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3 Historische und theoretische Annäherung an die Rassismusforschung in:

Gunnar Henrich

Antichinesischer Protest in Sambia und Namibia, page 63 - 86

Politische Verstimmungen oder rassistische Ressentiments?

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4253-3, ISBN online: 978-3-8288-7166-3, https://doi.org/10.5771/9783828871663-63

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 80

Tectum, Baden-Baden
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63 3 Historische und theoretische Annäherung an die Rassismusforschung 3.1 Begriff und Formen von Rassismus Angesichts der zu beobachtenden Proteste in Teilen der sambischen und namibischen Bevölkerung stellt sich die Frage, inwieweit dieses Phänomen als antichinesische Stimmung aufgefasst werden kann, die aus einer Bevorzugung der in den beiden ausgewählten Ländern anwesenden Chinesen resultiert, oder ob es sich bereits um rassistische Ressentiments handelt. Zu diesem Zweck sollen in diesem Kapitel einschlägige Rassismustheorien vorgestellt werden, die den theoretischen Rahmen für die Diskurs- und Inhaltsanalyse bilden. „Rassismus“ ist heutzutage ein in der öffentlichen Debatte häufig anzutreffender Begriff. Er wird verwendet, um vermeintliche oder tatsächliche Diskriminierungen von Volksgruppen zu bestimmen, um den europäischen Rechtspopulismus zu charakterisieren oder ihn ganz einfach als ein aufgrund seines moralischen Gehalts besonders wirkungsmächtiges Argument in einer kontroversen Diskussion verwenden zu können. Häufig wird beklagt, rassistische Zuschreibungen würden „inflationär“ oder „undifferenziert“ verwendet. Ungeachtet des möglichen Wahrheitsgehalts einer zu häufigen Verwendung von Rassismus zeigt sich bereits an dieser Theorie ein evidentes methodisches Problem: Es ist sehr schwierig, Rassismus exakt zu bestimmen, empirisch zu werten und von anderen Begriffen wie ausschließlichen Beschreibungen von unterschiedlichen Menschen abzugrenzen. Rassismus erleidet das Schicksal vieler soziologischer Theorien: Er ist genuin moralisch zu verstehen. Ein technischer Rassismus ohne moralische Wertung ist nicht vorstellbar. Rassistische Zuschreibungen enthalten immer eine moralische Wertung. Eine verbindliche Definition für Rassismus zu finden ist eine schwierige Aufgabe, die bisher nicht zufriedenstellend gelöst wurde. Viele Theorien über Rassismus sind nicht deckungsgleich und bewegen sich in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen wie Geschichte, Soziologie oder Erziehungswissenschaft. Es sind allerdings zwei Hauptströmungen zu erkennen. Die Vertre- 64 ter der einen Richtung zielen auf biologische oder körperliche Unterschiede zwischen Menschengruppen ab. Die andere Strömung konzentriert sich demgegenüber auf vermeintliche kulturelle Unterschiede zwischen zwei Gruppen. Die ausgemachten Unterschiede werden jeweils durch den, der rassistisch denkt, dergestalt gewertet, dass es zu eigenen Vorteilen der eigenen und zu Nachteilen gegenüber der anderen Gruppe kommt. Es ist nicht leicht, die unterschiedlichen Ansätze über Rassismus zu verbinden. Den Versuch einer fächerübergreifenden Definition macht Rudolf Leiprecht: „Bei Rassismus handelt es sich um individuelle, kollektive, institutionelle und strukturelle Praktiken der Herstellung oder Reproduktion von Bildern, Denkweisen und Erzählungen über Menschengruppen, die jeweils als statische, homogene und über Generationen durch Erbfolge verbundene Größen vorgestellt werden, wobei (explizit oder implizit) unterschiedliche Wertigkeiten, Rangordnungen (Hierarchien) und/oder Unvereinbarkeiten zwischen Gruppen behauptet und Zusammenhänge zwischen äußerer Erscheinung und einem ‚inneren’ Äquivalent psycho-sozialer Fähigkeiten suggeriert, also in dieser Weise ‚Rassen’, ‚Kulturen’, ‚Völker’ oder ‚Nationen’ konstruiert werden.“224 Leiprecht beschreibt Rassismus als abstrakte Bilder oder Denkweisen, die subjektiv Menschengruppen in vermeintlich homogene Gruppen einteilt. Der jeweiligen Gruppe werden ähnliche Eigenschaften zugewiesen, die sowohl äußerlich durch das Erscheinungsbild oder innerlich durch soziales Verhalten festgemacht werden. Leiprecht geht noch weiter: Auch in erster Linie nicht rassistisch gemeinte Sammelbegriffe wie „Volk“ oder „Nation“ identifiziert er als konstruierte, also erfundene Arten des sozialen Lebens. Damit arbeitet Leiprecht eine Verbindung zwischen amoralischen, rassistischen Zuschreibungen einerseits und moralfreien, technischen Beschreibungen gesellschaftlicher Organisationsformen andererseits heraus. Rudolf Leiprecht stellt zu Recht fest, dass in allen Wissenschaftsdisziplinen ein gemeinsamer Nenner für eine Definition von Rassismus fehlt. Einigkeit besteht in der Forschung aber dahingehend, dass es sich bei Rassismus um Prozesse wie Ideen, Repräsentationen und Vorstellungen handelt, die historisch und gesellschaftlich entstanden sind und die sich reproduzieren. Dabei werden Großgruppen, vermeintliche Rassen, in eine Hierarchie eingebunden. Die Konstrukte „Volk“, „Kultur“ und „Nation“ würden dann als Ordnungsmuster und Wissenssysteme soziale Verhältnisse regulieren und diese als Herrschaftsformen rechtfertigen.225 224 Leiprecht 2005, S. 15. 225 Leiprecht 2016, S. 1. 65 Es geht also um subjektive Eindrücke von anderen Menschen in Form von Ideen und Vorstellungen, die sich in wiederkehrenden Prozessen, also Abläufen, verfestigen und sich dann wiederholen. Wenn eine Idee über eine Menschengruppe entsteht, wird sie immer wieder neu identifiziert und zur Bewertung einer Gruppe verwendet. Die ablehnend bewerteten Gruppen werden anschließend unterdrückt. Die Unterdrückung wird durch rassistische Codes wie „Volk“ und „Nation“ legitimiert. Dabei übersieht Leiprecht, dass die Chiffren „Volk“ und „Nation“ auch wertneutrale Ordnungsmuster oder wünschenswerte Identifikationsformen aufweisen können. Grundsätzlich ist seiner These des Missbrauchs der Begriffe aber zuzustimmen. Immer wieder sind Bestandteile von Rassismus auch Verschwörungstheorien, die folgende Bedeutung haben: Der streng genommene Sinn der Wortpaarung „Verschwörungstheorie“ bezeichnet schlicht ein Modell zur Erklärung bestimmter Teile von Realität durch das Zustandekommen bzw. das Wirken einer Verschwörung. Unter einer Verschwörung ist dabei eine von mindestens zwei Akteuren geplante Geheimhandlung zu verstehen, wobei die Ziele dieser Geheimhandlung typischerweise zu keinem guten Ende führen.226 Dabei ist wichtig, dass der Begriff „Verschwörungstheorie“ im allgemeinen Sprachgebrauch als Pejorativum, also abwertend, verwendet wird.227 Dementsprechend können Verschwörungstheorien auch ein Ausdruck von Rassismus sein. Leiprecht stellt fest, dass in der Forschung mittlerweile von Rassismen in der Mehrzahl gesprochen wird. Rassismen hätten die Aufgabe, diskriminierende gesellschaftliche Systeme zu verfestigen.228 Hier zeigt sich, dass verschiedene Konzepte über Rassismus am Ende unvereinbar sind. Natürlich ist eine willkürlich zugeschriebene Eigenschaft wie eine kulturelle oder religiöse Verhaltensweise anders als ein unveränderliches körperliches Merkmal. In beiden Fällen ist rassistische Ausgrenzung möglich, aber nur im erstgenannten Fall kann sie willkürlich von einem zum anderen Merkmal wechseln: Der als rassistisch Gebrandmarkte ist z. B. Muslim, Jude, Atheist oder Katholik als jeweils mögliches Ausgrenzungsmerkmal. Um der willkürlichen Abgrenzung zu begegnen, ist es plausibel, von Rassismen in der Mehrzahl zu sprechen, die nicht eins zu eins übertragbar sind. In der Literatur dominiert eine andere Position: Rassismen seien nicht natürliche Phänomene, sondern nur historisch-gesellschaftliche Ergebnisse von Prozessen, die sich am Ende herausgebildet haben. Leiprecht konstatiert das 226 Seidler 2016, S. 28. 