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Matthias Drescher

Die Zukunft unserer Moral, page 91 - 98

Wie die Nächstenliebe entstanden ist und wieso sie den Glauben überlebt

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4275-5, ISBN online: 978-3-8288-7187-8, https://doi.org/10.5771/9783828871878-91

Tectum, Baden-Baden
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91 Heute Wiederholung ohne Glauben Bisher wurde die Liebespflicht von den Christen aufrechterhalten, auch in schlechten Zeiten, trotz Nöten und Grausamkeiten jeder Art. Inzwischen geht die Zahl der Gläubigen aber immer mehr zurück – wieso geben wir ihr Ideal also nicht auf? Es dürfte an derselben Angst liegen, aus der die Nächstenliebe ursprünglich entstanden ist. Denn ohne Glauben erlischt jede Hoffnung auf ein Jenseits. Die Angst um das Ich erwacht neu und löst, wie schon im Hellenismus, eine Gefühlskette aus, die viele in ihrer Moral bestätigt – dieses Mal unabhängig vom Glauben. Aber war der Glaube in der antiken Kette nicht ein wichtiges Glied? Und wenn die Angst alleine, ohne Religion, diese Entwicklung in Gang setzt – wieso betonen dann nicht auch andere Kulturen die Nächstenliebe? Offenbar verläuft der Prozeß nicht genauso wie damals; außerdem scheint die christliche Prägung weiterhin relevant zu sein, denn nur sie kann den Unterschied zu anderen Kulturen erklären. Die Angst und ihre Metamorphosen Eine Wiederkehr der Angst ist jedenfalls plausibel. Das naturwissenschaftliche Denken, das in der Antike gerade erst 92 begonnen hatte, bestimmt heute fast alles. Selbst die meisten Christen akzeptieren es als Welterklärung, wenn auch nicht für das eigene Ich. Wer aber vom Glauben abfällt, der setzt sich der Wissenschaft schutzlos aus und muß ihre Weltsicht auch auf sein Leben und Sterben beziehen. Er fällt ins Bodenlose, von weit höherer Warte als in der antiken Aufklärung, und deshalb noch tiefer: Aus einem Teilhaber Gottes wird ein Geschöpf des Zufalls, das am Ende völlig vom Nichts verschluckt wird. Wie sehr das Nichts den Menschen ängstigt, hängt davon ab, wie präsent es für ihn ist. Ähnlich wie die Mythen, hatte der Glaube als schützender Kokon gedient. Ohne ihn ist die Angst vor der Vergänglichkeit wieder akut, zumindest für all jene, die weder Ablenkung noch Schutzschirm finden. Und wenn sie denn aufkommt, wirkt diese Angst ebenso durchdringend und elementar wie im Hellenismus. Auch die Reaktionen dürften wieder die gleichen sein: ein tiefgreifendes Verständnis für dieselbe Not anderer Menschen und, natürlich, die Suche nach Ablenkung und Schutz. Bis hierhin verläuft die Entwicklung genauso wie damals. Die existentielle Not weckt Mitgefühl für den Menschen als solchen; eine erste Metamorphose der Angst, die all jene erleben, die dem Nichts ungeschützt ausgesetzt werden. Empathie alleine ist aber noch keine Nächstenliebe. Deshalb blieb die Moral in den hellenistischen Städten auch unverändert, und erst das Christentum hat die neue Sen- 93 sibilität dann zur Geltung gebracht. Allerdings mußte die Lehre dazu von außen kommen; sie war nicht im griechischen Kulturraum entstanden, sondern in Israel, in der Begegnung von Hellenismus und Judentum. Unter speziellen Bedingungen hatte sich dort eine weitere Metamorphose der Angst vollzogen, die Verwandlung in Selbstlosigkeit. Gelenkt von der Tora, hatte das jüdische Volk sein Mitleiden in der Nächstenliebe aufgehoben und damit zugleich den Gottesbund gestärkt. In zwei Schritten war aus dem Erschrecken über die Vergänglichkeit schließlich eine Pflicht zur tätigen Nächstenliebe geworden, so wie wir sie kennen. Dabei hatte die zweite Wandlung innerhalb des Judentums stattgefunden, in Anwendung seiner religiösen Gesetze. – Wie ließe sich diese Metamorphose wiederholen? Könnte sie auch bei heutigen Menschen erfolgen, auch ohne göttliche Weisung? Geben ist seliger denn Nehmen Es hilft, die Entwicklung im Judentum genau zu betrachten: Wer selbst existentielle Angst erlebt, der begreift auch die der Anderen, damals so wie heute. Bei Nichtjuden war das zunächst unproduktiv, zumindest