Content

2 Forschungsstand zu den chinesisch-afrikanischen Beziehungen in:

Gunnar Henrich

Antichinesischer Protest in Sambia und Namibia, page 19 - 62

Politische Verstimmungen oder rassistische Ressentiments?

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4253-3, ISBN online: 978-3-8288-7166-3, https://doi.org/10.5771/9783828871663-19

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Politikwissenschaften, vol. 80

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
19 2 Forschungsstand zu den chinesisch-afrikanischen Beziehungen 2.1 Die chinesisch-afrikanischen Beziehungen im historischen Kontext Der Beginn der chinesisch-afrikanischen Beziehungen lässt sich bis in die Zeit zum Ende des 15. Jahrhunderts zurückverfolgen, als der Pekinger Admiral Zheng He18 umfassende Expeditionen auf dem afrikanischen Kontinent durchführte. Diese Expeditionen hatten jedoch keinen Einfluss auf die afrikanische Entwicklung. Die Herrscher in China fanden es im Gegensatz zu den europäischen Mächten nicht erstrebenswert, die afrikanischen Reiche als Kolonien zu unterwerfen oder nach Rohstoffen wie Edelmetalle und Erze zu suchen. So war lange Zeit kaum etwas über Zheng He bekannt, bis im Zuge der wirtschaftlichen Ausdehnung auf dem afrikanischen Kontinent ein politisches Interesse bestand, zugunsten der chinesischen Propaganda eine angeblich Jahrhunderte alte „afrikanisch-chinesische“ Freundschaft, die immer von gegenseitigem Respekt geprägt gewesen sei, hervorzuheben. Während das vorkommunistische China mit Afrika so gut wie keine Berührungen hatte und die Nationalchinesen unter Chiang Kai-shek sich mehr dem Westen und insbesondere den USA zugewandt hatten, gab es erst nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 wieder eine langsame Öffnung gegenüber dem afrikanischen Kontinent. Diese Öffnung war allerdings sehr gezielt und hatte nicht unbedingt wirtschaftliche Gründe, weil es vor allem um die Verbreitung der kommunistischen Ideologie ging. Während der Regierungszeit Mao Zedongs unterstützte China die antikolonialen Befreiungsbewegungen in Afrika 18 Admiral Zheng He führte maritime Forschungsexpeditionen mit umfangreicher Ausrüstung bis an die afrikanische Küste durch. Die Begegnung mit Afrika blieb ohne wirtschaftliche oder geschichtliche Folgen, weil kurz nach den Expeditionen eine isolationistische Politik des chinesischen Kaiserhauses begann und die Forschungsreisen eingestellt wurden. 20 in der Hoffnung, dass die zu unterstützenden Widerstandsbewegungen empfänglich für sinokommunistische Ideen wären. Die Wiederentdeckung des afrikanischen Kontinents im Zuge der Wirtschaftsreformen Deng Xiaopings wurde aber erst in den 2000er Jahren mit einem einmaligen Großereignis verbunden: Ein einschneidendes Ereignis der sinoafrikanischen Beziehungen war die Etablierung des Forum on China-Africa Cooperation (FOCAC) in Peking im November 2006. 48 von 53 afrikanischen Staats- und Regierungschefs vereinbarten mit der chinesischen Regierung eine neue Form der strategischen Partnerschaft, die auf den Prinzipien der politischen Gleichheit, des gegenseitigen Vertrauens, wirtschaftlicher Win-Win-Kooperationen und des kulturellen Austauschs beruhen sollte. Sekundiert wurden diese Vereinbarungen mit umfassenden Finanzhilfen wie der Etablierung eines China-Afrika- Entwicklungsfonds im Umfang von 5 Mrd. US-$.19 Die chinesische Afrikapolitik beruht auf „fünf Prinzipien der gegenseitigen Koexistenz“. Die gegenseitige Nichteinmischung in innere Angelegenheiten wird als das wichtigste Prinzip angesehen. Normiert sind diese Prinzipien im Strategiepapier zur chinesischen Afrikapolitik von 2006.20 China gewährt Entwicklungshilfe in drei Formen: Subventionen (u.a. für Reis und materielle Güter), Anleihen und seit 1995 auch konzessionäre Kredite mit subventionierten Zinssätzen. Der größte Unterschied zur westlichen Entwicklungshilfe sind die beiden Prinzipien der Nichteinmischung und des gegenseitigen Nutzens.21 Nur fünf afrikanische Staaten pflegen keine diplomatischen Beziehungen zur Volksrepublik China und sind dem FOCAC nicht beigetreten. Es handelt sich dabei um Burkina Faso, Gambia, Malawi, Sao Tome und Swasiland.22 Auch die Magrebstaaten sind Mitglied im FOCAC. Diese sehr hohe Präsenz führt zu unterschiedlichen Wahrnehmungen in der westlichen Literatur. Phillip Gieg vertritt die Meinung, dass China nicht einseitig wirtschaftlich, sondern auch politisch und diplomatisch in Afrika erfolgreich sei. Er betont die Soft-Power-Komponente des sinoafrikanischen Verhältnisses. Dabei lege Peking in erster Linie Wert auf die Sicherung der eigenen Rohstoffversorgung durch Afrika.23 Angesichts der erreichten Ziele sei die jüngere chinesische Afrikapolitik eine der erfolgreichsten außenpolitischen Regionalstrategien überhaupt.24 Nach einer Studie wirken sich die quantifi- 19 Jaing 2008, S. 52. 20 Gieg 2010, S. 70. 21 Brautigam 2008, S. 200. 22 Moyo 2009, S. 106. 23 Gieg 2010, S. 78. 24 Gieg 2010, S. 124. 21 zierbaren Effekte des Wachstums der „Asian Drivers“ überwiegend positiv auf die afrikanische Wirtschaft aus. Dieses vorläufige Ergebnis impliziert aber nicht, dass diese Vorteile immer bestehen bleiben.25 Neben China tätigt mittlerweile auch Indien umfangreiche Investitionen in Afrika,26 von denen besonders Nigeria, Südafrika und Namibia profitieren. Die Studie unterstreicht eine eher ökonomisch orientierte Wahrnehmung der afrikanischen Chinapolitik. China ist nicht die einzige Volkswirtschaft, die in Afrika investiert. Ludger Kühnhardt weist darauf hin, dass in der amerikanischen Wahrnehmung Chinas Wunsch nach Ressourcensicherung der Hauptgrund für die Investitionen in Afrika ist. Tatsächlich verfolgt auch die Europäische Union mit ihren Investitionen in Afrika das Ziel, Zugang zu den Ressourcen und Energiesicherheit zu gewinnen.27 Die Fokussierung auf die Soft-Power-Komponente ist eine genuin westliche Sichtweise. Soft Power ist ein westliches Konzept, das ursprünglich die Außenpolitik der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmen sollte. Das Konzept ist zwar von der chinesischen Regierung adaptiert und in die chinesische Diplomatie eingewoben worden, aber eine Eins-zu-eins- Übernahme eines westlichen Konzepts für eine Kultur, die sich jahrtausendelang von der Außenwelt verschloss, lässt sehr schwer umsetzen. Die Ergebnisse des Wachstums der Asian Drivers, die den Afrikanern zugutekommen und von Goldstein ausgewertet werden, zeigen eine in der westlichen Literatur seltene Perspektive. Während Chinas Auswirkungen auf Afrika häufig als schädlich für die afrikanische Wirtschaft oder Demokratie angesehen werden, nimmt Goldstein die afrikanische Perspektive ein und kommt zu vielversprechenden Ergebnissen. Chinesische Investitionen in technisches Know-how und Kapazitäten für die afrikanische Landwirtschaft sind notwendig, weil die chinesische Regierung in Afrika den Anbau von Nahrungsmitteln unterstützt, die für den Export nach China vorgesehen sind. Dadurch soll der Anbau von landwirtschaftlichen Produkten forciert werden.28 Der afrikanische Kontinent ist geprägt von einer langen und verhängnisvollen Geschichte mit den leidvollen Erfahrungen, von europäischen Kolonialmächten abhängig zu sein. Diese Sicht wird auch in der Literatur geteilt. 25 Goldstein et al. 2006, S. 97. 26 Sandner 2012. 27 Kühnhardt 2014, S. 185. 28 Goldstein et al. 2006, S. 112. 22 Kweku Ampiah und Sanusha Naidu befassen sich mit einer Sicht auf Afrika, die auf die koloniale Geschichte des Kontinents abstellt. Sie verweisen auf das Second Scramble, das einen systematischen Rohstoffabbau zum Ziel hat. Diese Deutung wird als problematisch für Afrika beschrieben und geht mit der China Threat Theory einher.29 Jenseits dieser eher martialischen Begriffe gibt es auch Befürworter: Ampiah begrüßt das chinesische Engagment in Afrika und sieht vor allem Entwicklungschancen und Vorteile für die afrikanischen Staaten, in denen China Investitionen tätigt. Eine eher neutrale Sicht stützt sich auf die Rollenmodelle, die Ampiah und Naisu als einen Dreiklang bezeichnen, den die chinesischen Bestrebungen in Afrika annehmen könnte: Die Chinesen treten entweder als Partner, Mitbewerber oder Kolonialmacht auf.30 Von vielen Afrikanern wird die chinesische Dominanz auf die Erfahrungen der kolonialen Vergangenheit bezogen. Es muss jedoch beachtet werden, dass China keine eigenen Kolonien wie die europäischen Staaten hatte und eine solche Außenpolitik offiziell auch nicht propagiert wird. Es ist wiederum zutreffend, dass China seit Jahrhunderten Macht in Form von Tributsystemen ausübte, beispielsweise über Korea. Bis ins 20. Jahrhundert hinein dominierte China über Vietnam. Die Dominanz führte 1979 sogar zu einer militärischen Intervention, mit der die chinesische Regierung ihre Machtposition gegenüber Vietnam unterstrich. Die afrikanischen Staaten sind infolge der bitteren Erfahrungen, die die europäischen Staaten mit der kolonialen Herrschaft hinterlassen haben, äußerst sensibilisiert gegenüber möglichen neuen kolonialen Verhältnissen. Offizielle chinesische Verlautbarungen über die Rolle Chinas belegen Amphias und Naisus These, dass China ein „Partner“ für Afrika sei. Die Partnerrolle kommt der offiziellen politischen Realität wesentlich näher. Der Einfluss Chinas auf Afrika ist komplexer und psychologisch vielfältiger, als es die westlichen Stereotypen beschreiben. Es gibt in China eine intensive Diskussion über das chinesische Engagement in Afrika. Eine geplante Strategie scheidet nach Meinung vieler chinesischer Wissenschaftler aus. In China selbst wird das Engagement in Afrika von den meisten chinesischen Kommentatoren und hochrangigen Offiziellen nicht als Alternative zum Washington-Consensus31 gesehen. Ein möglicher Beijing- 29 Ampiah et al. 2008, S. 3. 30 Ampiah et al. 2008, S. 4. 31 Der Washington-Consensus besteht aus einer Reihe politischer Maßnahmen zur Förderung des wirtschaftlichen Wachstums. Der Zweck war unter anderem die Deregulierung der Sozialpolitik, Verminderung der Staatsausgaben, Liberalisierung und Entbürokratisierung. Der Washington-Consensus wurde lange Zeit vom IWF und 23 Consensus wird abgelehnt. Die chinesischen Kommentatoren vertreten die Auffassung, die chinesische Hilfe solle den afrikanischen Staaten die Möglichkeit für eine eigenständige Entwicklung geben.32 Die Aussage, afrikanische Konsumenten würden von dem chinesischen Engagement nicht profitieren, sei nicht zutreffend.33 Diese Aussagen deuten darauf hin, dass die chinesische Regierung an einer konstruktiven Entwicklung interessiert ist. In Afrika gibt es dagegen durchaus einige Vorbehalte gegen das chinesische Engagement. Der ehemalige südafrikanische Präsident Thabo Mbeki warnte die afrikanischen Staats- und Regierungschefs davor, eine koloniale Abhängigkeit zu China entstehen zu lassen.34 Ludger Kühnhardt spricht sich für einen Africa-Consensus aus, der in Abgrenzung zum Washington-Consensus die strategischen und politischen Zielsetzungen Afrikas zusammenfasst und dadurch Afrika zu einem rechtmäßigen Partner für die internationalen Beziehungen werden lässt. Der Africa- Consensus soll dem Zweck dienen, die eigenen afrikanischen Interessen zuerst zu berücksichtigen und dadurch die Zukunft Afrikas erfolgreich zu gestalten.35 Es ist wichtig, dass auch die chinesische Seite zum Vorschein kommt. Die innerchinesische Diskussion wird in der westlichen Literatur viel zu wenig berücksichtigt. Dies liegt auch an der Intransparenz der Quellen und der häufig vorhandenen Unkenntnis der chinesischen Sprache bei westlichen Kommentatoren, sodass häufig nur ein kleiner Kreis aus Fachleuten einen Einblick in die aktuelle Debatte hat. Es fällt auf, dass die westlichen Begriffe für das chinesische Engagement in Afrika in der chinesischen Debatte nicht auftauchen. Zu diesen Begriffen gehört etwa „Beijing-Consensus“ als informelle Absprache zwischen China und afrikanischen Demokratien und Diktaturen. Der Sinn des „Beijing-Consensus“ bestehe in der Unterwanderung des „Washington-Consensus“, indem China sich weder an Demokratisierung und an weltanschauliche Bekenntnisse geknüpfte Entwicklungshilfe beteilige noch einen Unterschied zwischen Diktaturen und Demokratien mache. Dabei interpretiert die chinesische Regierung das Prinzip der Nichteinmischung wertfrei: Niemand soll sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen von der Weltbank sowie von westlichen Geberländern für Entwicklungsländer propagiert. Empfänger dieser Programme waren unter anderem die ehemaligen europäischen Ostblockstaaten nach ihrem Zusammenbruch, Teile Lateinamerikas und die asiatischen „Tigerstaaten“ wie etwa Südkorea und Taiwan. 32 Ampiah et al. 2008, S. 11. 33 Moyo 2009, S. 109. 34 Ampiah et al. 2008, S. 331. 35 Kühnhardt 2014, S. 273. 