1. Vorwort – zum Kunstgerede in:

Hanna Svoboda-Grafschafter

Kunst und ihre Geschichtlichkeit, page 10 - 12

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4222-9, ISBN online: 978-3-8288-7177-9, https://doi.org/10.5771/9783828871779-10

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 33

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
10 1. Vorwort – zum Kunstgerede Eine Dissertation in diesem Bereich zu verfassen, noch dazu wenn diese nicht einmal eine kunsthistorische Herangehensweise wählt sondern sich die grundlegendsten Fragen stellt wie: Was ist Kunst? Was darf ich hoffen, dass sie ist? Was soll sie sein? Soll sie was sein? – kann sich dem Phänomen Kunst nur annähern, doch niemals wirklich vollkommen erfassen, deuten oder verstehen. Das ist klar. Gerade bei der Wahl meiner Dissertation-Betreuerin Prof. Dr. Marion Elias wird dies deutlich, so schreibt sie selbst in ihrer Dissertationsschrift „Eines der angenehmsten Dinge an Malerei ist, daß sie bestenfalls bildlich plaudert und plappert.“1 Für eine Malerin ist alles was gesagt werden muss, im Bild ausgedrückt. Schluss, aus, fertig! Als Wissenschaftlerin ist sie dagegen auf der Suche und so habe ich mich von ihr inspirieren lassen. Von rohen, frischen Ideen und ehrlichen Äußerungen über so manche seltsame Anwandlung in der Kunst und ihrem Kunstbetrieb habe ich mich von Marion Elias anregen und leiten lassen. Die Arbeit versucht nicht zu belehren, sondern im Irrgarten der Kunst einige Wege zu begehen und ihre Gedanken aufzuspüren, Fragen zu finden und sie zum Teil unbeantwortet zu lassen. Teilweise fragmentarisch, nicht immer logisch stringent, denn dies ist auch der Kunst fremd. Schlussendlich lassen sich Teile des Puzzles recht deutlich ausmachen und verstehen, und dennoch bleibt es unvollendet. Denn das ganze Rätsel, das Puzzle bleibt noch immer ungelöst. Womöglich macht exakt das schlussendlich auch die immerwährende Faszination der Kunst aus. 1.1. Vorwort zur Sprache Die Arbeit versucht geschlechtsneutrale Formulierungen zu finden, da die Gleichbehandlung im realen Leben und in der Sprache für mich als Autorin unumgänglich ist. Unter anderem werden Schreibformen verwendet, die männliche und weibliche Personen ansprechen, wie z.B. KünstlerIn, andererseits wird versucht geschlechtsneutrale Begrifflichkeiten zu verwenden, wie 1 Elias, Marion: Niemandsland, VDG, Weimar, 2005, S.35 11 beispielsweise Kunstschaffende. Diese Begriffe sprechen beide Geschlechter an, bedienen sich aber nicht des Konzepts der bipolaren Geschlechtlichkeit.2 Wenn an bestimmten Stellen nur die weibliche beziehungsweise die männliche Form gewählt wurde, dann bewusst da es bespielsweise in bestimmten historischen Epochen leider keine publizierenden Philosophinnen gab. Womöglich gab es diese unter anderem zu Platons Zeiten, doch niedergeschrieben und gelehrt wurden ihre Gedanken nicht. 1.2. Vorwort zum Inhalt Es ist die Suche nach Anhaltspunkten, gleich wie in einem riesigen Haufen von Zeitungsschnipsel. Viele verschiedene Puzzelteile, und jedes für sich allein interessantes Detail, um beforscht zu werden. Die vorliegende Arbeit stellt eine Reise, eine Suche, eine Versuchung im Irrgarten dieser verschiedenartigen Verführungen der Zeitungsschnipseln, dieser Hinweisschilder, was denn Kunst sein könnte, dar. Es ist eine Exploration, ein Durchforsten, ein Sortieren, ein Auswählen. Daher ist diese Arbeit auch nur fragmentarisch und nie vollkommen. Denn das Auswählen und Selektieren bedeutet immer ein Vernachlässigen, ein Außen vorlassen, ein nicht Bedacht schenken eines anderen. Durch das Labyrinth des Unklaren, Undefinierbaren, habe ich versucht ein Bild für mich zu schaffen, erkennbar zu machen. Dem/Der Lesenden wird das eine oder andere als unzureichend vorkommen, aber eine vollständige Klärung, kann nach Ansicht der Autorin niemals zu 100% gelingen. Die Arbeit macht einen Streifzug durch die Zeit, die Geschichte, greift einzelne Blickpunkte auf um einen Gedanken zu schärfen und teilweise mit Beispielen aus der Kunst zu belegen; dadurch soll den Lesenden ein verstricktes Bild offenbart werden. Verstrickt: manchmal schwer nachvollziehbar, wie der Weg an diesen oder jenen Punkt geführt hat. Schlussendlich ergibt die Arbeit doch ein gesamtes, miteinander verwobenes Bild, einer Suche nach Anhaltspunkten in einer schwer greifbaren und nicht leicht zu „begreifenden“ heutigen Kunstwelt. Doch auch ein gewisses Maß an „Durcheinander“ bleibt immer bestehen und ist womöglich auch Teil der Lösung des Rätsels an sich. Ein Kunstwerk kann voll von philosophischen Begriffen sein; es kann zahlreiche und tiefere philosophische Begriffe als eine philosophische Dissertation enthalten, welche ihrerseits Überfluss an Beschreibungen und Intuitionen haben kann. Aber trotz all dieser Begriffe ist das Resultat 2 Vgl. Swoboda, Hanna: Die Neue Kunst des Nichts, Diplomarbeit Universität Wien, 2008, S.3 12 des Kunstwerks eine Intuition; und trotz aller Intuitionen ist das Resultat der philosophischen Dissertation ein Begriff.3 Ob die Arbeit genügende Klärung für den Begriff Kunst hervorbringt, liegt in der Entscheidung der Lesenden. In Ihren Grundzügen soll die vorliegende Dissertation aber Betrachtungen einer Beobachterin darstellen, viel mehr als eine Betrachtung einer Philosophin oder KünstlerIn. Dem gleich hat es auch Immanuel Kant4 getan, er widmete sich auf diese Weise, als Beobachter, dem Gefühl des Schönen und Erhabenen: „Ich werfe für jetzt einen Blick nur auf einige Stellen, dies in diesem Bezirke besonders auszunehmen scheinen, und auch auf diese mehr das Auge eines Beobachters als des Philosophen.“5 Diesem Ansatz folgend möchte ich einen Scheinwerfer, auf ausgewählte Probleme und für ihre Klärung hilfreiche Philosophen, DenkerInnen und KünstlerInnen werfen. 3 Croce, Benedetto: „Ästhetik als Wissenschaft vom Ausdruck und Allgemeine Sprachwissenschaft“, in: Fest, Hans (Hg.): Gesammelte philosophische Schriften in deutscher Übertragung, Erste Reihe, Erster Band, J.C.B. Mohr Verlag, Tübingen 1930, S. 4f 4 Immanuel Kant (1724–1804): deutscher Philosoph der europäischen Aufklärung. Vgl. online Philosophie-Wörterbuch, link siehe Quellenverzeichnis. 5 Kant, Immanuel: Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, Tredition Verlag, Hamburg, 2013, S.7

