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Neal Pease, Die Verteidiger des Glaubens in:

Jo Harper

Polens Streit um die Erinnerung, page 293 - 298

Essays zur Illiberalität

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4231-1, ISBN online: 978-3-8288-7184-7, https://doi.org/10.5771/9783828871847-293

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die Verteidiger des Glaubens Neal Pease Im Gespräch mit Jo Harper im Juni 2016 Neal Pease ist Professor für Geschichte an der University of Wisconsin- Milwaukee und Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift The Polish Review. In seinen Forschungen und Veröffentlichungen widmet er sich im Besonderen der Rolle der katholischen Kirche in der neueren Geschichte Polens. Sein Buch Rome’s Most Faithful Daughter: The Catholic Church and Independent Poland wurde in den Vereinigten Staaten als bestes Buch des Jahres in den Bereichen Polnische Studien und Geschichte des Katholizismus ausgezeichnet.11 Wie würden Sie die Rolle der katholischen Kirche im Polen des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts beschreiben? Auf diese Frage gibt es keine einfache und nicht nur eine Antwort. Zunächst einmal hängt die überwältigende Mehrheit der Polen weiterhin dem katholischen Glauben an und setzt damit eine Tradition fort, die in tausend Jahren nationaler Geschichte und Tradition verfestigt wurde. Zum anderen bleibt die Kirche in den Augen vieler Gläubiger Quelle und Wahrer der moralischen und patriotischen Werte und definiert und formuliert damit, was es heißt, wahrhaft polnisch zu sein. Drittens kann man sagen, dass die Kirche der natürliche, sichtbarste und effektivste Verteidiger polnischer Rechte, Kampfmoral und kultureller Identität im Kampf gegen eine Reihe nicht-katholischer Unterdrücker war – ob aus dem In- oder Ausland, ob Protestanten, Ortho- 1 1 Neal Pease, Rome’s most Faithful Daughter: The Catholic Church and Independent Poland, 1914–1939 (Athens: Ohio University Press, 2010) Im Gespräch mit Jo Harper im Juni 2016 293 doxe, Nazis oder Kommunisten – die sowohl die Polen als auch die katholische Kirche im Visier hatten. Und schließlich wird der Kirche zugutegehalten, dass sie konkret dazu beigetragen hat, das Land und die Menschen von Fremdherrschaft und Diktatur zu befreien, ganz unmittelbar und grundlegend im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft, der viel mit dem Einfluss eines polnischen Papstes zu tun hatte. Es ist gesagt worden, dass der große Einfluss der Kirche auf polnische Angelegenheiten und ihre unleugbaren Dienste für die Nation mit dem Preis einer privilegierten Position der Kirche im öffentlichen Leben bezahlt wird, der mit den Idealen von Toleranz und Pluralismus im Konflikt steht. Letzten Endes aber – und bei allem Respekt für Solidarność und die verschiedenen Elemente des patriotischen Widerstands in den Weltkriegen – kommt bei der Frage des Überlebens und des Wohls der polnischen Nation während der schwierigen Zeit des letzten Jahrhunderts keiner Institution eine grö- ßere Bedeutung zu als der katholischen Kirche. Was zeichnet diese Rolle besonders aus? Handelt es sich über die Jahre eher um eine Rolle im Hintergrund oder eine direktere, entscheidendere Rolle? Allgemein gesprochen besteht die katholische Kirche traditionell – zumindest in neuerer Zeit – auf dem Recht und der Pflicht der Kirche, sich über das öffentliche Leben zu äußern und darin eine Rolle zu spielen, als Erweiterung ihrer spirituellen Pflicht, jedoch vorzugsweise indirekt, in Form der Verteidigung christlicher Grundsätze, nicht indem sie offen Partei ergreift. Dessen ungeachtet neigt die polnische Kirche – oder Stimmen innerhalb der Kirche – zu weniger Zurückhaltung, wenn es um politische Fragen geht, hauptsächlich aufgrund der Intensität der jüngeren Geschichte des Landes und der Verantwortung, in der sich die Kirche in Bezug auf das Wohlergehen des Landes sieht. Insgesamt jedoch waren die Führungspersonen in der polnischen Kirche über die Jahre eher vorsichtig in