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Kapitel 5 in:

Dirk Lau

Wahlkämpfe der Weimarer Republik, page 179 - 274

Propaganda und Programme der politischen Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag von 1924 bis 1930

3. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4203-8, ISBN online: 978-3-8288-7193-9, https://doi.org/10.5771/9783828871939-179

Tectum, Baden-Baden
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179 Kapitel 5 Der Wahlkampfstil der Weimarer Parteien „Der Wahlkampf ist vorbei – Zäune, Säulen, Schilder sind wieder von allerhand Schmutz befreit“546. Dieser Stoßseufzer kurz nach der Reichstagswahl im Juni 1920 scheint charakteristisch für das Denken derjenigen Weimarer Zeitgenossen, die Wahlkampf in erster Linie als eine „Schmutzflut“ überhand nehmender Propaganda wahrnahmen, als geschriebene oder gesprochene Polemik in Flugblättern, Plakatanschlägen, Reden und Artikeln oder gar in Form von blutigen Saal- und Straßenkämpfen. Das Werben für die politische „Weltanschauung“ sollte gemäß bildungsbürgerlichem Ideal wenn überhaupt mit den traditionellen „vornehmen“ Mitteln wie der Versammlungsrede oder dem Zeitungsartikel geschehen. Die auf Massenwirkung zielenden Wahlkämpfe und ihre „laute Agitation“ wurden als Störung des inneren, sozialen Friedens und des „Geistes der Volksgemeinschaft“ gedeutet, der durch den „Kampf aller gegen alle“ ersetzt werde. Es sei zum Jammern, klagte Josef Buchhorn, preu- ßischer Landtagsabgeordneter der DVP, im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924, „wenn man dieses Schauspiel ansehen muss, wie sich da wertvolle Kräfte, die für das Ganze nutzbar gemacht werden sollten, gegenseitig“ aufhöben547. Überzeugung quer durch alle bürgerlichen Parteien war, dass diejenigen Gruppen den größten Zulauf hätten, deren Propaganda die „im Volke schwingenden Gefühlsseiten“ am stärksten anzuschlagen in der Lage sei, schrieb Julius Steinberg angesichts des nationalistischen Stimmzettels vom 4. Mai 1924 über „Reichstagswahlen und Volks-Psychologie“. Parteien wie die DDP, die eine „Verstandespolitik“ verträten, schnitten um so schlechter ab, „je heftiger die Volksleidenschaften durch die Ungunst der Zeiten und die Demagogie der politischen Kurpfuscher aufgewühlt“ seien548. So wurde aus liberaler Sicht im Mai 1924 ein neuer „Tief- 180 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik stand“ in der deutschen Wahlgeschichte beobachtet. Die Propaganda dieser Reichstagswahl sei nicht nur jeder „höheren Idee“ entkleidet, sie gleiche dem „ruhmlosen und widerlichen Gaskrieg“, dem man nur mit einer Maske geschützt begegnen könne: „Neben dieser Stinkbomben- Kunst, die Wahlzettelüberzeugung schafft, ruht die politische Gleichgültigkeit des Nurgeschäftsmannes, des boxkampfbegeisterten Philisters und des Fußballfanatikers“, der sich nur aufgrund persönlichen Ärgers, mehrmals gelesener Schlagworte oder sonstiger Zufälligkeiten entscheide. Gegen diese „Verwilderung“ müssten alle Demokraten mit den „Mitteln einer anständigen und sachlichen Polemik“ ankämpfen549. In konservativen Kreisen mischte sich die Ablehnung der Massendemokratie mit tiefer Verachtung des Wahlkampfes und seiner Erscheinungsformen. Die Agitation der Parteien wurde hier abgewertet zum Chaos der Versprechungen, in dem das an sich schon häßliche Gesicht der Politik seine wahre Fratze entblöße. Aus den Reihen der bündischnationalen Jugend wurden nach den Reichstagswahlen vom Mai 1928 als „Bilanz des Wahlkrampfs“ die Fehler des angeblich mechanistischen Wahlsystems und der „plutokratischen“ Parteiendemokratie aufgezählt: „Wochenlang ist der souveräne Staatsbürger mit Wahlseife, Grammophonplatten, Reden, Lügen und Versprechungen bombardiert worden. Nun darf er wieder vier Jahre den Schlaf der Gerechten schlafen“550. Wie weit auch das re pu bli ka nische Deutschland noch von einem wirklich demokratischen Verständnis des politischen Kampfes entfernt war, beobachtete der Historiker Ernst Troeltsch anlässlich des ersten Reichstagswahlkampfes vom Frühsommer 1920. Hinter der im Wahlkampf von den Parteien gezeigten „Gesinnung der notwendig zu wagenden Entscheidungsschlacht“, die der „Verwickeltheit der wirklichen Dinge“ nicht gerecht werde, entdeckte Troeltsch Grundsätzliches: „Es liegt dem Deutschen noch nicht, den Lärm des Wahlkampfes für unentbehrlichen Tamtam zu halten, der hinterher dann nicht mehr ernst genommen wird, wenn er nur erst seine Schuldigkeit getan hat. Er liebt bis jetzt den verbohrten Hass und ein bramarbasierendes Schimpfen, das jede politische Zusammenarbeit hinterher unmöglich macht, aber den selbstzufriedenen Dickköpfen eine hohe persönliche Genugtuung bereitet“551. Die Einstellung der Weimarer Parteien zu Wahlkämpfen war nicht nur durch solch vordemokratische Denktraditionen belastet, sondern musste fast zwangsläufig gespalten sein, da sie einerseits wichtiges Forum der Selbstdarstellung mit dem Ziel des Machterwerbs waren, ande- 181 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen rerseits aber den Parteiorganisationen immer wieder große Finanzprobleme verursachten. Schon ein flüchtiger Blick auf die immensen Wahlwerbekosten lässt freilich erkennen, welch hoher Stellenwert den Wahlkämpfen im Organisationsleben der Weimarer Parteien zugemessen wurde. Ohne dass es für sie eine Wahlkampfkosten-Rückerstattung durch den Staat gab, bestritten die ohnehin unter ständigen Geld pro blemen leidenden Parteien ihre Wahlkampagnen ausschließlich aus eigenen oder gesammelten Mitteln. Das neue Wahlsystem der Weimarer Repu blik stellte auch die bürgerlichen Parteien zwangsläufig vor die Notwendigkeit, den vor 1914 nur halbherzig betriebenen Wandel vom Honoratiorenverein zur Mitglieder- beziehungsweise Massenpartei zu forcieren. Vorbild sein konnte ihnen die Organisationsstruktur der deutschen Sozialdemokratie mit ihrem festgefügten Parteiapparat sowie der flächendeckenden Gliederung von der Ortsgruppe bis hin zu den Landesverbänden und dem Reichsparteivorstand. Vor allem die liberalen Parteien unternahmen in den 1920er-Jahren – letztlich erfolglos – Versuche der Organisationsreform, während sich das Zen trum wie im Kaiserreich auf die zahlreichen kirchlich-katholischen Vereine stützte und die DNVP die stark heterogene und regional unterschiedliche Struktur der alten Konservativen beibehielt. Zentralisierte und professionelle Werbearbeit blieb aber bei allen Weimarer Parteien noch die Ausnahme und war wenn überhaupt in Wahlzeiten anzutreffen. Immerhin wurden 1918/19 bereits von den bürgerlichen Parteien zen tra le Hauptgeschäftsstellen geschaffen, die sich um Fragen der reichsweiten Organisation und Propaganda kümmerten. Anders als die KPD oder die NSDAP, welche mit der Zentral-Agitprop beziehungsweise der Reichspropagandaleitung über ähnliche Gremien verfügten, in denen sich Parteiaktivisten, Journalisten oder Werbefachmänner mit der Vorbereitung und Führung von Wahlkämpfen beschäftigten, besaß die SPD bis zur Gründung der Werbeabteilung beim Parteivorstand 1928/29 keine vergleichbare zen tra le Propagandastelle552. Für die eigentliche Wahlarbeit waren meist journalistisch geschulte Funktionäre oder Abgeordnete vor Ort verantwortlich, die in den lokalen Propaganda- oder Wahlausschüssen ihrer Parteien die jeweiligen Beschlüsse und Vorgaben der Reichsparteileitung in Aktionen umsetzten. Schon die äußeren Lebensdaten der Landesgeschäftsführer oder regional verantwortlichen Parteisekretäre festzustellen, bedarf der intensiven lokalgeschichtlichen Forschung und kann an dieser Stelle nicht geleistet 182 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik werden. Auf der Ebene der Hauptgeschäftsführer oder Reichsgeneralsekretäre hielten, wie in der Wirtschaft, wo nach 1918 der Unternehmer alten Stils mehr und mehr einem neuartigen Direktorentyp wich – für den sich der amerikanische Begriff des „Managers“ einbürgerte –, in den Weimarer Parteien die hauptamtlichen Angestellten des Parteiapparates Einzug. Mit ihnen entstand eine neue Gruppe von Berufspolitikern, die Politik zunehmend im technokratischen Sinne vor allem als Verwaltungsarbeit betrachteten. Wenn sie auch eng mit den jeweiligen politischen Führungen zusammenarbeiteten und ihr Einfluss mit Sicherheit den manch eines Reichstagsabgeordneten übertraf, zählten sie nur bedingt zur eigentlichen Parteispitze. Die Weimar-Literatur gibt über diesen in der Öffentlichkeit kaum bekannten Personenkreis nur karge biographische Auskünfte. Den Wahlkampf des Zen trums für die Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919 leitete der damals 44-jährige Maximilian Pfeiffer, ein erfahrener Politiker, der seit 1907 Reichstagsabgeordneter war und 1918/19 als Mitglied des Reichsausschusses das in Berlin angesiedelte Generalsekretariat begründete. Pfeiffer war von 1912 bis zur Revolution auch Biblio the kar an der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek in München und den Worten Rudolf Morseys zufolge ein „unternehmungslustiger“ Generalsekretär, als promovierter Philologe literarisch ambitioniert und in den Wahlkämpfen nicht zuletzt durch das Abfassen von Flugblättern und die Redaktion der Flugschriftenreihe aktiv553. Sein 13 Jahre jüngerer Bruder Anton leitete seit 1919 das Generalsekretariat der BVP in München, bis er auf eigenem Wunsch 1927 zurücktrat und von Josef Österle abgelöst wurde. Maximilian Pfeiffer gab das Amt des Generalsekretärs des Zen trums bereits nach der Reichstagswahl 1920 an seinen damals knapp 30-jährigen Referenten Heinrich Vockel ab. Als Angehöriger der „jungen Generation“ war dieser im Unterschied zu Pfeiffer ein Vertreter der neuen, technokratisch orientierten Politikerkaste, die innerhalb der freilich noch kaum zentralisierten Parteiapparate die Weimarer Politik mitgestalteten. Nach dem Studium der Landwirtschaft und Nationalökonomie, das er mit einer Dissertation über die „Die Handwerke der Stadt Paderborn und die dortigen Organisationsbestrebungen“ abschloß, war Vockel im Krieg mehrfach ausgezeichnet worden und bei Kriegsende Oberleutnant der Reserve. Ende 1918 in den Paderborner Kommunaldienst eingetreten, wechselte er 1920 nach Berlin in die von Pfeiffer umorganisierte Parteizen tra le des Zen trums, für das er von 1930 bis 1933 183 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen auch im Reichstag saß. Als Generalsekretär seit 1922 zeigte sich der keinem Parteiflügel zugehörige Vockel wie sein Amtsvorgänger nicht zuletzt in Reichstagswahlkämpfen äußerst rege, entwarf Redeskizzen, Broschüren sowie Flugblätter, war als Wahlredner unterwegs und ein wichtiger Artikellieferant für die Zen trumspresse554. Zu Vockels formellem Stellvertreter wurde 1922 der drei Jahre jüngere Heinrich Krone bestimmt. Seine eigentliche Aufgabe bestand in der Reichsgeschäftsführung der Deutschen Windthorstbünde. Durch die He raus ga be der Monatsschrift Das junge Zen trum bildete Krone ein wichtiges Verbindungsglied zwischen der Partei und den katholischen Jugendverbänden. Wie für die an profilierten Spitzenfunktionären knappen Parteien der Weimarer Re pu blik üblich, war seine Tätigkeit durch die gleichzeitige Ausübung mehrerer Ämter geprägt, unter anderem auch als Reichstagsabgeordneter des Zen trums555. Die gleiche Funktion wie Vockel im Zen trum übte in den 1920er- Jahren unter der Bezeichnung eines Reichsgeschäftsführers Werner Stephan als Nachfolger von Hermann Schreiber innerhalb der DDP aus. Über seine Tätigkeit sind wir nicht zuletzt durch die von ihm selbst geschriebene Parteigeschichte sowie seine Erinnerungen vergleichsweise gut unterrichtet. Stephan, Jahrgang 1895, hatte Volkswirtschaft studiert und war seit 1922 in der Berliner DDP-Zen tra le tätig, wo er als „junger Mann“ und rechte Hand des neuen Vorsitzenden Erich Koch-Weser galt. Noch stärker als Vockel verkörperte Stephan den Typus des modernen, akademisch gebildeten Parteiangestellten. Sein Name steht neben dem von Anton Erkelenz für den Versuch einer Reform beziehungsweise Modernisierung der linksliberalen Parteistrukturen. Zur Verbesserung der Organisationsarbeit führte Stephan detaillierte Fragebögen für die regionalen Parteiorganisationen ein und systematische Analysen über Wahlen und Wahlverhalten durch556. Infolge des rasanten Wählerschwunds der DDP nach 1920 resignierte Stephan schließlich und wechselte 1929 in die Presseabteilung der Reichskanzlei, wo er bis 1945 tätig war. In der NSDAP fühlte sich bis 1930 aufgrund des Führungs- und Kompetenzenwirrwarrs eine ganze Reihe von Personen für die zen tra le Propaganda- und Wahlkampfarbeit im Reich verantwortlich. Nominell deckte in der Frühphase der Partei Hermann Esser diesen Bereich ab, während Adolf Hitler als „Trommler“ mehr die praktische Agitation bestimmte. Reichsgeschäftsführer der NSDAP nach ihrer so genannten Wiedergründung im Fe bru ar 1925 wurde Philipp Bouhler, dessen Einfluss auf die 184 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik konkrete Propagandatätigkeit aber trotz des scheinbar hohen Parteiamtes gering blieb557. An der Spitze der neuen Reichspropagandaleitung stand ab 1926/1927 Gregor Straßer, der die faktische Geschäftsführung wie de rum seinem Stellvertreter Heinrich Himmler überließ, dessen „bürokratischer Perfektionismus als Parteimanager“ von dem Gedanken ausging, Propaganda „generalstabsmäßig“ planen zu können558. Eine neue Phase in der Reichspropagandaleitung, die erst im September 1932 vollständig von München nach Berlin umziehen sollte, begann im Frühjahr 1930 mit der Berufung von Joseph Goebbels, der als Gauleiter von Berlin bereits seit 1926 Erfahrungen in den Wahlkämpfen der Hauptstadt gewonnen hatte. Er kannte nicht nur die Propagandamethoden der Linksparteien sehr genau, sondern mischte sich wie Hitler auch immer wieder selbst in die Agitation ein, nicht zuletzt durch das Verfassen von Flugblättern559. So gut erforscht die Biographie und das Wirken eines Joseph Goebbels ist, so wenig wissen wir über seine Pendants in den bürgerlichen Rechtsparteien der Weimarer Re pu blik. Selbst in speziellen Parteiendarstellungen tauchen die Namen der zen tra len Propagandaleiter nur selten auf. Das Amt eines Hauptgeschäftsführers der DNVP hatte zunächst der 1883 geborene Hans Erdmann von Lindeiner-Wildau inne, bis er 1920 durch Max Weiß abgelöst wurde, zugleich leitender Redakteur der DNVP- Schriftenvertriebsstelle. Weiß, promovierter Philologe und ehemals aktiver Offizier, unterschied sich schon aufgrund seines Alters – er war Jahrgang 1874 – von den anderen „Wahlkampfmanagern“. Im Krieg zunächst Bataillonskommandeur, dann 1917/18 Abteilungsleiter im Kriegspresseamt, war er 1919 Landesgeschäftsführer der DNVP im Wahlkreis Potsdam I und ein Jahr später Hauptgeschäftsführer geworden, was er bis Anfang der 1930er-Jahre blieb560. Typisch für alle bürgerlichen Parteien war ein Mangel an Funktionären, die den Wahlkampf auf regionaler und lokaler Ebene als „Agitatoren“ bestritten. So suchte die Koblenzer Wahlkreisgeschäftsstelle der DVP, deren Reichsgeschäftsführung in den 1920er-Jahren Gustav Wittig ausübte, im Frühjahr 1928 per Anzeige einen „Untergeschäftsführer für die Wahlzeit, rede- und schriftgewandt, zur Agitation gegen Wirtschaftspartei und Bauernsonderliste, vertraut mit Landwirtschaft und Weinbaufragen speziell in Westdeutschland (Rheinland)“. Mit Beginn der Wirtschaftskrise schien sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage aber auch in diesem Bereich umzudrehen, da nun die Stellengesuche 185 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen überwogen. Im Sommer 1930 bot sich für den Reichstagswahlkampf ein „erfahrener, politisch gründlich geschulter Journalist“ an, „auf dem Boden der DVP stehend, der mehrere Wahlkämpfe erfolgreich mitgemacht hat (in Baden, Hessen und im Rheinland), guter Redner und sehr befähigter Propagandist (Entwerfen von Flugblättern, Aufrufen und dergl.)“ sei und eine „journalistische oder agitatorische Tätigkeit“ suche. Ebenfalls seine „Wahlhilfe“ für den 14. September 1930 offerierte ein „bestens empfohlener, erfolgreicher, langjähriger Redakteur“, der „bei bescheidenen Ansprüchen zur Reichstagswahl geeignete journalistische Aushilfstätigkeit“ ausüben wollte561. Während die bürgerlichen Parteien über Personalmangel im Bereich der Agitation klagten, schienen die Weimarer Linksparteien und insbesondere die KPD mit „Agitatoren“ reichlich gesegnet zu sein. Die praktische Propaganda der KPD wurde an zen tra ler Stelle von Hugo Eberlein und Ernst Schneller geleitet. Als das Mitglied des Zentralkomitees der KPD, das sich um die Durchführung der Reichswahlkämpfe kümmern sollte und als eine Art zen tra le Anlaufstelle fungierte, trat der 1924 in den Reichstag gewählte Ernst Torgler auf, ab 1929 auch Vorsitzender der kommunistischen Reichstagsfraktion562. Innerhalb der SPD fiel die zen tra le Organisation der Reichstagswahlkämpfe in den ohnehin schon prallen Aufgabenbereich des nur etwa zehnköpfigen Berliner Parteivorstands. Angesichts des hohen Stellenwerts der „Stimmzettelkämpfe“ für die SPD mag überraschen, dass es bis zur Einrichtung der Werbeabteilung 1928/29 keine hauptamtlichen Mitarbeiter gab, die für die Organisation und Propaganda sowie der zentra len Steuerung der Wahlkämpfe zuständig waren. Als redaktioneller Leiter der seit 1911 bestehenden, aber 1922 infolge der Inflation aufgelösten „Flugblattzen tra le“ beim Parteivorstand war Konrad Haenisch, Jahrgang 1876, zwar formell für diese Fragen beim Parteivorstand verantwortlich. Seine Inbeschlagnahme durch zahlreiche andere Funktionen und Ämter ließen den wichtigen Bereich jedoch bereits vor Haenischs frühem Tod im April 1925 mehr oder weniger verwahrlosen, sodass es dem Parteikassierer Konrad Ludwig oblag, auf Reichsparteitagen über Organisation und Propaganda zu referieren563. Nach den Reichstagswahlen vom Mai 1928 reorganisierte aber auch die SPD ihre Führungsstruktur und richtete beim Parteivorstand eine neue Werbeabteilung ein. Mit derem Aufbau wurde der hauptamtliche Parteisekretär Friedrich Heine beauftragt, Jahrgang 1904, seit 1925 als 186 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Volontär und persönlicher Referent Ludwigs mit Organisationsfragen und der Parteipresse beschäftigt. Zum nominellem Leiter der Abteilung berief der Vorstand 1930 den weitaus älteren Redakteur Richard Hauschildt, der sich jedoch ausschließlich mit der Redaktion der „Sozialdemokratischen Parteikorrespondenz“ befasste, einer wichtigen Informationsquelle für die Funktionäre. Als „technischer Leiter“ der Werbeabteilung war es daher Heine, der die Werbe- und Wahlkämpfe der SPD auf zen tra ler Ebene bis 1933 propagandistisch bearbeitete. Wenn auch nicht akademisch gebildet, gehörte er zur „jungen Generation“ der Weimarer Re pu blik und spezialisierte sich als Fachmann für Werbe- und Propagandaarbeit, ohne allerdings nach außen hin als Repräsentant sozialdemokratischer Politik stärker in Erscheinung zu treten564. Versuche der Modernisierung liberaler Parteistrukturen Obwohl die DDP in der Vorstellung ihrer Gründer eine Massenpartei nach Vorbild der SPD werden sollte, blieb liberale Parteiarbeit auch nach 1918 auf die Zeit der Wahlen konzentriert und behielt man die eher lockere Organisationsform weitgehend bei – so etwa lautet das Verdikt über die eben „nicht ganz geglückte Anpassung“ der Linksliberalen an die massendemokratische Wirklichkeit565. Gleichwohl zeigte sich die DDP nach 1918/19 mehr als ihre bürgerlichen Konkurrenten bemüht, auch auf bislang verpönte „marktschreierische“ Mittel und Methoden moderner Reklametechnik in ihrer Wahlpropaganda zurückzugreifen. Dahinter stand die Überzeugung, dass langatmige stilvolle Abhandlungen nach altem Muster wertlos geworden seien. Das Programm der Partei müsse vielmehr wie ein „neuer Artikel“ schlagwortartig auf Plakaten und Flugblättern angepriesen werden. Die Bedürfnisse und Erwartungshaltungen der Konsumenten von Parteienwerbung müssten stärker berücksichtigt werden, wobei die englische und amerikanische Bildpropaganda während des Krieges ausdrücklich als vorbildhaft galt. Es war in den 1920er-Jahren vor allem der Mitvorsitzende Anton Erkelenz, der innerhalb der Führung der DDP da rauf beharrte, dass zu einer modernen Parteiorganisation neben Massenwerbung auch die beständige Kleinarbeit zwischen den Wahlkämpfen sowie der Aufbau eines festen Mitgliederstammes gehöre, wodurch zugleich das Problem der Parteifinanzierung in den Griff zu bekommen sei. Obwohl 1918/19 kurzfristig eine Massen- 187 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen anhängerschaft vorhanden war sowie neben der Reichsgeschäftsstelle regionale und lokale Parteisekretariate eingerichtet wurden, musste der dramatische Mitglieder- und Wählerschwund der DDP in den 1920er- Jahren jeden solcher Ansätze zur Organisationsreform erschweren, wenn nicht gar verhindern. Als den Ortsgruppen nächst übergeordnete Instanz fungierten die Wahlkreisverbände, von denen der Parteitag, das höchste Organ der DDP, sowie der Parteiausschuss mit Delegierten beschickt wurde. Dem 23-köpfigen Parteivorstand, dem die beruflich und thematisch gegliederten Reichsausschüsse beigeordnet waren, oblag die politische Führung der Partei. Verantwortlich für die zen tra le Werbearbeit und die Führung von Reichstagswahlkämpfen war die in Berlin ansässige Reichsgeschäftsstelle, das so genannte Büro der Parteileitung. Als dessen Geschäftsführer klagte Stephan darüber, dass unter den „geistig überheblichen Demokraten“ moderne Propagandamethoden wie die „Kunst der Wiederholung“ und andere Techniken nur auf wenig Verständnis gestoßen seien566. Es charakterisierte die DDP, dass sie Wahlkämpfe einerseits als „Mittel politischer Erziehung“ bejahte, mit dem das Volk im „vernünftigen“ Parteisinne politisiert werden sollte. Andererseits artikulierten die Demokraten immer auch Bedenken, ja Abscheu gegenüber dem „wochenlangen Trommelfeuer“ von Propaganda in Reichstagswahlkämpfen567. Zwar bräuchten diese in einer Demokratie keine politischen „Anstandskurse“ zu sein und seien gewisse Übertreibungen unvermeidlich, so die Frankfurter Zeitung Anfang Juli 1932. Aber „derartige Orgien der Entstellung und Verleumdung zu entfesseln, wie sie das demokratische und re pu blika nische Deutschland während all dieser Jahre und mit sich immer steigender Schärfe hat über sich ergehen lassen müssen“, schadeten der parlamentarischen Demokratie568. Die Überzeugung, dass die „werbende Kraft der Idee“ der Unterstützung durch Agitation und Propaganda bedürfe, um sich bei den Wählern durchzusetzen, veranlasste die Demokraten andererseits, sich bereits im Wahlkampf 1918/19 intensiv mit neuen Formen der Massenpropaganda zu beschäftigen. Lokale Parteiorganisationen richteten Werbebüros ein, dessen Mitarbeiter mit den Methoden „amerikanischer Reklame“ vertraut waren, und auch die Berliner Führung der Partei zeigte sich entschlossen, mit neuen Agitationsmitteln im Reich zu werben. Dank großzügiger Unterstützung aus der Wirtschaft war die DDP vor dem 19. Januar 1919 in der Lage, „ihre Werbeaktionen in einem Stil zu entfal- 188 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ten, der in der Geschichte deutscher liberaler Parteien bisher unbekannt war“569. Anlässlich der Wahlen zur Nationalversammlung befasste sich der Geschäftsführende Ausschuss der DDP als vorläufiger Vorstand seit Anfang Dezember 1918 mit den Wahlkampfvorbereitungen. Dank seiner Sitzungsprotokolle lässt sich beispielhaft nachverfolgen, welche Fragen der Wahlarbeit in den Führungsgremien der Weimarer Parteien behandelt wurden, von der Entstehung des zen tra len Wahlaufrufs, der Herstellung und Auswahl von Plakaten, der Unterstützung für die Wahlkreisvereine, über die Kandidatenfrage der Reichswahlliste bis hin zur Analyse des Ergebnisses. Da für den bereits laufenden Wahlkampf dringend Agitationsmaterial benötigt wurde, beauftragte der Ausschuss Ende 1918 mehrere „sachverständige“ Reichstagsabgeordnete damit, Flugblätter an die verschiedenen Wähler- und Berufsgruppen zu schreiben. Ideen zur praktischen Nutzung neuer „amerikanischer“ Propagandamethoden kamen unter anderem von Otto Nuschke, der ein „Filmdrama“ vorschlug, das an allen deutschen Theater- und Filmbühnen gezeigt werden solle, dessen Realisation aber aus Kostengründen – veranschlagt waren 15 000 Mark – abgelehnt wurde570. Unter dem Eindruck des zurückliegenden Wahlkampfes stellte Nuschke auf dem ersten Reichsparteitag der DDP im Juli 1919 fest, dass bei der Wahlarbeit immer noch „Flugblätter, Redner und Geld“ am wichtigsten seien. Während der wenigen Wochen des Wahlkampfes habe, so Nuschke, allein die neue Reichsgeschäftsstelle 63 Flugblätter in einer Gesamtauflage von 15 Millionen Stück herausgegeben. Als Lehre aus dem Wahlkampf müsse man künftig versuchen, die Organisation auf eigene finanzielle Füße zu stellen, sprich eine Finanzierung durch Mitgliederbeiträge zu erreichen, damit die DDP „niemals in die Abhängigkeit wohlmeinender Kapitalisten oder gar von In te res senten“ gerate – eine Forderung, für die Nuschke laut Protokoll „lebhaften Beifall“ erntete571. Vor allem auf die Aktivität ihres rührigen Hauptgeschäftsführers Werner Stephan war es zurückzuführen, dass sich die DDP schon frühzeitig auf die 1924 anstehenden Reichstagswahlen vorbereitete. Bereits im Juni 1923 forderte Stephan die Wahlkreisvorstände der Partei auf, mit den Planungen für die Wahl zu beginnen. Wichtig sei vor allem die rechtzeitige Aufstellung der Spitzenkandidaten, da für deren Agitation bei der jetzigen Größe der Wahlkreise die zwei oder drei Monate vor der Wahl nicht mehr ausreichten. Wolle etwa ein neuer Wahlkreiskandidat noch vor der für den Sommer 1924 geplanten Reichstagswahl bekannt werden, 189 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen müsse er vielmehr spätestens im August 1923 aufgestellt werden. Schon jetzt habe sich, so Stephan, die Partei daher überall „schlagfertig“ zu machen, zumal auch eine vorzeitige Reichstagsauflösung nach Beendigung des Ruhrkampfes und damit ein Wahltermin bereits im Winter möglich sei572. Angesichts des durch die Nachwirkungen der Inflation stark in Mitleidenschaft gezogenen Parteiapparates bemühte sich der Reichsgeschäftsführer der DDP 1923/24 besonders, die Aktivität und Eigeninitiative der Anhänger vor Ort für den Wahlkampf zu stärken. Ihnen teilte er seine Überzeugung mit, dass sich in Deutschland die „amerikanischen Reklamemethoden“ durchsetzen würden, etwa Wagenkolonnen oder Umzüge mit Musik, selbst so genannte „Sandwichmen, d. h. Prozessionen von Schilderträgern“. Stephan appellierte deshalb an die Parteiaktivisten vor Ort, bei diesen Dingen „nicht allzu hochnäsig“ zu sein; vielmehr müsse sich ein geschickter Agitator sowohl der alten Propagandamittel als auch dieser „Scherze“ sowie des Kinos oder der Lichtbilder bedienen, um zum Erfolg zu kommen573. Bereits einen Monat vor der Reichstagsauflösung Mitte März 1924 kündigte Stephan an, den Wahlkampf jetzt auch „geistig“ vorzubereiten, weshalb die Reichsgeschäftsstelle der DDP das zen tra le Agitationsmaterial ab Ende Fe bru ar 1924 bereitstelle. Weil es aber andernfalls unmöglich sei, bis zur Wahl am 4. Mai eine weitere Steigerung der Propaganda zu erreichen, dürfe der „eigentliche Wahlkampf “ in der Öffentlichkeit noch nicht begonnen werden, sondern müsse vielmehr „kurz und schlagend“ sein. Stephan warnte die noch von der Inflation geschwächten Partei ausdrücklich vor einem zu frühen Verschleiß ihrer Kräfte, sondern mahnte zum rationellen Einsatz der vorhandenen Propagandamittel574. Welche Werbemittel die DDP in den Wahlkämpfen einsetzte, darüber geben die von der Reichsgeschäftsstelle verschickten Materiallisten Auskunft. Aus dieser Art Katalog der in Berlin hergestellten „Produkte“ konnten die Parteigliederungen je nach Bedarf und finanziellen Möglichkeiten bestellen. Vor dem 4. Mai 1924 wurden neben Plakaten und Flugblättern – unterteilt in allgemeinpolitische und berufsgruppenspezifische  – die Wahlbeilagen des Demokratischen Zeitungsdienstes, „Schlagworte für den Wahlkampf “, Rededispositionen und schließlich ein von Erkelenz verfaßter „Leitfaden für Wahlorganisatoren und Wahlwerber“ angeboten. Vor dem 7. Dezember 1924 unterteilte Stephan die merklich längere Materialliste der DDP nach Flugblättern sowie den meist auch als Flugblatt veröffentlichten Reden prominenter Demokra- 190 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ten, den so genannten Materialien zur Demokratischen Politik, die sich mit einzelnen Gegnern der DDP oder speziellen Themen beschäftigten, sowie den Plakaten und schließlich dem „Sonstigen“, worunter Handzettel, Schlagwortsammlungen, Verse, Rededispositionen, eine Wahlzeitung sowie ein Taschenkalender für Frauen und eine Sammlung von „Musterinseraten“ für die Pressepropaganda fielen575. Nach der Reichstagswahl vom 4. Mai 1924, in der die DDP noch einmal mit einem „blauen Auge“ davon gekommen war, kritisierte insbesondere Erkelenz, dass die bisherigen Agitationsmethoden der Partei gescheitert seien. Die Konzentration auf öffentliche Versammlungen während des Wahlkampfes sei für sie jetzt noch weniger ausreichend als für die größeren Parteien. Dringender denn je müsse jetzt die Wahlpropaganda der DDP reformiert werden576. Als eine weitere große Schwäche der Partei wurde auch in den folgenden Reichstagswahlkämpfen neben der Finanzierung immer wieder das Fehlen einer flächendeckenden Parteipresse beklagt577. Welchen Fortschritt zumindest die zen tra le Propaganda der DDP nahm, signalisierten die Materiallisten der Berliner Reichsgeschäftsstelle vom Frühjahr 1928. Nach den darin an erster Stelle aufgeführten Plakaten bestand das schriftliche Werbematerial aus den demokratischen „Führerreden“, den allgemeinpolitischen Flugblättern – das waren der zen tra le Wahlaufruf sowie der Aufruf zu den parallelen Preußenwahlen – und den Berufsgruppenflugblättern. Neu im Angebot der Parteizen tra le waren die von Stephan ins Leben gerufene Schriftenreihe für politische Werbung sowie kolorierte Bilderbogen. Ebenfalls neu waren Bildpostkarten, Klebezettel mit Plakatmotiven und zwei Wahlfilme – ein Spielfilm und ein kurzer Zeichentrickfilm. Grammophonplatten mit den Reden der Parteiführern, eine Lichtbildserie sowie Musterinserate – „kurze Texte in gediegener Aufmachung“ – vervollständigten die modern anmutende Liste der Werbemittel der DDP im Frühjahr 1928578. Die Modernisierungsbemühungen der Parteispitze führten dazu, dass sich nun auch in den Wahlkreisen öfters Gedanken über eine Verbesserung der Partei- und Wahlkampforganisation regten. Die Arbeit der Reichsgeschäftsstelle, die auf eine Zentralisierung der Propaganda und Wahlkämpfe zielte, stieß jedoch immer wieder auf Widerstände in Form von regionalem Eigenständigkeitsstreben. Im