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3. Lamento Hiob in:

Roland Mierzwa

Künstlerische, philosophische und theologische Archäologie zum "religionslosen Christentum" nach Dietrich Bonhoeffer, page 55 - 60

Namen, die was sagen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4279-3, ISBN online: 978-3-8288-7186-1, https://doi.org/10.5771/9783828871861-55

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 34

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Lamento Hiob31 Zunächst eine historische und künstlerische Einordnung der Plastik: Die Plastik „Lamento Hiob“ ist Bestandteil des Zyklus „Lamento“, wobei die Plastik innerhalb des Zyklus „Lamento“ die Herausragende ist, was die Darstellung des „Archetyps“ Klage darstellt – der Künstler selbst: „Am deutlichsten unter den alttestamentlichen Zeugnissen ist die Klage von Hiob, seine Klage ist total offen; Jermias hingegen klagt nicht so direkt“. (Hintergrund: Er ist katholisch und hat die Werke vor dem Hintergrund der Lektüre der böhmischen katholischen Bibel – Kralische Biebel von 1586 – gestaltet). Aber diese Plastik schließt an mehrere Plastiken an, die vor dem Zyklus „Lamento“ entstanden sind – u.a. „Plazit jazyk I“ und „Plazit jazyk II“, auch 1970. Es geht um die ausgestreckte Zunge, die sich auch in der Plastik „Lamento Hiob“ wiederfindet, aber in deutlicher zurückgenommener, in den Schädel eingelagerter Form. In der ausgestreckten Zunge werden für ihn zwei menschliche Aspekte kommuniziert – nämlich den der Erschöpfung sowie den Aspekt des Trotzes und des Widerstandes zugleich. „Das geht ineinander über“ – so der Künstler. Der Zyklus „Lamento“ schließt ab mit der Plastik „Pokus o úsměv“ – also der dreizehnten Plastik. Es geht um das Lächeln – diese Plastik „blanciert den 3. 31 Protokoll eines halbstrukturierten Gesprächs mit Jan Koblasa, am 7.06.2007, 11:00-13:30 in seiner Wohnung in Hamburg; Redaktionsschluss der zweimaligen Überarbeitung 22.06.2007 . Arbeitsweise Handschriftliche Notizen und Gedankenprotokoll, die die assoziativen Gedanken und Erinnerungen nachträglich strukturierten. Das Protokoll wurde von dem Künstler dann zweimal gegengelesen und daraufhin überarbeitet und autorisiert. Thema: Die Plastik: Lamento Hiob – im Kontext des Zyklus „Lamento“ (12 Arbeiten), ein Zyklus zum Archetyp der Klage – aus dem Jahre 1970. Auszüge dieses Gesprächs wurden zuerst veröffentlicht in: R. Mierzwa, Soziale Aspekte des Leidens. Ästhetisch-exegetische, etymologische, medizinische, sozialwissenschaftliche und philosophische Aspekte, Norderstedt 2011, Seite 176-177 55 Zyklus der Klage aus“. Der original Titel der Arbeit ist „Versuch um ein Lächeln“ – und der Mund ist ein Zitat von Leonardos „Mona Lisa“. Es ist eine „versöhnende“ Geste, eine nach vorne weisende Plastik, die den Zyklus „Lamento“ transzendiert. In der Plastik zum „Lächeln“ taucht wiederum ein Grundzug seiner „bildnerischen Sprache“ auf. Es geht ihm in seiner Kunst nicht um Illustration – seine Plastiken haben eine „ernste christliche Basis“. Das Thema „Lamento“ brachte er aus den Erfahrungen in der CSSR mit, was schon in seinen „Apokalypse- Zyklus“ einfloss – aber es bekam unter den Erfahrungen in Deutschland eine neue eigene Qualität, aber dazu später. In der ehemaligen CSSR hatte er einen „Apokalypse-Zyklus“ (1963-1968) geschaffen – wobei es ihm nicht nur um das Verharren im Apokalyptischen ging, um eine Ausfaltung des Chaos, sondern um die Entfaltung dessen, was er vorher im „Prager Frühling“ gesehen hatte – er hatte darin das „Happy End“ der Geschichte gesehen, die „Hoffnungen“, „die falschen Propheten“ und so las er auch die „Apokalypse“; es geht in ihr um die Konfrontation mit dem „Zustand“ und um die „Zukunft des Lebens“. Das Leiden im „Lamento Hiob“ – Migrantenstatus: Seine Plastik ist ein Beitrag zum Verstehen des Leidens von Migranten in Deutschland – allerdings in einem spezifischen historischen Kontext. Der Autor macht deutlich, dass in diese Plastik im Besonderen, in den Zyklus im Allgemeinen, die Verarbeitung einer brutalen „inneren“ Einsamkeitserfahrung in Deutschland 1969/1970 hineinfloss. Wie stellt sich die Einsamkeitssituation dar: 1) Er hatte niemanden in Deutschland, mit dem er über die Erfahrungen in der CSSR reden konnte – diese waren eine absolute Armutserfahrung: „ich lebte bis Mitte der 60er Jahre in einem Keller“, „absolut keine Zukunft“, „Anfang der 60er Jahre keine Hoffnung, dass sich etwas änderte“, „Berufsverbot: ich durfte nichts verkaufen; ich durfte nicht ausstellen; unter der Aufsicht der Geheimpolizei – das Gefühl und die Realität des Verfolgt-Seins“. 1963 kam es zu einer mäßigen Liberalisierung – Ausstellungen wurden möglich. 1966 sogar eine Ausstellung in Deutschland. 2) Dann fehlte ihm die Sprache, um sich in Deutschland richtig verständigen zu können. 3) Schließlich kam er ohne Informationen über Deutschland (= Westen) nach Deutschland und die Erfahrung von Deutschland war ein Schock. Er brauchte mehrere Jahre, um sich in 3. Lamento Hiob 56 die elementaren Strukturen der West-Welt einzuleben. 4) Schließlich waren die vermeintlichen Gesprächspartner aus der 68er Bewegung keine Gesprächspartner – diese waren in Bezug auf den Sozialismus und Kommunismus völlig naiv; sie hatten und wollten das Problem der „sozialistischen Länder“ nicht verstehen. 5) Dann bestand kein Kontakt zu Freunden in der CSSR und zur Familie. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die sowjetischen Truppen 1968 konnte ich bei einem Aufenthalt in Mailand nicht zurück, weil ich Bildhauer bleiben wollte, später konnte ich auch keinen Kontakt aufnehmen, denn ich wurde 1970 unter Abwesenheit zu 9 Jahren Haft verurteilt – „wie mir mündlich mitgeteilt wurde“, Grund „Aufenthalt im Ausland gegen die Interessen des Staates“. 6) Dann gab es dann noch eine gewisse „Gleichgültigkeit“ in Deutschland in Bezug auf meine Erfahrungen. Diese extreme Einsamkeit war ein „Ausgeschlossen- Sein aus den Gesellschaften“ – aus der einen Gesellschaft draußen und in der anderen nicht drinne, es war die Situation der „allgemeinen Nichtzugehörigkeit“ und dazu kam die Erfahrung der „Machtlosigkeit etwas von innen ändern zu können“; das war ein „Gefängnis“ und dieses „Gefängnis der Einsamkeit“ ist extrem leidvoll – es „zerschmettert“ einen; und das wurde im „Zerschmettern“ des Schädels ausgedrückt. Dabei ist das „Zerschmettern“ eine Rückdeutung aus der Wahrnehmung der „Intensität der Klage“ – diese ist ein Ausdruck des Zerschmetterns der Seele unter der Erfahrung extremer Einsamkeit. Man kann in dem Herausquellen des Gehirns die Wucht des Zerschmetterns lesen – das Gewaltsame für die Seele dieser Einsamkeitserfahrung. Die Wucht des Gewaltsamen dieser Einsamkeitserfahrung für die Seele wird noch einmal verschärft, mit der Geste der Hand, die auf den Schädel zum Schutz gelegt wurde, aber auch unter der Wucht der Einsamkeitserfahrung zerschmettert wird. Der Schutz der Hand versagt – damit wird die Verwundbarkeit und Verletzbarkeit unter dem Migrantenstatus deutlich. Berührt man die Skulptur und gleitet man über die tiefe, geborstene, das Innere des Schädels zerfetzende Struktur, dann wird deutlich wie „tief “ und wie „gewaltsam“ „innere“ Einsamkeit erlebt werden kann. 3. Lamento Hiob 57 Verhalten zum Leiden/Ressourcenmanagement: Jan Koblasa hatte „Glück im Unglück“. Seine brutale Erfahrung einer extremen „inneren“ Einsamkeitserfahrung wurde nicht verschärft von einer Armutserfahrung. 