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Kapitel 1 in:

Dirk Lau

Wahlkämpfe der Weimarer Republik, page 11 - 32

Propaganda und Programme der politischen Parteien bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag von 1924 bis 1930

3. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4203-8, ISBN online: 978-3-8288-7193-9, https://doi.org/10.5771/9783828871939-11

Tectum, Baden-Baden
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11 Einleitung 13 Kapitel 1 Historische Wahlkampfforschung und Weimarer Re pu blik Politisch-kulturelle Deutungen und Diskurse werden als konstitutive Bestandteile der historischen Wirklichkeit und somit auch als ein eigenständiger Forschungsbereich der Geschichtswissenschaft betrachtet. Mittlerweile ist anerkannt, dass es die Erforschung politischer Kulturen nicht nur mit isolierten Meinungsprofilen und Werthaltungen bestimmter Eliten, sondern mit „grundlegenden Vorstellungen über die Welt der Politik und damit verknüpften operativen Normen“ zu tun hat, die sich insgesamt als „das mit spezifischem Sinn gefüllte ideelle Design eines Kollektivs für sein politisches Leben“1 begreifen lassen. Unbestritten ist auch, dass sich die politische Kultur einer demokratischen und medienbewussten Gesellschaft in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung beziehungsweise in den Stellungnahmen von politischen Parteien widerspiegelt. Das von der amerikanischen Politikwissenschaft in den 1960er-Jahren entwickelte Analysekonzept „Politische Kultur“ bietet sich dabei trotz Kritik an seiner empirischen Unzuverlässigkeit als „feuilletonistisch anmutendes Zugangsmittel historischer Forschung an, denn es gestattet, die Verarbeitung von Geschichte und Politik zu beschreiben“2. Eine Arbeit, die im Rahmen des von Klaus Megerle geleiteten Berliner Forschungsprojektes zur politischen Kultur der Weimarer Re publik entstand, definiert politische Kultur als das „umfassende System politischer Vorstellungen“, das „in seiner Struktur auf dem Wege der Verarbeitung politischer Erfahrungen die Struktur der objektiven politischen Bedingungen reproduziert und gleichzeitig die politische Praxis ihrer Teilhaber strukturiert“3. Zen tra le These des Forschungsprojektes ist, dass für die politische Kultur der Weimarer Re pu blik eine ausgepräg- 14 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik te Fragmentierung konstitutiv gewesen sei. Nach 1918 habe sich in Deutschland keine einheitliche politische Nationalkultur herausgebildet, sondern sei die Gesellschaft gespalten geblieben in sich vielmehr noch verfestigende Teilkulturen mit je spezifischen Denk- und Handlungsmustern. Im Unterschied zum wilhelminischen oder später zum nationalsozialistischen Deutschland besaß die aus der Kriegsniederlage und der Revolution geborene Weimarer Re pu blik kaum Rückhalt bei großen gesellschaftlichen Gruppen4. Die Einordnung der vorliegenden Arbeit in die historische politische Kulturforschung liegt nahe. Gerade in Wahlkampfzeiten lassen sich „anhand von programmatischen Offerten, Werbemitteln und -methoden in exemplarischer Weise Strategien der Politikvermittlung zwischen der Führungsebene und dem Bürger studieren“5. Wahlkämpfe können auch in der historischen Betrachtung als „sinnfälligster Ausdruck von politischer Kultur [gelten], da sie Aufschluss über ideologische und interessenpolitische Fragen, über Kräftekonstellationen, das Verhältnis der Parteien zueinander und über ihre Stellung zum Gesamtsystem geben“6. Von einer Untersuchung der Identifikations- und Abgrenzungsstrategien der Parteien im Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 versprechen sich die Historiker Elfi Bendikat und Detlef Lehnert einen relevanten Erkenntnisgewinn. Sie beschränken ihre Aussagen auf jene politischen Teilkulturen, „die unmittelbar um eine kandidierende Partei gruppiert waren und zugleich in der öffentlichen Meinung mit repräsentativen Publika tionsorganen auftraten“7. Anhand der Weimarer Reichstagswahlkämpfe kann, so die Ausgangsüberlegung der vorliegenden Arbeit, die Fragmentierung der politischen Kultur der Weimarer Re pu blik wie in einem Brennspiegel festgestellt werden. Der Stellenwert von Wahlkämpfen innerhalb eines politischen Systems ist abhängig von dessen verfassungs- und wahlrechtlicher Struktur. Als Teil der Öffentlichkeit sind sie wichtige Ereignisse der politischen Massenkommunikation, denen eine große Bedeutung bezüglich meinungsbildender Deutungs- und Handlungsmuster in demokratischen Staaten zukommt. Moderne Wahlkämpfe sind Zeiten verschärfter Ausei nan der set zung von Parteien um die Zustimmung der Bevölkerung und politische Macht. Sie sind periodisch wiederkehrende Phasen erhöhter Politikvermittlung (von Seiten der Parteien) sowie der Politikwahrnehmung (von Seiten des Wählers)8. Jede Arbeit über Wahlkämpfe muss in Rechnung stellen, dass es sich um Ausnahmesituationen des politischen 15 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk Kampfes handelt, nicht zuletzt deshalb schon, weil die Machtstellung der Parteien zur Disposition steht. Der dadurch erhöhte Konkurrenzdruck fördert wie de rum die Emotionalisierung der politischen Aus ei nan derset zung und damit geradezu zwangsläufig das Auftreten von Irrationalismen9. Die Wahlforschung stellt einen „Kernbereich politischer Kultur demokratisch verfasster Systeme“10 dar. Abgesehen von der Motivationsforschung, die für die Geschichtswissenschaft uninteressant sei, da sie erst mit den Mitteln der modernen Demoskopie Sinn mache, geht Peter Steinbach von drei Typen der historischen Wahlforschung aus: der Wahlkampfbeschreibung und -analyse, der wahlstatistischen Untersuchung sowie dem sozial-ökologischen Ansatz. Hinsichtlich der Weimarer Zeit liege der Eigenwert von Wahlkampfbeschreibungen nicht zuletzt darin, dass der Historiker etwa bei Analysen des nationalsozialistischen Wählerpotenzials nach 1929 „viel weniger auf Vermutungen angewiesen wäre, wenn wir etwa den Wahlkampf nicht nur der NSDAP, sondern aller bürgerlichen und sozialistischen Parteien überblicken können“11. Unbestritten ist, „dass nur mithilfe der historischen Wahlforschung Fragen eines Zusammenhanges zwischen sozialem Wandel, gesellschaftlicher