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Joanna Średnicka, Kapitel 8 Die neue Romantik in:

Jo Harper

Polens Streit um die Erinnerung, page 133 - 148

Essays zur Illiberalität

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4231-1, ISBN online: 978-3-8288-7184-7, https://doi.org/10.5771/9783828871847-133

Tectum, Baden-Baden
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Die Geschichtspolitik der PiS TEIL II Die neue Romantik Joanna Średnicka Es ist typisch und verlockend, die polnische politische Kultur mit ihrer sozialistischen Vergangenheit in Verbindung zu bringen, d.h. mit den fünfzig Jahren als Teil des Sowjetimperiums. Allerdings haben viele Aspekte des politischen Lebens in Polens, und dabei insbesondere die Aktivitäten der PiS (Recht und Gerechtigkeit) und deren Narrativ, ihre Wurzeln in einer viel früheren Epoche – dem neunzehnten Jahrhundert. Die Ungehorsamkeit, die fehlende Solidarität, die ständigen Einzelgänge und die Auflehnung gegen die EU-Politik lassen sich als Manifestation der polnischen Romantik lesen. Die Romantik, die in Europa ein vergänglicher, aber intensiver Schock, eine kurze „Sturm und Drang“-Zeit1 und eine rasche emotionale Reaktion auf den aufklärerischen Kult der Vernunft und Rationalität war, war in Polen angesichts der politischen Lage und des Verlusts der Unabhängigkeit für fast zwei Jahrhunderte von deutlich weniger flüchtiger Natur. Ihre einzigartige Kraft und Form durchdrang die polnische Kultur mit einer aggressiven und provokativen Haltung, dem Wunsch nach Konfrontation, einem subjektiven und selektiven Rückzug in die Moral und dem mächtigen Konzept „zum Wohl der Nation“. Diese Dimensionen waren in Friedenszeiten nur latent vorhanden, aber sie waren jederzeit bereit, bei Bedarf wieder hochgeholt zu werden. Zur Veranschaulichung, wie stark und tief die polnische Kultur von der Romantik durchtränkt ist, arbeite ich mit einer Fallstudie aus der Welt der internationalen Konzerne – möglicherweise einer der letzten Orte, an dem sich Romantik vermuten ließe. Auf der Mikro- Kapitel 8 1 Im Jahr 1774 wurde Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther erstmals veröffentlicht. Das Buch wird als Beginn der europäischen Sturm-und-Drang-Zeit gesehen. 135 ebene versuche ich, durch eine Analyse des Verhaltens von Managern, die ich auf Elemente der aus dem neunzehnten Jahrhundert entlehnten romantischen Sensibilität zurückführe, einen breiteren kulturellen Kontext zu zeichnen und damit neues Licht auf die Narrative und Handlungen der PiS zu werfen. Wenn man Erzählungen von Arbeitnehmern großer, in Polen vertretener Konzerne hört und gewisse Verhaltensweisen und Einstellungen der PiS bemerkt, fühlt man sich direkt an Elemente aus der romantischen oder postromantischen Literatur erinnert – wie etwa Mickiewicz‘2 Gedichte oder die Puppe von Prus.3 Diese Werke lesen sich wie Geschichten über den Kapitalismus, der die gesellschaftliche Realität in Polen im neunzehnten Jahrhundert transformierte. Bevor ich vier dominierende Mythen beschreibe, die im organisatorischen und gesellschaftlich-politischen Leben Ausdruck finden, er- örtere ich zwei gegensätzliche Tendenzen, die der besonderen Rolle der Romantik im gesellschaftlichen Leben Polens (und insbesondere der Unternehmens- und Politikkultur) zugrunde liegt. Die erste fußt auf der Bedeutung patriotischer Literatur und der Erziehung zur nationalen Identität und zum Nationalstolz, der Erziehung neuer Generationen von Patrioten, der Festlegung besonderer moralischer Standards und dominierender Sensibilitäten. Die zweite hingegen propagiert die Ideale der Modernisierung im westlichen Stil, basierend auf der entschiedenen Negierung und schroffen Kritik durch fortschrittliche und liberale intellektuelle Eliten, die sämtliche Aspekte dieses romantischen Erbes ablehnen. Jahrzehntelang prägte das Zusammenspiel zwischen diesen beiden Tendenzen das Verhalten und die Gefühle des polnischen Volks. Nach 2 Mickiewicz, Adam (1798–1855): Dichter, Dramatiker, Essayist, Publizist, Übersetzer, Professor für slavische Literatur und politischer Aktivist. Er wird in Polen, Litauen und Weißrussland als Nationaldichter angesehen. Eine Hauptfigur der polnischen Romantik. Seine bekanntesten Werke sind das poetische Drama Dziady (Totenfeier) und das nationalepische Gedicht Pan Tadeusz. 