24 Landes einmischen. Der Westen verfolgt häufig eine gegenteilige Strategie und fordert von den afrikanischen Staaten die Anerkennung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Wenn Rechtsstaatlichkeit und Demokratie beispielsweise in China aufkommen sollten, ist von einer eigenständigen chinesischen Interpretation auszugehen, die sich westlichen Beobachtern nicht so ohne Weiteres erschließt. Carmody vertritt die Auffassung, der „Fluch der Ressourcen“ sei eine Art der Regierungsführung in Afrika.36 Auch wenn die aktuellen Umstände Elemente eines „Ressourcen-Kolonialismus“ aufweisen würden, gäbe es langfristig ein Potenzial für die Verringerung der Armut in Afrika. Afrikanische Staaten müssten die zunehmende Nachfrage nach natürlichen Ressourcen umstrukturieren und langfristig koordinieren.37 Carmody bezeichnet das chinesische Verhalten in Afrika als „Flexigemony“. Unter diesen Begriff versteht er eine Kombination aus wirtschaftlichen, politischen und militärischen Hebeln, die zu strategischen Zwecken kombiniert würden. Militärische Macht komme jedoch nicht zum Einsatz. Stattdessen würde China direkte ökonomische Macht einsetzen, um eigene Interessen in Afrika zu sichern.38 Diese These wird durch die immer wieder in China sichtbar werdende und erfolgreich verlaufende Vereinbarkeit verschiedener Strategien und Politikformen deutlich. Die chinesischen Akteure im subsaharischen Afrika sind staatseigene Unternehmen, die Zugang zu Kapital mit günstigen Konditionen haben und sehr langfristig planen.39 Carmody ist zuzustimmen, dass die chinesische Strategie eine ungewöhnliche Flexibilität aufweist. Dabei ist Flexibilität ebenso wie Realpolitik eigentlich eher ein westliches und nicht zwingend ein chinesisches Konzept. Tatsächlich verfügen die Chinesen über eine gewisse Gewandheit, die sich annähernd mit Flexibilität beschreiben lässt. Die chinesische Flexibilität wird in der westlichen Literatur selten berücksichtigt.40 Deshalb sind auch entsprechende Urteile nicht zutreffend, die China wahlweise als ein ausschließlich Manchesterkapitalistisches41 oder als aggressiv-kommunistisches System einschätzen. 36 Carmody 2010, S. 5. 37 Carmody 2010, S. 6. 38 Carmody 2010, S. 82. 39 Carmody 2013, S. 27. 40 Eine Ausnahme bildet Alastair Ian Johnston (1998) der in seinem Werk „Cultural Realism“ eine jahrtausendelange Geschichte der chinesischen Flexibilität nachweist. 41 Der Begriff Manchester-Kapitalismus bezeichnet im industrialisierten Großbritannien des 19. Jahrhunderts das Elend der Arbeiter, die unter schwierigen Arbeitsbedingungen, zu geringen Löhnen und ohne soziale Absicherung lebten. 25 Diese Einschätzung zeigt sich bereits in der westlichen Fassungslosigkeit über den Kompromiss, den China für Hongkong getroffen hat: ein Land – zwei Systeme.42 Hier zeigen westliche Journalisten nur zu oft das unzutreffende Bild einer Diktatur in Hongkong. Zudem erscheint es für viele Beobachter ein Widerspruch, dass China sehr gut ausgebildete Polizisten bei internationalen UNO-Missionen stellt, China die international geltenden Menschenrechte missachten würde. Dabei hat die chinesische Regierung die Einhaltung der Menschenrechte nicht bestritten, sondern legt sie nur anders aus und legt mehr Gewicht auf soziale Grundrechte denn auf individuelle Abwehrrechte.43 Carmody verweist immerhin als einer der wenigen Autoren auf die chinesische Flexibilität. Eine Verbindung zwischen politischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Interessen begleitet das wirtschaftliche Engagement Chinas in Afrika. Chinesische Investoren nennen die staatliche Unterstützung durch die chinesische Zentralregierung als zweitwichtigsten Grund, um in Afrika zu investieren.44 Es zeigt sich auch hier, wie die chinesische Regierung die privatwirtschaftlichen Initiativen unterstützt und für den eigenen Vorteil in eine Gesamtentwicklung einbettet. Die unerwünschten Folgen für den afrikanischen Markt liegen auf der Hand: Seit den 1990er Jahren wird Afrika von einem chinesischen „Textil-Tsunami“ heimgesucht. Beispielsweise stammen 80 % der nach Südafrika importierten T-Shirts aus China.45 Der chinesische Einzelhandel in Afrika ist bei afrikanischen Kunden sehr erfolgreich.46 Chinas Investitionen in Afrika verschaffen zunächst der herrschenden afrikanischen Elite einige Vorteile, langfristig zeigen sich jedoch Nachteile für die breite afrikanische Bevölke- 42 „Ein Land – Zwei Systeme“ war die chinesische Verpflichtung nach der Rückgabe der ehemaligen englischen Kronkolonie Hongkong 1997, für rund hundert Jahre die rechtliche und wirtschaftliche Eigenständigkeit Hongkongs nicht anzutasten. Dieser Praxis stand der Eingliederung Hongkongs in das chinesische Staatswesen nichts entgegen. 43 Im chinesischen Weißbuch Menschenrechte von 1991 wird das Grundrecht auf Subsistenz im Sinne einer Grundversorgung mit Nahrung und Kleidung als allen anderen bürgerlichen und politischen Menschenrechten übergeordnet angesehen. Ohne ausreichende Gewährleistung des Rechts auf Subsistenz würde kein anderes Menschenrecht einen Wert besitzen. Das Recht auf Subsistenz ist aus chinesischer Sicht eng mit der Betonung staatlicher Souveränität und einer Hierarchisierung der Menschenrechte verknüpft. Den Primat des Rechts auf Subsistenz vertreten chinesische Diplomaten immer wieder gegenüber der UNO und der westlichen Presse (Kinzelbach 2015). 44 Carmody 2013, S. 44. 45 Carmody 2010, S. 21. 46 Alden 2007, S. 37. 26 rung. So wird ein Manager der chinesischen Mulungushi-Textilfabrik in Sambia mit der Aussage zitiert, die Chinesen würden nicht das Vertrauen der Arbeiter gewinnen wollen, sondern dasjenige der Politiker.47 Carmody spricht von einem neuen Regime mit einer eingebetteten „Geo-Governance“ in Sambia, die durch engherzige Verhandlungen und Geschäfte zwischen den einheimischen und den chinesischen politischen Eliten konstruiert wird.48 In China profitieren von der Absatzmarkt- und Rohstoffsicherung unterschiedliche Akteure und nicht nur wie in einigen afrikanischen Staaten eine gesellschaftspolitische Elite. In den jeweiligen afrikanischen Staaten wird, wie in dieser Arbeit noch auszuführen sein wird, die wirtschaftliche Entwicklung nicht zwingend an die Bevölkerung weitergegeben. In der Forschung wird auf den Einfluss westlicher Medienberichte über die Beziehungen Chinas zu den afrikanischen Staaten verwiesen. Li Xing führt aus, dass der größte Teil der westlichen Berichte zu den sinoafrikanischen Beziehungen die gravierenden Nachteile für die große Mehrheit der afrikanischen Bevölkerung hervorheben würde. Diese Meinung würde aber von vielen afrikanischen Intellektuellen und wirtschaftlichen Akteuren nicht geteilt.49 Nicht in jedem Fall erhalten die medialen Akteure den Einfluss, der ihnen von Li unterstellt wird. Mawdsley zeigt in ihrer Untersuchung englischer Zeitungsartikel über die chinesisch-afrikanischen Beziehungen, dass ein Trend in vielen Zeitungen darin besteht, Afrikaner entweder als „Schurken“ zu verurteilen oder als „gute Freunde“ zu stilisieren. Als Beispiel für afrikanische Schurken dienen ihr der simbabwische Präsident Mugabe und der sudanesische Präsident Baschir.50 Hier zeigt sich eine extrem eurozentrische Sichtweise der westlichen Medien. Es besteht eine Tendenz zu einem stigmatisierenden Schwarz-Weiß-Denken. Den afrikanischen Führern wird die Rolle der Schurken zugeschrieben. Die afrikanische Bevölkerung wird dagegen immer als Opfer der Chinesen gesehen. Diese stereotypen Zuschreibungen lassen die innerafrikanische Sichtweise völlig außer Acht. Eine neutrale Sichtweise über die afrikanische Haltung zu den chinesischen Investitionen ist in der Literatur nicht ohne Weiteres zu finden. Auch die politische Rolle der chinesischen Führung in Bezug auf die internationalen Beziehungen gegenüber dem Westen wird kritisch hinterfragt. Inwieweit sind die afrikanischen Staaten ein Spielball zwischen zwei ideologisch 47 Carmody 2013, S. 37. 48 Carmody 2013, S. 45. 49 Xing et al. 2013, S. 23. 50 Mawdsley 2008. 27 verfeindeten Blöcken, nämlich dem Westen einerseits und China andererseits? Xu Yi-chong führt aus, dass einige chinesische Beobachter China unterstellten, den politischen Einfluss des Westens in Afrika zurückzudrängen. Weitere Wissenschaftler hätten wiederum Angst vor Korruption und Menschenrechtsverletzungen infolge der chinesischen Aktivitäten in Afrika.51 Xu Yi-chong bezweifelt, dass es sich bei den staatseigenen chinesischen Unternehmen in Afrika um Marionetten der chinesischen Regierung mit einer einheitlichen Zielsetzung oder gemeinsamen Strategie handeln würde.52 So hätte die Pekinger Regierung bei kleineren Unternehmen überhaupt keine ausreichenden Kontrollmöglichkeiten.53 Die meisten chinesischen Einwanderer in Afrika seien Kleinhändler, die ihre Ware mit sehr geringem Kapitaleinsatz auf der Straße anbieten würden.54 Diese These steht der westlichen Vorstellung eines geeinten chinesischen Konglomerats aus Staat, Politik und Wirtschaft entgegen. Tatsächlich sind es einfache Menschen aus China, die einen Großteil der Begegnungen mit Afrikanern ausmachen. Es ist kaum vorstellbar, diese Migranten als Agenten einer imperialen chinesischen Macht einzuordnen. Eine häufige Meinung in den westlichen Medien ist die Gleichsetzung von „China“ mit der chinesischen Regierung und den chinesischen Unternehmen. Immer wieder wird ein angeblicher Masterplan unterstellt, eine amorphe Einheit sämtlicher in Afrika tätiger chinesischer Akteure mit einem einzigen Plan, an den sich alle halten würden. Sicher ist diese Vorstellung dem Umstand geschuldet, dass die Afrikapolitik der chinesischen Regierung sehr intransparent ist und viele chinesische Publikationen nicht auf Englisch vorliegen. Die sprachlichen Barrieren spielen ebenfalls eine große Rolle. Gegen eine konzertierte chinesische Aktion mit imperialen Absichten spricht ebenfalls nicht zuletzt das Verhalten der chinesischen Regierung selbst, die in der letzten Dekade kalkulierte Schritte unternommen hat, um das eigene Image von der „China Threat Theory“ zu einem „Peaceful Development“ zu verändern. Die chinesische Regierung bedient sich des Konzepts der „harmonischen Welt“.55 Andere Wissenschaftler argumentieren mit der Idee eines friedlichen Austauschs Chinas mit Afrika und skizzieren günstige Prognosen: Gorm Rye Olson stellt die These auf, dass China mit der Zeit eine Reihe westlicher Werte und Normen adaptiere, die für Sicherheit und eine ökonomische Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent notwendig seien. Nach 51 Yi-chong 2013, S. 87. 52 Yi-chong 2013, S. 88. 53 Yi-chong 2013, S. 103. 54 Na et al. 2007, S. 141. 55 Modi 2013, S. 140. 28 seiner Ansicht seien weder Konflikt noch Konfrontation zwischen dem Westen und China zu erwarten.56 Es ist zutreffend, dass die chinesische Regierung sich mit wenigen Ausnahmen wie dem Koreakrieg oder dem Einmarsch in Vietnam gegenüber Drittstaaten militärisch passiv verhielt. Taiwan als mögliches Angriffsziel blieb bisher eine verbale Drohung. Somit könnten die Bemühungen der chinesischen Regierung wie auch die Adaption des Begriffs „Soft Power“ dem Eindruck entgegenwirken, dass China als Bedrohung für andere Staaten wahrgenommen wird. Zutreffend ist jedoch auch, dass die chinesische Regierung jede Kritik an der Tibet-Politik konsequent unterbindet und im Inselstreit im südchinesischen Meer mit militärischer Gewalt57 droht. Es wäre denkbar, dass die chinesische Regierung hier einen dialektischen Weg geht, der wiederum der chinesischen Flexibilität gerecht wird: so viel militärische Gewalt wie nötig, so viel Diplomatie wie möglich. Westliche Denkmodelle hinsichtlich der sinoafrikanischen Freundschaft treffen in der Literatur auf Ablehnung: Jamie Monson kritisiert die häufig anzutreffende Auffassung, das chinesische Engagement in Afrika durchlaufe mehrere Etappen: eine Kurve von einer frühen Phase der ideologisch geprägten sozialistischen Freundschaften zu afrikanischen Staaten bis zu einem globalisierten Kapitalismus. Haifang und Monson vertreten demgegenüber die Ansicht, dass die sinoafrikanischen Beziehungen über den gesamten Zeitraum sowohl Kontinuitäten als auch Brüche aufweisen.58 Eine regelrechte „Pfadabhängigkeit“ wird von beiden Autoren also verneint. Laut Karen L. Harris gibt es ablehnende Ansichten über chinesische Staatsbürger und chinesische Migranten auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Diese chinakritischen Sichtweisen sind von politischem Opportunismus und von Ignoranz geprägt und stehen häufig im Mittelpunkt der Medienberichterstattung. Harris vergleicht diese Ansichten mit denjenigen des späten 19. 56 Olsen 2011, S. 221. 57 Die chinesische Regierung beansprucht seit den 1940er Jahren ein rund 3,5 Millionen qkm großes Gebiet im südchinesischen Meer. Dort werden umfangreiche Rohstoffvorkommen vermutet. Vor diesem Hintergrund hat die chinesische Regierung damit begonnen, den Bau militärischer Anlagen auf den wenigen dort in der Region befindlichen Inseln voranzutreiben. Das umstrittene Gebiet reicht an die Grenzen zu Vietnam und zu den Philippinen, was zu Streitigkeiten über die Hoheitsrechte geführt hat. Zuletzt urteilte der Internationale Gerichtshof in Den Haag gegen den chinesischen Anspruch auf das Gebiet. Dessen ungeachtet führt die chinesische Regierung weiterhin militärische Manöver durch. 58 Monson et al. 2011, S. 248–249. 29 Jahrhunderts.59 Es gab mehrere staatliche Regelungen, die die chinesischen Einwanderer vom bürgerlichen Leben ausschlossen: die „Exclusion Acts“, so etwa in Australien 1855, Neuseeland 1881, den USA 1882, Kanada 1885 und Südafrika 1904. Diese Entscheidungen gegen chinesische Einwanderer und deren Nachkommen waren vor allem ökonomisch begründet.60 In Zeiten wirtschaftlicher Not wurden die Chinesen häufig als Sündenböcke für alle sozialen und wirtschaftlichen Krisen verantwortlich gemacht. Konkurrenz für begrenzte Arbeitsmöglichkeiten und die Angst vor einer großen Zahl von Menschen, die den Markt beherrschen könnten, begründen diese ablehnenden Reaktionen. Im kalifornischen Goldrausch 1849 stellten die Chinesen ein Drittel der Bevölkerung in den Minenstädten. Im späten 19. Jahrhundert kam es zu Ausschreitungen gegen Chinesen in Bendigo in Australien sowie in San Francisco und Los Angeles.61 Die Chinesen wurden beschuldigt, das „Brot aus dem Mund des weißen Mannes“ zu entwenden; rassistische Stereotypen dominierten in dieser Zeit die Diskussion. Laut Harris wurden wirtschaftliche Argumente und Rassismus verwendet, um den Zugang der weißen Arbeiter zu qualifizierten Arbeitsplätzen zu schützen. Die Chinesen wurden als Bedrohung für die Überlegenheit der weißen Rasse angesehen.62 Dieser historische Rückblick zeigt, wie intensiv die rassistische Diskriminierung von Chinesen bereits vor Jahrhunderten war. Entsprechend groß ist die Empfindlichkeit der chinesischen Regierung gegenüber fremden Einflüssen und die Betonung der chinesischen Regierung, China sei ein Entwicklungsland und eine ehemalige Kolonie mit identischen Erfahrungen wie die afrikanischen Partnerstaaten und würde deswegen auf einer gleichberechtigten Ebene mit den afrikanischen Staaten stehen. Wie verhält es sich aber mit der innerafrikanischen Diskussion über die Freundschaft zu China? Antony Otieno Ongàyo kritisiert, dass eigenständige afrikanische Perspektiven zum China-Afrika-Diskurs nicht berücksichtigt würden. Die Stimmen der zivilgesellschaftlichen Akteure Afrikas würden nur das Echo ihrer westlichen Geldgeber abbilden.63 Seiner Meinung nach könne das chinesische Engagement in Afrika aus einer afrikanischen Perspektive erklärt werden. Zu dieser Perspektive gehörten die schädlichen Folgen afrikanischer Erfahrungen mit Kolonialmächten, das Unterlassen der Kolonialmäch- 59 Harris 2010, S. 4. 