7. Reflexionen in:

Hanna Svoboda-Grafschafter

Kunst und ihre Geschichtlichkeit, page 118 - 129

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4222-9, ISBN online: 978-3-8288-7177-9, https://doi.org/10.5771/9783828871779-118

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 33

Tectum, Baden-Baden
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118 7. Reflexionen Nach vorliegendem Streifzug durch ausgewählte philosophische Positionen und dem Versuch, die Kunst in und nach der Postmoderne zu deuten, wird an dieser Stelle der Versuch einer Zusammenschau unternommen. Obwohl nochmals darauf hingewiesen werden muss, das etwas, dass sich dauernd ändert, also die Bezeichnung, was denn nun Kunst sei, schwer zu fassen ist. Um Kunst zu verstehen und einen Kunstbegriff etablieren zu können, bedarf es immer einer Analyse des gegenwärtigen Raums und der Zeit, einfach gesprochen, des Umfeldes. Das einzige Problem, welches sich dabei stellt ist, dass es sehr schwierig ist das augenblickliche „Milieu“ zu kennen. Dies wurde bereits bei der Analyse, dass beispielsweise KunstwissenschafterInnen sich eben nie aus ihrer „Zeit“ herausnehmen können und daher jegliche wissenschaftliche Untersuchung oder These nie wertfrei und objektiv sein kann, verdeutlicht. Das Grundproblem stellt das Faktum des perspektivischen Blickes dar. Wir können die Welt nur aus unserem Blickwinkel beziehungsweise unserer Position betrachten. Welchen Dingen, Menschen, Thesen und dergleichen wir Bedeutung beimessen ist immer subjektiv. Beispielsweise hat Gold keinen Wert per se. Das heißt, Gold ist physikalisch gesprochen eine Substanz, doch wie wir damit umgehen, das heißt umgangssprachlich „was wir daraus machen“, liegt in unserer subjektiven und danach auch gemeinschaftlichen Betrachtungsweise. Das heißt weiter, welchen Wert wir301 dieser Substanz beimessen (wohlgemerkt bei-messen) ist ein wesentlicher Umstand in unserer Gesellschaft. Dadurch wird vielleicht auch deutlich, warum Marketing und Öffentlichkeitsarbeit im weiteren Sinn als Meinungsbildungswerkzeuge agieren und äußerst wichtige Instrumentarien in unserer heutigen Zeit darstellen. Nicht nur in Wirtschaftsbetrieben, auch in sozialen Organisationen und natürlichen auch im Kunstbetrieb um den es hier vorrangig geht. 301 Mit „wir“ ist an dieser Stelle die Gesellschaft gemeint. Dies ist aber nie einheitlich, daher kommt es auch immer wieder zu Neubewertung von unterschiedlichen Dingen, Thesen, Werten etc. 119 Abb. 6: Circle of Lorenzo Pasinelli (1629–1700), Öl auf Leinwand, 94 x 118 cm, Titel: Eine Frau gießt aus einem Krug Wein in die Schale eines Obsthändlers - Una donna che versa vino nella scodella di un fruttivendolo. Dort liegt auch das Grundproblem aller Debatten und Abhandlungen über Kunst. Wir diskutieren über ein Phänomen, das im realen Raum keine Wirklichkeit hat. Kunst, vor allem Musik, hat eine Wirklichkeit zweiter Ordnung, wie wir bei Adorno feststellen konnten. Ohne den Menschen hat sie keine Wertigkeiten aber wohl unterschiedliche Wirklichkeiten. Gleich wie beim Gold gibt es eine physikalische Wirklichkeit, die Leinwand, die Skulptur, die Ornamentschale und dergleichen. Wie wert-voll oder wie wertleer, oder dann für manche Menschen bedeutungslos diese Kunstwerke und Kunstobjekte sind legt der Mensch fest302 und das ist eben durch den/die KünstlerIn wandelbar oder zumindest teilweise beeinflussbar. Die gewöhnliche Schale wird beispielsweise durch Lorenzo zum Kunstwerk, zum Bild und erhält dadurch eine neue Bedeutung beziehungsweise einen anderen Wert. Aber es sind nicht nur die KünstlerInnen alleine, die Kunst zu Kunst machen. Ebenso kann es der Fall sein, dass die Welt „außerhalb“ die Kunst macht, das heißt für bestimmte Rezipienten/innen können gewisse Werke eben von besonderer künstlerischer Bedeutung sein. Die Bedeutung eines Kunstwerkes scheint demzufolge in seiner Zuschreibung zu liegen. Niemand wird einen