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Jan Gross, Geschichte wie wir sie gerne hätten in:

Jo Harper

Polens Streit um die Erinnerung, page 263 - 269

Essays zur Illiberalität

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4231-1, ISBN online: 978-3-8288-7184-7, https://doi.org/10.5771/9783828871847-263

Tectum, Baden-Baden
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InterviewsTeil IV Geschichte wie wir sie gerne hätten Jan Gross Im Gespräch mit Jo Harper, April 2016 Anfang 2016 spielte Präsident Andrzej Duda mit dem Gedanken, dem polnisch-amerikanischen Historiker Jan Gross seinen Verdienstorden der Republik Polen wieder abzuerkennen. Als Professor an der Princeton University hatte Gross 2015 viele Polen verärgert, als er der Zeitung Die Welt sagte, die Wurzeln für Polens Unwillen, den Flüchtlingen zu helfen, seien in der Behandlung der Juden während des Zweiten Weltkriegs zu finden. „Die rechtsgerichtete Presse und andere schrien nach meinen Kommentaren Zeter und Mordio. Ich hatte über Kaczyńskis Rede zu Flüchtlingen gesprochen, über seine Wortwahl, die Flüchtlinge mit Krankheit in Verbindung brachte, eine Wortwahl, von der jeder weiß, dass sie ihre Wurzeln in der Sprache der Nazis im Zweiten Weltkrieg hat. Das steht überhaupt nicht im Einklang mit polnischen Traditionen”, sagt Gross. Doch der Satz, der Gross für die PiS zum Volksfeind Nummer Eins zu machen schien, war die Aussage, dass die Polen während des Krieges – durch Pogrome, durch die Ermordung von Juden, die aus den Ghettos geflohen waren, und durch den Verrat von Juden an die Nazis – mehr Juden getötet hatten als Deutsche. „Während des Septemberfeldzugs 1939 wurden etwa 17.000 Deutsche getötet, während des Warschauer Aufstands von 1944 etwa 7.000 und weitere 10.000 im Verlauf des Krieges. Die Zahl der getöteten Juden war deutlich höher, nicht nur in (der Stadt) Jedwabne, sondern auch bei vielen ähnlichen Massakern. Hilfspolizisten, Feuerwehrmänner und gewöhnliche Bürger ermordeten Juden, die aus den Ghettos Geschichte wie wir sie gerne hätten 264 flohen. Von den 250.000 Juden, die den Krieg überlebten, wurden viele von Polen getötet – von denen einige deutsche Einheiten unterstützten. Bekannt wurde Gross durch sein 2001 veröffentlichtes Buch Nachbarn: der Mord an den Juden von Jedwabne, in dem er das Massaker von Jedwabne im Nordosten Polens beschreibt, bei dem 1941 von polnischen Dorfbewohnern 1.600 Juden umgebracht wurden. Einer Fernsehstation erzählte Präsident Duda, sein Büro habe 2.000 Briefe erhalten, in denen er aufgefordert wurde, Gross den ihm 1996 verliehenen Verdienstorden zu entziehen. Der Orden wird an Ausländer oder im Ausland lebende Polen verliehen, die sich um die polnische Nation verdient gemacht haben. Gross erhielt die Auszeichnung wegen seines Widerstandes gegen das kommunistische Regime. Duda möchte eine neue Geschichtspolitik und hat dies als eine wichtige Aufgabe seiner Präsidentschaft bezeichnet. Die leitenden Köpfe kultureller Einrichtungen und Museen lud er ein, eine neue Geschichte zu schaffen, eine, die Polen feiert, anstatt sie zu kritisieren. Der Mythos des „unschuldigen Polen“ und viele ausgesprochen ambivalente symbolische Assoziationen im Zusammenhang mit der jüdischen Vergangenheit tauchten wieder auf. Das IPN bekam es mit einer postkommunistischen SLD-geführten Regierung zu tun, die gewillt war, sich im Namen der Nation bei den Nachfahren derer, die in Jedwabne ermordet wurden, zu entschuldigen. Eine in manchen Teilen Polens geläufige Gegenerzählung spielt jedoch mit bestimmten jüdischen Stereotypen und stellt in einer Folge (zumindest öffentlich) nicht ausgesprochener Assoziationssprünge einen Zusammenhang her zwischen Juden und Kommunismus, Bolschewismus, Verrat, Ausbeutung der katholischen Nachbarn, Feigheit und so weiter. Für viele war die SLD im Grunde Teil des Problems, nicht der Lösung. Die äußere Rechte und nationale katholische Meinungsorgane wie Radio Maryja greifen manche dieser Unterstellungen auf und laden damit jede öffentliche Diskussion des Themas mit der Frage auf , ob internationaler Druck ausgeübt wird. Ein Druck, der häufig als jüdischer Druck formuliert wird, z. B. bei der Frage zur Rückgabe von Eigentum. Die