liberalen Stammland Baden etwa übte der Parteiführer Hermann Dietrich nach dem Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 heftige Kritik an der Berliner 191 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Zen tra le. Diese müsse, so Dietrich, in Zukunft mehr als bisher berücksichtigen, dass „die Wahlarbeit im Reiche nicht von Berlin aus bis ins einzelne dirigiert werden kann, sondern dass hier im weitesten Umfang dezentralisiert werden muss“. Unbedingt sei die „Eigenart der Verhältnisse der verschiedenen Länder“ bei den Reichstagswahlkämpfen in Rechnung zu stellen. Das gelte insbesondere für die Flugblattpropaganda: „Man kann von Berlin aus sicherlich wertvolle Anregungen für Flugblätter geben, aber man wird kaum Flugblätter in Berlin herstellen können, die für das ganze Reich brauchbar sind“. Dietrich schlug vor, dass die Zen tra le künftig nur noch Matern von Flugblättern verschicken und statt dessen die Landesgeschäftsstellen finanziell stärker bei der Herstellung von eigenem, die regionalen Verhältnisse berücksichtigenden Wahlmaterial unterstützen solle579. Trotz solcher Widerstände ließ die Parteizen tra le der DDP vor den Reichstagswahlen im Mai 1928 nicht davon ab, die Führung des Wahlkampfes von Berlin aus weiter zu zentralisieren und gleichzeitig die Propaganda zu modernisieren. Seit Juni 1927 beschäftigte sich der Vorstand intensiv mit Plänen zur Verbesserung der Parteiorganisation im Hinblick auf die kommenden Reichstagswahlen. Erkelenz schlug eine Reihe von Maßnahmen vor, die allesamt die Umstellung auf flächendeckende Massenagitation nach dem Vorbild der SPD bezweckten. Seine Idee war es unter anderem, „systematisch Adressen in te res sierter Personen“ zu sammeln, um diese vor der Wahl gezielt mit Material bearbeiten zu können. Des weiteren sollten mehr Parteibeamte als bisher eingestellt werden sowie regelmäßige Besuche der Wahlkreise durch „sachverständige Kräfte“ aus Berlin und schließlich die Ausbildung eines „Stabes von ‚Kleinagitatoren‘“ für die Wahlen erfolgen580. Da der dramatische Wählerschwund der DDP seit 1920 nicht zuletzt auf Mängel in der praktischen Parteiarbeit zurückgeführt wurde, faßte Mitte September 1927 eine Funktionärstagung in Bad Eilsen entsprechende Beschlüsse zur Reorganisation der Partei. Auf dieser Konferenz sprach Erkelenz über „Organisationsarbeit im Jahre der Wahlvorbereitung“, bevor Hauptgeschäftsführer Stephan die Parteisekretäre über „Die Ausnutzung der technischen Mittel im Wahlkampf “ aufklärte581. Zum Zeitpunkt der Bad Eilsener Tagung war noch von einem Neuwahltermin im Dezember 1928 auszugehen, also von einer etwa einjährigen Vorbereitungszeit der Parteien für den kommenden Reichstagswahlkampf. Die gefassten Beschlüsse zielten hauptsächlich auf eine 192 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Verbesserung der Parteiarbeit in den Wahlkreisen, die stärkere Öffnung gegenüber bislang vernachlässigten Wählergruppen wie den Frauen und der Jugend sowie dem Ausbau der Zusammenarbeit mit parteinahen Organisationen wie den Gewerkvereinen, Beamtenverbänden oder Unternehmervereinigungen. Intensiv wurde die Frage diskutiert, wie das Geld für die geplante „kräftige“ Propaganda zur Reichstagswahl zu beschaffen sei. Durch eine große Sammlung über den Parteivorstand glaubte man etwa eine Million Mark aufbringen zu können. Für die Wahlvorbereitungen im engeren Sinn legte die Reichsgeschäftsstelle den Funktionären der DDP in Bad Eilsen einen vorläufigen Arbeitsplan vor. Von Oktober 1927 an sollten Vortragsserien über politische Grundfragen veranstaltet werden, zur Vorbereitung der Parteimitglieder, die als Ortsgruppenleiter oder Vertrauensleute auch die eigentliche Wahlarbeit leisten würden. Zwei bis drei Wochen vor der Wahl sollten diese Kurse intensiviert werden, sodass „viele Hunderte geschulter Helfer“ zur Verfügung stünden. Anfang September 1928 war eine weitere Organisationskonferenz wie die in Bad Eilsen geplant, um einzelne konkrete Propagandaaktionen festzulegen. Nicht möglich sei, bis zum Wahltermin eine wesentliche Stärkung der demokratischen Provinzpresse zu erreichen. Empfohlen wurde statt dessen die He raus ga be illustrierter Wählerzeitungen sowie persönliche Briefe des Kandidaten an die Wähler seines Wahlkreises auf der Grundlage der geplanten Adressenkartotheken. Ziel der DDP müsse sein, alle Berufsschichten anzusprechen, speziell aber die bislang vernachlässigten freien Berufe, denen man als „Bürgerpartei“ besonders nahe stehe. Allerdings falle es der DDP schwerer als etwa SPD oder Zentrum, die „Leidenschaft der Wähler“ zu entfachen, da ihr keinerlei „au- ßerpolitische Faktoren“ wie religiös-konfessionelle Gebundenheit oder soziales Klassengefühl der Anhänger zu Hilfe kämen, sie vielmehr mit einer „schweren Organisierbarkeit“ der für sie interessanten Wählerschichten zu kämpfen habe582. Bei der tief greifenden Reform, welche die Eilsener Beschlüsse anstrebten, lag es nahe, dass ihre Umsetzung nicht problemlos erfolgte, vielmehr die DDP-Führung nach der Tagung im Oktober 1927 mehrmals die Parteiverbände zur Durchführung ermahnen musste. Mitte November hieß es dazu in einem Rundschreiben an die Wahlkreisvorsitzenden, dass die „Last der Agitation“ innerhalb der Partei immer noch auf zu wenigen Schultern verteilt sei. Die lokale Selbstverantwortung müsse gerade bei Fragen der praktischen Propaganda erhöht werden. Ausdrücklich 193 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen machte die Parteiführung die finanzielle Unterstützung für die einzelnen Wahlkreise davon abhängig, ob sich jeder Wahlkreiskandidat – wie in Bad Eilsen beschlossen – auf zwanzig Versammlungen im Reichstagswahlkampf sowie vier weiteren in jedem Monat der Vorbereitungszeit verpflichte. Die Demokraten seien immer noch die am schlechtesten organisierte Partei der Weimarer Re pu blik und müssten daher endlich ihre „angeborene Abscheu gegenüber Vorbereitungen von langer Hand“ überwinden, mahnte Erkelenz. Anfang Dezember 1927 beschäftigte sich der Parteivorstand der DDP wieder mit dem Stand der Organisationsreform sowie der Kandidatenaufstellung für die kommenden Wahlen. Man nahm sich vor, entgegen der ursprünglichen Zeitplanung schon bis zum Juni 1928 für den Wahlkampf fertig „gerüstet“ zu sein. Um so mehr wurde jetzt die säumige Ausführung der Eilsener Beschlüsse in den Wahlkreisen kritisiert. Im Januar 1928 musste die Parteizen tra le feststellen, dass 18 der 35 Wahlkreisverbände noch keine Spitzenkandidaten nominiert hätten und vier noch keinen hauptamtlichen Geschäftsführer besäßen: Organisationsverzeichnisse, Zeitungslisten sowie Adressensammlungen waren vielfach noch nicht abgeschlossen, als nach dem Ende der Mitte- Rechts-Regierung im Reich Mitte Fe bru ar 1928 plötzlich ein Wahltermin in bedrohliche Nähe rückte583. Früher wie geplant musste die DDP jetzt in der Zeit vom 18. bis zum 25. März die Werbewoche durchführen, in der die Voraussetzungen für eine „tatkräftige Führung des Wahlkampfes“ geschaffen und die Arbeitsfähigkeit der Organisationen überprüft werden sollten. Die Werbewoche diene dazu, dass der Parteiapparat „bis in die entferntesten Teile des Reiches aufgefrischt“ werde – mit anderen Worten als „eine Art Probemobilmachung für den Wahlkampf “. Wo Parteibeamte oder Unterführer versagen würden, könnten sie dann noch rechtzeitig durch „arbeitswillige und optimistische Freunde“ ersetzt werden. Selbst auf langjährige Mitglieder dürfe keine Rücksicht genommen werden, wenn sie sich einem „ungesunden Pessimismus“ hingäben584. Die Reichsgeschäftsstelle der DDP hatte schon zu Beginn des Wahljahres eine von von Stephan verfaßte Broschüre über „Parteiorganisation im Wahlkampf “ veröffentlicht, in der noch einmal die Bedeutung der Spezialpropaganda unter den Berufsgruppen hervorgehoben wurde. In möglichst von „angesehenen Männern und Frauen des Berufsstandes“ abgefaßten Flugblättern müsse aufgezeigt werden, was die DDP für die jeweilige Gruppe geleistet habe. Vor allem aber müsse sie versuchen, den Reichstagswahlkampf 194 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik vom Frühjahr 1928 durch Einsatz neuer „technischer Errungenschaften“ zu verlebendigen. So sollten erstmals illustrierte Wahlzeitungen und Filme in den Dienst der Agitation gestellt werden, schon um den Gegnern, die sich dieser „modernen Werbemittel“ bedienten, Gleichwertiges entgegenzusetzen. Geplant war, die vom Parteivorstand am 3.  April abgesegneten Wahlfilme, die in erster Linie die Anziehungskraft der Versammlungen erhöhen sollten, bis zum 12.  April in je einer Kopie den Wahlkreisen zur Verfügung zu stellen, so dass sie vor dem 20. Mai 1928 fast sechs Wochen lang zum Einsatz kämen585. Eine weitere Facette der auf allen Gebieten um Modernität bemühten Wahlkampfführung der DDP war die verstärkte Heranziehung der Frauen. Die umfangreiche Arbeit ihres Reichsfrauenausschusses unter Leitung von Gertrud Wittstock umfasste nicht nur die Herstellung und Verschickung spezieller Propagandaschriften, sondern auch die Organisation von Wahlpropaganda in den Betrieben bis hin zum Schlepperdienst am Wahltag: „Für jede Wahl und ganz besonders für die Reichstagswahl wird ein ganz gewaltiger Apparat in Bewegung gesetzt, von dem man in der Öffentlichkeit nicht allzuviel merkt“586. Die Diskussion um die Frage, mit welchem Programm die DDP in den Wahlkampf ziehen solle, konkretisierte sich naturgemäß erst nach Bekanntgabe der Reichstagsauflösung. Statt wie vor der Wahl im Mai 1924 noch einen Parteitag durchzuführen, hatte man sich bereits Ende Fe bru ar 1928 dafür entschieden, etwa drei Wochen vor dem Wahltag eine Sitzung des Parteiausschusses anzuberaumen. Diese verabschiedete am 28.  April den zen tra len Wahlaufruf der DDP, der die leitenden Ideen beinhaltete, die am folgenden Sonntag auf einer Parteisitzung im preußischen Landtag durch Reden der Parteiführer näher erläutert wurden587. Mit dem zen tra len Propagandamaterial beschäftigte sich im einzelnen der Organisations- und Agitationsausschuss der DDP, der in der Vorbereitungsphase des Wahlkampfes wöchentlich zusammenkam. Anfang April 1928 hatte er das Hauptwahlplakat der DDP mit dem Titel „Säubert das Reich“ für gut geheißen und den Termin für den Beginn des Plakatierens auf wenige Tage vor dem 1. Mai festgelegt. Sofort nach Fertigstellung der Andrucke waren den Wahlkreisgeschäftsstellen bereits Probeexemplare zugesandt worden. Noch kürzere Fristen bestanden in der Flugblattpropaganda. Hier empfahl die Parteizen tra le, alte und während der Werbewoche noch nicht verteilte Flugblätter mit einem auf den Reichstagswahlkampf zugeschnittenen Schluss erneut zu verwenden. Die 195 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Kopien der Anfang April fertiggestellten Wahlfilme gelangten wie geplant zusammen mit den Grammophonplatten Mitte des Monats in den Versand. Ab Anfang Mai wollte die Parteizen tra le weiteres Wahlmaterial nur noch herausbringen, „soweit Maßnahmen der gegnerischen Parteien das notwendig erscheinen lassen“588. Für den Wahlkreisgeschäftsführer, der in seinem Bezirk die höchste prozentuale Stimmensteigerung gegenüber der letzten Reichstagswahl erreichen würde, setzte der Berliner Parteivorstand als Ansporn eine Prämie von 500 Mark aus, denn: „Wir dürfen nicht zurückstehen. Überlegen Sie auch, in welcher Weise am letzten Tage unsere Partei im Straßenbild in die Erscheinung treten wird. Die äußerst extensive Form der Propaganda, die durch Umzüge mit Musik, Rundfahrten, Trägerkolonnen, Flugzeugpropaganda, Lichtreklame usw. gemacht wird, ist psychologisch doch nicht ohne Wert. Die Hauptsache ist, dass wir bis zum letzten Augenblick in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten“589. Die Wahlniederlage vom Mai 1928 löste unterschiedliche Bemühungen aus, den Niedergang der DDP aufzuhalten, wobei erklärte „Modernisierer“ wie Erkelenz und Stephan nun die schlechteren Karten besa- ßen. Ihr Versuch, die Organisation und Parteipropaganda von Grund auf zu reformieren, schien an der Wahlurne fehlgeschlagen zu sein. Wenn auch der Arbeit der Reichsgeschäftsstelle kein Vorwurf gemacht werden könne, sei die Agitation der DDP doch an der Oberfläche geblieben, gestand Koch-Weser ein. Die Werbekraft ihrer „großen Ideen“ schien weit gehend aufgebraucht. Der Mitvorsitzende gab aber zu bedenken, dass „das Gros der Wähler sich seine Meinung nicht erst während der Wahlagi tation bildet, sondern schon während der vorausgegangenen vier Jahre, und zwar zum guten Teil aus der politischen Presse oder, was noch schlimmer ist, aus der Fachpresse ihres Berufs“. Solange die DDP zu dieser keinen Zugang habe, würde sie auch nicht an die entsprechenden Wählerschichten herankommen590. Gerade aber dem von Stephan verfochtenen Konzept der hochdifferenzierten Berufsgruppenwerbung wurde die Schuld am schlechten Abschneiden der Partei gegeben. Rettung und höhere Werbekraft versprachen sich die Demokraten nach 1928 verstärkt von der Jugend und der Idee einer „Staatsbürger“-Gemeinschaft. Der Einfluss der Jungdeutschen, mit denen die DDP im Sommer 1930 fusionierte, schlug sich nicht nur im Programm, sondern auch in den Wahlkampfrichtlinien der neuen DStP nieder. Hatten sich die Demokraten in ihrer Agitation vor der Reichstagswahl im Mai 1928 noch auf mo- 196 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik derne technische Propagandamittel verpflichtet, hieß es jetzt in einem Rundschreiben der Staatspartei vor der Wahl am 14. September: „Für eine Bewegung, die auf amerikanische Methoden grundsätzlich verzichtet, weil eine derartige Propaganda die Würde des Staatsbürgers missachtet und weil sie Summen erfordert, deren Aufbringung politische Abhängigkeitsverhältnisse schafft, bleiben drei Hauptarten der Werbung: die öffentliche Versammlung, die Aufklärungsarbeit durch die Presse, die Wahlzeitung“591. Zur Wahlkampfführung von DVP und DNVP Die DVP konnte nach 1918 zwar auf die Organisationsgrundlagen der alten Nationalliberalen zurückgreifen, musste aber doch ihre Parteistruktur den veränderten Bedingungen anzupassen versuchen, wobei die Aufgabenverteilung zwischen den höchsten Führungsgremien recht verwickelt war. Die neuartige Reichsgeschäftsstelle wurde zum wichtigsten Instrument des Parteivorsitzenden, weil hier die zen tra le Propaganda- und Organisationsarbeit zusammenlief und die Schaltstelle zu den Parteiinstanzen im Reich war. Die satzungsmäßige Abhängigkeit der Wahlkreisverbände von den Weisungen des Parteivorstandes führte in der Praxis häufig zu Spannungen, stärkte aber andererseits auch den Zusammenhalt der DVP, weil sich die regionalen Organisationen im allgemeinen an die Beschlüsse der Parteizen tra le hielten. Wichtigste Aufgabe der Wahlkreisverbände, die ohne jede Zwischenstufe den Ortsvereinen in der Parteihierarchie folgten, war die Vorbereitung und Durchführung der Wahlkämpfe für ihr Gebiet592. Wie sie selbst ohne flächendeckende Organisationsstrukturen oder schlagkräftige Parteiverbände unter den neuen massendemokratischen Bedingungen erfolgreiche Wahlkämpfe bestreiten könnte, wollte eine 1921 von der DVP in Dortmund herausgegebene Broschüre aufzeigen. Unter dem programmatischen Titel „Gegen den Schwarz-rot-goldenen Block!“ hatte deren Generalsekretär Koester seine innerhalb eines Rednerkurses im Frühjahr 1919 gehaltenen Vorträge zu einem „Nachschlagebuch für den Wahlkampf “ zusammengestellt. Allen DVP-Mitgliedern, die sich als Redner oder „Werber für die Partei in der Kleinarbeit“ einzusetzen bereit waren, wollte Koester mit seiner nach eigenen Angaben fast 20-jährigen politischen Erfahrung die notwendigen Ratschläge ge- 197 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen ben. Zunächst unterschied er die allgemeine Parteiarbeit in die Phasen des Wahlkampfs und in die „ruhigen Zeiten“. Der Wahlkampf selbst sei in eine Vorbereitungsphase, die Durchführung und den Wahltag einzuteilen, dessen besonderer Stellenwert für die Propaganda betont wurde. Oberstes Ziel aller Wahlarbeit sei, „möglichst viel Stimmen und dadurch möglichst viel Mandate“ zu gewinnen, weil es infolge des neuen Verhältniswahlrechts auf jede Stimme ankomme. Darüber hinaus könne der Wahlkampf auch zur Gewinnung neuer Parteimitglieder genutzt werden. Schon vor Beginn des Wahlkampfes müsse die lokale Parteiorganisation „möglichst lückenlos“ bestehen, da ihr Aufbau währenddessen kaum möglich sei, bemerkte Koester im Rückblick auf den Wahlkampf der DVP vom Winter 1918/19. Wo noch kein Wahlkreisverein oder keine Ortsgruppe bestehe, solle man sich im Wahlkampf nicht lange mit Gründungsaktionen aufhalten, sondern nur mit einigen Vertrauensleuten vor Ort oder mit der Leitung der Wahlarbeit vom Nachbarsort aus unverzüglich beginnen. Sofort nach Bekanntgabe des Wahltermins müssten dazu die amtlichen Wählerverzeichnisse beschafft werden und eine genaue Nachprüfung der Eintragungen erfolgen, um „sichere“ Parteifreunde von den Schwankenden und Gegnern zu trennen. Ohne Kenntnis der Wählerliste sei eine erfolgreiche Arbeit am Wahltage unmöglich, betonte Koester ihre Bedeutung mit Blick auf den Schleppdienst, das heißt die Ermahnung und Heranholung säumiger oder fauler Wähler593. Bei der Rekrutierung der Wahlhelfer müssten die Prinzipien der Freiwilligkeit und der Zuverlässigkeit Vorrang haben. Eine genügende Anzahl sei sowohl für die Bearbeitung der „Wähler unbekannter Parteistellung“ als auch speziell für den Wahltag sicherzustellen. Zur Wahlarbeit selbst sollten neben den Familienmitgliedern möglichst auch etwaige Hausangestellte der Parteifreunde herangezogen werden. Um einen Arbeitsplan für den Wahlkampf aufzustellen, sollten auf allen Parteiebenen (Wahlkreise, Ortsvereine, Vertrauensmänner) Vorbesprechungen unter Hinzuziehung ausgewählter Gäste aus „befreundeten“ Berufsverbänden stattfinden. Auch ein Kostenvoranschlag, die Prüfung der Durchführbarkeit geplanter Aktionen sowie die Einteilung der Redner und Anmietung der Lokale habe hier zu erfolgen. Hinsichtlich der Propagandamittel konzentrierten sich Koesters Ratschläge für die DVP im wesentlichen auf traditionelle Methoden der Versammlungs- und Flugblattagitation. Nachdem anhand der Wählerlisten die „Wähler unbekannter Richtung“ identifiziert worden seien, müsse sofort mit ihrer Werbung durch 198 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik gezielte Bearbeitung der Haushalte begonnen werden. In Städten und größeren Orten sei dazu eine „lückenlose Einteilung“ nach Wohnvierteln vorzunehmen. Während der Versammlungen sollten Werbeschriften, Flugblätter und Beitrittserklärungen ausliegen. „Sichere“ Parteifreunde könnten auch Wahlversammlungen des Gegners kontrollieren und dort mit Gegenrede auftreten. Allgemein müsse bei der Wahlpropaganda auf eine „einheitliche politische Stellungnahme“ in der gesamten Partei, auf jeden Fall aber wenigstens innerhalb eines Wahlkreises geachtet werden. Nichts konnte nach Ansicht des DVP-Funktionärs mehr Schaden anrichten als Widersprüche in der eigenen Partei oder ihrer Propaganda, da diese in Wahlzeiten stets vom Gegner mit Erfolg ausgebeutet würden. Auch dürften um „lokaler Augenblickserfolge“ willen in wichtigen Sachfragen keine propagandistischen Zugeständnisse gemacht werden, die dem Parteiprogramm widersprächen. Gefordert sei vielmehr „Disziplin“, weil jedes Abweichen von Grundsätzen den Gegnern „oft jahre- und jahrzehntelang willkommenes Agitationsmaterial“ liefere594. Die Verteilung der Werbeschriften und Flugblätter hatte sich nach Koester am wirkungsvollsten bei der Hausagitation sowie an belebten Verkehrsknotenpunkten gezeigt, an denen auch die Plakatträger die größte Wirkung erzielten. Da die Personaldecke der DVP wie bei allen bürgerlichen Parteien dünn sei, dürften sich selbst Vorstandsmitglieder nicht vor dieser Art der Wahlarbeit scheuen. Unter dem Punkt „Sonstiges“ riet Koester des weiteren zur Benutzung von Lichtbildern in Kino-Varietés, Anzeigen auch in gegnerischen Zeitungen und Plakaten, die möglichst durch „kurzen, treffenden Inhalt“ sowie Verse und Bilder auffallen und so hoch geklebt werden sollten, dass sie nur schwer wieder abgerissen werden könnten. Von geradezu wahlentscheidener Bedeutung sei die Arbeit am Wahlsonntage selbst, zu deren Vorbereitung spätestens zwei Tage vorher noch einmal in allen Ortsvereinen Besprechungen der Wahlhelfer abgehalten werden müssten. In oder vor jedem amtlichen Wahllokal seien zwei bis drei Parteifreunde zu plazieren, welche die Namen der bisherigen Wähler notierten, während vor dem Lokal den ganzen Tag über Plakatträger stehen würden. Anhand der eingehenden Meldungen über den Stand der Stimmabgabe sollte von den Wahllokalen aus der Schleppdienst koordiniert werden. Bei den ohnehin als säumig bekannten Wahlberechtigten müsse sofort mit dem Schleppen begonnen werden, nach einigen Stunden dann auch bei den Parteifreunden und etwa von mittags an „bei allen nicht als sicher gegnerisch erkannten Wäh- 199 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen lern mit allen zur Verfügung stehenden Kräften (vor allem Jugend, Schüler, Frauen)“. Nach erster erfolgloser Aufforderung seien nochmals „besonders gewandte Schlepper“ zu schicken595. Der größte Fehler, den die Partei machen könne, war laut Koester, die Propagandaarbeit in „ruhigen“, das hieß wahlkampflosen Zeiten einschlafen zu lassen und erst wieder vor den nächsten Wahlen aufzunehmen. Deshalb müssten baldmöglichst nach der Wahl die Erfahrungen des Wahlkampfes in allen Parteiinstanzen festgestellt und darüber „von unten nach oben“ berichtet werden. Ohne etwas zu beschönigen, müssten eigene Fehler offen beraten sowie erfolgreiche „Wahltricks“ der Parteileitung mitgeteilt werden. Hand in Hand mit dem Ausbau der Organisation müsse schließlich auch nach den Wahlen die Werbetätigkeit fortgesetzt werden und seien Mitgliederversammlungen, Hausagitation, Drucksachenverteilung, politische Ausbildungskurse sowie öffentliche Versammlungen notwendig, „um unser Dasein zu beweisen“596. Die Wahlkampfführung, wie sie Koester in seinem Ratgeber skizzierte, war natürlich zunächst nur graue Theorie, die da rauf zielte, die engen Grenzen einer Honoratiorenpartei zu überwinden. Ob und wieweit seine Empfehlungen in der Propagandapraxis bei der DVP Anwendung fanden, lässt sich im einzelnen nicht nachprüfen. Andererseits schrieb Koester nicht über die zen tra le Organisation eines Reichstagswahlkampfes auf nationaler Ebene. Hier bereitete sich die DVP in der Regel mit einer Sitzung des Zentralvorstandes oder einem gesonderten Wahlkampfparteitag vor. Der ohnehin fragile Parteiapparat war während der Inflation „nahezu völlig zusammengebrochen“, gestand im Dezember 1924 das Zentralorgan, die Nationalliberale Correspondenz, ein. Da sie niemals die Partei der „großen Mittel“ gewesen sei, wie ihre Gegner behaupteten, vielmehr eine „Mittelstandspartei“, habe gerade die DVP wie ihre Klientel am stärksten unter der Inflation gelitten. Die kurze Zeitspanne seit deren Überwindung sei bei weitem nicht ausreichend gewesen, um die Organisation bis zur Reichstagswahl „auch nur annähernd in der alten Stärke wieder aufzubauen“597. In den relativ ruhigen Jahren nach 1924 stabilisierte sich die Situation aber auch wieder für die DVP, so dass sie an den Ausbau und die Verfeinerung ihrer Organisation und Propaganda gehen konnte. Das größte Problem blieb, die für Wahlkämpfe erforderlichen Hilfskräfte zu mobilisieren, da ihre ohnehin zahlenmä- ßig geringere Mitgliedschaft traditionellerweise nicht den Kampfgeist etwa von Anhängern der radikalen Parteien besaß. 200 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Ein Beispiel, wie innerhalb der DVP unter diesen Bedingungen dennoch Wahlkampf geplant und gemacht wurde, ist die Kandidatur des Parteivorsitzenden Gustav Stresemann im Frühjahr 1928 im Wahlkreis Oberbayern-Schwaben. Anfang April hatte die bayerische DVP dem Reichsaußenminister die Spitzenkandidatur für die Wahlkreise Oberbayern-Schwaben und Niederbayern-Oberpfalz angeboten, beides Diaspora-Gebiete der Partei, in denen sie bei Reichstagswahlen nur um die ein bis zwei Prozent erzielte. In dem Schreiben an Stresemann begründete der Landesverband diesen Schritt damit, der Auffassung entgegentreten zu wollen, dass „Nord und Süd Gegensätze wären, die un- überbrückbar seien“. Man wolle vielmehr „sinnbildlich erscheinen lassen, dass wir uns ebenso innig mit dem Reich verbunden fühlen, wie wir dies von jedem Deutschen bezüglich Bayern voraussetzen“598. Obwohl gesundheitlich bereits angeschlagen, nahm Stresemann die schwierige und von der extremen Rechten heftig bekämpfte Kandidatur an und widmete sich sofort und parallel zu seinen Amtsgeschäften dem seit Ende März 1928 laufenden Reichstagswahlkampf. Höhepunkt einer Reihe von Großveranstaltungen bildete am 7. Mai die als „vaterländische Kundgebung“ angekündigte Wahlversammlung in Mainz. Kurz vor seinem 50. Geburtstag, der am 10. Mai international gewürdigt wurde, erkrankte Stresemann jedoch schwer und fiel für die letzten Wahlkampftage aus599. Mit der praktischen Wahlkampfführung für den viel beschäftigten Außenminister hatte die DVP in Oberbayern-Schwaben den Münchener „Werbeanwalt“ und Plakatkünstler Herbert Engelmann beauftragt. Laut eigenen Angaben konnte dieser „Form und Inhalt der Reklame und ihren planmäßigen Aufbau auf wirtschaftlicher und psychologischer Grundlage“ bearbeiten. Über den „Kampf um Stresemann“ und seine Wahlarbeit im Frühjahr 1928 lieferte Engelmann nach der Wahl am 20. Mai einen detaillierten Bericht ab. Die darin beschriebene Wahlkampfführung ist zumindest hinsichtlich ihrer Konzentration auf die Person des Spitzenkandidaten sowie dem Bemühen um größtmögliche Einheitlichkeit und Professionalität als für Weimarer Verhältnisse modern einzustufen. Während Engelmann seinen Bericht als Ratgeber für kommende Wahlkämpfe der DVP verstehen wollte, dokumentiert der „Kampf um Stresemann“ aus heutiger Sicht auch beispielhaft die Verquickung regional- und reichspolitischer Aspekte in Reichstagswahlkämpfen600. Engelmann wies auf die politisch wie sozial ungünstigen Verhältnisse für die DVP in dem oberbayerischen Wahlkreis hin, der mit Ausnah- 201 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen me der wenigen Großstädte überwiegend von „schwerblütigen Menschen“ auf dem Land besiedelt sei, die entweder unter dem Einfluss der Kirche stünden oder „sozialistischen Gedankengängen“ anhingen. Angesichts der breiten gegnerischen Front musste sich doppelt erschwerend auswirken, dass die oberbayerische Wahlkreisorganisation der DVP selbst nur schwach entwickelt war, was sich etwa bei der Verbreitung der Plakate oder im Fehlen einer Parteipresse schmerzhaft bemerkbar machte. Der Werbeleiter des Außenministers musste daher fast zwangsläufig in erster Linie auf die „unerhörte Zugkraft“ Stresemanns und seiner Verdienste spekulieren. Insbesondere hoffte er, damit die „Altliberalen“, die nach 1918 ins Lager der Demokraten gegangen seien, wiederzugewinnen sowie mit dieser „starken autoritativen Kandidatur“ auch rechtsstehende Kreise anzusprechen. Andererseits konnte Engelmann nicht leugnen, dass bei einem „echten Bayer der Begriff des Preußen nicht unmittelbar tiefe Sympathien“ hervorrufe. Wenn auch das Wort „Preußenhass“ zu stark sei, musste doch mit regionalspezifischen Ressentiments gegenüber den „Nichtbayern“ gerechnet werden. Alles in allem hätten so dem unleugbaren „Übergewicht der Persönlichkeit Stresemanns“ doch erhebliche Nachteile gegenüber gestanden601. Engelmann ging in seinem Bericht vom Frühjahr 1928 ausdrücklich von dem Idealbild eines Wahlkampfes aus, der wie alle „Reklameangelegenheiten“ sorgfältig vorbereitet werde, denn: „Strategie und Taktik gibt es im Werbewesen ebenso wie bei militärischen Dingen“. Wie die Reklame erfordere die Wahlpropaganda ein „tiefes Eindringen in die Sache selbst und in die psychische Einstellung des Pu bli kums“. Die Aufstellung eines Planes, nach dem sich „mit eiserner Folgerichtigkeit ein Werbefeldzug“ bis zur Wahl entwickeln sollte, bedürfe der Zeit und gründlicher Vorarbeit in sachlicher und personeller Beziehung, der Schaffung von Stützpunkten im Lande und Beobachtung eventueller Schwankungen in der Wählerstimmung, um ihr gegebenenfalls im Wahlkampf Rechnung zu tragen. Bei der praktischen Umsetzung des Konzeptes, klagte Engelmann, seien im Frühjahr 1928 aber wertvolle Wochen vergangen, bevor ein solcher Arbeitsplan aufgestellt wurde, weil zuvor noch Fragen der Finanzierung des Wahlkampfes und der Kandidatenaufstellung geklärt werden mussten. Im Wissen, dass „alle Reklame immer nur ein Ersatz für das gesprochene Wort“ sein könne, war als erster Höhepunkt eine Versammlung mit Stresemann am 25.  