Das klassische Athen in:

Matthias Drescher

Die Zukunft unserer Moral, page 11 - 24

Wie die Nächstenliebe entstanden ist und wieso sie den Glauben überlebt

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4275-5, ISBN online: 978-3-8288-7187-8, https://doi.org/10.5771/9783828871878-11

Tectum, Baden-Baden
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11 Das klassische Athen Griechische Besonderheiten Von Homer, also aus der Frühzeit Griechenlands, gibt es so grausame Schilderungen wie diese: „Dem stach unter der Braue er tief in die Bettung des Auges, Stieß ihm den Augapfel aus; der Speer durchbohrte das Auge Bis in das Hinterhaupt, der setzte sich, breitete beide Arme aus. Peneleos schlug mit dem Schwerte, dem scharfen, Mitten hinein in den Hals und schmetterte nieder zur Erde Haupt und Helm zugleich. Es steckte die wuchtige Lanze Noch im Auge drin.“ (Ilias, 14, 493) Töten und Sterben sind das große Thema der Ilias. Ihre Helden schicken unzählige Gegner und Nebenfiguren in den Tod, mitleidlos und schicksalhaft, aber auch ohne Hoffnung für sich selbst. Stellvertretend für alle steht Hektor, der größte Trojaner, dessen Leichnam sein Vater Priamos schließlich von Achill erbetteln muß. Es ist eine düstere Welt, aus der es kein Entrinnen gibt; nur, als größtes menschliches Glück, den flüchtigen Glanz, den ein sieg- 12 reicher Kämpfer erwirbt. Auch wenn spätere Dichter das Schöne im Leben ausgiebig feiern, widersprechen sie Homer nicht. Seine Bilder rücken vielleicht in den Hintergrund, aber sie bleiben immer präsent. Jahrhundertelang sind sie Teil des Lebensgefühls, das auch sonst von den überlieferten Götter- und Heldengeschichten, dem Mythos, bestimmt wird. Zumindest leben so die Vornehmen, die sich als Nachfahren der Helden sehen, später aber auch die freien Bürger überhaupt. Die gesamte Hochkultur der Polis-Welt wird vom Mythos und von dessen Grausamkeiten begleitet. Sie werden auf Tempelfriesen und Vasen gezeigt, sind Thema von Gemälden und schwingen in der Schönheit von Götterstatuen mit. Mit der Verfeinerung der Kultur wird die Darstellung eher noch schroffer, jedenfalls in Athen. Hier, in der größten Polis-Gemeinschaft, bildet sich die griechische Tragödie heraus. Der Mythos bleibt dabei omnipräsent, und zugleich intensiviert sich die Öffentlichkeit des Lebens außerordentlich. Da jeder Bürger daran teilhat und sein Wohl fast völlig von der Gemeinschaft bestimmt wird, leben die Menschen im Austausch miteinander und stellen sich den Anderen in einem Maße, wie es heute kaum denkbar ist. In der Agora, in Volksversammlungen und Symposien entwickeln sie eine einzigartige Fähigkeit, ihre Gedanken und Meinungen zu artikulieren, aber auch zu zuhören und dadurch fortwährend ihren Horizont zu erweitern. „Wir bilden uns entweder selbst ein richtiges Urteil über die Gegenstände oder beherzigen die Ratschläge 13 anderer mit Einsicht.“ – so sagt es Perikles laut Thukydides und nutzt dabei selbst eine Grabrede für Kriegsgefallene noch zur staatsbürgerlichen Erziehung. Allerdings hatte die Extrovertiertheit des Lebens wohl eine Kehrseite. Denn Extrovertiertheit bewirkt leicht, daß für das Persönliche wenig übrigbleibt. Es überrascht deshalb nicht und entsprach wohl dem „Comment“, wie der Historiker Christian Meier schreibt, daß man die Gesellschaft mit Privatem nicht behelligte. Dieses dürfte überhaupt wenig entwickelt gewesen sein. Weil es kaum lenkende Autoritäten