeanstandet auch für Jugendliche freigegeben. Einfach zu transportierende Kino-Box-Apparate, die ebenfalls über die UFA vermittelt wurden, sollten den Deutschnationalen im Frühjahr 1928 die Filmpropaganda erleichtern. Angesichts des hohen Kaufpreises von 1 195 Mark wurden davon jedoch nur elf Stück abgesetzt1010. 339 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Ohne neue Wahlfilme anzubieten, schlug die DNVP im Sommer 1930 ihren Organisationen vor, verstärkt „unpolitische Filme“ in den Wahlversammlungen zu benutzen, wozu sie sich direkt an den UFA-Filmverleih in Berlin wenden sollten. Für die Lichtbilderpropaganda empfahl die Parteileitung vor allem den Dresdener Lichtbild-Dienst, der über ein reiches Lager „nationaler“ Bildserien verfüge. Im Übrigen ließ sie bereits vorhandene Produktionen umarbeiten, so den Wahlfilm von 1928: „Wohin wir treiben“ oder den Lichtbildervortrag „Volksentscheid“ vom Herbst 19291011. Über die Filmpropaganda der DVP lässt sich nur wenig Aussagekräftiges in Erfahrung bringen, obwohl einzelne finanzkräftige Parteivereine schon früh In te res se an dem neuen Medium zeigten. Im Herbst 1924 verteilte die Berliner DVP Einladungszettel für eine Stresemann-Versammlung am 29. November, auf denen sie damit warb, dass vorher der „große nationale Sensationsfilm“ laufe. Hierbei scheint es sich um einen stummen Wahlfilm mit dem Titel „Liste 5 ist Trumpf “ zu handeln, der laut der Roten Fahne nur in Berlin lief1012. Film- und Lichtbilderpropaganda setzte die DVP auch in späteren Wahlkämpfen allenfalls sporadisch ein, zumal ihre Spitzenfunktionäre wenig von dieser Art Werbung hielt, die sich kaum zur Gewinnung von Wählerstimmen eigne, weil sie, „um Aufnahme innerhalb der Reklame zu finden, sich parteipolitisch möglichst zurückhalten“ müsse1013. Während sich das Zen trum da rauf beschränkte, im Vorprogramm der Filmtheater mit Lichtbildern zu werben1014, griff die DDP im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 auf das „moderne“ Werbemittel Film zurück. Ihre Reichsgeschäftsstelle ließ zwei Wahlfilme produzieren, einen humoristischen Zeichentrickfilm sowie einen längeren „seriösen“ Spielfilm mit historischen Bildern zur Geschichte der Weimarer Re publik1015. Als Titel für diesen vierzigminütigen Streifen wählte man das Motto „In diesem Zeichen wirst Du siegen!“, der Trickfilm erhielt den satirischen Titel „Der erlösende Traum“ und dauerte zehn Minuten. Die erste öffentliche Vorführung der Wahlfilme bildete am 16.  April 1928 zugleich den Wahlkampfauftakt der DDP in Berlin. Die Gesamtkosten ihrer Filmagitation bezifferte Hauptgeschäftsführer Stephan Ende Fe bruar 1928 auf insgesamt knapp 40 000 Mark, wovon allein die Hälfte für die Produktion der Wahlfilme durch eine private Firma veranschlagt wurde. Nach der Fertigstellung Anfang April 1928 zeigte man sie zunächst dem Parteivorstand sowie den Wahlkreisvorsitzenden, aus deren Reihen sich prompt Widerstand gegen solch kostspielige Methoden der Berli- 340 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ner Zen tra le regte. Auf dem Lande sowie in Kleinstädten wollten einige Demokraten aus Angst vor rechtsradikalen Störaktionen auf die Wahlfilme von vornherein verzichten. Das Kostenargument hingegen ließ Stephan im Frühjahr 1928 nicht gelten, da sie die Kopien von Berlin umsonst erhielten. Schon angesichts der umfangreichen Filmpropaganda der Gegner war ihm zufolge ein genereller Verzicht von seiten einer Wahlkreisorganisation töricht, weil er die DDP zwangsläufig weiter ins Hintertreffen bringe1016. Um vielmehr die größtmögliche Auswertung der Filme zu erreichen, empfahl die Parteileitung, rechtzeitig Lichtspieltheater anzumieten. Es gebe in Deutschland kaum noch einen Ort mit mehr als 2 000 Einwohnern, in dem nicht ein Kinotheater oder eine andere Möglichkeit zur Filmvorführung bestehe. Falls aber nicht, riet die Reichsgeschäftsstelle nachdrücklich zur Anschaffung „ambulanter Kinovorführapparate“, die auch in wahlkampflosen, „ruhigen“ Zeiten sehr nützlich für die Parteiarbeit seien. Immerhin lag der Preis des empfohlenen Kofferapparates „Knirps“ einer Breslauer Firma inklusive Zubehör bei über 1 000 Mark, wenn er auch durch Rabatt bei Sammelbestellung über die Parteizen tra le schon für 885 Mark zu haben war. Der Apparat biete die Vorzüge „leichter Transportfähigkeit, solider Konstruktion und ausgezeichneter Bildprojektion“, die der bei einer regulären Kinovorstellung durchaus gleichkomme. Allerdings seien zum Betrieb noch ausgebildete Filmvorführer notwendig, die bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 300 Mark wie de rum kaum über die ganze Dauer des Wahlkampfes engagiert werden konnten. Die DDP versuchte daher Parteifreunde, besonders Lehrer oder auch Studenten der technischen Fakultäten, für diese Wahlarbeit heranzuziehen. Schließlich wies ihre Reichsgeschäftsstelle im Frühjahr 1928 noch da rauf hin, dass die Filme im Wahlkampf keinen abendfüllenden Zweck erfüllten, sondern immer nur als Rahmenprogramm, als „Zugabe“, in den Versammlungen gedacht sein dürften1017. Während die Aus ei nan der set zung mit der „jüdisch-kapitalistischen“ Filmwirtschaft einen festen Platz in ihrer Propaganda besaß, maß die NSDAP eigenen filmischen Produktionen lange Zeit nur wenig Bedeutung zu. Die frühen Parteitagsstreifen besaßen lediglich interne, wenn man so will binnenpropagandistische Funktion. Bis 1930 existierte eine aktive oder systematische nationalsozialistische Filmpropaganda faktisch nicht. Die Entdeckung des neuen Mediums und seiner Propagandamöglichkeiten für die NSDAP war eng mit der Person Goebbels’ ver- 341 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen knüpft. Kontinuierliche Filmpolitik betrieb sie erst nach Gründung ihrer „Reichsfilmstelle“ im November 1930, die auch den Aufbau „Nationalsozialistischer Verbandszellen deutscher Lichtspieltheaterbesitzer“ leitete. Dass die NSDAP keine Vorreiterrolle in der Einführung „moderner“ Propagandamittel beanspruchen konnte, wird durch die Tatsache verdeutlicht, dass sie erst im Sommer 1932 – zwei Jahre nach dem sozialdemokratischen Gegner – den Tonfilm zur Wahlpropaganda heranzog1018. In Amerika hatten sich die Präsidentschaftsbewerber zum ersten Mal schon 1924 in kurzen „sprechenden Filmen“ den Wählern vorgestellt. Der Vorteil solcher später tausendfach kopierter Kandidatenfilme lag auf der Hand, da die Bewerber so bereits im amerikanischen Wahlkampf vom November 1928 überall aufzutreten schienen. In Deutschland war der „Sprechfilm“ zur gleichen Zeit noch nicht einmal in die kommerziellen