April im Münchener Bürgerbräukeller geplant, die jedoch von der Hitlerpartei gesprengt wurde. Be- 202 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik vor sie wiederholt werden konnte, erkrankte dieser so schwer, dass sämtliche Wahlkampftermine abgesagt werden mussten: „Das gesprochene Wort des Führers war zum Schweigen verurteilt. […] In erhöhtem Umfang musste jetzt die Reklame helfen“602. Die Wahlkampfplanung Engelmanns, die den Schwerpunkt auf die Versammlungsagitation legte, war infolge der Erkrankung des Spitzenkandidatens über den Haufen geworfen. Der Werbeleiter konzentrierte sich nun noch stärker auf konventionelle Propagandamittel wie Plakate und Flugblätter, auf deren sorgfältigen künstlerischen Gestaltung er gro- ßen Wert legte. Mehr um Qualität als um Quantität besorgt, engagierte man Künstler wie den Münchener Maler Edwald Henel für die Pla kather stellung und ließ die Wahlschriften zum Teil von der Firma „Kunst im Druck“ anfertigen. Das völlige Fehlen moderner, technischer Werbe- oder Hilfsmittel musste hingegen jedem auffallen, der den gleichzeitigen Wahlkampf anderer Parteien mit Auto, Film oder Schallplatte im Reich sah. Um dem organisierten Plakatanschlag der Gegner in den ländlichen Gebieten Oberbayerns etwas entgegenzusetzen, ließ Engelmann immerhin von einer mithilfe des Münchener „Verteilungsinstituts“ zusammengestellten Radfahrerkolonne nicht nur überall Stresemanns Porträt anschlagen, sondern schickte die Radfahrer am Samstag, dem 12. Mai, acht Tage vor der Wahl, von München aus ein weiteres Mal über das Land. Obwohl von der Planung bis zur Ausführung dieser Aktion nur vier Tage zur Verfügung gestanden hätten, konnten laut Engelmann 10 000 Plakate im Format von 30 x 40 cm angeschlagen werden und seien die verteilten Klebezettel bald an allen „möglichen und unmöglichen Orten“ anzutreffen gewesen. Insbesondere Kinder versuchten ihrer habhaft zu werden und wurden so zu „unbewussten Helfern“ der DVP-Propaganda603. Bei allen Wahlversammlungen sollten zudem Flugblätter mit Aussprüchen Stresemanns liegen, die „schon wegen ihrer äußeren Aufmachung gerne von den Besuchern“ mit nach Hause genommen würden. Während die anderen Parteien mit massenhaften Flugblatt-Wurfsendungen arbeiteten, versuchte die DVP durch eine „besonders gute Ausstattung unserer Produkte“ zu überzeugen, so Engelmann604. Was an Propagandamaterial von der Berliner Parteizen tra le gekommen und für bayerische Verhältnisse passend gewesen sei, sei allein in München in der Woche vor dem 20. Mai noch durch zehn gewerbliche Hilfskräfte verteilt worden, deren „Ware“ reißenden Absatz gefunden habe. Am Wahltag selbst ließ die DVP in allen großen Tageszeitungen des Wahl- 203 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen kreises wieder Inserate veröffentlichen. Außer dem Bilde Stresemanns stand dabei der „kurze, persönlich gehaltene Text“ im Vordergrund. Zweifellos habe dieser letzte Appell „noch manchen Unschlüssigen bekehrt, da er sich der zwingenden Logik der Werbung nicht verschließen konnte“605. Bei der Analyse des Wahlergebnisses verbuchte Engelmann als Frucht seiner Arbeit, dass sich die DVP im benachbarten Wahlkreis Niederbayern-Oberpfalz nur leicht von 1,2 auf 1,4 Prozent steigern konnte, während der von ihm betreute Kreis einen Zuwachs von über 100 Prozent von 1,4 im Dezember 1924 auf nun 3,2 Prozent der Anteile zu verzeichnen hatte, obwohl beide Male der Kandidat Stresemann hieß. Engelmann räumte der Wahlpropaganda grundsätzlich jedoch nur begrenzten Einfluss ein, da gleichzeitig die starke Konkurrenz der übrigen Parteien hemmend im Wege stehe und durchgreifende Erfolge nur zu erreichen seien, wenn langfristig vorgearbeitet werde. Die eigentliche Wahlarbeit beschränke sich da rauf, dem Wähler den „letzten Anstoß“ zur Wahl der Partei zu geben, deren Ziele er ohnehin schon seit längerem bejahe. Hinsichtlich der Methoden und Formen bekräftigte Engelmann sein Credo, dass Propaganda, „neu in der Form, mit Bewusstsein aufgebaut auf modernen reklametechnischen Erkenntnissen“ dabei einiges bewirken könne. Gerade in Wahlkämpfen zeige sich, dass das „gut ausgestattete Werbestück“ ein viel wirksameres Instrument darstelle als die „Durchschnittsarbeiten“ der Massenpropaganda, denn: „Individualität und hohe Qualität siegen auch hier über die Quantität“. Diese elitäre Auffassung schien sich nicht mit Engelmanns Überzeugung zu widersprechen, dass die Masse der Wähler „kritiklos oder rein nach gefühlsmäßigen Erwägungen“ entscheide. Die Wahlpropaganda, die sich „irgendwie“ an das Gefühl des Wählers wende und bei diesem einen „sympathischen Eindruck“ hinterlasse, müsse Erfolg haben, wenn das Angebotene eben „wertvoll“ sei606. Solch eine für die DVP typische Konzeption von individuell ausgerichteter Wahlpropaganda stand in auffälligem Kontrast zu den Methoden und Mitteln, die nach 1918 bei Massenmobilisierungsparteien wie SPD oder KPD, ja in Ansätzen selbst bei der DNVP zu beobachten waren. Das Wahlkampfverständnis der Deutschnationalen wie de rum war von einer konservativen Verachtung der „großen urteilslosen Masse“ sowie der Vorstellung geprägt, wonach Parlamente in Massendemokratien zwangsläufig zum Schauplatz von Machtkämpfen der In te res sen wer- 204 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik den müssten. Die Wähler konnten dieser Sichtweise zufolge durch die Manipulation desjenigen gewonnen werden, der am geschicktesten an ihre „nächstliegenden In te res sen und Leidenschaften“ appelliere. Zwar beteiligte sich die DNVP auch in ihren fundamentaloppositionellen Phasen an Wahlkämpfen und Wahlen der Weimarer Re pu blik, doch galten diese ihr stets als „dunkelste Zeit demokratisch-parlamentarischen Lebensablaufs“. Dass der „Turnierplatz des Wahlkampfes mit seiner Hitze und seinem reichlich aufgewirbelten Staub erst recht nicht die geeignete Stätte ist, um die Wahrheit zu finden“, verstand sich für Deutschnationale von selbst607. Nicht überraschen kann daher, dass sie nach 1918 Verständnis für die Wahlenthaltung derjenigen zeigten, die glaubten, eine Restauration der Monarchie nicht über das Parlament erreichen zu können. Andererseits war sich gerade der Hugenberg-Flügel bewusst, dass sich der Gegner des „Systems der Stimmzettel-Souveränität“ doch deren Methoden bedienen müsse, da ein Boykott der Reichstagswahlen nur die Revolution stärke. Der Stimmzettel bedeutete der DNVP in erster Linie „Protest gegen das Heute, gegen die Parteiwirtschaft, gegen die Re pu blik, gegen die Parteien, die sie verschuldet haben und noch heute verschulden“608. Weil sich „Weltanschauungen“ gegenüber stünden, seien zwar Organisation und Propaganda wichtig, doch könne der Kampf letztlich nur als „ideale Gesinnungsgemeinschaft“ geführt werden, so der DNVP-Vorsitzende Graf Westarp609. Die Parteiorganisation, hielt sein Hauptgeschäftsführer Max Weiß dagegen, sei aber die „Waffe im Kampf um die politische Macht – ist Kriegsbereitschaft, denn Politik ist Krieg“. Ihm zufolge musste bei der Organisationsarbeit neben den „Fragen der Technik und des Geldes“ vor allem die „naturbegabte Persönlichkeit“ im Mittelpunkt stehen. Aufgabe des Parteiapparates als Vermittler zwischen Führung und Anhang sei vor allem, für „Disziplin“ zu sorgen, ohne die eine gedeihliche Parteiarbeit nicht denkbar sei. Wenn auch nicht die Zahl der Mitglieder, sondern das „Treibholz“ in der Wählerschaft den Wahlausgang entscheide, sah Weiß einen Grund für die Wahlerfolge der SPD in der vorbildhaften „Straffheit und Lückenlosigkeit“ ihrer Parteiorganisation. Der dezentralisierte und lockere Aufbau der DNVP habe sich dagegen seit den Revolutionsmonaten 1918/19, als unter den damaligen „chaotischen“ Verhältnissen die Länderorganisationen fast völlig selbständig agiert hatten, kaum verbessert610. Neben dieser regionalen Heterogenität waren für die Organisation der DNVP parteiamtliche Rundschreiben typisch, die den „Charakter 205 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen von Divisionsbefehlen“ mit dezidiert militärischem Duktus besaßen611. Als exemplarisch können die Überlegungen des Berliner Generalsekretärs Max Taube zur „Stellung und Aufgaben des Einzelmitgliedes innerhalb der Parteiorganisation“ aus dem Jahr 1920 gelten. Eine Folge der Novemberrevolution für alle deutschen Parteien sei, so Taube, dass sie nun mit viel größeren Zahlen als früher rechnen müssten, da nun die „Riesenarmee der Wähler mehr als viermal so stark als unsere einstige Feldarmee des Weltkrieges“ geworden sei. Zudem dränge sich der schwerste Teil der Wahlarbeit meist auf nur wenige Wochen zusammen und stellten „moderne“ Reichstagswahlen an die Parteien insbesondere in finanzieller Hinsicht große Anforderungen: „Wo früher vielleicht einige hunderttausend Mark für Wahlzwecke ausgegeben wurden, da handelt es sich heute um Millionen Mark. Wo früher, hoch genommen, einige hunderttausend Druckschriften verbreitet wurden, da müssen heute 10 bis 15 Millionen Druckschriften und mehr in die Wählermassen geschleudert werden“. Bewältigt werden könne dies nur noch mit einem „Heer von Parteibeamten“ und durch größte Opfer von Seiten der Mitgliedschaft, wie sie in der SPD schon lange üblich seien. Dass die deutsche Arbeiterschaft das Bürgertum bislang in der finanziellen Opferbereitschaft „tief beschämt“ habe, war für den Deutschnationalen wesentlicher Grund der Machtübernahme der SPD im November 1918. Hinsichtlich der Propagandamittel hätten sich danach zudem die „amerikanischen Methoden“ in der Wahlarbeit der deutschen Parteien weiter durchsetzen können. So sehr dies zu bedauern sei, müsse diese Amerikanisierung der Wahlen nun einmal akzeptiert werden: „Es ist unsere Pflicht und Aufgabe, auf die Wahlformen veredelnd einzuwirken, aber dem Zug der Zeit müssen wir auf diesem Gebiete einige Opfer bringen“, empfahl der Deutschnationale seinen Parteifreunden. Die gründliche Vorbereitung der Wahlen gehöre zu den wichtigsten Parteiaufgaben und habe unter Beachtung des „alten Wahlorganisationslehrsatzes“ zu erfolgen, wonach die Vorbereitungen für die nächsten Wahlen bereits am Tage nach der Wahl beginnen müssten. Es genüge nicht länger, mit dem „Gewehr bei Fuß“ zu stehen, vielmehr müsse jede Partei ständig „Gefechts- übungen“ durchführen. Deshalb dürfe sich das einzelne Mitglied nicht mehr bloß als Objekt der Parteiarbeit empfinden, sondern müsse sich in „opferfreudiger, rühriger und zäher Arbeit mitten hineinstellen in das Geschehen des Parteilebens und das Werden seiner Parteiorganisation“612. 206 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Die heterogene Struktur der DNVP erschwerte die Vereinheitlichung und Zentralisierung ihrer Propaganda- und Wahlarbeit in den Reichstagswahlkämpfen erheblich. Hinsichtlich der Propagandamittel bedeutete deutschnationaler Wahlkampf noch bis 1923/24 neben der allerdings stets recht lebhaften Versammlungs- und Flugblattagitation vor allem die Zurschaustellung der schwarzweißroten Kaiserfahne bei Propagandaumzügen von Stahlhelmkolonnen613. Die zen tra le Werbearbeit und die Führung von Reichstagswahlkämpfen war Aufgabe der Hauptgeschäftsstelle, unterstützt durch die einzelnen Abteilungen des Parteivorstands wie dem Reichspresse- oder dem Reichsfrauenausschuß, sowie vor allem durch den Hugenbergschen Presse- und Nachrichtenapparat, der über die Generalanzeigerpresse großen Einfluss auf dem Land besaß. Mithilfe der hinter ihm stehenden Schwer- und Kohleindustrie hatte Hugenberg nach 1918 begonnen, systematisch in alle Formen der Massenmedien zu investieren. Bei Übernahme der UFA kontrollierte der von ihm geleitete Konzern bereits die Telegraphen-Union, ein Nachrichtenbüro, das über 1 600 Tageszeitungen belieferte, den 1916 gekauften August Scherl-Verlag sowie 14 regionale Tageszeitungen, inklusive des auflagenstarken Berliner Lokal-Anzeigers614. Mit He raus ga be und Vertrieb der zen tra len Werbe- und Wahlmaterialien, der Plakate, Broschüren und vor allem der in Millionenauflagen gedruckten Flugblätter war die Deutschnationale (bis März 1919: Konservative) Schriftenvertriebsstelle betraut, eine Verlags-GmbH, die eng mit der Hauptgeschäftsstelle der DNVP beziehungsweise deren Propagandaabteilung zusammenarbeitete615. Redaktion und Leitung übte in Personalunion der jeweilige Hauptgeschäftsführer der DNVP aus, dessen Mitarbeiter in der Geschäftsstelle vor allem aus Reichstags- oder preußischen Landtagsabgeordneten bestanden. Alle von der Schriftenvertriebsstelle hergestellten Materialien wurden in der Regel an die Organisationen verkauft, in Wahlzeiten aber mitunter auch kostenlos abgegeben. Das Sortiment reichte von Büchern, Flugblättern, Bildhandzetteln und Wahlzeitungen, Broschüren – in den entsprechenden Schriftenreihen – über vaterländische Volkskalender, Parteiabzeichen und Postkarten bis hin – mit fortschreitender Technisierung der Propaganda – zu Lautsprechern, Kinoapparaten, Filmen, Grammophonen und Schallplatten616. Die Parteizen tra le stellte diese Wahlmaterialien den Organisationen zwar zur Verfügung – allerdings keineswegs kostenlos – oder half bei 207 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen der Beschaffung, die eigentliche Wahlarbeit musste aber auf regionaler und lokaler Ebene geleistet werden, wobei die Deutschnationalen und ihr mitgliederschwaches Ortsgruppen- und Vertrauensmännersystem nicht über ein solches Reservoir an freiwilligen Helfern wie die SPD verfügten, sondern ihre Wahlarbeit zum Teil von bezahlten gewerblichen Hilfskräften verrichten lassen mussten. Wie man sich diese in der DNVP vorstellte, darüber geben ihre Richtlinien für die Reichstagswahlen vom Juni 1920 sowie eine Broschüre der Schriftenvertriebsstelle aus dem Frühjahr 1928 näheren Aufschluss. Auf lokaler und regionaler Ebene sollten je nach den Verhältnissen zunächst Wahlausschüsse möglichst mit Vertretern aus allen „Berufsständen“ gebildet werden. Für die Dauer des Wahlkampfes hatten diese Ausschüsse ein ständiges „fliegendes“ Wahlbüro einzurichten, das vor allem den Schleppdienst organisieren sowie alle Vorbereitungen der DNVP überprüfen solle. Des Weiteren hatten die Kreisvereine ein „genaues Programm“ über die im Wahlkampf abzuhaltenden Versammlungen aufzustellen und bis etwa drei Monate vor der Wahl dem Landeswahlausschuß zu melden, damit dieser die Rednervermittlung in den Wahlkreisen koordinieren konnte. Während des Wahlkampfes selbst musste sich der Wahlkreisverein vor allem um die sachgemäße Verteilung von Flugblättern und Plakaten sowie um den Rednertransport kümmern. Aufgabe eines speziellen Finanzausschusses war, die Gelder für den Wahlfonds zu sammeln. Bereits vor Beginn des Wahlkampfes mussten die örtlichen Wahl- und Werbeausschüsse die ihnen zufallenden Gebiete durch „jede Art Kleinarbeit“ erfaßt haben, wobei die Propaganda von Haus zu Haus und von Mund zu Mund in der DNVP als die wirksamste angesehen wurde. Mit Eintritt in den Wahlkampf begann die eigentliche Tätigkeit des Wahlausschusses, der als Erstes eine Mitgliederversammlung einzuberufen hatte. Hier sollte das Parteiprogramm, die Wahltaktik und schließlich die Kandidatenliste mit der Vorstellung der Bewerber besprochen werden617. Aufschluss über die Wahlkampforganisation der DNVP auf Reichsebene lässt sich anhand ihres Reichstagswahlkampfes vom Frühjahr 1928 gewinnen, dessen Ausgang und seine Folgen – die interne „Machtergreifung“ Hugenbergs – von entscheidener Bedeutung für die weitere Parteigeschichte werden sollte. Auf der Tagung der DNVP am 22. Oktober 1928 im Reichstag, an der neben der Parteispitze auch die Geschäftsführer und Parteibeamte aus den Wahlkreisen teilnahmen, legte Hauptgeschäftsführer Weiß einen umfassenden Bericht über die Wahlkampfer- 208 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik fahrungen vor. Seine Ausführungen basierten wie de rum auf den Meldungen von 45 Abgeordneten, allen Landesverbänden sowie 198 der insgesamt 755 Kreisvereine der DNVP. Die Parteizen tra le hatte per Rundschreiben kurz nach der Wahl vom 20. Mai 1928 entsprechende Fragebögen an die Landes- und Kreisverbände verschickt, in denen unter anderem nach der allgemeinen Wahlarbeit der Parteiorganisationen, der Wirkung und Aufnahme des eigenen Propagandamaterials sowie den vom Gegner verwendeten Werbemitteln geforscht wurde618. Die Ergebnisse der Wahlkampfberichte referierte Weiß vor dem Hintergrund von Versuchen, die Schuld an der Wahlniederlage vom 20. Mai organisatorischen Versäumnissen der Hauptgeschäftsstelle zuzuschreiben. Solchen Vorwürfen antwortete Weiß, dass selbst Wahlkreise mit sehr tüchtigen Parteibeamten starke Verluste erlitten hätten. Bezüglich des zentral herausgebrachten Propagandamaterials verwies er auf die allgemeine Zustimmung aus den Landesverbänden. Kritisiert worden sei allerdings seine Vielseitigkeit, die aber wie de rum in erster Linie auf die regionale Heterogenität der DNVP selbst zurückgeführt werden müsse. So hätte man noch nicht einmal alle Wünsche aus den Landesverbänden bei der Herstellung des Wahlmaterials erfüllen können619. In den ersten Wahlkampfwochen seien nur wenige Bestellungen auf Propagandamaterial in Berlin eingegangen, wie überhaupt die Versandarbeit während der Wahlkämpfe „großen Schwankungen“ unterliege: eine „gerade aufsteigende Linie ist nur in den Tagen vom 25.  April bis 3. Mai zu finden“. Die schriftlichen Wahlmaterialien wurden im Frühjahr 1928 unter Befolgung des wirtschaftlichen Prinzips hergestellt, bei kleinen Probeauflagen erst nach Eingang der Bestellungen entsprechend höhere Auflagen zu drucken. Im einzelnen erschienen 15 Rüstzeuge, 26 Flugschriften, 84 Flugblätter, 17 Handzettel, 10 Plakate, vier Postkarten, drei Klebezettel sowie das „Politische Handwörterbuch“, eine Art aktueller Ratgeber zu ausgewählten Stichworten. Gleichwohl war bei den Druckschriften ein starker Absatzrückgang zu verzeichnen, gegenüber dem Dezember 1924 um über 100 Prozent, das heißt von 38 Millionen auf 16 Millionen Stück, was der Bericht auf die „schlechte Wirtschaftslage“ der DNVP- Organisationen zurückführte. Auffällig sei insbesondere die geringe Nachfrage nach Matern von Flugblättern und Wahlzeitungen gewesen. Unter den Kreisvereinen, die insgesamt für 126 000 Mark bestellten, ragten mit Aufträgen in Höhe von 16 300 Mark die pommerschen heraus, während ihr Landesverband selbst nur für ganze 647 Mark Propaganda- 209 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen material kaufte. In geringem Maße belieferte die Schriftenvertriebsstelle noch Landbund-Organisationen, Stahlhelm-Gruppen sowie die Vaterländischen Verbände. Nach dem Versand von Mustern „in neu traler Aufmachung“ an 17 000 evangelische Pastoren bestellten diese immerhin fast 14 000 Flugschriften und 250 000 Flugblätter. Unter dem Strich verbuchte die Schriftenvertriebsstelle der DNVP im Wahlkampf 1928 Einnahmen in Höhe von 286 200 Mark620. Auf die Frage, wie die Parteiorganisation der DNVP im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 insgesamt gearbeitet habe, gab Weiß die salomonische Antwort, „keineswegs schlechter als bei früheren Wahlkämpfen, an vielen Stellen sogar besser“. Erschwert worden sei die Agitation allerdings durch den zahlenmäßigen Rückgang der Parteibeamten und dadurch, dass oft neue, noch nicht im Wahlkampf erprobte Helfer die Arbeit leisten mussten. Für kommende Reichstagswahlkämpfe wünschten selbst Landesverbände eine schärfere Zentralisation der Propaganda und Beseitigung der „Vielregiererei und Vielrednerei in vielköpfigen Körperschaften“ der Partei. Gefordert wurde darüber hinaus der Auf- und Ausbau der Parteipresse sowie die Sammlung eines speziellen „Kriegsschatzes“, der es den Deutschnationalen ermögliche, auch zwischen den Wahlen Propagandamaterial herauszugeben, was Weiß schon seit Jahren forderte, denn bei einem „Jahrespropagandafonds“ von nur 5 000 Mark könne seine Hauptgeschäftsstelle leider kein kostenlose Unterstützung geben. Auch für das von der Schriftenvertriebsstelle bezogene Material müsse schließlich gezahlt werden, abgesehen davon sei das In te res se daran außerhalb der Wahlzeit bisher nur sehr gering. So kam Weiß immer wieder auf denselben Punkt zurück: „Eine rege Propaganda ist nur eine Geldfrage“. Sein Versprechen an die Landesverbände lautete deshalb im Oktober 1928: „Geben Sie uns die Mittel und Sie werden mit unseren Leistungen zufrieden sein“621. Nicht zufällig nannte Hugenberg bei seinem Antritt als Vorsitzender der DNVP im Oktober 1928 als erste große Aufgabe das Ordnen der Parteifinanzen, wobei er in erster Linie an die Mitgliederorganisation dachte: „Die Partei muss durch das Zusammenhalten und den Opfersinn ihrer Mitglieder grundsätzlich so finanziert werden, dass sie auf sich selbst steht“. Dies und die Handhabung eines „richtigen und scharf einsetzenden Presseapparates, eines guten Propagandaapparates“ seien die Voraussetzungen dafür, dass der DNVP bei der nächsten Reichstagswahl die „Auswetzung der Scharte“, die ihr der 20. Mai geschlagen habe, gelingen werde622. 210 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik „Der Stimmzettel ist eure Macht“ – Weimarer Sozialdemokraten im Wahlkampf Dass sie die weitaus stärkste Partei der Weimarer Re pu blik blieb, ohne ihre inneren Strukturen oder Werbemethoden gegenüber dem Kaiserreich grundlegend zu verändern, verdankte die SPD einer in Jahrzehnten aufgebauten und fest gefügten Massenmitgliedschaft. Geleitet wurde die Partei von einem in Berlin sitzenden Vorstand, der seit 1922 aus den drei Vorsitzenden, zwei Kassierern und einer kleinen Zahl hauptamtlicher Parteisekretäre bestand. Er führte die „Geschäfte“ der Partei, übte innerparteiliche Kontrollfunktionen und damit entscheidenden Einfluss auf Organisation und Presse der SPD aus. Wichtig war auch, dass der Parteivorstand entscheiden konnte, wenn es bei der Aufstellung von Reichstagskandidaten zu Differenzen kam. Die formale innerparteiliche Demokratie des Mitglieder- und Parteiapparates der Weimarer SPD mit seinen fast 10 000 hauptamtlichen Mitarbeitern wurde faktisch durch eine streng hierarchische Führung und Disziplin eingeengt. Größte Aufmerksamkeit wurde traditionell den Wahlkämpfen geschenkt, da die SPD im Glauben an die Vernunft und die Wirkung rationaler Aufklärung durch den Stimmzettel die politische Macht erobern wollte. Im Unterschied zu den bürgerlichen Parteien besaß sie ein historisch positives Verhältnis zu Wahlkämpfen, die im sozialdemokratischen Bewusstsein als eine der wichtigsten politischen Aktionsformen verankert waren. Ihrer virtuosen Handhabung schrieb die SPD nicht zuletzt den eigenen Aufstieg im Schutz der Wahlgesetze des Kaiserreichs nach 1871 zu. Die Wertschätzung von Wahlen nahm schon vor 1914 Formen an, die den Vorwurf des „Wahlfetischismus“ hervorbrachten. Wahlkämpfe galten nicht nur als der zuverlässigste Indikator der Parteistärke, sondern bildeten eine „wichtige Selbsterfahrungsdimension der Arbeiterbewegung und ihrer Trägerschichten, möglicherweise sogar einen bestimmenden Teil ihrer Kommunikationsstruktur“623. Die Vorkriegs-SPD erlebte mit einer Ausnahme nur Erfolge bei den Reichstagswahlen vor 1914, als nichts den „Siegeslauf des Proletariats“ zu hemmen schien, weder die Sozialistengesetze noch die repressiven Methoden der wilhelminischen Eliten, mit denen zwar die Mandatszahl, aber nicht die Stimmenzahl herabgedrückt werden konnte. Diese Erfolgsgeschichte änderte sich nach 1918, insofern jetzt bei stagnierenden Wähler- und Mitgliederzahlen nicht nur der bürgerliche „Klassengeg- 211 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen ner“, sondern auch andere proletarische Parteien mit der SPD konkurrierten. Bei diesen „Bruderkämpfen“ zeigte sich den Sozialdemokraten aber, „dass die scheinbar erfolgreiche Gruppe nie so viel gewinnt wie die bekämpfte proletarische Gruppe verliert“624. Dieser Stillstand des „proletarischen“ Wählerpotenzials beschleunigte die Umorientierung der SPD in Richtung einer linken Volkspartei. In dem Maße, in dem die Demokratie zum „primären Bezugspunkt ihres gesamten Denkens und Handelns“ wurde, so Wolfram Wette, rückten andererseits die politischen Betätigungsfelder noch stärker in den Vordergrund, die ihr Funktionieren gewährleisteten, neben der praktischen Parlaments- und Regierungsarbeit eben vor allem die Wahlbewegungen625. Ein Abweichen von der legalen Wahlkampftaktik erschien bald als absurd. In der Demokratie verfügten die „besitzlosen Klassen“ gegenüber den wirtschaftlichen Machtmitteln der Unternehmer über das Wahlrecht und den Stimmzettel, der unter Berufung auf Karl Marx „in der Hand eines politisch reifen Volkes […] aus einem Mittel der Prellerei zu einem Mittel der Befreiung“ werde. Die strikt legalistische Tendenz zieht sich wie ein roter Faden durch die Politik der Weimarer SPD und gipfelte in dem Appell an die Anhänger, auf den preußischen Staatsstreich Papens kurz vor den Reichstagswahlen im Juli 1932 nicht mit außerparlamentarischen Aktionen zu antworten, sondern den Kampf um die „Wiederherstellung geordneter Rechtszustände“ als Wahlkampf zu führen626. Während sich die Erinnerungen an die siegreichen „Stimmzettelschlachten“ vor 1914 verklärten, gewannen Wahlkämpfe in der Weimarer Re pu blik weiter an Bedeutung als wichtigste politische „Waffe“ der SPD, zumal Reichstagswahlen im Kaiserreich letztlich nur ein Stimmungsbarometer gewesen waren. Noch im Frühjahr 1924 glaubte sie ihre Anhänger da rauf hinweisen zu müssen, dass es sich am 4. Mai „nicht einfach um Parlamentswahlen“ handle, sondern jetzt auch die Reichsregierung neu gewählt werde: „Das ist der fundamentale Unterschied gegen- über dem alten System und erhöht die Bedeutung weit über das frühere Maß“627. Adolf Braun vom Parteivorstand beschwor in diesem Sinne die Genossen schon vor den ersten Reichstagswahlen im Juni 1920, „eine Schlacht zu schlagen, wie sie der Wahlkampf noch nicht gesehen hat“628. Solche verbal-radikalen Bekenntnisse unterschieden sich bereits von der für die USPD typischen Überzeugung, wonach Wahlen als grundsätzlicher „Machtkampf zwischen Reaktion und Revolution“ zu deuten seien. Die Unabhängigen warnten davor, um eines guten Wahlresultats willen 212 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik die Agitation in Formen zu führen, denen die „grundsätzliche Schärfe“ fehle. Gerade wenn man die Stimmen der noch nicht zur Erkenntnis ihrer Klassenlage gekommenen Proletarier gewinnen wolle, dürften in der Propaganda keine „Konzessionen irgendwelcher Art an das Denken und Fühlen der noch nicht sozialistischen Kreise“ gemacht werden. Ideologische Grundsatztreue sei um so mehr geboten, als die Partei selten so nah an die Bevölkerung herankomme und diese selten so empfänglich für Politik sei wie vor einer Wahl. Verzettele man sich in „schalem Kleinkram“ oder „persönlicher Herumbeißerei“, würde der Wahlkampf seinen Hauptzweck verlieren, nämlich die „Aufrüttelung der Massen in sozialistischen Sinne“, sowie die Partei selbst reine Mandatspolitik betreiben, mit anderen Worten „Parlamentarismus im schlimmsten Sinne“629. In den 1920er-Jahren wuchs aber auch bei der SPD eine Skepsis gegenüber den Begleiterscheinungen von Wahlkämpfen, die ursprünglich eher für bürgerliche Kreise typisch war. So warnte Philipp Scheidemann im Frühjahr 1920 vor „amerikanischen Wahlen“630. Immer häufiger zu hören war nun als Abgrenzungsmittel nach links der Hinweis auf die „erbärmlichen Agitationsmethoden“ etwa der KPD, deren Führer die Arbeiter nur als „Stimmvieh“ missbrauchten. Gemäß dem Motto „Wahlarbeit ist Parteiarbeit“ besaßen Propaganda und Agitation für die SPD einen ungleich höheren Stellenwert als für die bürgerlichen Konkurrenten. Dank ihrem subkulturellen Vereinswesen war die sozialdemokratische „Solidargemeinschaft“ auch zwischen den Wahlen visuell präsent und propagandistisch aktiv. Stärkstes Kapital der SPD stellte eine opferbereite Massenanhängerschaft dar, ohne deren freiwillige Hilfsdienste die Wahlkämpfe kaum bestritten werden konnten. Ihre Mobilisierungstechniken waren dementsprechend gut ausgebildet, wobei vor dem Hintergrund abnehmender Kampfbereitschaft oder einer gewissen Partei- und Wahlmüdigkeit die Erinnerung an die Zeit vor 1914 eine wichtige Rolle spielte. Aufwändigster Teil der Agitation, zu der jeder Parteigenosse verpflichtet wurde, war von jeher die „propagandistische Kleinarbeit“, die Verteilung der Millionen von Druckschriften, Flugblättern und Plakaten: „In jedes Dorf, in jedes Haus müssen die Sendboten des Sozialismus unsere aufklärenden Wahlzeitungen und Flugschriften tragen“631. Der Wiederaufbau der sozialdemokratischen Parteiorganisation nach der Inflation sollte sich nicht zuletzt in einer durch die Wahlen belebten Agitationsarbeit bemerkbar machen. Während die Berliner Zen tra le im 213 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Frühjahr 1924 aus taktischen Gründen auf einen Reichsparteitag vor den Wahlen verzichtete, eröffneten Landesverbände der SPD wie in Hessen den Wahlkampf mit eigenen Parteitagen. Mit der Rückkehr stabilerer Verhältnisse rege sich wieder „neues Leben in der Organisation“, wenn auch der Parteiapparat „immer noch hier und dort Lücken“ aufweise632. Unter dem Motto „Das Trommelfeuer beginnt“ wurden für den Ostersamstag, den 19.  April 1924, alle Mitglieder zur allgemeinen Flugblattverbreitung mobilisiert. Besonders aber am Samstag vor der Wahl und am Morgen des Wahlsonntags müssten die Flugblätter und Wahlzeitungen der SPD „von Haus zu Haus, von Tür zu Tür“ getragen werden. Den Klagen über eine gewisse Müdigkeit von Mitgliedern, sich für die Wahlarbeit zur Verfügung zu stellen, begegnete die Partei mit Appellen an die Parteidisziplin: „Antreten zur Wahl!“, hieß es militärisch knapp633. Obwohl die Vorbereitungszeit knapp bemessen und „Barmittel sehr beschränkt“ gewesen seien, konnte der Berliner Parteivorstand bereits im Frühjahr 1924 den Bezirken außer den Gratislieferungen von Plakaten, Broschüren und Flugblättern noch Geldzuschüsse in Höhe von 124 000 Goldmark an die Bezirke gewähren. Wenige Tage nach der Reichstagsauflösung Mitte März konnte ihnen auch bereits das zen tra le Wahlhandbuch sowie ein „kleines Merkbuch“ für Parteifunktionäre und das Referentenmaterial zugestellt werden, außerdem noch zwei Millionen Flugblätter und 15 verschiedene Plakate in einer Gesamtauflage von 500 000 Stück. Dazu kamen weitere 43 verschiedene Flugblattmatern, so viele, dass aus den Bezirken die Reaktion zu hören gewesen sei: „Parteivorstand, höre auf mit deinem Segen“. An Gesamtausgaben für den Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 verbuchte die SPD etwas weniger als eine Million Mark, was Parteikassierer Ludwig zu dem Fazit veranlasste: „Die Wahl mit diesen geringen Mitteln bei der Heftigkeit des Wahlkampfes zu führen, war nur möglich mit einer opferbereiten Organisation, in der fast alle Organisationsarbeiten für die Wahl ohne Entgelt geleistet wurden“634. Nach eigenen Angaben verteilte die SPD 1924/25 im ganzen Reich mehr als 200 Millionen Flugblätter, noch ungerechnet derjenigen, die große Ortsvereine in Eigenregie herausgegeben hatten. Einen neuen Höhepunkt der Organisations- und Agitationsarbeit brachte das Wahljahr 1928, in dem die SPD reichsweit 44 792 öffentliche und 67 000 Mitgliederversammlungen Reich abhielt sowie nicht weniger als 115 Millionen Flugblätter verteilte, das waren immerhin fast zwei Flugblätter für jeden der 62 Millionen Deutschen635. 