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Ewa Stańczyk, Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur in:

Jo Harper

Polens Streit um die Erinnerung, page 183 - 194

Essays zur Illiberalität

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4231-1, ISBN online: 978-3-8288-7184-7, https://doi.org/10.5771/9783828871847-183

Tectum, Baden-Baden
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Die polnische Erinnerungskultur Ewa Stańczyk Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als die Geschichtspolitik zu einem alles dominierenden Thema in der polnischen Öffentlichkeit wurde. Es ist mehr als ein Jahrzehnt her. Jan Tomasz Gross‘ Buch Nachbarn war gerade veröffentlicht worden und die Parteien PiS (Recht und Gerechtigkeit) und PO (Bürgerplattform) waren gerade dabei, in rasanter Weise eine einflussreiche Rolle in der polnischen Politik zu übernehmen. Ich habe Nachbarn während meines Studiums gelesen. Ich las das Buch mit Verspätung, einige Jahre nachdem es zum ersten Mal veröffentlicht worden war. Aber ich war perplex, welch wichtige Debatte es ausgelöst hatte und wie vehement diese Themen diskutiert wurden. In der Rückschau kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich damals das erste Mal überhaupt die Macht des politischen Diskurses erfahren habe, mit seiner Tendenz zur Antagonisierung und Spaltung, und vor allem mit seiner beißenden Sprache. Für jemanden, der nach dem Sturz des Kommunismus erwachsen wurde und keinen der großen politischen Umbrüche mit eigenen Augen miterlebt hat, war dies befremdlich. Das Gift drang in scheinbar harmlose private Gespräche hinein und verwandelte sie in höchst emotionale und feindliche Zurschaustellungen politischer Sympathien. Es war ein unwillkommenes Eindringen, aber Unparteilichkeit war keine Option. Für viele Menschen meiner Generation, die wir damals um die zwanzig Jahre alt waren, war dies die Zeit, als unsere politischen Ansichten geprägt wurden. Das Thema von Gross’ Buch, der Pogrom von Jedwabne, wurde schnell zu einer nationalen Cause célèbre. Für diejenigen, die sich wie ich als liberal und fortschrittlich einschätzten, war die Debatte ein Weg zur gedanklichen Neuordnung der verknöcherten Konzepte der nationalen Identität, die in den romantischen Ideen der Tapferkeit und Opferrolle aus dem 19. Jahrhundert fest verankert waren. Die Polen wur- Kapitel 10 183 de nicht länger ausschließlich als Märtyrer und Helden gesehen. Wie die Nazis waren sie auch Täter. Für viele von uns war die Diskussion eine Entschuldigung für die offensichtliche Manifestation pro-europäischer Gefühle und, damit verbunden, für Selbstgerechtigkeit. Im Gegensatz dazu war Gross‘ Buch für viele meiner Freunde, die erklärte Christdemokraten waren, ein Angriff auf die romantische Vision des Polentums aus dem 19. Jahrhundert, die sie als der Wechselhaftigkeit der Geschichte trotzendes Element und damit als unanfechtbar ansahen. Unsere Streitgespräche zu diesem Thema waren zeitweise schwierig, weil wir streitlustig und leidenschaftlich debattierten, aber sie endeten immer mit einem Waffenstillstand. Was uns vereinte war immer noch wichtiger als das, was uns trennte. Die Jedwabne-Kontroverse und zahlreiche ähnliche spätere Debatten waren symptomatisch für einen umfassenderen rhetorischen Wandel, der in der polnischen Politik und zeitgleich auch in der Gesellschaft in den frühen 2000er Jahren Einzug hielt. Dieser Wandel hin zu einer Unterscheidung zwischen „uns“ und „ihnen“ brachte eine radikale Polarisierung des öffentlichen Diskurses mit sich. Das resultierende rhetorische Schisma, das im Zuge des Wahlsiegs der PiS im Jahr 2005 stärker zum Vorschein kam, war entscheidend für die Art und Weise, wie sich politische Eliten und Bürger zur nationalen Vergangenheit positionierten. Die Spaltung wurde nach dem Flugzeugabsturz des Präsidenten in Smoleńsk im Jahr 2010 noch tiefer, als die polnische Gesellschaft drastisch