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Zusammenfassung

Mittels roher, frischer Ideen und ehrlicher Äußerungen über so manche seltsame Anwandlung in der Kunst und im Kunstbetrieb nähert sich Svoboda-Grafschafter den zentralen Fragen der Kunstphilosophie: Was ist denn überhaupt Kunst? Was ist ein/e Künstler/in? Was ist ein Kunstwerk, und hat sich der Kunstbegriff durch die Postmoderne verändert? Sollte ein Kunstwerk eigentlich nicht nur schön sein und gefallen? Und was bedeutet ästhetisch? Inwieweit trägt die Kunstgeschichtsschreibung zur Entstehung eines Kunstwerks bei? Die vorliegende Arbeit versucht nicht zu belehren, sondern im Irrgarten der Kunst eigene Wege zu begehen und Gedanken aufzuspüren. Die Autorin analysiert die komplexen Zusammenhänge dabei teilweise fragmentarisch und nicht immer logisch stringent, denn dies ist auch der Kunst fremd.

„Mit dem Buch Kunst und ihre Geschichtlichkeit legt die Autorin eine mutige und zukunftsweisende Exegese vor, die dem immerwährenden Fragenkreis ‚Was ist Kunst?‘ keine finale, unzureichende Antwort entgegensetzt, sondern völlig zurecht das ‚Problem‘ offen und weiter bearbeitbar lässt. Das allerdings gelingt Svoboda-Grafschafter in einem erfreulich feuilletonistisch angelegten, heißt lesbaren Text – klug und philosophisch unterfangen von einer aktiven Künstlerin eben.“ (Prof. Dr. Marion Elias)