3. Kunst und Philosophie. Geht das überhaupt? in:

Hanna Svoboda-Grafschafter

Kunst und ihre Geschichtlichkeit, page 32 - 42

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4222-9, ISBN online: 978-3-8288-7177-9, https://doi.org/10.5771/9783828871779-32

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 33

Tectum, Baden-Baden
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32 3. Kunst und Philosophie. Geht das überhaupt? Wie bereits in der Einführung angedeutet steht ein konfliktreiches Unterfangen bevor. Kann eine philosophische Betrachtung der Kunst jemals Genüge tun, oder ist das Vorhaben per se zum Scheitern verurteilt? Die Kunst will so verstanden und dargestellt werden wie sie ist, daher kann ein vollkommenes Verständnis nur durch die Kunst selbst geleistet werden. Verstehen ist grundsätzlich nicht der einzige Zugang zur Kunst. Kunst kann, wie durch Hegels Sentenzen bereits kurz angedeutet wurde, auch sinnlich erfahren werden. Die vollkommene Möglichkeit Kunst erfahren oder verstehen zu können, scheint nur durch die Kunst selbst möglich zu sein. JedeR KünstlerIn kennt diesen Moment des Schaffens, wo im Fluss des Tuns alles klar und deutlich ist. Aber auch der/die RezipientIn kann am vollkommensten Kunst nur durch die Kunst selbst erfahren und verstehen. So sehr dies vielleicht wahr sein mag, so ist dennoch eine philosophische Sichtweise und Herangehensweise gewinnbringend. Die Klärung von Begrifflichkeiten der Kunst ist zwar keine ausnahmslos philosophische Materie, wohl aber auch, da die Philosophie, wie bereits gezeigt wurde, eine „Grundwissenschaft“ ist, dass heißt, sich mit grundlegenden Fragen auseinandersetzt. Eine dieser Fragen ist die Frage nach der Herkunft und Verortung der Kunst. Darüber hinaus halte ich es wie Bertrand Russel, der die Philosophie nicht als exakte Wissenschaft verstand, sondern ihre zentrale Herausforderung darin sah, Fragen zu stellen und nachzudenken und zum Denken anzuregen.58 Das ist ihre zentrale Aufgabe, und dies soll das zentrale Element der vorliegenden philosophischen Dissertation sein. Es geht um die Frage nach den zentralen Elementen der Kunst. In unseren alltäglichen Umgang mit den Künsten herrscht die Überzeugung vor, daß die Kunst mit Verstand und Vernunft nicht faßbar sei. Sie fällt aber auch nicht in den Bereich der Lebensbewältigung und des zweckgerichteten Handelns. Kunst spricht – so scheint es – stattdessen 58 Russel, Bertrand: Philosophie des Abendlandes, S.11f 33 das Gefühl an und entspringt dem zweckfreien Spiel. Ein solches Phänomen kann nicht begrifflich dargestellt oder kritisiert werden;59 Zugegeben, Kunst kann nicht mit quantitativen Forschungsmethoden und auch nur bedingt mit qualitativen Forschungsmethoden verstanden, zerlegt, begriffen, aber sehr wohl kann durch eine philosophische Klärung den Grundstrukturen der Kunst etwas näher gekommen werden. Das steht meiner Meinung nach nicht im Widerspruch dazu, dass Kunst durch Erfahrung der RezipientInnen womöglich ganz andere Erkenntnisse oder Eindrücke liefert. „Jeder Mensch wird an hunderterlei Dinge erinnert, wenn er ein Bild betrachtet, und sie alle beeinflussen seine gefühlsmäßige Einstellung.“60 Das bedeutet dass unter anderem die unterschiedlichen Erfahrungen die Rezeption eines Kunstwerkes beeinflussen. Darüber hinaus gibt es, wie bereits im Kapitel 2 beschrieben, auch noch mehrere parallele, ebenbürtige Wege um zu Erkenntnisgewinn zu gelangen. Beispielsweise durch wissenschaftliche Forschungsmethoden (z.B. Experimente, qualitative oder quantitative Methoden), durch philosophische Herangehensweise (z.B. durch das Denken als Ursprung jeglicher Erkenntnis, die Induktion, Falsifikation und dergleichen) oder durch die Kunst als Erfahrung selbst (Rezeption und Erfahrung von bildender Kunst, darstellender Kunst, Literatur, Dichtung, Musik etc.). Für mich ist der Erkenntnisgewinn über Kunst durch eine philosophische Herangehensweise ebenso wichtig, wie der Erkenntnisgewinn über die Kunst selbst, das heißt durch das Erleben und