3 Prus, Bolesław (1847–1912): eine führende und maßgebliche Figur der polnischen Literaturgeschichte. Schriftsteller, Essayist und Journalist. In Die Puppe beschreibt er das Leben in Warschau unter russischer Herrschaft in den späten 1870er Jahren als lebhaftes Panorama gesellschaftlicher Konflikte, politischer Spannungen und persönlicher Leidensgeschichten: die bekämpfte Aristokratie, die neuen Finanzführer, Dickens’sche Kaufleute und die städtischen Armen. Kapitel 8 Die neue Romantik 136 der Dominanz der pro-europäischen, wirtschaftsliberalen und elitären Modernisierungsversion unter der Regierung der Platforma Obywatelska (Bürgerplattform, PO) wurde der Umschwung hin zu den von der PiS favorisierten Tendenzen umso stärker wahrgenommen. Diese verstärkten den nostalgischen Blick in die Vergangenheit und erweckten eine Reihe romantischer Mythen zum Leben: den Mythos von der Heimat als belagerter Festung; von einsamen Freiheits- und Guerillakämpfern; aber auch von der Nostalgie und der messianischen Vision des polnischen Volkes, das die bedrohte europäische Moral retten könnte. „Warum machen Polen immer alles auf ihre Art?“ In den internationalen Konzernen, in denen ich geforscht habe und auf die ich weiter unten Bezug nehme, leben diese Mythen weiter, aber interessanterweise vermischt mit kapitalistischen Regeln und westlichem Individualismus, wodurch eine faszinierende neue Mythologie entsteht. „Warum machen Polen immer alles auf ihre Art?“, fragte mich einst ein dänischer Manager. Henk arbeitete für ein großes Softwareunternehmen mit einer Niederlassung in Polen. Aus seiner Sicht sah die Arbeit der polnischen Manager wie folgt aus: stundenlange Meetings voller hitziger Diskussionen, gefolgt von schnellen Schlussfolgerungen und genickten Zustimmungen. Daran schloss sich ein nettes Abendessen an, und am Schluss verabschiedeten sich alle und begaben sich auf den Heimweg. Dann aber kommt der interessanteste Teil: die Tschechen taten, was vereinbart war; die Litauer auch … und die Polen, nun ja. Zunächst einmal verliert man den Kontakt zu ihnen, E- Mails gehen verschütt, dann machen sie alles ganz anders: auf ihre Art eben. Im Zuge meiner mehrmonatigen ethnografischen Recherchen in polnischen Unternehmen4 bin ich auf ein ähnliches Phänomen der 4 Ich beziehe mich hier überwiegend auf eine umfangreiche, langfristig angelegte und detaillierte ethnographische Studie in einem polnischen Produktionsunternehmen in den Jahren 2011-15, sowie auf eine Reihe kleinerer Studien, die ich in den vergangenen zehn Jahren in verschiedenen polnischen Organisationen durchgeführt habe. „Warum machen Polen immer alles auf ihre Art?“ 137 wiederholten Gehorsamsverweigerung gestoßen, dass ich „mikro-romantische Aufstände“ nenne. Es war nicht einfach, Henk das Wesen der polnischen Romantik zu erklären: dass viele Jahrzehnte lang das intellektuelle Leben in die Sphäre der Literatur verlagert wurde, die unsere politische und wirtschaftliche Kultur über Jahrhunderte hinaus gestaltet, wenn nicht gar bestimmt hat. Es ist in der Tat schwierig, sich das Polentum ohne die patriotischen Dichter vorzustellen, deren Werke unzähligen Generationen von Abiturienten den Schweiß auf die Stirn trieben. Während der industriellen Revolution, als eine zweite Welle der modernen westlichen Gesellschaft aufkam, konzentrierten sich die Polen auf die Unabhängigkeit und die Verschwörung, wenn auch überwiegend nur in der Theorie. Selbstverständlich lebten die meisten Menschen im ruhigen Rhythmus der Fruchtfolge und mussten sich keinen Kopf um die Unabhängigkeit machen. Aber die Rede ist hier von jenen, die die Standards setzten. Obwohl Maria Janion5, eine führende Forscherin der polnischen