Im Hellenismus in:

Matthias Drescher

Die Zukunft unserer Moral, page 25 - 40

Wie die Nächstenliebe entstanden ist und wieso sie den Glauben überlebt

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4275-5, ISBN online: 978-3-8288-7187-8, https://doi.org/10.5771/9783828871878-25

Tectum, Baden-Baden
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25 Im Hellenismus Die Umwälzung durch den Alexanderzug Mit dem Überfall auf Persien konnten die Griechen ihre Stärke ausspielen. Den Schutz des Mythos aber, dem sie ihre Selbstsicherheit zu einem Teil verdankten, haben sie dadurch auf lange Sicht verloren. Gut vorbereitet waren sie. Überlegen fühlten sie sich schon lange und gereist waren sie auch seit jeher, als Kolonisten, Händler oder Söldner. 401 v. Chr. hatten sich zehntausend für einen Umsturzversuch in Persien verdingt und waren – die meisten – auf abenteuerliche Weise zurückgekehrt. Dreißig Jahre später behauptet Xenophon in der „Anabasis“, er habe damals seine Mitstreiter davor gewarnt, in Persien zu bleiben: „… wenn wir einmal gelernt haben, in Muße und Überfluß dahinzuleben und mit den schönen hochgewachsenen Frauen und Jungfrauen der Meder und Perser zu verkehren, wir könnten wie die Lotosesser des Heimweges vergessen.“ Besser sei es, zunächst in die Heimat zurückzukehren, um zu verkünden, daß arme Griechen in Asien wohlhabend werden könnten und um sie dadurch, wie er wohl meint, zur Landnahme anzustacheln. Für die vielen poli- 26 tisch Exilierten waren die Aussichten auf ein leichteres Leben in Asien besonders verlockend. Auch der Athener Isokrates plädierte im vierten Jahrhundert mehrmals für eine Persien-Expedition, zuletzt gegenüber Philipp II von Makedonien. 334 v. Chr. hat dessen Sohn Alexander die Griechen schließlich mitgerissen, in seinen makedonischen Eroberungskrieg, der auch die früheren Invasionen rächen sollte. In wenigen Jahren konnte er die alten Kulturen Griechenland, Ägypten, Mesopotamien und Persien in einem Reich vereinigen. Er hat dafür die damalige Welt völlig umgestürzt und das Leben unzähliger Menschen verändert, sie aus dem vertrauten Umfeld geholt und mit Fremden zusammengeführt. Bereits im Heer trafen verschiedene Völker aufeinander, zunächst Makedonen, Griechen und diverse Balkanstämme, dann orientalische Truppen aus dem eroberten Reich. Zehntausende hatten so Umgang mit andersartigen Menschen und ihren Gebräuchen, häufig für etliche Jahre. – Noch dauerhafter wurde die Begegnung am Rande des Heerzugs, wo griechische Städte und Stützpunkte entstanden, meistens ein „Alexandria“. Auch die schönen Perserinnen und noch exotischere Fremde lernten die Griechen dort kennen. Von Ägypten bis Indien waren es dutzende Neugründungen, mit Polis-Verfassung und griechischen und makedonischen Veteranen sowie oft auch Einheimischen. Sie dienten als Etappe für den Nachschub und wurden zunehmend zum Ziel griechischer Auswanderer. 