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Roland Mugerauer

Gibt es eine wahre Religion?

Eine systematisch-theologische und philosophische Einführung samt Wettbewerbsbeiträgen von Oberstufenschülern

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4205-2, ISBN online: 978-3-8288-7164-9, https://doi.org/10.5771/9783828871649

Tectum, Baden-Baden
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Roland Mugerauer Gibt es eine wahre Religion? Roland Mugerauer Gibt es eine wahre Religion? Eine systematisch-theologische und philosophische Einführung samt Wettbewerbsbeiträgen von Oberstufenschülern Tectum Verlag Roland Mugerauer Gibt es eine wahre Religion? Eine systematisch-theologische und philosophische Einführung samt Wettbewerbsbeiträgen von Oberstufenschülern © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2018 E-PDF: 978-3-8288-7164-9 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4205-2 ím Tectum Verlag erschienen.) Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung der Bilder #164247675 von anya babii und #57057741 von reeel | stock.adobe.com Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. „Der Mensch, der sich von dem Zwang der Religion befreit, wird frei für die Gnade der Religion.“ Paul Tillich „Denn nicht jetzt nur, sondern schon immer habe ich ja das an mir, daß ich nichts anderem von mir gehorche als dem Satze, der sich mir bei der Untersuchung als der beste zeigt.“ Sokrates in Platons Dialog Kriton (in der Übersetzung von Schleiermacher) Dieses Büchlein sei gewidmet meinen engagierten Mitautorinnen und -autoren, den Schülern und Schülerinnen des Grundkurses Evangelische Religion Q2 (Schuljahr 2017/18) der Liebigschule (Europaschule; Gymnasium) in Frankfurt am Main, sowie allen Interessierten, die das interreligiöse Thema dieses Bändchens betrifft. Inhaltsverzeichnis Einleitendes Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .I 1 ‘Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?’–Systematisch-theologische Einführung in die Thematik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . II 7 Gliederung der systematisch-theologischen Themeneinführung . . . . . . . . . . . . .II.1 7 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung . . . . . . . . . .II.2 8 Das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben . . . . . . . . . . . . . . .A’) 8 Das Verhältnis von Theologie und Wissenschaft. . . . . . . . . . . . . . . . . .a) 12 Die Methodenproblematik der (christlichen) Theologie. . . . . . . . . .b) 13 Das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben (Fortführung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A’’) 14 Die Frage nach einer allgemeinen Offenbarung und Gotteserkenntnis durch menschliche Vernunft. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . B) 15 Das Verhältnis der abrahamitischen Religionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .C) 16 Beantwortung der beiden Eingangsfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .D) 19 Der Gewinn für den interreligiösen Dialog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .E) 19 Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema . . . . . . . . .III. 21 Ein kontroverses, aber fruchtbares Gespräch. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .III.1 21 Ein Streitgespräch am Essenstisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .III.2 27 Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .III.3 37 Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III.4 44 IX Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion . . . . . . . . . . . . . . . .III.5 53 Eine zufällige Wiederbegegnung – Anlass für ein tiefgründiges Gespräch. . . .III.6 60 Diskussion beim Familientreffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .III.7 66 Ein zufälliges Gespräch im Café am Marktplatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .III.8 73 Eine Unterhaltung zwischen Sitznachbarn im Flugzeug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .III.9 78 Eine strittige Diskussion zwischen Studierenden der Theologie und der Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III.10 84 Ein Physik- und ein Religionslehrer am Kopierer – Ist Religionsunterricht wichtig? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . III.11 91 Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .IV. 97 Vernunft, Verstand, Rationalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .IV.1 97 Glaube und Vernunft bzw. Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .IV.2 130 Was ist ‘Wahrheit’? – Ein Artikel für eine Schülerzeitschrift von 1999 . . . . . . . .IV.3 134 Gottesoffenbarung auch in anderen Religionen (außerhalb Jesu Christi) oder Exklusivität der Selbsterschließung Gottes in Jesus Christus? . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.4 139 Ist Theologie eine Wissenschaft? – Von Wissenschaft und ‘Wissenschaftsgläubigkeit’ – und en passant ein Plädoyer für Bildung und Ideologiekritik statt ‘Kompetenz(en)’– Neusprech, ‘Soft-Skill(s)’-Talk(s) und schulischer ‘Kompetenzerei’ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . IV.5 146 Gotteserkenntnis, ‘negative Theologie’ und ‘ewiger Religionsfriede’ . . . . . . . . . .IV.6 158 Nachwort: Die Haltung des Frankfurters Adorno als mögliches Leitbild für (u.a.) Frankfurter Schüler_innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . V. 165 Inhaltsverzeichnis X Einleitendes Vorwort Dieses Büchlein setzt sich, ausgehend von der Fragestellung ‘Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?’, mit dem spannungsreichen und schwierigen Verhältnis von Religion und Wahrheit auseinander, ausgehend vom Christentum. Dabei findet auch das Verhältnis der drei großen monotheistischen und abrahamitischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam Beachtung. Das Büchlein richtet sich hiermit vor allem an Studierende der Theologie sowie an Religionspädagog_inn_en und auch Ethik-Lehrer_innen wie Unterrichtende der Philosophie1 sowie an interessierte Lai_inn_en, die angesichts der religiösen Pluralität in der uns umgebenden Welt einmal – alleine oder zu mehreren – dieser Fragestellung näher nachdenken wollen und hierfür eine kurze Hinführung möchten aus christlich-theologischer Perspektive unter Berücksichtigung manch zentraler religions- wie grundlagenphilosophischer Aspekte. Entsprechend beginnt das Bändchen mit einer sehr gerafften systematisch-theologischen Einführung in die Thematik bzw. die Problemstellung (II.), bevor dann Beiträge von Oberstufenschüler_inne_n folgen (III.), die das Thema in fiktionalen Entwürfen problemorientiert behandeln. Anschließend folgen dann Vertiefungen zu besonders wichtigen Aspekten (IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’), s. dazu nachfolgend). I 1 An die Ethiklehrer_innen und die Unterrichtenden der Philosophie ist besonders gedacht an denjenigen Stellen, an denen die Ausführungen religionsphilosophisch und ‘allgemeinphilosophisch’ werden. Dies geschieht vor allem in einigen Adiectamenta. Hier löst sich der Autor zugunsten philosophischer Einlassungen öfter von der streng theologisch-systematischen ‘Denke’ zugunsten philosophischer und teils pädagogisch-kritischer (oder gar ‘polemischer’) Einlassungen. (Wer diesbezüglich mehr über den Autor und seine Positionen erfahren möchte, ‘google’ seinen Namen – es werden, diesen Punkt betreffend, in diesem Büchlein, von einer Ausnahme abgesehen, bewusst keine Literaturangaben aufgeführt oder weitere Ausführungen gemacht.) 1 Die ‘Gerafftheit’ der einführenden Abhandlung spiegelt recht genau die unterrichtliche Situation wider, der durch den Autor entsprochen werden musste und in deren Kontext der einführende Essay entstanden ist: Auch wenn es sich um keinen ‘Unterrichtsentwurf ’ handelt, liegt der Abhandlung zu Grunde das, was die inhaltlich-substanzielle Grundlage des evangelischen Religionsunterrichtes war, den der Autor zu Beginn des 2. Halbjahres im Schuljahr 2017/18 in ‘seinem’ Grundkurs Evangelische Religion (Q2; G8) an einer hessischen Europaschule (Gymnasium) in Frankfurt am Main erteilt (und seinen ‘Adressaten und Adressatinnen’ ‘zugemutet’) hat in spontanem Entschluss, hiermit bei den evangelischen Schülern und Schülerinnen für die Teilnahme an einem länderübergreifenden Essaywettbewerb (Deutschland, Österreich, Italien) zu werben, der von katholischer Seite ausgeschrieben worden war und von dem er gerade erst Kenntnis erhalten hatte.2 Die Voraussetzungen hierfür waren allerdings ‘eher ungünstig’. Denn der Kurs umfasst(e) 31 Schülerinnen und Schüler, von denen mehr als die Hälfte zum Kurshalbjahr wegen Weggang eines Kollegen ‘Neuzugänge’ waren, da umständehalber zwei Religionskurse zusammengelegt wurden. Der Unterrichtende kannte daher etwa die Hälfte der Schüler_inne_n noch nicht. Zudem war gerade ‘Praktikumszeit’ (teils mit Praktika im Ausland, was weiteren Zeitverlust bedeutete), so dass eine Reihe von Schülerinnen und Schülern von den knapp zwei Doppelstunden zu Beginn des 2. Halbjahres, in denen, auf ’s Äußerste komprimiert, die Grundlagen für ihre Essay-Entwürfe erarbeitet wurden, nur eine besuchen konnte. Dass nur knapp zwei Doppelstunden zur sachlichen Einführung in die Problematik verwendet werden konnten, war umständebedingt: 2 Es handelte sich um eine Ausschreibung der ‘Jungen Akademie des Erbacher Hofs – Akademie des Bistums Mainz’ und des interdisziplinären Forschungsprojekts ‘Analytic Theology – The Nature of God’ (Fakultät für Katholische Theologie, Universität Innsbruck). Der Wettbewerb war gerichtet an Schülerinnen und Schüler zwischen 16 und 19 Jahren. Er sollte „Jugendliche zu einer geistigen Auseinandersetzung mit gesellschaftlich und kirchlich relevanten Fragen anregen“. Seine Ziele waren „Persönlichkeitsbildung, die Entwicklung einer interdisziplinären und interkulturellen Dialogfähigkeit sowie die Kompetenz zu kritischer Reflexion“ (so aus dem Anschreiben an die Fachlehrerinnen und Fachlehrer der Fächer Religion, Ethik, Philosophie, Deutsch und weiterer Fächer vom November 2017). I Einleitendes Vorwort 2 Einerseits erhielt der Unterrichtende erst spät Kenntnis von dem länderübergreifenden katholischerseits ausgeschriebenen Essaywettbewerb: ‘Der echte Ring / vermutlich ging verloren’ (G.E. Lessing) – Zum spannungsreichen Verhältnis von Religion und Wahrheit – Essaywettbewerb für Schülerinnen und Schüler 2018’, für den die Beiträge gedacht waren; andererseits musste außer allfälligen organisatorischen Dingen der Unterrichtende mit Blick insbesondere auf mögliche Abiturprüfungen Zeit ‘sparen’ für die Behandlung und Erarbeitung der ‘normalen’ unterrichtlichen Inhalte der Q2-Phase. Denn an ‘seiner’ Schule sind in der Oberstufe jeweils nur zwei wöchentliche Unterrichtsstunden für Religion (wie auch für Ethik) angesetzt statt der in Hessen an anderen Gymnasien lehrplanentsprechend üblichen drei.3 Aus diesem Grund ging es darum, in möglichster Kürze unterrichtlich die wesentlichen Kernpunkte der Themenstellung zu vermitteln. Dies konnte in dem strikt begrenzten zeitlichen Rahmen zugleich auch nur gelingen u.a. durch eine ‘Methode der Einklammerung’. Zum Beispiel hätte man sich in Fragen, was ‘Wahrheit’ überhaupt ist, welcher der in der philosophischen Tradition erarbeiteten und vertretenen Wahrheitstheorien der Vorzug zu geben ist4, und ob ‘Wahrheit’ im religiösen Sinne überhaupt dasselbe meint wie Wahrheit im gewöhnlichen und philosophischen Sinne, bereits hoffnungslos ‘verlieren’ können. 3 Diese Dreistündigkeit des Unterrichts an anderen Gymnasien entspricht auch dem vielfachen Interesse von Schülerinnen und Schülern, in den Fächern Religion bzw. Ethik Abitur zu machen. 4 Zum Beispiel: – Wahrheit als Übereinstimmung der Sache/n mit dem sie erkennenden Verstand (adaequatio rei/rerum et intellectus); – Wahrheit als Übereinstimmung des Denkens mit seinen eigenen, logisch zwingenden Gesetzen; – Wahrheit als Effekt einer Haltung, die es uns am besten möglich macht, mit dem Gesamt unserer Erfahrungen zu leben; – Wahrheit als Ausdruck eines Willens zur Macht; – Wahrheit als Übereinstimmung der Untersuchenden über einen Sachzusammenhang, die sich im argumentativen Diskurs herstellt und unter die Idee gestellt ist, dass alle vernünftigen Subjekte im herrschaftsfreien Diskurs in der je spezifischen Ansicht dieses übereinstimmen können/können würden. I Einleitendes Vorwort 3 Daher war es sinnvoll, die Frage nach der Wahrheit zunächst einzuklammern und sie indirekt abzuhandeln und schließlich zu beantworten. Entsprechend musste mit anderen ‘Untiefen’ des Themas verfahren werden, etwa hinsichtlich der Aspekte ‘Theologie und Wissenschaft’ oder ‘Theologie und Hermeneutik’5. Gleichwohl hat sich diese ‘Methode der Einklammerung’ unterrichtlich als zielführend erwiesen, wie die gleich anschließend entstandenen und im Band nach dem Einleitungsessay abgedruckten Schüler_innen-Beiträge zeigen. Deshalb wird auch in diesem schmalen Bändchen entsprechend verfahren. Allerdings finden sich in Gestalt ausgewählter ‘Adiectamenta’ hier zusätzlich helfende Ergänzungen zur Problemvertiefung. Problemvertiefend sind sie gedacht selbst dann, wenn sie ausnahmsweise einmal (s. bes. IV.5) positionellen Charakter haben, d.h. entschieden Position beziehen. Allesamt sollen sie vor allem dienen der Entwicklung von auf die Thematik bezogenem Problembewusstsein. Wie wir von Sokrates lernen können, ist dies weit mehr als nichts, ja, es ist wohl die dem Menschen eigentlich gemäße Weisheit (anthropínê sophía6)! Man kann dies auch bezeichnen als problemqualifiziertes Nichtwissen – auch wenn dies manchem Leser/mancher Leserin zunächst anstößig und ‘wenig’ erscheinen mag. Wie Platons Sokratesgestalt zeigt, kann ein dergestaltes persongebundenes Nichtwissen (als nichtpropositional verfasste Problemkompetenz) immerhin dazu verhelfen, sich immer wieder thematisch-sachbezogen zu bewähren – ganz anders als diejenigen, die sich sicher wissend dünken, seine Dialogpartner, die die dialogthemeneinschlägige ‘Expertise’ für sich beanspruchen! Bevor im Anschluss die Gliederung der Sacheinführung, die der Unterrichtende gegeben hat, vorgestellt wird, sei noch auf zweierlei hingewiesen: 5 Weil der Rahmen des Bändchens, der mit dem Verlag vereinbart war, hierdurch vollends ‘gesprengt’ worden wäre, wird auf den letztgenannten Aspekt auch in den Adiectamenta nicht näher eingegangen. Er sei hier daher ausdrücklich als eine der ‘Aussparungsstellen’ kenntlich gemacht. 6 Soweit das Griechische transkribiert wird, wird fortan teilweise eine etwas einfachere Form gewählt. I Einleitendes Vorwort 4 Erstens: Wegen der Knappheit der Ausführungen in der systematisch-theologischen Themeneinführung sind, wie gerade erwähnt, einige ausgewählte Aspekte in Adiectamenta (‘Hinzufügungen’ im Sinne von: „Illud de iis adiciam breviter.“7) etwas näher ausgeführt und vertieft, da sie besonders wichtig sind. Auch hier unterlag das ‘Hinzugefügte’ hinsichtlich Umfang und Anzahl aber strikten Beschränkungen, d.h. einem ‘Aussparungsprinzip’, um den Umfang dieses Büchleins in engen Grenzen zu halten. Diese ‘Hinzufügungen’ sollten also, obgleich sachsystematisch einigermaßen zentral, als ‘bloß’ exemplarisch8 verstanden werden – auch diese Erkenntnis gehört zu dem (sokratischen) Problembewusstsein, dessen Entwicklung beim Leser bzw. der Leserin intendiert ist. Auch die Vielfältigkeit und Heterogenität der Positionen, die in den Schüler_innen-Beiträgen (manchmal nur sehr kurz) aufscheinen, dient diesem Ziel. Das in den Adiectamenta ausgewählte Gesagte hat insofern also durchweg exemplarischen Charakter für das Viele, das in diesem Bändchen ungesagt bleiben muss. Das Gesagte soll allerdings dazu verhelfen, auch Ungesagtes zu erkennen und zu erwägen! Zweitens: Die protestantischen Autorinnen bzw. Autoren der eingereichten Wettbewerbsbeiträge erhielten eine (in sich differenzierte) Anerkennung von katholischer Seite, einige weitere Autorinnen und Autoren eine Einladung zur Teilnahme an der `Summerschool´ zum Thema mit Referent_inn_en aus Wissenschaft, Gesellschaft, Kirche, Medien und Kultur. Eine Verleihung zweier Preise und eine Anerkennung in Form einer Urkunde an die Autorinnen und Autoren im Rahmen der Abiturabschlussfeier ist zugesagt durch den Präsidenten des zuständigen Kirchlichen Schulamtes der EKHN (Evangelische Kirche in Hessen und Nassau).9 7 „Dieses will ich dem Gesagten kurz hinzufügen.“ 8 Auch dies lehrt die Sokratesfigur Platons: Unter vielen möglichen Wegen der Problematisierung und Problemvertiefung kann stets nur einer bzw. können lediglich einige wenige gewählt und gegangen werden. 9 Zum Zweck der Publikation wurden die Beiträge marginal grammatisch, orthographisch etc. wie auch sehr sachte inhaltlich bearbeitet. Da die Bearbeitung möglichst wenig ‘eingriffig’ war, macht sich dies bemerkbar in einer gewissen Uneinheitlichkeit (auch) der manifesten Gestalt sowie stellenweise in einer gewissen Differenzierungsbedürftigkeit der vorbrachten Argumente und Gedanken aus fachlicher Sicht. I Einleitendes Vorwort 5 ‘Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubens‐ annahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?’– Systematisch-theologische Einführung in die Thematik Gliederung der systematisch-theologischen Themeneinführung Zunächst wird das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben (A’) Das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben) diskutiert. Hierbei sollen beiläufig die Aspekte ‘Wissenschaftscharakter der Theologie’ (a) Theologie und Wissenschaft) und ‘Hermeneutik’ (b) Die Methodenproblematik der (christlichen) Theologie) gestreift werden. Dann soll nach Fortführung der Frage des Verhältnisses von Vernunft und christlichem Glauben (A’’) Das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben (Fortführung)) über die Frage nach einer allgemeinen Offenbarung und Gotteserkenntnis (B) Die Frage nach einer allgemeinen Offenbarung und Gotteserkenntnis durch menschliche Vernunft) auf das Verhältnis der abrahamitischen Religionen eingegangen werden (C) Das Verhältnis der abrahamitischen Religionen). Subliminal10 bleibt dabei durchgängig die Wahrheitsfrage tragend und leitend. Am Schluss sollen dann auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse die beiden Ausgangsfragen (‘Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?’) Beantwortung finden (D) Beantwortung der beiden Eingangsfragen). Ganz zum Ende wird der ‘Gewinn’, der für einen interreligiösen Dialog erzielt wurde, knapp zusammengefasst (E) Der Gewinn für den interreligiösen Dialog). Auch bei diesem hier avisierten Vorgehen muss aber wegen des begrenzten Umfanges eine ‘Methode der Ausklammerung’ von Aspekten, die in II II.1 10 Subliminal: unterschwellig. 7 einer umfangreicheren Publikation hätten mitbehandelt werden können, statthaben. Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung Das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben Vernunft und (christlicher) Glaube werden oft in prinzipieller Opposition zueinander gesehen, gerade von religionskritischer Seite. Darauf, dass eine solche Gegenüberstellung zu einfach ist, deutet christentumsimmanent schon hin, dass der Gott, auf den sich der christliche Glaube bezieht, sich diesem Glauben gemäß als lógos geoffenbart hat, mithin als vernünftig. Tatsächlich ist das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben, ineins mit dem Verhältnis von Religion/christlicher Theologie und Wissenschaft, in der Geschichte des Christentums höchst wechselvoll gewesen, pendelnd zwischen Hermetik11 und Offenheit des Glaubens bzw. der Religion gegenüber Vernunft und Wissenschaft. Aus Gründen der Begrenzung des Umfanges wird dazu an dieser Stelle keine historisch-systematische Untersuchung durchgeführt, sondern, wie generell, die Fragestellung nur kurz exponiert und dann einer vorläufigen systematischen Klärung zugeführt: Was ist unter (christlichem) ‘Glaube(n)’ im Kern zu verstehen, was ist bei der verbreiteten Sichtweise mit ‘Vernunft’ gemeint? Wie ist das Verhältnis zwischen dem, was christlicher Glaube im Grund ist, zu dem, was die Religionskritik als ‘vernünftig’ ansieht? Zunächst zum christlichen Glauben: Christlicher Glaube hat zum Kern, dass sich in Jesus Christus Gott verbindlich gezeigt hat als die unbedingte Liebe, die sich dem Menschen zuwendet, ihn annimmt, ihn in Anspruch nimmt, und im Vertrauen auf deren endgültigen Sieg über alles, was ihr entgegensteht, der Mensch leben kann, darf und soll. Zur Vernunft: Eine zeitlos-ewige Definition dessen, was mit ‘Vernunft’ gemeint ist bzw. sein kann, scheint angesichts der Wandlungen des Vernunftbegriffes und der Pluralität gegenwärtiger Vernunftauf- II.2 A’) 11 Hier: ‘Verschlossenheit’. II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 8 fassungen wenig aussichtsreich. Stattdessen soll hier konturiert werden, was insbesondere von spätneuzeitlich-religionskritischer Seite unter ‘Vernunft’ verstanden wird, wenn sie dem Glauben entgegengesetzt wird, der als ‘unvernünftig’ bzw. ‘irrational’ bezeichnet wird, und zwar zunächst ‘ex negativo’12, indem untersucht wird, was als ‘unvernünftig’ angesehen wird. Von hier ausgehend kann dann gefragt werden, ob christlicher Glaube unter dem Maßstab eines derartigen Vernunftverständnisses tatsächlich ‘unvernünftig’ ist – und, last but not least, ob das hier zu Grunde liegende Verständnis von Vernunft, das sich in Grundsatzopposition zu christlichem, ja, jedwedem religiösem Glauben postuliert, überhaupt in sich plausibel ist. Die spätneuzeitlich-religionskritische Position lässt sich folgendermaßen konturieren: Der Glaube ist unvernünftig insofern, als er dem Wirklichkeitsverständnis des modernen Menschen widerspricht. Denn der Glaube behauptet eine über die Erfahrungswelt, wie sie durch die Sinne vermittelt wird, hinausgehende transzendente Wirklichkeit13. Speziell der christliche Glaube behauptet sogar, dass die (göttliche) Transzendenz in unsere natürliche Erfahrungswelt ‘einbricht’, u.a. in der Inkarnation Jesu Christi (‘Inszendenz aus Transzendenz’). Die empirisch erkennbare Wirklichkeit, die er funktional bzw. zweckrational gestalten kann, ist dem modernen Menschen aber schlechterdings der Inbegriff von Wirklichkeit überhaupt. Zudem erscheint der Glaube als unvernünftig, weil sich seine Behauptungen einer experimentellen, methodisch-empirischen Überprüfung entziehen. Sie sind nicht falsifizierbar, schon gar nicht verifizierbar. Ihnen kommt aber auch weder per se ein Evidenzstatus zu noch das Recht von Voraussetzungen, die man aus pragmatischen Gründen machen muss. Doch auch in den freien Diskussionen um ethisch-normative Zielvorstellungen etwa im Sinne eines (‘)vernünftigen(‘) Verhaltens im Umgang mit den wachsenden Techniken der Naturbeherrschung, also im Zusammenhang der Fragen des Zweckes, des Warum und des Wo- 12 „Vom Negativen ausgehend (das Positive bestimmend).“ 13 Von lat. transcendere: überschreiten, übersteigen; transzendente Wirklichkeit: eine Wirklichkeit, die unsere Erfahrungswirklichkeit überschreitet, die über sie hinausgeht, ‘über’ ihr ist, für uns nicht (direkt) erfahrbar ist. II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 9 zu sowie des (für uns) Guten erscheint der christliche Glaube mit seinen Behauptungen der Realität und eines Handelns Gottes unvernünftig. Nicht zuletzt erscheint der Glaube unvernünftig, da er Ausdruck einer Haltung von (infantiler) Autoritätshörigkeit und Heteronomie (heteronome Gebotsethik14) zu sein scheint. Der Glaubende scheint sich in Unmündigkeit kritiklos einer als Offenbarung postulierten, durch Tradition vermittelten Lehre zu unterwerfen. ‘Vernünftig’ wäre es demnach, das Leben autonom15, selbstständig und selbstverantwortet zu führen; sich also zu orientieren an Zielen, die frei gewählt wurden, und sich aus autoritativen Abhängigkeiten und heteronomen Gebundenheiten zu lösen; sich dementsprechend zu orientieren an Erkenntnissen und Einsichten, die allgemein in autoritäts- und herrschaftsfreien Diskursen begründbar sind; sich infolgedessen zu befreien (auch) von einschränkenden Transzendenzbefangenheiten zu Gunsten von verantworteter Selbsttranszendierung im Sinne immer größerer Selbstverwirklichung bzw. -vervollkommnung (auch in ethisch-moralischer Hinsicht) und stetig vermehrter Selbsterfüllung in der immer weiter erkenn- und gestaltbaren Erfahrungswelt, die das Gesamt der Wirklichkeit ist. Und gelingt dies nicht, sondern lebt der Mensch ‘entfremdet’ von seinem eigentlichen Wesen bzw. seiner eigentlichen ‘Vernunftbestimmung’, so ist es doch die Vernunft, die ihn aus dieser Entfremdung zu erretten hat (per Einsicht in die Entfremdung als deren (schließliche) Überwindung). So weit die Rekonstruktion der spätneuzeitlich-atheistischen Position. Was ist zu ihrer Einschätzung und Bewertung zu sagen? Steht christlicher Glaube tatsächlich in Widerspruch zu diesem ‘vernünftigen’ Standpunkt? Historisch-faktisch betrachtet tut er dies teilweise mit Sicherheit! Aber ist dies auch in systematischer Hinsicht so, d.h. muss er es? Und wenn ja, inwiefern bzw. inwieweit? Und inwiefern muss die skizzierte Vernunftauffassung evtl. revidiert werden? Hierzu ist festzuhalten: Grundsätzlich begrüßt christlicher Glaube, dass der Mensch als – gottgewollt – vernünftiges Wesen seine Vernunft 14 Heteronomie: ‘Fremdgesetzgebung’. 15 Wörtlich: ‘selbstgesetzgebend’. II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 10 dafür verwendet, die Welt zu erkennen und sie zu verändern (– selbstverständlich aber nicht zu jedem Zweck (s. nachfolgend)!)16 Wissenschaftliche Erkenntnisse, die durch den Gebrauch des Vernunftvermögens zu Stande gekommen sind, hat der Glaube zu akzeptieren, auch wenn diese, dem Charakter von Wissenschaft gemäß, vorläufiger bzw. hypothetischer Art sind – zu akzeptieren, selbst wenn sie dem Glauben ‘ungelegen’ erscheinen mögen. Diese Akzeptanz muss sich aber nicht auf die Anwendung bzw. den Gebrauch beziehen, der von diesen Erkenntnissen gemacht wird bzw. der aus ihnen folgt, etwa in (bio-/gen-/atom-)techn(olog)ischer Hinsicht. Maß und Grenze ist hier das Handeln der Liebe, das sich als Gottes Wille für die Menschen in Jesus Christus als verbindlich offenbart hat auch als Auftrag an die Menschen für die Menschen. Glaube, angemessen verstanden, ist frei von Nötigung und autoritativem Zwang, sei dieser physisch oder psychisch. Denn Glaube hat stets nicht nur den Aspekt des Glaubensinhaltes, der geglaubt wird, sondern wesentlich auch den des existentiellen Vertrauensaktes, der in Freiheit gewagt wird. Glaube ist dementsprechend auch nicht im Vorhinein argumentativ begründbar, sondern muss als vorbehaltlos-vertrauendes Sich-Einlassen ‘riskiert’ werden. Sein Gehalt bzw. seine Inhalte sind weder methodisch-empirisch überprüfbar, noch sind sie evident noch handelt es sich um Voraussetzungen, von denen erweisbar ist, dass sie aus pragmatischen Gründen notwendig sind und mithin von selbst gemacht werden. Gleichwohl gibt es für den Glaubenden so etwas wie eine subjektive ‘Bewahrheitung’. 16 Hier ist vor allem an den sog. ‘Herrschaftsauftrag’ des Menschen/an den Menschen aus Gen. 1,28 sowie 1,26 zu denken (das sog. ‘dominium terrae’). Es handelt sich hier um eine Universalisierung der sog. ‘altorientalischen Königsideologie’, nach der der König als Statthalter Gottes seine Herrschaft ausübt. Das ‘Revolutionäre’ von Gen 1,28 und Gen 1,26 besteht darin, dass der biblische Herrschafts- bzw. Schöpfungsauftrag für sämtliche Menschen gilt (die imagines Dei (‘Ebenbilder Gottes’) sind (s. Gen 1, 26f.)). Der Kontext verdeutlicht, dass mit dem Schöpfungsauftrag nicht an eine rücksichtslose Ausbeutung von Natur und Welt gedacht ist (vgl. Carl Amery: Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums, Reinbek bei Hamburg 1992), vielmehr an eine weise Regentschaft des/der Menschen (s. bes. Gen 1, 24–31 sowie Gen 2,15, wo ausdrücklich von Bebauen und Bewahren die Rede ist). II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 11 Das Verhältnis von Theologie und Wissenschaft Entsprechend lässt sich zum Verhältnis von Theologie und Wissenschaft, auch ohne an dieser Stelle definitorisch eigens näher bestimmen zu müssen, was mit ‘Theologie’ und ‘Wissenschaft’ je genau gemeint ist, hier beiläufig sagen: Insofern (christliche) Theologie auf die Erkenntnis von Wahrheit zielt und dies einseh-, nachvollzieh-, und kontrollierbar auf methodische und in sich konsistente Weise17 tut, ist sie ein Vollzug im Gebiet von Wissenschaft. Allerdings geht sie bei all ihrem Fragen, Be- und Hinterfragen wie kritischen Untersuchen von der Voraussetzung aus, dass in Jesus Christus letztgültig die Offenbarung Gottes geschehen ist. Diese ‘Glaubensprämisse’ aber ist nicht von der Art einer gewöhnlichen wissenschaftlichen Prämisse, die den Status einer überprüfbaren und revidierbaren Hypothese haben könnte. Die Grundannahme der Theologie hat unbedingten Charakter, nicht bloß hypothetisch-vorbehaltlichen.18 Dies gilt jedenfalls personal, d.h. für diejenige Person, die Theologie als Wissenschaft praktiziert, und zwar dem Inhalt nach a) 17 Konsistent: logisch widerspruchsfrei. 18 Es handelt sich hier um das, was man das ‘Grundkerygma’ (Kerygma: Botschaft) nennt, den ‘Kanon im Kanon’ (Kanon hier: Richtschnur, Richtmaß), die ‘Mitte der Schrift’. Diese ‘Mitte’ ist die Botschaft von der Heilstat Gottes in Jesus als dem Christus – wie auch immer man diese Heilstat soteriologisch-theologisch dann interpretiert (Soteriologie: Lehre vom Heil, näherhin die theologische Lehre vom Erlösungswerk Christi). Dies ist nicht im Sinne einer (Sühn-)Opfertheologie der Art zu fassen, gemäß der Gott durch den Tod eines anderen, nämlich Christi, als Opfer mit den sündigen Menschen erst (wieder) versöhnt hätte werden müssen wie ein blutrünstiger Moloch (s. z.B. 1. Joh. 4,8) (Moloch: grausame Macht, die immer wieder von Neuem Opfer verlangt und droht, alles zu verschlingen). Solch eine Theologie widerspräche sogar bereits dem biblisch-neutestamentlichen Befund, nach dem Jesu Tod zwar Sühnopfer ist, aber Gott (als ‘handelndes Subjekt’) es ist, der den ihm entfremdeten Menschen (als ‘Objekt’ dieser Handlung) aus seiner Liebe heraus mit sich versöhnt (s. z.B. bes. Röm 5,8 f. und II Kor 5,19). Dem speziellen Befund, dass Gott es ist, der versöhnt, trägt die bis in die Gegenwart wirkmächtige Satisfaktionstheologie Anselms von Canterbury (1033–1109 n. Chr.), dessen Name heute vor allem mit dem sog. ‘ontologischen Gottesbeweis’ (bzw. dem Versuch eines solchen) verbunden wird, Rechnung, wie er sie in seinem Werk Cur deus homo vorgetragen hat. Gemäß der klassisch gewordenen Satisfaktionstheologie Anselms wurden durch die Sünde des Menschen bzw. dessen Abfall von Gott (vgl. ‘Sündenfall’) Gottes Majestät und Ehre objektiv verletzt. Die Restitution (Wiederherstellung) der Ehre II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 12 (derjenige, der Theologie betreibt, muss m.E. nicht unbedingt selbst gläubig sein), und für die Theologie so lange sie Theologie ist und nicht (bloß) Religionswissenschaft. Sollte sich die die Theologie als Wissenschaft fundierende ‘Glaubensprämisse’ ihrem Inhalte nach nachweisbar als falsch erweisen, käme es zur Selbstaufhebung der Theologie als Wissenschaft. Sie könnte sich allenfalls zur Religionswissenschaft transformieren, die speziell auf das Christentum bezogen ist. Die Methodenproblematik der (christlichen) Theologie Dies zeigt sich in spezifischer Weise in der hermeneutischen Dimension: Strukturell wie methodisch unterscheidet sich das Auslegungsgeschehen in der Theologie nicht von demjenigen in anderen hermeneutischen Wissenschaften. Eine Differenz besteht jedoch in der Intention bei der Auslegung der Texte: Da angenommen wird, dass durch die menschlichen Aussagen der ausgelegten bzw. auszulegenden Glaubensurkunden der für alle Menschen zu jeder Zeit unüberholbar gültige und verbindliche Zu- und Anspruch Gottes selbst in Jesus Christus als Evangelium gegenübertritt, um wiederum Glauben zu evozieren, hat es verbindlich darum zu gehen, dass dieses Zu- und Anspruchswort im Auslegungs- und Übersetzungsvorgang als es selbst gewahrt wird, d.h., dass es mit sich selbst identisch bleibt auch und gerade, weil es um des Verständnisses willen für die Menschen der Gegenwart anders gesagt wird und werden muss als zu der Zeit, in der die ausgelegten überlieferten Texte entstanden sind. b) Gottes sei nur möglich durch eine objektive Strafe (poena) oder aber durch Wiedergutmachung (satisfactio). Da der Weg der Strafe aber die Vernichtung der ganzen Menschheit bedeutet hätte, blieb als Weg nur das Substitut, d.h. die Ersatzleistung, der satisfactio. Ein der Größe der Sünde angemessenes und entsprechendes Substitut aber konnte nicht der Mensch bzw. die Menschheit, sondern nur Gott selbst leisten. Aus diesem Grund musste Gott selbst Mensch werden um sein Leben hinzugeben als satisfaktives sühnendes Opfer für die Sünden der Menschheit. Diese Satisfaktionslehre hat einen germanisch-rechtlichen Hintergrund, d.h. ihr liegen germanische Rechtsvorstellungen zu Grunde. Diese Sühnopfertheologie beinhaltet allerdings mancherlei theologische Probleme, nicht zuletzt dasjenige der Vereinbarkeit mit dem neutestamentlichen Gesamtbefund. Eine ihrer unbestreitbaren Stärken liegt darin, dass die Heiligkeit und die Gerechtigkeit als zum Wesen Gottes gehörig gleichermaßen gewichtig genommen werden wie seine Liebe, Gnade und Barmherzigkeit. II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 13 Das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben (Fortführung) Doch zurück zur Frage, inwiefern (christlicher) Glaube tatsächlich ‘unvernünftig’ ist: Glaube als rückhaltlos-vertrauensvolles Sich-Einlassen auf den liebenden Gott meint nicht Vernunftaufgabe zugunsten einer kritiklosblinden Unterwerfung unter fremde Autorität, unter heteronome Gebote und äußere, durch kirchliche Tradition übermittelte Lehrgehalte. Glaube ist zunächst und zuerst Vertrauen auf den Zuspruch und die – tatsächlich ‘autoritative’ (!) – Zusage Gottes an den Menschen in Jesus Christus. Alles andere, was gemäß theologischer und kirchlicher Lehre ‘zu glauben ist’, hat in dieser Zusage Grund und Maß. Gerät dies in Vergessenheit, depravieren Glaube, Theologie und kirchliche Lehre – multa sunt exempla!19 Glaube wird zum vernunftwidrigen Fürwahrhalten autoritativer Setzungen. Glaube als solch rückhaltlos-vertrauensvolles Sich-Einlassen ermutigt gerade dazu, vernünftig und mündig zu erkennen, was der Liebeszusage Gottes an den Menschen entspricht und was dieser entgegensteht, und Vorschriften und Gebote an diesem Gültigkeitsmaßstab zu messen. Dies widerstreitet jedweder infantilen Hörigkeit, in der die Gläubigen kirchlicherseits und von Seiten der weltlichen Obrigkeit(en) gehalten würden, ja relativiert deren Anspruchsberechtigungen. Gleichwohl sei der Religionskritik zugestanden: Auch hierfür gibt es viele Beispiele! Weiterer Widerspruch zum spätneuzeitlich-religionskritischen Vernunftverständnis von der Seite des Glaubens ist anzumelden, wo – aus der Sicht des Glaubens – eine Vernunftüberforderung und auch -überhebung vorliegt: Aus der Sicht des Glaubens ist der Mensch mit seiner Vernunft nicht dazu imstande, sich aus seiner ‘Verkehrung’ bzw. Entfremdung zu befreien und seine Wesens- und Zielbestimmung aus eigener Kraft zu realisieren, sondern hierfür muss er sich vertrauend auf das einlassen, was er sich mit seiner Vernunft und aus ihr heraus nicht selbst sagen kann: auf die Botschaft des Evangeliums, die den Ge- A’’) 19 „Viele sind die Beispiele!“ „Es gibt viele Beispiele!“ „Viele Beispiele können angeführt werden!