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7. Die rettende Liebe (Wichern I; Wichern II; Wichern III; Wichern IV) in:

Roland Mierzwa

Künstlerische, philosophische und theologische Archäologie zum "religionslosen Christentum" nach Dietrich Bonhoeffer, page 149 - 160

Namen, die was sagen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4279-3, ISBN online: 978-3-8288-7186-1, https://doi.org/10.5771/9783828871861-149

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 34

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die rettende Liebe (Wichern I; Wichern II; Wichern III; Wichern IV) Auf einer Stegreifrede86 auf dem Wittenberger Kirchentag, am 22. September 1848, betonte Johann Hinrich Wichern, dass nicht soziale Reformen die bevorzugte Lösung der sozialen Probleme sind, sondern eine Regeneration der innersten Zustände des gesamten Volkes erforderlich ist87; und in diesem Kontext forderte er eine entschlossene Wendung zur tätigen Erneuerung der Kirche, wozu er Werke der Liebe als bevorzugten Kristallisationspunkt für den Wandel der Kirche und des Volkes betrachtete. „Diese Liebe muss in der Kirche als die helle Gottesfackel flammen, die kund macht, dass Christus eine Gestalt in seinem Volke gewonnen hat. Wie der ganze Christus im lebendigen Gottesworte sich offenbart, so muss er auch in den Gottestaten sich predigen, und die höchste, reinste, kirchlichste dieser Taten ist die ret- 7. 86 Den Charakter einer Stegreifrede relativierend vergleiche Hans-Jürgen Benedict (2001, 457 und 459ff.). Dieser weist darauf hin, dass wesentliche Inhalte dieser Rede schon in den „Fliegenden Blättern des Rauhen Hauses“, publiziert in der Zeit vom April bis September 1848, veröffentlicht gewesen waren. Dabei kommt den „Fliegenden Blättern“ vom Mai 1848, die Benedict als „Wicherns antikommunistisches Manifest“ apostrophiert, eine besondere Relevanz für die vermeintliche Stegreifrede zu (vergl. Benedict, 2001, 461ff.). 87 „Es ist notwendig, zunächst den Ansatz Wicherns herauszuarbeiten, der ihn zu seinem Vorschlag eines ‚christlichen Sozialismus‘ führt. Dieser Ansatz liegt in seiner Deutung des Pauperismus als eines doppelseitigen Phänomens. Einerseits handelt es sich dabei um ein materielles, dementsprechend volkswirtschaftlich zu behandelndes Problem, andererseits um eine Erscheinung, die ihre Wurzel in einer inneren Verarmung des Volkes hat. Beide Seiten des Pauperismus liegen ineinander und begründen und verstärken sich gegenseitig. Die äußere und die innere Massennot und Massenverelendung des beginnenden Industriezeitalters sind darum sehr wohl zu unterscheiden, aber nicht zu trennen. Einerseits führt die innere Verarmung breiter Volksschichten zur Unfähigkeit, die äußeren Lebensprobleme zu bewältigen, andererseits führt die Übermacht der äußeren Massennot dazu, daß die Voraussetzungen für ein geordnetes Leben in Haus und Gesellschaft immer mehr schwinden“ (Janssen, 1961/1979, 155). 149 tende Liebe“ (J.H. Wichern, 1948, Herv. I. Orig.)88. In der nach dem Kirchentag erstellten Denkschrift schreibt er nochmal zu diesem Aspekt: „Aber mehr noch als die Lehre gehört ihr (der Inneren Mission R.M.) die helfende, dienende Tat. Sie übt die Tat nur zur Erweisung der Barmherzigkeit und fragt nicht, wem sie dient, sondern hat schon gedient, ehe sie noch fragt – dem gestellten Vorbilde des großen Samariters getreu“ (Wichern, 1849/1979, 155). Auf diesen Kirchentag folgt die Gründung des „Central-Ausschusses für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche“ (CA), nachdem Wichern selbst am 23. September, einen Tag nach der Stegreifrede, die Gründung eines „Ausschusses für die Innere Mission“ beantragt hatte. Damit wurde den vielen privaten und unkoordinierten Initiativen der Hilfe, die inzwischen entstanden waren „ein organisatorischer Rahmen gegeben und eine offizielle Vernetzung ermöglicht; es folgten Gründungen von Landes- und Provinzialvereinen; Reiseagenten sollten dem CA über die soziale Lage in Deutschland berichten“ (Schäfer/Herrmann, 2005, 58). Damit erhielt die christliche Liebestätigkeit der damaligen Zeit mit dem Stichwort „Innere Mission“ einen konzeptionellen Rahmen. Von der Inneren Mission sprach Wichern von einem „Organismus der Werke, freier, rettender Liebe“ – dabei steht „rettende Liebe“ für „Wichern I“ und die „freie Liebe“ steht für „Wichern III“. Zu ergänzen ist noch die „gestaltende Liebe“, die für „Wichern II“ steht. Für die Gegenwart ist Wichern IV zu formulieren, womit gemeint ist, dass die Liebestätigkeit mit Anerkennungserfahrungen zu verknüpfen sei. 1849 erschien, noch während des Wittenbergers Kirchentag dafür beauftragt seine Gedanken in einer Denkschrift darzulegen, die umfangreiche Denkschrift „Die innere Mission der deutschen Evangelischen Kirche“. Nach dieser hat für J.H. Wichern die „Innere Mission“ die Entkirchlichung der Gesellschaft als Referenzrahmen; sie schließt zwar diakonisches Handeln nicht aus (im Sinne einer den Armen zugewandten Liebespflege, indem man ihnen geistliche und leibliche Hilfe bringt [vergl. Wichern, 1849/1979, 208. 215. 241ff.]), aber es geht 88 J.H. Wichern, Rede auf dem Wittenberger Kirchentag vom 22. September 1948, in: Ders., Sämtliche Werke, Bd. I, 155-165; hier S. 165 (zitiert nach Diakonisches Kompendium). Zur Situierung dieses Zitates vergleiche auch bei Benedict (2001, 468). 7. Die rettende Liebe (Wichern I; Wichern II; Wichern III; Wichern IV) 150 bei der Inneren Mission vor allem um ein Handeln auf alle soziale rsp. gesellschaftlichen Schichten hin und richtet sich darüber hinaus auf die Erneuerung aller Lebensbereiche. Das bedeutete, dass diese das ganze Kulturleben durchdringende religiös-sittliche Reformbewegung auch den Raum der Kirche überschreitet und deswegen sich auch nur teilweise im Rahmen der Ekklesiologie abbilden lässt (vergl. Schäfer, 2005, 101). „Bei der Beschreibung dieses Lebens hat Wichern immer wieder geschwankt. Gelegentlich hat er die vier sich gegenseitig durchdringenden Lebensformen der Familie, der Schule, der bürgerlichen Arbeit und der Kirche als Charakteristika genannt. Später hat er auf eine zu rasche und zu einfache Gliederung des Lebensgesamts immer mehr verzichtet. Die flutende Fülle des Lebens entzieht sich einer systematisierenden Darstellung“ (K. Janssen, 1956/1979, 13; s.a. Wichern 1849/1979, 183). Die Innere Mission dient der „Ausbreitung des göttlichen Reiches inmitten der verfallenden Christenheit“ (Wichern, 1869)89. Er betrachtete die in Vereinen organisierte „Innere Mission“ als Ergänzung zu den Pastoren-zentrierten Kirchengemeinden sowie auch als Ergänzung zu dem Wirken der kirchlichen Ämter: „Zugleich aber identifizierte er die freien Vereine – programmatisch – als Orte für die ‚geordnete Arbeit der gläubigen Gemeinde‘, als Räume der Verwirklichung des allgemeinen Priestertums und als Werkstätten der Liebe. Er entwarf damit ein Gemeindeleitbild, in dem das Einander-Priester-Sein als Kohäsionsprinzip mit dem Auftrag aktiver Weltgestaltung verbunden war“ (Ruddat/Schäfer, 2005b, 209; s.a. Wichern, 