214 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Solche gewaltigen Zahlen konnten nicht verdecken, dass die zen trale Führung von Reichstagswahlkämpfen ein Organisationsproblem der SPD war, insofern sie nach 1918 keine den Hauptgeschäftsstellen der bürgerlichen Parteien vergleichbare Abteilung aufgebaut hatte. Die Wahlkampfführung oblag dem ohnehin überlasteten Parteivorstand, wenn ihm auch seit 1920 etwa eine „Zentralstelle für Beamtenagitation“ und sukzessive ähnliche Einrichtungen für andere Berufsgruppen halfen oder die Landesverbände eigene Agitationsausschüsse einrichteten. Erst nach dem Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1928 wurde der Propagandabereich beim Berliner SPD-Vorstand reorganisiert und eine „Werbe-Abteilung“ als Nachfolgerin der alten Flugblattzen tra le ins Leben gerufen – nicht zuletzt, um die „Modernisierung“ der Propaganda voranzutreiben. Die faktisch von Fritz Heine geführte Abteilung nahm ihre Tätigkeit offiziell am 1. Januar 1929 auf. Sie besaß einen eigenen Etat und bestand aus etwa zehn Mitarbeitern, von denen die Hälfte im zen tra len Zeitungsausschnittsbüro beschäftigt war. Hauptaufgabe der Abteilung waren die Wahlkämpfe, die Vorbereitung und Fertigstellung des zen tra len Wahlmaterials, von den Flugblättern und Plakaten bis hin zur Organisierung von Rundreisen eines Wahlkabaretts und Beschaffung von Lautsprecheranlagen. Außerdem war sie mit der He raus ga be der wiederbelebten, 1922 aufgrund der prekären Finanzlage eingestellten Parteikorrespondenz beauftragt. Neben den Spezialisten wie etwa Fritz Baade für Agrarfragen wurden gelegentlich Redakteure des Vorwärts mit der Bearbeitung der zen tra len Wahlpropaganda oder Grafiker mit dem Entwurf von Plakaten beauftragt. Vor Beginn des Wahlkampfes stellte die Werbeabteilung jeweils Entwürfe verschiedener Künstler in einer internen Ausstellung für den Parteivorstand zusammen, der die Entscheidung traf, welche Plakate besonders bei der Wahlpropaganda berücksichtigt werden sollten. Bestimmte Präferenzen betreffs der Zielgruppen- und Feindbildagitation schrieb er nicht vor636. Im ersten Geschäftsjahr 1929 lieferte die Werbeabteilung bereits 1,3 Millionen Broschüren, 90 000 Exemplare eines Werbeplakats sowie 6,1 Millionen Flugblätter an die Bezirke, davon allein fünf Millionen Stück eines Flugblattes zum Anti-Young-Volksentscheid, Agitationsmaterial, das den Ortsgruppen völlig unentgeltlich zur Verfügung gestellt wurde637. Ihre erste große Bewährungsprobe stellte der Reichstagswahlkampf im Sommer 1930 dar, gleichzeitig Höhepunkt der gesamten SPD-Agitation dieses Jahres. Sofort nach der Reichstagsauflösung vom 18. Juli setzte sie 215 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen sich mit den regionalen Parteiorganisationen in Verbindung und unterbreitete ihnen Vorschläge zur Durchführung des Wahlkampfes. Die von ihr in den folgenden Wochen eingesetzte Propaganda zeichnete sich durch eine vorher nicht gekannte Vielfalt der Mittel aus. Außer mit Versammlungen und Flugblättern, Plakaten, Lautsprecherautos, Flugzeugen warb die SPD mit Wahlfondsmarken, speziellen Schlagzeilen- und Bildmatern, graphischen Darstellungen wie Pausvorlagen für Transparente, Referentenmaterial und zum ersten Mal auch mit Tonfilmen. Ausdruck ihrer großen Aktivität war, dass allein im Wahlkampf vom Sommer 1930 dem Bericht der Werbeabteilung zufolge nicht weniger als 114 Rundschreiben in über 55 000 Abzügen an die Bezirke und Redaktionen verschickt wurden. Zu den wichtigsten Aufgaben gehörte auch diesmal wieder die Flugblattpropaganda, bei der sich die SPD seit langem auf den Maternversand umgestellt hatte, ein Verfahren, das es den Parteiorganisationen überließ, je nach Bedarf so viele Flugblätter zu drucken, wie sie für nötig erachteten. Von den 29 Wahlflugblättern der Zentra le wurden im Sommer 1930 1 000 Abzüge und 35 Matern – eine für jeden Parteibezirk – hergestellt638. Dass Reichstagswahlkämpfe in der Weimarer SPD den Höhepunkt des Parteilebens bildeten, demonstrieren eindrucksvoll die Ausgaben des „Freien Wort“, des seit 1929 wöchentlich erscheinenden „sozialdemokratischen Diskussionsorgans“, wo aus allen Parteibezirken Zuschriften mit Fragen und Anregungen für die Wahlarbeit erschienen. Vor dem 14. September 1930 galt fast jede Ausgabe nur noch dem „Aufmarsch zur Wahlschlacht“, da einfache Mitglieder sowie Funktionäre Vorschläge machten, deren Spek trum von der Bildung spezieller Agitationstrupps zur systematischen Haus- und Landpropaganda, Flugblattverteilungen „bis ins kleinste Vorwerk“, Werbearbeit in den proletarischen Massenorganisationen, zum Thema Wahlen, SPD und Angestellte, aber auch über neue Wege der Wahlpropaganda reichte639. Wie in den bürgerlichen Parteien stieß auch die zen tra le Propaganda der SPD auf das Problem, den regionalen und lokalen Besonderheiten nur bedingt gerecht werden zu können. Ihre Wahlmaterialien seien schließlich, erläuterte die Werbeabteilung, für „große Volkskreise“ bestimmt, weshalb in ihnen zwangsläufig „allgemeine Gesichtspunkte“ überwögen. Den Organisationen wurde empfohlen, verstärkt selbst das Werbematerial herauszugeben, das „an örtliche oder berufliche Vorgänge im Gesichtskreis des Aufzuklärenden“ anknüpfe, indem sie etwa „aktuelle Vorkommnisse ohne Zeitver- 216 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik lust durch selbst hergestellte Flugblätter den in te res sierten Personen“ zur Kenntnis gebracht werden konnten, wofür eine Vervielfältigungsmaschine unverzichtbar sei. Solche Appelle zur Dezentralisierung sowohl der Inhalte als auch der Methoden hatten unausgesprochen die bei der KPD als erfolgreich beobachtete Propagandapraxis zum Vorbild640. Wie sich die SPD-Führung Mitte der zwanziger Jahre vorbildliche Wahlarbeit vorstellte, schilderte ein Bericht des Vorwärts über den Gemeindewahlkampf in der österreichischen Hauptstadt Wien vom Frühjahr 1927. Die Macht der sozialdemokratischen Arbeiterschaft komme hier von jeher in der großzügigen Wahlpropaganda der Partei zum Vorschein. Was aber aktuell von den Wiener Genossen geleistet werde, stelle alles Bisherige in den Schatten. In der ganzen Hauptstadt – „in den ärmlichsten proletarischen Vorstädten ebenso wie in den luxuriösen Geschäftsgegenden“ – würden sie mit den originellsten Mitteln um die Wählerstimmen werben, Fahnenmasten für die Flaggenpropaganda pachten, sogar die schmalen senkrechten Flächen der Fußgängerstufen zur Stra- ßenbahn mit Wahlappellen auf Papierstreifen bekleben. Selbstverständlich fänden massenhaft Versammlungen statt, Umzüge und De mons trati o nen dagegen seltener. Umso mehr werde die neuartige Filmpropaganda in den Wahldienst genommen. In Hunderten von Kinos, aber auch unter freiem Himmel auf großen Plätzen würden Filme gezeigt, welche die Leistungen sozialdemokratischer Politik priesen. Schließlich sorgten Lichtreklame und Transparente dafür, dass über den Dächern Wiens tagsüber und abends weithin in roter und weißer Schrift die Wahlappelle der Sozialdemokraten zu lesen seien. Selbstverständlich verschlinge solch ein Wahlkampf „beträchtliche Geldmittel“, aber der „Arbeiter ist stolz da rauf, seine Macht und sein Können auch auf diese Weise dem noch Schwankenden und erst recht dem Gegner zu beweisen“641. Der Vorstand der SPD veröffentlichte nach der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 einen Überblick über die zurückliegende Wahlarbeit der Partei im Reich und in den Ländern. Aufgrund von Berichten aus den einzelnen Bezirken konnten detaillierte Angaben über den Aufwand und Einsatz an Agitationsmitteln, ihre Aufnahme bei den Parteiaktivisten sowie etwaige Reaktionen der Wähler bis hin zu den Wahlkampfkosten gemacht werden. Der Wahlerfolg im Mai 1928, so das Vorwort, sei „nicht zum geringsten Teil auf die Werbetätigkeit der Partei“ zurückzuführen gewesen642. Im Reichstagswahlkampf wurden zum ersten Mal in größerem Maße technische Hilfsmittel in den Dienst der Wahlarbeit genom- 217 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen men. Das Spek trum der SPD-Propaganda reichte von den vielfältigen Drucksachen, den allerorten eingesetzten Wahlautos, den Lautsprechern, Wahlfilmen und Schallplatten sowie den freilich nur von städtischen Bezirken benutzten Flugzeugen, bis hin zu Sprechchören und so genannten „Wahlgesprächen“ oder Wahlrevuen von Schauspielgruppen. Als Druckschriften zählten die sowohl in Normalgröße als auch in Postkartenformat angefertigten Plakate sowie alle Flugblätter, Flugschriften und Wahlzeitungen. Insgesamt hatte der Vorstand den Bezirken 59 verschiedene Drucksachen zur Verfügung gestellt, von denen 82,4 Millionen Stück an die Wähler im Frühjahr 1928 verteilt wurden, ungerechnet die Millionen von Hand- und Wurfzetteln sowie Versammlungseinladungen. Möglich war dies wieder nur dank der „selbstlosen, aufopfernden Arbeit“ der Funktionäre und Parteimitglieder. Außer den vier Nummern der Wahlzeitung „Sozialdemokratie voran“ verschickte der Vorstand insgesamt 28 thematische Flugblätter an die Bezirke, die daneben selbst noch eigene mit Rücksicht auf die „besonderen Verhältnisse“ vor Ort anfertigten. Alles in allem verbreitete die SPD im Frühjahr 1928 über 51,4 Millionen zum Teil mehrseitige Flugblätter und weitere 2,8 Millionen Flugschriften oder Broschüren. Das Fazit des Parteivorstands lautete: „Unsere Werbung im Maiwahlkampf hat eine zuvor nie gekannte Intensität erreicht. In vielen Orten und Bezirken beherrschten wir das Straßenbild völlig“643. Ein Bericht des Vorwärts über die „Großmacht Sozialdemokratie im Wahlkampf “ wurde kurz vor dem 20. Mai 1928 außer durch die Fotografie eines Möbelwagens noch durch die eines Wahlautos mit aufmontierten Lautsprecher illustriert. Der Blick in das Autoinnere, wo auf einem Schemel ein Mann im weißen Kittel vor den glühenden Lampen der Lautsprecherbatterien saß, sei zugleich ein „Blick hinter die Kulissen der Technik dieses Wahlkampfes“. Außer neuartigen Leuchttransparenten habe die SPD noch Litfasssäulen aufgestellt oder angemietet, die gemäß der modernen „Reklamepsychologie“ ausschließlich mit eigenen Plakaten beklebt wurden. Auch ihre Wahlversammlungen ließen die Vielfalt der Propaganda erkennen: „Überall Massengesänge, Sprechchöre, aktuelle politische Revuen, Sketche, Parodien und hervorragende Filme. Und was die Hauptsache ist: schlagfertige und den größten Diskussionsstürmen gewachsene Redner. Gleichgültig, ob es ‚Kanonen‘ oder ‚Kanönchen‘ sind“. Am letzten Tag vor dem 20. Mai werde schließlich der „ganze technische Apparat“ aufgeboten und würden sich mit Plakaten beklebte Mö- 218 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik belwagen auf Dauerfahrt durch die Straßen begeben. Selbst die bürgerliche Presse müsse anerkennen, dass die SPD alle anderen Parteien bei der technischen Wahlpropaganda übertreffe und „dem Kampf mit der geistigen Waffe um die Seele des Volkes das Beispiel und die Form“ gegeben habe644. Wie auf regionaler Ebene die Wahlkampforganisation in den 20er- Jahren aussah, lässt sich anhand der Tätigkeitsberichte des Landesvorstandes der badischen SPD nachzeichnen. Als Reaktion auf die inflationsbedingten Rückschläge hatte auch dieser Landesverband seinen Aufbau durch Vereinfachung zu verbilligen versucht und die bisherigen sieben Unterbezirke in vier „Agitationsbezirke“ zusammengefasst, denen zur Erledigung der Geschäfte jeweils ein vom Landesvorstand bestellter und besoldeter Parteisekretär beigegeben wurde645. Die zwei Reichstagswahlen, die Reichspräsidentenwahlen und die Landtagswahl in Baden beanspruchten 1924/25 die „volle Kraft der Organisation“, wie nach Ansicht des Landesparteivorstandes am deutlichsten die Übersicht über die schriftliche Propaganda zeigte. Zur Reichstagswahl im Mai 1924 hatte die SPD in Baden 1,8 Millionen Flugblätter verteilt, im folgenden Herbst dann schon mehr als die doppelte Menge, knapp vier Millionen Stück. Nicht zuletzt deshalb waren die Kosten für den zweiten Reichstagswahlkampf 1924 mit knapp 50 000 Mark fast doppelt so hoch wie im Frühjahr646. Die Kassenlage des Landesverbands erlaubten es „im gro- ßen und ganzen“, den Anforderungen des Wahlkampfes nachzukommen, allerdings unter einigen Anstrengungen, denn: „Es ist schließlich keine Kleinigkeit, jedes Jahr einen Wahlkampf zu finanzieren und daneben zugleich auch noch die Agitation und die Bildungsarbeit auf den verschiedensten Gebieten durchzuführen“. Außerdem werde die Landesparteikasse durch regelmäßige Abführungen an die Reichspartei und andere Organisationen belastet. Ohne die „außerordentliche Opferwilligkeit“ der Anhänger und ihren freiwilligen Spenden wäre eine Finanzierung des Wahlkampfes über die Mitgliedsbeiträge allein nicht möglich gewesen. Erschwerend hinzu komme, dass der Verdienst der Parteidruckereien in Wahlzeiten gleich Null sei, weil für die Herstellung des Propagandamaterials meist nur die Selbstkosten in Rechnung gestellt würden647. Als der größten re pu bli ka nischen Partei der Weimarer Re pu blik wurde und wird besonders der „Verstandespartei“ SPD der Vorwurf gemacht, dem Aufstieg Hitlers nicht genug mit massenpsychologisch wirksamer „Gefühlspropaganda“ in den Wahlkämpfen entgegengetreten zu sein. Oft 219 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen seien methodische Änderungen in der Propagandaarbeit oder Abweichungen von dem gewohnten Stil auch als ein Zugeständnis an die „Dummheit“ der Wähler abschätzig beurteilt worden, was die Umstellung der Zielgruppenwerbung vor allem auf neue, mittelständische Wählerschichten erschwert habe648. Tatsächlich prägte nach wie vor das rationale Aufklärungsideal die Werbeformen und den Wahlkampfstil der Weimarer SPD, die politische Vernunft gegen „blinde Leidenschaft“ selbst da setzen wollte, wo in der Bevölkerung materielle und emotionale Ängste eine irrationale Steigerung erfuhren. Neuerdings spricht die Forschung in diesem Zusammenhang von einem „Sinnlichkeitsdefizit“ der SPD649. Aus den Wahlerfolgen Hitlers nach 1929 lernte sie jedoch unter anderem, wie Wolfram Pyta nachweisen konnte, dass eine „Abkehr von der biederen Wahlwerbung vergangener Zeiten“ notwendig sei. Von der NSDAP habe sie das erfolgreiche Rezept übernommen, in den Reichstagswahlkämpfen „offensiv aufzutreten, den Gegner zu attackieren und die eigene Stärke mithilfe modernster Methoden der Massenpsychologie nachdrücklich zu demonstrieren“650. Jedoch hatte die SPD ihr Vertrauen auf die „Waffe des Stimmzettels“ gegen die Gegner der Re pu blik in die Defensive gebracht. Kritik an den überkommenen Propagandamethoden übten vor allem jüngere Parteifunktionäre wie der hessische SPD-Politiker und Schriftsteller Carlo Mierendorff. Sein Plädoyer für offensiv geführte Wahlkämpfe baute wesentlich auf der Bedeutung der Symbole im politischen Kampf auf und der „Aktivierung“ einer Massenpropaganda gegen die Nationalsozialisten, in denen er früher als andere den Hauptgegner der SPD sah. Das Problem jeder politischen Propaganda, das in ihrer „mangelnden Reichweite“ liege, glaubte Mierendorff durch die neue Symbolpropaganda lösen zu können, die ebenso billig wie volkstümlich sei. Die Hitlerpartei sei eine Propagandabewegung und deshalb in erster Linie mit reklametechnischen und massenpsychologischen Methoden auf dem Gebiet der Propaganda zu schlagen, wo sich das „Bewusstsein einer Bewegung von sich selbst“ entwickle, das Bild, das sie „von sich selbst, ihren Aufgaben, ihren Hoffnungen und Grenzen“ habe651. Gemeinsam mit Sergej Tschachotin, einem russischen Emigranten und ehemaligen Mitarbeiter Pawlows, und in Zusammenarbeit mit der Werbeabteilung strebte Mierendorff seit Ende der 1920er-Jahre die Neugestaltung des Propaganda- und Organisationswesens der SPD an. Durch eine „symbolpropagandistische Gegenoffensive“ sollte die kritisierte Schwerfälligkeit und Weltfremdheit ihrer Werbung überwunden wer- 220 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik den, wofür die „Drei-Pfeile“ Tschachotins stellvertretend standen. Trotz unbestreitbarer Mobilisierungserfolge blieben diese aber ein Defensivsymbol und konnten nicht mit Hammer und Sichel des „Sowjetdeutschland“ oder dem Hakenkreuz des „Dritten Reiches“ konkurrieren. Der Einsatz neuer Propagandamethoden habe zwar den „Bewegungs“-Charakter der SPD und die „Initiative von unten“ wiederbelebt, die vorher jahrelang durch eine „starre Schablone der Kampftechnik“ verkümmert war. Sie müsse aber endlich den Begriff der „Kampagne“ wieder entdecken, das hieß, den „Begriff des zähen, unermüdlichen, fanatischen Hämmerns“ vor allem in der Presse- und in der Versammlungsagitation anwenden. Ausdrücklich orientierte sich Mierendorff an der Praxis der radikalen Parteien, die schon mit wenigen und primitiven Mitteln wirksame Propaganda zu betreiben verstünden, etwa mit vor Ort hergestellten und manuell vervielfältigten Flugblättern oder mit kleinen Wandertrupps zu Fuß und zu Rad: „Trommel und Fanfare sind keine so schlechten Instrumente, wofür sie manchmal der kleinbürgerliche Hochmut und unpsychologische Puritanismus der Älteren hält“652. Mierendorffs Vorschläge fanden erst 1931/32 Gehör bei führenden Funktionären wie etwa dem neuen Reichsbanner-Vorsitzenden Max Höltermann, der sich für einen Agitationsstil einsetzte, der mehr auf „Gefühl, Seele und Gemüt“ beim Wähler wirke, damit die „Vernunft“ letztlich siege653. Auch der Parteivorstand der SPD sprach in seinen Richtlinien für die Reichstagswahlen im Sommer 1932 erstmals von einem notwendigen zen tra len „Kampfplan“. Auffällig bei der Übersicht der Propagandamittel war, dass die SPD im Sommer 1932 nach den Erfahrungen der letzten Wahlkämpfe ausdrücklich auf Bildplakate zugunsten eines reichseinheitlichen „Symbolplakats“ verzichtete. Des weiteren wurde auf die Neuproduktion der früher so gelobten „technischen Errungenschaften“ wie Film oder Schallplatten aus Kostengründen im Wahlkampf verzichtet, vielmehr wurden die Bezirke angewiesen, vorhandenes Material zu benutzen und neue Formen der Kleinpropaganda anzuwenden, etwa das „Freiheitspfeil-Konfetti“, ausgestanzte kleine Freiheitspfeile, die den Bezirken kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, ebenso wie die in Millionenauflage gedruckten satirischen „Visitenkarten“ der Papen- Regierung654. Ungeachtet ihrer symbolpolitischen Defizite war die SPD diejenige Weimarer Partei, die in den Reichstagswahlkämpfen der 1920er-Jahre den größten Aufwand an Propaganda betrieb und dabei in der Lage war, 221 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen auf die neuen „modernen“ Hilfsmittel der Technik zurückzugreifen. Das Manko ihrer nach wie vor einzigartigen „Wahlmaschine“ bestand allerdings in einer mangelnden Planung von Seiten der Parteiführung, die sich auch nach der Gründung der zen tra len Werbeabteilung 1928/29 im wesentlichen auf die Produktion von Wahlmaterialien für die Bezirke beschränkte. Bei der Umstellung auf die von Mierendorff geforderten „Kampagnen“ machte sich Anfang der 1930er-Jahre nicht zuletzt das Fehlen einer mit umfassenden Kompetenzen ausgestatteten Reichsgeschäftsführung der SPD schmerzhaft bemerkbar. „Wahlkampf ist Klassenkampf“ – Die Kommunisten Im deutlichen Unterschied zur SPD behielt die Parlamentspolitik für Weimarer Kommunisten sekundären Charakter gegenüber außerparlamentarischen Aktionsformen. Ihr nächstes politisches Ziel – die „Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse“ – wollten sie nicht durch den Parlamentarismus erreichen, sondern „in den Betrieben, auf den Straßen und in den proletarischen Massenorganisationen“, weshalb der Bereich Agitation und Propaganda einen zen tra len Stellenwert in ihren taktischen Überlegungen besaß. Zugleich versuchte sich die KPD dabei aber von dem „kapitalistischen Reklamerummel“ vor Wahlen oder dem Organisationsfetischismus der Sozialdemokratie abzugrenzen. In den Anfangsjahren der Weimarer Re pu blik schenkte die mehr mit revolutionären Kampfaktionen beschäftigte KPD der Entwicklung neuer Propagandatechniken zunächst wenig Aufmerksamkeit655. Ihre erst danach intensivierte Propagandaarbeit vor Wahlen war äußerst vielschichtig und ergänzte oder überschnitt sich zum Teil mit den Aktionen und „Kampagnen“ befreundeter Massenorganisationen wie der IAH, dem RFB oder der Roten Hilfe. Zur „revolutionären Ausnutzung des Parlamentarismus“, so jetzt die Parole der KPD, sollten deren Angehörige wie auch jedes Parteimitglied zur Wahlpropaganda eingespannt werden656. Natürlich entsprach die Organisationswirklichkeit nicht den theoretischen Postulaten und war die Propagandaarbeit keineswegs kontinuierlich, sondern schwankte von Aktion zu Aktion. Die mehrgleisige und ausdrücklich auf „Kampagnen“ ausgerichtete Propaganda kann als das Erkennungszeichen der Weimarer KPD gelten, die als Partei der Massenmobilisierung so genannte Antikriegstage, RFB-Treffen oder Erwerbs- 222 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik losenwochen und 1928/29 etwa parallel zu den Wahlkämpfen für Reichs- und Landtag weitere spezielle Kampagnen gegen den Panzerkreuzerbau führte, gegen den „Schlichtungsschwindel“ und die Wohnungsnot, eine Amnestiekampagne für die „proletarischen Gefangenen“ sowie zahlreiche Feiern und De mons tra ti o nen, etwa zum 40. Jahrestag des Sozialistengesetzes657. Auf dem Gründungsparteitag der KPD um die Jahreswende 1918/19 hatte sich die linksradikale Mehrheit der Delegierten gegen eine Teilnahme an den Wahlen zur Nationalversammlung ausgesprochen. Die Führung um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wollte aus taktischen Überlegungen heraus teilnehmen, weil es ein großer Fehler sei, ein „Moment zur Unterstützung der Massenaktionen“ wie den Wahlkampf ungenützt zu lassen658. Nach der Abspaltung ihres linksradikalen syndikalistischen Flügels 1920 behielt die KPD zwar ihr antiparlamentarisches Profil, beteiligte sich nun aber an den Wahlen und beschloss unter der Führung von Paul Levi so genannte Leitsätze über den Parlamentarismus, in denen der Reichstag im Luxemburgschen Sinne als „Tribüne“ zum unverzichtbaren Mittel der Massenaufklärung erklärt wurde. Der Wahlkampf solle, schrieben die auf dem II. Weltkongress beschlossenen Statuten der Komintern vor, nicht als „Jagd auf eine Höchstzahl von Parlamentsmandaten geführt werden, sondern im Geiste revolutionärer Mobilisierung der Massen für die Losung der proletarischen Revolution“. Vor den Reichstagswahlen im Mai 1924 verpflichteten sich die Kandidaten der KPD auf eine Erklärung, wonach sich die Partei nur zu „Agitationszwecken“ an den Wahlen beteilige und damit keineswegs ihre „grundsätzliche Gegnerschaft zur bürgerlichen Gesellschaftsordnung“ aufgebe. Die Arbeiter sollten Kommunisten wählen, weil sie den Reichstag als „Todfeinde des Kapitals und des Parlamentarismus“ so „desorganisieren“ würden, wie Liebknecht es einst getan habe659. In der politischen Praxis schenkte die KPD der Parlamentsarbeit und insbesondere den Wahlkämpfen ab Mitte der 20er-Jahre bald mehr Bedeutung, als sie theoretisch eingestehen wollte. Die publizistischen und organisatorischen Mobilisierungsmöglichkeiten von Wahlen erhielten einen solch hohen Stellenwert in der kommunistischen Taktik, dass dies zu einer Aufwertung des Wahlkampfes führen musste. Ernst Thälmann erklärte die Reichstagswahlen am 20. Mai 1928 zum „Gradmesser, wie stark die Massen im Klassenbewusstsein und im revolutionären Kampfwillen herangereift sind, oder inwieweit sie noch voller Illusionen 223 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen über das Parlament und die auf Stimmenfang ausgehenden Parteien sind“660. Der Wahlkampf sei zwar nur eine kurze, aber durchaus wichtige Phase in der revolutionären Entwicklung, „weil er die Möglichkeit, an breiteste Massen heranzukommen, in höherem Maße bietet als einzelne Teilkämpfe (die dafür in ihrer politischen Auswirkung zweifellos bedeutsamer sind!)“. Für die KPD als revolutionäre Partei würden die Forderungen des Wahlkampfes nicht mit dem Wahltag verschwinden, sondern „Angelegenheit der ernstesten Mobilisierung zu ihrer wirklichen Durchsetzung“ bedeuten, so Thälmann661. Revolutionärer Anspruch und Teilnahme an Wahlbewegungen mussten aber im kommunistischen Selbstverständnis widersprüchlich erscheinen und daher immer wieder Rechtfertigungsversuche der Parteileitung hervorrufen. Jeder Arbeiter, der die Bedeutung der Wahlkämpfe im „bürgerlichen Klassenstaat“ unterschätze, laufe auch Gefahr, die „entscheidenden revolutionären Aus ei nan der set zungen mit der herrschenden Klasse“ zu unterschätzen. Wer meine, eines Tages werde es schon irgendwie „losgehen“, verkenne, dass auch Revolutionen organisiert werden müssten. Wahlkämpfe würden zwar nicht die Schicksalsfragen des deutschen Volkes entscheiden, doch bildeten sich in ihnen bereits die Fronten und der Auftakt des „großen Befreiungskampfes“. Ihre politische Bedeutung für das Proletariat erfordere, alle vorhandenen Mittel und Kräfte aufzubieten: „Mobilisiert die letzten Reserven! Wahlkampf ist Klassenkampf!“662 Kennzeichnend für die Wahlkampforganisation der KPD war neben der Tendenz zur Zentralisierung und Vereinheitlichung durch spezielle Rundschreiben der Berliner Parteizen tra le an die Bezirke und Ortsgruppen eine parallel laufende Dezentralisation bei der technischen Herstellung des Propagandamaterials: „Initiative von unten“ lautete hier das Prinzip der KPD vor dem Hintergrund ihrer innerparteilichen Bolschewisierung. Schon im Herbst 1924 sollte den Richtlinien der Parteizen trale zufolge auch das Schwergewicht der Wahlpropaganda auf und in die Betriebe gelegt werden: In Anknüpfung an die „unmittelbarsten politischen und ökonomischen Erfahrungen der Belegschaft“ seien neben der mündlichen Bearbeitung der Arbeitskollegen und den Flugblättern kommunistische Betriebsversammlungen die wirksamsten Mittel663. Weil das „Reichswahlkomitee“ der KPD noch 1924 fast das gesamte Material für die Reichstagswahlen 1924 produzieren (und finanzieren) musste, versuchte die Parteileitung, diese Arbeit mehr auf regionale und lokale Agit- 224 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik prop-Ausschüsse zu verteilen. Vor dem 20. Mai 1928 forderte die Zentra le, dass jede Betriebs- und Straßenzelle der KPD in eigenen „Agitprop-Werkstätten“ den größten Teil des Wahlmaterials selbst anfertige, wozu ein Vervielfältigungsapparat gehöre, „der mit etwas Geschick im Basteln anstatt eines teuren, fertiggekauften, mit geringen Mitteln überall in Betrieb gesetzt werden kann“664. Einfallsreichtum und Kreativität der einfachen Parteimitglieder auszunutzen war nicht nur Wahlkampfstrategie, sondern schon ein von der ab 1924 akuten Finanzknappheit der KPD diktiertes Gebot. Gemäß der Auffassung von Kunst als „Waffe im Klassenkampf “ bildeten sich im Umfeld des von Willi Münzenberg aufgebauten Pressekonzerns so genannte Arbeiterkorrespondenten und -zeichnerbewegungen. Als neuartiges Arbeitertheater entstanden „Agitpropgruppen“, die zum größeren Teil aus Laien bestanden und deren Themen direkt aus der politischen Praxis genommen wurden. Bereits im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 seien dem Bericht der Zen tra le zufolge „gewisse neue Methoden der Agitation und Propaganda“ mit Erfolg angewandt worden, namentlich Mittel der propagandistischen Kleinarbeit wie Straßenpropaganda, Rote Landsonntage oder die Transparentpropaganda, mit denen die KPD vielerorts in den letzten Tagen vor der Wahl das Straßenbild beherrscht habe665. Weil die KPD der finanziellen Mitteln ihrer Gegner entbehre, die sich „aller Möglichkeiten der Technik und Reklame“ bedienten, so das Wahlhandbuch der Zentral-Agitprop im Frühjahr 1928, komme es für sie um so mehr da rauf an, unter Heranziehung aller Funktionäre und Anhänger andere, neue „proletarische Formen der Agitation“ zu finden. Für den Reichstagswahlkampf wollte die Zen tra le deshalb ausdrücklich kein Schema vorschreiben, sondern den Organisationen lediglich „Anregungen“ geben. Die Wahlpropaganda sei gerade dadurch am wirksamsten, dass sie überall der jeweiligen Umgebung angepaßt werde, „dass wir durch das reichhaltige Agitationsmaterial, das unsere Genossen in jedem Ort, jedem Betrieb, ja in jedem Häuserblock selbst herstellen, die allgemeinen Losungen und Parolen mit der örtlichen Lage in konkrete Verbindung bringen können“. Worauf es ankomme, sei nicht bloß die Ausführung zen tra ler Beschlüsse, sondern die „politische Konkretisierung der allgemeinen Linie der Partei entsprechend den besonderen lokalen, wirtschaftlichen, politischen Verhältnissen“ und vor allem „lebendige, aktuell eingestellte Agitation“666. 225 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Wie vorbildhafte und vor allem „kostenlose Straßenpropaganda“ aussah, illustrierte eine im Frühjahr 1924 vom Reichs-Wahlkomitee veröffentlichte Broschüre mit Fotografien und Zeichnungen. Im Rahmen der lokalen Verhältnisse und Möglichkeiten sollten die Kommunisten nach diesen Anleitungen vor Ort ähnliche Propaganda machen – nicht selten an der Grenze der Legalität. Gleich das erste Bild zeigte, wie am zweckmäßigsten das wilde Ankleben von Wahlplakaten zu bewerkstelligen sei. Auf anderen Fotografien waren Wagenkolonnen mit Fahnen und Transparenten, Wandzeichnungen oder Hofagitation und ausgefallene Kostümierungen zu sehen, wie auch wandelnde Litfasssäulen oder einfach das Zeichnen eines Sowjetsterns auf dafür geeignete Flächen667. Auf dem X. Parteitag der KPD im Juli 1925 in Berlin wurde ihre zentra le Propagandaarbeit für die mittleren Jahre festgeschrieben. In einer von der parallelen Reichs-Agitprop-Konferenz verabschiedeten Resolution zur Durchführung von Kampagnen definierte man diese als eine „konzentrierte Organisationsform, die unter einheitlicher Losung von den in Frage kommenden Parteiorganen für eine bestimmte Zeit“ geführt werde. Eine Kampagne dürfe nicht endlos sein, sondern müsse stets ein „festes organisatorisches terminmäßiges Ziel“ und ein solches Maß an Kräftekonzentration und Planung aufweisen, dass die Resolution ausdrücklich den Vergleich mit einer „militärischen Operation“ und der Präzisionsarbeit des Generalstabes einer Armee zitierte668. An der bisherigen Kampagnenführung der KPD wurde vor allem der Dualismus zwischen allgemeiner Parteipropaganda und der speziellen Agitation einer Kampagne kritisiert. Statt Wahlkämpfe nur als die „zen tra le Spitze“ der Parteiarbeit zu betrachten, stellten viele Funktionäre noch vor Wahlen die sonstige Agitation ein, darin den Sozialdemokraten ähnlich, die Wahlen als „höchste Aktion des Klassenkampfes“ betrachteten. Es sei aber grundsätzlich falsch, beim zeitlichen Zusammentreffen verschiedener Kampagnen eine zugunsten der anderen aufzugeben, vielmehr gelte das Prinzip: „Die Reichstagswahl schließt Gewerkschaftsarbeit nicht aus, sondern die Gewerkschaftsarbeit ist die Voraussetzung für gute Erfolge zur Reichstagswahl“669. Bezüglich der Vorbereitung von Kampagnen betonte die Resolution, dass alle Parteiorganisationen und Mitglieder sowohl mit den konkreten Inhalten als auch mit den technischen Abläufen vertraut gemacht werden müssten. Die Anwendung der verschiedenen Agitationsmittel müsse planmäßig und aufeinander abgestimmt sein, ob es sich nun da- 226 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik bei um die mündliche Agitation, die Versammlungstätigkeit, die He rausga be von Plakaten und Flugblättern oder De mons tra ti o nen handle. Ausgangspunkt jeder kommunistischen Werbearbeit sollten stets die täglichen Ereignisse sein, die den Arbeitern bekannt und vertraut seien. Die Gegnerbekämpfung dürfe nicht an „Ideologien“ anknüpfen, sondern müsse die „soziale Struktur“ des Gegners zum Ausgangspunkt nehmen. Generell wurde die Forderung laut, die Agitationsmittel der KPD zu verbessern und endlich den Konkurrenzkampf mit der „kapitalistischen Werbearbeit“ aufzunehmen670. Die erste größere Parteiaktion seit dem missglückten „deutschen Oktober“ von 1923 und anschließenden Parteiverbot, während dessen die Organisation der KPD fast zusammenbrach, war der Reichstagswahlkampf im Frühjahr 1924, in dem wieder breitere Mitgliederkreise aktiviert wurden. Erstmals übernahm die bereits im September 1923 bei der Berliner Parteiführung eingerichtete Zentral-Agitprop, die aus dem Abteilungsleiter, dem Sekretär, einem Stenotypisten und einem Boten bestand, die „Leitung der gesamten Agitation und Propaganda“ für das Reich, das hieß Herstellung und Versand sämtlicher Drucksachen, von Bildmaterial, Plakaten und Flugblättern, aber auch Lichtbildern oder Klebestreifen. Neben der Kontrolle der technischen Propaganda hatte sie zudem den Aufbau und die Arbeit der regionalen Organisationen zu lenken671. Die Parteileitung berief nach der Reichstagsauflösung im März 1924 ein 20-köpfiges Zentralwahlkomitee, aus dem wie de rum ein kleineres, achtköpfiges Arbeitskomitee gebildet wurde, mit Hermann Remmele als erstem Vorsitzenden und Wilhelm Pieck als Verantwortlichem für die „politisch-literarische Arbeit“ im Wahlkampf sowie anderen Spezialisten für die Druckarbeiten, den Versand und die Versammlungsagitation. Nach diesem Vorbild sollten in jedem Bezirk Wahlkomittees von Genossen gebildet werden. Wenn auch das Zentralwahlkomitee ihnen Propagandamaterial bereitstelle, müssten sich die Unterbezirke und Ortsgruppen der KPD „in stärkstem Maße auf die eigene Kraft einstellen“672. Zwar konnten nicht alle Pläne für den Wahlkampf im Frühjahr 1924 umgesetzt werden, doch gelang es den Kommunisten immerhin, neben den Druckschriften – darunter 13 Wahlflugblätter in einer Gesamtauflage von 5,3 Millionen Stück, wogegen sich die acht Plakate mit 380 000 Stück bescheiden ausnahmen – noch Diapositive für Kinopropaganda und Lichtbildvorträge, 13 Referentenmaterialien und 2,4 Millionen Klebezettel sowie 1 300 Schablonen herauszugeben. Dieses zen tra le Wahl- 227 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen material eignete sich zwar für die mit der Reichstagswahl zusammenfallenden Kommunalwahlen in Preußen, doch für die Landtagswahlen in Bayern am 6.  