“ II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 14 brauch der Vernunft fundiert und ausrichtet. Desgleichen ist der Mensch demgemäß nicht imstande zur Selbstsetzung von Sinn und Ziel seines Daseins per Vernunft. Bedingter Widerspruch ist anzumelden, was das Wirklichkeitsverständnis anbelangt: Der Glaube verlangt nicht unabdingbar die Annahme einer anderen Wirklichkeit vor, über und/oder nach der Wirklichkeit, in der der Mensch lebt. Denn Gott in seiner Wirklichkeit kann verstanden werden als der unbedingte Liebeswille, der in dieser Wirklichkeit präsent ist und bleibt, ihr Grund ist und ihr Ziel, Richtung und Sinn gibt, nicht etwa als eine von ihr abgeschiedene Größe, die für sich seiend wäre. Das Offenbarwerden dieses die Wirklichkeit tragenden, ihr immanenten unbedingten Liebeswillens in Jesus Christus muss nicht verstanden werden als ‘Inszendenz aus Transzendenz’ (s.o.), nämlich als das Durchbrechen eines Immanenzzusammenhanges der menschlichen Wirklichkeit von einem ‘Anderswoher’ aus. Es kann aufgefasst werden als das Zum-Vorschein-Kommen von etwas in unserer Wirklichkeit stets verborgen Gegenwärtigem. Dies bedeutet allerdings (gleichwohl), dass die spätneuzeitlich-religionskritische Wirklichkeitsauffassung aus der Perspektive des Glaubens nicht angemessen ist, da sie als Wirklichkeit nur anerkennt, was empirisch erkennbar ist, jedenfalls aber selbst für eine derartige ‘Immanenztranszendenz’ eines der einen Wirklichkeit immanenten, sie tragenden und auf eine Vollendung leitenden (‘Reich Gottes’) göttlichen Liebeswillens keinen Raum lässt. Die Frage nach einer allgemeinen Offenbarung und Gotteserkenntnis durch menschliche Vernunft Damit ist im Grunde die Frage einer allgemeinen Offenbarung (revelatio generalis) und Gotteserkenntnis durch die menschliche Vernunft berührt, wie sie u.a. in der theologischen Tradition auf der Grundlage insbes. von Röm. 1,18ff.; 2,14f.; Act. 14,16f.; 17,22–27 gestellt und behandelt wurde im Sinne einer in der menschlichen Vernunftnatur generell fundierten Möglichkeit einer wahren, obgleich nicht hinlänglichen, gebrochenen und noch nicht zum Heil führenden Gotteserkenntnis, die der Offenbarung Gottes in Jesus Christus vorhergeht, B) II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 15 aber durch die Sünde in den ‘Götzendienst’ heidnischer/außerchristlicher Religionspraxis verkehrt wurde und wiederzubeleben sei. Festzuhalten ist in unserem Zusammenhang lediglich: Der originären universalen Selbstbekundung Gottes in den Werken seiner Schöpfung (Röm 1,19ff.) entspricht gemäß dem neutestamentlichen Befund kein, und sei es auch nur fragmentarisches, echtes menschliches Erkennen Gottes als Ergreifen des Heiles als menschliche Antwort (s. bes. Röm 1,21ff.). Die heidnische Religion ist nicht als Vorstufe christlicher Religion zu affirmieren20. Das Verhältnis der abrahamitischen Religionen Die Frage nach einer allgemeinen, natürlichen Gotteserkenntnis, mithin einer ‘natürlichen Theologie’ (theologia naturalis) sei damit hier beiseite gestellt zu Gunsten einer Behandlung der christlichen Religion, die der Christ als ‘wahre’ Religion glaubt und glaubend erfährt, in ihrem Verhältnis zu den anderen (insbes.) monotheistischen wie abrahamitischen Religionen, ihren Beanspruchungen von Gottesoffenbarung außerhalb der Christusoffenbarung sowie ihren Wahrheitsansprüchen. Wie ist aus christlicher Sicht deren außerchristliche Rede von Gott und deren Beanspruchung von Gottesoffenbarung zu bewerten im Blick auf ihren Grund und ihre Wahrheit? Äußert sich in ihnen aus christlicher Sicht so etwas wie eine ‘Vorahnung’ des ‘wahren Gottes’ – an die dann aus christlicher Sicht angeknüpft werden könnte und auch ‘missionarisch-verkündigend’ anzuknüpfen wäre? Oder aber äußert sich in ihnen, recht verstanden, die Frage nach dem wahren Gott, die sich selbst jedoch bereits als Antwort missversteht – die dann als (bloße) Frage aufzudecken wäre, auf die dann die ‘richtige’ (christliche) Antwort zu erfolgen hätte? Oder sind die anderen monotheistischen abrahamitischen Religionen zu verstehen als Manifestations- bzw. Offenbarungsformen desselben Gottes, allerdings in unvollkommener und damit über sich selbst und folglich auf die Christusoffenbarung hinausweisender Form – im Falle des Judentums: vorausweisend, im Falle des Islam: zurückweisend C) 20 Von lat. affirmare: bejahen, bekräftigen. II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 16 auf die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus? Das Selbstmissverständnis dieser beiden Religionen läge dann darin, dass sie für sich selbst bereits im Wesenskern vollendete Gottesoffenbarung und (vom Grunde her) vollständige Gotteserkenntnis beanspruchen. Liegt in all dem aber nicht (wenigstens) neben einer gewissen Würdigung dieser beiden Religionen auch eine deutliche Abwertung beider? Folgendes kann und muss aus christlicher Sicht aber festgehalten werden: Entsprechend dem neutestamentlichen Befund, nämlich gemäß dem Zeugnis von Jesus Christus als Evangelium Gottes für alle Menschen, kann der christliche Glaube nicht abrücken von der universalen Bedeutung und Gültigkeit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus – auch nicht gegenüber den anderen beiden abrahamitischen Religionen. Die Offenbarung des Gottes, an die der Christ glaubt, ist das Wort Gottes an alle Menschen! Diese universale Bedeutung ist allerdings nicht rational er- und beweisbar (etwa durch vergleichende Religionsanalyse), sie kann nur geglaubt und glaubend erfahren werden (wagend vorbehaltloser Einsatz von Vertrauen, s.o.). Von hier ausgehend kann das Verhältnis des christlichen Glaubens in seinem Wahrheitsanspruch zu den beiden anderen Abrahamsreligionen und ihren Gültigkeitsansprüchen näher bestimmt werden: Es wäre christlicherseits eine Anmaßung zu behaupten, in anderen Religionen könnten nur falsche Vorstellungen von Gott vertreten werden. Zwar ist stets kritisch zu prüfen, ob diejenigen Vorstellungen von Gott, die in den beiden anderen monotheistischen Religionen vertreten werden, der Offenbarung Gottes in Jesus Christus nicht widersprechen. Doch gilt dies in gewisser Weise für die im Christentum und dessen Theologie/n vertretenen Gottesvorstellungen selbst: Inwiefern sind sie wirklich dem in Jesus Christus als sich für alle Menschen als Evangelium offenbarenden Gott und seinem universalen Liebeswillen gemäß? Es liegt im Ermessen Gottes selbst, den Inhalt seiner Selbstmitteilung, nämlich seinen Heilswillen, auch in anderen Religionen (selbst über die Abrahamsreligionen hinaus) fühlbar, sichtbar und erkennbar werden zu lassen, also auch außerhalb seiner verbindlichen und II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 17 letztgültigen Offenbarung dieses Willens in der Gestalt Jesus Christus (die, so ist anzunehmen, nicht die (zeitlich) letzte und/oder einzige Manifestation dieser Liebe bleiben wird, ist und war). Der Christ/die christliche Theologie hat sich hier in Bescheidenheit zu üben und sich vorschneller Behauptungen zu enthalten hinsichtlich dessen, was er/sie nicht weiß und nicht wissen kann. Erstrebenswert ist hier die Haltung einer ‘gelehrten Unwissenheit’ (docta ignorantia, vgl. Nikolaus von Kues).21 Dies bedeutet zugleich und nicht zuletzt, dass der Christ/die christliche Theologie nicht behaupten kann und sollte, dass Nichtchristen/innen nicht zum Heil gelangen können. Denn auch hier gilt: Es liegt bei Gott, ob er Menschen, die nicht die Chance einer bewussten Entscheidung per Begegnung mit seinem Zuspruch in Jesus Christus haben, mit seiner Liebe begegnet und ihnen so ‘widerfährt’.22 21 Es geht Nikolaus von Kues hier um das Wissen von der Unbegreiflichkeit Gottes. Alles endliche Wissen führt letztlich auf diese Unbegreiflichkeit Gottes hin. In der Gotteserkenntnis geht es darum, Wissen über das eigene Nichtwissen zu erlangen, mithin über sich selbst belehrte Unwissenheit. Sprechen könnte man, die angerissenen Fragen betreffend, auch von der Angemessenheit einer diesbezüglichen sokratisch-skeptischen Problemkompetenz als problemqualifiziertes Nichtwissen und deren Erwerb im Verlauf philosophisch-theologischer Studien. 22 Im Blick auf die Frage nach der Vielfalt der Religionen aus christlicher Perspektive und der Bedeutung der nichtchristlichen Religionen im Heilsgeschehen wird hier also weder die Position eines ‘Heilsexklusivismus’ bezogen, wie er durch die christlichen Kirchen und Konfessionen über Jahrhunderte hinweg vertreten wurde („Extra ecclesiam salus non est!“: „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil!“) und fundierend für die christliche Mission gewesen ist (und für die katholische Kirche („Extra ecclesiam (catholicam)…!“) seit der Allgemeinen Kirchenversammlung in Florenz (1438–1445) sogar – wenn auch stets kontroverses – Dogma). Andererseits wird auch kein ‘religiöser Pluralismus’ der ‘Gleich-Gültigkeit’ bzw. ‘- Wertigkeit’ im Offenbarungs- und Heilsgeschehen vertreten, deren Vordenker vor allem der Religionsphilosoph John Hick (1922–2012) gewesen ist, sondern die Position eines in der dargelegten Weise ‘offenen’ (oder, wenn man so will: ‘schwachen’) religions- und heilsgeschichtlichen ‘Inklusivismus’ – wenn man denn überhaupt die Unterscheidung ‘Exklusivismus – Inklusivismus – Pluralismus’ für sachadäquat und hinreichend differenziert sowie eine derartige Ein- bzw. Zuordnung für sinnvoll hält. II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 18 Beantwortung der beiden Eingangsfragen Die beiden Eingangsfragen lassen sich nun knapp beantworten wie folgt: „Gibt es eine wahre Religion?“ „Ja, die christliche! Aber auch den anderen Religionen ist Wahrheit nicht von vorneherein abzusprechen, selbst wenn für sie die Gottesoffenbarung in Jesus Christus nicht fundierend ist!“ „Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?“ „Über die o.a. unaufgebbare Grundannahme christlichen Glaubens, die Grund und Maß ist, hinaus denjenigen, die als dem Zuspruch und Anspruch des sich in Jesus Christus bekundenden Liebeswillens Gottes für den Menschen als Evangelium entsprechend bzw. mit ihm im Einklang stehend vernünftig einsichtig und verstehbar gemacht werden können – ob sie nun innerchristlich oder aber außerchristlich aufgestellt werden!“ Der Gewinn für den interreligiösen Dialog Eine auf den Antworten auf diese beiden Eingangsfragen basierende Haltung kann aus christlicher Sicht die Ausgangsposition sein für einen durch Offenheit geprägten, von Toleranz und Akzeptanz getragenen, friedlichen und fruchtbaren interreligiösen Dialog insbesondere mit den beiden anderen monotheistischen abrahamitischen Religionen, die, trotz aller Konflikte in Geschichte und Gegenwart, mit dem Christentum, genau besehen, doch so viel verbindet! D) E) II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 19 Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema Ein kontroverses, aber fruchtbares Gespräch von Ben Pfeiffer und Hannah Kraft (mit Anregungen von Melitta Vögeding) Neben dem Christentum stammen ihrem Selbstverständnis nach sowohl der Islam als auch das Judentum von Abraham ab, sind also abrahamitische Religionen. Trotz dieses als gleich angenommenen Ursprungs gibt es heute große Unterschiede zwischen den Weltreligionen, welche sich in diversen Facetten zeigen. Durch die teilweise widersprüchlichen Annahmen stellt sich früher oder später zwangsläufig die Frage: „Welche dieser Religionen ist die wahre Religion; was ist die Wahrheit?“ Der Begriff ‘Wahrheit’ selbst stellt schon die erste Hürde dar: Wie genau ist er zu definieren? Als wir uns diese Frage gestellt haben, kam uns als erstes die Definition „Wahrheit ist, was man mit Fakten beweisen kann.“ in den Sinn. Doch mit Blick auf die Philosophie sieht man schnell, dass dies doch nicht so einfach zu sein scheint. Die verschiedenen Vorstellungen reichen von „Wahrheit als Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand“, „Wahrheit als Übereinstimmung des Denkens mit seinen eigenen, logisch zwingenden Gesetzen“ bis „Wahrheit als Ausdruck der Macht“. Schnell wird deutlich, dass diese Frage nur schwer zu beantworten ist. Im folgenden Dialog unterhalten sich Person A und Person B über die Frage nach der wahren Religion. Person A vertritt dabei den Standpunkt, dass es eine wahre Religion gibt, während Person B die Gegenseite beleuchtet. Person B: Ich habe zu Anfang erst ‘mal eine Frage, um eine Grundlage zu schaffen: Wie definierst du christlichen Glauben für dich? Person A: Das ist nur schwer auf ein paar Sätze herunter zu brechen, aber um wirklich den Kern zu beschreiben würde ich sagen, dass die Liebe Gottes zu den Menschen grundlegend ist. Jesus III. III.1 21 Christus ist als ein Ausdruck dieser Liebe zu uns gekommen, um zu zeigen, dass Gott hinter uns steht und uns in unserem Dasein unterstützt. Person B: Und wie bringst du diese Glaubenseinstellung mit der Vernunft in Verbindung? Ich würde sagen, die Vernunft beschreibt die Fähigkeit des Menschen, durch Erfahrungen, methodisch gesicherte Beobachtung und weitere objektive Variablen Schlussfolgerungen zu ziehen und entsprechend ein Wirklichkeitsverständnis zu entwickeln. Person A: Ich denke, es ist schwierig ‘Vernunft’ zu definieren, da sich das Verständnis in der Geschichte immer wieder verändert hat – und auch heute gibt es viele unterschiedliche Vorstellungen davon. Person B: Stimmt, auch das Verhältnis zwischen christlichem Glauben und Vernunft hat sich über die Jahre oft verändert. Während die Religion und die Theologie für die Wissenschaften teilweise recht offen waren, gab es auch zeitliche Perioden, in welchen Hermetik im Vordergrund stand. Wir sollten uns, um bei unserer Klärung weiter zu kommen, mehr auf die spätneuzeitliche Seite beziehen, welche auch die Grundlage der Religionskritiker ist: Der Glaube bezieht sich demnach schlichtweg nicht auf das heutige Wirklichkeitsverständnis. So gesehen ist der Glaube also unvernünftig: Denn hier wird eine transzendente Wirklichkeit angenommen, und zugleich wird durch die Inkarnation Jesu in die unsere eingedrungen. Person A: Aus der religionskritischen Perspektive ist dies nachvollziehbar, da man hier vom Negativen ausgeht und nur herausarbeitet, was unvernünftig sei. Betrachtet man allerdings die andere Seite, muss als erster Widerspruch genannt werden, dass Gott sich von vornherein als Logos, also vernünftig, gezeigt hat. Person B: Und dennoch erscheint uns ein solches angesprochenes Handeln eines Gottes unvernünftig. Dazu kommt noch, dass keine Behauptungen des Glaubens in irgendeiner Weise überprüft werden, was mich den direkten Zusammenhang von Glaube und Vernunft in Frage stellen lässt. Ein weiterer, in meinen Augen wichtiger Punkt ist, dass der Glaube auf Heteronomie beruht. Über Traditionen hinweg stellt niemand diese Fremdgesetzgebung in Frage. Ich III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 22 denke, es wäre vernünftig, selbstständiger zu leben, und nach für einen selber sinnvollen Gesetzen. Das Ziel ist es also, sich selber zu verwirklichen und zu erfüllen, um sich so eine humane Wirklichkeit zu schaffen. Im Falle des Versagens ist es dann schließlich die Vernunft, die einen rettet, und nicht der Glaube! Person A: Betrachtet man manche historische Fakten, hast du mit Sicherheit Recht, dennoch denke ich, dass man diese Auffassung von Vernunft teilweise etwas abändern sollte. Denn der christliche Glaube steht dem vernünftigen Denken nicht im Weg, er unterstützt es sogar! Und auch wissenschaftliche Erkenntnisse werden von der Religion akzeptiert bzw. sollten es jedenfalls. Hier komme ich wieder zurück auf den Kern des christlichen Glaubens, der Liebe Gottes zu den Menschen, denn in diesem Rahmen handeln wir. Der Glaube an sich sollte frei sein von Nötigung und obligatorischem Zwang, egal ob psychisch oder physisch, da der Glaube nicht nur auf dem Inhalt des Glaubens, sondern auch auf einer ernsthaften Vertrauensbasis gründet, und dieser in Freiheit gewählt wird. Deshalb muss sich jeder persönlich und selbst auf den Glauben einlassen und etwas dabei ‘riskieren’, da seine Grund-Inhalte sich wissenschaftlicher Erforschbarkeit und Beweisbarkeit entziehen. Dies spiegelt sich auch in der Beziehung von Theologie und Wissenschaft wider, da die Wissenschaft Thesen als revidierbar annimmt, die Grundannahmen der Theologie jedoch charakteristisch für die Theologie und somit nicht revidierbar sind. Person B: Aber dann bedeutet, einem Glauben anzugehören ja, sich ihm völlig blind und kritiklos zu unterwerfen und sich quasi bedingungslos einer fremden Autorität hinzugeben? Also ich weiß ja nicht, wie du damit klarkommst, aber ich finde das, ehrlich gesagt, einfach nur unvernünftig! Person A: Glaube als rückhaltlos-vertrauensvolles Sich-Einlassen heißt nicht, kritiklos zu sein gegenüber Inhalten, die von religiösen institutionellen Instanzen, wie zum Beispiel der Kirche, vermittelt werden. Glaube ist das Vertrauen in die Zusagen Jesu Christi! Wenn man das vergisst, wird der Glaube zur blinden Ausführung dessen, was andere Menschen von einem verlangen. Wer das weiß, wird solche Ansprüche immer an Gottes Wort messen und entgeht III.1 Ein kontroverses, aber fruchtbares Gespräch 23 so einer kindlichen Hörigkeit von kirchlicher und weltlicher Seite, die sich auf den Glauben berufen. Person B: Findest du das nicht trotzdem irgendwie riskant und unvernünftig, sich alles vorschreiben zu lassen? Person A: Naja, dazu ist von Seiten des Glaubens klarzustellen, dass es grade das Wesen des Glaubens ist, anzuerkennen, dass der Mensch den letzten Fragen nicht nur mit Vernunft beikommen kann. Die entscheidenden Fragen der Existenz des Menschen übersteigen seine bloße Intelligenz. Zudem verlangt der Glaube nicht, dass man sich dieser Wirklichkeit entzieht und sich quasi einfach einer anderen Welt hingibt. Person B: Also verlangt der Glaube nicht, dass man sich eher einer anderen Welt hingibt und die Realität sozusagen außer Acht lässt? Wie schon am Anfang erwähnt, wäre dies nämlich ein Zeichen der Unvernunft laut meiner Definition. Person A: Ganz und gar nicht. Der Glaube verlangt von niemandem eine, sagen wir ‘mal, außerhalb der Lebenswirklichkeit liegende, von ihr getrennte Welt anzunehmen. Denn man kann auch die Auffassung hegen, dass Gott Synonym ist für den unbedingten Liebeswillen, der sich in dieser Welt manifestiert und den Handlungen Richtung geben kann, ohne Befehl oder Anweisungen aus einer jenseitigen Sphäre. Gott ist somit quasi das Aufbrechen von etwas in unserer Welt als ihr Grund Vorhandenem. Das sagt auch, dass das spätneuzeitlich-religionskritische Vernunftverständnis deshalb nicht angemessen ist, weil es zur Erklärung des Glaubens nur Dinge anzuerkennen bereit ist, die wissenschaftlich und empirisch-vernünftig sind, und dabei außer Acht lässt, dass Gott und Religion sich im Jenseits dieser wissenschaftlich-empirischen Vernunft bewegen müssen. Person B: Okay, ich glaube, ich verstehe deine Ansichten bezüglich des Verhältnisses von Vernunft und Glauben so weit. Lass mich unser Gespräch jetzt ‘mal in eine andere Richtung lenken, denn da gibt es etwas, was ich mich dann doch noch fragen muss. Person A: Ja, das ist eine gute Idee! Ich versuche gerne, dir den christlichen Glauben näher zu bringen! Person B: Die Schöpfung ist ja auch in außerchristlichen Religionen eine Thematik von großer Bedeutung – und auch, wenn es in III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 24 der Bibel nicht an allzu vielen Stellen erwähnt wird, so muss ich jetzt doch darauf eingehen, dass nach Paulus sich Gott in der Schöpfung selbst offenbart. Person A: Ja, du spielst quasi auf die sogenannte Selbstbekundung Gottes in den Werken seiner Schöpfung an! Siehst du dort ein Problem? Person B: Das Wort ‘Problem’ ist sehr negativ konnotiert. Ich würde lieber sagen, dass mir etwas nicht klar wird. Denn auch in den von mir bereits erwähnten außerchristlichen Religionen wird die Schöpfung erkannt und somit ja auch Gott; trotzdem entstehen aus dieser Erkenntnis heraus dem Christentum nach nur Götzendienste. Wie kann das sein? Person A: Darauf gebe ich dir gerne eine Antwort. Die Menschen haben nämlich von vorneherein nicht Gott in der Schöpfung erkannt. Sie sahen die Schöpfung selber als Gottheit an und sprechen die göttliche Allmacht so indirekt von Gott ab, da sie diesen nicht in der Schöpfung erkannt haben. Das zeigt im Übrigen auch, warum die heidnische Religion keine Vorstufe der christlichen Religion ist. Person B: Jetzt haben wir bisher ja nur von der christlichen Religion gesprochen, aber eigentlich interessiert mich ja auch der Umgang der christlichen Religion mit den anderen Religionen im Besonderen. Lass’ uns über die anderen abrahamitischen Religionen reden. Diese zeigen schließlich auch Wahrheitsansprüche in Bezug auf ihre Religion und erfahren die Gottesoffenbarung auch ohne die Christusoffenbarung. Person A: Das ist eine Thematik, deren Grundfrage durch verschiedene Modelle abgehandelt wird. Ich würde dir gerne ein besonderes nahebringen, dem ich am meisten zustimme. Person B: Das würde ich sehr gerne hören. Person A: Für uns im Christentum ist die Gottesoffenbarung in Jesus Christus von besonderer Bedeutung. Dadurch, dass die anderen Religionen die Gottesoffenbarung nicht aus dieser Christusoffenbarung erfahren beziehungsweise diese nicht in ihre Erfahrungen der Gottesoffenbarung fundiert einbeziehen, kann ihnen hier nicht die volle Wahrheit zugesprochen werden. Dennoch sind in ihnen Offenbarungsformen desselben Gottes vorhanden. Durch Nichteinbe- III.1 Ein kontroverses, aber fruchtbares Gespräch 25 ziehen der Christusoffenbarung liegen diese allerdings noch in quasi unvollkommener Form vor. Kurz gesagt, sie scheinen also die Frage nach der Gottesoffenbarung für sich richtig beantwortet zu haben. Das Problem liegt jedoch darin, dass sie zwar die richtige Frage stellen, doch ihre Antwort ist noch nicht die richtige. Das Christentum jedoch hat diese Antwort durch die Christusoffenbarung gefunden. Person B: Ich kann deiner Argumentation zwar folgen, aber wertest du damit nicht die anderen Religionen auf eine leicht arrogante Weise ab? Person A: Ich verstehe, worauf du hinauswillst, aber dem kann ich nicht ganz zustimmen. Dem Judentum und dem Islam wird schließlich durchaus Wahrheit zugesprochen und sie werden somit gewürdigt, allerdings haben sie die Wahrheit noch nicht vollends erkannt. Person B: Du würdest also sagen, dass die Offenbarung Gottes in Jesus Christus ein zentraler Bestandteil der Selbstoffenbarung Gottes ist? Person A: Ja, auf jeden Fall! Das ist besonders wichtig, da durch Jesus Christus ja alle Menschen durch Gott erreicht werden und diese Christusoffenbarung dem Christentum und dem Gott der abrahamitischen Religionen somit seine universale Bedeutung zuspricht. Deswegen ist quasi zu prüfen, ob die Vorstellungen der anderen beiden Religionen der Offenbarung Gottes in Jesus Christus widersprechen, um deren Wahrheitsansprüche bestätigen zu können. Person B: Sollte man sich dabei nicht erst einmal selber an die Nase fassen? Wer sagt, dass in allen Formen des Christentums dies der Fall ist? Person A: Das ist natürlich klar, denn auch das Christentum in sich widerspricht sich in manchen seiner früheren und wohl auch jetzigen Formen mit den eigentlichen, richtigen Vorstellungen. Deswegen muss sich das Christentum auch selbst prüfen! Person B: Warum sollte dann dem Christentum die volle Wahrheit zugesprochen werden, wenn es selbst nicht die ‘Anforderungen’ erfüllt? Person A: Zwar kann einzelnen Formen des Christentums nicht die volle Wahrheit zugesprochen werden, aber dem Christentum III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 26 als Ganzes schon, denn dem, was das Christentum übergreifend ausmacht, kann Wahrheit zugesprochen werden! Aber was du wissen musst, ist auch, dass es in der christlichen Theologie keineswegs heißen muss, man müsse den anderen abrahamitischen Religionen und sogar anderen Religionen ihre Fehler vorführen und den richtigen Glauben aufzwingen! Als wahrer Christ muss nämlich auch das Vertrauen in Gott da sein, der sich auch dort offenbaren kann und die Menschen seinen Liebeswillen fühlen lässt. Person B: Das ist für mich eine sehr vorbildhafte Einstellung! Somit sind dann auch Nichtchristen nicht vom Heil durch Gott ausgeschlossen? Person A: Genau richtig, denn nur Gott selber entscheidet, wem er mit seiner Liebe widerfährt, da auch nicht jeder ihm bewusst durch Jesus begegnen kann! Person B: Okay, da konntest du mich wirklich weiterbringen! Auch wenn ich nicht gläubig bin, kann ich jetzt Einiges sehr viel besser nachvollziehen und fühle mich dem Christentum nähergebracht. Person A: Das freut mich! Für mich ist und bleibt der christliche Glaube die Religion, die den vollen Wahrheitsanspruch erfüllt. Person B: Trotzdem tragen auch die anderen Religionen Wahrheit in sich. Person A: Ja, genau, schließlich verbindet die drei abrahamitischen Religionen auch Vieles. Ein Streitgespräch am Essenstisch von Hannah Politycki und Alanys de Thoré Maria: Mutter von Jona, Tochter von Richard, streng katholisch Jona: Kind ca. 8 Jahre, katholisch erzogen Richard: Vater von Maria, atheistisch → religionskritisch III.2 III.2 Ein Streitgespräch am Essenstisch 27 Sarah Rosenthal: jüdische Freundin von Maria Am Essenstisch Jona: Mama, Opa hat schon angefangen zu essen, wir haben doch noch gar nicht gebetet! Maria: Roland, würdest du bitte noch auf uns mit dem Essen warten?! Opa grummelt, Maria und Jona falten die Hände. Maria: Danke Herr, dass du uns dieses Essen geschenkt hast und uns tagtäglich behütest. Maria und Jona: Amen! Richard: Endlich können wir anfangen! Jona: Betest du nicht vor dem Essen? Es ist doch wichtig sich bei Gott zu bedanken. Er macht ja so viel für uns und liebt uns sehr! R.: Und du glaubst immer noch an Gott? Zynisch zu Jona. M.: Ach komm schon Richard! Fang jetzt bitte nicht wieder damit an! R: Ich werde damit immer wieder anfangen, denn du gibst diese Werte an meinen Enkel weiter! Das will ich nicht dulden! Das ist unvernünftig! M: Also bitte, ob das vernünftig ist oder nicht, steht hier doch gar nicht als Frage! R: Oh doch, das tut es! J: Könnt ihr bitte aufhören zu streiten!? Über was redet ihr überhaupt? M: Dein verbitterter alter Großvater meint, dass es Gott nicht gäbe und die Religion unvernünftig sei. R: Meinen? Dass es Gott nicht gibt, das ist ein Fakt! Naturwissenschaft, das ist Empirie, das kann man beweisen! Aber Gott? Glaube widerspricht schlichtweg dem Wirklichkeitsverständnis des modernen Menschen. Er lässt sich weder beweisen noch überprüfen, fertig! Da gibt es doch nichts zu diskutieren, Maria! M: Natürlich gibt es Gott! Was meinst du denn, wer uns sonst so ein wunderbares Geschenk wie das Leben und unsere gegenseitige Liebe hätte schenken können? III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 28 Richard verdreht die Augen. J: Gott gibt uns Hoffnung! Und später, wenn wir alt sind und sterben, werden wir es bei Gott im Himmel gut haben! M: Das hast du schön gesagt, Jona! R: Dein Verhalten, Tochter, ist ja ‘mal mindestens genauso infantil wie das deines Sohnes! Ich kann immer noch nicht glauben, dass du so leichtgläubig so etwas glaubst! M: Infantil?! Vater, jetzt halt mal den Ball flach! Richard unterbricht Maria. R: Dein Verhalten ist doch bloß ein Ausdruck einer Haltung von Autoritätshörigkeit und Auslieferung an Fremdgesetzgebung. Das ist unvernünftig! Ich weiß nicht, wie oft ich dir das schon gesagt habe! M: Religion schließt doch kein selbstbestimmtes Leben aus! Ich kann schließlich auch selbstbestimmt entscheiden, ob ich dieses Leben mit Gott leben möchte, oder eben nicht. Und das will ich! Und nur weil Jona und ich jede Woche zum Gottesdienst gehen, übergeben wir keinerlei Verantwortung an eine Autorität! Ich denke, du beziehst dich hier auf die Kircheninstitution. J: Hört auf zu streiten! Ich habe zwar gerade nicht mehr alles verstanden, aber Großvater, du kannst doch ‘mal wieder mit uns sonntags in die Kirche gehen! Du warst schon so lange nicht mehr mit uns, bitte, bitte, bitte! Jona schaut seinen Großvater mit großen Augen an. R: Mein Schatz, darüber können wir doch ein anderes Mal reden. M: Was dein Großvater sagen möchte, ist, dass er nicht mitkommen möchte. J: Warum denn das? Opa, magst du Gott nicht? Möchtest du ihm nicht danken? M: Großvater glaubt doch nicht, dass es Gott gibt. R: Ich würde eher sagen IHR glaubt, dass es Gott gibt. Ihr glaubt es. Ich weiß es. Und zwar, dass es KEINE höhere Gewalt gibt. Wissenschaftliche Ergebnisse, das wissen wir. Gott, das ist etwas, was empirisch NICHT überprüfbar ist. Da sag’ nochmal, ich würde glauben! III.2 Ein Streitgespräch am Essenstisch 29 M: Ja, du hast Recht, Gott ist nicht wissenschaftlich beweisbar, das ist aber kein Grund… Richard unterbricht sie. R: Ich weiß, Gott hat sich uns durch Jesus Christus offenbart, durch den Gottes Liebe zum Menschen und die Nächstenliebe verkörpert wurde. Das Argument bringst du immer. M: Das wird mir jetzt hier grade zu blöd! Komm Jona, wir gehen den Tisch abräumen und dann bettfertig machen. Jona und Maria stehen vom Tisch auf und gehen in die Küche. J: Ich mag das nicht, wenn ihr euch immer streitet! Er blickt seine Mutter traurig an. M: Das hat nichts mit dir zu tun, Jona. Es gibt nun ‘mal Menschen, die nicht an Gott glauben. Opa zum Beispiel glaubt auch nicht, dass es einen Gott gibt. Deswegen versteht er es dann nicht, warum wir daran glauben. J: Aber warum glaubt er denn nicht an Gott? M: Opa sagt, man kann Gott nicht ‘beweisen’. Das meint er mit „empirisch nicht überprüfbar“. Viele Menschen glauben nur das, was sie sehen, und Gott kannst du eben nicht sehen. J: Mama, aber woher wissen wir denn dann, dass es Gott gibt? Warum glauben wir denn? M: Weil es so in der Bibel steht, mein Schatz. Gott hat sich durch Jesus Christus offenbart und das ist doch grade das Besondere an der Religion. Wir vertrauen in Gott und wir vertrauen darauf, dass er immer bei uns ist. Maria und Jona gehen wieder zusammen ins Wohnzimmer. J: Wollen wir noch ein Spiel spielen? Ich möchte noch nicht ins Bett gehen! R: Das hört sich doch nach etwas Vernünftigem an. Ich bin dabei! M: Jona, du musst doch ins Bett, es ist schon Zeit. J: Mama, bitte! R: Jetzt lass’ uns doch noch eine halbe Stunde etwas spielen, morgen ist Samstag. M: Okay gut … Jona hat in der Zwischenzeit ein Spiel herausgeholt. Es klingelt an der Haustür und eine Freundin Marias kommt herein. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 30 Sie stellt sich Richard vor. S: Sarah Rosenthal, freut mich. Du, Maria, du hattest noch meine Tasche, die wollte ich noch schnell holen. J: Sarah! Bleib doch bitte! Du kannst ja mit uns noch eine Runde spielen. Er deutet auf das Spiel. Auf dem Deckel steht der Titel „Wer weiß was?“. M: Muss es denn genau dieses Spiel heute sein? Sie schaut von Jona zu ihrem Vater, stimmt letztendlich aber widerwillig zu. Sarah, Richard, Jona und Maria sitzen nun alle vor dem Spiel. J: Also, das Spiel funktioniert so: Man muss eine Frage ziehen und versuchen, sie richtig zu beantworten. Wenn man das schafft, darf man ein Feld weiterziehen, und wer zuerst am Ziel ist, hat gewonnen. Ich bin der jüngste Spieler, ich darf anfangen! Er zieht eine Karte vom Stapel. Jona liest die erste Frage vor: Wie alt ist die Erde? Antwort a) ist, dass wir das nicht wissen, Antwortmöglichkeit b) 4,6 Milliarden Jahre und Möglichkeit c) weniger als 10.000 Jahre alt. J: Uff, die Frage ist schwer. Ich weiß es wirklich nicht. Ich rate mal weniger als 10.000 Jahre. 4,6 Milliarden Jahre, das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Richard lacht. R: Aber, dass Gott die Welt vor weniger als 10.000 Jahren in 7 Tagen geschaffen hat, das kannst du dir vorstellen! Wahrscheinlich genauso wie auch, dass Adam und Eva nackt in einem Garten ‘rumgesprungen sind. Er sagte dies so leise, dass nur Maria es hörte. Sie zischt zurück: M: Er weiß es doch wirklich nicht! Kannst du nicht einmal deine zynische Art beiseitelegen?! J: Was würdet ihr denn sagen, wann die Erde geschaffen wurde? R (zynisch): Ich würde jetzt einfach ‘mal mit Sicherheit wetten, dass deine Mutter dir sagen wird, die Erde sei weniger als 10.000 Jahre alt. Das steht so nämlich in ihrem kleinen heiligen Zauberbuch, der Bibel. Aber ich kann mit definitiver Sicherheit sagen, die Erde ist schon 4,7 Milliarden Jahre alt und durch den Urknall entstanden. III.2 Ein Streitgespräch am Essenstisch 31 S: Ich würde mich einfach ‘mal bei der Frage herausnehmen, ich weiß es nämlich nicht. In der Thora … Richard unterbricht sie. R: Ach du meine Güte, nicht noch so ein kleiner Jude! Naja, bei dem Namen hätte ich es mir ja eigentlich schon denken können. Maria zieht die Luft ein und möchte grade schon etwas zu Richard sagen, da fällt Sarah ihr ins Wort. S: Maria, ist schon gut! Das bekomme ich oft zu hören. M: Nein, das ist nicht okay … J: Was ist noch einmal ein Jude? Er schaut Sarah an. Bist du ein Jude? S: Ja, ich bin Jüdin. Du bist Christ, das heißt, deine Religion, das, woran du glaubst, ist das Christentum. Bei mir ist es das Judentum. Juden und Christen glauben beide an einen Gott, für mich heißt er Jahwe, für dich einfach nur Gott, oder Vater, beziehungsweise für mich HERR. Wir beide beten zu ihm, bitten ihn um Hilfe. J: Und was unterscheidet dann einen Juden von einem Christen? M: Wir beten zum Beispiel auch zu Jesus Christus, durch den sich Gott offenbart hat. Er ist sozusagen der Sohn Gottes, der Messias, der uns befreit hat. Das hattet ihr doch letztens im Religionsunterricht, weißt du noch? Da hast du doch noch den Pfarrer nach dem Gottesdienst gefragt, warum Jesus gestorben ist. J: Stimmt! Jesus ist am Kreuz gestorben, damit uns unsere Sünden vergeben werden und die Menschheit so befreit wird. S: Aber Jahwe möchte doch keine Menschenopfer! Und Jesus ist auch nicht der Messias, der Messias ist noch nicht gekommen! R: Ihr mit eurem Messias…! Er wirkt genervt. J: Ich merke, ihr seid euch uneinig. Ich liebe Jesus, aber ich verstehe das noch nicht, wie ihr Juden ihn nicht lieben könnt. Jesus war doch auch Jude, oder? M: Ja, Jesus war Jude. Aber er erzählte den Menschen neu von dem Gott, an den das jüdische Volk glaubt, indem er dessen Liebe und Zuwendung zu den Menschen, seine Menschenfreundlichkeit betonte – entgegen jüdischer Gesetzesstrenge. Manche Menschen glaubten ihm, diese nannten sich nach der Auferstehungserfahrung III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 32 nachösterlich dann Christen. Manche nicht, das waren dann die, die Juden blieben. J: Und warum glauben wir denn Jesus? Woher wissen wir, dass Jesus Christus die Wahrheit gesagt hat? M: Er ist für unsere Sünden gestorben und vor allem ist er nach seinem Tod wieder auferstanden. Jesus’ Prophezeiungen hatten sich dadurch erfüllt, weil Gott ihm das ewige Leben geschenkt hat. Daher wissen wir Christen, dass Jesus Recht hatte. J: Ach so, jetzt verstehe ich das. Das heißt dann aber auch, wenn ich das richtig verstanden habe, dass es das Judentum schon vor dem Christentum gegeben hat, oder? Tut mir leid, dass ich jetzt so oft nachfrage, aber ich finde das Thema einfach so interessant. M: Ja, das heißt es. R: Und wenn ihr dem Jungen jetzt noch erzählen wollt, dass nicht nur das Christentum, sondern auch die ganzen Kopftuchträger vom Judentum abstammen, dann gehe ich, das wird mir wirklich zu blöd! J: Okay, das würde mich zwar auch interessieren, aber dann lass’ uns weiter das Rätselspiel spielen. Opa, du bist dran! Ich möchte nicht, dass du schon gehst. Richard zieht eine Karte. Auf der Karte steht: Welche dieser Religionen ist keine der abrahamitischen Religionen? Antwortmöglichkeit a) das Christentum, Möglichkeit b) der Islam, oder Möglichkeit c) der Hinduismus. R: Das ist einfach. Der Hinduismus. Alle einverstanden? J: Kannst du noch einmal die Frage vorlesen? R: Welche dieser Religionen ist keine der abrahamitischen Religionen? Christentum, Islam oder Hinduismus. J: In der Bibel gibt es einen Abraham, darüber hat der Pfarrer einmal geredet. Vielleicht hat das damit zu tun, aber was abrahamitisch ist, weiß ich nicht. M: Ich erkläre es dir kurz: Um die Antwort schon vorwegzunehmen, das Christentum, der Islam und das Judentum sind abrahamitische Religionen. Alle drei glauben nur an einen Gott, Christen nennen ihn Gott, Juden Jahwe und Muslime Allah. ‘Abrahamitisch’ III.2 Ein Streitgespräch am Essenstisch 33 heißen diese Religionen, weil sie sie sich alle auf Abraham, den sogenannten Stammvater, berufen. S: Jede Religion hat dabei auch ihre eigene heilige Schrift. Es gibt die Thora, den Koran und die Bibel. In den verschiedenen Religionen gibt es sehr verschiedene Ansätze und Traditionen, allerdings haben sie die gleichen Grundsätze. Und vor allem, was ich wichtig finde, ist, dass jede Religion auf ihre eigene Weise Kraft spendet. Sie bedeutet für uns Hoffnung. M: Genau! Religion heißt für mich, die Überzeugung zu haben, zu glauben. Es ist nichts, was auf Fakten beruht, auf Zahlen oder rationalem Handeln. Glaube findet im Herzen statt. Es ist die gefühlshafte Erfahrung! Und da macht es keinen Unterschied, ob ich nun christlich, jüdisch oder muslimisch bin. Das war auch das, Vater, was du vorhin meintest. Es geht gar nicht darum, dass man Gott messen kann. Gott ist mehr als das. Mehr als nur eine Zahl auf dem Papier! Er ist all die Liebe, die wir geben können. Gegenüber ihm und unserem Nächsten. Er ist all die Hoffnung, die wir schöpfen können, all die Hoffnung, die uns tagtäglich die Kraft gibt, weiter zu gehen, und Gott ist das Gefühl, beschützt zu werden. Das Gefühl, mehr als nur beschützt zu werden. Denn er ist bei uns! Kannst du dir vorstellen, was ich meine? R: Ich glaube schon. Die Vorstellung, dass man, egal was passiert, geliebt wird, ist wirklich sehr, sehr schön! Ich kann mir nicht erklären, wie das passieren konnte, aber ich denke, ihr habt in den letzten Stunden mein Weltbild ziemlich umgeworfen. Und, was mir gerade auffällt, egal wie unhöflich ich war, ihr habt mich akzeptiert! Ich habe euren Glauben nicht akzeptieren wollen, aber ihr habt mir trotzdem die Chance gegeben, ihn zu verstehen, ohne mich zu verurteilen. Die Welt braucht mehr Menschen, die so sind wie ihr! Und, meine Tochter, du hast Recht, was das angeht; es ist schön, einfach mal das Positive im Menschen zu sehen, seinen Nächsten zu akzeptieren und zu lieben! M: Ich glaube es nicht, Richard, dass solch wunderbare Worte aus deinem Mund kommen! Maria guckt gerührt. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 34 R: Das musst du auch gar nicht nur glauben, denn das hast du grade wirklich gehört! Er zwinkert ihr zu. S: Tut mir leid, dass ich diese emotionale Szene jetzt unterbrechen muss, aber ich denke, ich muss auch ‘mal wieder nach Hause. Ich würde mich allerdings sehr freuen, wenn wir die Konversation ein anderes Mal fortsetzen können! R: Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Frau Rosenthal! Und kommen Sie das nächste Mal gerne wieder vorbei! Durch meine Tochter hab’ ich schon oft etwas vom Christentum gehört, aber mit dem Judentum kenn’ ich mich ehrlich gesagt noch nicht so gut aus. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir noch mehr darüber erzählen würden! S: Auf jeden Fall! Lehitra’ot! („Auf Wiedersehen!“ in jiddischer Sprache.) Jona und Maria sind in der Zwischenzeit in Jonas Zimmer gegangen. Er macht sich gerade bettfertig. J: Mama, ich habe heute so viel gelernt, ich bin jetzt schon ganz müde. M: Ja, ich versteh dich gut. So viel Neues zu lernen, ist immer sehr anstrengend. Sie streichelt ihm liebevoll über den Kopf. J: Eine Frage habe ich noch. Kann ich sie dir noch kurz stellen? M: Natürlich! J: Gibt es denn jetzt eigentlich eine richtige Religion? Es gibt ja so viele Religionen … Jahwe, Allah, Gott, was stimmt denn davon nun? Wenn Sarah Jüdin ist und an Jahwe glaubt, aber ich Christ und an Gott glaube, liegt dann nicht einer sozusagen falsch? Ich meine, es gibt doch nur einen Gott. M: Das ist eine gute, aber auch eine sehr schwierige Frage, mein Schatz. Meine Meinung dazu ist, dass jede Religion ‘richtig’ ist, wenn sie dir hilft und du Kraft in ihr findest. Wenn du an Gott glaubst, dann gibt es Gott auch für dich, alleine aus dem Grund, weil du vom Glauben fest überzeugt bist. Wenn Juden von ihrem Glauben an Jahwe überzeugt sind, ist es für sie allerdings genauso richtig. Das Gleiche gilt auch für Muslime. Und dass es nur einen Gott gibt, bezieht sich darauf, dass es für DICH nur einen Gott gibt. III.2 Ein Streitgespräch am Essenstisch 35 Woran ich glaube, ist, dass Gott sich den Menschen als Jesus Christus offenbart hat und dass sein Wort das Wort an alle Menschen war, beziehungsweise immer noch ist. Das ist das, was das Christentum für mich so wertvoll macht und somit zur wahren Religion für mich. Es liegt allerdings im Ermessen von Gott, seinen Heilswillen auch in den anderen Religionen fühl- und erkennbar werden zu lassen. Das Gleiche gilt auch für Nichtchristen. Gott kann auch für Menschen, die nicht an ihn glauben, seine Liebe spüren lassen. Weißt du, was ich meine? J: Ja, ich denke schon. Danke schön Mama! Können wir noch beten? M: Möchtest du anfangen? J: Lieber Gott im Himmel! Ich möchte dir danken für diesen wundervollen Tag, den du mir geschenkt hast! „Am Abend, Gott, komme ich zu Dir, um für alles zu danken. Mein Denken und Tun war von Dir begleitet. Meine Sorge und Schuld war von Dir umfangen. Begleite und umfange mich durch die Nacht hindurch, bis der Morgen anbricht.“ M: Auch ich möchte Dir danken, für all das, was Du mir geschenkt hast, wie auch meinen wunderbaren Sohn, dem ich hoffentlich all die Liebe weitergeben kann, die Du mir gibst. Und somit glaube ich an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und an das ewige Leben. Amen. J: Gute Nacht, Mama. Ich hab dich lieb! Jona gibt seiner Mutter einen Gute-Nacht-Kuss. M: Ich hab dich auch ganz, ganz doll lieb! Sie verlässt leise das Zimmer. Draußen wartet bereits Richard. Er hat sich seine Jacke angezogen und steht bereits an der Tür. M: Gehst du schon? R: Ja, es ist doch schon etwas später geworden. M: Sie schaut auf die Uhr und nickt. Aber der Abend war auf jeden Fall schön! Auch wenn er von ein paar … Meinungsverschiedenheiten durchzogen war. