5. Die Postmoderne und ihre Beliebigkeit? in:

Hanna Svoboda-Grafschafter

Kunst und ihre Geschichtlichkeit, page 80 - 95

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4222-9, ISBN online: 978-3-8288-7177-9, https://doi.org/10.5771/9783828871779-80

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 33

Tectum, Baden-Baden
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80 5. Die Postmoderne und ihre Beliebigkeit? Nach der intensiven Auseinandersetzung mit ausgewählten philosophischen Positionen und ihren Erklärungs- und Deutungsversuchen von Kunst, soll im folgenden Teil nun auf die Postmoderne und ihr Kunstverständnis eingegangen werden. Einerseits soll dies mit philosophischen und kunsttheoretischen Positionen, andererseits anhand von Werken exemplarisch ausgewählter KunstproduzentInnen dargelegt werden. 5.1. Von der Postmoderne zur Gegenwartskunst oder bis zur unendlichen Beliebigkeit? Eine etwas radikale Hypothese meinerseits ist nun, dass Kunst heutzutage für sich alleine keine Bedeutung mehr hat. Erst durch den Text wird sie verstanden. „Der Text muß sie jetzt in der Tat erklären. (…) Zum einen – als Kunst im Allgemeinen – bedürfen die Werke mehr denn je der Erklärung über den Text.“198 Ein weiteres Argument hierfür ist unsere globalisierte Welt, um die Kunstwerke überall verstehen zu können, bedarf es einer klärenden Einbettung in die Absichten der Kunstschaffenden.199 Auch für Arnold Gehlen kann die moderne Malerei nur als konzeptuelle Malerei bzw. Kunst eine weitere Existenzberechtigung haben.200 So „gehört die systematische theoretische Reflexion unmittelbar in den Prozeß der Bildentstehung hinein, sie ist in keinem Sinne sekundär und keine nachherige Zutat“201 so Gehlen in seiner ästhetischen Philosophie. Gehlen schließt mit seinen ästhetischen Theorien kritisch an Hegels These des Endes der Kunst an. Gehlen sieht jedoch gerade in der konzeptuellen Malerei die Möglichkeit, sich diesem Ende der Kunst zu wi- 198 Metzger, Rainer: Kunst in der Postmoderne, Verlag Walther König, Köln, 1996, S.9f 199 Ebd. S.9f 200 Anmerkung: Damit schließt Gehlen auch an Adorno an, der ebenfalls ihr Existenzrecht im Hintergrund des zweiten Weltkriegs hinterfragt. „Zur Selbstverständlichkeit wurde, daß nichts, was die Kunst betrifft, mehr selbstverständlich ist, weder in ihr noch in ihrem Verhältnis zum Ganzen, nicht einmal ihr Existenzrecht.“ Theodor Adorno: Ästhetische Theorien, S.9 201 Arnold Gehlen: Zeit-Bilder. Zur Soziologie und Ästhetik der modernen Malerei, Athen- äum Verlag, Frankfurt am Main, 1986, S.74 81 dersetzen. Teilweise haben konzept- und textgeladene Kunstwerke, die Kunst heutzutage bis zu einen gewissen Grad erweitert, doch scheint dadurch die Kunst auch ein Tribut gezollt zu haben. Beispielsweise die Verständlichkeit eines Kunstwerkes; ohne Vorwissen oder Text können gewissermaßen moderne Kunstwerke teilweise nicht rezipiert werden. Seltsamerweise scheinen gerade „gegenständliche“ Kunstwerke besonders erklärungsbedürftig zu sein, obwohl eigentlich für den/die RezipientIn klar ersichtlich ist, was der/die KünstlerIn geschaffen hat. Wenn diese „Beitexte“ von Kunstwerken Eigenleben erhalten, zum Kunstwerk selbst werden bzw. Deutungen beinhalten oder erhalten, die schlussendlich für den/die KunstrezipientenIn nur mehr „EINE“ Erfahrensweise für das jeweilige Kunstwerk zulassen, mögen diese Erklärungen in eine ganz falsche Richtung gehen. Beispielsweise könnte eine These sein, dass diese „Beitexte“ Kunst nicht nur „aufwerten“ beziehungsweise wie für Gehlen ihr überhaupt eine Existenzberechtigung geben und sie für den/die RezipientenIn verständlich machen, sondern langfristig die Kunst im Allgemeinen schädigen und ins Lächerliche ziehen. Die Beantwortung dieser Frage und Beurteilung dieser aufgestellten These bleibt der/dem Lesenden überlassen. Doch die Texte scheinen nur allzu oft vollkommen austauschbar zu sein und für unterschiedliche Kunstwerke verwendet werden zu können. Aus Gründen der Vollständigkeit muss an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass Arnold Gehlens Begriff der Kommentarbedürftigkeit grundsätzlich nur als „Brücke“, bis die RezipientInnen sich an das Neue gewöhnt haben, zu verstehen war. In der Kunstwelt scheint jedoch heutzutage genau das Gegenteil passiert zu sein. Doch auch der Titel ist Text, dass heißt bereits dieser ist eine gewisse Art von textlicher Einführung ins Werk. Dennoch scheint die Gegenwartskunst zu vedeutlichen, dass viele Kunstschaffende einen anderen Zugang zu dieser Fragestellung haben. „Dan Graham arbeitet seit Beginn seines Auftretens als Künstler publizistisch.“202 Rainer Metzger203 führt als Beispiel für eine enge Verquickung von Kunstobjekt und Text Dan Graham an. Oft wirken die Texte, die dem Kunstwerk beigefügt sind, nicht nur wie Erklärungen, sondern sogar wie Rechtfertigungen vor dem Publikum. Dan Graham sieht in diesem Umstand kein Problem per se. Vielmehr versucht er den Text als künstlerisches Element zu verwenden. Dan Grahams Kunstkarriere ist für die Postmoderne exemplarisch zu verstehen, wie Rainer Metzger schreibt. Graham studierte zunächst einige Semester Philosophie und arbeitete anfangs als Galerist. „Graham kommt von der Theorie und von den Institutionen her; das Erlernen eines spezifischen künstlerischen Metiers“, war in der Postmoderne für einen Kunstschaffenden nicht mehr er- 202 Metzger, Rainer: Kunst in der Postmoderne, S.11 203 Rainer Metzger (*1961) ist ein deutscher Kunsthistoriker und Kritiker. Darüber hinaus lehrt er Kunstgeschichte an der Akademie für bildende Künste in Karlsruhe. 