Ein möglicher Zusammenhang in:

Matthias Drescher

Die Zukunft unserer Moral, page 7 - 8

Wie die Nächstenliebe entstanden ist und wieso sie den Glauben überlebt

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4275-5, ISBN online: 978-3-8288-7187-8, https://doi.org/10.5771/9783828871878-7

Tectum, Baden-Baden
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7 Ein möglicher Zusammenhang Die Pflicht zur christlichen Nächstenliebe scheint unbestritten. Sie gilt noch immer als oberste Maxime unserer Gesellschaft, obwohl viele längst vom Glauben abgefallen sind. Auch die Abtrünnigen wollen dem alten Gebot weiterhin folgen – dabei erklären sie allerdings nicht, warum. Wir wissen somit nicht, worauf der traditionelle Konsens heute beruht und ob er noch immer verläßlich ist. Woher stammt der moralische Anspruch der Nichtgläubigen? Hatte Nietzsche recht, als er in den christlichen Werten ein „Ressentiment“ der Schwachen erkannte? Oder liegt die Ursache wesentlich tiefer, und ist es womöglich die fehlende Hoffnung? Kommt die Nächstenliebe ausgerechnet von der Angst vor dem Tod? Der nachfolgende Rückblick auf die Antike soll zeigen, daß diese Vermutung wahrscheinlich stimmt. In enger Wechselwirkung haben damals Griechen, Juden und Christen ihre Todesangst in Selbstlosigkeit verwandelt. Vom Christentum wurde die neue Haltung zum Kern der Lehre erhoben und bis in unsere Zeit getragen. Inzwischen hat die Religion zwar an Autorität verloren, dadurch ist aber die ursprüngliche Angst wieder erwacht. Sie stößt heute einen ähnlichen Gefühlswandel an wie im Hellenismus und stärkt das Liebesgebot auch ohne Glauben. Die Angst könnte erklären, warum wir die Entwicklung kaum bemerken – denn wer denkt schon gerne an den Tod. Allerdings ist nichts so sicher wie er, und wenn die 8 Nächstenliebe auf ihm basiert, dann sollte uns das beruhigen. Die alte christliche Pflicht, der wichtigste Konsens unserer Gesellschaft, stünde auf einem unverrückbaren Fundament.

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Zusammenfassung

Warum bleibt die christliche Moral bestehen, obwohl der Glaube abnimmt?

Hierzu eine überraschende These: Das Gebot der Nächstenliebe ist ein Produkt der Angst. Es hat sich in einer einzigartigen historischen Konstellation entwickelt und wird auch heute wieder von der Angst um das Ich getragen. Kein himmlischer Ursprung also, aber paradoxerweise ein überaus festes Fundament, auf dem unsere Werte überleben können.

„Matthias Drescher zeigt, wie sich Abstand von einer gesellschaftlichen Krisenstimmung gewinnen lässt, und wirbt für ein aktuelles Verständnis des Gebots der Nächstenliebe. Das Gebot ist nicht ‚Ethik light’ aus einer christlichen Tradition, die für viele vergangen ist, sondern eine Quelle moralischer Energie aus einem Erfahrungszusammenhang, der Kulturen übergreift.”

(Prof. Dr. Christoph Bultmann, Universität Erfurt)