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9 Verdichtung: Diskursmuster für antichinesischen Rassismus in:

Gunnar Henrich

Antichinesischer Protest in Sambia und Namibia, page 237 - 260

Politische Verstimmungen oder rassistische Ressentiments?

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4253-3, ISBN online: 978-3-8288-7166-3, https://doi.org/10.5771/9783828871663-237

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 80

Tectum, Baden-Baden
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237 9 Verdichtung: Diskursmuster für antichinesischen Rassismus Die Ergebnisse aus den drei Datenkörben haben gezeigt, dass sowohl in Sambia als auch in Namibia viele Vorkommnisse und Äußerungen häufig zu unverhohlenem Protest als auch rassistischen Ressentiments gegenüber Chinesen und China an sich führen. Im Folgenden werden die Ergebnisse anhand typischer Diskursmuster verdichtet und zusammengefasst. Diskursmuster nehmen nach Focault einen Einfluss darauf, in welche Richtung sich Denkmuster durch öffentliche Debatten und politische Mobilisierung entwickeln.398 Seiner Ansicht nach gibt es „belief systems“, die Wertvorstellungen und Kausalannahmen über die Wirklichkeit bei den Akteuren eines Diskurses wiedergeben. Die „belief systems“ werden von Akteuren geteilt und durch Koalitionen gemeinsam in politische Handlungsoptionen umgesetzt, die oft gegen die etablierten Parteien und Interessenverbände durchgesetzt werden. Am Ende bestimmen sie den Inhalt eines Politikfeldes.399 Im Folgenden wird auf mögliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede hingewiesen, die in beiden Ländern entweder zu rassistischen Ressentiments gegen die chinesischen Einwanderer führen oder sich in Protesten ausdrücken. Der erste Datenkorb behandelt Zeitungsberichte, die mit Leserbriefen, Kommentaren und Berichten ergänzt werden. In allen Zeitungen waren die politischen und sozioökonomischen Vorbehalte gegen die anwesenden Chinesen besonders ausgeprägt. Dabei überschneiden sich die Argumente häufig. In Namibia wird im politischen und sozioökonomischen Sektor konkret Bezug genommen auf die überwiegende Vergabe aller öffentlichen Bauaufträge an chinesische Unternehmen. An diesem Beispiel zeigt sich die große Unzufrie- 398 Kerchner et al. 2006, S. 262. 399 Kerchner et al. 2006, S. 40. 238 denheit vieler Namibier mit der eigenen Regierung, die die Vergabe der Bauaufträge zu verantworten hat. Die großzügige Handhabung von chinesischen Stipendien an ausschließlich Angehörige der namibischen Regierung belegt den Verdacht, die eigene Regierung würde nur chinesische Interessen berücksichtigen und die namibische Bevölkerung weitgehend im Stich lassen. Als wirtschaftlich bedrohlich wird die Tatsache empfunden, dass chinesische Einzelhändler durch den Verkauf von in China günstig produzierten Waren ihre namibischen Konkurrenten problemlos unterbieten können. Die Misshandlung von namibischen Angestellten durch chinesische Vorgesetzte führte zu wachsenden Ressentiments in der Bevölkerung. Der namibische Staatspräsident sah sich daraufhin zu einer öffentlichen Rüge gegenüber den chinesischen Arbeitgebern genötigt. Diesen Auftritt könnte man natürlich auch so auslegen, dass der Staatspräsident nicht beabsichtigte, die namibischchinesische Freundschaft zu gefährden, und aus diesem Grund eine politische Haltung einnahm, die zunächst deeskalierend wirken sollte. Die Namibier unterstellen den Chinesen, nicht nur die Korruption zu befördern, sondern auch auf Initiative namibischer Politiker von Steuerverpflichtungen befreit worden zu sein. Ein weiterer Vorwurf ist, dass Namibia sehenden Auges in eine Schuldenabhängigkeit geraten könnte, weil die namibische Regierung Teile ihrer Souveränität an China abtreten würde. Ein solcher Vorwurf lässt sich allerdings durch die empirische Auswertung der Medienberichte nicht bestätigen. Namibia ist weiterhin souverän, Schulden bei chinesischen Kreditgebern haben nicht zu einer wirtschaftlichen Abhängigkeit geführt. Dagegen spricht auch das Erstarken von chinakritischen Oppositionsparteien wie die von Epafras Mukwiilongo. Die These einer Aufgabe der Souveränität zugunsten Chinas ist in den Bereich der Verschwörungstheorien einzuordnen. In diesen Kontext passt auch die unbelegte Behauptung, dass die chinesische Regierung ihre Überbevölkerung durch gezielte Einwanderung nach Namibia zu verringern versuche. Zudem bilden Spekulationen über eine zahlenmäßige Verdrängung der Namibier durch Chinesen ein bedeutendes Drohpotenzial für antichinesischen Rassismus. Diese Angst wird auch in der sambischen Bevölkerung geschürt, zahlenmäßig durch chinesische Einwanderer verdrängt zu werden. Eine Zwei-Klassen-Justiz wird ausgemacht, wichtige staatliche Institutionen wie Gerichte und Parlament hätten beim Schutz der sambischen Souveränität versagt. Es sind Einzelfälle von Kriminalität wie die Freilassung eines chinesischen Drogendealers, die solche Behauptungen stützen, wobei in der Medienberichterstattung offen bleibt, auf welche juristischen Gründe sich die Freilassung stützt. Typisch für die Angst der Sambier ist die allgemeine Vermutung, dass die Freilassung mit unlauteren Mitteln herbeigeführt worden sei. Des Weiteren wird kritisiert, 239 dass bei den Schüssen in der Collum Mine kein chinesischer Schütze verurteilt wurde. Offenbar profitieren nur die sambischen Politiker finanziell von den chinesischen Investitionen. Dies könnte ein Grund für die weitergeführte Elitenfreundschaft unter Sata sein. Die Elitenfreundschaft ist dem Umstand geschuldet, dass die chinesische Regierung seit dem Beginn der diplomatischen Beziehungen die Nähe der Regierungsparteien suchte. Diese Absicht war bereits während der Unabhängigkeitsbewegung zu beobachten. Damals unterstützte China die Führer der antikolonialen Befreiungsbewegungen und schuf ein Miteinander in der Opferrolle, weil beide Staaten Opfer der europäischen Kolonialherrschaft waren und ihre Bevölkerungen bereits in dieser Zeit mit rassistischen Anfeindungen konfrontiert wurden. Diese gemeinsame historische Erfahrung wurde von offizieller Seite später immer wieder beschworen und ist eine der Grundlagen der afrikanisch-chinesischen Freundschaft. Dadurch, dass die Führer der Befreiungsbewegungen in Sambia jahrzehntelang, in Namibia sogar heute noch regieren, blieb der Status der bilateralen Freundschaften ungestört. Zudem sind die von China aufgestellten Kriterien für die Freundschaft mit den afrikanischen Staaten elitenbezogen in Form einer Partnerschaft auf gegenseitiger Augenhöhe. Damit ist natürlich die Regierung des Staates gemeint und nicht die breite Bevölkerung. Ebenso verhält es sich mit der gegenseitigen Nichteinmischung in die Souveränität des jeweils anderen Staates. China bekräftigt, dass das afrikanische Volk dem afrikanischen Machthaber unterstellt ist und nur auf den jeweiligen Machthaber kommt es China an. Es ist für China relevant, weiterhin Zugang zu den Rohstoffen zu haben und den Absatzmarkt für chinesiche Produkte nicht zu gefährden. Aus diesem Grund legt China Wert darauf, dass die afrikanischen Eliten der chinesischen Regierung gegenüber wohlgesonnen sind. Für Melber ist das chinesische Engagement nur eine weitere Form des Kapitalismus und nicht mehr und nicht weniger aus eigenem Interesse gesteuert wie vergleichbare Investitionen westlicher Geberländer. Daher sollten die gesamten chinesisch-afrikanischen Beziehungen nicht nur durch Hervorhebung ihrer schlimmsten Aspekte zur Dämonisierung Chinas und zur Glorifizierung des Westens als hochstehendes moralisches Gegenmodell verwendet werden.400 Die folgenden Abschnitte beleuchten die Diskursmuster, die sich gegen die chinesischen Aktivitäten in Namibia und Sambia richten. Dabei werden Ereignisse wie die Schüsse in der Collum Mine oder die unzureichenden Arbeitsbedingungen in chinesischen Unternehmen mit Diskursmustern inter- 400 Melber 2009, S. 75–76. 