Demokratisierung und einer Formverwandlung der politischen Stile – von der Honoratiorenpolitik zur parteiengeprägten Fundamentalpolitisierung – anschaulich und vergleichsweise schlüssig beantwortet werden können“12. Daran anknüpfend, fordert der Wahlforscher Thomas Kühne die Untersuchung historischer Wahlkämpfe ausdrücklich in einem breiten politisch-kulturellen Kontext. So fasst Kühne unter den Begriff „Wahlkultur“ diejenigen Arbeiten zusammen, „die nicht so sehr nach dem ‚Warum‘ der Wahlentscheidungen (also ihren im weiteren Sinne soziologischen Motiven und Gründen) fragen, als vielmehr auf das ‚Wie‘ der Wahlkonflikte, auf die ihnen und ihrer Austragung zugrunde liegenden Konflikt- und Konfliktlösungsmuster abheben“13. Im Zen trum der Erforschung von Wahlkulturen stehe also „die Frage nach dem bewussten oder unbewussten Konflikt- und Konsensverhalten der konkurrierenden Kräfte, Parteien, Kandidaten. Hierher gehören auch die Muster, nach denen Wahlthemen besetzt, Feindbilder inhaltlich aufgebaut und Konflikte kultiviert oder ritualisiert werden“14. Jede Orientierung historischer Wahlforschung ist mit gleichartigen Problemen konfrontiert, die sich aus der Material- und Datenlage ergeben. Weil für die Zeit der Weimarer Re pu blik repräsentative Individual- 16 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik daten fehlen, warnt gerade die wahlsoziologische Forschung bei der Präsentation ihrer Ergebnisse vor so genannten ökologischen Fehlschlüssen, das heißt dem einfachen Schluss von der Gebiets- auf die individuelle Wählerebene15. Der Zusammenhang und die Verknüpfung von Mi kro- und Makroebene, das heißt der möglichst plausiblen Verbindung von Einzeldaten und gesamtgesellschaftlichen Aussagen, stellt allerdings ein zentra les Problem der historischen Wahlforschung sowie jeder politischen Kulturforschung dar16. Zu beachten ist der Einwand von Karl Rohe, den dieser in Bezug auf Peter Steinbachs dreibändige Geschichte über Wahlkämpfe der so genannten Reichsgründungsära 1867/71 bis 1881 formulierte, welche die „politischen Vorstellungen, Ziele und Kooperationsmöglichkeiten der verschiedenen politischen Bewegungen“17 untersuchen will. So interessant dieser Versuch sei, „über eine Auswertung von Wahlkampfargumentation und veröffentlichter Meinung Vorstellungsmuster und In te res sen einer breiten Wählerschaft und deren Wandel in der Zeit zu erschließen, so notwendig ist es freilich zu betonen, dass wesentliche lebensweltliche Determinanten des Wahlverhaltens über die Analyse öffentlicher Medien in aller Regel nicht fassbar sind“18. Dagegen zählen Lehnert und Megerle gerade zu den Konstitutionsbedingungen historisch-politischer Kultur, dass diese „in veröffentlichter Meinung nicht als Durchschnittswert regionaler Messdaten hervortritt, sondern bevorzugt über die gesellschaftlichen Metropolen definiert werden kann“19. Au- ßer den für den Ansatz der Wahlkampfbeschreibung aus nationaler Perspektive vorbildlichen Studien des britischen Nuffield-College will Steinbach die von dem amerikanischen Historiker Stein Rokkan aktualisierte Modernisierungstheorie in den Kontext der Wahlanalyse stellen, insofern Veränderungen der politischen Strukturen im Medium der Wahlkämpfe sichtbar würden20. Die Analyse von Wahlkampfinhalten aus nationaler Perspektive kann nur Sinn machen, wenn angenommen wird, dass trotz aller regionaler Differenzierung ein reichsweit gültiger, milieubedingter, sozialmoralischer Konsens zumindest innerhalb der jeweiligen politischen Teilkulturen existierte. Wäre dieser nicht vorhanden, würden sich die divergierenden Elemente voneinander lösen, wie es etwa im Falle des bayerischen Zen trums oder der Abspaltung der KPD von der Sozialdemokratie nach 1918 geschah. Soziokulturelle lokale Sonderfaktoren sowie Fragen der binnennationalen Mentalitäts- und Verhaltensunterschiede – etwa zwischen dem Südwesten Deutschlands, Großstädten wie Hamburg und 17 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk dem ostelbischen Gebiet – lassen sich in der vorliegenden Arbeit nur streifen. Sie richtet vielmehr sowohl hinsichtlich der Fragestellung als auch der zugrunde gelegten Quellen den Blick „von oben“ auf die Reichstagswahlkämpfe der Weimarer Re pu blik. So bedeutsam das Gewicht der regionalen Verhältnissen und so prägend soziostrukturelle Sonderfaktoren vor Ort auch gewesen sein mögen: Die hier gewählte Methode bietet den „Vorteil, die Relevanz einzelner Fragen erkennen und durch die übergreifende Perspektive Großtrends aufzeigen zu können“21. Grundsätzliche Aussage von regionalspezifischen Arbeiten über Wahlkämpfe und Wahlen der Weimarer Zeit – zumeist basierend auf einer Auswertung der lokalen Presse – ist zudem, dass sich die Reichstagswahlkämpfe in dem betreffenden Gebiet nur wenig von den Vorgängen in anderen Teilen Deutschlands unterschieden haben. Auch Elfi Bendikat und Detlef Lehnert stellen in Bezug auf den Reichstagswahlkampf vom Frühjahr 1924 bei der Kontrolle möglicher Regionaleffekte „keine erwähnenswerten Nuancierungen“ hinsichtlich der Propagandainhalte innerhalb der jeweiligen politischen Teilkulturen fest22. In den Wahlkampfrichtlinien der Weimarer Parteizen tra len finden sich freilich immer wieder Hinweise, wie die Propaganda unter Berücksichtigung der spezifischen regionalen und lokalen Verhältnissen zu gestalten sei. Immerhin legten die zen tra len Parteiaufrufe wesentliche inhaltliche Akzente fest und ließen sich auf das Reich bezogen „für die gesamte Wahlagitation bestimmte Richtlinien aufstellen, die bei der Agitation mit Rücksicht auf die inner- und außenpolitische Entwicklung nicht außer acht gelassen werden dürfen“23. Betrachtet man die regionale Differenzierung in Reichstagswahlkämpfen, so ist die Sonderstellung kaum zu übersehen, die Berlin innerhalb der politisch-kulturellen Landschaft der Weimarer Re pu blik einnahm. Die Propaganda und das Organisationsleben der Weimarer Parteien orientierten sich in starkem Maß an den Verhältnissen in der Reichshauptstadt, ein Umstand, der auch bei der inhaltlichen Analyse ihrer Wahlpropaganda stets mitgedacht werden muss. Gerade in Wahlzeiten stand der „Kampf um Berlin“ im Mittelpunkt des öffentlichen In te res ses, nicht zuletzt weil, so der Vorwärts, es auch in einer Demokratie nicht gleichgültig sei, „wie die Hauptstadt fühlt und denkt“. Ihr „politisches Fluidum“ wirke sich unmittelbar auf die hier ansässigen Reichsbehörden und Parlamente aus, so dass die Stellungnahme der hauptstädtischen Bevölkerung nicht selten indirekt die politischen Entscheidungen beeinflusse: „Wenn die große Wahl- 18 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schlacht [vom 4. Mai 1924] geschlagen ist, wird die erste Frage Deutschlands und des Auslandes lauten: ‚Wie hat Berlin gewählt?