Das Christentum in:

Matthias Drescher

Die Zukunft unserer Moral, page 85 - 90

Wie die Nächstenliebe entstanden ist und wieso sie den Glauben überlebt

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4275-5, ISBN online: 978-3-8288-7187-8, https://doi.org/10.5771/9783828871878-85

Tectum, Baden-Baden
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85 Das Christentum „denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis, noch läßt du deinen Frommen die Verwesung schauen.“ (Apostelgeschichte 2, 27) Wenn schon das Judentum derartigen Anklang fand, dann mußte die christliche Botschaft erst recht Erfolg haben. Aus Sicht eines Nichtjuden war sie allemal attraktiver – einerseits ohne die strengen und unverständlichen Mitzwot, andererseits noch deutlicher auf Liebe ausgerichtet. Auf das Besondere also, was an der neuen jüdischen Lehre so anziehend war, aber ohne den Ballast der Gesetze. Das attraktivste am Christentum war jedoch sein Hauptversprechen, jenes, das nicht in der Tora steht und das erst allmählich auch für Juden ein Thema wurde: daß es ein Leben nach dem Tod gibt und daß uns der wahre Glaube zu ihm hin führt. Lösung vom Gesetz Zunächst mußten die Christen aber ihr Selbstverständnis anpassen, weil die ersten von ihnen noch die Tora-Gebote einhielten, sich als Juden betrachteten und auch so gesehen wurden. Bezeichnend ist, daß ihre Treffen noch im Jerusalemer Tempel stattfanden. Zwar glaubten sie an die Auferstehung Jesu, an seine baldige Wiederkehr und an ein ewiges Leben, außerdem betonten sie die Nächsten- 86 und sogar Feindesliebe und lebten in Gütergemeinschaft – aber das alles ließ die Urgemeinde nicht aus dem Volk Israel ausscheren, und diejenigen, die sich ihr anschließen wollten, mußten ebenfalls die Mitzwot befolgen. Der entscheidende Impuls kam vom hellenistischen Umfeld: Griechischsprachige Christen missionierten außerhalb Israels und waren dort besonders erfolgreich. Sie nahmen die Gesetze weniger ernst und bestanden nicht auf der Beschneidung, so daß viele der von ihnen Bekehrten faktisch keine Juden waren. Im sogenannten Apostelkonzil, ca. 47 n. Chr., scheint Paulus von Tarsus schließlich erreicht zu haben, daß der christliche Glaube Vorrang vor dem Gesetz erhielt. Für den Beitritt zum Bund mit Gott genügte es, an Jesus als den Messias zu glauben: „Weil wir aber erkannt haben, dass der Mensch nicht durch Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir dazu gekommen, an Christus Jesus zu glauben, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird niemand gerecht.“ (Galater 2, 16) Ein Christ brauchte jetzt formell nicht mehr Jude zu sein, und die beiden Religionen drifteten immer weiter auseinander. 87 Starke Resonanz In den griechischen und hellenisierten Städten am Mittelmeer verbreitete sich das Christentum rasch, etwa in Antiochia, wo eine seiner größten Gemeinden heranwuchs. Damit kam die christliche Ethik jetzt dort an, wo die allgemein-menschliche Empathie ursprünglich entstanden war. Sie forderte diese nun ein und erwies ihr die Anerkennung, die bisher keiner gezeigt hatte. Gefühl und Moral paßten auf einmal zusammen und verstärkten sich gegenseitig. Und doch war das nur eine Nebenwirkung. Denn das Evangelium, die „Frohe Botschaft“, versprach noch viel mehr. Es stellte ein Leben nach dem Tod in Aussicht und befreite die Menschen von ihrer Angst um das eigene Ich. Von jener Angst also, die das neue Mitleiden bewirkt und die Gesellschaft unterschwellig verändert hatte. Weil Jesus von Nazareth als Sohn Gottes für alle Menschen gestorben war, konnte jetzt „das Fleisch auferstehen“. Die einzige, aber absolute Bedingung war, an diese Verkündigung zu glauben. Den Griechen der klassischen Zeit wäre ein solcher Glaube noch schwer gefallen. Sie kannten zwar eine verwandte Geschichte – die des göttlichen Prometheus, der für ihre Vorfahren leiden mußte –, aber die spielte zu Urzeiten und beschrieb nur die Anfänge der Menschheit. Jesus dagegen hatte auf die Not der eigenen Epoche reagiert, er hatte Mitleid und Liebe empfunden und war dennoch gekreuzigt worden. 