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Neal Ascherson, 966 und die Folgen in:

Jo Harper

Polens Streit um die Erinnerung, page 270 - 280

Essays zur Illiberalität

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4231-1, ISBN online: 978-3-8288-7184-7, https://doi.org/10.5771/9783828871847-270

Tectum, Baden-Baden
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966 und die Folgen Neal Ascherson Im Gespräch mit Jan Darasz im April 2016 Es heißt, man solle nie seine Helden kennenlernen – was für ein Blödsinn! In Büchern wie Schwarzes Meer, The King Incorporated und Struggles for Poland, sowie in seinen Berichten über die Entkolonialisierung Afrikas und Europas verbindet Neal Ascherson die notwendigen Fakten mit dem Einfühlungsvermögen des Berichterstatters und gibt ausreichend Raum, sich über die Bedeutung der Geschichte und den Lauf der Zeit Gedanken zu machen: die allem menschlichen Leben innewohnende Tragik. Wir treffen uns in der Lobby des Bristol Hotel, in dem er bereits in den 1950ern als Student nächtigte und wo er 2016 als Gastredner beim jährlichen Dinner der Oxford and Cambridge Society of Poland sprach. Wir unterhalten uns zunächst über die gegenwärtige Pattsituation in der polnischen Politik. Die Kluft zwischen den beiden Optionen scheint immer breiter zu werden. Gibt es Möglichkeiten für einen Kompromiss? In Ihrem Artikel im Guardian11 schreiben Sie, dass in der polnischen Politik die Einstellung vorherrsche, dass dem Sieger die Beute zustehe. NA: Es sieht aus, als würde sich der Graben vertiefen und als sei keine Seite bereit, nachzugeben. Beide scheinen in gewisser Weise an Selbstvertrauen zu gewinnen. Ich denke, die neuesten Berichte über das sogenannte Komitee zur Verteidigung der Demokratie – wenn sie denn 1 1 Neal Ascherson, „The Assault on Democracy in Poland is Dangerous for the Poles and All Europe“, The Guardian, 17. Januar 2016 966 und die Folgen 270 wahr sind – legen nahe, dass diese Kampagne in der Tat eine wachsende Unterstützung durch die Bevölkerung erfährt, selbst durch einige derer, die während der letzten Wahlen für diese Regierung, die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), gestimmt haben. Sie sind also zuversichtlich, dass sie in der Lage sind, eine geeinte Opposition herzustellen. Die Regierung, die Regierungspartei, lässt sich offensichtlich nicht durch die Kritik von der EU entmutigen. Sie haben möglicherweise, nein, sicher weiterführende Pläne was das Auswechseln des Personals in verstaatlichten Industrien, an verschiedenen Positionen in den Behörden und der Justiz betrifft, und es gibt keine Anzeichen, dass sie dort nachgeben werden. Beide Seiten scheinen also an Selbstvertrauen zu gewinnen und bislang sieht es nicht so aus, als würde eine Seite einen Rückzieher machen. Kritiker der Partei Recht und Gerechtigkeit hört man von einem Staatsstreich im Stil von Piłsudski reden, bei dem im Mai 1926 zwar nicht die Armee auf den Straßen patrouillierte, aber der Verfassungsgerichtshof abgeschafft wurde. (Im Mai 1926 führte Marschall Jozef Piłsudski, der Polen 1920 siegreich gegen die Bolschewiken befehligt hatte, einen Staatsstreich an und errichtete eine Militärdiktatur, die sogenannte Sanacja oder „Heilung“, ein Regime, das bis zum September 1939 an der Macht blieb.) NA: Jeder Versuch, einen konstitutionellen Staatsstreich oder auch einen nicht konstitutionellen Staatsstreich durchzuführen, würde in die Katastrophe führen, da sich echter Widerstand formieren würde, ernsthafter