240 pretiert, mit denen rassistische Ressentiments in der Gesellschaft gefördert werden. 9.1 Verbindungen zur Kolonialzeit Als ehemalige Kolonien, die erst spät ihre Unabhängigkeit erlangt haben, sind die namibischen und sambischen Einwohner sehr empfindlich, wenn es um ihre Souveräntität geht. Immer wieder besteht der Vorwurf, dass China mit seiner immensen wirtschaftlichen Macht eine neokoloniale Rolle einnehmen und beide afrikanische Staaten in eine neue Abhängigkeit führen würde. Wiederholt werden historische Bezüge zur Kolonialzeit unter deutscher und südafrikanischer Herrschaft vorgenommen. China wird der Status einer neuen Kolonialmacht zugeschrieben, dem ein patriotisches „Wirgefühl“ der Namibier und Sambier entgegengestellt werden soll. Als Argument für die Neokolonisierung durch die Chinesen wird die Ausbeutung natürlicher Ressourcen genannt. Ein zentraler Bestandteil des antichinesischen Diskurses sind die neokolonialen Verhaltensweisen der Chinesen. Dabei gehen die Vorwürfe in Richtung einer Sklavenhaltermentalität vonseiten der Chinesen. Hillary Clinton wird als Kronzeugin angeführt, weil sie während einer Afrikareise vor neokolonialen Tendenzen gewarnt hatte. Die Kolonialzeit ist eines der sensibelsten Themen für beide Staaten. Die sambische Unabhängigkeit vom Britischen Königreich besteht erst seit wenigen Jahrzehnten. Namibia ist erst 1990 von Südafrika unabhängig. Die Angst vor einer neuen Kolonisation ist groß. Als besonders enttäuschend wird der fehlende Schutz der Bevölkerung vor Chinesen durch die jeweilige Regierung wahrgenommen. Dabei ist die Politik der namibischen Regierung widersprüchlich. Die namibische Regierungspartei ist anders als in Sambia von der Opposition nicht abgelöst worden. Es ist immer noch die ehemalige antikoloniale Befreiungsbewegung an der Macht. Sie zieht ihre politische Legitimation und Identität aus der Bewahrung der über Jahrzehnte erkämpften Unabhängigkeit. Infolge dieser historischen Bedingungen wird jegliche Einflussnahme von außen in Teilen der Bevölkerung als ein Rückfall in koloniale Abhängigkeiten wahrgenommen. Daraus entsteht der nach Rudolf Leiprecht erforschte Rassismus der Dominierten: Die ehemaligen Opfer von Rassismus und Kolonialherrschaft verhalten sich ihrerseits rassistisch gegenüber den vermeintlich neuen Kolonialherren. Diese Wahrnehmung wird verstärkt von Hinweisen, dass Familienangehörige der namibischen Politiker Stipendien von Vertretern der chinesischen Regierung erhalten. Vor diesem Hintergrund ist es schwierig, die Geschehnisse vorurteilsfrei einzuordnen und differenziert über mögliche Verstrickungen politischer Akteure zu berichten. In den sambischen Medien fällt eine Besonderheit auf: Die sambischen Zeitungsartikel und Leserbriefe sind von einer teilweise erschreckenden Brutalität 241 und Gewaltbereitschaft gekennzeichnet. In diesem Punkt unterscheidet sich Sambia von Namibia. Der Grund ist unter anderem auf die sambische antikoloniale Bewegung zurückzuführen. Die sambischen Bergarbeiter waren immer die patriotischen Vorkämpfer für die Befreiung von der britischen Kolonialherrschaft. Sie bildeten Gewerkschaften, streikten und kämpften für die sambische Souveränität. Dieses Protestpotenzial besteht bis in die Gegenwart fort. Die Bergarbeiter sind von den unzureichenden Arbeitsbedingungen in chinesischen Unternehmen im Copperbelt am stärksten betroffen und sehen sich einer möglichen neuen Kolonialmacht gegenüber. Dadurch erwacht ein kollektiver Protest, der auf die gesamte sambische Gesellschaft übergreifen könnte. Die Vermutung, die Chinesen seien neue Kolonialherren, zeigt sich auch durch den vermeintlich rechtsfreien Raum, in dem Chinesen trotz der gegen Sambier eingesetzten Waffengewalt nicht bestraft würden. Diese und andere Vorfälle schüren die Ansicht, dass die Chinesen sich wie damals die englischen Kolonialherren benehmen und die Angehörigen des Kolonialvolks ungestraft erschießen dürften. Ein häufig erwähntes Beispiel sind die Vorfälle in der Collum Mine, als 13 streikende sambische Arbeiter von zwei chinesischen Aufsehern durch Schüsse verwundet worden sind. Solche Vorkommnisse haben viele Sambier in der Vermutung bestärkt, die Chinesen würden in der Tradition der britischen Kolonialmacht auftreten. Sie nützten die sambischen Ressourcen nur für sich selbst und würden verhindern, dass Sambier sie ebenso nutzen könnten. Diese und ähnliche Annahmen bilden den Nährboden für den umgedrehten Rassismus nach Leiprecht. Der Oppostitionsführer und spätere Präsident Sata galt als eine politische Hoffnung, um diesem Handeln ein Ende zu bereiten. Weiterhin ist auch eine These aus der Kolonialismusforschung aufschlussreich: Edward Said behauptet, dass Europäer aufgrund der geographisch zentralen Lage Europas autoritär Nichteuropäer durch einen kulturellen Diskurs zu einem sekundären ethnisch-kulturellen ontologischen Status zurückstufen.401 Die öffentliche Diskussion in Namibia und Sambia mit der Rückbesinnung auf die antikoloniale Vergangenheit führt auch aufseiten der Afrikaner zu einer inneren, vielleicht unbewussten Identifikation mit der Rolle der immer noch nicht befreiten Kolonisierten. Das Empfinden der kolonialen Identität produziert dieses Bewusstsein. Die Menschen, die sich als koloniale Opfer verstehen, bleiben in ihrer Vorstellung in der Kolonialzeit verhaftet. Der Rassismus der Dominierten nach Leiprecht ist die Folge einer weiterbestehenden kolonialistischen Identität, nur dass sich die Identität jetzt umdreht: Der 401 Said 1995, S. 37–38. 242 ehemalige Kolonisierte als Opfer von Rassismus richtet den eigenen Rassismus gegen die neue Kolonialmacht. Die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen der Chinesen werden von vielen Kritikern in Namibia und Sambia mit denen der europäischen Kolonialmächte früherer Zeiten verglichen. Am Ende steht eine vermeintliche Kolonisierung ähnlich der durch die europäischen Staaten. Die Tatsache, dass Chinesen Arbeit nach Namibia und Sambia bringen, wird uminterpretiert und in einen Zusammenhang mit der Ausbeutung der namibischen Bodenschätze gestellt. Die Chinesen werden in vielen Zeitungsbeiträgen pauschal abgelehnt und diffamiert. Dabei sind die Diffamierungen häufig rassistischer Natur. 9.2 Rhetorische Fragen Rhetorische Fragen erfüllen den Zweck, eine eigene Meinung wiederzugeben und sie nur zum Schein als Frage zu formulieren. Antworten werden nicht gegeben und stehen auch nicht in einem Erwartungskontext. So ist es verständlich, dass beim Ansprechen konkreter Missstände in Namibia und Sambia die Autoren der entsprechenden Artikel zu dem Stilmittel der rhetorischen Frage greifen. Es geht nicht um eine Antwort oder die Erhellung eines Sachverhalts. Es geht nur um die größtmögliche politische Wirkung von eigenen Meinungen. Rhetorische Fragen sollen provozieren oder eine feststehende Tatsache durch eine völlig unnötige Frage erneut untermauern.402 Rhetorische Fragen greifen ein vermeintliches Vollzugsdefizit seitens der Politik und Justiz in Namibia und Sambia auf und stehen für rassistische Einstellungen. Als Beispiel werden die Fragen nach der vermeintlich unkontrollierten Zuwanderung von Chinesen nach Namibia und Sambia gestellt. Ein dauerhafter Aufenthalt von Chinesen ist in Sambia aufgrund der sambischen Visabestimmungen jedoch nicht vorgesehen. Epafras Mukwiilongo äußerte sich nur als Oppositionskandidat bzw. als politischer Aktivist. Er prangert an, dass die namibische Regierung die Bevölkerung nicht ausreichend vor China schützen würde. Er geht sogar soweit, den Chinesen generell das Recht abzusprechen, sich in Namibia aufzuhalten. Die chinesische Präsenz in Namibia verzeichnete einen Anstieg seit der Unabhängigkeit 1990. Seitdem sollen sich zwischen 2.000 und 3.000 Chinesen im Land aufhalten.403 Der namibische Oppositionsführer Ulenga wird sehr konkret: Er behauptet, dass die überlegene chinesische Konkurrenz im Baugewerbe die namibische 402 o.V. 2016 e. 403 Sherboune 2007, S. 160. 