‘“24. Es ließe sich bei der hohen Kontinuität, die das deutsche Parteiensystem im Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Re pu blik bewies, vermuten, dass auch die Wahlkämpfe keinem wesentlichen Stil- und Methodenwandel unterlagen25. Ein Leitmotiv der vorliegenden Arbeit bildet daher der Frage, ob und wie sich in den relativen Stabilisierungsjahren nach 1924 die Erscheinungsformen sowie der politische Stellenwert der Wahlkämpfe qualitativ veränderten haben. Während ihr Ausgang für die tatsächliche Politik mehr und mehr bedeutungslos wurde, gilt in Bezug auf die Spätphase der Weimarer Re pu blik das Wort von Hans Mommsen, dass Wahlkämpfe zu bloßen Anlässen herabsanken, „um den Privatarmeen von links und rechts Gelegenheit zu verschaffen, ihre potenzielle Macht unter Beweis zu stellen“26. Für die Wahlen des Jahres 1932 reklamiert Mommsen daher einen neuen Wahlkampfstil, bei dem „die programmatischen Aussagen der Parteien gegenüber plakativen und pauschalen Polemiken“ zurücktraten27. Hervorstechendster äußerer Unterschied zwischen heutigen Wahlkämpfen und denen der Weimarer Zeit ist vielleicht die Verlagerung des Geschehens von der Straße auf den häuslichen Fernsehbildschirm. Gerhard Paul spricht für die Zeit nach 1918 von einer „Funktionalisierung der Straße als öffentlichem politischem Kommunikationsraum“ vor allem durch die aufblühende Bildpropaganda: „Wahlkämpfe wurden zu Plakatschlachten, in denen eine nie zuvor und nie wieder in der deutschen Geschichte erreichte, äußerst differenzierte politische Bildersprache entstand, die politische Deutungen von Vergangenheit und Gegenwart, Zukunftsängste und Utopien, in publikumswirksame, partei spezifische ikonische Zeichen, Symbole und Parolen transformierte“28. Reichstagswahlkämpfe drängten das sonstige politische Leben der Weimarer Re pu blik völlig in den Hintergrund – bis hin zu einer „Art Stillstand der Staatsgeschäfte“29. In neuerer Zeit geraten Wahlkämpfe und ihre Inhalte, die bislang hauptsächlich im Rahmen der Parteiengeschichtsschreibung behandelt wurden, stärker ins Blickfeld der historischen Wahlforschung. In dem guten Forschungsstand der Parteiengeschichte des Deutschen Kaiserreichs sowie immer mehr auch der Weimarer Re pu blik ist jedoch ebenso wenig ein Ersatz für die Wahlkampfhistoriographie zu sehen wie in der regionalen Wahlhistorie30. Die von Peter Steinbach sowie einigen 19 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk amerikanischen Historikern belebte Forschung zur Wahlpolitik im Kaiserreich konzentriert sich auf die inhaltlichen Seiten der Reichstagswahlkämpfe, auf die Themen und Programme sowie auf die Feind- und Selbstbilder der Parteien. Zen tra le, übergeordnete Fragestellungen gelten der Fundamentalpolitisierung der Bevölkerung und der Nationalisierung der deutschen Politik. Die vergleichende Studie von Elfi Bendikat über nationale Wahlkämpfe in Deutschland, Frankreich und England am Ende des 19. Jahrhunderts richtet dagegen ihr Hauptaugenmerk auf die Politikstile der Parteien. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Wahlwerbung in den drei Ländern durch die wachsende Konkurrenz auf dem „politischen Massenmarkt“ strukturell ähnliche Agitationsstrategien annahm. Die deutschen Parteien zeichneten sich dabei im internationalen Vergleich „durch eine besonders ausgeprägte Bereitschaft zur sozialen und politischen Selbstbildpflege, durch eine besondere multifrontale Konfliktorientierung und Reduktionsneigung sowie durch den aggressiven Einsatz ideologischer Stereotypen“ aus31. Nimmt man zu den Arbeiten von Steinbach und Bendikat noch die ältere Monographie von George Dunlap Crothers, der bereits 1947 eine „study of chances in public sentiment with regard to certain ‚national‘ questions and policies“ vorlegte32, und die Arbeit von Jürgen Bertram über die Reichstagswahl von 1907 beziehungsweise 1912 sowie die Studie von Brett Fairbairn über die von 1898 und 1903 hinzu, lässt sich sagen, dass für das Kaiserreich die von Steinbach geforderten „nationalen Messlatten“ vorliegen, anhand derer mögliche Regionaleffekte in den Reichstagswahlkämpfen festgestellt werden können33. Für die Zeit der Weimarer Re pu blik – immerhin „einer der am besten erforschten Abschnitte der deutschen Geschichte“34 – existieren dagegen bislang keine vergleichbaren Forschungen. Die Reichstagswahlkämpfe nach 1918 werden in den allgemein- beziehungsweise parteiengeschichtlichen Darstellungen bislang nur beiläufig behandelt, hauptsächlich unter sich zum Teil überlappenden Gesichtspunkten wie dem der Brutalisierung von Politik oder der Frage nach politischer Gewalt sowie in Arbeiten zur Parteipropaganda. Abgesehen von Studien mit regionalem beziehungsweise lokalem Schwerpunkt – stellvertretend für die ältere Forschung sei die Dissertation von Günther Mick über Wahlen in der Stadt Trier zwischen 1918 und 1933 genannt −, kann sich eine Untersuchung der Reichstagswahlkämpfe von 1924 bis 1930 auf keine spezifischen und systematischen Vorarbeiten stützen, obwohl die Ge- 20 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik schichte der Weimarer Re pu blik mitunter als eine Geschichte permanenter Wahlkämpfe und speziell ihre letzten Jahre als eine „endlose Kampagne“ beschrieben werden35. Zu Recht sprechen Elfi Bendikat und Detlef Lehnert von einer „Vernachlässigung der Weimarer Reichstagswahlen als politikhistorische Quelle der kollektiven Mentalitäten“. Dies sei „um so erstaunlicher, als im konkurrenzdemokratischen Werben um die Stimmen auf dem ‚politischen Massenmarkt‘ geradezu idealtypisch“ die Interdependenz der verschiedenen Ebenen eines Forschungsansatzes zur Politischen