physischer Widerstand, meiner Überzeugung nach. Man muss auch sagen, dass Piłsudski so vorgehen konnte, weil er die Streitkräfte hinter sich hatte, nicht die gesamte Armee aber doch Teile davon, was es ihm ermöglichte, seinen Willen durchzusetzen. Das ist hier wirklich nicht der Fall. Das Letzte, was das Militär, die Streitkräfte und das Verteidigungsministerium wollen, ist in einen ausgewachsenen politischen Konflikt verwickelt zu werden ... den Beginn einer ernsthaften Auseinandersetzung darüber, ob auf Provinzebene neue, milizähnliche Truppen eingeführt werden sollen, offenbar in Antwort auf Demonstrationen gegen die Regierung. Das wirkt wie eine unglaublich gefährliche Idee und ich habe den Eindruck, dass einige derer, die für Im Gespräch mit Jan Darasz im April 2016 271 diese Entwicklung zuständig sein sollen, deutlich zum Ausdruck gebracht haben, dass sie niemals Soldaten der polnischen Armee oder dieser neuen Einsatzkräfte den Befehl erteilen werden, auf Zivilisten zu schießen, niemals. Wenn das wahr ist, dann schwächt das diese Truppen natürlich etwas, aber wir wissen es nicht. Ich glaube es nicht, aber man kann sich nie sicher sein, was geschehen wird. Wenn tatsächlich konstitutionelle Veränderungen stattfinden, dürften sie schrittweise erfolgen, so dass es keinen Moment der Machtübernahme gibt. Die Parallelen zwischen Kaczyński und Piłsudski sind auf jeden Fall unbestreitbar. Strippenzieher im Hintergrund... NA: Beide agieren im Hintergrund, halten sich aus der direkten Regierungs- oder Parlamentsarbeit oder den Ministerien usw. heraus und ziehen von außerhalb der politischen Prozesse die Fäden – ein sehr ungesundes Vorgehen. De Gaulle tat seinerzeit mit einigem Erfolg das gleiche. Piłsudski war damit bis zu einem gewissen Punkt sehr erfolgreich, letztendlich endete es jedoch in diesem Staatsstreich von 1926. Ich denke nicht, dass das passieren wird. Ich denke, stattdessen werden sie möglicherweise Schritt für Schritt versuchen, eine Verfassung einzuführen, die mehr und mehr einer Präsidialverfassung gleicht und in der die Macht und die Rolle der Opposition drastisch eingeschränkt werden. Ich nehme an, es ist möglich, dass sie sich in den Wahlausschuss usw. einmischen. Das ist ein bekannter Vorgang, aber er ist in Bananenrepubliken bekannt, nicht in einem fortschrittlichen großen europäischen Staat mit einer großartigen Geschichte! Mich hat schockiert, wie schnell die PiS agiert hat, als sie an die Macht kam, und an wie vielen Fronten sie Konflikte und Kriege losgetreten hat. Sehen Sie das auch so und steckt System dahinter oder ist es nur Chaos und Irrsinn? NA: Nun, ein bisschen irrsinnig ist es schon. Auf der anderen Seite sieht es so aus, als hätten sich verschiedene Leute hingesetzt und gedacht „wenn wir gewinnen, wenn wir an die Macht kommen, wenn wir die absolute Mehrheit im Sejm haben und so weiter, was machen wir 966 und die Folgen 272 damit, was für ein Programm entwickeln wir, und wenn dieses Programm darauf ausgerichtet ist, die Machtstrukturen in Polen ernsthaft zu verändern, dann sollten wir das vermutlich schnell umsetzen“ … Jedenfalls bevor die andere Seite – diejenige, die die PiS als ihre Feinde oder die Feinde Polens betrachtet – eine Chance hat, zu reagieren, ihre Positionen zu festigen. Also müssen wir schnell handeln. Ich nehme an, dass das ihre Überlegungen waren, aber ich weiß es natürlich nicht. Ist es eine Strategie der Einschüchterung, die sie in Anbetracht ihrer Parlamentsmehrheit vielleicht gar