Romantikkultur, im Jahr 1989 deren definitives Ende verkündete, schwächte sie ihre eigene Diagnose nur wenige Jahre später wieder ab und räumte ein, dass der Warschauer Aufstand (1944) und die Solidarność-Bewegung möglicherweise nicht die letzten einer Reihe romantischer Aufstände waren. Romantische Erhebungen dieser Art treten immer noch auf, so Janion, wenn auch in einem kleineren Rahmen. In dem Unternehmen, in dem ich meine ethnographische Recherche durchgeführt habe, bin ich zusammen mit Henk im Rahmen seiner Beziehungen zu seinen polnischen Gegenparts selbst Zeuge einiger davon geworden. Ich konnte das Phänomen auch bei meiner täglichen Arbeit mit Managern verschiedener Branchen und Firmen beobachten. Die Manager trugen Guerillakämpfe im Namen von Werten aus, und Fabrikdirektoren versteckten wahre Daten, um lokale Interessen mit einem nostalgischen Blick auf ihre Vorgänger zu verteidigen. In den Haltungen und Maßnahmen der PiS gegenüber der EU lassen sich sehr ähnliche Muster ausmachen: eine ständige Bereitschaft zu Rebellion und Widerstand, vermischt mit Arroganz, Nationalismus und einem 5 Janion, Maria: polnische Wissenschaftlerin, Literaturkritikerin und Literaturtheoretikerin. Professorin am Institut für Literaturstudien der polnischen Akademie der Wissenschaften mit Forschungsschwerpunkt Romantik. Kapitel 8 Die neue Romantik 138 Überlegenheitsgefühl. Ob es uns passt oder nicht – diese besondere, latente Form der polnischen Romantik kann auftauchen, wo und wann wir es am wenigsten erwarten. Romantischer Geist: Die Rolle der Literatur Die besondere Position der Romantik in der polnischen Kultur wird für gewöhnlich durch die Geschichte erklärt.6 Die Niederlage Napoleons und der Novemberaufstand (1831), der die Hoffnungen auf die baldige Wiedererlangung der verlorenen Unabhängigkeit endgültig zunichtemachte, verankerte den polnischen romantischen Geist langfristig in der Kultur.7 Die wichtigsten Fragen, die polnische Intellektuelle in den europäischen Salons nach der Novemberniederlage stellten, blieben einige Jahrzehnte lang dieselben: können die Polen ihre Unabhängigkeit wiedererlangen? Während das revolutionäre Wirken vom Wesen der europäischen Romantik durchdrungen war, entstand die besondere polnische Version angesichts des Nichtvorhandenseins eines souveränen Staats in Form eines offenen Forums zum Austausch von Ideen und zur Diskussion politischer Themen, die für das Gemeinwohl von Bedeutung wa- 6 Siehe z.B. Marcin Król, Romantyzm—piekło i niebo Polaków (Warszawa: Fundacja “Res Publica,” 1998). Król, Marcin Feliks: führender polnischer Philosophieprofessor und Philosophiehistoriker, Forscher und Redakteur. A. Walicki, Trzy patriotyzmy. Trzy tradycje polskiego patriotyzmu i ich znaczenie współczesne (Warszawa: Res Publica, 1991). Walicki Andrzej: polnischer Historiker und einstiger Professor mit den Forschungsschwerpunkten Philosophie der Gesellschaftspolitik, Geschichte der polnischen und russischen Philosophie, Marximus und liberales Denken an der University of Notre Dame in Indiana (USA). 7 1772, 1793, 1795: die drei polnischen Teilungen (durch das Russische Zarenreich, das Königreich Preußen und das Habsburger Reich). Schrittweise hörte die Polnisch- Litauische Union nach einer Serie erfolgloser Aufstände (dem Kosciuszko-Aufstand von 1794, den napoleonischen Kriegen unter Mitwirkung polnischer Legionen in den Jahren 1803-15 in der Hoffnung auf ein unabhängiges Polen und dem Novemberaufstand 1830-31 (Kadettenkrieg) gegen das Russische Reich) auf zu existieren. Die Aufstände waren der Auflöser für die große polnische Auswanderungswelle (1831-1970) und die Emigration tausender Polen, besonders Angehöriger der politischen und kulturellen Eliten, die einige Jahrzehnte lang in den europäischen Salons vertreten waren. Romantischer Geist: Die Rolle der Literatur 139 ren. Die Nation verlagerte ihre Aktivitäten auf die Kunst, und dabei insbesondere auf die Dichtung und Literatur. Das politische Leben florierte in einer kristallisierten