1849/1979, 159f.). Damit wird deutlich, dass die „Innere Mission“ nicht eine Lebensäußerung aktiver Liebestätigkeit neben der Kirche ist; und es ist auch keine Lebensäußerung ausserhalb der Kirche. Vielmehr ist die „Innere Mission“ „eine Seite des Lebens der Kirche“, die vom Geist der gläubigen Liebe getragen ist (vergl. Wichern, 1849/1979, 154). Das von Wichern entworfene Leitbild der „Inneren Mission“ sah ein Tätigwerden der Inneren Mission nur dann vor, wenn die geordneten Ämter der evangelischen Kirche mit ihrer Wirksamkeit nicht imstande waren Lebensgebiete ausreichend zu bedienen (vergl. ders., 157 und 188). 89 Festpredigt gehalten am Jahresfest des Vereins für innere Mission in Hamburg, den 9.11.1869, Hamburg o.J. (1869), 14 (zitiert nach Diakonisches Kompendium) 7. Die rettende Liebe (Wichern I; Wichern II; Wichern III; Wichern IV) 151 Zu der Eignung als Mitarbeiter der Inneren Mission schrieb er: „Für einen recht geeigneten Mitarbeiter der Art würden wir den gelten lassen, der durch keinen nur äußeren Einfluß, durch keine Lockungen bürgerlicher Verheißungen, sondern allein durch den inneren Trieb der rettenden Liebe Christ sich ohne Selbsttäuschung veranlasst wüsste, sein Leben den verlorensten […] christlichen Brüdern zu widmen und der um deswillen bereit wäre, teils allen zu dienen und ihnen zu helfen, teils alle, die ihn zu diesem Dienst berufen, zum Werk der Liebe so zu reizen, daß die Gemeinde in seinem Kreise ein Volk von Boten und Arbeitern würde, wenn und wo sie es noch nicht wären“ (Wichern, 1847)90. Das Anliegen J.H. Wicherns, eine künftige Epoche der christlichrettenden Liebesarbeit heraufzuführen, war in den Augen von Eugen Gerstenmaier, rund hundert Jahre nach dem Wittenberger Kirchentag, mit Blick auf die „Innere Mission“ wie auch auf die evangelische Kirche gesehen, nahezu als vollständig gescheitert zu betrachten (vergl. Gerstenmaier, 1953, 499). Deswegen rief er „Wichern II“ aus. „Es sollte ein Neuansatz der Kirche sein – weg von einer Kirche, die ausschließlich auf das Wort ausgerichtet ist, hin zu einer Kirche in Aktion, die ihr diakonisches Amt nicht mehr an privatrechtliche Vereine, wie die Innere Mission, delegieren, sondern selbst wahrnehmen würde. Damit würde sie dem unerledigten Vermächtnis Wicherns gerecht werden“ (Witschke, 2005, 248f.; s.a. Winter, 2005, 292f.). So kam es 1945 zur Gründung des Hilfswerkes der Evangelischen Kirchen in Deutschland. Die Pointe war die stärkere Akzentuierung diakonischen Handelns im Horizont von Sozialpolitik – danach sollte christlich rettende Liebesarbeit neben dem Aspekte der Fürsorge, wofür „Wichern I“ steht, sich auch als (gestaltende) Liebesarbeit in Form eines sozialen und politisch verantworteten Handeln entdecken, weil eine „echte evangelischkirchliche Legitimation für Wichern Zwei, d.h. für die organisierte, unmittelbar sozialpolitisch bzw. politisch wirksame christliche Kampfund Tatgemeinschaft (…) im Verlauf der letzten 100 Jahre von der evangelischen Kirche Deutschlands nicht zu erlangen“ war (Gerstenmaier, 1953, 501). „Wichern II ist der Ruf an die Christenheit Deutsch- 90 Wichern: Über Dilettantismus in der inneren Mission; Orden der römischen Kirche; die feste Beamtung im Dienst der inneren Mission [1847], in: Ders.: Sämtliche Werke (SW), Db I, Berlin/Hamburg 1962, S. 85-88) in: Diakonisches Kompendium 7. Die rettende Liebe (Wichern I; Wichern II; Wichern III; Wichern IV) 152 lands, sich den Aufgaben der ‚gestaltenden Liebe‘ zuzuwenden“ (ders., 501). Für Gerstenmaier ist „Wichern