Kinotheater gedrungen, zumal zu seiner Wiedergabe kostspielige Apparate notwendig waren, die kleinere Theaterbesitzer nicht bezahlen konnten. Auch herrschte aufgrund der großen Beliebtheit des „stummen Bildes“ Skepsis, ob sich das deutsche Publikum mit dem Tonfilm anfreunden werde1019. Solche Zweifel waren zwei Jahre später im Sommer 1930 verflogen, als sich die Parteien – allen voran die SPD – bei ihrer Filmpropaganda rechtzeitig zum Reichstagswahlkampf umstellten. Für die vom Parteivorstand verbreiteten Filme unter dem Titel „Die Sozialdemokratie im Reichstagswahlkampf 1930“ waren Reden bekannter Parteiführer nach bewährter Art auf Schallplatte gebracht worden. Indem die Einleitungs- und Schlussrede eines Versammlungsleiters sowie zwei Lieder der Arbeitersänger – am Anfang „Erwache Volk, erwache“ und zum Schluss „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ – hinzugefügt wurden, sollte eine Wahlversammlung filmisch dargestellt werden1020. Tatsächlich wirkten die gefilmten Parteiführer mitunter wie „verunglückte Puppen“, schrieb die Frankfurter Zeitung. Allerdings wende sich der Film in erster Linie doch nicht an den Verstand des Wählers, sondern werbe mit den Reizen eines Schauspiels, das das „trockene Gezänk der Argumente“ versinnliche: „Der Tonfilmwagen der Partei kommt als Festveranstalter ins Dorf mit Augen- und Ohrenschmaus“1021. Als rundum gelungen verbuchte der SPD-Vorstand selbst den von der FuL hergestellten Zeichentrickfilm „Dem deutschen Volk“, der zusammen mit weiteren kurzen Stummfilmen das Filmangebot der Partei im Sommer 1930 komplettierte. Außer in gemieteten Kinotheatern wur- 342 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik den die Wahlfilme wie schon im Frühjahr 1928 mithilfe der „Kino-Autos“ flächendeckend vorgeführt. Wegen der aufwändigen Apparatur des Tonfilms, die mitunter noch zu technischen Störungen wie durchgebrannten Leitungen führte, konnten jedoch nur drei dieser Wagen eingesetzt werden. Der Ablauf der Filmabende selbst hatte sich gegenüber dem letzten Reichstagswahlkampf kaum verändert. Zuerst zeigte man den satirischen Zeichentrickfilm, dann eine Reihe historischer Lichtbilder, die „knapp und plastisch“ die Geschichte der SPD umrissen. Im Anschluss an eine kurze Pause mit Musik kam als Höhepunkt des Abends der Tonfilm: „Als größte Partei Deutschlands nützt die Sozialdemokratie ihre Stärke und sendet sprechende Filme durch Stadt und Land, um neue Massen zu werben“, rechtfertigte die SPD vor dem 14. September 1930 im Zeichen der Wirtschaftskrise das teure Propagandamittel gegen- über Vorwürfen, als angebliche „Partei der Ärmsten der Armen“ eher den „kostspieligen Apparat eines Tonfilms“ zu finanzieren, statt die „vielen Tausende von Reichsmark“ zu benutzen, um jenen zu helfen1022. Auch aus den eigenen Reihen mehrte sich Anfang der 1930er-Jahre die Kritik an der Filmarbeit der SPD, die sich zu sehr auf reine Agitation beschränke, auf „Flugblattfilme“, die mit der „psychologisch etwas robusten Methode der Handzettelwerbung“ vor allem von dem Wert der Organisation überzeugen und neue Mitglieder werben wollten. Auch aus finanziellen Gründen verzichtete die SPD schließlich in den Reichstagswahlkämpfen 1932 zugunsten von billigeren Propagandaformen auf neue Filmproduktionen, obwohl sie wusste, dass der Tonfilm „in künftigen Wahlkämpfen noch mehr als heute zu Propagandazwecken herangezogen“ werde1023. Symbol- und sonstige Wahlpropaganda Über die bislang angesprochenen Werbemittel hinaus griffen vor allem die Massenmobilisierungsparteien auf eine im Vergleich zur Praxis des Kaiserreichs neuartige Vielzahl von Mitteln der Kleinagitation zurück. Der Wahlkampfbericht des SPD-Vorstandes vom Frühjahr 1928 listete die ganze Palette der nichtschriftlichen und nicht im engeren Sinne technischen Werbung in der Rubrik „Andere Wahlpropaganda“ auf. In der Hauptsache handelte es sich dabei um von den Parteibezirken vor Ort selbst produzierte und auf Massenwirkung abzielende Straßenpropagan- 343 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen da. Intensiv wurde etwa die neue „Lichtreklame“ für die Wahlarbeit eingesetzt, sei es in Form von beleuchteten Transparenten, sei es in Form von Lichtbildern in Kinos und Theatern sowie als Straßenillumination. Viel Beachtung fanden die „leuchtenden Wahlaufrufe“ mittels der Lichttransparente, welche die SPD erstmals an zen tra len Berliner Verkehrspunkten wie dem Funkturm, einem Wahrzeichen des „neuen“ Berlin, anbrachte. Laut Bericht des Vorwärts formten sich bei dieser Propaganda mithilfe elektrischer Lichtquellen meterhohe Buchstaben und aus diesen dann wieder „wandernde“ Sätze. Statt langer Wahlappelle wurden dem Passanten kurze, eindringliche Losungen mitgeteilt, um wie bei einer Sensationsmeldung sein In te res se zu wecken. Große Leinwandflächen mit solch zeitgemäßer „Himmelsschrift“ wurden bis spät in die Nacht hell erleuchtet. Von der Bewunderung über derartig „imponierende Machtentfaltung“ auf technischem Gebiet sei es nur noch ein kleiner Schritt zur Stimmabgabe für den Urheber. Einfach und doch wirkungsvoll seien rote Lichttransparente, die abends in den Wohnungsfenstern oder von Balkonen der Sozialdemokraten mit kleinen Lämpchen leuchteten1024. Modern mutet die so genannte „Schnickschnack“-Werbung der SPD an, die etwa im Frühjahr 1928 Millionen von kleinen Luftballons sowie 20 000 Stocklaternen, 200 000 roten Kinderfähnchen mit Aufschriften wie „Wählt Sozialdemokraten“, des weiteren 50 000 illustrierte Postkarten und schließlich Seifenstücke mit dem Aufdruck „Wählt SPD“ gratis verteilte. Speziell bei Frauen sei diese Wahlkampfseife bestens angekommen, während Flugblätter nach dem Verteilen oft nur den Boden bedeckten. So aber gingen „mit einem Schlage 500 000 Stück Seife zum Einseifen der Wähler“ weg, spottete die Rote Fahne1025. Kinderfähnchen waren im übrigen als Massenagitationsmittel vor Wahlen keineswegs neu. Bereits im Reichspräsidentenwahlkampf vom Frühjahr 1925 hatten die Rechtsparteien massenweise doppelseitig in schwarz-weiß-rot sowie mit dem Hindenburg-Bild bedruckte Fähnchen verteilt, zur Empörung der re pu bli ka nischen Presse selbst in Schulen. Während solche Methoden in den „wohl disziplinierten Scharen“ des Reichsbanners nicht geduldet würden, versähen die Rechtsparteien „das Kleinvolk, das kaum das gro- ße Einmaleins fehlerfrei beherrscht, für ihre Zwecke mit schwarz-weißroten Fahnen“1026. Mit besonderem Eifer versuchte sich die KPD auf dem Gebiet dieser „kleinen“ Straßenpropaganda zu profilieren, vor allem mit roten Fah- 344 