227 Seidler 2016, S. 29. 228 Leiprecht 2016, S. 2. 66 Fehlen von Forschungsarbeiten, die etwa als Methodenmix das Entstehen von Rassismus durch Prozesse analysieren könnten. Es bestünde ein Mangel an Diskursanalysen, die durch Decoding und Encoding von Schulbüchern und ähnlichen Materialien das Entstehen von Rassismus erklären könnten.229 Hier schließt meine Arbeit an, die eine diskursive Betrachtung des Phänomens Rassismus in Sambia und Namibia vornimmt und dabei verschiedene Quellen auswertet. 3.2 Rassenbiologie Der biologische Rassismus ist vermutlich die älteste und tiefste Form von Rassismus. Die Abwertung von anderen Menschen aufgrund von äußeren „biologischen“ Merkmalen durchzieht die Geschichte der Sklaverei, des Kolonialismus und des Holocaust im Nationalsozialismus. Häufig wird heute die Verwendung des Begriffs „Rassismus“ im Sinne des ursprünglichen biologischen Begriffs verstanden. Entsprechend ist es Vertretern von vermeintlichen kulturellen Unterschieden zwischen Gruppen wichtig, darauf hinzuweisen, dass sie eigentlich keine Rassisten seien, weil sie keine biologischen Abgrenzungsschemata verwenden würden. Die Literatur ist sich dieses Problems bewusst und versucht entsprechend, rassistische Formulierungen durch Umwege nicht aus der moralischen Verantwortung zu entlassen. Terkissides kritisiert in diesem Sinne die Vermeidung des Begriffs „Rassismus“ durch andere Formulierungen. Als Beispiel nennt er die Ausdrucksform „Feindlichkeit“, die im Sinne von Ausländer- und Menschenfeindlichkeit verstanden werden soll. Während der Begriff „Feindlichkeit“ die Spaltung in zwei Gruppen beschreibt, sei Rassismus in Wirklichkeit eine illegitime Spaltung einer Bevölkerung auf einem Territorium.230 Für Geulen ist Rassismus ein Produkt menschlicher Kultur und eine Hervorbringung des menschlichen Denkens und Handelns. Rassismus sei ein durch und durch historisches Phänomen und von Wandlungen gekennzeichnet.231 Geulen sieht das Hauptthema des Rassismus als einen andauernden Kampf. Die als Rassen imaginierten Gemeinschaften kämpfen um Selbstbehauptung, Geltung, Überleben und Überlegenheit.232 Terkissides missfällt die Begriffsverwirrung. Um die moralische Wucht von Rassismusvorwürfen zu vermeiden würden über den Umweg der Verwendung anderer Formulierungen dem Sinne nach trotzdem rassistische Denkmuster 229 Leiprecht 2016, S. 23. 230 Terkissides 2004, S. 8. 231 Geulen 2007, S. 7–8. 232 Geulen 2007, S. 10. 67 dargestellt. Geulen hingegen zeigt auf, dass Rassismus auf eine lange Geschichte zurückblickt und immer einen darwinistischen Kontext hatte. Rassismus ist Mittel zum Kampf und Zweck zur Herrschaft. Der Verweis auf den Darwinismus bedeutet in dem von Geulen besprochenen Zusammenhang einen Rückgriff auf die von Charles Darwin im 19. Jahrhundert begründeten biologischen Theorien. Nach diesen Thesen gibt es einen natürlichen Ausleseprozess bei den Tierarten, bei der die am besten an die Umwelt angepasste Art überlebt. Übertragen auf die soziale Wirklichkeit in der menschlichen Gesellschaft bedeutet dieses Phänomen, dass der Rassist sich mit einem auf Ausgrenzung und Gewalt beruhenden Verhalten auf Kosten von unterlegenen Menschen und Gruppen durchsetzt. Der Unterlegene ist damit das Opfer des Rassisten, der wiederum durch den Einsatz von rassistischen Zuschreibungen eine Form von Herrschaft über das Opfer von Rassismus begründen kann. In der kulturellen Segregation drückt sich die Zuteilung symbolischer Macht aus. Es geht um die Bedeutung von Menschen in der Gesellschaft. Daraus folgt eine wirtschaftliche, politische und soziale Segregation. Individueller Rassismus beruht auf persönlichen Handlungen und Einstellungen und kommt in der Interaktion zwischen Menschen vor. Rommelspacher setzt sich auch mit dem Begriff des strukturellen Rassismus auseinander, der durch das gesellschaftliche System mit seinen rechtlichen und politisch-ökonomischen Strukturen der Ausgrenzung hervorgebracht wird. Der institutionelle Rassismus dagegen stützt sich auf Ausgrenzung durch Gewohnheiten, Wertvorstellungen und Handlungsmaximen.233 Individueller Rassismus ist ein nicht durch eine gemeinsame Aktion oder staatliche Maßnahmen hervorgerufener Rassismus. Vielmehr handelt es sich um einen persönlichen, in der eigenen Weltanschauung liegenden Rassismus. Rommelspacher meint damit, dass rechtliche Vorschriften und politische Entscheidungen in einem Staat auch Gruppen in dem Land benachteiligen könnten. Ein Beispiel könnte in einer höheren Besteuerung einer bestimmten Religion im Vergleich zu einer anderen oder aber durch den Ausschluss von finanziellen Förderungen einer Gruppe im Gegensatz zu einer anderen bestehen. So wurden jahrhundertelang in Europa nur christliche Kirchen durch den Staat finanziert. Muslimische Gemeinden sind davon bis heute ausgeschlossen. Diese Ungleichbehandlung mag darauf zurückzuführen sein, dass die kulturelle Prägung in Westeuropa im Wesentlichen auf dem christlichen Glauben basiert. Rassismus ist ein System von Diskursen und Praktiken, die die historisch entwickelten Machtverhältnisse legitimieren und reproduzieren. Menschen 233 Rommelspacher 2009, S. 30. 68 werden durch den strukturellen Rassismus homogenisiert, polarisiert und in eine Hierarchie eingebunden. Rassismus ist also ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen Menschen.234 Rassismus war immer von gesellschaftlichen Machtverhältnissen abhängig. In der Kolonialzeit waren es die technologisch überlegenen Staaten Europas, die die kolonisierten afrikanischen, südamerikanischen und asiatischen Völker unterdrückten. Als es um die Einwanderung chinesischer Arbeiter nach Nordamerika und Australien im 19. Jahrhundert ging, wurden die Chinesen als im Wert unter den Europäern stehende Konkurrenten angesehen und bekämpft. Ebenso verhielt es sich jahrhundertelang mit den Nachfahren afroamerikanischer Sklaven in den USA. Heute finden sich häufig muslimische Migranten in der Europäischen Union, die von Teilen der Bevölkerung aufgrund ihres Glaubens oder ihrer Ethnie von Teilhaberechten der Gesellschaft ausgeschlossen werden sollen. Der Rassismus der Dominierten wird nach Leiprecht einerseits durch vorherrschende Diskurse und andererseits durch institutionelle und gesellschaftliche Verhältnisse unterstützt.235 Die Diskurse bilden die gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse ab, in denen über den Wert der vermeintlich anderen diskutiert wird. Dabei werden Ausdruck, Berechtigung und Adressaten des jeweiligen Rassismus festgelegt. Hier bestätigt