88 Was früher unverstanden geblieben wäre, wirkte im einfühlsameren Milieu des Hellenismus gut nachvollziehbar: Einerseits hatten die Zeitgenossen selbst Empathie für ihre Mitmenschen, so daß Jesus’ Gefühle – wenn auch göttlich und allumfassend – ihren eigenen ähnelten. Andererseits muß sie das persönliche und sehr menschliche Leiden dieses gekreuzigten Gottessohnes ungeheuer bewegt haben. Das Evangelium traf folglich in mehrfacher Weise auf eine Gefühlstiefe, die sich zuvor entwickelt hatte. In ihr fand nicht nur das Gebot der Nächstenliebe volle Resonanz, sondern die christliche Botschaft an sich, das Leben und Sterben Jesu, und sein großes Versprechen. Zunächst unter den „Gottesfürchtigen“ und besonders bei Frauen, dann allgemein in den hellenisierten Städten und allmählich in der gesamten römischen Welt. Paradoxe Wirkung Wenige Jahrhunderte danach war der neue Glaube etabliert und mit ihm sein Hauptgebot, als Kern der christlichen Moral und entscheidendes Merkmal unserer Zivilisation. Entstanden im Zusammenspiel von Hellenismus und Judentum, wurde es von der Religion schließlich weltweit verbreitet. Auch wenn sich manche christliche Regeln später verändert haben – die Nächstenliebe als Leitfaden stammt noch von damals. Was passiert aber, wenn der Glaube nachläßt? Können auch Nichtgläubige den Faden aufnehmen? So ungefähr 89 lautet die Hauptfrage dieser Überlegungen, verbunden mit der Vermutung, daß die Nächstenliebe in unserer Todesangst wurzelt. Für den Anfang der Entwicklung hat sich die Vermutung bestätigt. Die jüdische Liebeslehre rührte aus der neuen Angst, die vom Hellenismus ausgelöst worden war, und Jesus hatte diese Lehre zum doppelten Liebesgebot zusammengefaßt. Paradoxerweise entzog er ihr aber zugleich die Grundlage: Denn wer, wie seine Anhänger, das ewige Leben erwartet, der fürchtet die Vergänglichkeit nicht. Und ohne eigene Angst kann er das Mitgefühl, aus dem die Nächstenliebe entstanden ist, nicht mehr empfinden. Wenn die Liebe also andauern sollte, dann mußte sie tief in der neuen Lehre verankert werden. Genau so geschah es: ein gläubiger Christ liebt seinen Nächsten wie sich selbst, weil Jesus es mit seiner ganzen Autorität von ihm verlangt – aber nicht, weil er spontanes Mitgefühl für die condition humaine empfindet. Wie sollte er auch? Obwohl sich die Voraussetzungen also geändert hatten und die erste Ursache hinfällig war, blieb das moralische Ideal im Christentum bestehen. Es wird noch heute allseits und fraglos respektiert, auch von den Nichtgläubigen. Auch für sie ist es eine Wärmequelle, die seit der Zeitenwende wirksam ist, die unsere Welt von anderen Kulturen abhebt und die keiner missen möchte.

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Zusammenfassung

Warum bleibt die christliche Moral bestehen, obwohl der Glaube abnimmt?

Hierzu eine überraschende These: Das Gebot der Nächstenliebe ist ein Produkt der Angst. Es hat sich in einer einzigartigen historischen Konstellation entwickelt und wird auch heute wieder von der Angst um das Ich getragen. Kein himmlischer Ursprung also, aber paradoxerweise ein überaus festes Fundament, auf dem unsere Werte überleben können.

„Matthias Drescher zeigt, wie sich Abstand von einer gesellschaftlichen Krisenstimmung gewinnen lässt, und wirbt für ein aktuelles Verständnis des Gebots der Nächstenliebe. Das Gebot ist nicht ‚Ethik light’ aus einer christlichen Tradition, die für viele vergangen ist, sondern eine Quelle moralischer Energie aus einem Erfahrungszusammenhang, der Kulturen übergreift.”

(Prof. Dr. Christoph Bultmann, Universität Erfurt)