82 forderlich. So verwundert es auch nicht, wenn Gottfried Helnwein204 zur Ausstellungseröffnung „Beautiful Disasters“ in Yoshi’s Contemporary Art Gallery seines Sohnes205, Cyril Helnwein, auf die Frage, ob er seinem Sohn viel lehrte, antwortete, dass man Kunst in keiner Weise lehren könne. Wenn dem so wäre, hätte nicht nur die Kunst keine Existenzberechtigung mehr wie Gehlen und Adorno konstatieren, sondern auch alle Kunstschulen, Hochschulen und weitere Lehrstätten. Angefangen mit dem Kunstunterricht in unseren Schulen. Es stimmt zwar, dass es natürlich auch um das Lehren von offenen Herangehensweisen und dergleichen geht, aber grundlegende Kenntnisse und Fertigkeiten scheinen notwendig zu sein, um überhaupt ein Werk Gestalt annehmen zu lassen. Welche Kenntnisse und Fertigkeiten hierzu notwendig sind, hängt natürlich maßgeblich vom Medium ab. Helnwein meint, lediglich könne man zu eigenständigen und selbstbewussten Entscheidungen ermutigen und seinen eigenen Weg gehen. Dies sind selbstverständlich auch wichtige Voraussetzungen, aber nicht die einzigen zu vermittelnden Werte bzw. Fähigkeiten. Es ist zwar richtig, dass man keine KünstlerInnen „schnitzen“ kann, aber als Lehrende/r ist man verpflichtet Fertigkeiten zu lehren, die dazu dienen die künstlerischen Intentionen umzusetzen. Die gegenständliche Kunst zu vergleichen, so schreibt Metzger in seinem Werk Kunst in der Postmoderne, ist nicht durch den Vergleich der Werke selbst möglich, denn sie selbst können sich nicht mehr übertreffen. Für Metzger ist die Zeit der Vergleichbarkeit, sprich Bewertung in weiterer Folge, von Werken vorbei. Ein Vergleich ist für ihn nur mehr über die Intentionen, sprich in vielen Fällen über die Texte, die dem Werk beigefügt sind, möglich. Die Frage ob es dann noch bildende Kunst ist, wenn eine Bewertung nur noch über den Beitext verstanden beziehungsweise beurteilt werden kann, bleibt offen. Provokant könnte man auch feststellen, dass Texte grundsätzlich eher der Literatur zu zuordnen sind als der bildenden Kunst. Viele Menschen können jedoch mittlerweile überhaupt nicht mehr Kunstwerke ohne den Beitexten erfassen. Dies zeigt der oft suchende Blick der BesucherInnen von Museen, wenn sie eigentlich nicht auf das Werk schauen, sondern den daneben stehenden Text suchen. Einen weiteren Grund, den Metzger hierfür anführt ist, dass es keine Gattungsmerkmale wie in der Kunstgeschichte oft formuliert, zu vergleichen 204 Gottfried Helnwein (*1948) ist ein österreichisch-irischer Künstler. Helnwein zählt zu den derzeit bekanntesten deutschsprachigen KünstlerInnen. Zentrale Themen seiner Arbeiten sind Gewalt und Schmerz. Häufig ist die Darstellung des Kindes im Mittelpunkt. Vgl. http://www.helnwein.de/ [Zugriff: 18.7.17] 205 am 19.11.2014 bei der Ausstellungseröffnung; Interview im TV-Beitrag (Kultur heute, 20.11.) von ORFIII, abgerufen am 23.11.2014 auf der tvthek: http://tvthek.orf.at /program/Kultur-heute/3078759/Kultur-Heute/7157167/Fotografien-von-Cyril- Helnwein/7157169 83 gibt. Außerdem sind viele Werke auch einmalige Werke beziehungsweise sind wenn man so will, überhaupt keine Präsidenzkunstwerke.206 Doch in diesem Zusammenhang muss ebenfalls festgehalten werden, dass die Kunstgeschichte und ihre Gattungsmerkmale eine ziemlich junge Erfindung der Menschheit darstellt. Genauer gesagt scheint die Kunstgeschichte eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts zu sein und auf Johann Joachim Winkelmann207 zurück zu gehen, welcher erstmals stilgeschichtliche Untersuchung zur Kunst der Antike durchgeführt hatte.208 Demzufolge scheint die Entziehung des Kunstwerks von der Bestimmung durch die Kunstgeschichte in der Postmoderne geschichtlich betrachtet nichts Außergewöhnliches darzustellen. Nachdem im vorigen Teil kurz angedeutet wurde, wie schwierig es scheint, die Kunst in der Postmoderne aufgrund ihrer Zerrissenheit und ihrer immer wieder konstatierten Beliebigkeit in der Postmoderne verstehen zu können, wird im folgenden Kapitel versucht, den Begriff der Postmoderne zunächst einmal grundlegend zu erläutern. 5.2. Eine Begriffsklärung zur Postmoderne Ein viel gebrauchter Begriff und dennoch ist für viele nicht eindeutig, was denn nun die Postmoderne sein solle. Von manchen wird sogar konstatiert, dass es keine Postmoderne gibt, sondern wir uns noch immer in einer Spätphase der Moderne209 befinden. Ebenfalls muss an dieser Stelle wieder angeführt werden, dass auch die Einteilung in Epochen, Kunstgattungen und dergleichen wiederum eine Erfindung der Kunstgeschichte darstellt. Also erfolgt diese Einteilung der Kunst nicht von der Kunst selbst, sondern von einer fachfremden wissenschaftlichen Disziplin wenn man so will. Doch um einmal Ordnung in die Gedanken bezüglich der gegenwärtigen bzw. „postmodernen“ Kunst zu bekommen, scheint es an dieser Stelle hilfreich zu sein, sich zunächst dieser Begrifflichkeiten zu bedienen und sich einer genaueren Analyse derer zu widmen. 206 Vgl. Metzger, Rainer: Kunst in der Postmoderne, S.17 207 Johann Joachim Winkelmann (1717–1768) war ein deutscher Archäologe und Bibliothekar und gilt als der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie und der Kunstgeschichte. Vgl. http://www.winckelmann-gesellschaft.com/biografie_ von_johann_joachim_winckelmann/ [Zugriff: 13.7.17] 208 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Kunstgeschichte [Zugriff: 27.6.2015 10:47] 209 Die Moderne ist grundsätzlich von der zeitgenössischen Kunst abzugrenzen. Oft wird sie jedoch mit zeitgenössischer Kunst, umgangssprachlich moderne Kunst, verwechselt. Die Moderne in der Kunst begann mit dem Ende des 19. beziehungsweise mit Beginn des 20. Jahrhunderts und ist stärker als jede kunstgeschichtliche Epoche zuvor von sogenannten „Ismen“ geprägt. Neben dem Expressionismus, Kubismus, Surrealismus und Hyperrealismus ist vor allem die Avantgarde von besonderer Bedeutung für die Moderne. 