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 36 R: Gehört doch aber auch dazu, oder nicht? Ich bin stolz auf dich, meine Tochter! Er umarmt Maria. M: Danke Richard! Ihre Augen spiegeln ihre Rührung wider. Richard verlässt das Haus. Er dreht sich noch einmal um. R: Sag’ ‘mal Maria, wann soll ich am Sonntag denn bei euch sein? Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen von Laura Heuser und Lilith Langhammer (mit Anregungen von Sophia Weiss) Wahrheit! ‘Wahrheit’ ist schwer zu definieren, da jeder seine eigene ‘Wahrheit’ für richtig hält. Dem Wort wurde die Macht der ‘Richtigkeit’ entzogen, da viele sagen, sie würden die Wahrheit sagen, obwohl sie tatsächlich lügen. Bezieht man das Wort ‘Wahrheit’ auf die Religion, so kann man auch hier nicht ohne weiteres eine bzw. die ‘richtige’ Religion ausmachen. Dennoch beanspruchen die drei großen monotheistischen und abrahamitischen Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) diese oft exklusiv für sich und sie rechtfertigten damit jahrhundertelang ihren jeweiligen Anspruch, die wahre Religion zu sein. Jedoch gibt es auch Menschen, die keiner dieser oder irgendeiner anderen Religion angehören. Daher ist die Frage nach einer oder gar der einen ‘wahren’ Religion sehr kritisch zu betrachten. Trotzdem machen manche Personen ihr Leben von ihrer Religion abhängig. Dies kann unter den unterschiedlichen Religionen zu Streitigkeiten führen. So auch in unserem Dialog, in dem sich einerseits zeigt, wie ähnlich sich die drei abrahamitischen Religionen eigentlich sind, andererseits aber, dass sie trotzdem oft nicht zu Übereinstimmungen kommen. Oder vielleicht gerade deshalb? Die drei Freundinnen Sarah (Muslima), Esther (Christin) und Shoshanna (Jüdin) diskutieren beim Mittagessen über die ‘wahre’ Religion. Shoshanna: Ah Sarah, stopp! Das ist das mit Schwein! Dein Lamm steht dort drüben! Sarah: Oh, danke! III.3 III.3 Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen 37 Esther: Shosh, war das nicht ein bisschen viel Arbeit, extra noch ‘was anderes zu machen? Hättest du nicht einfach auch Schwein essen können, Sarah? Shoshanna: Nicht das schon wieder …! Sarah: Esther, du weißt, dass ich kein Schwein essen darf! Es geht nicht darum, ob ich möchte! Esther: Ja, ja, aber… warum denn? Das macht doch keinen Sinn, Schwein ist doch lecker … Shoshanna: So steht das im Koran, stimmt’s? Genauso wie die Tora besagt, dass wir Fleisch nicht mit Milch zusammen essen oder kochen dürfen. „Du sollst ein Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen.“ Das hat bei euch wahrscheinlich auch ‘was mit eurer Geschichte zu tun, oder Sarah? Sarah: Haargenau! So steht es eben im Koran, und den müssen wir achten! Esther: Aber das ist doch dumm! Warum sollte Gott uns vorschreiben, was wir essen dürfen und was nicht? Darum geht es doch im Glauben nicht! Sarah: Naja, so einfach kann man das ja jetzt nicht sagen. Esther: Zumindest geht es bei uns nicht darum! Ich glaub’ das nicht, dass ein Gott dir sowas Dummes vorschreiben würde. Das kann ja gar kein richtiger Gott sein! Sarah: Jetzt aber ‘mal langsam, was soll denn das bitte heißen? Das ist schon etwas respektlos, Esther! Bei meinem Gott, bei Allah, ist das so! Du musst es ja nicht machen, ich jedoch glaube daran und höre auf Allahs Wort, für mich ist es ein richtiger Gott. Wer sagt denn, dass dein Gott der wahre sein muss? Shoshanna: Ich muss Sarah zustimmen! Außerdem, Esther, ich meine mich zu erinnern, dass das Verbot im Koran, Schweinefleisch zu essen, eigentlich auf die Bibel zurückgeht. Sarah hätte die gleiche Frage also auch andersherum stellen können. Sarah: Wirklich? Na siehst du, Esther? Warum isst du denn Schweinefleisch, wenn es auch in der Bibel steht? – Na? Nimmst du sie etwa nicht ernst? Esther: Doch! Natürlich! Woher wisst ihr überhaupt, was in der Bibel steht? Ach so, ja, das Alte Testament … Zumindest bei dir, Sosh, III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 38 wundert es mich nicht. Aber vielleicht meinte Gott das ja auch ganz anders! Shoshanna: Aber da seht ihr doch, eure oder besser: unsere Heiligen Schriften sind sich eigentlich sehr ähnlich! Warum kommt es dann zu so unterschiedlichen Auslegungen? Auch bei Themen wie: Gebete, Auslegung von Glaubensgemeinschaft oder Paradies beziehungsweise Himmel. Esther: Aber … habt ihr dann nicht bei uns abgeschrieben, Sarah? Wahrscheinlich habt ihr es nur falsch weiterentwickelt, das Christentum ist also das Original! Sarah: Du musst das nicht so persönlich nehmen, Esther! Aber hey, wenn wir nach deinem Argument gehen, dann könnte genauso gut das Judentum stimmen, ein Großteil eurer Bibel ist doch die Tora! War das Judentum nicht sogar zuerst da? Shoshanna: Das stimmt! Theoretisch könntet ihr ja beide Unrecht haben und das Judentum ist eigentlich die wahre Religion. Dafür würde tatsächlich mehr sprechen! Aber schlussendlich werden doch alle unsere Religionen auf Abraham zurückgeführt, stammen quasi von ihm ab! Wenn eine von uns Recht hat, müssen die anderen trotzdem noch einen Kern der Wahrheit beinhalten! Esther: Ah ja, unsere drei Religionen kommen ja alle aus der Abraham-Geschichte! Shoshanna: Das Christentum indirekt …! Esther: Boah, du Besserwisser …! Shoshanna: Tut mir leid, das war nicht so gemeint! Sarah: Leute, diese ganze Diskussion erinnert mich gerade an etwas … Wir sind gewissermaßen drei, wenn auch indirekte, ‘Nachkommen’ von Abraham, die sich über die Wahrheit streiten – … Shoshanna: Du meinst die Ringparabel! Esther: Die was? Sarah: Von ‘Nathan der Weise’, das haben wir doch in Deutsch gelesen! Shoshanna: Warte, ich hole es ‘mal schnell aus dem Regal, dann kann ich es dir noch ‘mal zusammenfassen, Esther! Shoshanna steht auf und verlässt den Raum, kurz darauf kommt sie mit einem kleinen Buch in der Hand wieder. III.3 Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen 39 Sarah: Spielt ‘Nathan der Weise’ nicht zur Zeit des dritten Kreuzzuges? Einem der Kriege, den die Christen neben anderen Beweggründen vor allem aus dem Glauben zu Gott heraus geführt haben. Shoshanna: Ja, das stimmt! Die Christen haben einfach alle anderen umgebracht, ganz besonders die Muslime, nur um das Heilige Land zu erreichen und zu ‘reinigen’. Das kann doch nicht der wahre Gott sein, der so etwas zulässt! Esther: Jetzt beschuldigt ihr den Falschen! Gott hatte damit nichts zu tun! Wer zum Kreuzzug aufgerufen hat, war der Papst Urban II. und damit die Kirche! Shoshanna: Tat er es nicht mit dem Zuruf „Deus lo vult!“ – „Gott will es!“? Esther: Schon, der Papst legte die Bibel zu der damaligen Zeit aus, aber das hat nicht wirklich etwas mit dem Neuen Testament zu tun, wo Gottes Liebe zu den Menschen durch Jesus offenbar und deutlich gemacht wird! – Vor allem sollte man an der Tat eines Menschen nicht festmachen, was die wahre Religion ist! Sarah: Wie heißt es doch so schön: „Errare humanum est.“ – „Irren ist menschlich!“ So, und jetzt wollen wir uns die Ringparabel anschauen. Esther: Ah, war das nicht die Geschichte mit dem Vater, der sich zwischen seinen drei Söhnen nicht entscheiden konnte, welchen er am meisten mag? Shoshanna: Ja, und Nathan hat diese Geschichte dem Sultan erzählt, als dieser ihn fragte, welche die wahre Religion sei. Sarah: Ok! Also noch ‘mal von Anfang … Sie blättert schnell durch das Buch, liest immer ‘mal ein paar Sätze. Dann legt sie das Buch hin: So: Der jüdische Geschäftsmann Nathan, dessen Pflegetochter von einem christlichen Tempelherren aus einem Feuer gerettet wurde, geht zum muslimischen Sultan Saladin, der wiederum einst den Tempelherren gerettet hatte. Saladin benötigt Geld und möchte dieses von Nathan leihen. Er bittet ihn jedoch nicht direkt um das Geld, sondern stellt Nathan, der nicht nur als großzügig, sondern auch als weise bezeichnet wird, eine Frage, die letzteres bestätigen soll. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 40 Esther: Warte, warte …! Also da fragt er ihn nach der wahren Religion? Sarah: Ganz genau! Und Nathan erzählt ihm dann die Geschichte, die wir als Ringparabel kennen. Hat er diese nicht benutzt, um eine klare Antwort zu umgehen? Denn wenn er seine Religion als die wahre bezeichnet hätte, hätte er den Sultan beleidigt. Hätte er den Islam als die wahre Religion bezeichnet, wäre er mit Sicherheit gefragt worden, warum er nicht dem Islam angehöre. Shoshanna: Ja, genau so war es! Nathan hat dem Sultan die Geschichte eines Mannes erzählt, der sich schwer tut, das Familienerbstück – einen Ring, der von Generation zu Generation an den Lieblingssohn des Vaters weitergegeben wird – an einen seiner drei Söhne zu vererben. Da er alle gleichermaßen liebt und keinen von ihnen kränken möchte, entscheidet er sich, den Ring vervielfältigen zu lassen, sodass jeder Sohn einen Ring erhält. Der originale Ring soll die Eigenschaft haben, seinen Besitzer bei Gott und allen Menschen beliebt zu machen. Nach dem Tod des Vaters finden die Söhne heraus, dass jeder der anderen auch einen Ring bekam. Sie ziehen vor Gericht, um herauszufinden, wer den ursprünglichen, ‘richtigen’ Ring bekam. Der Richter kann nicht feststellen, welcher ‘mal der echte Ring war, und gibt den Söhnen einen Rat mit auf den weiteren Lebensweg. Esther: Jetzt erinnere ich mich langsam wieder: Die Söhne sollten doch jeder davon ausgehen, dass man selbst den richtigen Ring habe. Weil man an die Wirkung glauben muss. Sarah: Aber wie kann man das auf die wahre Religion beziehen? Ich meine, hier geht es um einen Ring, der eine besondere Wirkung haben sollte. Das hat ja erst ‘mal nichts mit unseren verschiedenen Religionen zu tun. Shoshanna: Das Gleichnis ist eigentlich ganz einfach. Der Richter sagte den Brüdern, wenn einer der drei Ringe der echte sei, werde sich dies auch zeigen, sofern sich der Besitzer darum bemühe, die Wirkung des Ringes herbeizuführen. Die drei Ringe symbolisieren unsere Religionen. Und wenn es wirklich die eine wahre Religion gibt, dann wird sich diese offenbaren, wenn sich die Gläubigen darauf einlassen und nach den Werten der jeweiligen Religion leben. III.3 Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen 41 Esther: Das bedeutet, wir sind die drei Brüder aus der Geschichte? Und so wie sie immer noch auf der Suche nach dem wahren Ring? Shoshanna: Aber ja, das versucht die Parabel zu erklären. Und auch der Sultan hat diesen Vergleich sofort erkannt. Die ganze Geschichte aber endete ziemlich kompliziert. Esther: Echt? So weit habe ich nie gelesen, das Buch ist mir irgendwann zu anstrengend geworden. Hat denn das Ende auch noch eine Bedeutung für die Frage, ob es eine wahre Religion gibt? Shoshanna: Auf jeden Fall, da es aufzeigt, wie nah die drei Religionen zueinander stehen. Die Pflegetochter des Juden Nathan und der christliche Tempelherr sind die Kinder des verstorbenen Bruders des Sultans. Somit sind alle drei Religionen in einer Familie integriert. Sarah: Das klingt auf jeden Fall kompliziert, aber du hast Recht. Anhand dieser Geschichte sieht man, dass es in einer Familie mehrere Religionen geben kann. Aber mir stellt sich jetzt die Frage, warum man dann von einer wahren Religion sprechen muss? Shoshanna: Jetzt, wo man die Geschichte tatsächlich mit dem wahren Leben vergleicht, denke ich nicht mehr, dass man von einer wahren Religion reden kann. Wir respektieren uns ja alle und verstehen uns, obwohl wir mit verschiedenen Religionen aufgezogen wurden. Esther: Ich muss dir da zustimmen. Die Gründungsgeschichte der drei Religionen geht ja nämlich auch auf eine Familie zurück. Sarah: Diesmal weiß ich nicht, wovon du sprichst. Hast du eine Ahnung, was sie damit meint, Shoshanna? Shoshanna: Aber ja! Das haben wir letztens erst in Ethik durchgenommen. Da hat uns unsere Lehrerin erklärt, dass die drei Weltreligionen von drei der Söhne beziehungsweise Nachkommen Abrahams ausgingen. Esther: Ja genau, mich wundert allerdings, dass du das nicht wusstest, Sarah. Sarah: Vielleicht wurde es ja ‘mal erwähnt, ich kann mich zumindest in diesem Moment nicht daran erinnern. Aber das würde unsere Meinung bestärken, dass es nicht die eine wahre Religion gibt. Außerdem erkennt man ja auch manche Sachen in den anderen Religionen wieder, nur dass sie ein wenig umgewandelt wurden. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 42 Shoshanna: Ja, da stimme ich dir zu. Hinzu kommt, dass jeder, sei es die Bibel, die Tora oder den Koran anders interpretiert und somit auch seine Religion anders lebt. Esther: Es ist auch bei jedem anders, was ihm am wichtigsten ist. Bei dem einen steht sein Glaube im Vordergrund und bestimmt das Leben, bei dem anderen werden Teile der Religion und deren Traditionen übernommen, jedoch nicht voll und ganz gelebt. Das sieht man auch in Gottes Sohn Jesus … Shoshanna: Jetzt fang’ damit nicht schon wieder an! Die Juden warten immer noch auf den Messias! Sarah: Ist er nicht ein gewöhnlicher Prophet? Esther: Nein, Jesus ist doch die Inkarnation Gottes! Shoshanna: Also dass Gott als Mensch erschienen ist, was dann ja im Konflikt mit dem Gebot steht, dass man sich kein Bild von Gott machen sollte. Esther: Ihr wartet doch noch auf den Messias! Sarah: Jesus wurde doch als Jude geboren … Shoshanna: Klar, trotzdem gehen die Christen davon aus, dass er gestorben und auferstanden ist. Dadurch ist das Christentum entstanden! Sarah: Pffu …! Warum seid ihr eigentlich so überzeugt, dass ihr Recht habt? Weil, wenn einer von euch Recht hat, müssen ja die anderen falsch liegen. Shoshanna: Meine Religion gibt mir Hoffnung und Mut, sie motiviert mich, gibt mir aber auch meine Lebensweise vor, sodass ich gute Taten vollbringe. Esther: Für mich ist Glaube Hoffnung! Ich glaube, weil ich an ein Leben nach dem Tod denke, im Himmel Gottes Reich. Sarah: Wow, das ist ja beides tiefsinnig! Für mich ist es aber ähnlich. Meine Religion zeigt mir den Weg zu Allah. Wie Wittgenstein, ein Philosoph, ‘mal gesagt hat: „An einen Gott zu glauben, heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist. An Gott glauben, heißt sehen, dass das Leben einen Sinn hat.“ Shoshanna: Ich finde, da hat er vollkommen Recht. Glaubt ihr denn, dass sich irgendwann die wahre Religion herauskristallisieren wird? III.3 Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen 43 Sarah: Ich denke nicht, da, wie man bei Nathan festgestellt hat, man trotz verschiedener Religionen eine Familie sein kann, und man ja auch nicht zwischen seinen Geschwistern entscheidet, welcher der wahre Bruder oder die wahre Schwester ist. Shoshanna: An sich sind unsere Religionen doch gar nicht so unterschiedlich! Wir haben zwar unter anderem andere Sitten, Riten, Gotteshäuser und Gebete. Dennoch gibt es auch viele Gemeinsamkeiten. Das eine, was uns am meisten vereint, ist, wir glauben doch alle an EINEN Gott! Das ist doch schon Gemeinsamkeit genug! Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege von Marie und Julia Morgenstern Schon von klein auf streiten wir uns alle über die eine Frage, die Frage nach der Wahrheit. Es scheint uns zu Beginn noch sehr kindlich und banal, wenn die älteren Geschwister mit den Jüngeren darüber diskutieren, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt. Jedoch nimmt die Wahrheitsfrage im Leben eines Menschen sehr schnell eine ernstere Gestalt an. Debattieren wir nicht mehr nur über den Weihnachtsmann und Osterhasen, sondern über Genetik, künstliche Intelligenz und andere komplizierte Themen, bleibt der Grundsatz immer derselbe: Das Bestreben der Menschheit, ‘die’ eine gültige Wahrheit zu finden. Und schon seit Jahrtausenden sind die Menschen auf der Suche nach der einen wahren Religion. Lässt man die anderen Religionen außer Betracht und bezieht sich nur auf die monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam, so stößt man auf die wohl größte Debatte um Wahrheit und Religion. Obwohl sie doch durch Abraham als gemeinsamen Glaubensstammvater eine essentielle Gemeinsamkeit haben, trennt sie oft noch bis heute das Verlangen, allein die einzig wahre Religion zu sein. Zeigt sich das Christentum heute pluralistischer, weisen die Kreuzzüge aus dem Mittelalter deutlich darauf hin, dass dies nicht immer so war. Das häufig verfolgte Judentum machte es dem Christentum zu Zeiten seiner Entstehung nicht leicht, verfolgten sie doch dessen Anhänger und unterbanden die öffentliche Glaubens- III.4 III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 44 praxis. Heute erlebt man das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum entspannter, beide stehen in einem regen Dialog miteinander. Leider besteht zu einigen Gruppen des Islam zur Zeit eine kompliziertere Beziehung, denn kleinere Gruppen, die sich zum Islam bekennen, verhindern ein friedliches Zusammenleben aller. Um die Frage nach der Wahrheit zwischen den Religionen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, gehen drei alte Freunde auf die Suche nach der wahren Religion: Jakob: Guten Tag, mein Name ist Jakob. Gemeinsam mit meinen alten Freunden, Ruben und Mohammed, lebe ich in Frankfurt am Main. Wir stammen alle aus unterschiedlichen Kulturen und gehören verschiedenen Religionen an. Mein Freund Ruben ist Jude, Mohammed ist Muslim und ich komme aus einer christlich-katholischen Familie. Seit wir uns kennen, haben wir darüber diskutiert, welcher Gott der ‘richtige’ Gott ist. In diesem Punkt waren wir uns lange nicht einig und so machten wir uns auf die Suche nach der ‘wahren Religion’. Wenn wir gewusst hätten, dass diese Reise keinesfalls einfach und leicht werden würde … Aber seht selbst, was meine Freunde und ich während unserem Abenteuer alles erlebt haben … Angefangen hat alles 1985, als wir drei zusammen eingeschult wurden und in eine Klasse kamen. Sofort war uns klar, dass wir uns gut verstehen würden. Keiner konnte uns trennen, denn es gab uns nur noch im Dreier-Pack. Unsere unterschiedlichen Glaubensrichtungen und unser verschiedenes Aussehen machte uns überhaupt nichts aus. Unsere Eltern jedoch waren mit unserer Freundschaft oftmals nicht einverstanden. Als Mohammed seinen Eltern zum Beispiel erzählte, dass es bei uns zum Mittagessen Schweinefleisch gab, wollten seine Eltern lange Zeit nicht, dass er bei uns aß. Und auch Ruben durfte samstags nie mit uns draußen spielen, da er und seine Familie wegen des Sabbats immer in die Synagoge zum Gottesdienst mussten. Einmal unterhielten wir uns über einen Streit meiner Eltern, den ich belauscht hatte, weil es um meine Freunde und mich ging. Ruben: Hey Mohammed, hey Jakob! Alles klar bei euch? Ihr seht so niedergeschlagen aus! III.4 Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege 45 Mohammed: Jakob hat mir gerade erzählt, dass seine Eltern sich wegen uns gestritten haben. Ruben: Wieso das denn? Jakob: Ich habe gehört, dass sie sich wegen unserer unterschiedlichen Religionen gestritten haben. Sie meinten, wir seien dadurch zu verschieden. Ruben: Ja, natürlich sind wir verschieden, aber dadurch passen wir doch auch so gut zusammen! Mohammed: Genau, so wird es nämlich nie langweilig, weil es immer wieder Dinge gibt, die wir durch unsere verschiedenen Arten und Persönlichkeiten lernen und entdecken können! Jakob: Ihr habt vollkommen Recht! Wir lassen uns weder von unseren Eltern noch von unseren Lehrern oder anderen Kindern unsere Freundschaft kaputt machen! Es ist doch egal, welcher Religion wir angehören. Ruben: Ich verstehe auch nicht, was die Religion mit unserer Freundschaft zu tun haben soll! Mohammed: Ich auch nicht, aber die Erwachsenen machen sich eh’ immer viel zu viele negative Gedanken. Das war das erste Mal, dass ich mit meinen Freunden überhaupt über das Thema Religion nachgedacht habe. Weiter ging unsere Reise in der vierten Klasse. Wir lernten im Religionsund Ethikunterricht manches über die verschiedenen Glaubensarten. Uns drei interessierte aber nicht nur unsere eigene Religion, sondern auch die unserer Freunde. Einmal gingen wir mit Mohammed in die Moschee. Mohammed: So, hier sind wir! Ist unsere Moschee nicht wunderschön? Ruben: Ja, das ist sie! Man kommt sich irgendwie vor, als wäre man in einer anderen Welt. Jakob: Du, Mohammed! Wo sind denn hier die Mädchen und Frauen? Gehen sie nicht beten? Mohammed: Doch, klar! Aber wir haben getrennte Räume, in denen wir beten. Jakob: Ach, echt? Das wusste ich gar nicht! Aber warum betet ihr denn getrennt? III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 46 Mohammed: Allah hat uns durch den Propheten Mohammed die Botschaft übermittelt, dass Frauen und Männer getrennt beten sollen. So werden die Männer nicht so schnell von den Frauen abgelenkt. So hat es mir mein Vater zumindest damals erklärt. Ruben: Ja, bei mir in der Synagoge sind die Frauen auch von den Männern getrennt. Sie sitzen oben auf der Empore, kaum sichtbar von unten, wo die Männer sitzen. Jakob: Hä? Aber wieso denn? Ich verstehe den Grund dafür nicht! Meine Mama und meine Schwester sitzen immer neben mir und meinem Vater während des Gottesdienstes. Unser Pfarrer sagt in seiner Predigt immer: „Alle Menschen, egal ob groß, klein, jung, alt, männlich oder weiblich, sind vor Gott gleich gestellt!“ Ruben: Im Judentum und im Islam spielen traditionell die Männer in den Gottesdiensten und während den Gebeten einfach eine wichtigere Rolle. Wenn bei einem Gottesdienst als Minjan nicht mindestens zehn Männer, die bereits ihre Bar Mitzwa gefeiert haben, anwesend sind, so kann der Gottesdienst nicht stattfinden. Dabei ist die Anzahl der anwesenden Frauen unwichtig. Jakob: Aber für mich wirkt das jetzt nicht gerecht, wie die Frauen bei euch behandelt werden … Mohammed: Und wieso nicht? Bei uns sind vor Gott genau wie bei euch alle gleich und niemand ist in Gottes Augen weniger wert! Dabei ist es doch egal, ob die Frauen in einem anderen Raum beten oder nicht … Auch nach dem Wechsel ins Gymnasium gab es zwischen uns immer wieder kleinere Streitigkeiten über unseren Glauben und die damit verbundenen Bräuche und Traditionen. Bei einem Klassentreffen in der neunten Klasse sah ich Mohammeds Schwester Fatima, die ich das letzte Mal gesehen hatte als sie neun Jahre alt war, wieder. Wir verstanden uns auf Anhieb super und nach kurzer Zeit hatte ich mich in sie verliebt. War sie für mich früher nur das unscheinbare kleine Mädchen, das meiner Schwester sehr stark ähnelte, sah ich sie mit 15 plötzlich mit völlig anderen Augen. Im Gegensatz zu den Mädchen in meiner Klasse war sie weder eingebildet noch zickig. Fatima war einfach anders als alle anderen Mädchen, die ich bisher kannte. Mohammed erzählte ich erst einmal nichts davon, meine Angst vor seiner Reaktion war viel zu groß. Denn schon seit einer ganzen Weile be- III.4 Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege 47 tonte er, dass jeder Junge, der seine Schwester zur Freundin haben wolle, erst einmal an ihm vorbei müsse. Dabei verengten sich seine Augen immer so und er guckte plötzlich total ernst und angsteinflößend, sodass ich mich schlichtweg nicht traute, ihm die Wahrheit zu sagen. Aber natürlich trafen wir uns jede Woche mindestens ein Mal heimlich. Leider musste ich dadurch Mohammed und Ruben ziemlich vernachlässigen. Doch ich genoss jede einzelne Minute mit Fatima. An einem Tag luden mich meine Freunde ins Kino ein. Ruben: Hey Jakob, lang nicht mehr gesehen! Hättest du Lust, heute mit Mohammed und mir in den neuen Action-Film zu gehen? Mohammed: Immerhin hattest du doch in letzter Zeit so wenig Zeit für uns! Jedes Mal, wenn wir ‘was machen wollten, hast du abgeblockt. Manchmal haben wir echt das Gefühl bekommen, du denkst, du bist besser als wir. Entschuldigung Jakob, musste einfach einmal ‘raus! Du weißt doch, dass die anderen mich manchmal fertig machen nur, weil ich Muslim bin. Außerdem ist der Film echt richtig gut und trifft voll deinen Geschmack. Jakob: Oh Gott, Mohammed, wieso hast du denn nicht früher etwas gesagt? Jetzt fühle ich mich noch schlechter, doch leider muss ich heute schon wieder absagen. Ihr wisst doch Jungs, ich hab in letzter viel um die Ohren wegen meiner Mathenachhilfe. Aber wir können es doch nächste Woche nachholen, oder? Ruben: Schon wieder? Schade, aber, ja, nächste Woche klingt gut! Doch ich rechnete nicht damit, dass die beiden auch ohne mich in den Film gehen würden. Denn ich hatte mich am Vortag schon mit Fatima ins Kino verabredet. Abends im Kino kam es dann zur Konfrontation… Ruben: Sag ‘mal Mohammed, ist das da hinten nicht deine kleine Schwester mit einem Typen an ihrer Seite? Mohammed: Ja, das ist sie! Wer ist denn der Kerl neben ihr? Komm lass’ uns ‘mal zu ihr rüber gehen! Der Typ muss erst an mir vorbei, bevor er meine Schwester auch nur irgendwie anschauen darf! III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 48 Bei Fatima und Jakob angekommen: Mohammed: Jakob? Was zum Teufel machst du hier mit meiner Schwester? Zu uns hast du heute noch gesagt, dass du lernen musst, und jetzt treffen wir euch hier! Willst du uns für blöd verkaufen? Jakob: Ehm … also … lass’ mich das bitte erklären … Mohammed: Was gibt es da groß zu erklären? Es ist doch offensichtlich: Du triffst dich heimlich mit meiner Schwester und belügst deine engsten Freunde nach Strich und Faden! Wegen Fatima hattest du in den letzten Wochen so wenig Zeit für uns, oder? Jakob: Ja,… und es tut mir wirklich leid! Ich hätte es euch sagen sollen! Ich war so oft kurz davor, doch dann warst du immer wieder so wütend, wenn es um deine Schwester in Bezug auf andere Kerle ging! Du musst mich verstehen, Mohammed, ich hätte es euch noch erzählt! Ihr seid doch meine besten Freunde! Aber ich hatte einfach zu große Angst vor deiner Reaktion! Mohammed: Was soll das jetzt, Jakob? Willst du damit jetzt sagen, dass du Fatima gerne als deine feste Freundin hättest? Jakob: Aber wir sind doch schon längst zusammen, wir haben uns nur nicht getraut, es dir zu sagen – und jetzt, wo du es weißt, kannst du daran auch nichts mehr ändern! Wir haben uns in einander verliebt und daran kann niemand etwas ändern! Mohammed: Und ob ich das kann! Fatima ist meine kleine Schwester! Ich bin ihr Bruder und ich werde Fatima verbieten sich weiter mit dir zu treffen! Fatima: Das kannst du doch nicht machen! Ich bin doch nicht dein Eigentum! Mohammed: Aber du bist meine kleine Schwester und außerdem weißt du genau, dass Papa diese Beziehung sowieso verbieten wird! Ruben: Jetzt beruhig’ dich ‘mal wieder, Mohammed! Du kennst Jakob doch, er würde sie niemals verletzen! Mohammed: Ihr könnt das nicht verstehen! Jakob stammt aus einer katholischen Familie und Fatima und ich sind Muslime. Das passt einfach nicht zusammen! Ein Christ und eine Muslima, kommt schon, dass finde doch nicht nur ich lächerlich! Fatima wird später einen Muslim heiraten, so wie es sich bei uns gehört! Ich werde darüber jetzt auch mit keinem von euch diskutieren. Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte! Fatima, wir gehen jetzt nach III.4 Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege 49 Hause zu Papa! Jakob, wehe ich sehe dich noch einmal in der Nähe meiner Schwester! Glaub’ mir, danach wünscht du dir, du hättest es gelassen! Unsere Glaubensarten sind einfach zu verschieden und mein Gott ist nun ‘mal der wahre Gott! Ruben: Ich glaube, das wird er dir so schnell nicht verzeihen! Ich meine, Jakob, seine Schwester? Du weißt doch, wie wichtig sie für ihn ist! Außerdem hat er doch auch oft betont, dass sie nur mit einem Jungen zusammen sein darf, der auch Muslim ist! Jakob: Ich wusste, dass er sauer sein würde, aber mit dieser Reaktion hätte ich nicht gerechnet … Es schien so, als wäre in seinen Augen nur der Islam die wahre Religion und das Christentum total minderwertig. Dabei müsste doch gerade er wissen, wie es ist, nur auf seinen Glauben reduziert zu werden! Ich habe mich in sie verliebt! Mir war es egal, dass sie Muslima ist und an Allah und an Mohammed als seinen Propheten glaubt. In meinen Augen ist einfach jede Religion gleich viel wert und jeder hat das Recht, an das zu glauben, was er als das Richtige ansieht. Ruben: Naja, dass du uns nichts von deiner Beziehung mit Fatima erzählt hast, hat mich jetzt auch nicht begeistert! Immerhin sind wir beste Freunde, schon seit fast zehn Jahren! Selbst wenn du es Mohammed nicht erzählen wolltest, warum hast du es auch mir verschwiegen? In dem Punkt der Religion kann ich dir leider nicht vollkommen zustimmen Jakob! Ich sehe die Dinge zwar nicht wie Mohammed und würde jede andere Religion als schlechter darstellen. Dennoch steht für mich das Judentum an erster Stelle und hat auch in meinen Augen eindeutig Jahwe als den wahren Gott. Trotzdem akzeptiere ich deinen Glauben ebenso wie den Mohammeds. Immerhin sind wir alle drei Freunde, egal an welchen Gott wir glauben! Jakob: Ich weiß nicht, ob ich das von Mohammed noch behaupten kann. Seine Worte haben mich ziemlich verletzt … Das war der Grund, warum Mohammed in der Schule und auch nach der Schule nicht mehr mit mir redete. Ich war für ihn gestorben und das nur, weil ich Christ war und mit seiner Schwester für zwei Monate zusammen war. Aber nicht nur zu Mohammed verlor ich den Kontakt. Ruben, Mohammed und ich verloren uns seit dem Streit im Kino immer weiter aus den III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 50 Augen. Man grüßte sich manchmal auf den Gängen oder redete kurz miteinander. Jedoch war unsere Freundschaft durch unseren Glauben zerstört. Nach unserem Abschluss hatten wir dann endgültig keinen Kontakt mehr. Fünfzehn Jahre später hatten wir unser erstes Klassentreffen. In dieser Zeit lernte ich meine Frau Maria kennen und unsere gemeinsame Tochter Lisa erblickte das Licht der Welt. Ich betrat nun also nach fünfzehn Jahren unseren alten Klassenraum und sofort überkamen mich alte Erinnerungen. Wie wir gemeinsam lachten und uns über die neusten Filme unterhielten. Aber auch, wie wir uns ignorierten. Von weitem lächelte mir Ruben zu und ich erkannte ihn sofort. Jakob: Hallo Ruben, lange nicht mehr gesehen! Gut siehst du aus, du hast dich fast gar nicht verändert. Ruben: Hey, mein alter Freund! Ja, es ist sage und schreibe fünfzehn Jahre her! Schau ‘mal: Da hinten kommt Mohammed! Mohammed: Hallo ihr zwei. Schön euch zu sehen! Wie geht es euch? Ruben: Mir geht’s gut. Ich arbeite jetzt als Religions- und Ethiklehrer an unserer alten Grundschule. Und bei euch? Jakob: Also ich bin mittlerweile seit acht Jahren verheiratet und habe eine vierjährige Tochter. Nach der Schule habe ich Psychologie studiert und endlich vor drei Jahren meine eigene Praxis eröffnet. Und was ist mit dir Mohammed? Mohammed: Während meines Theologiestudiums habe ich meine Frau kennengelernt. Wir haben drei Kinder, die mich ganz schön auf trapp halten. Ich arbeite als Professor an der Uni Frankfurt und bin Imam in einer Moschee. Ruben: Ich habe in den letzten Jahren öfter darüber nachgedacht, wie wir damals auseinander gegangen sind … Jakob: Es tut mir wirklich leid, wie wir damals auseinander gegangen sind. Ich hatte euch damals nicht anlügen dürfen! Mohammed: Wenn sich einer entschuldigen muss, dann ich … Ich habe vor fünfzehn Jahren einfach überreagiert! Ich hatte nicht das Recht dazu, meine Schwester so zu bevormunden, und auch eure Religionen hätte ich nicht beleidigen dürfen! Fatima hat mir übrigens die Augen geöffnet. Nun ist sie seit acht Jahren mit einem jüdischen Mann zusammen. Ich wünschte, ich wäre damals schon so III.4 Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege 51 tolerant gewesen! Ich war einfach völlig davon überzeugt, dass das mit dem Islam nicht verträglich sei. Ruben: Wisst ihr noch, damals in der Grundschule: Wir hatten uns versprochen, dass nichts und niemand unsere Freundschaft kaputt machen kann, und doch war es unsere Religion, die uns schlussendlich trennte! Jakob: Ja, als Kinder dachten wir noch viel toleranter und steckten niemanden in eine Schublade wegen seinem Aussehen oder seinem Glauben. Obwohl ich nie ein wirkliches Problem mit eurem Glauben hatte. Mohammed: Ich weiß, bis zur neunten Klasse haben wir unsere Religionen auch immer akzeptiert und keine war für uns mehr wert! Doch je älter ich wurde, desto mehr habe ich mich an den Islam geklammert. Das wäre ja nicht schlimm gewesen, solange ich euren Religionen auch ein wenig Wahrheit zugesprochen hätte und euch mit Offenheit und Herzlichkeit entgegen gekommen wäre! Ruben: Das versuche ich jeden Tag meinen Schülern beizubringen. Jeder Mensch ist einzigartig und genauso sein Glaube. Deshalb sollten wir niemals jemanden verurteilen. Jakob: Genau! Es spielt keine Rolle, an wen oder was man glaubt, denn so ‘was wie die eine unbestreitbar wahre Religion oder den einen unbezweifelbar wahren Gott gibt es nicht, jeder Einzelne von uns muss daher seine eigene Wahrheit finden! Nur darum geht es in der Religion für mich, einen Glauben zu finden, mit dem man sich identifizieren kann und mit dem man ein gelingendes Leben führen kann. Da stimmten mir meine beiden Freunde zu. Es tat gut, sich endlich mit ihnen auszusprechen. Sie hatten mir über die letzten Jahre ziemlich gefehlt. Ist es nicht schlimm, dass Religion, die das Ziel hat, Menschen im Glauben zu vereinen, die Macht hat, sie dermaßen zu spalten und zu trennen? Anstatt uns zu bekriegen, sollten wir erkennen, dass jeder von uns zu einem Teil der Wahrheit beiträgt. Damit im Großen und Ganzen etwas Wunderbares entstehen kann, viel stärker als aller Hass und Groll auf dieser Welt! Eine Welt, in der jede Religion die andere akzeptieren kann und in der Pluralismus eine Horizonterweiterung bedeutet. Mit Toleranz und Liebe anstatt mit Ignoranz, Hass und Egoismus würden wir viel friedlicher leben. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 52 So kommen wir nun am Ende unserer Reise an. Wir haben für uns den Schluss gezogen, dass es weder eine unleugbar wahre Religion, noch einen offenkundig wahren Gott gibt. Heute versuchen wir, jeder auf seine Weise, die Botschaft an die Welt weiter zu geben. Was wir als Kinder schon verstanden hatten, mussten wir als junge Erwachsene erst lernen. Wahrheit ist in religiösen Dingen immer subjektiv und niemand sollte anderen seine Wahrheit aufzwingen. Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion von Hannah Werner und Paula Janouch Heutzutage spielen die unterschiedlichen Religionen eine wichtige Rolle in unserem Leben. Sehr viele Kriege in unserer Welt beruhen u.a. auf Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Religion. Der Syrienkrieg beispielsweise existiert u.a. auch deshalb, weil unterschiedliche Religionsgruppen darum streiten, wer Recht hat. Jeder ist der Meinung, dass seine Religion bzw. Religionsauffassung die einzig wahre ist und dass alle anderen Unrecht haben. So oft stellt sich die Frage: Wer hat Recht? Gibt es eine wahre Religion? Und beim komplizierten Syrienkrieg mit seinen vielen Ursachen sind es, soweit es dabei auch um ‘die’ ‘wahre’ Religionsauffassung geht, nur Differenzen innerhalb des Islams. Die Unterschiede zwischen Islam, Judentum und Christentum sind anscheinend noch weitaus größer. Welcher dieser Glaubensannahmen sollen wir nun Gültigkeit zusprechen? Diese Frage stellten sich auch Frank Rohmann und Selma Özdemir. F: Du, sag ‘mal, Selma, warum trägst du eigentlich ein Kopftuch? S: Das ist im Islam so! Bei uns ist das völlig normal. Ob es im Koran so vorgeschrieben ist oder nicht, darüber kann man streiten. Ich auf jeden Fall trage es, um Gott zu ehren! F: Bei uns im Christentum ist das nicht so. Wir beten auch nicht fünfmal am Tag. Bei uns ist das Ganze freier und uns selbst überlassen. Aber das ist schon merkwürdig, oder? Schließlich wollen wir alle unserem Gott dienen – und haben alle unterschiedliche Ansichten, wie wir das tun sollen. III.5 III.5 Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion 53 S: Stimmt, da hast du Recht. Bei den Juden gibt es den Sabbat und bei uns eben u.a. das Kopftuch. Aber wer hat nun Recht? Was ist der beste Weg, um Gott zu ehren? Was erwartet er von uns? F: Ich glaube, bevor man sich fragt, welche die wahre Religion ist, sollte man sich erst einmal damit auseinandersetzen, was ‘Wahrheit’ überhaupt ist. Religion ist eine Sache, die man nicht greifen kann. Wenn ich zum Beispiel sage: „Das Gras erscheint uns grün (unter bestimmten Umständen).