Erfahren. Sie sind weder im Widerspruch noch sind sie in Konkurrenz zueinander. Viel eher sind sie als komplementäre Arten des Erkenntnisgewinnens von Kunst zu betrachten. Am Anfang steht die Frage, was Kunst ist. Doch der stetige Wandel der Kunst und auch des Begriffes der Kunst macht eine Debatte äußerst schwierig, da zunächst geklärt werden muss, von welchem Begriff und von welchem Verständnis dessen man ausgeht. In classical antiquity, the word ‚art‘(Greek, tekhne, latin ars) was the name given to any activity governed by rules; art was that which could be taught, and as such did not include activities governed by instinct or intuition. So, for example, music and poetry were not at first numbered amongst the arts as they were considered the products of divine inspiration, beyond mortal accountability.61 59 Gethmann, Siefert: Einführung in die Ästhetik, S.7 60 Gombrich, Ernst Hans: Die Geschichte der Kunst, Phaidon Verlag, Berlin, 1996, S.31 61 Burgin, Victor: The end of art theory, Macmillian, Houndmills, 1986, S.143 34 Bei den Vorsokratikern bedeutete technē demnach das Können der Handwerker, die mit dem Namen tekton bezeichnet wurden.62 Darüber hinaus war aber auch das zielgerichtete Handeln ein Charakteristikum von Kunst. […] wo technē das Tun bestimmt, gibt es ein τέλος, ein Ziel, auf das hin gewirkt, etwas, das bewegt, ein Werk oder eine Tat, die verwirklicht werden sollen. Damit wird technē ein Mittel zur planvollen Erreichung eines Zieles.63 Im Allgemeinen wurde technē in zwei Kategorien unterteilt: in sogenannte niedrig stehende Kunst wie Leichenbestattung, Bankwesen, Salbenherstellung sowie Schmiedekunst und in höhere, wie die der „freien“ Künste. Diese wurden unter anderem von Musikern, Dichtern und Schauspielern, aber auch Wissenschaftlern, wie beispielsweise Ärzten, ausgeübt.64 Also, wenn Kunst zielgerichtet ist und gelehrt werden kann, wovon in der Antike ausgegangen wurde, ist Kunst nicht ursprünglich dem Göttlichen zuordenbar, sondern eine „geistige“ Tätigkeit, die lehrbar ist und demzufolge auch erlernbar. Hätte sie nur intuitiven Charakter, das heißt läge ihr Ursprung nur im Inneren und wäre ihre „Kraft“ göttlich wäre sie nicht erklärbar und kaum lehrbar. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass ich mir für die vorliegende Arbeit und Analyse anmaße, den Blick auf die Kunst aus meinem Blickwinkel zu werfen. Da wir die Welt eben nur immer durch unseren Blick, unsere subjektiven Augen sehen, erkennen, erfahren, verstehen und interpretieren können. Dies führt wieder wie bereits in der Einleitung erwähnt zu Schopenhauer, der von der Prämisse ausgeht, das alles was wir erkennen können, nur als Vorstellung vorhanden ist65, und dies ist für die Kunst eine zentrale Erkenntnis. Wie Menschen Sachen sehen und interpretieren liegt wörtlich gesprochen im Auge des/der Betrachters/In. Keine Wahrheit ist also gewisser, von allen anderen unabhängiger und eines Beweises weniger bedürftig, als diese, daß Alles, was für die Erkenntnis da ist, also die ganze Welt, nur Objekt in Beziehung auf das Subjekt ist, Anschauung des Anschauenden, mit einem Wort, Vorstellung.66 62 Löbl, Rudolf: Texnh:Untersuchung zur Bedeutung dieses Wortes in der Zeit von Homer bis Aristoteles. Von Homer bis zu den Sophisten. Band 1. Königshausen & Neumann, Würzburg 1997, S.11 63 Ebd. S.211 64 Ebd. S.211–214 65 Vgl. Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung, S.32f 66 Ebd. S.32 35 Dieses Bedingtsein des Objekts durch das Subjekt macht den vorliegenden Versuch aus die Kunst mittels der Philosophie zu denken, legitim und schlüssig. Denn wie sonst als durch uns selbst wird die Welt für uns erklärbar und verstehbar. Keine Existenz ohne Wahrnehmung. Die Frage lautet daher auch provokant, wie kann Kunst denn überhaupt sein, wenn sie nicht wahrgenommen und in weiterer Folge gedacht wird. Ein „esse“ [Sein] ohne „percipere“ [wahrnehmen] scheint somit nicht möglich zu sein! In Bezug auf die Kunst bedeutet dies weitergedacht, ohne dass Kunst gemacht wird, sprich mittels