Enthüllungen nahmen 2005 erneut Fahrt auf mit der Veröffentlichung eines weiteren Buchs von Gross, mit dem Titel Angst – An- Im Gespräch mit Jo Harper, April 2016 265 tisemitismus nach Auschwitz in Polen, das sich mit einem Pogrom befasste, das nach dem Krieg im Jahr 1946 in Kielce stattfand.11 Das Buch trug zur Bildung und Förderung eines neuen Narrativs bei, der Polen während des Krieges nicht nur als Opfer zuließ, sondern auch ihre Rolle als Täter zur Sprache brachte und damit an einem zentralen Pfeiler der Kaczyński-Mythologie rührte, nämlich der Reinheit der Polen als Opfer oder Helden – oder beidem. „Die PiS selbst ist nicht offen anti-semitisch“, sagt Gross weiter, „doch durch die Nähe zu Radio Maryja und Nasz Dziennik nährt sie sich an Assoziationen mit anti-semitischer Rhetorik. Die im Zusammenhang mit Flüchtlingen verwendete Sprache ist bösartig: Diese Fremden, die Krankheiten mit sich bringen. In Polen gibt es keine Juden, anti-semitisch zu sein ist also Zeichen einer persönlichen Pathologie.“ „Die PiS ist davon besessen, ein patriotisches Pflichtgefühl anzukurbeln. Da die meisten Polen ihre eigene Geschichte nicht sonderlich gut kennen und denken, dass die Polen während des Krieges genauso litten wie die Juden, nutzt das neue Regime die Sprache katholischen Märtyrertums. Dabei handelt es sich um eine Traumwelt der Endeka (Christdemokraten) vor dem Krieg“, erläutert Gross. Die durch die Brüder Kaczyński vorgenommene Aufteilung der postkommunistischen Welt in ein „wir“ und „die anderen“ verlieh den Enthüllungen von Gross noch größere Relevanz und verstärkte zweifellos die bei den Brüdern bereits ausgeprägte Abwehrhaltung und den Diskurs der nationalen Unterdrückung. Für viele Polen waren die beiden Bücher nur ein weiteres Beispiel für Anti-Polonismus. Diese Reaktion lässt sich zum Teil als kollektiver Verteidigungsmechanismus gegen Schuldgefühle erklären, Gefühle, die die Darstellung der Polen als „Opfer und Helden“ nicht zulässt. Gross selbst benennt es so: Die Opfer werden zu Schuldigen gemacht. Der Symbolismus des Märtyrertums und die kollektive Zuweisung von Schuld und Opferstatus spielen eine große Rolle in der polnischen Gesellschaft, insbesondere in kleinen Städten und ländlichen Regionen, dem natürlichen Kernland der PiS. Durch die Herstellung assoziativer 1 1 Jan T. Gross, Angst – Antisemitismus nach Auschwitz in Polen. Aus dem Polnischen von Friedrich Griese unter Mitarbeit von Ulrich Heiße. Berlin: Suhrkamp, 2012 Geschichte wie wir sie gerne hätten 266 – wenn auch nicht direkter – Verbindungen mit jüdischen Forderungen nach der Rückgabe von Eigentum in Polen, versuchte die PiS, die Aussagen von Gross zu verfälschen. Dies kann auch als implizite Verbeugung in Richtung von Radio Maryja gedeutet werden, das trotzig mit althergebrachten, erkennbaren Stereotypen und Ängsten in Bezug auf die Juden und andere „Au- ßenseiter“ hantiert. Andere wiederum, von denen manche der PiS näher stehen als Radio Maryja, versuchen, den „Gross-Diskurs“ herunterzuspielen und nutzen eine Kombination aus Wissenschaftskritik und weit verbreiteten Narrativen, in denen Polen als belagerte Nation dargestellt wird, die sich Angriffen von allen Seiten ausgesetzt sieht. Sie nehmen den Kampf gegen den Anti-Polonismus auf, in der scheinbaren Absicht, die Auswirkungen der Anschuldigungen von Gross abzuwehren. Ein zentrales, kollektives Motiv dieser Version der nationalen Erzählung, das die PiS zu nutzen versucht, ist das der moralisch reinen Nation, die Zeuge furchtbarer Gräuel wurde, an denen sie jedoch nicht aktiv mitwirkte. Seit den ersten Tagen der postkommunistischen Ära ertönten von Seiten der nationalistischen Rechten Rufe nach einer nationalen Abrechnung der so titulierten „Verbrechen der kommunistischen Zeit“, nach Öffnung der offiziellen Archive und der rechtlichen Aufarbeitung. Auch wenn das Thema für das polnische Publikum recht neu ist, wurde es doch in der westlichen akademischen Welt bereits aufgegriffen. In seinem Buch Poland, Communism, Nationalism, Anti-Semitism verurteilte Michal Checiński die Misshandlung der Juden durch das kommunistische Regime und warf den Kommunisten vor, antisemitische Vorfälle wie den in Kielce im Jahr 1946 befeuert zu haben.22 