“, dann ist das eine Tatsache, die man wissenschaftlich beweisen kann, aber bei der Frage nach der wahren Religion sieht das schon ganz anders aus. Man kann nicht beweisen, was Gott von uns verlangt. Oder Jahwe oder Allah – oder wie man ihn auch immer nennen will. Es ist nicht eindeutig, ob zum Beten eine Kippa, eine rituelle Waschung oder überhaupt nichts dergleichen vonnöten sind. Ich denke, dass diejenige Religion, die eine Verbindung zwischen Gott und Mensch herstellen kann, wahr ist. Allerdings lässt sich nicht beweisen, wie man das schafft. Von daher ist es schwierig, eine Antwort auf die Frage zu bekommen. S: Ja, da sehe ich auch das Problem! Natürlich könnte man versuchen, das Problem wissenschaftlich zu lösen … F: Ja, das ist das, was man versucht! Man konnte schon beweisen, dass die Welt durch den Urknall entstanden ist. Damit liegt das Christentum schon einmal falsch, aber nur, wenn es biblizistisch aufgefasst wird und man den biblischen Schöpfungs’bericht’ anders, als er von seinen Verfassern gemeint war, streng wörtlich nimmt. Aber die Priester, die diesen Schöpfungsbericht im babylonischen Exil der Juden verfasst haben, wollten gegen den babylonischen Götterglauben ihren Glauben aussagen und bekennen, dass Jahwe und nicht der Babyloniergott Marduk Gott ist. Und zwar der einzige, und dass dieser die Welt in guter Weise geschaffen hat und erhält, dass also die Welt nicht voller Götter ist, wie die Babylonier glaubten, und so weiter. Auf das DASS kam es ihnen an und nicht auf das WIE, das die Naturwissenschaften erforschen! Dafür haben sie damals das babylonische Weltbild benutzt und ‘entgöttert’, und eben einen eigenen Schöpfungs’bericht’ dagegen gesetzt und geschrieben. Denn sie wollten nicht, dass ihr Volk im Exil seinen Glauben verliert – und damit auch seine Identität … III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 54 Es wurde wissenschaftlich auch schon manches über das Leben des historischen Jesus herausgefunden. Er war beispielsweise Wanderprediger und wurde etwa 34 Jahre alt. Aber das reicht nicht aus, um zu beweisen, wer Recht hat. S: Deshalb muss man sich dem Problem anders nähern. Damit etwas wahr ist, darf es keine Widersprüche wie beispielsweise im Buddhismus geben. Buddhisten wollen sich von jeglichem Verlangen befreien, aber essen müssen sie schließlich trotzdem. F: Da hast du vielleicht Recht. Außerdem sollte das, was Gott von uns verlangt, sinnvoll sein. Ich für meinen Teil sehe nicht den Sinn darin, dass Frauen Burkas tragen sollen. Warum sollte Gott so etwas von einem wollen? Es ist ein Zeichen der Unterdrückung! Ich finde, Frauen sollten sich das nicht gefallen lassen und sich dem widersetzen. S: Da stimme ich dir voll und ganz zu, ich verstehe auch nicht, warum sich Frauen das antun. Das ist von Allah definitiv nicht so gewollt! F: Aber in unserer Frage bringt uns das trotzdem nicht weiter. Vielleicht sollten wir uns dem Problem anders nähern … Stellen wir uns doch einmal die Frage der Vernunft! Oft wird Religion als Gegenteil von Vernunft gesehen. Religionskritiker sind der Meinung, es sei unvernünftig anzunehmen, dass es einen Gott gibt, der ‘uns von oben zuschaut’ und über unser Schicksal bestimmt. S: Das stimmt! Viele sagen, dass Glaube unvernünftig sei, weil er dem Wirklichkeitsverständnis des modernen Menschen widerspreche. Man sollte sich laut ihnen an seinen eigenen Zielen orientieren und sich nicht auf eine höhere Macht verlassen. Auch wenn viele der festen Überzeugung sind, dass es diese höhere Macht gibt. Es gibt alles Sinn für sie und sie verlassen sich auf diese höhere Macht. Sie sehen nicht ein, warum das unvernünftig sein sollte. F: Glaube muss ja nicht zwingend unvernünftig sein. Im Gegenteil, Glaube und Vernunft sind sogar eng miteinander verbunden! Grundsätzlich wird im christlichen Glauben vorausgesetzt, dass man seine Vernunft einsetzt, um ein gewisses Weltverständnis zu bekommen. Auch wenn man gläubig ist, darf man nicht blind durch die Welt gehen! III.5 Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion 55 S: Das ist klar! Auch wenn man streng gläubig ist, darf man den Bezug zur Wirklichkeit nicht verlieren und muss sich dementsprechend vernünftig verhalten! F: Das ist in jeder Religion so, nehme ich ‘mal an. S: Aber inwiefern bringt uns das weiter? Ich glaube, wir müssen präziser werden! Wir sind bereits so weit gekommen, dass Religion abgesehen von den Glaubensgemeinschaften und den Institutionen, ihren Riten und Gebräuchen nichts ‘Greifbares’ ist, und es daher nicht beweisbar ist, welcher Glaube wahr ist. Außerdem sind Religionskritiker zwar der Meinung, Glaube und Vernunft ließen sich nicht unter einen Hut bringen, dennoch widersprechen sich die beiden Dinge aber nicht. Vernunft wird für den Glauben sogar benötigt. Glaube ist also nicht grundsätzlich falsch oder unvernünftig. Es ist durchaus berechtigt, anzunehmen, dass es Allah gibt. Es gilt demnach jetzt herauszufinden, welche der Religionen nun wahr ist. F: Wir sollten uns anschauen, was die Gründe sind, warum man an die eine oder die andere Religion glaubt! Ich fange mal an: Ich bin Christ. Das Besondere am Christentum ist natürlich Jesus Christus und die durch ihn verkündigte Gottesliebe und gelebte Nächstenliebe. Gott hat ihn geschickt, um uns seine Menschenfreundlichkeit zu predigen. Und das ist auch das, was ich an meiner Religion so schätze. Jesus hat die Nächstenliebe sogar mit der Liebe zu Gott geradezu gleichgestellt, das kannst du im Matthäusevangelium nachlesen. Denn der Mensch ist auf Beziehungen angewiesen, um glücklich zu sein. Jeder will respektiert, anerkannt und geliebt werden. Aber um diese Anerkennung zu bekommen, muss man selbst auch die anderen anerkennen, denn Anerkennung beruht auf Gegenseitigkeit. Das Prinzip ist ganz einfach, dennoch haben viele Menschen Schwierigkeiten damit, andere Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Nächstenliebe ist, trotz des Namens, viel mehr eine Entscheidung als ein Gefühl. Wir müssen nicht alles gut heißen, was andere machen. Dennoch müssen wir lernen, unsere Mitmenschen wertzuschätzen und ihnen zu verzeihen, denn niemand ist perfekt. Grundlage für ein friedliches Miteinander ist, dass man sich nicht permanent in den Vordergrund drängt, sondern anderen zuhört, ihnen hilft und sich um sie kümmert. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 56 S: Wow, so habe ich noch nie über eure Religion nachgedacht! Du hast Recht, Nächstenliebe ist in unserer Gesellschaft sehr bedeutsam. Es wäre alles viel leichter, wenn wir unsere Mitmenschen einfach so akzeptieren und wertschätzen, wie sie sind! Denn jeder Mensch ist anders und hat es verdient, mit Respekt und Anerkennung behandelt zu werden. F: Außerdem schätze ich es an meiner Religion, dass es nach dem Leben die Hoffnung auf Ewigkeit gibt. Unsere Zeit auf der Erde ist begrenzt, und auch unsere Taten werden nach einer gewissen Zeit in Vergessenheit geraten. Deshalb stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Aber da es im Christentum die Ewigkeit gibt, beantwortet sich diese Frage. Nach dem Tod hat jeder die Möglichkeit, ewig bei Gott zu sein. Allerdings gibt es auch den Aspekt des Gerichtes und der Strafe, also der Verantwortung und Verantwortungsübernahme für die eigenen Taten. S: Das ist bei uns recht ähnlich. Im Islam wird zwischen Körper und Seele unterschieden. Während der Körper verwest, ist die Seele unsterblich und kommt entweder in das Paradies und hat ein Leben voller ‘Belohnungen’, oder sie kommt in die ‘Hölle’ und muss Qualen erleiden. Das Ganze ist noch um einiges komplizierter, aber das erspare ich dir jetzt ‘mal. Das ist schließlich nicht der Hauptgrund, warum ich an Allah glaube. Ich glaube, dass durch den Islam eine Beziehung zwischen Gott und Mensch hergestellt werden kann, deshalb bin ich Muslima. Für mich ist der Islam sehr logisch. Es gibt viel mehr Regeln als bei euch. Bei euch ist alles so locker; ich glaube, so ist es nicht möglich, eine Verbindung zu Gott aufzubauen. Durch das ständige und regelmäßige Beten und das Fasten im Ramadan fühle ich jedoch eine unglaubliche Nähe zu Gott. Das wäre nicht möglich, wenn es diese Regeln nicht gäbe und ich machen könnte, was ich will. Ich denke, durch diese Regeln ist es mir möglich, Gott nahe zu sein. Man muss ihm zeigen, dass man an ihn denkt und ihn ehrt! F: Das verstehe ich, dennoch finde ich es besser, wenn man freier ist! Meiner Meinung nach zwingt Gott uns nicht dazu, zu ihm zu beten, also gewissermaßen für ihn. Er ist auch so gnädig und gut zu uns, zu allen Menschen auf der Welt. Diese Regeln, dass man fünfmal am Tag beten soll, können von Gott nicht so gewollt sein. Es III.5 Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion 57 liegt an uns, wie sehr wir ihn ehren. Viel wichtiger ist hingegen unser Verhalten. Wir sollen miteinander gut umgehen, das ist wichtiger als regelmäßiges Beten. S: Vielleicht bringt es uns weiter, wenn wir eine dritte Ansicht einfangen. Schau’ ‘mal, da kommt jemand aus der Synagoge, den könnten wir fragen! S: Guten Tag! Ich bin Selma und das ist Frank. Hast du kurz Zeit für uns? Wir sind auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob es eine wahre Religion gibt bzw. welches die wahre Religion ist. Gerade haben wir uns darüber ausgetauscht, warum wir christlich bzw. islamisch glauben. Kannst du uns etwas über deinen Glauben berichten? P: Schalom erst einmal! Aber natürlich! Wie ihr euch sicherlich schon gedacht habt, bin ich Jüdin. Wir Juden glauben an den einen allmächtigen guten Gott, den Schöpfer der ganzen Welt. Ich denke, dass das Judentum der Ursprung von allem ist, denn auch der Islam und das Christentum entwickelten sich erst später aus meiner Religion heraus. Was für mich sehr wichtig ist, ist die Tatsache, dass Frauen eine wichtige Rolle spielen: Ich als Mutter gebe meine Religion auch an meine Kinder weiter, egal, welche Religion mein Mann hat. Früher, als die Wissenschaft noch nicht so weit vorangeschritten war, galt der Mann als Erzeuger, doch heute weiß man ja, dass die Frau entscheidend dazu beiträgt. Auf diese Weise bekam die Rolle der Frau eine zusätzliche Bestätigung. Aber eigentlich hinterfragen wir unsere Religion nicht, jedenfalls viele von uns. Wir sind Juden, weil wir als Juden geboren wurden! Das ist eben unsere Zugehörigkeit. Unsere Religion und unser Glaube gehören zu uns, es ist gewissermaßen selbstverständlich, wenn auch nicht für alle, so doch jedenfalls für viele von uns! Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht fragen, warum wir so sind, wie wir sind – und ob wir so sind, wie wir sein sollten –, aber viele von uns gehen nur äußerst selten der Frage nach, warum sie Juden sind, also grundsätzlich betrachtet. F: Das war mir gar nicht bewusst … Es ist doch immer wieder eine tolle Möglichkeit, neue Dinge zu erfahren! Soweit ich es verstanden habe, bedarf es euch Angehörigen des jüdischen Glaubens also nicht notwendigerweise, sich zu erklären. Vielen Dank für deine III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 58 Zeit! Das hat uns doch gleich einen kleinen Schritt weitergebracht. Schalom! S: Frank, langsam sollten wir versuchen, zu einer Schlussfolgerung zu kommen! Am Anfang haben wir ja schon festgestellt, dass der Glaube, also die Verbindung zwischen Gott und dem Gläubigen, nicht wissenschaftlich belegbar ist. Auf der Suche nach der wahren Religion ist uns auch aufgefallen, dass es keine Widersprüche geben sollte, wie es doch des Öfteren der Fall ist, aber dann haben wir uns doch dem Thema der Vernunft genähert. Die Vernunft ist wichtig für den Glauben, um nicht von der Wirklichkeit abzukommen. Diese Punkte sind ja in allen Religionen ungefähr gleich. F: Genau! Für die Überzeugung, einer bestimmten Religion beizutreten, muss es jedoch unterschiedliche Gründe geben, da man sonst mit einer Religion für alle zufrieden sein könnte. Oft hängt die religiöse Zugehörigkeit von der Herkunft einer Person ab. Als Beispiel hierfür haben wir das Judentum, wie die nette Dame uns vorhin berichtete. Was es schwierig macht, die wahre Religion zu finden, ist auch die Aufklärung über die verschiedenen Möglichkeiten und Regeln, die eine Religion bietet. Das konnten wir heute gut feststellen, indem wir beide viele neue Aspekte über den Glauben des Anderen erfahren haben. Ich würde sagen, dass vor allem die Regeln, die innerhalb einer Glaubensgemeinschaft einzuhalten sind, für die Entscheidung zu einer Religionszugehörigkeit wichtig sind, diese wiederum aber auch Auslöser für Konflikte zwischen den Glaubensrichtungen sein können. Die einen finden es wichtig, die gegebenen Regeln streng zu befolgen, um eine wirkliche Verbindung zu Gott herzustellen, und glauben, dass dies der einzige Weg sei. Andere setzen andere Schwerpunkte und bauen auch eine Beziehung zu Gott auf. S: Da gebe ich dir Recht. Jeder würde wohl sagen, seine Religion sei die einzig wahre, aber letztlich gibt es gar keine objektiv nachweisbar wahre Religion. Es lässt sich nicht beweisen, ob ein Glaube wahr ist oder nicht, wenn er nun ‘mal einfach psychisch und physisch existiert. Als wahre Religion könnte man, wenn, das Judentum bezeichnen, da unsere Religionen darauf zurückgehen. Einen eindeutigen Beweis für die Wahrheit des Judentums gibt es allerdings nicht. III.5 Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion 59 F: Somit hätten wir die Frage, ob es eine wahre Religion gibt, doch schon in gewisser Weise geklärt. Welcher der Glaubensannahmen wir Gültigkeit zusprechen sollen, ist genauso im Kern ein subjektives Empfinden. Der Glaube lebt davon, dass jeder Mensch individuell denkt, die Dinge für sich auffasst, sie subjektiv ‘bewahrheitet’ und auf diese Weise seine Erfüllung findet. Jeder muss den für sich richtigen Glauben finden, das lässt sich nicht verallgemeinern. Ich kann nicht eindeutig sagen, was richtig ist. Für mich ist das richtig, wovon ich überzeugt bin und was mir logisch erscheint, und ich denke, so geht es jedem anderen Menschen auch. Auch hier gilt wieder: Was dem einen nur logisch erscheint, ist für den anderen nicht nachvollziehbar. S: Ich bin ganz deiner Meinung! Zwar bin ich von meinem Glauben überzeugt, aber ich kann, mit einer guten Begründung, auch verstehen, wie du zu deiner Religion stehst. Ich glaube, wir konnten die Fragen einigermaßen beantworten. Unser Gespräch heute war wirklich spannend! F: Eine wertvolle Unterhaltung! Es ist immer wieder toll die Vielseitigkeit der Menschen und ihrer Religionen näher kennenzulernen. Mach es gut, Selma! S: Vielen Dank! Auf Wiedersehen! Eine zufällige Wiederbegegnung – Anlass für ein tiefgründiges Gespräch von Jeannine Fröhlich und Sophie Hartmann Eva: Hey Ana, wie geht es dir? Ana: Gut, und dir? Was gibt es Neues? Eva: Mir geht’s gut. Gestern haben wir in meiner Religionsdiskussionsgruppe uns mit der Frage beschäftigt, ob es eine wahre Religion gibt und welchen Glaubensannahmen wir Gültigkeit zusprechen sollen. Was hältst du davon? Ana: Das ist eine sehr komplexe Frage, für deren Antwort man sich viel Zeit und Überlegung nehmen sollte. Ohne mich mit dieser Frage genauer auseinander gesetzt zu haben kann ich mir vorstellen, III.6 III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 60 dass die Antwort auf diese Fragen je nach Person und Überzeugung variieren kann. Eva: Schon allein der Ansatz, wie wir die Fragen beantworten sollten, hat bei uns zu vielen Diskussionen geführt. Wie würdest du mit der Antwort auf die Fragen beginnen? Ana: Zu Anfang würde ich mir überlegen, wie für mich ‘Wahrheit’ definiert ist. Eva: Ja genau, darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Ich definiere als Wahrheit das Übereinstimmen einer Aussage oder Behauptung mit der Wirklichkeit. Ana: Einerseits möchte ich dir zustimmen, andererseits finde ich es schwierig, sich auf eine allgemein gültige Definition der Wahrheit zu einigen – was meint in deiner Definition z.B. das ‘Übereinstimmen’? Besonders bei religiösen Fragen ist der Grat zwischen der Wahrheit und der Wirklichkeit sowie der Wahrheit und dem Glauben sehr schmal. Eva: Stimmt. Aber so intensiv habe ich mich auch noch nie mit der Frage nach der Wahrheit auseinandergesetzt. Ana: Ehrlich gesagt glaube ich, dass fast jeder eine eigene Meinung zur Wahrheit hat. Zumindest gibt es diesbezüglich sehr viele verschiedene Ansichten, über die man trefflich streiten kann. Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen, würde ich mich dann als nächstes mit dem Verhältnis von Vernunft und Glaube beziehungsweise christlichem Glauben beschäftigen. Ich persönlich bin der Meinung, dass christlicher Glaube und Vernunft nicht miteinander vereinbar sind. Eva: Das sehe ich auf den christlichen Glauben bezogen nicht so, u.a. da Gott sich nach christlichem Glauben gerade als worthafte Vernunft, als Logos – so heißt es im griechischen Ur-Text – offenbart hat. Ana: Vielleicht hast du zum Teil Recht und ich habe mich ein bisschen zu extrem ausgedrückt, jedoch verbinde ich, als jemand, der nicht an Gott glaubt, Vernunft mit der Wissenschaft. Natürlich gibt es Inhalte aus der Bibel, welche historisch belegt wurden. Trotzdem ist mir das Glaubens-‚Gerüst‘ des Christentums zu unbelegt, um meine wissenschaftliche Vernunft damit zu assoziieren. Besonders heutzutage ist das meiner Meinung nach rational nicht mehr mög- III.6 Eine zufällige Wiederbegegnung – Anlass für ein tiefgründiges Gespräch 61 lich, da im christlichen Glauben von einer transzendenten Wirklichkeit die Rede ist. Und um damit meine Vernunft zu verbinden, gibt es zu wenige Nachweise. Letztendlich würde ich persönlich nicht gerne nach uralten Regeln leben, welche angeblich von Gott bestimmt wurden und die als Traditionen vermittelt wurden, wie zum Beispiel die zehn Gebote. Eva: Ich glaube, in diesem Punkt werde ich dich nicht umstimmen können. Ana: Stimmt! Vernunft ist für mich also, nach meinen eigenen Regeln und Zielen zu leben und mich dabei an den Entwicklungen der Wissenschaft zu orientieren. Eva: Du hast schon Recht, dass man historisch nicht alles aus der Bibel einfach belegen kann. Und vieles war von deren Verfassern auch nicht so gemeint, wie es, literalistisch genommen, da steht – alles nicht so einfach, aber lassen wir das hier … Jedenfalls ist das ‘Prinzip’ des christlichen Glaubens zu leben, wie Gott es möchte, aber dies beinhaltet im Kern ja auch nur, dass man die Welt vernünftig erkennt und versucht, nach Gottes Willen mit ihr umzugehen bzw. sie nach Gottes Willen zu gestalten und zu verändern. Dies ist meiner Meinung nach gar nicht unvernünftig. Natürlich nehme ich die wissenschaftlichen Erkenntnisse an, aber sie stehen nicht gegen meinen Glauben. Außerdem sehe ich die Regeln, welche du erwähnt hast, wie zum Beispiel die zehn Gebote, nicht als Zwänge, nach denen ich leben muss, sondern als Richtlinien, nach welchen ich mein Leben aufbaue. Indem ich mich an die Gebote halte, verzichte ich nicht auf etwas, sondern sie fördern das Gelingen meines Lebens. Und so waren sie auch immer gedacht, ‘lebensdienlich’. An die meisten Regeln halte ich mich automatisch. Au- ßerdem kannst du nicht behaupten, dass du komplett nach deinen eigenen, selbst gesetzten Regeln lebst, da du ja auch an das Grundgesetz gebunden bist. Zumal sich viele Gesetze des Grundgesetzes mit den Regeln Gottes überschneiden. Ana: In diesem Punkt muss ich dir Recht geben, trotzdem lebe ich nach Gesetzen, über deren Herkunft ich mir klar bin, und die nicht auf uralten Überlieferungen und sozusagen der Überschreitung unserer Wirklichkeit basieren. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 62 Eva: In meiner Religionsdiskussionsgruppe haben wir uns, um der Antwort auf die Fragen näher zu kommen, des Weiteren mit dem Verhältnis von Theologie und Wissenschaft beschäftigt. Dort kamen wir zum Schluss, dass die christliche Theologie und die Wissenschaft insofern miteinander vereinbar sind als beide nach der Wahrheit suchen. Ana: Das stimmt, aber sie gehen dabei von verschiedenen ‘Ansatzpunkten’ aus. Korrigier’ mich, wenn ich falsch liege, aber die christliche Theologie geht von Jesus als der zentralen Offenbarung Gottes aus. Eva: Das stimmt! Ana: Diese unhinterfragbare Grundannahme ist wiederum nicht mit den wissenschaftlichen Voraussetzungen und Absichten der hermeneutischen Wissenschaften vereinbar. An sich ist die Methodik, wie man an einen Text herangeht, in der Theologie und anderen hermeneutischen Wissenschaften ähnlich, jedoch ist das Ziel dabei ein anderes. In der Theologie ist man darauf bedacht, dass man Überlieferungen zwar verständlich(er) macht, aber den zentralen Inhalt und deren Aussagen dabei nicht verändert, anders als z.B. in geisteswissenschaftlichen Hermeneutiken, in denen im Verstehensprozess letztlich alles in Frage gestellt werden darf und in denen oft Neu-Aktualisierungen im Vordergrund stehen. Eva: Dieser Meinung bin ich auch, aber ich glaube, der Grund, warum du denkst, dass der christliche Glaube unvernünftig ist, ist, weil du eine falsche Vorstellung davon hast. Ana: Wie meinst du das? Eva: Du hast das Gefühl, ich würde blind irgendwelchen Regeln und Traditionen folgen, deren Herkunft keinem so richtig klar ist. Aber so funktioniert Glauben nicht! Er basiert auf dem Vertrauen, das ich in Gott habe. Ich denke, dass Gott für jeden von uns eine Art ‘Plan’ hat – oder vielleicht ist es weniger missverständlich, wenn ich von ‘Heilsabsicht’ rede. Dieses Vertrauen gibt meinem Leben erst einen Sinn und macht es für mich möglich zu hoffen, zu wünschen und zu träumen. Das Vertrauen, das ich in Gott habe, bestärkt mich in meinen alltäglichen Entscheidungen und lässt mich auch in mich selbst vertrauen. III.6 Eine zufällige Wiederbegegnung – Anlass für ein tiefgründiges Gespräch 63 Ana: Genau dieses Vertrauen finde ich beeindruckend. Ich denke, dass es in vielen Situationen des Lebens eine Stütze sein kann, an Gott zu glauben. Auch wenn mir das manchmal vorkommt wie ein Kinderglaube, begrüße ich teilweise den Gedanken, dass es eine höhere Macht gibt, die über uns steht und ‘wacht’. Trotzdem bin ich einfach zu rational um an Gott und die Bibel zu glauben. Ich denke, dass der Glauben von Person zu Person unterschiedlich ist und ein anderes Verständnis beinhaltet. Es ist etwas sehr Persönliches. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch, und man sollte jede Art von Glauben oder eben ‘Nicht-Glauben’ respektieren und akzeptieren. Zudem teile ich nicht die Auffassung, dass der Mensch nur durch Gottes Hilfe zu vernünftigem Handeln fähig ist. Eva: Ich dagegen bin der Auffassung, dass unser vernünftiges Handeln durch Gott definiert ist und deswegen das Vertrauen in ihn so wichtig ist. Ana: Genau dieses Vertrauen kann ich nicht in diese transzendente Wirklichkeit haben, für die es keinen Nachweis gibt. Eva: Wer sagt denn, dass Gott einer anderen Wirklichkeit angehört. Gott ist für mich genauso Teil unserer Wirklichkeit wie wir Menschen auch! Ana: Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Vernunft mit der Gottesoffenbarung zusammenhängt, gibt es im Neuen Testament keinen wirklich sicheren Anhaltspunkt dafür, dass es eine Selbstbekundung Gottes überhaupt gibt. Eva: Ich glaube daran und für mich bewahrheitet es sich in meinem Leben ganz ‘subjektiv’! Und was die anderen Religionen angeht: Du musst das ‘mal so betrachten: Im Christentum geht man davon aus, dass Jesus Christus die schlechthinnige Offenbarung Gottes ist. Selbst wenn es vor und auch nach Jesus Christus noch weitere Offenbarungen gab oder geben wird, kann keine von diesen die Offenbarung Gottes in Jesus übertreffen. Dadurch ist die Offenbarung in Jesus Christus eine Art Maßstab für die anderen Offenbarungen für Christen. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass, sobald eine Gottesoffenbarung nicht mit der von Jesus Christus im Kern, also wesentlich, übereinstimmt, sie für uns Christen nicht gültig ist. Und zwar sehen wir Christen die Offenbarung in Christus als vollkommenen Liebeszuspruch Gottes an uns Menschen. Der Unter- III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 64 schied zu den anderen beiden monotheistischen abrahamitischen Religionen liegt dann darin, dass sie für sich im Kern von einer vollständigen Gottesoffenbarung ausgehen. Dadurch kommt es zum Konflikt, da viele Gottesoffenbarungen der anderen Religionen nicht mit der von Jesus Christus bruchlos übereinstimmen und dadurch die Wahrheitsfrage, von diesem Standpunkt aus, bezogen auf diese Religionen einfach so zu bejahen schwierig ist. Ana: Daraus ergibt sich ja dann die Frage, inwieweit die Gottesoffenbarungen des Judentums und des Islams mit der Offenbarung in Jesus Christus übereinstimmen. Trotzdem hat das demgemäß nicht zu bedeuten, dass Nichtchristen nicht auch zum Heil finden können. Eva: Ja genau. Letztendlich kam ich beziehungsweise meine Religionsdiskussionsgruppe aber zu dem Schluss, dass das Christentum die wahre Religion ist. Wie denkst du darüber? Ana: Ich denke, wenn ich deinen Gedanken folge, zum Einen, dass auch die anderen monotheistischen abrahamitischen Religionen teilweise einer wahren Religion entsprechen, wobei man dann genauer die verschiedenen Gottesoffenbarungen untersuchen muss. Zum Anderen bin ich mir für mich selbst immer noch nicht sicher, ob es überhaupt eine ‘wahre Religion’ gibt. Eva: In Bezug auf die anderen Religionen gebe ich dir Recht, jedoch bleibe ich dabei, dass es sich beim Christentum um die wahre Religion handelt. Wie würdest du die Frage „Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?“ letztendlich beantworten? Ana: Für mich ist die Beantwortung dieser Frage schwierig, eben weil ich keiner Religion angehöre und nicht an Gott glaube. Zudem kann ich mir generell vorstellen, dass man als Gläubiger immer seine Religion als Antwort auf die Frage sieht, eben, weil sie für einen das Gerüst des Glaubens ist und sie, die Gläubigen, ja nicht daran glauben und sich nicht danach richten würden, wenn sie nicht der Überzeugung wären, dass es sich um die wahre Religion handle. Meiner Meinung nach wird kein Andersgläubiger zum Schluss kommen, dass das Christentum die wahre Religion sei, weil er damit entgegen seinen Auffassungen und Überzeugungen antworten würde. Rein objektiv betrachtet macht das Christentum mit dieser III.6 Eine zufällige Wiederbegegnung – Anlass für ein tiefgründiges Gespräch 65 Argumentation, die du vorgebracht hast, als Antwort am meisten Sinn, jedoch bin ich trotzdem hin und her gerissen, ob man das so einfach sagen kann. Eva: Meiner Meinung nach ist die Argumentation, die wir angeführt haben, ziemlich schlüssig, aber wie du ja auch gesagt hast, bin ich durch meinen Glauben nicht wirklich ‘objektiv’ – und kann es auch gar nicht sein. Trotzdem würde ich auch bei der Beantwortung der zweiten Frage den christlichen Glaubensannahmen Gültigkeit zusprechen, durch die sich der Liebeswille Gottes ausdrückt, der sich in Jesus Christus bekundet hat. Jedoch würde ich aus den vorgetragenen Gründen auch die anderen beiden monotheistischen abrahamitischen Religionen bei der Antwort auf die Frage nicht ausschließen. Auch in deren Glaubensannahmen kann sich, so nehme ich doch stark an und das zeigt ja wohl die Erfahrung, Gottes Liebeswille für den Menschen bekunden. Das verwundert ja auch nicht, da all diese drei Religionen stark miteinander verbunden sind. Ana: Da hast du Recht. Das war insgesamt eine sehr interessante und tiefgründige Diskussion! Eva: Ja, das finde ich auch! Durch dich konnte ich das Ganze noch ‘mal von einem anderen Blickwinkel aus betrachten. Aber ich muss jetzt los. Bis zum nächsten Mal! Ana: Tschüss! Diskussion beim Familientreffen von Paula Westenberger und Lina Wagner Holga und Felix, zwei entfernte Vettern, treffen einmal jährlich beim gro- ßen Familientreffen aufeinander. Obwohl sie sich gegenseitig stets sympathisch finden, sind sie zwei Männer verschiedener Ansichten und geraten deshalb jedes Mal erneut in eine intensive Diskussion. H: Hallo mein Lieber, schön dich anzutreffen! Ich bin gestern auf einen Artikel über die Frage nach der wahren Religion gestoßen und konnte es nicht erwarten, mich mit dir darüber zu unterhalten! III.7 III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 66 Ich kann generell eher nicht verstehen, wie man einer Religion ‘Wahrheit’ zusprechen kann. F: Hallo Holga, auch schön dich zu sehen! Ich muss ehrlich sagen, dass ich als Christ das Christentum als die wahre Religion ansehe. H: Hmmm, ich denke das Gesamte ist derartig komplex, dass man die Frage nach der Wahrheit zunächst ausklammern sollte. Zuerst einmal interessiert mich: Inwiefern kannst du behaupten, dass dein Glaube vernünftig ist? F: Ja, ich weiß, für die Religionskritiker stehen der christliche Glaube und die Vernunft zunächst einmal im Gegensatz zueinander. Doch dadurch, dass sich mein Glaube auf Gott stützt, der sich als Logos, also als worthafte Vernunft offenbart hat, steht der christliche Glaube zweifellos in Verbindung mit der Vernunft. Gerade Jesus wird als der Logos behauptet. Und in Jesus, in dem sich die unbedingte Liebe Gottes gezeigt hat, liegt der Kern des Christentums. H: Trotz dessen, dass es keine zeitlos-ewige Definition von ‘Vernunft’ gibt, entspricht der Glaube nicht unserem Wirklichkeitsverständnis, da er unsere Erfahrungswirklichkeit überschreitet. Der christliche Glaube speziell unterscheidet nicht zwischen dieser Welt und der Transzendenz, er denkt also nicht in zwei sauber getrennten Welten, denn er behauptet die Inszendenz Gottes in Jesus in diese Welt, vermischt also gewissermaßen diese Welten, die Erfahrungswirklichkeit, die empirisch erkennbar ist, und die transzendente Wirklichkeit. Und außerdem: Könntest du mir christliche Behauptungen nennen, die experimentell überprüfbar sind? Nein, denn sie lassen sich nicht bewahrheiten bzw. sind nicht falsifizierbar. Auch viele Naturwissenschaftler, also diejenigen, die mehr Fragen stellen, sehen den Gottesglauben als unvernünftig an. Meiner Meinung nach wird im christlichen Glauben eine traditionelle Lehre vermittelt, der sich die Gläubigen einfach unterwerfen. Diese Fremdgesetzgebung scheint mir folglich unvernünftig. F: Hmm, also denkst du, ein autonom bestimmtes Leben ist das einzig Richtige? H: Ja, ich denke, dass es wichtig ist, sein Leben losgelöst von Autoritäten zu führen. Insbesondere auf dem Weg zur Selbstverwirklichung ist dies wichtig. Durch den Glauben kommt es zu einer Ent- III.7 Diskussion beim Familientreffen 67 fremdung, die nur mit Hilfe der Vernunft zu erkennen und zu beseitigen ist. F: Ja, einige Widersprüche dieser Art sind tatsächlich historischfaktisch belegt, aber denk’ doch ‘mal in die andere Richtung! Es kann doch auch gut sein, dass wir unsere Vernunftauffassung korrigieren sollten. Denn immerhin hat uns Gott als vernünftige Wesen in die Welt gesetzt, damit wir diese weit gehend erkennen und verändern. Außerdem: Wir Christen widersprechen nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen, wir akzeptieren sie sogar, nicht aber jede Anwendung und jedweden Gebrauch. Für mich ist ganz klar die Akzeptanzgrenze dort überschritten, wo die Wissenschaft über das Handeln der Liebe hinausgeht. Mit dem Handeln der Liebe meine ich, dass sich Gott für die Menschen in Jesus Christus als Liebe offenbart hat und dies Vorbild sein soll. H: Okay, aber was sagst du jetzt zu der vorgeschriebenen Autorität deines Glaubens? F: Ja, ich sehe eine Autorität in meinem Glauben. Jedoch keinesfalls einen verbindlichen Zwang, ich bin frei von psychischen und physischen Nötigungen. Für mich beruht das Vertrauen im Glauben darauf, dass die einzelnen Glaubensinhalte auf Freiheit basierend geglaubt werden. Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass Glaube nicht argumentativ beweisbar ist, wenngleich man für ihn argumentieren kann. Sobald man sich aber mit den Glaubensinhalten befasst und sich wirklich auf sie einlässt, kommt es zu einer subjektiven Bewahrheitung! H: Ach so, du hattest ja von deiner Akzeptanz von Wissenschaft geredet! Ich denke, an diesem Punkt ist es wichtig zu klären, wie denn das Verhältnis von Theologie und Wissenschaft ist: Theologie ist, so gestehe ich der Einfachheit halber einmal zu, in sich konsistent und sie ist in gewisser Weise eine Wissenschaft wie jede andere. Allerdings setzt sie zusätzlich voraus, dass Gott sich in Jesus Christus offenbart hat. Diese bestimmte ‘Prämisse’ ist jedoch nicht gewöhnlich wissenschaftlich überprüfbar und gegebenenfalls revidierbar, sondern eine Grundannahme in der Theologie. Auch befassen sich Theologie und andere hermeneutische Wissenschaften strukturell wie methodisch gleichermaßen mit Texten. Die Intention bei der Auslegung der Texte ist jedoch unterschiedlich. Denn in III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 68 anderen hermeneutischen Wissenschaften können alle Aussagen immer wieder revidiert und verändert werden, während die Theologie die Grundaussage der Glaubensdokumente stets beibehält und diese bloß zeitlich neu anpasst, also aktualisiert. F: Ja, dieses Verständnis von Wissenschaft und Theologie haben wir im christlichen Glauben. Wie bereits gesagt, akzeptiere ich die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Und ja, die Grundaussage der Theologie und des christlichen Glaubens verändert sich nicht. Das zeigt sich im Umgang mit unserem lange bestehenden und anhaltenden Glaubensdokument, also der Bibel mit ihren Evangelien und sonstigen Schriften vor allem des Neuen Testaments. Aber zurück zum eigentlichen Thema, dem Verhältnis zwischen Vernunft und christlichem Glauben. Die christliche Religion verlangt nicht die Vernunftaufgabe aufgrund einer fremden Autorität, sie fordert viel mehr Vertrauen auf den Zuspruch Gottes in Jesus Christus. Somit können wir uns rückhaltlos und vertrauensvoll auf den Glauben einlassen. Wir stützen uns also auf die Zusage Gottes in dem, was wir glauben. Diese ist tatsächlich autoritativ. Sie ist so sehr von Belang, dass sich die gesamte kirchliche und theologische Lehre darauf bezieht. Und gerät dieser Zuspruch Gottes in Vergessenheit, so verschlechtern sich nicht nur die Theologie, der Glaube und die kirchliche Lehre, sondern auch vieles andere. Über das vertrauensvolle Sich-Einlassen erkennen wir vernünftig, wie wir die Vorschriften und Gebote an der Liebeszusage Gottes messen müssen. – Ach ja, nochmals zu deiner vorherigen Aussage zur Selbstverwirklichung, die laut dir nur mithilfe der Vernunft und allein durch sie möglich ist. Denkst du wirklich, dass die Vernunft alleine zu so etwas Großem führt? H: Ja, ich denke die Vernunft kann derartiges vollbringen. Was denkst du, kann sonst zur Selbstverwirklichung führen? F: Aus meiner Sicht ist die Vernunft nicht dazu im Stande, solch eine Leistung zu vollbringen. Der Sinn des Lebens kann sich doch nicht durch die Vernunft allein erkunden lassen oder gar setzen lassen. Das, was über unsere Vorstellung hinausgeht, etwa, was davor war und was danach ist, wird die Vernunft nie aufklären können. Wir benötigen also etwas losgelöst Höheres, das uns das nicht Verständliche nahebringt. Der christliche Glaube sieht diese Erklä- III.7 Diskussion beim Familientreffen 69 rung in Gott. Zudem verhilft dieser dem Christen aus der Verkehrung der Sünden befreit zu werden, oder, ‘moderner’ ausgedrückt, aus der Entfremdung von Gott, sich selbst und den Mitmenschen. Zu unserem Wirklichkeitsverständnis ist außerdem zu sagen, dass unser Glaube keineswegs eine zweite, transzendente Wirklichkeit verlangt. Denn Gott gibt unserer Wirklichkeit erst einen Sinn, einen Grund, ein Ziel und eine Richtung. Er ist keine separate Grö- ße, die sich außerhalb unserer Wirklichkeit befindet. H: Wie denkst du denn dann, gelangt er in die Wirklichkeit? F: Wir bezeichnen Gott als so etwas wie einen ‘Anderswohner’, der in unserer Wirklichkeit zum Vorschein kommt und ihr als ihr tragender Grund innewohnt. Wir denken, dass eure religionskritische Auffassung korrigiert werden muss. Denn ihr verbindet die Wirklichkeit nur mit dem deutlich Sichtbaren und lasst somit keinen Raum für das, was die christliche Tradition ‘Reich Gottes’ nennt. Doch unsere Wirklichkeit braucht diesen Raum. H: Laut Bibel ist der vernünftige Mensch, obwohl Gott sich in seinen Schöpfungswerken zeigt, von sich selbst aus eigentlich nicht in der Lage, Gott wahrhaft zu erkennen und anzunehmen, und somit ist die Frage nach einer allgemeinen Offenbarung und der Gotteserkenntnis durch die menschliche Vernunft beantwortet. F: Ich denke, damit sollte die Frage nach der Gotteserkenntnis abgehandelt sein. Und ich würde mich nun gerne wieder etwas mehr auf die eigentliche Ausgangsfrage beziehen. Dafür muss man meine Religion, also das Christentum, in Bezug zu den anderen monotheistischen beziehungsweise abrahamitischen Religionen setzen, um herauszufinden, inwiefern wir Wahrheitsansprüche stellen können. H: Da stimme ich dir zu. Doch zusätzlich müsste man sich aus deiner Perspektive die Frage stellen, ob man sich auf eine eventuelle ‘Vorahnung’ des ‘wahren Gottes’ beziehen könnte. Zudem müsste laut dir die Frage nach dem wahren Gott innerhalb der anderen monotheistischen und abrahamitischen Religionen relativ einfach zu beantworten sein, oder? Denn aus der Sicht der Christen sollte es offensichtlich sein, dass die christliche Religion den wahren Gott meint. Und somit wäre die Frage für dich durch deinen Glauben schnell beantwortet. Dies gilt aber nicht, wenn man eine andere Möglichkeit bedenkt. Und zwar kann es ja auch sein, dass die ande- III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 70 ren monotheistischen und abrahamitischen Religionen sich auf den selben Gott beziehen. Hier möchte ich jedoch gerne noch differenzieren, denn ich verlange nicht, dass das Christentum diese Gottesbeziehung als genauso ‘vollkommen’ ansieht wie in seiner Religion. F: Mhhhh, also am ehesten scheint es für mich so, dass den anderen Religionen trotz ihres monotheistischen Denkens etwas fehlt. Und in meinem Glauben ist mir das Entscheidende gegeben. So sehe ich es im Judentum und im Islam problematisch, dass eine Beanspruchung einer vollkommenen Gottesoffenbarung und Gotteserkenntnis vorliegt. H: Naja, die Offenbarung Gottes in Jesus Christus scheint mir im Christentum aber auch von grundlegender Bedeutung und Relevanz, da sie an alle Menschen gerichtet ist. Jedoch kann dies auch nur durch den Glauben bestätigt werden. Ich finde solche Denkweisen der Christen, welche auf dem Glauben beruhen, sind zu akzeptieren, wenn der christliche Glaube auch andere Vorstellungen von Gott akzeptiert und sie nicht allesamt als falsch qualifiziert. F: Man kann diese Vorstellungen aber nicht einfach akzeptieren. Man muss sie in jedem Fall kritisch überprüfen. Es könnte ja sein, dass diese Vorstellungen der Gottesoffenbarung in Jesus Christus widersprechen. H: Ja, aber ich denke, dass dies auch genauso für das Christentum gelten sollte. So muss man untersuchen, inwieweit die Vorstellungen von Gott mit dem in Jesus Christus offenbarten Gott, welcher allen Menschen im Evangelium dargelegt wird, und seinem Liebeswillen vereinbar sind. So denke ich, könnte es eine Entscheidung Gottes sein, wo und wie er seinen Willen außer in Jesus Christus erfahrbar werden lässt. Dies könnte dann durchaus auch in Religionen geschehen, die nicht einmal abrahamitisch sind. Demnach sollte die christliche Religion nicht voreingenommen und zu schnell urteilen und auch andere Religionen würdigen. F: Also könnten so auch Nichtchristen und Nichtchristinnen zum Heil gelangen? H: Ja, du hast es erfasst, denn das trägt dem Rechnung, dass Gott in seiner Liebe die Möglichkeit hat, zu entscheiden, ob er bestimmte Menschen seine Liebe erfahren lässt, obwohl diese nicht bewusst III.7 Diskussion beim Familientreffen 71 die Chance in Jesus Christus nutzen können, da ihnen die Begegnung mit seinem Zuspruch in Jesus Christus fehlt. Ok, wow, das Gesamte war jetzt ganz schön komplex! Ich finde die Diskussion sehr interessant, man bekommt viele neue Einblicke und kann besser über andere Religionen urteilen und sich eine Meinung bilden. F: Ja, das denke ich auch. Es ist wichtig, so eine Thematik vielseitig zu betrachten. Ich akzeptiere natürlich jede Religion und ihre Auslegung, kann aber deutlich sagen, dass ich dem Christentum allein volle Wahrheit zuspreche. H: Ich muss ehrlich sagen, dass ich mit einer ‘vernünftigen Religion’ nie etwas anfangen konnte und das für mich immer im Gegensatz stand. Ich finde es aber sehr interessant, wie du dieses Verhältnis im Christentum verstehst, und sehe, dass viele Aspekte dafür sprechen, dass das Christentum jedenfalls ‘vernünftige Züge’ hat. Natürlich kann ich nicht behaupten, ab jetzt allein dem Christentum Wahrheit zuzusprechen, aber in diese Denkrichtung hast du mich durchaus gebracht. F: Ich finde es gut, wenn es viele verschiedene Gesichtspunkte gibt, die man an den einzelnen Religionen durchdiskutieren kann. Die wahre Religion ist für mich persönlich, wie bereits gesagt, das Christentum. Ich finde aber, dass die anderen zwei monotheistischen Religionen durchaus Züge aufweisen, denen man Wahrheit zuerkennen kann. Ich spreche denjenigen Glaubensannahmen Gültigkeit zu, ob innerchristlich oder außerchristlich, die mit den Grundannahmen der Evangelien übereinstimmen, das heißt: Überall, wo sich der Liebeswille Gottes für die Menschen als anerkannte Annahme aufweist, lässt sich Geltung legitimieren. H: Ja, ich finde es gut, dass du hinter deiner Religion in vollen Zügen stehst und deine Meinung begründen kannst. Dabei dennoch mit solch einer Toleranz den anderen monotheistischen Religionen gegenüberzutreten, schätze ich. Schlussendlich muss man wohl auch sagen, dass sie vieles verbindet, trotz jeglicher Konflikte in der Vergangenheit. Aber ja, deine Perspektive auf das Christentum hat mich nochmals im positiven Sinne zum Nachdenken angeregt. Das war wirklich III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 72 ein interessantes Gespräch, ich kann viele deiner Gesichtspunkte vertreten und habe einen neuen Blick auf deine Religion erhalten. F: Ja, das stimmt, dass sie einiges verbindet. Ich fand es wirklich interessant, mit dir zu diskutieren, das ist immer eine lebhafte und tiefgreifende Konversation! H: Ich fand es auch sehr spannend! Ich glaube nur, wir sollten uns nicht noch viel länger vom Rest der Familie mit unseren erstklassigen ;-) Gesprächen abkapseln. F: Du hast Recht. Oh je, hoffentlich haben die anderen uns noch Kuchen übriggelassen, lass’ uns direkt mal nachschauen gehen! Ein zufälliges Gespräch im Café am Marktplatz von Hana Künzler und Marie Rein Joachim Brauner hatte schlechte Laune. Das Café an der Ecke Schmidtstraße, Karlsweg am Marktplatz, welches für ihn wie eine Stammkneipe war, war rappelvoll. Er hatte gerade noch einen seiner bevorzugten Plätze am Fenster ergattern können. Da saß er nun, 53 Jahre, zwischen der brunchenden Gesellschaft, und las die Tageszeitung. Die schlechte Laune wurde größer. Unzählige schlechte Nachrichten von unnötigen Kriegen im Osten und von Politikern, die sich über Firlefanz stritten. Gerade wollte er umblättern da sprach ihn jemand von der Seite an… „Entschuldigung, ist hier noch frei?