Form in den geistigen Gefilden, und Projekte für die Heimat, einschließlich einer zukünftigen gesellschaftlichen Ordnung, wurden auf den Schreibtischen von Philosophen, Dichtern und anderen „geistigen Führern der Nation“ geboren. Der polnische Patriotismus nahm daher die Form einer idealisierten Liebe zu einem geistigen Erbe an und forcierte die Idee des Wehrdienstes für die Nation. Tatsächlich aber gab es zwei verschiedene Arten der Romantik. Neben der Version der Elite, die in Form von Dichtung und Kunst den Philosophen, Künstlern und Journalisten als Ersatz für das Parlament diente, kam eine zweite, viel mächtigere Version auf – eine niedrigere, vereinfachte, operative Romantik („diene und lese“), die der nationalen Sache alles unterordnete. Diese Version, die jeden Restes romantischer Sensibilität beraubt war, wurde zur Quelle zahlreicher Mythen. Die patriotische Dichtkunst verwandelte sich mit der Zeit in ein Klischee und wurde seiner ursprünglichen und typischen romantisch-existenziellen Dimension beraubt. Sie wurde mit homogenen religiös-patriotischen Gefühlen identifiziert, bei denen dem Dichter die Rolle des geistigen Führers der Nation zugeschrieben wurde. Einfach ausgedrückt: Literatur war die Methode zur Entwicklung einer nationalen Identität und zur Erziehung neuer Generationen von Patrioten. Wer als Patriot dem Kanon der Werte, Gefühle und Einstellungen nicht folgt, ist auch kein Pole. (Anti-)Romantische Modernisierung Soziologen (u.a. Anna Giza)8 behaupten, dass diese erzwungene Verlagerung der politischen Realität in die Welt der perfekten Visionen den Verlauf des Modernisierungsprozesses verändert hat, wodurch sich dieser Teil Europas jahrzehntelang anders als der Westen entwickelte. Während die Mittelklasse im Westen bestimmte soziale Verhaltensmuster durch verschiedene Bereiche des gesellschaftlich-wirtschaftli- 8 A. Giza, Gabinet Luster. O kształtowaniu samowiedzy Polaków w dyskursie publicznym (Warszawa: Wydawnictwo Naukowe Scholar, 2013). Kapitel 8 Die neue Romantik 140 chen Lebens beeinflussen konnte – wie etwa die Arbeitsplatzorganisation – war das Training der polnischen Intelligenz hauptsächlich auf die Kultur und Literatur beschränkt, was eine stark patriotische Erziehung bedingte. Aufgewertet zum Rang der nationalen Einheit, flachte dies im Gegenzug Spannungen ab und verlangsamte den Emanzipierungsprozess zahlreicher gesellschaftlicher Gruppen. Der Kampf für die nationale Befreiung stellte alle anderen Ansprüche in den Schatten. Als Reaktion darauf wurde es ab dem frühen zwanzigsten Jahrhundert zum vorrangigen Ziel mehrerer Generationen westlich orientierter intellektueller Eliten, aus diesem rückschrittlichen romantischen Erbe auszubrechen. Im Jahr 1989 musste die Nation dann, wie bei den beiden vorherigen großen Umbrüchen der polnischen Gesellschaft (1918 und 1945)9, eine neue legale und institutionelle Ordnung von Grund auf aufbauen. Und diesmal erfolgte die Rekonstruktion bürgerlich, offen und autonom, mit dem westlichen Modernisierungsprojekt als klarem Vorbild. Für die Eliten wurde der Aufbau einer Zivilgesellschaft zu einer Mission. Die Bürger mussten nicht nur aktiv werden, um Geld zu verdienen und die Wirtschaft in Schwung zu bringen, sondern sie mussten außerdem auch die Gesellschaft anhand des westlichen Modernisierungsmodells umgestalten und den überholten Traditionalismus ablegen, mit der romantischen Tradition ganz oben auf der Liste. Im Ergebnis entwickelten beide Seiten (sowohl modernisierungsfreudige als auch konservative Polen) evaluative Diskurse, die sich die einfachsten Mechanismen des ideologischen Kampfes zunutze machten. Die eine Seite verurteilte die Engstirnigkeit der „bogojczyźnianych mocherów,”10 während die andere Seite ihre Gegner anklagte, das Volk verkauft zu haben. Beide Parteien ernannten in paternalistischer Weise eigene Helden und erstellten exemplarische Listen erwünschter Verhaltensweisen. 9 1918 ist das Jahr, in dem Polens Souveränität in Gestalt der Zweiten Polnischen Republik nach hundertdreiundzwanzig Jahren der Teilung wiederhergestellt wurde. 