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Mikołaj Kunicki, Nichts ist so beständig wie Veränderung in:

Jo Harper

Polens Streit um die Erinnerung, page 281 - 284

Essays zur Illiberalität

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4231-1, ISBN online: 978-3-8288-7184-7, https://doi.org/10.5771/9783828871847-281

Tectum, Baden-Baden
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Nichts ist so beständig wie Veränderung Mikołaj Kunicki Im Gespräch mit Jo Harper Dr. Kunicki, von 2013 bis 2016 Direktor des Forschungsprogramms Modernes Polen (POMP) am St Antony’s College, Oxford, ist fasziniert vom Verhältnis zwischen Nationalismus, Kommunismus, Autoritarismus und Religion im Polen des zwanzigsten Jahrhunderts. „Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat sind im kommunistischen Polen von Ambivalenz geprägt. Sie pendeln zwischen gegenseitiger Konfrontation, Zugeständnissen und Dialog und verharren nicht in einem Zustand ständigen Kampfes. Entgegen vieler Annahmen wurde das Band zwischen Religion und Nation in Polen immer stärker“, sagt Kunicki. Besonders gut verdeutlicht dies die Karriere von Bolesław Piasecki, einem nationalistischen polnischen Politiker, der seinen Weg vor dem Krieg als Faschist antrat und als pro-kommunistischer Aktivist beendete. In seinen Arbeiten beleuchtet Kunicki die frühen Beziehungen von Piasecki zur extremen Rechten, zunächst zum Großpolnischen Lager von Roman Dmowski und später zu einer Gruppe mit dem Namen Nationalradikales Lager (Oboz Narodowo-Radykalny). Piaseckis Nationalradikale Bewegung spaltete sich 1934 unter Führung von Piasecki vom Nationalradikalen Lager ab. Unter den polnischen Organisationen der extremen Rechten in den Zwischenkriegsjahren, die in der Regel als ONR-Falanga bezeichnet wird, ist diese Gruppe vermutlich die bekannteste. Piaseckis Leben umspannt die Zeit ab Beginn des von Timothy Snyder so genannten „30-jährigen Krieges“ im Jahr 1914 bis zur Salbung des polnischen Papstes 1978. Seine Geschichte erzählt die turbu- Im Gespräch mit Jo Harper 281 lente und komplexe Geschichte der Beziehung Polens zur Moderne, zu hungrigen Nachbarn, den konkurrierenden Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts und der mörderischen Unersättlichkeit beider Lager. „Westler können Piasecki nur schwer verstehen“, sagt Kunicki. „Seine Überzeugung war quasi faschistisch, doch gleichzeitig war er überzeugter Nazi-Gegner.“ Während des Krieges kämpfte Piasecki im polnischen Untergrund und führte die Gruppe Konfederacja Narodu (die 1943 mit der Armia Krajowa oder Heimatarmee verschmolz) an. Dabei nahm er auch an Kämpfen um das damals in Polen gelegene Vilnius, der jetzigen Hauptstadt Litauens, teil. Nach dem Krieg wurde er vom sowjetischen NKWD verhaftet und begann nach einem grandiosen – oft als zynisch bezeichneten – Sinneswandel, mit der kommunistischen Regierung in Polen zu kooperieren. Nach Ende des Krieges gründete Piasecki 1945 gemeinsam mit anderen die sich um die Zeitung „Dziś i Jutro“ („Heute und Morgen“) sammelnde sogenannte gesellschaftlich fortschrittliche Bewegung weltlicher Katholiken, die er auch leitete. 1947 gründete er die Vereinigung PAX, deren Vorsitzender er bis zu seinem Tod blieb. Nach 1956 verlor PAX an Bedeutung, obwohl es bis 1989 eine wichtige Vereinigung blieb und noch heute Nachfolgerorganisationen existieren. „Viele polnische Rechte vertreten noch immer die Ansichten dieser Vereinigung, häufig ohne sich dessen bewusst zu sein,“ sagt Kunicki mit einem Lächeln. Der Diskurs besteht darin, alles zu erklären und den Menschen von Grund auf zu ändern, mit rechtschaffener Empörung und Verachtung für Pluralismus, Unklarheit und Unvollständigkeit. „Die faschistische Mentalität, vielleicht auch die faschistische Persönlichkeit, wird in einem kommunistischen System immer eine Heimat finden, und das katholische Element, der quasi-religiöse Teil der kommunistischen Ideologie, sagte Piasecki zu“, stellt Kunicki fest. Weit verbreiteter