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4 Methodisches Vorgehen in:

Gunnar Henrich

Antichinesischer Protest in Sambia und Namibia, page 87 - 104

Politische Verstimmungen oder rassistische Ressentiments?

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4253-3, ISBN online: 978-3-8288-7166-3, https://doi.org/10.5771/9783828871663-87

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 80

Tectum, Baden-Baden
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87 4 Methodisches Vorgehen Die Methode der Arbeit soll die Formen der antichinesischen Proteste zu Diskursmustern ordnen, um eine Differenzierung vorzunehmen und im Falle unterschiedlicher inhaltlicher Ausprägungen voneinander abzugrenzen. Die Vorstellung der Methode beginnt mit der Beschreibung der Datenkörbe. 4.1 Auswahl der Datenkörbe Für eine empirische Analyse ist es notwendig, mehr als einen Datenkorb zu verwenden. Unterschiedliche Daten können das vermutete Auftreten eines chinafeindlichen Protests wesentlich besser belegen als eine einzige Datenquelle. Um auch die Akteure, die antichinesischen Protest vertreten könnten, getrennt voneinander analysieren zu können, werden sie entsprechend ihres Auftretens in dem jeweiligen Kontext ausgewertet. Die verschiedenen Datenkörbe werden getrennt voneinander, aber mit derselben Methode untersucht. Es werden öffentlich zugängliche Datenkörbe verwendet, weil die antichinesischen Proteste in erster Linie medial kommuniziert und von Politikern und zivilgesellschaftlichen Aktivisten erst sprachlich umgesetzt werden, auch wenn sie vorher bereits bei Bergarbeitern oder Angestellten von chinesischen Unternehmen entstanden sind. Der erste Datenkorb besteht aus sambischen und namibischen Tageszeitungen, die eine wesentliche Rolle bei der Vermittlung des antichinesischen Protests übernehmen. In den Tageszeitungen werden die Geschehnisse, die zu antichinesischem Protest geführt haben, beschrieben und rekonstruiert. Durch die öffentliche Beeinflussung von Meinungen der Journalisten kann die Entstehung von antichinesischen Protesten erkannt werden. In Kommentaren oder Meinungen werden die zunächst faktischen Proteste in der Bevölkerung überhaupt erst konkret beschreibbar gemacht sowie mit Meinungen und Einschätzungen verbunden, sodass sie in Kategorien gefasst und untersucht werden können. Um möglichst viele Geschehnisse und Meinungen zum Protest abbilden zu können und angesichts einer geringen Anzahl von Presse- 88 erzeugnissen in beiden Staaten muss eine Auswahl geeigneter Medienplattformen getroffen werden. Die Medienplattformen bedienen sich gerade im sambischen Fall bei der Abbildung von antichinesischen Protesten aus allen sambischen Zeitungen. Es werden also regierungsnahe als auch china- und regierungskritische Meinungen gesammelt und in beiden Medienformen dargestellt. Es ist durch die Verwendung der Internetplattformen möglich, einen umfassenden Überblick über die sambische Medienlandschaft zu erhalten. In Namibia ist die Medienlandschaft anders strukturiert, weil es dort eine längere Zeitungstradition als in Sambia gibt. Bereits während der deutschen Kolonialzeit gründeten sich erste Zeitungen, die in der südafrikanischen Kolonialabhängigkeit fortbestanden und reüssierten. Daher werden in Namibia keine Neuigkeiten sammelnden Medienplattformen verwendet, sondern zwei der größten namibischen Zeitungen überhaupt ausgewählt. Es ist möglich, sowohl in Sambia als auch in Namibia eine Übersicht über die wichtigsten und größten Zeitungen im Land sicherzustellen und diese Zeitungen einer Auswertung zu unterziehen. Der zweite Datenkorb soll die relevantesten Akteure und Kommunikatoren des antichinesischen Protests abbilden. Es ist hilfreich, die wichtigsten Politiker der beiden Staaten auszuwählen, die sich als Sprachrohr des Protests sehen. Das Phänomen „antichinesischer Protest“ tritt in politischer Form vor allem bei Oppositionspolitikern auf, weil beide Regierungen sehr eng mit der Regierung der VR China verbunden sind. Es gibt in beiden Staaten nur wenige Politiker, die antichinesische Tendenzen vertreten und diese öffentlich kommunizieren. In beiden Fällen ist es aber möglich, einflussreiche Politiker mit einer antichinesischen Haltung zu untersuchen. Es wird analysiert, unter welchen Bedingungen und zu welchen Anlässen die Politiker ihren Protest gegen China öffentlich machen. Es werden Anlässe ausgewertet, bei denen die Politiker mit einer antichinesischen Haltung auftreten. Dazu zählen Interviewäußerungen, direkt und auch in Zeitungen zitiert, Reden und Schriften politischer Aussagen und Parteibeschlüsse. Die Aussagen werden zwar in ihrem Kontext berücksichtigt, die Auswertung erfolgt allerdings nur anhand der konkreten Aussagen der Politiker. Es geht um die Sprache und die verwendeten Begriffe, die ihrem Sinn nach antichinesisch sein können oder nicht. Es entsteht also ein Strang von mehreren, aus unterschiedlichen Quellen hervorgehenden Aussagen der Politiker. Es werden für einen besseren Vergleich in jedem Land zwei Politiker ausgewählt, die mit antichinesischen Äußerungen auftreten. Zwei sambische und zwei namibische Politiker werden verglichen. 