Was vom Christentum bleibt in:

Matthias Drescher

Die Zukunft unserer Moral, page 99 - 100

Wie die Nächstenliebe entstanden ist und wieso sie den Glauben überlebt

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4275-5, ISBN online: 978-3-8288-7187-8, https://doi.org/10.5771/9783828871878-99

Tectum, Baden-Baden
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99 Was vom Christentum bleibt Nicht vom Glauben, sondern von der Angst hängt unser Liebesethos also ab. Das klingt ernüchternd, es zeigt aber vor allem, wie fest es verankert ist, und es verweist zudem auf seine wichtigste Funktion. Denn so wie Mythos und Gottesbund als Kokon fungiert hatten, so war auch der christliche Glaube ein Schutz vor der neuen Skepsis. Darauf beruhte sein großer Erfolg in der römischen Welt. Und selbst wenn dieser Aspekt später an Bedeutung verlor, war er sofort wieder relevant, sobald erneut kritisch gedacht wurde. Allerdings wirkt der Glaube seitdem auch überfordert: Erst wurde nur die Kirche reformiert, danach geriet er selbst unter Druck. Inzwischen könnte das Christentum, ähnlich wie unzählige andere Religionen, für viele eine Episode der Vergangenheit sein. Eine jüdische Sekte, die mit Erfolg auf die Vergänglichkeits-Angst der Antike reagiert hatte, die jedoch nicht ewig dem neu anwachsenden, rationalen Denken standhalten konnte. So würde sie vielleicht tatsächlich gesehen, wenn Jesus nicht ein doppeltes Gebot verkündet hätte: nicht nur Gottes-, sondern auch Menschenliebe. Mit beiden hat das Christentum sein Schicksal verknüpft, und beide zusammen verkörpern es noch heute. Inzwischen sind die Rollen aber neu verteilt; der Gottesglaube wird immer seltener, während die Liebe weiterhin Pflicht ist – nicht gemäß kirchlicher Lehre, sondern im Einklang von Gefühl und Handeln, ähnlich wie die Juden es zuerst erlebt hatten. Auch ohne Jenseitshoffnung trägt die Moral das antike Vermächtnis daher weiter. Sie dient als gemeinsamer Nenner unserer Zivilisation und verkörpert das Bleibende am Christentum. Vor allem übernimmt sie dessen wichtigste Aufgabe, da jetzt sie die Angst all jener besänftigt, die wieder in den Bann der eigenen Vergänglichkeit gezogen werden. Denn während der Glaube versiegt, kann das verbleibende Liebesgebot noch immer helfen: Es kann den Bann lösen, indem es zu Selbstlosigkeit und Hingabe gegenüber den Mitmenschen führt. 100

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Zusammenfassung

Warum bleibt die christliche Moral bestehen, obwohl der Glaube abnimmt?

Hierzu eine überraschende These: Das Gebot der Nächstenliebe ist ein Produkt der Angst. Es hat sich in einer einzigartigen historischen Konstellation entwickelt und wird auch heute wieder von der Angst um das Ich getragen. Kein himmlischer Ursprung also, aber paradoxerweise ein überaus festes Fundament, auf dem unsere Werte überleben können.

„Matthias Drescher zeigt, wie sich Abstand von einer gesellschaftlichen Krisenstimmung gewinnen lässt, und wirbt für ein aktuelles Verständnis des Gebots der Nächstenliebe. Das Gebot ist nicht ‚Ethik light’ aus einer christlichen Tradition, die für viele vergangen ist, sondern eine Quelle moralischer Energie aus einem Erfahrungszusammenhang, der Kulturen übergreift.”

(Prof. Dr. Christoph Bultmann, Universität Erfurt)