“ Ein junger Mann, etwa Anfang zwanzig, blickte ihn freundlich von der Seite an. „Ja ähmm … Natürlich, bitte setzen Sie sich, ist ja wirklich voll heute!“ Joachim rückte schnell seinen Teller mit Streuselkuchen ein Stückchen mehr auf seine Seite. Der junge Mann setzte sich ihm dankbar gegenüber und stellte seinen Pappbecher auf den Tisch. ‘Paul’ stand da, in Edding geschrieben. Joachim lächelte ihn freundlich an, dann fiel sein Blick auf einen Mann, der am Fenster vorbei lief. Er trug eine Kippa und rauchte eine Zigarette. Joachim Brauner zog die Augenbraun hoch und schüttelte leicht den Kopf. „Furchtbar wie ungesund wir Menschen leben, nicht wahr?“, sagte Paul. Joachim Brauner sah ihn verwundert an: „Wie …? Was mei- III.8 III.8 Ein zufälliges Gespräch im Café am Marktplatz 73 nen sie? – Ach so! Nein, ich …, also nein! Seine Kippa …! Ich habe nur auf die Kippa geachtet, also … ja.“ Paul wirkte leicht verwundert und blickte ihn seltsam an: „Haben sie etwas dagegen, dass er seine Religion vor anderen Menschen zeigt?“ „Nein, das ist es nicht, es ist nur so, dass ich seine Religion nicht verstehe!“ „Können Sie sie nicht verstehen oder wollen Sie sie nicht verstehen? Also ich meine: Sehen Sie sie als falsch an?“ „Naja, also … . Ja, ich kann sie nicht verstehen, weil ich einfach weiß, dass seine Religion nicht komplett wahr sein kann, nicht vernünftig ist.“ „Wieso das denn?“ Paul sah ihn fragend an. „Nun ja, Sie und ich, wir wissen beide, dass nur das Christentum die einzig wahre Religion ist.“ „Ach ja, ist das so? Gibt es denn so etwas wie eine wahre Religion? Was bedeutet für Sie denn eine ‘wahre’, ‘richtige’ oder ‘vernünftige’ Religion? Wieso ausgerechnet das Christentum, was macht es so besonders?“ „Der Kern des Christentums oder vielmehr des christlichen Glaubens ist, dass sich Gott durch Jesus Christus offenbart in Form von unbedingter Liebe. Eine Liebe, die sich allen Menschen zeigt und allen Menschen zuwendet. Diese Liebe beansprucht uns, sie schenkt uns Vertrauen und lässt uns leben.“ „Sehen Sie, Sie glauben daran so, wie der Mann an seine Religion glaubt. Aber wieso ist seine Religion unvernünftig und ihre vernünftig? Was bedeutet für sie denn ‘Vernunft’? Meiner Meinung nach kann man nicht so einfach sagen, was ‘vernünftig’ ist, sondern besser, was unvernünftig ist. Der christliche Glaube ist genauso unvernünftig wie die anderen zwei abrahamitischen Religionen, nämlich in der Hinsicht, dass Glaube bedeutet, in etwas zu vertrauen, das wir nicht sehen oder anfassen können. Wir glauben an etwas, das übersinnlich ist. In dieser Hinsicht ist der Glaube unvernünftig, auch der christliche, also der ihre.“ Joachim Brauner schmunzelte. Schon lange nicht mehr hatte er solch eine Unterhaltung geführt. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 74 „Sie haben Recht, der christliche Glaube ist, so gesehen, ebenfalls unvernünftig!“ Joachim schob sich ein Stück Streuselkuchen in den Mund. „Hinsichtlich ihrer richtigen Aussage über das Glauben an etwas Übersinnliches muss man aber sagen, dass nur, weil der christliche Glaube in seinem Gehalt nicht nachgewiesen werden kann, er die Wissenschaft nicht ablehnt. Der christliche Glaube, recht verstanden, ist jedenfalls insofern vernünftig als er die Wissenschaft respektiert und auch anerkennt. Zudem kann ein Christ durchaus vernünftig denken und an z.B. anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse wie etwa den Urknall glauben.“ Paul hatte noch einen Einwand zu machen: „Zudem ist, wenn ich einmal diese religionskritische Position weiter einnehme, das Wesen von Religion, an das Handeln Gottes zu glauben, ebenfalls ‘unvernünftig’!“ Joachim nickte. „Ich verstehe Ihre Position.“ Paul fuhr fort: „Ich sehe es, wenn ich einmal weiter den Religionskritiker abgebe, aber auch als unvernünftig an, wenn das Leben durch den Glauben völlig ‘in Beschlag genommen’ wird. Ich habe den Eindruck, gelebtes, ‘orthodoxes’ Judentum und auch der Islam beeinflussen das Leben der Gläubigen oft sehr stark bzw. beanspruchen es ganz. Es ist unvernünftig, dass stark religiöse Menschen – und hier möchte ich das Christentum nicht völlig ausschließen, denn auch dort gibt es, z.B. unter fundamentalistischen Christen, streng religiös lebende Menschen – ein Leben nur ‘für Gott’ leben und ‘vervollkommnen’, anstatt es für sich zu beanspruchen und sich selbst zu entfalten. Das spricht eigentlich komplett gegen unseren Verstand. Diese lebensfeindlichen und unvernünftigen Lebenshaltungen sehe ich noch viel häufiger im orthodoxen Judentum, besonders aber im ‘strenggläubigen’ Islam.“ Joachim zuckte leicht zusammen. Mit solch einem Standpunkt, wie ernst auch immer er gemeint war, hatte er nicht gerechnet. Er verstand die vorgetragene Betrachtungsweise des Mannes und musste dennoch widersprechen. „Wieso muss es denn gegen unseren menschlichen Verstand gehen, wenn Gott in unserem Leben eine sehr große Rolle spielt? Kann es nicht auch einfach sein, dass man sein Leben durchaus ‘für sich’ III.8 Ein zufälliges Gespräch im Café am Marktplatz 75 lebt und Gott einfach ein bedeutender Teil des eigenen Lebens ist, der wichtig ist um sein Leben gelingend zu leben und zu vollenden?!“ Paul verstummte kurz und meinte dann gedankenverloren: „Es ist also nicht gegen unseren Verstand, wenn wir Gott in unsere Leben einbeziehen … . Es ist vielleicht einfach nur wichtig, dass man sich auch bewusst ist, dass einige unserer grundlegenden lebensleitenden Überzeugungen nicht wissenschaftlich nachgewiesen oder begründet werden können … einfach, weil das wissenschaftlich gar nicht geht….“ Nach einer kurzen Denkpause fuhr Joachim fort: „Ich denke, Islam und Judentum sind in dieser Hinsicht durchaus ‘vernünftig’, genauso wie das Christentum. Glauben bedeutet, sich auf Gott einzulassen ohne sich abzusichern. Man schenkt Gott sein vollstes Vertrauen und erhält seine Zusage in Form von Liebe. Unvernünftig wäre eine kritiklose Unterwerfung unter eine fremde Autorität.“ „Sehen sie, diese Unterwerfung, die unvernünftig ist, so habe ich den Eindruck, die sehe ich, fundamentalistische Christen wieder ausgenommen, vor allem in einigen Ausprägungen des Islam. Und was mich auch immer wieder erschüttert, sind Handlungen, von denen ständig in den Nachrichten zu hören ist, bei denen der Glaube als Grund angegeben wird. Zwar sieht, wie ich es verstehe, auch das Christentum Handlungen der Menschen von Gott gewollt, aber der Mensch soll hierbei seine Vernunft nutzen um die Welt positiv zu verändern.“ Joachim: „Sie haben Recht, ich finde so etwas auch erschreckend, aber bedenken sie, dass das nicht auf alle Muslime bezogen werden kann!“ „Natürlich, das ist mir, wie ich ja angedeutet habe, bewusst … .“ Joachim: „Dennoch ist, glaube ich, das Christentum am nahesten an der Offenbarung Gottes. Es richtet sich vom Grund her danach, dass uns die Liebe Gottes durch Jesus widerfahren ist. Judentum und Islam glauben vielleicht auch an die unbedingte Liebe Gottes, aber dies ist eventuell nicht ihre Grundlage, geschweige denn die Offenbarung Gottes in Jesu Verkündigung und Handeln. Sie weichen demnach von der maßgeblichen Offenbarung Gottes ab und können deshalb aus christlicher Sicht nicht ganz einer wahren Religion entsprechen. Allerdings lassen sie sich tatsächlich nur als III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 76 falsch beschreiben, wenn sie komplett gegen diese Offenbarung Gottes als unbedingter Liebeswille sind.“ Paul: „Also würden sie die Religion des jüdischen Mannes nicht als falsch, aber auch nicht als ganz richtig bezeichnen, wenn ich sie recht verstehe?“ „Ja, so lässt es sich ganz gut beschreiben.“ Joachim nahm einen Schluck seines schon kalten Kaffees. „Ich habe den Eindruck, dass dem Judentum und auch dem Islam etwas fehlt. Ich kann den Glaubensannahmen des Christentums mehr vertrauen, dass der Kern des Glaubens in der Liebe Gottes liegt, weswegen auch die Worte im Neuen Testament der Bibel oft von Nächstenliebe, bedingungsloser Akzeptanz von anderen oder eben allgemein von Gottes Menschenliebe handeln. Natürlich sind nicht alle scheinbaren ‘Berichte’ über Jesu Reden und Tun im Neuen Testament eine Wiedergabe tatsächlicher Ereignisse, sondern Glaubenstexte, die der Verkündigung dienen, nicht aber einem dokumentarischen Bericht. Das muss man feststellen, wenn man sich auf die Vernunft des Menschen beruft und auf Wissenschaft. Dennoch habe ich in das Christentum ein großes Vertrauen und sehe es deshalb als die wahre Religion an. In Bezug auf die Wahrheitsfrage gilt es im Umgang mit dem Neuen Testament, wie überhaupt mit der Bibel, eben vielfach zu berücksichtigen, dass es sich dabei um Glaubensdokumente handelt – und handeln soll –, nicht um Tatsachenberichte, etwa, was die Geburtsgeschichten Jesu anbelangt, wie sie in den Evangelien von deren Verfassern in Verkündigungsabsicht dargestellt wurden.“ „Ich denke, jetzt habe ich Sie verstanden. Auch meiner Ansicht nach muss jeder für sich selbst entscheiden, welchen Glaubensannahmen er vertraut und welche Religion für ihn demgemäß die wahre Religion ist oder welche sich ihm als die wahre erweist.“ „Hmmm, ja, das stimmt. Ja, man kommt da um eine eigene Entscheidung und Stellungnahme nicht herum! Und der eigene Standpunkt ist für einen selbst dann ja oft der in sich stimmigste. Sagen sie: Wollen sie auch noch einen Kaffee?“ „Ähmmm … ja, sehr gerne: Ich nehme …“, doch da wurde Paul von seinem Handyklingelton unterbrochen. „Oh, entschuldigen Sie bitte!“ Er sah auf das Display und nahm ab: „Ja, hallo Schatz, seid III.8 Ein zufälliges Gespräch im Café am Marktplatz 77 ihr schon fertig?“ Joachim konnte eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung hören. „Ja, gut, ich bin gleich da! Treffen wir uns auf dem Platz? …. Dann bis gleich!“ „Tut mir sehr leid, aber ich muss gehen. Es hat mich sehr gefreut, mich mit Ihnen zu unterhalten! Vielleicht sieht man sich ja noch ‘mal!“ Paul stand auf und winkte zum Gruß. „Ja, kein Problem! Auf Wiedersehen und einen schönen Tag noch Ihnen!“ „Danke gleichfalls!“ Paul verließ das Café und lief noch einmal am Fenster vorbei. Die Männer lächelten sich an. Joachim verfolgte den Mann mit seinen Blicken und bemerkte, dass Paul auf eine junge Frau mit Kopftuch zuging, die in der Begleitung eines kleinen Mädchens war. Das Mädchen strahlte Paul an, mit einem typischen Tochtergrinsen auf den Lippen. Paul trat an die Frau heran, küsste sie auf den Mund und begrüßte die beiden. Dann zog die Familie über den Platz und verschwand hinter einer Straßenecke. Joachim Brauner saß für einige Minuten nur stumm da und starrte der glücklichen Szene hinterher. Dann grinste er und wandte sich seinem letzten Bissen Streuselkuchen zu. Eine Unterhaltung zwischen Sitznachbarn im Flugzeug von Marina Haug und Johanna Madeheim Ein gläubiger Christ und ein atheistischer Naturwissenschaftler befinden sich gemeinsam in einem Flugzeug und sind Sitznachbarn. Atheist: Endschuldigen Sie, wissen Sie, um wieviel Uhr die Maschine in Frankfurt landen wird? Christ: So Gott will um 14:30 Uhr. Atheist: Danke Ihnen! Aber was hat das mit Gott zu tun? Christ: Letztlich liegt es bei Gott, ob wir heil ankommen. Atheist: Das ist Ansichtssache! Meiner Meinung nach ist das unvernünftiges Denken! Vernunft und Glaube vertragen sich einfach nicht! III.9 III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 78 Christ: Das ist speziell Ihre Meinung! Glaube und Vernunft müssen nichts Gegensätzliches sein. Das Christentum beispielsweise war in seiner Geschichte der Vernunft gegenüber über weite Phasen durchaus aufgeschlossen. Atheist: Okay, das mag ja sein! Aber dennoch sind ‘Glaube’ und ‘Vernunft’ zwei Begriffe, die nicht zusammenpassen. Christ: Wie definieren Sie denn ‘Vernunft’? Atheist: Eine eindeutige Definition gibt es für diesen Begriff nicht. Aber alles, was über die Erfahrungswelt hinausgeht, ist für mich nicht logisch. Christ: Beim christlichen Glauben spielt sich jedoch vieles in der Erfahrungswelt ab, denn Jesus Christus hat historisch nachweisbar in ihr gelebt. Atheist: Seine Existenz bzw. die Existenz der Person mit dem Namen Jesus, der von Gläubigen der Titel ‘Christus’ beigelegt wurde, ist durchaus bewiesen, da gebe ich Ihnen Recht. Jedoch sind es viele seiner Taten nicht! Wie erklären Sie sich beispielsweise die Wunderheilungen? Christ: Das stimmt, dass sich viele seiner Taten historisch nicht belegen und wissenschaftlich nicht erklären lassen. Ich und viele andere Christen jedoch halten daran fest, dass viele dieser Dinge passiert sind, wie auch immer sie zu erklären sind. Und eine Reihe von Wundergeschichten, von denen die Evangelien ‘erzählen’, ist tatsächlich eindeutig legendarisch und man muss genau beachten, was mit ihnen eigentlich ausgesagt werden soll. Aber generell: Religion lebt nun ‘mal davon, auch an Dinge zu glauben, die wissenschaftlich nicht nachweisbar oder erklärbar sind. Nur durch diesen Glauben erfährt man die Liebe und Barmherzigkeit Gottes! Atheist: Blinder Glaube und blindes Vertrauen sind jedoch auch nicht gut. Die meisten Gläubigen unterwerfen sich einfach einer Offenbarung, die durch Tradition vermittelt wurde. Vernünftig wäre es aber, sich eigene Ziele zu setzen und sein Leben selbstbestimmt zu führen. Christ: Ich empfinde die Hingabe an Gott nicht als Zwang oder Nötigung. Ich vertraue Gott und fühle mich dabei frei und geborgen! Aber ich kann Ihre Vorbehalte hinsichtlich der Wissenschaft in gewisser Weise verstehen. Wir Christen müssen die wissen- III.9 Eine Unterhaltung zwischen Sitznachbarn im Flugzeug 79 schaftlichen Erkenntnisse, so weit sie vorliegen und nach den jeweiligen ‘Standards’ gut begründet sind, akzeptieren, unbenommen der Tatsache, dass wissenschaftliche Erkenntnis stets ‘Erkenntnis auf Abruf ’ ist und nur sein kann! Atheist: Freut mich, dass Sie mich verstehen! Im Christentum ist das Ganze ja auch etwas lockerer als beispielsweise im Islam. Christ: Wie meinen Sie das? Atheist: Sie sind zum Beispiel nicht so sehr verpflichtet, gewisse Dinge zu tun. Es gibt im Christentum keine strengen Vorgaben, wie oft und zu welcher Zeit man welches Gebet sprechen soll, wenn man einmal absieht z.B. von klösterlichen Ordensgemeinschaften. Im Islam hingegen ist das ganz anders gehandhabt. Nicht nur an die Regeln mit den Gebeten muss man sich halten, auch all die anderen Gesetze der fünf Säulen müssen beachtet werden. Christ: Ja, das stimmt, dass es einige recht strenge Gebote im Islam gibt, jedenfalls auf den ‘ersten Blick’. Das Christentum allerdings weist mit den zehn Geboten und dem Doppelgebot der Liebe auch Vorgaben auf, an die man sich halten muss bzw. soll. Atheist: Ach ja, stimmt, die zehn Gebote hatte ich ganz vergessen! Wie lauten diese denn noch ‘mal? Christ: Naja, zum Beispiel: Du sollst nicht stehlen, nicht töten, nicht ehebrechen … Atheist: Ach ja, die kenne ich doch! Aber daran halten sich ja auch Nichtgläubige! Ich denke, dass die Gebote im Islam um einiges strenger sind. – Wie ist das eigentlich im Judentum? Gibt es da auch sowas wie Gebote oder etwas, an das man sich halten muss? Christ: Ja, im Judentum gibt es die 613 Mitzwot, die die Juden einzuhalten haben – und die zehn Gebote, die mit zu den Mitzwot gehören, gelten natürlich auch für sie. Atheist: Und woher soll man denn dann wissen, welcher Religion man sich zugehörig fühlen soll – beziehungsweise: Warum haben Sie sich für das Christentum entschieden und nicht für eine andere Religion? Christ: Ich glaube an die Botschaft des Christentums von Jesus als dem Christus! Als Christ fühle ich mich durch Jesus Christus befreit. Und andere Religionen schränken meiner Meinung nach ge- III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 80 rade die Freiheit eher ein. Das Christentum gehört daher einfach zu mir! Es ist ein Teil von mir und ich bin ein Teil von ihm! Atheist: Würden Sie generell behaupten, dass das Christentum die ‘wahre’ Religion ist? Christ: Für mich ist das so, ja! Aber dazu hat jeder eine andere Meinung. Würden sie beispielsweise einen Muslim nach der wahren Religion fragen, würde dieser sicher den Islam als Antwort nennen. Atheist: Gibt es denn aber so etwas wie Beweise für die Wahrheit ‘hinter’ den Religionen? Christ: Was verstehen Sie denn unter ‘Wahrheit’? Atheist: Also für mich beruht Wahrheit auf Fakten, die wissenschaftlich nachweisbar und überprüfbar sind. Christ: Das habe ich mir fast gedacht, dass sie so antworten! Wissenschaftler haben meist eine sehr einseitige Sicht auf die Frage nach der Wahrheit. Wie ich schon sagte, beruht Religion nicht nur auf wissenschaftlich überprüfbaren ‘Fakten’, sondern auf dem Glauben und dem Vertrauen zu Gott! Atheist: Wie kann man denn an etwas glauben bzw. hinter etwas stehen, ohne dass Wahrheit darin eine Rolle spielt? Christ: Im Glauben wird ‘Wahrheit’ etwas anders definiert. Diese Wahrheit, von der sie eben sprachen, mag für sie die einzige Wahrheit sein, ich jedoch weiß, dass nicht allein diese allgemeingültig nachweisbare Wahrheit in der Religion und in der Geschichte der Religion vorkommt. Sicher gibt es auch in der Religion Dinge, die wirklich so passiert sein müssen als wissenschaftlich nachprüfbare ‘Fakten’. Nehmen wir wieder das Beispiel mit Jesus: Dieser hat sicher existiert. Die Geschichten von ihm und um ihn herum sind aber mit Sicherheit vielfach nicht genau so passiert, wie die Evangelien es ‘berichten’. Zunächst: Damals wurden die Geschichten mündlich weitergegeben, wobei sicherlich auch ‘mal das ein oder andere verändert, z.B. ausgeschmückt, wurde, und auch bei den Schriften wurden bei den Übersetzungen viele Dinge nicht einfach nur übersetzt, sondern auch umgeschrieben bzw. etwas verändert. Zudem handelte es sich dann in der Absicht etwa der Verfasser der Evangelien nie um protokollarische Berichte, sondern um Glaubensverkündigung, aber III.9 Eine Unterhaltung zwischen Sitznachbarn im Flugzeug 81 das hatte ich ja schon angedeutet. Für mich reicht das aber an Wahrheit bzw. ist das für mich Wahrheit, die sich mir gerade über diese Glaubensverkündigung als religiöse Wahrheit vermittelt. Atheist: Uff! Für mich ist diese Denkweise nicht ganz nachvollziehbar, jedoch respektiere ich natürlich Ihre Sicht bezüglich dieses Themas. Christ: Hat sich denn Ihre Frage nach der Wahrheit in der Religion etwas geklärt? Atheist: Hm, ich denke, Wahrheit bedeutet hier vielleicht für jeden etwas anderes. Man kann Wahrheit hier wohl nicht allgemein definieren. Für mich ist das alles generell etwas unverständlich. Ich finde in Religionen nach wie vor nichts Greifbares, woran ich glauben könnte. Ich kann zum Beispiel überhaupt nicht verstehen, was das jährliche Fasten für einen Nutzen hat. Beim Fasten geht es doch darum, auf etwas, was einem wichtig ist oder was einem Freude bereitet, zu verzichten. Wieso sollte Gott so etwas denn wollen? Christ: Genau das ist es ja: Indem du auf etwas vermeintlich Wichtiges verzichtest, etwas, bei dem du dir sicher bist, dass du es brauchst, lernst bzw. merkst du, wie gut du auch ohne es leben kannst. Man lebt so viel bewusster und schätzt die Dinge mehr, wird zudem unabhängiger. Außerdem geschieht das Fasten auf freiwilliger Basis. Jeder, der Lust dazu hat und diese Herausforderung annehmen will, kann das tun. Jeder andere muss das aber natürlich nicht. Atheist: Ah, ich verstehe, das ergibt natürlich Sinn. Was ich aber trotzdem nicht verstehen kann, ist, wieso im Islam Gott oder Allah wollen sollte, dass Menschen tagsüber hungern müssen? – Ich meine, wenn es hier, wie oft im Christentum, um Süßigkeiten oder auch andere nicht allzu wichtige Dinge geht, ist das noch verständlich und nachvollziehbar. Im Islam geht es ja aber um weitaus wichtigere Dinge wie tagsüber Essen und Trinken. Ich verstehe nicht, worin der Sinn liegt, tagsüber weder Essen noch Trinken zu sich nehmen zu dürfen, wobei nach Sonnenuntergang jedoch wieder alles erlaubt ist. Christ: Da müssten Sie sich wohl eher mit einem Muslim unterhalten, der könnte Ihnen sicher mehr dazu sagen. Ich kann mir aber vorstellen, dass das Ganze, ähnlich wie im Christentum, viel mit III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 82 Selbstbeherrschung oder sogar mit Askese zu tun hat, die den Menschen für Gott hin öffnen soll. Atheist: Mir fällt gerade ein, dass Muslime und Juden auch dauerhaft auf bestimmte Lebensmittel verzichten müssen. Im Christentum gibt es sowas doch gar nicht. Christ: Da haben Sie Recht. Im Judentum müssen die Lebensmittel koscher sein, während sie im Islam halal sein müssen. Wie Sie wahrscheinlich schon wissen, dürfen Muslime kein Schweinefleisch konsumieren, und Juden unter anderem nur Fleisch von Tieren, die Wiederkäuer sind und zwiegespaltene Hufe haben. Atheist: Wie seltsam, sein ganzes Leben auf so viele Dinge zu verzichten, nur wegen dem Glauben! Naja, für mich ist Religion eben immer noch sehr mysteriös und unverständlich. Auch das Thema Gotteshäuser finde ich sehr schwierig. Besuchen Sie denn regelmä- ßig den Gottesdienst? Christ: Ja, natürlich! Atheist: Wieso müssen Sie eine Kirche besuchen? Sie können doch auch einfach zu Hause beten. Außerdem: die Geldeinsammelei über die Kollekte im Gottesdienst und die Kirchensteuern sind wohl sowieso nur Geldmacherei! Christ: Na klar bete ich auch gerne zu Hause, in der Kirche ist das jedoch etwas ganz anderes. Ich fühle mich dort viel stärker mit Gott verbunden. Man fühlt sich dazugehörig, viel wohler und gestärkter mit Menschen, die alle dem eigenen Glauben angehören, zu beten. Die Kirchensteuer bezahle ich übrigens gerne und mit gutem Gewissen. Die Kirche gibt mir ja auch etwas zurück. Ich weiß, dass mein Geld dort gut angelegt ist, und bin froh, wenn ich der Kirche bzw. der gesamten Gemeinde helfen oder auch karitativ kann. Das Flugzeug macht sich bereit zur Landung. Atheist: Ich danke Ihnen für das interessante und aufschlussreiche Gespräch! Ich habe nun auch ‘mal die Sichtweise eines Gläubigen mitbekommen und kann nun einige Dinge eher nachvollziehen als vorher. Christ: Ich danke Ihnen ebenfalls! Auch ich habe durch unser Gespräch einiges dazugelernt. Ihre Frage nach der Wahrheit in der Re- III.9 Eine Unterhaltung zwischen Sitznachbarn im Flugzeug 83 ligion und nach der wahren Religion hat mich besonders zum Nachdenken angeregt. Atheist: Ich denke, dass so etwas wie ‘die eine, als wahr ausweisbare Religion’ nicht existiert, da jeder die Frage für sich selbst beantworten muss. Mir persönlich sagt das Christentum aber am ehesten zu, da ich den Glauben und die Lebensweise der Christen am ehesten von allen anderen Religionen nachvollziehen kann. Christ: Das freut mich zu hören! Das Flugzeug landet in Frankfurt. Atheist (schmunzelnd): Zum Glück hat Gott es gut mit uns gemeint und uns heil ankommen lassen! Christ: Haha! – Vielleicht sehen wir uns irgendwann ja ‘mal wieder! Atheist: Ja, das würde mich freuen! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Auf Wiedersehen! Christ: Danke, ich Ihnen auch! Bis dann! Eine strittige Diskussion zwischen Studierenden der Theologie und der Philosophie von Pauline Riehl und Shakée Knolle-Akyüz Theologiestudent: David Theologiestudentin: Ella Philosophiestudent: Levi Philosophiestudent: Ilias Die zwei Theologiestudenten David und Ella trafen sich am Freitagabend in ihrem Lieblingsrestaurant mit ihren guten Freunden Ilias und Levi, welche beide Philosophie im 3. Semester studieren. Während die Jungs tief ins Gespräch vertieft sind, sitzt Ella an der Seite und scheint nur mit dem halben Ohr zuzuhören. David: Ella? Ella: Äh ja, entschuldige; was hast du gesagt? III.10 III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 84 David: Sag ‘mal: Was ist los mit dir? Du bist schon den ganzen Abend so still und grübelst vor dich hin! Ella: Sorry Jungs, mich beschäftigt nur die ganze Zeit die heutige Theologievorlesung. Es ging um das Verhältnis zwischen Vernunft und Glaube und … Levi: Oh, was ein Glück studiere ich nicht Theologie … David: Levi, lass’ sie doch wenigstens ‘mal ausreden! Ich finde, die Frage ist ziemlich interessant. Denn jeder muss sich erst ‘mal klarmachen, was ‘Vernunft’ für einen bedeutet und inwiefern es überhaupt eine Verbindung von Vernunft und Glaube gibt. Levi: Für mich ist das eine ganz klare Sache: ‘Vernunft’ bedeutet sachliches, rationales Handeln und Denken, frei von Gefühlen, orientiert an der Wissenschaft und am logischen Denken, weshalb ich keinerlei Verbindung zwischen Glauben und Vernunft sehe. Der Glaube behindert das vernünftige, rationale Denken des Menschen, da er das Wirklichkeitsverstehen beeinträchtigt und dies nicht mit unserem heutigen Leben vereinbar ist. Ilias: Dem, was du über die Vernunft gesagt hast, stimme ich zu, jedoch finde ich, dass der Glaube diese Vernunft nicht beeinträchtigt. David: Ihr solltet euch erst ‘mal klar machen, was der christliche Glaube überhaupt bedeutet und vermitteln möchte, damit ihr einschätzen könnt, inwiefern der christliche Glaube mit der Vernunft vereinbar ist oder auch nicht. Der christliche Glaube hat doch zum Kern, dass … Levi: Es ist mir egal, was du jetzt sagen willst, für mich sind gläubige Menschen einfach unvernünftig, weil sie alles glauben, was man Ihnen sagt und nichts hinterfragen! Ella: Wie definierst du denn ‘Unvernünftigsein’? Wenn ich an Unvernünftigkeit denke, kommen mir nicht-gläubige Menschen in den Sinn. Für mich bedeutet ‘Unvernunft’ unüberlegtes Handeln, ohne an die Konsequenzen zu denken. Levi: Genau das meine ich ja! Dieses unüberlegte Handeln der strenggläubigen Menschen, die ihr ganzes Leben nach Gott und der Bibel richten, ohne zu hinterfragen, wo der Ursprung ihres Glaubens überhaupt liegt! Sie folgen wie Blinde dem, was ihnen gesagt III.10 Eine strittige Diskussion zwischen Studierenden der Theologie und der Philosophie 85 wird, und sind zu stur, um den Leuten zuzuhören, die ihre Religion kritisieren! David: Levi, du hast eine falsche Auffassung von dem, was Glaube und Religion bedeuten. Besonders ich als Theologiestudent bin ständig mit dem Be- und Hinterfragen der Bibel und der Religionen beschäftigt. Ich kann deine kritische Haltung gegenüber dem Glauben nachvollziehen und respektiere diese auch, jedoch solltest du wissen, dass sich religiöse Menschen sehr wohl mit ihrem Glauben auseinandersetzen, auch kritisch! Es gibt aber natürlich ‘strenger’ Gläubige und weniger ‘Strenggläubige’, und du solltest niemanden dafür verurteilen, dass der Glaube ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist für diese Person! Ilias: Ich kann verstehen, was du am Glauben unvernünftig findest: Der Glaube überschreitet, ja widerspricht vielleicht sogar unserem heute allgemein oder jedenfalls weit verbreiteten Wirklichkeitsverständnis. Der Glaube nimmt Übermenschlich-Persönliches an und ist auf der Grundlage unserer heutigen Realitätsauffassung nicht leicht nachvollziehbar, schon gar nicht wissenschaftlich belegoder ‘beweisbar’, weshalb ich, David und Ella, Levis Ansicht, dass der Glaube mit seinen Annahmen der Realität widerspricht und er unvernünftig erscheint, gut verstehen kann. Levi: Demnach wäre es hingegen vernünftig, sich nicht einer durch Tradition vermittelten Lehre kritiklos zu unterwerfen, sondern sein Leben selbstbestimmt zu führen und sich eigene Vorschriften und Ziele zu setzen sowie sich von rational unbegründbaren Vorschriften zu lösen. Ella: Der christliche Glaube, wie ich als Jüdin ihn verstehe, bedeutet wie im Judentum nicht, dass man sich vom rationalen und vernünftigen Denken abwendet, sondern ist vielmehr dafür, dass der Mensch als gottgewolltes, vernünftiges Wesen handelt und die Welt positiv verändert! David: Genau Ella! Christlicher Glaube bedeutet nicht, dass man sich kritiklos und blind einer fremden Autoritätsperson unterwirft, sondern im Vordergrund steht das Vertrauen auf den Zuspruch Gottes! Denn gerade dieses vertrauensvolle Sich-Verlassen auf Gott ermutigt, vernünftig zu handeln und Gottes Intention zu verstehen! Aus der Sicht des christlichen Glaubens hilft dieser dem Menschen, III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 86 seine Wesens- und Zielbestimmung zu realisieren, da der Mensch nicht alleine in der Lage ist, dies zu tun. Außerdem: Jesus Christus ist nach christlichem Glauben ja gerade die fleischgewordene Vernunft, der inkarnierte Logos! Ella: Okay Leute, ich danke euch für eure verschiedenen Meinungen! Sie haben mir wirklich weitergeholfen … – Sag ‘mal, David, ich hätte noch eine weitere Frage, die ich mir schon länger gestellt habe: Und zwar gibt es ja selbstverständlich nicht nur die christliche Religion … In unserem Gespräch gerade war ja auch eher der christliche Glaube der Ausgangspunkt. Ich meine, ich bin jüdisch, Ilias ist muslimisch. Würdest du sagen, es gibt nur eine wahre Religion und Gottesoffenbarung? Levi: Was verstehst du denn überhaupt unter ‘wahre Religion’? Im philosophischen Sinne würde ‘Wahrheit’ bestimmt wieder etwas anderes bedeuten als wenn ihr über Religion und Glaube sprecht. Vielleicht sollte man an dieser Stelle klären, was ‘Wahrheit’ für dich eigentlich bedeutet. Man könnte sich ja fragen, ob sich ‘Wahrheit’ daraus ergibt, dass möglichst viele Leute mit einer Meinung oder Annahme übereinstimmen, und nur, weil genügend Leute daran glauben, ist etwas wahr? Natürlich nicht! Es muss schon auch gleichzeitig als allgemein zutreffend bewiesen werden. Ella: Ja, du hast Recht, ich meine, für mich persönlich ist Wahrheit im Allgemeinen, dass etwas, was man behauptet, tatsächlich zutrifft. Wenn etwas wahr ist, ist es richtig und gültig. Wahrheit ist das Gegenteil von Falschheit. Ich meine, es gibt verschiedene Maßstäbe, die zur Begründung von Wahrheit verwendet werden können. Beispielsweise die Evidenz, also die (unmittelbare) Offensichtlichkeit, oder natürlich auch, ob etwas schlüssig und widerspruchsfrei einzuordnen beziehungsweise abzuleiten ist. Oder in den Naturwissenschaften die methodisch-empirische Überprüfung von Annahmen im Experiment. Im religiösen Sinne ist es demnach gar nicht möglich, mit so etwas wie wissenschaftlicher Sicherheit zu behaupten: „Das ist die Wahrheit!“, denn es lässt sich so nicht beweisen oder wenigstens überprüfen, dass – ich gehe jetzt wieder einmal vom Christentum aus – Jesus der Christus war bzw. ist oder, bei uns im Judentum, dass Jahwe allein Gott ist – und es diesen Gott überhaupt ‘gibt’… III.10 Eine strittige Diskussion zwischen Studierenden der Theologie und der Philosophie 87 Levi: Ja genau! Es stellt sich die Frage, ob es in der Religion überhaupt eine wirkliche Wahrheit gibt. Kann es hier überhaupt ‘die Wahrheit an sich’ geben? David: ‘Beweisen’ lässt es sich nicht, aber auch nicht das Gegenteil! Man könnte es auch so sehen, dass in Sachen Glauben und Religion jeder Mensch seine eigene ‘Wahrheit’ hat oder haben kann, an die er glaubt und die er für richtig hält. Ilias: Genau diese Frage kann man sich auch in Bezug auf die drei abrahamitischen Religionen stellen: Gibt es zwischen diesen wesentliche Unterschiede – oder sind alle Religionen gleich wahr? In der Religion muss, wie du sagst, jeder für sich selbst entscheiden, was er glaubt, und demnach auch, was er als wahr empfindet und erfährt oder nicht. In dem Sinne ist es schwer, in der Religion nach der Wahrheit zu fragen. Wenn man entscheidet, sich einer Religion anzuschließen, stellt man sich in erster Linie nicht die Frage: „Ist das philosophisch wahr oder logisch?“, man richtet sich nach seinen Gefühlen und persönlichen Erfahrungen. Es geht doch um das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit, welches manche Leute in der Liebe Gottes (wieder) finden können. Ella: Ich finde in Bezug auf die Religionen die Aussage, dass jeder Mensch hier seine eigene Wahrheit hat oder haben kann, an die er glaubt, sehr passend, denn Religion bezieht sich auf nichts Offensichtliches, auch nicht auf etwas empirisch ‘Feststellbares’. Jeder Mensch hat seine eigenen Gedanken zum Glauben und deswegen würde ich ‘Wahrheit’ auch in zwei unterschiedliche Kategorien einteilen. Natürlich gibt es einerseits die Wahrheit im Sinne von feststellbaren, überprüfbaren Fakten oder Offensichtlichem und allem, was darauf bezogen ist, etwa in wissenschaftlichen Experimenten, auf der anderen Seite aber die Wahrheit, die jede oder jeder für sich erfährt und dann selbst ‘definiert’, bei der sich jeder seine eigenen Gedanken macht und bei der man für sich selbst erfahren und dann entscheiden muss, was ‘Wahrheit’ für einen ist. David: Um zu deiner Frage zurück zu kommen, Ella, kann ich dir keine allgemeine Antwort geben, denn auch hier entscheidet jeder für sich selbst, welchen Annahmen er Glauben schenkt oder nicht. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 88 Meiner Meinung nach ist die christliche Religion die wahre Religion, von der die anderen Abstufungen sind. Ilias: Würdest du also daraus schließen, dass die Gläubigen der abrahamitischen Religionen alle an den gleichen Gott glauben? David: Es gibt bestimmt Leute, die annehmen, dass die anderen abrahamitischen Religionen als Manifestations- bzw. Offenbarungsformen desselben Gottes zu verstehen sind, allerdings in unvollkommener Form. Ilias: Diese Annahme kann ich keinesfalls nachvollziehen, denn dadurch würde man die anderen Religionen abwerten und behaupten, dass die christliche Religion die bessere wäre. Ella: Würdest du also sagen, David, dass die anderen Religionen eine abgewandelte und falsche Vorstellung Gottes haben, und somit nur die christliche Religion die einzig wahre, ‘richtige’ Religion ist? David: Nein, so habe ich das nicht gemeint! Ich bin zwar der Meinung, dass der christliche Glaube die wahre Religion ist und die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus das Wort Gottes, welches an alle Menschen gerichtet ist. Aber auch hier muss jeder für sich selbst entscheiden, inwiefern er an eine Offenbarung Gottes glaubt oder nicht – und an welche. Jeder hat eine andere Auffassung, die Hauptsache ist aus meiner christlichen Sicht, dass diese geglaubten Offenbarungen nicht der Offenbarung Gottes in Jesus Christus dem Inhalt nach widersprechen. Selbst die Christen müssen für sich entscheiden, ob sie den im christlichen Glauben jeweils vertretenen Gottesvorstellungen Glauben schenken (können). Sie müssen nämlich prüfen, ob diese dem von Jesus Christus vermittelten Liebeswillen Gottes, welcher sich allen Menschen zuwendet, entsprechen. Man sollte sich bei diesem Thema eher zurückhalten und nicht voreilige Schlüsse ziehen und infolgedessen nicht anderen Behauptungen Unrecht zusprechen bei Dingen, die man nicht hundertprozentig weiß oder auch nur wissen könnte. Ella: Angenommen, das Christentum sei die wahre Religion: Würde das dann bedeuten, dass wir Juden und die Muslime nicht zum Heil gelangen können, weil wir nicht dem christlichen Glauben angehören? III.10 Eine strittige Diskussion zwischen Studierenden der Theologie und der Philosophie 89 David: Liebe Ella, hier entsprechend dem, was ich gerade gesagt habe: Es liegt bei Gott selbst, ob er seinen Heilswillen in anderen Religionen zu erkennen gibt. Ilias: Aber Ella, stimmst du jetzt der Aussage zu, es gäbe nur einen Gott und eine ‘wirklich’ wahre Religion, und zwar die christliche? Ella: Ich persönlich würde selbstverständlich nicht sagen, dass die christliche Religion die ‘wirklich’ wahre ist. Jesus selbst, der, wie die Christen glauben, Offenbarer Gottes, war jüdisch, somit macht diese Aussage keinen Sinn für mich! David: Ich wollte mit der Aussage, dass die christliche Religion die fundierende Religion der Offenbarung Gottes ist, keinesfalls den anderen Religionen die Wahrheit oder die Gültigkeit absprechen. Wie schon oft gesagt, hat jeder seine eigene Meinung zu bilden, was er als richtig und wahr befindet und im Glauben als wahr erfährt. Wir können christlichen aber auch außerchristlichen Glaubensannahmen Gültigkeit zusprechen. Wichtig ist hierbei aber, dass sie stets in sich nachvollziehbar und vernünftig erscheinen sollten und dem Inhalt der Offenbarung Gottes in Jesus als Christus nicht widersprechen. Levi: Okay Leute, ich glaube, langsam reicht es mit dem Thema Religion, lasst uns doch einfach festhalten, dass es im religiösen Sinne schwer ist, ‘die’ einzig wahre Antwort zu finden! Jedem ist doch selbst überlassen, was er glaubt oder nicht, und trotzdem sollte man dabei nie vergessen, andere Meinungen und Überzeugungen zu akzeptieren. Und wenn ich jetzt noch ein Wort über Gott höre, dann geh ich nach Hause! Ilias: Ist ja gut Levi, ist ja gut! Hast du gestern das Fußballspiel gesehen?… To be continued … III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 90 Ein Physik- und ein Religionslehrer am Kopierer – Ist Religionsunterricht wichtig? von Laetitia von Westernhagen und Alina Philipsen Michael: „Hey, Günter, könntest du mich beim Kopieren bitte schnell vorlassen? Ich habe gleich Physik in meinem E-Phasen- Kurs. Ich denke, die Kinder aus deinem Religionskurs können auch mal 10 Minuten warten. Das heutige Thema in meinem Unterricht ist nämlich nicht nur für die nächste Klausur der Kinder, sondern auch für die Prägung ihres gesamten Weltbilds sehr wichtig.“ Günter: „Willst du damit etwa sagen, dass Religion nicht wichtig für ihr Weltbild ist?