89 Der dritte Datenkorb erfüllt die Aufgabe, soweit wie möglich die antichinesischen Meinungen aus der Bevölkerung wiederzugeben. Darum werden im weitesten Sinne Umfragen zu den Einstellungen der Einwohner beider Staaten gegenüber China und den Chinesen im jeweiligen Land ausgewertet. Es gibt eine Reihe von Umfragen, die von verschiedenen Instituten durchgeführt wurden. Die Umfragen befassen sich sowohl mit der Wahrnehmung der Einheimischen über chinesische Migranten in Namibia und Sambia als auch auf die Meinung gegenüber China als Staat und Wirtschaftsmacht, Arbeitgeber und Wettbewerber. 4.2 Diskursanalyse Für die Auswertung der drei Datenkörbe „Zeitungsartikel“, „Politikeraussagen“ und „Meinungsumfragen“ bieten sich zwei Methoden an, die nicht voneinander zu trennen sind und sich in Teilen überschneiden: die Diskursanalyse und die Inhaltsanalyse. Das Konzept der Diskursanalyse ist umstritten und nicht eindeutig definiert. Im Folgenden werden die verschiedenen Formen der Diskursanalyse vorgestellt. Mit der Anwendung der Diskursanalyse wird die Frage untersucht, welche Beziehungen zwischen Deutungen sozialer oder politischer Ereignisse und durch öffentliche Auseinandersetzungen produzierte Handlungen bestehen. Die Rekonstruktion der jeweiligen Konstellation der Diskursbeiträge und ihrer Träger beruht laut Schwab-Trapp auf einer Auswertung von Daten. Er schlägt aus zeitökonomischen Gründen ein Kategoriensystem vor, das angesichts der häufig erheblichen Menge von Diskursfragmenten verwendet werden soll.321 Nach Reiner Keller kann eine Diskursanalyse als ein Prozess verstanden werden. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Sprechen und Schreiben als soziale Praktiken und der Reproduktion von Wissen. Die sozialen Akteure, die Wissen und Sprechen/Schreiben zusammenbringen, betten den Prozess der Wissensvermittlung in soziale Regeln ein und verantworten dadurch die Folgen des Prozesses für soziale Kollektive.322 Die heutige Begriffsdefinition eines Diskurses wurde vor allem von Michel Focault geprägt. Er spricht von grundlegenden Wissensordnungen oder allgemeinen Erkenntnisstrukturen, die sich in der Geschichte abwechseln und durch Sprache konkretisiert werden.323 Grundlegende Wissensordnungen sind zunächst geistig vorhanden. Erkenntnisse und Bewusstwerdung von Wissen 321 Schwab-Trapp 2010, S. 172–173. 322 Keller 2011, S. 8. 323 Keller 2011, S. 16. 90 sind im Individuum vorhanden und können in verschiedenen Situationen oder Zusammenhängen auftreten. Sie werden beeinflusst durch das Erleben des Individuums, also den sozialen oder emotionalen Wahrnehmungen der Individuen. Konkretisiert, mit Namen versehen, überhaupt erst beschreibbar und damit anderen Individuen zugänglich dienen diese Erkenntnisse und Wissensformen durch Sprechakte, d.h. durch sinngebende Worte der Wissenvermittlung. Nicht der Sprechakt selbst und die einzelne Aussage ist ein Diskurs, sondern erst eine Kette von Aussagen ist nach Focault ein Diskurs. Die Kette muss einen Sinn ergeben, der erst einmal für sich allein ein Gebiet bestimmt und abgrenzt. Jede Kette von Aussagen bildet also einen konkreten Raum, ein strukturiertes System von Sinn. Die Ketten von Aussagen sind in ihrem jeweiligen Raum eine Formation wie beispielsweise Wirtschaft oder Medizin. Das intellektuelle Verständnis von Wirklichkeit in der jeweiligen geschichtlichen Epoche wird nach Focault sichtbar, abstrakte soziale Begriffe wie „Wahrheit“ und „Normalität“, aber auch „Realität“ oder „Abweichung von der Realität“ werden erst jetzt konkret fassbar. Der Diskurs gibt eine in sich abgeschlossene und zeitlich und thematisch beschreibbare Form von Wirklichkeit wieder, die intellektuell erfahrbar wird.324 Weitere Formen der Diskurstheorie auf philosophischer Ebene, etwa im Linguismus nach Habermas325, sollen in dieser Arbeit keine Rolle spielen, weil die Diskursanalyse die vorgesehene Methode und damit das von Focault ausgehende Verständnis der Diskursanalyse relevant ist. Die Erkenntnisse Focaults sind im Laufe der Zeit weiterentwickelt worden. Dabei sind verschiedene Ausprägungen zu erkennen, die sich überschneiden, aber auch in andere Richtungen gehen können. Im Folgenden werden einige weitere Ansätze vorgestellt. Nach Reiner Keller sind Diskurse „institutionalisierte, nach verschiedenen Kriterien abgrenzbare Bedeutungsarrangements, die in spezifischen Sets von Praktiken reproduziert und transformiert werden. Diskurse kristallisieren und konstituieren Themen als gesellschaftliche Deutungs- und Handlungsprobleme“.326 Siegfried Jäger hat einen Ansatz für eine kritische Diskursanalyse entwickelt.327 Geschriebene Texte sind für ihn Ergebnisse von Denken und Wissen. Das Denken und Wissen gibt die Motive der durch ihre Sprache handelnden 324 Freie Universität Berlin 2016. 325 Habermas 1985. 326 Keller 2010, S. 205. 327 Keller 2011, S. 28. 