243 Bauindustrie existenziell bedrohe. Wenn man die Zahlen zugrunde legt, nach denen 70 % der öffentlichen Ausschreibungen chinesischen Unternehmen zugutekommen, ist diese Sorge begründet. Chichimba Kambwili aus Sambia geht detailliert auf ein schlechtes Leistungsverhalten eines chinesischen Chefarztes ein. Der Chefarzt habe seine sambischen Angestellten zur Mehrarbeit ohne ausgleichende Lohnzahlungen gezwungen. Aufgrund dessen intervenierte Kambwili und kündigte rechtliche Schritte gegen die Klinik an. Ebenso droht er einem chinesischen Unternehmer die Deportation nach China an, wenn der Unternehmer seine sambischen Angestellten zukünftig nicht besser behandeln würde. Dieser Streit gipfelte in der prophetischen Drohung: Er würde sich um die Chinesen „kümmern“, sobald er Arbeitsminister sei. Er kritisierte auch die sambische Regierung. 9.3 Spiel mit Zahlen Offizielle Statistiken und veröffentlichte Zahlen lassen sich auf verschiedene Weise interpretieren. Es gibt Zahlen, die tatsächlich vorliegen, und es gibt Prognosen und Einschätzungen zu Zahlen. Das Problem ist, dass Zahlen immer einen gewissen Spielraum für Interpretationen und subjektive Einschätzungen zulassen. Während seiner Zeit als Oppositionsführer behauptete Sata, in Sambia würden 80.000 Chinesen leben. Tatsächlich waren seinerzeit jedoch höchstens 5.000 Chinesen im Land. Sata verstand es, dieses Spiel mit Zahlen in seinen antichinesischen Protest einzubinden. Vermutlich hat er aus politischem Kalkül heraus behauptet, dass bis zu 80.000 Chinesen nach Sambia kommen könnten, um diese Prognose bereits als Realität hinzustellen. Diese hohen Zahlen werden von Yan und Sautman jedoch entschieden angezweifelt: Die Zahl von 80.000 Einwanderern sei eine Erfindung der PF, um sie für eigene politische Interessen instrumentalisieren zu können. Sautman und Yan gehen von höchstens 4.000 Chinesen in Sambia aus.404 Dabei geht es Sata nur um die politische Wirkung und nicht um die Frage, ob sich wirklich zu viele Chinesen im Land aufhalten. Aufschlussreich ist, dass die Zahlen aufgegriffen und ein schlagendes Argument in der öffentlichen Diskussion sind, sodass bereits 5.000 Chinesen in Sambia für viele Einwohner ein Bedrohungspotenzial bedeuten. Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 14,5 Mio. Einwohnern entsprechen 5.000 Chinesen einem zu vernachlässigenden Anteil von 0,03 %. Wie viele Chinesen es tatsächlich sind, spielt für diejenigen Sambier keine Rolle, die sich ohnehin in der Defensive fühlen und die Chinesen als Bedrohung wahrnehmen. Die mit den antichinesischen Protesten in Sambia einhergehenden Befürchtungen, die Chinesen im Land 404 Sautman et al. 2009, S. 4. 244 würden sich langfristig niederlassen und eine Art Überfremdung vornehmen, sind daher unberechtigt. Die Angst vor Überfremdung führt aber häufig zu rassistisch motivierten Ressentiments. Berechtigte Befürchtungen lassen sich allenfalls im Zusammenhang mit der namibischen Bauindustrie feststellen. Allein die Tatsache, dass chinesische Bauunternehmen Aufträge erhalten, obwohl in Namibia eine Arbeitslosigkeit von 51 % herrscht, wird verallgemeinert: Den Chinesen werden aggressive wirtschaftliche Aktivitäten zum Nachteil der namibischen Bevölkerung unterstellt. Die Namibier begegnen der chinesischen Präsenz mit Misstrauen und empfinden es als ungerecht, dass Chinesen bei der öffentlichen Vergabe von Bauaufträgen eine bevorzugte Behandlung erhalten. Genauso verhält es sich mit den Billigprodukten der chinesischen Einzelhändler, die tatsächlich die Existenz namibischer und sambischer Ladenbesitzer und Händler durch die kostengünstige Produktion von Konsumgütern in China bedrohen. Die Manipulation von Zahlen zeigt sich auch im historischen Protest. Bereits im 19. Jahrhundert bestand in Australien, den USA und Südafrika die Angst vor einer Masseneinwanderung von Chinesen. Die Ängste der weißen Bewohner in den Staaten gipfelten darin, die Chinesen in wirtschaftlicher Hinsicht als Konkurrenten zu sehen. Diese Bedrohungsgefühle sind in Namibia und Sambia heute ähnlich. Damals wurden die Chinesen in den USA von der Staatsbürgerschaft durch höchstrichterliche Beschlüsse ausgeschlossen. In Nambia hat ein WikiLeaks-Bericht für Verwirrung gesorgt und rassistisch motivierte Angst vor Überfremdung geschürt: Die Staatsbürgerschaft wird angeblich im Austausch für Finanzhilfen an Chinesen vergeben. Die namibische Regierung beabsichtige, die namibische Staatsbürgerschaft an 5.000 chinesische Familien im Austausch gegen den Erlass einer ausstehenden Schuld zu vergeben. Der namibische Premierminister Nahas Angula sagte dazu, die Chinesen würden von allen Ausländergruppen in Namibia diejenigen sein, die die wenigsten Anträge auf eine Einbürgerung stellten. Lediglich fünf Chinesen hätten die namibische Staatsbürgerschaft verliehen bekommen: Drei durch reguläre Einbürgerung, zwei durch Heirat mit Namibiern und einer durch Abstammung. Die Innenministerin Rosalia Nghidinwa gab an, dass nur zwei Chinesen in ihrer Amtszeit seit 2005 die namibische Staatsbürgerschaft beantragt hätten. Der Finanzminister Carl-Hermann Gustav Schlettwein schließlich stritt ab, dass es zu Absprachen zwischen der chinesischen und der namibischen Regierung über Schuldentilgung als Ausgleich für die Vergabe der 245 Staatsbürgerschaft gekommen sei. Zudem würden die namibischen Schulden nur 15 % des namibischen Bruttosozialprodukts ausmachen.405 Wie sehr auch in diesem Beispiel das Spiel mit Zahlen für das Schüren von Ängsten eine Rolle spielt, verdeutlichen die strengen aufenthaltsrechtlichen Bedingungen, mit denen die Chinesen in Sambia leben. Es gibt insgesamt sechs Arten von sambischen Visa für Chinesen. Dazu gehören die Visa für ständigen Aufenthalt, Besuch, Studienzweck, Arbeitserlaubnis, vorübergehenden Aufenthalt und selbstständige Unternehmer (Investor). Familienmitglieder erhalten die gleichen Visa wie der eigentliche Inhaber. Die Mehrzahl der Migranten kam aus China, anschließend folgten Indien und Südafrika. Vor 2008 gab es keine besondere hohe Migration von China nach Sambia. Ab 2011 kam es zu einer Änderung. 2012 entfielen von 9.067 Arbeitserlaubnissen 3.722 auf Chinesen. 2013 wurden 5.897 Arbeitserlaubnisse für Chinesen ausgestellt. Die Geltungsdauer der Business-Visa liegt entweder bei drei Monaten oder bei drei Jahren. Es kann also nicht die Rede davon sein, dass die Chinesen beabsichtigen, langfristig in Sambia zu bleiben. Einteilen lassen sich die chinesischen Einwanderer nach Sambia in drei Gruppen: Arbeitsmigranten, die nur vorübergehend bleiben wollen, angelernte Arbeitskräfte, die nach Ende ihres Vertrags nach China zurückgehen, sowie eine kleinere Anzahl von Managern, Kleinunternehmern und Transitmigranten. Die chinesischen Einwanderer sind wesentlich weniger assimiliert und integriert in die sambische Gesellschaft als andere Migrantengruppen. Als Ursachen gelten sprachliche und kulturelle Barrieren. Die kulturellen Barrieren führen teilweise zu einer rassistischen Abwertung der chinesischen Einwanderer: Sie würden die sambische Kultur durch ihr Fremdsein negativ beeinflussen. Einige Chinesen sprechen Englisch, jedoch wenige Sambier beherrschen Chinesisch.406 Diese Voraussetzungen belegen die Annahme, dass nur ein ganz kleiner Teil der etwa 4.000 Einwanderer überhaupt die Chance und die Absicht hat, langfristig in Sambia zu bleiben. Es besteht ein ökonomischer Zusammenhang, wenn die Zahl der einreisenden Chinesen auf die realen Ängste der einheimischen Bevölkerung trifft. Anders verhält es sich, wenn willkürlich behauptete Zahlen zur Masseneinwanderung als Grundlage für Bedrohungsszenarien verwendet werden, die in Rassismus gipfeln können. So wird beispielsweise in Deutschland von mittlerweile weltweit 10 Millionen Flüchtlingen gesprochen, die sich auf den Weg nach Deutschland machen würden. Für solche Behauptungen gibt es jedoch keinerlei Belege. Auf diese Weise dienen rein spekulative Zahlen als Grundlage für 405 Kisting 2010. 