ihren Äußerungen und ihrem Agieren in Bezug auf politische Fragen, häufig wegen des Gefühls, aufgrund feindseliger Herrscherriegen auf der Hut sein zu müssen. So machte die Kirche meist ihren Einfluss auf das öffentliche Leben in Polen nicht über offene Handlungen oder Äußerungen geltend, son- Die Verteidiger des Glaubens 294 dern einfach, indem sie sie selbst war, eine religiöse Institution, die für sich in Anspruch nimmt, die christlichen Werte von Moral und Ethik aufrechtzuerhalten und zumindest die nominelle Loyalität der großen Mehrheit der Bevölkerung einzufordern. Natürlich werden Fragen, die aus Warte der Kirche den Schutz des Glaubens und der Gläubigen betreffen, unweigerlich auch zu „politischen“ Fragen, so zum Beispiel wenn die Rechte der Katholiken und ihrer Kirche im Kontext des offiziellen Atheismus der Volksrepublik Polen eingefordert werden. Katholizismus und Kommunismus arrangierten sich in Polen nach 1956 recht gut miteinander. Manche erkennen sogar ein gegenseitiges Eigeninteresse, eine Art Duopol. Nach 1989 verlor die Kirche einen wichtigen Feind und verlor ein wenig die Orientierung, bevor sie in der PiS ein Sprachrohr fand. Ist das Ihrer Meinung nach eine zutreffende Einschätzung? Ich möchte die dieser Frage zugrundeliegende Annahme anzweifeln, zumindest insoweit, als sie eine behagliche oder kameradschaftliche Beziehung zwischen Kirche und Staat während der kommunistischen Jahre unterstellt. Auch wenn es größtenteils zutrifft, dass die Kirche und die PZPR nach der Hochphase des Stalinismus – wenn auch mit Schwierigkeiten – zu einem Auskommen fanden, einer Koexistenz und einem Modus Vivendi, der von beiden Seiten als notwendig betrachtet wurde, aber auch als unappetitlich. Die Kirche entwickelte – aus einem Pflichtgefühl der Nation gegenüber – die Gewohnheit, als Mittler zwischen Regierung und Opposition zu agieren, und die Opposition zur Zurückhaltung zu drängen, da sie mögliche Konflikte innerhalb der Zivilgesellschaft oder eine sowjetische Invasion fürchtete. Aber es bestand nie ein Zweifel, wo die wahren Sympathien der Kirche lagen. Die Aussage, dass die PiS zum neuen politischen Bannerträger der Kirche in Polen geworden ist, ist bis zu einem gewissen Grad zutreffend, vereinfacht die Sache jedoch zu sehr. Es gibt keinen einzelnen, einheitlichen „katholischen“ Standpunkt in politischen Dingen, insbesondere in einer Gesellschaft wie Polen, in der der katholische Glaube die Norm ist und die Parteigrenzen überschreitet. Man kann feststellen, dass die Anhängerschaft der PiS in vielerlei Hinsicht „katholischer“ ist, als die der Opposition, und dass eine erhebliche Zahl von Klerikern, Im Gespräch mit Jo Harper im Juni 2016 295 Hierarchen und katholischen Publizisten und Medienunternehmen die aktuelle Regierung unterstützen, aber dies ist keineswegs durch die Bank so. Auch auf der anderen Seite finden sich viele Laien und Kleriker. Was, wenn überhaupt, ist neu an der Beziehung zwischen Kirche und PiS? Erkennen Sie Züge früherer Beziehungen zwischen Politik und Kirche wieder? Die offensichtlichste Parallele ist in den Bemühungen der nationalistisch-rechten Gruppierungen, also den Vertretern von Roman Dmowskis National-Demokratischer Partei zu finden, sich in den Zwischenkriegsjahren der damaligen unabhängigen Zweiten Polnischen Republik als „katholische“ Partei zu etablieren, in Opposition zu ihren Rivalen, die als der Kirche und ihren Interessen weniger zugeneigt empfunden wurden. Damals wie heute widerstand die Führungsriege der polnischen Kirche jedoch größtenteils der Einladung, mit der Rechten ein offenes Bündnis einzugehen, trotz der nicht unerheblichen Unterstützung, die diese bei vielen katholischen Klerikern und Laien fand. Die von der PiS jetzt gemachten Versprechen und die Versprechen der katholischen Nationalisten der Zwischenkriegsjahre, die Kirche in Ehren zu halten und ihre Werte in nationalen Gesetzen und Sitten zu verankern, ähneln sich in breiten Zügen, sind jedoch nicht identisch. Was mir an der jetzigen Situation