Ansicht nach war Piasecki ein politisches Chamäleon und der Bösewicht der polnischen Politik. Für einige antikommunistische Dissidenten der 70er war Piasecki ein Faschist, der zum sowjetischen Agenten mutiert war. „Doch in Wahrheit war er in seinen Überzeugungen sein Leben lang bemerkenswert konsistent. Sein taktischer Pragmatismus täuschte über die Beständigkeit seiner strategischen und moralischen Überzeu- Nichts ist so beständig wie Veränderung 282 gungen hinweg. In vielerlei Hinsicht gleicht sein Weg dem Weg Polens, das versuchen musste, in der realen Welt, einer von Hitler und Stalin dominierten Welt, einen Rest von eigener Identität zu bewahren und weiter zu existieren“, argumentiert Kunicki. „Piasecki war ein Mittler zwischen den braunen und roten Strömungen des Totalitarismus, der geistige Vater jener polnischen Kommunisten und Nicht-Kommunisten, die ein System forderten, das der Form nach kommunistisch, dem Inhalt nach aber nationalistisch ist“, sagt Kunicki. „In dem Bestreben, ihre Herrschaft zu legitimieren, griffen sie immer stärker auf den nationalistischen Kanon zurück. Ein Ergebnis dieses Prozesses war die „Polonisierung“ oder „Nationalisierung“ der kommunistischen Partei, die in der antisemitischen Kampagne der Jahre 1967-68 gipfelte, in der Piasecki eine wichtige Rolle spielte. Vor dem Krieg hatte Piasecki sich Polen als proto-totalitären Staat, integriert auf Grundlage von Volkszugehörigkeit, Katholizismus und Massenorganisation, ausgemalt. Eckpfeiler seiner Doktrin waren die Vorstellung von Gott als höchster Bestimmung des Menschen und dem Streben nach einer Steigerung der Macht der Nation als Pfad zu Gott. Nach dieser Formel hing die religiöse Erlösung von der Teilnahme an der nationalistischen Gemeinschaft ab. Die Vertreibung der Juden betrachtete Piasecki als notwendige Voraussetzung für die Modernisierung des Landes. „Links und Rechts sind im modernen Polen und Osteuropa jedoch schwer zu fassende Begriffe, wie Piaseckis Programm wunderbar deutlich macht“, so Kunicki. „Die Ideologie, der er vor dem Krieg anhing, umfasste ideologische Zutaten der Rechten, wie Fremdenhass, eine Überhöhung einer ethnisch homogenen Gemeinschaft, religiösen Fundamentalismus und eine paramilitärische Bewegung, angeführt von einem charismatischen Anführer. Auf der anderen Seite teilte er den Antikapitalismus der extremen Linken – der sich hier auch mit einer Ablehnung des Westens überlappte – deren Glorifizierung des zentralistischen Staates, die Kultivierung kollektiver Identitäten und den historischen Determinismus. Wichtiger noch, sowohl Piasecki als auch die Kommunisten sahen ihre Mission darin, eine neue Gesellschaft zu schaffen.“ Im Gespräch mit Jo Harper 283 Wo Piasecki heute eine politische Heimat fände, ist nicht klar, aber die Vision von Piasecki findet weiterhin ein Echo sowohl in Polen als auch außerhalb, legt Kunicki nahe. Nichts ist so beständig wie Veränderung 284

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Zusammenfassung

Damit ein besseres Verständnis von geschichtswissenschaftlichen Zusammenhängen im öffentlichen Leben und in der aktuellen Politik Polens möglich wird, verschafft dieser Band mit Essays und Interviews sowohl dem informierten als auch dem nicht-spezialisierten Leser einen Überblick zur aktuellen polnischen Politik mit Einblicken in die jüngste Vergangenheit sowie in historische Zusammenhänge. Die Beiträge beleuchten Aspekte eines, anscheinend umfassenderen, Veränderungsprozesses, der seit der Finanzkrise 2008 in Europa und vor allem in den zentralen und östlichen Teilen des Kontinents stattfindet. Das Buch stellt einige komplexe wissenschaftliche Ideen für den Laien nachvollziehbar dar und bringt Wissenschaftlern die Vorteile von Echtzeit-Reportagen, empirischen und interdisziplinären Ansätzen nahe. Es ist ein Versuch, Antworten auf die Fragen zu finden, warum und wie die Prawo i Sprawiedliwość (PiS) wieder an die Macht kam und wie sie agiert, seit sie an der Macht ist.