406 Postel 2015. 246 das Schüren von Fremdenfeindlichkeit und übertriebenen Ängsten, die zwar vorher schon vorhanden waren, nun jedoch verstärkt werden. Die Beziehungen zwischen China und Namibia werden von der eigenen Bevölkerung als Bedrohung für die namibischen Interessen wahrgenommen. Die Gesetze schützen die namibischen Arbeiter nicht vor chinesischen Misshandlungen. Außerdem setzen sich die namibischen Politiker nicht für namibische Unternehmen dahingehend ein, die existenzbedrohende Konkurrenz der chinesischen Bauindustrie einzudämmen. Deshalb entsteht der Eindruck einer geheimen Zusammenarbeit zwischen der namibischen und chinesischen Regierung. Als Beispiel wird der Einzelfall der mit einem chinesischen Stipendium ausgestatteten namibischen Präsidententochter aufgeführt. Die Vorteile der chinesischen Zuwendungen wie Stipendien kommen nur den Angehörigen der namibischen Eliten zugute. So wird ein Manager der chinesischen Mulungushi-Textilfabrik in Sambia mit der Aussage zitiert, die Chinesen würden nicht das Vertrauen der Arbeiter gewinnen wollen, sondern dasjenige der Politiker.407 Carmody spricht von einem neuen Regime mit einer eingebetteten „Geo-Governance“ in Sambia, die durch engherzige Verhandlungen und Geschäfte zwischen den einheimischen und den chinesischen politischen Eliten konstruiert wird.408 Es werden mehrere Sachverhalte aufgezählt, um die Gefährdung der Chinesen für die sambische Souveränität zu belegen. Darunter fallen Misshandlungen von Arbeitern und Gewalttaten gegen protestierende Sambier. Hier zeigt sich gewalttätiger Rassismus in aller Offenheit. Auch die sambische Regierung wird erneut als Erfüllungsgehilfe der Chinesen beschuldigt, die sich nicht für die eigene Bevölkerung einsetzen würde. 9.4 Rückschlüsse von Einzelfällen auf die Allgemeinheit Seit sich chinesische Einwanderer in Sambia und Namibia aufhalten, kommt es immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die aber als allgemeines Problem gesehen werden. Die Einzelfälle sind nicht zu leugnen und werden von politischen Interessen für den Kampf um die Meinungshoheit instrumentalisiert, um ein vermeintliches Verhalten einer nationalen oder ethnischen Gruppe belegen zu können. In Sambia sind es reale Vorfälle wie Gewalttaten von chinesischen Migranten gegen Sambier, die in einen Kontext gestellt werden und zu Rückschlüssen auf die beteiligten Migranten als Gruppe führen. Der abwertende Bezug auf eine ganze Gruppe ist Rassismus. Eine weitere Rolle spielen konkrete Unglücksfälle, teilweise mit Todesfolge, im 407 Carmody 2013, S. 37. 408 Carmody 2013, S. 45. 247 Zusammenhang mit sambischen Opfern. Es gibt auch angebliche Vorkommnisse, die als Einzelfälle gerade im Internet eine höhere Eigendynamik erhalten und immer wieder als Beleg für ein unerwünschtes Gruppenverhalten herangezogen werden. Allgemein formuliert: Wenn Migranten ins Land kommen, begehen sie wie andere Gruppen ebenfalls Straftaten. Sie sind keine besseren oder schlechteren Menschen als die Einheimischen. Im Falle Namibias gibt es einen Bericht über den in einem chinesischen Unternehmen arbeitenden namibischen Angestellten, der aus einem Mülleimer essen sollte. Solche Vorfälle werden missbraucht, um sie in den Kontext der jeweiligen Meinung zu stellen und dadurch eine ganze Ethnie zu verurteilen. Die Abwertung einer Ethnie ist ein eindeutiges Zeichen für Rassismus. Die sachliche Berechtigung eines Generalverdachts gegenüber einer ganzen Ethnie ist für denjenigen, der den Verdacht verbreitet, unerheblich. Es geht nur um die Diskreditierung der Gruppe an sich und nicht um tatsächliche Ereignisse. Das Vorliegen eines Einzelfalls wird benutzt, um Stimmung gegen die Chinesen zu machen. Der Einzelfall an sich spielt keine Rolle. Viele Namibier fühlen sich verletzt, wenn chinesische Lebensmittel nach Namibia importiert, im Gegenzug aber namibische Delikatessen nicht nach China exportiert werden dürfen. Solche Verallgemeinerungen bewirken eine Kränkung der Namibier in ihrem Nationalstolz: Chinesen legen auf namibische Delikatessen offenbar keinen Wert. Zusätzlich sind auch Existenzängste im Spiel. Die namibische Nahrungsmittelindustrie befürchtet wirtschaftliche Einbußen. Sie kann nicht auf dem großen chinesischen Markt expandieren, während günstig angebotene chinesische Lebensmittel den einheimischen Anbietern nun auch noch im eigenen Land Konkurrenz machen und die wirtschaftliche Existenz von Ladenbesitzern und Händlern gefährden. Die enge Partnerschaft zwischen den namibischen und den chinesischen Eliten zeigt die vermeintlichen Gewinner dieser Austauschbeziehungen: Die namibischen Eliten und nicht die namibische Bevölkerung. Verallgemeinert werden die möglichen Nachteile der wirtschaftlichen und politischen Kooperation mit China, wobei es sich bei diesen Nachteilen um spezifische Probleme handelt, die sich auf Mutmaßungen stützen und nicht verifiziert sind. Ähnlich wie in Namibia werden immer wieder Misshandlungen gegenüber sambischen Angestellten in chinesischen Unternehmen beklagt. Dieser Vorwurf wird an einem Einzelfall festgemacht: Ein sambischer Arbeiter wurde von seinem chinesischen Vorgesetzten mit einem Metallgegenstand misshandelt. Es sei dahingestellt, ob ein chinesischer Arbeiter von seinem chinesischen Vorgesetzten wegen des gleichen Vergehens auch misshandelt worden wäre. Die Tatsache, dass es ein Sambier war, deutet auf rassistische Ressentiments hin. Vereinzelt rufen Sambier sogar gezielt zu Selbstjustiz und Racheakten gegen Chinesen auf. Hier könnte eine Dynamik entstehen, die zu offener 248 Gewalt führen könnte und das chinesisch-sambische Verhältnis schwer belasten würde. Den chinesischen Unternehmen wird vorgeworfen, Bauwerke minderer Qualität zu errichten. Auch in Bezug auf diesen Vorwurf ist zunächst von Einzelfällen auszugehen: So wurden staatliche Gebäude von chinesischen Unternehmen gebaut. Es lässt sich nicht feststellen, was bei der Vergabe der Bauaufträge eine Rolle spielte. Es ist jedoch als selbstverständlich anzusehen, dass staatliche Auftraggeber Wert auf Qualität der eigenen Repräsentationsbauwerke legen und daher die verlangte Qualität auch überprüfen würden. Die wirtschaftlichen Probleme Lusakas mit den Chinesen bestehen hauptsächlich darin, dass die chinesischen Kleinunternehmer mit ihren industriell gefertigten Billigprodukten aus China den sambischen Händlern überlegen sind. Wenn den Sambiern etwas zu schaffen macht, dann sind es die chinesischen Billigprodukte, die für wachsende Probleme bei Kleinunternehmern sorgen. Gegen diese wirtschaftlichen Gründe müsste eigentlich die sambische Regierung entsprechende Maßnahmen ergreifen und Regulierungen vornehmen. Es ist fraglich, ob sie es nicht will oder nicht kann. Im Grunde geht es Sambiern nicht anders als anderen afrikanischen Ländern, sie sind Opfer von Globalisierung und Freihandel. Es