sich die These, dass sich Rassismus reproduziert und aus Diskursen sich häufig verfestigende rassistische Strukturen etablieren. Die Diskurse helfen einer Gesellschaft jedenfalls nicht, weniger rassistisch aufzutreten. Ein Beispiel für einen solchen Diskurs ist die öffentliche Diskussion über Kopftücher von Muslimas im öffentlichen Dienst. Es gibt viele, auch emotional vorgetragene Argumente für und gegen das Tragen eines Kopftuchs. Die Diskussion beruhigte sich aber nicht durch den Austausch der Argumente. Tatsächlich beschäftigt das Tragen des Kopftuches im öffentlichen Dienst trotz des Diskurses auch 2017 die höchsten deutschen Gerichte.236 Einige Apologeten vermeiden die Verwendung des biologischen Rassismus angesichts der Schrecken des Holocausts. Sie stellen lieber auf kulturelle denn auf psychologische Unterschiede ab, um ihren Rassismus zu begründen.237 So verstecken manche Rassisten ihren Rassismus, indem sie nicht die biologistischen Merkmale als Unterscheidungskriterium propagieren. Sie würden nicht sagen: „Juden sind aufgrund ihres Jüdischseins minderwertig“. Stattdessen bekräftigen sie den Wert von Juden als Menschen, um gleichzeitig zu sagen, es 234 Rommelspacher 2009, S. 29. 235 Leiprecht 2005, S. 10. 236 Bahners 2017. 237 Fredrickson 2002, S. 3. 69 gäbe vermeintlich unüberwindbare kulturelle Unterschiede. Durch kulturelle Unterschiede wie etwa die Prägung des Alltags oder die der äußeren Kleidung durch religiöse Vorschriften seien zwei Gesellschaften nicht kompatibel und müssten räumlich voneinander getrennt werden. Der Rassismus äußert sich durch die genannten kulturellen Unterschiede, durch die die eigene Kultur über andere Kulturen erhoben wird. Der afrikanische Nationalismus ist zu einem großen Teil durch den europäischen kulturellen Nationalismus beeinflusst worden.238 Die Beeinflussung der afrikanischen Gesellschaft durch europäische Kolonialmächte führte zu der afrikanischen Übernahme von westlichen Konzepten. Als Beispiel kann die Gründung von demokratischen Mehrparteiensystemen in afrikanischen Staaten angesehen werden. Genauso verhält es sich mit der Hervorhebung der jeweiligen europäischen Nation gegenüber anderen Nationen mit der Folge, dass auch auf dem afrikanischen Kontinent afrikanische Staatsführer ihre Nation für höherwertiger halten als andere afrikanische Staaten. Somit entwickelte sich afrikanischer Nationalismus auch durch die Begegnung mit europäischen Staatskonzepten. Diskriminierung durch Institutionen und Individuen können ebenfalls festgestellt werden, wenn sie die Illusion von vermeintlich nicht rassistischen Ideen, d.h. nicht biologischen Ideen erwecken.239 Damit wird ein bevorzugtes Motiv von Rassisten deutlich. Wenn von kulturell minderwertigen Gruppen gesprochen wird, kann der Sprecher immer behaupten, keinerlei biologische Diskriminierungen vorgenommen zu haben. Im Ergebnis ist die Ablehnung des anderen jedoch genauso rassistisch, wenn der rassistisch Denkende Unterschiede feststellt und diese dann als Ausgrenzungskriterium bewertet. Es fällt auf, dass in den „mystischen“ Formen von rassistischen Unterscheidungen ein Motiv liegen könnte, die Vorteile der eigenen möglicherweise ethnisch bedrohten Gruppe nicht zu gefährden. Die Vertreter rassistischer Ungleichbehandlung würden es ungern sehen, wenn ihre Vorurteile der eigenen ethnischen oder kulturellen Gruppe zum Nachteil gereichen würden. Fredricksons Theorie von Rassismus beruht auf den Begriffen „Unterscheidung“ und „Macht“.240 Deterministische kulturelle Unterscheidungen können in ihrer rassistischen Aussage wesentlich effektiver wirken als biologischer Rassismus.241 Da biologi- 238 Fredrickson 2002, S. 3. 239 Fredrickson 2002, S. 4. 240 Fredrickson 2002, S. 8. 241 Fredrickson 2002, S. 8. 70 scher Rassismus häufig als solcher erkannt und moralisch verurteilt wird, ist es für Rassisten effektiver, offensichtlich rassistische Stereotypen zu vermeiden und einen indirekten Weg zu wählen. Sie grenzen andere Gruppen aus, indem sie vermeintliche kulturelle Eigenarten einer Gruppe als unvereinbar mit der Kultur der eigenen Gruppe erklären. Da sie aber nicht eindeutig der anderen Gruppe negative Attribute zuschreiben, sondern nur auf angeblich für jeden erkennbare kulturelle Eigenarten Bezug nehmen, vermeiden sie die direkte moralische Verwerflichkeit von offenem Rassismus. So kann Rassismus viel effektiver wirken. Rassismus ist weder eine gegebene menschliche soziale Tatsache noch eine moderne Theorie, die befriedigend biologische Unterscheidungen in Geschichte und Kultur erklären könnte.242 Die Varianten von Rassismus, die im Westen entwickelt wurden, hatten eine größere Auswirkung auf die menschliche Gesellschaft als jedes andere Äquivalent in einer anderen Zeit oder einem anderen Teil in der Welt.243 Die gängigen Definitionen von Rassismus legen mehr Wert auf biologische als auf die Benachteiligungen von Gruppen durch kulturelle, religiöse oder ethnische Unterschiede. Aus diesem Grund hat Fredrickson eine Definition von Rassismus entworfen, die mehr den Ausdrucksformen ethnozentrischer Abneigungen oder Misstrauen gegenüber dem Gegenüber gerecht wird.244 Rassismus ist weder eine moderne Theorie noch eine gegebene Form sozialer Existenz, sondern eine historische Entwicklung, die von Europäern ausging. Dabei begründet sich die rassistische Idee nach Fredrickson vor allem in religiösen und weniger in biologischen Überzeugungen.245 Es ist einmalig in der westlichen Welt, dass eine dialektische Interaktion zwischen der Voraussetzung von Gleichheit und einer ernsthaften Voreingenommenheit gegenüber bestimmten Gruppen besteht. Entweder sind alle gleich, wie es seit der Französischen Revolution postuliert und in Gesetzesform gegossen wurde, oder aber es gibt angeblich unüberwindbare Unterschiede, die zu Diskriminierungen führen. Beides ist an sich unvereinbar und wird dennoch gleichermaßen praktiziert. Diese Bedingungen sind grundlegend für einen Rassismus als eine ideologische Weltsicht.246 Eine Ideologie wirkt einerseits starr und abgegrenzt. Auf der anderen Seite sind Ideologien flexibel darin, etwas zu versprechen, das auf lange Zeit nicht eintritt. Ein Beispiel mag der real existierende Sozialismus sein. So versprach die DDR 242 Fredrickson 2002, S. 6. 243 Fredrickson 2002, S. 11. 244 Fredrickson 2002, S. 5. 245 Fredrickson 2002, S. 6. 246 Fredrickson 2002, S. 12. 71 jahrzehntelang einen sehr guten Lebensstandard nach dem Erreichen des Kommunismus. Der Kommunismus ist in vierzig Jahren DDR nicht eingetreten und der Lebensstandard blieb entsprechend niedrig. Trotzdem blieb das Ziel als Versprechen bestehen. Ähnlich verhält es sich mit der rassistischen Ideologie. Die Rassisten früherer Jahrhunderte hatten nicht die Absicht, die durch die französische und die amerikanische Revolution errungene Gleichheit aller Menschen auf die Einwohner der europäischen Kolonien zu übertragen. Auf der anderen Seite konnten die biologisch begründeten Unterscheidungen zwischen den kolonisierten Menschen und den Kolonisatoren nicht einfach auf die Kolonialvölker ausgedehnt werden. Die Kolonisierung hätte ihre Berechtigung verloren. Dementsprechend blendeten die Rassisten das offensichtlich Unvereinbare aus und verschoben es auf eine unerreichbare Zukunft: Die kolonisierten Völker könnten im eigenen Interesse kolonisiert worden, indem sie eines Tages zivilisatorisch zu den Kolonialherren aufschlie- ßen könnten. 