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik nen und Transparenten für Wahldemonstrationen. Gleich den Liedern der Agitproptruppen erklärte ihre Führung diese zu „Gradmessern der revolutionären Leidenschaften und der politischen Geschultheit der Massen“. Tatsächlich zeigten die Kommunisten immer wieder, was unkonventionelle und ohne große Geldmittel herzustellende Straßenpropaganda zu leisten vermochte, wobei ihr Erfindungsgeist mitunter die Grenze des guten Geschmacks überschritt. So marschierte vor der Reichstagswahl am 4. Mai 1924 eine kleine Trauergemeinde mit schwarz umschlagener, sargähnlicher Kiste durch die Straßen Berlins. Nur die Aufschrift ließ die erstaunten Passanten die wahre Bedeutung dieser nach Meinung des Zen trumsblattes Germania „jedem christlichen Gefühl spottenden Komödie“ erkennen: Die Kommunisten trugen feierlich „ihre Brüder von der VSPD“ zu Grabe1027. Des Weiteren marschierte man mit Leuchttransparenten, das heißt auf einer Holzlatte befestigten, von innen her beleuchteten Pappschachteln mit Buchstaben oder Symbolen, nach Art der Plakatkolonnen auch bei Dunkelheit. Andere Möglichkeiten der „Lichtreklame“ waren Fackelzüge und Feuerwerk, die aufgrund der hohen Kosten jedoch nur im Rahmen einer größeren Veranstaltung von der Leitung der KPD empfohlen wurden. Die Anwendung solcher Methoden erschien aber auch in kommunistischen Augen immer wichtiger, weil das „Bild und die bildliche Darstellung von größerer Wirkung als Wort und Schrift“ seien1028. Auf die Frage, welche Propaganda die Wahlerfolge von NSDAP und KPD im September 1930 am meisten begünstigt habe, verwies Emil Dovifat auf die neuen „kollektiven Führungsmittel“ in der radikalen Parteienwerbung, die eine vor allem emotionale Anziehungskraft ausübten, angefangen von der politischen Uniform bis hin zur Schlipsnadel und dem Knopflochabzeichen, die als „Gesinnungssymbole“ auf der Straße zur Schau getragen würden. Leidenschaftlich habe man bereits einen „Kult des Symbols“ gefeiert1029. Das demonstrative Zeigen der eigenen Gesinnung mittels entsprechender Abzeichen war eine seit jeher beliebte deutsche Vereinssitte, die auch von den bürgerlichen Weimarer Parteien gepflegt wurde. Die DVP gab im Herbst 1924 erstmals neben der üblichen schwarz-weiß-roten Schleife spezielle „Wahlkampfabzeichen“ an die Delegierten ihres Wahlparteitages aus, die aus drei fest ineinandergeschlungenen Ringen mit den Worten „Einigkeit, Recht, Freiheit“ bestanden1030. In der SPD hielt man solche Partei- oder Vereinsabzeichen bezeichnenderweise für überflüssig und lächerlich oder „Spielzeug für 345 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen große Kinder“, so der damalige preußische Innenminister Albert Grzesinski im Mai 1928. Da laut Weimarer Reichsverfassung Orden und Ehrenzeichen vom Staat nicht verliehen wurden und die Re pu blik auf derlei „Mätzchen“ auch getrost verzichten könne, trügen doch auf den Straßen „gut die Hälfte aller männlichen Passanten im Knopfloch irgendein Abzeichen“ zur Schau1031. Grzesinskis Appell an die Vernunft änderte wenig an der Begeisterung der Deutschen für äußere Zeichen ihrer Weltanschauung. Nachdem schon im Frühjahr 1928 in einigen Orten der Wahlvorstand während der Ausübung seines Amtes Parteiabzeichen getragen hatte, musste Reichsinnenminister Wirth dies vor dem 14. September 1930 erst wie de rum ausdrücklich verbieten. Das allgemeine Verbot von politischen Uniformen und Abzeichen, das per Notverordnung im Dezember 1931 erlassen worden war, wurde schließlich nicht zuletzt mit den Stimmen der SPD Ende Juni 1932 inklusive der noch bestehenden Demonstrationsverbote vor den Reichstagswahlen aufgehoben1032. Ungeachtet aller neuen Technik und Vielfalt in den Propagandamethoden wurden die Weimarer Reichstagswahlkämpfe entscheidend von den inhaltlichen und damit sprachlichen Aus ei nan der set zungen der Parteien geprägt. Sprachtheoretisch betrachtet, trat (und tritt) dabei die so genannte monologische Persuasion in den Vordergrund, ein Sender versucht den Empfänger mithilfe der Propaganda auf seine Seite zu ziehen, ohne dass eine direkte Rückkopplung stattfindet. Die sprachlichen Argumentationsmuster der Wahlpropaganda zielen nicht nur auf Aufklärung, sondern mindestens genauso auf Vereinfachung, Ideologisierung, Personalisierung und Polarisierung1033. Sprache und Wahlkampf stehen in einer Wechselbeziehung, insofern die politischen Konflikte die Sprachfindung inspirieren und umgekehrt sich die Sprache den inhaltlichen Kontroversen anpasst. Bereits zwischen den Weimarer Parteien und ihren politischen Teilkulturen lässt sich dabei ein reger Austausch bemerken, was den Gebrauch von bestimmten politischen Schlüsselvokabeln betraf1034. Bekanntestes Beispiel für die Adaption, ja Zweckentfremdung von Parolen durch den politischen Gegner sind die Slogans vom November 1918, welche die Hoffnungen auch vieler bürgerlicher Wähler ansprachen. Die prore pu bli ka nische Parole „Für Frieden, Freiheit und Brot!“ fand sich bereits in den ersten Reichstagswahlkämpfen bei der verfassungsoppositionellen Rechten wieder, zum Teil mit unterschwellig affirmativer Geste. Ebenso wurde bald das Schlagwort der „sozialen Gerechtigkeit“ zum Gemeingut der Wei- 346 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik marer Parteienpropaganda. In der linksliberalen „Neuen Rundschau“ kritisierte der Schriftsteller Alfred Döblin bereits Ende 1919, dass die Parteien das Wahlvolk künstlich durch „Schlagworte, affektbeladene, undeutliche und schillernde Worte“ erregten1035. Der den Demokraten nahestehende Historiker Willhelm Mommsen, Privatdozent in Göttingen, wies vor dem 7. Dezember 1924 auf die Langlebigkeit solcher überkommener Schlagwörter hin. Wie viele Wahlkämpfe seien in Deutschland schon, so Mommsen, unter der demagogischen Parole: „Gegen die Sozialdemokraten und ihre Begünstiger“ geführt worden: „Ja, das Fortbestehen alter Schlagworte ist so stark, dass selbst das Wort von den ‚staatserhaltenden Parteien‘, das man heute doch nur auf die re pu bli ka nischen anwenden könnte, für diejenigen gebraucht wird, die Gegner des bestehenden Staates sind“1036. Die wohl wirkungsvollsten Parolen und Schlagworte entstanden zusammen mit der Weimarer Re pu blik. Schon kurz nach Kriegsende wurde die Dolchstoß-Legende, welche der Revolution die Schuld an Niederlage und Gegenwartsmisere gab, zu einer „tragenden Säule der konservativ-nationalistischen Rechtfertigungs- und Kampfideologie“ gegen die Re pu blik1037. Die Rechtsparteien und ihre Presse bedienten sich in den 20er-Jahren gezielt