60 Harris 2010, S. 8. 61 Harris 2010, S. 9. 62 Harris 2010, S. 10. 63 Ong’ayo Otieno 2011, S. 253. 30 te, eine Infrastrukturentwicklung aufzubauen, und die mittelmäßigen Leistungen der meisten afrikanischen Führer in der postkolonialen Periode.64 Die Kritik an den schädlichen Einflüssen Chinas auf das postkoloniale Afrika wird von Otieno systematisch zerlegt. Die ökonomische Bedrohung Afrikas durch China zeigt sich auf drei Ebenen: direkte Konkurrenz zu den einheimischen Märkten, indirekte Konkurrenz durch Exportmärkte, die für Afrika von Bedeutung sind, und schließlich eigene ökonomische Probleme Afrikas, die durch die Fülle der vorhandenen natürlichen Ressourcen entstehen.65 In dieser wirtschaftspolitischen Analyse wird die Dominanz einer eurozentrischen Perspektive unterbrochen: Tatsächlich kommt eine positive Einschätzung der afrikanischen Ansichten über die chinesischen Investitionen in Afrika zu kurz. Rotberg hat in seiner Studie über den chinesischen Einfluss, den Handel und die Entwicklungshilfe für Afrika herausgearbeitet, dass China zwar nicht beabsichtige, die afrikanischen Staaten zu kolonisieren, aber immense wirtschaftspolitische Ambitionen habe. Keine Weltmacht, auch keine ehemalige Kolonialmacht hätte einen solch umfassenden Bedarf an natürlichen Ressourcen wie die heutige Volksrepublik China.66 Stefanie Rupp weist dagegen darauf hin, dass die Bahnlinien der alten europäischen Kolonialmächte in Afrika auf den schnellen Ressourcentransport zu den Küstenstädten und damit zur schnellen Verschiffung nach Europa ausgerichtet waren. Chinesische Bahnlinien würden afrikanische Gesellschaften und Märkte miteinander verbinden.67 Rupp widerspricht der Behauptung einer neokolonialen Ausrichtung des chinesischen Engagements. Sie stellt die These auf, dass die chinesisch-afrikanischen Beziehungen durch Fremdkapitaleinsatz die Interessen des chinesischen Staates und der afrikanischen Staaten sowie die der afrikanischen Bevölkerung befördern würden.68 Andrew Niikondo untersuchte 2009 die Wahrnehmungen von chinesischen Geschäften in Namibia. In der Fallstudie befasste er sich mit der Situation im Einzelhandel und im Baugewerbe in der namibischen Hauptstadt Windhoek. In beiden Branchen sind die chinesischen Konkurrenten besonders vertreten, was zu entsprechenden Auswirkungen hinsichtlich des antichinesischen Protests in der namibischen Bevölkerung geführt hat. Der Autor verwendet qualitative Methoden, darunter persönlich durchgeführte Interviews. Die befragten Namibier waren Mitarbeiter lokaler namibischer Bauunternehmen, Inhaber 64 Ong’ayo Otieno 2011, S. 255. 65 Alves 2007, S. 26. 66 Rotberg 2008, S. 1. 67 Rupp 2008, S. 74. 68 Rupp 2008, S. 66. 31 und Angestellte großer und kleiner Einzelhandelsgeschäfte, namibische Angestellte chinesischer Unternehmen sowie ortsansässige Personen. In dieser Studie sprach sich die Mehrheit der Befragten gegen den Einfluss der Chinesen in Namibia aus.69 Schließlich ist eine Gesamtuntersuchung sowohl für Namibia als auch für Sambia vorhanden. Im Mai 2009 veröffentlichten Anthony Yaw Baah und Herbert Jauch ihre Studie „Chinese Investments in Africa: A Labour Perspective“. Die Autoren untersuchten insgesamt zehn afrikanische Länder, darunter auch Namibia und Sambia. Sie legten den Untersuchungsschwerpunkt auf Art der Investitionen, d.h. auf die Sektoren, in denen die Chinesen investierten, und auf die Arbeitsbedingungen und -beziehungen. Vier Fragen standen in dieser Studie im Mittelpunkt: Sind die Handels- und Arbeitsbedingungen von gegenseitigem Vorteil oder eine Form von Neokolonialismus? Sind die chinesisch-afrikanischen Geschäfte vorteilhaft für die wachsende Industrialisierung in Afrika oder entwickelt sich Afrika zu einem Lieferanten von Rohstoffen? Sind die Arbeitsbedingungen bei chinesischen Arbeitgebern besser oder schlechter als anderswo im Land? Wie sind die Erfahrungen der Arbeiter und Handelsgewerkschafter?70 Die konkreten Länderstudien zeigen die Probleme mit China an der afrikanischen Peripherie. Die Studie zeigt abseits vom globalen Blick wesentliche Probleme auf und macht sehr konkret die Erfahrungen der afrikanischen Einwohner in ihrer Interaktion mit den chinesischen Investoren und Konkurrenten sichtbar. Li Anshan hat sich eindeutig über die negative Berichterstattung in den westlichen Medien über die chinesischen Aktivitäten geäußert. Anshan erforscht den Einfluss der chinesischen Afrikastrategie auf die gegenwärtige internationale Ordnung. Er gelangt zu dem Ergebnis, dass in westlichen Medien die chinesische Afrikapolitik im Wesentlichen als neokolonialistisch, ökonomischimperialistisch und menschenrechtsverletzend durch die Unterstützung autoritärer Regime dargestellt würde.71 Eine umfassende Analyse über den hinter der Afrikapolitik stehenden Plan der chinesischen Führung legt Xuewu Gu vor. Er arbeitet in seiner Untersuchung über Perspektiven und Trends des chinesischen Engagements in Afrika heraus, 69 Niikondo 2009. 70 Baah/Jauch 2009, S. 4. 71 Anshan 2008, S. 36–37. 32 dass die chinesische Regierung die afrikanischen Staaten langfristig als Energielieferanten nutzen würde. Afrika würde die Bedeutung für China erreichen, die der Nahe Osten heute bereits erreicht habe.72 Die chinesische Motivation speist sich aus drei miteinander verbundenen Faktoren: dem Rückgang des westlichen Einflusses im subsaharischen Afrika, dem Ende des Ost-West- Konflikts und dem Scheitern des afrikanischen Modernisierungsprojekts.73 Gu spricht anhand der erheblichen Verbreitung chinesischer Konsumgüter in Afrika von einer „Veränderung der afrikanischen Lebensart“.74 Gu nennt drei politische Ziele der chinesischen Regierung: die afrikanische Unterstützung des chinesischen Standpunkts in Menschenrechtsfragen bei der UNO, afrikanische Hilfe bei der Aufrechterhaltung der Isolierung Taiwans und die Gewinne aus dem afrikanischen Ölgeschäft für die chinesische Wirtschaft.75 Diese Ziele sind in den tatsächlich erreichten Erfolgen Chinas seit Beginn der Beziehungen mit Afrika erkennbar. Während Li Anshan zu Recht auf die problematische Rolle der westlichen Medien hinweist, erkennt Xuewu Gu die grundlegenden Absichten der chinesischen Regierung in Afrika sehr deutlich. Es werden kurzfristige Ziele sichtbar, die zum Teil bereits erreicht wurden und einen kleinen Einblick in eine mögliche Zukunft der sinoafrikanischen Beziehungen geben. Die ersten Thesen zu den nicht ausschließlich ökonomisch motivierten chinesischen Absichten in Afrika traten früh auf: Bereits 2005 erforschte Denis Tull, dass Chinas Engagement in Afrika nicht nur wirtschaftliche Motive aufweise, sondern in eine politische Gesamtstrategie eingebettet sei. Dabei würden nicht nur Energiesicherheit und die politische Isolierung Taiwans eine Rolle spielen, sondern auch die Projektion internationaler politischer Machtansprüche und die afrikanische Unterstützung in internationalen Foren.76 Die chinesische Afrikapolitik sei nicht afrikaspezifisch, sondern würde in einer global ausgerichteten Außenpolitik der chinesischen Regierung aufgehen.77 Noch konkreter und verbunden mit der Soft-Power-Theorie geht Joshua Kurlantzick vor, der die folgenden chinesischen Ziele in Afrika benennt: Erschließung neuer Märkte, Isolierung Taiwans, afrikanische Unterstützung in der UNO und die Durchsetzung des internationalen Anspruchs, eine 72 Gu 2006a. 73 Gu 2006a. 74 Gu 2006b. 75 Gu 2005. 76 Tull 2005, S. 6. 77 Tull 2005, S. 9. 33 Großmacht zu sein.78 Er spricht aber auch von der erheblichen Zunahme chinesischer Wirtschafts- und Entwicklungshilfe, um politische und strategische Ziele erreichen zu können. Kurlantzicks Verdienst ist die Systematisierung der chinesischen Soft-Power-Politik. Er entwickelte die Idee der zwei Tools, einem kulturellen und einem wirtschaftlichen, die zusammen von der chinesischen Regierung eingesetzt werden, um die Soft-Power-Politik in Afrika durchzusetzen.79 Diesbezüglich erweitert er die ursprüngliche Soft- Power-Idee, wie Joseph Nye sie kreiert hatte, konkret für die chinesischen Interessen: The Means to Success in World Politics von 2004.80 Kurlantzick hat eine grundlegende Theorie über die chinesische Soft Power geschaffen und diese zu einem großen Teil auf den afrikanischen Kontinent angewendet. Der Terminus „Soft Power“ ist immer wieder von anderen Autoren aufgenommen und auf China übertragen worden. Westliche Geldgeber haben in den vergangenen Jahrzehnten zwar immense Summen nach Afrika transferiert, sehen sich aber gegenwärtig einer evidenten chinesischen Konkurrenz ausgesetzt. Chris Alden bescheinigt den traditionellen westlichen Akteuren in Afrika eine Gefährdung ihrer ehemals unangefochtenen Dominanz, die sich durch aggressiv auftretende chinesische Staatsunternehmen zeige. Die „Good Governance“-Ansätze des Westens, die sich auch in afrikanischen Initiativen wie dem NEPAD-Programm (New Partnership for Africa’s Development) niederschlagen, sind durch die chinesischen Konkurrenten erheblich gefährdet.81 Der größte Konflikt zwischen dem Westen und der Volksrepublik China auf ideologischer Ebene besteht tatsächlich in der Missachtung gegenüber den weltanschaulichen Vorgaben des Westens bei der Vergabe von Entwicklungshilfe. Der „Washington-Consensus“ gerät zusehends ins Hintertreffen durch die Weigerung der chinesischen Regierung, diktatorische Regime von ihrer Finanzhilfe auszunehmen. Die Idee eines „Beijing-Consensus“ dagegen dürfte ein westliches Konstrukt sein. Wissenschaftler sehen ein häufiges Problem der vorhandenen Forschungsarbeiten über die chinesische Expansion in Afrika in der fehlenden Sorgsamkeit: Henning Melber führt aus, dass in den Studien über die chinesische Expansion in den subsaharischen Staaten Afrikas zu häufig Generalisierungen statt sorgfältig erforschte Fakten enthalten sind.82 Für Melber ist das chinesische 78 Kurlantzick 2006, S. 2. 79 Kurlantzick 2007, S. 61. 80 Nye 2004. 81 Alden et al. 2006, S. 94. 82 Melber 2009, S. 71. 34 Engagement nur eine weitere Form des Kapitalismus und nicht mehr und nicht weniger aus eigenem Interesse gesteuert wie vergleichbare westliche Investitionen. Daher sollten die chinesisch-afrikanischen Beziehungen nicht nur in der Hervorhebung ihrer Nachteile zur Dämonisierung Chinas liegen, sondern auch zur Glorifizierung des Westens als hochstehendes moralisches Gegenmodell beitragen.83 Jana Hönke stellt historische Vergleiche zwischen früheren westlichen und heutigen chinesischen Akteuren in Afrika an: Sie beschreibt in ihrer Untersuchung über transnationale Bergbauunternehmen im sambischen Copperbelt Ähnlichkeiten zwischen den heutigen staatseigenen Unternehmen Chinas im afrikanischen Bergbau und den merkantilen Großunternehmen früherer Epochen. Während die heutigen chinesischen Unternehmen mit den Eliten souveräner, aber oft fragiler Staaten verhandeln, taten es die damaligen Großunternehmen mit lokalen Machthabern.84 Drew Thompson weist aus historischer Perspektive darauf hin, dass die chinesische Regierung auf eine lange Tradition in der Gewährung von Entwicklungshilfe gegenüber afrikanischen Staaten zurückblickt. Ebenso verhält es sich beim Schuldenerlass für die ärmsten afrikanischen Staaten, der eine Verschuldungsgrenze der afrikanischen Staaten gegenüber der chinesischen Regierung bewirkte.85 Thompson sieht in der finanziellen Hilfe Chinas für Afrika eine gewisse Kontinuität. Auch Kragelund stellt fest, dass die chinesische Präsenz in Afrika häufig nur aus zwei Blickwinkeln bewertet wird: entweder aus USamerikanischer Perspektive angesichts einer möglichen Unterminierung der Menschenrechte oder aber aus chinesischer Sicht als eine ausschließliche Win- Win-Situation.86 Chris Alden nimmt eine systematisische Einordnung über die Wahrnehmung Chinas in Afrika vor. Er beschreibt drei Hauptlinien in der internationalen Diskussion über das chinesische Engagement in Afrika. China in Afrika könne als ökonomischer Partner, als Konkurrent seiner afrikanischen Partnerstaaten oder schließlich als neue Kolonialmacht wahrgenommen werden.87 So spricht Robert Kagan beispielsweise von einer informellen Liga von Diktatoren in Afrika und Zentralasien, die sich durch China erst entwickeln können und ein Gegengewicht zu den westlichen liberalen Interessen bilden.88 Ein zentraler 83 Melber 2009, S. 75–76. 84 Hönke 2009, S. 293. 85 Thompson 2007, S. 47. 86 Kragelund 2007, S. 177. 87 Alden 2007, S. 5. 88 Alden 2007, S. 105. 