in zwei feindliche Lager gespalten wurde: die einen sahen die Katastrophe als „zweites Katyń“, vertraten Verschwörungstheorien und verteufelten Donald Tusk als Handlanger des Kremls, und die anderen interpretierten das Unglück als tragisches Ereignis, das verhindert hätte werden können, wenn die Flugsicherheitsstandards eingehalten worden wären. Dies war eine Zeit, in der Freundschaften durch Debatten auf staatlicher Ebene auf die Probe gestellt und verdorben wurden. Es war außerdem eine Zeit, in der die Emotionen eine immer wichtigere Rolle im politischen Leben zu spielen begannen und die pragmatische, überwiegend positivistische Stimme der damals regierenden PO durch die zunehmend fanatische und romantische Sprache der PiS unterdrückt und gedämpft wurde. Da die Debatte über die kollektive Erinnerung hinunter in die breite Öffentlichkeit sickerte und große Teile der Ge- Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur 184 sellschaft involvierte, reproduzierte sie die simplifizierten Zweiteilungen, mit denen PiS und PO jeweils in Verbindung gebracht wurden, wie u.a. Ethnozentrismus versus Kosmopolitismus, Europaskepsis versus pro-europäischer Haltung und Fremdenfeindlichkeit versus Toleranz. Mir persönlich als am kollektiven Gedächtnis interessierte Wissenschaftlerin erschienen diese Gegensätze zunächst faszinierend. Aber als die Unterstützer von PiS und PO – egal ob Bürger vor Ort, Nichtregierungsorganisationen oder öffentliche Persönlichkeiten – die beiden führenden Diskurse übernahmen, wurde die Erinnerungskultur schnell fad, vorhersehbar und monoton, und eine differenziertere Diskussion der Vergangenheit fand überwiegend nicht mehr statt. Ohne hiervon abweichende, markante Stimmen wurde die öffentliche Geschichte schnell von demselben bekannten Szenario eingeengt: ein lästiger pas de deux des beschnittenen Pluralismus (eine Form von scheinbarer Rehabilitierung und Reparatur) und hemmungsloser Nationalismus (ein Mittel, um die „unfertige Revolution“ von 1989 zu vervollständigen). Das Holocaust-Gedenken wurde für die PO und ihre Wähler unerlässlich, begleitet von dem wohlbekannten Satz „es darf nie wieder passieren”, der in dem immer wiederkehrenden Erinnerungsmantra erklang. Für viele in Europa einschließlich der PO war das Gedenken an die Shoah hauptsächlich ein didaktisches Unterfangen, eine Art rhetorische Wiedergutmachung und ein Vehikel für die landläufige Erkenntnis, dass das Gedenken an Gewalt eine Wiederholung verhindert. Aber wie viele Kommentatoren betonten, war die Zelebrierung der jüdischen Vergangenheit für die PO auch ein Weg, um sich in Europa einzuschmeicheln, da man dort bis vor kurzem das Gedenken an die Shoah als Gradmesser gesehen hatte, um zu ermitteln, welche Staaten zivilisiert und demokratisch waren, und welche nicht. In Polen führte dies zu einem kuriosen Phänomen, das ich an anderer Stelle als „Waisenkultur“ bezeichnet habe: eine Kombination aus nostalgischer Sehnsucht nach dem untergegangenen Polin (jiddisch für Polen) und dem Wunsch nach dem Wiederaufbau dieser verlorenen Welt als rein nichtjüdische Schöpfung für ein überwiegend nichtjüdisches Publikum. Dies PiS jedoch beschäftigt sich seit jeher mit größerer Leidenschaft mit der Vergangenheit und war tatsächlich erfolgreicher dabei, Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur 185 historische Ereignisse zu Grundpfeilern der nationalen Identität zu machen und Jahrestage in grandiose öffentliche Events zu verwandeln. Der spektakuläre Erfolg des Museums des Warschauer Aufstands (2004), das das geistige Kind des damaligen Warschauer Bürgermeisters Lech Kaczyński war, war ein pünktlich appliziertes Gegengift für die Verstimmungen nach der Jedwabne-Debatte. Das Museum sollte die drei Grundpfeiler der nationalen Identität stärken (Gott, Ehre, Vaterland) und den Stolz auf die polnische nationale Vergangenheit wiederherstellen. Es erfüllte seine Aufgaben mit Elan – das Museum