einer „Politik der Schlagworte“, auf deren Phrasenschatz und Argumentationsmuster gegen das universelle Sündenbock- Symbol des Weimarer „Systems“ Hitler ausgiebig zurückgriff1038. Überparteiliches und auffälligstes Kennzeichen von Wahlkampfsprache in der Weimarer Re pu blik war die Entlehnung von Metaphern und Vokabeln aus dem militärischen Bereich. Die Brutalisierung der Politik nach 1918 ging einher mit einer Militarisierung der politischen Sprache, ein Prozeß, dessen Katalysatoren der Weltkrieg sowie der innere Bürgerkrieg während der ersten Re pu blikjahre bildeten. Der Kampf der Parteien um Wählerstimmen und politische Macht wurde nicht als demokratische Konkurrenz wahrgenommen, sondern als tendenziell un ver söhn liches kriegerisches Ringen zwischen politischen Weltanschauungen oder „Lagern“. Zwar wurden die Wahlkämpfe schon vor 1914 als eine Art kriegerischer Aus ei nan der set zung charakterisiert, für die man „Munition“ brauche1039. Für die allgegenwärtige Existenz der noch aus dem Ersten Weltkrieg in frischer Erinnerung gehaltenen Stereotypen und Vokabeln der Militärs in den Tageszeitungen, deren Wahlkampfberichterstattung oft Meldungen von der Front ähnelten, lassen sich aber nach 1918 unzählige Beispiele zitieren, angefangen von dem „Wahlaufmarsch“, 347 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen bei dem die Parteien ihre „Munition verpulverten“, mithilfe von „Propagandawaffen“, bis hin zur „politischen Mobilmachung“ der Parteien und ihrer „Hauptquartiere“ vor der Wahl. Selbst sozialdemokratische Zeitungen verglichen die Arbeit des Wahlbüros mit der eines Generalstabes, da die Partei „wie ein geschickter Feldherr“ jede neue Situation nach Möglichkeit für sich auszunützen versuche1040. Typisch für die kriegerische Sicht des Wahlkampfes und den neuen volksnationalen Ton, der mit Gründung der Staatspartei bei den Demokraten Einzug hielt, war ein Artikel der Vossischen Zeitung von Anfang September 1930: „Ein Trommelfeuer von Aufrufen und Programmen hagelt auf uns nieder, das Giftgas gegenseitiger Verleumdungen liegt in ganzen Schwaden über dem Schlachtfeld, im erbitterten Wahlkampf schlägt man sich munter die Schädel ein. Und wie im wirklichen Krieg wird auch hier das Hinterland immer mehr in Mitleidenschaft gezogen: auch der, dem alle Politik von Herzen zuwider ist, kann heute nicht abseits stehen und in bequemer Selbstverleugnung das Feld dem Berufspolitiker überlassen. Denn es geht ja um dein, um unser aller Wohl, und was auch das Resultat dieser Schlacht sein wird: die Kriegskosten werden wir alle bezahlen müssen. Auch der Drückeberger im Wahlkampf, der Nichtwähler, entrinnt nicht der grausamen Verantwortung“1041. Die vielleicht wichtigste Veränderung in der Propagandasprache der Parteien, die ihren direkten Anstoß aus der Reklamepraxis amerikanischer Wahlkämpfe nahm, war nach 1918 die Konzentration der zen tralen programmatischen Werbeaussagen auf eine möglichst einprägsame Parole mit Schlagzeilencharakter, den „Slogan“. Hier war die Weimarer Parteiwerbung markanter Ausdruck des an Amerika orientierten „neusachlichen“ Zeitgeistes und seines betont zweckmäßigen Denkens. Angesichts der Veröffentlichung der zen tra len Wahlaufrufe stellte der Vorwärts Ende Oktober 1924 fest, wie solche „langen Welt an schau ungsbe kenntnisse“ der Parteien immer mehr an Bedeutung verlören, weil sie in der gegenwärtigen „schnellebigen Zeit“ von der großen Masse gar nicht mehr gelesen würden. Stärkste Wirkung erzielten aber die „kurzen Schlagworte“, was in den angelsächsischen Ländern schon lange erkannt worden sei, zumal in den Vereinigten Staaten, wo der „Slogan“ mittlerweile eine Hauptrolle in den Wahlkämpfen spiele. Dahinter stand bereits die bis heute gültige Erkenntnis, dass derjenige, der die Begriffe zuerst besetze, sich Vorteile im politischen Wettbewerb verschaffe. Wer das, was er dem Wähler anzubieten habe, auf die „knappste Formel“ zu bringen 348 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik verstehe, so der Vorwärts im Oktober 1924, würde vor dem „weitschweifigeren“ Gegner schnell einen Vorsprung erzielen1042. Als besonders geeignetes Werbemittel für die kurzen Slogans, die ein „Zeichen für das Tempo unserer Zeit“ seien, empfahl die Berliner SPD vor der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 ihre Lichtreklame, die bei Dunkelheit über den Dächern in Leuchtbuchstaben zur Wahl aufforderten. Ihr Einsatz sei gar eine Forderung des „praktischen Zeitsinnes“, der man sich nicht verweigern dürfe1043. Wenn die KPD auch früh versuchte, ihre Wahlkampagnen auf ein Generalthema mit einheitlichem Hauptslo gan zu fixieren (mustergültig etwa die Parole „Zuchthauswahlen“ im Herbst 1924), ist gerade im Falle ihres ideologiegetränkten Vokabulars davon auszugehen, dass die Mitglieder von der internen offiziellen Thesensprache der Führung ebenso weit wie von der Rhetorik der Wahlpropaganda entfernt waren. Die Parteiagitatoren müssten endlich, so selbst die Wahlkampfrichtlinien der KPD im Sommer 1930, eine „einfache, jedem Arbeiter verständliche, offensive Kampfsprache“, eine populäre „Massensprache“ lernen1044. Eine besondere Facette der Wahlkampfsprache bildete die Reim- und Versprosa, wobei das politische Gedicht schon vor 1914 Bestandteil der deutschen Parteienpropaganda war. Ähnlich wie die Karikatur besaß diese Form den Vorteil, durch mehrdeutige Aussageebenen Positionen beziehen zu können, die aus taktischen Gründen ansonsten nicht oder nur weniger pointiert vertreten wurden. Während Verse und Reime von der extremen Linken gemäß dem Motto „Kunst als Waffe“ zu Agitationszwecken benutzt wurden, herrschte bei den bürgerlichen Parteien die Auffassung vor, dass sie sich mit dieser Art lyrischer Propaganda über das „verhetzende Schlagwort“ hinweg in das „Pathos der Dichtung“ erhöben1045. Eine besonders auffällige Rolle spielte die Reimpropaganda im Herbstwahlkampf 1924, als damit nicht zuletzt die allerorten gefürchtete Wahlmüdigkeit bekämpft wurde. Das Zen trum etwa gab Lieder und Gedichte heraus, darunter neben neueren Dichtungen mit aktuellen politischen Bezügen auch geeignete Liedtexte von Franz Schubert. Als Auftragsarbeit eines Berliner Werbefachmannes versandte die Zen tra le der DDP Matern von Sprüchen und Sentenzen wie „Wer rettet den Staat? Der Demokrat!