35 Kritikpunkt in Bezug auf das chinesische Engagement in Afrika ist die Beschäftigung chinesischer Arbeiter für afrikanische Bauprojekte anstelle der einheimischen Arbeitnehmer.89 Aus der chinesischen Perspektive begründet sich diese Wahl mit der hohen Geschwindigkeit des chinesischen Arbeitens mit minimalen Komplikationen und dem Wegfall sprachlicher und kultureller Schranken, die bei der Beschäftigung afrikanischer Arbeiter bestehen würden.90 Teilweise wird von einem Verhältnis berichtet, bei dem 70 % beschäftigter chinesischer Arbeiter nur 30 % afrikanische Arbeiter gegenüberstehen. Kritisiert wird diese Diskrepanz als nicht hilfreich für den Abbau der hohen afrikanischen Arbeitslosigkeit.91 Die chinesischen Arbeiter leben oftmals separiert in bewachten Camps ohne Kontakt zur afrikanischen Bevölkerung. Für manche afrikanische Führer ist das chinesische Engagement jedoch trotzdem eine Erfolg versprechende Alternative gegenüber den politischen und wirtschaftlichen Bedingungen der westlichen Geldgeber.92 Rocha sieht das umfassende NEPAD-Projekt als gefährdet an: China könnte die Ziele von NEPAD untergraben, wenn afrikanische Staaten trotz der eigenen Ressourcen von China abhängig sein würden.93 Innerhalb der afrikanischen Diskussion über die Vor- und Nachteile der chinesischen Bemühungen auf dem afrikanischen Kontinent gibt es eine erhebliche Skepsis in Bezug auf die langfristigen Vorteile: In der afrikanischen Zivilgesellschaft vertreten einige Beobachter die Ansicht, dass die Abwesenheit von politischer Stabilität ein Grund für die afrikanische Unterentwicklung sei. Parteien mit langer Verweildauer an der Regierung wie die Chinas oder Singapurs würden wirtschaftliche „Wunder“ bewirken.94 Die westlichen Sorgen bezüglich des chinesischen Engagements in Afrika wecken Erinnerungen an eine ähnliche Debatte im Westen der 1960er Jahre, als die Unterstützung der damaligen Regierung Mao Zedongs für die antikolonialen Befreiungsbewegungen in Afrika Angst vor politischer Einflussnahme schürte.95 Die chinesische Perspektive des gegenseitigen Nutzens stößt in Afrika auf Kritik: So wird der tansanische Präsident Nyere zitiert, der die Beziehungen zu Tansania zugunsten Chinas als völlig ungleich verteilt ansah.96 89 Alden 2007, S. 45. 90 Alden 2007, S. 83. 91 Rocha 2007, S. 25. 92 Obiorah et al. 2008, S. 287. 93 Rocha 2007, S. 26. 94 Obiorah 2007, S. 43. 95 Large 2007, S. 159. 96 Large 2007, S. 165. 36 Die Haltung der afrikanischen Zivilgesellschaft den chinesischen Investitionen gegenüber ist nicht eindeutig einzuordnen und findet in der westlichen Presse zu wenig Resonanz. Umso wichtiger ist es, dass auf den Unterschied zwischen der afrikanischen Bevölkerung und den afrikanischen Eliten hingewiesen wird. Während die Ablehnung Chinas sich häufig bei der Bevölkerung findet, sind Staatsoberhäupter wie der tansanische Präsident wohl die Ausnahme; die meisten afrikanischen Führer profitieren erheblich von den chinesischen Investitionen.97 Mills vertritt demgegenüber eine These der Veränderung von politischen hin zu wirtschaftlichen Schwerpunkten in der chinesischen Ausrichtung: Chinas frühere Beziehungen zu Afrika waren von politischen Rücksichtnahmen geprägt. Heutige Beziehungen gehorchen im Gegensatz zu früheren politischen Beweggründen mehr den ökonomischen Erfordernissen. China sieht sich selbst als führende Nation der Entwicklungsländer und fordert in diesem Kontext eine weltweit neue, mehr gleichberechtigte wirtschaftliche und politische Ordnung.98 Botha vertritt die entgegengesetzte These, dass die Chinesen nationalistisch seien und nach einem historischen Zustand streben würden, in dem das Reich der Mitte durch sein wirtschaftliches Wachstum das Zentrum der Welt sei.99 Bis zu einer Desillusionierung afrikanischer Staaten angesichts der chinesischen Handelspraktiken könnte es zwar noch viele Jahre dauern, aber dann würde es für China bereits zu spät sein, den vielleicht verloren gegangenen guten Willen der Afrikaner gegenüber China zurückzugewinnen.100 Ähnlich skeptisch werden die Perspektiven des afrikanischen Absatzmarktes für chinesische Produkte eingeschätzt. Kaplinsky wirft die Frage auf, ob Importe von chinesischen Fabrikerzeugnissen eine Konkurrenz sind oder die afrikanischen Produkte ergänzen. Kaplinsky kommt in seiner Untersuchung über Chancen und Risiken des chinesischen Afrikahandels für afrikanische Staaten zu dem Ergebnis, dass die chinesischen Importe afrikanische Produkte verdrängen würden. Dabei stellt Kaplinsky bei seiner Untersuchung auf die Handelsbeziehungen zwischen China und Afrika ab. Er stützt sich auf zwei Begriffe, die seiner Meinung nach relevant sind: Es müsse zwischen ergänzenden und konkurrierenden sowie direkten und indirekten Einflüssen unterschieden werden. Er wählt verschiedene Sektoren aus und untersucht die Einwirkungen Chinas auf Afrika. Die fehlende Wettbewerbsfähigkeit afrikanischer Produkte 97 Dieterich 2013. 98 Mills et al. 2004, S. 1. 99 Botha 2004, S. 60. 100 Botha 2004, S. 64. 37 gegenüber chinesischen gilt als eines der Haupthindernisse für eine gleichberechtigte Partnerschaft.101 Sautman und Hairong attestieren sowohl China als auch den westlichen Staaten (z. B. den USA, Großbritannien) vergleichbare Fehler in Afrika. Beide Seiten würden Afrika als Quelle für die eigene Rohstoffversorgung ausbeuten. Die Chinesen würden die diplomatischen Kontakte mit afrikanischen Entwicklungsländen als eine Möglichkeit nutzen, das eigene Prestige zu verbessern.102 Die chinesischen Führer sähen ausländische Partner nicht einfach als Freunde, sondern in der Rolle als Unterstützer, Investoren, Kunden oder Ausrüster.103 Diese Ansicht ist bezeichnend für die zielorientierte Art der chinesischen Regierung, Interessen systematisch durchzusetzen: Freunde sind willkommen, solange sie nützlich sind. Sautman und Hairong haben mit ihrer Studie zu den chinesisch-afrikanischen Beziehungen umfassende Erkenntnisse gewonnen. Beide Autoren konstatieren der chinesischen Regierung eine sehr pragmatische Haltung gegenüber ihren afrikanischen Partnern. Dabei fällt auf, dass die Chinesen sehr differenziert unterscheiden, in welcher Rolle sie die Afrikaner wahrnehmen. Wenn die Afrikaner als Unterstützer auftreten, ist von einer politischen Unterstützung in der UNO-Vollversammlung auszugehen. Kunden sind sowohl die afrikanischen Staatsmänner als Vertragspartner, etwa für chinesische Bauprojekte, als auch die afrikanischen Käufer von chinesischen Produkten wie Lebensmittel oder Kleidung. Die Autoren heben hervor, dass die chinesischen Absichten nicht von Mitmenschlichkeit geprägt seien, sondern ausschließlich den eigenen Interessen dienten. Bekundungen wie Liebe von Chinesen zu ihrem Mutterland finden sich in der öffentlichen Diskussion in China häufig. Die chinesischen Aktivitäten in Afrika entwickeln sich zu einer vergleichbaren groben Dichotomie gegenüber der chinesischen Afrikapolitik. Viele Aktivitäten wiederholen nur die Verhaltensweisen europäischer Kolonialmächte, nach denen die Afrikaner selber als schädlich oder nachteilig für die Entwicklung des afrikanischen Kontinents wahrgenommen werden. Sowohl der Westen als auch China scheitern darin, ihre Methoden zu hinterfragen.104 Eine Feindschaft gegenüber chinesischen Einwanderern besteht schon lange, nicht nur in Afrika. Bereits während der ersten europäischen Besiedelung des 101 Kaplinsky 2006, S. 12. 102 Sautman et al. 2006, S. 54. 103 Sautman et al. 2006, S. 55. 104 Sautman et al. 2006, S. 56–57. 38 Kaps in Südafrika wurden chinesische Einwanderer in eine Außenseiterrolle gedrängt: Sie wurden im offiziellen Verzeichnis nach allen anderen Bevölkerungsgruppen einschließlich der Sklaven an letzter Stelle aufgeführt.105 In Nordamerika waren antichinesische Widerstände in den vergangenen Jahrhunderten evident. Dabei gab es ein deutliches Gefälle gegenüber anderen Minderheiten: So wurde der „Naturalization Act“ von 1790 in den USA 1870 dahingehend modifiziert, dass Afroamerikaner amerikanische Staatsbürger werden durften. Dieses Gesetz galt jedoch nicht für chinesische Einwanderer in den USA. In einer Reihe von Entscheidungen entschied das oberste US- Gericht, dass asiatische Migranten nicht wie die weiße Bevölkerung einen legalen Bürgerstatus erhalten durften. Als Folge galten sie als „Fremde, untauglich zur Einbürgerung“.106 Es ist auffällig, dass Chinesen in den klassischen Einwanderungsstaaten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ohne Schutz und eigene Interessenvertretung als wirtschaftliche Konkurrenten gesehen und von der Staatsmacht bis hin zum Obersten Gerichtshof vom normalen Bürgerstatus ausgeschlossen und unterdrückt wurden. Hier wird erneut die historische Unterdrückung von chinesischen Einwanderern in verschiedenen Ländern sichtbar. Wie noch zu zeigen sein wird, verhält es sich nicht anders, wenn die Chinesen als Arbeitgeber wie früher als Arbeitnehmer auftreten: Opfer von Ressentiments sind sie in jedem Fall. Der Forschungsstand zeigt, dass keine eindeutigen Erkenntnisse in der einschlägigen Literatur über die chinesische Afrikapolitik bestehen. Einigkeit besteht zumindest in der Wahrnehmung der chinesischen Ziele, die sich allerdings auch eindeutig anhand der politischen Ausrichtung der chinesischen Regierung identifizieren lassen. Das Streben nach Rohstoffsicherung und eine Unterstützung der afrikanischen Staaten für chinesische Interessen bei den Vereinten Nationen werden nicht verschwiegen. Die tatsächlichen Absichten chinesischer Politiker, falls es sie denn gibt, werden möglicherweise erst in einigen Jahrzehnten zu erkennen sein, sie könnten sich dann als ein Ergebnis langfristiger Planung erweisen. Die Schnelligkeit allerdings, mit der sich die geopolitischen Ambitionen Chinas entwickeln und die daraus resultierende Kritik sowohl des Westens als auch der Afrikaner selbst lässt vermuten, dass es schon viel schneller zu evidenten Umbrüchen und Konflikten auf dem afrikanischen Kontinent kommen könnte. Der Forschungsstand lässt sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in den Forschungsarbeiten erkennen. Der Blick in die Zukunft schwankt zwischen zwei extremen Entwicklungsszenarien: Einerseits dominiert das Bild 105 Harris 2010, S. 14. 106 Fong 2013, S. 26. 39 eines von China kolonisiertes und wirtschaftlich kontrolliertes Afrika, das ein Absatzmarkt für chinesische Produkte, eine Rohstoffquelle für China und ein Einwanderungskontinent für Millionen von chinesischen Kleinunternehmern, Farmern und Arbeitern ist. Andererseits zeigt sich das Bild eines wirtschaftlich prosperierenden und selbstständigen Afrikas, das durch die chinesischen Investitionen die Möglichkeit bekommt, die wirtschaftliche Prosperität nach chinesischem Vorbild nachzuahmen. Der Beijing-Consensus wird als mögliches afrikanisches Zukunftsmodell kritisch hinterfragt und die chinesische Einflussnahme als Problem für Menschenrechte und Demokratisierung eingeschätzt. Eine mögliche afrikanische Reaktion gegen die chinesische Dominanz wird nicht angesprochen. Es gibt viele Einzelbeiträge, angefangen von Presseberichten bis hin zu umfangreichen Feldstudien, die sich mit den Konfliktpotenzialen zwischen der vermeintlichen chinesischen Dominanz und der afrikanischen Unterlegenheit befassen. Es fehlt aber noch eine Gesamtübersicht über die Formen des Protests, die Akteure und Rollenverhältnisse der chinesisch-afrikanischen Konflikte einschließt. 2.2 Namibia und Sambia im Vergleich Die beiden Staaten Namibia und Sambia werden in dieser Arbeit für einen Vergleich herangezogen. Es sind Staaten im Süden Afrikas, die sich in Bezug auf die geschichtliche Entwicklung, das politische System, den Rohstoffreichtum und das daraus sich ergebende Interesse der chinesischen Regierung ähnlich sind. Die chinesischen Einflüsse sind in beiden Staaten mit wachsender Tendenz sehr ausgeprägt. Ganz entscheidend für die Wahl dieser Staaten ist, dass von chinesischer Seite eine offizielle Freundschaft eingefordert wird, die mit Begriffen wie „Gleichberechtigung“ und „Win-win-Beziehungen“ ergänzt wird. Nun hat die Situation sowohl in Namibia als auch in Sambia in großen Teilen der Bevölkerung, aber auch in der Politik zu einer Wahrnehmungsveränderung geführt, die die Chinesen als Feinde, Ausbeuter und Unterdrücker erscheinen lassen.107 Zunächst wird jeweils auf die geschichtliche Entwicklung der beiden Staaten eingegangen. Anschließend werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufgezeigt. 107 Widerstand gegen den wachsenden Einfluss Chinas auf Wirtschaft und Politik gibt es auch in anderen Staaten, sehr extrem mit antichinesischen gewalttätigen Ausschreitungen etwa in Vietnam (Fähnders 2014). 40 2.2.1 Geschichtliche Entwicklung Sambias Cecil Rhodes gründete die British South African Company (BSAC), die 1889 von der britischen Regierung die Rechte an den Gebieten nördlich von Transvaal und östlich von Angola zugesprochen bekam. Die dort ansässigen Stämme überließen den Briten durch Verträge die Schürfrechte für Kupfererz und Gold. Dazu zählte auch das Kupferbergbaugebiet Copperbelt. 1911 wurde das heutige sambische Staatsgebiet unter dem Protektorat Nordrhodesien vereinigt.108 1924 endete die politische Herrschaft der BSAC und Sambia wurde eine britische Kronkolonie. Damals wurden auch die umfangreichen Kupfervorkommen im Copperbelt entdeckt und abgebaut.109 Der Kern des bald beginnenden sambischen Widerstands gegen die britische Fremdherrschaft lag im Copperbelt, wo die gewerkschaftlich organisierten sambischen Arbeiter um ihre Unabhängigkeit kämpften. Es kam zu Streiks und Aufständen. Die erste ernsthafte politische Opposition wurde durch die Northern Rhodesia African Mineworkers’ Union (AMU) als organisierte Gewerkschaft möglich.110 Anfang der 1960er Jahre startete Kenneth Kaunda eine Unabhängigkeitsbewegung und gründete die United National Independence Party (UNIP), die bereits 1963 erfolgreich war.111 Am 24.10.1964 wurde Sambia schließlich unabhängig. Mit der Gründung der Volksrepublik Sambia begann auch die 27-jährige Regentschaft von Präsident Kenneth Kaunda.112 In der Zeit von 1964 bis 1971 bestand in Sambia noch eine Mehrparteiendemokratie mit einem Übergewicht der United National Independent Party (UNIP). Dieser Zustand änderte sich 1968 mit dem Verbot von Oppositionsparteien. Faktisch war die anschließend folgende zweite Republik Sambia ein Einparteienstaat.113 Politische Patronage und Korruption waren unter Kaunda an der Tagesordnung. Kaunda belohnte loyale Parteifreunde mit Ämtern und politischem Einfluss.114 Am 20. und 21.7.1970 gründete sich eine Oppositionsbewegung, die National Interim Comites for Multi-Party Democracy (NIC). Kaunda erklärte sich daraufhin zu einem Referendum über die Zukunft des Landes bereit,115 zu dem es jedoch nicht mehr kam. Kaunda erklärte Sambia schließlich 1973 zum 108 Gahrmann 2001, S. 5–6. 