II (…) bis jetzt im Bereich des deutschen Protestantismus ein Fragment geblieben, beides in theoretischer und praktischer Hinsicht. In praktischer: Im deutschen Protestantismus gibt es heute kaum eine jener von Huber und Wichern geforderten Assoziationen, die im öffentlichen Leben in der von Wichern gewiesenen Richtung wirksam, geschweige gar führend werden können. In theoretischer Hinsicht fehlt es unserer Kirche trotz aller Botschaften und ‚Worte‘ nicht nur an einem konkreten, geschlossenen Sozialprogramm, sondern es mangelt auch an einer gemeinsamen Überzeugung, daß so etwas überhaupt möglich, nötig und legitim sei in der Kirche des Evangeliums“ (ders., 1953, 502). Das Problem ist nun aber, darauf weist Th. Strohm mit den Worten von K. Janssen hin, dass beide, Wichern wie Gerstenmaier, einen christlichen Gesellschaftsorganismus (vergl. Gerstenmaier, 1953, 503ff. und 513) wollten, wo eine echte geschwisterliche Solidarität blüht und nicht eine „patriarchale Herablassung“ (vergl. Gerstenmaier, 1953, 506) beim Helfen und wo infolgedessen eine echte „Inkarnation“ des heilsgeschichtlichen Geschehens durch das tathaft Konkrete sich vollzieht. Aber die Geschichte verlief in Deutschland dann so, dass aus diesen Impulsen ein imponierender Wohlfahrtsverband herauskam, mit dem 1975/1976 gegründeten Diakonischen Werk. Deswegen ist nach Th. Strohm „Wichern III“ auf der Tagesordnung: „Es erscheint heute an der Zeit, eine neue Balance zwischen den sozialstaatlichen Expertenkulturen und den auf freiwilliger Initiative und gemeinsamer Verantwortung beruhenden ‚Kulturen des eigenen Lebens‘ (Ulrich Beck) herzustellen“ (Strohm, 1998/2003b, 172). Und hier kann man nach Strohm und K. Janssen an Gedanken Wicherns erinnern: „Wenn Wichern hoffte, christliche Assoziationen der Hilfsbedürftigen selbst für deren soziale (… R.M.) Zwecke zu veranlassen, so werden hier Selbsthilfepotentiale angesprochen, neue Zusammenschlüsse und Initiativen, die geeignet wären, das bestehende System zu transformieren“ (Strohm, 1998/2003b, 170 – mit Bezug auf Wichern 1849/1979, 248). „Der Schritt von der Selbsthilfe scheint ihm der Grenzstein zwischen der bisherigen und einer künftigen Epoche der christlich rettenden Liebesarbeit“ (Janssen, 1961/1978, 139f. – eben- 7. Die rettende Liebe (Wichern I; Wichern II; Wichern III; Wichern IV) 153 falls mit Bezug auf Wichern 1849/1979, 248)91. Im Kontext von Wichern III tauchte dann der Begriff der „freien Liebespflege“ auf (vergl. Benedict, 2007/2008, 107). Liebe ist ohne Anerkennungserfahrungen nicht möglich bzw. durch fehlende Anerkennungserfahrungen werden die Akteure verunfähigt ihren Liebesdienst zu erbringen – dafür steht Wichern IV. In kirchlichen Einrichtungen (z.B. Altenheime) wird zu- 91 Bezüglich der Aussage von Janssen sind bei Wichern schon die Aussagen zur Vereinsfrauentätigkeit bedeutsam (vergl. Wichern, 1849/1979, 244ff.): „In diesen Frauenvereinen, zu deren einzelnen an achtzig tätige Mitglieder gehören, liegt einer der Anfänge des wirksamen christlichen Sozialismus (…)“ (ders., S. 245). Weiter im Text bemerkt er noch ausführlich (mit Blick auf den Selbsthilfegedanken R.M.): „Diese Frauenverbindungen machen sich in diesem Geiste zu Aufgabe, den ihnen zukommenden Armen Arbeit zu bieten und zu verschaffen; sie alle sind zugleich christliche Gesellschaften zur freiwilligen, ungezwungenen Beschäftigung der Armen und wissen auch selbst da noch, wo fast alle Arbeitskraft verschwunden scheint, Stufen der Arbeit zu entdecken, wie sie nur die