April musste noch Material vor Ort hergestellt werden673. Ihren eigentlichen Höhepunkt erreichte die Kampagne der KPD gegen die mittlerweile vom Reichstag angenommenen Dawesgesetze im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924, den sie unter der Parole „Zuchthauswahlen“ stellte und der mit einer Mitgliederwerbeaktion gekoppelt wurde: „Für jeden proletarischen Gefangenen zehn neue Kämpfer“. Speziell für dieses „Amnestieaufgebot“ ließ die Zen tra le unter anderem 70 000 Widmungsblätter für Neumitglieder sowie 300 Leninbilder zur Belohnung für Genossen drucken, die mehr als zehn neue Mitglieder warben674. Zusammen mit den Materialien für die am gleichen Tag abgehaltene Landtagswahl in Preußen gab die Zen tra le der KPD im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 insgesamt Drucksachen in einer Ge samtaufl a ge von 32,7 Millionen Stück heraus. Wiederum dominierten mit einer Auflage von 14,5 Millionen eindeutig die Flugblätter. Erstmals überschritt jedoch die Zahl der Plakate knapp die Millionengrenze, während die Ziffer für „instruktives“ Material auf 122 000 stieg. Damit sei der Reichstagswahlkampf vor dem 7. Dezember 1924 zur „größten organisatorischen Leistung“ der Partei im Berichtszeitraum 1924/25 geworden, so der Parteitagsbericht. Allerdings hätten die Betriebszellen noch keinen wesentlichen Einfluss ausüben können, obwohl in Gebieten mit fortgeschrittener Umstellung der Organisation eine „sehr deutliche Belebung der allgemeinen Partei- und Wahlarbeit“ festzustellen gewesen sei. Zen tra le Propagandamaterialien könnten jedoch immer nur Unterstützung und „Zuschuss für das Bezirksmaterial“ sein, weil es nicht möglich sei, lokale Ereignisse von Berlin aus angemessen zu würdigen. Aus den Kampagnen 1924/25 müssten daher alle Parteiorganisationen die Lehre ziehen, „die Arbeit auf den verschiedensten Arbeitsgebieten unter einheitlichen Parolen terminmäßig festzulegen, planmäßig durchzuführen und miteinander zu verbinden“675. Die Agitpropabteilung beim ZK konnte dem Parteitag 1929 berichten, welchen Aufschwung die Wahlarbeit der KPD in den zurückliegenden Jahren genommen hatte. Den Erfolg am 20. Mai 1928, als man über eine halbe Million Stimmen dazu gewinnen konnte, verdanke die Partei nicht zuletzt der Tatsache, dass sie „für solche Kampagnen alle modernen Agitationsmittel (Film, Grammophon, Propagandaautos, Theater- 228 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik aufführungen, lebendige Ausgestaltung des Straßenbildes usw.)“ auszunutzen gelernt habe676. Allein die zen tra le Agitpropabteilung gab zu den Reichs- und Landtagswahlen im Frühjahr 1928 insgesamt 26 Flugblätter in einer Auflage von 26,2 Millionen Exemplaren, 1,2 Millionen Stück von 24 Plakaten, 22 „Traktätchen“, das waren kleinformatige Flugschriften, in einer Auflage von zwei Millionen heraus, des weiteren 17 verschiedene Matern von Wahlzeitungen an alle Druckereien der KPD im Reich sowie 115 Bildmatern, Handbücher zur Reichs- und Landtagswahl, 29 Klebestreifen und 25 verschiedene Klebemarken in je zwei millionenfacher Auflage, 1 000 Gummistempel mit zehn verschiedenen Wahlsprüchen, schließlich drei Wahlfilme in 37 Kopien, fünf Bildbandstreifen in 391 Kopien sowie 13 Grammophonplatten in einer Auflage von 6 300677. Die Richtlinien der KPD-Zen tra le für die Wahlpropaganda konzentrierten sich auf die Arbeit in den Betrieben, angefangen von der „Fließband-Agitation“ in Großbetrieben – das heißt dem Ankleben von Zetteln, die auf dem Fließband von Mann zu Mann weiterliefen −, dem Anschreiben von Parolen mit Kreide oder Farbe an zen tra len Punkten des Betriebes, bis hin zur erfolgreichsten Methode, der „persönlichen, individuellen Bearbeitung der Kollegen, die Agitation von Mund zu Mund“678. Hinsichtlich der Wohnbezirks- und Straßenpropaganda empfahl das Handbuch der Zen tra le die Einrichtung von Agitationslokalen (meist in den bereits vorhandenen Parteilokalen), von denen aus die planmäßige Bearbeitung der einzelnen Häuserblocks, Straßen, Lokale und Plätze geschehen könne. Als Anlauf- und Sammelstellen für Wahlhelfer und das in den Agitprop-Werkstätten hergestellte Material sollte schon durch ihre Dekoration der werbende Charakter zum Ausdruck kommen, im Innern durch Bildplakate oder Statistiken an den Wänden, Schaubilder oder schriftliches Material, so dass eine „kleine Ausstellung“ zu sehen sei. Aus jeder Arbeiterwohnung sollten während des Wahlkampfes Plakate oder rote Fahnen hängen, in den Fenstern möglichst Lichttransparente angebracht, bei Dunkelheit durch Kerzen oder, wo vorhanden, durch elektrische Lampen beleuchtet, rote Stoffstreifen mit den Wahlparolen der KPD quer über die Straße gespannt werden679. Zur Straßenagitation zählte die KPD-Zen tra le im Frühjahr 1928 auch öffentliche Musikkonzerte von RFB-Kapellen und Arbeitergesangvereine oder Umzüge durch die Straßen mit Musik, Transparenten und Sprechchören. Da die bildliche Darstellung oft größere Wirkung erziele als Wort und Schrift, setzte man vermehrt auch Bildplakate sowie „figürliche Dar- 229 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen stellungen“ durch kostümierte Agitationstruppen oder Plakatkolonnen ein, wobei jeder Träger einen Buchstaben trug, die dann in richtiger Reihenfolge die kommunistische Parole wiedergaben. Die Aufmerksamkeit der Bevölkerung werde leicht auf solch „wandelnde Plakatsäulen“ gelenkt, wenn sie in größerer Anzahl hintereinander durch die Straßen marschieren würden: „Schon weil unmittelbar vor der Wahl auch der Gegner auf der Straße auftritt, müssen wir zeigen, dass die Straße uns gehört“680. Generell fällt an diesen Ratschlägen der KPD zur Wahlpropaganda die Möglichkeitsform auf, in der sie geschrieben sind und die da rauf hindeutet, dass der Organisationsstand die Durchführung nicht im beabsichtigten Maße erlaubte. Ausdrücklich sollten aber die „Sympathisierenden“ in die Wahlarbeit miteinbezogen werden. Bei ihrer Anwerbung ging die KPD nicht planlos vor, sondern anhand von Adressenlisten, so genannten Sympathisierenden-Karthotheken, die auf die einzelnen Parteimitglieder nach Häuser- oder Straßenblocks zur Bearbeitung aufgeteilt wurden. An jeden Genossen und Sympathisierenden in Berlin erging Ende April 1928 der Appell, sich zu den „Hausagitationssonntagen“ morgens um 9 Uhr in den Parteilokalen einzufinden. Außer dem zentra len „Wahlmanifest“ der KPD, ihrer „Massenliteratur“ und den Wahlzeitungen des Bezirkes, die in der Regel zum Preis von fünf Pfennig verkauft wurden, sollten noch ein „Maiabzeichen“ für zehn Pfennig bei der Hausagitation in stärkstem Maße eingesetzt werden sowie Sammellisten, Sammelbüchsen und Wahlfondsmarken zu 10 und 20 Pfennig, da die Partei allein für Berlin „100 000 Mark Wahlpulver“ brauche. Planmäßig müssten alle Betriebe in größeren Städten von Parteigenossen durch Heraus ga be von Flugblättern und Zeitungen, ihre Verteilung in und vor den Betrieben, Einberufung von Betriebsversammlungen oder Versammlungen mit Lichtbild- und Filmvorträgen bearbeitet werden. Entsprechend den Weisungen der Zen tra le stellte die Berliner Parteiorganisation im Frühjahr 1928 für die letzte Wahlkampfwoche einen detaillierten „Arbeitskalender“ auf. Der letzte Sonntag vor der Wahl wurde zum „Groß-Werbe- und Sammeltag“ erklärt. In jedem Ort seien gemeinsame Abschlussdemonstrationen möglichst aller kommunistischen Organisationen zu veranstalten, vom RFB, den Turnvereinen bis hin zum Radfahrerklub. Der Donnerstag vor der Wahl, zugleich ein Feiertag (Christi Himmelfahrt), sollte besonders der Landagitation dienen. Schon am Vorabend müssten die Ausflügler an den Bahnhöfen bearbeitet werden, anderntags dann in den Ausflugslokalen und Laubenkolonien. Am 230 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Freitag stand die große Abschlusskundgebung der KPD im Sportpalast auf dem Plan, parallel dazu Wählerversammlungen in den Außenbezirken Berlins. Ein genauer „Aufmarschplan“ für die anschließende Demonstration wurde in der Roten Fahne veröffentlicht. Der Samstag sollte vor allem zu weiteren De mons tra ti o nen genutzt werden, während der Wahlsonntag völlig verplant war: „6–10 Uhr Plakatstehen an Ausflugsbahnhöfen, 8–12 Uhr Haus-, Hof- und Straßenagitation, 7 Uhr Treffen im Agitationslokal. Schlepperdienst – Platzkonzerte des RFB – Dienst vor und im Wahllokal – Abends Wahlkundgebungen in allen Verw.[altungs]-Bezirken mit Bekanntgabe der Resultate“. Alle verfügbaren Musikkapellen des RFB und der Arbeitergesangsvereine sollten ab dem frühen Morgen Umzüge veranstalten. Damit sie dann den ganzen Tag für die Wahlarbeit zur Verfügung stünden, wurde den Mitgliedern nahegelegt, sofort nach Öffnung der Wahllokale wählen zu gehen. Vor allen Lokalen müssten rechtzeitig Plakatträger und Agitatoren der KPD stehen: „Während des ganzen Wahltages müssen alle Agitationskolonnen mit Wagen, Fahrrädern, Transparenten, Plakatsäulen usw. ständig auf den Stra- ßen sein“681. Dass die Durchführung eines Reichstagswahlkampfes von der KPD- Führung generalstabsmäßig geplant wurde, zeigen die Richtlinien der Zen tra le vom Sommer 1930. Erste Maßnahmen nach der Reichstagsauflösung waren die Sitzungen der Parteileitungen, die Aussprache mit den Vertretern der Massenorganisationen, sodann die Festlegung der Wahllokale, Aufstellung der Arbeitspläne und Anweisungen für Werbe- und Sammelaktionen in den Bezirken. Für die dritte Wahlkampfwoche standen Sonderaktionen wie die Antikriegsdemonstration der KPD auf dem Plan. Während auf dem Lande die Rednereinteilung und Beschaffung der Wahllokale zu geschehen habe, Agitpropgruppen und Musikkapellen mit dem Üben begönnen, wurden in den Sekretariaten der Parteileitungen die Kandidatenlisten vorbereitet. Für die vierte Wahlkampfwoche war neben diesen Vorbereitungen die Mobilisierung vor allem der Massenorganisationen eingeplant, der Druck der zen tra len Wahlmaterialien, die Einrichtung der Wahllokale, sowie allgemein die „Verstärkung schwacher Punkte, Heranziehung neuer Kräfte“. In der folgenden Woche sollten „Instrukteure“ der Berliner Zen tra le die Wahlvorbereitungen der Bezirke kontrollieren, bevor drei Wochen vor der Wahl der Wahlkampf „auf der ganzen Front“ einsetzen würde. Die Einsichtnahme der amtlichen Wählerverzeichnislisten in der gleichen Woche stell- 231 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen te die „Generalprobe unseres Wahlapparates“ dar, bei der etwaige Mängel entdeckt und beseitigt werden könnten682. Die Appelle zur verstärkten Dezentralisierung der Wahlpropaganda mussten den gleichzeitig starken dirigistischen Eingriffen der Berliner Zen tra le widersprechen, welche die Tatkraft der Genossen vor Ort lähmte, deren eigenständige Wahlkampfführung nur auf technischem Gebiet opportun war. Ungeachtet der früheren Appelle zur lokalen Selbstinitiative geriet die Parteileitung im Sommer 1930 in die Verlegenheit, den Bezirksorganisationen ausdrücklich eine „unkontrollierte Verlagstätigkeit“ verbieten zu müssen, weil die zen tra le Agitation nicht einheitlich zu führen sei, wenn die Bezirke zu viel eigenes Material herausgäben683. Besonderes Kennzeichen des Reichstagswahlkampfes der KPD vom Sommer 1930 waren die „roten Wahlausschüsse“, die überall als „Einheitsfrontorgane des revolutionären Proletariats zur Organisierung des politischen Massenkampfes“ gebildet werden sollten. Sie hatten die Aufgabe, als Voraussetzung für „rote Wahlhelfergruppen“ in allen Stadt- und Ortsteilen Agitationslokale einzurichten, möglichst in der Nähe von Betrieben, Stempelstellen oder an wichtigen Verkehrspunkten. Die roten Wahlhelfer konnten wie de rum zum Schutz der Agitationslokale, der Transparente, Plakate sowie der Versammlungen und De monstra ti o nen herangezogen werden. Für besonders erfolgreiche rote Wahlausschüsse stiftete die Zen tra le in Berlin Buchpreise zur „Förderung eines gewissen revolutionären Wettbewerbs“684. Bei der Kritik des Reichstagswahlkampfes vom Sommer 1930 stellte das ZK der KPD dennoch fest, dass die „Verbindung des Wahlkampfes mit der außerparlamentarischen Massenmobilisierung absolut ungenügend“ gewesen sei. So sei es während des Wahlkampfes nicht gelungen, größere Streikbewegungen auszulösen. Ein Grund dafür sah man in der fast ausschließlich auf Wohngebiete konzentrierten Wahlagitation der KPD, der geringen Anzahl von Betriebsversammlungen, womit die regionalen Parteileitungen gezeigt hätten, dass der Betrieb immer noch nicht im „Brennpunkt ihrer Politik“ liege685. Dementsprechend setzte der Arbeitsplan der Zen tra le für den Reichstagswahlkampf im Sommer 1932, durch den alle Bezirksleitungen, Redaktionen und Leitungen der Massenorganisationen instruiert wurden, die „außerparlamentarische Zielsetzung“ von vornherein strikt fest. Die Zusammenfassung der werktätigen Massen zu einer „großen zen tra len Manifestation“ am Wahltag sollte gemäß der „Methode der möglichsten Dezentralisation“ gesche- 232 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik hen, eben der Verlegung des propagandistischen Schwerpunkts auf und in die einzelnen Betriebe, Stempelstellen und Bevölkerungsschichten686. Für einen „sachlichen Kampf der Geister“ – Zur Wahlkampfführung des Zen trums Der Übergang vom Obrigkeitsstaat zur Demokratie war für die Zentrumspartei Anlass gewesen, eine Reform zumindest der zen tra len Führungsstrukturen in Angriff zu nehmen. Als Kern einer zukünftigen neuen Organisation wurde im November 1918 das Reichsgeneralsekretariat in Berlin gegründet, das in den 1920er-Jahren unter Führung von Heinrich Vockel für die Koordinierung der zen tra len Propaganda und Organisation zuständig war. Aufgrund der ungenügenden Mitgliederstrukturen blieb das Zen trum auch während der Weimarer Re pu blik wesentlich auf die vielfältige Unterstützung der katholischen Verbände angewiesen. Der 1921 gegründete Reichsverband der deutschen Windhorstbünde stellte die gerade in Wahlkämpfen wichtige Verbindung zu den mehr als eine Million Frauen und Männern sicher, die in den kirchennahen Jugendorganisationen aktiv waren687. Die mangelhafte Parteiorganisation des Zen trums, insbesondere das Fehlen eines flächendeckenden Ortsgruppennetzes, stellte auch nach 1918 ein ungelöstes Problem dar und ihr planmäßiger Ausbau eine ständig angemahnte Forderung. In Diasporagebieten trat die Partei nach wie vor selbst in Wahlzeiten nicht in Erscheinung. Erschwerend für den massendemokratischen Konkurrenzkampf wirkten sich traditionelle Vorbehalte gegenüber neuen Werbemethoden und eine daraus resultierende Farblosigkeit der Propaganda des Zen trums sowie das Fehlen einer un mittelbar von der Partei wirtschaftlich abhängigen Presse aus688. In einem 1925 wiederaufgelegten parteioffiziösen Organisationshandbuch wurde unter Berufung auf die „ruhmreiche Vergangenheit“ des Zen trums dringend ein Ausbau der Parteiorganisation und des Vertrauensmännersystems gefordert. Das „religiös-apologetische und sozial-aufklärende Gebiet“ sollte ganz dem Katholischen Volksverein überlassen werden, damit sich das Zen trum strikt auf seine politischen Aufgaben konzentrieren könne: „Eine ersprießliche Parteiarbeit ist nur möglich, wenn eine gut ausgebaute und mit reichlichen Mitteln ausgestattete Bezirks- und Wahlkreisorganisation die Parteiarbeit bis in das letzte Dorf hineinträgt und befruch- 233 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen tet“. Vorrang müsse die Gewinnung neuer Anhänger, die „Kleinarbeit gut geschulter Vertrauenspersonen“ sowie die „ständige Werbung für die Parteipresse“ haben. Als Kern neuer Ortsgruppen würde sich aber insbesondere auf dem Lande noch die Geistlichkeit empfehlen, wobei es dem Weimarer Zen trum vor Reichstagswahlen schwer fiel, diese für seine Wahlkämpfe unverzichtbare Unterstützung des Klerus und der katholischen Vereinsvorsitzenden einzuholen689. Dass vor dem Krieg noch kein „moderner Parteiapparat“ geschaffen worden sei, so Parteivorsitzender und Reichskanzler Marx auf dem Parteitag des Zen trums im Oktober 1924, habe der Auffassung entsprochen, „gemeinsame Weltanschauung und liebevoll gepflegte politische Tradition“ genügten, um der Partei einen Platz in der „politischen Arena“ des Deutschen Reiches zu sichern690. Vom Gegner, namentlich der Sozialdemokratie zu lernen, stellte einen ständigen Appell in der Propagandaarbeit des Zen trums dar, das neidvoll auf die über Mitgliederbeiträge getragene Finanzierung und die „materielle Opferwilligkeit“ ihrer Anhänger blickte. Was man der sozialdemokratischen Organisationskraft entgegensetzen konnte, war die religiöse Disziplin der eigenen Anhänger, an die vor Wahlen auch ganz bewusst appelliert wurde, etwa in Form von „zehn Geboten für Zen trumswähler“, deren erstes Gebot sei, ihre „Pflicht“ zu tun, die Kirche zu besuchen und wählen zu gehen. Wahlkämpfe bestritt das Zen trum stets in der Überzeugung von „der vaterländischen Notwendigkeit ihrer Politik und im Vertrauen auf die bewährte Treue ihrer Wähler“, so eine Entschließung nach der Reichstagsauflösung im Oktober 1924691. Analog zu dem Selbstverständnis einer Partei der politischen Mitte und der sozialen Versöhnung stand das Zen trum parteipolitischer Propaganda grundsätzlich skeptisch gegenüber. Da sie das harmonische Bild der angestrebten „Volksgemeinschaft“ in Frage stellten, wurden Wahlkämpfe allenfalls als notwendiges, zeitlich möglichst zu begrenzendes Übel akzeptiert, ihre verzerrt wahrgenommenen „Auswüchse“ jedoch schärfstens verurteilt. Der „Kampfcharakter“ jeder politischen Wahl, so eine für das Zen trum typische Verlautbarung, bestimme auch die Propaganda der Parteien, zumal es um die „Beeinflussung von Massen“ gehe. In Wahlzeiten würden zwangsläufig gröbere Mittel als sonst in der Politik angewandt: „Die Sprache der Agitation wird massiver, die Kritik am Gegner wird schärfer“. Falsch sei die selbst in bürgerlichen Kreisen anzutreffende Auffassung, die Auswüchse im Wahlkampf damit zu ent- 234 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schuldigen, dass man sagt, „im Kriege – und Wahlkampf sei eben Krieg! −“ sei jedes Mittel erlaubt. Vielmehr stelle sich die Frage, „ob ein Kulturvolk wie das deutsche es mit seiner Würde vereinbaren kann, dass in den wenigen Wochen des Wahlkampfes eine Verhetzung der Volksgenossen, eine persönliche, verletzende Bekämpfung der politischen Gegner untereinander, ein wilder Kampf mit allen, selbst den skrupellosesten Mitteln“, sich ausbreiten dürfe. Nein, lautete die Antwort, Wahlkampf sei kein Selbstzweck, schließlich müsse man sich doch nach der Wahl zur „sachlichen Arbeit“ zusammenfinden. Jede „unwürdige und exzessive Wahlmache“ würde nur eine „Vergiftung der politischen Gegnerschaften“ zur Folge haben und die unumgängliche künftige Zusammenarbeit der Parteien im „In te res se des Gemeinwohles“ erheblich behindern. Ihre „klärende, belebende vorwärts- und aufwärtsweisende Mission“ erfüllten die Wahlkämpfe aus Zen trumssicht freilich nur, insofern sie die eigene „Front der sachlichen Arbeit“ verstärkten692. Dem Ideal eines friedlichen, vorwiegend mit publizistischen Mitteln ausgetragenen „Kampfes der Geister“ entsprach im Zen trum die letztlich realitätsferne Ansicht, bei Wahlen und der Wahlentscheidung dürfe es nicht auf die „Reklame“ ankommen, sondern nur die „sachliche Arbeit“ und Leistung einer Partei „im Dienst am Staat“ beurteilt werden. Stets habe das Zen trum „opferwillig“ in allen Ministerien seit 1919 mitgearbeitet, lautete der rote Faden, der sich einem Generalmotto gleich durch seine Wahlpropaganda zog. Dem eigenen Appell an die „politische Vernunft“ des Wählers wurden die demagogischen „Taschenspielertricks“ der Gegner warnend gegenübergestellt693. Bis in die dreißiger Jahre hinein beschränkte sich das Zen trum nicht zuletzt infolge solch weltanschaulicher sowie finanzieller Gründe in Reichstagswahlkämpfen weitgehend auf traditionelle Werbemittel wie die Presse beziehungsweise Zeitungen, Broschüren, Versammlungen und Flugblätter in zudem vergleichsweise niedrigen Auflagen. Während andere Parteien mit Werbefilmen, musikalischen Vortragsabenden und „einer Zehntausende verschlingenden Lichtreklame“ arbeiteten, lasse sich die Politik des Zentrums, so das Reichsgeneralsekretariat Ende November 1924, schon mit viel weniger „Tamtam“ propagieren694. Nicht zuletzt an den Wahlplakaten der Zen trumspartei könne man erkennen, dass „bei der Werbekunst ohne Umschweife die Einstellung auf die Massenpsychologie so wichtig [sei] wie die Wahrung der rein künstlerischen Aufgabe, und dass fernerhin neben dem Werbezweck kulturelle Ziele erreicht werden mit künst- 235 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen lerischer Durchdringung des öffentlichen Lebens. Das Gute spricht immer für sich, gerade auf dem Gebiet der Wahlpropaganda“695. Während in Diasporagebieten selbst vor Reichstagswahlen nicht einmal Versammlungen des Zen trums stattfanden, legten nicht zuletzt die Parteifinanzen seiner Propaganda selbst in Hochburgen wie Düsseldorf enge Grenzen auf. Im Reichstagswahlkampf vom Herbst 1924 verteilte das Zen trum dort immerhin 740 000 Flugblätter, konnte dafür aber im Unterschied zum Frühjahr keine eigene Wahlzeitung mehr herausbringen. Schon zaghafte Versuche, sich propagandistisch stärker auf die Bedingungen der Massendemokratie einzustellen, wurden dabei zudem von rechtskatholischen Kreisen als unchristliche Wahlkampfmethode kritisiert696. Scheiterte das auch finanziell begründete Bemühen, den Wahlkampf dadurch abzukürzen, dass man Auflösung und Neuwahl recht nahe zusammenlegte, mahnte das Zen trum dafür um so nachdrücklicher zur „sachlichen“ Führung des Wahlkampfes. Diese sei in Deutschland keineswegs selbstverständlich, weil das Reich in parlamentarischen Begriffen als „jung“ gelten müsse. In Ländern mit eingespielten demokratischen Gewohnheiten sei die „Sachlichkeit des Wahlkampfes“ schon deshalb größer, weil dort die Parteien von der Wählerschaft erfahrungsgemäß nachhaltiger an ihre Versprechungen erinnert würden: „Wieviel Gift würde aus den parlamentarischen und Wahlkämpfen verschwinden, wenn diese Mahnung, die doch nur ein Gebot der Klugheit ist, allgemeine Beachtung fände!“697 Vor dem Hintergrund solcher Grundstimmung, wonach den Wahlkämpfen an sich wenig politischer Stellenwert einzuräumen sei, entwickelte das Reichsgeneralsekretariat unter der Leitung Vockels in den 1920er-Jahren eine um so beachtlichere Aktivität. Mittels der sich vor Reichstagswahlen häufenden Rundschreiben verständigte es sich mit den Ortsgruppen und der Partei nahestehenden Zeitungsredaktionen im Reich, die zumindest im Ansatz auf eine einheitliche Linie festgelegt werden sollten, etwa wenn es galt, eine zentral in Berlin hergestellte Wahlzeitung oder ein letztes Flugblatt zu einem bestimmten Termin reichsweit erscheinen zu lassen. Angestrebtes Ideal war, dass die Propaganda überall in „lokaler Einstellung“ vorbereitet, das Wahlmaterial aber vom Reichsgeneralsekretariat zentral herausgegeben werde. Zugunsten grö- ßerer Zentralisierung forderte die Berliner Parteileitung etwa vor den Wahlen am 7. Dezember 1924 alle Organisationen auf, das zen tra le Hauptwahlplakat zu kleben, wobei den finanzschwachen Ortsgruppen eine 236 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik spätere Bezahlung erlaubt und denen, die besonders geldknapp seien, die Plakate sogar kostenlos zugeschickt würden. Den Anhängern des Zen trums müsse im Wahlkampf ein Gefühl der Sicherheit und überall wenigstens ein Zeichen der Parteiexistenz gegeben werden: „Mancher mag zweifelnd zu solch äußerlicher Parteiarbeit stehen und der Meinung sein, der gute Gedanke setzt sich von selbst durch. Doch in der heutigen geistig leicht beweglichen Zeit, wo wenige sich der Mühe des Nachdenkens unterziehen, wird eine erfolgreiche Wahlarbeit nicht ohne Werbetrommel geleistet werden können“698. Die Mobilisierung der eigenen Anhängerschaft zur Wahlarbeit spielte im Zen trum keine große, etwa der in den Linksparteien vergleichbare Rolle. Auch bei dieser Art der Binnenpropaganda grenzte man sich von den „marktschreierischen“ Methoden anderer betont ab. Rekrutierungsprobleme von Wahlhelfern schien es ohnehin dank der Unterstützung aus den katholischen Vereinen in der Regel nicht zu geben. Zwar sei die Freimachung von freiwilligen Hilfskräften für die Wahlarbeit, die Heranziehung der Jugend und nicht zuletzt der Frauen wichtig, aber: „Die wichtigste Waffe im Wahlkampf ist die Zen trumspresse, die viel mehr verbreitet werden muss. Ebenso notwendig ist auch die Stärkung der Parteikasse, denn ohne große Geldmittel lässt sich der Wahlkampf nicht führen“699. Unmittelbar nach der Reichstagswahl vom 4. Mai 1924 wandte sich Generalsekretär Vockel mit einem Rundbrief an die Parteiorganisationen sowie die dem Zen trum nahestehenden Geistlichen, um Erfahrungen und Lehren aus der Wahl zu erörtern. Mithilfe eines Fragebogens wurde unter anderem nach der Stimmung in der Bevölkerung vor der Wahl geforscht, auch danach, ob und wie sie sich bis zum Wahltag verändert habe, dabei aufgegliedert nach einzelnen Berufs- und Wählergruppen sowie hinsichtlich bestimmter Themenbereiche. Auch wollte die Parteizen tra le die Zahl der Agitatoren vor Ort wissen, wie sie sich bewährt hätten und welchen Berufen sie angehörten, wie die Zen trumspres se gearbeitet habe sowie mögliche Gründe für Erfolg oder Misserfolg der Partei in dem jeweiligen Bezirk. Ganz am Schluss des Fragebogens stand die Frage nach den Lehren für die zukünftige Agitation und wie sich die Bezirke die künftige Zusammenarbeit mit der Reichsparteileitung wünschten700. Inwieweit sich die aus solchen Umfragen gewonnenen Erkenntnisse auf die Wahlkampfführung des Zen trums auswirkten, lässt sich nicht sagen, zumal keine Antwortschreiben überliefert sind. Für den alles in 237 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen allem überraschenden Reichstagswahlkampf im Herbst 1924 werden sie mit Sicherheit nicht zu Konsequenzen in der Wahlarbeit geführt haben. Eine längerfristige Vorbereitung war dem Zen trum erst wieder vor der vierten Reichstagswahl im Frühjahr 1928 möglich. Bereits die Tagung der Parteibeamten vom 19./20.  