Der Weg zum Doppelgebot in:

Matthias Drescher

Die Zukunft unserer Moral, page 79 - 84

Wie die Nächstenliebe entstanden ist und wieso sie den Glauben überlebt

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4275-5, ISBN online: 978-3-8288-7187-8, https://doi.org/10.5771/9783828871878-79

Tectum, Baden-Baden
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79 Der Weg zum Doppelgebot Die Gottesliebe Beide, Griechen und Juden, waren ähnlich betroffen. Die Klagen Kohelets sind jedoch besonders ausdrucksvoll, während auf griechisch nichts Vergleichbares bekannt ist. Vielleicht liegt genau darin ein Grund für die divergierende Entwicklung: in der unterschiedlichen Fähigkeit, die eigene Not zu artikulieren. Epikur drückt sich vor seinen Einsichten, weil sie ihm alle Hoffnung nehmen würden. Kohelet dagegen scheint sich seine erlauben zu können und wiederholt geradezu lustvoll: „Es ist alles ein Windhauch.“ Wie ein Kind, das hofft, daß man sein Weinen hört, spricht er im Grunde zu Gott. Er klagt über das Nichts, aber er kennt auch den besten Trost: „Also: Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein; denn das, was du tust, hat Gott längst so festgelegt, wie es ihm gefiel“ (9,7). Kohelet ist nicht gottlos, und er wird seinem Herrn das Sterben auch nicht vorwerfen. Ein ewiges Leben hatte Gott nie versprochen, so daß die Juden keinen Anlaß sahen, den Bund mit ihm aufzukündigen. Allerdings entwickelten sie jetzt sowohl zu Gott als auch zu ihren Mitmenschen ein völlig neues Verhältnis. Ihr Ausgangspunkt war das alte Unrecht, daß der Tod gute und schlechte Menschen gleichermaßen trifft; es wird ihnen in dieser Zeit besonders bewußt, und das neue Buch betont es deshalb entsprechend. Der Gott der Tora bricht 80 damit seine wichtigste Zusage, die Gerechtigkeit, und Kohelet hätte es ihm durchaus vorwerfen können. Das tut er nicht – er klagt zwar, lauthals, aber nicht über Gott, und er bleibt stets dankbar für dessen Gaben. So deutet sich bei Kohelet schon eine entscheidende Umkehr des Fühlens an, aus der in der Folgezeit etwas radikal Neues entsteht: bedingungslose Gottesliebe. Zu Anfang des zweiten Jahrhunderts heißt es: „Seid nicht wie Knechte, die ihrem Herren um eines Lohnes willen dienen, sondern seid wie Knechte, die dem Herrn nicht um des Lohnes willen dienen“ (Antigonos von Sokho). Einige Generationen später werden alte Gebetstexte angepaßt, in die vor „Gottesfurcht“ ausdrücklich das Wort „Liebe“ eingefügt wird. Die Beziehung zu Gott war nicht mehr nur passiv und empfangend. Sie bestand nicht mehr allein aus Fürchten und Gehorchen, sondern, im ersten Jahrhundert vor Christus, auch aus einem Ausdruck aktiver Liebe. Jetzt wurde gelehrt und vielleicht auch gelebt, was die Tora längst formuliert hatte, im Deuteronomium 6,5: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Die Nächstenliebe Kohelet erwähnt sie zwar nicht, aber in seiner schonungslosen Analyse war auch die Nächstenliebe bereits angelegt. Einen „Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es 81 da nicht. Beide sind Windhauch“ – darin steckte das Mitgefühl des nüchternen Betrachters. Es beruhte zwar auf der gleichen Resignation wie im griechischen Kulturraum, aber es wies über die reine Empathie hinaus. Für Juden war die Vergänglichkeit ebenfalls bedrückend und ihr Leiden mit den Mitmenschen ähnlich quälend. Sie als einzige hatten für dieses Leiden aber ein Ventil, weil sie das Tora- Gebot der Nächstenliebe kannten. Die eigene Religion verlangte darin von ihnen, die neue Empathie umzuwidmen. Das passive Mitgefühl mußte in Hingabe verwandelt werden, in einen Dienst am Nächsten, und zugleich am eigenen Gott. So wie auch bei der Gottesliebe, kehrte sich die Gefühlsrichtung dadurch um: die Nächstenliebe hat das Mitleiden aufgefangen und nach außen gewendet. Dabei erhielt sie selbst den entscheidenden Anstoß, so daß sie, zusammen mit der Gottesliebe, zum alles überragenden Doppelgebot der Liebe aufgestiegen ist. Das Vergänglichkeitsbewußtsein hatte Juden und Griechen also ähnlich tief erschüttert, allerdings waren die Juden auf die neue Sensibilität weitaus besser vorbereitet. Ihre alten Gebote enthielten bereits ausdrücklich die Liebe als Pflicht jedes Gläubigen und das Bibelstudium ihrer