nicht benötigen? NA: Ich glaube, von ihrem Standpunkt aus betrachtet brauchen sie das, weil viele glauben, was sie sagen, nämlich dass eine gefährliche Clique von Polen und seiner Regierung und den Staatsorganen Besitz ergriffen hat und dass diese Leute entfernt werden müssen. Das Führungspersonal in Wirtschaft, Justiz und allen anderen Bereichen muss ihrer Ansicht nach ausgewechselt werden und das kann nicht geschehen, indem man ganz zivilisiert abwartet, bis die Leute in Rente gehen, wie man es sonst machen würde. Es ist eine Säuberung erforderlich. Ist die PiS also eine revolutionäre Partei? NA: Ich denke, so sehen sie sich selbst. Wenn Sie so wollen, ist es in gewisser Weise eine konservative Revolution. Sie haben das Gefühl, dass Polen seit 1989 von einem repressiven Regime regiert wurde. Dieses Regime weist eine gewisse Kontinuität mit der kommunistischen Vergangenheit auf und hat nichts mit einem authentischen Polen zu tun. Ein authentisches Polen kann erst erreicht werden, wenn die Macht dieser Clique gebrochen ist und dazu müssen möglichst alle, die sie als dieser Clique zugehörig ausgemacht haben, aus den Institutionen des Staates und der Gesellschaft entfernt werden. Für mich weist ihre Art zu reden und zu schreiben auf eine voll ausgebildete paranoide Sichtweise hin, in der sich Polen unter einer Art Fremdherrschaft befindet, von der sie Polen säubern müssen, um es mit etwas zu ersetzen, das in ihren Augen authentisch polnisch ist. Im Gespräch mit Jan Darasz im April 2016 273 Die Theorie des Ausverkaufs ist ziemlich populär, nicht wahr? Das neue Polen, die Geburtswehen – alles Lügen. Und zum Schluss wird das Volk wie in Farm der Tiere Zeuge eines nahtlosen Übergangs und steht drau- ßen vor der Tür. Ist es möglich, die Ereignisse in Polen so zu interpretieren oder zu erklären? NA: Das Beispiel aus Farm der Tiere ist sehr gut, es passt. 1980-81 war ich hier und 1989 verfolgte ich den Zusammenbruch des kommunistischen Regimes. Die Vorstellung, dass all das ein völliger Schwindel war, eine sonderbare Inszenierung des Kremls und anderer fremder, von außen kommender Akteure mit anderen ethnischen Zugehörigkeiten erscheint mir absolut unglaublich. Was damals geschah war echt! Vielleicht wurden am Runden Tisch zu viele Kompromisse gemacht, das ist denkbar. Aber das ist es nicht, was jetzt behauptet wird. Ich erinnere mich nicht nur an den Runden Tisch, sondern auch an die Gespräche 1980, als die Regierung eine Delegation nach Gdańsk schickte, um mit den Streikenden und Wałęsa und seinen Unterstützern zu verhandeln. Wenn man sich seine Berater anschaut und die Mitglieder der Regierungsdelegation, dann hatten sie viele Gemeinsamkeiten. Sie hatten eigentlich denselben Hintergrund, die eine Seite kannte die andere gut, manchmal sogar persönlich, und die Tatsache, dass die eine Gruppe die andere verfolgt hat, ist wirklich nicht so wichtig wie die Tatsache, dass sie vielleicht nicht unbedingt denselben politischen, aber denselben sozialen und intellektuellen Hintergrund hatten. Ein Hintergrund, der von der großen Masse der arbeitenden Bevölkerung in Polen, ob auf dem Land oder in den Fabriken, nicht geteilt wird. Da ist also was dran, aber es hat keine große Bedeutung. Der Umstand, dass sie denselben Hintergrund teilen, heißt nicht, dass sie dem alten kommunistischen Regime einfach ein neues Kleid verpasst haben. Weit gefehlt. Piotr Semka hat gesagt, dass der Runde Tisch der Moment war, in dem die Solidarność der Arbeiterklasse von den