naturwissenschaftlichen Beweis darüber liefern können, ob dieses Werk mehr wert ist als ein anderes. Deswegen scheint es müßig zu sein, sich einem Diskurs darüber zu widmen. Es sind persönliche Urteile, die wir darüber austauschen und von denen wir zu glauben meinen, sie haben Wahrheitsgehalt und wären objektive Urteile, die wir uns bilden. Problematisch wird es nun allerdings bei Kunstobjekten, die nicht gegenständlich greifbar sind beziehungsweise erfahrbar sind. Das Theaterstück und das Musikstück sind mehr als die Summe seiner Aufführungen und selbige Kunstprodukte sind eigentlich streng genommen nur im Moment er- 302 Vgl. Watzlawick, Paul: Wenn du mich wirklich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen, Piper, München, 2011, S.31 120 fahrbar, aber nicht konservierbar. Jedes Mal ist das Werk durch seine neue, andere Aufführung nicht ident mit der vorigen Darbietung oder Interpretation. Immer etwas Neues, etwas Ähnliches aber niemals etwas Identes! So soll beispielsweise Ludwig van Beethoven dem Volksmunde nach nie zufrieden mit den MusikerInnen und Aufführungen gewesen sein und die Meinung vertreten haben eigentlich „verhunzen“ die MusikerInnen seine Werke. Dies mag aus Beethovens Sicht stimmen, aber auch nur ein Geschmacksurteil darstellen. So dient dennoch stets die jeweilige individuelle Vorliebe, was Kunst ist. Einen festgeschrieben Konsens darüber kann es nicht geben. Für viele Menschen ist der Verlust des Kunstobjektes in der Kunstproduktion unverständlich und nicht nachvollziehbar. Die üblichen Maßstäbe, an denen wir Kunst messen, be-werten, das heißt präzise ausgedruckt Bedeutung bei-messen sind heute nicht mehr ausreichend. Beispielsweise ist Kunst nicht einfach nur mehr als schön oder hässlich zu bewerten. Auch das Hässliche oder der Ekel ecetera haben mittlerweile einen wichtigen Stellenwert in der Kunst. Das impliziert in weiterer Folge auch jede/r Rezipient/In hat das Recht, sich ihren/seinen eigenen Kunstbegriff zu machen und zu entscheiden, was dazugehört und was nicht. Es ist jedoch festzuhalten, dass womöglich zu wenig von diesem Recht gebrauch machen und sich lieber von einem sogenannten Fachdiskurs beeinflussen lassen oder im schlimmsten Fall der Kunst einfach den Rücken zukehren, weil sie dem Fachpublikum bei der Definition von Kunst nicht folgen können. Für meine Untersuchung, meine Findung und meiner Definition war es anscheinend wichtig, Abstand zum künstlerischen Betrieb zu bekommen. Der freie, offene Blick erforderte ein Zurücktreten, ein Beiseitetreten um ein eigenes Bild, das heißt ein eigenes Urteil meiner eigenen Wirklichkeit zu finden, die für mich schlüssig und dienlich ist. Dabei musste ich mich auch von der schweren Last einer philosophischen Dissertation befreien, an die man so einige Erwartungen und Projektionen, wie im Vorwort angemerkt wurde, hat. Doch um etwas klären zu können, musste ich erst verstehen, dass es sich um meine Wirklichkeit im philosophischen Sinne des Konstruktivismus handelt. Zudem ging es auch um das Finden einer Vogelperspektive. Erst durch den Abstand zum Kunstbetrieb und seinem eigenen systemischen Denken war ich frei genug, die Sache kritisch zu betrachten und meine eigene Anschauung der Dinge zu finden. Jede kunsttheoretische Abhandlung und Definition war und ist ein Kind ihrer Zeit, wenn man so will. Genauer gesagt, ihrer kürzlich voran gegangenen Zeit. Denn die gegenwärtige Kunst, die zeitlich gleich zu den kunsthistorischen Überlegungen stattfindet, ist nicht greifbar. Wir betrachten Werke und Kunstschaffende, denen schon eine Bedeutung, Relevanz zugestanden wurde. Wohlgemerkt das Wort zu-gestehen. Wieder spiegelt sich in unserer Sprache der Hinweis, dass Kunst eine Wirk- 121 lichkeit zweiter Ordnung hat, wie dies bereits im Kapitel bei Adorno näher ausgeführt wurde. Frei nach meinem letzten künstlerischen Professor, Erwin Wurm, der bei einer Semesterbesprechung folgenden Satz sinngemäß formulierte: „Ob dies Kunst ist, wird die Geschichte zeigen.