“, die sich besonders für die Klebezettel-Propaganda eigneten1046. Die Linksparteien brauchten für ihre Wahlkampfpoesie nicht weit nach Autoren zu suchen. Schriftsteller wie Johannes R. Becher achteten dabei weniger auf literarische Ideale als auf den agitatorischen 349 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen Zweck1047. Die gereimte Wahlprosa der SPD zeichnete sich vor allem durch ein heute nicht mehr nachvollziehbares Pathos aus und gewann erst in späteren Jahren an agitatorischer Schärfe: „Eine Wahl, wie deutsche Lande sie noch nie geschaut, hebt an!/ Wahlkampf züngle! Wahlkampf brande sturmgepeitscht um Weib und Mann“, hieß es noch 1919 vor der Wahl zur Nationalversammlung1048. Auffällig war das Bemühen der Linksparteien, die Arbeiter selbst sprechen zu lassen und so den Eindruck zu erwecken, als ob es sich um authentische „proletarische“ Stellungnahmen handle1049. Unter den bürgerlichen Parteien glänzte insbesondere die DVP in den Reichstagswahlkämpfen mit eingängigen Reimparolen, am bekanntesten der 1920 erstmals verwendete Slogan „Von roten Ketten macht Euch frei/ Allein die Deutsche Volkspartei“ oder die Plakatparole aus dem Frühjahr 1928: „Was gehen uns die andern an/ Wir wählen Dr. Stresemann!“ Ähnlich wie Reim und Vers wurden Bilder, Zeichnungen, Fotografien und vor allem Karikaturen wegen ihrer mehrdeutig-suggestiven Aussage von den Weimarer Parteien geschätzt. Bildpropaganda galt vor allem den antire pu bli ka nischen Kräften als ein besonders für emotionale Appelle geeignetes Instrument der Massensuggestion. Einer neueren Arbeit über die Propaganda der NSDAP zufolge indoktrinierte diese ihre Wähler vor 1933 in erster Linie über ihre „eng begrenzte, ständig wiederholte, populistische Bildersprache, die Komplexität auf personalistische Typenmuster und Sprachformeln reduzierte und konkrete Handlungsperspektiven durch Feindbilder anbot“1050. Die politische Flugblattpropaganda hatte seit dem 19. Jahrhundert ein eigenständiges Zeichensystem entwickelt, deren bevorzugte Ausdrucksmittel Karikaturen und Satire waren. Diese wurden nach 1918 um so mehr von den radikalen Parteien bevorzugt, als sie sich leichter dem strafrechtlichen Zugriff entzogen. In den Bildern und Zeichnungen konnten vage Gefühle oder Stimmungen visuell auf ein meist personales Objekt gelenkt und der politische Gegner zugleich der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Bildpropa ganda beschränkte sich in den Weimarer Reichstagswahlkämpfen keineswegs auf Plakate oder die Presse, sondern wurde in allen Printmedien eingesetzt, in Flugblättern, Wahlzeitungen oder speziellen Witzblättern. Im Zusammenhang mit der Brutalisierung der deutschen Politik lassen sich nach 1918 vor allem zwei Phänomene beobachten: die Entmenschlichung des politischen Gegners durch seine Verwendung als stereotype Figur beziehungsweise der polemische Rekurs auf sein äußeres 350 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Erscheinungsbild sowie die Eskalation der Gewalt in Wort und Bild1051. Besonders in den Wahlkämpfen des Jahres 1932, die als „symbolpublizistische Bürgerkriege“ bezeichnet werden können, ersetzten Bilder, aber immer mehr auch Symbole, Fahnen und Uniformen das rationale politische Argument. Hier offenbarte sich mit den Worten Gerhard Pauls die „schleichende Entpolitisierung der Wahlkämpfe, die Substitution von Politik durch Ästhetik, wie sie ihren Höhepunkt zur Zeit des Dritten Reiches fand und für die Wahlkämpfe der Nachkriegszeit [1949 ff.] insgesamt typisch wurde“1052. Neben produktionstechnischen Gründen war es vor allem ihr Vertrauen auf die Kraft des „geschriebenen Wortes“, das die SPD bis in die 1920er-Jahre von der Verwendung mehrfarbiger und bebilderter Flugblätter absehen ließ1053. Die grellen Karikaturen, Fotografien und Plakate der NSDAP hatten freilich nicht zuletzt die Bildersprache der organisierten Arbeiterbewegung zum Vorbild. In der Hitlerpartei setzte sich die Erkenntnis von der Wirksamkeit des Bildes konsequenter durch als bei ihren Gegnern: „Noch mehr als stundenlange Reden und durchschlagender als lange Leitartikel wirkt das unableugbare Bild, die Photographie“, pries die NSDAP im Frühjahr 1928 ihren Illustrierten Beobachter an1054. Eine der gebräuchlichsten Bildstereotypen der Linksparteien, die suggestive Figur des „Riesen Proletariat“, der als heroisierter Typus der Arbeiter mit geballter Faust proletarisches Selbstbewusstsein und Klassenintegration symbolisierte, wurde mehr und mehr von der Arbeiterwerbung der NSDAP und der dieser nacheifernden DNVP vereinnahmt1055. Erst ab Mitte der 20er-Jahre trieben die Weimarer Parteien die bildliche und graphische Ausgestaltung ihrer Printmedien systematisch voran. Auf bürgerlicher Seite fehlten, klagte DNVP-Hauptgeschäftsführer Max Weiß im Oktober 1928, stets „politisch geschulte Karikaturzeichner“, während die „guten Künstler ins andere, viele ins demokratische Lager“ gehörten1056. Wenn auch die Karikaturen und Bilder der bürgerlichen Parteien im allgemeinen weniger polemisch waren, zeigten etwa Wahl flugblätter der DVP vor dem 14. September 1930, wie sich ihre Bildpropaganda die Ideen neokonservativer Kulturkritik zu eigen machte, insbesondere deren ressentimenterfüllte Polemik gegen großstädtische Lebensformen als „kulturbolschewistisches“ Verfallssymptom1057. Die Bildagitation der KPD charakterisierte eine Verknüpfung der Darstellung von Typen-Insignien bestimmter politischer Einstellungen (etwa der Jagdhut des „Großagrariers“) mit dem persönlichen Aussehen 351 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen des Gegners, während die SPD die reine Typendarstellung bevorzugte. Gerade in den Wahlkämpfen entwickelte sich ein interparteilich aktives System der Bildersprache, das mitunter stärker als jede verbale Aussage Verbindungs- oder Trennungslinien zwischen den politischen Teilkulturen markieren konnte. Sowohl die bürgerlichen Parteien als auch die SPD vertrauten etwa – um nur ein Beispiel zu nennen – gegen die KPD auf die visuelle Suggestivwirkung des Bildstereotyps eines „Heil Moskau“ rufenden und Bomben werfenden „vertierten“ Bolschewisten. Darin manifestierte sich ein antikommunistischer Konsens, der freilich kaum positive bündnisbildene Kraft und auch kein gegen die Rechtsradikalen gerichtetes Gegenstück besaß. Analog zum Siegeszug von bildorientierten Medien wie Wahlzeitungen oder Plakaten entsprachen alle Parteien dem Bedürfnis der Wähler nach veranschaulichten Inhalten, so dass ihre Bildpropaganda die politischen Konflikte zunehmend visualisierte und emotional auflud. Ein Vergleich der Wahlflugblätter vom Frühjahr 1924 mit denen des Sommers 1930 erbringt, dass sich in diesen der Anteil der Bildele mente grob geschätzt verdoppelt hatte. Der Reichstagswahlkampf vor dem 14. September offenbarte schon für Zeitgenossen