27 Alexander hat die Vermischung der Kulturen rabiat betrieben, 324 v. Chr. mit einer Massenhochzeit von Tausenden seiner Soldaten und einheimischen Frauen. Zwar kamen weite Teile des Reiches kaum in Berührung mit den Eroberern, aber in den Kerngebieten waren die Oberschichten direkt betroffen. An vielen Orten, in einer breiten Schneise vom Mittelmeer bis hin nach Indien, hatten Griechen und Makedonen ihren Lebensstil eingeführt. Zumindest in den Stadtgründungen paßten sich die lokalen Eliten an und lernten dafür das Griechische. Sie brachten eigene Gebräuche ein, so daß sich unter Alexanders Nachfolgern allmählich eine griechisch geprägte Mischkultur entwickelte, der Hellenismus, wie ihn der deutsche Historiker Droysen genannt hat. Die makedonischen Nachfolger, die Diadochen, haben sich zwar lange bekämpft, das Erbe aber – von Makedonien bis zum Persischen Golf – für Jahrhunderte in ihrer Hand behalten. Im Vergleich zu den Stadtstaaten waren die Diadochenreiche riesig. Für die vielreisenden Griechen ideale Aufnahmeländer und eine Erweiterung ihres Aktionsradius, mit Griechisch als Verwaltungssprache und eigenen Landsleuten im Heer, bei Hofe und in den neuen Städten. Weil im Mutterland zunächst Überbevölkerung herrschte, kam es zur Auswanderung nach Osten und nach Ägypten, das besonders attraktiv war. „Denn alles was ist und wird, gibt es in Ägypten: Reichtum, Sportplätze, Macht, schönes Wetter, 28 Ruhm, Schauspiele, Philosophen, Gold, junge Männer, das Heiligtum der Geschwistergötter, der König rechtschaffen, das Museion, Wein, alles Gute, was immer Du willst und Frauen …“ So beschreibt es der Dichter Herondas in einem Mimus, einem Boulevardtheaterstück, am Anfang des dritten Jahrhunderts. Zum Teil wurde die Auswanderung forciert, indem ganze Söldnertrupps angesiedelt oder auch Städte, wie etwa Magnesia, aufgefordert wurden, Kolonisten für eine Neugründung zu entsenden. Außerdem konnten immer wieder Tausende griechischer Söldner geworben werden, die später in den eroberten Ländern blieben. – Aber nicht nur die Griechen waren in Bewegung. Gelegentlich ging es auch von Ost nach West, wie etwa eine Umsiedlung von Juden aus Mesopotamien nach Kleinasien. Die Bevölkerung des ägyptischen Alexandria stammte aus über zweihundert Herkunftsorten, in- und außerhalb der Diadochenreiche. Manche von ihnen, auch Juden, waren ursprünglich Kriegsgefangene. Die meisten paßten sich der herrschenden Kultur rasch an, so daß – zumindest in Ägypten – Juden, Lykier oder Kilikier als Griechen galten und, wie diese, in privilegierten Gemeinschaften lebten. Eine facettenreiche Entwicklung, die vielerorts eine neue, kosmopolitische Gesellschaft schuf. Mit Griechisch als vorherrschender Sprache sowie der allgemeinen Erfahrung von Entwurzelung und von Konfrontation mit dem Fremden. 29 Die Städte Die meisten Stadtstaaten im Mutterland wurden makedonisch beherrscht. Sie blieben aber fast alle bestehen und durften sich selbst verwalten, so daß der Alltag der eingesessenen Stadtbürger kaum anders war als zuvor. Die Besitzlosen und Nichtbürger hatten jetzt allerdings bessere Perspektiven. Für sie war das Auswandern eine alte Tradition. Viele Poleis hatten früher Tochterstädte an fremden Küsten gegründet und mit bedürftigen Bürgern besiedelt, Milet alleine über achtzig. Häufig war das in einer kollektiven Entscheidung der Bürgerschaft geschehen, die dann gemeinsam umgesetzt wurde, meist zusammen mit anderen, weniger engagierten Städten. Die Kolonien blieben rein griechisch und hielten Abstand zum neuen Umfeld. Zur Mutterstadt behielten sie oft enge Verbindungen und erteilten von dort stammenden Siedlern auch weiterhin ihr Bürgerrecht. Nun, im Hellenismus, gab es bessere Möglichkeiten. Zum einen konnten die Armen als Söldner bei den Diadochen anheuern und sofort in einer Militärkolonie siedeln oder später ein Stück Land in den neuen Ländern erhalten. Oder sie konnten als Privatleute