84 Wenn man sich jedoch mit der Avantgarde der Moderne210 ihren Zielen und Gedanken auseinandersetzt, dann wird deutlich, dass die Gesellschaft heutzutage mit anderen Fakten, Situationen und Dingen beschäftigt ist. Die Moderne versuchte, sich nicht mehr an historischen Bildern und Gedanken zu orientieren, so brachte sie diverse Utopien hervor, die für die Postmoderne aber nicht mehr haltbar sind, da diese wiederum ein zu festes Gedankenkorsett von Einstellungen darstellt. Und die Postmoderne will vieles, aber eines mit Sicherheit nicht: festgelegte Richtlinien, an die man sich zu halten hat. Zudem gilt für viele PhilosophInnen, KunsttheoretikerInnen sowie Kunstschaffende, dass es nie wieder eine solche Ästhetik geben kann wie vor den großen Weltkriegen unserer Zeit. Theodor Adorno, Walter Benjamin211, Jean Baudrillard212, Gilles Deleuze213 konstatieren alle auf ihre eigene Art und Weise eine neue Zeit, die einer ganz neuen Realität gegenüber steht. „Kurz nach 1900 schoben die avantgardistischen Künstler alle Traditionen beiseite. Dem Publikumsgeschmack, der auf der antiken Theorie der Nachahmung basierte, wurde der Kampf angesagt.“214 Viele Kunstschaffende wollten mit der Abbildung der Wirklichkeit215 nichts mehr zu tun haben. Aber wo sollte diese Negation, diese Abkehr von der Wirklichkeit enden, wenn dies nur der Anfang einer Entwicklung darstellte? Im Nichts? In der vollkommenen Bedeutungslosigkeit der Kunst, in der Postmoderne? Bevor weiter an der Begriffsklärung der Postmoderne gearbeitet werden kann, erscheint ein kurzer Blick auf Lyotards216 zentrale These über die Moderne und Postmoderne sinnvoll zu sein. Lyotards These über die Moderne und Postmoderne kann als eine Art von Synkretismus, eine „Vermischung“ von zwei zuvor inhaltlich verschiedener und abgegrenzter „Philosophien“ verstanden werden, welche sodann etwas Neues formen. 210 Die Avantgarde der Moderne ist vor allem durch die Idee des Fortschritts geprägt und zeichnet sich durch ihre politische Positionierung gegen bestehende politische Machtverhältnisse aus. Besonders bedeutend sind hierbei die russischen und italienischen KünstlerInnen der Avantgarde gewesen. Die österreichische Avantgardekunst der Moderne (1900–1938) wurde maßgeblich durch den Nationalismus beendet. 211 Walter Benjamin (1892–1940) war ein deutscher Philosoph und Kulturkritiker. Vgl. http://gutenberg.spiegel.de/autor/walter-benjamin-1090 [Zugriff: 18.7.17] 212 Jean Baudrillard (1929–2007) war ein französischer Medientheoretiker, Philosoph und Soziologe. Vgl. https://plato.stanford.edu/entries/baudrillard/ [Zugriff: 18.7.17] 213 Gilles Deleuze (1925–1995) war ein französischer Philosoph. Vgl. https://plato.stanford.edu/entries/deleuze/ [Zugriff: 18.7.17] 214 Lyotard, Jean-François: Die Moderne redigieren, Passagen, Bern 2001, S.47 215 Obwohl an dieser Stelle kurz eingefügt werden muss, dass die Welt durch die Kunst nie abgebildet werden konnte beziehungsweise kann, wie ist war/ist. Viel mehr ist die künstlerische Darstellung der Welt immer nur eine individuelle Darstellung. 216 Jean-François Lyotard (1924–1998) war ein Philosoph und Literaturtheoretiker sowie ein bekannter Vertreter der Postmoderne. 85 Heutzutage wird die künstliche Realität teilweise in manchen Lebensbereichen zur „wahren Realität“. Die Technik scheint bereits überall in unserem Leben Einzug gehalten zu haben und dieses in großen Teilen zu bestimmen. Lyotard zeichnet ein fast düsteres und unausweichliches Bild aus dem Technikdeterminismus. Die Postmoderne ist keine neue Epoche, sondern das Redigieren einiger Charakterzüge, die die Moderne für sich in Anspruch genommen hat, vor allem aber ihre Anmaßung, ihre Legitimation auf das Projekt zu gründen, die ganze Menschheit durch die Wissenschaft und die Technik zu emanzipieren.217 Lyotard wird oft als der „Begründer“ der Postmoderne gesehen. In Wahrheit vertritt er viel eher die Werte der Moderne. Lyotard verweigerte sich den Gebrauch der Postmoderne im Sinne von Beliebigkeit und dem viel zitierten „anything goes“ von Paul Feyerabend218. Schlussendlich distanzierte sich Lyotard sogar von dem Begriff der Postmoderne. Dennoch hat sich der Begriff der Postmoderne ausgehend von amerikanischen SoziologInnen im theoretischen Diskurs nun endgültig manifestiert. „Man hat sich entschieden, sie zu nennen. Dieses Wort ist auf dem amerikanischen Kontinent, bei Soziologen und Kritikern gebräuchlich.“219 Für Lyotard ist die „Sprechakte Theorie“ von Austin220 zentraler Bestandteil seines Verständnisses der Postmoderne. Daher soll an dieser Stelle kurz darauf eingegangen werden. Austin spricht von den performativen Sprechakten, d.h. Wörter, Sprache, haben auch performativen Charakter. Sie sind eben nicht nur Aussagen, sondern sind mit Handlungen=performativen Akten gleich zu setzen. Die Aussage „Ich taufe Dich“, ist für sich eigenständig als Aussage unsinnig bzw. unnötig. Erst der Akt des Taufens gibt dieser Aussage Inhalt. Und eben diese performativen Akte sind einer der Grundelemente der Postmoderne, so Lyotard. Man wird es [das Performative, Anmerkung der Autorin] weiteres in den Begriffen Performanz oder Performativität (namentlich eines Systems) in der gängig gewordenen Bedeutung messbarer Effizienz im Verhältnis Input/Output wiederfinden Die beiden Bedeutungen sind einander nicht fremd. Das Performative bei Austin realisierte die optimale Performanz.221 217 Lyotard, Jean-François Lyotard: Die Moderne redigieren, S.25 218 Paul Karl Feyerabend (1924–1994) war ein österreichsicher Philosoph und Wissenschaftstheoretiker. Vgl. https://plato.stanford.edu/entries/feyerabend/ [Zugriff: 13.7.17] 219 Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen, Passagen, Wien 1994, S.13 220 John Langshaw Austin (1911–1960) war ein britischer Philosoph. Vgl. https://plato. stanford.edu/entries/austin-jl/ [Zugriff: 13.7.17] 221 Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen, S.38 86 Der Begriff „performance“ hat mittlerweile weitestgehend Einzug in unsere Gesellschaft gefunden. Ausgehend von der wirtschaftlichen Effizienz, soll heißen Input-Output Vergleich eines Unternehmens, werden diese Werte mittlerweile auch in der Kunst angewandt. Auch in Bereichen die grundlegend keine Gewinnorientierung als Zielsetzung haben. Lyotard sieht dabei auch den Beweis, dass alle Gesellschaftsbereiche, auch die Wissenschaft, von dieser Performativität geleitet sind. Er sieht dies ausgehend von den technischen Wissenschaftsdisziplinen heutzutage bereits omnipräsent eingefordert. Die Techniken gehorchen einem Prinzip, den der Optimierung von Leistungen: […] Es sind dies also Spiele, deren Relevanz weder das Wahre, noch das Richtige, noch das Schöne usw. ist, sondern das Effiziente […] Also kein Beweis keine Verifizierung von Aussagen, keine Wahrheit ohne Geld. Die wissenschaftlichen Sprachspiele werden Spiele der Reichen werden, wo der Reichste die größte Chance hat, recht zu haben.222 Die Pharmakonzerne sind in der jüngeren Vergangenheit immer wieder unter Verdacht geraten, einen solchen Einfluss auf die von ihnen in Auftrag gegebenen wissenschaftlich Studien genommen zu haben. Aber auch in anderen Bereichen findet sich diese Ausformung der Performativität wider. Heutzutage scheint dies aber auch bereits Einzug in die Geisteswissenschaften gehalten zu haben. Als Nebenbemerkung möchte ich erwähnen, dass die Zusammenlegung des Wirtschafts- und Wissenschaftsministeriums in Österreich, als äußerst spannend angesehen werden kann und durchaus hinterfragt werden darf.223 Medizinische, soziologische oder sonstige Studien im Auftrag von industrietreibenden Kräften, die Forschungsstudien in Auftrag geben sind gegenwärtig auf dem Vormarsch. Die grundlegende Frage, ob es die Wahrheit, das Richtige gibt, bleibt weiterhin unbeantwortet. Dennoch sieht Lyotard die Postmoderne nicht als Beliebigkeit! Ganz im Gegenteil. Für ihn ist sie Teil der Moderne, die jedoch ihren Blickwinkel geändert hat. Nicht mehr die eigene Gemeinschaft, sondern die Weltgesellschaft als Gesamte rückt ins Zentrum. Der Name des Helden ist das Volk, sein Konsens ist das Zeichen seiner Legitimität, die Überlegung ist seine Weise der Normsetzung. Daraus entsteht unfehlbar die Idee des Fortschritts; […] Es zeigt sich, dass dieses „Volk“ sich völlig von jenem unterscheidet, das in den traditionellen narrativen Wissensformen impliziert ist, die wie gesagt keinerlei begründete 222 Ebd. S.130f 223 Anmerkung: Anfang 2014 wurden das Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium zusammengelegt. Zuvor war das Wissenschaftsministerium ein eigenes Ministerium und hieß Ministerium für Wissenschaft und Forschung. Die Frage inwieweit zukünftig die Wissenschaft auch von wirtschaftlichen Zwängen beeinflusst wird, bleibt offen und ist zukünftig kritisch zu beobachten. 87 Beratung, weder kumulatives Fortschreiten noch einen Anspruch auf Universalität erfordern.224 Doch die Geschichte scheint wohl eher nicht wie Lyotard meint, eine lineare Fortschrittsgeschichte zu sein, denn dann dürfte es beispielsweise keine Kriege mehr geben. Wir handeln nicht logisch und vernünftig fortschreitend wie Lyotard meint, also kann die Geschichte keine linear fortlaufende sein. Diese wäre dann auch logisch vorhersehbar. Die Analyse von Lyotard scheint meiner Auffassung demnach nicht zutreffend zu sein. Wir liegen dem Irrglauben auf, fortwährend unsere Performance, in welchen Bereichen auch immer, verbessern zu müssen und haben den Anspruch auf Universalität. Hat sich die Welt durch den Verlust des Heldens, des einzelnen Subjekts der stellvertretenden für das Volk steht und dem Ende der großen Erzählungen225, dem Ende der Kunst und so weiter nun aufgelöst? Die großen Meta- Erzählungen226, gegen die sich bereits die Moderne zu positionieren versuchte, aber sehr konservativ mit ihrem kritischen Analyse darauf reagierte, gerät erst durch und mittels der Postmoderne ins Schwanken. Jean-Francois Lyotard postuliert einen Wendepunkt in der Geschichte durch das Ende der bislang unumstößlichen Wahrheiten. Die Dogmen der Kirche, sowie die Wahrhaftigkeit und Richtigkeit der Kirche wurden durch das Fortschreiten der Rationalität spätestens im 18. Jahrhundert und 19. Jahrhundert kritisch hinterfragt. Auf der anderen Seite sehen wir aktuell aber beispielsweise gerade in den ehemaligen kommunistischen Ländern wie Russland, Polen etc. eine sehr starke neue Re-Religiosität. Aber auch in anderen Ländern wie den USA oder einigen afrikanischen Ländern scheinen die großen abrahamitischen Religionen in Vormarsch zu sein. Doch es gibt sie auch heute noch die Helden. Es sind nicht mehr Ideale eines Volkes, wie beispielsweise die besonders tapferen Kriegshelden. Heutzutage scheinen dies die diversen Variationen von Supermännern, Superfrauen oder Harry Potters unserer Zeit zu sein. So ist die Sehnsucht nach dem Übermenschlichen nach wie vor in der Bewunderung und Begeisterung für diese modernen Helden, die „unbreakable“ sind, zu erkennen. Dennoch scheint, „Die große Erzählung hat ihre Glaubwürdigkeit verloren, welche Weise der Vereinheitlichung ihr auch immer zugeordnet wird: Spekulative Erzählung oder Erzählung von der Emanzipation.“227 Zwischen 1869 und 1910 gab es große gesellschaftlichen Veränderungen, auf politischer sowie auf sozialer Ebene und auch die Kunst und ihre KünstlerInnen waren auf der Suche nach einer neuen Ausdrucksweise, „[...] die traditionell- 224 Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen, S.93f 225 Begriff von Lyotard geprägt. 226 Begriff ebf. von Lyotard geprägt. 