3.3 Der Zusammenhang von Rassismus und Kolonialismus In kaum einem anderen Zusammenhang wurden rassistische Denkmuster so offensichtlich umgesetzt wie in der Phase der Kolonialzeit. In diesem Punkt ist sich die ansonsten von vielschichtigen Ergebnissen geprägte Rassismusforschung weitgehend einig. Bereits 2005 hat Reinhard Kössler eine Verbindung zwischen Rassismus und Kolonialismus beschrieben. Er stellte eine kausale Beziehung zwischen dem nationalsozialistischen Holocaust und dem deutschen Genozid in Namibia fest. Es zeigt sich eine direkte Übertragung von Strukturen und Mustern der Wahrnehmung. Die nachhaltige Reduzierung von Hemmschwellen wurde ebenfalls sichtbar.247 Obgleich der nationalsozialistische Holocaust in seinem Grauen einzigartig ist, ist Kössler in der Interpretation der weltanschaulichen Ansätze zuzustimmen. Nur gingen die kolonialen Vertreter selten soweit, aus der Wertung von Unterschieden auch die Berechtigung von Genoziden abzuleiten. Der Massenmord an den Hereros in Namibia stellt eine Ausnahme dar. Andere sehen in der Kolonialzeit sogar die Entstehung von Rassismus begründet. Für Birgit Rommelspacher etwa ist Rassismus in der Kolonialzeit zu verorten. Im Kontext des Kolonialismus wurde von den europäischen Mächten mit Rassismus das Ziel verfolgt, die afrikanische Bevölkerung ausbeuten und versklaven zu können. Diese Legitimierung des Kolonialismus für die Kolonialherren war notwendig, weil die koloniale Epoche auch die Zeit der Deklaration der Menschenrechte war. Also mussten die Europäer sich selbst erklären, warum sie einem Teil der Menschheit den Status des gleichberechtig- 247 Kössler 2005, S. 310. 72 ten Menschen absprachen.248 Rommelspacher ist entgegenzuhalten, dass es koloniale Ausbeutung auch in Asien, in der Karibik und in Südamerika gab und somit nicht nur die afrikanische Bevölkerung von dieser Unterdrückung betroffen war. Rassismus bildet eine Legitimationsgrundlage für die kolonialen Eroberungen, die nach Rommelspacher zum Prototyp des Rassismus geworden sind. Soziale Differenzen wurden naturalisiert und als Ausdruck einer vermeintlich unterschiedlichen biologischen Anlage gedeutet.249 Rommelspacher verbindet also die ursprüngliche biologische Variante des Rassismus mit seiner nachhaltigen Etablierung und Legitimation in den vermeintlich unterentwickelten kolonisierten Gesellschaften. Rudolf Leiprecht stellt fest, dass der neuzeitliche Rassismus sich mit der kolonialen Expansion Europas und der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise entwickelt hat. Der neuzeitliche Rassismus sei verbunden mit der Ausbeutung der außereuropäischen Ressourcen in Afrika und Ostindien.250 Rassismus kommt ohne Rassen aus – die vermeintlichen Rassen werden in einem gesellschaftlichen Kontext überhaupt erst konstruiert. Politische und soziale Interessen würden auf die unpolitische Ebene des Biologischen transferiert. Dadurch würde die soziale Ungleichheit zugunsten bestimmter historischer Gruppen gesichert.251 Rassismus ist damit den Interessen des Kolonialismus entgegengekommen und zeigt sich einerseits als Rassismus der Mehrheitsgesellschaft. Andererseits kann aber auch ein Rassismus aufseiten der Dominierten vorliegen. Rassismus der Dominierten wäre also ein Rassismus derjenigen, die zur Zielscheibe dieser vorherrschenden Rassismen in einer Gesellschaft werden und nun ihrerseits rassistischen Denk- und Handlungsmustern folgen.252 Die Ursache von Rassismus ist bei dem Beispiel von Leiprecht eine austauschbare Größe: Er kann von den Dominierenden zu den Dominierten wechseln. Dieser Aussage ist entgegenzuhalten, dass Leiprecht einen entsprechenden gesellschaftlichen Kontext voraussetzt, damit Rassismus überhaupt erst entstehen kann. Es muss also einen evidenten Machtverlust auf der Seite der Kolonisatoren geben, die Machtstrukturen müssen auf die Seite der bis dahin Unterdrückten wechseln. Ein entsprechend rassistisches Menschenbild dagegen kann in einem solchen Fall vorausgesetzt werden. Diese Haltung ist bereits durch die bei den Kolonisierten während der Kolonialzeit 248 Rommelspacher 2009, S. 25. 249 Rommelspacher 2009, S. 26. 250 Leiprecht 2005, S. 6. 251 Leiprecht 2005, S. 8. 252 Leiprecht 2005, S. 9. 73 möglicherweise hervorgerufenen Wünsche nach Vergeltung an den Kolonialherren zu erwarten. Neben den bereits genannten Wissenschaftlern werden auch Robert Miles, Albert Memmi und Stuart Hall immer wieder in der Forschung zitiert. Im Folgenden werden die Rassismustheorien der drei Autoren vorgestellt. 3.4 Der Begriff der Rasse als sozial konstruierte Ideologie nach Robert Miles Miles sieht die Funktionsweise von Rassismus in der Zuschreibung von genetischen oder äußeren Eigenschaften von Menschen auf andere Menschen. Die zugeschriebenen Eigenschaften bekommen bestimmte Bedeutungen zugewiesen, die zu Kategorien führen, in die Menschen eingeteilt werden. Die unter die Kategorien subsumierten Menschen werden durch die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften und Kategorien negativ bewertet.253 Der Begriff „Rassismus“ ist Gegenstand einer intensiven politisch-ideologischen Auseinandersetzung.254 Bei der Debatte um Rassismus stellen sich die Kriterien als relevant heraus, mit denen Personen oder Gruppen eine Bewertung oder einen Rang zugewiesen bekommen. Andere Personen oder Gruppen werden dagegen ausgeschlossen.255 Miles erkennt im Rassismus eine Struktur von klassenspezifischer Benachteiligung und Ausgrenzung.256 Bereits im 16. Jahrhundert wurde der Begriff „Rasse“ in England verwendet, um die Entstehung von Nationen zu erklären. Unterschiedlichen Gruppen wurden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, die dann zu nationalen Ursprungsmythen und Symbolen konstruiert wurden.257 Der Rassist stellt die eigene Nation über die Einwohner anderer Nationen und wertet diese ab. Bestandteile des Diskurses über Rassen waren bis zum 19. Jahrhundert die Verbindung eines biologischen Typs mit einer hierarchischen Ordnung. Anschließend änderte sich die Einordnung von Rasse als einer äußeren Eigenschaft zu einer weitergehenden Festlegung, bei der etwa die Bestimmung des Schädelumfangs und Messgrö- ßen anderer Körperteile eine Rolle spielten.258 Dabei ist diese Einordnung nur eine von mehreren vermeintlich wissenschaftlichen Bestimmungsformen über das Vorliegen von Rassen. Rassismus zeigt sich in kulturell, ethnisch oder religiös geprägten Wertungen zugunsten der eigenen und zuungunsten einer 253 Miles 1991, S. 9. 254 Miles 1991, S. 11. 255 Miles 1991, S. 16. 256 Miles 1991, S. 18. 257 Miles 1991, S. 43. 258 Miles 1991, S. 47. 