“ Michael: „Ach komm schon, Günter. Sei vernünftig! Du weißt selbst, mit welcher Ansicht sich die Kinder später besser in die Arbeitswelt einfinden werden. Mit der, dass, egal was passiert, Gott sie schon irgendwie immer ‘an den Mann’ bringen wird, bestimmt nicht! Mit der, dass sie die Dinge selbst anpacken sollten, um es zu etwas zu bringen schon eher. Die Geschichte ist das beste Beispiel. Ohne die neuzeitlich-moderne Wissenschaft selbstbestimmter Menschen wären wir heute noch lange nicht da, wo wir jetzt sind.“ Günter: „Das kannst du so nicht sagen, Michael. Ich bin vernünftig und ich glaube an Gott, der sich uns Menschen als logos offenbart hat. Er hat uns die Vernunft gegeben, die Welt zu erkennen und sie daraufhin zu verändern. Deshalb musste die Kirche und hat sie in der Vergangenheit immer wieder neuartige wissenschaftliche Erkenntnisse akzeptiert, wenn leider teils mit unangemessen erheblicher ‘Verspätung’.“ Michael: „Warum bist du dir so sicher, dass Gott uns die Fähigkeit dazu gegeben hat? Es konnte schließlich nie bewiesen oder zumindest überprüft werden, ob Gott wirklich existiert. Was, wenn du irgendwann aufwachst und herausfindest, dass dein ganzes Leben eine Lüge war?“ Günter: „Dieser Fall ist auszuschließen, denn, wie du bereits hast anklingen lassen, ist es mit experimentellen, methodisch-empirischen Überprüfungen nicht möglich, nachzuweisen, ob es Gott gibt. Der Glaube an Gott übersteigt unser Wirklichkeitsverständnis, III.11 III.11 Ein Physik- und ein Religionslehrer am Kopierer – Ist Religionsunterricht wichtig? 91 denn die göttliche Transzendenz, welche in unsere natürliche Erfahrungswelt einbricht, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Dieses ‘Hereinbrechen’ nennt man auch ‘Inszendenz aus Transzendenz’.“ Michael: „Du stimmst mir also zu, dass die Wirklichkeit des Menschen zweckrational erkennbar ist und der Mensch nicht in der Lage ist, mögliches Übernatürliches zu erkennen! Warum dann also unterwirfst du dich kritiklos und dienerisch einer Macht, die du nicht einmal begreifen kannst? Ohne den Glauben könntest du dich an anderen Zielen orientieren – dich selbst verwirklichen –, indem du dich von deiner Befangenheit in unbelegbaren Transzendenzvorstellungen befreist. Deine Vernunft sollte dir zeigen, dass du dich von den ohnehin veralteten autoritativen Abhängigkeiten und heteronomen Gebundenheiten lösen solltest, denn sie ist die Macht, die dich aus der Entfremdung deines Wesens wieder befreien kann.“ Günter: „Glaube, angemessen verstanden, ist frei von Nötigung und autoritativem Zwang. Ich verpflichte mich ganz bestimmt nicht heteronomen Gebundenheiten, sondern halte mich lediglich so gut es geht an die 10 Gebote, welche Grundlinien für das harmonische Zusammenleben der Menschen darstellen und an die sich deshalb auch jeder halten sollte. Zum Teil sind sie ja auch in unserem Grundgesetz wieder aufgegriffen worden. Außerdem hat Glaube nicht nur Inhalt und Vorschriften, sondern beruht auch auf Vertrauen. Gott will keinen zwingen, ihn anzunehmen. Das Gegenteil ist der Fall: Der Mensch muss es von sich aus riskieren, sich in vorbehaltlosem Vertrauen auf den Glauben einzulassen. Dabei gibt es keinen Zwang. Das Einzige, was wichtig ist, ist, dass sich für ihn/sie eine, wie man es nennen kann, ‘subjektive Bewahrheitung’ ergibt.“ Michael: „Na gut! Hier liegt also der grundlegende Unterschied zwischen uns bzw. zwischen Theologie und Wissenschaft. Wir sind uns beide einig, dass die Welt durch wissenschaftliche Erkenntnisse weitergebracht wurde. Auch denken wir, dass erst die menschliche Vernunft uns an diesen ‘Scheideweg’ gebracht hat, und es uns nun auch möglich macht, über solche Ansichten sogar zu diskutieren. Im Gegensatz zu mir hälst du jedoch Gott als verantwortlich für unsere Vernunft. Du meinst, Gott will, dass wir die Wahrheit erfas- III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 92 sen – willst und sollst dich jedoch in manchen Dingen dennoch von den Erkenntnissen distanzieren, vor allem wenn es um deren Anwendung und Gebrauch geht. Ich hingegen denke, wir sind dazu biologisch und genetisch veranlagt, diese Erkenntnisse zu erwerben, und entwickeln uns dabei auch immer weiter, auch durch deren Anwendung und Gebrauch. Deshalb vertraue ich auf die Wissenschaft. Habe ich unsere Standpunkte einigermaßen richtig ausgedrückt?“ Günter: „Exakt. Die Christen gehen von einer ‘Glaubensprämisse’ aus, sie vertrauen in Sachen des Glaubens statt des ständigen Beund Hinterfragens auf die Selbstoffenbarung Gottes, die sich ihnen im Glauben dann ‘bewahrheitet’. Diese ‘Prämisse’ ist nicht mit einer normalen, durch den Fortgang der Wissenschaften revidierbaren Hypothese zu vergleichen, sondern hat unbedingten Charakter.“ Michael: „Ja, trotzdem habe ich gehört, dass sich das Auslegungsgeschehen in der Theologie nicht wesentlich von dem der anderen hermeneutischen Wissenschaften unterscheidet. Was anders ist, ist die Intention dabei.“ Günter: „Das ist ebenfalls korrekt. In der Theologie wird angenommen, dass in allen auszulegenden Glaubensurkunden der Zu- und Anspruch Gottes in Jesus Christus als Evangelium gegenübertritt, um den Glauben hervorzurufen. Daher sollte jedes Wort bei der ‘Übersetzung’ von seinem Gehalt her dennoch möglichst identisch bleiben, auch wenn die Menschen von heute schon einen etwas anderen Blick auf die Religion bekommen haben, als die Menschen, die damals die Texte verstanden und gedeutet haben.“ Michael: „Na schön, das habe ich soweit verstanden, aber nochmal zurück zur Vernunft des Glaubens. Sich kritiklos einer fremden Autorität und deren Setzungen zu unterwerfen kann doch nicht vernünftig sein!“ Günter: „Na na, Michael, da hast du ja etwas vollkommen falsch verstanden! Glaube ist zunächst, der Zusage Gottes zu vertrauen, und dann seine Vorschriften und Gebote vernünftig und mündig zu erkennen und anzuerkennen.“ Michael: „Ja, aber aus der Sicht des Glaubens ist der Mensch doch eben nicht imstande zur Selbstsetzung von Sinn und Ziel seines Daseins per Vernunft – und darauf kommt es doch an!“ III.11 Ein Physik- und ein Religionslehrer am Kopierer – Ist Religionsunterricht wichtig? 93 Günter: „Ach Michael, du sprichst da doch von der spätneuzeitlich-religionskritischen Wirklichkeitsauffassung und übernimmst sie. Diese ist aus der Perspektive des Glaubens aber nicht angemessen, da sie nur anerkennt, was empirisch erkennbar ist, sei es nun direkt oder aber indirekt, oder aber ‘logisch zwingend’. Diese Auffassung der Wirklichkeit lässt für den göttlichen Liebeswillen keinen Raum. Michael: „Mensch Günter, was erwartest du denn! Ich bin doch Physiker, und das Ziel der Physik ist es, Dingen auf den Grund zu gehen und sie eben mithilfe der etablierten wissenschaftlichen Methoden und Standards zu beweisen oder nachzuweisen, z.B. durch kontrollierte Experimente. Aber wie willst du Gottes Liebe beweisen oder nachweisen? Der angeblichen originären Selbstbekundung Gottes entspricht kein wirkliches menschliches Erkennen.“ Günter: „Neben dem empirisch Nach- oder Aufweisbaren gibt es etwas weiteres – den Glauben! Und vor allem die christliche Religion, die einzig wahre Religion, kann …“ Michael: „Stopp, da muss ich dich nun wirklich unterbrechen! Ich glaube zwar nicht an Gott, aber wie kannst du die christliche Religion als einzig wahre bezeichnen und die anderen monotheistischen abrahamitischen Religionen komplett außen vor lassen? Günter: „Nun, Gott hat sich doch letztendlich den Christen in Form von Jesus Christus offenbart. Das Judentum beispielsweise ist in diesem Sinne also vorausweisend auf die christliche Religion. Und der Islam ist zurückweisend. Michael: „Ist das nicht sehr abschätzig von dir, so über die anderen Religionen zu reden?“ Günter: „Nein Michael, eben nicht. Denn die christliche Theologie übt sich in Bescheidenheit. Gemäß dem Zeugnis von Jesus Christus als Evangelium Gottes für alle! Der christliche Glaube kann zwar nicht abrücken von der universalen Bedeutung der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Diese Bedeutung kann nur geglaubt und glaubend erfahren werden. Dies bedeutet aber nicht, dass Nichtchristen nicht zum Heil gelangen können. Denn es liegt bei Gott, ob Menschen, die nicht die Chance einer bewussten Entscheidung per Begegnung mit Jesus Christus haben, ihm und seinem Liebes- III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 94 willen für den Menschen begegnen auch außerhalb von Jesus Christus. Michael: „Ach so meinst du das! Insofern haben die anderen Religionen also auch ihren Wert, oder?“ Günter: „Natürlich! Wenn christliche Religion eines bedeutet, dann doch wohl Nächstenliebe und Respekt. Auch deinen Atheismus toleriere ich, auch wenn ich ihn nicht nachvollziehen kann.“ Michael: „Da bin ich aber beruhigt, Günter.“ Günter: „Wir kommen also zu dem Schluss, dass jeder Mensch selbst entscheiden kann und muss, ob er sich auf den Glauben und vor allem auf welchen Glauben er sich einlässt. Für mich ist die wahre Religion die christliche. Das hängt mit der unaufgebbaren Grundannahme des christlichen Glaubens zusammen, dass Gott sich durch Jesus Christus offenbart hat. Wie sich Gott hier gezeigt hat, ist aus christlicher Sicht Maß jeden Anspruchs auf Gottesoffenbarung. Egal, ob die Glaubensannahmen nun innerchristlich oder außerchristlich aufgestellt werden. Ein Buddhist würde das aber ganz anders sehen und du als Atheist sprichst ohnehin keiner Glaubensannahme Gültigkeit zu.“ Michael: „Du sagst es! Aber da ist noch eine letzte Frage, die ich habe: Die anderen beiden monotheistischen und abrahamitischen Religionen verbindet doch so viel mit der christlichen – und trotzdem haben sie so verschiedene Glaubensannahmen?“ Günter: “Sooo verschieden sind die Annahmen gar nicht. Beide glauben wir an einen Gott. Vielleicht sogar an denselben. Nur geben wir ihm verschiedene Namen. Aber Jesus Christus spielt in den anderen Religionen nicht dieselbe Rolle wie im Christentum. Durch die verschiedenen Glaubensannahmen unterscheiden sich unsere Religionen ja und deshalb hat sich das Christentum vom Judentum abgespalten.“ Michael: „Da hast du Recht und ich bin froh, dass wir uns einigen konnten. Ich muss mich bedanken für dieses von Toleranz und Akzeptanz getragene, ergiebig verlaufene Gespräch.“ Günter: „Ja, zwar kommen wir jetzt beide zu spät zum Unterricht, aber ich finde auch, dass sich unser Gespräch gelohnt hat.“ Michael: „Ich wünsche dir einen angenehmen Unterricht, Günter!“ III.11 Ein Physik- und ein Religionslehrer am Kopierer – Ist Religionsunterricht wichtig? 95 Günter: „Ich wünsche dir ebenfalls einen angenehmen Unterricht, Michael! Tschüss!“ Michael: „Tschüss! Wenn ich demnächst kopieren muss, werde ich früher dran denken. Es tut mir leid, dass ich gesagt habe, dein Unterricht wäre weniger wichtig. Es ist bestimmt sehr interessant, was du deinen Schülern vermittelst!“ Günter: „Vielen Dank, Michael!“ III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 96 Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) Vernunft, Verstand, Rationalität „Es bleibt uns also, um den Menschen im System der lebenden Natur seine Classe anzuweisen und so ihn zu charakterisiren, nichts übrig als: daß er einen Charakter hat, den er sich selbst schafft, indem er vermögend ist, sich nach seinen von ihm selbst genommenen Zwecken zu perfectioniren; wodurch er als mit Vernunftfähigkeit begabtes Thier (animal rationabile) aus sich selbst ein vernünftiges Thier (animal rationale) machen kann […] [meine Hervorhebung, R.M.].“ Kant (in: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht) Es ist noch nicht lange her, dass die Vernunft in Verruf geraten ist. Sie stand, nicht zuletzt auch in philosophischen Fachkreisen, daher „im Kreuzfeuer der Kritik“23, teils noch bis heute. Es war „schlecht bestellt um ihre Reputation“24. Denn sie sei verantwortlich für die desaströsen Weltzustände (z.B. für Naturzerstörung, Klimawandel, Gefahr der Selbstvernichtung (atomare Bedrohung), Totalitarismen und deren Folgen etc.). Welsch konstatiert 1996: „An der Tagesordnung ist nicht Vernunft, sondern Vernunftkritik. Und diese Kritik ist rigoros und umfassend. Die Vernunft wird repressiver Züge und zerstörerischer Wirkungen bezichtigt. Repressiv sei sie – so heißt es seit langem – gegenüber dem Individuellen; zerstörerisch sei sie – so sagt man heute im besonderen – gegenüber der Natur. Zudem sei sie eurozentrisch, phallozentrisch und konstitutiv blind für ihr Anderes. Ihre avancierteste, ja ihre Offenbarungsgestalt sei die Kriegstechnologie – und unsere vernunftbestimmte Zivilisation führe im Grunde einen alltäglichen Bürgerkrieg gegen die Spezies Mensch.“25 IV. IV.1 23 Welsch, W.: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft, Frankfurt am Main 1996, S. 30. 24 Welsch, ebenda. 25 Ebenda. 97 Demgegenüber wurde entweder gefordert, dass die Vernunft sich auf sich selbst rückbesinnen und wieder ‘vernünftig’ werden solle (die Vernunft solle also wieder zur Vernunft, also zu sich selbst, zurückkehren, s. z.B. Habermas), oder aber, dass die Vernunft eine ‘Metamorphose’26 zu durchlaufen habe (s. z.B. Horkheimer und Adorno). Vielfach aber wurde die Vernunftkritik so radikal27, dass angesichts der als völlig obsolet erachteten Vernunft als Rettung sogar ‘das Andere der Vernunft’ beschworen wurde – als die einzig ‘vernünftige’(!) Option (z.B. Vertreter der Esoterik und des ‘New-Age’).28 Zwischenzeitlich ist diese radikale Vernunftkritik jedoch leiser geworden. Es scheint so, als sei die einzige Option tatsächlich, dass nur die Vernunft uns aus der Misere wieder herausführen kann, indem wir uns im Sinne Kants als animal rationabile zum animal rationale „perfectioniren“ (s. obiges Eingangszitat) und so von der Vernunftfähigkeit tatsächlich zur Vernunft gelangen. Doch was ist das eigentlich: ‘Vernunft’? Jeder von uns hat alltäglich bereits ein Vorverständnis dessen, was mit ‘Vernunft’ bzw. ‘vernünftig’, mit ‘Verstand’ oder mit ‘rational’ gemeint ist. Gleichsam ‘im Rücken’ dieses Vorbegriffs steht eine etwa zweieinhalb Jahrtausende alte Geschichte des Vernunftbegriffes, seiner Kritik und seiner Wandlungen im sog. ‘Abendland’. Zu dieser Geschichte gehören auch die angeführten Unterscheidungen. Schon Aristoteles bestimmt im 4. Jahrhundert vor Christus den Menschen geradezu als zóon lógon échon, als das Lebewesen, das den Logos hat, also die Vernunft, die zugleich sprachlich verfasst ist (lógos ist ein griechisches Wort, das schwierig zu übersetzen ist. Es bedeutet v.a. Verstand und zugleich Sprache, hat aber auch viele andere, hiermit verwandte Bedeutungen). Bereits die sprachliche Verfasstheit von Vernunft bzw. die Unhintergehbarkeit der Sprache für das Denken stellt ein Problem dar für ein Vernunftkonzept und die klassische Idee der Einheit der Vernunft: Die Sprachen sind verschieden, teils sogar sehr verschieden. Weil menschliche Vernunft – und sie wurde schließlich (spätestens nach der Kritik an Hegels Konzept absoluter Vernunft, s. unten) nur 26 Metamorphose: Verwandlung, Umgestaltung. 27 Von lat. radix: die Wurzel, radikal: an die Wurzel gehend. 28 Vgl. hierzu Welsch, S. 39–41. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 98 noch subjektiv als menschliche und nicht mehr als die (objektive) ‘Weltvernunft’ gedacht – stets sprachlich bestimmt und situiert ist, stellt sich das Problem eines (fremd-) sprachlich bedingten Vernunftrelativismus. Neuzeitlich geht die Erkenntnis der sprachlichen Verfasstheit der Vernunft und ihrer Erkenntnisse zurück bis auf (u.a.) Johann Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt (s. bes.: Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts). Transformiert in die Frage nach einem ethnologisch-kulturbedingten Relativismus stellt sich hier die Frage nach der Möglichkeit fremdkulturellen Verstehens (etwa zivilisationsferner indigener Sprachen, Völker und Kulturen). Der Unhintergehbarkeit der Sprache für das Denken trägt in besonderer Weise die sog. ‘sprachanalytische Philosophie’ Rechnung, die als sog. ‘linguistic turn’ (sprachanalytische bzw. sprachkritische Wende) für die Gegenwartsphilosophie besonders seit etwa dem zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts sehr einflussreich geworden ist. Ähnliche Probleme hatten sich aber bereits zuvor gestellt bzw. bereits früher wurde ‘aufgeräumt’ mit dem in der Annahme einer allgemeinem Menschennatur gründenden Gedanken der Unveränderbarkeit der Vernunft, die noch Kant (und seine drei berühmten Kritiken: Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik der Urteilskraft) und die Philosophen des sog. ‘Deutschen Idealismus’ (bes. Fichte, Schelling, Hegel) bestimmt hatte. Mit dieser Annahme der Unveränderbarkeit der Vernunft war, wie erwähnt, fest verknüpft der Glaube an die Einheit der Vernunft: Es gibt nur die eine einheitliche und unveränderliche Vernunft. Das Aufkommen der historisch(-hermeneutisch)en Vernunftauffassung im späten 18. und 19. Jahrhundert hatte zum Zentrum die Erkenntnis der Gewordenheit sowie geschichtlichen Bedingtheit alles Menschlichen. Sie ‘verabschiedete’ die Auffassung von der einen und zeitenthoben generellen Vernunftnatur des Menschen zu Gunsten ihrer historisch-kulturellen Situierung. Dies geschah im Zuge des für sog. die ‘Lebensphilosophie’ und insbesondere den sog. ‘Historismus’ kennzeichnenden geschichtlichen Bewusstseins sowie der Konzeptualisierung von interpretativen Kunstlehren, sog. Hermeneutiken (‘Verstehenslehren’), bis in das 20. Jh. hinein. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 99 Subjektivitätstheoretisch als wesentlich subjektive Vernunft wurde die Vernunft bereits seit Beginn der Neuzeit gefasst, in ihrer Radikalform tritt sie dann bei Descartes auf. Dieser unternimmt den Versuch, auf dem Boden der Subjektivität des reinen Bewusstseins und seiner Vorstellungen Objektivität skepsisresistent zurückzugewinnen. Dies unternimmt er, indem er zunächst über den methodischen Zweifel den reinen intellectus isoliert bis er zum (seiner Ansicht nach) fundamentum inconcussum, zum unzerstörbaren bzw. unerschütterlichen Fundament kommt: „Cogito, ergo sum.“, „Ich denke, also bin ich.“. Von hier aus gelangt er, wie er meint, wieder zur res29 bzw. zur Au- ßenwelt und deren gültiger, zuverlässiger Erkenntnis sowie zur Reetablierung rationalistischer Metaphysik und spekulativer Vernunft auf dem Boden der Subjektivität. In der subjektivierten spekulativen Vernunft bilden die reine ratio und deren ‘eingeborene Ideen’ (ideae innatae) die Erkenntnisgrundlage der Metaphysik.30 Doch zurück zu unserem Ausgangspunkt: Vernunft bzw. wohl besser: Vernunftfähigkeit (s. das obige Kantzitat) ist das, was den Menschen als Menschen auszeichnet. Er ist, klassisch gesprochen, das animal rationale. Dabei ist aber gar nicht so klar, was diese rationalitas eigentlich bedeutet: Im einführenden Essay wurde bereits angedeutet, dass es vielfältige Wandlungen dessen gibt, was unter ‘Vernunft’ verstanden wurde, und gegenwärtig eine Pluralität von Vernunftauffassungen, so dass es sogar fraglich ist, ob es überhaupt gelingen kann, allgemeingültig zu definieren, was mit ‘Vernunft’ überhaupt gemeint ist bzw. sein kann. Es muss hier darauf verzichtet werden diese ‘Vernunftgeschichte’, d.h. die abendländische Geschichte der vielfältigen Wandlungen des Vernunftbegriffes und der Transformation der Vernunftkonzeptionen samt ihrer jeweiligen Kritik, nachzuzeichnen. Stattdessen müssen einige we- 29 Ding, Gegenstand, Sache. 30 Metaphysik: das, was über die bloße Natur (phýsis) und deren Erkenntnis hinausgeht und daher nicht mehr Gegenstand der bloßen Naturerkenntnis sein kann, und das, wenn überhaupt, nur im reinen Denken erfassbar ist. Ursprünglich war ‘Metaphysik’ ein bibliothekarischer Ordnungsbegriff. Er bezeichnete das, was in der Anordnung der Werke des Aristoteles nach bzw. hinter den Arbeiten zur Natur (‘Physik’, gr.: phýsis, die Natur) eingeordnet wurde. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 100 nige Andeutungen und Literaturangaben, die ein wenig kommentiert werden, genügen: Die Unterscheidung von ‘Vernunft’ und ‘Verstand’ ist in der Neuzeit besonders bedeutsam geworden. Sie hat aber bereits wichtige und für die Folgezeit wirkmächtige Vorläufer in der antiken Philosophie. Von dieser Unterscheidung ist heute im Kern lediglich noch die vage Vorstellung übrig, dass Vernunft irgendwie ‘mehr’ sei als der (bloße) Verstand. Diese Vorstellung kommt oft zum Tragen bei Fragen nach dem angemessenen Umgang mit den diversen Formen und Ausgestaltungen der Technik (v.a. denjenigen der Naturbeherrschung) sowie bei der sog. ‘Technikfolgenabschätzung’: Wie kann ‘vernünftig’ mit dem, was der (bloße) Verstand (bzw. die technisch-instrumentelle Rationalität) bereit gestellt hat, umgegangen, wie können diese Mittel, einem blo- ßen ‘Machbarkeitswahn’ wehrend, zu einem wahrhaft ‘vernünftigen’ Zweck eingesetzt und zum für uns (und die nachkommenden Generationen) ‘wirklich Guten’ gebraucht werden – oder aber sollte auf deren Anwendung verzichtet werden ‘aus Vernunft’? Vernunft soll so dem Verstand Richtung und Ziel weisen. Der Ausdruck ‘Rationalität’ kam auf, als die bedeutsamen Vernunftkonzeptionen – insbesondere Hegels Konzept der absoluten Vernunft – in der abendländischen Moderne in die Krise gekommen waren und die sog. ‘spekulative’ Vernunft ob der Kritik, die an ihr und ihren Möglichkeiten geübt wurde, gleichsam ‘abdanken’ musste. ‘Spekulation’ war ursprünglich ein veritabler31, ja hochgeschätzer philosophischer Begriff und ein philosophisches ‘Verfahren’ zur Wirklichkeitserkenntnis – heute hat er in der Regel pejorative32 Bedeutung (s. z.B. ‘Börsenspekulation’). In negatives Licht kam die philosophische Spekulation vor allem nach dem Scheitern des totalen Vernunftanspruchs Hegels bzw. dessen Konzepts einer absoluten Vernunft. Hegels ‘absolute Vernunft’ begreift sich selbst als den einen vernünftigen Grund und die einzige Essenz alles Wirklichen. In seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts findet sich das berühmte und programmatisch zu verstehende Diktum: 31 Veritabel: achtenswert. 32 Pejorativ: abwertend. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 101 „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“33 Dies versucht Hegel in seinem System des Wissens philosophisch-spekulativ zu beweisen, auch wenn gilt: „Es kommt den Menschen schwer an, zu glauben, daß die Vernunft wirklich sei; es ist aber nichts wirklich als die Vernunft, sie ist die absolute Macht.“34 Hegels Vernunftkonzeption stellt den Höhepunkt dessen dar, was man den ‘abendländischen Logozentrismus’ nennt. Kant hatte zuvor in seinem ‘Kritizismus’35 dargelegt, dass die Vernunft zu den metaphysischen Erkenntnissen, die ihr zugesprochen bzw. zugemutet wurden, nicht imstande sei, sondern nur das erkennen könne, wovon sie eine Anschauung habe bzw. was ihr ‘als Anschauung gegeben’ sei. Bei den Gegenständen der traditionellen ‘metaphysica specialis’, nämlich hinsichtlich Gott, Seele und Welt(ganzem), sei dies aber nicht der Fall. Versuche die Vernunft dennoch zur Erkenntnis dieser ‘Ideen’ zu gelangen, verheddere sie sich unvermeidlich in Widersprüche – und dies, obwohl diese Ideen in der Vernunft notwendig angelegt seien. Es gehe darum, mit diesen Ideen angemessen umzugehen, nämlich ‘regulativ’ in erkenntnistheoretischer Hinsicht, als (bloßen) Postulaten in moralisch-praktischer Hinsicht.“ „ Desgleichen seien die ‘Dinge an sich’, nämlich die Dinge, wie sie sind abgesehen von den in unserer Vernunft angelegten Anschauungsformen Raum und Zeit sowie den Verstandeskategorien (z.B. Kausalität und Substanz), völlig unerkennbar. Kant war, wie er selbst feststellte, durch den Skeptizismus des Empiristen David Hume aus seinem ‘dogmatischen Schlummer’ geweckt worden: 33 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich. Grundlinien der Philosophie des Rechts: Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse (German Edition) (Kindle-Positionen 198–199). Hofenberg. Kindle-Version. 34 Hegel, Georg Wilhelm. Die Geschichte der Philosophie: Vollständige Ausgabe (German Edition) (Kindle-Positionen 23202–23203). Jazzybee Verlag. Kindle-Version. 35 Vgl. die oben genannten drei Kritiken, bes. die Kritik der reinen Vernunft. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 102 „HUME war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach, und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andre Richtung gab.“36 Der dadurch provozierte neue Weg seines Denkens führte ihn zu seinem vernunftskeptischen Unternehmen in kritischer Intention bzw. auf seinen ‘kritischen Weg’, der zwischen rationalistischem Dogmatismus und skeptizistischem Empirismus allein noch gangbar sei.37 Dieser ‘kritische Weg’ war derjenige, auf dem die Kritik der spekulativen Vernunft erfolgte, und zwar durch diese Vernunft selbst, die angesichts der unvereinbaren Positionen, die von ihr als ‘vernünftig’ vertreten wurden, sich selbst gegenüber skeptisch geworden war. Sie hatte sich kritisch zu sich selbst zu verhalten. Es musste also der Weg einer Selbstkritik der spekulativen Vernunft eingeschlagen werden. Das Resultat war die genannte Restriktion der reinen (theoretischen) Vernunft samt ihrer spekulativen, nunmehr nur noch regulativfunktionell zu verstehenden Möglichkeiten auf die Grenzen möglicher Erfahrung. Durch das kritische Unterfangen Kants kam es zur Aufzeigung und zum Selbsterweis der subjektiven Vernunft als endliche Vernunft. Noch einmal kurz zusammengefasst: Kant hatte in seiner kritizistischen Philosophie die Endlichkeit des Vernunftvermögens aufgezeigt und er hatte (speziell in seiner Kritik der traditionellen Gottesbeweise) dargelegt, dass die Vernunft, eben weil sie endlich ist, auch unfähig ist zur Erkenntnis des Absoluten. Ihre diesbezüglichen Bestrebungen und ihr Erkenntnisehrgeiz, zum Absoluten zu gelangen und es als Erkenntnis zu ergreifen, seiner habhaft und mächtig zu werden, bleiben unerfüllt. In dieser Weise unterschied Kant in seiner Vernunftkritik die einlösbaren und die unhaltbaren Erkenntnis- und Geltungsansprüche der Vernunft. 36 Kant, Immanuel. Sämtliche Werke: Philosophische Schriften, Aufsätze & Biografie (Vollständige Ausgaben): Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik … Logik , Pädagogik… (German Edition) (Kindle-Positionen 13338– 13339). e-artnow. Kindle-Version. 37 S. KrV B 884: „Der kritische Weg ist allein noch offen.“ [Kant, Immanuel. Sämtliche Werke: Philosophische Schriften, Aufsätze & Biografie (Vollständige Ausgaben): Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik … Logik , Pädagogik… (German Edition) (Kindle-Position 27745). e-artnow. Kindle-Version. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 103 Diese Kantsche Exposition der kritischen Vernunft wiederum wurde nun selbst kritisiert. Und einer der großen Kritiker Kants war Hegel, der Kants Vernunftkonzeption einer ‘immanenten Kritik’ unterzog – jedenfalls hat er dies beansprucht! Unter ‘immanenter Kritik’ versteht man eine Kritik, die nicht von außen, von einem eigenen Standpunkt her kritisiert, sondern bei der Kritik nur von dem ausgeht, was der kritisierte Autor selbst beansprucht und anerkennt als Kritikmaßstab. Eine philosophische Streitfrage ist es, ob es so etwas wie eine Kritik, die streng immanent bleibt, wirklich geben kann. Über eine, wie er meinte, immanente Kritik des Kritizismus kam Hegel so zu einer überaus imposanten Konzeption einer von den Endlichkeitsbedingungen befreiten bzw. sich befreienden absoluten spekulativen Vernunft. Er wollte so das Konzept spekulativer Vernunft und damit auch die von Kant verabschiedete rationalistische Metaphysik reetablieren. Seine nun absolut gewordene Vernunft ist zugleich die absolute Idee als Substanz und Wesen jedweder Wirklichkeit. Wie weiter oben bereits zitiert, gilt für ihn: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Bereits sein Zeitgenosse Schopenhauer aber verspottet dieses ‘Begriffsballett’ des Hegelschen Systems der absoluten Vernunft, hält es für gänzlich misslungen und verfehlt. Zur Vernunft betont er stattdessen generell: „Es ist höchst auffallend, daß bisher kein Philosoph alle jene mannigfaltigen Aeußerungen der Vernunft strenge auf eine einfache Funktion zurückgeführt hat, die in ihnen allen wiederzuerkennen wäre, aus der sie alle zu erklären wären und die demnach das eigentliche innere Wesen der Vernunft ausmachte.“38 Stattdessen entwirft Schopenhauer eine den Ansprüchen spekulativer Vernunft entgegenstehende Willensmetaphysik39, die die Vernunft de- 38 Schopenhauer, Arthur. Gesammelte Werke: Die Welt als Wille und Vorstellung + Parerga und Paralipomena + Eristische Dialektik + Vorlesungen + Abhandlungen und mehr (Vollständige … Philosophie und viel mehr (German Edition) (Kindle- Positionen 723–725). e-artnow. Kindle-Version. 39 Vgl. sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 104 potenziert und dezentriert. Damit verabschiedet er den okzidentalen40 Logozentrismus, der mit Hegel (bzw. gewissermaßen in demselben als ‘dem Weltgeist in persona’) noch einmal so ‘fröhliche Urständ’ feierte/gefeiert hatte.41 Schopenhauer steht dabei in der Tradition der griechischen Sophistik und des mittelalterlichen-spätscholastischen theologischen Voluntarismus (bes. Johannes Duns Scotus, Wilhelm von Ockham), den er säkularisiert42. Nach der Gotteslehre des theologischen Voluntarismus des Spätmittelalters ist Gott im Kern seines Wesens absolut freier, an nichts, auch nicht an Vernunftprinzipien, gebundener Wille (potentia absoluta). Der Mensch kann Gott nicht aus eigener spekulativer Vernunft erkennen, sondern nur aus der souveränen Selbstoffenbarung Gottes. Es gibt keine der Selbstoffenbarung Gottes vorgängige Gotteserkenntnis. Weil die philosophisch-theologische Vernunft zur Gotteserkenntnis unfähig ist, tendiert sie seitdem dazu profan zu werden, sich also nur noch auf Weltliches zu richten. Der Mensch kann sich angesichts Gottes Souveränität aber auch Gottes Gnade nicht eigentlich verdienen, sondern bedarf dessen willentlicher Erwählung bzw. dessen Entschlusses (vgl. später dann Luthers ‘sola gratia’ (allein aus Gnade)). Der Mensch kann also eigentlich nichts selbst und aus freien Stücken zu seinem ewigen Heil beitragen. 40 Okzidental: abendländisch. 41 Wie Schnädelbach (2007; s.u.) aufzeigt, ist die spekulative Vernunft im Verlauf ihrer Geschichte in eine vierfache Aporie geraten, nämlich in die praktische Aporie, die technische Aporie, die religiöse Aporie und die kognitive Aporie. (Aporie: zusammengesetzt aus gr. póros, der Weg, die Furt (durch einen Fluss), und alpha privativum (privare lat.: berauben): ‘Weg’- bzw. ‘Furtlosigkeit’, hier: gedankliche Ausweglosigkeit. In solch eine ‘Aporie’ hat der historische Sokrates seine Gesprächspartner, die ihrer Sache bzw. ihres Wissen allzu sicher waren, immer wieder geführt.) Die praktische Aporie führte zur strategischen Ausrichtung der Vernunft in praktischer Hinsicht; die technische Aporie zur instrumentellen Ausrichtung der Vernunft im Umgang mit der Natur; die religiöse Aporie zu profaner Ausrichtung der Vernunft (profan: lat.: „vor dem heiligen Bezirk liegend, ungeheiligt, gewöhnlich“, mithin etwa: rein weltlich); die kognitive Aporie zum Gewahrwerden der Endlichkeit der subjektiv verstandenen Vernunft (vgl. Kants Konzept (selbst)kritischer Vernunft). 42 Säkularisation: Verweltlichung, Loslösung von den Bindungen an den (christlichen) Glauben und die Kirche. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 105 Sofern er, der Mensch, aber dennoch etwas für sein Heil tun kann, dann nur deshalb, weil sich Gott selbst aus freiem, souveränem Willen heraus an bestimmte ‘Regularien’ des Heilserwerbs gebunden hat (de potentia ordinata). Letztlich aber bleibt der stets sündige Mensch ganz auf Gottes Gnade angewiesen. – Übrigens: Luther und seine Theologie – und damit der ‘Protestantismus’ – wären ohne den Einfluss des theologischen Voluntarismus (und andere Einflüsse) undenkbar gewesen. Gerade aus dem Einfluss des theologischen Voluntarismus auf Luther nährte sich dessen verzweifelte Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“. Feuerbach (und mit ihm dann auch Marx) als (abtrünniger) Adept Hegels betont in anthropologischer Wendung gegenüber diesem die vorgängige Leiblichkeit und Sinnlichkeit des Menschen vor dessen Vernünftigkeit. Vernunft ist bei Feuerbach und Marx nicht mehr (objektive) ‘Weltvernunft’, sondern nur noch (subjektive) menschliche Vernunft (und Denken menschliches Denken). Erst jetzt kann die Vernunft als dezentrierte Vernunft zur (rein) funktionalen Vernunft werden, nämlich zur Funktion von etwas, dem sie dient und untergeordnet ist, z.B. dem Leben und Überleben ihres ‘Inhabers’. Besonders deutlich wird dies bei Nietzsche, für den Vernunft den Überlebensstrategien des ‘Vernunfttieres’ Mensch dient. Diesem Überleben dient es, dass die Vernunft, dieses vermeinte Vermögen der Wahrheit, es wesentlich mit Verstellung und (Selbst-)Täuschungen zu tun hat. Nietzsche wendet sich gegen das ‘Vernunft-Vorurteil’. In Hinsicht auf den abendländischen Logozentrismus, der mit Sokrates vollends seinen Siegeszug antrat, konstatiert er mit Blick auf ihn, Platon und das Athen dieser Zeit (aber auch mit Blick auf das Christentum und dessen – für Nietzsche vergleichbare – ‘Besserungsmoral’): „Das grellste Tageslicht, die Vernünftigkeit um jeden Preis, das Leben hell, kalt, vorsichtig, bewusst, ohne Instinkt, im Widerstand gegen Instinkte war selbst nur eine Krankheit, eine andre Krankheit – und durchaus kein Rückweg zur »Tugend«, zur »Gesundheit«, zum Glück… Die In- IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 106 stinkte bekämpfen müssen – das ist die Formel für décadence: so lange das Leben aufsteigt, ist Glück gleich Instinkt.“43 Mit der Funktionalisierung der Vernunft einher ging deren Pluralisierung in die diversen Rationalitäten.44 ‘Rationalität’ meint etwas Spezifischeres als ‘Vernunft’. Mit ihr verbindet man so etwas wie Beherrschung und Beherrschbarkeit von Abläufen, Regelhaftigkeit, Wiederholbarkeit, Berechenbarkeit, Kontrollierbarkeit, Effizienz und (subjektive) Zweckmäßigkeit. Das moderne Rationalitätsverständnis kommt ursprünglich aus dem Gebiet der Ökonomie, d.h. es ist originär ökonomisch geprägt. Dieser Herkunft gemäß schließt es oberste Wert- und Zweckorientierungen nicht mit ein, da diese als lediglich subjektive Sache, die einer privaten Entscheidung anheimgestellt ist, angesehen werden. Es geht also beim modernen Rationalitätsverständnis in erster Linie um ‘Zweckrationalität’. Der (zweck-)‘rationale’ Mensch ist insofern gewissermaßen ein ‘Homo oeconomicus’ – in allen Lebensbereichen! Seine ‘instrumentelle Rationalität’ (wie Horkheimer sie polemisch nannte) führt über technische und bürokratische Rationalisierungsprozesse in die ‘verwaltete Welt’ (Theodor W. Adorno). Gleichwohl scheint sowohl bei Max Horkheimer als auch bei Theodor W. Adorno gegenüber der Vernunft als Beherrschen-Wollen noch das Ideal einer wahren Vernünftigkeit auf, die in der Versöhnung des Unversöhnten, der Einung der unversöhnten Gegensätze bestünde.45 Im Erbe der sog. ‘Kritischen Theorie’ der ‘Frankfurter Schule’ hat Jürgen Habermas in Fortentwicklung der Handlungsrationalität durch Max Weber ein Konzept kommunikativen Handelns entworfen, in dem instrumentelle, strategische und kommunikative Rationalität als Aspekte der Handlungsrationalität unterschieden werden, und in dem der Zweckrationalität der Primat über das Soziale zugunsten der kommunikativen Rationalität abgesprochen wird, während im soziologischen Entwurf einer Theorie der Gesellschaft als ‘Systemtheorie’ durch Niklas Luhmann Rationalität als Funktion von Systemen (z.B. Rechtssystem, 43 Nietzsche, Friedrich. Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke (Kommentiert) mit verlinktem Inhaltsverzeichnis (German Edition) (Kindle-Positionen 35127– 35130). Kindle-Version. 44 Vgl. Schnädelbach 2007, s.u.. 45 Vgl. deren zusammen verfasstes Werk Dialektik der Aufklärung, siehe unten. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 107 Erziehungssystem), nicht aber mehr als Ausdruck bzw. Vollzug von handelnden Subjekten verstanden wird (subjektlose Systemrationalität). Ein für die Fragestellung unserer Einführung besonders relevanter Aspekt ist die Frage nach der wissenschaftlichen Rationalität. Diesbezüglich ist zu konstatieren, dass wissenschaftshistorisch und -theoretisch orientierte Philosophen, insbesondere Thomas S. Kuhn und Paul Feyerabend, eindrückliche ‘Rationalitätslücken’ aufgewiesen haben, die etwa mit dem in Karl R. Poppers Logik der Forschung (1934) vertretenen, durch ‘trial and error’ wie kritische Prüfung regulierten Prozess des permanenten wissenschaftlichen Erkenntnisfortschrittes nicht übereinkamen/-kommen. Der Irrationalitätsverdacht sogar gegenüber der Wissenschaft als vermeintlich ‘sicherem Hort’ bzw. als ‘Schutz- und Trutzburg’ rationalen Verhaltens folgte auf dem Fuße – und ist bis heute noch nicht wirklich ausgeräumt. Es gibt noch eine Vielzahl anderer Rationalitätstypen, die unterschieden werden. Ist pathetisch von ‘Rationalität’ die Rede, ist es also angebracht, stets zu fragen, von was für einer Rationalität denn gerade die Rede sei (wenn durch den Kontext dies nicht ohnehin klar ist). Jedenfalls tut man oft gut daran, darauf hinzuweisen, dass man doch gerade nur von dieser oder jener Bereichs- bzw. Kontextrationalität spreche, die nur für diesen spezifischen, ihr zugeordneten Bereich bzw. begrenzten Kontext gelte und die keinen Totalanspruch erheben dürfe bzw. nicht für andere Bereiche gelte (sowie selbst innerhalb des jeweiligen ihr zuzuordnenden Bereiches bzw. Kontextes angemessen praktiziert werden müsse). Alle diese Gestalten von Rationalität sind Formen dessen, was man (bloß noch) ‘funktionale Vernunft’ nennen kann, also eine Schwundstufe dessen, was einmal für Vernunft gestanden hat. Was sich gegenwärtig stellt, ist angesichts der Pluralisierung von Rationalitäten bzw. ‘Vernünften’ die Frage nach einer möglichen Einheit der Vernunft, wie schwach auch immer diese zu denken sei, angesichts der fast unüberschaubaren Vielzahl der Rationalitätstypen, von denen hier nur einige der relevantesten erwähnt wurden. Mit der Frage nach der Einheit der Vernunft scheint die Frage verknüpft zu sein, inwiefern von ihr ‘Rettung’ bzw. wenigstens eine durch- IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 108 greifende Besserung unserer Welt- und Selbstzustände (noch) zu erwarten ist. Da hier trotz der gewissen Ausführlichkeit des Überblickes viele Aspekte des ‘Vernunftkomplexes’ unberücksichtigt bleiben mussten, noch einige Hinweise auf aus der vorhandenen Fülle ausgewählte, wichtige und interessante Literatur zum Thema: Eine gute und sehr gut lesbare Einführung bietet: Schnädelbach, Herbert: Vernunft (Reihe: Grundwissen Philosophie), Stuttgart 2007. Der Autor geht bei seiner Explikation des Vernunftbegriffes hier den Wandlungen des Vernunftverständnisses und des Nachdenkens über Vernunft in der abendländischen Philosophie seit der griechischen Antike nach. Seine Grundthese ist, dass kulturelle Wandlungen historisch jeweils zum Wandel des Vernunftbegriffs geführt haben, so dass ein innerer Zusammenhang zwischen Begriffs- und Kulturgeschichte besteht. Die Geschichte des Vernunftbegriffes, so ist zu konstatieren, ist wesentlich eine der Kritik des Vernunftbegriffes gewesen. Es zeigt sich, dass ob der Zusammengehörigkeit von Vernunft und Kritik „alle wesentlichen Veränderungen, Erweiterungen und Ergänzungen in diesem Feld durch kritische Einwände erzwungen wurden, die sich im vernünftigen Nachdenken der Vernunft über sich selbst nicht mehr abweisen ließen.