gab, wurden die gro- ßen Themen fast ohne Filter vors Publikum gebracht. Die Tragödien, die im 5. Jahrhundert jährlich aufgeführt wurden, waren eine zusätzliche Steigerung der athenischen Öffentlichkeit und jahrzehntelang ihr besonderer Brennpunkt. Die Dichter standen im Wettbewerb um den Beifall des ganzen Volkes, zumindest der Bürger, der Frauen und der freien Ausländer. Deshalb vermitteln uns die Stücke viel davon, wie die Menschen das Leben sahen und auch von ihren Moralvorstellungen. Sie führen das düstere Panorama der Ilias und anderer Mythen weiter aus, mit existentiellen Fragen, aber ohne tröstende Antworten. Schuldig oder nicht, der Einzelne erleidet wehrlos die Launen der Götter. Diese konterkarieren einander und walten in der Summe als blindes Schicksal, ohne übergeordnetes Ziel. Entsprechend widersprüchlich sind auch moralische Pflichten, weil sie keinen Nutzen bringen und weil oft ebenso berechtigte, gegenteilige Positionen präsentiert werden. 14 Ein überragender und alles beherrschender Antrieb ist dagegen die Rache. Sie scheint selbstverständlich, notwendig und für das Publikum auch befriedigend gewesen zu sein. Jedenfalls schwelgen die Tragödien in Rachedarstellungen. Wie Medeas Rivalin am geschenkten Giftschmuck zugrunde geht, beschreibt Euripides geradezu genüßlich: „Sie flieht, vom Sessel aufgesprungen, ganz in Glut, Hinüber und herüber werfend Haupt und Haar, Den Kranz hinwegzuschleudern, doch fest hafteten Des Goldes Fesseln, und das Feuer loderte, Indem das Haar sie schüttelt’, noch zweimal so stark …“ Unsere heutige Kernemotion Mitleid kommt seltener vor, zumindest innerhalb der Handlungen. Für das Publikum ist sie offenbar kein eigener Wert, sondern eher eine unvermeidliche Reaktion der Seele. Im Publikum selbst und für seine tragischen Figuren will der Dichter sie allerdings durchaus bewirken. Aber nicht als moralischen Selbstzweck, sondern, wie Aristoteles vermutet, um die Zuschauerseele anschließend genau davon zu befreien. Ebenso von der Furcht: Mitleid und Furcht gelten als besonders aufwühlende Gefühle, die durch die Inszenierungen zunächst provoziert und dann, in der Katharsis, überwunden werden sollen. Aristoteles’ Theorie erklärt vielleicht noch viel mehr: Die Griechen sind nicht nur gefestigt genug für die Tragödien, sondern auch für die Wahrheit des Lebens an sich. Die Grausamkeiten Homers und anderer Mythen, selbst in der 15 Götterwelt, erscheinen ihnen typisch menschlich. Sie fühlen mit den Opfern, so wie Homer uns noch heute mit Priamos trauern läßt, aber sie verurteilen die Täter nicht, und sie stellen Tod und Grausamkeit unbeirrt, in vielen Varianten künstlerisch dar. Ihre große Leidenschaft, das Artikulieren, hilft ihnen, auch die dunkelsten Gedanken einzufangen. Was andere Kulturen verschweigen und verinnerlichen, veräußerlichen sie und heben es auf die Ebene, die für sie am wichtigsten ist: die Kunst. Dort spielt es dieselbe Rolle wie Furcht und Mitleid in der Tragödie. Dementsprechend genießen sie das Schöne der Kunst ähnlich wie die Katharsis am Ende einer Tragödie. „Denn wir lieben das Schöne mit Einfachheit und wir erfreuen uns am geistigen Genuß ohne Weichlichkeit“ sagt Perikles. In jedem Fall sind Kunst, Kultur und Selbstverständnis für sie untrennbar mit den Abgründen des Lebens verbunden. Wir nennen das pessimistisch, aber es zeigt, daß ihre Lebensfreude so groß war, daß sie die Welt als Ganzes auskosten wollten. Die Hoffnungslosigkeit des Lebens erkennen und dennoch seine Schönheit genießen – in der Achten Pythischen Ode hat Pindar das so beschrieben: „Wir Flüchtigen! Was wir sind, schon sind wir’s nicht mehr. Ein Traum Des Schattens, das ist der Mensch. Aber, kommt nur ein Strahl von Gott her, gleich ist es hell, und das Leben dünket uns freundlich.