sind kaum unmittelbare Folgen sichtbar. In Israel dagegen hatten Angst und Mitleid konkrete Konsequenzen. Offenbar erkannten die Schriftgelehrten, daß ihre neuen Gefühle zur alten Forderung nach Nächstenliebe paßten. Bisher hatten sie die Tora 94 nur in der Weise verstanden, daß man fehlgeleitete Volksgenossen menschlich behandeln möge. Angesichts der Not ihrer Mitmenschen interpretierten die Gelehrten das Liebesgebot aber auf einmal grundsätzlich. Jetzt sollte jeder „seinen Bruder in Herzlichkeit und Aufrichtigkeit lieben“, wie es das Jubiläenbuch formuliert. Das entsprach beiden Empfindungen: sowohl dem Leiden an der eigenen Vergänglichkeit, als auch der generellen Empathie, die die Menschen wegen dieses Leidens entwickelt hatten. Der Einzelne wurde getröstet, die Empathie in Taten umgesetzt und zugleich der Wille Gottes erfüllt – zusammen erzeugte dies einen Einklang, der die Not übertönte und große Sicherheit verlieh. Offenbar hatten die Juden ihr Gesetz jetzt richtig verstanden und zur Harmonie mit Gott, den Menschen und dem eigenen Fühlen gefunden. Dadurch wurde die Liebe zum Inbegriff eines gottgerechten Lebens. Als Wegweiser für diese Gefühlsumkehr hatte der alte Gottesbund gewirkt. Deshalb läßt sich die bisherige Frage genauer formulieren: können die beiden wesentlichen Schritte, Gefühlsumkehr und Hingabe gegenüber den Mitmenschen, auch ohne religiösen Glauben erfolgen, und was ersetzt heute den Glauben? Selbstlose Selbstlosigkeit Die Liebespflicht ist zwar Teil der christlichen Lehre, aber kein Objekt des Glaubens, das von der Wissenschaft in Frage gestellt wird. Daher bleibt sie zunächst aus eigener 95 Kraft bestehen. Ausgehend von den Kirchen, bestimmt sie noch immer die Moral in unserer Gesellschaft, und schon aus Konvention hält ein Nichtgläubiger normalerweise an ihr fest. Daß er ihr häufig auch innerlich treu bleibt, hat allerdings tiefere Gründe. In erster Linie ist sie erfolgreich. Nächstenliebe dient allen zusammen, der Gesellschaft und jedem Einzelnen; wenn ihm geholfen wird, aber besonders, wenn er selbst hilft. Auch die Nichtgläubigen kennen die Freude des Gebens und genießen, außer dem Dank der Beschenkten, auch das Schenken an sich. Sie folgen ihrem Gefühl und ver suchen weiterhin christlich zu handeln, was ja der Auslöser für diese Überlegungen war. Es ist die einzige Seligkeit, die ihnen vom Christentum verbleibt: keine Gewißheit des ewigen Lebens mehr, dafür aber die Men schenliebe, die Jesus eingefordert hatte und die unsere Kultur seither prägt. Das Ideal bleibt bestehen und gewinnt noch an Bedeutung. Weil es vom säkularen Denken nicht angefochten wird, geht es nicht unter, sondern hält die Gesellschaft weiter zusammen. Wahrscheinlich ist seine Wirkung sogar stärker als früher, da es an das verlorene Gottvertrauen erinnert und zugleich eine noch reinere Haltung darstellt. Denn Nichtgläubige folgen keiner religiösen Lehre; sie praktizieren die Nächstenliebe aus freien Stücken und erleben als wahren Lohn nur ihr eigenes Fühlen. 96 Die Metamorphose findet wieder statt Kein Glaube und keine fromme Pflicht mehr, dafür aber – wie bei der Erneuerung der alttestamentarischen Moral – der Einklang von Gefühl und Handeln. Damals ergänzten sich Mitleid und göttliche Weisung und erhoben die Liebe zum Ausdruck des Glaubens. Heute sind es Mitleid und anerkannte Moral, während die Liebe noch immer ein Maß alles Guten darstellt. Für Nichtgläubige ist sie der wahre Zweck ihrer Selbstlosigkeit. Die eigene Hingabe zu erleben, erfüllt und bestärkt sie – kaum anders vermutlich, als Christen von ihrem Glauben bestärkt werden. Folglich ist auch heute die Umkehr vom passiven Mitleiden zur Nächstenliebe möglich, ähnlich wie im antiken Judentum. Anstelle der Tora lenkt jetzt die christliche Moral, die auch für Nichtgläubige noch gilt. Ganz wie damals gewinnen die Menschen Sicherheit aus dem überzeugenden Einklang, der entsteht, wenn sie andere trösten, dabei sich selbst und der Gesellschaft gerecht werden und zugleich die eigene Nächstenliebe spüren. Die Rolle des Christentums Wenn die Angst vor der Vergänglichkeit heute die gleiche Gefühlskette auslöst wie im Hellenismus, auch ohne Gottesglauben – wieso wird die Nächstenliebe dann nur in unserer Zivilisation betont? Warum reagieren andere säkulare Gesellschaften nicht ähnlich? 