Intellektuellen verraten oder gekidnappt wurde. Einer Gruppe, die, wie Sie bereits haben anklingen lassen, sehr viel mit ihrem Gegenüber, ihren Verhandlungspartnern, gemeinsam hatte, mehr als mit den Menschen, die sie repräsentierte. All diese Kompromisse, die ehemaligen Apparatchiks, die in den Finanzmi- 966 und die Folgen 274 nisterien usw. unterkamen, war das ein Preis, den man für diese friedliche, sehr friedliche Revolution zahlen musste? NA: Ja, das war auf jeden Fall damals die Vorstellung. Niemand war damals sicher, wie die Sowjetunion, die ja noch existierte, reagieren würde. Daher wollte man vorsichtig vorgehen, Stück für Stück, Schritt für Schritt. Ich denke es stimmt, dass es eine Kluft gibt, schon seit langem, vielleicht seit Generationen, zwischen den Menschen mit höherer Bildung, den Eliten in den verschiedenen Bereichen, die sehr urban sind, und zum Beispiel den Menschen auf dem Land. Polen ist da Deutschland sehr ähnlich, wo die Intellektuellen eine ganz andere Kultur haben als die Menschen, die sie, oft fälschlicherweise, als ignorant, rückständig, reaktionär und abergläubisch sehen. Das war sicherlich schon immer die Haltung vieler deutscher Intellektueller und hier kann man dasselbe Muster beobachten. Heute sah ich einen Mann, der ein T-Shirt mit einem Slogan trug, der in etwa lautete „Ihr Linken, lasst eure Pfoten von unserem Land“. Ich musste an den hypersensiblen Intellektuellen denken, der sich über den gläubigen, hingebungsvollen, familienorientierten Konservativen aus der Kleinstadt lustig macht. Aber es funktioniert auch andersrum, die Abneigung gegen den Städter, oder nicht? NA: Ja, es geht auch andersrum. Für mich liegen die Wurzeln des Problems darin, dass die Linken das Land nicht in ihre Pfoten bekamen. Lassen Sie es mich so sagen: Der Zusammenbruch des Systems 1989 war ein immens traumatisches Ereignis, das von der neuen polnischen Regierung im Stil der Schlacht von Somosierra bewältigt wurde. Anstatt den wirtschaftlichen Wandel langsam, vorsichtig in Angriff zu nehmen, gingen sie die Sache an, als würden sie sich in einem Fass die Niagara-Fälle hinunterstürzen. Wir sind abgeschweift zu einem umfassenderen Thema. Die polnische Geschichte verläuft nicht in einer geraden oder zusammenhängenden Linie, sie schlingert und torkelt eher, häufig sehr heftig. Das ist eines der Leitmotive in Ihrem Buch Struggles for Poland. Die Geschichtstheorie Im Gespräch mit Jan Darasz im April 2016 275 der Whigs oder Liberalen, die Geschichte als eine gerade verlaufende Linie in eine bessere Zukunft betrachten, ist hier ein Luxus. NA: Es geht nicht so sehr um Liberalismus oder Whiggismus, sondern um Sozialdemokratie. In dem Moment, in dem eine wie auch immer geartete sozialdemokratische Regierung notwendig wurde, eine Regierung, die sagte „wir geben Schutz. Wir wissen, dass dieser Wechsel neben einigen Gewinnern auch eine Menge Verlierer erzeugen wird, aber es ist unsere Pflicht, zu versuchen, die Gesellschaft zusammenzuhalten, und das heißt, die Interessen der Menschen an erste Stelle zu stellen, deren Leben auf den Kopf gestellt wird, die ihre Arbeit verlieren werden, deren Karrieren sich in Luft auflösen werden. Das sind die Leute, um die wir uns kümmern müssen, deren Interessen wir schützen müssen.