“ 16 Die Wirkung des Mythos Eine einzigartige Kultur, in vielem uns sehr nah und trotzdem schwer zu fassen. Besonders rücksichtsvoll, mitfühlend und insofern prächristlich war sie jedenfalls nicht. Wie könnte sie gleichwohl die Nächstenliebe gefördert haben? Vielleicht hilft es, zunächst zu verstehen, warum ihre Bilder Grausamkeiten so anders zeigen als unsere. Heutzutage berühren grausame Darstellungen den Betrachter unmittelbar. Entweder als Nervenkitzel oder auch künstlerisch, dann allerdings als Provokation und sicherlich nicht durch Schönheit. Und wenn etwa Ernst Jünger ein Bombardement von Paris zum ästhetischen Genuß erklärt, erscheint das affektiert. In Griechenland dagegen sollten die Darstellungen nicht provozieren, sondern den Mythos beschwören und die Betrachter dadurch läutern. Deshalb dürfte ihre Grausamkeit für sich genommen nicht so stark gewirkt haben wie heute. – Nun könnte die heutige Empfindsamkeit eine Folge der christlichen Nächstenliebe sein. Dann wäre es nicht verwunderlich, daß die Griechen sie noch nicht hatten. Aber vielleicht war es ja umgekehrt – daß erst eine neue Empfindsamkeit zur Nächstenliebe geführt hat. Dann allerdings wäre es interessant zu wissen, wann sie sich entwickelt hat. Bei diesen Griechen offenbar nicht, denn hier behielt die Ästhetik noch die Oberhand. Das heißt nicht, daß sie Mitleid und Furcht nicht empfanden, oder auch die Vergänglichkeit des Lebens, als „Traum des Schattens“. Sonst 17 hätten sie all dies nicht ausdrücken können. Aber offenbar war die Resonanz relativ stumpf und die Gefühle klangen schnell genug ab, um das Leben, wie bei Pindar, bald wieder freundlich zu finden und um das Gleichgewicht des Schönen und den Einklang mit dem Mythos nicht zu gefährden. Ihr Innenleben wurde so nicht gefördert. Dafür hätte es sich stärker von Götterglauben und Überlieferung abnabeln müssen. Denn das Ich besteht aus dem Widerhall des Erlebten und aus dessen Reflexion, und je stärker und länger diese erfolgen, desto mehr nimmt der Einzelne sich als eigenständige Person wahr. Entsprechend wird er mehr Mitleid empfinden, sowie Rücksichtnahme und Gerechtigkeitssinn entwickeln. In Griechenland stieß das eigene Erleben aber auf die überaus reiche Mythologie, deren Bilder die persönliche Reflexion behinderten. Zumindest im Vergleich zur hoch differenzierten Öffentlichkeit wurde die Entwicklung des Einzelnen stark gebremst. Gerade weil die Überlieferung so vielfältig war und Muster für fast alle menschlichen Erfahrungen bot, konnten die Griechen jahrhundertelang ihr Leben darin wiedererkennen und die Harmonie zu ihr suchen. Mit diesem Ziel betrieben sie auch ihre Kunst und empfanden deren Schönheit als Zeichen, daß sie den Einklang gefunden hatten. 