109 Gahrmann 2001, S. 7. 110 Gahrmann 2001, S. 9. 111 Gahrmann 2001, S. 10. 112 Gahrmann 2001, S. 11. 113 Erdmann et al. 2003, S. 4. 114 Erdmann et al. 2003, S. 5. 115 Cao Tanh 2013, S. 105. 41 Einparteienstaat. Anfang 1991 wurde eine Verfassungsänderung mit dem Ziel durchgesetzt, politische Parteien wieder zuzulassen. Die Oppositionsbewegung NIC benannte sich in Movement of Multy-Party Democracy (MMD) um.116 Bei der folgenden freien Wahl 1991 wurde Kaundas Herrschaft beendet. Der Gewerkschaftsführer Frederick Chiluba wurde als Kandidat der MMD neuer Staatspräsident. Bei den Wahlen 1996 konnte er seinen Vorsprung halten und seine Präsidentschaft fortsetzen.117 Als Chiluba eine von der Verfassung eigentlich nicht vorgesehene dritte Amtszeit plante, kam es zu umfangreichen Protesten in der sambischen Zivilgesellschaft. Eine erneute Kandidatur Kaundas wurde ebenfalls verhindert. Die MMD litt unter dieser Machtprobe, weil mehrere kleine Parteien sich von der MMD abspalteten. Michael Sata war zu diesem Zeitpunkt bereits Nationalsekretär des MMD und dadurch verantwortlich für die Organisation der dritten Amtszeit Chilubas. Seine Pläne, nach dem Rückzug Chilubas selbst für die MMD zu kandidieren, ließen sich jedoch nicht durchsetzen. Der Vizepräsident unter Chiluba, Mevy Mwanawasa, wurde Kandidat der MMD. Sata wandte sich daraufhin von der MMD ab und gründete die Patriotische Front (PF).118 2001 gewann der Kandidat der MMD, Mwanawasa, gegen seinen Konkurrenten Anderson Mazoka der United Party for National Development (UPND) mit einem Vorsprung von 28,7 gegenüber 26,7 %. Levy Mwanawasa wurde sambischer Staatspräsident. Michael Sata profilierte sich in den kommenden Jahren als großer Kritiker der MMD-Regierung. Er wies insbesondere auf die sozialen und wirtschaftlichen Probleme in Lusaka und im Copperbelt hin.119 Die wirtschaftlichen Probleme Lusakas mit den Chinesen bestehen darin, dass die chinesischen Kleinunternehmer mit billigen Produkten aus China den sambischen Händlern überlegen sind. Im Copperbelt wiederum geht es um geringe Gehälter, unzureichende Sicherheitsstandards und Misshandlungen von sambischen Angestellten durch chinesische Bergbauunternehmen. Die Einwohnerzahl Sambias betrug 2013 14.538.640 Menschen. 46 % der Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt. Nur 2 % sind über 65 Jahre. 98 % der Bevölkerung setzt sich aus Schwarzafrikanern zusammen, 1,2 % sind Europäer und Inder und 0,7 % gehören zu dem Buschvolk Twa. Die afrikanische Bevölkerung gliedert sich in 73 ethnische bantusprachige Gruppen, von denen die Bemba mit 20 % die größte Gruppe stellen. Weitere Gruppen bilden die Bantu Botatwe mit 15 %, die Chewa, Ngoni und Nsenga mit ebenfalls 15 % 116 Cao Tanh 2013, S. 106. 117 Botterweck et al. 2005, S. 9. 118 Meyns 2011. 119 Meyns 2011. 42 und die Lozi mit 8 %, die Kaonde mit 3 % und Mambwe mit 3 %. 85 % der Sambier sind Christen. Es gibt auch hinduistische und sunnitisch-islamische Minderheiten. In einigen Städten sind kleine jüdische Gemeinden zu finden. Neben den verschiedenen Bantu-Dialekten ist die wichtigste von acht Amtssprachen Englisch.120 2.2.2 Geschichtliche Entwicklung Namibias 1842 gründeten rheinische Missionare auf der Westseite des Kaps der Guten Hoffnung Stationen. Der deutsche Kaufmann Adolf Lüderitz kaufte dem afrikanischen Volk der Nama einen Großteil des Landes ab. Der Kaufpreis betrug damals 100 Pfund Gold und 250 Gewehre. Auf der Kongo-Konferenz 1884/85 in Berlin wurden die Grenzen in Afrika neu festgelegt. Das Gebiet wurde vom 7.8.1884 an unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika als Kolonie dem Deutschen Reich unterstellt. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor das Deutsche Reich die Kolonie, die 1920 von Südafrika als südafrikanisches Mandatsgebiet verwaltet wurde. Zwar widerrief die UNO 1966 diese Entscheidung, aber Südafrika weigerte sich, das Mandat zurückzugeben. Die südafrikanische Regierung verwaltete gegen internationales Recht Namibia weiter als fünfte südafrikanische Provinz. Die dort ansässigen Bevölkerungsgruppen leisteten ab den 1950er Jahren Widerstand gegen die südafrikanische Herrschaft. 1960 gründete sich die South West Africa People’s Organisation (SWAPO) als Unabhängigkeitsbewegung unter dem späteren Parteichef Sam Nujoma. Ab 1966 kämpfte die SWAPO auch militärisch um die Loslösung von Südafrika. 1989 wurde die SWAPO auf einer verfassungsgebenden Versammlung mit 57 % der Stimmen als Regierung gewählt. 1990 wurde Namibia von Südafrika unabhängig. Im gleichen Jahr wurde Sam Nujoma erster frei gewählter Präsident Namibias.121 Die SWAPO gewann daraufhin jede weitere Wahl und regiert bis heute.122 Die Bevölkerung Namibias setzt sich aus mehreren ethnischen Gruppen zusammen. Die rund 2 Mio. Einwohner teilen sich folgendermaßen auf: Die ursprünglichen Einwohner wurden von den San gestellt, die als Jäger und Sammler in der Region lebten. Heute ist nur noch für rund 40.000 San, etwa 10 % der Gesamtzahl, eine solche Lebensweise möglich. Zu einem ebenfalls sehr alten Volk zählen die Damara, die viehzüchtenden Nomaden der Nama sowie etwa 100.000 Hereros. Die größte Gruppe mit rund 50 % der Bevölkerung stellen die Owambo. Weitere Minderheiten bilden die Volksgruppen der 120 o.V. 2018 a. 121 Bundeszentrale für Politische Bildung 2015. 122 Vensky 2010. 43 Himba, der Kavango, der Caprivianer, der Topnaars, Tswana und der Rehobother Baster. Die Weißen stellen nur rund 6 % der namibischen Bevölkerung.123 Im Jahr 2017 betrug die Bevölkerungszahl Namibias 2,3 Mio. Menschen. Die Religion teilt sich auf 87 % Christen und 13 % traditionell afrikanische Religionen. Von der christlichen Bevölkerung sind 20 % protestantisch und 80 % katholisch.124 Die Lebenserwartung betrug 2016 bei Männern 62,1 und bei Frauen 65,1 Jahre.125 Die „Transition“ vom Kolonialsystem zu einer stabilen Demokratie war in Namibia erfolgreich. Vereinzelt wird die Ansicht vertreten, dass gerade die konstante Regierung der SWAPO dazu beiträgt, dass Namibia politisch stabil ist. Seit 2005 gliedert sich das Präsidialsystem auf zwischen dem aktuellen Amtsinhaber Hifikepunye Pohamba und dem immer noch aktiven ersten Präsidenten Sam Nujoma. Eine nennenswerte parlamentarische Opposition existiert nicht. Die wirtschaftlichen Ressourcen sind im Land sehr ungleich verteilt. Die Weißen verfügen nach wie vor über einen hohen Vermögensanteil. Da die natürlichen Ressourcen unter staatlicher Kontrolle stehen, gelang es, wichtige Positionen der Verwaltung mit Schwarzen zu besetzen. Der Human Development Index (HDI) führt Namibia 2012 an 128. Stelle mit der Kennzahl 0.608 unter den Staaten mit mittlerem Entwicklungsgrad. Es gibt regionale und auch ethnische Ungleichheiten beim Einkommen. So besteht eine Lücke im Einkommen zwischen der Hauptstadt Windhoek, der westlichen Erongo-Region, der nördlichen Kavango- und der Ohangwena-Region. Der HDI von Windhoek befindet sich auf dem Niveau der Türkei, der HDI im Norden dagegen bewegt sich auf dem des Sudans. Seit 2013 bildet sich langsam eine von der SWAPO unabhängige Gewerkschaftsbewegung heraus. Vereinzelt kam es bereits zu Streiks. Ein Problem ist die ungleiche Verteilung des Farmlandes. Als Folge der Enteignung durch deutsche Truppen vor rund 100 Jahren ist die Entschädigung der neuen Eigentümer problematisch. Eine wirkungsvolle parlamentarische Opposition fehlt in Namibia. Die Rally for Democracy and Progress (RDP) wurde 2007 gegründet. Es gelang ihr jedoch nicht bei den Wahlen Ende 2009, trotz des guten Ergebnisses stärkste Oppositionspartei zu werden und wirkliche Änderungen herbeizuführen. Es gibt nur unwesentliche programmatische Unterschiede zwischen den namibischen Parteien. Eine tatsächliche Opposition bilden die aktive Zivilgesellschaft und eine unabhängige Presselandschaft.126 123 o.V. 2018d. 124 o.V. 2017a. 125 o.V. 2017b. 126 Kößler 2014. 44 2.2.3 Geschichtlicher Vergleich von Namibia und Sambia In der geschichtlichen Entwicklung Namibias und Sambias sind Ähnlichkeiten unverkennbar. Einmal unterlagen beide Staaten über viele Jahrzehnte hinweg etwa zur selben Zeit einem auf Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ausgerichteten Kolonialregime. Die sambische Geschichte war über 75 Jahre vom britischen Empire geprägt. Erst nachdem die Unabhängigkeitsbewegung durch die Minenarbeitergewerkschaft an Bedeutung gewann, konnte überhaupt von einer möglichen Unabhängigkeit ausgegangen werden. Die Bergarbeiter waren aus diesem Grund bereits während der Kolonialzeit bedeutende Akteure bei sozialpolitischen Konflikten. Auch heute geht ein nennenswerter Widerstand vor allem von den sambischen Bergarbeitern aus. In Namibia waren es die Kolonialmächte Deutsches Reich und Südafrika, die Namibia nachhaltig prägten und die noch heute einen Einfluss auf Namibia ausüben. Hinsichtlich Südafrikas zeigt sich dieser Einfluss in der wirtschaftlichen Verflechtung mit Namibia. Der deutsche Einfluss führte jüngst zu den Diskussionen, die Straßen und Plätze mit Namen deutscher Persönlichkeiten durch namibische Namen zu ersetzen. Die kolonialen Verbrechen der deutschen Truppen an der namibischen Bevölkerungsgruppe der Hereros spielte ebenfalls eine große Rolle.127 Des Weiteren sind Ähnlichkeiten beider Länder in der heterogenen Zusammensetzung der Völker auf dem jeweiligen Staatsgebiet zu erkennen. Beide Staaten weisen bei einer relativ geringen Bevölkerungsanzahl eine dazu im Vergleich sehr hohe Zahl von einzelnen Volksgruppen auf. Der Anteil von Weißen steht nicht im Verhältnis zu ihrer jahrelangen Dominanz in relevanten Funktionen und Ämtern in beiden Staaten. Während in Sambia die Bergarbeitergewerkschaft die Unabhängigkeitsbewegung unterstützt, war es in Namibia eine von Anfang an politisch motivierte Unabhängigkeitsbewegung, die sich konkret auf die afrikanische Identität in Abgrenzung zur Regionalmacht Südafrika berief. Trotzdem waren die beiden organisierten Bewegungen UNIP und SWAPO gleichbedeutend in ihrer politischen antikolonialen Kraft und in ihrer Rolle als politischer Stabilitätsfaktor direkt nach der Befreiung in die Unabhängigkeit für das jeweilige Land. Ganz besonders hervorzuheben sind allerdings die Symbolfiguren der Unabhängigkeit: in Sambia Präsident Kenneth Kaunda und in Namibia Sam Nujoma. Beide Politiker waren nicht 127 Zwischen Januar und August 1904 kam es zu einem Aufstand der Herero- Volksgruppe gegen die deutsche Kolonialmacht. Darauf griffen deutsche Truppen die Aufständischen an und trieben sie in die Omaheke-Wüste, wo Tausende Hereros starben. Die genaue Zahl der Opfer ist unbekannt, allerdings sank die Bevölkerungszahl der Hereros zwischen 1903 und 1911 von etwa 80.000 auf rund 16.000 Menschen (Unterberg 2014). 45 nur treibende Kräfte und Gründer ihrer jeweiligen Unabhängigkeitsbewegung, sondern auch Identifikationsfiguren und Garanten politischer Stabilität in der jeweiligen Phase der Transition, im Übergang von einer Kolonie zu einer Demokratie. Auch die jeweilige lange Regierungsdauer gab den jungen Staaten eine Chance, die Transition erfolgreich zu bewältigen und eine echte Grundlage für eine funktionierende Demokratie zu schaffen. 2.2.4 Die sambische Wirtschaft Das Hauptanliegen des chinesischen Engagements sind in beiden Staaten wirtschaftliche Interessen. Daher ist es notwendig, einen Einblick in die ökonomische Geschichte beider Staaten zu erhalten. Sambias Wirtschaft gründete schon immer auf Kupfer und Kobalt. Um die Abhängigkeit vom Bergbausektor zu reduzieren, war das Land um die Stärkung anderer Wirtschaftszweige bemüht.128 Ein finanziell besonders ertragreiches sambisches Produkt ist Baumwolle. Mithilfe von Baumwolle wurde versucht, Arbeitsplätze zu schaffen und die Armut in ländlichen Regionen zu verringern. Dabei sollten die nationalen Wirtschaftspläne zwischen 1964 und 1971 der staatseigenen verarbeitenden Industrie helfen. Die Gewinne aus dem Bergbau wurden verwendet, um staatseigene Verarbeitungsindustrien zu subventionieren. Präsident Kaunda schuf Arbeitsplätze in den staatseigenen Bergwerken, sodass die sambischen Arbeiter in den Genuss von umfangreichen wohlfahrtsstaatlichen Leistungen kamen, einschließlich Hilfen bei der Kindererziehung und Gesundheitsfürsorge. Als die weltweiten Kupferpreise in den 1970er Jahren einbrachen, nahmen die Schulden Sambias erheblich zu. So akzeptierte Sambia eine bedingte Anleihe des internationalen Währungsfonds. Die Vergabe zusätzlicher Kredite zur Sanierung des Staatshaushalts war an haushaltspolitische Auflagen gebunden, die nicht ohne Auswirkungen auf die nationalen Entwicklungspläne blieben. Die Weltbank etablierte daraufhin Anpassungsprogramme, die einen drastischen Abbau der wohlfahrtsstaatlichen Leistungen vorsahen.129. Die Wirtschaft Sambias hängt in erheblichem Maße von Einnahmen aus dem Kupferbergbau ab. Während es nach der Unabhängigkeit 1964 gelang, die sambische Infrastruktur durch die Erzeugnisse des Bergbaus auszubauen, fielen die Weltmarktpreise des roten Metalls in den 1970er Jahren. Dieser Zusammenbruch führte in der Bevölkerung zu einer wachsenden Verarmung, die bis zur Jahrtausendwende nicht entscheidend zurückgedrängt werden konnte. 