10 “Bogojczyzniane mohery” bezieht sich auf traditionelle, religiöse und nationalistische („patriotische“) ältere Menschen. Bogoojczyzniany ist ein Adjektiv, mit dem Personen beschrieben werden, die sehr religiös (katholisch) und patriotisch im leicht nationalistischen Sinne sind. Bóg – Gott und Ojczyzna – Vaterland. Mohair ist ein populärer ironischer Begriff, um eine sehr traditionelle, ältere und religiöse Person zu beschreiben (Frauen, die Radio Maria hören und Baskenmützen aus Mohair tragen). (Anti-)Romantische Modernisierung 141 Romantische Mythen in Unternehmen In internationalen Konzernen mit Geschäftspraktiken, die fern von derartigen Ideologien und politischen Disputen scheinen, fand ein wirklicher zivilisatorischer Umbruch statt. Dennoch verschwanden die romantischen Mythen nicht, sondern verschmolzen mit kapitalistischen Regeln und westlichem Individualismus. Zum ersten Mal seit langem mussten kollektive Spannungen und Konflikte nicht in den Büros von Philosophen und auf den Buchseiten von poetischen Werken ausgetragen werden. Die Romantik tauchte in neuer Gestalt im Management wieder auf. Meine Analyse umfasst vier dieser neuen Formen, die nicht nur wiederholt in Unternehmen vorkamen, sondern auch bei den Aktivitäten und Haltungen der PiS eine wichtige Rolle spielten: (1) der Mythos der verdienten und ehrlich erarbeiteten Freiheit, (2) die Heimat als belagerte Festung und Guerillakämpfe, sobald Anzeichen einer Gefahr für diese Freiheit zu sehen sind, (3) die Idee eines polnischen Arkadiens und eine nostalgische Hinwendung zur Vergangenheit als passiver Ausdruck des Guerilla-Mythos, und (4) die zivilisatorische Mission Polens gegenüber dem Westen und Osten. Die zurückzuerobernde Freiheit Die typischen (Business-)Romantiker wurden zwischen 1965 und 1980 geboren und sind heute zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Sie haben ihre Karrieren in den frühen 1990er Jahren gestartet und wurden in Polen ausgebildet, obwohl einige von ihnen internationale MBA- Studiengänge absolviert haben. Sie alle haben gewisse unternehmerische Erfahrungen in ihrer Biographie, haben aus nichts etwas gemacht: die Eröffnung neuer Niederlassungen westlicher Firmen, der Aufbau neuer Strukturen oder die Einführung neuer Produkte auf den Markt. Sie sind Experten, sie sind effektiv, engagiert und gut ausgebildet und spiegeln eine ganz andere Welt wider, als die der PRL (der kommunistischen Zeiten). Ihre Karrieren konnten sich entwickeln, weil viele polnische Produktionsfirmen in den 1990ern massive Finanzspritzen von ausländischen Investoren erhielten, und sie damit eine nie dagewesene Chance bekamen, Dinge zu schaffen, sich zu entwickeln und groß Kar- Kapitel 8 Die neue Romantik 142 riere zu machen. Je nach dem gewählten Privatisierungsmodell erlangte das lokale Führungsteam mehr oder weniger Unabhängigkeit. Das „Expat“-Modell sah vor, dass die wichtigste Rolle Abgesandten der ausländischen Zentrale zufiel. Viele Studien haben erwiesen, dass dieser „kolonialistische“ Ansatz tendenziell sofortigen Widerstand unter den Führungskräften und dem Personal vor Ort hervorrief.11 Beim „föderierten“ Modell lag die ganze Verantwortung in den Händen des Teams vor Ort, wie im Falle eines der von mir analysierten Unternehmen. Ein skandinavischer Investor hatte im Zuge der Privatisierung eine Fabrik erworben und wollte nicht nur in Fertigungslinien, sondern auch in die Managementkenntnisse des Teams vor Ort investieren. Als Reaktion hierauf zeigten die Manager naturgemäß ein enormes Bewusstsein für Freiheit, Unabhängigkeit, Gemeinschaft und Mitverantwortung, anstatt sich kolonisiert zu fühlen. Sie akzeptierten freiwillig einen höheren Standard der Geschäftskultur, übernahmen neue Praktiken und eigneten sich neues Wissen, Technologien und Methoden zur Arbeitsorganisation an. Nahtlos und im guten Glauben begaben sie sich auf den Pfad der westlichen Modernisierung, genau wie es auch Polen getan hatte, was