227 Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen, S.112 88 realistischen und historischen Abbildungsweisen“ trugen eben einer neuen dynamischen Wirklichkeit nicht mehr ausreichend Rechnung.228 229 Demnach kann festgehalten werden, dass für Lyotard die Postmoderne vollkommen Einzug in unser Leben gehalten hat. Es kommt für ihn zu einer Hybridisierung aller Lebensbereiche und dadurch auch von der Kunst mit Hilfe von diversen performativen Akten, die eben alles vermengen und zur Realität werden lassen. Nach obigem kurzen Exkurs zu den Gedanken von Lyotard nun wieder zurück zum Versuch, den Begriff der Postmoderne einer näheren Klärung zu unterziehen. Der Begriff der Postmoderne ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Gebrauch. Genau genommen wird der Begriff allerdings bereits zum Ende des 19. Jahrhundert verwendet. Der englische Salonmaler John Watkins Pannwitz verwendete bereits den Begriff der postmodernen Malerei.230 Zunächst ging es, wie schon erwähnt, um eine Abwendung von der Moderne hinzu einer neuen Art der Kunst. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird der Begriff dann in seiner heutigen Verwendung geprägt. Der Postmoderne-Begriff ergibt sich also nicht aus einem antimodernen Impuls, sondern aus einer ambivalenten Dynamik der Moderne, nämlich gewissermaßen aus der Subversion und Selbstbehauptung der Massenkultur und der populären Künste sowie aus einer Krise der bürgerlich– modernen Hochkultur, einschließlich ihrer elitären Ideale, deren Verwirklichung in den Vernichtungsnächten zweier Weltkriege scheiterte.231 Im Gegensatz zu den historischen Epochen zuvor waren die nachfolgenden Epochen meist alle als Gegensätze zur voran gegangen zu verstehen. Es galt sich gegen die vorige Epoche abzusetzen, zu widersetzen. AktionistInnen sprechen zwar davon dass sie an Traditionen vor dem 2. Weltkrieg anknüpfen, damit impliziert sich aber eben auch eine Distanzierung der Vorepoche, nämlich der Kunst des 2. Weltkrieges. Die Postmoderne, mit dem Präfix post- ist eben noch dezidiert an die Moderne begrifflich gekoppelt, versteht sich aber nicht als einfache Abkehr zum davor hergegangen Kunstverständnis. Sie will sich nicht einfach widersetzen, aber sie will sich absetzen. Dennoch spricht sie sich gegen den Glauben aus, dass die Menschheitsgeschichte als ewige Fortschrittsgeschichte verstanden werden kann. Pluralität, Verschiedenheit werden als zentrale Bestandteile dieser Epoche angesehen. Die Postmoderne will sich nicht fassen 228 Fuller, Gregory: Kitsch-Art. Du-Mont, Köln, 1982, S.7 229 Anmerkung: Andererseits sehen wir in der Popularkultur unzählige neue HeldInnen vertreten. In Büchern, Kinos finden sie sich vor allem im Fantasy-Genre wieder. 230 Vgl. Behrens, Roger: Postmoderne, Europ. Verlag Anst., Hamburg 2008, S.13f 231 Ebd. S.15 89 lassen, und so bestimmt Ihab Hassan232 eine Reihe von Merkmalen, die die Postmoderne zu charakterisieren versuchen: (a) Ihre Unbestimmtheit (b) Fragmentarisierung (c) Sprengung gesellschaftlicher Normen (d) Das Werk, und auch das Individuum selbst, löst sich auf; es entzieht sich jeglicher Interpretationsversuche (e) Kunst versteht sich als nicht-ikonisch und unrealistisch Hybridisierung, Genre-Grenzen werden gebrochen und überwunden (f) Konstruktcharakter Die neue Kunst (...) hat die Masse gegen sich und wird sie immer gegen sich haben. Sie ist wesentlich volksfremd; mehr als das, sie ist volksfeindlich. Jedes beliebige Erzeugnis der neuen Kunst ruft bei der Masse ganz automatisch einen merkwürdigen Effekt hervor. Er spaltet sie in zwei Parteien, eine kleine von wenigen Geneigten, eine große, zahllose von Feinden (...). Das Kunstwerk wirkt also wie ein soziales Scheidewasser, das zwei gegensätzliche Gruppen schafft, aus dem ungegliederten Haufen der vielen sondert es zwei Kasten aus.233 Ortega y Gasset234 meinte dies eigentlich affirmativ wurde aber gegensätzlich verstanden und sehr dafür kritisiert. Für Ortega y Gasset ist die Moderne maßgeblich. Sie ist aber nicht wie sie sich gern selbst darstellt revolutionär und demokratisch, sondern eben einengend und äußerst programmatisch. Die Kunst seit der Moderne ist nach Ortega y Gasset nicht offen und zugänglich für jede/n und alles, sondern genau das Gegenteil. Sie spaltet in „Wissende“ und „Nicht-Wissende“. Inwieweit sich nun die Postmoderne dahingehend gleich verhält wie die Moderne, bleibt offen. Es scheint für mich dies wohl eher häufig der Fall zu sein. Hatte es früher den Anschein, dass es entweder BefürworterInnen oder GegnerInnen von diversen Kunstformen gab, so scheint es mittlerweile so zu sein, dass Kunst nicht einmal dies mehr bei den Menschen auslösen kann. Es gibt nur mehr die Personengruppe der Gebildeten, beziehungsweise die sich als solche wahrnehmen, und die andere die sich für Kunst überhaupt nicht interessiert und bei denen nicht einmal mehr das Gefühl der Empörung oder des Widerstandes hervorgerufen werden kann. 232 Ihab Habib Hassan (1925–2015) war ein arabisch-amerikanischer Literaturtheoretiker. Merkmale der Postmoderne von Ihab Habib Hassan in: Behrens, Roger: Postmoderne, Hamburg 2008, S.15ff 233 Ortega y Gasset, José : Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart, 1978, S. 230f. Im Originaltitel Deshumanización del arte, was eigentlich Entmenschlichung der Kunst bedeutet. 234 José Ortega y Gasset (1883–1955) war ein spanischer Philosoph und Soziologe. Vgl. https://plato.stanford.edu/entries/gasset/ [Zugriff: 13.7.207] 90 Ihab Hassan zählt darüber hinaus noch weitere Kennzeichen der Postmoderne auf. Beispielsweise, dass Kunst alles zu ihrem Gegenstand und Produkt auserwählt hat. „Sie verwandelt alles in Zeichen ihrer eigenen Sprache; Natur wird zur Kultur und Kultur zu einem immanenten semiotischen System. Dies ist die Zeit des Menschen als sprachliches Wesen, sein Maß ist die Intertextualität allen Lebens.