auswandern: nicht, wie früher, vorzugsweise in eine Kolonie der Heimatstadt, sondern jederzeit in die diversen Neugründungen und alten Städte in Ägypten und Asien, in denen Siedler erwünscht waren. Und zwar auf eigenen, unabhängigen Entschluß hin. Wer das tat, gab seine Heimat allerdings viel 30 grundsätzlicher auf als die Kolonisten früherer Zeiten. Er wurde dabei nicht von gemeinsamen Beschlüssen, Orakelanfragen und praktischen Maßnahmen unterstützt und war am Zielort nur selten von Landsleuten aus der Heimatstadt umgeben. Statt dessen von Griechen und Makedonen aus ihm nicht vertrauten Herkunftsorten, von nichtgriechischen Migranten und von einer einheimischen Bevölkerung mit völlig fremden Sitten, Traditionen und unverständlicher Sprache. Entsprechend entwickelte sich eine neue Zugehörigkeit: kaum noch zur alten oder neuen Polis, sondern zur gemeinsamen Kultur. Man war hier in erster Linie Grieche, was jeden einschloß, der Griechisch sprach und der die panhellenischen Sitten übernahm. Die meisten Auswanderer gingen in den Westen der eroberten Länder und dort in die bedeutenden Städte: Damaskus oder Antiochia am Orontes, das viele Athener anzog, und natürlich Alexandria. Zumindest dorthin kamen auch Veteranen, die das Land, das sie in Ägypten erhalten hatten, von Einheimischen bearbeiten ließen, und die selbst lieber in der Stadt wohnten. Antiochia und Alexandria wuchsen rasch zu Großstädten heran und entwickelten mit ihrer gemischten Bevölkerung eine urbane Anonymität, die selbst Athen bisher nicht geboten hatte. Alexandria war eine Welt für sich. Was Herondas in seinem Mimus an Ägypten lobt – „… Reichtum, Sportplätze, Macht, schönes Wetter, Ruhm, Schauspiele, Philosophen, Gold, junge Männer …“ – hier kam alles zusammen. Laut Strabon, dem Geographen, der die Stadt etwa 20 v. Chr. 31 besucht, war sie „gefüllt mit Baudenkmälern und Tempeln“. Einige hunderttausend Einwohner auf relativ engem Raum, aber mit breiten, schachbrettartig angelegten Stra- ßen und unzähligen repräsentativen Gebäuden – das hatte es in Griechenland nicht gegeben. Auch nicht die vielen Funktionen der Stadt: Hof, politische und wirt schaftliche Verwaltung Ägyptens, Ost-West-Handel, das Gelehrtenzentrum Museion und die Bibliothek – eine modern wirkende Bündelung von Politik, Wirtschaft und Kultur, durch die sehr verschiedene Menschen in die Stadt kamen. Händler oder Staatsdiener, aber auch griechische Literaten und Wissenschaftler, für die Alexandria der wichtigste Arbeitsplatz geworden war. Theokrit, selbst ein zugereister Dichter, schildert, wie zwei Frauen aus Syrakus das Adonisfest im Königspalast besuchen. Es sind lebendige Szenen aus dem Alltag in der großen Stadt, in denen zunächst über den Ehemann gelästert und dann die Dienerin beschimpft wird. Schließlich die Menge auf der Straße: „Götter! o welch’ ein Gewühl! Durch dieses Gedränge zu kommen, wie und wann wird das gehn? Ameisen, unendlich und zahllos!