“ Diejenigen, die Geld machen und reich und wohlhabend werden, eben die normale städtische Mittelschicht, können vermutlich für sich selbst sorgen, während die Wirtschaft langsam privatisiert wird. Aber was ist mit den anderen? Genau in dem Moment, in dem so ein enormer Bedarf an einer sozialdemokratischen, in kleinen Schritten vorgehenden Partei bestand, die sich kümmert, so wie ehemals die Sozialdemokratische Partei in Deutschland, genau in dem Moment verschwanden sie. Die Parteien der Linken in Polen, die neu formierten kommunistischen Parteien und was auch immer, verschrieben sich dem Neoliberalismus. Das erzeugte zu einem äußerst kritischen Zeitpunkt ein immenses politisches Vakuum. Da überrascht es nicht, dass schließlich jemand dieses Vakuum füllt: eine ultranationalistische, extrem konservative, traditionalistische Partei, die sich als Partei der Verlierer präsentiert, in gewissem Sinn eine protektionistische Partei. Wie viel von den Problemen sie tatsächlich in Angriff nehmen werden, weiß ich nicht. Lassen Sie uns über eine neuere, schmerzvolle Episode sprechen – das Institut für Nationales Gedenken hat die geheimen Dateien des früheren Präsidenten, Lech Wałęsa, veröffentlicht. Ist er Bolek? NA: Nein, das glaube ich nicht. Als er Präsident war, herrschte jede Menge Panik, dass russische Spione angeblich wichtige Positionen im Verteidigungsministerium innehatten und solche Sachen. Es wurde 966 und die Folgen 276 unterstellt, dass das auf Wałęsa zurückging, aber ich selbst hielt das für absurd. Ich konnte keine Anzeichen dafür erkennen. Er unterschrieb als in die Ecke getriebener, rebellischer Elektriker mit einer großen Familie, der versuchte, dem Einfluss des polnischen kommunistischen Staates zu widerstehen (die Vereinbarung, dem Geheimdienst Informationen weiterzuleiten), weil sonst Konsequenzen drohten. Er unterschrieb, um dem zu entkommen, um Zeit zu gewinnen. Das finde ich absolut verständlich. Ich möchte ihm da nicht zu viel Schuld in die Schuhe schieben. Was wäre die Alternative gewesen? Er wäre zu einer Art Märtyrer geworden. Er hätte nie die Chance gehabt, das zu erreichen, was er später erreichte, nicht zuletzt, weil er nicht wieder auf der Lenin-Werft gearbeitet hätte. Ist KOD (das Komitee zur Verteidigung der Demokratie) der geistige Erbe von KOR (dem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter der 80ger)? NA: Nein, denn KOR war eigentlich das Produkt eines extrem idealistischen Marxismus. Es wendete sich direkt an die industrielle Arbeiterklasse und sprach in sehr sozialistischen Begriffen über ihre Probleme und Sorgen und das was geschah und was geschehen sollte. Das, was ich von KOD sehe und höre, ist sehr liberaldemokratisch – es geht um Menschenrechte, um die Einhaltung der Verfassung, um Rechtsstaatlichkeit. Es gibt Überschneidungen, es gibt Menschen, die im KOR aktiv waren und es jetzt im KOD sind, aber die Organisation selbst und der Kontext sind so anders, es ist nicht so, als wäre dieselbe Organisation noch einmal zum Leben erweckt worden. Bei Wałęsa/Bolek haben wir es nicht mit einer geschichtlichen, sondern mit einer noch lebenden Person zu tun. Trotz seiner Schwierigkeiten wird die Legende die Analyse immer überragen. Könnte man sagen, dass in 50 Jahren die polnische Geschichte neu geschrieben werden könnte? Dass es ihm ergehen könnte wie Napoleon, der, wie in dem großartigen Buch von Pieter Geyl22 beschrieben, in einem bestimmten Kontext als Heiland ge- 2 2 Napoleon: voor en tegen in de Franse geschiedschrijving, 1946; englische Übersetzung von O. Renier, Napoleon, For and Against, New Haven, CT; Yale University Press, 1948 Im Gespräch mit Jan Darasz im April 2016 277 sehen wird, sobald Frankreich zu etwas Wohlstand gekommen