Griechenland oder Israel in:

Matthias Drescher

Die Zukunft unserer Moral, page 9 - 10

Wie die Nächstenliebe entstanden ist und wieso sie den Glauben überlebt

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4275-5, ISBN online: 978-3-8288-7187-8, https://doi.org/10.5771/9783828871878-9

Tectum, Baden-Baden
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9 Griechenland oder Israel Der Hauptstrang der europäischen Geschichte läuft über Griechenland. Philosophie, Demokratie, Theater, Naturwissenschaft, Rhetorik, Dichtung – es gibt kaum einen wichtigen Begriff unserer Kultur, der nicht dort geprägt wurde. Europa selbst, seine Sage und die Idee sind eine griechische Erfindung. Dazu paßt sehr gut, daß das Christentum im hellenistischen Teil des Römerreichs entstanden ist und daß es sich da auch zuerst verbreitet hat. Ansonsten fällt es allerdings aus der Reihe, weil Jesus jüdisch ist und seine bekannteste Forderung ebenfalls. Schon in der Tora heißt es: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr“ (Levitikus 19,18). Von den Griechen wirkt die neue Lehre erst einmal nicht beeinflußt, dafür ist sie zu nah am Alten Testament und ihr Gott zu ungriechisch. Außerdem beruht ihr moralischer Doppelkanon auf Liebe: Gott und den Mitmenschen solle man mit all seiner Kraft lieben. Die alte griechische Forderung nach Frömmigkeit und Gerechtigkeit übertreffen die Christen damit um einiges. Um zu verstehen, was damals passiert ist, erscheint die jüdische Vorgeschichte also relevanter. Trotzdem ist es besser, zunächst der griechischen Spur zu folgen, weil das Evangelium ja nicht nur unter Juden Erfolg hatte, sondern überhaupt im hellenisierten Osten des Reiches. Offenbar waren die seelischen Bedürfnisse allgemein sehr ähnlich und durch die gemeinsame Kultur geprägt. Deshalb öff- 10 nete sich auch die nichtjüdische Bevölkerung dem Christentum und schien kein Problem mit dessen fremder Herkunft zu haben. Die Frage ist, was genau die hellenistische Zivilisation mit den Menschen gemacht hat und welcher entscheidende gemeinsame Nenner sich in ihr entwickeln konnte. Und da die Juden ebenfalls in dieser Zivilisation lebten, betrifft diese Frage ganz wesentlich auch sie. Der Hellenismus selbst hat seine eigenen Wurzeln. Er entstammt der Kultur der griechischen Heimat, trägt sie in die von Alexander eroberten Gebiete und wird dadurch erst zum Hellenismus. Deshalb sind bereits diejenigen Besonderheiten im klassischen Griechenland interessant, die in der späteren Entwicklung mitgewirkt haben könnten. Zumindest die Verhältnisse in Athen sind ja gut überliefert – allerdings geht es nur um allgemeine Wesenszüge, nicht um einzelne Ideen oder Personen. Denn ob etwa ein Philosoph die Nächstenliebe schon früh propagiert hat, ist unwichtig, wenn er nur wenige beeinflußt hat. Wenn aber die Athener schon damals geeignete Sensibilitäten oder Überzeugungen hatten, dann könnte ein Zusammenhang bestehen, der auch für die Zukunft der westlichen Moral wichtig wäre.

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Zusammenfassung

Warum bleibt die christliche Moral bestehen, obwohl der Glaube abnimmt?

Hierzu eine überraschende These: Das Gebot der Nächstenliebe ist ein Produkt der Angst. Es hat sich in einer einzigartigen historischen Konstellation entwickelt und wird auch heute wieder von der Angst um das Ich getragen. Kein himmlischer Ursprung also, aber paradoxerweise ein überaus festes Fundament, auf dem unsere Werte überleben können.

„Matthias Drescher zeigt, wie sich Abstand von einer gesellschaftlichen Krisenstimmung gewinnen lässt, und wirbt für ein aktuelles Verständnis des Gebots der Nächstenliebe. Das Gebot ist nicht ‚Ethik light’ aus einer christlichen Tradition, die für viele vergangen ist, sondern eine Quelle moralischer Energie aus einem Erfahrungszusammenhang, der Kulturen übergreift.”

(Prof. Dr. Christoph Bultmann, Universität Erfurt)