97 Weil sie anders geprägt sind. Weil in ihrem Regel- Repertoire keine Liebespflicht existiert, oder weil tiefer verwurzelte Vorschriften mit ihr konkurrieren. Im modernen China, beispielsweise, kennt man die christliche Pflicht und hat durchaus Respekt vor ihr. In der chinesischen Tradition ist aber nicht die Hingabe am tiefsten verankert, sondern das Ideal der Harmonie. Folglich stellt die Nächstenliebe kein gängiges Handlungsmuster dar; einem bedürftigen Fremden zu helfen, ist nicht in gleicher Weise mainstream wie im christlich geprägten Westen. Ein solches Handeln wird den Chinesen deshalb nur selten als Ventil dienen, obwohl auch sie längst die allgemeine Empathie kennen und aushalten müssen. Daran zeigt sich, wie einzigartig die Moral unserer Zivilisation ist. Ihre Entstehung war kompliziert und keineswegs selbstverständlich. Der Mensch entwickelt Nächstenliebe nicht einfach deshalb, weil er allmählich seine Vergänglichkeit wahrnimmt. Sonst hätten die Griechen die neue Moral bereits nach Israel mitgebracht, als sie dort Einfluß gewannen. Zuerst aber mußte ihre Ernüchterung auf die Juden abfärben und diese, daraufhin, ihr Verhältnis zu Gott und den Menschen vollständig umkehren. Erst damit war die Nächstenliebe in die Welt gekommen. Wirklich verbreitet wurde sie allerdings von der Sekte der Christen, die nicht nur die Juden, sondern alle Menschen zum Seelenheil führen wollte. Ein erstaunlicher Weg. Besonders erstaunlich erscheint, daß ausgerechnet ein Jenseitsglaube als Vehikel diente, der 98 die Todesangst ja besänftigen und die Wurzel des neuen Gebotes dadurch kappen mußte. Er hat diese Wurzel aber sehr wirksam ersetzt: Nächstenliebe gilt als christliche Tugend par excellence. Sie braucht nicht erst durch Angst und Empathie erlernt zu werden, sondern geht mit der Gottesliebe einher. Das Evangelium hat das abendländische Ethos von seiner Herkunft losgelöst und auf eine zeitgemäße Grundlage gestellt: den Glauben an die Auferstehung. Auf diese Art geschützt, blieb das Ethos erhalten, obwohl sich das Umfeld bald drastisch veränderte. Während die Empfindsamkeit der Stadtkulturen für lange Zeit verlorenging, lebte der christliche Glaube fort und mit ihm die Nächstenliebe. So wurde, nur auf den Glauben gegründet, die vielleicht größte Errungenschaft der Antike weitergetragen – das Vermächtnis einer Zivilisation, die mit dem Römischen Reich untergegangen ist. Inzwischen hat das Erbe zweitausend Jahre überdauert. Es bleibt äußerst lebendig und ist derart mit unserer Welt verwoben, daß es den christlichen Glauben als Stütze nicht mehr benötigt. Auch wenn, irgendwann, keiner mehr an ein Jenseits glauben sollte – auch dann dürfte die antike, christliche Prägung noch wirksam sein und, ähnlich wie die Tora, viele Menschen zu selbstlosem Handeln bewegen. Die zusätzliche Kraft, die aus dem Einklang von Empathie, Moral und Dankbarkeit entsteht, wird die Menschen auch weiterhin in ihrer Nächstenliebe bestärken.

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Zusammenfassung

Warum bleibt die christliche Moral bestehen, obwohl der Glaube abnimmt?

Hierzu eine überraschende These: Das Gebot der Nächstenliebe ist ein Produkt der Angst. Es hat sich in einer einzigartigen historischen Konstellation entwickelt und wird auch heute wieder von der Angst um das Ich getragen. Kein himmlischer Ursprung also, aber paradoxerweise ein überaus festes Fundament, auf dem unsere Werte überleben können.

„Matthias Drescher zeigt, wie sich Abstand von einer gesellschaftlichen Krisenstimmung gewinnen lässt, und wirbt für ein aktuelles Verständnis des Gebots der Nächstenliebe. Das Gebot ist nicht ‚Ethik light’ aus einer christlichen Tradition, die für viele vergangen ist, sondern eine Quelle moralischer Energie aus einem Erfahrungszusammenhang, der Kulturen übergreift.”

(Prof. Dr. Christoph Bultmann, Universität Erfurt)