Erfindungsgabe der Liebe entdecken und vermitteln kann“ (ders., S. 246). Und daran anschließend kommt es zu einer kritischen Bemerkung an die Adresse der Männer: „ (…) aber auch die Forderung wird nicht bestritten werden, daß die deutsche Männerwelt darüber klarwerden soll, wie es sich hier nicht um gutmütige, sentimentale Philanthropie, die man dem schwachen Geschlecht oder einzelnen Philanthropen überlassen könne oder nebenbei mit zu beachten habe, handle, sondern vielmehr um die Lösung einer der größten Aufgaben unserer Tage“ (ders., S. 246f.). Darauf folgt dann der Textabschnitt, auf den sich Strohm wie Janssen beziehen – im Original liest er sich so: „Aber alle Verbrüderungen und Verschwisterungen dieser Art sind bis jetzt nur Verbindungen für Hilfsbedürftige; die Personen der unteren Klassen, die der Hilfe bedürfen, stehen jenen Verbindungen, die ihnen Dienst und Hilfe bringen, doch immerhin vereinzelt gegenüber. Ein neuer Schritt, der noch getan und verfolgt werden muß, ist: christliche Assoziationen der Hilfsbedürftigen selbst für deren soziale (… R.M.) Zwecke zu veranlassen. Begibt sich die innere Mission erst ernsthaft an die Verwirklichung dieser Aufgabe, so ist der Grenzstein aufgerichtet zwischen der bisherigen und einer künftigen Epoche der christlich rettenden Liebesarbeit (…)“ (ders., S. 248). Wichern ergänzt noch zu diesem Gedanken erläuternd: „Bei dem Versuche der Verwirklichung solcher Verbrüderungen (gemeint ist die Verbrüderung der Arbeiter zur Selbsthilfe R.M.) wird sich sehr bald ergeben, daß diese Selbsthilfe nur eine sehr mangelhafte, völlig ungenügende bleiben wird. Zur Erreichung des gewünschten Zieles wird es einer christlichen Assoziation der verschiedenen Arbeits- und Besitzstände, einer freien, neuen Einigung derer, die viel oder doch mehr, und derer, die wenig haben, bedürfen. Durch solche Verbindung und gegenseitige Handreichung würde auf der einen Seite der Geiz und die Furcht, auf der anderen der Neid und der Zorn ersterben, nachdem Christus auf beiden Seiten die alles einigende Gestalt der Liebe gewonnen hätte, die alles vermag“ (ders., S. 249 – alle Herv. i. Orig.). Diese Vision von Wichern findet sich in der Gegenwart vor allem in Tauschbörsen etwas realisiert. 7. Die rettende Liebe (Wichern I; Wichern II; Wichern III; Wichern IV) 154 weilen ein zu geringer Lohn gezahlt als bei vergleichbaren Arbeitsplätzen. Für Arbeitnehmer/-innen mit Familie sind dann ein Lohnunterschied von 200 Euro monatlich dann schon schmerzhaft. Hier wären gerechte Löhne, als Ausdruck von Wichern IV hilfreich. Und in der Sozialarbeit, im Zuge der neoliberalen Deregulierung haben die Professionellen immer weniger Zeit für einen achtsamen und wertschätzenden Umgang mit ihren Zielgruppen (vergl. Seithe/Wiesner-Rau, 2014). Auch hier hat der Ruf nach Wichern IV seine Relevanz, damit die Würde des Sozialarbeiters/der Sozialarbeiterin gewahrt bleibt und sie nicht zu Mittätern/-innen werden sondern echte Beziehungen zu den Bedürftigen resp. Klienten aufbauen können und nicht Druck aus- üben müssen. Bei all dem zu und von Wichern gesagten sollte man immer wieder ergänzen, wenn man Wicherns Grundanliegen gerecht werden will, dass die lebensweltliche Aneignung des Sozialen und der Solidarität, auch wenn sie sich unter den Bedingungen der Moderne vollziehen soll, dass dabei an die beeindruckende Haltung der Liebe, des Langmutes und der Güte von Wichern zu erinnern sei, wie er sie z.B. im „Rauhen Haus“92 in Hamburg praktisch verwirklichte, vorlebte und für die