“ Gemeint ist die einheimische, ägyptische Bevölkerung, die aber, immerhin, nicht mehr kriminell sei wie früher. Besonders harmonisch war das Nebeneinander trotzdem nicht. Griechen und Makedonen bestimmten den Ton, und der war wahrscheinlich rauh für alle diejenigen, die kein Griechisch sprachen. Eine vielfältige, rauhe Einwandererstadt also, ein wenig wie das New York im vergangenen Jahrhundert. Dazu paßt, 32 daß auch zahlreiche Juden nach Alexandria zogen, wo bald fast so viele von ihnen lebten wie in Jerusalem. Bereits die ersten Ptolemäer sollen einhundertzwanzigtausend kriegsgefangene Israeliten in Ägypten angesiedelt und später freigelassen haben. Allgemein integrierten sich die Juden rasch, übernahmen Sprache und Lebensformen der Griechen, ohne die eigene Religion aufzugeben. Dadurch entwickelte sich Alexandria zu einem Zentrum des modernen, hellenisierten Judentums. Angeblich auf königlichen Wunsch wurde dafür die Bibel übersetzt, von 72 Schriftgelehrten, sechs aus jedem der zwölf Stämme, in genau 72 Tagen. Eine schöne jüdische Legende, die die Übersetzung in die „Septuaginta“ rechtfertigen soll, sowie, wahrscheinlich, daß so viele Juden lieber in Ägypten als im Heiligen Land lebten und daß sie dort Griechisch sprachen und auch beteten. Jedenfalls lebten sie gut, mit nahezu den gleichen Privilegien wie die Griechen und machten durch ihren Erfolg die Diaspora auch für weitere Juden attraktiv. In anderen Städten trafen ebenfalls diverse Kulturen aufeinander. Dadurch entwickelten sich besondere urbane Lebensverhältnisse, die für Neuankömmlinge ungewohnt waren und die deshalb gerne beschrieben wurden, wie in dem Stück von Theokrit. Über das flache Land wissen wir dagegen wenig, außer in Ägypten, wo unzählige Papyrusdokumente aus dem Alltag erhalten geblieben sind. Sie zeigen, daß das Leben dort ziemlich unverändert weiterging, auch wenn größere Landbesitzer jetzt oft Griechisch sprachen. Es gab Mischehen und aufstrebende Familien, die 33 ihre ägyptische Herkunft manchmal kaschierten. Spürbare Neuerungen zwar, aber kein Vergleich zu den Verhältnissen in den Städten. Ähnlich dürfte es in anderen Regionen gewesen sein. Je weiter östlich, desto weniger Griechen und darum auch weniger Veränderungen, zumindest hellenistischer Art. Ein großer Stadt-Land-Kontrast folglich, bei dem die Städte für das wirklich Neue standen. Der Verlust des Mythos Krieg und Wanderungen, neue Staaten und Städte – in diesen Kategorien läßt sich das Geschehen gut schildern. Es sind sichtbare Entwicklungen, die schon in der Antike dargestellt wurden und die die Historiker seither beschäftigen. Das Bild ist ziemlich detailliert und weist bereits in eine Richtung: Wahrscheinlich haben die Griechen in den Umwälzungen des Hellenismus die Abschirmung durch den Mythos verloren. Dementsprechend dürften sie jetzt offener für die Reflexionen ihrer Elite gewesen sein und haben vielleicht mehr Mitgefühl und Rücksichtnahme entwickeln können. Die äußeren Entwicklungen alleine können das aber nicht zeigen. Man müßte wissen, was den Zeitgenossen konkret widerfahren ist und, noch schwieriger, wie sie es empfunden und wie sie darauf reagiert haben. Vielleicht hilft es, wenn wir uns für diese Betrachtung selbst in ihre Lage versetzen. Denn ebenso wie das klassische Griechenland erscheint heute auch der Hellenismus 34 in mancher Hinsicht vertraut. In Athen waren es Demokratie, Kunstsinn, Philosophie und einiges mehr, im Hellenismus sind es die Lebensverhältnisse: die großen Städte, die kosmopolitische Bevölkerung, die Verwaltung usw. Athen und Alexandria ergänzen sich und nehmen, gemeinsam, viele Merkmale unserer eigenen Welt vorweg. – Deshalb können wir uns einen griechischen Auswanderer im Hellenismus durchaus vorstellen, in einer Situation, die weit weniger fremd wirkt als die seiner Vorgänger. Nicht mehr von der Gemeinschaft, ihren Vorbereitungen und von gemeinsamen