18 Viel Öffentlichkeit und wenig Ich Vom Innenleben kann der Anstoß zur stärkeren Sensibilität also nicht gekommen sein. Aber die großen Errungenschaften der Griechen lagen ja woanders: Ihr Schönheitssinn und ihre Kunst, Eloquenz und öffentliches Leben, auch die Demokratie in Athen waren kollektive Angelegenheiten. Tatsächlich wurden sie nicht nur gemeinsam betrieben, sondern gingen auch zu Lasten des Privaten und des Ichs der Menschen (und konnten womöglich nur so entstehen). Deshalb standen sich kollektives und individuelles Bewußtsein, die Gesellschaft und das Ich, ungleich gewichtet gegenüber: Der Einzelne hielt mit der Entwicklung der Gesellschaft nicht Schritt und bremste die Anpassung ihrer Moral. Sehr deutlich wird diese Unwucht, wenn die Tragödien auch Feinheiten der Seele behandeln. Dazu würde man heute ein ausgeprägtes Innenleben der Hauptfiguren erwarten. Hinter den Theatermasken, wie sie die Griechen benutzten, fand aber nur wenig Derartiges statt. Die damalige Tragik entstand nicht, wenn komplexe Persönlichkeiten, sondern wenn Schicksale und Werte kollidierten. Kreon etwa zeigt zunächst keinerlei Zweifel an seiner Herrscherpflicht. Er versetzt sich auch nicht in Antigones Lage, sondern reagiert nur auf ihr Handeln, ebenso apodiktisch wie sie. „Wenn sie sich ungestraft das leisten darf, / Bin ich kein Mann mehr, dann ist sie der Mann!“ Erst Teiresias öffnet ihm schließlich die Augen, so daß er nach wenigen 19 Zeilen ein Einsehen hat. Heutzutage würde eine solche Darstellung nicht reichen. Um heute eine tragische Figur nachzuvollziehen, braucht das Publikum den Zugang zu ihr als Person, am besten so nah und so differenziert wie es sich selbst erlebt. Damals dagegen genügte schon eine Maske, um die Position des Herrschers in dem Dilemma zu markieren – ein Innenleben erwartete noch niemand. Die athenische Gesellschaft wirkt deshalb doppelt frühreif. Verglichen mit den Nachbarn, die ihr kulturell nicht das Wasser reichen konnten, aber auch bezogen auf den Einzelnen. Denn das Menschenbild der Dichter war vielschichtiger als die Selbstwahrnehmung der Bürger. Weil dieses Bild öffentlich präsentiert und diskutiert wurde und praktisch jeder Athener daran teilhatte, lebte der Einzelne zwischen zwei Welten, dem kollektiven Ideal des mündigen Bürgers und seiner privaten, althergebrachten Existenz. Ähnlich wie die raffinierten Dramen von starren Masken gespielt wurden, wurde das öffentliche Leben also von Menschen bestritten, deren Privatleben noch recht archaisch war. Besonders eklatant war das im Falle der Frauen, die ja (in männlicher Begleitung) auch an den Theateraufführungen teilnehmen durften. Das Mißverhältnis am Beispiel der Frauen Frauen waren in Athen zwar nicht verschleiert, aber bis auf wenige Ausnahmen unfrei und gesichtslos. Auch Bürgerstöchter erhielten kaum Bildung, heirateten früh einen 20 wesentlich älteren Mann, verbrachten ihr Leben im Hause und gingen nur in Begleitung in die Öffentlichkeit. In seiner Grabrede für die Gefallenen hat Perikles folgende Worte für sie übrig: „Soll ich aber auch noch kurz erwähnen, was den Frauen wohl anstehen wird, die nunmehr im Witwenstand leben werden, so kann ich alles in eine kurze Ermahnung zusammenfassen. Es ist für euch schon ein großes Lob, nicht schwächer zu sein, als die weibliche Natur es mit sich bringt, und wenn unter Männern im Guten wie im Schlechten von einer Frau so wenig wie möglich die Rede ist.