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9. Schlussteil – Gott mit und unter den Benachteiligten in:

Roland Mierzwa

Künstlerische, philosophische und theologische Archäologie zum "religionslosen Christentum" nach Dietrich Bonhoeffer, page 175 - 176

Namen, die was sagen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4279-3, ISBN online: 978-3-8288-7186-1, https://doi.org/10.5771/9783828871861-175

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 34

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Schlussteil – Gott mit und unter den Benachteiligten Diesen Schlussteil möchte ich unter das Thema Gott mit und unter den Benachteiligten stellen und damit deutlich machen, dass ein befreiungstheologischer Akzent deutlich wird. Gott ist mit und unter den Benachteiligten wie die Beziehungen mit den Benachteiligten von göttlicher Qualität sind – wenn sie zum Beispiel von einer so tiefen Anerkennungskultur geprägt sind, dass wir jeden Benachteiligten sehen und nicht aus den Augen verlieren, wie Tzvetan Todorov es verdeutlichte, um dann auch für sie einstehen zu können. Enrique Dussel forderte „Befreie den Armen!“ Es gilt also so für den Armen so intensiv einzustehen, dass in ihm eine Kraft lebendig wird, aus dem Herrschaftssystem auszuziehen. Das Prekariat kennt individuelle Lebenslagen, die in den Suizid treiben – das Lamento Hiob von Jan Koblasa kann diese eventuell symbolisieren – aber die apokalyptische Theologie macht deutlich, dass der Ausweg nicht in dem Eingehen auf die individuelle Angst und Verzweiflung liegt, sondern nur im Zusammenhang der Heilung des Ganzen vorstellbar ist. Befreiungstheologisch gewendet steht eine befreiungstheologische Apokalyptik vor der Herausforderung, das Gewebe des Lebendigen, die relationalen Interdependenzen des Für- und Zueinanders, die Verwiesen- und Angewiesenheit mit (rettender) Liebe (vergl. J.H. Wichern), Zärtlichkeit, Achtsamkeit, Barmherzigkeit, Mitgefühl (vergl. A. Schopenhauer), Solidarität, Vertrauen, Fürsorglichkeit und Anteilnahme so stark und intensiv zu tränken und zu sättigen, damit es keinen Zweifel gibt, dass es Gott nicht gibt. Diese alle aufgezählten Beziehungsweisen müssen vielfache Hände, Füße und Augen bekommen – dann ist Gott lebendig und die apokalyptische Angst verschwindet. Befreiungstheologisch gedacht bedeutet die Reich-Gottes Verkündigung von Martin Luther King und Jesus, dass das Reich Gottes nicht für eine Gruppe, wie die Armen, Kranken, Hungernden und Benachteiligten, dauerhaft vereinnahmt 9. 175 wird – aber es ist wohl zu sehen, dass einige, weil sie den Nächsten nicht dienen können bzw. nicht Sklave aller sein wollen, sich nicht vom Reichtum lösen können, sich nicht von selbstsüchtigen Begierden befreien können und der Einladung zum Festmahl nicht nachkommen, Selbstausschluss vom Reich Gottes betreiben. Es kann zur Gewissenfrage werden, wie bei „anonymen Christen“ (vergl. K. Rahner), mit und unter den Benachteiligten zu sein – das wird an den Publikationen von Kathrin Hartmann („Wir müssen leider draussen bleiben“ [2012]; „Aus kontrolliertem Raubbau“ [2015]) deutlich. Diese ist in meinen Augen eine „anonyme Christin“ oder vielleicht eine „religionslose Christin“. 9. Schlussteil – Gott mit und unter den Benachteiligten 176

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Zusammenfassung

Von Dietrich Bonhoeffer stammt der Gedanke des „religionslosen Christentums“. Die Ausführungen dazu sind allerdings fragmentarisch. Deswegen unternimmt dieses Buch künstlerische, philosophische und theologische Tiefenbohrungen bei Persönlichkeiten, um Gedankengut freizulegen, das für die inhaltliche Anreicherung des Gedankens eines „religionslosen Christentums“ von Bedeutung sein kann. Folgende Persönlichkeiten werden in Einzelstudien analysiert: Enrique Dussel, Erich Fromm, Martin Luther King, Jan Koblasa, Jesus Christus, Jürgen Moltmann, Karl Rahner, Arthur Schopenhauer, Anthony Shaftesbury, Tzvetan Todorov und Johann Hinrich Wichern.