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Anhang II: Glossar in:

Jo Harper

Polens Streit um die Erinnerung, page 310 - 317

Essays zur Illiberalität

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4231-1, ISBN online: 978-3-8288-7184-7, https://doi.org/10.5771/9783828871847-310

Tectum, Baden-Baden
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Glossar Die Akteure Dmowski, Roman. Vater der polnischen Rechten und Gegenspieler von Piłsudski. Dmowski war der Überzeugung, dass sich Polen auf die Nation konzentrieren und die Grenzen soweit zurückziehen sollte, dass es nur noch die Kerngebiete umfasste. Diese Vision ließ keinen Platz für die zahlreichen Minderheiten in Polen-Litauen. Pate der Idee eines „Polens für die Polen“. Sowohl Dmowski als auch Piłsudski sind vielschichtiger, als es die Stereotype vermuten lassen, und ihre Überzeugungen sind stark vereinfacht. Kaczyński, Jarosław. Lebt für die Politik. Ein Meister der Taktik, dessen Modus Operandi darin besteht, Unfrieden zu säen und möglichst viele Konflikte zu erzeugen und von der daraus folgenden Verwirrung zu profitieren. Dies erlaubt es ihm, sich selbst als Verteidiger polnischer Werte zu profilieren. Wählt strategisch die Offensive, taktisch die Defensive. Die wahre Macht geht in Polen von ihm aus, nicht vom Präsidenten oder Ministerpräsidenten. Auch wenn er der Regierung nicht angehört, verhält er sich wie in der ehemaligen Volksrepublik üblich – die Partei steht über der Regierung und reduziert die Regierung auf eine Illusion. Eine graue Eminenz, die genau das nicht ist. Kaczyński, Lech. Der ältere der politischen Zwillingsbrüder. Früherer Bürgermeister von Warschau und Präsident, dessen Amtszeit durch den Flugzeugabsturz bei Smoleńsk ein jähes Ende fand. Teilnehmer der Gespräche am Runden Tisch, die heute von der PiS verteufelt werden. Nach seinem Tod tut die PiS alles, um ihm die Anerkennung zu verschaffen, die er in ihren Augen als großartigster polnischer Präsident aller Zeiten verdient. Anahng II: Anahng II: Glossar 310 Macierewicz, Antoni. Aktuell Verteidigungsminister und ehemaliges Mitglied des KOR. Davon besessen, zu beweisen, dass es sich bei dem Flugzeugabsturz von Smoleńsk um ein Mordkomplott Putins und Tusks handelt. Die liberalen Medien stürzen sich mit Vorliebe auf Macierewicz, da er ihrer Einschätzung nach der lenkende Geist hinter der Regierung ist. Michnik, Adam. Herausgeber der liberalen Zeitung Gazeta Wyborcza. Ehemals Mitglied des KOR und führendes Mitglied der Opposition. Einer der wichtigsten Fürsprecher eines liberalen Polens. Wird oft dafür angegriffen, dass er Themen wie politische Korrektheit, Geschlechterfragen und den Verfall des Patriotismus in Polen aufgreift. Piłsudski, Józef. Einer der Giganten der polnischen Politik in den Zwischenkriegsjahren. Ursprünglich sozialistischer Aktivist und Agent der Mittelmächte, erklärte im November 1918 die Wiedergeburt Polens und führte das Land dann gegen die bolschewistischen Eindringlinge an. Im August 1920 errang er einen erstaunlichen taktischen Sieg bei Warschau, Kritikern zufolge gab Polen seine Kriegsziele jedoch bei den anschließenden Verhandlungen von Brest-Litovsk 1921 wieder preis. Er zog sich aus der aktiven Politik zurück und wurde zur grauen Eminenz. Des politischen Chaos Mitte der Zwanziger müde, inszenierte er im Mai 1926 einen Staatsstreich und läutete damit die Sanacja- Ära ein (Obristenregime). Er selbst zog es jedoch vor, aus der Ferne zu regieren. Als Angehöriger des litauischen Adels verfolgte er eine Vision von Polen, die auf das Polen im 17. Jahrhundert zurückblickte, also einem wiederhergestellten Polen als Sonne, um die verschiedene kleinere