zeigte sich besucherfreundlich, interaktiv und visuell ansprechend und war die erste Einrichtung dieser Art im Lande. Es war ein augenblicklicher Erfolg. Und obwohl das polonozentrische Narrativ einige Gäste abschreckte, stiegen die Besucherzahlen in den Himmel. Bis heute gilt das Museum als Meisterstück der Geschichtspolitik der PiS und als bedeutendes Erbe des verstorbenen Lech Kaczyński. Museen und Denkmäler wurden schnell zu den wichtigsten Instrumenten der Erinnerungsbildung, und in Wirklichkeit auch der Erinnerungskonkurrenz. Genau hier wurden große und kleine Erinnerungskriege aller Art ausgetragen. In vorderster Reihe dieser Gedenkveranstaltungen standen immer die Kommunalbehörden, häufig mit Bürgermeistern von der PO am Ruder, die häufig in der Lage waren, sich das multikulturelle Erbe ihrer Regionen zunutze zu machen und die Relikte des jüdischen oder deutschen Erbes (je nach Standort) als Rückgrat der lokalen Identität zu etablieren. Dadurch waren sie wiederum in der Lage, ihre Regionen in Oasen des Fortschritts, der Toleranz und der Zugehörigkeit zu Europa zu verwandeln. Gleichzeitig ließ sich eine zunehmende Beteiligung anderer Akteure beobachten, darunter Nichtregierungsorganisationen, Veteranenverbände, informelle Gruppen lokaler Bürger und Schulen. Einerseits war die zunehmende Bedeutung der Kommunen auf die Verwaltungsreform der späten 1990er Jahre zurückzuführen, die eine Dezentralisierung der Macht mit sich brachte und den lokalen Behörden mehr Handlungsspielraum zugestand. Die Einbeziehung anderer Akteure sprach andererseits auch eine wachsende Zivilgesellschaft an, die langsam aus der Benommenheit erwachte, die durch die Jahrzehnte der Passivität unter kommunistischer Herrschaft entstanden war. Diese wichtigen Änderungen schufen zumindest theoretisch eine relative Chancengleichheit, was Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur 186 Erinnerungsprojekte betraf. Die Bürger waren so in der Lage, die Handlungen ihrer lokalen Verwaltung vor Ort zu überwachen und gegen diese vorzugehen, sowie Meinungen zu den getroffenen Entscheidungen zu äußern. Ein interessantes Beispiel hierzu ist das Kindertransport-Denkmal in Danzig, das im Jahr 2008 von der Stadt gestiftet wurde. Die Gedenkstätte ist Teil eines größeren europäischen Projekts zum Gedenken an die jüdischen Kinder der freien Stadt Danzig, die 1938 und 1939 vor dem Nationalsozialismus in das sichere Großbritannien geflüchtet waren. Das Denkmal ist ein illustratives Beispiel der zukunftsorientierten, auf Versöhnung ausgelegten Erinnerungskultur des Oberbürgermeisters und PO-Politikers Paweł Adamowicz. Und dennoch wurde die Statue nur kurz nach der Einweihung Gegenstand einer hitzigen Debatte zwischen dem Bürgermeister, der die Idee des Projekts vertrat, und einer Gruppe konservativer rechtsgerichteter Bürger, die das Denkmal als polenfeindlich und schädlich für die nationalen Interessen bezeichneten. Die Bürger schlugen vor, ein ähnliches Denkmal für katholische Kinder zu errichten, die bei Luftangriffen, in Konzentrationslagern oder bei Widerstandsaktionen ums Leben gekommen waren. Obwohl die Debatte zweifellos eine lokale Variante der permanenten „Erinnerungskriege“ zwischen PO und PiS auf staatlicher Ebene war, veranschaulichte diese Kontroverse auch die tiefgreifend affektive Dimension von Orten dieser Art. In der Tat verwandelte sich die Gedenkstätte in eine Quelle intensiver kollektiver Angst und Sorge, die schnell in einer Spirale der offenen Feindlichkeit und Wut endete. Interessanterweise kamen die Reaktionen auf das Denkmal den traditionellen antijüdischen Feindseligkeiten gefährlich nahe, untermauert durch ein implizites und unausgesprochenes Feindbild. Während die Kontroverse über die Kindertransporte überwiegend auf lokaler Ebene stattfand, spiegelte sie einen umfassenden Machtkampf über das Gedenken an ethnische und religiöse Minderheiten (und insbesondere Juden) wider und