April 1927 in Köln beschäftigte sich kurz mit den „Methoden des nächsten Wahlkampfes“, wobei Reichsgeneralsekretär Vockel da rauf hinwies, dass im Reichstagswahlkampf „Bildpropaganda (Tabellen, Kurven, Bilder)“ eine größere Rolle spielen werde701. Das Referat zum Thema Parteiorganisation hielt der Reichstagsabgeordnete Georg Schreiber, Professor für Kirchengeschichte in Münster, dessen kulturpolitische Schriften einigen Einfluss auf die Wahlpolitik des Zen trums ausübten. Nach wie vor fehle ein gleichmäßiger Ausbau der Unterbezirke sowie eine planmäßigen Führung der Agitation, so Schreiber. Gerade in Wahlkämpfen entwickle sich vielmehr immer noch ein „zeit- und geldraubender Wettstreit um die Gewinnung einiger weniger beliebter Rednerpersönlichkeiten“ zwischen den Bezirken. Durch die unbedachte Übernahme amerikanischer Propagandamethoden seien die Finanzen der Partei nach 1918 in einen andauernden „trostlosen Zustand“ gebracht worden, während zugleich die Organisation lange Zeit so desolat war, dass die Parteiarbeit mitunter von Schulkindern verrichtet werden müsse und keinerlei Zahlen über den Mitgliederstand des Zen trums vorlägen702. Für die auf den 8./9. September 1927 nach Mönchengladbach anberaumte Organisationskonferenz stand die Vorbereitung der nächsten Reichstagswahlen ganz oben auf der Tagesordnung. In dem von Vockel am 23. September ausgefertigten Sitzungsbericht waren die vom Reichsgeneralsekretariat geplanten Wahlmaterialien aufgelistet, angefangen von einer Broschüre zur Zen trumspolitik seit 1919, einem allgemeinpolitischen Flugblatt, ein Plakat in Normalgröße und im Postkartenformat, Informationsberichte sowie „Merkzettel“, die verschiedene Einzelheiten „in Angriff und Verteidigung“ behandelten und auch in Matern zum Nachdrucken durch die Organisationen bezogen werden konnten. Zur Propaganda in Zeitungen wurde wieder das Pressebüro Krauss herangezogen, ein in Berlin ansässiger „Politischer und Parlamentarischer Pressedienst“, der tägliches Wahlmaterial in Form von kleinen Aufsätzen oder Kästchenpropaganda an die befreundete und neu trale Presse weiterleitete, aber etwa auch gematerte Karikaturen anbot. Hinsichtlich der Frage, wie das zentral herausgegebene Material „bis in die letzte Orts- 238 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik gruppe“ gelangen würde, entschied sich die Parteibeamtentagung auf Vorschlag Vockels dafür, dass das Reichsgeneralsekretariat zunächst Proben an die für die Verbreitung verantwortlichen Landesgeneralsekretariate versenden würde, die dann wie de rum das Material den Ortsgruppen offerierten703. Auf der Konferenz des Parteivorstandes mit den Wahlkreisvorsitzenden, die im März 1928 anstelle eines ursprünglich geplanten Reichsparteitages stattfand, war man sich einig, im kommenden Wahlkampf verstärkt Bildagitation und technische Hilfsmittel einsetzen zu müssen, namentlich illustrierte Wahlzeitungen sowie Werbefilme. Trotz aller Zentralisierungsbemühungen der Parteiführung wurde aber auch der Reichstagswahlkampf 1928 regional mit unterschiedlicher Intensität geführt. Um wenigstens ein „reibungsloses Zusammenarbeiten zwischen Landesparteileitung und Bezirks- und Ortsgruppenleitung“ herbeizuführen, hatte das Zen trum immerhin in einzelnen Ländern einheitliche Richtlinien für die Wahlpropaganda festgelegt704. Nach dem enttäuschenden Ausgang der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 wurde innerhalb der Zen trumspartei heftiger als je zuvor über die Formen und Mittel der Wahlpropaganda gestritten. Der Partei habe, hieß es auf der Tagung des Parteivorstandes mit den Landesvorsitzenden und Parteisekretären am 1. Juni 1928 in Berlin, im zurückliegenden Wahlkampf an einer „zugkräftigen Parole“ gefehlt. Der Grund dafür sei, dass das Zen trum vor 1918 in erster Linie eine „kulturpolitische Partei“ darstellte, sich aber jetzt auch auf „das rein Politische und das rein Wirtschaftliche“ einzustellen habe. Eine „scharf herausgearbeitete politische Idee, ein klares politisches Programm“ wären das wirksamste Mittel gegen die stark auftrumpfenden Splitterparteien gewesen. Von dem oberschlesischen Reichstagsabgeordneten Pfarrer Carl Ulitzka kam hingegen die für den klerikalen Flügel des Zen trums typische Kritik, zu sehr nach „amerikanischen Muster“ Propaganda betrieben zu haben: „Autofahrten mit Renommier-Zen trumsleuten, Kinovorführungen u. dgl. widerspricht unserer Weltanschauung. Zu häufige Versammlungen lähmen das In teres se; wenige grosse, gut vorbereitete Zen trumsversammlungen beleben die Agitation. Kleinarbeit – wie Hausagitation – wirken besser als viele Versammlungen. Den Mitgliedern der einzelnen Stände und Berufe müssen kleine Drucksachen über die den Stand betreffenden Fragen ins Haus geschickt werden“. Scharf kritisiert wurde andererseits, dass die „besseren Stände“ und auch die Geistlichen nicht genügend mitarbeiteten, worüber sich eine lebhafte Diskussion über ihre Stellung zur Zen trumspartei 239 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen entspannte. Die Beiträge schwankten zwischen der Beobachtung, dass einerseits gerade die jungen Geistlichen sich vom Zen trum entfernten sowie andererseits dem Bericht des Pfarrers Ulitzka, wonach in Schlesien nur der Klerus die „Situation gerettet“ habe705. Auch das Zen trum konnte sich spätestens Anfang der 1930er-Jahre nicht mehr der allgemeinen Tendenz entziehen, die Wahlkämpfe einheitlicher und mit sorgfältiger logistischer Vorbereitung in Form von „Kampagnen“ zu zentralisieren. Die vom Reichsgeneralsekretariat der Partei vor den Juliwahlen 1932 herausgegebenen Richtlinien geben Zeugnis von dem Streben nach Professionalisierung in der Wahlarbeit. Sie wurden nach „eingehenden Vorbereitungen“ der Reichs- und Wahlkreisführungen Anfang Juni für reichsweit verbindlich erklärt, nicht ohne zu betonen, dass selbstverständlich die „besonderen Bedürfnissen“ der einzelnen Gebiete auch jetzt noch je „besondere“ Kampfmethoden erforderten. Ab Sonntag, dem 3. Juli 1932, also genau vier Wochen vor der Wahl, sollte die öffentliche Wahlpropaganda des Zen trums beginnen, mit großen Kundgebungen in allen Teilen des Reiches, die von den Landesund Provinzialverbänden nach einem „genauen Plan“ festgelegt würden. Um die Finanzierung des Wahlkampfes zu sichern, wurde ein öffentlicher Spendenaufruf des Zen trumsvorsitzenden in der Presse vereinbart. Alle da raufhin eingehenden Gelder würde das Reichsgeneralsekretariat direkt den Landesverbänden zuleiten. Bittschreiben einzelner Ortsgruppen müssten ignoriert werden, weil die Verteilung der Gelder von den Landesverbänden „geordnet“ vorgenommen werden müsse. Im übrigen sei notwendig, dass alle Ortsgruppen möglichst bald auch selbständig Sammlungen einleiteten sowie bei Großkundgebungen Eintrittsgelder erhöben706. Der erwähnte Spendenaufruf des Parteivorsitzenden Prälat Kaas vom Sommer 1932 war symptomatisch für das Verhältnis des Weimarer Zen trums zum Wahlkampf. Durch die Schuld der Gegner seien „die Massen zum so und sovielten mal den aufwühlenden Wirkungen eines sinnlosen Wahlkampfes“ ausgesetzt, der nicht ein „Kampf der Geister“ zu werden drohe, sondern eine „‚Materialschlacht‘ großen Stils“707. Überblickt man die Wahlkampfführung des Zen trums in den 1920er- Jahren, so erscheint sie in erster Linie als eine Geschichte von Defiziten und Versäumnissen. Diese wurden zwar vom Reichsgeneralsekretariat unter Vockel gesehen, konnten aber gegen die strukturellen Mängel in der Parteiorganisation nicht überwunden werden. Technische Hilfsmittel, derer sich selbst die anderen bürgerlichen Parteien wenn auch zag- 240 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik haft bedienten, stießen im Zen trum auf generelle und sittlich begründete Widerstände gegen jegliche „amerikanische“ Methoden in der Wahlarbeit, die geradezu als moralisch verwerflich erschienen. Es ist wohl nur der starken Verankerung im katholischen Milieu und der Mithilfe der katholischen Vereine zuzurechnen, dass das Weimarer Zen trum überhaupt zu größeren Wahlkampfaktionen fähig war, die sich freilich auf die Presse sowie die Versammlungs- und Flugblattagitation in den katholischen Kerngebieten konzentrierten. Zur Frage der Modernität der NSDAP-Propagandatechnik Der Nationalsozialismus gilt der Forschung gemeinhin als Verkörperung eines neuen Stils der propagandistischen Massenbeeinflussung, der freilich in den 1930er-Jahren nur deshalb solche großen Erfolge feiern konnte, weil er geschickt an Traditionen in der politischen Kultur Deutschlands anzuknüpfen verstand708. Apostrophierungen der NSDAP als Propagandabewegung, deren in vieler Beziehung subversive Taktik und Politik vor 1933 durch ein „Primat der Wahlwerbung“ geprägt gewesen sei, betonen die hohe Bedeutung der Reichstagswahlkämpfe für den Aufstieg Hitlers, auf deren Bühne sich das „visuelle und verbale Alphabet der nationalsozialistischen Konterrevolution“ inszenieren ließ709. Die Organisation der Wahlpropaganda und der Hitler-Kundgebungen wurde mit dem Durchbruch der NSDAP als nationale Massenpartei 1929/30 zur Hauptaufgabe aller Ortsgruppen und SA-Stürme. Überall warben die einsatzwilligen Nationalsozialisten mit Lautsprechern und Flugblättern für die Auftritte ihres „Führers“, um dann als „Statisten die sinnfällige Kulisse einer kampfbereiten Gefolgschaft“ zu bilden. Das Organisationsgeflecht der NSDAP glich dabei, so Hans Mommsen, bald einem „riesigen Werbeunternehmen, das geradezu kapitalistischen Wachstumsbedingungen unterlag“710. In der Debatte um das Verhältnis von Nationalsozialismus und Modernisierung etablierte sich die Forschungsmeinung, wonach in der Führung der NSDAP modernes, zweckrationales und technokratisches Denken dominierte. Zum Gemeingut der Weimar-Forschung gehört, dass die „Technikbegeisterung der Nationalsozialisten und ihre Ausnützung moderner technischer Mittel in den Wahlkämpfen vom Flugzeug bis zu Film und Radio“711 ein Zeichen, wenn nicht gar dynamisches Element 241 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen der Modernisierung in der Weimarer Gesellschaft darstelle. Ihre „Organisation des permanenten Wahlkampfes“ nach 1929 sei innovativ und modern gewesen, vor allem die „zen tra le Propagandasteuerung“ der NSDAP und der „Einsatz neuester Technik“. Jürgen W. Falter weist au- ßer auf die Werbefilme und Hitlers oft zitierten Deutschlandflug im Juli 1932 noch auf die „choreographisch durchstilisierten Inszenierungen von Massenkundgebungen sowie ein fast lückenloses, höchst effizientes Kommunikationsnetz“ hin. Nicht zuletzt die nationalsozialistische Mitglieder- und Wählerpolitik scheint aus heutiger Sicht eine frappierende Modernität zu kennzeichnen. Keine andere Weimarer Partei habe ihre Wahlkämpfe derart „perfekt und konsequent auf die jeweiligen lokalen Verhältnisse abgestellt und ihre programmatischen Schwerpunkte so virtuos verlagert wie die NSDAP“712. Da bereits reichlich zur praktischen Propaganda der NSDAP vor 1933 gearbeitet wurde713, kann hier die Betrachtung ihrer Wahlkampforganisation auf die Überprüfung der skizzierten Modernitäts-These beschränkt werden. Gegenüber den oft ohne Belege superlativisch formulierten Aussagen der Weimar-Forschung scheint angesichts neuerer Ergebnisse Vorsicht geboten, zumal gegenüber Einschätzungen wie der von Hagen Schulze, der vor dem 14. September 1930 „einen massenpsychologisch bis ins letzte berechneten Wahlkampf “ der NSDAP beobachtet, „die in Massenversammlungen, in Straßendemonstrationen, in öffentlichen Redeschlachten eine Präsenz wie keine andere Partei bewies, und deren Wahlaussage jenseits aller konkreten wirtschaftlichen und politischen Sorgen die tiefsten Tiefen der deutschen Seele berührte“714. Zu erinnern ist dagegen an die Heroisierung, welche Propaganda allgemein und speziell Wahlkämpfe in der „Kampfzeit“ durch die nationalsozialistische Literatur erfuhren715. Festzustellen ist des weiteren mit Gerhard Paul, dass es keine einheitliche Wahlkampfstrategie der NSDAP vor 1933 gab, diese sich vielmehr nach den jeweils wechselnden taktischen Überlegungen und politischen Rahmenbedingungen richtete: „Kein Wahlkampf der NSDAP vor 1933 glich in seinen Erscheinungsformen und Parolen, in seinen Zielgruppen und seinem Medieneinsatz dem anderen und doch ließen sie grundsätzliche Agitationsmuster und Gegnerprioritäten erkennen“716. Die methodische Variationsbreite der nationalsozialistischen Propagandamittel ist alles in allem eher als gering anzusehen. Die NSDAP vertraute bei weithin noch ungenügenden Organisationsstrukturen vor 242 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik 1930 im wesentlichen auf die „Wunderwaffe“ Hitler sowie auf Versammlungs- und Plakatpropaganda. Während ihr 1927 eingeleiteter Strukturwandel von der Kaderpartei zur Massenbewegung fast reibungslos glückte, erlebte die Propaganda der NSDAP allenfalls erst nach dem September 1930 die Modernisierung, die andere Weimarer Parteien wie vor allem die SPD bereits im Frühjahr 1928 durch die Verbreiterung ihres Spek trums an Werbemitteln einläuteten. In der Hierarchie der einzelnen Werbemittel besaß das „gesprochene Wort“, das heißt die Agitationsrede, den größten Stellenwert in der Propaganda der NSDAP vor 1933. Fast ebenso wichtig waren die Demonstrationsumzüge vor allem der SA im „Kampf um die Straße“. Als wichtigstes Medium der Bildpropaganda folgten die Plakate, während Symbole als Integrationsmittel nach innen und Werbefaktor nach außen genutzt wurden. Für die „Propaganda durch das geschriebene Wort“ empfahlen Wahlkampfrichtlinien der NSDAP im Sommer 1930 alle möglichen Arten von Druckschriften, Klebezetteln, Handzetteln, Flugblättern, Parteizeitungen und Büchern, Werbeheften, Plakaten, Stempeln, Briefmarken der Partei und Bildkarten, Transparenten und Werbetafeln717. Die noch vor 1924 stark umstrittene Frage der Beteiligung an Wahlen war ungeachtet der antiparlamentarischen Losungen der NSDAP nach der Neugründung im Fe bru ar 1925 im Sinne der „Legalitätstaktik“ Hitlers beantwortet, der die Parole von der „Parlamentspartei aus Zwang“ ausgegeben hatte718. Nach Vorbild der KPD versuchten die Nationalsozialisten, alle verfügbaren Energien auf die politische Werbung zu konzentrieren, logistisch sorgfältige Kampagnen zu planen sowie unkonventionelle Werbemethoden, kurz, die Mobilisierung der Wähler quasi als Selbstzweck zu betreiben. Wie für die Kommunisten war ihr äußeres Erscheinungsbild und nicht zuletzt der Stil der Wahlkampfführung auch für die NSDAP in besonderem Maße ein Mittel der Abgrenzung gegen- über den etablierten „alten“ Weimarer Parteien. Typisch eine Rede Hitlers vor dem 20. Mai 1928: „Vor der Wahl raffen sich die anderen Parteien plötzlich auf und lassen einige ihrer ‚Kanonen‘ auf die Wähler los. […]. Wie machen die bürgerlichen Parteien ihre Wahlarbeit? Sie bezahlen sie! Und wie machen unsere Jungen die Wahlarbeit? Das können sie nicht verstehen, dass Menschen fähig sind, für eine Sache, die ihnen zum Ideal geworden ist, sich einzusetzen, ohne das geringste zu bekommen“719. Nicht nur als propagandistische Bühne, sondern auch als Einnahme- und Finanzierungsquelle waren Wahlkämpfe für die NSDAP bald 243 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen unentbehrlich. In der Ausschöpfung ihrer kommerziellen Möglichkeiten erwiesen sich Nationalsozialisten als überaus geschäftstüchtig und erfinderisch. Insbesondere der Münchener Parteiverlag versuchte durch den Verkauf von Schriften und anderem Material im Wahlkampf auf seine Kosten zu kommen. Parteigenossen in kleineren Orten Bayerns, die noch ohne eigene Ortsgruppe waren, offerierte der Völkische Beobachter „Wahl-Werbepakete“, das Kilo für nur zwei Mark. Im „Nazisportversand“ Paul Arendts aus Sulzbach wurden Hausfahnen aus Baumwolle, „farbecht und billig“, Fahrrad-Wimpel, Tischstandarten und Papier-Wahlfähnchen angeboten, Letztere für 1,50 Mark die 50 Stück720. Aber auch die Partei selbst war in den 1920er-Jahren auf die Gelder aus dem Verkauf von Wahlmaterialien an die Anhängerschaft zur Finanzierung ihrer Kampagnen angewiesen. Standen der Parteileitung keine Mittel für die zen tra le Durchführung des Wahlkampfes zur Verfügung, erschien eine Sondernummer des Völkischen Beobachters, welche die Aufrufe und Flugblätter enthielt, die von den Parteiorganisationen im Reich auf eigene Kosten zu verbreiten waren. Dazu sollten sich in sämtlichen Orten Wahlausschüsse und „Propagandazellen“ bilden, deren Pflicht es war, mindestens 20 Mark zu sammeln und dafür 10 000 der durch den Völkischen Beobachter oder die sonstigen völkischen Organe angezeigten Aufrufe als Flugblätter drucken zu lassen und zu verteilen. Der NSDAP stünden nicht die Mittel des „Großkapitals“ zur Verfügung, sondern nur der „ehrliche Wille“ sowie der „Opfersinn“ ihrer Anhänger721. Diese Praxis der lokalen Selbstinitiative und des Handels mit Wahlmaterial wurde auch später beibehalten722. Hitlers Konzept, die Parteiarbeit der NSDAP auf die Mitglieder- und Anhängerwerbung zu konzentrieren und ihr so den Charakter einer reinen Wahlwerbeorganisation zu geben, setzte sich nach 1925 nur langsam durch. Die Organisation der NSDAP ließ zunächst weder eine zen tra le Propagandasteuerung noch eine schlagkräftige überregionale Wahlkampff ührung zu. Die neue Reichspropagandaleitung musste dazu stets Hitlers „tiefe Abneigung gegen jede bürokratische Politik-Planung“723 mit in Rechnung stellen. Erst Anfang der 1930er-Jahre erhielten die Reichstagswahlkämpfe der NSDAP einen stärker zentralistischen und professionellen Charakter. Gerhard Paul unterscheidet hinsichtlich der Reichspro pa gandaleitung vier Phasen: zunächst eine Zeit pragmatischer Selbstbeschränkung bei bescheidenen Möglichkeiten vor allem der Versammlungspropaganda und noch geringer, regional begrenzter Organi- 244 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sation in den Jahren bis 1923. An das Parteiverbot und die Neugründung schloß sich die Phase der Konzentration auf die Pressepropaganda in den Jahren 1925/26 an, die wie de rum abgelöst wurde durch die Phase der Bürokratisierung unter der neuen Reichspropagandaleitung von Gregor Strasser und Heinrich Himmler, dessen Idee der „Propaganda kon zentra ti on“, das heißt der intensiven punktuellen Werbekampagne und konzentrierten „Materialschlachten“, nicht zuletzt eine Notgeburt aufgrund der noch unzureichenden Organisationsstrukturen war. Mit dem „Organisationsplan zur Einrichtung von Propagandazellen der NSDAP“ vom März 1926 begann nach Paul die Zentralisierung ihrer Propaganda724. Erst aber mit der Berufung Goebbels ist ab 1930 eine „qualitativ neue Phase“ zu beobachten, die neben forcierter Professionalisierung auch die Modernisierung der Wahlarbeit bringen sollte, deren Hauptgewicht nach wie vor jedoch den untersten Propagandaeinheiten, insbesondere der SA, zufiel: „Ein einheitliches Erscheinungsbild war gerade für den von der modernen Markenreklame inspirierten Goebbels eine zen tra le Erfolgsvoraussetzung. Einheitliche Parolen, reichsweite Kampagnen, einheitlich geführte Wahlkämpfe, für die Goebbels umfangreiche Denkschriften formulierte, die Nutzung derselben Plakate in allen Gauen waren für ihn eine Selbstverständlichkeit“. Wenn er auch weitaus größeren Wert auf Modernität legte, kann seine Angriffs- und Gefühlspropaganda doch als praktische Umsetzung der Vorstellungen Hitlers gelten. Im Übrigen machte die NSDAP-Propaganda auch unter Goebbels weiterhin ungeniert Anleihen beim politischen Gegner, indem nach dem „trial and error“-Prinzip kopiert wurde, was Erfolg versprach725. Wenn auch mit Paul das Geheimnis der Wahlerfolge der NSDAP in der „modernen Vielzahl der Propagandamittel“ gesehen werden kann726, muss doch da rauf hingewiesen werden, dass sie zumindest bis 1930 nicht als die Partei gelten kann, die zuerst „moderne“, das hieß technische Hilfsmittel wie den Film oder das Flugzeug in ihrer Wahlpropaganda einsetzte. Vorangetrieben wurde der technische Wandel während der 1920er-Jahre vielmehr – wie oben angedeutet – in erster Linie von den Parteien der gemäßigten Linken, vor allem der SPD, aber auch den Demokraten, die im bürgerlichen Lager am stärksten die Notwendigkeiten des politischen „Massenmarktes“ in die Praxis umzusetzen bereit waren. Der nationalsozialistische Propagandatheoretiker Georg Stark, als Berliner Gaupropagandaleiter ein enger Mitarbeiter Goebbels’, musste noch im Sommer 1930 in seiner Schrift über „Moderne politische Propagan- 245 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen da“ – dem ersten Heft der von Goebbels herausgegebenen Schriftenreihe und eine Art Richtlinien für die Großstadtpropaganda – an seine Parteigenossen appellieren, endlich die „modernsten Werbemittel“ wie Lichtreklame und Werbefilme in den Dienst der Wahlarbeit zu stellen727. Noch Anfang der 1930er-Jahre sah auch Goebbels selbst einen erheblichen Nachholbedarf, was die Modernität der NSDAP und ihrer Werbemittel betraf. Tatsächlich waren auch die Propagandamethoden, auf die der Reichspropagandaleiter in den „Wahlschlachten“ des Jahres 1932 zurückgreifen konnte, bereits vorher entwickelt und von anderen Parteien erprobt, während sich die NSDAP etwa bei der Filmpropaganda auch jetzt noch schwer tat. Bis zum Sommer 1930 wurde ihr Wahlkampfstil kaum von der gegnerischen überregionalen Tagespresse wahrgenommen, sieht man von der Versammlungstechnik und den politischen Gewalttaten ab. Aus heutiger Sicht muten allenfalls noch die Weimarer Reichsparteitage, die als „Propagandafeste“ durch eine Vielzahl von Medien geprägt waren, von Fackelzügen bis hin zu der für die nationalsozialistische Identität wichtigen Symbolpropaganda, die im Hakenkreuz und in den Uniformen der SA ihren stärksten Ausdruck fand, als modern an728. Die Propaganda der NSDAP müsse sich jetzt endlich, forderte Goebbels aber noch Mitte 1931, „aller Mittel modernster Technik“ bedienen: „Flugzettel, Plakate, Massendemonstrationen, Presse, Bühne, Film, Radio – alles das ist Handwerkszeug unserer Propaganda“729. Hinsichtlich der von der NSDAP selbst als modern angesehenen Propagandamethoden ist ein Artikel von Helmut von Wilucki aufschlussreich, in dem dieser seine Erfahrungen im Reichstagswahlkampf vom Sommer 1932 im Wahlkreis Süd-Hannover-Braunschweig wiedergibt. Der Wahlkampf sei insgesamt schwierig gewesen, schickt er voraus, weil die NSDAP sich erstmals in der Verteidigung befunden habe. Wilucki lobte die „sehr geschickte“ Drei-Pfeile-Propaganda der SPD, welche es verstanden habe, die „psychologischen Gedankengänge der Masse“ auszunutzen. Das Wirkungsvollste im Wahlkampf der NSDAP seien dagegen einmal mehr die Hitler-Kundgebungen gewesen, wie überhaupt alle „Kundgebungen großen Stiles“, zumal wenn ihnen De mons tra ti o nen folgten, denn: „Der SA-Aufmarsch war von jeher das beste Propagandamittel unserer Bewegung“, stellte Wilucki rückblickend fest. In der Flugblattpropaganda habe sich die NSDAP gleich den anderen Parteien stark beschränkt, vielmehr gezielt Wahlzeitungen verteilt, die auf den jeweiligen Adres sa tenkreis zugeschnitten waren. Fahnen und Transparente wur- 246 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik den im Wahlkampf vom Sommer 1932 in erhöhtem Maße mithilfe von elektrischer Beleuchtung und Lautsprechermusik eingesetzt. Die größte Wirkung der Kleinpropaganda lasse sich erzielen, wenn die „Hitlerfahne“ das Straßenbild beherrsche. Wirklich gut beflaggte Wohnviertel, in denen auch die Fahnen der Gegner das Bild zusätzlich belebten, könnten selbst bei den politisch Gleichgültigen eine gewisse „Wahlpsychose“ auslösen. Ähnlich wirkten die zu Tausenden verteilten kleinen Hakenkreuz-Papierfähnchen, die von Kindern wie Erwachsenen in den letzten Tagen vor der Wahl überall geschwenkt worden seien. Mit der erstmaligen Anwendung des Tonfilmes sowie „deutscher“ Theater- und Musikvorführungen habe die NSDAP im Sommer 1932 schließlich einen gro- ßen Schritt „zur Brechung der jüdischen Herrschaft über die Kunst und zur Wiedergewinnung der deutschen Volksseele“ getan730. Wiluckis Ausführungen offenbaren, dass die NSDAP erst im Laufe des Jahres 1932 auf dem technischen Niveau angelangt war, das – wie noch zu zeigen sein wird – andere Parteien bereits vier Jahre zuvor in ihrer Wahlkampfführung erreicht hatten. Eine Schrittmacherfunktion bei der Einführung neuer „moderner“ Propagandamittel kam ihr jedenfalls nicht zu. Modernität vermittelten ihre Wahlkämpfe allenfalls auf der Ebene der Propagandasteuerung, da die Parteiführung hier wenig Rücksicht auf regionale Besonderheiten oder Traditionen nehmen musste. Erst nach 1930 wurde die Reichspropagandaleitung der NSDAP unter Goebbels zu der bei allen Unzulänglichkeiten „einzigen professionellen Propagandainstitution“ im Weimarer Parteiensystem, „die in der Lage war, einen weitgehend einheitlichen, reichsweiten Wahlkampf zu organisieren“731. „Der Krieg muss den Krieg ernähren“ – Die Wahlwerbekosten der Parteien Der Wandel, den das Verhältnis der Parteien zu Wahlkämpfen nach 1918 nahm, lässt sich nicht zuletzt an den rasant steigenden Kosten der Propaganda ablesen. Je „massenhafter“ die Wahlkämpfe würden, desto wichtiger werde ihre „Finanzierung im großem Stil“ und damit die Rolle der Geldgeber, was wie de rum die „In te res senwirtschaft“ in den Parteien fördere, so eine offiziöse Broschüre über die Parteiprogramme vor den Reichstagswahlen im Juli 1932732. Da die Vorbereitung der Wahlhandlung zu Lasten der Staatskasse ging, entstanden den Weimarer Parteien Kosten ausschließlich durch ihre eigene Propaganda- und Werbetätigkeit. 247 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Eine Wahlkampfkosten-Rückerstattung durch den Staat wurde zwar nach 1918 in die Diskussion gebracht (etwa von Stresemann), aber nicht verwirklicht. Die „Technik der modernen Massenbeeinflussung“ verschlang freilich große Summen von Geld, die den Weimarer Parteien aus verschiedenen Quellen zufließen konnten, neben den Mitgliederbeiträgen, den Einnahmen der Parteiunternehmen – vor allem den Zeitungen – durch die Spenden von Anhängern oder bestimmten In te res senverbänden, wobei Details über die Spendenpraxis in den bürgerlichen Parteien kaum an die Öffentlichkeit gelangten733. Mit Ausnahme der SPD, die sich als einzige Massenpartei ohne Fremdspenden finanzieren konnte, schwiegen die Weimarer Parteien über ihre Finanz- und Kassensituation, sieht man von den ständigen Klagen über ihre Geldnot ab. Insbesondere die Parteien der bürgerlichen Mitte blieben nach 1918 weitgehend mitgliederschwache Honoratiorenparteien, deren Finanzierung wesentlich von den Spenden einzelner wohlhabender Anhänger, Geschäftsleute, In dustrieller oder ihrer Verbände abhing. Nur etwa zwanzig Prozent der Parteiausgaben etwa der DDP konnten durch Mitgliedsbeiträge – die in der Regel monatlich zwischen zehn und fünfzig Pfennigen schwankten – gedeckt werden. Selbst für eine solche verbandsnahe Partei wie die WP war aber mit Beginn der Wirtschaftskrise ab 1929 eine drückende Finanzmisere charakteristisch. Während die Zahlungsmoral der Mitglieder abnahm, die in speziellen „Opferwochen“ zu vermehrten Spenden aufgerufen wurden, führten ihre Abgeordneten nicht nur zehn Prozent der Diäten an die Parteikasse ab, sondern mussten viele Kandidaten ihre Wahlkämpfe mit Eigenmitteln finanzieren734. Weimarer Reichstagswahlkämpfe waren kostspielige Unternehmungen, deren Durchführung die Kassen aller Parteien regelmäßig an die Grenze der Belastbarkeit brachten. „Wahlschulden“ zu machen war auf regionaler wie überregionaler Ebene eine übliche Erscheinung, ihre Abzahlung konnte mitunter Monate beanspruchen und so die weitere Parteiarbeit hemmen. Neben den zwei großen Geldquellen der Parteien, den Beitragszahlungen, die allerdings nur bei einer echten Mitgliederpartei mit straff organisiertem Kassenwesen wie der SPD wirklich bedeutend waren, sowie den Spenden und Sammelaktionen kam angesichts der ständig steigenden Anforderungen der Wahlkämpfe eine weitere hinzu: die Kommerzialisierung der Propagandaarbeit735. Ansätze zur Finanzierung der Wahlkämpfe durch diese selbst sind bereits in den ersten Reichstagswahlkämpfen zu beobachten. Durch den Verkauf von Werbemate- 248 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik rialien, und zwar sowohl innerhalb der Partei – von der Zen tra le an die Landes- oder Wahlkreisverbände, von da wieder an die lokalen Organisationen – als auch an die Anhänger und Wähler, oder durch Eintrittsgelder bei Versammlungen, konnte ein Teil der Wahlkampfkosten sofort wieder hereingeholt werden. Zur Entlastung der Parteikassen trug auch die Zusammenlegung von Reichs- und Landtagswahlen bei, obwohl sich mitunter Kritik gegen solche „Großkampftage“ regte, an denen „im Ramsch“ zu mehreren Parlamenten gewählt werde736. Die Herkunft der gegnerischen Wahlgelder stellte einen traditionellen Topos der deutschen Parteienpropaganda dar. Obwohl sie ihre Finanzen vergleichsweise offen ausbreitete, regte vor allem die SPD die Phantasie an, da ihre Geldgeber einmal in Frankreich gesehen wurden oder sie das andere Mal aus den „gewaltigen Fonds“ der Gewerkschaften schöpfte737. Ihre vergleichsweise hohen Wahlkampfausgaben dienten den Gegnern als Beweis der „Bonzen“-These: „Über 100 Millionen Arbeitergroschen für den Wahlkampf der SPD“, meldete die DNVP im Ton der gerechten Empörung, weil jene laut Angaben ihres Jahrbuches für Wahlen in der Zeit von 1924 bis 1929 insgesamt über zehn Millionen Mark ausgegeben habe738. Von links sah sich die SPD ganz ähnlichen Vorwürfen wegen ihrer Wahlkampffinanzierung ausgesetzt, wobei die KPD die Verbindung zwischen Weimarer Staat und Sozialdemokratie hervorhob. Im Gegenzug machte diese die Wähler auf den „Stimmenkauf “ und die „Millionenkorruptionsfonds“ der In dus trie für die bürgerlichen Parteien aufmerksam, wobei sie sich nicht zuletzt auf Stresemann berufen konnte, der die Abhängigkeit der bürgerlichen Parteien vom Kapital sowie den Umstand beklagt habe, dass die In dus trie mit Geld Mandate kaufe: „Um ihre In te res sen zu wahren, werfen die organisierten Unternehmer, da sie dem geistigen Ringen, das sich während der Wahlbewegung abspielt, nichts anderes beizusteuern haben, als entscheidenen politischen Trumpf Geld auf den Tisch“. Auch zur Stärkung der eigenen „Wahl-Kriegskasse“ beschwor die SPD ein stets gleiches Szenario, dessen Idee an die oben zitierten Äußerungen Hitlers über die Andersartigkeit der NSDAP erinnern mochte: „Aus den Schweißtropfen ausgebeuteter Proletarier erpresste Millionenbeträge werden dem bürgerlichen ‚In te res sentenhaufen‘ zufließen. Redner, Zeitungsredakteure und Flugblattschreiber, die sich dem Meistbietenden verkaufen, werden davon gedungen, ‚In te res sentengruppen‘ und Kandidaten damit subventioniert, die politischen Sitten korrumpiert“739. Längst sei die „Prüderie“, 249 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen die vor 1914 in solchen Angelegenheiten noch geherrscht habe, vergessen. Dass wirtschaftliche In te res senverbände für Wahlgelder die Aufstellung von ihnen genehmen Kandidaten durchsetzen, klagte die Frankfurter Zeitung, unterscheide sich wesentlich von dem, was bei früheren Wahlen üblich gewesen sei740. Andererseits gehörte es zu den wichtigsten Stereotypen der Weimarer Parteienpropaganda, die KPD als eine rein von Moskau finanzierte und somit „undeutsche“ Partei bloßzustellen. Unter der Überschrift: „Der Rubel rollt … in die kommunistische Wahlkasse“ warb nicht zuletzt die SPD damit, weder „vom Ausland oder von Kapitalisten subventioniert“ zu werden, sondern ihre Ausgaben allein durch die „Opferfreudigkeit jedes einzelnen Sozialisten“ zu decken. Die KPD habe dagegen 4½ Millionen Mark Wahlgelder aus Moskau von der Sowjetregierung im Herbst 1924 erhalten741. Der „rollende Rubel“ wurde in der Weimarer Öffentlichkeit stets überschätzt, obwohl ab Mitte der 20er-Jahre die sowjetischen Finanzhilfen an die KPD stark zurückgingen. Tatsächlich flossen aus der Moskauer Komintern-Zen tra le in Wahrheit nur für größere Sonderaktionen Gelder nach Deutschland. Die geleisteten Unterstützungen waren freilich beachtlich und bestanden auch nicht nur aus reinen Barzuschüssen742. Weil die Zahlungsmoral der Mitglieder wenig diszipliniert war, kämpfte aber auch die KPD mit erheblichen Finanzproblemen und musste die Parteileitung vor Wahlen kräftig die Werbetrommel unter der Anhängerschaft rühren. Laut einem Bericht der Vossischen Zeitung betrugen die Kosten der KPD für den Reichstagswahlkampf im Frühjahr 1928 etwa zwei Millionen Mark, zu denen jedes Parteimitglied angeblich zehn Mark durch Sonderbeiträge beisteuerte, eine beispielhafte „Opferfreudigkeit“743. Die KPD rühmte sich selbst als die einzige Partei, die weder von Junkern und Großagrariern, der Schwerindustrie, von der Kirche oder von staatlichen Stellen „ausgehalten“ werde, sondern ihren Wahlkampf aus eigenen Mitteln finanziere. Jedes Parteimitglied wisse, dass die „sagenhaften Geldsubventionen“ aus Moskau Schwindel seien. Neben den Beiträgen, welche in drei Klassen abgestuft waren (je nach Einkommen von 5 bis 20 Pfennig im Monat), entstanden der KPD weitere Einnahmen aus den Diätenabgaben der Abgeordneten an die Parteikasse sowie Sammlungen, da sie nur ungern zu der stets heiklen Maßnahme von Sonderbeiträgen der Mitglieder griff. In erster Linie zur „finanziellen Heranziehung des großen Heeres der mit der KPD Sympathisierenden“ war der Verkauf von Wahlfonds-Marken zum Preis von 20 250 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik bis 40 Pfennig pro Stück gedacht. Immer wieder betonte die Parteileitung den Zusammenhang von Propaganda- und Sammelarbeit: „Genosse, du klagst über zu wenig Flugblattmaterial. Der Kassierer kann nur drucken lassen, wenn er Geld hat. Geld bekommen wir nur, wenn wir sammeln. Also, je stärker die Sammelarbeit, um so mehr Flugblätter haben wir für die Wahlagitation“744. Das angepeilte Sammelergebnis eines großen und mitgliederstarken Bezirks wie Berlin-Brandenburg lag im Sommer 1930 bei 100 000 Mark, während das Soll für den kommunistischen Diaspora-Bezirk Pommern schon mit 3 000 Mark erfüllt war. Von den Einnahmen mussten vierzig Prozent pauschal an die Zen tra le abgeführt werden. Anderes Sammelmaterial der Zen tra le waren Ansichtskarten, die den Bezirken für fünf Pfennig geliefert und von diesen für den doppelten Preis weiterverkauft werden konnten, sowie verschiedenfarbige Plaketten, eine für „Vollarbeiter“ zum Preis von fünfzig und eine für Erwerbslose zum Preis von zwanzig Pfennig745. Während die Massenparteien auf der Linken in erster Linie ihre Anhänger heranzogen, erhielten die bürgerlichen Parteien finanzielle Unterstützung traditionell von In te res senverbänden der Wirtschaft und der In dus trie, sei es durch ständige Wahlfonds, sei es durch besondere Spendenaktionen. Von den Geldern des „Kuratoriums für den Wiederaufbau des deutschen Wirtschaftslebens“ um den In dus triellen Carl Friedrich von Siemens – selbst Parteimitglied – profitierte bis 1920 in erster Linie die sich fast ausschließlich über solche Spenden finanzierende DDP. Nachdem diese aber ihre Rolle als bürgerliche Vormacht gegenüber der SPD verloren hatte, verteilten sich die industriellen Wahlspenden stärker auch auf die anderen Parteien des Bürgertums. Vor den Wahlen im Mai 1924 vergab das Kuratorium die ihm zur Verfügung gestellten 660 000 Mark nach dem Schlüssel 18:12:11:5 auf DVP, DNVP, DDP und Zen trum. Geschahen solche Transaktionen in der Regel unter Ausschluss der Öffentlichkeit, waren die Zeitungen während der Reichstagswahlkämpfe voll von Spendenaufrufen der Parteien an ihre Anhänger, „Opfer“ zu bringen. Im Frühjahr 1924 bat etwa die DDP um einen Beitrag für die Wahlkasse entsprechend den persönlichen Einkommens- und Vermögensverhältnissen. Erfahrungsgemäß könne von einem „pflichteifrigen Staats bürger“ verlangt werden, dass er in Wahljahren zwei Prozent seines Jahreseinkommens für seine Partei opfere: „Für jede paar Mark, die man uns gibt, können wir eine weitere Stimme gewinnen“746. 