ist aber wieder gehasst wird? NA: Wenn im Jahre 2080, zum hundertsten Jahrestag der Ereignisse im August, jemand eine Geschichte Polens oder eine Biografie von Wałęsa schreibt, wird er sowohl das, was Wałęsa damals und in den darauffolgenden Monaten tat, als auch die Anschuldigungen, dass er sich selbst verraten, seine Seele an die Sicherheitsdienste verkauft habe oder, wie manche Leute sagen, sogar später noch mit Kräften von au- ßerhalb in Kontakt geblieben sei, abwägen. Ich denke, am Ende wird die Waage so weit zu seinen Gunsten ausschlagen, dass die andere Seite relativiert wird, nicht zuletzt, weil es so eine gute Geschichte ist. Es geht darum, was er als Gründer von Solidarność erreicht hat. Natürlich wird auch die Kritik an seiner Person, an seiner Führung bleiben, die Frage, was er hätte besser machen können, wie er die innere Spaltung von Solidarność hätte verhindern können. All das ist Stoff für ausgefeilte politische Analysen. In der Rückschau aber wird er letztendlich eher als Held dastehen. Sie haben ganz außergewöhnliche Zeiten in Polen verbracht. Sie haben Warschau in den 50ern, wahrscheinlich noch in den 60ern und in Teilen bis in die 70er hinein als Ruinenhaufen erlebt. Sie haben in Edinburgh Polnisch gelernt, Sie sind von dem Land fasziniert. Ist Ihr Blick zu romantisch oder sind Sie realistisch geworden? NA: Ich denke, ich bin realistisch geworden. Wenn man Polen ein bisschen kennt, ist es wie eine unablässige Serie von Schocks. Ich kenne das Gefühl, ja ... Wenn man Dinge entdeckt, von denen man keine Ahnung hat, oder die man nicht erwartet hat, manchmal über Menschen, die man kennt und mag, die etwas sagen oder über etwas erzählen, das sie getan haben, was absolut schockierend ist. Man kann nicht glauben, dass sie so etwas getan oder gedacht haben, aber es ist wahr. Und man entdeckt Seiten an der polnischen Seele, die man nicht... Sich als Ausländer mit Polen zu beschäftigen ist ein fortwährendes Abenteuer, ein intellektuelles Übungsgelände. Man ist immer wieder erstaunt darüber, was passiert ist. Mich hat es ziemlich erstaunt, dass Polen diese Regie- 966 und die Folgen 278 rung gewählt hat, das habe ich nicht erwartet. Es ist als „anachronistischer Sarmatismus“ beschrieben worden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas erlebe, aber so ist es. Jetzt, wo die Situation ist, wie sie ist, denkt man natürlich: Warum habe ich nicht erkannt, dass dieses Gefühl noch existiert, dass die Menschen fähig sind, sich um eine Reihe ziemlich verrückter Fantasien zu sammeln? Das Etikett Sarmatismus passt perfekt auf die PiS, den Minderwertigkeitskomplex und die stolzgeschwellte Brust, mit der auf Sticheleien von außen reagiert wird. NA: Ja, es ist ein Gefühl beispielloser Überlegenheit. Ich wünschte nur, es ginge einher mit derselben wahnwitzigen Großzügigkeit, die für den Sarmatismus charakteristisch war. Leute ruinierten sich selbst, nur um Gäste zu bewirten, die sie bewunderten. Diese Großzügigkeit fehlt, das Mitgefühl oder vielleicht die Empathie. Da gibt es viel kleinliche Opfermentalität und ein Bedürfnis, ständig eine Art Sendungsbewusstsein um Polen herum zu konstruieren. Das bringt uns zurück zu etwas... Papst Johannes Paul II zeigte in seiner Haltung zur Nation klare Spuren dieses polnischen Messianismus. Das war deutlich, mir war es recht sympathisch. Denn sie sind etwas, das unter Kontrolle gehalten werden muss. Er tat das ziemlich beeindruckend. Wenn ich jetzt an die Idee von Polen denke als ... Irgendein