Qualifizierung der Mitarbeiter in Anschlag brachte. Dazu gehörte auch seine Bereitschaft, sich auf die Suche von „verlorenen Schafen“ zu machen (vergl. Vonhoff, 1977, 142; s.a. Janssen 1956/1979, 12ff.). Für Wichern ist die rettende Liebe, die in der christlichen Liebestätigkeit zum Ausdruck findet, „das Abbild der urbildlichen Liebe und Gemeinschaft (…), die in dem dreieinigen Gott selber als ewiges Leben lebt“ (Wichern, 1856)“93. Im Sinne von Wichern ergänzt Benedict hierzu. „Mehr noch als durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt durch die Liebe, ohne dass damit ein Problem der Werkge- 92 Uwe Birnstein weist in seiner Biografie von J.H. Wichern darauf hin, dass die Idee der Rettungshäuser von dem durch J. Daniel Falk errichteten „Lutherhof “, in Weimar, inspiriert wurde. Dabei beeindruckte das Erziehungskonzept, das ohne Gewalt auszukommen versuchte. Stattdessen wurden Liebe und Geduld zu den Hauptelementen der Falk’schen Pädagogik (vergl. Birnstein, 2007, 29f.). Weitere „Inspirationen“ für seine Rettungshäuser erhielt er von den „Franckeschen Stiftungen/Anstalten“ (Halle) sowie der „Kopfschen Erziehungsanstalt“ in Berlin (vergl. ders., 40 und 58). 93 Wichern, Gutachten über die Diakonie und den Diakonat (1856), S. 133 in: Diakonisches Kompendium 7. Die rettende Liebe (Wichern I; Wichern II; Wichern III; Wichern IV) 155 rechtigkeit auftritt“ (Benedict, 2008b, 74). Die „rettende Liebe“ im Sinne von Wichern ist ein kritischer Kommentar zu einer naiven Liebesreligiosität einerseits zu einer sterilen Liebestätigkeit andererseits. Birnstein schreibt zu dem „Rettungsaspekt“: „Für moderne Ohren klingt das pathetisch. Es stammt aus dem Wortschatz der Erweckungsbewegung mit ihrer Einteilung in Gut und Böse, christlich und heidnisch, Gott und Welt. Wer diesem Dualismus folgt, weiß sich zwei Aufgaben verpflichtet: Zum einen dafür zu sorgen, selbst auf der richtigen Seite zu stehen, zum anderen dem Missionsauftrag Jesu zu folgen und möglichst vielen Menschen zu ermöglichen, das Heil zu erlangen und sie somit vor der ewigen Verdammnis zu erretten. Hinter diese geistliche Bedeutung zurück tritt der ganz praktische Aspekt des Rettens. Menschen können das Heil nur erlangen, wenn sie von widrigen Umständen wie Armut, Elend, Kriminalität und Sittenlosigkeit befreit sind. Eine programmatische Weichenstellung, die eine Gleichsetzung mit einer völlig zweckfreien Barmherzigkeit verbietet. Der Grundgedanke des Rettens, wie es Wichern und andere Gründer von Rettungshäusern verstehen, entstammt nicht einem sozialen, sondern einem missionarischen Impuls.(Absatz herausgenommen R.M.) Wichern selbst übersetzt das Wort „retten“ mit „selig machen“, einem Begriff aus der Bergpredigt. Ihm schwebt(e) (R.M.) vor, Kinder in einem eigenen Haus mit familiärer Atmosphäre „selig“ zu machen, sie also dem Heil näher zu bringen“ (Birnstein, 2007, 57f.). Wichern qualifizierte die „rettende Liebe“ wie folgt: 1) Man sucht Elende, Hungernde, Nackte, Darbende auf und beginnt unter ihnen Werke der Barmherzigkeit zu errichten, schon bestehende zu fördern oder vereinzelte zu vermehren – der Knackpunkt hierbei ist, dass diese gesamten Betätigungen nicht mit einer heimlichen Gewinnlust und -sucht unterfüttert sind (vergl. zum Stichwort „Gehstruktur“ bei: July, 2008). 