Kultur sichtbar werde36. Auch die nationalsozialistischen Wahlkämpfe wurden bislang trotz einiger Teilstudien noch nicht einer qualitativen Interpretation unter politisch-kulturellen Aspekten unterzogen. Auf der Basis von Aufsätzen, Denkschriften und Rundschreiben und Propagandamedien sowie vor allem der Plakate stellt Gerhard Paul immerhin die visuellen Deutungs- und Agitationsmuster dar, die das „Drehbuch der wichtigsten Wahlkämpfe der NSDAP“ von 1928 bis 1933 bestimmten37. Ein Manko der vorliegenden Arbeiten zu Parteien und Wahlen in der Weimarer Repu blik ist aber, dass sie entweder hinsichtlich der Zahl der untersuchten Parteien oder eben regional eingegrenzt sind. Schon nur ganz allgemeine Informationen über die Wahlkampfpropaganda etwa der liberalen und katholischen Parteien, geschweige denn der zahlreichen Weimarer Klein- und In te res senparteien, aus der Literatur erhalten zu wollen, erweist sich als langwierige Sucharbeit oder ist von vornherein aussichtslos. Eine neuere Darstellung zur Politik des Zen trums in den Jahren von 1924 bis 1930 schenkt allerdings der Wahlkampfpraxis der Partei ausdrücklich große Beachtung38. Abgesehen von zwei älteren amerikanischen Dissertationen über die Reichstagswahl von 1928 beziehungsweise 193039 ist die bislang einzige Spezialstudie, die einen Reichstagswahlkampf in der Weimarer Re pu blik aus nationaler Perspektive analysiert, der bereits zitierte Aufsatz von Elfi Bendikat und Detlef Lehnert, der 1990 im Rahmen des Berliner Forschungsprojektes zur politischen Kultur der Weimarer Re pu blik erschien. Im Unterschied zur regionalspezifisch oder lokalhistorisch orientierten Wahl- und Parteienforschung untersuchen sie den Reichstagswahlkampf vor dem 4. Mai 1924 explizit hinsichtlich politisch-kultureller Fragestellungen. Nach einer einführenden Skizze der politischen Rahmenbedingungen 1923/24 behandelt ihre Studie die „zen tra len Themenfeldern des Selbstverständnisses und der Aus ei nan der set zungen von parteipoliti- 21 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk schen Teilkulturen“, wobei tagespolitische Einzelaspekte gegenüber den „grundsätzlichen Wertorientierungen, Leit- und Feindbildern“ der Parteien in den Hintergrund gerückt werden. Besondere Abschnitte gelten den zen tra len Wahlaufrufen, den außen- und innenpolitischen Grundsatzkonflikten, dem Einsatz von politischen Stereotypen und Feindbildern – das „ideologische und soziale Profil der Parteiargumentation“ −, während am Schluss des mit Wahlplakaten, politischen Karikaturen und Zeitungsausschnitten illustrierten Aufsatzes der sich bereits im Frühjahr 1924 ankündigende „Weg zum ‚negativen Konsens‘ der antire pu bli kanischen Sammlung“ beschrieben wird40. Abseits solcher theoriebewegter Forschung zur historisch-politischen Kultur wurden jüngst zwei Bonner Dissertationen veröffentlicht, welche ebenfalls die Wahlkampfpropaganda der Weimarer Parteien zum Gegenstand haben. Florian Stadel geht quellenmäßig ähnliche Wege wie Bendikat und Lehnert, indem er die Reichstagswahlen von 1930 und 1932 sowie die Wahl zum preußischen Landtag 1932 im Spiegel der richtungspolitischen überregionalen Tageszeitungen beschreibt. Allerdings will er die „Eigenheiten der einzelnen Blätter, ihre jeweilige Argumentationsführung […] in ihrer ganzen Subjektivität“ mehr oder weniger unkommentiert stehen lassen41. Peter Staatz wie de rum sieht seine Hauptaufgabe darin, „darzulegen, wie die Parteien [des Kreises Düren bei Köln] selbst sich dem Wähler präsentierten, mit welcher Propaganda die Parteien an die Wähler herantraten“42. Jedes Kapitel der von ihm untersuchten Reichs- und Landtagswahlen von 1918 bis 1933 schildert sowohl den Wahlkampfablauf, die regionalspezifischen Parolen jeder Parteien sowie ihre jeweiligen Hauptgegner und Zielgruppen. In der vorliegenden Arbeit werden die Reichstagswahlkämpfe in der Weimarer Re pu blik während der Phase der relativen Stabilisierung von 1924 bis 1930 dargestellt und hinsichtlich der oben angesprochenen Fragestellungen analysiert. Weder kann eine quantifizierende Wahler gebnis a nalyse noch eine Wirkungsanalyse der Propagandamedien, noch ein Beitrag zur Erklärung des Wählerverhaltens geleistet werden. Im Anschluss an die Wahlkampfhistoriographie gilt das Hauptaugenmerk vielmehr der Frage, ob sich in den untersuchten Reichstagswahlkämpfen politische Deutungs- und Handlungsmuster über die Grenzen der wichtigsten Parteien beziehungsweise Teilkulturen hinweg als durchschlagend erweisen konnten. 22 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik Zwischen 1924 und 1930 akkumulierte sich das politische Widerspruchspotenzial, an dem die Weimarer Re pu blik Anfang der 1930er- Jahren scheiterte. Mit Michael Stürmer lässt sich behaupten, dass die Mittelphase für historisch-politische Untersuchungen dadurch an Bedeutung gewinnt, dass hier bei Abwesenheit gravierender äußerer Druck- oder Störfaktoren die Eigengesetzlichkeit der politischen Gestalt der Re pu blik – ebenso wie auf kulturellem Gebiet – stärker hervortrat als in der vergleichsweise besser erforschten Anfangs- oder Endphase43. Zu Recht betont die Weimar-Forschung heute allerdings die Scheinstabilität während der „goldenen 20er-Jahre“. Was die Jahre zwischen 1924 und 1930 hervorhebt, war ein Rückgang der akuten Bedrohung im Innern, etwa durch extremistische Umsturzversuche, und von außen, etwa durch Sanktionsmaßnahmen der Alliierten. Nicht zuletzt aber die Wirtschaft war während des Jahrfünfts nach dem Krisenjahr 1923, das die extreme Zuspitzung von durchgängigen Weimarer Problemlagen gebracht hatte, alles andere als stabil: „Ein Blick auf die Innenpolitik der Jahre 1924 bis 1930 zeigt ein höchst uneinheitliches Bild von Stabilisierungsbemühungen und Obstruktion, von Ansätzen re pu bli ka nischer Legitimität und von Verächtlichungmachung der neuen Ordnung um jeden Preis, von der Suche nach Mechanismen politischer Entscheidungsfindung zwischen Verfassungskonstruktion, Wählerwillen und manipulativer Öffnung des Weges in einen anderen Staat“44. Die Darstellung und Analyse der Propaganda sowie der Programme der politischen Parteien für die Wahlen zum Deutschen Reichstag am 4. Mai 1924, am 7. Dezember 