Minister könnte jederzeit auf die Idee kommen, Polen als eine Art wiedererstandenen kollektiven Jesus Christus zu bezeichnen, der für Europa gekreuzigt wird. Natürlich hoffe ich, dass so etwas nicht passiert, aber ich wäre nicht überrascht, wenn jemand so etwas sagt. Ich glaube, auf so etwas steuern wir zu. Fantasien sind auch real. Da ist etwas. Ich habe mich schon oft von irgendwelchen messianischen Momenten und Ereignissen berührt gefühlt. Ich war dabei, als Papst Johannes Paul direkt gegenüber von hier seine großartige Rede hielt. Es bewegt mich immer noch, wenn ich daran denke. Weil es ihm gelang, das Selbstgefühl dieser Menschen anzusprechen, ihr Gefühl von dieser Nation als Opfer, das in dem Moment völlig berechtigt war. Da war dieses Warschau, was hatten sie alles durchgemacht seit 1939, wo waren sie jetzt, wer hatte ihnen das verweigert, was ihnen zustand, nämlich Selbstachtung. Das war ein wundervoller Moment, ich war nicht sicher, dass ein anderes Volk so re- Im Gespräch mit Jan Darasz im April 2016 279 agiert hätte, mit dieser unmittelbaren Einsicht. Die Mythen sind sehr real. Sie sind ein Weg. Sie können missbraucht werden, vielleicht werden sie jetzt missbraucht, davon reden wir gerade. Aber sie sind real. Sie haben immer noch Zugkraft. Vor 1050 Jahren wurde Polen christianisiert. Darum eine letzte Frage: War 966 eine „gute Sache“ oder ist es zu früh, das zu sagen? NA: Wie können Sie sagen, dass es keine „gute Sache“ war, wenn es das ... Wäre es nicht passiert, was wäre dann geschehen? Angenommen, Polen wäre wie Litauen geblieben, ein ziemlich gut strukturiertes, aber nicht christliches, heidnisches, wie immer Sie es nennen wollen, Königreich oder ein Verbund von Königreichen. Was passiert wäre, lässt sich ziemlich genau sagen: es wäre mit wenig Mühe von Deutschland überrannt worden. Die Sache mit dem Christentum ist, dass es, wie die Leute sehr richtig sagen, dabei half, den polnischen Staat auszubilden. Wäre es nicht zu dieser Konvertierung gekommen, wäre der polnische Staat vielleicht in anderer Form unter einem anderen Namen entstanden. Das weiß ich nicht, aber es wäre möglicherweise nicht rechtzeitig geschehen, um dem deutschen Vordringen nach Osten im Mittelalter etwas entgegenzusetzen. Wäre die Schlacht bei Tannenberg geschlagen worden, und wer hätte sie gewonnen? Sie meinen den litauischen Sieg in der Schlacht bei Grunwald? NA: (Lacht) Ja. Ich kann es nicht bereuen. 966 und die Folgen 280

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Zusammenfassung

Damit ein besseres Verständnis von geschichtswissenschaftlichen Zusammenhängen im öffentlichen Leben und in der aktuellen Politik Polens möglich wird, verschafft dieser Band mit Essays und Interviews sowohl dem informierten als auch dem nicht-spezialisierten Leser einen Überblick zur aktuellen polnischen Politik mit Einblicken in die jüngste Vergangenheit sowie in historische Zusammenhänge. Die Beiträge beleuchten Aspekte eines, anscheinend umfassenderen, Veränderungsprozesses, der seit der Finanzkrise 2008 in Europa und vor allem in den zentralen und östlichen Teilen des Kontinents stattfindet. Das Buch stellt einige komplexe wissenschaftliche Ideen für den Laien nachvollziehbar dar und bringt Wissenschaftlern die Vorteile von Echtzeit-Reportagen, empirischen und interdisziplinären Ansätzen nahe. Es ist ein Versuch, Antworten auf die Fragen zu finden, warum und wie die Prawo i Sprawiedliwość (PiS) wieder an die Macht kam und wie sie agiert, seit sie an der Macht ist.