“  Die Tragödie spricht trotzdem von Frauen. Sie stehen beispielsweise für das Bewahrende der Familiensphäre und für die weibliche Emotionalität, und sie kämpfen meistens gegen die Hybris und andere Verirrungen von Männern. Dabei entwickeln sie selbst oft männliche Züge und werden zu furchterregenden Rächerinnen. – Jedenfalls ein grelles öffentliches Bild und ein besonderes Mißverhältnis zur privaten Stille, in der ein Frauenleben tatsächlich verlief. Die Männerwelt der Griechen, die Dichter und die gebildeten Bürger hatten demnach eine differenzierte Vorstellung vom Wesen und von der Bedeutung der Frau, für sie selbst und für die Gesellschaft. Ihre Diskussion geht aber weit über die Wirklichkeit der Betroffenen hinaus, schon deshalb, weil die Frauen nicht mitreden konnten. 21 Dazu fehlten ihnen zuallererst die Gelegenheit, aber auch die Ausbildung und die entsprechende Selbstreflexion. Diese Diskrepanz ist symptomatisch. Eine breite Öffentlichkeit, die Menschheitsthemen auf höchstem Niveau behandelte, wurde getragen von Menschen, die selbst noch im Mythos und Götterglauben lebten. Erklären läßt sich das vielleicht mit dem ungeheuren Aufschwung, den Athen genommen hatte, und mit einer Stimmung im Volk, die auch gewagte Gedankenspiele von Dichtern erlaubte. Zugleich hat die Intelligenz auf verschiedene Weise versucht, das Gefälle in der Gesellschaft zu überwinden. Die sogenannten Sophisten wirkten Ende des Jahrhunderts direkt, als Lehrer, auf den Einzelnen ein. Sie sahen den Menschen als Maß aller Dinge und säten Zweifel an den Göttern. Allerdings war ihr Unterricht teuer und kann nicht viele erreicht haben. Sokrates dagegen setzte unbezahlt, sehr öffentlich und noch direkter an. Er bohrte das Denken seiner Gesprächspartner mit Fragen auf und ließ sie eigene Einsichten gewinnen. Damit hat er die geistige Entwicklung Athens beeinflußt und war jahrzehntelang eine moralische Instanz. Trotzdem konnte auch Sokrates das Mißverhältnis nicht beheben. Er kam gegen die konservativen Kräfte nicht an und wurde 399 v. Chr. schließlich zum Tode verurteilt. Nach ihm zog sich die Philosophie in ihre Zirkel zurück und diente vor allem der Ausbildung der führenden Schichten. Platon und Aristoteles haben sich offenbar weniger mit der Athener Bürgerschaft identifiziert; beide waren oft 22 abwesend und haben den Mann auf der Straße wahrscheinlich kaum noch erreicht. Der Überschwang der perikleischen Zeit und die enge Einbindung des Volkes in die intellektuelle Entwicklung waren vorbei. Der Beitrag des klassischen Griechenland Als die Griechen mit Alexander nach Asien zogen, fühlten sie sich dennoch dem Rest der Welt kulturell überlegen. In Athen zeigen sich Selbst- und Traditionsbewußtsein, wenn etwa Statuen für Aischylos, Sophokles und Euripides aufgestellt oder die Tragödientexte verbindlich festlegt werden (330 v. Chr.). Die Gebildeten nahmen weiterhin an der intellektuellen Entwicklung teil und bewegten sich in einer Grauzone zwischen Atheismus und abstraktem Götterglauben. Sie sahen sehr nüchtern, was im Leben anzustreben sei: „Sowohl die Masse wie die vornehmeren Geister bezeichnen es als die Glückseligkeit“, sagt Aristoteles. Auf Glück zielt deshalb seine große Morallehre, die Nikomachische Ethik, in der Mitleid und Gerechtigkeit notwendige Mittel zum Zweck sind. – Die Masse hatte sicherlich denselben Wunsch, konnte ihn aber nicht so rational verfolgen. Dafür war sie dem Mythos und den damit verbundenen Ängsten zu sehr verhaftet. Vielleicht auf eine defensivere Weise als hundert Jahre zuvor, als der Erfolg der Stadt sie mitgerissen hatte und die großen Tragödien entstanden waren. Aber auch jetzt wurden noch neue Stücke geschrieben und auch die alten weiter aufge- 23 führt. Überhaupt war die differenzierte Kultur der griechischen Klassik nun etabliert