Orakelbefragungen abhängig, sondern auf sich gestellt und für sich verantwortlich. Sein Ziel war keine Kolonie der Heimat-Polis, mit denselben Göttern und Mythen und vertrauten Familien, sondern Alexandria zum Beispiel, eine fremde, große Stadt, in der er auf unbekannte Griechen und Nichtgriechen treffen würde, ungewohnte Einheimische und alle möglichen Religionen. Viel davon war ihm wahrscheinlich schon vorher klar. Auch, was er mit seinem Fortgang alles verlieren würde: das vertraute Umfeld, die Einbindung in Polis und Familienverband und die gemeinsame Verehrung der städtischen Götter und Helden. Ein solches Wissen wirft normalerweise Schatten. Denn wer wegzieht, hat nicht erst beim Abschied eine neue Perspektive, sondern bereits wenn er ihn plant. Wer weiß, daß sein bisheriges Leben bald vorbei ist, sieht es schon vorher in anderem Licht, erst recht wenn er den neuen Horizont vor Augen hat. Er wird sich deshalb innerlich von seinem Heimatort abgewandt ha- 35 ben. – Das alte Griechenland war von den Umwälzungen demnach mitbetroffen, obwohl sich äußerlich nur wenig verändert hatte. Während ein Teil der Bevölkerung ans Auswandern dachte, hatten die zurückkehrenden Veteranen zweifellos viel erlebt, so daß auch sie die alten Sitten mit neuen Augen sahen. Und die übrige Bevölkerung dürfte diese Entfremdung ihrer Mitbürger wiederum nicht unberührt gelassen haben. Weiterhin können wir uns vorstellen, daß die Auswanderer im Osten zunächst verunsichert waren. Antiochia und Alexandria haben sie wahrscheinlich eingeschüchtert, durch ihre Größe, die Menschenmengen und die Anonymität; aber kleinere Orte werden auch nicht heimelig gewirkt haben. Womöglich eine karge Neugründung, umgeben von fremden Völkern und weit entfernt vom nächsten griechischen Außenposten. Wirklich Vertrautes, insbesondere ehemalige Mitbürger, fand der Auswanderer jedenfalls kaum, zu wenig sicherlich, um an den Alltag in der Vaterstadt anzuknüpfen. Dafür Griechen und Makedonen aus fremden Städten, mit anderen Sitten und, außerdem, einer ungewohnten Sprechweise. Diese, die Koiné, hatte sich im Alexander-Feldzug entwickelt, als Mischdialekt auf Basis des Athenischen, und war zur Umgangssprache geworden, die ein Neuankömmling erst einmal lernen mußte. Es gab somit viel Ablenkung und wenige Ansatzpunkte, um die heimatlichen Traditionen aufrecht zu halten. Diese Traditionen waren, wie die Sprache, sowohl gesamtgriechisch wie lokal. Zu Hause, in Griechenland, gingen 36 beide Ebenen ineinander über. Die Poleis hatten ihre eigenen Helden und niederen Gottheiten wie etwa Nymphen, sowie einzelne Schutzgötter aus den Reihen der Olympier, zu denen eine besondere Beziehung bestand – Athene in Athen beispielsweise, oder Poseidon in Korinth. Zusätzlich verehrten alle das gesamte olympische Pantheon und huldigten den wichtigsten Göttern auch gemeinsam, dem delphischen Apoll etwa oder Zeus in Olympia. Für die althergebrachten lokalen Kulte fehlten jetzt aber die ehemaligen Mitbürger. Vielleicht hat der Ausgewanderte trotzdem zu seinem Gott gebetet und ihm auch Opfer gebracht, aber das geschah dann ohne den Rückhalt einer Gemeinde. Und ohne diesen konnte er seine Frau (die vielleicht einheimisch war) und die Kinder sicher nicht für den eigenen Kult gewinnen, selbst wenn er persönlich noch lange durchhielt. Das heißt, daß die lokale Ebene der heimatlichen Überlieferung spätestens in der zweiten Generation wegbrach. Ai