Zeichen, Farben, Worten, Klängen und dergleichen, würde kein percipere möglich zu sein. Es ist aber natürlich nicht zwangsweise notwendig, dass ein Kunstwerk erst durch die öffentliche Präsentation seinen Werkcharakter erhält. Es reicht auch, wenn das Kunstwerk alleine durch den/die ProduzentIn wahrgenommen wird. Ein Subjekt ist ausreichend, damit ein Objekt zumindest für eine Person zum Kunstwerk wird. Es ist also nicht allein die Ausstellungspraxis die ein Werk zu einem Kunstwerk macht. Abschließend lässt sich für dieses Kapitel festhalten, dass Kunst und Philosophie beide unterschiedliche Herangehensweise von Erkenntnisgewinn darstellen können. Obgleich angemerkt werden muss, dass dies grundsätzlich nicht die inhärente Zielsetzung von Kunst ist, aber durch die Erfahrung, die wir Menschen durch sie machen, ermöglicht Kunst Erkenntnis zu erlangen. Vielleicht könnte man das salopp formuliert als Nebenwirkung von Kunst ansehen. Damit gibt es immer einen Erkenntnisgewinn auch für die ProduzentInnen in der Kunst. Demzufolge bedeutet ein Kunstwerk zu „machen“ immer eine Art von Forschung zu betreiben, sei es nur für sich persönlich beziehungsweise am eigenen Leib. Ich habe begonnen darzulegen, dass die Philosophie als Erklärungs- und Deutungsmodell für Kunst dienen kann, da die grundlegende Forschungsmethode für den Erkenntnisgewinn das „Denken“ im Allgemeinen darstellt. Es geht nicht um das Reinquetschen der Kunst in ein strenges Forschungsparadigma, sondern um ein freies, offenes Denken über Kunst, das eine andere Art von Erkenntnis als die Kunsterfahrung selbst offenbaren kann. Im Folgenden wird im ersten Schritt eine Annäherung an die Begriffe der Ästhetik und des Kunstwerks vorgenommen. Anschließend wird mittels ausgewählter philosophischer Positionen das System Kunst analysiert und gedeutet. Darauffolgend wir die Postmoderne charakterisiert und erforscht, wie es sich augenblicklich mit dem System Kunst verhält. 3.1. Ästhetik: Was ist das? Umgangssprachlich wird etwas als ästhetisch bezeichnet, wenn es für uns als „schön“ einzustufen ist. Des Weiteren findet man auch den Ausdruck der spezifischen ästhetischen Ausformung, und der Begriff wird auch eingrenzend für eine bestimmte Ästhetik verwendet. Man erkennt beispielsweise die 36 Ästhetik der Ostblock-Länder an ihren architektonischen Merkmalen. „Der philosophischen Ästhetik fällt deshalb neben der Bestimmung der Kunst im Kontext der menschlichen, geschichtlichen Kultur die Aufgabe zu, auch die Rolle der Kunstphilosophie als Wissenschaftstheorie der Kunstinterpretation festzulegen.“67 Um nun Kunst zu verstehen, ist es eben dienlich, den zentralen Begriff der Ästhetik einmal näher zu beleuchten. Wenn wir umgangssprachlich über etwas Ästhetisches sprechen, meinen wir gewöhnlich etwas Schönes. Das Schöne und das Hässliche: zwei wesentliche Begrifflichkeiten der Kunst – das bipolare Paar. Ist das Hässliche aber immer das Gegenteil des Schönen? Automatisch würden wir das Schöne vor bzw. über das Hässliche einstufen, bewerten. Aber ist es beim Betrachten nicht manchmal sogar interessanter etwas Hässliches zu betrachten? Ist das Schöne nicht manchmal zu banal, zu einfältig um lange unsere Aufmerksamkeit zu halten? „Die Schönheit eines Kunstwerks ergibt sich Platons Meinung nach aus der spezifischen Einheit der dargestellten Sache. Die künstlerische Produktion gleicht dabei dem Verfahren eines Handwerkers, der Gebrauchsgegenstände herstellt.“68 Friedrich Nietzsche69 vertritt die Ansicht, „Die Kunst soll vor allem und zuerst das Leben verschönern ... alles Hässliche verbergen oder umdeuten, jenes Peinliche, Schreckliche, Ekelhafte, welches trotz allem Bemühen immer wieder, gemäß der Herkunft des menschlichen Natur, herausbrechen wird ... .“70 verschleiern. Demnach galt auch der Begriff des Schönen bis ins 18. Jahrhundert als Qualitätsurteil für Kunst. So konstatiert Nietzsche weiter „An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit zu sagen >das Gut und das Schöne sind Eins<, fügt er gar noch hinzu,