wird kritisiert, dass es „nur“ sambische Opfer bei vermeintlich vermeidbaren Unglücksfällen gegeben hätte. Es besteht der Vorwurf, dass speziell chinesische Arbeiter für Infrastrukturprojekte eingeschleust würden, anstelle einheimische Arbeiter zu beschäftigen. Außerdem würden Chinesen den sambischen Arbeitern keine ausreichende Schutzkleidung zur Verfügung stellen. Hieraus lässt sich der Verdacht ableiten, dass die sambischen Arbeiter in den Augen der chinesischen Vorgesetzten als minderwertig gelten und deshalb keiner besonderen Schutzkleidung bedürfen. Eine wichtige Rolle spielt auch, dass häufig fehlende Englischkenntnisse der chinesischen Manager die Verständigung zusätzlich erschweren. Es drängt sich die Frage auf, ob die chinesischen Manager die Fremdsprache Englisch nicht erlernen, weil sie es nicht für notwendig erachten, mit ihren sambischen Untergebenen in deren Sprache zu kommunizieren. Vor diesem Hintergrund erscheint es legitim zu behaupten, dass auch die chinesischen Manager rassistische Ressentiments gegenüber den sambischen Arbeitern hegen. Der konkrete Fall eines körperlich misshandelten sambischen Arbeiters in Kalulushi, der von der Justiz nicht aufgeklärt wurde, wird ebenfalls verallgemeinert. Dabei wird die These von zwei Rechtswirklichkeiten in Sambia aufstellt: Eine würde für Sambier gelten und die andere nur für die im Land lebenden Chinesen vorteilhaft sein. Geschickt wird von einem Einzelfall auf eine allgemeingültige Vermutung abgestellt. Dabei ist die angebliche rechtli- 249 che Bevorzugung der Chinesen in Sambia nirgendwo festgeschrieben. Es gibt kein wie auch immer geartetes Sonderrecht für Chinesen in Sambia. Wenn es ein Sonderrecht gibt, so zeigt sich es gelegentlich in der konkreten Auslegung eines Rechts zugunsten von Chinesen und zuungunsten von Sambiern. Als Beleg können die Schüsse chinesischer Vorarbeiter auf protestierende Sambier in der Collum Mine dienen. Die Schützen wurden strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen. Es ist schwierig, den Beweis zu erbringen, dass die angeblich unabhängigen sambischen Gerichte die Chinesen rechtlich bevorzugen würden. Die Kritik beschränkt sich auf als ungerecht empfundene Einzelfälle, die unterschwellig als Rassismus gedeutet werden, denn vor der Justiz müssen alle Menschen gleich sein. 9.5 Angst vor Überfremdung und kulturellem Verlust Das „Fremde“ gilt zunächst immer als etwas Gefährliches. Soziale Gemeinschaften pflegen seit eh und je eine gewisse Vorsicht gegen fremde Besucher, weil sich niemand sicher sein konnte, ob sie gute oder böse Absichten hatten. Verstärkt wird diese Angst auf der abstrakten Ebene der Nation, Ethnie oder deren Kultur. Es ist nicht verwunderlich, wenn eine grundsätzliche Vorsicht vor anderen Kulturen existiert. Schwierig wird es, wenn eine Unvereinbarkeit zwischen Kulturen oder gar eine Konfliktsituation besteht, die Angst vor der Verdrängung einer Kultur durch eine andere auslöst. Die Namibier und Sambier haben eine eigene Kultur, die von außen bisher nur von westlichen Kolonialmächten geprägt wurde. Im Fall Sambias war es Großbritannien, im Fall Namibias das ehemalige Deutsche Reich und anschließend Südafrika, die ihre Kultur im neuen Land verbreiteten. In Namibia und Sambia ist die Amtssprache Englisch. Bereits in diesem Bereich zeigt sich ein Konflikt: Chinesische Manager in Namibia und Sambia sprechen häufig kein Englisch. Die Kommunikation mit ihren afrikanischen Angestellten ist dadurch erschwert. Die chinesische Kultur ist in Afrika bis heute weitgehend unbekannt. Es gab keine historischen Begegnungen zwischen China und Afrika. Admiral Zheng He hätte für frühe Begegnungen beider Kulturen sorgen können, doch seine Expeditionen wurden vom chinesischen Kaiser unterbunden, bevor sie Früchte tragen konnten. China beteiligte sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht an dem kolonialen Wettlauf der europäischen Mächte. Die Volksrepublik war nach ihrer Gründung 1949 außenpolitisch eher zurückgezogen und erst später während der Herrschaft Mao Zedongs politisch an Afrika interessiert. Dabei wurde die Begegnung nur auf der politischen Ebene gepflegt, indem das kommunistische Regime als Mitkämpfer für die Unabhängigkeit um Sympathien in Afrika warb und seit den 2000er Jahren eine auf Gleichberechtigung, gegenseitigen Respekt, Win-win-Beziehungen und Nichteinmischung beruhende strategische Partnerschaften unterhält. 250 Bereits in den 1970er Jahren sollten sich afrikanische Staaten für einen dauerhaften Sitz Chinas im UN-Sicherheitsrat einsetzen. Ganz wichtig für die heutigen kulturellen Begegnungen ist die Tatsache, dass Chinesen bis in die 2000er Jahre nur selten mit der einheimischen Bevölkerung Sambias und Namibias in Berührung gekommen sind. Mit der Zuwanderung von chinesischen Arbeitern und Führungskräften ist in der Bevölkerung relativ schnell ein Misstrauen bis hin zu Rassismus entstanden, der sich den empirischen Befunden folgend in den untersuchten Ländern zu verfestigen scheint. Die Partnerschaft Namibias und Sambias mit China ist ein Elitenprojekt und wird immer wieder symbolisch betont: So ist der Besuch des damaligen chinesischen Premierministers Zhou Enlai auf der Baustelle der TAZARA-Eisenbahn von Sambia nach Tansania zwischen 1963 und 1965 eine frühe Bekräftigung für die Verbundenheit beider Regierungen. Seit der Etablierung des Forums der „China-Afrika-Kooperation“ 2000 wurde eine elitäre Plattform geschaffen, mit der die Verbindung zwischen dem afrikanischen Kontinent und China strategisch vertieft wurde. Das erste Treffen war in Peking im Oktober 2000, es kamen weitere Treffen hinzu, so in Addis Ababa 2003, Peking 2006 und Sharm-el-Sheikh 2009. Die Teilnehmer waren ausnahmslos Mitglieder afrikanischer und chinesischer Eliten. Dort wurde auch ein Konsultationsmechanismus zwischen afrikanischen und chinesischen Außenministern eingerichtet.409 Die chinesische Regierung nutzte die engen Verbindungen zu den afrikanischen Eliten auch zur Förderung einer multipolaren Weltordnung mit Betonung der staatlichen Souveränität und der internationalen Wahrnehmung Chinas als authentische Stimme der Dritten Welt. China legte großen Wert auf symbolische Politik: So führte für den neu ernannten chinesischen Au- ßenminister die erste Auslandsreise auf den afrikanischen Kontinent.410 Die Entfremdung der politischen Eliten in Namibia und Sambia von der Bevölkerung ist offensichtlich. Als eine Möglichkeit, die Kluft zwischen den afrikanischen Eliten und der Bevölkerung und deren Ausnutzung durch die chinesische Regierung zu überwinden, erweist sich der Africa-Consensus von Ludger Kühnhardt. Nur durch einen gemeinsamen Pakt, die Bündelung der afrikanischen Interessen zum Wohle aller, könnte das Afrika der Zukunft die eigenen Probleme erfolgreich lösen.411 Zudem wird von afrikanischen Politikern wie dem nigerianischen Politiker Ken Ugwu Nnamani betont, dass sich nach seiner Auffassung die aufstrebende chinesische Mittelklasse auch bald politisches Gehör verschaffen wird – ein 409 o.V. 2012 a. 410 Willis 2014. 411 Kühnhardt 2014, S. 293. 