“235 Doch was passiert wenn aus dieser Pluralität, alles plötzlich möglich wird? Wenn der Kunstbegriff erweitert werden soll, aber dann bis dahin weitergetrieben wird, dass Nichts mehr übrig bleibt? Keine Zeit, keine Kunst? Was bleibt übrig, außer der Theorie, der Gedanke, die virtuelle Cyberwelt: der Gedanke über die Welt? Was real existiert, was ist wahrhaftig real? Wie kann eine künstlich geschaffene Realität plötzlich realer sein als die Wirklichkeit? Damit wären wir dann wieder bei Platon und seiner Welt der Ideen angelangt beziehungsweise bei seinem Höhlengleichnis. Was erkennen wir wirklich und was ist die „wahre“ Wirklichkeit. Dennoch bleibt ein gewisses Unbehagen im Raum, wenn heutzutage wirklich alles Kunst sein kann. Oder könnte es nicht vielleicht sein, dass die Erweiterung des Kunstbegriffs nur eine Verschiebung darstellt, dass heißt, das was einmal als Kunst galt, soll diesen Ausdruck aus heutiger Sicht nicht mehr verdienen während das, was früher nie als Kunst bezeichnet wurde, heute sehr wohl Kunst darstellt. Quasi eine Art Schlagabtausch? Die Lesenden der vorliegenden Arbeit sollen selbst darüber entscheiden, ob sie dieser provokanten These zustimmen oder nicht. Die Absicht der Autorin ist es aber Dinge zumindest kritisch hinterfragen zu können beziehungsweise die Frage einmal in den Raum zu stellen. Aber zurück zu dem Gedanken, dass die „virtuelle“ Welt an immer größerer Bedeutung gewinnt. Wir scheinen immer mehr ausschließlich in einer virtuellen Welt gebunden zu sein. Neben Fernsehen im Allgemeinen, Handy, social media, Computer-Welt etc. verbringen wir bereits einen Großteil unserer Zeit in der virtuellen Welt und halten diese auch für wahrhaftig und real. Wir leben diese anderen Leben in diesen anderen Welten, das eigentlich nicht das eigene Leben die eigene Realität ist. Aber wenn wir diese neue reale Welt als platonische Realwerdung eben seiner Ideenwelt ansehen, wären wir dem wahrhaftigen Idealen weitaus näher als je zuvor. Ich denke nicht, dass das der Fall ist und dennoch erscheint mir dieser Gedanke der Verknüpfung mit Platon interessant zu sein. Postmoderne ist ein viel verwendeter Begriff und dennoch kaum im Worte zu fassen. Von bedeutungsschwanger bis inhaltsleer reicht das Spektrum. Nur selten wird einem eine klare Definition zum Begriff geliefert. Frei nach dem Motto, nix ist fix. alles ist möglich, wird der Begriff für fast alles miss- 235 Vgl.: Hasan, Ihab: Postmoderne heute. In: Welsch, Wolfgang (Hg.): Wege aus der Moderne. Schlüsseltext der Moderne, Akademie Verlag, Weinheim 1988, S.47–56 91 braucht, was wir nicht wirklich klar fassen und eingrenzen können und vielleicht nicht wirklich wollen. “Paradox zugespitzt: Postmoderne ist ein ambivalenter Begriff, der genauso ambivalent ist wie die Postmoderne Zeit, die schließlich die Postmoderne hervorgebracht, verbreitet und zur Mode erklärt hat.”236 In diesem Zusammenhang wirkt es fast so, als ob der Begriff eine modisch gewordene, leere Pathosformel geworden ist. Doch was ist überhaupt ein Begriff an und für sich? Bedingen Begrifflichkeiten Referenzobjekte in der Wirklichkeit? Wohl kaum: denken wir nur an das Einhorn und dergleichen. Sie sind eindeutige Begriffe, die auf kein reales Referenzobjekt hinweisen. Dennoch ist klar was mit diesen Begriffen gemeint ist. Jacques Derridas237 Erklärung des Begriffs an und für sich ist an dieser Stelle für die Auslegung hilfreich: [...] daß die bezeichnete Vorstellung, der Begriff, nie an sich gegenwärtig ist, in hinreichender Präsenz, nur auf sich selbst verwiese. Jeder Begriff ist seinem Gesetz nach in eine Kette oder in ein System eingeschrieben, worin er durch das systematische Spiel von Differenzen auf den anderen, auf die anderen Begriffe verweist.238 Begriffe, die eine Geschichte haben beziehungsweise geschichtlich sind kann man zwar definieren, aber Begriffe verändern sich im Laufe der Zeit, daher sind sie final nicht zu erläutern. Dementsprechend scheinen sie sich analog zur Kunst zu verhalten. Umgelegt auf den Begriff der Postmoderne könnte man feststellen, dass der Begriff “Postmoderne” im heutigen System eingebettet ist und durch die Differenzierung zu anderen Begriffen wie Moderne oder beispielsweise Prämoderne hinreichende Klärung das heißt Bedeutung erfahren kann. Derrida ist ein Spiegel für die Postmoderne und viel mehr ein markanter Vertreter ihrer Zeit. Sein Bemühen richtet sich somit gegen die Vorstellung einer “reinen” Identitätslogik und Präsenzmetaphysik”. Statt dessen will er deren Grenzen aufbrechen und einen Diskurs frei flottierender Zeichen eröffnen, bei denen die Tiefenstruktur im Sinne des gegenwärtigen signifié keine Rolle mehr spielt, sondern lediglich – sozusagen horizontal – nur noch 236 Behrens, Roger: Postmoderne, S.8 237 Jacques Derrida (1930–2004) war ein französischer Philosoph der als Begründer des Dekonstruktivismus gilt. Vgl. http://www.philosophie-woerterbuch.de/online-woerterbuch/?tx_gbwbphilosophie _main%5Baction%5D=index&tx_gbwbphilosophie_main%5Bcontroller%5D=Search&c Hash=dd52acb5273f031e8d43f05ac32152ec [Zugriff: 18.7.17] 238 Derrida, Jaques: Die differénce, in: Engelmann, Peter (Hg.): Postmoderne und Dekonstruktion, Reclam, Stuttgart, 1990, S.8 Vgl. online Philosophie-Wörterbuch.link siehe Quellenverzeichnis. 