1924, am 20. Mai 1928 und am 14. September 1930 geschieht in erster Linie auf der Grundlage archivalischer Quellen sowie zweitens der überregionalen Tages- und Parteipresse. Da aus der Weimarer Zeit weder Meinungsumfragen noch demoskopische Datensätze vorliegen, ist die historische Wahlkampfforschung wesentlich auf solche publizistischen Quellen angewiesen, die „von im weitesten Sinne Deutungsexperten – Journalisten, Politikern, Schriftstellern – produziert wurden, weswegen von den Eigenschaften des analysierten Materials nicht umstandslos auf die politischen Vorstellungen des Publi kums geschlossen werden kann“45. Die vorliegende Arbeit besteht aus zwei gleichberechtigten Hauptteilen, in denen verkürzt gesagt einmal die technische und zweitens die inhaltliche Seite der Reichstagswahlkämpfe beleuchtet wird. Quellenbasis für den zweiten Teil bildet das oft als „Graue Literatur“ der politischen 23 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk Werbung bezeichnete propagandistische Schriftgut, im wesentlichen knapp 1 600 thematisch verschiedene Wahlflugblätter der Weimarer Parteien. Bei diesen handelt es sich keineswegs um die Zahl aller damals produzierten „fliegenden Blätter“, sondern nur um die heute in den gro- ßen staatlichen Archiven Deutschlands überlieferten Stücke. Da der Grad der Repräsentativität von Wahlflugblättern der Weimarer Parteien nicht mehr festzustellen ist, musste versucht werden, die Validität der Aussagen durch die Breite der Materialbasis zu sichern. Zurückgegriffen wurde im Wesentlichen auf die umfangreichen Bestände des Bundesarchivs in Koblenz und Potsdam, der Bibliothek für Zeitgeschichte in Stuttgart sowie der Parteiarchive, vor allem dem Bonner Archiv der sozialen Demokratie und dem Archiv für Christlich-Demokratische Politik in Sankt Augustin46. Zu beachten ist, dass ein großer Teil der Flugblätter anlässlich von Reichstagswahlen auf regionaler und lokaler Parteiebene hergestellt und auch redaktionell verantwortet wurde. In den Archiven finden sich die Wahlflugblätter meist bunt durcheinander gewürfelt und weder nach Ort, Datum oder Parteiinstanz beziehungsweise -bezirk geordnet. Es blieben aber nur solche Flugblätter in der vorliegenden Arbeit unberücksichtigt, die einen deutlich erkennbaren Bezug auf ausschließlich örtlich interessante Sachverhalte aufwiesen. Bei ihnen bildete die Reichstagswahl oft nur den äußeren Aufhänger zur Vermittlung lokalspezifischer Themen. Bezüglich der zweiten Hauptquellengruppe, der überregionalen Tages- und Parteipresse, ist anzumerken, dass der Presseberichterstattung als historische Quelle lange Zeit in der Historikerzunft skeptisch begegnet wurde. Doch waren die Tageszeitungen innerhalb der Weimarer Publizistik nicht nur die „führenden politischen Nachrichten-Übermittler“47, sondern auch ein in heute kaum mehr vorstellbarem Ausmaß genutztes Forum direkter parteipolitischer Propaganda. Gerade für die historische Wahlkampfforschung bilden sie daher eine wichtige Quellengruppe. Die Tagespresse kann geradezu als das Medium gelten, durch das „die ‚Meinungen in der Öffentlichkeit‘ zur ‚öffentlichen Meinung‘“ wurden, „zumindest in Formierungsbereichen nationaler politischer Kultur“48. Die Untersuchung der organisatorischen Seite von Wahlkämpfen leidet wie die Weimarer Parteiengeschichte generell unter dem Verlust unmittelbarer Parteiakten auf allen Ebenen49. Anhand der wenigen überlieferten Rundschreiben der Parteiführungen sowie vor allem der Berichterstattung in der überregionalen Tages- und Richtungspresse wird 24 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik zunächst schwerpunktmäßig für jede Wahl neben den wichtigsten Daten auch die allgemeine Wahlkampfatmosphäre unter spezieller Berücksichtigung des Faktors der politischen Gewalt rekonstruiert. Dann wird dem Verhältnis der einzelnen Weimarer Parteien zur Institution Wahlkampf nachgegangen und werden Beispiele ihrer konkreten Wahl kampfor ga nisation gegeben. Dabei stehen Fragen der Finanzierung, des unterschiedlichen Wahlkampfstils und der Wahlkampfplanung der Parteien im Vordergrund. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit dem Spek trum und der praktischen Bedeutung von einzelnen Propagandamitteln und -methoden der Parteien. Die Abschnitte des zweiten Hauptteils sind nach einem einheitlichen Schema aufgebaut, wonach zunächst die Vorgeschichte der Wahl unter spezieller Berücksichtigung etwaiger Tendenzen bei den vorangegangenen Landtags- und Regionalwahlen skizziert wird. Dann folgt jeweils die inhaltsanalytische Darstellung der Wahlprogramme der Parteien im Spiegel ihrer Flugblattpropaganda. Die Reihenfolge richtet sich nach der Stimmenstärke bei der letzten Wahl, sodass die SPD stets zuerst behandelt wird, gefolgt von der DNVP, der zwischen 1924 und 1930 zweitstärksten Weimarer Partei. Jeder Abschnitt zu einer Partei ist thematisch untergliedert nach den Aspekten ihrer allgemeinen Wahlziele – unter besonderer Berücksichtigung koalitionspolitischer Bündnisoptionen – und Hauptthemen, der Aus ei nan der set zung mit dem politischen Gegner, der wichtigsten Selbst- und Feindbildern sowie schließlich den Hauptadressaten in der Wählerschaft beziehungsweise der Zielgruppenwerbung. Zum Schluss folgt jeweils eine knappe Darstellung des Wahlergebnisses, der wichtigsten Wählerbewegungen und Reaktionen auf die Wahl sowie eine Bewertung des Wahlkampfes. Als Wahlprogramm wird das gesamte ideologische und soziale Profil der Parteiargumentation bezeichnet, für die wie de rum der Einsatz von politischen Stereotypen und Topoi charakteristisch ist. Gegenüber dem offiziellen Parteitagsprogramm, das den Kompromiss eines längeren Willensbildungs- und Entscheidungsprozesses zwischen den Parteiflügeln darstellt und längerfristige, stärker dogmatische Ziele präsentiert, geben Wahlprogramme unmittelbarer und punktueller die Einstellungen und Strategien der Parteien wieder und sind aufgrund ihres Werbecharakters mit größerer Rücksicht auf Stimmungen in der Bevölkerung formuliert. Wie die längerfristig angelegten Parteiprogramme dienen Wahlprogramme aber auch dem innerparteilichen Frieden. Sie können anderswo fest geschriebene Ziele konkretisieren sowie taktisch oder