zeigte, wie die von den politischen Eliten in Warschau verbreiteten Narrative der Vergangenheit in anderen polnischen Städten reflektiert werden. Dies war jedoch nicht das einzige Mal, dass die Stadt von einer Debatte dieser Art überrollt wurde. Im Zuge der erneuten Übernahme der Macht durch die PiS im November 2015 ent- Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur 187 wickelte sich ein weiteres Gerangel um die Vergangenheit in Danzig, das nicht nur das Gedenken an das Schicksal der Juden betraf, sondern an den Zweiten Weltkrieg insgesamt. Am 15. April 2016 gab das Ministerium für Kultur und Nationales Erbe Pläne bekannt, zwei aktuell in der Planungsphase befindliche Museen zusammenzulegen – das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig und das Westerplatte-Museum, das dem ersten Kampf des Krieges im September 1939 gewidmet ist. Obwohl beide Museen staatlich finanziert werden, sind ihre Entstehungsgeschichten sehr unterschiedlich. Das Erstere war ein Lieblingsprojekt der Tusk-Regierung. Die ursprüngliche Idee für das Museum wurde im Jahr 2008 während Tusks Amtszeit als Premierminister lanciert. Das Letztere wurde im Dezember 2015 nach dem Wahlsieg der PiS ins Leben gerufen. Der ideologische Unterbau beider Institutionen ist unterschiedlich und schwankt zwischen einem viel inklusiveren Verständnis von Polen als einem von vielen Teilnehmern an dem Konflikt mit eigenen Erfolgen und Leidensgeschichten, und einer Vision, die die polnische (und in diesem Kontext katholische) Viktimisierung und das polnische Heldentum in den Vordergrund stellt. Es überrascht also nicht, dass der Beschluss zur Zusammenlegung der beiden Museen vehemente Proteste der Oppositionspartei PO und der liberaleren Schichten der Gesellschaft hervorrief, die das Verschmelzen beider Institutionen als Bedrohung für die ursprüngliche Idee des Museums des Zweiten Weltkriegs als Plattform zur Darstellung eines viel weiter greifenderen Narrativs jener Zeit begriffen, das sich nicht den Interessen eines einzelnen Nationalstaats unterwirft und nicht eine nationale, ethnische oder religiöse Gruppe über die übrigen stellt. Zur selben Zeit wurde das von der PiS ins Leben gerufene Westerplatte-Museum von den PO-Anhängern als mögliche Plattform zur Lancierung einer nationalistischen Vision der Vergangenheit gesehen, die die Nachbarländer Polens und die EU im Allgemeinen noch weiter antagonisieren könnte. Die PiS war ebenso kritisch gegenüber dem Erinnerungsprojekt ihrer Vorgänger eingestellt. Laut Piotr Gliński, dem neuen Kulturminister, war die „universalistische Geschichtspolitik“ der PO ein Versuch, die nationale Vergangenheit einer „posthistorischen“ Sphäre zu überlassen, die gegen den Zeitgeist arbeitet, und insbesondere gegen die Notwendigkeit einer fortgesetzten Nationenbil- Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur 188 dung. Häufig als persönliches Steckenpferd von Tusk gesehen, wurden auch die Macher des Museums (ungerechterweise) beschuldigt, dem externen Druck nachzugeben, vor allem von Seiten konservativer deutscher Politiker wie Erika Steinbach, der früheren Präsidentin des Bunds der Vertriebenen, dessen unerschütterliche Entschlossenheit in Sachen Gedenken an die nach dem Zweiten Weltkrieg vertriebenen Deutschen nicht nur in Polen, sondern auch in anderen europäischen Ländern stark kritisiert wurde. Die Diskussion in Danzig dauert an und beide Hauptgesprächspartner weichen langsam von ihrem typischen Standpunkt ab. Das theatralische Gebärden der PiS, an das man sich über die Jahre hinweg gewöhnt hat, verwandelt sich langsam in Gleichmut und Gelassenheit, was als Zeichen der Festigung der Macht und unglücklicherweise auch der Straffreiheit verstanden werden muss. Im starken Gegensatz dazu bebt die sonst so selbstbeherrschte Stimme der PO und es scheint eine zunehmende Erkenntnis zu existieren, dass dies das letzte Hurra der Oppositionspartei sein könnte. Und während die