251 Hinweis darauf, dass bisher nur die chinesischen und afrikanischen Eliten in die wirtschaftliche und politische Kooperation eingebunden sind.412 Die Bevölkerung erlebt diese Kooperation aus einer passiven Beobachterperspektive, sodass völkerverbindende Begegnungen die Ausnahme bleiben. Namibier bzw. Sambier nehmen Chinesen als Vorgesetzte oder Konkurrenten wahr, die durch die Medienberichterstattung entweder als rücksichtslose Arbeitgeber oder als wirtschaftliche Rivalen auftreten. Diese Voraussetzungen bilden den Nährboden für Überfremdungsängste und für kulturellen Verlust und im Weiteren den Nährboden für Hass und rassistische Vorurteile. Die Sambier würden auch aufgrund ihrer Hautfarbe von den Chinesen diskriminiert. So wie die Aufnahme von Einwanderern nach Großbritannien nach kulturellen Kriterien organisiert wird, solle dieses System auch in Sambia eingeführt werden. Es werden gemeinsame Werte wie die staatliche Souveränität oder die christliche Kultur beschworen, die eine Einwanderungsgruppe berücksichtigen solle. Diese politischen Forderungen können eine rassistische Grundtendenz befördern. Den Sambiern und Namibiern ist die chinesische Kultur fremd: Chinesen sagen ungern konkret „Nein“, sie sind sehr anpassungsfähig, gehen oft strategisch geschickt vor413 und können sich als Migranten der Mehrheitsgesellschaft anpassen. Das laute Poltern liegt ihnen fern. Die einzelnen afrikanischen Länder sehen sich einer gewaltigen Wirtschaftsmacht mit geradezu unbegrenzten Ressourcen gegenüber. Die eigenen Regierungen tun nichts, um die einheimische Bevölkerung vor schwierigen Arbeitsbedingungen und existenzbedrohender Konkurrenz zu schützen. Es kommt immer wieder zu Klagen über ein kulturelles Unverständnis. Dazu zählt eine erhöhte Sensibilität gegenüber einer Ausbeutung durch eine überlegene Macht wie zur Kolonialzeit. Kolonialistisches Verhalten war immer geprägt von Rassismus. Chinas Verhalten erinnert an die britischen und südafrikanischen Kolonialmächte der Vergangenheit. Daher stellen sich Sambier und Namibier die Frage, ob sich denn gar nichts geändert hat. Sie befürchten eine Überfremdung durch eine unbegrenzte Zuwanderung, die sich jedoch nicht an den tatsächlichen Zahlen festmachen lässt (vgl. Abschnitt 8.3). Es kann nicht von einer zahlenmäßigen Verdrängung der Sambier ausgegangen werden. Schließlich besteht auch eine hohe Sensibilität gegenüber dem möglichen Verlust der nationalen Souveränität, wenn sich die eigenen Regierungen den Chinesen unterwerfen. Sie befürchten, dass es keine Unabhängigkeit mehr gäbe und die Befreiung von der Kolonialzeit nur ein Übergangsstadium in eine neue Fremdherrschaft gewesen 412 Obiorah 2008, S. 6. 413 Langer 2004. 252 sei. Nach Birgit Rommelspacher waren koloniale Ausbeutungen immer rassistisch motiviert. Yan und Sautman vergleichen die durch die chinesischen Aktivitäten im Land aufgeheizte rassistische Atmosphäre in Sambia gegenüber den Chinesen mit den zuvor stattgefundenen antijüdischen Protesten durch Medien und Politiker in Südafrika. 414 So kam es auch 2015 zu erheblichen antijüdischen Ausschreitungen. In Südafrika hatten damals hunderte Anhänger der propalästinensischen Gruppe „Boycott, Divestment and Sanctions“ gegen die Juden im Land demonstriert. Auch Hakenkreuzschmiereien und gewalttätige Übergriffe gegenüber Juden kamen vor. Die Gruppe „Boycott, Divesments und Sanctions“ wurde von dem regierenden „African National Congress“ und von der Gewerkschaft „COSATU“ unterstützt.415 Beide Autoren vertreten die These, es gäbe keine empirischen Befunde für kulturelle Interpretationen der chinesischen Praktiken im sambischen Bergbau. Die rassistischen Thesen einer fremden kulturellen Interpretation der wirtschaftlichen Aktivitäten seien von westlichen Medien und sambischen Politikern gestreut worden.416 Eine bedeutende Rolle spielt in weiten Teilen der namibischen und sambischen Bevölkerung die Angst vor einer zahlenmäßigen und einer kulturellen Überfremdung der jeweiligen Gesellschaft durch die im Land anwesenden Chinesen. Eine quantitative Bevormundung der Sambier und Namibier durch Chinesen hat nicht wirklich stattgefunden. Eine tatsächliche Bedrohung der kulturellen Identität ist durch die Einwanderung der Chinesen in Sambia und Namibia auf keinen Fall gegeben. Ein NGO-Aktivist erhebt den Vorwurf, dass die Chinesen in Namibia ohne Einschränkung agieren könnten, auch wenn es zum Nachteil der Namibier als die eigentlich rechtmäßigen Bewohner Namibias sei. Er verquickt die Verbundenheit der Regierungspartei mit der chinesischen Regierung während des Unabhängigkeitskampfs und identifiziert auch die eigene Regierung als Verantwortliche für die „Narrenfreiheit“ der Chinesen. Hier wird der Protest deutlich von Gruppen außerhalb der namibischen Regierung kolportiert, daher ist der Vorwurf in erster Linie politisch zu sehen. Neben den Anschuldigungen auf unkorrekte Verhaltensweisen gibt es keine spezifischen Hinweise auf wirtschaftlich unkorrekte Verhaltensweisen der Chinesen. Zutreffend ist, dass die namibische Regierung eine sehr enge Partnerschaft mit den Chinesen unterhält, die sich bis auf die Zeit zurückführen lässt, als die jetzige Regierungspartei noch eine antikoloniale Befreiungsbewegung war. Zutreffend ist 414 Yan et al. 2013, S. 138–139. 415 Schönherr 2015. 416 Yan et al. 2013, S. 151. 253 ebenfalls, dass es Vorteile für Angehörige der namibischen Regierungselite hat, so eng mit den Chinesen verbunden zu sein. Dies belegt die Gewährung von chinesischen Stipendien für Angehörige der namibischen Politiker. Die These, dass die Chinesen rechtliche „Narrenfreiheit“ in Namibia hätten, lässt sich nicht bestätigen. Deutlich zeigt sich allerdings, dass die Chinesen politische Patronage genießen und beispielsweise im freien Unternehmertum namibische Konkurrenten in der wirtschaftlichen Existenz gefährden. Die namibische Regierung unternimmt aus Rücksicht auf die namibisch-chinesische Freundschaft nichts gegen diese anhaltenden Probleme. Anhand eines konkreten Beispiels, dem Verzehr von Hundefleisch, wird ebenfalls eine antichinesische Stimmung erzeugt. Der Vorwurf des Verzehrs von Hundefleisch gründet sich auf den Bericht von sambischen Arbeitern der chinesischen „Hua Ling Construction Company“. Sie seien durch chinesische Vorgesetzte zum Essen von Hundefleisch gezwungen worden.417 Hier drängt sich der Vergleich zwischen „Herrenmenschen“ und „Sklaven“ auf: Die „Herren“ bestimmen sogar über das Essen der Untergebenen. Hundeverzehr ist in Sambia weder kulturell noch politisch erwünscht. Es dürfte nicht sein, dass Chinesen eigene Gesetze zum Hundeverzehr einrichten. Der Protest hat eine kulturelle Komponente. Anhand dieses Beispiels zeichnet sich ein häufig zu beobachtendes Muster ab: Es dominiert die Angst vor fremder Kultur bis hin zu Aufgabe und Verlust der eigenen Identität. Auch der Vorwurf der Sklavenhaltermentalität ist ein Zeichen für Rassismus. 9.6 Spekulationen und Verschwörungstheorien Unbelegbare Thesen einer geheimen Verschwörung und eines Zusammenwirkens böser Mächte haben in vielen politischen Diskussionen Eingang gefunden. Viele der in dieser Arbeit analysierten Artikel beschäftigen sich mit sehr spekulativen Theorien über die konspirative Zusammenarbeit zwischen der jeweiligen afrikanischen und der chinesischen Regierung. Verschwörungstheorien haben eine lange Tradition in der Politik. Rechte Gruppen pflegten bereits in der Weimarer Republik und später im Nationalsozialismus die Theorie vom „internationalen Finanzjudentum“, das die USamerikanische Politik dominieren würde. Diese Verschwörungstheorien bestehen bis heute fort. In linken Gruppen gelten Israel und die USA als die vermeintlichen Drahtzieher für globale Probleme wie Krieg und Unterdrückung. Sie hätten z. B. die Terroranschläge des 11. Septembers 2001 zu verantworten. Auch die Freimaurer wurden jahrhundertelang als heimliche Herrscher der Welt gesehen. Am Beispiel der muslimischen Einwanderung nach 417 o.V. 2014 c. 254 Europa wird argumentiert, dass Muslime eine abgesprochene Aktion umsetzen würden, um die Vorherrschaft über Europa zu gewinnen und Europa zu islamisieren. Anlass für solche Behauptungen sind reale Gefahren wie der territoriale Herrschaftsanspruch des Islamischen