zeit- 25 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk lich begrenzte Wendungen im Parteiverhalten dokumentieren. Obwohl die opportunistischen Versprechungen der Parteien ihren Programmen oft den Charakter von Warenhauskatalogen geben, sind Wechselwirkungen zwischen ihnen und den Werthaltungen und Deutungsmustern in der Bevölkerung eklatant. Bestes Beispiel hierfür ist das Erfurter Programm der SPD von 1891, das nicht nur das „Denken zumindest zweier Generationen von Sozialdemokraten nachhaltig geprägt und die Identität der Partei über eine lange Dauer“ geformt, sondern auch „die Ängste und Ressentiments großer Teile der neuen Mittelschichten, des alten Mittelstandes und der Bauern gesteigert und verfestigt“ hat50. Wahlprogramme ergaben sich aus der Summe verstreuter Stellungnahmen der Parteien während der Wahlzeit, vor allem aber aus den Aufrufen der Berliner Parteiführungen und den sonstigen publizistischen Kundgebungen sowie den Versammlungsreden. Letztere sind allerdings nur im Ausnahmefall gedruckt worden und bleiben deshalb in der vorliegenden Arbeit unberücksichtigt. Während Quellengruppen wie etwa die Polizeiberichte von Versammlungen der Parteien aufgrund ihrer vom Thema wegführenden Entstehungsintention nicht herangezogen wurden, können auch die ausgewerteten Wahlkampfmaterialien der Parteien ebenso wie etwa Parlamentsdebatten oder biographische Zeugnisse keinen Anspruch auf Repräsentativität im Sinne von Umfragen erheben. Die Tagebücher oder Erinnerungen von Weimarer Parteipolitikern eignen sich allenfalls, um den Wahlkampf als öffentliches Spektakel zu begreifen. Wenig informativ ist etwa das Tagebuch von Joseph Goebbels, der meist nur selbstmitleidig über die persönlichen Strapazen der Wahlkämpfe reflektiert. Die Parteigeschichte von Werner Stephan, der als Generalsekretär der DDP bis 1929 an führender Position das Wahlkampfmanagement seiner Partei gestaltete, stellt allerdings eine für die vorliegende Arbeit interessante Ausnahme dar, insofern sie detailliert die parteiinterne Willensbildung sowie Kandidatenkämpfe vor den Wahlen zu schildern weiß. Prägnante Stimmungsbilder lassen sich nicht zuletzt der umfangreichen zeitgeschichtlichen Literatur entnehmen, deren herausragende Vertreter wie Oskar Maria Graf oder Alfred Döblin immer wieder auf das Thema Wahlkampf zu sprechen kommen. Aus der Weimarer Presselandschaft hat sich ein Kanon von überregionalen Tageszeitungen herauskristallisiert, der als repräsentativ für die wichtigsten politischen Teilkulturen gelten kann. Im Zeitraum von ungefähr drei Monaten vor jeder Reichstagswahl wurden daher für die 26 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik DDP die ihr nahe stehenden und in Berlin erscheinenden, aber überregional beachteten Zeitungen Berliner Tageblatt und Vossische Zeitung ausgewertet, die mit Auflagen von bis zu 300 000 beziehungsweise 80 000 Stück eine zen tra le Stellung im liberalen Pressespektrum der 1920er-Jahre einnahmen. Beide erschienen zweimal täglich, sonntags und montags jedoch nur einmal, von der Vossischen gab es ab Dezember 1924 zudem eine tägliche Reichsausgabe51. Die Frankfurter Zeitung bildete mit etwa 150 000 Kopien das „traditionelle Organ der außerpreußischen Demokraten“, das statt der ursprünglich drei täglichen Ausgaben ab August 1930 infolge von Sparmaßnahmen des Verlages nur noch mit einer Reichsaus gabe in einer Auflage von 80 000 Stück erschien52. Als offiziöses Sprachrohr der in Berlin sitzenden Parteiführung und vor allem der Reichstagsfraktion des Zen trums konnte die Tageszeitung Germania gelten. Da sie großen Einfluss auf die reichspolitische Linie der katholischen Partei ausübte53, wurde sie deren anderen Organen hier vorgezogen, auch wenn das Zen trum seine Hauptstützpunkte eher im Westen des Reiches sowie vor allem im Rheinland besaß. Die Deutsche Allgemeine Zeitung wurde ausgewertet, um das in den maßgeblichen In dus trie- und Wirtschaftskreisen lange Zeit tonangebende Segment der politischen Kultur der Weimarer Re pu blik einzubeziehen. Als Nachfolgerin der halboffiziellen Norddeutschen Allgemeinen Zeitung des Kaiserreiches nahm sie meist den Standpunkt des rechten schwerindustriellen Flügels der DVP ein, der grundsätzlich mehr zur DNVP als zur bürgerlichen Mitte tendierte. Vor Wahlen enthielt sich das Blatt, das 1927 durch Vermittlung von Stresemann in den Besitz eines Konsortiums von Ruhrindustriellen und Berliner Großbanken überging, weit gehend der direkten parteipolitischen Agitation, rief aber stets unmissverständlich gegen die „rote Gefahr“ auf54. Um die offizielle Politik der DVP abzubilden, wurde zusätzlich das Parteiorgan Nationalliberale Correspondenz herangezogen. Die antire pu bli ka nische, aber gouvernemental gesinnte Rechte der Weimarer Re pu blik besaß ihre publizistische Plattform in der Neuen Preußischen (Kreuz-) Zeitung, die bis zu den Parteispaltungen 1929/30 linientreues Sprachrohr der DNVP war, danach aber auf Distanz zur neuen Hugenberg-Führung ging. Der Völkische Beobachter, seit 1920 das Organ der Münchener Reichsleitung der NSDAP, konnte sich von einer minimalen Auflage um 2 500 im Jahr 1923 auf gut 128 000 Exemplare im Jahr 1931 steigern. Als bedeutendstes „politisches Führungsmittel“ der Hitlerpartei, von dem seit 1927 eine zusätzliche Reichsausgabe erschien, 27 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk musste ihn jeder Parteifunktionär abonnieren55. Neben Leitartikeln, welche die politische Linie der KPD erläuterten, enthielt deren in Berlin erscheinendes Zentralorgan Rote Fahne auch eine Vielzahl von Berichten über Massenaktionen der Partei, vor allem aus Berlin, ihrer mit Abstand wichtigsten Hochburg. Obwohl die Auflage der Roten Fahne bis 1932 auf 130 000 Exemplare stieg, besaß sie wie die gesamte Presse der KPD nur eine schwache Außenresonanz, sondern in erster Linie ein milieuspezifisches Publikum56. Als Mitgliederblatt und bedeutendste Tageszeitung der SPD wurde schließlich deren Berliner Zentralorgan Vorwärts ausgewertet57. Während über historisch genetisch verwandte Medien wie den öffentlichen „Maueranschlägen“ beziehungsweise Plakaten, die sich als eigenständige Gattung von Bild-Text-Quellen erst im 19. Jahrhundert