osteuropäische Staaten kreisen. Tusk, Donald. Ehemaliger Ministerpräsident und Vorsitzender der PO-Regierung, der das sinkende PO-Schiff verließ, um einen Traumjob bei der EU anzutreten. Jarosław Kaczyński macht Tusk und seine achtjährige Amtszeit für viele der Probleme Polens verantwortlich. Tusk kannte keine Schonung für Konkurrenten innerhalb der eigenen Partei und steht für die dekadente Phase des polnischen Liberalismus Die Akteure 311 mit der damit einhergehenden Arroganz, Raffgier und Missachtung der Wählerschaft. Wałęsa, Lech. Das gestürzte Vorbild. Im Westen verkörpert er das Polen der 80er Jahre und steht für den erfolgreichen Versuch des Landes, sich von russischer Vorherrschaft zu befreien. Sein guter Ruf ist dahin, da er nach Ansicht seiner Kritiker als Bolek in den 70ern nicht nur seine Kollegen verraten und verkauft hat, sondern als Präsident in den 90ern eine Marionette der Sicherheitsdienste war, die sich während seiner Amtszeit die Taschen vollstopften. Es ist viel Dreck geworfen worden und viel davon ist hängengeblieben. Ziobro, Zbigniew. Justizminister. Der verlorene Sohn, der die PiS verließ, die Partei Solidarisches Polen gründete und nun zurückgekehrt ist, obgleich er weiterhin Vorsitzender dieser Kleinstpartei ist. Seine Haltung ist autoritär und weniger durch das Gesetz geleitet als durch sein eigenes Gerechtigkeitsempfinden. Ihm wurde die Aufgabe übertragen, den Augiasstall der Judikative auszumisten, die die PiS als letzte Bastion kommunistischer Privilegien betrachtet. Der Bock als Gärtner. Politik II RP (Druga Rzeczpospolita). Die Zweite Republik 1918–39. So genannt, weil die erste Republik die königliche Republik Polen-Litauen (1569-1795) war. III RP. Gegründet nach dem Ende der Volksrepublik Polen 1989. Die Verfassung stellt eine Beziehung zur Zweiten Republik her und behandelt die Volksrepublik damit als Fehlentwicklung. IV RP. Von den liberalen Medien verwendete abwertende Bezeichnung für das Polen, das die PiS erschaffen will. Endecja – Narodowa Democracja. Nationale Demokratie. Die rechtsgerichtete christlich-demokratische Partei der Vorkriegsjahre. Anahng II: Glossar 312 ONR (Obóz Norodowo-Radykalny). Nationalradikales Lager. Die Erben der Faschisten der Vorkriegsjahre (die sich eher an den italienischen Faschisten orientierten). Wurde 1934 verboten und 1993 wiederbelebt. Spielt bei den Wahlen keine Rolle, übt aber einen Einfluss aus, der weit über die Umfragewerte hinausgeht. Polen den Polen! PRL (Polska Rzeczpospolita Ludowa). Die Polnische Volksrepublik, 1946–92. Sanacja. Das Militärregime, das Polen zwischen 1926 und 1939 regierte. „Sanacja“ bedeutet Heilung, Reinigung oder moralische Erneuerung. Solidarność. Die Gewerkschaft der 1980er. Immer noch als Gewerkschaft aktiv, wird gegenwärtig jedoch mit der PiS gleichgesetzt und vertritt insbesondere die schlecht bezahlten und behandelten Mitarbeiter im öffentlichen Dienst. Trotz des Namens ließ Solidarność die Solidarität häufig vermissen – eher mit Verbänden des 17. Jahrhunderts zu vergleichen (halblegale Rebellion gegen königliche Exzesse), die sich zeitlich befristet zusammentun, um ein Ziel zu erreichen. Das Ringen um die politische Macht – auf jeden Fall auf das Verhältnis zwischen PO und PiS vor den Wahlen 2015 bezogen – lässt sich als interner Kampf zwischen ehemaligen Angehörigen der verschiedenen Ebenen von Solidarność erklären. Alte Generäle, die sich über vergangene Schlachten streiten und nicht in der Lage sind, zu einem Ende zu kommen, und die ihre jeweilige Geschichte immer neu verorten. Konzepte Verstoßene Soldaten. Der Name, der den Gruppen und Einzelpersonen gegeben wurde, die in den Jahren 1945-53 gegen das kommunistische