Staates. Aus der durch Verschwörungstheorien geschürten Angst resultieren Brandanschläge auf Asylbewerberheime und hetzerische Kampagnen in sozialen Netzwerken. Gerade Verschwörungstheorien bilden den Nährboden für Rassismus. Der antichinesische Protest stützt sich neben anderen Faktoren in Sambia und Namibia ebenfalls auf Spekulationen und Verschwörungstheorien. Die Menschen haben Angst, eine Minderheit im eigenen Land zu werden, und reagieren in Blogbeiträgen auf diese diffuse Vorstellung mit extremen Schreckensszenarien für die Zukunft des Landes. Damit erhalten die Aufrufe zu Hass und Gewalt gegen Chinesen eine Legitimation. Die kommunistische Ideologie Chinas wird als Bedrohung für die sambische und namibische Souveränität und Demokratie gesehen. Die Chinesen machen ungeachtet der jeweiligen Staatsform mit fast allen afrikanischen Staaten Geschäfte. Sicher haben sie eine enge Bindung mit der namibischen und sambischen Regierung und protegieren eine Intensivierung der Zusammenarbeit. Auf der anderen Seite haben die Chinesen von Anfang an als grundlegendes Merkmal der chinesischafrikanischen Beziehungen gegenseitige Nichteinmischung und Akzeptanz der nationalen Souveränität propagiert. China hat noch keiner afrikanischen Regierung ihre Staatsform aufgezwungen. Diese Haltung ist sicher anders als in den 1960er Jahren, als Mao Zedong für den Export der kommunistischen Ideologie warb. Die Verschwörungstheorien hinsichtlich der engen Bindung zwischen der sambischen und der chinesischen Regierung wird durch eine eindeutige Beobachtung bestätigt. Tatsächlich hat es nach Satas Wahlsieg keine wirkliche Verbesserung der sozialen Situation der Sambier in chinesischen Unternehmen gegeben. Satas Wahl zum Präsidenten stützte sich vor allem auf den hohen Zuspruch arbeitsloser junger Menschen in Lusaka und im Copperbelt. Sie erhofften sich eine spürbare Verbesserung ihrer Lebenssituation. Relativ schnell mussten sie jedoch zur Kenntnis nehmen, dass die sozialpolitischen Veränderungen ausgeblieben sind. Deswegen ist die Frustration und Enttäuschung der Bevölkerung ein Nährboden für die abstrusesten Verschwörungstheorien. In der Folge galt Sata als ein Komplize der Chinesen, weil die versprochene Hilfe für die eigene Bevölkerung ausblieb. Aus diesem Grund richtete sich der Protest gegen die ehemalige MMD-Regierung und gegen Sata. Kulturell historische Strategien, beispielsweise ein besonders taktisches Verhalten analog einer Kriegslist wie die des chinesischen Philosophen Sun Tzu werden herangezogen, um ein düsteres Bild der sambisch-chinesischen Zukunft zu entwerfen, in der Sambia durch China seiner Souveränität beraubt, kolonisiert und kontrolliert würde. 255 Sun Tzu befürworte in seinen Werken, Kriege durch List statt nur durch den Einsatz militärischer Mittel zu entscheiden. In Namibia sind diese Ängste ebenfalls weit verbreitet. Das politische Ziel Chinas wäre es, Namibia für immer in Armut zu halten. Erreicht würde diese Absicht durch die totale Kontrolle über den Bankensektor und die namibischen Unternehmen. Hier wird den Chinesen eine bedrohliche Gesamtstrategie unterstellt und eine ungewisse Zukunft für Namibia entworfen. Auch das als existenzbedrohlich empfundene Konkurrenzverhalten chinesischer Einzelhändler, die ihre sambischen Konkurrenten durch kostengünstig in China produzierten Waren unterbieten, ist in Namibia ähnlich brisant. Die namibische Regierung hätte umfassende Möglichkeiten, die eigene Bevölkerung bei diesen Problemen zu unterstützen und die unerwünschten Begleiterscheinungen zumindest zu lindern. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die namibischen Politiker die chinesischen Investoren nicht enttäuschen und eigene Privilegien nicht gefährden wollen. Der sambische Minister Kambwili fordert die Chinesen öffentlich dazu auf, die sambischen Arbeitsschutzgesetze einzuhalten. Dass ein Minister sich eingeschaltet hat, zeigt, wie brisant das Thema „Arbeitsschutz“ in Sambia ist. Mit solchen symbolischen Gesten bemüht sich die sambische Regierung, die Proteste nicht eskalieren zu lassen. Eigentlich muss es selbstverständlich für einen Arbeitgeber sein, die eigenen Angestellten zu schützen. In Namibia ist die Situation sehr ähnlich. Nach Misshandlung einer chinesischen Angestellten schaltete sich sogar der namibische Präsident ein und der chinesische Botschafter sah sich gezwungen, den Vorfall öffentlich zu kritisieren. Diese Beschwichtigungen haben zum Ziel, die eigene Macht nicht zu gefährden und die antichinesischen Proteste möglichst unter Kontrolle zu halten. 9.7 Ergebnis der Verdichtung: Vom antichinesischen Protest zu Rassismus Es stellt sich die Frage, wie sich diese Erkenntnisse über den antichinesischen Protest als Form von Rassismus einordnen lassen. In der Verdichtung hat sich gezeigt, dass es verschiedene Diskursmuster gibt, die die chinesischen Aktivitäten in Namibia und Sambia als Problem mit weitreichenden Folgen für die einheimische Bevölkerung erscheinen lassen. Dazu zählen Ereignisse wie der Vorfall in der Collum Mine und die Kooperation zwischen der jeweiligen afrikanischen und chinesischen Regierung zum Vorteile der Regierungsangehörigen, wie zum Beispiel chinesische Stipendien für Angehörige von hochrangigen namibischen Regierungsmitgliedern. Hinzu kommen spekulative und hasserfüllte Behauptungen, die von Verschwörungstheorien über Vorwür- 256 fe des Neokolonialismus bis zu offen rassistischen Zuschreibungen reichen. Rassistische und menschenverachtende Bezeichnungen werden verwendet: Chinesen seien „Affen“, „Hunde“ oder „Vampire“. Chinesische Frauen würden in Sambia rücksichtslos auftreten. Es fällt auf, dass neben den Gewaltaufrufen der Sambier auch konstruktive Leserbriefe und Artikel erschienen sind, die eine politische Lösung der Probleme vorschlagen, ohne die chinesischen Einwanderer als innere Feinde zu verdammen.418 Im Folgenden wird der Weg der Protestformen, die ihren Ausdruck in den in der Verdichtung dargestellten Diskursmustern finden, zu offenem Rassimus dargestellt. Die Auswertung der drei Datenkörbe hat ergeben, dass die unterschiedlichen Protestformen durch die mediale Darstellung befördert werden und in einen offenen Rassismus gegen die in den beiden Ländern lebenden Chinesen münden. Die Literatur verweist auch auf die problematische Rolle der westlichen Medien bei der Entstehung antichinesischer Ressentiments.419 Wie die vorliegende Arbeit zeigt, gilt diese Aussage auch für die sambischen und namibischen Medien. Étienne Balibars These lautet, dass es verschiedene Formen von Rassismus gibt, die durch die historischen Umstände und die Möglichkeiten eines Menschen geprägt werden.420 Die historischen Umstände der besonderen Freundschaft zwischen beiden afrikanischen Staaten und China erlauben den Chinesen, sich im wirtschaftlichen Bereich in beiden Staaten zu betätigen. Diese Situation ist der engen wirtschaftlichen Verbindung zwischen den Staaten und den gegenseitigen Interessen an einer wirtschaftlichen Zusammenarbeit geschuldet. Balibar konstatiert einen Neorassismus als „Rassismus ohne Rassen“, der auf die Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenzen abstellt. Die enge Verbindung zwischen den jeweiligen Regierungen stößt bei der afrikanischen Bevölkerung auf Protest, die die chinesische Kultur für unvereinbar mit der sambischen und namibischen Kultur erklären. Durch die Betonung der Andersartigkeit bestätigt sich Balibars These.421 Patrick Girard stimmte Balibar (1976) dahingehend zu, dass es Rassismen in unterschiedlichen Epochen gegeben habe. Stuart Halls Argumentation weist ebenfalls in diese Richtung, dass es historische Rassismen gebe, die sich historisch und gesellschaftlich unterscheiden. George M. Fredrickson sah eine allgemeine Geschichte des Rassismus als Grundlage für unterschiedliche Formen von Rassismen. Nach Albert Memmi ist es unerheblich, ob die vom Rassisten erkannten Unter- 418 Melber 2009, S. 71. 