“46 Allgemein gilt, so die durch die durch die Ausführungen gut belegte These Schnädelbachs: „[D]ie wesentlichen Schritte im Entwicklungsgang des Vernunftbegriffs [wurden] durch immanente Vernunftkritik erzwungen […].“47 Ein sehr umfangreicher begriffsgeschichtlicher Artikel ‘Vernunft; Verstand’ findet sich im Historischen Wörterbuch der Philosophie [HWPh], und zwar in Band 11, S. 748–863. (Es finden sich im HWPh auch noch verwandte Artikel (u.a. ‘Vernunft, historische’; ‘Vernunft, instrumentelle’; ‘Ratio’; ‘Rationalität; Rationalisierung’; ‘Logos’.) 46 Schnädelbach, Herbert. Vernunft: Grundwissen Philosophie (Reclam Grundwissen Philosophie) (German Edition) (Kindle-Positionen 160–162). Reclam Verlag. Kindle-Version. 47 Ebenda: Kindle-Positionen 785–788. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 109 Vertiefung: Das Vernunftproblem in der gegenwärtigen Diskussion „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ Max Horkheimer/Theodor W. Adorno (in: Dialektik der Aufklärung) Einleitend zu diesem Adiectamentum wurde erwähnt, dass die Vernunft vor einiger Zeit geradezu in Verruf geraten sei. Darauf soll jetzt nach dem kurzen Überblick noch etwas näher eingegangen werden, auch wenn das Wesentliche gleichwohl wiederum nur angedeutet werden kann: Gewissermaßen als ‘Auftakt’ der im Vergleich zu vergangenen Erscheinungsformen radikaleren Vernunftkritik kann man sehen die von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno bereits 1944 unter dem Titel Dialektik der Aufklärung als ‘philosophische Fragmente’ (Untertitel) veröffentlichten Essays, die insbesondere eine Geschichte der abendländischen Vernunft bieten wollen. Sie sind entstanden unter dem Eindruck vor allem von Auschwitz und Faschismus. In diesen ‘philosophischen Fragmenten’ wird der okzidental-aufklärerische Vernunftbegriff, der zu Faschismus, totalitären Ideologien und Herrschaftsformen wie ihrer Akzeptanz sowie mit seiner Ökonomisierung aller Lebensbereiche zum Monopolkapitalismus geführt habe, der auch die menschlichen Beziehungen verdingliche, einer sehr scharfen Kritik unterzogen. Diesem ‘instrumentellen’ Vernunftbegriff, der menschheitsgeschichtlich seinen Ursprung habe bereits in der frühen Selbstbehauptung des Subjektes einer es bedrohenden Natur gegenüber, eigne wesentlich der Charakter der Herrschaft. Und zwar über die äußere Natur, die ‘uniformierend’ (d.h. das Mannigfaltige ‘einförmig’ machend, vereinheitlichend) wissenschaftlich ‘objektiviert’ werde (‘vergegenständlicht’). Sie werde zum blo- ßen ‘Gegenstand’ der (Natur-) Beherrschung gemacht durch Verdinglichung (und logische Abstraktion sowie Formalisierung). Herrschaftscharakter eignet für Adorno und Horkheimer bereits der Sprache, näherhin dem Begriff als ihrem konstitutiven Bestandteil: „Gleich dem Ding, dem materiellen Werkzeug, das in verschiedenen Situationen als dasselbe festgehalten wird und so die Welt als das Chaoti- IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 110 sche, Vielseitige, Disparate vom Bekannten, Einen, Identischen scheidet, ist der Begriff das ideelle Werkzeug, das in die Stelle an allen Dingen paßt, wo man sie packen kann.“48 Die Ausbildung einer begrifflichen Sprache geht einher mit der Beherrschung der Natur durch technische Mittel. Sie scheint für Horkheimer und Adorno sogar die Voraussetzung dafür zu sein, sich die Natur mit technischen Mitteln verfügbar zu machen. Begriffe haben nivellierenden Charakter, sie reduzieren die Vielfältigkeit der Dinge in der Welt und machen sie verfügbar für den menschlichen Nutzen. Bereits hier klingt Adornos spätere Kritik des identifizierenden Denkens an und sein Versuch, den Begriff zu entzaubern. Denn: „Die Entzauberung des Begriffs ist das Gegengift der Philosophie.“49 Adorno will mit den Mitteln des Begriffs über den Begriff hinaus gelangen um so ans Begriffslose heranzureichen und sich in negativ-dialektischer philosophischer Reflexion des Nichtbegrifflichen im Begriff zu versichern wider allen ‘Identitätszwang’, den das begriffliche Denken mit sich führt.50 48 Band 3: Dialektik der Aufklärung: Begriff der Aufklärung. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1166 (vgl. GS 3, S. 56–57) http://www.digitale-bibliothek.de/band97.htm. Auf diesen Aspekt der Funktionsweise von Begriffen kann hier nicht näher eingegangen werden. 49 Band 6: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit: Einleitung. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 2846 (vgl. GS 6, S. 24) http://www.digitale-bibliothek.de/ band97.htm. 50 Zu Adornos Auffassung von negativer Dialektik s. e.g.: „Dialektik ist das konsequente Bewußtsein von Nichtidentität.“ [Band 6: Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit: Einleitung. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 2834 (vgl. GS 6, S. 17) http:// www.digitale-bibliothek.de/band97.htm ] „Ihr Name sagt zunächst nichts weiter, als daß die Gegenstände in ihrem Begriff nicht aufgehen, daß diese in Widerspruch geraten mit der hergebrachten Norm der adaequatio. Der Widerspruch ist nicht, wozu Hegels absoluter Idealismus unvermeidlich ihn verklären mußte: kein herakliteisch Wesenhaftes. Er ist Index der Unwahrheit von Identität, des Aufgehens des Begriffenen im Begriff.“ [Ebenda, S. 2833 (vgl. GS 6, S. 16–17)] Allerdings gilt bleibend: „Der Schein von Identität wohnt [jedoch] dem Denken selber seiner puren Form nach inne. Denken heißt identifizieren. Befriedigt schiebt begriffliche Ordnung sich vor das, was Denken begreifen will.“ [Ebenda]. „Die Utopie der Erkenntnis wäre, das Begriffslose mit Begriffen aufzutun, ohne es ihnen gleichzumachen.“ [Ebenda, S. 2841 (vgl. GS 6, S. 21]. (‘Utopie’ von gr. u tópos: kein IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 111 Die äußere Natur werde durch den angedeuteten Umgang mit ihr berechenbar und für Utilitätsaspekte51 verfüg- und manipulierbar. Hierdurch kommt es zur Entfremdung von den Dingen: „Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann. Der Mann der Wissenschaft kennt die Dinge, insofern er sie machen kann. Dadurch wird ihr An sich Für ihn. In der Verwandlung enthüllt sich das Wesen der Dinge immer als je dasselbe, als Substrat von Herrschaft.“52 Herrschaft aber auch über die innere Natur, die ‘reprimiert’53 werde. Die aufklärerisch-wissenschaftliche Herrschaft über die Welt wende sich gegen die denkenden Subjekte selbst und verdingliche sie zu Objekten (Ökonomie, Industrieproduktion, Planung, Arbeitsteilung). Die Subjekte würden unter dem Regime des Allgemeinen nicht allein von den Dingen entfremdet, es komme sogar zu einer Versachlichung der Subjekte selbst, die im Totalitarismus zugerichtet würden nach dem Maß des Allgemeinen. In gewisser Weise wird die auf Herrschaft ausgerichtete Vernunft, sich selbst dialektisch verfangend, so zum Opfer ihrer selbst. Statt der versprochenen völligen Freiheit ist es zur totalen Unfreiheit gekommen. S. e.g.: „Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur um so tiefer in den Naturzwang hinein. So ist die Bahn Ort; hier etwa im Sinne von: nicht wirklich einlösbares Ideal, dem man aber möglichst nahe kommen soll.) „Philosophie hat, nach dem geschichtlichen Stande, ihr wahres Interesse dort, wo Hegel, einig mit der Tradition, sein Desinteressement bekundete: beim Begriffslosen, Einzelnen und Besonderen; bei dem, was seit Platon als vergänglich und unerheblich abgefertigt wurde und worauf Hegel das Etikett der faulen Existenz klebte. Ihr Thema wären die von ihr als kontingent zur quantité négligeable degradierten Qualitäten. Dringlich wird, für den Begriff, woran er nicht heranreicht, was sein Abstraktionsmechanismus ausscheidet, was nicht bereits Exemplar des Begriffs ist.“ [Ebenda, S. 2838 (vgl. GS 6, S. 19–20)] 51 Utilitätsaspekte: Nutzen- bzw. Nützlichkeitsgesichtspunkte. 52 Band 3: Dialektik der Aufklärung: Begriff der Aufklärung. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1115 (vgl. GS 3, S. 25) http://www.digitale-bibliothek.de/ band97.htm. 53 ‘zurückgedrängt’, unterdrückt, (im Keime) ‘erstickt’. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 112 der europäischen Zivilisation verlaufen. So ist die Bahn der europäischen Zivilisation verlaufen. Die Abstraktion, das Werkzeug der Aufklärung, verhält sich zu ihren Objekten wie das Schicksal, dessen Begriff sie ausmerzt: als Liquidation. Unter der nivellierenden Herrschaft des Abstrakten, die alles in der Natur zum Wiederholbaren macht, und der Industrie, für die sie es zurichtet, wurden schließlich die Befreiten selbst zu jenem »Trupp«, den Hegel […] als das Resultat der Aufklärung bezeichnet hat. Die Distanz des Subjekts zum Objekt, Voraussetzung der Abstraktion, gründet in der Distanz zur Sache, die der Herr durch den Beherrschten gewinnt.“54 Es sei im ‘Fortschritt’ der Aufklärung so gerade nicht zu umfassender Befreiung von den überwältigenden Naturzwängen und zur Aufhebung der Unmündigkeit gekommen sowie, damit einhergehend, zu einem wahrhaft menschlichen Zustand, wie es die Aufklärer versprochen hatten und wie es die programmatische Leitidee der Aufklärung seit Beginn der okzidentalen Moderne gewesen war. Gekommen sei es vielmehr zu Adaptation an die Technik, an die ‘Zwänge des Marktes’, zu politischem Massenbetrug und zu Manipulation im Dienste ökonomischer Interessen. Trotz, mit und gerade wegen der universellen logisch-rationalen, system-tendierend-ordnenden Welterklärung und -behandlung der Aufklärung sei es so zu einem Prozess universeller Selbstzerstörung gekommen – und wesensgemäß-zwingend zu Barbarei der solcherma- ßen ‘aufgeklärten’ Zivilisation.55 In eins damit zum Rückfall in ‘Mythologie’: „Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in Mythologie. Allen Stoff empfängt sie von den Mythen, um sie zu zerstören, und als Richtende gerät sie in den mythischen Bann.“56 54 Ebenda, S. 1121f. (vgl. GS 3, S. 29. 55 Vgl. u.a.: „[…] hat auch über die liberalistische Periode hin Aufklärung stets mit dem sozialen Zwang sympathisiert. Die Einheit des manipulierten Kollektivs besteht in der Negation jedes Einzelnen, es ist Hohn auf die Art Gesellschaft, die es vermöchte, ihn zu einem zu machen. Die Horde, deren Namen zweifelsohne in der Organisation der Hitlerjugend vorkommt, ist kein Rückfall in die alte Barbarei, sondern der Triumph der repressiven Egalität, die Entfaltung der Gleichheit des Rechts zum Unrecht durch die Gleichen.“ [Ebenda, S. 1121 (vgl. GS 3, S. 29) 56 Ebenda, S. 1119 (vgl. GS 3, S. 28). IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 113 „Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“, wie auch der Mythos, wie sie richtig erkannten, bereits ein aufklärerisches Moment hat.57 Diese Mythologie gipfele in der Gegenwart im ‘Positivismus des Faktischen’, der die gesellschaftlichen Gegebenheiten, die eine Wirklichkeit von Herrschenden und Beherrschten seien, als notwendige erscheinen lasse – und mithin als ‘alternativlos’.58 Der Unhinterfragbarkeit des Bestehenden dient die Konsum- wie insbesondere auch die ‘Kulturindustrie’. Horkheimer und Adorno konstatieren hierzu ernüchternd: „Fun ist ein Stahlbad. Die Vergnügungsindustrie verordnet es unablässig. Lachen in ihr wird zum Instrument des Betrugs am Glück.“59 „In der falschen Gesellschaft hat Lachen als Krankheit das Glück befallen und zieht in ihre nichtswürdige Totalität hinein.“60 „Das Kollektiv der Lacher parodiert die Menschheit. Sie sind Monaden, deren jede dem Genuß sich hingibt, auf Kosten jeglicher anderen, und mit der Majorität im Rückhalt, zu allem entschlossen zu sein. In solcher Harmonie bieten sie das Zerrbild der Solidarität. Das Teuflische des falschen Lachens liegt eben darin, daß es selbst das Beste, Versöhnung, zwingend parodiert.“61 „Die Maschine rotiert auf der gleichen Stelle. Während sie schon den Konsum bestimmt, scheidet sie das Unerprobte als Risiko aus. Mißtrauisch blicken die Filmleute auf jedes Manuskript, dem nicht schon ein bestseller beruhigend zu Grunde liegt. Darum gerade ist immerzu von idea, novelty und surprise die Rede, dem, was zugleich allvertraut wäre 57 S. die Kurzcharakteristik des ersten Essays durch die Autoren: „Grob ließe die erste Abhandlung in ihrem kritischen Teil auf zwei Thesen sich bringen: schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“ Ebenda, S. 1101 (vgl. GS 3, S. 16). 58 Hierbei gilt: „Die Blindheit und Stummheit der Daten, auf welche der Positivismus die Welt reduziert, geht auf die Sprache selber über, die sich auf die Registrierung jener Daten beschränkt.“ (Ebenda, S. 1395 (vgl. GS 3, S. 188) Erklärung: Positivismus ist eine philosophische Einstellung, die nur das (angeblich) pure Tatsächliche bzw. tatsächlich Gegebene (lat.: positum) gelten lässt. Hierauf habe man sich zu beschränken in Forschung und Denken. Alles andere sei ‘sinnlose Metaphysik’ (oder gar Aberglaube) bzw. unbegründete metaphysische ‘Spekuliererei’, die zu keinem ‘positiven’, nämlich erzielbaren Ergebnis führen könne. Zudem sei es in praktischer Hinsicht wert-, weil nutzlos. Zu solch positivistischer Einstellung ist zu sagen: Der Positivismus irrt, wenn er meint, es gäbe ursprüngliche, unvermittelte Erfahrung. 59 Ebenda, S. 1352 (vgl. GS 3, S. 162). 60 Ebenda. 61 Ebenda, S. 1352f. (vgl. GS 3, S. 163). IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 114 und nie dagewesen. Ihm dient Tempo und Dynamik. Nichts darf beim Alten bleiben, alles muß unablässig laufen, in Bewegung sein. Denn nur der universale Sieg des Rhythmus von mechanischer Produktion und Reproduktion verheißt, daß nichts sich ändert, nichts herauskommt, was nicht paßte. Zusätze zum erprobten Kulturinventar sind zu spekulativ. Die gefrorenen Formtypen wie Sketch, Kurzgeschichte, Problemfilm, Schlager sind der normativ gewandte, drohend oktroyierte Durchschnitt des spätliberalen Geschmacks. Die Gewaltigen der Kulturagenturen, die harmonieren wie nur ein Manager mit dem anderen, gleichviel ob er aus der Konfektion oder dem College hervorging, haben längst den objektiven Geist saniert und rationalisiert. Es ist, als hätte eine allgegenwärtige Instanz das Material gesichtet und den maßgebenden Katalog der kulturellen Güter aufgestellt, der die lieferbaren Serien bündig aufführt.“62.63 Den beiden Autoren Horkheimer und Adorno ging es mit dem Werk Dialektik der Aufklärung aber nicht darum, die Aufklärung zu ‘liquidieren’, sondern sie wollten die aufklärerische Vernunft über sich selbst aufklären um so einem (im echten Sinne) positiven (also guten) Begriff von Aufklärung den Weg zu bereiten, der die Aufklärung entbindet und löst aus ihren blinden Verstrickungen in Herrschaftszusammenhänge. Doch es soll hier nicht eigentlich um den ‘Auftakt’ der neueren, besonders radikalen Vernunftkritik gehen, den Horkheimer und Adorno mit dem philosophischen Werk Dialektik der Aufklärung markierten. Deshalb sei hier lediglich noch erwähnt, dass Kritik am Gehalt der Dialektik der Aufklärung und an ihren beiden Autoren aus dem Kreis der sog. ‘Kritischen Theorie der Frankfurter Schule’ selbst erfolgt ist, 62 Ebenda, S. 1341 (vgl. GS 3, S. 156). 63 Vgl. auch: „Der kategorische Imperativ der Kulturindustrie hat, zum Unterschied vom Kantischen, mit der Freiheit nichts mehr gemein. Er lautet: du sollst dich fügen, ohne Angabe worein; fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was, als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart, alle ohnehin denken. Anpassung tritt kraft der Ideologie der Kulturindustrie anstelle von Bewußtsein: nie wird die Ordnung, die aus ihr herausspringt, dem konfrontiert, was sie zu sein beansprucht, oder den realen Interessen der Menschen.“ [Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Résumé über Kulturindustrie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 7958f. (vgl. GS 10.1, S. 343) http://www.digitale-bibliothek. de/band97.htm ] „Was die Kulturindustrie ausheckt, sind keine Anweisungen zum seligen Leben und auch keine neue Kunst moralischer Verantwortung, sondern Ermahnungen, dem zu parieren, wohinter die mächtigsten Interessen stehen. Das Einverständnis, das sie propagiert, verstärkt blinde, unerhellte Autorität.“ [Ebenda, S. 7959f. (vgl. GS 10.1, S. 344) http:// www.digitale-bibliothek.de/band97.htm ] IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 115 und zwar vor allem durch Jürgen Habermas. Er kritisiert die „hemmungslose Vernunftskepsis“. Stattdessen wäre es darum gegangen, „die Gründe zu erwägen, die an dieser Skepsis selber zweifeln lassen“.64 So hätten sie die vernünftigen ‘Erträge’, zu denen die Aufklärung geführt habe (Ausdifferenzierung von Moral, Recht, Wissenschaften; Institutionalisierung der Demokratie), nicht gewürdigt.65 Gehen soll es statt um diesen (verzögerten66) ‘Auftakt’ der neueren Radikalkritik vielmehr um eine noch jüngere Form der radikalen Vernunftkritik, die vielfach und in teils sehr verschiedener Ausprägung aufgetreten ist seit etwa der Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts unter dem Titel der sog. ‘Postmoderne’ und die, auch wenn es um sie zwischenzeitlich wieder etwas stiller geworden ist, bis in die Gegenwart reicht. Denn die Auseinandersetzung mit der Vernunftkritik der ‘Postmoderne’ erlaubt es uns, ein wenig auf das Vernunftkonzept des Philosophen Wolfgang Welsch einzugehen, nämlich seinen Entwurf einer ‘transversalen Vernunft’. Dieser Entwurf ist nämlich in Auseinandersetzung mit der postmodernen Vernunftkritik entstanden und zugleich dieser verpflichtet. Beachtenswert ist dieses Konzept deshalb, weil Welsch mit seiner Exposition einer transversalen Vernunft reagiert hat auf diese Vernunftkritik ohne die postmodernen ‘Diagnosen’ zu bestreiten. Er will mit seinem Konzept sich nicht abfinden mit einer bloßen Pluralität und Heterogenität von Rationalitäten, zwischen denen es keine Verbindungen und Übergänge mehr gebe, sondern die transversale Vernunft soll gerade das sein, was, unter Wahrung der Eigenstän- 64 Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt am Main 1981, S. 156. 65 S. e.g. Hetzel, Andreas: Dialektik der Aufklärung. In: Richard Klein, Johann Kreuzer, Stefan Müller-Doohm (Hrsg.): Adorno-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart 2011, S. 395. 66 Tatsächlich handelte es sich bei Dialektik der Aufklärung um einen ‘verzögerten Auftakt’ bzw. eine ‘Auftaktverzögerung’: Denn eine umfänglich nennenswerte Rezeption begann erst etwas über 20 Jahre nach deren Erstpublikation, insbesondere anlässlich der überarbeiteten Neuauflage des Werkes 1969. Hierfür waren v.a. die sog. ‘68-er’ Anstoß und Anlass. Insofern waren die philosophischen Fragmente (so lautet der Untertitel) der Dialektik der Aufklärung tatsächlich, wie von den Autoren postuliert, eine ‘Flaschenpost’ für Spätere. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 116 digkeit der einzelnen Rationalitäten, doch Übergänge zwischen ihnen zu leisten vermag. Doch bevor hierauf etwas näher eingegangen werden kann, muss zunächst einmal geklärt werden, was die ‘postmodernen’ Auffassungen eigentlich kennzeichnet: Zunächst einmal ist, soweit hier erforderlich, zu klären, was ‘Postmoderne’ eigentlich bedeutet: Generell kann man sagen, dass in der Postmoderne die ‘Moderne’ problematisiert wird. Doch was ist die Moderne? Umgangssprachlich gebrauchen wir das Wort ‘modern’ um das zu kennzeichnen, was heute, also in der ‘Jetztzeit’, ‘angesagt’ ist. Es ist also wenigstens anzunehmen, dass mit ‘Moderne’ eben diese ‘Jetztzeit’ oder jedenfalls die neueste Zeit gemeint ist. Warum aber spricht man dann nicht einfach von ‘Gegenwart’? Das hilft also nicht sehr viel weiter, zumal der Epochenbegriff ‘Moderne’ zwar häufig verwendet, aber nur selten klar definiert wird. Was für uns hier wichtig ist, ist die Bedeutung dieses Begriffes in der Philosophie und teils der Soziologie: Er bezeichnet auf diesen Gebieten im Kern einerseits die Entwicklung aufklärerischer Philosophie in der Neuzeit und andererseits die technischen und gesellschaftlichen wie sozialen Prozesse und Wandlungen, die in dieser Zeit vor sich gegangen sind, oft speziell dann im sog. ‘Spätkapitalismus’. Aus ‘postmoderner’ Sicht (lat. post: hinter, nach) ist die Moderne die Epoche (moderner) ‘großer Erzählungen’, Ideen und Ideologien sowie Lösungsvorschläge wie z.B. die der Emanzipation durch Vernunft oder die des (permanenten) Fortschrittes (zum Besseren). Heftig umstritten ist, ob die Moderne durch die Postmoderne überholt sei oder ob die (philosophische) Moderne mit ihrem normativen aufklärerischen Vernunftanspruch als bislang unvollendet gebliebenes Vorhaben bzw. Projekt gegen alle Widerstände erst noch umzusetzen sei. Die erste Position hat vor allem Jean-François Lyotard (1924 bis 1998) vertreten – Wolfgang Welsch schließt sich ihm an –, die Position eines entschiedenen Verteidigers des (noch einzulösenden) Projektes der Moderne nimmt Jürgen Habermas ein. Bevor als Ausgangspunkt für Welsch die Position Lyotards etwas konturiert wird – auf ihn können wir uns hier beschränken –, sei vor- IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 117 ab kurz bestimmt, was mit ‘Postmoderne’ eigentlich gemeint ist, auch wenn dies, selbst wenn wir uns hier auf die philosophische Postmoderne beschränken können, gar nicht so einfach ist angesichts der Vielfalt und Verschiedenheit der ‘postmodernen’ Auffassungen und Positionen: Ein gemeinsamer Zug derjenigen, die der philosophischen Postmoderne zugeordnet werden (u.a. Lyotard, Derrida, Vattimo, Deleuze, Baudrillard, Foucault), ist ihre Missbilligung und Kritik an den sog. ‘großen Erzählungen’ der Moderne. Dies sind z.B. die vom fortwährenden Fortschritt der Menschheit durch Wissenschaft und Technologie, die der einen Vernunft, der einen (und einzigen) Wahrheit; es ist die Herrschaft der großen metaphysischen Systeme (insbes. das System totaler bzw. absoluter Vernunft des ‘Meistererzählers’ Hegel, der alle Kontroversen dialektisch (vermeintlich) auflöst). Es ist das Christentum, der Humanismus67 mit seiner Proklamation der Autonomie68 des denkenden Subjektes und der Emanzipation69 des Menschen in das wahre Reich der Freiheit; es ist der Marxismus bzw. Sozialismus mit seinem säkularisierten70 Messianismus71; es ist der Positivismus als ‘Erbe’ der großen metaphysischen Systeme; es ist der Kapitalismus; es ist der Nationalismus. Die ‘Metaerzählungen’ der Moderne seien abzulehnen, da sie mit ihrem Universalanspruch als Ideologien totalitär wirkten und Pluralität und Heterogenität ausschlössen. An deren Stelle hätten grundsätzlich ein Pluralismus und eine Vielfalt von Weltentwürfen, radikale Heterogenität und Irreduzibilität sowie einander widerstreitende ‘kleine Erzählungen’ zu treten unter Verabschiedung letzter Gewissheiten. Nur so könne Gerechtigkeit je möglich und wirklich werden. 67 Humanismus meint hier etwa: Verwirklichung des ‘wahren’, echten Menschen, die echte Menschwerdung im Bewusstsein der menschlichen Würde, gegründet auf das unter Bezugnahme auf die griechische und römische Antike entworfene Bildungsideal. 68 Autonomie, gr. autós: selbst sowie nómos: Gesetz; ‘Selbstgesetzlichkeit’, Selbstbestimmung(sfähigkeit). 69 Emanzipation von lat. e manu dare: aus der Hand geben; Befreiung aus einem Abhängigkeitszustand. 70 Säkularisiert: entkirchlicht, verweltlicht. 71 Messianismus: Erwartung der Erlösung durch einen Messias. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 118 Dies ist anhand des Denkens von Jean-François Lyotard, der mit seinem Werk La condition postmoderne (1979; Das postmoderne Wissen) die philosophische Postmoderne als veritable72, nicht aber im Sinne der Rede von der ‘postmodernen Beliebigkeit’ („Anything goes!“) als eines heiter-unbekümmerten Ludismus73 wirkmächtig initiierte, etwas näher zu erläutern74: Lyotard, der das Projekt der ‘Moderne’ für gescheitert erklärt, da die modernen ‘großen Erzählungen’ an ihr (postmodernes) Ende gekommen seien, will mit seinem ‘postmodernen’ Denken nicht etwa eine neue Epoche begründen oder auch nur proklamieren, sondern philosophisch den Widerstreit heterogener Diskursformen, Arten des Wissens und Lebensformen ausdrücken und sie philosophisch bedenken. Es geht ihm, der stets auch politisch dachte und handelte, nicht zuletzt darum, nach Auschwitz „die Ehre des Denkens zu retten“ (s. bes.: Le différend) und die Gerechtigkeitsfrage neu zu stellen, nachdem sich die großen Metaerzählungen der Moderne, wie er zu erkennen meint, durch ein Übermaß ihrer Herrschaft(sansprüche), das bis zum realen Terror reichte, selbst diskreditiert75 und delegitimiert76 haben. Diese modernen Metaerzählungen hätten jedwede ‘kleinen Erzählungen’ bzw. Diskursarten dominiert und unter ihr je homogenisierendes77 Joch zu zwingen versucht. Um solch ein Übermaß an gewaltsamer Herrschaft einer Metaerzählung über die andere sowie deren (im schlimmsten Fall) realterroristische Folgen künftig zu vermeiden, analysiert Lyotard unter Bezugnahme auf das Sprachspiel- und Lebensformkonzept des späten Wittgenstein (und auf Kant, insbesondere auf dessen Theorie der ästhe- 72 Veritabel: ehrbar. 73 Von lat. ludus: das Spiel. 74 S. auch Le différend (1983; Der Widerstreit); s. aber auch Le postmoderne expliqué aux enfants, 1986; Postmoderne für Kinder. Lyotard fühlte sich zu dieser Schrift veranlasst, weil er sich vielfach missverstanden und weitreichend falsch rezipiert sah. 75 Etwas diskreditieren: etwas um seinen guten Ruf, sein gutes Ansehen bringen; etwas unglaubwürdig machen. 76 Delegitimieren hier: um die Berechtigung (und mithin Anerkennbarkeit sowie Vertretbarkeit) bringen. 77 Homogenisieren hier: vereinheitlichen. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 119 tisch-reflektierenden Urteilskraft) auf sprachphilosophischer Grundlage den sog. ‘Widerstreit’. Bei einem ‘Widerstreit’ handelt es sich um einen Streit zwischen zumindest zwei argumentierenden Diskursparteien (bzw. heterogener Diskursgenres), dessen adäquate Entscheidung und Beilegung nicht möglich ist, weil es hierfür keine gemeinsame (gar universale) Urteilsregel gibt. Das Fehlen einer solchen Urteilsregel unterscheidet einen Widerstreit von einem einfachen Rechtsstreit. Denn dieser kann unter Verwendung einer ‘Meta-Regel’ entschieden werden. Wird ein Widerstreit aber behandelt wie ein einfacher Rechtsstreit, so widerfährt wenigstens einer der beiden Parteien Unrecht. Statt solchen Unrechts muss es in solch einem ‘Widerstreitsfall’ darum gehen, den agonistischen78 Widerstreit der koexistierenden inkommensurablen und gleichberechtigten Diskursgenres je situativ idiomatisch79 zu bekunden. Denn nur so kann nach Lyotard Unrecht vermieden werden. Vermieden werden kann Unrecht in solch einem Fall auch nicht durch Konsensorientierung und eine entsprechende Philosophie wie dies etwa bei Habermas der Fall ist80. Denn eine solche konsensorientierte Konzeption sei mit ihrem Vereinheitlichungsunterfangen ihrer inneren Struktur nach stets terroranfällig. Es bestehe lediglich die Möglichkeit von Brückenschlägen bzw. Übergängen zwischen heterogenen Diskursgenres, (auch) nicht die eines deren Widerstreit beilegenden ‘Metadiskurses’ (der (wiederum) ein Diskurs der Macht und mithin des Unrechts wäre). Es geht Lyotard daher um die Konzipierung einer Philosophie, die letzten Dissensen als Widerstreit(en) entspricht, indem sie sie bestehen lässt und den jeweiligen, radikal heterogenen Diskursarten samt ihren je eigenen Regeln und miteinander inkommensurablen Kriterien von Rationalität sowie Normativität ihr Recht lässt und ihnen so Gerech- 78 Agonistisch: von gr. ágon: (Wett-)Kampf. 79 Idiomatisch: von gr. ídios eigentümlich, hier also in etwa: die eigentümliche Sprechweise bzw. Sprecheigentümlichkeit der jeweiligen widerstreitenden Diskursgenres beachtend. 80 S. dazu z.B. Habermas, Jürgen: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt am Main 1983. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 120 tigkeit widerfahren lässt statt ihnen Gewalt anzutun, indem sie durch ein Globalkonzept vereinnahmt werden.81 Er will dabei und dadurch die Moderne ‘redigieren’82, sie ohne deren gefährliche ‘Allversöhnungsaspiration’83 bis an ihre Wurzel gehend (mithin also im eigentlichen Sinne ‘radikal’) kritisch anamnestisch ‘durcharbeiten’84. Nicht etwa geht es Lyotard um deren Dimission85. Lyotard will Aufklärung wie Vernunft über deren Redigierung bewahren. Wie Wolfgang Welsch herausgestellt hat, überzeichnet Lyotard in seinem Philosophieren die Heterogenitätsbehauptung. Die ‘postmoderne’ Diagnose Lyotards von der pluralen Verfasstheit der Gegenwart akzeptierend, geht es ihm in seinem Konzept einer ‘transversalen Vernunft’ daher darum, trotz der Heterogenität der diversen Diskursgenres sowie deren Eigenständigkeit und eigenem Recht die Möglichkeit von vernünftigen Übergängen zwischen ihnen zu verdeutlichen und ein heute tragfähiges Konzept von Vernunft zu entwerfen. Denn nur, wenn diese Möglichkeit von Übergängen bestehe, könne der Gerechtigkeitsforderung wirklich Genüge getan werden. Welsch kann dabei an Lyotards Darlegungen selbst anknüpfen, denn dieser hatte (wie oben erwähnt) selbst die Möglichkeit von Brückenschlägen bzw. Übergängen zwischen heterogenen Diskursgenres erwogen und behauptet. 81 Lyotard geht es in seinem Philosophieren in eminentem Sinn geradezu um eine Philosophie der Gerechtigkeit, die der Erfahrung von Auschwitz und der politischen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts Rechnung trägt. Heutzutage geht es für Lyotard vor allem um Widerstand gegen die kapitalistische Vereinförmigung jeglicher Diskursarten. 82 Redigieren: von lat. redigere: wieder zurückbringen, (wieder) in Ordnung bringen; zur Ordnung-, in die Schranken weisen. 83 Aspiration: Bestrebung, Hoffnung, ehrgeiziges Vorhaben. 84 Lyotard hat sich viel mit der Psychoanalyse, insbesondere mit deren Begründer Freud befasst; der Ausdruck ‘Anamnese’ geht (wie der Ausdruck ‘durcharbeiten’) in der Bedeutung, die Lyotard vor Augen hat, auf Freuds Verständnis des psychoanalytischen Therapieprozesses zurück. ‘Anámnesis’ heißt griechisch eigentlich (Wieder-)Erinnerung. Die Anamnesis ist philosophiegeschichtlich berühmt geworden durch die Anamnesisvorstellung Platons, wie sie bes. in seinen philosophischen Dialogwerken Menon, Phaidon und Phaidros vorgetragen wird. Es geht dort um die Möglichkeit einer (Wieder-)Bewusstwerdung bereits vorhandenen, ‘verschütteten’, latenten (Ideen-)Wissens. 85 Von lat: dimitto: entlassen, verabschieden. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 121 Welschs umfangreiches Werk: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft, von 1996 ist folgendermaßen aufgebaut: Einleitend wird zunächst das Vorhaben vorgestellt und die Situation der Vernunft ‘inmitten ihrer Kritik’ angesprochen sowie auf die traditionelle86, vor allem aber die heutige Vernunftkritik eingegangen ‘angesichts der Misere einer vernunftbestimmten Wirklichkeit’. Diese Misere wird charakterisiert und die drei grundsätzlichen Reaktionsformen dargestellt (Diagnostiker-Schelte, Vernunft-Option (entweder als (bloße) Vernunftkorrektur oder als (tiefer greifende) Vernunfttransformation), Vernunftverabschiedung). Die Selbstverortung Welschs mit seinem Konzept der transversalen Vernunft ist die Option einer Vernunfttransformation.87 Als Hauptvorwürfe an die Vernunft werden sodann herausgestellt das Herrschaftsbündnis und die Uniformierungstendenz der Vernunft. Sodann wird knapp erörtert, ob Pluralisierung der Vernunft einen Ausweg darstellen könne. Dabei werden in einem abschließenden Abschnitt die Probleme, die sich durch eine solche Pluralisierung ergeben, bereits kurz angesprochen. Nachdem der (mögliche) ‘Ort’ der Vernunft ‘inmitten von Pluralisierungen und Verflechtungen’ kurz skizziert ist, stellt Welsch den Aufriss seiner Abhandlung vor. Im ersten Teil setzt sich der Autor dann kritisch mit den neueren, zeitgenössischen Vernunftkritiken und Vernunftkonzeptionen auseinander (Adorno/Horkheimer, Habermas, Heidegger, Foucault, Glucksmann, Vattimo, Rorty, Derrida, Lyotard, Deleuze, Goodman, Wittgenstein) und stellt so heraus, was eine für die Gegenwart und deren Verfasstheit angemessene Vernunftkonzeption leisten muss. Im zweiten Teil beleuchtet Welsch im ersten Hauptstück, wie die Rationalität in der Gegenwart beschaffen ist. Es geht ihm hierbei vor allem darum, gegen die Auffassung von wohlgetrennten, voneinander 86 Welsch unterscheidet stark vereinfachend drei Typen traditioneller Vernunftkritik: den platonischen, den kantischen und den romantischen Typus von Vernunftkritik. S. Welsch, W.: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft, Frankfurt am Main 1996, S. 32–36. 87 S. Welsch, W.: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft, Frankfurt am Main 1996, S. 41. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 122 geschiedenen Rationalitätstypen einerseits den je spezifischen Sinngehalt der diversen Paradigmata von Rationalität herauszustellen und andererseits (gegen die ‘Atomisierungsgefahr’) deren Verknüpfung bzw. Verflochtenheit und Verwobenheit mit- bzw. ineinander. Es erweist sich so auch, dass strukturell für Rationalität ein Zustand ‘rationaler Unordentlichkeit’ real zu konstatieren ist (‘Die Realverfassung der Rationalität: Unordentlichkeit und Verflechtungen’). Im zweiten Hauptstück des zweiten Teiles versucht Welsch dann diesem Tatbestand zu entsprechen durch sein Konzept der ‘transversalen Vernunft’, das er ausführlich entfaltet und darlegt. Die der zeitgenössischen Rationalität eigene komplexe Verfasstheit erfordert eine Vernunft, deren eigentümliches Vermögen darin besteht, Übergänge zu stiften zwischen den verschiedenen wohlgeschiedenen Rationalitätstypen. Dem ‘Verflechtungsbefund’ Rechnung trägt die transversale Vernunft, indem sie deren je spezifischen inneren Aufbau und ihre Konstituiertheit aufklärend erhellt, Ausschlüsse, Majorisierungen und Totalisierungen kritisiert, falls erforderlich interveniert sowie situationsadäquat fundierte Entscheidungen trifft im Blick auf rationale Gerechtigkeit als ihrer Leitidee. Den Terminus ‘transversale Vernunft’ hat Welsch für sein Vernunftkonzept gewählt, weil „es sich um eine Vernunft handelt, die im Wesen eine Vernunft der Übergänge ist – mit allen Konsequenzen. Übergänge bilden die zentrale Tätigkeit und die Domäne dieser Vernunft. Und ‘transversal’ bezeichnet eben einen solchen Operationsmodus der Übergänge, bezieht sich auf die Erstellung querlaufender Verbindungen zwischen unterschiedlichen Komplexen.“88 Welschs Vernunftkonzept ist sehr stark der Ästhetik verbunden – ‘Ästhetik’ hier im dem weiten Sinne genommen, der nicht nur, wie im heute üblichen Sprachgebrauch, die Kunst und das künstlerische Schaffen betrifft, sondern verstanden im griechischen Sinne von ‘aísthêsis’: (sinnliche) Wahrnehmung. Die transversale Vernunft hat eine Nähe zu praktischer und ästhetischer Vernünftigkeit.89 88 Ebenda, S. 761. 89 Vgl. Welsch, W.: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft, Frankfurt am Main 1996, S. 783. Die diesbezüglichen Ausführungen finden sich S. 783–802. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 123 Hingewiesen sei ob ihrer Relevanz in diesem Zusammenhang abschließend und in einiger Ausführlichkeit besonders auf das Denken der Philosophin Karen Gloy und einige ihrer Publikationen: Die Philosophieprofessorin sowie studierte Germanistin, Physikerin, Kunstgeschichtlerin und Psychologin Karen Gloy – man kann sie zudem zwischenzeitlich auch als Ethnologin bezeichnen, siehe nachfolgend – ist durch ihren Kontakt mit anderskulturellen Denkweisen, Mentalitäten und Weltanschauungen und mit heterogenen Kulturen auf die Tatsache verschiedenster Typen von Rationalität aufmerksam geworden. Von hier aus hat sie sich, selbst von intensivster Auseinandersetzung mit der abendländischen philosophischen Tradition (insbesondere Platon, Kant, Fichte, Schelling, Hegel) herkommend (u.a. in Dissertation und Habilitationsschrift), gegen die eingleisige okzidentale Vernunftauffassung gestellt, die in dem resultierte, was man, wie erwähnt, den abendländischen Logozentrismus nennen kann. Diesem Logozentrismus stellt sie in ihren Arbeiten andersartige Denkweisen und Vernunftformen gegenüber, etwa die sumerische Listenwissenschaft und das analogische Denken. Analogisches Denken meint hier in etwa: Denken in Verhältnis- übereinstimmungen bzw. -entsprechungen bzw. -ähnlichkeiten. Ein derartiges analogisches Denken findet sich z.B. eindrucksvoll zeitweise in der Epoche der (abendländisch-westlichen) Renaissance. Von hier aus ist Gloy schließlich dazu gelangt, eigene Feldforschung zu betreiben in indigenen Naturethnien.90 Nunmehr liegt ihr Interesse in einem seiner Schwerpunkte auf dem Gebiet der interkulturellen Philosophie. Hier ist von besonderer Bedeutung die Arbeit: Kulturüberschreitende Philosophie. Das Verständnis unterschiedlicher Denk- und Handlungsweisen, Paderborn 2012. Einschlägig ist hier aber auch eine Arbeit, die sich ebenfalls mit sehr verschiedenartigen Denktypen befasst: Denkformen und ihre kulturkonstitutive Rolle, Paderborn 2016. 90 S. u.a.: Unter Kannibalen. Eine Philosophin im Urwald von Westpapua, Darmstadt 2010. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 124 Im letztgenannten Werk geht es um die Untersuchung der parataktischen, hypotaktischen und vernetzten Denkform und – dies ist besonders interessant – deren kulturstiftende Funktionen bis hinein in (scheinbar teils externe) Bereiche wie z.B. Malerei, Musik, Wissenschaft, Jurisprudenz, Geschichtsauffassung, Religion, Architektur, Anlage von Städten, Naturverhältnis, Logik, Militär, Aufbau von Gesellschaft und Staat. Die parataktische Denkform ist konstituierend für die altvorderorientalische Kultur, die hypotaktische Denkform wirkt gründend für die westliche Kultur. Das vernetzte Denken ist prägend für die moderne globale Kultur91. Eine Zwischenüberlegung: Die Darlegungen der Philosophin Gloy könnten Anlass dafür sein, das innere Verhältnis von Geschichte des Vernunftbegriffes und Kulturgeschichte, das vom Philosophen und ‘Vernunfthistoriker’ Schnädelbach konstatiert wird, noch genauer ‘unter die Lupe’ zu nehmen: Ist es stets so, dass kulturelle Veränderungen zum Wandel des Vernunftkonzeptes führten, oder ist es nicht auch so, dass eine bestimmte Vernunftauffassung und die mit ihr verbundenen Praxen zu kulturellen Transformationen führen können – und historisch auch geführt haben? Wie ist beides im Verhältnis zueinander zu gewichten? Mit dem Vernunft- und Rationalitätsverständnis befassen sich weiterhin v.a. Gloys Schriften: – Rationalitätstypen, Freiburg/München 1999. (Gloy ist zwar ‘nur’ die Herausgeberin dieses Buches, sie hat es aber inhaltlich entscheidend (mit)geprägt.) Es geht hier v.a. um das Problem der Einheit der Vernunft bzw. der Vielheit der Typen von Rationalität. Zudem um deren Analyse. Hierbei wird aufgezeigt, dass es (schon) im europäischen Kulturkreis sehr verschiedenartige Rationalitätsformen in Antike, Renaissance, Barock und Neuzeit gibt bzw. gegeben hat. Zudem werden außereuropäische Rationalitätsformen dargestellt (Zen-Buddhismus, sumerisch-akkadische Listenmethode bzw. -wissenschaft bzw. -weisheit). 