1968 war eine Ausstellung in Kiel, die sehr erfolgreich war. Es wurde fast alles verkauft, so dass er das Basiskapital zum Überleben hatte. Und später bekam er die Einladung für eine 2jährige Gastdozentur an der „Muthesius-Kunsthochschule“. Damit verbunden war der Auftrag zum Aufbau einer Bildhauer-Abteilung. Damit konnte er starten. Aber die Zuwendung war nicht ungebrochen. Für die katholische Kirche hier war ich nicht gerade „das Wahre“. Für die protestantische Kirche war der Zyklus zuerst „zu dramatisch“. Und die Presse war „ratlos“ in Bezug auf meine Kunst – ein „Reden darüber fand nicht statt“. „Erst in den achtziger Jahren habe ich einen Altar realisieren dürfen und die Lamentos waren in 2002 in Flensburg in der St. Jürgen Kirche ausgestellt“. Schließlich stellte er fest: Mit diesem Lamento-Zyklus konnte ich klagen über meine Geschichte in der Tschechoslowakei und auch über die Situation in Deutschland – ich habe meine Einsamkeitserfahrung beklagt, aber auch die Einsamkeitserfahrungen anderer Menschen. Deswegen sind es Archetypen – hier floss das Klagen anderer Menschen ein. Die Arbeit an diesem Zyklus war u.a. meine Psychohygiene – der Zyklus war Widerstand gegen den Schock. Auf die Frage mit wem der Dialog der Klage stattfand, stellt er fest – „die Herstellung der Skulpturen hatte auch die Form eines Gebetes“. Gesprächssplitter: Durch Kontakte zu „meinem Freund“, dem damaligen Präsidenten Havel, 1990, nach der Wende, wurde nach einigen Problemen im bilateralen Verhältnis von Deutschland und der Tschechoslowakei – „mein erster Antrag war von 1980“ – wurde die Einbürgerung in Deutschland erst möglich. Ein letzter Freundschaftsdienst von Havel war auch, dass ich Januar 2002 Einsicht in meine Geheimdienst-Akte nehmen durfte. Schließlich händigte man mir nur die Akte 1974/1975 aus (zur Erinnerung: da lebte ich schon 7 Jahre in Deutschland) – die anderen Akten wären „verschwunden“. Schockiert war ich auch, dass man u.a. über alle meine Krankheiten Bescheid wusste, auch wusste man welche Medika- 3. Lamento Hiob 58 mente ich nahm, es gab eine Liste mit all den Personen, mit denen ich Kontakt hatte und es waren auch alle Originalbriefe da drin, die abgefangen und nicht weitergeleitet wurden. Anfang der 70er Jahre wurden in der CSSR (in Pieštany) bei einer Veranstaltung 50 Skulpturen verbrannt, Ergebnisse eines mehrjährigen internationalen Bildhauersymposiums, darunter war auch meine Skulptur von „David und Goliath“. Das hatte mir ein Freund (der österreichische Bildhauer K. Prantl) mitgeteilt. 3. Lamento Hiob 59

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Zusammenfassung

Von Dietrich Bonhoeffer stammt der Gedanke des „religionslosen Christentums“. Die Ausführungen dazu sind allerdings fragmentarisch. Deswegen unternimmt dieses Buch künstlerische, philosophische und theologische Tiefenbohrungen bei Persönlichkeiten, um Gedankengut freizulegen, das für die inhaltliche Anreicherung des Gedankens eines „religionslosen Christentums“ von Bedeutung sein kann. Folgende Persönlichkeiten werden in Einzelstudien analysiert: Enrique Dussel, Erich Fromm, Martin Luther King, Jan Koblasa, Jesus Christus, Jürgen Moltmann, Karl Rahner, Arthur Schopenhauer, Anthony Shaftesbury, Tzvetan Todorov und Johann Hinrich Wichern.