PO immer noch zu hoffen scheint, dass der „illiberale Umschwung“, der seit der Macht- übernahme durch die PiS zu beobachten ist, noch umgekehrt werden kann, wird die Debatte über die nationale Vergangenheit zunehmend emotional und frenetisch. Seit April 2016, als die geplanten Statusänderungen des Museums des Zweiten Weltkriegs erstmals bekannt gegeben wurden, reagierte die ursprüngliche Besetzung des Museums einschließlich des Direktors Paweł Machcewicz und des Danziger PO- Bürgermeisters Paweł Adamowicz gelinde gesagt mit Verzweiflung. Insbesondere Adamowicz kämpfte um seine Autorität als unabhängiger, allein handlungsfähiger Bürgermeister – zwischen Drohungen einer Rückforderung des Grundstücks, das die Kommune dem Museum überlassen hatte, und Versuchen, die neue Regierung mit ostentativen Zusicherungen zu besänftigen, dass das nationale Narrativ im Herzen der Dauerausstellung stehen wird. Bereits seit einiger Zeit lassen sich Anzeichen des Unmuts, der Irritation und Hilflosigkeit seitens der PO beobachten. Das Blatt hat sich gewendet, und beide Parteien sind sich dessen voll bewusst. Der Danziger Fall zeigt, wie Denkmäler und Museen von den beiden Parteien zur Legitimierung der Macht und zum breiteren Gestaltungsprozess der nationalen Identität genutzt werden. Dieses Phäno- Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur 189 men beschränkt sich selbstverständlich nicht auf Polen. Es ist generell ein wichtiger Aspekt der öffentlichen Geschichte, in demokratischen und autokratischen Staaten gleichermaßen. Allerdings haben die der polnischen Erinnerungskultur innewohnende Zweiteilung und die Vielzahl der in die Gedenkkultur involvierten Akteure auf staatlicher und lokaler Ebene zur Folge, dass der gesamte Prozess zum großen Teil auf eine endlose und eigentümlich dialogische Schaffung (und Anfechtung) neuer Gedenkstätten beschränkt wurde. Insbesondere Museen wurden als Plattformen zur Darstellung verschiedener Vergangenheitsvisionen und als Werkzeuge im Kampf um die Vormachtstellung genutzt. Das im Jahr 2013 eröffnete Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN in Warschau zum Beispiel fand schnell ein Pendant in dem 2016 im Dorf Markowa in Südostpolen eingeweihten Museum zu Ehren der Familie Ulma. Während das erste als Schaukasten der pluralistischen Gedächtniskultur der PO mit Schwerpunkt auf dem jüdischen Erbe verstanden werden könnte, ist die letztere Einrichtung, vorgeschlagen von dem PiS-dominierten Regionalparlament der Woiwodschaft Karpatenvorland, ein Beispiel für eine auf Polen fokussierte Darstellung des „jüdischen“ Aspekts des Zweiten Weltkriegs – der „Gerechten unter den Völkern“, d.h. derjenigen polnischen Christen, die Juden retteten. Das Museum in Markowa repräsentiert die breitere Sichtweise der PiS auf die polnisch-jüdische Vergangenheit. Letzten Endes sind die Einlassungen der PiS zu diesem Thema häufig von einem nationalistischen Ton geprägt und stellen sich überaus protektionistisch vor die polnischen Interessen, wobei die Shoah tendenziell als irrelevant für die nationale Vergangenheit Polens angesehen und stattdessen die Beteiligung der katholischen Bevölkerung an der Rettung von Juden vor den Nazis hervorgehoben wird. Es ist allgemein bekannt, dass die Geschichte der katholisch-jüdischen Beziehungen in Polen, und insbesondere die Geschichte des Antisemitismus, für die Mehrheit in der PiS und deren Anhänger ein sensibles Thema ist. Deshalb interpretiert die regierende Partei Debatten zu diesem Thema als Angriff gegen die Tapferkeit und Verfolgung von Katholiken während des Zweiten Weltkriegs sowie als Ablenkungsmanöver von der deutschen Schuld. Mit der Zunahme antidemokratischer Tendenzen nach den Wahlen im Jahr 2015 zieht die Gefahr herauf, dass Diskussionen über den polni- Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur 190 schen Antisemitismus auch weiterhin unterdrückt und als immanent polenfeindlich abgestempelt