das Land schließlich zur Mitgliedschaft in der EU führte. Die interessanteste Tatsache hierbei ist die feste Überzeugung der Arbeitnehmer, dass die Geschichte nicht vorbestimmt war, sondern sich auch anders hätte entwickeln können. Sie hätten kolonisiert werden können, sie hätten die Unabhängigkeit nicht wiedererlangen können. Für (politische und wirtschaftliche) Romantiker sind Freiheit und Unabhängigkeit nie vollkommen offensichtlich und nicht vorbestimmt. In den Geschichten, die innerhalb des Unternehmens kursieren, sollte die Fabrik ursprünglich einfach nur ein billiger Produktionsstandort werden, eine Versorgungsaußenstelle für den Westen, ähnlich der euroskeptischen Vision für Polen. Die Tatsache, dass sich die Fabrik zu einer bekannte Marke entwickelte – und das nicht nur in Polen, sondern auch innerhalb des Gesamtkonzerns – war nicht die Folge der Absichten des Investors. Es war eher die Frucht einer bestimmten Stra- 11 Graham Hollinshead und S. Michailova, “Blockbusters or Bridge-Builders? The Role of Western Trainers in Developing New Entrepreneurialism in Eastern Europe,” Management Learning 32, Nr. 4 (2001): 419–36. Die zurückzuerobernde Freiheit 143 tegie und der harten Arbeit und des langfristigen Kampfes der polnischen Geschäftsführer, Manager und Mitarbeiter. Das romantische Motiv des Unabhängigkeitskampfes taucht hier in der Story des Kampfes um eine unabhängige und gut florierende polnische Niederlassung auf; es ist die Geschichte einer verdienten und selbst erarbeiteten Anerkennung. Die Investoren sollten hierfür keine Dankbarkeit erwarten. Freiheitskämpfer Unabhängigkeit ist kein ein für alle Mal gegebenes Geschenk, sondern muss ständig erkämpft werden. Die Romantiker wissen, dass die Freiheit sehr fragil ist. Als das Unternehmen im Jahr 2000 erstmals in die Hände eines profithungrigen Investmentfonds geriet, wurde der Unabhängigkeitskampf in Frage gestellt und die romantische Tradition bot mehrere Reaktionsmethoden. Die offensichtlichste davon war das Wiederaufflammen der Guerillakämpfe: heimlicher Widerstand gegen alle Änderungen, die als schädlich für die lokale Organisation erachtet wurden. Die Partisanen des Unternehmens verwandelten sich mühelos in einen gut organisierten Untergrundstaat. Der Geschäftsführer, die Manager und die leitenden Mitarbeiter koordinierten den Kampf gegen feindliche Kräfte von außen, im Namen – wie sie glaubten – des Guten. Michał, der Abteilungsleiter für Produktentwicklung, erklärte zum Beispiel: „Ich habe die Chance willkommen geheißen, mein Recht zur Herausforderung des Konzernkolosses unter Beweis zu stellen. Insbesondere in einer Situation, in der mir das Guerilla-Dasein, wie ich zugeben muss, zusätzliche Befriedigung verschaffte. Es ist, als könnte ich die Dinge selbst besser regeln, als die Konzernidioten.“ Wie Konrad Wallenrod,12 der Held eines Gedichts von Mickiewicz, müssen und können die Mitarbeiter im Zwiespalt zwischen noblen Idealen und prosaischen Methoden im Namen höherer Werte agieren. 12 Konrad Wallenrod ist ein polnisches Erzählgedicht von Adam Mickiewicz. Wallenrod ist ein fiktiver litauischer Heide, der durch die langjährigen Feinde seines Volks, d.h. Kreuzritter des deutschen Ritterordens, gefasst und als Christ erzogen wird. Er erreicht den Rang eines Großmeisters und als er sich seiner Herkunft be- Kapitel 8 Die neue Romantik 144 Dies ist eine tragische Situation. Um die hochgesteckten Ziele zu erreichen, werden gelegentlich Mittel eingesetzt, die im Widerspruch zum eigenen Moralkodex stehen. Viele Manager sprachen von Guerilla-Aktivitäten, manchmal auch im Widerspruch zu konzerninternen Regeln und Vorschriften. Im Namen des Fortbestehens werden Verfahrensvorschriften umgangen. Michał ist bewusst, dass diese Handlungsweise gegen alle Regeln verstößt: „Wenn der Konzerndirektor sehen würde, was ich jeden Tag mache, würde er mich sofort feuern.