74 anderen Gruppe. Lediglich die Begründungen sind unterschiedlich. Es ist auch möglich, dass der Rassist einer sozialen Klasse angehört, die er anderen Klassen gegenüber mit rassistischen Begründungen verteidigt. Es geht immer um Abgrenzung und Ausschluss von anderen, um die Sicherung von Privilegien und Vorteilen der eigenen Person oder Gruppe. Zwangsläufig müssen dann andere von den Privilegien ausgeschlossen werden. Rassismus ist immer zweckgebunden. Der Rassist verfolgt mit seinem Rassismus einen eigennützigen Zweck. Diejenigen, die einer bestimmten Bevölkerungsgruppe eine vermeintliche Charaktereigenschaft zuweisen, legen durch diese Zuschreibung auch Kriterien für sich selbst fest. Die eigene Gruppe, die rassistische Kriterien verwendet, wertet sich auf und im Gegenzug wird die als rassistisch definierte Gruppe abgewertet. Die Unterscheidung bilden die rassistischen Kriterien. Es besteht eine enge Verbindung zum europäischen Kolonialismus, also außerhalb von Nationalstaaten.259 Miles lehnt mit seiner historischen Perspektive auf Rassismus die koloniale Erklärung zwar nicht ab, erkennt sie aber auch nicht als einzig mögliche an. Er erläutert sehr detailliert, wie die psychologische Ebene bei der Entstehung von Rassismus funktioniert. Er zeigt, dass Rassismus eine Herrschaftsform voraussetzt. Es kann nur der rassistisch sein, der sich auf Kosten von anderen selbst aufwertet und sich dadurch in einer Machtposition befindet. Miles lehnt eine Überdehnung des Begriffs „Rassismus“ ab. Seiner Meinung nach ist eine Überdehnung durch die Definition von Praktiken möglich, die im Ergebnis dazu führen, dass Menschen mit anderer Hautfarbe, Religion oder Kultur immer wieder benachteiligt werden.260 Miles präferiert einen engeren, genau definierten Rassismusbegriff. Nicht jede Form von Benachteiligung ist für ihn gleichbedeutend mit Rassismus. Miles nennt einige Schlüsselbegriffe, die Rassismus näher bestimmen. Eine Rassenkonstruktion ist ein repräsentativer Prozess, durch den bestimmten biologischen Eigenschaften eine gesellschaftliche Bedeutung zugewiesen wird. Dadurch werden die Träger der jeweiligen biologischen Eigenschaft zu Gruppen zusammengefasst.261 Ein zweiter wichtiger Begriff ist der „Rassismus“ an sich, der sich ausschließlich auf ein ideologisches Phänomen bezieht. Ein Abstellen auf Praktiken und Prozesse besitzt nach Miles nicht genug Trennschärfe und erklärt nicht die logische Beziehung, die zwischen Erkennen und Handeln besteht.262 Der dritte Schlüsselbegriff ist der in zwei Varianten auf- 259 Miles 1991, S. 53. 260 Miles 1991, S. 89. 261 Miles 1991, S. 99. 262 Miles 1991, S. 103. 75 tretende institutionelle Rassismus.263 In der ersten Variante könnte ein rassistischer Diskurs bestimmte Ausgrenzungspraktiken produzieren, die dann aber nicht zwingend durch den Diskurs selbst gerechtfertigt sind, sondern als eine Folge des Diskurses entstehen. In der zweiten Variante könnte der rassistische Inhalt in einen Diskurs abgewandelt werden. Die Abwandlung ist dergestalt zu verstehen, dass der direkte rassistische Gehalt zwar verschwinden würde, aber die ursprüngliche rassistische Bedeutung sich auf andere Begriffe übertragen könnte. So sprachen die offiziellen britischen Einwanderungsregeln seit den 1940er Jahren nicht explizit von „schwarzen Einwanderern“ aus den Kolonien, aber in ihren Formulierungen wurden die „Schwarzen“ dennoch sinngemäß beschrieben. Trotz der Vermeidung von als rassistisch wahrgenommenen Begriffen wird die beschriebene Ethnie selektiv wahrgenommen und damit in einen rassistischen Kontext gestellt. Diese Regelung diente der Beschränkung des Zuzugs von karibischen Einwanderern.264 Als viertes Beispiel nennt Miles den Begriff der ideologischen Verknüpfung, indem Elemente einer Ideologie einer anderen zugewiesen werden, wodurch am Ende Rassismus produziert wird. Als Beispiele führt er Sexismus und Nationalismus an.265 Laut Miles gibt es Verbindungen zwischen Rassenkonstruktionen und Rassismus mit Begriffen wie „Kapitalismus“, „Kolonialismus“ oder auch „unfreie Arbeit“. Dabei kann es zu Widersprüchen kommen.266 So könnte der Begriff „Kapitalismus“ beispielsweise wertneutral oder positiv verwendet werden, gleichzeitig aber auch eine Chiffre für die wirtschaftliche Ausbeutung kolonisierter Völker sein. Die vier vorgestellten Beispiele gilt es zu entschlüsseln. 1. Miles stellt eindeutig die Bedeutung eines biologischen Unterschieds fest. Nur dadurch kann wirklich Rassismus entstehen. 2. Rassismus muss einen wie auch immer gearteten ideologischen Gehalt aufweisen. Nicht ausschließlich technische, in ihrer Motivation vielleicht überhaupt nicht entschlüsselbare Regeln oder Verhaltensweisen ohne Absicht der staatlichen Stellen sind Rassismus. Beispiele dafür sind etwa eine niedrigere Abiturquote von Muslimen durch häufige Nichtzulassung zum Gymnasium. Es muss stattdessen eine konkrete Absicht hinter der objektiv erkennbaren Diskriminierung stehen. Damit engt Miles den 263 Institutioneller Rassismus ist ein durch Institutionen praktizierter Rassismus. Institutionen können sowohl staatliche als auch private Akteure sein, denen gegenüber sich das Opfer von Rassismus in einer untergeordneten oder abhängigen Position befindet. Durch vorgegebene rechtliche Vorgaben kann eine institutionelle Benachteiligung erzeugt werden. 264 Miles 1991 S. 113–114. 265 Miles 1991 S. 116–117. 266 Miles 1991 S. 169. 76 Rassismusbegriff ein. 3. Miles fordert eine genaue Bestimmung des Begriffs „institutioneller Rassismus“, der immer dann vorliegt, wenn entweder bestimmte Gruppen eines gesellschaftlichen Diskurses thematisiert oder im Ergebnis des Diskurses Ausgrenzungen der entsprechenden Gruppe begründet werden. Ein Beispiel könnte in der Zuzugsbegrenzung von Arbeitnehmern mancher EU-Staaten bestehen, weil bei einheimischen Arbeitnehmern durch den Diskurs vorher Ängste vor ungebetener Konkurrenz festgestellt wurden. 4. Sprache ist ein Mittel, um zuvor als rassistisch begriffene Zuschreibungen mit unbelasteten Ersatzbegriffen zu entschärfen.267 Dabei bleiben die möglichen gesetzlichen Diskriminierungen der Gruppe trotzdem bestehen. Zu vermuten wäre, dass er die Veränderung rassistischer Sprache als Alibi und Gewissensberuhigung ansieht. Über gesellschaftliche Normen werden rassistische Begriffe geprägt, die der Rassist meidet und gegenüber Dritten verurteilt, um ein angepasstes Verhalten vorzutäuschen. Wenn er trotzdem rassistische Verhaltensweisen zeigt und mit anderen Begriffen wie „kulturelle Unvereinbarkeit“ argumentiert, kann er sich immer noch auf seine antirassistische Haltung berufen. Für Miles lässt sich Rassismus nicht auf einen einzelnen empirischen Fall beschränken. Der jeweilige einzelne Fall wird mit dem Begriff der „Rassenkonstruktion“ verbunden. Dadurch können politisch-ökonomische Verhältnisse erklärt werden. Die Subjekte und Objekte von Rassismus können als rassistisch wahrgenommen werden, wenn sie innerhalb der jeweiligen Gesellschaft in gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse eingebettet sind. Durch die gesellschaftlichen Rollenbilder kann Rassismus wirken.268 3.5 Biologischer Rassismus und seine gesellschaftliche Wirkung nach Albert Memmi Albert Memmi übt eine umfassende Kritik an der vorherrschenden rassistischen Theorie, nach der es biologische Unterschiede zwischen den Rassen geben würde. Dadurch würden einzelne Rassen als höherwertig gegenüber anderen angesehen. In der Folge kommt es zu einer Legitimierung von Herrschaft und Privilegien der höher stehenden Gruppe.269 Zwar gibt es Unter- 267 Als Beispiel kann der Begriff der kulturellen Unvereinbarkeit zwischen zwei sozialen Gruppen genannt werden. Es ist ein evidenter Unterschied in der Form, ob der Rassist einen anderen Menschen aufgrund äußerer oder ethnischer Merkmale ablehnt oder vermeintlich trennende kulturelle Unterschiede geltend macht. Außerdem kann sich der Rassist immer noch vom biologischen Rassismus abgrenzen und behaupten, er sei ja gar nicht rassistisch. 