91 Individuen wieder.328 „Texte“ bezeichnet Jäger als Diskursfragmente und als Teile von Diskurssträngen auf Diskursebenen.329 Lene Hansen hält die Diskursanalyse speziell für die internationalen Beziehungen geeignet, die ein Teilgebiet der Politikwissenschaft sind. Die internationalen Beziehungen thematisieren die Beziehungen und Interaktionen zwischen Staaten. Im Mittelpunkt steht eine poststrukturalistische Theorie von Identität der Außenpolitik, die eine Diskursanalyse ermöglicht. „Policy“ wird durch Identität konstruiert, gleichzeitig wird Identität auch produziert und reproduziert durch die Formulierung und Legitimation von Policy. Außenpolitik ist keine Eigenschaft von Staaten, Individuen oder Institutionen, sondern eine diskursive und politische Praxis.330 Hansen führt als Beispiel den Balkankrieg von 1992–1995 an.331 Die Diskursanalyse als Methode in der Politikwissenschaft beschreibt Nullmeier in drei möglichen Formen: als Begriff für eine textanalytische Methode, die die diskursiven Strukturen umfangreicher Textmengen untersucht, als multimediales Symbol für die Analyse von Sinnstrukturen und als mögliches Zusammenspiel von Text und Schrift.332 Es wird deutlich, dass die sehr breite Verwendungsmöglichkeit der Diskursanalyse auch für die vorliegende Arbeit nicht nur geeignet, sondern gerade für die Untersuchung der beiden afrikanischen Staaten Namibia und Sambia sinnvoll ist. Für ein besseres Verständnis ist ein Blick in die koloniale Vergangenheit Afrikas hilfreich. In dieser Zeit entwickelten sich die „Postcolonial Studies“. Die Diskursanalyse bietet sich für die Untersuchung afrikanischer Staaten mit kolonialer Vergangenheit wie Namibia und Sambia aus folgendem Grund an: Bereits vor Jahrzehnten entwickelte die Disziplin der „Postcolonial Studies“ Formen einer Diskursforschung. Diesbezüglich sind vor allem die Arbeiten von Edward Said (Orientalism von 1978) und Homi K. Bhabha (The Location of Culture von 1994) zu nennen. So sieht etwa Edward Said seine Methode der Diskursforschung als Verbindung zwischen westlichen Diskursen über den Begriff „Orient“ und den historischen Formen kolonialer Eroberung und Besetzung. Said bezieht sich insoweit auf Michel Foucault, indem er den Diskurs über den Orient histo- 328 Keller 2011, S. 33. 329 Keller 2011, S. 34. 330 Hansen 2006, S. 211. 331 Hansen 2006, S. 213. 332 Nullmeier 2011, S. 329. 92 risch mit der Konstruktion des Begriffs „Orient“ in der europäischen Kultur verbindet. Die „Colonial Diskurse Analysis“ sehen Berichte und Dokumente über den Kolonialismus als konstituierend für den Prozess der Kolonisierung selbst an.333 Dagegen ist für Gayatri Spivak die reale Geschichte des Kolonialismus in die westlichen Wissensformen eingeschrieben. Eine westliche Wahrnehmung des kolonialen Diskurses sei deshalb nicht möglich: Die Struktur des kolonialen westlichen Diskurses sei absolut. 334 Homi K. Bhabha entwickelt schließlich die Hybridität als eine dem kolonialen Diskurs innewohnende Gegensätzlichkeit und Ambivalenz. Der koloniale Diskurs sei immer ein Gegensatz.335 Bhabha entwickelt seine Vorstellung von Hybridität als einen in sich gespaltenen Diskurs als Modell von Widerstand gegen die koloniale Herrschaft überhaupt. Mit diesem Ansatz prägte er die „Postcolonial Studies“ nachhaltig.336 Stuart Hall entwickelt den Begriff der Hybridität weiter zu einem anderen Ethnizitätsbegriff, der konstruktivistisch begründet und von rassistischen Diskursen entkoppelt ist: In Bezug auf Migranten hätte diese neue Ethnizität immer eine antirassistische Bedeutung.337 Said behauptet, dass Europäer aufgrund der geographisch zentralen Lage Europas in einer autoritären Art und Weise Nichteuropäer durch einen kulturellen Diskurs zu einem sekundären ethnisch-kulturellen ontologischen Status zurückstufen. Er fordert, dass die US-amerikanische und europäische Kultur in Verbindung mit imperialistischen Tendenzen gesehen wird und auch in der Theorie die Beziehung zwischen Imperium und Kultur berücksichtigt wird. Die Gegenwart soll als Wegweiser und Paradigma für die Untersuchung der Vergangenheit gesehen werden.338 Bhabha kritisierte an der ursprünglichen foucaultschen Vorstellung von Diskursanalyse, dass in Foucaults Text das Moment des Zufalls in der unmittelbaren Nachbarschaft seines Arguments auftritt. Dadurch gelangt eine zeitliche Unbestimmtheit in die Kette des Diskurses, eine neue diskursive Zeitlichkeit könnte die Expansion eines Arguments verhindern. Foucault könne nur wenig dazu beitragen, die Beziehung zwischen dem Westen und seiner kolonialen 333 Grimm 1997, S. 2. 334 Grimm 1997, S. 3. 335 Grimm 1997, S. 39–40. 336 Grimm 1997, S. 41. 337 Grimm 1997, S. 42. 338 Said 1995, S. 37–38. 93 Vergangenheit zu erklären. Er negiere das koloniale Moment als historische und erkenntnistheoretische Bedingung westlicher Modernität.339 Es wird ersichtlich, dass die „Postcolonial Studies“ entschieden zur Entwicklung der Diskursanalyse nach der ursprünglichen focaultschen Idee beigetragen haben. Namibia und Sambia sind ehemalige Kolonien. Das Auftreten der VR China in beiden Staaten wird gelegentlich als kolonialistisch bezeichnet, insbesondere durch die jahrzehntelange koloniale Unterdrückung und Ausbeutung ist die Empfindlichkeit in der Bevölkerung beider Staaten gegenüber möglichen neuen Kolonialmächten entsprechend hoch. Diese Erfahrungen beeinflussen auch den antichinesischen Protest und die daraus entstehenden Diskurse. Auf dieser Grundlage wird eine Anwendung der Diskursanalyse für die vorliegende Arbeit begründet. Die Frage lautet, wie konkret eine Diskursanalyse als Methode aussehen soll. Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Nach Keller soll die Diskursforschung multimethodisch vorgehen, die Daten sollen hermeneutisch reflektiert und kontrolliert interpretiert werden. Eine Diskursanalyse sei immer eine Form der hermeneutischen Textauslegung.340 Der zu untersuchende Datenkorpus muss einer Struktur oder einem Zusammenhang unterliegen, auf den der Datenkorpus ausgerichtet wird.341 Eine systematisch begründete Auswahl von Textteilen muss innerhalb des gesamten Korpus getroffen werden.342 Als Programm ist MAXQDA geeignet, diese Auswahl auch aus zeitökonomischen Gesichtspunkten vornehmen zu können. Die Diskursanalyse steht nicht allein im Raum, ohne Berührungen zu artverwandten Methoden oder theoretischen Konzepten aufzuweisen. Eine solche Verwandtschaft besteht zur Inhaltsanalyse. Dabei schließen sich beide Methoden weder aus noch stehen sie sich antagonistisch gegenüber. 4.3 Inhaltsanalyse Eine mit der Diskursanalyse verwandte, sich zum Teil überschneidende Methode ist die Inhaltsanalyse, die mit dem Programm MAXQDA durchgeführt werden kann. Nach Schwab-Trapp gibt es ohnehin kein einheitliches Methodenset für die Analyse von Diskursen.343 Eine Synthese beider Methoden wird von Waldschmidt vertreten: Zur Auswertung des umfangreichen Textmateri- 339 Bhabha 1995, S. 327–328. 340 Keller 2011, S. 66–76. 341 Keller 2011, S. 83. 342 Keller 2011, S. 91. 343 Schwab-Trapp 2010, S. 171. 94 als sind nach Waldschmidt die qualifizierte Inhaltsanalyse und die kritische Diskursanalyse geeignete Verfahren.344 Eine Inhaltsanalyse erscheint zunächst abstrakt. Es bestehen jedoch Versuche der Verfeinerung und Operationalisierung. Bei der qualitativen Inhaltsanalyse nach Philip Mayring werden genaue Analyseschritte, Regeln, die Einhaltung von Gütekriterien und eine strenge Orientierung am Untersuchungsgegenstand verlangt. Gütekriterien bedeuten nach Mayring, dass die Studie mit anderen Studien vergleichbar sein soll und Reliabilitätsprüfungen vorhanden sein müssen. Der Sinn der Analyse besteht darin, dass das Material in einzelnen Schritten bearbeitet werden soll, die Zerlegung dient der schrittweisen Nachvollziehbarkeit der gesamten Analyse.345 Sowohl die kritische Diskursanalyse als auch die qualitative Inhaltsanalyse können miteinander kombiniert werden, sodass eine Mischform aus beiden Methoden entstehen kann.346 Die Vorstellungen von Mayring sind sehr konkret in definierten Schritten umsetzbar. Mayring stellt sich ein mehrstufiges Modell vor und geht von dem vorliegenden Material aus, das er genau analysiert. Das Material muss also relevant für die Beantwortung der Ausgangsfrage sein. Es soll geklärt werden, wie das Material entstanden ist und in welcher Form es überhaupt vorliegt. Davon ausgehend kann nach Mayring festgelegt werden, welchen Schwerpunkt die Interpretation hat und welcher Forschungsfrage die Untersuchung folgen soll. Über die genaue Festlegung der Analysetechnik und der Kategorisierung erreicht Mayring am Ende die Interpretation des Materials mit der Beantwortung der Hauptfrage, sodass sich der Kreis schließt. Diese Regeln und Gütekriterien sollen eine präzise und erschöpfende Inhaltsanalyse nach Mayring gewährleisten.347 Für die Auswertung des ersten Datenkorbs bietet sich das Verfahren der Inhaltsanalyse an. Gerade die Zeitungsartikel liegen in gedruckter Form vor und lassen sich nach Themen und inhaltlichen Schwerpunkten trennen. So ist die Inhaltsanalyse sowohl für einen formal-deskriptiven Ansatz als auch für einen diagnostischen Ansatz geeignet. Während der formal-diagnostische Ansatz nicht auf inhaltliche, sondern auf äußere Merkmale abstellt wie die Häufigkeit der im Text vorkommenden Worte, ist der formal-deskriptive Ansatz inhaltlich ausgerichtet. Es geht um Aussagen oder Wertvorstellungen des Autors, die 344 Waldschmidt 2010, S. 157. 345 Mayring 2000, S. 3. 346 Waldschmidt 2010, S. 160. 347 imb Institut für Medien und Bildungstechnologie Augsburg 2016. 95 Rückschlüsse auf die Entstehungsbedingungen des Textes geben.348 Verwandt mit dem formal-deskriptiven Ansatz ist auch der Rückschluss vom Inhalt auf die Situation, also die Erkenntnisse, die man vom reinen Medieninhalt auf die Rahmenbedingungen und die Entstehung von den Texten im Kontext ihrer Inhalte erhält.349 Wichtig ist die Herausbildung von Kategorien. Die Kategorien bilden geradezu die Hauptunterscheidungs- und Einordnungmerkmale für das Analysematerial. Das Kategoriensystem bildet die Gesamtheit aller formalen und inhaltlichen Kategorien einer Analyse. Maurer und Reinemann beschreiben sie dahingehend: „Sie dienen dazu, aus der ganzheitlichen erfahrbaren Realität (der Mitteilung im Kommunikationsprozess) einzelne Aspekte herauszugreifen und in Daten zu überführen. Die Kategorien bestimmen, welche Merkmale von Mitteilungen untersucht werden und wie das zu geschehen hat.