Gelehrten förderte diese Antwort im richtigen Moment zutage. Der Mensch muß sein Leben auf Liebe abstellen – das war die revolutionäre Forderung im vorchristlichen Judentum. Zulauf für eine Religion der Liebe Damit hatte der Gottesbund eine schwere Prüfung überstanden. Die Zweifel der Juden waren unterhalb der Glaubensschwelle geblieben, hatten aber eine erstaunliche Reaktion bewirkt. Daß Gott nicht für Gerechtigkeit sorgte, bedeutete nicht, daß man ihn nicht mehr verehrte – und wenn in diesem Bund nicht er den schützenden Schirm spannte, dann übernahm dies eben sein Volk. Gottes- und Nächstenliebe kehrten die gewohnte Richtung um. Sie wurden selbst zum Wesen des Glaubens und verstärkten ihn damit, so daß Glaube und Volk gegen die Anfechtungen des Hellenismus bald weitgehend immun waren. Das Judentum war eine Religion der Liebe geworden. Seine alte Sonderrolle wurde damit auf neue Art sichtbar. Während im Umfeld die Götterwelt verblaßte und die Ersatzkulte nur schwer gegen die moderne Skepsis ankamen, lebten die Juden weiterhin ein ungebrochenes Verhältnis zu Jahwe vor. Ungebrochen und getragen von Liebe – so müssen ihre Religion und Ethik auf Außen stehende großen Eindruck gemacht haben. Denn Liebe galt allgemein zwar als ein privates Gefühl, aber ihre Macht war allen bewußt und konnte gut nachempfunden werden. Deshalb war ihr Einsatz gegenüber Gott und den Mitmenschen sicherlich überzeugend. Wer selbst an der Vergänglichkeit litt und ebenfalls die neue Empathie kannte, der wird für diesen einzigartigen Aspekt des Judentums besonders empfänglich gewesen sein. 82 83 Dementsprechend wurde die Religion damals außerordentlich attraktiv. Unter den Hasmonäern gab es zwar viele gewaltsame Bekehrungen, die meisten Proselyten traten aber freiwillig in Diasporagemeinden ein, die dadurch deutlich anwuchsen. In Ägypten lebten am Anfang des ersten nachchristlichen Jahrhunderts angeblich eine Million Juden, vor allem in Alexandria, wo sie zwei der fünf Stadtbezirke bewohnten. Im gesamten Römischen Reich soll ihr Anteil bis zu zehn Prozent betragen haben. Ob dabei die vielen nichtjüdischen und unbeschnittenen, aber „gottesfürchtigen“ Sympathisanten mitgezählt sind, läßt sich nicht rekonstruieren. Auffallend viele von diesen waren übrigens Frauen. Eine beachtliche Expansion also, die bereits das Christentum anzukündigen scheint. Offenbar entsprach das Judentum der allgemeinen Sensibilität besser als die sonstigen Kulte. Verwunderlich ist das nicht, da die neue Liebeslehre selbst eine Reaktion auf die Sensibilität war. Damit ist auch die wichtige Frage beantwortet, warum diese Lehre genau dann im Hellenismus auftrat, als sich die dafür nötigen Gefühle entwickelt hatten: weil sie aus eben diesen entstanden ist, als spezifisch jüdische Antwort, die aber, offensichtlich, auch bei Nichtjuden Resonanz fand. Jude zu werden war allerdings ein großer Schritt, weil es hieß, in den bestehenden Bund mit Gott einzutreten. Für Männer bedeutete es die Beschneidung, für Männer und Frauen ein Tauchbad und ein neuer, jüdischer Name. Außerdem mußte man sich den unzähligen und oft schwer 84 begreiflichen Geboten der Tora unterwerfen. Wer sie nicht befolgte, der konnte nicht einfach wieder austreten, sondern er wurde grundsätzlich gemäß den Gesetzen bestraft. Um so bemerkenswerter war also der starke Zulauf.

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Zusammenfassung

Warum bleibt die christliche Moral bestehen, obwohl der Glaube abnimmt?

Hierzu eine überraschende These: Das Gebot der Nächstenliebe ist ein Produkt der Angst. Es hat sich in einer einzigartigen historischen Konstellation entwickelt und wird auch heute wieder von der Angst um das Ich getragen. Kein himmlischer Ursprung also, aber paradoxerweise ein überaus festes Fundament, auf dem unsere Werte überleben können.

„Matthias Drescher zeigt, wie sich Abstand von einer gesellschaftlichen Krisenstimmung gewinnen lässt, und wirbt für ein aktuelles Verständnis des Gebots der Nächstenliebe. Das Gebot ist nicht ‚Ethik light’ aus einer christlichen Tradition, die für viele vergangen ist, sondern eine Quelle moralischer Energie aus einem Erfahrungszusammenhang, der Kulturen übergreift.”

(Prof. Dr. Christoph Bultmann, Universität Erfurt)