“ Die gerade aktuelle Kunst ist noch frei von Beurteilung. Aber wo ist sie wirklich zu finden? Dies wäre zu analysieren, es ist aber sicher nicht die Kunst, die sich bereits im gängigen Ausstellungsbetrieb befindet. Vielleicht ist es die aktuelle und „freie“ Kunst303 auf den Kunst-Universitäten, doch auch dort findet bereits eine Selektion statt.304 Darüber hinaus geschieht Kunst auch abseits der gängigen Kunstproduktionsorte: Universitäten, Museen, Ausstellungen und dergleichen. „Solange unsere Weltkonstruktionen passen, leben wir ein erträgliches Leben.“305 Im Nachhinein erscheint mir mein Problem, meine Suche nach einem klar definierten Kunstbegriff schlüssig. Meine Welt war durcheinander geraten, meine gewohnten Sichtweisen, was Kunst ist, waren dadurch ebenfalls aufgewühlt worden. Hätte man mich als Kind, als Teenager gefragt, was Kunst sei, hätte ich eher eine Antwort geben können, im Gegensatz dazu konnte ich es als Absolventin einer Kunsthochschule und des Instituts für Philosophie der Universität Wien mit 30Jahren nicht mehr. Mein Ziel war, Kunst zu machen (bewusst verwende ich hier den Begriff des Kunst- Schaffens nicht, da er mir zu sehr mit dem Begriff des Kreators, des Schöpfers, verbunden ist), egal ob sie anderen gefällt oder nicht. Während des Kunststudiums lernte ich viele neue, sehr interessante Kunstauffassungen kennen. Doch mein Ziel habe ich am Weg aus den Augen verloren beziehungsweise verschwand es aus den möglichen Welten, die ich mir vorstellte. Denn was bedeutet „Ziele zu verfolgen“ sonst als sich mögliche Welten auszumalen. Ich ging ab von der Universität, ohne zu wissen, was es heißt Künstlerin zu sein, ohne zu wissen, was ein Kunstwerk nun ist, was es nun wirklich bedeutet. Und diese Tatsache, dieser Umstand, begleitet mich die letzten Jahre, sodass ich mir nicht mehr sicher war oder bin, ob ich Künstlerin sein will. Was mir aber durch die Recherche, das Aufspüren von Theorien, wenn man so will, Hilfskonstruktionen für das Verstehen der Welt, klar wurde, dass ich Dinge Gestalt werden lassen will. In der Produktion sollen aber keinerlei 303 Anmerkung: freie Kunst in dem Sinne, dass diese beispielsweise noch nicht vom Kunstmarkt oder von Kunstinstitutionen beeinflusst wird. 304 Verweis auf Joseph Beuys, der 1972 als Kunstprofessor fristlos entlassen wurde, da er mit den abgewiesenen Studierenden gegen die Kunstakademie Düsseldorf demonstrierte. Er selbst vertrat die Ansicht, dass jede/r Kunst studieren sollte können, der/die will. Dementsprechend hatte er 1971 plötzlich 400 Studierende in seiner Klasse. 305 Watzlawick, Paul: Wenn du mich wirklich liebtest, wurdest du gern Knoblauch essen, S.33 122 Bedingungen einfließen. Das heißt das Produkt soll mir genügen, ich stelle das Maß aller Dinge dar. Dies bedeutet nicht, dass der Austausch über diverse Dinge nicht auch dienlich sein kann, sein eigenes Bild der Welt zu überprüfen und neue Einflüsse mit einzubinden. „Kein Zusammenhang ist möglich. Oder anders gesagt, ich bin der Zusammenhang. Ich selbst bin die Bedeutung des Zusammenhangs.“306 Paul Watzlawicks Gedanken folgend habe ich mir ein Weltbild durch verschiedene Zusammenhänge, die von mir gewählt wurden, gebildet. Das einzige wahrhaft Wichtige ist, dass einem bewusst ist, dass es eines der vielen möglichen Wirklichkeitsabbilder ist. Analog zum Höhlengleichnis bei Platon ist mir klar geworden, dass ich im Lichte des Tages womöglich die Welt anders sehe. Doch ich kann nur Dinge, Sichtweisen in Betracht ziehen, die es zu erkennen gibt. Die Wirklichkeit hat nur insofern eine Ordnung, als wir zur Milderung unseres Zustands existentieller Desinformation eine Ordnung in den Lauf der Dinge hineinlesen (interpunktieren), uns aber nicht dessen bewusst sind, daß wir selbst der Welt diese Ordnung zuschreiben, sondern vielmehr unsere eigenen Zuschreibungen als etwas „dort draußen“ erleben, das