2010 lebten immer noch 60,5 % der Bewohner Sambias in Armut. 78 % der Menschen arbeiten in der Landwirtschaft. Obwohl die Kupferpreise 128 Elliassen 2012, S. 11. 129 Elliassen 2012, S. 12. 46 sich langfristig wieder erholten und das sambische Wirtschaftswachstum anzog, erreichte der Aufschwung nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Ein weiteres sehr großes Problem ist die hohe HIV-Infektionsrate. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt mit 38 Jahren bei Männern und mit 37 Jahren bei Frauen rund zwanzig Jahre unter dem afrikanischen Durchschnitt von 58 Jahren.130 Der Human Development Index (HDI) führt Sambia auf Platz 135 mit der Kennzahl 0,579.131 Die sambische Wirtschaft ist aufgrund der Kupfervorkommen für die chinesische Wirtschaft von besonderem Interesse. Wie verhält es sich demgegenüber mit der wirtschaftlichen Entwicklung in Namibia? Im Folgenden wird die namibische Wirtschaft analysiert. 2.2.5 Die namibische Wirtschaft Seit 1994 verfügt die namibische SWAPO-Regierung über eine Dreiviertelmehrheit im namibischen Parlament. Deshalb könnte sie jederzeit Verfassungsänderungen vornehmen.132 Die ökonomische Abhängigkeit von Südafrika besteht auch nach der Unabhängigkeit fort.133 Die Wirtschaft Namibias war zu kolonialen Zeiten völlig in das südafrikanische Wirtschaftssystem integriert. Nach der Unabhängigkeit legte Windhoek ein Augenmerk auf die Ausbeutung der Bodenschätze, also Kupfer, Blei, Uran, Zink und Diamanten.134 Wenn der namibische Handelsminister Schlettwein von dem Plan „Vision 2030“ spricht, so ist nicht unbedingt eine mit Sambia vergleichbare wirtschaftspolitisch angelehnte Zusammenarbeit mit China beabsichtigt. Stattdessen soll sich eine möglichst unabhängige Wirtschaft entwickeln. Hier zeigt sich bereits ein zentrales Problem: Eine Zollunion mit Südafrika und eine Koppelung des namibischen Dollars an den südafrikanischen Rand zeigt die anhaltende Dominanz der einstigen Kolonie Südafrika in ökonomischen Fragen. Die gesamte Infrastruktur ist südafrikanisch geprägt: Drei von vier namibischen Banken sind in südafrikanischer Hand, Strom und Benzin stammt aus Südafrika, 76 % aller Importe nach Namibia werden aus Südafrika geliefert.135 130 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 2016. 131 o.V. 2018 c. 132 Christiansen 2012, S. 2. 133 Müller 2002, S. 20. 134 Müller 2002, S. 21. 135 Scheen 2014. 47 Die hohe Abhängigkeit bedeutet aber nicht, dass die namibische Wirtschaft ohne die Hilfe aus dem Nachbarland nicht existieren würde: Schlettwein stellt sich eine Kooperation mit dem Nachbarland vor, die vielleicht so aussehen könnte, dass das Logo „Made in South Africa“ bei Industrieprodukten wie etwa in der Autoproduktion in „Made in Southern Africa“ geändert wird, sodass Namibia ebenfalls als Industriestandort wahrgenommen werden könnte.136 Das wirtschaftliche Wachstum liegt jährlich bei etwa 5 %. Durch den neuen Hafen von Walvis Bay, der die südafrikanische Schifffahrt entlasten soll, ist Namibia ein begehrter Standort für weltweite Dienstleistungen geworden. Das derzeit größte chinesische Investitionsprojekt in Afrika ist die Uranmine Husab bei Swakopmund, in die rund 2 Mrd. US-Dollar aus China investiert wurden.137 Dieses Projekt zeigt nicht nur die Bedeutung Namibias für die chinesische Wirtschaft, sondern ist vergleichbar mit dem Stellenwert der sambischen Bergbauindustrie für China. Namibia liegt nach Kasachstan, Kanada und Australien weltweit an vierter Stelle bei der Produktion von Uran. Diese neue chinesische Investition könnte für Namibia ein Projekt werden, das die TAZARA-Eisenbahn für die chinesisch-sambische Freundschaft bedeutet: ein symbolisch aufgeladenes, über die Jahrzehnte ausstrahlendes chinesisch-sambisches Gemeinschaftsprojekt. Regional gesehen verfügt Namibia über drei wirtschaftliche Zentren: 1. die Region um die Hauptstadt Windhoek, 2. die Uran-Region bei Walvis Bay, Swakopmund und Arandis sowie 3. die Otavi-Dreieck genannte Industriezone bei Tsumeb und Grootfontein. 1990 war die Ausgangslage Namibias als ehemalige Kolonie hinsichtlich der Ökonomie recht günstig. Die namibische Küstenlinie umfasst 1.600 km und sichert der Regierung schon seither den Zugriff auf die im Meer vorkommenden Fischereigründe und Bodenschätze. Südafrika schenkte nur vier Jahre nach der Unabhängigkeit der namibischen Regierung die Enklave Walvis Bay, wodurch sowohl in Bezug auf Uranvorkommen als für die wirtschaftliche Gesamtentwicklung mit dem Tiefseehafen eine sehr günstige Ausgangsposition für Namibia geschaffen wurde. Der Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen Namibias und macht 56 % des BIP aus. Dazu zählt auch der Dienstleistungssektor. Der Bergbau stellt 34,8 % des BIP, die Landwirtschaft beläuft sich nur auf 9,2 %. Die natürlichen Ressourcen Namibias sind vielfältig: An erster Stelle stehen Uran und Diamanten, wobei die Diamantenreserven Namibias einen geschätzten Wert von 72 Mrd. € umfassen. Des Weiteren gibt es Gold-, Erdöl- und Erdgasvor- 136 Scheen 2014. 137 Stumpf 2015. 48 kommen.138 Namibia verfügt also ebenfalls über Rohstoffvorkommen wie Sambia. Die Frage ist, inwieweit sich die beiden Staaten in ökonomischer Hinsicht ähnlich sind. Deshalb werden die beiden Staaten im folgenden Abschnitt miteinander verglichen. 2.2.6 Vergleich der sambischen und namibischen Wirtschaftspolitik Es fällt bei beiden Staaten zunächst auf, dass sie über erhebliche Bodenschätze verfügen. Diese Ressourcen bilden eine Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg und auch für das jahrzehntelange Interesse des chinesischen Staates an beiden Ländern. Sambia konnte seine ersten sozialpolitischen Erfolge nur aufgrund des Abbaus und Exports von Kupfererz erzielen. Entsprechend schnell rutschte die sambische Wirtschaft ab, als der Weltmarktpreis für Kupfer zusammenbrach. Tatsächlich ist Sambia auch heute noch eines der ärmsten Länder der Welt, auch wenn der Kupferpreis sich wieder stabilisiert hat und ausländische und vor allem chinesische Investitionen eine nachhaltige Produktion in Sambia ermöglichen. In Namibia ist die Situation anders: Hier ist das Rohstoffpotenzial auf mehrere Rohstoffe verteilt und es besteht keine extreme existenzielle Abhängigkeit von einem einzelnen Produkt. Zudem besteht der Unterschied bei Namibia immer noch in der anhaltenden wirtschaftlichen Verflechtung mit der ehemaligen Kolonialmacht Südafrika. Trotzdem ist der Berbau neben dem Tourismus, der sowohl für Sambia als auch für Namibia eine Haupteinnahmequelle darstellt, einer der Hauptsektoren für die wirtschaftliche Entwicklung beider Staaten. Die Verschuldung Sambias konnte durch einen Schuldenerlass 2005/06 von 7 Mrd. US-$ auf 600 Mio. US-$ reduziert werden.139 Der Kupferexport führte durch den Anstieg des Weltmarktpreises 2011 auf über 10.000 US-$ pro Tonne zu einem wirtschaftlichen Aufschwung Sambias.140 Die Investitionen aus China bewirkten ein jährliches Wachstum von rund 5 %. Dadurch, dass das Pro- Kopf-Einkommen 2011 eine Höhe von 1006 US-$ erreichte, erhielt Sambia den Status eines Landes mit mittlerem Einkommen (MIC). Allerdings verteilt sich das Wachstum nicht gleichmäßig. Etwa zwei Drittel der sambischen Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Die chinesischen Investitionen in Sambia waren immer Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Während die sambische Regierung gute Beziehungen zu China pflegte, wuchs die Kritik unter Oppositionspolitikern in Bezug auf die chinesischen Aktivitäten. Die öffentliche Wahrnehmung über 138 o. V. 2018 b. 139 o. V. 2007. 140 o. V. 2016 c. 49 die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Sambia und China nahm eine Wendung, als das Thema in den sambischen Wahlkämpfen der Opposition dazu diente, die Regierungspolitik zu kritisieren. Einer der größten Kommunikatoren des antichinesischen Widerstands war der am 28. Oktober 2014 verstorbene Staatspräsident Michael Chilufya Sata. Er führte als erster Politiker in Sambia einen Wahlkampf mit antichinesischen Parolen und handelte sich dabei den Ruf eines Populisten ein. Inwieweit er mit seiner Rhetorik wirklich am Ende den Wahlkampf gewann, kann nicht beantwortet werden. Unbestritten sind jedoch die Zugewinne bei drei aufeinanderfolgenden Wahlen, bis er schließlich 2011 im dritten Anlauf sambischer Staatspräsident wurde. Sata hatte vor seiner politischen Karriere mehrere Berufe, er war u. a. Gewerkschaftsfunktionär und Polizist.141 1985 wurde er Gouverneur in der sambischen Hauptstadt Lusaka. Unter dem sambischen Präsidenten Frederick Chiluba war er in den 1990er Jahren Minister für Arbeit und später für Gesundheit. Die MMD, die Partei Chilubas, verließ er um 2000, um eine eigene Partei, die Patriotische Front, zu gründen. Er wurde erst in den 2000er Jahren Präsidentschaftskandidat seiner Partei. 142 2006 schließlich schlug Satas Stunde als erfolgreicher Populist und Wahlkämpfer. Seine Partei PF wurde die zweitstärkste politische Kraft. Mwanawasa blieb aber mit der MMD an der Regierung. Ein entscheidender Einschnitt in die politische Landschaft Sambias war der unerwartete Tod Mwanawasas 2008. Sein Vizepräsident Rupiah Banda wurde Präsidentschaftskandidat der regierenden MMD. Michael Sata war sein stärkster Konkurrent und unterlag nur äußerst knapp: Banda konnte 40,09 % der Stimmen auf sich vereinigen, Sata unterlag mit 38,13 %. Seine stärksten Gewinne hatte Sata in den Städten und in den nördlichen Provinzen des Copperbelts. 143 Sata kritisierte als Oppositionsführer wiederholt die Ungerechtigkeit und Armut im Land als Verschulden der MMD und des Präsidenten. Seine Anhänger setzten sich bei der Wahl 2006 aus den ungebildeten, arbeitslosen jungen Menschen in den Städten und aus den bei chinesischen Unternehmen angestellten sambischen Arbeitern im Copperbelt zusammen, die überwiegend der Ethnie der Bemba angehören.144 In dieser Wählerorientierung zeigt sich eine Verbindung zwischen den Wahlkampferfolgen und der antichinesischen Rhetorik: Sata legte den Finger in die Wunde, die die chinesische Wirtschaftspolitik in beiden Zentren aufwirft. Die enttäuschten Arbeiter, die unter 141 o. V. 2012c. 142 Chan 2014. 143 Meyns 2011. 144 Larmer et al. 2007, S. 623. 50 chinesischen Arbeitsbedingungen zu leiden hatten, sahen in Sata ihren Retter, auch die Menschen in den Städten waren häufig einem existenziellen Konkurrenzkampf zu den wesentlich billigeren chinesischen Kleinhändlern ausgesetzt. So erklärt sich das veränderte Wahlverhalten dieser beiden Bevölkerungsgruppen. Vor der Präsidentschaftswahl 2011 sprachen sich die beiden Oppositionsparteien PF und UPND für einen Pakt vor der Wahl aus. Die PF hatte ihre besten Ergebnisse in den Städten und den nördlichen Provinzen, die UPND hingegen schnitt im Süden am stärksten ab. Die Volksgruppe der Bembas ist traditionell im Norden ansässig, die Tonga sind dagegen im Süden angesiedelt und wählen bevorzugt die UPND. Tatsächlich scheiterte die Idee, einen gemeinsamen Spitzenkandidaten aufzustellen. Sata war nun zum dritten Mal Kandidat der PF, die UPND wählte einen eigenen Kandidaten. Bei dieser Wahl zahlte sich die Geduld und der Einsatz Satas aus: Er gewann die Wahl und wurde sambischer Staatspräsident. Sata vereinigte auf sich 41,98 % der Stimmen, Banda kam nur auf 35,42 %.145 In Lusaka und im Copperbelt hatte Michael Sata bei den Präsidentschaftswahlen 2006 und 2008 die höchsten Stimmenzuwächse.146 Bei der Präsidentschaftswahl 2008 lag Michael Sata mit 38,13 % der Stimmen auf dem zweiten Platz hinter dem amtierenden Präsidenten Banda, der 40,09 % der Stimmen erhielt. Die Hauptstadt Lusaka, das Copperbelt und weitere Städte wie Kabwe hatte Sata gewonnen.147 Nach Carmody waren die fortgesetzten chinesischen Investitionen in die sambische Wirtschaft trotz der um zwei Drittel fallenden Preise für Kupfer ein Grund, warum Satas Wahlkampf 2008 nicht von denselben antichinesischen Ressentiments wie 2006 dominiert wurde.148 Sautman berichtet über gezielte antichinesische Aktivitäten der PF. Er nennt als Beispiel den Prozess 2011 gegen vier chinesische Staatsangehörige, die ein minderjähriges sambisches Mädchen zur Prostitution gezwungen haben sollten und nicht verurteilt wurden. Dieser Fall verletzte seiner Ansicht nach die Gleichbehandlung vor dem Gesetz.149 Sautman geht aber noch einen Schritt weiter und zieht einen Vergleich zwischen dem von ihm als rassistisch bezeichneten Hass auf alles Chinesische in den USA des 19. Jahrhunderts150 und 145 Meyns 2011. 146 Carmody 2013, S. 39. 147 Cao Tanh 2013, S. 321. 148 Carmody 2013, S. 43. 149 Sautman 2013, S. 87. 150 Sautman zitiert dazu Mark Twain: „A Chinaman had no rights that any man was bound to respect; that he had no sorrows that any man was bound to pity; that neither 51 der seinerzeit von der Patriotischen Front inszenierten Feindseligkeit gegen Chinesen in Sambia.151 Er zitiert einen chinesischen Beobachter mit den Worten, dass jedes unerwünschte Verhalten eines Chinesen in Sambia den Chinesen oder China als Ganzes zugerechnet würde.152 Nach der Regierungs- übernahme 2011 hätte die PF eine rassistisch begründete rechtliche Ungleichbehandlung der Chinesen im Land angesteuert.153 Der Generalsekretär der PF Guy Scott warf der chinesischen Regierung vor, die Präsidentenwahl von 2006 mitentscheiden zu wollen.154 Auf ein breites Interesse stieß die Frage, wie sich der neue Präsident gegenüber chinesischen Investoren verhalten würde. Vor der Wahl machte Sata seinen Wählern dahingehend Versprechungen, dass er die Gewinne des Kupferbergbaus, also vor allem chinesische Profite, umverteilen würde.155 Sata verfolgte als Präsident eine pragmatische Politik: So empfing er den chinesischen Botschafter Zhou Yuxiao gleich am Tag nach seiner Amtseinführung. Die Begegnung verlief im gegenseitigen Einvernehmen: Sowohl der Präsident als auch der Botschafter vereinbarten die Fortsetzung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen beiden Staaten. Entgegen den Erwartungen sprach Sata keine Drohungen und Feindseligkeiten gegen die chinesische Regierung aus und knüpfte das chinesische Engagement nicht an irgendwelche Bedingungen. Tatsächlich profitierten von Satas Wahlsieg einige Wähler, die sich den chinesischen Arbeitgegebern gegenüber loyal zeigten. Joseph Canda, sambischer Mitarbeiter in einem chinesischen Geschäft in Lusaka, berichtete über eine Verdreifachung seines Gehalts nach Satas Wahlsieg vom zuvor geltenden Mindestlohnniveau auf ungerechnet 204 US-$ im Monat. Satas antichinesische Wahlkampfrhetorik wurde in Afrika sehr aufmerksam wahrgenommen.156 Nach einer von Machtmissbrauchsvorwürfen begleiteten vierjährigen Amtszeit starb Sata am 29.10.2014 in London.157 Sein Nachfolger sorgte für eine Sensation auf dem afrikanischen Kontinent. Guy Scott ist weiß und damit der erste nicht schwarze Präsident in Afrika seit dem Ende der Apartheid in Südafrika 1994. Scott wurde in Nord-Rhodesien geboren und his life nor his liberty was worth the purchase of a pennywhen a white man needed a scapegoat.” (Sautman 2013, S. 87). 