268 Miles 1991 S. 172–173. 269 Memmi 1987, S. 13. 77 schiede zwischen den Menschen, aber daraus können nicht verschiedene Rassen abgeleitet werden.270 Nach Memmi würde sich die biologische Natur des Menschen durch Vermischungsprozesse erst herausbilden.271 Er verneint ein wie auch immer begründetes Recht einer einzelnen Gruppe, besser zu leben oder zu existieren als eine andere untergeordnete Gruppe. Memmi sieht Rassismus als einen extremen, elitären und selbstsüchtigen Biologismus.272 Memmi betrachtet die biologische Rassentheorie als stärkste Variante und Urform des Rassismus. Wichtig sind auch die gesellschaftlichen Kontexte, in denen Rassismus sich überhaupt erst entfaltet. Nach Memmi ist die biologische Theorie konstruiert, unwissenschaftlich und Ausdruck eines menschenverachtenden Elitendenkens. Rassismus an sich sei eine Pseudotheorie273 und würde erst mit der Interpretation von Unterschieden zwischen Menschen wirklich beginnen.274 Rassismus würde sich als kulturell-gesellschaftliche Gegebenheit erst in einem gesellschaftlichen Kontext entfalten.275 Durch Rassismus würde jedes Kolonialverhältnis veranschaulicht, komprimiert und schließlich eine symbolische Form annehmen. Rassismus liegt vor, wenn eine Feststellung eines Unterschieds gewertet und die Wertung zum eigenen Vorteil genutzt wird.276 Rassismus als Symbol für Unterdrückung kommt in allen Herrschaftsformen vor 277 und findet als ökonomische Waffe eine Anwendung, durch die sich der Rassist Ressourcen und Vorteile verschafft. Dieser marxistischen These stimmt Memmi zwar teilweise zu, obwohl er jedoch keinen ausschließlichen ökonomischen Vorteil feststellen kann.278 Fraglich ist, welchen Nutzen der Rassist, z.B. der Kolonisator in den Kolonien, aus dem jeweils besonderen Opfer zieht.279 Rassismus ist häufig eine Form der Ausbeutung und Sicherung eigener Privilegien. Er könnte aus psychologischen Vorteilen entstehen, etwa durch die Überhöhung der eigenen Person als zivilisiert oder religiös privilegiert gegenüber den als „minderwertig empfundenen anderen. 270 Memmi 1987, S. 15. 271 Memmi 1987, S. 20. 272 Memmi 1987, S. 27–28. 273 Memmi 1987, S. 30. 274 Memmi 1987, S. 37. 275 Memmi 1987, S. 41. 276 Memmi 1987, S. 44. 277 Memmi 1987, S. 60–61. 278 Memmi 1987, S. 65. 279 Memmi 1987, S. 75. 78 Im Grunde genommen verbindet Memmi die biologische These mit gesellschaftlichen Mustern. Einen kurzen Ausflug in die marxistische Theorie von „wirtschaftlich motiviertem Rassismus“ beschreibt Memmi neben dem Vorkommen von Rassismus in Kolonialverhältnissen und schließt den Kreis durch die Feststellung, dass Rassismus immer in eine Herrschaftsform mündet. Nach Memmi hat der biologische Rassismus die weiteste Verbreitung gefunden. Daher müsse man ihn von den anderen Rassismusformen unterscheiden.280 Rassismus, in einem engeren Sinne verstanden, sei biologisch zu definieren, im weiteren Sinne hingegen würde immer eine Abwertung des anderen zum eigenen Vorteil Rassismus ausdrücken.281 Memmi schlägt eine Definition von Rassismus vor: „Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden könne.“282 Schließlich spezifiziert er eine eigene Definition: „Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der eine Aggression gerechtfertigt werden soll.“283 Im Gegensatz zu Miles versucht sich Memmi in einer konkreten Definition. Er legt Wert darauf, dass die biologische Rassismusvariante unter allen Rassismen eine herausragende Stellung einnimmt. Dabei lässt Memmi ausdrücklich das Vorhandensein von Rassismen zu. Es gibt nicht nur einen Rassismus wie die biologische Form, sondern Rassismus ist immer Selbstbetrug in dem Sinne, dass der Rassist sich selbst und das Opfer täuscht, um weiterhin an eine eigene vermeintliche Überlegenheit glauben zu können.284 Politiker würden Rassismus als politisches Mittel missbrauchen, indem sie den potenziellen Rassismus ihrer Gefolgsleute aufgreifen und zum Ausdruck bringen.285 Memmi schlägt vor, den Begriff „Rassismus“ nur für biologische Unterschiede einzusetzen.286 In einem weitergefassten Sinn öffnet Memmi die Tür für jede andere Form von absichtlicher Abwertung eines anderen, die als Rassismus 280 Memmi 1987, S. 95. 281 Memmi 1987, S. 97. 282 Memmi 1987, S. 103. 283 Memmi 1987, S. 151. 284 Memmi 1987, S. 109. 285 Memmi 1987, S. 111. 286 Memmi 1987, S. 121. 79 eingeordnet werden könnte. Er verbindet damit das in seinen Augen unumgängliche Priorisieren des biologischen Rassismus mit dem Vorhandensein von Rassismen im Plural. Memmi verhindert dadurch das mögliche methodische Problem, das beispielsweise auftreten würde, wenn kulturelle Kriterien zur Abwertung ohne jede biologische Grundlage eine Verwendung finden. Rassismus ist immer eine Äußerungsform menschlicher Aggressivität, vermittelt Angst287 und kann nicht als Krankheit, sondern als eine in der menschlichen Gattung verwurzelte Einstellung gesehen werden.288 Memmi schlägt als geeignete Bekämpfungsstrategie von Rassismus vor, Herrschaft und Kolonialismus an sich zu bekämpfen.289 Rassismus als Ideologie umfasst alles – vom Sklavenhandel bis hin zum Kolonialismus.290 Durch den Rassismus wird die koloniale Ausbeutung im Sinne einer Bestrafung der als minderwertig wahrgenommenen Kolonisierten erklärt und auch legitimiert.291 3.6 Rassismus als diskursive Kategorie nach Stuart Hall Stuart Hall setzt sich mit dem Wesen von Identität auseinander, die nicht von Geburt an im Bewusstsein verankert sei, sondern im Sinne eines ewigen „Gebildet-werden“292 immer in Bewegung bleibe. Andere würden akzeptieren, dass Identität nicht unberührt und unverändert bleiben kann. Einige Identitäten beschäftigen sich aber mit Tradition und wollen ihre vermeintliche frühere Reinheit und Sicherheit wiederfinden. Die Globalisierung bekämpft und zerstreut die zentrierten und geschlossenen Räume von Identität.293 Hall wählt einen abstrakteren Weg zur Bestimmung von Rassismus als Miles oder Memmi. Statt einer griffigen Definition versucht er sich an einer subjektiven Interpretation, also der Frage, als was sich jemand empfindet und welche Identität er hat. Die Nation ist zwar ein politisches Gebilde, aber auch ein System kultureller Repräsentation und eine symbolische Gemeinschaft. Eine nationale Kultur entsteht durch einen Diskurs, indem sowohl unsere Handlungen als auch unsere Auffassungen von uns selbst durch nationale Identitäten erst konstruiert werden. Dadurch wird die Bedeutung von Natur hergestellt.294 287 Memmi 1987, S. 131. 288 Memmi 1987, S. 139. 289 Memmi 1987, S. 145. 290 Memmi 1987, S. 161. 291 Memmi 1987, S. 173. 292 Hall 1994, S. 195. 293 Hall 1994, S. 217. 294 Hall 1994, S. 200–201. 