wir die Wirklichkeit nennen.307 Die Sicht, die Welt und ihre Ordnung, das heißt ihre Begrifflichkeiten, die wir für sie schaffen, sind beziehungsweise können hilfreich für uns sein die Welt zu verstehen, das heißt sie zu ordnen. Ordnungen sind aber nicht fixiert und nicht unumstößlich, sondern sie sind fliesend, dynamisch manchmal wiederkehrend, dann aufbauend oder rückbezüglich auf etwas, dann wieder einfach nur anders und neuartig. Für den aktuellen Moment habe ich eine Ordnung der Dinge gefunden, die mir passend und dienlich erscheint. Mir ist aber bewusst, dass es gleichzeitig und anderenorts andere Wirklichkeitsdefinitionen für Kunst geben kann, die ebenfalls in diesen Systemen einen Wirklichkeitsanspruch haben. Gleich wie Reisende, die durch eine erstmalige Frankreich-Reise entdecken, dass eine Kaffeetasse nicht immer einen Henkel braucht um eine Tasse zu sein, ist mir klar, dass ich durch zukünftige neue Erfahrungen neue Sichtweisen kennenlernen werde, die meine neue Ordnung der Dinge wieder umstoßen könnten. Dem Menschen liegt eine innere Sehnsucht nach Ordnung, nach unumstößlicher Ordnung zu Grunde. Wenn wir einmal Ordnung geschaffen haben, wollen wir diese beibehalten. Ordnung gibt uns Sicherheit und Halt. Der Preis der hierfür zu zahlen ist, ist aber hoch. Die Starrheit macht uns unbeweglich, stur und unfrei. Menschen haben zwar den Wunsch nach Ordnung die bestand hat, doch scheint es in der Ordnung immanent ein- 306 Ebd. S.37 307 Ebd. S.90 123 geschrieben zu sein, dass sie sich fortwährend verändert. Hat sie erst mal einen fixen Zustand gefunden, „kündigt“ sie uns dieses Versprechen beständig zu sein gleich wieder auf und wir benötigen eine neue Ordnung. Also ist die Ordnung immer im Fluss und nie statisch auch wenn wir diese Erwartungshaltung an sie haben. Wie das Meer mit seinem wiederkehrenden Lauf von Ebbe und Flut, scheint die Ebbe immer wieder neue Ordnungen zu schaffen, doch ohne die lebensnotwendige Flut, die Nahrung bringt, die aber die Ordnung wieder vollkommen zerstört, ist ein fortwährender Kreislauf von Ordnen und Neuordnen unumstößlich. So konstatiert auch Paul Watzlawick308 dass eine der wichtigsten Eigenschaften menschlicher Existenz mittlerweile wohl der Umgang mit relativen Wahrheiten beziehungsweise Erkenntnissen darstellt. Die Fähigkeit, mit relativem Wahrheiten zu leben, mit Fragen, auf die es keine Antworten gibt, mit dem Wissen, nichts zu wissen, und mit dem paradoxen Ungewissheiten der Existenz, dürfte dagegen das Wesen menschlicher Reife und der daraus folgenden Toleranz für andere sein.309 Auch Peter Sloterdijk schreibt in Der ästhetische Imperativ, dass das Chaos und die Ordnung demnach ein essentiell verbundenes Paar sind. „Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. … Nicht der Verneinungsteufel ist des Chaos liebster Sohn, sondern der Wageteufel. Durch ihn hindurch setzt sich das bisher Unversuchte ins Werk.“310 Wir brauchen das Chaos311, das immer wiederkehrend unsere Ordnung zerstört um im Fluss zu bleiben. Daher sind wir immer eingebettet in ein Flussbett der aktuellen geschichtlichen Zeit. Demnach sind wir wie bereits eingangs in diesem Kapitel erwähnt alle nur Kinder unserer Zeit. Dieser Gedanke stimmt versöhnend: es wird klar, dass die Suche nach der Wahrheit immer nur eine auf die zeitbezogene Antwort liefern kann. Sie lässt uns die manchmal radikal wirkenden Positionen und Erklärungsversuche von so manchen PhilosophInnen in ein neues Licht rücken. Diese Erkenntnis stimmt mich milde und beruhigt, dass wir es eben mit einem sehr komplexen Sachverhalt zu tun haben, der eingebettet in ein historisches System ist von dem 308 Paul Watzlawick (1921–2007) war ein österreichisch–amerikanischer Philosoph, Psychotherapeut, Soziologe und Kommunikationswissenschaftler der als zentraler Vertreter des radikalen Konstruktivismus gilt. 309 Watzlawick, Paul: Wenn du mich wirklich liebtest, würdest du gern Knoblauch