“350 4.4 Auswertung der Datenkörbe Die Menge des Materials lässt sich ohne technische Hilfe nicht ausreichend bewältigen. Es geht um die grafische und formale Darstellung des Materials. Ein Computerprogramm für die Auswertung der drei Datenkörbe muss ebenfalls hinzugezogen werden. Die Untersuchungen werden mit dem Programm MAXQDA durchgeführt. Udo Kuckartz entwickelte das Programm MAXQDA351 Mitte der 1980er Jahre.352 Für MAXQDA ist der Import von Textdateien im RTF- und TXT- Format möglich. Außerdem können strukturierte Datensätze und große Textmengen, Bilder, Grafiken und Excel-Tabellen integriert werden. Alle von MAXQDA aufgenommenen Daten werden in einer eigenen Datei gespeichert.353 Es gibt nicht viele empirische Arbeiten, die sich mit den Auswirkungen der QDA-Software auf einen qualitativ-wissenschaftlichen Diskurs befassen.354 Die Methode ist noch relativ neu. Ausgehend von den bisherigen Erfahrungen gibt es in der Literatur zustimmende Aussagen für die Verwen- 348 Maurer et al. 2006, S. 11. 349 Maurer et al. 2006, S. 12. 350 Maurer et al. 2006, S. 45. 351 Das Kürzel „Max“ leitet sich von Max Weber ab, an dessen Methoden sich Kuckartz orientierte. 352 Schmieder 2008, S. 8. 353 Schmieder 2008, S. 9. 354 Schmieder 2008, S. 11. 96 dung der Software.355 MAXQDA ist geeignet, erhobene Daten zu verwalten und darzustellen, aber nicht in der Lage, die Daten selbstständig zu analysieren.356 Die Frage ist nun, in welcher Form die Datenkörbe konkret ausgewertet werden sollen. Schauen wir uns zunächst den ersten Korb an. Es handelt sich um zwei sambische Internetplattformen und zwei namibische Tageszeitungen. Fraglich ist, in welchem Zeitraum die Daten erhoben werden sollen. Obwohl die sambischen und die namibischen Beziehungen zu China seit Jahrzehnten existieren, ist die Untersuchung aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit zeitlich einzugrenzen. Der antichinesische Protest ist nicht so alt wie die Beziehungen an sich. Es ist geboten, den Zeitraum der Untersuchung zu begrenzen, weil er in verschiedenen Formen auftritt und auch durch Akteure zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlicher Stärke kommuniziert wird. Dieser Schritt ist angesichts der Menge des zu untersuchenden Materials für den ersten Korb notwendig. Der Zeitraum für die vorgesehene Untersuchung reicht vom 1.1.2010 bis zum 31.12.2014. Aus mehreren Gründen ist die Entscheidung auf diesen Zeitraum gefallen. Der Zeitraum zwischen 2010 und 2014 ist evident für die politischen Veränderungen in den beiden untersuchten Staaten im Hinblick auf das politische Verhältnis zu China. Sambia erlebte in diesen Jahren drei Präsidenten. Der größte sambische Chinakritiker, der seine Kritik zum Thema der Wahlkämpfe 2006 und 2008 machte, Michael Sata, wurde durch die nach dem Tod des sambischen Staatspräsidenten notwendig gewordenen Neuwahlen Ende 2011 selbst zum Präsidenten Sambias gewählt. Mit den analysierten Zeitungsartikeln, die in diesem Zeitraum erschienen, soll deutlich werden, inwieweit sich die Rhetorik und die Signale Satas als Präsident gegenüber China verändert haben, sobald er ein politisches Amt ausüben konnte und nicht mehr in der Rolle des Oppositionsführers war. Außerdem soll die Frage untersucht werden, inwieweit Brüche und Kontinuitäten in den chinesischsambischen Beziehungen auf Regierungsebene vorliegen. Der Zeitraum endet 2014 auch deswegen, weil Sata in diesem Jahr überraschend starb und daher diese Regierungszeit als abgeschlossen gelten kann. In Namibia stellte sich die politische Situation etwas anders dar, aber auch hier besteht eine plausible Begründung für den Zeitraum von 2010 bis 2014. Zwischen der namibischen und der chinesischen Regierung bestand immer eine enge Freundschaft. Es gab keinen Politiker wie Michael Sata, der als Oppositionsführer die Regierung übernahm und dort sein Verhalten gegen- 355 Schwab-Trapp 2010, S. 187. 356 Schmieder 2008, S. 8. 97 über China zu ändern beabsichtigte. Es gibt jedoch eine andere Besonderheit, die den Zeitraum von fünf Jahren erklärt. Der Politiker Epafras Mukwiilongo war zuvor ein Aktivist mit einer antichinesischen Haltung, jedoch nur als Sprecher einer Gruppe von chinakritischen Geschäftsleuten aus dem namibischen Norden. Die Gründung einer neuen Partei, die sich im Jahr 2014 offen gegen Homosexualität und ausländische Wirtschaftsbeziehungen stellte, könnte eine bahnbrechende Wirkung hinsichtlich eines erstarkenden, politisch wirkenden antichinesischen Protests hervorrufen. Beide Gründe sind ausschlaggebend für die Auswahl des Zeitraums von 2010–2014. Die Untersuchung des ersten Datenkorbs sieht wie folgt aus: Die jeweilige Zeitung wird als eigenständiges Dokument in die Software MAXQDA aufgenommen. Der Zeitraum der Untersuchung wird zunächst auf der Website der Zeitung ausgewählt. Dann werden alle Artikel, die während des ausgewählten Zeitraums veröffentlicht wurden, auf der Website nacheinander gelesen. Durch die Reduktion auf die Begriffe „Chinese“ und „China“ ergibt sich eine Einschränkung der vorhandenen Artikel, sodass eine Bündelung gewährleistet ist. Eine erste Codierung der Artikel für die Verwendung im Programm MAXQDA wird während des Lesens vorgenommen. Dabei geht es um kritische, feindselige oder anklagende Textstellen, die sich mit