419 Rebol 2010, S. 3524. 420 o.V. 2016 d. 421 Pühretmayer et al. 2011. 257 schiede tatsächlich oder fiktiv sind. Eine der bekanntesten Definitionen über Rassismus stammt von Memmi. Robert Miles definiert Rassismus als Ergebnis von konstruierten Bedeutungen, die einem Menschen genetisch oder phänotypisch bedingt zugeschrieben werden. Rassismus liegt vor, wenn die Bedeutungen in Form von Kategorien negativ gewertet werden.422 In der vorliegenden Arbeit wird Miles These bestätigt, weil unerwünschte Eigenschaften und Verhaltensweisen ganz allgemein den Chinesen als Ethnie zugewiesen werden: Chinesen würden Afrikaner als minderwertig ansehen und nur Afrikaner schlecht behandeln, jedoch keine anderen Ethnien. In den gängigen rassistischen Theorien tauchen einige Merkmale wiederholt auf. Zum einen ist Rassismus immer eine konstruierte Unterscheidung zwischen zwei Menschengruppen. Diese Unterscheidung ist zum Vorteil der einen und zum Nachteil der anderen Gruppe. Es geht dabei immer um Macht. Die Macht wird durch die rassistische Abwertung der unterlegenen Gruppe gewonnen und stabilisiert. Die vermeintlichen Unterschiede zwischen den beiden Gruppen können durch zwei ausgeprägte Kriterien hergeleitet werden. Entweder ist es die klassische Form von Rassismus, der sich in biologischen Unterschieden äußert. Dabei wird auf die Hautfarbe, die vermutete Intelligenz bzw. Dummheit, die ethnische Herkunft oder auch auf die Nationalität Bezug genommen. Der Rassist wertet die andere Gruppe im Vergleich zu sich selbst ab: Der andere habe eine dunklere Hautfarbe, sei insgesamt weniger intelligent oder gehöre einer minderwertigeren Ethnie an. Wissenschaftlichen Standards halten die behaupteten biologischen Unterschiede jedoch nicht stand. Diese Erkenntnis spielt für die Überzeugungen von Rassisten jedoch keine Rolle. Das andere Kriterium ist ein vermeintlicher kultureller Unterschied zwischen zwei Menschengruppen. Der Rassist weist der anderen Gruppe „andersartige“ kulturelle Prägungen zu und behauptet, dass sich aus der kulturellen Prägung negative Verhaltensweisen ableiten ließen. So seien die Chinesen beispielsweise auf eine unangenehme Weise „schlau“ oder „listig“. Beide Kriterien finden sich in den untersuchten Quellen. Wenn die Chinesen nicht auf biologische Weise als „Vampire“ oder „Affen“ abgewertet wurden, gab es einen Rückgriff auf kulturelle Unterschiede. So wurde den Chinesen die konfuzianische Prägung oder ihre von den Einheimischen abgeschottete Lebensweise in Namibia und Sambia als eine unüberwindbare kulturelle Barriere gedeutet. Ein wichtiger Bestandteil der Rassismustheorien ist die Verwurzelung von Rassismus in einer kolonialen Vergangenheit. Während der Kolonialzeit entwickelte sich der moderne Rassismus erst, weil sich dort sowohl die Macht 422 o.V. 2016 e. 258 der Kolonialherren über die Kolonisierten als auch die biologische Abwertung der Kolonisierten vereinte. Der Vorwurf eines neokolonialistischen Verhaltens der Chinesen gegenüber der namibischen und sambischen Bevölkerung zieht sich wie ein roter Faden durch die untersuchten Quellen. Es ist naheliegend, dass beide Bevölkerungen als ehemalige Opfer von Kolonialmächten eine besondere Empfindlichkeit gegenüber neuer Dominanz hegen. Der Vorwurf des Kolonialismus korrespondiert mit der Furcht vor der Sklavenhaltermentalität der Chinesen. Leiprecht ist es zu verdanken, die kolonialen Ressentiments theoretisch zu begründen: Die in der Kolonialzeit gemachten rassistischen Erfahrungen übertragen die damals Dominierten dann auf den vermeintlichen neuen Kolonisator und bedienen sich eines „umgedrehten“ Rassismus: des Rassismus der Dominierten. Da in den Quellen immer wieder der Vorwurf des Kolonialismus und der Sklavenhaltermentalität vorkommt, ist der Rassismus der Dominierten ein elementarer Bestandteil der rassistischen Ressentiments in Namibia und Sambia. Eine weitere Unterscheidung zwischen Menschengruppen könnte durch die „Klassentheorie“ von Antonie Gramsci erklärt werden. Er stellt die These auf, dass gesellschaftliche Unterschiede durch Klassenbeziehungen entstehen, die wiederum durch regionale, kulturelle und nationale Unterschiede gebildet werden.423 Auch Memmi hat sozioökonomische Unterschiede zwischen Gruppen zum Nachteil einer der beiden Gruppen als ökonomische Waffe bezeichnet. Durch die ökonomischen Unterschiede zeigt sich Rassismus dadurch, dass die wirtschaftlich höhergestellte Gruppe die andere dominiert. Natürlich spielt in Sambia die ökonomische Macht der Chinesen eine erhebliche Rolle für die rassistischen Ressentiments. Doch ob es Klassen- oder Rassenunterschiede sind, spielt im Ergebnis keine Rolle: In beiden Fällen wird die wertende Unterscheidung zum Nachteil einer der beiden Gruppen getroffen. Nur die Argumente unterscheiden sich. Das zentrale Ergebnis dieser Arbeit lautet: Wenn mehrere Diskursmuster zusammentreffen und den Diskurs über eine bestimmte Ethnie bestimmen, hat sich Rassismus in einer Gesellschaft etabliert. In Namibia und Sambia wird der Diskurs über die dort lebenden Chinesen von Rassismus bestimmt. Die sechs identifizierten Diskursmuster sind in unterschiedlicher Intensität für den antichinesischen Protest kennzeichnend. Ein weiteres Ergebnis der Arbeit liegt somit vor: Die rassistischen Ressentiments sind die Summe aus mehreren Diskursen gleichzeitig. Ein Diskursmuster für sich genommen bewirkt dagegen noch nicht, dass sich Rassismus etablieren kann. Die Befürchtungen der afrikanischen Bevölkerung, dass es zu einer neuen chinesischen Kolonialherr- 423 Hall 1997a, S. 416. 259 schaft kommen könnte, reichen für das Vorhandensein von Rassismus nicht aus. Es müssen erst weitere Diskurse dazukommen. Ein Beispiel ist auch die manipulierte Uminterpretation von bestimmten Informationen wie dem Unglück in der Chambishi Mine, wo eine absichtliche Herbeiführung des Unglücks vermutet wurde. Zudem gibt es abenteuerliche Spekulationen, die zu Verschwörungstheorien stilisiert werden, wie die Behauptung einer vermeintlichen rechtlichen Bevorzugung der Chinesen in Namibia und Sambia. Auch die Behauptung, eine neue neokoloniale Versklavung der Afrikaner durch China fände statt, passt in dieses Schema.

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References

Zusammenfassung

Die chinesische Präsenz in Afrika nimmt seit Jahren zu. Die afrikanischen Länder verzeichnen eine Zuwanderung von Chinesen im Zuge des mit den jeweiligen Regierungen vereinbarten Rohstoffabbaus und der Investition in Infrastrukturprojekte. Die Forschung zu diesem Phänomen ist auf die Frage nach Art und Motivation der chinesischen Regierung fokussiert. Dabei wird oft übersehen, dass sich in Afrika zunehmend Widerstand gegen die chinesischen Bestrebungen formiert.

Gunnar Henrich untersucht in seiner Dissertation mit einer Diskursanalyse zwei afrikanische Staaten im Süden Afrikas: Namibia und Sambia. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, wie der antichinesische Protest zustande gekommen ist, welche Verläufe und Formen er angenommen hat und ob er gar als Rassismus auftritt. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass der Protest häufig rassistische Formen annimmt. Wenden die ehemaligen Opfer rassistischer Kolonialpolitik selbst zunehmend rassistische Argumentationsformen an? Gibt es gar einen „umgedrehten Rassismus“? Henrich schließt mit seiner Arbeit eine Forschungslücke und trägt so zum gegenwärtigen Diskurs bei.