151 Sautman 2013, S. 87–88. 152 Sautman 2013, S. 91. 153 Sautman 2013, S. 102. 154 Cao Thanh 2013, S. 301. 155 Schwikowski 2011. 156 Mulowa 2011. 157 o.V. 2014a. 52 war seit 2011 Vizepräsident unter Sata, seit 2001 war er Mitglied der PF.158 Da im Februar 2015 bekannt wurde, dass China beabsichtigt, über 3 Mrd. US-$ in Sambia zu investieren, ist von einer weiteren intensiven Zusammenarbeit zwischen der sambischen Regierung unter der Führung von Guy Scott und den Chinesen auszugehen.159 Wie ist die Situation in Namibia? Gab es auch dort Politiker, die mit einer antichinesischen Rhetorik bei Wahlen erfolgreich waren? In Namibia gab es zunächst keinen Populisten wie Michael Sata, wobei auch dort die antichinesische Stimmung wächst. Die bereits mehr als 25 Jahre andauernde Herrschaft der SWAPO führte zu zwei überragenden Oppositionsführern, von denen Epafras Mukwiilongo am ehesten die Voraussetzungen erfüllt, mit antichinesischen Aussagen Wahlerfolge zu erzielen. Er trat früher bereits als Chinakritiker in Erscheinung, damals aber noch in seiner Eigenschaft als Sprecher einer Gruppe von namibischen Geschäftsleuten, die sich im Norden des Landes gegen die als unfair empfundenen chinesischen Konkurrenten Gehör verschafften. Mittlerweile hat Mukwiilongo eine eigene Partei gegründet, die mit dem Namen Namibian Economic Freedom Fighters (NEFF) gegen den Abbau von namibischen Ressourcen durch chinesische Unternehmen agiert. Außerdem wird Homosexualität als ein angebliches Übel angesehen, gegen das sich die neue Partei richtet.160 Während die NEFF zumindest über das Potenzial verfügt, später einmal der SWAPO Stimmen wegzunehmen, verläuft der Weg von Benjamin Ulenga anders. Als ehemaliger Gewerkschaftsfunktionär ist er mit den Ursprüngen der namibischen Unabhängigkeitsbewegung verbunden. Ulenga hat eine lange und ihn als Politiker sehr qualifizierende Biographie. Er war im namibischen Unabhängigkeitskampf Offizier in der Widerstandsbewegung, er saß ebenso wie Nelson Mandela in südafrikanischer Haft auf Robben Island und war bis 1998 namibischer Botschafter in London.161 Bereits 1999 wurde er Führer der neuen Oppositionspartei Congress of Democrats, trat als wortgewaltiger Redner und häufiger Kritiker der de facto Einparteienherrschaft und des zunehmend autoritär regierenden Präsidenten Nujoma auf. Bei seiner ersten Kandidatur als Präsidentschaftskandidat 1999 forderte Ulenga Präsident Nujoma noch selbst heraus. Nujoma gewann die Wahl mit 76,8 % der Stimmen. Bei der Wahl 2004 kam der Kandidat der SWAPO, Hifikepunye Pohamba, auf 76,4 % der Stimmen, während Ulenga mit einem Stimmenanteil 158 o.V. 2014b. 159 o. V. 2015a 160 o. V. 2014b. 161 Räther 1999. 53 von 7,3 % noch am besten von sechs Oppositionskandidaten abschloss. Er erhielt bei den Wahlen 2009 nur noch 0,72 % der Stimmen, 2014 spielte er mit 0,39 % der Stimmen ebenfalls keine Rolle mehr. Trotzdem gelang es sowohl Ulenga als auch Sata in Sambia, die jeweils herrschende Regierung der Korruption und des Ausverkaufs nationaler Interessen anzuklagen und auf diese Weise Stimmen zu gewinnen. Wer ist Epafras Mukwiilongo? Bereits 2008, also etwa während der antichinesischen Wahlkämpfe Michael Satas, trat er als Aktivist in Erscheinung. Er war Sprecher einer Organisation von Geschäftsleuten, der „Save the Local Business Community“, der rund 200 namibische Geschäftsleute aus den nördlichen Regionen von Omusati, Oshana, Oshikango und Ohangwena angehörten. Diese Gruppe definierte sich selbst als Gegenbewegung zu einer unfairen Konkurrenz von ausländischen Händlern im Bereich des Einzelhandels. Sie richtete sich hauptsächlich gegen indische und chinesische Mitbewerber, die im Land bzw. in der Region als unerwünscht galten. Die Gruppe veranstaltete Konferenzen unter dem Namen „Save Local Business Community from the Chinese Business“.162 Allerdings dauerte es, bis er eine eigene Partei gründen konnte. Zunächst war Mukwiilongo Mitglied der SWAPO. Die Gründung seiner Partei hatte ein Vorbild: Julius Malema, der Führer der südafrikanischen „Freedom Fighters“, pflegt lose Beziehungen zur SWAPO.163 Wie sieht die Entwicklung der Beziehungen zwischen beiden afrikanischen Staaten und der chinesischen Regierung genau aus? Die chinesische Regierung unterstützte bereits die sambische Unabhängigkeitsbewegung unter Kaunda. Der chinesische Premierminister Zhou Enlai gewährte der sambischen Regierung im Rahmen seiner Afrika-Reise 1963 ein zinsfreies Darlehen in Höhe von 157 Millionen US-$ zum Bau einer Eisenbahn zwischen Sambia und Tansania, der TAZARA RAILWAY. An dieser Eisenbahn bauten auch 13.500 chinesische Arbeiter mit.164 Die westlichen Staaten lehnten es ab, sich an der TAZARA-Eisenbahn in irgendeiner Form zu beteiligen. Daher baten Tansania und Sambia die chinesische Regierung um Hilfe. Für die chinesische Regierung bot sich die Gelegenheit, den Bau der Eisenbahn als bedeutendes Ereignis für die chinesisch-sambischen Beziehungen hervorzuheben.165 162 Informante` Firm but fair 2008. 163 Shinowene 2014. 164 Dehner 2013. 165 Ndulo 2008, S. 139. 54 Das chinesische Investment in Sambia steht an 19. Stelle der weltweiten chinesischen Direktinvestitionen und an 3. Stelle in Afrika.166 Chinas Bestand an Direktinvestitionen in Afrika wuchs 2012 um 34 % auf 21,7 Mrd. US-$ an und machte damit 4 % der gesamten chinesischen Direktinvestitionen im Ausland aus. Südafrika, gefolgt von Sambia und Nigeria, sind die Hauptempfängerstaaten.167 Im Jahr 2010 betrugen die weltweiten chinesischen Direktinvestitionen 68,81 Mrd. US-$.168 Im Jahr 2012 beliefen sich die chinesischen Direktinvestitionen im Ausland auf 509 Mrd. US-$, speziell für Afrika beliefen sie sich auf 4,1 % der Gesamtsumme.169 Das Jahr 1997 war ein Schlüsseljahr für die chinesisch-sambischen Beziehungen. Eine chinesische Textilfabrik in Kabwe und die erste Niederlassung der staatseigenen Bank of China in Sambia waren der Anfang der nun bereits über 20 Jahre andauernden Wirtschaftsbeziehungen.170 Auch die chinesische Einwanderung nach Sambia spielt seit den 2000er Jahren eine große Rolle. Während 1992 noch 300 Chinesen in Sambia gezählt wurden, waren es 2013 nach offiziell nicht bestätigten Schätzungen bereits 80.000.171 Diese Zahlen werden von Yan und Sautman jedoch angezweifelt: Die Zahl von 80.000 Einwanderern sei eine Erfindung der PF, um sie politisch nutzen zu können. Sautman und Yan gehen von höchstens 4000 Chinesen in Sambia aus.172 Es gibt sechs Arten von sambischen Visa, die an Chinesen ausgegeben werden können: ständiger Aufenthalt, Besuch, Studienzweck, Arbeitserlaubnis, vorübergehender Aufenthalt und selbstständige Unternehmer (Investor). Familienmitglieder erhalten dieselben Visa wie der eigentliche Inhaber; es gibt keine eigenen Familienvisa. Vor 2008 war die Migration von China nach Sambia nicht sonderlich hoch. Diese Situation änderte sich 2011. Bereits im Jahr 2012 entfielen von 9.067 Arbeitserlaubnissen 3.722 auf Chinesen. Ein Jahr später wurden 5.897 Arbeitserlaubnisse für Chinesen ausgestellt. Dabei gelten die Business-Visa entweder bis zu drei Monaten oder bis zu drei Jahren. Einteilen lassen sich die chinesischen Einwanderer nach Sambia in drei Gruppen: vorübergehende Arbeitsmigranten, darunter befinden sich Arbeitskräfte, die nach Ende ihres Vertrags nach China zurückgehen, sowie eine kleinere Anzahl von Managern, Kleinunternehmern und Transitmigranten. Die chinesischen 166 Carmody 2010, S. 90. 167 Levinger 2013. 168 Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland 2011. 169 Hütz-Adams et al. 2014, S. 6. 170 Carmody 2013, S. 31. 171 Carmody 2013, S. 41. 172 Sautman et al. 2009, S. 4. 55 Einwanderer sind wesentlich weniger assimiliert und integriert in die sambische Gesellschaft als andere Migrantengruppen. Als Ursachen gelten sprachliche und kulturelle Hürden. Einige Chinesen sprechen Englisch, wenige Sambier jedoch Chinesisch. 173 Ein erhebliches Problem in den sambisch-chinesischen Beziehungen ist der chinesische Kupferabbau im Copperbelt. Bereits 1972 kritisierte Bates die Verfehlungen des sambischen Staates, die Probleme der sambischen Bergarbeiter aufzugreifen, sodass auch die Gewerkschaften nicht ausreichende Möglichkeiten hätten, ihre Mitglieder zu kontrollieren.174 Die Privatisierung der sambischen Kupferminen führte nicht zu den erhofften sozialen Verbesserungen. Die Gewinne aus dem Kupferbergbau wurden aus Sambia transferiert, bevor sie der sambischen Bevölkerung zugutekommen konnten. Die mit dem Kupferbergbau befassten Sambier reagierten auf diese Entscheidungen mit Protesten und Streiks.175 Die sambischen Kupferbergwerke wurden nach der Unabhängigkeit 1964 privatisiert. Anfangs flossen die Erlöse in sozialpolitische Maßnahmen. Mitte der 1970er Jahre brachen jedoch die Rohstoffpreise ein. Sambia konnte die Kredite von IWF und Weltbank nicht zurückzahlen. Deswegen musste die sambische Regierung den Forderungen der Geldgeber nach einer völligen Privatisierung der sambischen Minen nachkommen. Öffentliche Dienstleistungen, die mit Steuereinnahmen aus dem Kupferverkauf finanziert werden sollten, blieben aus. 2000 setzten IWF und Weltbank die Zerschlagung des Staatsunternehmens Zambia Consolidated durch. Die Anteile an den Bergwerken wurden an ausländische Investoren verkauft, die nun auch über die Gewinne verfügen konnten. Durch die Veröffentlichung der vertraglichen Vereinbarungen zwischen den Geberinstitutionen kam es 2007 zu Protesten in der sambischen Bevölkerung. Der Grund dafür war unter anderem ein Passus in den Verträgen: Die neuen Eigentümer der nunmehr privaten Bergwerke konnten jahrelang hundertprozentige steuerliche Abschreibungen geltend machen, die Infrastruktur wurde vom sambischen Staat bereitgestellt und der Import von Maschinen sollte zollfrei bleiben. Dabei wenden die Eigentümer einen besonderen Trick an: Die Schweiz kauft die Hälfte des Kupfers, das tatsächlich aber nicht benötigt wird. Daher verkauft die Schweiz das Kupfer anschließend weiter über das international tätige Rohstoffhandelsunternehmen Glencore plc, das über das Tochterunternehmen Mopani Eigentümer einer der größten sambischen Minen ist. Ein weiterer wesentlicher Kritik- 173 Postel 2015. 174 Burawoy 1972, S. 242. 175 Fraser et al. 2007, S. 2. 56 punkt besteht darin, dass die Verträge zwischen den Geldgebern und der sambischen Regierung weitgehend intransparent sind.176 Robert Negi vertritt die Auffassung, die antichinesischen Proteste in Sambia seien die intensivsten in allen afrikanischen Staaten.177 Er sieht die Ursache für die sambische Sinophobie in der Schlüsselposition, die Kupfer in der sambischen Wirtschaft einnimmt: China sei nun zum bedeutendsten Ausbeuter für die Sambier geworden, zudem würden die ungünstigen Arbeitsbedingungen für die sambischen Beschäftigten das Image der chinesischen Unternehmen im Bergbau verschlechtern.178 Die Non-Ferrous Metals Corporation Africa (NFC Africa), die zur staatseigenen China Non-ferrous Metal and Mining Group gehörte, bewirtschaftete die erste chinesische Sonderwirtschaftszone in Sambia, Zambia-China Trade and Economic Cooperation Zone (ZCCZ), die zu den während des FOCACS 2006 versprochenen Zonen gehört. Die Zone befindet sich im Copperbelt zwischen Kitwe und Chingola.179 Die chinesischen Betreiber der sambischen Chambishi-Kupfermine stellten bevorzugt Gelegenheitsarbeiter ein, um die Arbeitskosten zu senken. Der Widerstand der Sambier vom Grasroot Level ausgehend verhinderte diesen Plan weitgehend. Im Vergleich dazu umfassen die chinesischen Investitionen in der sambischen Textilindustrie einen kürzeren Zeitrahmen, geringere politische Lasten und geringere Gewinnerwartungen.180 Die Aktivitäten großer Bergbauunternehmen haben auch nach Abi Dymonds Auffassung für Arbeiter in unmittelbarer Nachbarschaft erhebliche Schwierigkeiten zur Folge. Typisch sind ungünstige Arbeitsbedingungen wie geringe Löhne, unzureichende Sicherheitsmaßnahmen in den Bergwerken und Misshandlungen der sambischen Arbeiter. Die sambische Regierung scheint nicht in der Lage zu sein, die unerwünschten Folgen des Kupferbergbaus zu mindern.181 Die antichinesischen Streiks in Sambia werden als Weiterführung der Arbeitskämpfe im Anschluss an die koloniale Vergangenheit des Landes gesehen.182 Carmody führt aus, dass die chinesische „Open Door“-Politik kaum messbare 176 o.V. 2013 c. 177 Negi 2008, S. 43. 178 Negi 2008, S. 48. 179 Haglund 2009, S. 8. 180 Kwan Lee 2009, S. 19–20. 181 Dymond 2007, S. 21. 182 Carmody 2010, S. 92. 