251 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Es war vor allem das Verdienst ihres langjährigen Schatzmeisters Hermann Fischer, der als Präsident des Hansabundes zahlreiche Wirtschaftskontakte knüpfte, dass sich die DDP mit Spenden in den 1920er- Jahren finanziell über Wasser halten konnte. Jeder Wahlkreis besaß zudem einige „Engel“, das heißt meist mittelständische Unternehmer, die bestimmte Kandidaten unterstützten oder für spezielle Aktionen spendeten747. Für das schlechte Abschneiden der Partei in den Wahlen vom Mai 1924 wurden jedoch die durch die Inflation zusätzlich geschwächten Finanzen verantwortlich gemacht. Im Wahlkampf hatten einzelne Abgeordnete und Kandidaten in ihren Wahlkreisen persönliche Schreiben an vermögende Parteifreunde mit der dringenden Bitte um Unterstützung verschickt. In Baden etwa wandte sich Hermann Dietrich Anfang April 1924 an ihm bekannte Fabrikanten und In dus trielle, um „wenigstens 60 000 Mark“ zusammenzubringen748. Immerhin konnte so der Wahlkampf der DDP in Baden durch freiwillige Spenden finanziert werden, ohne dass die Mittel zu einer „wirklich großzügigen Propaganda“, vergleichbar der „amerikanischen Reklame“ der Gegner, gereicht hätten, berichtete Dietrich. Auf der Vorstandssitzung am 21. Oktober 1924 bezeichnete Erkelenz die Finanzierungsfrage als eines der Hauptprobleme der Demokraten, warnte aber zugleich davor, die Macht des Geldes zu überschätzen, denn: „Herzen sind wichtiger als Geldbeutel“. Die wenigsten Wähler der DDP dächten bislang darüber nach, mit welcher „Munition“ der Wahlkampf bestritten werde. Die Opfer, die der deutsche Bürger für seine Partei bringe, seien im Durchschnitt immer noch „jämmerlich gering“. Gegen den wachsenden Verbandseinfluss bei der Parteienfinanzierung appellierte Erkelenz: „Lasst uns eine vom werbenden Idealismus durchflutete deutsche Demokratie aufbauen, die nicht eine Dienerin der In te res sen ist“749. Über die Wahlkampfkosten der bürgerlichen Parteien liegt nur noch wenig aussagekräftiges Material vor. Einem Rechenschaftsbericht ihrer Reichsgeschäftsstelle zufolge kostete der Reichstagswahlkampf der DDP im Frühjahr 1924 insgesamt 342 000 Mark. Den größten Teil davon verschlangen die Beihilfen der Parteizen tra le an die Adresse der Wahlkreisvereine mit 119 500 Mark, gefolgt von den Aufwendungen für die zen trale Plakatpropaganda mit 104 000 Mark sowie dem Posten für Flugblätter und andere Materialien, für die 68 500 Mark ausgegeben wurden. Weniger als das Porto (10 500 Mark) kosteten der Parteizen tra le die Redner, die mit 6 500 Mark zu Buche standen. Bis auf einen Restbetrag von 15 000 252 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Mark, der noch als Beihilfe an die Wahlkreise zu zahlen war, konnten die Wahlkampfkosten der Partei bis zum Juli 1924 gedeckt werden, so dass die DDP ohne Schulden aus dem Reichstagswahlkampf hervorging. Aufgebracht wurde das Geld im wesentlichen durch Sammlungen oder Zuschüsse und Spenden. Zu Schwierigkeiten war es gekommen, weil wichtige Spender wie der Großhandelsverband ihre schon zugesagten Wahlgelder – in diesem Fall immerhin die stattliche Summe von 250 000 Mark – wieder kündigten, weil sie mit dem Platz ihres Kandidaten auf der Reichsliste der DDP nicht zufrieden waren. In mühevollen Verhandlungen konnte Schatzmeister Fischer immerhin noch 55 000 Mark „herausschlagen“. Auch das Kuratorium spendete im Frühjahr 1924 bereits weniger als erwartet, und von den schließlich der DDP bewilligten 150 000 Mark behielt der Vorsitzende v. Siemens noch zwei Drittel zur Finanzierung seiner eigenen Kanndidatur in Berlin zurück. Ein „vollständiger Versager“ bei den Spenden sei, so der Rechenschaftsbericht, der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gewesen. Dieser habe verlangt, dass ein Verbandsmitglied auf aussichtsreicher Stelle der Reichsliste gesetzt werde, obwohl der Wahlkampf im Frühjahr 1924 „nicht dazu angetan sei, diesem Wunsch besonders sichtbar zu entsprechen“. Schließlich spendete der Centralverein der DDP lediglich 5 000 Mark, während viele jüdische In te res senkreise ihre Wahlgelder lieber den Rechtsparteien zukommen ließen. Voll seine Verpflichtungen erfüllt habe dagegen der Gewerkschaftsbund der Angestellten, der 25 000 Mark spendete. Aus Sondersammlungen im Anschluss an eine Sitzung des Reichsausschusses der DDP für Handel und In dus trie kamen weitere 40 000 Mark zusammen. Eine öffentliche Sammlung durch Zirkulare, die zu Spenden aufriefen, sowie ein „Bierabend“ bei Reichsminister Rudolf Oeser brachten 70 100 beziehungsweise 54 700 Mark in die Wahlkasse der DDP. Insgesamt beliefen sich die Einnahmen an Wahlgeldern auf 379 462 Mark, womit ein Überschuss von rund 35 000 Mark erwirtschaftet wurde, der für die Arbeit der Reichsgeschäftsstelle aufgebraucht werden konnte. Angesichts der leidvollen Erfahrungen mit widerspenstigen Spendern kritisierte Stephan dennoch die „untragbare“ Wahlkampffinanzierung der DDP. Nicht zuletzt die Zahlungsbereitschaft der Mitglieder sei derart unzureichend, dass „ein Wahlkampf in Zukunft einfach unmöglich wird, wenn diese Teilnahmslosigkeit des Landes den finanziellen Bedürfnissen einer Partei gegenüber sich nicht grundlegend ändert“. Drohend fragte Stephan, ob die DDP bald „ihre Existenz den Kassen einiger Verbän- 253 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen de verdanken soll, die ihrer Macht bewusst, rücksichtslos mit ihren Kandidatenansprüchen hervortreten und die Partei im Stich lassen, wenn sie ihren Ansprüchen nicht restlos Folge leistet“750. Die Partei- und Wahlkampffinanzierung der DDP blieb auch nach 1924 ein ständiges Problem, verschärft noch durch den kontinuierlichen Mitgliederschwund, was die Demokraten immer mehr von den Spenden immer wenigerer Anhänger abhängig machte. Nach den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 stand die neugegründete Staatspartei nicht nur vor einem politischen Fiasko. Durch den Wahlkampf mussten sich die Demokraten erstmals auch hoch verschulden. Da sich jüdische Geldgeber vom Antisemitismus der Jungdeutschen distanzierten und der DStP auch die großindustriellen Wahlfonds verschlossen blieben751, gestaltete sich die Finanzierung der DDP-Nachfolgepartei sehr schwierig. Aus der Geldnot machte sie eine Tugend, insofern sie sich im Wahlkampf ausdrücklich als „arme Partei“ präsentierte, die politische Gelder grundsätzlich ablehne, weil ihr Ziel gerade die Befreiung des deutschen Staatsbürgertums von der „politischen Bevormundung durch einseitig gebundene In te res senkreise“ sei752. Die drückenden Wahlschulden in Höhe von 150 bis 200 000 Mark versuchte die neue Parteiführung unter Hermann Dietrich 1930/31 durch eine Organisationsreform und vor allem die Verkleinerung des Parteiapparates abzubauen. Wenn dies auch weitgehend gelang, musste man doch feststellen, dass die „Zeit des Einsammelns großer Gelder“ aus Wirtschaftskreisen endgültig vorbei sei753. Die von der Ruhr-Schwerindustrie bereits gegen Ende des Kaiserreichs gegründete „Kommission zur Sammlung, Verwaltung und Verwendung des In dus triellen Wahlfonds“ – ursprünglich von Alfred Hugenberg geleitet – zahlte seit 1919/20 beträchtliche Summen an die bürgerlichen Parteien, in vielen Fällen zweckgerichtet für der In dus trie genehme Kandidaten. Anfang 1928 übertrugen die Ruhrindustriellen die Verwaltung dieser politischen Gelder einem geheimen Spitzengremium unter Führung des Hugenberg-Gegners Paul Reusch, der so genannten Ruhrlade. Vor den Wahlen im Mai 1928 gab sie mindestens 200 000 Mark an die Parteileitung der DNVP, fast die Hälfte der Mittel, welche diese überhaupt an Spenden für den Reichstagswahlkampf erhielt; ein ähnlicher Betrag ging an die DVP, ein geringerer an das Zen trum. Ein geheimer Sonderausschuss, der unter dem Namen „Kalle-Kreis“ die politischen Gelder der IG-Farben verwaltete, vergab pro Jahr etwa 300 000 Mark an die bürgerlichen Parteien und vor Reichstagswahlkämpfen noch- 254 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik mal ähnlich hohe Beträge – beträchtliche Summen in einer Zeit, in der das Jahresbudget einer Partei wie der DNVP in „ruhigen“ Jahren etwa eine halbe Million Mark betrug und sie in einigen preußischen Wahlkreisen den Berichten der politischen Polizei zufolge schon für 20 000 bis 30 000 Mark Wahlkampf führte. Die Großindustrie besaß im Konkurrenzkampf um günstige Listenplätze mit anderen In te res sengruppen wie Kirche und Gewerkschaft allerdings insgesamt die schlechteren Karten. Weil ihr die Massenanhängerschaft fehlte, konnte sie den Parteien keine großen Blöcke sicherer Wählerstimmen versprechen – ein nach Meinung von Henry  A. Turner entscheidender Nachteil, den die Unternehmer mehr schlecht als recht eben mit Geld zu kompensieren versuchten: „Vom Standpunkt der deutschen Großindustrie war die Wahlpolitik in der Weimarer Re pu blik bald ein Mittel, die große Zahl der Wähler, die hinter anderen In te res sengruppen standen, durch finanzielle Ressourcen auszugleichen. Sie spielten Geld gegen Stimmen aus“754. Wie alle bürgerlichen Parteien standen auch die Deutschnationalen vor dem Problem eines völlig unterentwickelten Mitgliederbeitragswesens. Nach dem Reichstagswahlkampf vom Frühsommer 1920 richtete ihre Parteileitung einen dringlichen Spendenappell an die Mitgliedschaft. Weil die Propagandakosten gegenüber früher „ungeheuer“ gestiegen seien, müsse jetzt der große, bislang noch weitgehend unangetastete „Schatz“ gehoben werden, nämlich die Finanzkraft der Mitglieder, was in erster Linie Aufgabe der Ortsgruppen und Landesverbände sei. Deren Beitragsleistungen müssten vervielfacht werden, was nicht schwer fallen solle, wenn man sich die Praxis in den Linksparteien vor Augen halte755. Auch später reichten die nur spärlich fließenden Mitgliederbeiträge der DNVP bei weitem nicht zur Wahlkampffinanzierung aus. In einem Rundschreiben eines hessischen Bezirksvorstandes zur Vorbereitung des Reichstagswahlkampfes im Herbst 1924 hieß es: „Wir haben nicht die riesigen Geldmittel, die der Terror der so genannten freien Gewerkschaften aus dem Arbeitergroschen zusammenscharrt, auch nicht die gewaltigen Summen der von der Börsenwelt ausgehaltenen Demokratie, noch die Gelder, die die Groß- und Schwerindustrie der Volkspartei zuzuführen in der Lage ist“756. Bei den Sammlungen für den Wahlfonds schreckte die DNVP aber selbst vor drastischen Mitteln nicht zurück und forderte etwa ihre Anhänger in den ländlichen Wahlkreisen beziehungsweise unter den Bauern auf, zur Finanzierung des Wahlkampfes drei Mark pro Pferd als besondere Steuer in die Wahlkasse der DNVP zu spenden757. 255 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen Innerparteilich wurden die Kosten für einen Reichstagswahlkampf wie dem im Frühjahr 1928 von Parteifunktionären auf ungefähr eine halbe Million Mark geschätzt: „Wahlbedarf 450 000, Zusage westlicher In dustrie 300 000, davon 200 000 gezahlt. 269 000 seien ausgegeben und gedeckt“, notierte der deutschnationale Abgeordnete Reinhold Quaatz einen knappen Monat vor der Reichstagswahl am 20. Mai 1928758. Die BVP, die in den 1920er-Jahren ebenfalls nie eine Finanzierung aus Mitgliederbeiträgen erreichte, unternahm bei den Reichs- und Landtagswahlen den Versuch, eine Wahlumlage der Parteibezirke zu erheben: Pro abgegebener Stimme für die BVP im Dezember 1924 sollte etwa vor dem 20. Mai 1928 jeder Bezirksverband vier Pfennig an die Wahlkasse abführen759. Das gleiche Dilemma einer Wählerpartei erlebte nicht zuletzt das Zen trum, das zudem von Wirtschaftsspenden weniger profitieren konnte als andere bürgerliche Parteien und sich bei geringen Beitragseinnahmen „dauernd am Rande des Defizits“ befand760. Selbst in katholischen Hochburgen wie etwa Düsseldorf litt die Wahlarbeit unter chronischem Geldmangel und konnte die Finanzierung der Wahlkämpfe nur durch größte Sparsamkeit gesichert werden761. Nach den Reichstagswahlen vom 4. Mai 1924 bat das Reichsgeneralsekretariat die Organisationen um nochmalige Spenden zur Finanzierung der Wahl kampfkosten beziehungsweise zum Abbau der Schulden. Für die Herstellung und den Versand des zen tra len Wahlmaterials seien rund 240 000 Mark ausgegeben worden. Diesen „gewaltigen Ausgaben“ stünden bis dahin Einnahmen aus dem Verkauf von Plakaten, Flugblättern und Broschüren von nur knapp 10 000 Mark gegenüber762. Schwer hatte die Führung des Zen trums mit der Auffassung in den eigenen Reihen zu kämpfen, wonach größere Ausgaben für Wahlkämpfe nur Verschwendung und überhaupt die Wirkung von Propaganda ohnehin gering sei. Geld sei aber nötig, so ein Aufruf der Parteiführung, um die Masse der noch „Au- ßenstehenden durch die Hilfsmittel der Agitation und Propaganda“ aufzurütteln, wenn das Zen trum den Wahlkampf auch nicht mit den „kostspieligen Mitteln einer lauten Reklame“ führen wolle763. Während sich die kleineren In te res senparteien zumindest die Unterstützung der hinter ihnen stehenden Verbände vor Wahlen sicherten, litt die NSDAP in den zwanziger Jahren wie ihre bürgerlichen Konkurrenten unter chronischem Geldmangel vor allem an der Parteibasis. Für die Wahlkämpfe „finanzielle Opfer“ zu bringen, soweit es die finanzielle Leistungsfähigkeit erlaube, bezeichnete Hitler daher im April 1928 als 256 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik geradezu „moralische Pflicht“ eines jeden Parteigenossen764. Die NSDAP konnte sich in der Tat nach 1925 zum Typus der Mobilisierungspartei entwickeln, die von der SPD das System mit Parteibuch und Beitragsmarken übernahm und es erfolgreich auf ihre kleinere, jedoch im Durchschnitt finanzkräftigere Mitgliedschaft übertrug. Im Unterschied zu den bürgerlichen Parteien blieb die NSDAP daher von Spenden aus In dustrie und Wirtschaft weitgehend unabhängig. Bis zum Sommer 1932 finanzierte sie sich im wesentlichen selbst über relativ hohe Mindestmitgliedsbeiträge von einer Mark im Monat, Eintrittsgelder für Kundgebungen sowie zusätzliche Spendensammlungen unter der Anhängerschaft, aber auch diverse Unternehmertätigkeiten vor allem der SA und die erwähnte Kommerzialisierung der Wahlkämpfe, den Verkauf von Propagandamaterialien. Das Selbstfinanzierungssystem der NSDAP, das spätestens ab dem Sommer 1930 mit dem der sehr viel größeren SPD konkurrieren konnte, gab ihr stärkere finanzielle Autonomie als im bürgerlichen Parteienlager üblich. Erst nach ihrem Erfolg in den Reichstagswahlen vom September 1930 kam die NSDAP in den Genuß der von der In dus trie zugunsten der bürgerlichen Parteien gesammelten Gelder. Den Großteil der geschätzten Wahlkampfkosten in Höhe von 1,35 Millionen Mark hatte sie vor dem 14. September noch über Eintrittsgelder und den Verkauf von Wahlmaterialien hereingeholt, die in München produziert, an die Gauleitungen verkauft und von diesen entweder verteilt oder weiter verkauft wurden765. Als vorbildhaft galt den bürgerlichen Parteien nicht nur die Organisationsstruktur und das Beitragssystem der SPD, sondern vor allem auch die beeindruckende Opferwilligkeit ihrer Mitglieder. Während der sozialdemokratische Arbeiter jede Woche angeblich eine Mark an die Parteikasse abgebe, so ein Flugblatt der DVP, zahle der deutsche Bürger seinen Parteien nur ein Almosen von drei Mark jährlich. Solch kleinlicher „Bürgersinn“ schlage sich direkt im Wahlausgang nieder766. Außer auf die in der Regel sechsstelligen Beträge aus Wahlfonds der In dus trie oder der Großbanken war etwa die DVP noch auf Zuwendungen einzelner, das heißt lokaler und branchenmäßig organisierter Unternehmer angewiesen und erhielten Wahlkreisverbände noch beträchtliche Sonderzuschüsse, wenn sie industrielle In te res senvertreter an aussichtsreicher Stelle kandidieren ließen. Ihre geheimnisumwitterte Finanzierungspraxis provozierte immer wieder Spekulationen der Gegner, denen sie wie de rum mit Dementis antwortete. So trat das zen tra le Parteiblatt im Frühjahr 257 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen 1928 den angeblich weit übertriebenen Vorstellungen entgegen, die von der Größe der verfügbaren Geldmittel der DVP für den kommenden Reichstagswahlkampf existierten. Im Vergleich etwa zu den Ziffern bei amerikanischen oder französischen Wahlen könne für die deutschen Parteien allgemein gesagt werden, dass keine von ihnen auch nur annähernd an derartige Beträge herankomme. Ohne Zweifel sei aber die SPD die „kapitalstärkste Partei in Deutschland“. Allein 1926 habe sie bei einem Mitgliederstand von über 800 000 eine Einnahme von acht Millionen verbuchen können, bei einem Parteivermögen von 26 Millionen Mark, weshalb sie und nicht die DVP auch über die größten Mittel für den Reichstagswahlkampf verfüge. Lächerlich sei daher, wenn ihre Presse sich darüber errege, dass „da und dort ein industrieller Verein“ Wahlgelder für die bürgerlichen Parteien sammle. Humoristisch werde der Fall, wenn demokratische Zeitungen die Entrüstung der SPD teilten, wo doch allen bekannt sei, dass gerade die DDP mehr als jede andere Partei „auf große Summen einzelner Geldgeber“ angewiesen sei. Dennoch besitze die Frage der Wahlgelder eine „allgemeine politische Seite“. Kein geringerer als Stresemann habe schließlich davor gewarnt, dass die Geldnot der Parteien sie „unter die Botmäßigkeit weniger finanzkräftiger Leute“ bringe. Zu seinem Vorschlag, dem Staat einen Teil der Wahlkosten der Parteien aufzubürden, um den Einfluss der In te res senverbänden einzudämmen, äußerte sich allerdings selbst das eigene Parteiorgan zurückhaltend. Den richtigen Weg beschreite die DVP vielmehr, wenn sie eine „private Besteuerung“ ihrer Mitglieder je nach Leistungsfähigkeit vornehme767. Über die tatsächlichen Wahlkampfkosten von Weimarer Parteien lassen sich die detailliertesten Angaben im Falle der SPD machen. Ihr Parteivorstand verbuchte an Gesamtkosten für den Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 knapp 145 000 Mark, während die Ausgaben in den Wahlkreisen beziehungsweise Parteibezirken rund 845 000 Mark betrugen, also zusammen eine knappe Million, was den Wahlkampf in den Augen von Parteikassierer Konrad Ludwig noch als billig erscheinen ließ768. In Baden verbuchte der Kassenbericht des Landesparteivorstandes im Frühjahr 1924 auf der Ausgabenseite insgesamt sieben Posten in einer Gesamthöhe von 28 100 Mark. Das meiste Geld verschlang mit 8 700 Mark die Versammlungsagitation, ebensoviel der Druck und die Verbreitung der Wahlflugblätter. Größere Ausgaben verursachten noch die Redner und Referenten nebst Material und Fahrgeld (4 400 Mark) 258 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sowie Porto, Telephon, Telegramme (1 300 Mark), während für „Sonstiges“ knapp 5 000 Mark ausgegeben wurden. Bei einem insgesamt ausgeglichenen Wahlkonto erzielten andererseits die Sammellisten der badischen SPD mit 12 750 die höchsten Einnahmen, der Verkauf von Flugblättern erbrachte dagegen gerade eben 930 Mark. Der Etat für die Reichstagswahl im Dezember 1924 war in Baden mit 49 500 Mark fast doppelt so hoch wie im Frühjahr – Zeichen einer nach den Rückschlägen der Inflation wiedererstarkten Organisation. Während die Versammlungsagitation nun Ausgaben in Höhe von 15 300 verursachte, schlug die Flugblattpropaganda mit ziemlich genau 20 000 Mark deutlich kräftiger zu Buche. Auf der Einnahmenseite standen diesmal 24 100 aus den Sammellisten sowie weitere 9 400 Mark durch freiwillige Spenden. Zuzüglich der Reichspräsidentenwahl, die den Bezirksverband 33 100 Mark kosteten, und der badischen Landtagswahl vom 25. Oktober 1925 (45 000 Mark), hatte die Landespartei im Berichtsjahr 1924/25 Gesamtausgaben für Wahlen in Höhe von 155 700 Mark769. Die Ausgaben aller Bezirksorganisationen der SPD für Wahlen in der Zeit vom April 1924 bis Ende März 1925 beliefen sich auf 2,1 Millionen gegenüber 340 000 des Parteivorstandes bei einem Gesamtetat der Partei von 6,7 Millionen Mark770. Für die verschiedenen Wahlkämpfe des Jahres 1928 gab die SPD insgesamt 2,6 Millionen aus, davon 1,9 Millionen Mark allein in den Bezirken. Im Reichstagswahlkampf vom Sommer 1930 steigerten sich die Ausgaben der SPD dann noch einmal auf insgesamt etwa drei Millionen Mark, immerhin eine Verdreifachung der Kosten im Vergleich zum ersten Reichstagswahlkampf nach der Inflation. Von 1924 bis 1928 wurden nach parteiinternen Angaben für Wahlen einschließlich Volksentscheid und Volksbegehren für die Fürstenenteignung zusammen 8,4 Millionen Mark ausgegeben, während der Umsatz der Parteigeschäfte von 62 Millionen im Jahre 1926 auf 75 Millionen Mark im Jahre 1928 stieg. Solche „Riesenzahlen“ seien nur dank der Tätigkeit und den Beiträgen der Mitgliedermassen zustandegekommen, betonte die SPD-Führung. Einzelpersonen, die große Beträge spendeten, gebe es leider nicht, „jedenfalls nicht bei mir im Kassabuch, sondern nur in der Phantasie der Gegner“, erklärte Konrad Ludwig. So habe der Parteivorstand von den zehn Millionen der Bezirke nur seinen festgelegten Anteil von etwa drei Millionen Mark erhalten, um den obendrein stets ein „kleiner Ringkampf “ geführt werden müsse771. Die Gesamtausgaben der SPD in Baden für die Reichstagswahl im Mai 1928 lagen mit 63 220 Mark um fast ein Drittel 259 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen höher als vier Jahre zuvor. Während die Flugblattpropaganda merklich verringert wurde und der Plakatanschlag mit 2 300 Mark kaum ins Gewicht fiel, beliefen sich die Versammlungskosten, einschließlich Redner und Inseraten, auf 21 900 Mark. Nicht zuletzt der Modernisierungsschub in der Wahlpropaganda der SPD sorgte andererseits für höhere Ausgaben. Erstmals durchgeführte Filmvorführungen schlugen in der badischen Parteikasse im Frühjahr 1928 mit 7 300 Mark zu Buche, gegenüber Eintrittseinnahmen von 2 000 Mark. Neben den Porto- und Te le phonaus lagen verzeichnete der Kassenbericht für „sonstige Ausgaben, Fackelzüge, Reklamewagen“ noch 5 300 Mark. Während auf der Einnahmenseite die Zuschüsse aus der Landeskasse an die Ortsgruppen mit 15 500 Mark gegenüber dem Herbst 1924 um fast das Doppelte stiegen, erbrachten freiwillige Spenden, Sammellisten und Tellersammlungen immerhin 19 300 Mark. Hinzu kamen aus dem Verkauf von Wahlfondsmarken (à 20 Pfennig) weitere 7 200 Mark772. Selbst die mitgliederstarke und finanzkräftige SPD geriet jedoch während der Wirtschaftskrise am Ende der Weimarer Re pu blik in Geldnot. Im Sommer 1930 meldete der hessische Landesvorstand vor dem Reichstagswahlkampf, dass die letzten Wahlschulden zwar bezahlt seien, die Landeskasse aber nunmehr leer sei. Mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Notlage der arbeitslosen Genossen, denen es nicht möglich sei, die Partei im Wahlkampf finanziell zu unterstützen, erwartete die Parteiführung daher von allen, die eine „gesicherte Existenz“ hätten, einen nach Einkommen gestaffelten „außerordentlichen Wahlbetrag“773. Zunehmende Geldschwierigkeiten ließen auch die SPD Anfang der 30er- Jahre verstärkt zu dem Mittel der Wahlfinanzierung aus dem Verkauf von Propagandamaterialien greifen. Um zur „größten aller Wahlschlachten“ zu rüsten, forderte der Berliner Bezirksverband vor dem 31. Juli 1932 von allen Anhängern ein „Freiheitsopfer“, denn zum „Kriegführen“ gehöre „Munition“. Man erwartete, dass zumindest alle Mitglieder die Wahlfondsmarken des Parteivorstandes kaufen würden, da für den Wahlkampf die Devise gelte: „Der Krieg muss den Krieg ernähren“774. 260 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik „An den Einen … Und an Alle!“ – Zur sozialen Argumentation der Wahlpropaganda Ein wichtiger Aspekt der Wahlkämpfe, der von der technischen Ebene zu den inhaltlichen Aus ei nan der set zungen führt, hängt mit den soziologischen Veränderungen nach 1918 zusammen und betraf deren Auswirkungen auf die Wahlpropaganda und die Zielgruppenpolitik der Parteien. Schon Weimarer Zeitgenossen waren sich der Wechselbeziehungen bewusst, die zwischen dem Wähler beziehungsweise seiner Bewertung von politischen Themen oder Ereignissen und der Propaganda bestehen, welche die Normen und Werte der jeweiligen Partei beinhaltet775. Jede Wahlpropaganda habe schließlich zum Ziel, schrieb 1925 der liberale Publizist Waldemar Gurian, eine „möglichst große Anzahl von Wahlberechtigten zu veranlassen, im Sinne dessen zu stimmen, von dem sie ausgeht“. Durch eine mehr oder weniger ausgefeilte Suggestionstechnik werde der Kandidat mit den Wählern identifiziert. Für Gurian bestand die Aufgabe von Wahlpropaganda daher in dem „Suggerieren von Identitäten“ sowie in ihrer „restlosen Beanspruchung für eine bestimmte Partei“. Um zu wirken, dürfe sie sich nicht auf die Zeiten des Wahlkampfes beschränken, sondern müsse langfristig vorbereitet werden und an „bestehende Tendenzen“ anknüpfen, indem sie das In te res se der Wähler auf bestimmte konkrete Schlagworte und Ziele fixiere. Die Parteien wie derum identifizieren sich mit „bestimmten Ideen, Schlagworten, imponierenden Persönlichkeiten der Gegenwart und Vergangenheit“. Eine viel zu allgemeine Identität sei zum Beispiel die Tendenz der Weimarer Parteien, sich als „Volks“partei auszugeben, eine viel zu konkrete Identität dagegen etwa die der „Mittelstands“partei. Durch den je bestimmten „Aufbau der Identitäten“ zeige sich „im Wahlkampfe und in der Wahlpropaganda die Geistesstruktur des Volkes“. Die Wähler entschieden aber umso mehr nach „außerpolitischen Momenten“, je stärker die „äußeren Mittel (Plakate, Kinovorführungen, Lautsprecher)“ in den Vordergrund träten. Die Wahlentscheidung verwandle sich entweder in eine „ästhetische Angelegenheit“ oder in eine Frage nach der besten In te res sen vertre tung. Die Unterschiede zwischen den Parteien verwischten, während gleichzeitig ein „Personenkult“ an Bedeutung gewinne und der Kandidat nicht mehr als „Repräsentant einer Idee“, sondern als „geschickter Demagoge“ wahrgenommen werde, schrieb Gurian 1925 unter dem Eindruck der Reichspräsidentenwahlen. In modernen Demokratien liege 261 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen die Bedeutung der Wahlkämpfe darin, dass sie neben Volksabstimmungen einen „letzten Rest der Demokratie“ verkörperten. In der Wahlpropaganda der Parteien offenbare sich die „demokratische Identität von Volkswille und politischer Entscheidung“, die allerdings durch die Wahl selbst wieder aufgehoben würde776. Die Wahlpropaganda, soviel kann hier festgehalten werden, konstituierte sich nach 1918 tendenziell ebenso aus den Ideen und Zielen der Parteien wie aus den vermuteten Wünschen und Vorstellungen der von ihnen umworbenen Wähler und Adres sa tengruppen. Ohne dass eine demoskopische Wirkungsforschung existierte, prägten schon in den 20er- Jahren die Erwartungshaltungen und Stimmungen der Konsumenten auf dem „politischen Massenmarkt“ immer stärker die praktische Werbearbeit der Parteien, denen es in den Reichstagswahlkämpfen um Machtgewinn durch Stimmenmaximierung und damit um die Erschließung neuer Wählergruppen ging. Selbst die Kommunisten versuchten zumindest verbal nicht-„proletarische“ Schichten zu gewinnen, wenn sie auch diese Zugeständnisse an die Realität einer Wahldemokratie auf ideologischer Ebene bemäntelten. Vielen Zeitgenossen erschien die zunehmende Ausrichtung der Weimarer Parteien an den Wünschen im Wählerpublikum allerdings bereits von Übel für die politische Kultur. Es scheine mittlerweile so, dass trotz Differenzen in Einzelfragen von allen Parteien im wesentlichen dasselbe an Versprechungen in der Wahlwerbung zu hören sei, so die Frankfurter Zeitung im Sommer 1930. Die Versammlungsredner reisten in einer „Wolke von Flugblättern, Wahlzeitungen, Zeitungsaufsätzen, Matern und Plakaten“ durch das Reich, deren Inhalte stets nach einem Kollektiv zielten: „An den Arbeiter; Bauer, wach’ auf; für die Hausfrau, den Beamten, an die Herren Lehrer“. Dass es andererseits der Einzelne sei, der entscheide, sei eine Suggestion, die „aus dem Psychologischen ins Moralische umschlägt und praktisch sich bis zum Wahlzwang steigern kann, wenn sich eine gleichgeartete Gruppe, etwa die Arbeiterschaft einer Fabrik, trifft“777. Ein Hauptkennzeichen von Wahlkampfpropaganda der Weimarer Zeit war, dass sie in starkem Maße speziell an einzelne berufliche Gruppen adres siert wurde. Das im Zusammenhang mit der Debatte über einen deutschen „Sonderweg“ von Thomas Childers untersuchte soziale Vokabular der Weimarer Parteienwerbung charakterisieren ein hoher Grad von Ideologisierung und stereotype Floskeln wie der „Stand“ der Beamten, der Angestellten usw., die ihre beabsichtigte Wirkung nicht 262 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik verfehlten, obwohl sie unrealistische