Regime kämpften. Die neuen Helden des Moments. BMW (Bierny Mierny ale Wierny). „Passiv, mittelmäßig, aber loyal“. Angeblich der Wahlspruch, mit dem die Mächtigen der Volksrepublik Konzepte 313 Polen die Qualitäten beschrieben, die Untergebene aufweisen sollten. Noch immer in Gebrauch. Dobra zmiana. „Guter Wandel“. Von Jarosław Kaczyński geprägter Begriff, mit dem er die von ihm eingeführten Reformen beschreibt. Kritiker verwenden den Begriff ironisch. Folwark. „Das Gutshaus“. Die Vorstellung, dass Polen sich spirituell gesehen noch im 17. Jahrhundert befindet. Macht ist willkürlich und launenhaft, vor dem Herrn sind tiefe Bücklinge zu machen, während man Untergebene nach Gusto behandeln kann. Viele Betriebe in Polen basieren angeblich auf einem hierarchischen Modell von Macht und Entscheidungsfindung. Gruba kreska. „Dicker Schlussstrich“. Mit diesem Begriff wird die Entscheidung der Regierung von Tadeusz Mazowiecki während der 1990er beschrieben, auf eine strafrechtliche oder anderweitige Verfolgung der Verantwortlichen des kommunistischen Regimes im Stil der Nürnberger Prozesse zu verzichten und nach vorne zu blicken. KOD (Komitet Obrony Demokracji). Die soziale Bewegung, die nach dem Wahlsieg der PiS im Herbst 2015 ihren Anfang nahm und den Protest auf die Straße trug. Da die parlamentarische Opposition schwach und gespalten ist, bleibt das KOD eine nicht zu vernachlässigende Kraft. KOR (Komitet Obrony Robotników). Komitee zur Verteidigung der Arbeiter. In den späten 1970ern von Intellektuellen und Rechtsanwälten gegründet, um Arbeiter über ihre Rechte und Taktiken im Falle einer Verhaftung zu informieren. Ergänzte die von den Arbeitern geführte Solidarność mit viel intellektueller Schlagkraft. Moherowe berety. „Mohair-Baskenmützen“. Kleine alte Damen – religiös, konservativ, Außenstehenden gegenüber misstrauisch – die Radio Maryja hören und beim Kirchgang eine Baskenmütze aus Mohair tragen. Angepasste liberale Städter verwenden den Begriff, um ganz allge- Anahng II: Glossar 314 mein Rückständigkeit auszudrücken. Die Mohair-Baskenmützenträgerinnen selbst verwenden den Begriff mit Stolz. Polska A, Polska B. Polen A und Polen B. Bei den Wahlen von 2015 verwendete Begriffe, die die kulturelle und geografische Spaltung Polens beschreiben. Polen „A“ ist das Polen westlich der Weichsel, die großen Städte, das gebildete Bürgertum, das ehemalige preußische Polen. Polen „B“ ist das Polen östlich der Weichsel, das frühere russische Polen, das kulturell konservativer, strenggläubig und dem Westen gegenüber kritisch eingestellt ist. Die Wahlergebnisse spiegeln diese Teilung wider: Die PO erfährt besonders viel Unterstützung in Polen „A“, die PiS in Polen „B“. 2015 konnte die PO den Osten nicht gewinnen, stattdessen eroberte die PiS den Westen. Runder Tisch. Die in den späten 1980ern stattfindenden Verhandlungen zwischen Opposition, Regierung und kommunistischer Partei, um eine friedliche Lösung der polnischen Revolution zu erarbeiten. Zunächst wurde der Runde Tisch als Vorbild für andere postkommunistische Länder propagiert. Kritiker verhöhnen die Verhandlungen mittlerweile jedoch als abgekartetes Spiel zwischen Partei und Opposition; eine neue, vierte Teilung. Laut PiS wurde damals der Boden bereitet für persönliche Bereicherung und die Übergabe der Macht. Sarmatismus. Eine eigenständige kulturelle Bewegung des 17. Jahrhunderts. Polnische Adlige sahen sich selbst als Nachkommen der Sarmaten und nahmen nicht nur deren Umgangsformen und Kleidungsstil an, sondern auch ihre Haltung: einen unbändigen und eigensinnigen Stolz auf ihre Freiheiten und eine Mischung aus Minderwertigkeitsund Überlegenheitskomplex. Schocktherapie. Die