China oder Chinesen in einem inhaltlichen Zusammenhang mit den beiden afrikanischen Staaten Namibia und Sambia oder Afrika insgesamt befassen. Die auf diese Weise identifizierten Texte werden dann kopiert und in die Software MAXQDA eingeflochten und dem jeweiligen Projekt zugeordnet. Anschließend folgt eine zweite Codierung mit Unterstützung von MAXQDA zur Anwendung. Die Software gibt mehrere Codierungsmöglichkeiten vor, die farblich, thematisch und grafisch voneinander getrennt und in einem Extrafeld angelegt werden. Diese Codes entsprechen inhaltlichen Kategorien, die im Zusammenhang mit der Ausgangsfragestellung stehen. Durch diese Codierung können die Artikel aufgebrochen und einer Interpretation zugänglich gemacht werden. Die kopierten und eingeflochtenen Artikel werden nun anhand der Codes nach erneutem Lesen in diejenigen Textabschnitte aufgeteilt, die den Codes entsprechen. Sie werden markiert und sowohl farblich als auch grafisch kenntlich gemacht. Das Ergebnis ist eine bestimmte Anzahl von markierten Artikeln und eine weitere Anzahl von verschiedenen Codes bzw. Kategorien. Die codierten Textstellen werden interpretiert und abschließend mit der Inhaltsanalyse ausgewertet und hinsichtlich der Ausgangsfrage nach der Ausrichtung des antichinesischen Protests für die Beantwortung der Fragestellung herangezogen. Zwei Ausgangsfragen sind für die Interpretation der codierten Artikel 98 maßgeblich. Zum einen wird die Frage geprüft, inwieweit es sich bei den ausgewählten Artikeln noch um eine neutrale Nachricht handelt und neutral über das chinakritische Ereignis berichtet wird. Die zweite Möglichkeit ist, dass es sich um eine eigene Meinungsäußerung mit chinafeindlichen Motiven handelt. Es sind vier Internetquellen zugänglich, die jeweils zwei Archive in beiden Ländern wiedergeben. Im Folgenden werden beide Archive vorgestellt. Für Namibia: Allgemeine Zeitung The Namibian Für Sambia: Zambian Economist Lusaka Times Die beiden Newsplattformen und Tageszeitungen zeichnen sich durch folgende Merkmale aus: Allgemeine Zeitung Die „Allgemeine Zeitung“ wurde bereits 1916 zum Ende der deutschen Kolonialherrschaft gegründet und erscheint außer an den Wochenenden täglich in deutscher Sprache und ist die älteste Tageszeitung in Namibia. Sie hat eine Tagesauflage zwischen 5.300 und 6.200 Exemplaren. Sie berichtet über lokale und internationale Ereignisse aus Politik und Gesellschaft und ist zudem ein Sammel- und Bezugspunkt der deutschsprachigen Bevölkerung in Namibia. Sie verfügt über ein hervorragendes Onlinearchiv, die Website verzeichnet täglich 1500 Aufrufe. Die traditionelle Bedeutung der Zeitung für Namibia und ihre multikulturelle Färbung durch die deutsche Sprache ermöglicht ihren Einsatz für die vorliegende Untersuchung.357 Die „Allgemeine Zeitung“ veröffentlichte zwischen dem 1.1.2010 und dem 31.12.2014 lediglich 8 Artikel mit einem thematischen Bezug zu chinesischen Einwanderern. Dies ist in fünf Jahren nicht besonders viel. Möglicherweise fühlt sich die deutsche Minderheit in Namibia nicht von der Anwesenheit der Chinesen betroffen. Deshalb ist die Frage aufschlussreich, ob und wie die deutsche Minderheit im Land das Problem wahrnimmt und welche Position sie bezieht. Insgesamt zeigt sich, dass das Thema in den ausgewählten Zeitungen eine ganz unterschiedliche Bedeutung hat. Allerdings wird über dieses Thema nicht täglich berichtet. Es könnte sein, dass Art und Umfang der Berichterstattung von bestimmten Ereignissen abhängt, die im Zusammen- 357 o.V. 2016 b. 99 hang mit der Anwesenheit der Chinesen und den unmittelbaren Folgen stehen. The Namibian „The Namibian“ ist die größte Tageszeitung Namibias und erscheint in einer Auflage von 32.500 Exemplaren. Sie ist linksliberal orientiert und eine große Kritikerin der jetzigen namibischen Regierung. Während sie früher der SWAPO nahestand, ist sie durch ihre heutige Kritik an der Regierung und an der engen politischen Freundschaft zwischen der Regierung und dem chinesischen Staat eine ausgezeichnete Quelle für eine kritische Berichterstattung über die Anwesenheit der Chinesen in Namibia und daher für die Untersuchung geeignet. „The Namibian“ verzeichnet zwischen dem 1.1.2010 und dem 31.12.2014 insgesamt 55 Artikel mit einem Bezug zu China. Davon entfallen auf den politischen Protest 25 Codes, auf den sozioökonomischen 16, auf den historischen 11 Codes und auf den rassistischen 3 Codes. Zambian Economist Der „Zambian Economist“ wurde im Februar 2007 als selbstständige Onlineplattform gegründet und widmet sich täglich den Fragen zu Wirtschaft, Politik und sozialen Problemen. Bis zu 70.000 Einträge wurden im Dezember 2013 gezählt, 51.701 Follower sind bei Facebook anhängig.358 Der „Zambian Economist“ bietet ausführliche Kommentare zu wirtschaftlichen und politischen Themen in Sambia. Die Redaktion pflegt teilweise eine kritische Distanz zu Chinas wirtschaftlichen und politischen Aktivitäten im Land. Der „Zambian Economist“ bildet ein breites Meinungsspektrum ab. Vom „Zambian Economist“ sind vom 1.1.2010 bis 31.12.2014 insgesamt 22 Artikel und zugeordnete Leserbriefe vorhanden. Es entfallen 3 auf den politischen, 9 auf den historischen und 10 Codes auf den sozioökonomischen Protest. Lusaka Times Die „Lusaka Times“ ist eine virtuelle Newsplattform, die täglich über Ereignisse in Sambia berichtet. Sie wurde 1998 gegründet und fasst täglich Meldungen der großen sambischen Tageszeitungen wie der „Zambia Daily Mail“ oder der „Times of Zambia“ zusammen. Sie erlaubt politisch interessierten Sambiern eigene Artikel und Kommentare eigenverantwortlich einzustellen.359 Die „Lusaka Times“ bildet mithin eine exklusive Übersicht über die politischen und gesellschaftlichen Meldungen der größten sambischen Medien. Durch ihr umfassendes Onlinearchiv konnte jeder einzelne Artikel in dem für 358 o.V. 2013 a. 359 o.V. 2016. 