57 Vorteile für die sambische Bevölkerung bewirkt hat.183 70 % der etwa 14,5 Mio. Sambier lebt laut Ndulo unterhalb der Armutsgrenze und profitiert daher nicht von den makroökonomischen Verbesserungen.184 Die Risiken des chinesischen Engagements in Sambia sieht Ndulo unter anderem in der Anfälligkeit für Korruption, Umweltzerstörung und in den schlechten Arbeitsbedingungen für Sambier bei chinesischen Arbeitgebern.185 In Sambia zeigen sich in mancher Hinsicht die Fallstricke des chinesischen Engagements in Afrika ebenso wie die möglichen Nachteile einer weitergehenden Verstrickung Chinas in Afrika.186 In der heutigen Zeit zeigt sich das chinesische Auftreten in Namibia und Sambia in der Rolle von großen Konzernen, die mit den mächtigen Funktionären die Arbeitsbedingungen diktieren und Ausbeutung sowie Unterdrückung der afrikanischen Arbeiter zu verantworten haben. Während China in den vergangenen Jahrzehnten offiziell als Freund der antikolonialen Befreiungsbewegungen in Namibia und Sambia auftrat, änderte sich die afrikanische Wahrnehmung über China nun dergestalt, dass China als neue Kolonialmacht angesehen wird. Nach Yan Hairong und Barry Sautman ist keine chinesische Investition so sehr diskutiert worden wie der chinesische Kupferbergbau in Sambia.187 Der US-amerikanische Politologe Niall Ferguson behauptet, die chinesische Kupferproduktion in Sambia würde den Beginn eines weltweiten Imperiums zur Folge haben. Die chinesischen Arbeitsbedingungen würden nun auf der ganzen Welt eingeführt werden.188 Nach der Studie von Human Rights Watch sind die chinesischen Unternehmen in Sambia zuverlässige Investoren, angesichts der Höhe der Investitionen aber besonders gefürchtete Arbeitgeber hinsichtlich der Verletzung von Arbeitnehmerrechten.189 Yan und Sautman verbinden die antichinesischen Kampagnen von Michael Satas PF mit dem Hass der Bevölkerung auf die Chinesen durch sambische Minenarbeiter. Dieser Hass entlud sich in Gewalt gegen Chinesen wie etwa tätlichen Angriffen und Steinewürfen. Dabei sollen laut einem ungenannten sambischen 183 Carmody 2013, S. 35. 184 Ndulo 2008, S. 140. 185 Ndulo 2008, S. 144. 186 Alden 2007, S. 72. 187 Yan et al. 2013, S. 131. 188 Yan et al. 2013, S. 135. 189 Yan et al. 2013, S. 135. 58 politischen Führer die ablehnenden Berichte westlicher Medien über die chinesische Präsenz in Afrika eine Rolle gespielt haben.190 Yan und Sautman beschreiben, dass die tödlichen Schüsse 2010 auf 13 sambische Minenarbeiter durch chinesische Aufseher in der privaten chinesischen Collum Mine bei sambischen Politikern und Medien als Ausdruck neokolonialer und amoralischer Praktiken der Chinesen in Afrika angesehen werden.191 Internationale Medien bezeichneten die Schüsse als ein von China bzw. von Chinesen verübtes Verbrechen.192 Ein sambischer Gewerkschafter berichtete von Schlägen chinesischer Aufseher, wenn sambische Arbeiter sich in einer bestimmten Weise falsch verhielten.193 Dabei richteten sich die häufigen sambischen Streiks mit Gewaltausbrüchen in Bergwerken nach Yan und Sautman nicht gegen weiße Vorgesetzte, sondern vor allem gegen chinesische und indische Arbeitgeber.194 Yan und Sautman vergleichen die aufgeheizte rassistische Atmosphäre in Sambia den Chinesen gegenüber mit den von Medien und Politikern zuvor angestifteten antijüdischen Protesten in Südafrika.195 Beide Autoren vertreten die These, es gäbe keine empirischen Belege für kulturelle Interpretationen der chinesischen Praktiken im sambischen Bergbau. Solche rassistischen Thesen seien von westlichen Medien und sambischen Politikern gestreut worden.196 Nach van Bracht beziehen sich die beiden wesentlichen Bereiche für die Entstehung einer antichinesischen Stimmung in Sambia auf die Unterdrückung und Ausbeutung sambischer Arbeiter durch Chinesen und auf das moralische Verhalten der Chinesen im Land.197 Van Bracht führt die antichinesische Stimmung in Sambia auf sechs Faktoren zurück. Er nennt ein Gefühl von Bedrohung, die zweifelhafte Rolle sambischer Politiker, zu hohe Erwartungen an die Chinesen im Land, die Rolle der Medien sowie kulturelle und strukturelle Faktoren.198 Van Bracht widerspricht der häufig in der Literatur vorkommenden Auffassung, dass die Sambier besonders ablehnende Ansichten über China hätten. Er vertritt die Meinung, es gäbe ein sehr komplexes und 190 Yan et al. 2013, S. 138. 191 Yan et al. 2014, S. 1. 192 Yan et al. 2014, S. 2. 193 Yan et al. 2014, S. 4. 194 Yan et al. 2014, S. 7. 195 Yan et al. 2013, S. 138–139. 196 Yan et al. 2013, S. 151. 197 Van Bracht 2012, S. 74. 198 Van Bracht 2012, S. 75. 59 vielfältiges Stimmungsbild im Land.199 Auf sambischen Websites finden sich nach Yan und Sautman extrem rassistische Bezeichnungen für die im Land lebenden Chinesen: „choncholis“, „chingchongs“, „squinty eyes“, „yellow savages“, „Chinese piglets“ and „chinks“; zudem werden massenhafte Deportationen der Chinesen aus Sambia gefordert.200 Westliche Zeitungen zitieren sambische Bergarbeiter beispielsweise mit folgenden Sätzen: Die Sambier wären Sklaven im eigenen Land. Die Chinesen würden in Sambia beabsichtigen, nur dem eigenen Land zu Reichtum zu verhelfen.201 Die PF würde einen regelrechten „Anti-Sinicism“ etablieren.202 Am 22. September 2005 veröffentlichten Gewerkschaftsfunktionäre aus afrikanischen Staaten ein Statement über China. Unter diesen Staaten befanden sich auch Vertreter Sambias. Ein Punkt in dem Statement war die Verstrickung chinesischer Unternehmen in der südafrikanischen Bekleidungs- und Textilindustrie. In dem Dokument werden den Chinesen unfaire Geschäftspraktiken und eine ständige Verletzung von Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechten vorgeworfen.203 Die antichinesischen Einstellungen und Vorurteile resultieren aus dem Gefühl der Unterdrückung und Ausbeutung und sind daher anders als in Europa gelagert. In Europa ist Fremdenfeindlichkeit nicht die Folge von ausbeuterischem Verhalten ausländischer Arbeitgeber. Von offizieller politischer Seite zeigt sich jedoch ein ganz anderes Bild: Die als „all-Wheater-Friendship“ bezeichnete freundschaftliche Beziehung zwischen Sambia und China wurde offiziell von keinem sambischen Staatspräsidenten einschließlich Michael Sata infrage gestellt.204 Es stellt sich die Frage, durch welche Merkmale die antichinesischen Proteste in Namibia geprägt sind. Die chinesischen Beziehungen zu Namibia begannen ebenso wie die Beziehungen zu Sambia mit den Bemühungen Namibias, von Südafrika unabhängig zu werden. Die namibische Unabhängigkeitsbewegung weist eine enge historische Verbindung zu China auf. Aus diesem Grund besteht bis heute eine enge Freundschaft zwischen der regierenden SWAPO und der chinesischen Regierung.205 China war einer der ersten Staaten, der eine eigene Botschaft in der namibischen Hauptstadt Windhoek nach der 199 Van Bracht 2012, S. 87. 200 Yan et al. 2014, S. 12. 201 Yan et al. 2014, S. 16. 202 Yan et al. 2014, S. 18. 203 Kanyenze 2006, S. 285–286. 204 Carmody 2013, S. 28. 205 Sherboune 2007, S. 161. 60 Unabhängigkeit 1990 eröffnete.206 Seit der Unabhängigkeit 1990 ist die chinesische Präsenz in Namibia kontinuierlich angewachsen. Seitdem sollen sich zwischen 2.000 und 3.000 Chinesen im Land aufhalten.207 Bereits in den 1970er und 1980er Jahren besuchte Sam Nujoma als SWAPO- Präsident insgesamt siebenmal die Volksrepublik China.208 In seiner Funktion als namibischer Präsident folgten weitere Besuche (1992, 1996, 1999, 2000 und 2004). Im März 2005 eröffnete Namibia eine Botschaft in Peking. Seit 1990 kam es zu gegenseitigen Besuchen hochrangiger Repräsentanten beider Staaten. Der chinesische Außenminister Tang Jiaxuan besuchte Namibia 2000, der ehemalige chinesische Staatspräsident Hu Jintao besuchte das afrikanische Land im Februar 2007 für zwei Tage.209 Nach dem Besuch Hu Jintaos 2007 kam es zu folgenden Finanzhilfen für Namibia: 1,7 Mrd. namibische Dollar (N$) in konzessionierten Krediten 107 Mio. N$ in bevorzugten Exportkrediten 37 Mio. N$ in Anleihen 37 Mio. N$ in uneigennützigen Anleihen die Konstruktion von drei Landwirtschaftsschulen und eines Krankenhauses.210 2002 investierte China eine interessenfreie Anleihe von 55 Mio. N$ zum Bau eines neuen State Houses in Namibia. 2003 gab es eine Anleihe der chinesischen kommunistischen Partei von 30.000 US-$ für die regierende SWAPO, 2003 und 2005 kam es dann noch jeweils zu Anleihen von jeweils 25 Mio. und 21,5 Mio. N$, die in keinem nationalen namibischen Budgetdokument auftauchen.211 Chinesische Bauarbeiter und Bauunternehmen entwarfen auch den neu erbauten Obersten Gerichtshof und das National-Council-Gebäude in der Hauptstadt.212 Nach einer Veröffentlichung der chinesischen Botschaft in Windhoek 2005 waren damals 100 private chinesische Unternehmen in Namibia tätig. Die gesamten Investitionen beliefen sich auf 30 Mio. US-$ inbesondere in den Bereichen Bauwirtschaft, Handwerk, Ernährung und 206 Sherboune 2007, S. 162. 207 Sherboune 2007, S. 160. 208 Du Pisani 2014, S. 115. 209 Du Pisani 2014, S. 116. 210 Du Pisani 2014, S. 117. 211 Sherboune 2007, S. 166. 212 Sherboune 2007, S. 167. 61 Gesundheit.213 2011 betrug der Handel zwischen China und Namibia 130 Mio. N$.214 Kleine inhabergeführte chinesische Geschäfte sind in Namibia mittlerweile häufig anzutreffen. Nach Angaben des Ministeriums für Handel und Industrie waren 2009 500 chinesische Geschäfte in Namibia registriert.215 Dobler berichtet, dass in jeder größeren afrikanischen Stadt chinesische Geschäfte zu finden seien.216 Viele chinesische Einwanderer erfuhren über Verwandte und Freunde von den wirtschaftlichen Möglichkeiten in Namibia. Andere wurden durch offizielle Anzeigen in chinesischen Zeitungen und Magazinen auf Chancen in Namibia hingewiesen.217 Das verbindende Glied aller chinesischen Kleinhändler in Namibia ist jedoch die Familie. So werden bevorzugt eigene Familienmitglieder angestellt.218 Das Baugewerbe ist ein Hauptbestandteil des chinesischen Engagements in Namibia. 60 bis 70 % der großen namibischen Bauprojekte werden von chinesischen Bauunternehmen ausgeführt, darunter einige große öffentliche Projekte: der Oberste Gerichtshof, eine neue Polizeistation und das Rathaus in Katutura.219 Widerstand gegen Chinesen ist in Namibia zwar vorhanden, hat jedoch nicht das Ausmaß und die Intensität wie in Sambia angenommen. So kam es im März 2015 zum Protest einer Gruppe von Jugendaktivisten gegen die Entscheidung der namibischen Regierung, 10.000 Hektar fruchtbares Land einem chinesischen Unternehmen für den Tabakanbau zu überlassen. Der Sprecher der Gruppe, Job Amupanda, kritisierte, dass diese Entscheidung die namibische Fähigkeit schwächen würde, die Ernährungssicherheit der Bevölkerung zu sichern.220 2008 demonstrierten hunderte Namibier gegen die chinesische Regierung, um eine chinesische Waffenlieferung nach Namibia abzuwenden.221 2014 streikten 80 namibische Angestellte der chinesischen China Harbour Engineering 213 Mapaure 2014, S. 26–27. 214 Du Pisani 2014, S. 118. 215 Du Pisani 2014, S. 120. 216 Dobler 2005. 217 Dobler 2005. 218 Dobler 2005. 219 Du Pisani 2014, S. 121. 220 o.V. 2015 b. 221 Shilongo 2008. 62 Company (CHEC) aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen.222 2012 demonstrierten 100 Arbeiter des chinesischen Unternehmens Jiangsu Zhengtai gegen unfaire Arbeitsbedingungen und gegen die zeitweise angeordnete Aussperrung durch die chinesische Geschäftsleitung.223 Wie diese Beispiele von Protesten und Arbeitsniederlegungen zeigen, kommt es immer wieder zu punktuellen Protesten gegen die chinesischen Aktivitäten im Land. Diese Aktionen sind jedoch zeitlich und räumlich begrenzt, sodass die namibischchinesischen Beziehungen nicht unmittelbar beeinträchtigt werden. Das frühe Engagement der kommunistischen Regierung Chinas in Namibia und Sambia hat den Aufbau der Beziehungen zwischen den Staaten befördert und jedenfalls ideologisch auf ein festes, heute noch gültiges Fundament gestellt. Die jüngere Generation in Namibia und Sambia kann mit der ideologischen Freundschaft nicht mehr viel anfangen, denn die wirtschaftlichen Verhältnisse in beiden Staaten haben sich grundlegend geändert. Heute ist der Rohstoffreichtum das Hauptbetätigungsfeld der Chinesen, aber breite Bevölkerungsschichten in Namibia und gerade Sambia profitieren nicht von diesem Engagement: Sambia ist unverändert einer der ärmsten Staaten der Welt. Diese Beispiele von Arbeitsprotesten, die sich gegen Chinesen richten, zeigt das Potenzial, aus dem sich der antichinesische Protest in Namibia speist. Hier stellt sich auch die Frage, warum die Regierung von Namibia nicht konsequent gegen die unzureichenden Arbeitsbedingungen vorgeht. 222 Hartman 2014. 223 o.V. 2012 b.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die chinesische Präsenz in Afrika nimmt seit Jahren zu. Die afrikanischen Länder verzeichnen eine Zuwanderung von Chinesen im Zuge des mit den jeweiligen Regierungen vereinbarten Rohstoffabbaus und der Investition in Infrastrukturprojekte. Die Forschung zu diesem Phänomen ist auf die Frage nach Art und Motivation der chinesischen Regierung fokussiert. Dabei wird oft übersehen, dass sich in Afrika zunehmend Widerstand gegen die chinesischen Bestrebungen formiert.

Gunnar Henrich untersucht in seiner Dissertation mit einer Diskursanalyse zwei afrikanische Staaten im Süden Afrikas: Namibia und Sambia. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Frage, wie der antichinesische Protest zustande gekommen ist, welche Verläufe und Formen er angenommen hat und ob er gar als Rassismus auftritt. Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass der Protest häufig rassistische Formen annimmt. Wenden die ehemaligen Opfer rassistischer Kolonialpolitik selbst zunehmend rassistische Argumentationsformen an? Gibt es gar einen „umgedrehten Rassismus“? Henrich schließt mit seiner Arbeit eine Forschungslücke und trägt so zum gegenwärtigen Diskurs bei.