92 das Spiel der Signifikanten, die aufeinander verweisen, Spuren ziehen und sich unendlich subsumieren.239 Wie ein Spinnennetz mit unzähligen Verbindungen nehmen sie Bezug aufeinander, schaffen permanent neue Konstruktionen und Bedeutungen. Die Postmoderne erscheint so vielschichtig und schwer in ihrer Bedeutung zu fassen: Roger Behrens bringt diesem Umstand in Postmoderne treffend auf dem Punkt. Der Begriff Postmoderne ist schillernd und widersprüchlich: Einige haben die Postmoderne als neue Epoche proklamiert und zum Teil zynisch die Moderne vollends abgelehnt. Andere versuchten im Sinne einer kritischen Postmoderne die reflektierte Fortsetzung und Neubegründung der Moderne. Die Schwierigkeit der Definition der Postmoderne erscheint dabei selbst als Indiz der Postmoderne.240 Demzufolge muss man zuerst den Begriff der Moderne klären, damit verständlich wird was die Postmoderne ist. Wie kann eine Post-epoche verstanden werden, wenn der Begriff der Moderne nicht einmal klar ist? Bruno Latour konstatiert mit seinem Werk aus dem Jahre 2008 im Titel Wir sind nie modern gewesen, dass wir uns überhaupt nicht in der Postmoderne befinden. Für Bruno Latour ist nicht nur der Begriff der Postmoderne ein äußerst diffuser, auch die Moderne ist für ihn ein unklares Bild des Begriffs Moderne. „Die Moderne kommt in so vielen Bedeutungen daher, wie es Denker oder Journalisten gibt.“241 Der Begriff modern hat immer eine Referenz auf eine zeitliche Epoche. Er bezieht sich auf ein Gewesenes und beinhaltet eine Abwendung des Vorigen. Eine Abkehr vom Alten also ist er auch ein Begriff des Neuen.242 Modern ist aber auch etwas anderes als Avantgarde, denn modern 239 Schneider, Norbert: Geschichte der Ästhetik von der Aufklärung bis zur Postmoderne, S. 254 240 Behrens, Roger: Postmoderne, Hamburg, 2008, S.11 241 Latour, Bruno: Wir sind nie modern gewesen, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2008, S.18 242 Anmerkung: Im Duden findet man folgende Bedeutungen: „modern (Adjektiv): 1. der herrschenden bzw. neuesten Mode entsprechend 2.a.dem neuesten Stand der geschichtlichen, gesellschaftlichen, kulturellen, technischen o.ä. Entwicklung entsprechend; neuzeitlich, heutig, zeitgemäß 2b.an der Gegenwart, ihren Problemen und Auffassungen orientiert, dafür aufgeschlossen; in die jetzige Zeit passend, Synonyme zu modern: en vogue, im Schwange, in Mode, modisch, up to date; (umgangssprachlich) angesagt, der letzte Schrei, in, trendig, trendy; (Jargon) hip; (emotional verstärkend) brandneu; (bildungssprachlich veraltend) fashionable; (veraltet) à la mode; (besonders Mode und Wirtschaft); aktuell, auf dem neuesten Stand, augenblicklich, derzeitig, [ganz] neu, gegenwärtig, heutig, jetzig, laufend, momentan, zeitgemäß; (Jargon) hip; (oft abwertend) neumodisch; avantgardistisch, fortschrittlich, mit der Zeit gehend, modisch, neuzeitlich, 93 hat auch etwas mit Mainstream, am aktuellsten Stand zu sein, zu tun. Rainer Metzger nähert sich in seinem Buch Kunst in der Postmoderne der Moderne folgender maßen an: „Modernismus“ meint jene Zeit der Ismen nach etwa dem Jahr 1850, in der künstlerische Artikulation in forcierterer, durch die neue Autonomie des Kunstwerks notwendig gewordener Rhetorik vorgetragen wird.“243 Gibt es diese Autonomie wirklich? Hat es die Moderne bzw. die darauffolgende Postmoderne wirklich geschafft, die Kunst autonom werden zu lassen? Oder hat sich die Kunst zwar vielleicht aus gewissen Zwängen lösen können, wie beispielsweise dem Mímēsis-Charakter bei Platon, der Salonmalerei seit Hegel oder der Repräsentationspflicht, ist aber heute wiederum gezwungen sich den kapitalistischen Marktzwängen zu entwerfen, die häufig Kunst als Wertanalage neben beispielsweise Immobilien sehen. Oder noch mehr muss Kunst heute vielleicht sogar soziale Relevanz vorspielen, um eine Existenzberechtigung zu haben? Die Frage sei einmal so dahingestellt und bleibt dem Lesenden zur Beantwortung überlassen. Abschließend hält auch Metzger fest, dass eine Annäherung und ein Verständnis des Begriffs und der Epoche Postmoderne nur über eine vorrangige Klärung der Moderne möglich ist. Damit kann Metzger ebenfalls eingeordnet werden in die affirmativen Denker des „Fortschritts-Geschichts-Verständnis- DenkerInnen“, denn nur dann macht es Sinn sich die Postmoderne über die Moderne erklären beziehungsweise verstehen zu wollen. Doch sei an dieser Stelle auch Rudolf Burger244 erwähnt, der verdeutlicht, dass Geschichte immer ein „Naturprozess“, d.h. eben nicht für den Menschen kontrollierbar und dementsprechend nicht logisch fortschreibar ist. Zudem ist für ihn die Geschichte nach 1989, also die Posthistoire nach seinem Denken, eigentlich die Befreiung aus dem Zwang der Geschichte, wie sie zu sein hat. Daß die Geschichte nach 1989 allerorten, nicht nur in den postkommunistischen Ländern, in turbulenter Weise sich Bahn bricht, ist kein Argument gegen den Finalismus, sondern paradoxerweise eines für ihn: Das Posthistoire ist in Wahrheit die Befreiung der Geschichte – nämlich von dem Anspruch zu wissen, wie sie zu machen sei. Sie vollzieht sich noch immer, wie schon Marx diagnostizierte, als Naturprozeß – ohne daß wir freiprogressistisch, zukunftsgerichtet, zukunftsorientiert, zukunftsweisend; (bildungssprachlich) progressiv; (Jargon) hip; (besonders Fachsprache) innovativ; neu, zeitgenössisch; (bildungssprachlich) kontemporär; (oft abwertend) neumodisch 3.der neuen oder neuesten Zeit zuzurechnen;“ http://www.duden.de/suchen/dudenline/modern Zugriff: 16.11.2013 243 Metzger, Rainer: Kunst in der Postmoderne, S.19 244 Rudolf Burger ist ein österreichischer Philosoph der 1938 in Wien wurde. 