von Professor Leszek Balcerowicz initiierte Wirtschaftspolitik der ungebremsten Privatisierung in den 1990ern. Verlierer waren die Arbeiter in den staatseigenen Fabriken und in der kollektivierten Landwirtschaft, die heute die „natürliche Wählerschaft“ der PiS stellen. Konzepte 315 TKM (Teraz, kurwa, My!). „Jetzt sind verdammt nochmal wir dran“. Das soll Präsident Kwaśniewski gesagt haben, als er 1993 an die Macht kam. Der Satz wird jetzt verwendet, um die Einstellung jeder neu an die Macht kommenden Regierung deutlich zu machen. „Wir haben jetzt das Sagen, die Mitarbeiter in der Politik, den Medien und im öffentlichen Dienst werden jetzt ausgetauscht“. Die PiS trat die Wahl mit dem Versprechen an, dem Nepotismus und Klüngel ein Ende zu machen, nur um dann genau dasselbe zu tun. Układ. Das System oder Netzwerk. Beschreibt die versteckten, aber realen Netzwerke von Macht und Einfluss und gegenseitiger Gefälligkeiten. Romantische und Postromantische Dichter und Dramatiker Gombrowicz, Witold (1904–1969). Ein Schriftsteller, dessen Arbeiten durch tiefe psychologische Analyse gekennzeichnet sind, durch einen Sinn für das Paradoxe und Absurde, eine anti-nationalistische Haltung und die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle, die die Klassenzugehörigkeit in der polnischen Gesellschaft und Kultur spielt. Autor von Ferdydurke und Trans-Atlantik. Mickiewicz, Adam (1798–1855). Dichter, Dramatiker, Essayist, Publizist, Übersetzer, Professor für slawische Literatur und politischer Aktivist. Er wird in Polen, Litauen und Weißrussland als Nationaldichter betrachtet. Zentrale Figur der polnischen Romantik, am besten bekannt für die dramatische Dichtung Dziady (Totenfeier) und das nationale Versepos Pan Tadeusz oder Der letzte Einritt in Litauen. Norwid, Cyprian Kamil (1821–1883). Dichter, Dramatiker und Maler, der der zweiten Generation der Romantiker angehört. Norwids eigenwilliger, nonkonformistischer Stil erhielt zu seinen Lebzeiten nicht die gebührende Anerkennung, erst im zwanzigsten Jahrhundert wurde sein Werk wiederentdeckt und wertgeschätzt. Anahng II: Glossar 316 Prus, Bolesław (1847–1912). Ein führender und prägender Vertreter der polnischen Literatur. Schriftsteller, Essayist und Publizist. In Die Puppe porträtiert er das Leben in Warschau unter russischer Herrschaft in den späten 1870ern und bildet ein lebendiges Panorama aus sozialen Konflikten, politischen Spannungen und persönlichem Leiden ab: die belagerte Aristokratie, die neuen Männer der Finanzwelt, Händler wie in den Romanen von Dickens und arme Stadtbewohner. Romantische und Postromantische Dichter und Dramatiker 317

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Zusammenfassung

Damit ein besseres Verständnis von geschichtswissenschaftlichen Zusammenhängen im öffentlichen Leben und in der aktuellen Politik Polens möglich wird, verschafft dieser Band mit Essays und Interviews sowohl dem informierten als auch dem nicht-spezialisierten Leser einen Überblick zur aktuellen polnischen Politik mit Einblicken in die jüngste Vergangenheit sowie in historische Zusammenhänge. Die Beiträge beleuchten Aspekte eines, anscheinend umfassenderen, Veränderungsprozesses, der seit der Finanzkrise 2008 in Europa und vor allem in den zentralen und östlichen Teilen des Kontinents stattfindet. Das Buch stellt einige komplexe wissenschaftliche Ideen für den Laien nachvollziehbar dar und bringt Wissenschaftlern die Vorteile von Echtzeit-Reportagen, empirischen und interdisziplinären Ansätzen nahe. Es ist ein Versuch, Antworten auf die Fragen zu finden, warum und wie die Prawo i Sprawiedliwość (PiS) wieder an die Macht kam und wie sie agiert, seit sie an der Macht ist.