ein bis dahin unbekanntes Maß von Bildern in den Zeitungen und Flugblättern1058. Gleichwohl stellten die Wahlkampfrichtlinien der DStP vom Sommer 1930 fest, dass in Deutschland immer noch „viel zu wenig mit der politischen Karikatur, dem illustrierten Text und dem Bild der Politiker“ gearbeitet werde, denn: „Der einfache Mann, die unpolitische Frau will […] viel lieber sehen als lesen“1059. Mit dem Bild, der Fotografie und der Fotomontage gewannen zugleich suggestive Integrations- beziehungsweise Desintegrationssymbole wie das Hakenkreuz oder der Sowjetstern, aber auch Farben und Fahnen an Bedeutung, die vor allem auf irrationale Wünsche der Wähler nach Veränderung spekulierten1060. Symbole – nach George L. Mosse, „sichtbare, konkrete Vergegenständlichung von Mythen“, die im Zeitalter der Massenpolitik dem Einzelnen politische Teilhabe suggerieren können1061 – waren selbstverständlicher Ausdruck der fragmentierten politischen Kultur der Weimarer Re pu blik und ihrer sich verfestigenden Sozialmilieus, spielten aber in den Reichstagswahlkämpfen der 1920er- Jahre insgesamt nur eine Nebenrolle. Die re pu bli ka nischen Parteien standen öffentlicher und offensiver Symbolpropaganda sehr reserviert gegenüber. Carlo Mierendorff kritisierte 1926 anlässlich des Flaggenstreits, dass die SPD den Stellenwert von Symbolen in der Politik immer noch 352 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik unterschätze, obwohl ihm zufolge der „Kampf um das Symbol“ immer auch schon der „Kampf um die Sache selbst“ sei. Symbolpropaganda eigne sich aber hervorragend dazu, den unpolitischen Wählerteil zu bearbeiten, „ja ihn geradezu damit zu verfolgen und ihn dann aus seiner Lethargie zu wecken und zur Stellungnahme zu zwingen“1062. Die republikfeindlichen Kräfte strebten dagegen von Anfang an eine visuell-symbolische Beherrschung der Öffentlichkeit der „Straße“ durch Fahnen, Transparente oder Uniformen an. Unter dem Einfluss der exzessiven Symbolpropaganda der NSDAP verselbständigten sich diese Werbemittel zusehends zu „reinen Kampf- und Feldzeichen des symbolpublizistischen Straßenkampfes“, die für jedermann sichtbare „geographische und soziale Geländegewinne“ absteckten1063. Zwar verfügte gerade die SPD über eine Reihe traditioneller Parteisymbole, doch führte ihr Vertrauen auf die Überzeugungskraft „vernünftiger“ Appelle in Wort und Schrift zur „Entsymbolisierung des sozialistischen Gedankens“1064. Aktive Symbolpropaganda blieb bis Anfang der 1930er-Jahre eine Domäne der radikalen Opposition, wenn auch die NSDAP hier wieder hauptsächlich von dem „Diebstahl aus der Waffenkammer des politischen Gegners“ lebte1065. Symbolpropaganda bestand während der 20er-Jahre hauptsächlich aus dem Kampf um die Verfassungs- und Staatsfarben, der bereits 1919 in der Nationalversammlung zu heftigen und lagerübergreifenden Kontroversen geführt hatte. Um kein anderes Symbol wurde in den Anfangsjahren der Re pu blik erbitterter gekämpft als um die Fahne und Farben des Reiches, den gebräuchlichsten Gesinnungssymbolen Weimar-Deutschlands. Der sich an der Flaggenfrage entzündende nationale Dissens zwischen „Schwarzrotgold“ und „Schwarzweißrot“ signalisierte die Distanz zwischen den Verfassungslagern. Fahnen und Farben markierten aber nicht nur politisch-kulturelle Milieugrenzen, sondern erfüllten als Symbole für Bewegung und Dynamik auch wichtige agitatorische Funktionen, vor allem in den hoch emotionalisierten Wahlkämpfen Anfang der 1930er-Jahre1066. Die teilweise Fortgeltung der Farbsymbole des alten Deutschland stellte die Re pu blikgegner nach 1919 keineswegs ruhig, vielmehr blieb Schwarz-Weiß-Rot den Konservativen die zeichenhafte Kombination ihres reaktionären Staatszieles. Dass das Re pu blikschutzgesetz vom Juni 1922 die öffentliche Beschimpfung der neuen Reichsfarben unter Gefängnisstrafe bis zu drei Monaten stellte, verhinderte nicht, dass sie etwa im Bayerischen als „Schwarz-Rot-Hennadreck“ verhöhnt wur- 353 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen den, was die Weimarer Gerichte meist nur mit geringen Geldstrafen ahndeten1067. Vor allem die Deutschnationalen und mit Abstrichen auch die DVP hielten die Flaggenfrage in den Reichstagswahlkämpfen wach. Ihre Berufung auf die kultisch verehrten Symbole Vorkriegsdeutschlands war kaum verschlüsselter Ausdruck der Gegnerschaft zur Weimarer Re publik. So sollte die Wahl am 7. Dezember 1924 ein „Tag schwarz-weiß-roter Erhebung“ werden, an dem jeder Deutschnationale, der im Besitz der Kaiserfahne war, die „Ehrenpflicht“ habe, sie zu flaggen, „denn die schwarz-weiß-rote Fahne ist ein Symbol deutscher Treue und deutscher Kraft“1068. Solche Flaggenpropaganda erschien den Gegnern der DNVP als „Spekulation auf alteingewurzelte Stimmungen, In stinkte und Gefühle“. Typisch für das Reichsbannerlager war, das Bekenntnis zur Re pu blik nicht als Ablehnung der alten Reichsfarben zu deuten. Gerade weil diese aber durch die Entwicklung seit 1918 zu einem scharf umkämpften Zeichen des inneren Gegensatzes geworden seien, sollte dieser nach Ansicht des Zen trums etwa nicht noch künstlich verschärft werden1069. Dies rechtfertigte für die katholische Regierungspartei allerdings auch den Verzicht auf ein klares Bekenntnis zum Schwarz-Rot-Gold der Re pu blik. Auf re pu bli ka nischer Seite antwortete in dem Symbolkampf eigentlich nur die DDP (und das auch erst ab 1924) mit einer vergleichbaren Taktik, wobei sie grundsätzlich die explizite Gegenüberstellung der Flaggen- und Verfassungssymbole vermied. Aktive Schützenhilfe erhielten die re pu bli ka nischen Farben im Herbstwahlkampf 1924 vom Reichsbanner, in dessen Reihen sie gerade umgekehrt zu der Auffassung in den Rechtsparteien als Symbol „deutscher Treue und Liebe“ angesehen wurden1070. Dass die Weimarer SPD zwischen Staats- und Parteifahne hin- und herschwanke, wurde ihr selbst aus dem Reichsbannerlager vorgeworfen: „Schwarz-rot-gold, das geht zur Not, doch das Fahnentuch bleibt rot“. In dem Maße, in dem die Sozialdemokraten in die Rolle der Staatspartei der Re pu blik hineinwuchsen, beanspruchte andererseits die KPD die alte Farbe der Arbeiterbewegung als ihr legitimes Identifikationssymbol gegen die „schwarz-weiß-rot-goldene Front“ der Gegner, der die „rote Front des klassenbewussten Proletariats“ gegenüberstehe. Der Ausgleichswille auf re pu bli ka nischer Seite konnte nicht verhindern, dass die Reichspräsidentenwahlen vom Frühjahr 1925 eine sich bereits bei der Reichstagswahl im Dezember 1924 ankündigende Eskalation der symbolpropagandistischen Aus ei nan der set zungen