werden. Dies wurde beim Rauswurf von Krzysztof Persak deutlich, eines früheren Mitarbeiters des IPN und Mitautor einer zweibändigen Dokumentensammlung über Jedwabne, der nach der Ernennung des neuen IPN-Direktors, Jarosław Szarek, entlassen wurde. Während die Geschichtspolitik der PiS dabei aber kaum als Rätsel zu bezeichnen ist, insbesondere insoweit von diesen spaltenden Fragen die Rede ist, ist sie jedoch frei vor jeglicher offener Judenfeindlichkeit, die viele ihrer Gegner der PiS bereitwillig unterstellen. In der Tat illustriert die Haltung der Partei zur Vergangenheit nachdrücklich deren außerordentliche Fähigkeit, den eigenen Diskurs je nach Kontext und wahrgenommenen Bedürfnissen der Nation zu variieren. Ein Beispiel für eine solche „Feinabstimmung“ ist eine Rede von Jarosław Kaczyński anlässlich des fünfundsiebzigsten Jahrestags des Brands der Großen Synagoge in Białystok, bei dem 2.000 Juden der Stadt von den Nazis ermordet wurden. Dieses Verbrechen, das am 27. Juni 1941 begangen wurde, wurde von christlichen Polen nur zwei Wochen später in Jedwabne wiederholt. Während seiner Rede am 27. Juni 2016 betonte Kaczyński die Bedeutung des Gedenkens an den Kreislauf der Gewalt, der mit der Invasion Polens durch die Nationalsozialisten 1939 begonnen hatte, und sprach von der Notwendigkeit, daran zu erinnern, dass vornehmlich das Dritte Reich und die Konformität seiner Bürger für das Verbrechen verantwortlich waren, selbst wenn auch polnische Bürger eine Rolle bei der sogenannten Endlösung gespielt hatten. Er warnte davor, dass Europa einer erneuten Gefahr durch den Antisemitismus ausgesetzt sei, was durch Angriffe auf den Staat Israel besonders deutlich wurde, den er dann als Oase „unserer Kultur“ im Nahen Osten bezeichnete. Kaczyńskis Rede ist aus mehreren Gründen interessant. Sie bedient sich nicht nur des bekannten Narrativs der deutschen Verantwortung für den Holocaust im Allgemeinen und für Jedwabne im Besonderen, sondern arbeitet auch mit einer altehrwürdigen Strategie des Othering. In diesem Fall wird es eingesetzt, um vor den Feinden Israels zu warnen. Obwohl die Feinde namentlich unerwähnt bleiben, ist klar, dass sich Kaczyński hier auf die muslimische Welt bezieht und demzufolge auch auf die muslimischen Flüchtlinge, die als Gefahr für „unsere Kultur“ dargestellt werden. Somit leitet sich seine Bereitschaft, den Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur 191 Antisemitismus zu verdammen und die nationalen Interessen Israels zu unterstützen, ausschließlich von seiner entschiedenen Ablehnung von Zuwanderern ab. Allerdings ist dabei nicht seine indirekt gegen die Zuwanderung gerichtete Position überraschend. Es war schließlich die Weigerung der PiS, dem Druck Europas inmitten der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 nachzugeben, die die Grundlage des späteren Wahlerfolgs bildete. Stattdessen zeigt sich, dass die Doppelzüngigkeit Kaczyńskis in seiner Ansprache und die zugrundeliegende Verachtung die größte Überraschung und Bedrohung seiner Rede waren. Indem er die Vergangenheit dazu benutzte, um die Gegenwart zu kommentieren, gelang es Kaczyński, die Muslime als Teufel darzustellen. Diese Strategie wurde von der Partei während des Wahlkampfs durchgehend genutzt, und genau dank dieses dramatischen Spiels mit der Angst konnte die PiS die kollektiven Ängste und Sorgen für sich kapitalisieren. Wieder einmal spielten der Affekt und populäre Reaktionen auf aktuelle Geschehnisse eine wichtige Rolle bei der Prägung der politischen Stimmung im Land. Die affektive Dimension der Politik und die Verflechtung von Gegenwart und Vergangenheit waren besonders während eines migrations- und muslimfeindlichen Protests in Breslau Mitte November 2015 zu beobachten, nur kurz nach den Wahlen. Die Demonstration wurde von mehreren rechtsextremen Gruppierungen organisiert (wie u.a. der neofaschistischen All-Polnischen Jugend) und von der Verbrennung einer Puppe