100 die Untersuchung vorgesehenen Zeitraum ohne Probleme eingesehen und ausgewertet werden. Das Onlinearchiv der „Lusaka Times“ wird vom 1.1.2010 bis zum 31.12.2014 ausgewertet. In diesen fünf Jahren sind sämtliche Artikel anhand der Überschriften mit einem Bezug zu China selektiert und zugeordnet worden. Davon sind insgesamt 135 Artikel übrig geblieben, die sich für eine Diskurs- und Inhaltsanalyse als geeignet erweisen. Zusätzlich zu diesen Artikeln ist eine Reihe von kurzen und längeren Leserblogeinträgen unter jedem Artikel vorhanden. Diese Leserbriefe geben ebenfalls eine Meinung zu der chinesischen Präsenz in Sambia wieder und werden in die Codierung einbezogen. Den vier Kategorien werden vier Farben zugeordnet. Der sozioökonomische Protest ist grün, der historische Protest wird gelb markiert. Der rassistische Protest ist blau und der politische Protest rot gekennzeichnet. (Die Farben sind nur in den MAXQDA-Dateien sichtbar und dienen in dem MAXQDA-Programm der inhaltlichen Unterscheidung.) Auf den historischen entfallen 4, auf den sozioökonomischen 47, auf den rassistischen 22 und auf den politischen Protest 62 Artikel. Um den Protest zutreffend abbilden zu können, ist zunächst eine genaue Bezeichnung des Protests notwendig. Ein in der öffentlichen Diskussion häufig aufkommender Begriff ist „Xenophobie“. Dieser Begriff wird häufig (synonym) mit „Fremdenfeindlichkeit“ gleichgesetzt und kommt in Bezug auf China selten zur Anwendung. Hier trifft noch am ehesten die Bezeichnung „Sinophobie“ bzw. „Sinophobia“ zu. Diese Bezeichnung wird in dieser Arbeit eingebettet in die Typologien und einer eigenen Typologie zugewiesen. 4.5 Ableitung der vier Untersuchungskategorien In dieser Arbeit werden für alle drei Datenkörbe dieselben Kategorien angewandt und kommen ebenfalls für das Programm MAXQDA zur Auswertung. Im Folgenden werden die vier Kategorien vorgestellt: sozioökonomischer Protest rassistischer Protest ein historisch geprägter „sinophober“ Protest und politischer Protest. Diese vier Kategorien sind nicht trennscharf und können sich in Teilen überschneiden. Der sozioökonomische Protest bezieht sich auf die Kritik und das Protestverhalten von sambischen und namibischen Betroffenen gegen die wirtschaftlichen Interessen chinesischer Unternehmen beispielsweise im Bergbau, aber auch bei kleinen Händlern. Die Durchsetzung der wirtschaftlichen Interessen wird begleitet von ausbeuterischen Arbeitsbedingungen, von der Nichteinhaltung gesetzlicher Arbeitsschutzauflagen, der Zahlung nur geringer 101 Löhne und der Nichtberücksichtigung der sambischen bzw. namibischen Arbeiter durch die chinesischen Unternehmen, die ihre Gewinne nach China transferieren oder aber an die afrikanischen Eliten abgeben. Die wirtschaftlichen Interessen sind ebenfalls von unfairem Konkurrenzdruck durch chinesische Kleinhändler gegenüber ihren namibischen und sambischen Konkurrenten geprägt. Die chinesischen Händler, oft nur Ein-Mann-Unternehmen, beziehen ihre Ware als industriell gefertigte Billigprodukte aus China, die sie zu günstigen Preisen auf dem afrikanischen Markt anbieten können und trotzdem noch Gewinne erzielen. Für einheimische Händler bedeutet das Auftreten chinesischer Konkurrenten eine existenzielle Bedrohung, weil sie mit den niedrigen Verkaufspreisen nicht mithalten können. Die mittelbare Drittwirkung der wirtschaftlichen Interessen der Chinesen ist eine soziale, sie stört den sozialen Frieden, prägt eine ablehnende Haltung und führt zu immensen Spannungen in der Bevölkerung. Daher ist der Protest gegen die wirtschaftlichen Verhaltensweisen Chinas in Namibia und Sambia unter die Kategorie sozioökonomischer Protest einzuordnen. Der rassistische Protest ist eine weitere Kategorie. Unter diese Kategorie werden simple rassistische Ansichten und Verhaltensweisen subsumiert. Wenn Afrikaner ethnische oder biologische Vorurteile gegen Chinesen haben, mit Begriffen wie „gelbe Rasse“ oder ähnlichen Stereotypisierungen argumentieren, wird eine andere Form von Protest sichtbar. Dieser Protest stützt sich auf eine Kritik, die nicht genuin sachlich begründet wird, sondern eine Wiedergabe von Stereotypen aufdeckt. Der Chinese sei „anders“, er sei „gelb“ und aufgrund seiner ethnischen Herkunft mit Merkmalen wie „verschlagen“, „habgierig“, „listig“ und „böse“ ausgestattet. Bei dieser Form des Rassismus wird nicht auf neuere Konzepte eines „kulturellen Rassismus“ oder eines „Rassismus ohne Rassen“360 abgestellt, es