brachte. In der 354 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Reichshauptstadt wurde dem Bericht der Germania zufolge der „Fahnenkrieg“ proklamiert, der ganz Berlin „in ein einziges Meer von Schwarzrotgold und Schwarzweißrot“ verwandelt habe1071. Konnte der Sieg Hindenburgs im Frühjahr 1925 von seinen Anhängern nicht zuletzt als eine zumindest symbolische Wende in der Geschichte der Re pu blik gefeiert werden und zeigte noch der Sturz von Reichskanzler Luther Mitte 1926 die politische Brisanz der Flaggenfrage an, verlor sie danach aber rasch an Bedeutung und spielte in den folgenden Reichstagswahlkämpfen kaum noch eine Rolle, als mehr und mehr die rote Fahne und das Hakenkreuz die Straßenbilder beherrschten. Auf Kritik, dass ihre Flugblätter im Frühjahr 1928 durch schwarzen und roten Druck auf weißem Papier eine „zu starke Betonung der alten Reichsfarben“ darstellten, rechtfertigte sich die DVP mit dem Hinweis auf die anhaltende Bedeutung „nationaler Tradition“ unter den Wählern. Im übrigen aber handle es sich nur um die „gebräuchlichsten Farben der elementaren Typographie“1072. Erst nach dem Wahlsieg der NSDAP vom 14. September 1930 entwickelte die SPD auf Drängen Mierendorffs eine systematische Symbolpropaganda, die aber erstmals im Reichstagswahlkampf vom Sommer 1932 flächendeckend zur Anwendung kam. Das Freiheitszeichen des „Drei-Pfeile-Symbols“, der Freiheitsruf und der Freiheitsgruß dienten in erster Linie der direkten Bekämpfung der NSDAP. Den Vorwürfen, es handle sich dabei nur um eine Kopie, antwortete Mierendorff, dass niemand anderes als die Sozialdemokratie das „Urheberrecht an diesen Massenpropagandamethoden“ beanspruchen könne. Seit dem 19. Jahrhundert wende sie solche Mittel an, verwies er auf die rote Fahne als Parteisymbol, die rote Nelke als Parteiabzeichen, die einheitliche Anrede „Genosse“ und schließlich sogar auf die sozialdemokratische Parteiuniform: rote Krawatte, Schlapphut und Bebelfrisur. An diese Tradition knüpfe die SPD jetzt „unter Benutzung der Erkenntnisse der modernen Massenpsychologie“ wieder an. Ernst nahm Mierendorff die innerparteiliche Kritik an der „angeblichen Hohlheit der drei Pfeile“, die unmittelbar zum „propagandistischen Zielproblem“ aller Symbole führe, nämlich der Mobilisierung und Gewinnung der politisch Inaktiven. Schließlich handle es sich nicht um „Wahlkampfromantik“, wenn die Freiheitszeichen ständig präsent sein sollten, sondern um ein notwendiges Signal der Kampfentschlossenheit: „Alle qualifizierte Propaganda, die aggressivsten Flugblätter, die schönsten Reden, die besten Leitartikel werden zu einem Schlag ins Wasser, wenn nicht mithilfe der Tiefenwir- 355 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen kung der Symbolpropaganda stimmungsmäßig der Boden vorbereitet ist“1073. Zur heftigsten symbolpublizistischen Aus ei nan der set zung in der Geschichte der Re pu blik kam es im Sommer 1932, als SPD und Eiserne Front ihre Drei Pfeile als „Symbol der Aktivität, der Disziplin und der Einigkeit“ dem Hakenkreuz der NSDAP entgegenstellten. Dieser Wahlkampf werde als der „Kampf der Symbole“ in die Geschichte eingehen, wusste die Frankfurter Zeitung schon kurz nach dem 31. Juli 1932. Neben die auf eine Statistenrolle zurückgedrängten Plakate sei der festliche Umzug mit Symbolwagen, Schauspielgruppen und Chören sowie Wahlfilme und Lautsprecher getreten, alles zusammen eine „liebenswürdige Mischung aus russischen Methoden und österreichischem Spieltrieb“1074. Ihre Körpergestik machte die Parteisoldaten obendrein zu lebendigen Symbolen, was die seit 1919 schleichende Entpolitisierung der Wahlkämpfe evident widerspiegle, bei denen es zunehmend nicht länger um echte politische Handlungsmodelle oder Zukunftsalternativen der Parteien ging, sondern „um deren mehr oder minder diffuse ästhetische Symbolisierung in Zeichen und Bildern“. Insbesondere die letzten Wahlkämpfe der Weimarer Re pu blik gaben so für Gerhard Paul einen „Vorgeschmack auf die nach 1933 auf die Spitze getriebene Ästhetisierung der Politik“1075. Zusammenfassung: Technisierung und Amerikanisierung der Wahlkämpfe im Zeichen der Massenmobilisierung Während die Zeitungen ihre Position in der Medienkonkurrenz der Wahlkämpfe ausbauen konnten, büßten andere traditionelle Agitationsmittel der deutschen Parteien wie vor allem die Flugblätter und Versammlungen nach 1918 stetig an Bedeutung ein. Allgemeinpolitische Wahlflugblätter erschienen den Weimarer Parteien angesichts sozialer Ausdifferenzierung der Gesellschaft kaum noch geeignet, um auf die sich wan deln den Bedürfnisse im Wahlvolk mit einer interessenspezifischen Zielgruppenwerbung zu reagieren. In den seit 1924 verstärkt auftauchenden Wahl- oder Wählerzeitungen erhielten die Flugblätter ein starkes publizistisches Konkurrenzmedium, das in lockerer Aufmachung mit hohem Bildanteil eine breitere Zielgruppenansprache ermöglichte. Aber auch das in den Anfangs- und Mitteljahren der Re pu blik so hoch geschätzte Plakat überschritt seine Blütezeit spätestens in den Reichstagswahlkämp- 356 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik fen 1932 und wurde durch die Symbol- und Uniformpropaganda als wirkungsvollstes visuelles Medium verdrängt. Geradezu epochal nahm sich in den 1920er-Jahren der Einzug der Technik in die Wahlpropaganda der Parteien aus, der nach Überwindung der Inflation nach 1923 in großem Stil einsetzte. Gegen zum Teil erhebliche Widerstände aus den Reihen der Wahlkreisorganisationen versuchten die Parteizen tra len, Methoden und Mittel ihrer Wahlpropaganda dem technischen Fortschritt anzupassen. Diese erlebte Mitte der 20er-Jahre einen Modernisierungsschub, der sich erstmals im Frühjahr 1928 auf der Bühne des Reichstagswahlkampfes – auch dank längerer Vorbereitungszeit für die Parteien – weithin bemerkbar machen konnte. Als die innovativen Kräfte auf dem Gebiet der Wahlkampftechnik und -mittel betätigten sich in erster Linie die „alten“ Weimarer Parteien SPD und DDP, die nach den für sie enttäuschenden Reichstagswahlen des Jahres 1924 die Modernisierung ihrer Propaganda einleiteten. Wenn auch schon vorher gelegentlich Filme zu Wahlzwecken benutzt wurden – so 1924/25 die „Leninfilme“ der KPD oder die „Hindenburgfilme“ des Reichsblockes −, konnte erst im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 von einer systematischen beziehungsweise aktiven Filmpropaganda der Weimarer Parteien – mit Ausnahme der DVP und des Zen trums – gesprochen werden. Besonders hervor tat sich die SPD, die mit den Mitteln ihrer mitgliederstarken finanzkräftigen