und wurde in Gang gehalten. Demokratie, Rechtswesen, Kunst und Festspiele – all dies bestimmte weiterhin das Leben des Einzelnen, selbst wenn Athen und ganz Griechenland durch Kriege und die makedonische Hegemonie einen Dämpfer erhalten hatten. Ein Leben, das jeder freie Bürger einüben und verstehen, und in dem er eine Vielzahl von Rücksichten nehmen mußte, um trotzdem die eigene Haltung zu artikulieren. Hochkultur und archaischer Mythos, die laute und vielstimmige Öffentlichkeit und ein vergleichsweise stilles Ich. Aus heutiger Sicht paßt das nicht recht zusammen, aber so hatte es sich eingespielt. Die religiösen Opfer, Orakel und Prozessionen halfen dabei. Sie waren fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens, erfüllten die Bedürfnisse der Bevölkerung und verbanden sie mit der hochentwickelten Öffentlichkeit, die sich, wie die Tragödie, zum Teil selbst aus religiösen Riten gebildet hatte. – Mythos, Riten, Kunst und Demokratie ergänzten sich und bewirkten miteinander ein ausgeprägtes Selbstbewußtsein, das auch die einfachen Griechen kennzeichnete. Sie waren, verkürzt gesagt, auf eine besondere Weise mündig, die sie anderen überlegen machte und die sie, mit Alexander, schließlich bis nach Indien brachte. Was an dieser Kultur könnte nun die spätere Entwicklung der Nächstenliebe gefördert haben? Ihr Rachedurst ganz gewiß nicht. Das Mitfühlen dagegen wurde nicht betont, und auch nicht das Rücksichtnehmen: Im Unter- 24 schied zu Ägypten, beispielsweise, existierte keine allgemeine Armenpflege. Was sonst also? Wenn es schon ein Vorzeichen gab, dann war es das erwachende Bewußtsein. Kein Helden- oder Götterkult, sondern das Artikulieren und Philosophieren der Elite und eine gewisse Eigenverantwortlichkeit. Das, was Griechenland zum eigentlichen Beginn unserer Welt macht und was uns vertraut anmutet. So wie die damaligen Erkenntnisse noch heute unser Lebensgefühl beeinflussen, so haben sie auch in der Antike letztlich zu mehr Mitleid und Rücksichtnahme geführt. Die Dichter und Philosophen haben die Grundlagen geschaffen, aus denen eine neue Sensibilität erwachsen konnte. Allerdings hat die damalige Bevölkerung nicht reagiert. Sie hat sich vieles angehört und die Dichtungen genossen, aber deren Weisheiten nicht auf sich selbst bezogen. Die Menschen lebten offenbar noch eingehüllt von ihrer archaischen Überlieferung, dem Mythos. Er schirmte sie noch ab und bewahrte sie wie ein schützender Kokon vor den Erkenntnissen und vor den moralischen Forderungen der Elite.

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References

Zusammenfassung

Warum bleibt die christliche Moral bestehen, obwohl der Glaube abnimmt?

Hierzu eine überraschende These: Das Gebot der Nächstenliebe ist ein Produkt der Angst. Es hat sich in einer einzigartigen historischen Konstellation entwickelt und wird auch heute wieder von der Angst um das Ich getragen. Kein himmlischer Ursprung also, aber paradoxerweise ein überaus festes Fundament, auf dem unsere Werte überleben können.

„Matthias Drescher zeigt, wie sich Abstand von einer gesellschaftlichen Krisenstimmung gewinnen lässt, und wirbt für ein aktuelles Verständnis des Gebots der Nächstenliebe. Das Gebot ist nicht ‚Ethik light’ aus einer christlichen Tradition, die für viele vergangen ist, sondern eine Quelle moralischer Energie aus einem Erfahrungszusammenhang, der Kulturen übergreift.”

(Prof. Dr. Christoph Bultmann, Universität Erfurt)