essen, S.73 310 Sloterdijk, Peter: Der ästhetische Imperativ, S.403 311 Etymologisch stammt das Wort Chaos vom griechischen Verb χαίνω chaino („klaffen, gähnen“) ab und bedeutete ursprünglich „klaffender Raum“, „gähnende Leere“ oder Kluft. Quelle: Pfeifer, Wolfgang: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München, 7. Auflage 2004 124 man/frau sich nur bedingt herausnehmen kann. Das Leben ist im permanenten Fluss und auch wir können niemals in denselben Fluss steigen. Er ist ständig im fließen und daher immer anders. Dennoch bleibt die grundlegende Frage offen, wie Menschen eigentlich ihre Meinung und Urteile bilden. Wie entstehen Überzeugungen? Auf den ersten Blick scheint die Angelegenheit klar und eindeutig zu sein. Auf der einen Seite bewegen wir uns auf dem Terrain der Urteile über Sachverhalte, also über Fakten. Argumentationsketten führen wir nach logischen Prinzipien aus und bilden schließlich Urteile beziehungsweise Ergebnisse aus diesen logischen Überlegungen. Die Naturwissenschaft rühmt sich mit dieser Fähigkeit Wahrheiten herausfinden zu können, dank einer wissenschaftlichen und sachlichen Erarbeitung von Urteilen beziehungsweise Aussagen über die Welt. Ob die Wissenschaft dazu wahrhaftig im Stande ist, soll einmal Außen vorgelassen werden. Das bilden von Urteilen in der Kunst stellt ein weitaus schwierigeres Unterfangen dar. Doch es scheinen drei zentrale Punkte für uns wichtig zu sein: der Mensch ist zwar genetisch kodiert und bis zu einem gewissen Grad dadurch determiniert, aber die Umwelt unsere Erfahrung und das was wir erlernen im Laufe unseres Leben scheint von gleicher Wichtigkeit zu sein. Immanuel Kant hat eine präzise Analyse über das Bilden von Urteilen in seiner Kritik der reinen Vernunft, folgendermaßen auf dem Punkt gebracht: Das Fürwahrhalten oder die subjektive Gültigkeit des Urteils in Beziehung auf die Überzeugung (welches zugleich objektiv gilt) hat folgende drei Stufen: Meinen, Glauben und Wissen. Meinen ist ein mit Bewusstsein sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten. Ist das letztere nur subjektiv zureichend und wird zugleich für objektiv unzureichend gehalten, so heißt es Glauben. Endlich heißt das sowohl subjektiv, als objektiv zureichende Fürwahrhalten das Wissen. Die subjektive Zulänglichkeit heißt Überzeugung (für mich selbst), die objektive Gewißheit (für jedermann).312 Nun wird mittels Kant deutlich, dass das Bilden von Urteilen in drei Stufen, meinen, glauben und wissen vollzogen wird. Die Frage, die sich aber dann dazu stellt ist, wo bilden Menschen eigentlich ihre Gedanken, ihre Meinungen? Im Kopf, präziser gesagt im Gehirn. Die Neurowissenschaften haben in diesem Bereich erstaunliche Erkenntnisse zu Tage gebracht beziehungsweise die bereits vorhandenen geisteswissenschaftlichen Thesen bekräftigt, wie der Ablauf der Meinungsbildung sich vollzieht. Wie entstehen Werte? Wie bilden wir uns Urteile über Dinge, über Sachverhalte? Wenn wir Meinungen äußern oder Urteile fällen, treffen wir Aussagen über Sachverhalte, wie wir zu etwas 312 Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Anaconda Verlag, Köln, 2015, S. 672 125 stehen, wie wir etwas beurteilen/sehen. Hierbei geht es aber nicht um Wahrheiten, die wir verkünden. Oft lassen wir uns von rhetorischen Fähigkeiten bestimmter RednerInnen täuschen und nehmen gewisse Aussagen als Tatsachen und Wahrheitsurteile an. Aber wie schon Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft festhielt, Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen, (die Rezeptivität der Eindrücke) die zweite, das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zuerkennen: (Spontanität der Begriffe); durch die erstere wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser, im Verhältnis auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüts) gedacht. Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unserer Erkenntnis aus, so daß weder Begriffe, ohne ihnen auf einige Art korrespondierende Anschauung, noch Anschauung, ohne Begriffe, ein Erkenntnis abgeben kann. Beide sind entweder rein, oder empirisch. Empirisch, wenn Empfindung, (die die wirkliche Gegenwart des Gegenstandes voraussetzt) darin enthalten ist: rein aber, wenn der Vorstellung keine Empfindung beigemischt ist. Man kann die letztere die Materie der sinnlichen Erkenntnis nennen.313 Dies bedeutet im kantschen Sinne beruhen unsere Urteile, unsere Erkenntnisse einerseits auf dem Gemüt und andererseits auf unseren Vorstellungsvermögen. Das Gemüt liefert Anschauungen und unsere Vorstellung, sprich unser Verstand, im eigentlichen Sinne liefert uns Begriffe. Doch beides ist unabdingbar miteinander verbunden. Kant wird oft als sehr verstandsorientierter, rational denkender Philosoph verstanden, doch Kant misst eben dem Gemüt und unserer Sinnlichkeit eine zentrale Rolle bei, so führt er beispielsweise an: Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe, sind blind. Daher ist es eben so notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als seine Anschauungen sich verständlich zu machen,) d. i. sie unter Begriffe zu bringen).314 Kants Erkenntnisse sind mittlerweile im bestimmten Belangen auch neurowissenschaftlich belegbar, so findet man in Der Beobachter im Gehirn von Wolf Singer315 folgende Erläuterung wie unser Gehirn funktioniert und wie zu unseren Erkenntnissen gelangen: 313 Ebd. S.112 314 Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, S.113 315 Wolf Joachim Singer (*1943) ist ein deutscher Neurophysiologe. 126 [...] uns das Gehirn als distributiv organisierter, hoch dynamisches System vorzustellen, das sich selbst organisiert, anstatt seine Funktionen einer zentralistischen Bewertungs- und Entscheidungsinstanz unterzuordnen; (...) das (...) auf der Basis seines Vorwissen unentwegt Hypothesen über dies es umgehende Welt formuliert, also die Initiative hat, anstatt lediglich auf Reize zu reagieren. Insoweit entspricht die neue Sicht, mit der unser Gehirn seinesgleichen beurteilt, durchaus einer konstruktivistischen Position.316 Das bedeutet, dass unser Gehirn nicht nur auf Reize reagiert, sondern wir Urteile unabhängig dessen bilden können. Unser Gehirn ist auf die Außenwelt, die Sinnlichkeit angewiesen, es bildet permanent Hypothesen über die Welt, aber nicht ausschließlich. Demzufolge operiert das Gehirn auch nicht reaktiv, sondern vielmehr pro-aktiv im Sinne einer konstruktivistischen Weltgestaltung. Kritisch wird das ganze Wirrwarr, wenn wir glauben zu wissen und unser scheinbares Wissen als einzige Wahrheit propagieren. Ein Beispiel für die konstruierte Welt, die plötzlich reale Auswirkungen hat ist die Krise in Griechenland: zunächst war es eine Finanzkrise, die schlussendlich aber realwirtschaftlich Auswirkung hatte und noch immer hat. Es zeigt sich, dass die nicht-reale Welt, die Gedankenwelt, die Welt der von uns geschaffenen Computersysteme schließlich durch uns zur Realität werden. Doch anscheinend sehen wir uns nicht als Kreator dieses Finanzsystem, sonst müssten wir doch reagieren können? Gleich ist es mit der Kunst, wenn plötzlich die Gedankenwelten der Kunstwerke, eine Realität eine Wahrheit über ein Werk verkünden. Diese Belehrungsmaschinerie, wie sie Marion Elias in ihrer Dissertationsschrift benennt, „stülpt“ sich über das Werk. Es wird zu einer unumgänglichen Kategorie „Jene Arbeiten, die sich einer derartigen hieroglyphischen Zerlegung widersetzen sind ebenso unstatthaft wie Annäherungen an Kunstwerke über das erklärte „Gefallen“.“317 Doch nochmal einen Gedankenschritt zurück. Bevor man sich der Frage widmet, wie sich Menschen Urteile bilden, ist es interessant, der Frage nachzugehen, wie Menschen grundsätzlich lernen. Eine der bestausgeprägten Lernmuster ist das Kopieren. Dabei muss man sich nur Kinder ansehen, um zu erkennen, dass dies eine der effizientesten Lernmethoden von Menschen ist. Der Neurobiologe Gerald Hüther318 hat im Bereich wie Menschen denken und wie sie ihre Urteile bilden eingehend geforscht. Meinungen werden ihm 316 Singer, Wolf: Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2002, S. 111 317 Elias, Marion: Niemandsland. Aus dem Notizbuch eines Malers, S. 36 318 Gerald Hüther (*1951) ist ein deutscher Neurobiologe. 