1992 stellte Krystyna Kersten mit Polacy, Żydzi, Komunism. Anatomia pólprawd 1939–68 die allgemeine Wahrnehmung in Frage, dass die Juden eng mit dem Establishment eben jenes Regimes verknüpft gewesen seien.33 Doch mit der Veröffentlichung von Gross' Nachbarn: der Mord an den Juden von Jedwabne im Jahr 2001 wurde erstmals klar 2 2 Michael Checinski, Poland, Communism, Nationalism, Anti-Semitism (New York: Karz-Cohl Publishers, 1982) 3 3 Krystyna Kersten, Polacy, Żydzi, komunizm: anatomia połprawd, 1939–68 (Warschau: Niezależna Ofcyna Wydawnicza, 1992) Im Gespräch mit Jo Harper, April 2016 267 ausgesprochen, dass Polen bereitwillig am Völkermord an den Juden teilgenommen hatten. Tomasz Strzembosz, Leszek Żebrowski, Piotr Gontarczyk und Marek Chodakiewicz beschuldigten Gross, Aussagen fehlinterpretiert oder falsche Schlüsse gezogen zu haben. East European Monographs veröffentlichte die Schrift After the Holocaust: Polish-Jewish Conflicts in the Wake of the World War II, in der Autor Chodakiewicz die Debatte um Zerrbilder im Licht der Beziehung zwischen den Taten von Christen und Juden auf polnischen Territorium während der Nachkriegszeit darlegt. Etliche bekannte polnische Akademiker äußerten sich in Verteidigung der Thesen von Gross und veröffentlichten in der Zeitung Gazeta Wyborcza einen offenen Brief. „Für Jan Gross macht es keinen Unterschied, ob die polnische Regierung und der Präsident beschließen, ihm den Verdienstorden der Republik Polen abzuerkennen“, meint Anita J. Prazmowska, Professorin für Internationale Geschichte an der London School of Economics. „Man wird ihn weiter als Historiker von unzweifelhaftem Ruf und au- ßergewöhnlichem Mut kennen. Nicht er hat dem Ansehen Polens geschadet oder es in seiner Ehre beschmutzt. Was er getan hat, war Beweise aufzuspüren und diese Beweise zu dem sowohl im besetzten Polen während des Krieges als auch im Polen der Nachkriegszeit bestehenden Antisemitismus furchtlos öffentlich zu machen. Die Regierung sollte sich auf eine sachliche Diskussion über die polnische Geschichte konzentrieren und ein besseres Verständnis dieser Geschichte fördern. Diese kleinliche Geste (etwas anderes ist es nicht) wird die Glaubwürdigkeit der PiS-Regierung beschädigen und international den Eindruck verfestigen, dass die Regierung von einer engstirnigen nationalistischen Agenda getrieben wird. Sie schießt sich damit selbst in den Fuß.“44 Der US‑Historiker Timothy Snyder erklärte unterdessen, dass er seinen Verdienstorden der Republik Polen zurückgäbe, sollte Gross der seinige aberkannt werden.55 4 4 Jo Harper, “Poland Turns History into Diplomatic Weapon,” Politico, 19. Februar 2016 5 5 Ebd. 234 Geschichte wie wir sie gerne hätten 268 „Was hier passiert, ist ganz und gar nicht vereinbar mit der polnischen Geschichte der Offenheit und des Multikulturalismus“, folgert Gross. „Die PiS reißt die Grundfesten der demokratischen Politik in Polen nieder. Sie benutzt die Sprache von Smoleńsk und der nationalen Tragödie, um ihre Angriffe auf die Institutionen zu legitimieren. Dies könnte der Beginn eines autoritären Regimes sein und das ist zutiefst beunruhigend.“ Im Gespräch mit Jo Harper, April 2016 269

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Zusammenfassung

Damit ein besseres Verständnis von geschichtswissenschaftlichen Zusammenhängen im öffentlichen Leben und in der aktuellen Politik Polens möglich wird, verschafft dieser Band mit Essays und Interviews sowohl dem informierten als auch dem nicht-spezialisierten Leser einen Überblick zur aktuellen polnischen Politik mit Einblicken in die jüngste Vergangenheit sowie in historische Zusammenhänge. Die Beiträge beleuchten Aspekte eines, anscheinend umfassenderen, Veränderungsprozesses, der seit der Finanzkrise 2008 in Europa und vor allem in den zentralen und östlichen Teilen des Kontinents stattfindet. Das Buch stellt einige komplexe wissenschaftliche Ideen für den Laien nachvollziehbar dar und bringt Wissenschaftlern die Vorteile von Echtzeit-Reportagen, empirischen und interdisziplinären Ansätzen nahe. Es ist ein Versuch, Antworten auf die Fragen zu finden, warum und wie die Prawo i Sprawiedliwość (PiS) wieder an die Macht kam und wie sie agiert, seit sie an der Macht ist.