2) Mit der rettenden Liebe erbringt man in freier Liebe Opfer des Lebens , auch indem man „Barmherzigkeit in Opfern von Gut und Blut“ lebt. 3) Taten des „Aufhelfens“ haben einen zentralen Stellenwert, auch wenn das sehr mühsam und langwierig sein kann; dazu kann z.B. gehören jemanden liebend zum Üben zu ermuntern. Dabei macht Wichern deutlich, dass hierbei kein Subjekt-Objekt-Verhältnis bestehen sollte, das hier den Helfer und dort den Hilfsbedürftigen sieht. Es ging darum, dass sich keine Aufsehermentalität zeigen sollte, sondern man 7. Die rettende Liebe (Wichern I; Wichern II; Wichern III; Wichern IV) 156 sollte Mit-Arbeiter sein, also „mit dieser Jugend arbeiten, essen und spielen“ (Schreiner in: Krimm, 1953, 331). Trotz dieser Perspektive muss Benedict kritisch anmerken, dass die „rettende Liebe“ in der Praxis sich als Liebe zu Mängelwesen verstand und von daher von einer herabneigenden Barmherzigkeit zu den Armen begleitet wurde (vergl. Benedict, 2008b, 75). 4) Mit der rettenden Liebe ist auch ein Bewusstsein verbunden, den Einzelfall bei dem Tun zu würdigen und Generalisierungen bzw. generalisiertes Handeln zu vermeiden. Der Nachteil dieses Aspektes war, dass dadurch sich ein Focus auf Notlagen ausbilden kann, wo „sozialstrukturelle Probleme primär in personalisierter Form wahrgenommen werden“ (Benedict, 2008b, 75). 5) „Rettende Liebe“ ist, „wenn der Geist, die Kraft und der Ernst ungefärbter, uneigennütziger, sich aufopfernder und Gott vertrauender Liebe in dem Haus walten“ (vergl. Wichern, 1833/1979) – damit spricht er auch eine spirituelle Herausforderung für die Christen an, wenn er von der rettenden Liebe als dem alles durchdringenden Odem des belebenden Evangeliums spricht. Vermutlich sich darauf beziehend problematisiert Benedict: „So wie der Calvinist sich nicht sicher sein kann, ob er genug getan hat, um erwählt zu sein, so der protestantische Liebeschrist nicht, ob seine Liebestätigkeit ausreicht, um dem Reich der Liebe auf die Sprünge zu helfen und den Kampf mit den Mächten der Finsternis, dem Materialismus und dem Kommunismus, zu bestehen“ (ders., 2008b, 74). 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Von Volker Herrmann), Heidelberg 2003 DERS.: „Wichern drei“ – auf dem Weg zu einer neuen Kultur des Sozialen, S. 168-173 in: DERS., 2003 [1998] DERS.: Professionalisierung von Nächstenliebe – eine Anfrage an christliche Hilfsmotivation, S. 157-167 in: DERS., 2003 [2001] und S. 223-235 in HILLER/ KRESS (Hg.), 2001 VONHOFF, Heinz: „Geschichte der Barmherzigkeit“, S. 11-262 in: VONHOFF/ HOFMANN, 1977 DERS./HOFMANN, Hans-Joachim: Samariter der Menschheit. Christliche Barmherzigkeit in Geschichte und Gegenwart, München ca. 1977/1990 (??) WICHERN, Johann Hinrich (Hg. von Karl Janssen und Rudolf Sieverts): Ausgewählte Schriften (3 Bände), Gütersloh 1979 DERS.: Die öffentliche Begründung des Rauhen Hauses am 12. September 1833, S. 25-49 in: WICHERN (Ausgewählte Schriften – Band 2), 1833/1979 DERS.: Die innere Mission der deutschen evangelischen Kirche. 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References

Zusammenfassung

Von Dietrich Bonhoeffer stammt der Gedanke des „religionslosen Christentums“. Die Ausführungen dazu sind allerdings fragmentarisch. Deswegen unternimmt dieses Buch künstlerische, philosophische und theologische Tiefenbohrungen bei Persönlichkeiten, um Gedankengut freizulegen, das für die inhaltliche Anreicherung des Gedankens eines „religionslosen Christentums“ von Bedeutung sein kann. Folgende Persönlichkeiten werden in Einzelstudien analysiert: Enrique Dussel, Erich Fromm, Martin Luther King, Jan Koblasa, Jesus Christus, Jürgen Moltmann, Karl Rahner, Arthur Schopenhauer, Anthony Shaftesbury, Tzvetan Todorov und Johann Hinrich Wichern.