127 zufolge auch aufgrund von Wiederholungen gebildet das heißt wir bilden Autobahnen in unserem Gehirn. Zunächst können Menschen, sprich Neugeborene, alles Denken und jede Sprache lernen, unsere Anlagen sind bereit in jegliche Richtung geprägt zu werden. Bildlich gesprochen sind wir ein Bausatz für ein Kraftfahrzeug. Je nach unseren vererbten Anlagen können wir ein starker großer LKW werden oder ein kleiner flinker Stadtflitzer oder vielleicht, da wir etwas schmächtig gebaut sind, ein Motorradauto. Neben diesen körperlichen Veranlagungen können wir uns aber selbst „tunen“ beziehungsweise neue Wege anlegen. Dies nennt man „Neuroplastizität“. In den frühen Entwicklungsjahren sind diese Abläufe natürlich extrem schnell, doch Forschungen zeigen, dass dies sehr wohl auch im Alter möglich ist. Lernen ist immer möglich. Einfacher und schneller geht es in frühen Entwicklungsjahren diese Autobahnen und diese neuronalen Netzwerke in unserem Gehirn stark zu machen. Unser Denken ist wie ein Weg, zuerst gibt es einen Dschungel und tausende Richtungen wie wir Verbindungen zu anderen Regionen, Netzen, Verbindungen, Synapsen herstellen können. Demnach müssen wir einmal Schneisen in den Urwald schlagen. Dadurch dass wir diese Wege dann immer wieder begehen, entstehen Pfade, daraus Wege, Straßen und Autobahnen. Wenn uns dann neue Wege gezeigt werden, müssen wir diese erst wieder beschwerlich verfestigen. Dies bedeutet, wir denken in gewohnten Mustern und Wegen. Doch es heißt nicht, dass wir nicht umlernen können, das hat die Neuroplastizität bewiesen. Dennoch erfordert es je älter wir werden und je weniger flexibler im Denken wir sind, einen immer größeren Aufwand. Auch unsere Auffassung was Kunst ist, ist kulturell geprägt und erlernt.319 Zudem muss festgehalten werden, dass Menschen grundsätzlich nur das sehen, was sie kennen. Vieles blenden wir automatisch aus unserem Alltagsleben aus. Elias kritisiert diesen Umstand, denn durch die augenblickliche Beliebigkeit in vielen zentralen Bereichen des menschlichen Lebens ist dadurch ebenfalls ein sehr merkwürdiger Umstand entstanden, dass plötzlich alles Kunst sein kann, solange nur der Beipackzettel, eine Landkarte fürs Denken, beigelegt wird, der uns erklärt, was das Kunstwerk für eine Bedeutung/Aussagekraft beinhaltet. „Alles und jedes kann damit zur Kunst erklärt werden, denn wir haben gelernt, nie sicher zu sein, daß der Heizkörper im Ausstellungsraum bloß ein Heizkörper ist und daß unser Nachdenken darüber wirklich stattfindet.“320 Natürlich kommt hier wieder die Frage nach dem Kunstwerk zum Tragen. Was macht nun das Kunstwerk aus? Wer entscheidet, was Kunst ist und was nicht? Die naheliegende Antwort ist wohl die kunstschaffende Person selbst; 319 Vgl. Hüther, Gerald: Für eine neue Kultur der Anerkennung. In: Neurodidaktik. Grundlagen und Vorschläge für gehirngerechtes Lehren und Lernen, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2009, S.199ff 320 Elias, Marion: Niemandsland. Aus dem Notizbuch eines Malers, S.36f 128 zumindest wurde beim Exkurs von Umberto Eco dies bis zu einem gewissen Grad verdeutlicht, dass in Ecos Verständnis jeder für sich selbst bestimmen kann, ob er/sie KünstlerIn ist. Die Machthoheit liegt beim Subjekt des/der Schaffenden. Für seine/ihre eigene Welt und Wirklichkeit scheint dies auch legitim zu sein. Dennoch scheint es so zu sein, als ob die Wirtschaftsrealität, die Kunstwelt, der Kunstmarkt, die Maschinerie der Kunstmuseen und die neuen Kunstmäzen, sprich die KunstsammlerInnen, eine große Entscheidungsmacht inne haben. Dies hängt von sehr viel verschiedenen Faktoren