herausbildeten58, eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten und Editionen vorliegt, führen Flugblätter in der Geschichtsschreibung immer noch ein Schattendasein. Obwohl ihre Bedeutung als publizistisches Massenkommunikationsmittel in den Epochen vor dem Internet- und Fernsehzeitalter kaum unterschätzt werden kann59, hat sich dies bislang noch in keiner systematischen Untersuchung über diese Quellengruppe niedergeschlagen. Lediglich das „illustrierte Flugblatt“ der Reformations- und Barockzeit, sowie die spezielle Gruppe der Kriegsflugblätter erfreuen sich größeren In te res ses. Dem Weimarer Zeitgenossen galten die Flugblätter hingegen als wichtigste Träger des „Werbefeldzuges“, den die Parteien zur Wahl der Nationalversammlung 1919 organisierten: „Die Zeiten hochgespannter Erregung sind stets ein günstiger Boden für diese Art der Ideenverbreitung gewesen. Die Menschen sind lesehungriger denn je. Sie wittern Sensation, hinter jedem Zettelverteiler. Aber die Technik des Flugblatts will auch erlernt sein“60. In den millionenfach aufgelegten Flugblättern, der nach 1918 wichtigsten Kleinform argumentativer politischer Werbung, und sonstigem Propagandaschriftgut wurde das eigentliche Programm der Parteien anlässlich von Wahlen sichtbar61. Mit Frank Kämpfer kann daher zu Recht behauptet werden, dass die Wahlkämpfe der Weimarer Re pu blik erst mithilfe der unzähligen Flugblätter und Plakate als das darstellbar werden, „was sie wirklich gewesen sind, als leidenschaftliches Ringen um den richtigen Weg aus der Krise“62. Grundsätzlich können Flugblatt und Flugschrift63 als synonyme Bezeichnungen für eine Gruppe von Bild-Text-Quellen aufgefasst werden, die sich in erster Linie durch publikationstechnische, intentionalistische 28 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik und sprachstilistische Eigentümlichkeiten von anderen publizistischen Medien unterscheiden. Stets zu bedenken ist die Formenvielfalt des Flugblatts, die vom einfachen losen Blatt bis hin zur mehrseitigen Blätterfolge, vom bloßen Ankündigungszettel bis hin zum ausformulierten Programm reichen konnte. Der äußeren Form nach handelt es sich um ein- oder beidseitig bedruckte Papierblätter, die ein- oder mehrfach gefaltet, mitunter geheftet und sowohl schriftliche als auch bildliche Elemente beinhaltend, gedruckt, gestempelt, hektographiert oder handgeschrieben sein sowie in hoher Auflage oder in wenigen Exemplaren erscheinen können. Eine wichtige gattungstypische Eigenschaft der modernen politischen Flugblätter hängt mit ihrer vergleichsweise einfachen, schnellen und billigen Herstellungsweise zusammen, durch die sie sich in besonderen Maße als Kommunikationsmittel in Zeiten der gesellschaftlichen Krise oder in Phasen verschärfter politischer Aus ei nan derset zung wie eben vor Wahlen empfehlen. Neben den publikationstechnischen Merkmalen lassen sich Flugblätter aber auch durch innere Gestaltungsprinzipien und Formelemente von anderen publizistischen Schriftquellen abgrenzen. Die zumindest teilweise immer vorhandenen Komponenten des Flugblattes sind der Text, der die wichtigsten Aussagen enthält, die Adresse oder Parole, die den Empfänger oder die Zielgruppe nennt und meistens appellativen Schlagzeilencharakter besitzt, aber auch in Frageform auftreten, fett gedruckt sowohl visueller Blickfang als auch das Konzentrat der Aussage sein kann, sowie der mitunter verdeckte Sender beziehungsweise Verfasser. Bilder, Zeichnungen und Symbole gehören in ihren vielfältigen stilistischen Erscheinungsformen der Grafik, Malerei und Fotografie neben den Farben zu den wichtigsten Mitteln der Flugblattgestaltung, die das In te res se des Adres sa ten zu wecken und fesseln vermögen. Gerade für die organisierte Arbeiterbewegung mussten Flugblätter als „erste Form der sozialdemokratischen Literatur“, so ein Ausspruch Lenins, klar umrissenen Anforderungen genügen: Prägnanz im Ausdruck, sprachliche Ökonomie und Volkstümlichkeit, Leserlichkeit und Verständlichkeit bildeten elementare Voraussetzungen für ihre Wirkung64. Wenn auch berühmte Flugschriften wie das „Manifest der Kommunistischen Partei“ oder die von Rosa Luxemburg verfassten „Junius-Briefe“ ihrer Intention nach auch für die Nachwelt geschrieben wurden, sind politische Flugblätter zumal in ihrer massenhaften Verbreitungsform kaum anders als schriftliche Überreste zu klassifizieren65. Ihre Überlie- 29 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk ferung vollzieht sich bis in die Gegenwart hinein meist zufällig und verstreut auf zahlreiche staatliche oder private Sammlungen. Von der „Zettelflut“ vergangener Wahlkämpfe ist heute nur noch ein Bruchteil erhal ten. Doch hat die unsystematische Überlieferungslage wenig Einfluss auf den Wert des politischen Flugblattes als Quelle für den Historiker. Er ist vor allem wie angesprochen in der Regulativfunktion dieses publizistischen Mittels zu sehen, in dem sich neben etablierten und ständigen Medieneinrichtungen der „öffentlichen Meinung“ im weitesten Sinne des Wortes eine Art gesellschaftlicher Gegenöffentlichkeit artikulieren kann66. Da es die vorliegende Arbeit in starkem Maße mit sprachlich-argumentativen Stereotypen von politischen Flugblättern zu tun hat, erscheint es sinnvoll, das eng damit verbundene Phänomen „Propaganda“ begrifflich einzugrenzen67. Ausgehend von der kommunikationstheoretischen Standardsituation mit Sender, Medium und Empfänger erscheint Propaganda als der Versuch, die Deutungs- und Handlungsmuster eines Empfängers durch die des Senders mithilfe verschiedener Medien zu beeinflussen, zu ändern oder im Extremfall sogar zu ersetzen. Im Anschluss an die moderne Theorie der politischen Sprache kann Propaganda als Manipulation mit dem Ziel der Beherrschung der öffentlichen Meinung und der Erringung von politischer Macht beschrieben werden. Darüber hinaus bezeichnet der Begriff in der vorliegenden Arbeit das Repertoire an Werbemitteln und -methoden, das in der politischen Parteienwerbung zur Verbreitung von Ideen und Programmen sowie zur Mobilisierung von Anhängern beziehungsweise Wählern eingesetzt wird. Empirisch nachprüfbare und allgemeingültige Aussagen über die Wirkung von Propagandamedien sind