94 lich Hoffnung noch teilten, wir könnten diesen je beherrschen, denn diese Hoffnung hat sich als total illusionär erwiesen.245 Aber folgen wir zunächst nochmal den Gedanken von Metzger, dass die Postmoderne nur über die Moderne verstehbar ist. Im Deutschen finden wir den Begriff Moderne statt Modernismus; im Englischen wird für den Begriff der Moderne das Wort modernism verwendet. Im Deutschen haben wir eine kleine Unterscheidung dieser beiden Begriffe: Modernismus weist auf eine Logik der Weiterentwicklung hin, ein Übertreffen des bisher Dagewesenen. Das heißt Modernismus deutet somit auf eine kulturelle Periode hin, in der sich die künstlerische Moderne und die künstlerische Avantgarde gegenüberstehen, so Metzger.246 Clement Greenberg247 schreibt in seinem Werk Modernist Painting, dass jede/r KünstlerIn im Modernismus versucht sich unverwechselbar zu machen. Allen verhaftet der permanente Drang etwas Neues, etwas Genius–Behaftetes Einzigartiges zu kreieren, konstatiert Greenberg. „It quickly emerged that the unique and proper area of competence of each art coincided with all that was unique to the nature of its medium.”248 Im Bereich der Malerei endete dieser Prozess der Selbst-Verbesserung der künstlerischen Gattungen in der „flatness“ der Kunstwerke wie er es bezeichnet. Modernist painting is in its latest phase and has not abandoned the representation of recognizable objects in principle. What it has abandoned in principle is the representation of the kind of space that recognizable objects can inhabit. Abstractness, or the nonfigurative, has in itself still not proved to be an altogether necessary moment in the self-criticism of pictorial art, even though artists as eminent as Kandinsky and Mondrian have thought so. As such, representation, or illustration, does not attain the uniqueness of pictorial art;249 Es lässt sich festhalten, dass die Postmoderne ein schwierig zu fassender Begriff ist. Jedoch ist es möglich diesem im Diskurs mit seinem System zu verstehen, das heißt die Postmoderne in Vergleich mit anderen Begriffen zu setzen und Epochen werden erkennbar. Dennoch erscheint die Postmoderne häufig, wie gezeigt wurde, beliebig, die Merkmale, die Ihab Hassan nennt und als Artikel Postmoderne heute in Wege aus der Postmoderne, herausgegeben von Wolfgang Welsch publizierte, sind meiner Ansicht nach hilfreich für die Eingrenzung des Begriffs. Die zentralen Elemente der postmodernen Kunst sind 245 Burger, Rudolf: Im Namen der Geschichte, zu Klampen Verlag, Hannover, 2007, S.21 246 Vgl. Metzger, Rainer: Kunst in der Postmoderne, S.19 247 Clement Greenberg (1909–1994) war ein US-amerikanischer Kunstkritiker. 248 Greenberg, Clement: Modernist Painting, S.1 [Zugriff: 23.11.2014] Vgl.: http://cas.uchicago.edu/workshops/wittgenstein/files/2007/10/Greenbergmodpaint.pdf 249 Vgl.: Hasan, Ihab: Postmoderne heute. In: Welsch, Wolfgang (Hg.): Wege aus der Moderne. Schlüsseltext der Moderne, Weinheim 1988, S.47–56 95 demnach: die Unbestimmtheit, die Fragmentarisierung, die Sprengung der Normen, die Auflösung von Werk und Individuum (sprich KünstlerIn), die Hybridisierung, und dadurch auch das Aufbrechen jeglicher Genre-Grenzen, sowie der Konstruktcharakter der künstlerischen Arbeiten. Zum Schluss des Kapitels bleibt aber die Frage dennoch offen, ob wir an die Postmoderne glauben. Es gibt keine Wahrheit. Dementsprechend gibt es nur unterschiedliche geschichtliche Darstellungen der Vergangenheit. Die Geschichtsschreibung ist nie wertfrei. Beispielsweise sei an dieser Stelle auf die „Geschichtsschreibung“ Österreichs verwiesen. Zuerst sah sich Österreich nur in der Opferrolle und erst allmählich Begann eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der Rolle Österreichs während der NS-Zeit. Ein weiteres Beispiel hierfür ist auch der Konflikt zwischen dem türkischen Staat und dem armenischen Volk. Mittlerweile haben viele Staaten anerkannt, dass die Türkei 1915–1916 einen Genozid begangen hat. Die türkische Regierung sieht dies allerdings anders und dementsprechend wird auch eine andere Geschichte in der Türkei gelehrt und verbreitet. Insofern müssen wir also auch kunsthistorische Kategorien und „Geschichtsschreibungsversuche“ kritisch hinterfragen. Die AutorInnen und WissenschaftlerInnen solcher Publikationen können sich nicht aus ihrer eigenen Zeit herausnehmen und auch nicht ihre eigene Ansicht verleugnen, also dementsprechend sind diese Texte (Geschichtsschreibungen) nie wertfrei und nur sachlich zu verstehen. Ebenfalls muss erwähnt werden, dass auch ZeitzeugInnen nicht objektive Berichte liefern, sie liefern ebenfalls nur einen subjektiven Ausschnitt eines Bildes oder einer Zeit. Demnach ist auch die Analyse der Postmoderne und die „Kategorisierung“ ihrer KünstlerInnen und deren geschaffenen Objekte nicht als wertfrei anzusehen. Folglich ist die kunstgeschichtliche Praxis kritisch zu hinterfragen und eine eindeutige Klärung des Begriffs Postmoderne kann auch aus diesem Grund nicht vollständig dargelegt werden. Dies würde womöglich aber dem grundlegendsten Credo der Postmoderne entgegen gesetzt sein, nämlich der Beliebigkeit!

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Zusammenfassung

Mittels roher, frischer Ideen und ehrlicher Äußerungen über so manche seltsame Anwandlung in der Kunst und im Kunstbetrieb nähert sich Svoboda-Grafschafter den zentralen Fragen der Kunstphilosophie: Was ist denn überhaupt Kunst? Was ist ein/e Künstler/in? Was ist ein Kunstwerk, und hat sich der Kunstbegriff durch die Postmoderne verändert? Sollte ein Kunstwerk eigentlich nicht nur schön sein und gefallen? Und was bedeutet ästhetisch? Inwieweit trägt die Kunstgeschichtsschreibung zur Entstehung eines Kunstwerks bei? Die vorliegende Arbeit versucht nicht zu belehren, sondern im Irrgarten der Kunst eigene Wege zu begehen und Gedanken aufzuspüren. Die Autorin analysiert die komplexen Zusammenhänge dabei teilweise fragmentarisch und nicht immer logisch stringent, denn dies ist auch der Kunst fremd.

„Mit dem Buch Kunst und ihre Geschichtlichkeit legt die Autorin eine mutige und zukunftsweisende Exegese vor, die dem immerwährenden Fragenkreis ‚Was ist Kunst?‘ keine finale, unzureichende Antwort entgegensetzt, sondern völlig zurecht das ‚Problem‘ offen und weiter bearbeitbar lässt. Das allerdings gelingt Svoboda-Grafschafter in einem erfreulich feuilletonistisch angelegten, heißt lesbaren Text – klug und philosophisch unterfangen von einer aktiven Künstlerin eben.“ (Prof. Dr. Marion Elias)