ab. Beispielsweise ist es gut, wenn man Legitimationsnachweise vorlegen kann. Das richtige Rezept gibt es allerdings noch nicht. Vielleicht ist dies aber noch eine lukrative Marktlücke, die es für Geschäftstüchtige noch zu bearbeiten gilt. Wie man ein Star wird, dafür gibt es ja unzählige Castingshows. Um ein Star als Sänger/in zu werden, bedarf es heutzutage nicht immer des Talents auch ein/e gute/r SängerIn zu sein, es gibt schon viele technische Hilfsmittel; viel wichtiger ist die äußere Hülle. Der sogenannte Stil, angefangen beim Outfit und dergleichen ist oftmals von entscheidender Bedeutung. Gleich dem Sprichwort: Außen hui, innen pfui. Die Verpackung muss vielleicht noch etwas attraktiver gestaltet werden, um das Produkt zu verkaufen. Der Schein ist das Entscheidungskriterium. Wenn Kunst, wie Duchamp meinte, nur die Definition von Kunst ist, dann benötigen wir kein Objekt. Aber durch diese Beliebigkeit, alles kann und darf alles sein finden wir uns eben auch nicht mehr zu Recht in der Welt der Beliebigkeit. Nur mittels Belehrung und Beipackzettel wird deutlich, was gemeint ist. Das Objekt sehen wir uns nicht mehr an.321 Ein kurzer Blick und sofort sind wir am Lesen was denn die kunstschaffende Person damit aussagen wollte. Und dennoch ist Kunst fixer Bestandteil des Menschseins, wie bereits mit Adorno festgehalten wurde und auch wenn viele Menschen die Gegenwartskunst häufig nicht verstehen, bleibt sie virulent und von Bedeutung. René Descartes schreibt in seiner Abhandlung über die Methode, richtig zu denken und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen, dass Kunst auch außerhalb unserer individuellen Logik erfahrbar und funktionieren kann. „Die Erfahrungen der Kunst legen dar, dass Verstehen auch anders zu funktionieren vermag, dass die Logik der Identität nicht das letzte Wort in Sachen Verstehen haben muss.“322 Dem schließe ich mich an, denn für mich ist es zwar sehr befruchtend und ergiebig über Kunst und Kunstwerke nachzudenken, dennoch bleibt eine auf der Logik und ausschließlich des Verstands basierten Erkenntnis immer unzureichend. Ich orientiere mich hierbei an Kant: ein voll- 321 Vgl. ebd. S.88ff 322 Bertram, Georg W.: Kunst. Eine philosophische Einführung, S.146 129 kommener Erkenntnisgewinn bedarf der Sinnlichkeit und der Vorstellung, des Verstandes! Zudem hat die Kunst für Hegel auch noch die Möglichkeit durch die freie Tätigkeit der Phantasie freier zu sein als die Natur selbst. Wer weiß also, was für Erkenntnisse beim Schaffen oder Bestaunen von Kunst noch möglich sind.

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References

Zusammenfassung

Mittels roher, frischer Ideen und ehrlicher Äußerungen über so manche seltsame Anwandlung in der Kunst und im Kunstbetrieb nähert sich Svoboda-Grafschafter den zentralen Fragen der Kunstphilosophie: Was ist denn überhaupt Kunst? Was ist ein/e Künstler/in? Was ist ein Kunstwerk, und hat sich der Kunstbegriff durch die Postmoderne verändert? Sollte ein Kunstwerk eigentlich nicht nur schön sein und gefallen? Und was bedeutet ästhetisch? Inwieweit trägt die Kunstgeschichtsschreibung zur Entstehung eines Kunstwerks bei? Die vorliegende Arbeit versucht nicht zu belehren, sondern im Irrgarten der Kunst eigene Wege zu begehen und Gedanken aufzuspüren. Die Autorin analysiert die komplexen Zusammenhänge dabei teilweise fragmentarisch und nicht immer logisch stringent, denn dies ist auch der Kunst fremd.

„Mit dem Buch Kunst und ihre Geschichtlichkeit legt die Autorin eine mutige und zukunftsweisende Exegese vor, die dem immerwährenden Fragenkreis ‚Was ist Kunst?‘ keine finale, unzureichende Antwort entgegensetzt, sondern völlig zurecht das ‚Problem‘ offen und weiter bearbeitbar lässt. Das allerdings gelingt Svoboda-Grafschafter in einem erfreulich feuilletonistisch angelegten, heißt lesbaren Text – klug und philosophisch unterfangen von einer aktiven Künstlerin eben.“ (Prof. Dr. Marion Elias)