Organisation auf wahlpolitischem Gebiet zu versuchen schien, das im unterhaltenden Filmsektor Versäumte aufzuholen. Bereits 1930 sahen sich Parteien wie die KPD oder DNVP durch die kurze Vorbereitungszeit, aber auch unter dem Eindruck der Rezession gezwungen, von der Produktion neuer Wahlfilme abzusehen. Für großes Aufsehen in den Wahlkämpfen sorgten die Flugzeuge, die zunächst ausschließlich als Transportmittel zum Abwurf von Propagandamaterial benutzt, später aber selbst zu einem Medium der Massensuggestion wurden. Der „Deutschlandflug“ der sozialdemokratischen Flugzeugstaffel im August und September 1930 war an sich als Sensation der Wahlwerbung geplant und setzte Maßstäbe, wie sie Hitler zwei Jahre später erfolgreich kopierte. Die eigentliche Technisierung der Reichstagswahlkämpfe nach 1918 vollzog sich jedoch in weniger spektakuläre Weise vor allem auf dem Boden und stellte hauptsächlich eine Motorisierung der Parteipropaganda dar. Autos, vor 1914 noch eher eine seltene Erscheinung, waren schon bald nicht mehr aus dem Wahlkampfalltag der Re pu blik wegzudenken. Während das Fahrrad auf dem Land nach wie vor als billigere Alterna- 357 „Waffen für den Wahlkampf“ – dIe propagandamIttel der parteIen tive im Einsatz blieb, lernten die Weimarer Parteien das Auto vor allem wegen seiner vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten als unentbehrliches Hilfsmittel schätzen, sei es nun zum Personen- oder Materialtransport, als fahrbare Rednertribüne oder auch umfunktioniert als „Schallplattenauto“ oder „Tonfilmwagen“. Das Aufkommen der Lautsprecher wie derum, mit deren Hilfe sowohl Grammophon-Reden oder Musikstücke von speziell präparierten Autos, im Freien oder im Rahmenprogramm von Wahlversammlungen übertragen als auch die Stimme des Redners einem Massenpublikum verständlich gemacht werden konnten, wurde als ebenso epochale technische Neuheit empfunden wie der Film. Durch die Lautsprecher veränderte die öffentliche Versammlung als das nach wie vor wichtigste Wahlkampfmittel der Parteien weiter ihre angestammte Form. Mittels Schallplattenreden versuchten diese ihren Mangel an ausgebildeten Rednern zu kaschieren und die wenigen, ebenso zugkräftigen wie begehrten „Wahlkanonen“ behelfsmäßig bei einer größeren Zahl von Versammlungen sprechen zu lassen. Wenn auch nach wie vor die Praxis kleiner oder mittlerer Versammlungsformen vor allem in ländlichen Gebieten überwog, wurde der Massencharakter zum eigentümlichen Kennzeichen der Wahlversammlung nach 1918. In den Städten und vor allem in Berlin aufwändige Großveranstaltungen mit mehreren zehntausend Besuchern zu organisieren, wurde geradezu zu einer Prestigefrage für die Parteien. Ihre Durchführung bedurfte allerdings der sorgfältigen Planung, und das Publikum verlangte auch nach Unterhaltung, ein Bedürfnis, dem die Parteien nachgeben mussten, wollten sie es „bei der Stange halten“. So erhielten die Wahlversammlungen ein Rahmenprogramm, das wie de rum mithilfe der Lautsprecher und Filme, aber auch durch Agitationsspielgruppen oder Sprechchöre „lebendiger“ gemacht wurde. Auf der Strecke blieb dabei der ursprüngliche Diskussionscharakter der Wahlversammlungen, dessen Verlust durch innerparteiliche Regieanweisungen beschleunigt wurde. Allen Weimarer Partei en waren die Störaktionen des politischen Gegners auch Alibi, ihre früher offenen Wahlversammlungen immer mehr zu reinen „Kundgebungen“ umzufunktionieren. Schließlich ging es ihnen in erster Linie nicht um die Überzeugung des politischen Gegners, sondern um die Gewinnung und Erschließung neuer Stimmen- und Wählerpotenziale. Gerade der Gesichtspunkt, dass mit neuen Propagandatechniken und ver- ändertem Versammlungsstil vorher nicht erreichbare, „unpolitische“ 358 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Wähler ansprechbar würden, ist in den Wahlrundschreiben der Parteien immer wieder anzutreffen. Im Kampf um Stimmen bildete sich während der relativ stabilen Jahre nach 1923/24 in den Weimarer Parteien eine strategische Sichtweise heraus, die in Zeiten scheinbar steigender Wahlmüdigkeit und sinkender Beteiligungsquoten propagierte: kommt der Wähler nicht zu uns, kommen wir zu ihm, sei es durch Flugblattverteilungen direkt an die Haushalte, improvisierte Versammlungen auf öffentlichen Plätzen oder in Hinterhöfen oder Rundfahrten mit „Kino-Autos“ in den Bezirken. Auf Ermüdungserscheinungen im Publikum wie nachlassenden Versammlungsbesuch oder – um ein modernes Wort zu bemühen – „Politik- und Parteienverdrossenheit“ reagierten die Weimarer Parteien gewisserma- ßen mit erhöhten Politisierungsanstrengungen. Selbst grundsätzlich demokratiefeindliche Parteien wie DNVP und KPD konnten sich diesem Wettbewerb im Wahlkampf nicht entziehen und waren um die Hinzunahme neuer Massenagitationsmittel wie Film oder Schallplatte in ihre praktische Propaganda bemüht. Die nach 1918 rasch voranschreitende Motorisierung sowie die 1928 massiv einsetzende Technisierung der Wahlkämpfe war andererseits kaum geeignet, deren Image in der öffentlichen Meinung der Weimarer Re pu blik aufzubessern. Eine neue Stufe bei der Totalisierung der Aus ei nan der set zungen, das heißt ihrer visuellen Ausweitung, wurde bereits 1930 erreicht, als zwar nicht neue, aber nunmehr massenhaft und systematisch eingesetzte „kollektive“ Werbemittel wie Symbole, Fahnen und Uniformen den Ton der Propaganda bestimmten, während die Parteien zugleich immer stärker in die Öffentlichkeit der „Straße“ drängten.

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Zusammenfassung

Reichstagswahlkämpfe entwickelten sich in den 1920er-Jahren zu wahren „Wahlschlachten“ mit einem bis dahin nicht gekannten Aufwand an Propaganda, Material, Geld und Menschen. Die scharfe Polarisierung in Wort und Bild sowie das hohe Maß an physischer Gewaltanwendung machten die Wahlbewegungen buchstäblich zum „Kriegsschauplatz“. Auch der massive Einsatz neuer, moderner Propagandamittel wie Lautsprecher und Flugzeuge, Schallplatten und Filme, zusammen mit der gegenüber dem Kaiserreich nochmals gesteigerten Verwendung traditioneller Medien wie Flugblättern und Zeitungen, veränderte nach 1918 den Charakter und die öffentliche Wahrnehmung der Reichstagswahlkämpfe. Parallel zum technischen Fortschritt begann in den 1920er-Jahren die „Amerikanisierung“ der Parteipropaganda, die von Zeitgenossen als „Sittenverfall“ beklagt wurde und die – wie auch viele Feindbildstereotype der Weimarer Zeit – die Zeit des Nationalsozialismus überdauerte und nach 1949 der Entpolitisierung von Wahlkämpfen in Deutschland den Weg ebnete.