handelt sich um eine klassische Form von Rassismus, der sich mit Beginn der kolonialen Eroberungen durch europäische Mächte entfaltete. Diese Form von Protest kann zwar auf sozioökonomische Faktoren zurückgehen, ist aber in seiner Ausprägung von den anderen Kategorien zu trennen. Allerdings können auch Textsegmente, die pauschal völkische Urteile enthalten, unter die Kategorie rassistischer Protest fallen. Politischer Protest ist in seiner Art nicht unbedingt sozioökonomisch geprägt, weist aber eine enge Verbindung zur sozioökonomischen Protestform auf. „Politisch“ wird diese Protestform in erster Linie aufgrund der politischen Vertreter genannt. Politiker wie Michael Sata, der als Oppositionsführer antichinesische Vorurteile und Stereotypen kommunizierte, instrumentalisie- 360 Balibar et al. 2014. 102 ren den Protest gegen die im Land anwesenden Chinesen, um Wähler zu mobilisieren und nationalistische Interessen zu bedienen. Dabei können die Gründe für die antichinesische Rhetorik durchaus voneinander abweichen. Entscheidend ist aber, dass die vorhandene Unzufriedenheit mit China und Chinesen im Land von den Politikern für politische Zwecke instrumentalisiert wird. Hier sind Überschneidungen mit den anderen Kategorien möglich. Politiker können eine sozioökonomische Kritik, aber auch rassistische Vorurteile äußern. Es kann durchaus vorkommen, dass ein Datenbestandteil zwei oder drei Kategorien abbildet. Diese Möglichkeit ist in Bezug auf die Bearbeitung mit MAXQDA kein Problem. Die politischen Aussagen stehen natürlich unter dem Vorbehalt, dass sie von Politikern aus machttaktischen Gründen geäußert werden. Dieser Hinweis ändert indessen nichts an ihrer Kategorisierung. Außerdem können allgemeine Äußerungen gegenüber Chinesen, die nicht konkret sozioökonomisch sind, unter die politische Kategorie fallen. Wenn also jemand die Meinung vertritt: „Die Chinesen nehmen den Sambiern das Land weg“, dann besteht in dieser Äußerung kein sozioökonomischer Zusammenhang. Die Angst, die Chinesen könnten Landraub betreiben, ist dann politisch zu verstehen und fällt unter die politische Kategorie. Sowohl in Namibia als auch in Sambia bestehen zweifelsfrei antichinesische Ressentiments. Es geht darum, festzustellen, ob diese Ressentiments Rassismus oder eine legitime Form von Protest sind, der im politischen Kontext gemeinhin wie folgt definiert wird: „Proteste sind Ausdruck für die Unzufriedenheit mit politischen Institutionen, ihren Entscheidungen sowie gesellschaftlichen und sozialen Missständen.“361 Es geht also um den Ausdruck von Unzufriedenheit, die verbal oder durch eine Aktion ausgedrückt werden kann. Die Proteste sind damit noch nicht rassistisch. Protest wird erst dann zu Rassismus, wenn eindeutige rassistische Merkmale vorliegen. Rassismus muss differenziert definiert werden. Die Auswertung der rassistischen Theorien lassen vier theorieübergreifende Merkmale zu. Rassismus ist immer eine wertende Über- und Unterordnung zum Vorteil einer Gruppe. Die Über- und Unterordnung entfaltet sich über gesellschaftliche Diskurse. Der ursprüngliche und nachhaltigste Rassismus ist eine auf biologische Unterschiede abzielende Ideologie. Dennoch gibt es Modifikationen, entweder in Form von anderen Rassismen oder durch die Bewertung kultureller Unterschiede. 361 Bundeszentrale für Politische Bildung 2012. 103 Jede Form von Rassismus ist eine von Menschen entworfene Pseudotheorie ohne tatsächliche Berechtigung. Es gibt eine große Entfaltung von Rassismus in der Kolonialzeit. Dabei gibt es Rassismus einmal in einer Form, die sich gegen die Kolonisierten selbst richtet, als auch als Rassismus der Dominierten bzw. Unterdrückten gegen die ehemaligen Kolonialherren vonseiten der kolonisierten Minderheit. Diese vier Kernaussagen über Rassismus müssen sich in den Quellen wiederfinden, damit eindeutig erkannt werden kann, ob es sich um einen legitimen Protest oder Rassismus handelt.

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Zusammenfassung

Die chinesische Präsenz in Afrika nimmt seit Jahren zu. Die afrikanischen Länder verzeichnen eine Zuwanderung von Chinesen im Zuge des mit den jeweiligen Regierungen vereinbarten Rohstoffabbaus und der Investition in Infrastrukturprojekte. Die Forschung zu diesem Phänomen ist auf die Frage nach Art und Motivation der chinesischen Regierung fokussiert. Dabei wird oft übersehen, dass sich in Afrika zunehmend Widerstand gegen die chinesischen Bestrebungen formiert.

Gunnar Henrich untersucht in seiner Dissertation mit einer Diskursanalyse zwei afrikanische Staaten im Süden Afrikas: Namibia und Sambia. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, wie der antichinesische Protest zustande gekommen ist, welche Verläufe und Formen er angenommen hat und ob er gar als Rassismus auftritt. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass der Protest häufig rassistische Formen annimmt. Wenden die ehemaligen Opfer rassistischer Kolonialpolitik selbst zunehmend rassistische Argumentationsformen an? Gibt es gar einen „umgedrehten Rassismus“? Henrich schließt mit seiner Arbeit eine Forschungslücke und trägt so zum gegenwärtigen Diskurs bei.