Khanoum als Beispiel Während die lokalen Kulte vergessen wurden, hat sich die generelle Verehrung der Olympier erhalten. So ist etwa im dritten Jahrhundert ein gewisser Klearchos fünftausend Kilometer weit nach Baktrien gereist, vom Apollon-Heiligtum in Delphi bis in eine abgelegene Neugründung, das heutige Ai Khanoum im Norden Afghanistans. Er brachte philosophische Maximen der sogenannten Sieben Wei- 37 sen mit, wie „Sprich über alle gut“ und „Werde ein Freund der Weisheit“. Sie wurden am Heiligtum des Gründungsbeauftragten Kineas eingraviert und erläutert: „Diese weisen Worte der berühmten älteren Männer sind in der hochheiligen Pytho (Delphi) aufgestellt. Von dort hat Klearchos sie sorgfältig abgeschrieben und im heiligen Bezirk des Kineas so aufgestellt, so daß sie weithin glänzend gesehen werden.“ Der Haupttempel von Ai Khanoum war außerdem Zeus gewidmet, wahrscheinlich in Personalunion mit einem einheimischen Schöpfergott. Zusätzlich enthielt er eine Statue, die vielleicht einen baktrischen König darstellte. Zeus und Apoll spielten folglich weiterhin eine Rolle. Aber sie wurden eingerahmt vom Gott der Einheimischen, von einer Herrscherstatue und, gewissermaßen, der Philosophie. Offenbar bedeutete der Verlust der lokalen Mythen und Schutzgötter eine Entwurzelung, die der Gründer-Kult des Kineas alleine nicht wettmachen konnte. Das ist aus heutiger Sicht verständlich. Denn so fremd uns die Mythen heute sind – es ist wenig plausibel, daß sie durch die kurze Geschichte der Kolonie ersetzt werden konnten. Daß also Kineas, der vielleicht ein königlicher Offizier gewesen war, die Bedeutung mythischer Gründungshelden wie Theseus oder Sisyphos bekommen würde. Aber auch die olympischen Götter waren geschwächt, weil sie mit der lokalen Überlieferung ebenfalls einen Teil ihrer Wurzeln 38 verloren hatten. Sie fungierten noch als wichtigster gemeinsamer Nenner für die Kolonisten und wurden weiter verehrt, trotzdem ließen sie Platz für andere höhere Wesen. Diesen Platz erhielten einheimische Götter und, oft aus Opportunismus, auch viele Diadochenherrscher. Beides half im Zusammenleben mit den Einheimischen. Es zeigt aber auch das Bestreben der Siedler, die frühere Geborgenheit wieder herzustellen. Für diesen Zweck war die Verehrung des Gründers Kineas übrigens ein traditioneller Schritt. Denn der Anführer einer Kolonistenexpedition wurde von den Griechen schon immer verehrt. In alten Kolonien hatte er eine echte mythische Bedeutung, wie Archias aus Korinth zum Beispiel, der als Nachfahre des Herakles galt und nach einem bewegten Leben im Jahre 733 v. Chr. Syrakus gegründet haben soll. – Es war nur eine Frage der Zeit, daß ein solcher Anführer zum Mythos wurde und daß die überlieferten Geschichten den Bewohnern wieder die Verankerung boten, die ihre Vorfahren in der Heimat einst hatten. Deshalb ist es verständlich, daß man in Ai Khanoum daran angeknüpft hat. Allerdings zeigt es auch den großen Unterschied: früher, etwa im Fall von Syrakus, verlief eine Koloniegründung in althergebrachter Form. Es gab eine besonders engagierte Mutterstadt – in diesem Fall Korinth –, die zunächst das Orakel befragte und einen Adligen bestimmte, den Oikistes Archias, der die Leitung übernahm und später verehrt wurde. Auch die neue Stadtgottheit war meistens diejenige der Mutterstadt. – Ein Muster somit, das 39 selbst Teil der Tradition war und das die Übertragung der heimatlichen