gänzlich neu zu sein scheint, und was polnische Katholiken dazu bewegt, die Partei zu unterstützen, ist die weitverbreitete Besorgnis und die Skepsis bezüglich des Grundtenors der Kultur und der Richtung, die Europa einschlägt. Sie wird von vielen Polen als aggressiv weltlich und lokalen Traditionen gegenüber feindselig oder abschätzig eingestellt gesehen. Diese Abneigung ist oft durchsetzt von einer populistischen Kleingeistigkeit, aber sie spiegelt die Bedenken wider, die auch in geschliffenerer, gemäßigterer Sprache von den Führungspersönlichkeiten der Kirche weltweit geäußert werden. In dem Maße, in dem es der PiS gelingt, die politischen Wahlmöglichkeiten in Polen so darzustellen, dass sie die patriotischen und katholischen Traditionen des Landes aufrechterhalten, man sich aber nicht darauf verlassen kann, dass ihre europafreundlichen Gegner das- Die Verteidiger des Glaubens 296 selbe tun, fällt es ihnen bedeutend leichter, beim religiös orientierten Teil der Wählerschaft ein offenes Ohr zu finden. Sinkt der Einfluss der Kirche auf das öffentliche Leben oder ändert er sich Ihrer Meinung nach? Ja und Nein. In gewisser Weise ist das, was wir im letzten Vierteljahrhundert seit dem Fall des Kommunismus in Polen beobachten konnten, die Manifestation und Bestätigung einer Wahrheit der Kirchengeschichte, dass die christlichen Kirchen dazu neigen, sich im Angesicht der Verfolgung von ihrer besten Seite zu zeigen, und von ihrer weniger attraktiven, sobald sie offizielle Unterstützung genießen. Die katholische Kirche gewann durch ihre Aktivitäten während des Zweiten Weltkriegs und der darauf folgenden kommunistischen Ära nahezu universelle Anerkennung als wahre Vertreterin und moralische Stimme der polnischen Nation. Sobald die Freiheit gewonnen war, verlegte sie ihren Schwerpunkt – zumindest wird das so gesehen – auf die vorhersehbare aber deutlich weniger inspirierenden Aufgabe, ihre institutionellen Interessen zu festigen und ihren in ihren Augen rechtmäßigen Platz in den Gesetzen und im Diskurs des Landes wiederherzustellen. Für andere sah es aus, als würde einer pluralistischen Gesellschaft auf plumpe Art eine eng interpretierte Frömmigkeit aufgezwungen. So wurde die Kirche eher zu einer Quelle der politischen Spaltung und des Disputs im Lande und weniger zu einer einigenden Kraft. In mancherlei Hinsicht ist der Einfluss der Kirche auf das öffentliche Leben etwas zurückgegangen, aber verglichen mit dem Rest der Welt ist ihre Präsenz im Land noch immer außergewöhnlich groß. Polen bleibt eines der zutiefst religiösen Länder der westlichen Welt: Fast 90 Prozent der Polen bezeichnen sich selbst als Katholiken, eine Mehrheit betrachtet sich als praktizierende Katholiken, etwa die Hälfte geht regelmäßig zum Gottesdienst. Wenn diese Zahlen darauf hinweisen, dass die Frömmigkeit in Polen schwindet, ist es eine schwindende Frömmigkeit, über die die Kirche in anderen Ländern glücklich wäre. Im Gespräch mit Jo Harper im Juni 2016 297

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Zusammenfassung

Damit ein besseres Verständnis von geschichtswissenschaftlichen Zusammenhängen im öffentlichen Leben und in der aktuellen Politik Polens möglich wird, verschafft dieser Band mit Essays und Interviews sowohl dem informierten als auch dem nicht-spezialisierten Leser einen Überblick zur aktuellen polnischen Politik mit Einblicken in die jüngste Vergangenheit sowie in historische Zusammenhänge. Die Beiträge beleuchten Aspekte eines, anscheinend umfassenderen, Veränderungsprozesses, der seit der Finanzkrise 2008 in Europa und vor allem in den zentralen und östlichen Teilen des Kontinents stattfindet. Das Buch stellt einige komplexe wissenschaftliche Ideen für den Laien nachvollziehbar dar und bringt Wissenschaftlern die Vorteile von Echtzeit-Reportagen, empirischen und interdisziplinären Ansätzen nahe. Es ist ein Versuch, Antworten auf die Fragen zu finden, warum und wie die Prawo i Sprawiedliwość (PiS) wieder an die Macht kam und wie sie agiert, seit sie an der Macht ist.