allerdings selbst bei dem heutigen Stand der Massenkommunikations- und Meinungsforschung nur sehr beschränkt möglich. Alles in allem darf es in Bezug auf die Wirkung von politischer Propaganda als sicher gelten, dass ihre Rezeption in entscheidendem Maße von den äußeren sozialen Rahmenbedingungen und politischen Stimmungen im Wahlvolk abhängig ist. Psychologische, politische und wirtschaftliche Spannungen werden zweifelsohne die Bereitschaft der Konsumenten erhöhen, einem propagandistischen Appell – welcher Art auch immer – In te res se zu schenken. Bei Wahlflugblättern muss wie bei allen zeitgeschichtlichen Propagandaquellen zudem das Bestreben des Produzenten in Rechnung gestellt werden, eine Identität des Adres sa ten mit seinen Zielen dadurch herzustellen, dass er sich des- 30 Dirk Lau: WahLkämpfe Der Weimarer repubLik sen Vorstellungen und In te res sen opportunistisch und zum Teil gar auf Kosten eigener Positionen anpasst68. Frank Kämpfer bezeichnet die „Scheininformation“, die gezielt manipulative Falschunterrichtung oder Tarnung, als methodisches Hauptproblem aller politischen Propagandaforschung69. Wie bei jedem parteipolitischen Agitationsmittel sind die Aussagen der durch die politische Sprache kompliziert verschlüsselten Flugblätter also eingedenk des für zeitgeschichtliche Quellen typischen Vorbehaltes ihrer ideologischen Bestimmtheit zu lesen. Eine exakte ideologiekritische Relativierung der Quellenaussagen kann die vorliegende Arbeit jedoch schon aus Platzgründen nicht leisten. Noch aussichtsloser wäre es gewesen, alle Irrtümer, Fehlbewertungen oder Lügen richtig stellen zu wollen, da sich dies Unterfangen am Wesen der Propaganda und ihrer suggestiven Verzerrung der Wirklichkeit schnell totgelaufen hätte. Jede politische Propaganda lebt von der Methode der qualitativen Reduktion, der extremen Realitätsverdichtung und Simplifizierung, die etwa Begriffe wie „Kapitalismus“, Worthülsen wie „Verrat“ oder Slogans wie „Arbeit und Brot“ kennzeichnet70. Die Analyse von Wahlflugblättern dürfte nicht zuletzt auch dadurch besonders wertvoll für den Historiker sein, dass sich hier im Konkurrenzkampf um Wählerstimmen die spezifischen Werbestrategien der Parteien gegenüber den einzelnen Bevölkerungsgruppen direkter als in anderen publizistischen Quellen offenbaren. Während die soziale und berufliche Schichtung der Wählerschaft der Weimarer Parteien aus Mangel an Datenmaterial weitgehend im Dunkeln bleiben muss71, erlaubt die Analyse der Flugblattpropaganda vor Reichstagswahlen nicht zuletzt Rückschlüsse da rauf, in welchem sozialen Raum sich die Parteien selbst sahen oder bei welchen Wählergruppen sie sich die größten Chancen erhofften. Ein grundsätzliches Problem bei der Analyse solcher „Ziel gruppen“-Werbung ist allerdings, dass die Parteien Wähler, deren Stimmen sie sich sicher glaubten, in der Regel oft gar nicht mehr oder nur eingeschränkt ansprachen. Die in einer verstärkten Werbung um Stammklientel sichtbare Verunsicherung kann andererseits bedeuten, dass sich die Partei aus dem offenen gesellschaftlichen Diskurs und Wettbewerb um Stimmenpotenziale zurückzieht und sich – wie etwa das Weimarer Zen trum nach 1928 – in ihrem angestammten sozialmoralischen Milieu „einigelt“. 31 hIstorIsche Wahlkampfforschung und WeImarer re pu blIk Eine gleich den Adres sa tengruppen wichtige Untersuchungsebene bei der Analyse von Wahlpropaganda betrifft die Frage nach den Selbst- und Feindbildern, wobei hauptsächlich ihre Funktionsweise im politischen Kampf, nicht ihre Entstehung in te res siert. In einem 1992 erschienenen Sammelband über Feindbilder in der Geschichte werden darunter bewusst weitgefasst „alle Informationen und Darstellungsformen [verstanden], die in dem zeitgenössischen Schrifttum eingesetzt werden, um den Gegner als einen Feind zu kennzeichnen“. Feindbilder können Aufschluss geben über „konstitutive Elemente des politischen Denkens, die den Publizisten selbst, aber auch dem von diesen angesprochenen Adres sa tenkreis eigen waren“72. Das Maß des Einsatzes von Feindbildern, die eine nicht unerhebliche Integrationskraft nach innen entwickeln, kann den Grad der Identitätssicherheit der politischen Parteien beziehungsweise Teilkulturen signalisieren. Elfi Bendikat definiert Feindbilder als „extreme Reduktionen der Wirklichkeit“, die auf dem „Prinzip des antithetischen Kontrasts zum positiven Eigenbild“ basieren. Bestehende politische Unterschiede werden dabei mittels der antagonistischen Trennformel von Gut und Böse zu fundamentalen Gegensätzen gesteigert. Jedes historisch relevantes Feindbildstereotyp zieht seine Wirkung aus der scheinbaren, allerdings verzerrten sowie milieu- und schichtenspezifischen Übereinstimmung mit realen Phänomenen und kann auf tief in der Mentalität der Bevölkerung verankerten Antipathien und Weltbildern beruhen. Parallel zu der Zunahme des politischen Partizipation der deutschen Bevölkerung seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wuchsen den Feindbildern neue Wirkungsfelder zu, insofern mit ihnen nun „erfolgreich Politik gemacht und Wahlen entschieden“ werden konnten73.

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Zusammenfassung

Reichstagswahlkämpfe entwickelten sich in den 1920er-Jahren zu wahren „Wahlschlachten“ mit einem bis dahin nicht gekannten Aufwand an Propaganda, Material, Geld und Menschen. Die scharfe Polarisierung in Wort und Bild sowie das hohe Maß an physischer Gewaltanwendung machten die Wahlbewegungen buchstäblich zum „Kriegsschauplatz“. Auch der massive Einsatz neuer, moderner Propagandamittel wie Lautsprecher und Flugzeuge, Schallplatten und Filme, zusammen mit der gegenüber dem Kaiserreich nochmals gesteigerten Verwendung traditioneller Medien wie Flugblättern und Zeitungen, veränderte nach 1918 den Charakter und die öffentliche Wahrnehmung der Reichstagswahlkämpfe. Parallel zum technischen Fortschritt begann in den 1920er-Jahren die „Amerikanisierung“ der Parteipropaganda, die von Zeitgenossen als „Sittenverfall“ beklagt wurde und die – wie auch viele Feindbildstereotype der Weimarer Zeit – die Zeit des Nationalsozialismus überdauerte und nach 1949 der Entpolitisierung von Wahlkämpfen in Deutschland den Weg ebnete.