80 Hall sieht wie Memmi Diskurse als ursächlich für Rassismus und die Ausprägungen von Rassismus durch kulturelle Empfindungen und Zuschreibungen als gegeben an. Hall wirft dem Westen vor, während der Kolonialzeit eine romantische Illusion zu pflegen, nach der die „Eingeborenen“ der Kolonien „rein“ sein sollten und ihre als „exotisch“ wahrgenommene Heimat möglichst unberührt von fremden Einflüssen bleiben sollte.295 Der Begriff „Rasse“ ist nach Hall eine diskursive und keine biologische Kategorie. Während des Diskurses werden Sprechweisen, Repräsentationssysteme und soziale Praktiken als symbolische Markierungen genutzt, um eine Gruppe gesellschaftlich von einer anderen abzugrenzen. Eine kulturelle Definition von Rasse würde die biologische ersetzen und weiterhin eine bedeutende Rolle in den Diskursen über die nationale Identität spielen.296 Durch die koloniale Erfahrung des Imperialismus hätten sich viele charakteristische Ausprägungen von Rassismus erst entwickelt.297 Hall legt den Schwerpunkt auf einen kulturellen und damit wesentlich symbolisch-abstrakten Rassismus. Während der Kern des Rassismus als etwas moralisch Verwerfliches nicht berührt wird, sieht Hall lediglich einen Austausch des biologischen mit einem kulturellen Auftreten des Rassismus als häufig erlebte Realität an. Hall beschäftigt sich auch mit dem Begriff der „Klasse“. Die Einheit von Klassen sei hervorgegangen aus spezifischen wirtschaftlichen, politischen und ideologischen Praktiken. Sie seien niemals einfach vorhanden gewesen oder automatisch entstanden.298 Nach Hall ist die Arbeit von Antonie Gramsci maßgeblich: Die existierenden sozialtheoretischen Paradigmen von gesellschaftlichen Unterscheidungen werden durch Klassenbeziehungen vorgegeben, die sich wiederum auf Beziehungen zwischen regionalen, kulturellen und nationalen Unterschieden berufen.299 In der Analyse von unterschiedlichen historischen Formen von Rassismus soll in einem mehr konkreten geschichtlichen Kontext operiert werden. Rassismus ist nicht überall identisch. Weder in Formen, also Ausprägungen, noch in Strukturen von Benachteiligung und Ausbeutung kann Rassismus als identisch angesehen werden. Diese Aussage gilt auch für Prozesse, durch die Rassismus entstehen kann, also beispielsweise die langfristige und sukzessive Abwertung einer Gruppe. Zuletzt kann Rassismus in den Effekten, also den Ausprägungen von Prozessen wie der konkreten 295 Hall 1994, S. 214. 296 Hall 1994, S. 207. 297 Hall 1997, S. 145. 298 Hall 1997a, S. 423. 299 Hall 1997a, S. 416. 81 Benachteiligung einer Gruppe, erkannt werden. Dort tritt er nicht als identisch auf, sondern kommt immer in vielschichtigen Formen zum Vorschein.300 Wie Memmi verneint Hall nicht die Existenz von Rassismen. Er trifft diese Aussage zwar nicht ausdrücklich, anerkennt aber verschiedene Ausprägungen. Die Berufung auf Gramsci zeigt eine Verbindung mit klassentheoretischen Definitionen. Hall zeigt die psychologischen Stadien auf, durch die Rassismus entstehen und wirken kann. Er bleibt dabei notwendigerweise abstrakt. Die Begriffe „Klasse“ und „Rasse“ sind spiegelbildlich zu verstehen. Sie beanspruchen für sich die Hervorbringung von exklusiven Äußerungen.301 Rassismus ist durch erhebliche ideologische Dimensionen gekennzeichnet. Das Phänomen von „Arbeitsklassen-Rassismus“ sei indessen nicht die einzige Erklärung, würde sich aber durch einen ausgeprägten Widerstand gegen die Analyse auszeichnen.302 Hall setzt sich auch mit dem Begriff „Schwarzer“ auseinander. Der Begriff „schwarz“ ist für Hall eine politisch und kulturell konstruierte Kategorie ohne natürlichen Ursprung.303 Rassismus würde unverletzliche symbolische Grenzen zwischen rassistisch konstruierten Kategorien etablieren.304 Zentrale Fragen des Rassismus kreuzen sich konstant mit den Kategorien Klasse, Gender und Ethnie.305 Dabei enthält der Begriff „Ethnie“ einen Ort, wo sich Geschichte, Sprache und Kultur während der Konstruktion von Subjektivität und Identität treffen. Dieser Ort besteht auch für den Fall, wenn alle Diskurse und alles Wissen kontextabhängig sind. Der Begriff „Ethnie“ soll entkoppelt werden von einer Gleichstellung mit den Begriffen „Nationalismus, Imperialismus, Rassismus“ und „Staat“.306 Hall wagt einen begrifflichen Neuanfang und besetzt mit dem Wort „Ethnie“ eine nicht biologisch begründete Differenzierung zwischen Gruppen. 3.7 Differentialistischer Rassismus nach Etienne Balibar Eine ganz andere Sichtweise als die drei vorhergegangenen Autoren nimmt der französische Philosoph Etienne Balibar ein, der das Vorhandensein eines Neo- Rassismus untersucht. Rassismus ist nach Balibar ein rein soziales Phänomen. Rassismus würde sich in einer Vielzahl von Praxisformen wiederfinden, so 300 Hall 1997a, S. 435. 301 Hall 1997a, S. 436. 302 Hall 1997a, S. 439. 303 Hall 1997b, S. 443. 304 Hall 1997b, S. 445. 305 Hall 1997b, S. 444. 306 Hall 1997b, S. 446–447. 82 etwa in Missachtung, Intoleranz und Ausbeutung. Rassismus würde auch in Diskursen und Vorstellungen sichtbar werden, die eine „Reinigung“ des eigenen Selbst von allem Fremden, wie etwa Hautfarbe und religiösen Praktiken, artikulieren.307 Ohne rassistische Theorien gäbe es überhaupt keinen Rassismus.308 Die rassistischen „Mythen“ würden imaginäre Gräben überwinden, die die Intellektuellen von der einfachen Masse trennen. Dabei sind die rassistischen Mythen mit einem Fatalismus verbunden, der die Massen in ihrer natürlichen Infantilität festhält. Der Neo-Rassismus würde durch die Kategorie „Immigration“ den Begriff der „Rasse“ ersetzen.309 Der neue Rassismus sei in der Epoche der Entkolonialisierung zu verorten. Die Bewegungsrichtung der alten Kolonien und Mutterländer würde sich umdrehen. Die Menschheit spalte sich in einen einzigen Rassismus auf. Balibar spricht von einem Rassismus ohne Rassen, von einem differentialistischen Rassismus. Der differentialistische Rassismus würde auf vermeintlich unaufhebbare kulturelle Differenzen abstellen.310 Balibar unterscheidet sich erheblich von Soziologen, die sich mit Rassismus befassen. Er befasst sich gar nicht mit einem möglichen biologischen Rassismus, sondern geht gleich einen Schritt weiter. Der biologische Rassismus ist für ihn eine Vorstufe des heutigen Rassismus. Balibar legt den Schwerpunkt auf einen neuen Rassismus, der den alten fortführt und ergänzt. Der Rassismus ohne Rassen würde jede Form der wertenden kulturellen Unterscheidung erklären, auch den Kolonialismus als eine Ursache des Rassismus. Er sieht aber auch in der nachkolonialen Zeit noch weiterbestehende, nur angepasste Formen von Rassismus. Es fehlt eine direkte Machtausübung gegenüber den kolonisierten Menschen, die durch ihren kolonialen Status rechtlich und politisch benachteiligt sind. Nun wählt der Rassist andere Methoden, beispielsweise eine sehr restriktive Einwanderungspolitik gegenüber den ehemals kolonisierten Gruppen in das eigene Land. Rassismus vollzieht dadurch eine Anpassung an eine neue Situation, die aber nicht weniger wirkungsvoll ist. Nach Balibar wird der traditionelle Antirassismus durch einen Retorsionseffekt des differenziellen Rassismus nachhaltig erschüttert, sodass es im Rahmen einer Kulturvermischung zu einer Beseitigung kultureller Distanzen kommen könnte. Die Menschheit könne dadurch geistig „getötet“ werden. Es seien „Regulierungsmechanismen“ gefährdet, von denen das biologische Überleben 307 Balibar 2014a, S. 23–24. 