“ Die Idee der belagerten Festung, die Annahme, für die Freiheit der Heimat kämpfen zu müssen, ist einer der stärksten Mythen der polnischen Kultur, und offensichtlich auch heute noch jederzeit bereit, in wirtschaftlichen und politischen Kontexten wieder zu erwachen. Die polnische Romantik wird durch die Verwandlung des Gustav im Stück Dziady (Totenfeier) von Mickiewicz symbolisiert. Niedergeschmettert durch eine Liebe, die gegen alle sozialen Konventionen verstieß (ein polnisches Äquivalent des Jungen Werther), beginnt der als Konrad wiedergeborene Gustav, für seine Gemeinschaft und deren Unabhängigkeit zu kämpfen. Diese Erzählung fordert, eigene Wünsche auf dem Altar der Heimat zu opfern. Vergangenheit und Zukunft: zwischen Arkadien und Wundern Aber der Guerilla-Mythos hat auch noch eine andere Seite. Warum nicht einfach loslassen? Die nächste Krise kommt bestimmt, der Eigentümer ändert sich, oder das Unternehmen wird für schnellen Profit verkauft. Cyprian Kamil Norwid, einer der nationalen Propheten Polens aus dem 19. Jahrhundert, scherzte einst, dass die Polen – wie in Mickiewicz‘ Nationalepos – „essen, trinken, Pilze sammeln und warten, bis Napoleon kommt und ihnen ihren Staat einrichtet.“13 wusst wird, sucht er Rache und führt die Kreuzritter absichtlich zu einer wichtigen militärischen Niederlage. 13 Norwid, Cyprian Kamil (1821–83): Dichter, Dramatiker und Maler, einer der Romantiker der zweiten Generation. Norwids origineller und unangepasster Stil war während seiner Lebzeiten wenig angesehen, sein Werk wurde erst im zwanzigsten Jahrhundert wiederentdeckt und geschätzt. Vergangenheit und Zukunft: zwischen Arkadien und Wundern 145 In der Tat, ein müder und verbitterter Romantiker verfällt leicht in Apathie und lebt im Limbo irgendwo zwischen einer arkadischen Vergangenheit und der möglichen Zukunft, in Erwartung eines Wunders. Er spricht etwas nonchalant von der Zukunft und ist voller getarntem Optimismus, der manchmal an magisches Denken grenzt, was dem Romantiker dabei hilft, harte Zeiten zu überstehen. Zu kämpfen macht keinen Sinn. Der Krieg wird irgendwann vorbei sein, die Eindringlinge ziehen ab, und ein neuer, besserer Investor kommt bereits um die Ecke, man muss nur abwarten. Und eine romantische Seele kann sich einfach in die inspirierende, denkwürdige Vergangenheit flüchten. Wie in den innerhalb von Unternehmen kursierenden Geschichten liegen immer gute Zeiten hinter uns – das arkadische14 Leben von vor fünf, zehn, fünfzehn oder siebzig Jahren, wie im Falle der Geschichtspolitik der PiS. „Im Unternehmen war alles so, wie Gott es befohlen hat“, sagte ein Mitarbeiter. Die Gegenwart ist düster, aber sie geht vorüber. Ein gut trainierter Romantiker hat die Kunst verinnerlicht, die Misere der Gegenwart mit Erinnerungen an die reale oder imaginäre Vergangenheit zu rekompensieren: an die wunderbaren Jahren voller Freiheit, Harmonie und Glück. Messianismus: Zwischen Westen und Osten Die Seele der Romantik ist außerdem oft mit einem Gefühl der moralischen Überlegenheit durchmischt. Die relativ zum Westen periphere Lage war in den letzten Jahrhunderten ein wichtiges Thema und eine Quelle sehr typischer Spannungen innerhalb des polnischen nationalen Selbstverständnisses. Der Nationalstolz ist verflochten mit einem Gefühl der Minderwertigkeit, und dieser tiefgründige Komplex ist vermengt mit dem messianischen Glauben, dass die Polen dem Westen die moralische Verwandlung bringen werden. Der Messianismus des neunzehnten Jahrhunderts, der auch in anderen europäischen Ländern die nationale Flamme relativ schnell anheizte, ist noch immer in- 14 Arkadien ist ein wichtiges Motiv, das die polnische romantische Poesie durchzieht. Das wichtigste Beispiel ist das epische Gedicht Pan Tadeusz von Mickiewicz, in dem er eine idealisierte, beruhigende Version einer grünen und harmonischen Heimat in der Vergangenheit zeichnet. Kapitel 8 Die neue Romantik 146 härent und wird durch den literarischen Kanon in Polen weiter enthusiastisch aufgegriffen. Deshalb überrascht es nicht, dass dieselbe Dynamik auch in Firmengeschichten zu beobachten ist. Das Narrativ ging reibungslos von dem Lob des