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Zusammenfassung

Mittels roher, frischer Ideen und ehrlicher Äußerungen über so manche seltsame Anwandlung in der Kunst und im Kunstbetrieb nähert sich Svoboda-Grafschafter den zentralen Fragen der Kunstphilosophie: Was ist denn überhaupt Kunst? Was ist ein/e Künstler/in? Was ist ein Kunstwerk, und hat sich der Kunstbegriff durch die Postmoderne verändert? Sollte ein Kunstwerk eigentlich nicht nur schön sein und gefallen? Und was bedeutet ästhetisch? Inwieweit trägt die Kunstgeschichtsschreibung zur Entstehung eines Kunstwerks bei? Die vorliegende Arbeit versucht nicht zu belehren, sondern im Irrgarten der Kunst eigene Wege zu begehen und Gedanken aufzuspüren. Die Autorin analysiert die komplexen Zusammenhänge dabei teilweise fragmentarisch und nicht immer logisch stringent, denn dies ist auch der Kunst fremd.

„Mit dem Buch Kunst und ihre Geschichtlichkeit legt die Autorin eine mutige und zukunftsweisende Exegese vor, die dem immerwährenden Fragenkreis ‚Was ist Kunst?‘ keine finale, unzureichende Antwort entgegensetzt, sondern völlig zurecht das ‚Problem‘ offen und weiter bearbeitbar lässt. Das allerdings gelingt Svoboda-Grafschafter in einem erfreulich feuilletonistisch angelegten, heißt lesbaren Text – klug und philosophisch unterfangen von einer aktiven Künstlerin eben.“ (Prof. Dr. Marion Elias)