Kultur auf die Kolonie erleichterte. Keinen dieser Schritte ist man für Ai Khanoum gegangen. Das Prozedere war obsolet geworden, weil sich die Verhältnisse völlig verändert hatten. Die Gründung ging von einem Diadochen aus, fand innerhalb des eroberten Reiches statt und baute auf einer bestehenden iranischen Siedlung auf. Sie erfolgte ohne Mutterstadt und erhielt offenbar auch keinen Rat vom Orakel. (Nur, nachträglich, das philosophische Mitbringsel des Klearchos.) Als Oikistes fungierte ein königlicher Beauftragter. Da die Siedler sicherlich aus verschiedenen Städten stammten, lag es nahe, den Göttervater Zeus zu verehren. – Wie bei einem Rezept, dessen originale Zutaten notdürftig ersetzt wurden, ging die frühere Wirkung des Prozederes verloren. Den Unterbau der griechischen Kultur, die tiefe Verankerung in ihrer örtlichen Überlieferung, haben die Siedler nicht mitbekommen. Gemeinsam konnten sie deshalb nur das panhellenische Erbe pflegen, sowie die Neuerungen, die sie miteinander entwickelten, auch zusammen mit den Einheimischen. Der Mythos, der die Griechen wie ein Kokon geschützt hatte, ist in Ai Khanoum brüchig geworden. Anderswo wird er die Reise nicht viel besser überstanden haben. Denn im Westen und in den großen Städten kamen die Neubürger ebenfalls von überall her, die Vielfalt und die Präsenz der Einheimischen waren aber noch stärker und verwirrender. Keine guten Voraussetzungen, um nicht nur die 40 panhellenische Kultur, sondern auch ihre lokalen Wurzeln zu verpflanzen. – Ein Neuankömmling wird diese Wurzeln noch vermißt haben, aber seinen Nachfahren waren sie wahrscheinlich gleichgültig. Sie kannten sie nicht und sie kannten auch den Rückhalt nicht, den der Mythos einmal geboten hatte. Trotzdem strebten sie offenbar nach mehr Sicherheit, mit neuen Lokalhelden, Herrscherkult, Alltagsphilosophie und insbesondere auch im Synkretismus. Die Olympier wurden häufig mit einheimischen Göttern verschmolzen, so wie vielleicht Zeus in Ai Khanoum. Sie profitierten dann von deren ungebrochener Überlieferung, so daß sie als Doppelgötter zu einem Bindeglied für die Gesamtbevölkerung wurden. Die neuen Kulte konnten demnach erfolgreich sein. Sie sind aber eher ein Indiz für den Verlust der alten Geborgenheit, als für ein neues, stimmiges Weltbild. Dafür waren sie zu disparat. Gründungshelden, Herrscherkult und Synkretismus ergänzten sich nicht, wie früher Mythos und Götterwelt, sondern sie spiegelten die Unterschiede und Brüche im Leben der Menschen.

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References

Zusammenfassung

Warum bleibt die christliche Moral bestehen, obwohl der Glaube abnimmt?

Hierzu eine überraschende These: Das Gebot der Nächstenliebe ist ein Produkt der Angst. Es hat sich in einer einzigartigen historischen Konstellation entwickelt und wird auch heute wieder von der Angst um das Ich getragen. Kein himmlischer Ursprung also, aber paradoxerweise ein überaus festes Fundament, auf dem unsere Werte überleben können.

„Matthias Drescher zeigt, wie sich Abstand von einer gesellschaftlichen Krisenstimmung gewinnen lässt, und wirbt für ein aktuelles Verständnis des Gebots der Nächstenliebe. Das Gebot ist nicht ‚Ethik light’ aus einer christlichen Tradition, die für viele vergangen ist, sondern eine Quelle moralischer Energie aus einem Erfahrungszusammenhang, der Kulturen übergreift.”

(Prof. Dr. Christoph Bultmann, Universität Erfurt)