begleitet, die einen chassidischen Juden darstellte. Während die Motive der Protestierenden diesbezüglich nicht ganz geklärt sind, besteht jedoch kein Zweifel daran, dass judenfeindliche Symbole eine wichtige Rolle im polnischen nationalistischen Katechismus spielen und damit unter den rechtsextremen Gruppierungen sehr beliebt sind. Schließlich wurden antisemitische Abbildungen und Formulierungen traditionell als Schlüssel zu tieferliegenden Ebenen der Feindlichkeit und des chauvinistischen Zorns genutzt, und zwar unabhängig vom Ziel. Beispiele hierfür waren in anderen Zusammenhängen sichtbar, von Fangesängen in Fußballstadien bis hin zu schwulenfeindlichen Graffiti. Deshalb zeigen die Vorfälle in Breslau, die schnell durch den parteilosen Oberbürgermeister der Stadt verdammt wurden, wie der Wahlkampf der PiS bei einigen Bürgers moralische Panik ausgelöst und dabei aber auch empörte Mitglieder der Gesellschaft mobilisiert Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur 192 hat. Besonders Letztere reagierten mit Eifer auf die migrantenfeindliche Rhetorik der Partei, während die spätere erneute Machtübernahme durch die PiS eine alarmierende Kultur der Akzeptanz von Handlungen wie dieser schuf. Es bleibt offen, wie sich die polnische Erinnerungspolitik danach entwickeln wird. Dabei ist es aber wahrscheinlich, dass die rapide eskalierende „Monomacht“ der PiS, um Kaczyńkis eigenen Begriff in einen neuen Kontext zu stellen, die Erinnerungslandschaft auf morbiden Patriotismus und den Kult der gefallenen Helden reduzierend wird. Mit der fortgesetzten Säuberung der staatlichen Einrichtungen von PO-Politikern und PO-Anhängern kommt der erinnerungspolitische Pas de deux zu einem Ende. Die PiS ist der Souverän. Es ist eine mühsam erkämpfte Hegemonie – eine, die die Partei mit Sicherheit feiern wird, während sie auch weiterhin die Ängste der Nation im Allgemeinen und die Islamophobie im Besonderen kapitalisiert. Und die Vergangenheit wird auch weiterhin neu erfunden werden. Krypten werden wieder geöffnet und durchwühlt, um Beweise für den einstigen Ruhm zu finden. Unbequeme Helden werden aus der Geschichte ausgelöscht, Durchschnittsmänner werden ins nationale Pantheon gehoben und Informanten werden gerügt und in die ewige Vergessenheit verbannt. Und da die PiS ihr separates Erinnerungsprojekt weiterentwickelt, werden ihre Unterstützer und Schmeichler nachziehen. Das ist der Zeitpunkt, zu dem Gerede in kompromisslose Barbarei ausarten könnte, da erbitterte Feindseligkeit gegen die vorgeblichen Feinde der Nation geweckt wird – egal ob Kommunisten, Juden oder Muslime. Genau diese vulgarisierte Form der Geschichtspolitik der PiS sollten wir am meisten fürchten, da sie Blut und Schrecken bringen könnte, und wir einmal mehr Zeuge werden könnten, wie „die Gerechten“ vom rechten Weg abgebracht werden. Kapitel 10 Die polnische Erinnerungskultur 193

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Zusammenfassung

Damit ein besseres Verständnis von geschichtswissenschaftlichen Zusammenhängen im öffentlichen Leben und in der aktuellen Politik Polens möglich wird, verschafft dieser Band mit Essays und Interviews sowohl dem informierten als auch dem nicht-spezialisierten Leser einen Überblick zur aktuellen polnischen Politik mit Einblicken in die jüngste Vergangenheit sowie in historische Zusammenhänge. Die Beiträge beleuchten Aspekte eines, anscheinend umfassenderen, Veränderungsprozesses, der seit der Finanzkrise 2008 in Europa und vor allem in den zentralen und östlichen Teilen des Kontinents stattfindet. Das Buch stellt einige komplexe wissenschaftliche Ideen für den Laien nachvollziehbar dar und bringt Wissenschaftlern die Vorteile von Echtzeit-Reportagen, empirischen und interdisziplinären Ansätzen nahe. Es ist ein Versuch, Antworten auf die Fragen zu finden, warum und wie die Prawo i Sprawiedliwość (PiS) wieder an die Macht kam und wie sie agiert, seit sie an der Macht ist.