Modells und der Geschäftskultur des Westens in den frühen Jahren in das heutige Selbstwertgefühl, und vielleicht gar die moralische Überlegenheit und leichte Megalomanie über. Seelenlose westliche Investmentfondmanager haben ihre Funktion als Rollenmodell definitiv eingebüßt, und ihre kurzsichtige Strategie wurde als inkompatibel mit den lokalen Idealen von langfristiger und organischer Entwicklung verworfen. Das Konzept der moralischen Erneuerung des firmeninternen Lebens, das polnische Manager vorlegten, taucht in vielen Erzählungen vor Ort auf. Überdies versuchen polnische Manager häufig nicht einmal, ihre zivilisatorische Überlegenheit über ihre östlichen Nachbarn zu verbergen, die mit ähnlichen dominanten Ideen in Kunst, Literatur und kollektiver Erinnerung übereinstimmt. Der nostalgische Mythos der Grenzregion ist häufig der eines idyllischen polnischen Arkadiens (das manchmal vor Waffen strotzt) und wird oft als zivilisatorische Mission beschrieben. Ich bin überzeugt, dass diese Reise in die Welt der Wirtschaft dem Leser dabei hilft, die Macht der romantischen Logik zu verstehen; zu sehen, wie tief und organisch dieser Mythos in der polnischen Kultur verankert ist; und zu realisieren, wie schwierig es sein kann, ihn zu verändern oder auszumerzen. Dabei ist zu bedenken, dass Manager und Mitarbeiter verschiedener Organisationen auch Bürger und Wähler sind. Ihre rebellischen Seelen, kombiniert mit einem Minderwertigkeitskomplex und der Vergangensheitsorientierung, sowie der Überzeugung einer zivilisatorischen Überlegenheit gegenüber dem Osten bzw. der moralischen Überlegenheit gegenüber dem Westen stellen einen wichtigen politischen Kontext dar. Die Verhaltenskodexe der Freiheitskämpfer aus dem 19. Jahrhundert, verkörpert durch eine durchweg patriotische Erziehung, sind offensichtlich noch immer lebendig und warten nur darauf, wieder hervorgeholt zu werden. Letztendlich lassen sich auch die Aktionen der PiS-Politiker auf der europäischen Szene mühelos anhand derselben kulturellen Schlüsselmotive erklären: als romantischer Guerillakampf gegen die europäische (westliche) Unterdrückung oder gegen europäische Offizielle, die ihre moralische Legitimität verloren haben. Polnische Politiker und Messianismus: Zwischen Westen und Osten 147 Manager lassen sich als Produkte desselben romantischen Codes verstehen. Sie sind voller Widersprüche und Komplexe, wie sie für periphere oder postkoloniale Gesellschaften typisch sind, ihnen wohnt ein morbider Wunsch nach Freiheit inne, sie sind von einer nur leicht schlafenden Nostalgie nach der Vergangenheit geprägt und leben eine Aversion gegen alle als aufgezwungen wahrgenommenen Änderungen aus. Und selbstverständlich haben sie sich auch die Kunst zu eigen gemacht, die nützlichsten Fragmente des romantischen Reservoirs herauszupicken und die fragilsten romantischen Nerven in zynischer Weise zu reizen, um ihre tagespolitischen Ziele zu erreichen. Kapitel 8 Die neue Romantik 148

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Zusammenfassung

Damit ein besseres Verständnis von geschichtswissenschaftlichen Zusammenhängen im öffentlichen Leben und in der aktuellen Politik Polens möglich wird, verschafft dieser Band mit Essays und Interviews sowohl dem informierten als auch dem nicht-spezialisierten Leser einen Überblick zur aktuellen polnischen Politik mit Einblicken in die jüngste Vergangenheit sowie in historische Zusammenhänge. Die Beiträge beleuchten Aspekte eines, anscheinend umfassenderen, Veränderungsprozesses, der seit der Finanzkrise 2008 in Europa und vor allem in den zentralen und östlichen Teilen des Kontinents stattfindet. Das Buch stellt einige komplexe wissenschaftliche Ideen für den Laien nachvollziehbar dar und bringt Wissenschaftlern die Vorteile von Echtzeit-Reportagen, empirischen und interdisziplinären Ansätzen nahe. Es ist ein Versuch, Antworten auf die Fragen zu finden, warum und wie die Prawo i Sprawiedliwość (PiS) wieder an die Macht kam und wie sie agiert, seit sie an der Macht ist.