Vereinfachungen waren, die mit der sozialen Wirklichkeit wenig gemein hatten. Korporalistische Traditionen, wie sie sich in dem hohen Stellenwert des „Berufes“ oder des „Standes“ widerspiegelten, waren nach Childers symptomatisch für die vorindustriellen Reste in der deutschen Gesellschaft nach 1918778. Zu berücksichtigen ist, dass die Weimarer Parteipropaganda dahin tendierte, die Heterogenität ihrer Adres sa ten in der sozialen Wirklichkeit zu verschleiern und integrative Oberbegriffe zu verwenden. Schon Siegfried Neumann wies 1932 auf die berufliche Unbestimmtheit von Adres sa ten wie etwa „Arbeiter, Angestellte und Beamte“ hin. Man brauche nur die Weimarer Berufsstatistik und die tatsächlichen wirtschaftlich-sozialen Funktionen der Reichstagsabgeordneten miteinander zu vergleichen, um zu erfahren, was alles unter diese Rubrik subsumiert werde779. Als „Angestellte“ etwa konnte das gesamte berufliche Spek trum vom kaufmännischen Personal bis zum Werkmeister und Techniker bezeichnet werden, von den verschiedenen Ebenen im öffentlichen Dienst oder den Hausangestellten ganz zu schweigen780. Die „Absolutheitsansprüche“, mit denen die Weimarer Parteien ihre Anhänger weltanschaulich einzubinden und sich selbst „in der – militant und polemisch vorgetragenen – Feindschaft gegen andere“ zu definieren versuchten, erschwerten ihnen die Öffnung gegenüber neuen Wählerschichten, die zugleich Verluste an anderer Stelle bedeutet hätte. Der Begriff „Zielgruppe“, so geben Peter Lösche und Franz Walter zu bedenken, verharmlose den Sachverhalt, dass sich in Wirklichkeit nach 1918 „weltanschauliche Lager mit ihren Kirchen, Ritualen, Symbolen, mit ihren Heeres- und Agitationsformen unversöhnlich gegenüber“ gestanden hätten781. Tatsächlich resultierten im wesentlichen drei Tendenzen aus dem Bestreben der Parteien nach 1918, ihre Ziele und Programme neuen breiteren Wählerschichten über die Grenzen der sozialmoralischen Milieus hinweg schmackhaft zu machen, sich mit anderen Worten als „Volkspartei“ zu präsentieren: Zunächst eine Popularisierung in Ausdruck und Form der Wahlpropaganda, die verständlicher und deren Gestaltung abwechslungsreicher und damit interessanter für den Wähler wurde, wobei das Schlagwort und die Parole in den Vordergrund rückten, ab Mitte der 20er-Jahre dann auch verstärkt bildliche Elemente wie Zeich nungen oder Fotografien. Parallel dazu war zweitens eine Entsachlichung zu beobachten, dergestalt, dass wichtige, aber polarisierende Kernziele von den Parteien relativiert wurden, um etwa unentschiedene Wähler nicht 263 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen von vornherein zu verprellen. Drittens setzte sich gerade in der Zielgruppenwerbung der Parteien und im scheinbaren Widerspruch zu der „Volkspartei“-Ideologie eine vorher unbekannte Differenzierung durch, die das Wahlvolk nach sozialer Zugehörigkeit, Alter, Geschlecht, an erster Stelle aber nach dem Beruf oder „Stand“ unterschied. Für Thomas Childers stellt dieses „disaggregating the population by occupation“ gar eines der hervorstechendsten Merkmale der politischen Kultur der Weimarer Re pu blik dar. Zu fragen ist, ob die Parteien die gesellschaftliche Fragmentierung durch ihre berufsspezifische Zielgruppenpropaganda bewusst förderten oder ob diese in erster Linie nur einen Reflex auf die soziale Realität darstellte782. Parteiübergreifendes Merkmal der Berufsgruppenwerbung in den Weimarer Reichstagswahlkämpfen war eine „Stände“-Rhethorik, mit der an spezielle In te res sen- und Bewusstseinslagen beim Adres sa ten appelliert wurde. Anknüpfen konnte diese daran, dass auch nach 1918 vor allem in Mittelstandskreisen, aber selbst bei Arbeitern und besonders fest verankert auf dem Land noch ein zünftlerisches, aus heutiger Sicht vorindustriell-„ständisches“ Denken anzutreffen war. Zum „Mittelstand“ durfte sich dabei ursprünglich jeder zählen, der selbständig arbeitete und über gewissen Besitz verfügte. Mit fortschreitender Industrialisierung verschob sich aber die Bedeutung dieses schillernden Begriffes, während die reale Umgestaltung der alten Mittelschichten nach 1918 durch Krieg und Inflation vielfach katastrophale Ergebnisse zeigte. In die Wertvorstellungen des Mittelstandes hinein wuchs die Schar der Angestellten, deren wirtschaftliche und soziale Stellung jedoch krass ihrem Selbstbild widersprach. Um so stärker war unter ihnen die Furcht vor Deklassierung ausgeprägt. Im ganzen Mittelstand richteten sich die Aggressionen weniger gegen das Großkapital als vielmehr gegen die „marxistischen“ Parteien, die den Mittelschichten das prophezeiten, was sie am meisten fürchteten: die Proletarisierung. Die Neigung des gewerblichen Mittelstandes, seine Lebenswelt als normativen Mikrokosmos zu sehen, machte ihn zum „idealen Adres sa ten aller Volksgemeinschaftsparolen“783. Die Tatsache, dass der „neue Mittelstand“ der Angestellten keine eigene berufs„ständische“ Vergangenheit besaß, vielmehr zu einem Viertel aus der Arbeiterschaft stammte, trug dazu bei, dass die Angestellten in der Wahlpropaganda der Weimarer Parteien ein Sonderleben führen beziehungsweise zur stiefmütterlich behandelten Problemgruppe werden konnten. Ohne klare Werbestrategie ihnen gegenüber, galten die An- 264 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik gestellten etwa der SPD als „neue Proletarier“, deren sozialer Geltungsanspruch gegenüber den Arbeitern kurzerhand als „falsches“ Bewusstsein abgetan wurde784. Während unter den Adres sa tenkreisen parteipolitischer Werbung traditionell keine Berufsgruppe stärker als sozial homogene Einheit behandelt wurde als die Beamten, gehörte die Kategorie „Arbeiter“ zu den schillerndsten Berufsbezeichnungen. Nach orthodoxmarxistischer Auffassung umfaßte sie mehr als neunzig Prozent der deutschen Wählerschaft. Selbst die viel beschworene „proletarische Einheitsfront“ der KPD beinhaltete jedoch beispielsweise auch den „kleinen“ Mittelstand, während die SPD ihre Arbeiterwerbung bis auf den In dustriezweig, ja bis auf den einzelnen Betrieb hin aufgliedern konnte785. Entsprechend dem propagierten Selbstbild war die Arbeiterschaft auch die mit Abstand wichtigste berufliche Zielgruppe der NSDAP, deren Hauptadressat freilich stets das „geknechtete deutsche Volk“ blieb. Nach nationalsozialistischer Vorstellung umschloss die Kategorie der „Arbeiter der Stirn und der Faust“ die Gesamtheit aller „Schaffenden“, das heißt von Arbeitern und (produktiven) Unternehmern. Ausgegrenzt blieben lediglich die „Drohnen der Gesellschaft“, die Bezieher mühelosen Einkommens, die „oberen Zehntausend“ aus der angeblich jüdisch dominierten Großunternehmerschaft. Der Kampf gegen die „marxistische“ Arbeiterbewegung und der „Kampf um die Seele des deutschen Arbeiters“ bildeten stets eine Einheit in der nationalsozialistischen Agitation: „Die Fixierung auf die Arbeiterschaft begründete den Doppelcharakter der NSDAP-Propaganda als in ihrer Methodik und Formensprache plebejisch-revolutionär und in ihrem Inhalt antimarxistisch“786. Die Floskel „Arbeiter, Angestellte und Beamte“ diente vor allem der SPD dazu, eine mehr und mehr von der sozialen Realität abweichende In te res sen- und Klassenidentität zu beschwören, was von ihr noch in den 1920er-Jahren als die probate Agitationsmethode schlechthin betrachtet wurde. Während das Hauptgewicht der Werbung eindeutig auf den Arbeitergruppen lag, näherten sich die Sozialdemokraten den Beamten auf die gleiche ambivalente Weise an wie den Angestellten: „Teils schmeichelten sie ihnen und ließen ihre besondere In te res sen unangetastet, teils aber behandelten sie sie wie Proletarier, denen man nur noch beizubringen brauchte, dass sie es auch wirklich waren“787. Ende der 1920er-Jahre machte sich allerdings in der SPD-Propaganda eine stärkere Differenzierung bemerkbar und wurden auch andere Wählergruppen verstärkt als Adres sa ten wahrgenommen. Mit ihrem vom Kieler Partei- 265 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen tag 1927 verabschiedeten Agrarprogramm, das eine klare Abkehr von der marxistischen Theorie darstellte, kam die SPD den Bauern wie keiner zweiten Berufsgruppe außerhalb der In dus triearbeiterschaft programmatisch entgegen. Im Kampf um die „Seele des Landes“ sah sie vor den Reichstagswahlen im Mai 1928 noch „unermessliche politische Energien“ brachliegen, weniger in den bäuerlichen Schichten, an denen nur auf lange Sicht gearbeitet werden könne, als vielmehr bei den „ausgesprochenen Acker- und Fabrikproletariern in jenen Dörfern, die weitab von den großen und kleinen Zentren des Lebens“ lägen788. So intensiv sich die Weimarer Sozialdemokraten um die „Kleinbauern“ zu kümmern versuchten, so wenig vermochte ihre Wahlpropaganda auf die In te res sen und Bedürfnisse des städtischen selbständigen Mittelstandes, der Handwerker, Kaufleute und Gewerbetreibenden einzugehen, auch wenn seit 1925 eine Organisation sozialdemokratischer Kleinhändler bestand. Den Versuch der Weimarer SPD, sich in ihrer Zielgruppenpolitik von dem überkommenen Image einer Vertretung des In dus trieproletariats zu lösen und zur linken „Volkspartei“ zu werden, betrachtet die Weimar-Forschung daher im großen und ganzen als gescheitert789. Die Wahlpropaganda der Weimarer Parteien zeichnete sich bei aller Konzentration auf die einzelnen Berufsgruppen dadurch aus, dass ihre Hauptadressat stets übergeordnete, sozial wenig konkrete Konstrukte wie das „deutsche Volk“ oder die „Volksgenossen“ waren. Zumindest verbal-propagandistisch stellten sie alle „Volksparteien“ dar, eine Tendenz, die sich selbst bei einer ausgesprochenen In te res senvertretung wie der Wirtschaftspartei mit Fortdauer ihrer Existenz auf dem politischen Massenmarkt einschlich. Darin spiegelte sich unter anderem die immer wichtigere Rolle eines Adres sa tenkreises wider, der von der angelsächsischen Terminologie her als Gruppe der „floating timber“ bezeichnet wurde. Dieses „Treibholz“ der Unentschiedenen oder politisch Ungebundenen galt den Weimarer Parteien als eine „bunte, unselbständige und zugleich auch unberechenbare Masse“, die in Krisenzeiten am leichtesten von den Parolen der Extremisten erfasst werde. Nach einer Berechnung des Vorwärts wenige Tage vor der Wahl am 4. Mai 1924 hätten von den rund dreißig Millionen Wahlberechtigten etwa zwei Millionen immer noch nicht gewußt, wen sie wählen sollten. Diese Wähler, um die sich in der Schlussphase der eigentliche Wahlkampf der Parteien entspanne, „standhaft“ zu machen, konnte nach Auffassung der SPD weniger durch Flugblätter oder Versammlungen, sondern am besten durch 266 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Hausagitation, durch die persönliche Bearbeitung durch einen „gefestigten“ Mann oder eine „anständige“ Frau der Partei gelingen790. Für Carlo Mierendorff lautete die „propagandistische Hauptaufgabe“ der SPD, gerade die Wähler zu gewinnen, die der Politik im allgemeinen fernstünden, die „keine Zeitungen lesen, keine Versammlungen besuchen und Flugblätter mit der natürlichen Voreingenommenheit des Unpolitischen wegwerfen“. Etwa 80 bis 90 Prozent der Stimmberechtigten fielen in diese Kategorie der politisch Inaktiven, die in der Regel „gefühlsmäßig“ wählten, von deren Beeinflussung aber der Wahlsieg abhänge791. Einer sozialdemokratischen Analyse vor der Reichstagswahl am 14. September 1930 zufolge gab es in Deutschland vier unterschiedliche Wählerblöcke. Mit über 10,1 Millionen Stimmen die stärkste einzelne Gruppe seien im Mai 1928 die Nichtwähler gewesen, eine völlig unbekannte Größe, über deren soziale Lage, Alter oder Geschlecht man nichts wisse. Als zweite Wählergruppe wurden die Anhänger der „weltanschaulich fest gefügten politischen Bewegungen“ angesehen, das heißt von SPD, Zen trum und BVP, die zusammen 13,7 Millionen erhielten. Diese beeinflussten sich gegenseitig kaum, so dass die Fluktuation gering sei oder sich ausgleiche. Bei der dritten Gruppe von Wählern handle es sich um die von politisch-kulturellen Schwankungen abhängigen Parteien wie KPD, WP oder NSDAP, auf die im Mai 1928 zusammen 5,5 Millionen Stimmen entfielen. Die vierte Gruppe schließlich charakterisiere die Tatsache, dass sich ihre Parteien jetzt – das hieß vor dem 14. September 1930 – in Auflösung oder „struktureller Umbildung“ befänden. Gemeint war das nichtkatholische bürgerliche Lager von DNVP, DDP und DVP mit rund zwölf Millionen Wählern im Mai 1928. Von dieser Systematisierung nicht erfaßt werden könne das Treibholz der Wähler, die einmal diese, das andere Mal jene Partei „probierten“. Ebensowenig sei der Umfang der „inneren Erneuerung“ im Wahlvolk und in den Parteien genau bekannt. Jährlich seien immerhin rund 1,25 Millionen Bürger erstmals wahlberechtigt, seit 1919 also schon zehn Millionen, was ein Viertel der Wahlberechtigten im September 1930 zu „Jungwählern“ mache792. Der Generationenkonflikt und die Mobilisierung der Jugend, deren Integration in das politische System weitgehend misslang, bildete zentra le Problemfelder der Weimarer Parteien793. Vor der Reichstagswahl am 20. Mai 1928 stellten die Zwanzigjährigen der Jahrgänge 1904 bis 1908, die zum ersten Mal wählen durften und deren Zahl etwa vier Millionen betrug, den „großen Unsicherheitskoeffizienten“ dar. Die generations- 267 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen bedingte Umschichtung innerhalb des deutschen Wahlvolkes, speziell die Tatsache, dass im Mai 1928 zum ersten Mal Jahrgänge wählten, „von denen keiner den Krieg an der Front miterlebt“ habe und „von denen daher auch keiner von feindlichen Kugeln dezimiert“ sei, war der DVP Anlass zu fragen, ob im Bürgertum die Bedeutung der Neu- und Jungwähler genügend erkannt worden sei. Man selbst müsse jedenfalls die „wahlpsychologisch richtige Einstellung“ zu ihnen erst noch finden. Vorteilhaft sei allerdings, dass die Jugend noch durch keine „Parteischule“ gegangen und daher bei der Werbung „sicher zugänglicher als solche Wähler [sei], die sich schon bei früheren Wahlen ‚festgelegt‘“ hätten794. Da man nicht annahm, dass sich die Jung- und Erstwähler einfach proportional auf die vorhandenen Parteien verteilen würden – „Die Jugend liebt es, eigene Wege zu gehen“ −, versuchte sich auch das Zen trum im Mai 1928 gezielt auf die junge Generation einzustellen: „So stark auch immer die Einwirkung der Tradition, des Milieus und insbesondere auch der Familie nach der politischen Seite hin sein mögen: die Jugend ist ihnen nicht so stark unterworfen, wie die politischen Parteien das vielfach annehmen mögen“795. Die wichtigste neue Adres sa tengruppe der Wahlpropaganda bildeten nach 1918 jedoch die Frauen, deren Stimmrecht noch im Kaiserreich kein zen tra les politisches Thema für die deutschen Parteien gewesen war. Lediglich die SPD trat seit 1891 programmatisch für das Frauenwahlrecht ein, wobei sie nach der Jahrhundertwende von Teilen der bürgerlichen Frauenbewegung Unterstützung erhielt796. Um so erstaunlicher mochte erscheinen, dass die Bevorzugung konservativ-klerikaler Parteien zusammen mit einer durchschnittlich geringeren Wahlbeteiligung (mit der Ausnahme 1919) als das typische ge schlechtsspezifi sche Wahlverhalten der Frauen gelten kann. Während die KPD als reine Männerpartei erschien, erreichte selbst die SPD nur unterdurchschnittliche Frauenanteile bei Reichstagswahlen. Bezüglich der liberalen Parteien hielten sich Mann und Frau in etwa die Waage, wogegen das Zen trum als ausgesprochene Frauenpartei betrachtet werden kann, wenn auch ihr Überschuss an weiblichen Wählern Anfang der 1930er-Jahre schmolz. Mit kontinuierlich steigender Tendenz wählten Frauen deutschnational, während sie gegenüber der NSDAP Skepsis zeigten und deren rasanter Stimmenanstieg erst mit zeitlicher Verzögerung auf weibliche Stimmen zurückzuführen ist. Amtliche Sonderauszählungen der Weimarer Zeit belegen, „dass Frauen sich im Durchschnitt weniger als Män- 268 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik ner an der Wahl beteiligten, eher als diese religiös oder konservativ orientierte Parteien wählten und extremistischen Gruppen von links und rechts anfangs ihre Stimme versagten“797. Überzeugung quer durch alle Parteien war immer noch, dass Frauen – ähnlich wie die Jugend – anfälliger für die „leidenschaftlichen Einflüsse“ in der Politik seien. Es gehöre daher viel psychologisches Studium zur Werbung um die Stimmen von Frauen, die im Krieg als Objekt politischer Propaganda entdeckt worden und erst durch die Revolution zu aktiven Staatsbürgern geworden seien, wenn auch unter dem „Dröhnen des Wahlkampfes“ 1918/19 in einer Art „politischer Schnellbleiche“798. Männer galten schon durch ihre soziologische und berufliche Stellung als politisch in te res sierter, während die zu zwei Dritteln aus Hausfrauen bestehende weibliche Wählerschaft schwer zu mobilisieren sei, was die Werbung um Frauenstimmen aus Sicht des SPD-Politikers Carl Mierendorff zu einem „besonders viel geduld- und energieraubenden Zweig der politischen Propagandaarbeit“ machte799. Hinzu trat die weitverbreitete Auffassung, dass sich Frauen entweder mit den In te res sen ihrer Ehemänner identifizierten oder nur durch den Appell an spezifisch weibliche Themen aus den Bereichen „Kinder, Küche, Kirche“ zu erreichen seien. Das führte nach Thomas Childers wie de rum dazu, dass insbesondere die berufstätigen Frauen weniger Beachtung in der Wahlkampfpraxis der Weimarer Parteien fanden als die männlich dominierten Berufsgruppen800. Im Anhang des offiziösen Wahlhandbuchs zur Nationalversammlung im Januar 1919 beschäftigte sich Agnes von Harnack mit der Frage, wie sich die Frauen zu ihrem „neuen Recht“ stellen sollten, das sie quasi über Nacht zu gleichberechtigten Staatsbürgern gemacht habe und mit einem „Dreimillionen-Überschuss tatsächlich die Wahlen entscheiden“ lasse801. Auf den Wettkampf der Parteien um ihre Stimmen seien sie aber nur ungenügend vorbereitet. Trotz aller Reden und Lehrveranstaltungen über staatsbürgerliche Erziehung komme ja die große Masse der Frauen bereits früh ohne vertiefte Bildung aus der Schule: „Hin- und hergerissen zwischen den Programmen und Werbungen der verschiedenen Richtungen wird die Mehrzahl der Frauen schließlich dem lautesten Schreier, dem unablässigsten Werber folgen, ohne eigenes Urteil, auf bloße Autorität, vielfach auf Massensuggestion hin“. Auch werde ein großer Teil der Frauen einfach wie ihre Männer wählen, ohne zu bedenken, dass das Wort „Stimmvieh“ keinen schönen Klang habe. Nur durch 269 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen die Bildung eines selbständigen Urteils könne sich die Frau gegenüber dem „Ansturm der Parteien“ bewähren802. Ohne Richtlinien für diese neue Art der Zielgruppenwerbung zu besitzen, beschränkten sich diese in der Anfangszeit der Weimarer Re pu blik meist auf gute Ratschläge an die Frauen über den friedvollen Gebrauch des Stimmrechts sowie auf „trockene Programmreden“803. Schon vor 1914 war wirkungsvoller Teil jeder konservativen Argumentation gegen das Frauenwahlrecht, dass die politische Betätigung der Frau automatisch zur Verletzung ihrer Familienpflichten führen müsse. So versuchte es die DNVP auch im Januar 1919 wieder mit Religion, Kirche und Appellen an die Treue der Frau zu Familie und Volk. Wählen müsse sie aber gehen, weil ihr privater Haushalt vom Staatshaushalt abhänge804. Die Frauen nahmen die Chance, erstmals ihre politische Stimme zu erheben, im Januar 1919 tatsächlich in erstaunlichem Maße wahr, da von 17,7 Millionen Frauen immerhin 82,3 Prozent wählten, eine später nicht mehr wiederholte Quote. Den Slogan „Wahlrecht ist Wahlpflicht!“ propagierten die bürgerlichen Parteien auch in späteren Wahlkämpfen in dem Bewusstsein, überproportional von der weiblichen Stimmabgabe profitieren zu können. Typisch war, wie die DVP im Herbst 1924 die „Staatsbürgerinnen“ an ihre Wahlpflicht erinnerte: „All Ihr Müden, vom Kampf des Alltags Zerriebenen, die Ihr am Sonntag einen Ruhetag ersehnt und Euch nur ungern in das Getriebe des Wahllokals mengt! Rafft Euch auf! Bringt dem Vaterland ein Opfer!“805 Weil jetzt selbst die Konservativen nicht länger verschmähten, um Frauenstimmen zu werben, müsse die SPD lernen, die Demokratie „praktisch“ zu handhaben, plädierte Marie Juchacz im Mai 1920 für eine zeitgemäße Frauenpropaganda. Das hieß für sie, der „besonderen weiblichen Psyche“ im Wahlkampf das nötige Verständnis entgegenzubringen und die noch wenig geschulten Frauen, die „sehr leicht unsachlich und erbittert“ seien, in das politische Leben einzuführen806. Schien für Juchacz noch im Mai 1920 „unbegreiflich“, dass es Frauen gebe, die nicht sozialdemokratisch wählten, musste sie auf der nach den Reichstagswahlen vom Mai 1924 abgehaltenen Konferenz der SPD-Frauenausschüsse erkennen, dass gerade die DNVP bei den Frauen große Sympathie genieße. Ein Grund dafür sah sie in der verdeckten Propaganda der Konservativen, die in den zahlreichen Massenunterhaltungsblättern und vor allem auch den Kinofilmen geleistet werde. Die SPD müsse daher endlich wie die bürgerlichen Parteien das „Bedürfnis nach Abwechslung und 270 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Ausspannung“ bei den Frauen planmäßig in ihren Werbemethoden berücksichtigen807. Auch den Kommunisten blieb nicht verborgen, dass die Frauen nach 1919 größtenteils bürgerlich wählten. Erklärt wurde dies zunächst einfach damit, dass die meisten von ihnen das „würgende Fa brikelend“ nicht selbst kennengelernt hätten und deshalb auf den „kirchlichsentimentalen und national-heroischen Schwindel“ eher hereinfielen als die Männer. Schaue man sich zudem näher an, welche Frauen „national“ wählten, dann seien das einmal „höhere Töchter“, die „kritiklos bis zur Verblödung“ seien, dann „alte, treue Weibchen“, die immer noch glaubten, der liebe Gott habe für Deutschland einen Kaiser vorgesehen, sowie die „braven Eheweibchen“, deren geistiger Horizont sich zwischen Modeinteressen und der Dienstbotenfrage bewege808. Die Richtlinien der Frauenbeiräte des Zen trums, vom Reichsparteitag im Januar 1922 in Berlin verabschiedet, warnten mit der für die katholische Auffassung typischen Bemerkung vor der gegnerischen Propaganda: „Wahlzeiten sind Kampfzeiten, deren Charaktermerkmal viel fach das Häßliche, Vergiftete, Brutale ist. Gerade Frauen lassen sich durch derartige Begleitumstände oft von der Sache selbst zurückschrecken“. Richtlinie müsse sein, eine „genügende Anzahl von Frauenmandaten“ für den Reichstag aufzustellen, da die Frauen gerade im Zen trum den größeren Teil der Wähler bildeten. Um Irrtümern vorzubeugen, wurde aber versichert, dass die Frauenbeiräte des Zen trums nicht den Zweck hätten, „die weiblichen Mitglieder der Partei zu sammeln und mit ihnen gewissermaßen einen weiblichen Seitenzug zu bilden“809. Das Zen trum wollte bei der Frauenpropaganda ausdrücklich weniger wirtschaftliche oder „große politische Fragen“ in den Vordergrund stellen, sondern vielmehr die kulturellen Themen, weshalb sich für spezielle Frauenversammlungen nicht zuletzt der Geistliche oder der Dorfpfarrer als Redner empfehle: „Unsere politische Kultur hängt mehr von der Frau wie vom Man ne ab. An ihr ist es, durch lebendigen Willen, kraftvolle Überzeugung und unerschütterliches Gottvertrauen, die stärkere natürliche Tatkraft des Mannes zu stützen, aber auch gelegentlich sein Ungestüm zu zügeln“810. Das 1918 eingeführte Frauenwahlrecht zahlte sich vor allem für die christlichen und „nationalen“ Parteien der Weimarer Re pu blik aus. Nur mühsam gelang es der SPD, ihr Aufklärungsideal den realen Stimmungen und Gefühlen der Frauen anzugleichen. Der augenscheinliche Erfolg der konservativ-klerikalen Propaganda mit ihren kulturellen Stan- 271 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen dardthemen aus Familie, Kirche und Religion führte dazu, dass sich auch die Linksparteien verstärkt an die „Mütter“ und ihre emotionalen Instinkte wandten. Eine ähnliche Sonderrolle wie die Frauen konnten in der Wahlpropaganda nur noch die Jung- und Neuwähler beanspruchen, deren Zahl bei den Reichstagswahlen in den 1920er-Jahren dramatisch anstieg. Hier stand das Bemühen um Politisierung im Vordergrund der Propagandakonzepte. Insgesamt reagierten alle Weimarer Parteien auf die soziale Ausdifferenzierung des Wahlvolks mit der Tendenz, sich in ihrer Propaganda als „Volkspartei“ zu präsentieren. Hinsichtlich ihrer Wahlkampforganisation gingen sie dazu über, einerseits die zen tra len Führungsebenen auszubauen und andererseits die „Initiative von unten“ zu fördern. Das Bemühen um reichseinheitliche Hauptparolen wurde aus logistisch-technischen Gründen mit der Intensivierung der Wahlarbeit „vor Ort“ verknüpft. Den Zentralisierungsbestrebungen der Parteizentra len, welche von Berlin aus die Wahlkampfführung vereinheitlichen wollten, stand jedoch das In te res se der lokalen und regionalen Parteiführer entgegen, die „Eigenart der Verhältnisse in den verschiedenen Ländern“ auch bei der inhaltlichen Agitation zu wahren. Versuche der bürgerlichen Honoratiorenparteien, ihre Propaganda den massendemokratischen Bedingungen anzupassen, scheiterten letztlich an der Hürde ungenügender Organisationen, deren Reform aus mehreren Gründen, vor allem aber aufgrund des Mangels einer breiten und festen Massenanhängerschaft wenig durchschlagende Ergebnisse zeigte. Während die DDP immerhin nach Vorbild der SPD auf moderne Technik in ihrer Wahlpropaganda zu setzen versuchte, engagierte die DVP im Frühjahr 1928 zwar einen ausgewiesenen Reklamefachmann für den Wahlkampf Stresemanns in Bayern. Dessen Konzeption von „wertvoller“, das hieß um Qualität statt um Quantität bemühter Propaganda war jedoch von vornherein weniger auf Massenwirksamkeit angelegt. Dem kostspieligen Ausbau sowie der Modernisierung der Wahlpropaganda standen in den bürgerlichen Parteien außer „weltanschaulichen“ Gründen in erster Linie eine chronische Finanznot entgegen, die trotz großzügiger, allerdings meist zweckgebundener Spenden aus der Wirtschaft auch vor Wahlen nur selten überwunden werden konnte. Zudem sahen sie selbst die durch die Spendenpraxis wachsende Abhängigkeit von den Launen der In te res senverbände als problematisch an. Das Dilemma der bürgerlichen Parteien war, einerseits für die Gewinnung oder Verbreiterung der Wählerbasis die Propagandamethoden an die Massen- 272 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik demokratie und ihre veränderten Bedürfnisse anpassen zu müssen – schon um konkurrenzfähig zu bleiben, was bei der Organisations- und Finanzstärke der SPD und ihrer Massenanhängerschaft fast hoffnungslos erscheinen mochte −, andererseits durch den erforderlichen Mittelaufwand und bei Fehlen einer staatlichen Parteienfinanzierung stärker in Abhängigkeit von den ungeliebten „In te res senten“ zu geraten, deren Einfluss sie schamhaft zu bemänteln versuchten. Gleichwohl sorgte das Spendenaufkommen alles in allem dafür, dass sich die Parteien in den 1920er-Jahren nicht über die Maßen durch Reichstagswahlkämpfe verschuldeten. Erst wenn der Spendenfluss aus der Wirtschaft versiegte, konnten wie etwa im Falle der DStP die Wahlschulden zu einem ernsthaften Problem werden. Festzuhalten ist, dass für die Wahlkampffinanzierung der Weimarer Parteien keine einheitlichen Regeln bestanden, abgesehen davon, dass die bürgerlichen Kräfte vorrangig auf Spenden angewiesen waren, während Massenparteien wie die SPD oder (ab 1930) auch die NSDAP in erster Linie ihre Anhängerschaft zur Finanzierung heranzogen. Eingedenk der nur spärlichen Quellenangaben über Wahlkampfkosten scheint der Aufwand der SPD als der mitglieder- und kapitalkräftigsten Partei von zwei bis drei Millionen Mark für einen Reichstagswahlkampf – mit steigender Tendenz – in den 20er-Jahren von keiner anderen Partei erreicht worden zu sein. Auf Länderebene ließ sich ein mittelgroßer Parteibezirk der SPD den Reichstagswahlkampf zwischen 50 000 und 60 000 Mark kosten. Bürgerliche Parteizen tra len hatten durchschnittlich einen deutlich geringeren Wahlfonds zur Verfügung, der sich aber auch immerhin in der Größenordnung von mehreren Hunderttausend Mark bewegte. Anhand der für die SPD vorliegenden Ziffern kann festgestellt werden, dass Reichstagswahlkämpfe in den 20er- Jahren gegenüber dem Kaiserreich deutlich kostspieliger wurden und vor allem der Einsatz neuer „moderner“ Propagandamittel für kontinuierlich steigende Ausgaben sorgte. Mehr noch als von den Millionen Mark Wahlgeldern, welche die SPD regelmäßig in Reichstagswahlkämpfe investierte, profitierte ihre Propagandaarbeit nach wie vor von dem „Heer“ der freiwilligen Helfer, das mobilisiert wurde und diszipliniert zu flächendeckenden Flugblattverteilungen „antrat“ – wenn auch im Vergleich zum Kaiserreich zunehmend widerwilliger. Die mitgliederschwächere KPD musste dagegen versuchen, das Reservoir der „Sympathisierenden“ im Wahlkampf einzuspannen, wobei sie besondere Mobili sierungstechniken wie den „roten Wahlhelfergedanken“ entwickelte. Zu- 273 der WahlkampfstIl der WeImarer parteIen mindest hinsichtlich der theoretischen Propagandakonzepte können die Kommunisten aus heutiger Sicht als bahnbrechend gelten. Ihre originellen – wenn auch zum Teil aus der Not geborenen – Methoden der Kleinpropaganda vor Ort nach dem Prinzip der „Initiative von unten“ sowie Begriff der „Kampagne“, das hieß der möglichst zentral gelenkten und konzentrierten Propaganda, wurden von NSDAP wie SPD aufgegriffen und weiterentwickelt. Letztere kann auf der anderen Seite dank ihrer überlegenen Finanzkraft das Verdienst beanspruchen, bei der Einführung moderner Propagandamittel vor 1930 innovativ und systematisch vorangegangen zu sein, da der NSDAP noch die organisatorischen und finanziellen Grundlagen dazu fehlten.

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Zusammenfassung

Reichstagswahlkämpfe entwickelten sich in den 1920er-Jahren zu wahren „Wahlschlachten“ mit einem bis dahin nicht gekannten Aufwand an Propaganda, Material, Geld und Menschen. Die scharfe Polarisierung in Wort und Bild sowie das hohe Maß an physischer Gewaltanwendung machten die Wahlbewegungen buchstäblich zum „Kriegsschauplatz“. Auch der massive Einsatz neuer, moderner Propagandamittel wie Lautsprecher und Flugzeuge, Schallplatten und Filme, zusammen mit der gegenüber dem Kaiserreich nochmals gesteigerten Verwendung traditioneller Medien wie Flugblättern und Zeitungen, veränderte nach 1918 den Charakter und die öffentliche Wahrnehmung der Reichstagswahlkämpfe. Parallel zum technischen Fortschritt begann in den 1920er-Jahren die „Amerikanisierung“ der Parteipropaganda, die von Zeitgenossen als „Sittenverfall“ beklagt wurde und die – wie auch viele Feindbildstereotype der Weimarer Zeit – die Zeit des Nationalsozialismus überdauerte und nach 1949 der Entpolitisierung von Wahlkämpfen in Deutschland den Weg ebnete.