308 Balibar 2014a, S. 25. 309 Balibar 2014a, S. 27. 310 Balibar 2014a, S. 28. 83 der Menschheit abhängen würde.311 Kultur, so sie denn eine Hierarchie beschreibt, kann als eine Form der Natur fungieren und dadurch in ihrem Wesen auch rassistische Unterschiede beschreiben. Es ist also nicht notwendig, dass ein rein biologischer Naturalismus vorhanden ist. Den natürlichen Faktor bildet nicht mehr die rassistische Zugehörigkeit zu einer vermeintlichen „Rasse“, sondern das rassistische Verhalten an sich wird zu einem natürlichen Faktor erklärt. Der differentialistische Rassismus ist ein Metarassismus, der nur vorspiegelt, aus dem Konflikt zwischen Rassismus und Antirassismus seine Lehren gezogen zu haben. Ein abstrakter Antirassismus sei dagegen zu vermeiden. Balibar lehnt einerseits die künstliche Unterscheidung und damit einhergehende Wertung von Kulturen ab. Auf der anderen Seite beabsichtigt er keine pauschalen Abwertungen unter dem Deckmantel eines Antirassismus. Gegenüber dem Begriff „Kultur“ ist Balibar flexibel: Toleranzschwellen müssen beachtet, natürliche Distanzen eingehalten und die Individuen als Erben und Träger einer einzigartigen Kultur angesehen werden. Alle kollektiven Zusammenhänge müssten voneinander abgegrenzt werden.312 Balibar kritisiert Rassismus und Antirassismus als zwei Seiten einer negativ besetzten Medaille: Der Antirassismus sei erst schuld an der Entstehung von Rassismus. Er provoziere die Bürger in ihrem Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit. Durch den differentialistischen Rassismus erfahre die Xenophobie eine Rehabilitation. Die Neorassisten sind nicht Mystiker des Erbguts, sondern Techniker der Sozialpsychologie.313 Sie verwenden keine genetischen Argumente, sondern begründen rassistische Unterschiede mit psychologischen Argumentationsformen und sozialen Gegensätzen. In der Wirkung sind sie jedoch genauso xenophob wie biologische Rassisten. Balibar beschreibt konkret, dass der neue kulturelle Rassismus den auf Natur beruhenden biologischen Rassismus ablösen würde. In der Wirksamkeit sei der kulturelle Rassismus genauso brutal und absolut wie sein Vorgänger. Balibar sieht hinter den rassistischen Zuschreibungen und Denkweisen psychologische Konstruktionen wirken. Damit meint Balibar, dass Rassisten indirekt eine abwertende Ausgrenzung bewirken, indem sie offiziell wertfrei vermeintliche kulturelle Unterschiede lediglich aufzeigen und dadurch bewusst konstruierte psychologische Abwertungsprozesse in Gang setzen. Gruppen sollten unterschieden werden nach ihrer Eignung und in ihrem Widerstand gegen Assimilierung. Durch den Prozess der Kolonisierung sei es zu einer Form der Ausschließung in Gestalt einer Einschließung gekommen. 311 Balibar 2014a, S. 29. 312 Balibar 2014a, S. 30. 313 Balibar 2014a, S. 31. 84 So müssen sich beispielsweise Einwanderer in Frankreich durch Assimilation integrieren. Diese Forderung wird als Fortschritt und als Gewährung eines Rechts oder einer Gunst dargestellt.314 Der biologische Mythos wird damit in Form eines kulturellen Rassismus wiedergeboren.315 Rassismus ist nach Balibar ein historisches und kulturelles Produkt, das nichts mit der Existenz von objektiven biologischen Rassen zu tun hat.316 Rassismus zeigt sich nach Balibar in drei Varianten: NS-Antisemitismus, Rassentrennung in den USA als Folge der Sklaverei und der imperialistische Rassismus der kolonialen Eroberungen.317 Balibar unterscheidet zwischen innerem und äußerem Rassismus. Innerer Rassismus sei gegen eine minorisierte Bevölkerung im eigenen Land gerichtet. Demgegenüber sei äußerer Rassismus eine extreme Form der Fremdenfeindlichkeit.318 Balibar stellt auf mehrere Rassismen ab, die ein ganzes situationsabhängiges Spektrum bilden würden.319 Der Neokolonialismus sei eine vorhandene Realität. Die bevorzugten Objekte des heutigen Rassismus in Frankreich, die Arbeiter aus den früheren französischen Kolonien, wären nach Balibar das Produkt der Kolonisierung. Sie würden die Ressentiments der Bürger einer geschlagenen Macht und die fortbestehende imperiale Verachtung auf sich ziehen.320 Mit dem französischen Beispiel bestätigt Balibar einmal mehr die Grundlage von Rassismus in der Kolonialzeit. Die bisherigen Auswertungen lassen folgende Schlüsse zu: Rassismus ist immer eine wertende Über- und Unterordnung zum Vorteil einer sich gesellschaftlich entfaltenden Gruppe. Der ursprüngliche und nachhaltigste Rassismus zielt auf biologische Unterschiede ab. Dennoch gibt es Modifikationen, entweder in Form von anderen Rassismen oder durch die Bewertung kultureller Unterschiede. Jeder Rassismus ist eine von Menschen entworfene Pseudotheorie ohne tatsächliche Berechtigung. Es gibt eine weitreichende Entfaltung von Rassismus in der Kolonialzeit. Dabei gibt es Rassismus sowohl in der Form, die sich gegen die Koloni- 314 Balibar 2014a, S. 33. 315 Balibar 2014a, S. 35. 316 Balibar 2014b, S. 49. 317 Balibar 2014b, S. 50. 318 Balibar 2014b, S. 51. 319 Balibar 2014b, S. 52. 320 Balibar 2014b, S. 94. 85 sierten selbst richtet, als auch in der Form gegen die ehemaligen Kolonialherren vonseiten der kolonisierten Minderheit. Alle genannten Wissenschaftler stimmen dahingehend überein, dass Rassismus keine wissenschaftliche Berechtigung hat. Während Memmi eine stärker biologische Ausrichtung für Rassismus feststellt, kritisiert Balibar kulturelle Unterschiede als rassistisch. Eine Übereinstimmung findet sich darin, dass der heutige Rassismus seinen Ursprung in der Kolonialzeit hat. Leiprecht hat das Phänomen des umgedrehten Rassismus konkretisiert, eines Rassismus, der von denen ausgeht, die ursprünglich Opfer von rassistischen Ressentiments waren. Im Folgenden werden die Ergebnisse der Theorie auf die Empirie angewendet.

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References

Zusammenfassung

Die chinesische Präsenz in Afrika nimmt seit Jahren zu. Die afrikanischen Länder verzeichnen eine Zuwanderung von Chinesen im Zuge des mit den jeweiligen Regierungen vereinbarten Rohstoffabbaus und der Investition in Infrastrukturprojekte. Die Forschung zu diesem Phänomen ist auf die Frage nach Art und Motivation der chinesischen Regierung fokussiert. Dabei wird oft übersehen, dass sich in Afrika zunehmend Widerstand gegen die chinesischen Bestrebungen formiert.

Gunnar Henrich untersucht in seiner Dissertation mit einer Diskursanalyse zwei afrikanische Staaten im Süden Afrikas: Namibia und Sambia. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, wie der antichinesische Protest zustande gekommen ist, welche Verläufe und Formen er angenommen hat und ob er gar als Rassismus auftritt. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass der Protest häufig rassistische Formen annimmt. Wenden die ehemaligen Opfer rassistischer Kolonialpolitik selbst zunehmend rassistische Argumentationsformen an? Gibt es gar einen „umgedrehten Rassismus“? Henrich schließt mit seiner Arbeit eine Forschungslücke und trägt so zum gegenwärtigen Diskurs bei.