91 Zu letzterer s. auch: Komplexität - ein Schlüsselbegriff der Moderne, Paderborn 2014. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 125 – Vernunft und das Andere der Vernunft, Freiburg/München 2001. Gloy zeigt hier auf, wie der abendländische Logozentrismus mit seinem ‘Programm’ der Vernunfteinheit sich seit dem Anbeginn der abendländischen Philosophie und Geistesgeschichte begründet hat durch den Ausschluss u.a. von Übersinnlichem, Sinnlichem, Triebhaftem und Natürlichem, und wie er im klassifikatorischen Wissenschaftssystem kulminierte. Erst durch die sog. ‘Postmoderne’ wurde das Konzept der Vernunfteinheit ersetzt zugunsten einer Pluralität von Vernunfttypen. Gloy untersucht in dieser Arbeit diverse Denkmodi und zeigt auf, wie diese entsprechend zu differenten Weltauffassungen bzw. Welterklärungsparadigmata92 führen (klassifikatorische (mathematisch-naturwissenschaftliche) Denkform, sumerische Listenwissenschaft, dialektisches sowie analogisches Denken). – Das Analogiedenken. Vorstöße in ein neues Gebiet der Rationalitätstheorie. Freiburg/München 2000 (gemeinsam mit Manuel Bachmann). Mit der Frage einer angemessenen Vernunftkonzeption in direktem Zusammenhang steht das Problem des Bewusstseins und Selbstbewusstseins. Dem widmet sich Gloy in der Arbeit: – Bewusstseinstheorien. Zur Problematik und Problemgeschichte des Bewusstseins und Selbstbewusstseins, Freiburg/München 3. Aufl. 2004 (Der Kern dieses Werkes geht zurück bis in Gloys Zeit der Arbeit an ihrer Habilitationsschrift und als außerordentliche Professorin an der Universität Heidelberg). 92 Paradigma: hier im Sinne von Denkweise, die die (wissenschaftliche) Weltsicht einer Zeit prägt und bestimmt. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 126 Eine weitere Auseinandersetzung mit dem Bewusstseinsproblem stellt dar: – Kollektives und individuelles Bewußtsein, Paderborn/München 2009. Mit Genealogie93 und Typologie der Wissensformen befasst sich: – Von der Weisheit zur Wissenschaft, Freiburg/München 2007. Dieses Buch handelt zwar nur in indirekter Form vom Thema Vernunft bzw. Rationalität, es ist aber gleichwohl nicht nur für dieses Thema einschlägig, sondern auch für unser Thema ‘Glauben und Wissen’, insofern es als Wissensformen ‘reetabliert’, was in unserer tendenziell ‘wissenschaftsgläubigen’ Zeit und Gesellschaft (s. Adiectamentum V) nicht als Wissen angesehen wird, ja geradezu in Opposition zu diesem verstanden wird. Dabei ist unsere sog. ‘Wissensgesellschaft’ ja wohl doch eher eine Gesellschaft des unqualifizierten Meinens, die zudem tendenziell ‘Wissen’ nicht von ‘Information’ zu unterscheiden vermag, beides fast regelhaft verwechselt, und das, was eigentlich Wissen ist, bloßer Information anähnelt, indem sie das, was genuin als Wissen zu verstehen ist, entpersonalisierend informationalisiert und vergleichgültigt – und unterscheidungsverlustig sich dann von sog. ‘Kompetenzen’ und (u.a. schulischem) ‘Kompetenzerwerb’ Rettung verspricht94! Die Verlagsanzeige des Buches, die mir überaus gut gelungen scheint, sei hier zitiert: „Jede Kultur und jede Epoche, insbesondere unsere auf kritische Selbstreflexion abgestellte, sieht sich in die Pflicht genommen, auf den ihr genuinen Wissensbegriff zu reflektieren, wenn sie nicht einfach wissenschaftsgläubig verfahren will. Eine Wissensdiagnose im Kulturen- und Epochenvergleich erscheint insbesondere an Bruchstellen angezeigt, an deren einer wir stehen, insofern unser Zeitalter von einem Wissenschaftszeitalter, das von der systematischen Darstellbarkeit des Gegebenen überzeugt war, zu einem Informationszeitalter übergeht, das an die Stelle des systematisch geordneten Wissens ein isoliertes, fragmentarisches, allenfalls lexikalisch oder enzyklopädisch gesammeltes Wissen setzt. In diesem Buch werden einerseits die historischen Wandlungen und Revolutionen des 93 Genealogie: Lehre vom Ursprung und Werden. 94 S. dazu Mugerauer, R.: Kompetenzen als Bildung? Die neuere Kompetenzenorientierung im Deutschen Schulwesen – eine skeptische Stellungnahme, Marburg 2012. IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 127 Wissens herausgearbeitet, andererseits wird versucht, phänomenologisch die sehr heterogenen Wissenstypen wie das instinktive, das emotional-situative und gestische, das praktische, das theoretisch-wissenschaftliche Wissen sowie paranormale oder transnormale Wissensarten wie Traum, Weissagung, Hellsehen, Telepathie in einen morphologischen Raster zu bringen, der eine Übersicht und Ordnung gestattet.“ Gegen den okzidentalen Logozentrismus wendet sich Gloy u.a. auch mit ihrem Werk: – Wahrnehmungswelten, Freiburg/München 2011. In diesem Werk geht es zwar, wie der Titel schon indiziert, um Wahrnehmung, doch wird aufgezeigt, dass das Wahrnehmungsverständnis im Westen bis in unsere Gegenwart hinein dominiert wird von der Auffassung Descartes’, in der Wahrnehmung im Rahmen seines Rationalismus ihres Reichtums beraubt wird und Modi der Begegnung, die in und zusammen mit der Wahrnehmung sich ereignen, systematisch ausgeklammert werden und so unberücksichtigt bleiben (praktische, ästhetische religiöse). Gloy versucht die Defizienz tradierter und ‘eingehockter’ Vorstellungsgewohnheiten und Wahrnehmungsweisen aufzuzeigen, indem sie exemplarisch die Differenz von Wahrnehmungswelten anschaulich macht (Tlingit-Keulen in Alaska, Farbenlehre Goethes, Wahrnehmung im ‘Cyberspace’). Mit dem Vernunftproblem zu tun hat es auch das neueste mir derzeit bekannte Werk von Gloy, das die Frage nach der Wirklichkeit der Wirklichkeit stellt bzw. danach, wie wirklich diese denn sei. In dieser Arbeit macht die Autorin u.a. ihre Feldforschungen in Westbhutan fruchtbar. Sie setzt sich aber angesichts der Pluralität der Weltbilder auch mit der Möglichkeit interkultureller Kommunikation auseinander, wobei sie auch die Sapir-Whorf-Hypothese95 berücksichtigt: – Was ist die Wirklichkeit?, Paderborn 2015. Zur Orientierung sei zu diesem Werk ebenfalls die Verlagsanzeige zitiert, weil sie den Inhalt sehr gut zusammenfasst. Vorweg sei angemerkt, dass sich die Denkerin und Forscherin auch hier implizit (und 95 Die sog. ‘Sapir-Whorf-Hypothese’ besagt, dass das Denken durch die Sprache geformt wird, was wiederum die Weise der Welt- und Wirklichkeitserfahrung der jeweiligen Sprachgemeinschaft bestimmt. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 128 teils recht explizit) wendet gegen den abendländisch-westlichen ‘Logozentrismus’, den sie als reduktionistisch aufweist: „Seitdem die Menschheit reflektiert, macht sie sich Gedanken darüber, ob Wach- und Traumbewusstsein identisch oder verschieden seien. Während Mystiker unser gesamtes Leben für einen Traum halten, Kinder ihre Phantasien für die Realität nehmen, archaische und traditionelle Völker an die Verwirklichung ihrer Träume und die Wirkungsmächtigkeit ihrer Einbildungen in Heilungsséancen glauben, hält der moderne westliche, rational aufgeklärte und durch die kritische Vernunft entmythologisierte Mensch Träume für Schäume und nur sein wissenschaftlich interpretiertes Weltbild für wahr und real, ein Weltbild, das bei genauerem Zusehen ein reduktionistisches Konstrukt darstellt. Alle Beweise für eine Differenz von Wach- und Traumzustand, seien es solche, die sich auf die Gesetzmä- ßigkeit der Realität berufen oder auf deren Anschaulichkeit, Leibhaftigkeit oder Affektivität, erweisen sich als unhaltbar. Wach- und Traumbewusstsein sind wie auch verschiedene kulturspezifische Weltbilder je verschiedene Auslegungen eines unverfügbaren sublinguistischen und subrationalen Hintergrundes. Jede Kultur interpretiert diesen in einer für sie typischen Weise und deutet ihn zu ihrer Realität um, welche aber letztlich nur konstruktivistisch zu erklären ist.“96 Ergänzend sei erwähnt, dass Gloy sich noch mit einer Reihe anderer Themen (z.B. Einheit und Mannigfaltigkeit, Geschichte des wissenschaftlichen sowie des ganzheitlichen Denkens, Zeit, Kunst, Wahrheit, Demokratietheorie, Dialog zwischen West und Ost, Grundlagen der Philosophie der Gegenwart, Theorien der Gerechtigkeit, philosophische Daseinsdeutungen) intensiv befasst hat. Einen der weiteren Schwerpunkte des Denkens und Arbeitens der Physikerin und naturphilosophischen Schülerin Carl Friedrich von Weizsäckers (und u.a. Hans-Georg Gadamers, Karl Löwiths, Dieter Henrichs, Ernst Tugendhats und Michael Theunissens – die auf ihr Forschen, Arbeiten und Denken einflussreichsten ihrer prominenten Lehrer waren m.E. Dieter Henrich und – eben – C.F. von Weizsäcker) bildet das naturwissenschaftliche und naturphilosophische Verständnis der 96 ‘Konstruktivismus’: In der Regel ist damit in philosophischer Hinsicht gemeint, dass die Gegenstände des Erkennens von den Erkennenden im Erkenntnisprozess und durch diesen selbst konstruiert werden. Es gibt verschiedene Formen bzw. Richtungen der konstruktivistischen Position, die verschieden ‘radikal’ sind (radikal: ‘an die Wurzel gehend’ (hier: der Erkenntnismöglichkeit der objektiven Realität)). IV.1 Vernunft, Verstand, Rationalität 129 Natur. Diesem hat sie sich in verschiedenen ihrer Arbeiten gewidmet, ausführlich zuerst in ihrer glänzenden Dissertation: Die Kantische Theorie der Naturwissenschaft. Eine Strukturanalyse ihrer Möglichkeit, ihres Umfangs und ihrer Grenzen, Berlin 1976. Sichtet man ihr Werk, so zeigt sich ein durchgängiger innerer Sachzusammenhang des Denkens und Forschens dieser (be-)achtenswerten Philosophin. Etwas zu vage, aber dafür kurz gesprochen, lässt er sich kennzeichnen in Anlehnung an den Titel ihrer Habilitationsschrift: Es geht ihr um den Zusammenhang von Einheit und Mannigfaltigkeit97 bzw., etwas anders akzentuiert und (noch) problematischer ausgedrückt, um die Auffindung einer verbindenden Einheit (oder gar Ganzheit?) der teils so heterogenen Vielheit dessen, was uns als Wirklichkeit erscheint, sowie um deren Erkennbarkeit. Glaube und Vernunft bzw. Denken Glaube ist in unserem Zusammenhang nicht im alltagssprachgebräuchlichen Sinn zu verstehen, sondern im hiervon zu unterscheidenden religiösen, näherhin christlichen Sinn. Glaube lässt sich biblisch-neutestamentlich und gemäß der klassischen theologischen Glaubensanalyse grundsätzlich in zwiefacher Weise bestimmen: Einerseits als existenziell sich einlassendes Vertrauen und wagende, ja verwegene Zuversicht (Glaubensakt). Es geht hier um eine letzte, un- überbietbare Entscheidung und Entschließung des Menschen in seiner ganzen Existenz zu Gott als seinem Existenzgrund. In der Tradition der altlutherischen Orthodoxie gesprochen ist dies die fides subjectiva sive qua creditur (sive) specialis, also der individuelle, persönliche Glaube, der Glaube des Einzelnen als Glaubensvollzug. Andererseits ist der Glaube zu bestimmen als Einsicht und als Fürwahrhalten eines bestimmten Glaubensinhaltes (‘Dassglaube’, ‘Fürwahrhalteglauben’) In Anlehnung an die altlutherische Orthodoxie: die IV.2 97 Der Titel ihrer Habilitationsschrift lautet: Einheit und Mannigfaltigkeit. Eine Strukturanalyse des "und". Systematische Untersuchungen zum Einheits- und Mannigfaltigkeitsbegriff bei Platon, Fichte, Hegel sowie in der Moderne. (Berlin 1981, reprinted 2011). IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 130 fides objectiva sive quae creditur (sive) generalis, mithin der auf die Sache bezogene Glaube oder der Glaube, der geglaubt wird, oder der allgemeine Glaube. Gemeint ist hier also der Glaube inhaltlich verstanden im Sinne dessen, was geglaubt wird. In der Themenstellung „Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?“ geht es also um den zuletzt genannten Aspekt des Glaubens, nämlich um die Glaubensinhalte und den Grund ihrer Gültigkeit. Die Frage nach dem Grund der Gültigkeit spezifischer Glaubensannahmen verweist wiederum auf das philosophische (und philosophisch-theologische) Problem der Rechtfertigung (wohingegen Rechtfertigung im religiös-theologischen Sinne das Problem der Rechtfertigung des Sünders vor Gott bezeichnet). Maßstab der Gültigkeit und Kriterium einer gelingenden Rechtfertigung von Glaubensannahmen jedweder Religion ist, wie im einführenden Essay skizziert, aus christlich-theologischer Sicht der unüberholbar gültige und verbindliche Zu- und Anspruch Gottes, der in Jesus Christus als Evangelium gegenübertritt, mithin dass die Glaubensannahmen jedweder Provenienz dem sich als Evangelium offenbarenden Gott und seinem universalen Heils- und Liebeswillen nicht widersprechen, sondern diesem gemäß sind. Dies bedeutet für die anderen Religionen jedoch nicht, dass sie Jesus als den Christus anerkennen müssen, und auch nicht, dass die Gottesoffenbarung in Jesus als dem Christus für sie fundierend zu sein hat. Doch zurück zu den beiden unterschiedenen Aspekten des Glaubens: Der ‘Fürwahrhalteglauben’ kann zum kurial dominierten ‘Autoritätsglauben’, nämlich zum (heteronomen statt ‘theonomen’) Glauben auf die (bloße) Autorität der (einzig ‘rechtgläubigen’) Kirche bzw. des kirchlich(-päpstlich)en Lehramtes hin werden. Dies ist zu Ungunsten des (persönlich-individuellen) Vertrauens- bzw. Zuversichtsglaubens vor allem in der mittelalterlichen Theologie oftmals geschehen und wurde theologisch-kirchlich (scheinbar) gerechtfertigt – bis in die neuere (allerdings nicht jüngste (s. e.g. Joseph Ratzinger bzw. Benedikt XVI.)!) römisch-‘katholische’ Zeit hinein. Solchermaßen kann es zur ‘Degeneration’ des Glaubens kommen bis hin zum Obskurantismus. IV.2 Glaube und Vernunft bzw. Denken 131 Besonders die Reformatoren, in Sonderheit Luther und die lutherischen Theologen, sind es gewesen, die die Vorrangstellung des Glaubens als Vertrauen und Zuversicht (fiducia) wieder besonders betont haben – bei allem bleibenden Recht des ‘Dassglaubens’. Dieser darf als solcher aber niemals ein Glaube auf die bloße Autorität der Kirche hin sein bzw. werden, sondern hat sich um äußerste Klarheit und vernünftige Durchdringung des Geglaubten zu bemühen. Der Glaube als solcher ist dabei nicht unvernünftig, nicht contra rationem, sondern ‘übervernünftig’ (supra rationem). Der sog. ‘Pietismus’ drohte dann die fides qua überzuakzentuieren zu Ungunsten der fides quae (bes. Francke und Zinzendorf), während der ‘Vernunftglauben’ der Aufklärung die fides quae gleichsam ‘von der anderen Seite her’ restringierte am Maßstab dessen, was aufklärerisch unter ‘Vernunft’ verstanden wurde (zum Vernunftbegriff und seiner historischen Entwicklung s. Adiectamentum I). In der neu- und kulturprotestantischen Theologie bleibt auf ’s Ganze gesehen ein enger Konnex von Glauben und Denken gewahrt – Hegel etwa bestreitet wirkmächtig eine Opposition von Glaube und Vernunft in seiner philosophisch-systematischen Theologie und durch dieselbe, ja versucht sogar deren Identität in seinem philosophischen System der absoluten Vernunft bzw. der absoluten Idee spekulativ zu erweisen. Damit hat er den entschiedenen ‘existentiellen’ Widerspruch Kierkegaards provoziert. Dennoch kommt es aber in derjenigen Theologie, die im Einzugsbzw. Auswirkungsbereich der Romantik steht, dann teilweise wiederum zu einer gefühls- und innerlichkeitsbetonten Überakzentuierung des Glaubens als fides qua creditur bzw. als fides specialis, besonders deutlich bei Friedrich Daniel E. Schleiermacher (Frömmigkeit als ‘Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit’). Auch die sog. ‘Dialektische Theologie’ des 20. Jahrhunderts betont, hier in vielfacher Anknüpfung an Kierkegaards existenzielles Denken, die Eigenart des Glaubens als Skandalon98 (besonders der frühe Karl Barth) und akzentuiert die fides qua, d.h. den Glauben als Vertrauensakt, wenngleich er stets auch fides quae ist. 98 Von gr. σκάνδαλον: Anstoß, Ärgernis. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 132 Mit haltlos-unbegründetem Schwärmertum, mit illusionistischem Wunschdenken und Aber- bzw. Köhlerglauben hat, wie u.a. Rudolf Bultmann und sein Schülerkreis expliziert haben, solch ein Glaube aber nichts zu tun. Denn dieser Glaube inkludiert sorglich-redliche sowie wirklichkeits-aufmerksame Benutzung des Denkens bzw. des Vernunftvermögens und gerade nicht den Opfergang der Vernunft, d.h. kein sacrificium intellectus. Er ist daher begründeter und bedachter Glaube, der rechenschaftswillig und -fähig ist. Glaube beinhaltet, recht verstanden, auch Denken; er begreift, wie u.a. Wolfhart Pannenberg besonders betont hat, Denken in sich ein. Er ist daher nie ein Glauben des Unglaubhaften, nie ‘blinder’, keiner Rechenschaft fähiger und grundloser Glaube, der die gottgeschaffene menschliche Vernunft mit ihrem Denken außer Funktion setzt, so sehr der Glaube vor allem Wagnis- und Vertrauenscharakter hat – und dabei zugleich Geschenkcharakter. Hier gilt, was Kant gesagt hat: „[…] eine Religion, die der Vernunft unbedenklich den Krieg ankündigt, wird es auf die Dauer gegen sie nicht aushalten […].“99 Glaube entmenscht den Menschen nicht, indem diesem der Opfergang der ihm von Gott anerschaffenen Vernunft auferlegt würde. Es wäre dies eine ‘Entmenschung’, die in widersinniger Weise geschähe gerade durch die, theologisch gesprochen, ‘Menschwerdung Gottes’ bzw. als Folge des Sichtbar bzw. Offenbarwerdens des Heilswillens Gottes für den Menschen in Jesus Christus als personaler Begegnung von Mensch zu Mensch. Seinem Grunde nach ist der Glaube nach protestantischem und neutestamentlich-paulinischem Verständnis kein ‘Werk’ des Menschen und seiner Vernunft, sondern ein dem Menschen unverfügbares ‘Werk’ Gottes (so z.B. dezidiert Luther in der Vorrede seiner Auslegung zum Römerbrief des Paulus (WA DB 7,6,2 f.). 99 Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. DB Sonderband: Kant: Werke, S. 3103 (vgl. Kant-W Bd. 8, S. 657) http://www.digitalebibliothek.de/Kant.htm. IV.2 Glaube und Vernunft bzw. Denken 133 Was ist ‘Wahrheit’? – Ein Artikel für eine Schülerzeitschrift von 1999 Nachfolgend der kleine Artikel Was ist ‘Wahrheit’? mit zugehörigem Anhang (Kleines orientierendes Glossar), der von mir auf Anfrage von Schülern und Schülerinnen der Oberstufe, näherhin von den Herausgeber_inne_n der Schülerzeitschrift des Staufergymnasiums in Waiblingen, kurz vor der Jahrtausendwende verfasst wurde. Auf eine Überarbeitung wurde hier bewusst verzichtet.100 Was ist ‘Wahrheit’? Gefragt, was ‘Wahrheit’ ist, scheint einem als evangelischer Theologe eine Antwort relativ leicht zu fallen. Als Philosoph hingegen ist es für mich äußerst schwer, ‘Wahrheit’ allgemeinverständlich auch nur umrisshaft zu bestimmen. Dennoch versuche ich es hier, indem ich von den inhaltlichen Untiefen des philosophischen Wahrheitsbegriffes zunächst einmal absehe, um vom christlich-theologischen Wahrheitsverständnis und dem damit verbundenen (missverständlichen, auch oft missbrauchten und daher eigentlich umfassend erläuterungsbedürftigen) ‘Absolutheitsanspruch des Christentums’ her in Abgrenzung dazu die Problematik des Wahrheitsbegriffes in der Philosophie wenigstens anzudeuten. Den Ausdruck ‘Absolutheitsanspruch des Christentums’ verwende ich trotz seiner Missverständlichkeit um der hier gebotenen Kürze willen. Da er missverständlich und leicht irreführend ist und zudem auch oft missbraucht wurde (siehe nachfolgend!), wäre eigentlich jeder seiner Bestandteile (‘Absolutheit’, ‘Anspruch’, ‘Christentum’) angemessen IV.3 100 Der Zweck bzw. der ‘kommunikative Realkontext’ dieses Artikels ist bei der Lektüre im Hinblick auf Inhalt, Ausführlichkeit, Komplexität und Differenziertheit selbstverständlich durchweg in Rechnung zu stellen. – An dieser Stelle nochmals ein herzlicher Dank an die (nun auf ihrem Lebensweg deutlich fortgeschrittenen (‘Mitten im Leben!’ ;-)) ) Herausgeber_innen, dass sie zu meinem Abschied vom Staufergymnasium im Jahr 2001 eine Ausgabe ihrer Zeitschrift einem Wiederabdruck der von mir für die Schülerzeitschrift und die Abiturzeitschriften verfassten Artikel gewidmet haben. Ich denke gerne an sie und an diese Zeit eines ‘schulischen Resonanzraumes’, meine dortige Lehrtätigkeit und meine Zeit als Verbindungslehrer zurück! IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 134 und präzise zu bestimmen. Für die Möglichkeit eines fruchtbares Dialoges von Vertretern und Vertreterinnen des Christentums mit anderen Religionen und deren Ansprüchen ist dies sogar unverzichtbar! An dieser Stelle sei nur darauf hingewiesen, dass er jedenfalls so zu verstehen bzw. zu interpretieren ist, dass mit ‘Christentum’ hier nicht etwa eine bestimmte Gestalt der Kirche gemeint sein kann, sondern die Selbsterschließung Gottes durch seine Offenbarung in dem Inhalt, den er ihr in der Gestalt Jesu als des Christus gegeben hat. Dieser Inhalt als letztgültiger könnte sich in anderen Manifestationen als in der Person Jesu Christi auch noch vor, während und nach Jesus Christus als Selbsterschließung Gottes finden, und zwar, dies sei betont, auch in anderen Religionen als dem Christentum. Es geht also um die Letztgültigkeit (nicht zeitliche Letzt- und Einzigkeit) des Inhaltes der christlichen Offenbarung! Aber zurück zur Wahrheitsfrage: Was meint ‘Wahrheit’ im Christentum? Dies lässt sich vereinfacht so umschreiben: In Jesus von Nazareth, dem ‘menschgewordenen Sohn Gottes’, begegnet der Christus, durch den Gott sich in endgültiger und für die Menschen aller Zeiten maßgeblicher Form offenbart. Jesus Christus vermittelt die Wahrheit, ja ist selbst ‘die Wahrheit in Person’. ‘Sachwalterin’ dieses ‘absoluten’ (besser: letztgültigen) Offenbarungsanspruches auf Erden ist (bzw. sollte sein) nach Jesu Tod und Auferstehung die (wie auch immer näher zu bestimmende) Kirche als die Gemeinschaft der Nachfolgenden. Während ein christlich glaubender Mensch sich in der glücklichen Lage glaubt, ‘die Wahrheit’ in der Person Jesus Christus jedenfalls ihrem Wesensgehalt nach (wie fragmentarisch und verdunkelt auch immer) bereits zu kennen und erkannt zu haben, stellt sich die Sachlage für einen Philosophen gänzlich anders dar: Er findet, sichtet er die Philosophiegeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, vielfältige und kontroverse Ansichten über das, was ‘Wahrheit’ sei und wie der Begriff ‘Wahrheit’ überhaupt bestimmt werden könne. Diese Ansichten lassen sich in verschiedene Klassen von Wahrheitstheorien ordnen. Je nach Klassifikation kommt man zu unterschiedlichen Einteilungen in Typen von Wahrheitstheorien. Einen Typus stellen z.B. die Korrespondenztheorien der Wahrheit dar, die in der Philosophiegeschichte am verbreitetsten sind. IV.3 Was ist ‘Wahrheit’? – Ein Artikel für eine Schülerzeitschrift von 1999 135 Ein anderer Typus umfasst die Kohärenztheorien der Wahrheit. Weitere Typen sind logisch, sprachwissenschaftlich (semantisch) oder pragmatisch geprägte Fassungen des Wahrheitsbegriffes. Wahrheit lässt sich aber auch konsenstheoretisch verstehen. Davon kann man z.B. noch die Evidenztheorien sowie die Redundanztheorien der Wahrheit unterscheiden. Alle diese Theorien führen zu unüberwindlich scheinenden Schwierigkeiten, so dass sich – jedenfalls bis heute – keine Wahrheitstheorie findet, die all den Anforderungen, die die Philosophie an sie stellen muss, genügt. Beschäftigt man sich unter philosophischem Aspekt mit der Wahrheit, bekommt man es neben den verschiedenen Wahrheitstheorien zudem u.a. zugleich und ineins mit dem Problem der Wahrheitsbedingungen und der Wahrheitskriterien zu tun. Hier stellt sich z.B. die Frage, ob es überhaupt ein allgemeines Wahrheitskriterium (oder ein ‘Set’ von Wahrheitskritierien) gibt und geben kann, das es generell erlaubt, wahre von falschen Aussagen zu unterscheiden. Während Christen/Theologen die Wahrheit oder jedenfalls den ‘Wesensgehalt’ der Wahrheit (sogenannter ‘eschatologischer Vorbehalt’: die volle Wahrheit wird auch dem Gläubigen erst am Ende der (Heils-)Geschichte, im Eschaton, offenbar) zu erkennen glauben, sehen Philosophen viele ungelöste Probleme im Zusammenhang mit der Wahrheitsfrage. Dennoch vermögen christliche Theologie und Philosophie einander konstruktiv-kritisches Korrektiv zu sein: Wirft man einen Blick in die Historie, so fällt auf, dass der Wahrheitsanspruch des Christentums oft fatale Folgen nach sich gezogen hat: So beispielsweise die gnadenlose Aggressivität mancher Bekehrungsversuche der ‘Heiden’-’Mission’ oder die Intoleranz gegenüber Menschen mit abweichenden Auffassungen und (scheinbar) unangepasstem Verhalten (etwa ‘Ketzer’ und ‘Hexen’). Der Anspruch des Christentums auf ‘absolute’ Wahrheit verband sich allzu leicht mit kirchlichen (und staatlichen) Herrschaftsinteressen und führte zu körperlicher, seelischer und struktureller Gewaltausübung. Philosophie vermag einen wesentlichen Beitrag zu leisten beim Bewussthalten der eigenen Beschränktheit und Unzulänglichkeit in Sachen ‘Wahrheit’. Unter Beachtung dieses Beitrags könnte für Christen IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 136 und die christliche Theologie ein größeres Maß an Offenheit und Toleranz resultieren. Vorbild einer solchen Offenheit ist auf philosophischer Seite z.B. der stets suchende und fragende Sokrates: Ihn kennzeichnet die Haltung, dass er sein Gegenüber ernst nimmt, sich auf es einlässt, auf dessen Sicht der Welt, dessen Meinungen und Erfahrungen – aus dem Bewusstsein heraus, dass überall, auch wenn es noch so unwahrscheinlich erscheint, ein ‘Wahrheitskorn’ verborgen sein könnte, und dass er selbst – entgegen der eigenen Überzeugung – im Irrtum sein könnte. Umgekehrt können Philosophen von der christlichen Theologie lernen, dass eine auf der Basis von fundiertem Vertrauen vorläufige Annahme und Beanspruchung von Wahrheit als offenbarem Liebeswillen Gottes auf neue Weise frei und handlungsfähig machen kann für die Förderung der Menschenrechte und für die aktiv gestaltende Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben aller in Gerechtigkeit und Frieden. Roland Mugerauer Kleines orientierendes Glossar Korrespondenztheorien der Wahrheit: Ihre allgemeinste Fassung lautet: ‘Wahrheit besteht in der Übereinstimmung der Sache mit dem (sie erkennenden) Verstand’ (‘veritas est adaequatio rei et intellectus’). Diese Theorien behaupten, Wahrheit bestehe in einer Korrespondenz (Übereinstimmung) zwischen einem geistigen oder sprachlichen ‘Gegenstand’ – etwa einer Vorstellung, einem Satz oder einem Urteil – einerseits und der Wirklichkeit bzw. einem Teil der Wirklichkeit andererseits. Sie setzen voraus, dass es eine ‘objektive’ und ‘selbstständige’ Wirklichkeit gibt, die zudem unabhängig von der Sprache ist. Kohärenztheorien der Wahrheit: Dies sind im Kern Theorien, nach denen die Wahrheit einer Aussage von dem inneren Zusammenhang (Kohärenz) des Systems von Aussagen abhängt, von denen die fragliche (wahre?) Aussage ein Bestandteil ist. logische Theorien der Wahrheit: Nach diesen Theorien meint Wahrheit im Sinne der traditionellen klassischen Logik, dass ein IV.3 Was ist ‘Wahrheit’? – Ein Artikel für eine Schülerzeitschrift von 1999 137 Urteil einen Sachverhalt dann trifft (‘wahr’ ist), wenn es zwei Begriffe (Subjekt und Prädikat) richtig verbindet. semantische Theorien der Wahrheit: Bei diesen Theorien der Wahrheit stehen die sprachlichen Zeichen im Zentrum. Betrachtet werden die verschiedenen Beziehungen zwischen sprachlichen Zeichen und Bezeichnetem. Diese Wahrheitstheorien lassen sich als Sonderformen der Korrespondenztheorien der Wahrheit (s.o.) verstehen. pragmatische Theorien der Wahrheit: Man kann sie auch als Bewährungstheorien der Wahrheit bezeichnen. Entscheidendes Wahrheitskriterium ist die Nützlichkeit. Konsenstheorien der Wahrheit: Wahrheitskriterium ist die Übereinstimmung (Konsens) der Überzeugungen von Menschen. In der Fassung der zeitgenössischen Philosophen J. Habermas und K.-O. Apel heisst dies z.B.: Wahrheit ist die über einen herrschaftsfreien Diskurs erzielte Übereinstimmung der vernünftig Forschenden hinsichtlich einer Sache bzw. hinsichtlich eines sachlichen Zusammenhanges unter der einschränkenden Bedingung, dass alle vernünftigen Subjekte in einem solchen herrschaftsfreien Diskurs zustimmen könnten. Evidenztheorien der Wahrheit: Eine Aussage ist demnach wahr, wenn sie für den Intellekt unmittelbar einleuchtend (evident) ist, z.B. die mathematische Aussage: „2 plus 2 macht 4.“ Redundanztheorien der Wahrheit: Die Begriffe ‘wahr’ und ‘falsch’ sind insofern überflüssig (redundant), als sie Wirklichkeit nicht darstellen oder abbilden. Der Ausdruck ‘wahr’ ist also überflüssig für die Bedeutung des Satzes, in dem er vorkommt. ‘Wahr’ drückt keine Eigenschaft aus, sondern ist ein performatives (vollziehendes) Wort, das eine vorangegangene Aussage bloß bekräftigt. Sagt man, eine bestimmte Aussage sei wahr, so bedeutet dies im Grunde dasselbe, wie wenn man diese Aussage selbst behauptet: Die Aussage: „Es ist wahr, dass es schneit.“ z.B. bedeutet dasselbe wie: „Es schneit.“. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 138 Gottesoffenbarung auch in anderen Religionen (außerhalb Jesu Christi) oder Exklusivität der Selbsterschließung Gottes in Jesus Christus? Gibt es aus christlich-theologischer Sicht auch in anderen Religionen gültige Gottesoffenbarung bzw. kann es sie geben? Oder muss der Christ bzw. die Christin dies angesichts seines bzw. ihres Glaubens an die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus verneinen, sei es als Wirklichkeit oder sei es (nur) als Möglichkeit? Um sich einer Antwort auf diese Frage anzunähern ist es sinnvoll, zunächst einmal das Verhältnis zwischen allgemeiner Gottesoffenbarung (revelatio generalis) und besonderer Gottesoffenbarung (revelatio specialis)101, nämlich in und durch Jesus Christus, zu betrachten, wie es sich biblisch-neutestamentlich darstellt: Nach dem neutestamentlichen Befund ist andere Gottesoffenbarung nicht nur möglich, sondern auch wirklich, wenngleich, wie sich sogleich zeigt, in zwiespältiger Weise: So schreibt Paulus in Römer 1,18ff.: „18 Denn Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten. 19 Denn was man von Gott weiß, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart, 20 damit daß Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also daß sie keine Entschuldigung haben, 21 dieweil sie wußten, daß ein Gott ist, und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch ihm gedankt, sondern sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. 22 Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden 23 und haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.“102 IV.4 101 Die Unterscheidung von revelatio generalis und revelatio specialis ist terminologisch auf die altprotestantisch-orthodoxe Theologie zurückzuführen. Diese Distinktion wurde dort etwas anders verstanden als sie in unserem Kontext verwendet wird. 102 Schrift, Heilige. DIE LUTHER BIBEL: Das Alte Testament und Das Neue Testament Nach der Übersetzung Martin Luthers [Illustriert] (Die Bibel | Die Luther Bibel | Das Alte … Schrift | Ebook EBibel 1) (German Edition) (Kindle-Positionen 30609–30615). Bibel Kindle. Kindle-Version. IV.4 Gottesoffenbarung auch in anderen Religionen? 139 In Röm 2,14f. heißt es: „14 Denn so die Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun des Gesetzes Werk, sind dieselben, dieweil sie das Gesetz nicht haben, sich selbst ein Gesetz, 15 als die da beweisen, des Gesetzes Werk sei geschrieben in ihren Herzen, sintemal ihr Gewissen ihnen zeugt, dazu auch die Gedanken, die sich untereinander verklagen oder entschuldigen […].“103 Paulus vertritt hier also nicht nur die Möglichkeit anderer Gottesoffenbarungen (etwa in anderen Personen außer Jesus Christus), sondern sogar die Wirklichkeit solcher Offenbarung und zwar obendrein als allgemeine (und permanente) Offenbarung Gottes für alle Menschen, nämlich durch die Werke seiner Schöpfung, von Anbeginn an. Aus seiner Schöpfung ist Gott für die Menschen wesentlich erkennbar, und zwar sogar im Blick auf sein Gebot. Entsprechend lässt der Verfasser der Apostelgeschichte Paulus, als Barnabas und er nach einer Krankenheilung zu Lystra zu Gottheiten erklärt werden und ihnen Opfer dargebracht werden sollen, dies heftig und entschieden abwehren und Paulus u.a. sagen: „16 [Gott,] der in den vergangenen Zeiten hat lassen alle Heiden wandeln ihre eigenen Wege; 17 und doch hat er sich selbst nicht unbezeugt gelassen, hat uns viel Gutes getan und vom Himmel Regen und fruchtbare Ich gebe hier und in den folgenden Anmerkungen für Theologiestudierende, Lehrende der evangelischen oder katholischen Religion sowie sonstige Leser und Leserinnen, die des Altgriechischen mächtig sind, die zentralen Textstellen zur Überprüfung auch im Originaltext: 18 Ἀποκαλύπτεται γὰρ ὀργὴ θεοῦ ἀπ’ οὐρανοῦ ἐπὶ πᾶσαν ἀσέβειαν καὶ ἀδικίᾱν ἀνθρώπων τῶν τὴν ἀλήθειαν ἐν ἀδικίᾳ κατεχόντων, 19 διότι τὸ γνωστὸν τοῦ θεοῦ φανερόν ἐστιν ἐν αὐτοῖς· ὁ θεὸς γὰρ αὐτοῖς ἐφανέρωσεν. 20 τὰ γὰρ ἀόρατα αὐτοῦ ἀπὸ κτίσεως κόσμου τοῖς ποιήμασιν νοούμενα καθορᾶται, ἥ τε ἀΐδιος αὐτοῦ δύναμις καὶ θειότης, εἰς τὸ εἶναι αὐτοὺς ἀναπολογήτους· 21 διότι γνόντες τὸν θεὸν οὐχ ὡς θεὸν ἐδόξασαν ἢ ηὐχαρίστησαν, ἀλλ’ ἐματαιώθησαν ἐν τοῖς διαλογισμοῖς αὐτῶν καὶ ἐσκοτίσθη ἡ ἀσύνετος αὐτῶν καρδίᾱ. 22 φάσκοντες εἶναι σοφοὶ ἐμωράνθησαν, 23 καὶ ἤλλαξαν τὴν δόξαν τοῦ ἀφθάρτου θεοῦ ἐν ὁμοιώματι εἰκόνος φθαρτοῦ ἀνθρώπου καὶ πετεινῶν καὶ τετραπόδων καὶ ἑρπετῶν. 103 Ebenda: Kindle-Positionen 30638–30641. Bibel Kindle. Kindle-Version. „14 ὅταν γὰρ ἔθνη τὰ μὴ νόμον ἔχοντα φύσει τὰ τοῦ νόμου ποιῶσιν, οὗτοι νόμον μὴ ἔχοντες ἑαυτοῖς εἰσιν νόμος· 15 οἵτινες ἐνδείκνυνται τὸ ἔργον τοῦ νόμου γραπτὸν ἐν ταῖς καρδίαις αὐτῶν, συμμαρτυρούσης αὐτῶν τῆς συνειδήσεως καὶ μεταξὺ ἀλλήλων τῶν λογισμῶν κατηγορούντων ἢ καὶ ἀπολογουμένων, […].“ IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 140 Zeiten gegeben, unsere Herzen erfüllt mit Speise und Freude.“ (Act 14,16f.)104 Hier zeigt sich exemplarisch die Tendenz und Bereitschaft der Menschen, in Verkehrung das Geschaffene als Gottheit(en) zu verehren, es missverstehend zu vergötzen. Und Act 17,22–27 berichtet der Verfasser über Paulus: „22 Paulus aber stand mitten auf dem Gerichtsplatz und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, daß ihr in allen Stücken gar sehr die Götter fürchtet. 23 Ich bin herdurchgegangen und habe gesehen eure Gottesdienste und fand einen Altar, darauf war geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch denselben, dem ihr unwissend Gottesdienst tut. 24 Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der ein HERR ist Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln mit Händen gemacht; 25 sein wird auch nicht von Menschenhänden gepflegt, als der jemandes bedürfe, so er selber jedermann Leben und Odem allenthalben gibt. 26 Und er hat gemacht, daß von einem Blut aller Menschen Geschlechter auf dem ganzen Erdboden wohnen, und hat Ziel gesetzt und vorgesehen, wie lange und wie weit sie wohnen sollen; 27 daß sie den HERRN suchen sollten, ob sie doch ihn fühlen und finden möchten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns.“105 Allerdings wird diese Offenbarung, so wird aus dem Römerbrief sogleich deutlich, als solche nicht anerkannt und ernst genommen, vielmehr nicht beachtet und übergangen. Die Menschen setzen sich darüber hinweg, und das heißt: Die allgemeine Offenbarkeit Gottes 104 Ebenda: Kindle-Positionen 30058–30060. Bibel Kindle. Kindle-Version. 16 ὃς ἐν ταῖς παρῳχημέναις γενεαῖς εἴᾱσεν πάντα τὰ ἔθνη πορεύεσθαι ταῖς ὁδοῖς αὐτῶν· 17 καίτοι οὐκ ἀμάρτυρον αὑτὸν ἀφῆκεν ἀγαθουργῶν, οὐρανόθεν ὑ[ῡ]μῖν ὑετοὺς διδοὺς καὶ καιροὺς καρποφόρους, ἐμπιπλῶν τροφῆς καὶ εὐφροσύνης τὰ[ᾱ]ς καρδίᾱς ὑ[ῡ]μῶν. 105 Ebenda: Kindle-Positionen 30177–30184. Bibel Kindle. Kindle-Version. „22 Σταθεὶς δὲ [ὁ] Παῦλος ἐν μέσῳ τοῦ Ἀρείου Πάγου ἔφη, Ἄνδρες Ἀθηναῖοι, κατὰ πάντα ὡς δεισιδαιμονεστέρους ὑ[ῡ]μᾶς θεωρῶ· 23 διερχόμενος γὰρ καὶ ἀναθεωρῶν τὰ σεβάσματα ὑ[ῡ]μῶν εὗρον καὶ βωμὸν ἐν ᾧ ἐπεγέγραπτο, Ἀγνώστῳ θεῷ. ὃ οὖν ἀγνοοῦντες εὐσεβεῖτε, τοῦτο ἐγὼ καταγγέλλω ὑ[ῡ]μῖν. 24 ὁ θεὸς ὁ ποιήσᾱς τὸν κόσμον καὶ πάντα τὰ ἐν αὐτῷ, οὗτος οὐρανοῦ καὶ γῆς ὑπάρχων κύ[ῡ]ριος οὐκ ἐν χειροποιήτοις νᾱοῖς κατοικεῖ 25 οὐδὲ ὑπὸ χειρῶν ἀνθρωπίνων θεραπεύεται προσδεόμενός τινος, αὐτὸς διδοὺς πᾶσι ζωὴν καὶ πνοὴν καὶ τὰ πάντα· 26 ἐποίησέν τε ἐξ ἑνὸς πᾶν ἔθνος ἀνθρώπων κατοικεῖν ἐπὶ παντὸς προσώπου τῆς γῆς, ὁρίσᾱς προστεταγμένους καιροὺς καὶ τὰ[ᾱ]ς ὁροθεσίᾱς τῆς κατοικίᾱς αὐτῶν, 27 ζητεῖν τὸν θεὸν εἰ ἄρα γε ψηλαφήσειαν αὐτὸν καὶ εὕροιεν, καί γε οὐ μακρὰ[ᾱ]ν ἀπὸ ἑνὸς ἑκάστου ἡμῶν ὑπάρχοντα.“ IV.4 Gottesoffenbarung auch in anderen Religionen? 141 (revelatio universalis) in seinen Schöpfungswerken und durch diese gereicht bzw. wird ihnen nicht zum Heil. Damit diese tatsächlich heilswirklich werden kann, ist, so der neutestamentliche Befund, die besondere Selbsterschließung Gottes (revelatio specialis) in Jesus Christus geschehen. Denn ohne diese verkennt der Mensch in aller Regel die allgemeine Offenbarkeit Gottes und verkehrt sie. Es kommt so entweder zur Selbstüberhebung der Vernunft, die sich für weise hält, oder aber zu verkehrter Religiosität. Dem ist die im Blick darauf ‘skandalöse’ (gr. to skándalon: das Ärgernis, der Anstoß) wie törichte Heils-Predigt vom gekreuzigten Christus entgegenzustellen: „18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft. 19 Denn es steht geschrieben: "Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen." 20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht? 21 Denn dieweil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu machen die, so daran glauben. 22 Sintemal die Juden Zeichen fordern und die Griechen nach Weisheit fragen, 23 wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; […]“ (1. Kor 1,18–23)106 Diejenigen biblisch-neutestamentlichen Stellen, an denen eine gültige, ‘echte’ Gottesoffenbarung zugunsten einer Selbsteröffnung Gottes 106 Ebenda: Kindle-Positionen 31052–31058. Bibel Kindle. Kindle-Version. „18 Ὁ λόγος γὰρ ὁ τοῦ σταυροῦ τοῖς μὲν ἀπολλῡμένοις μωρίᾱ ἐστίν, τοῖς δὲ σῳζομένοις ἡμῖν δύναμις θεοῦ ἐστιν. 19 γέγραπται γάρ, Ἀπολῶ τὴν σοφίᾱν τῶν σοφῶν καὶ τὴν σύνεσιν τῶν συνετῶν ἀθετήσω. 20 ποῦ σοφός; ποῦ γραμματεύς; ποῦ συζητητὴς τοῦ αἰῶνος τούτου; οὐχὶ ἐμώρανεν ὁ θεὸς τὴν σοφίᾱν τοῦ κόσμου; 21 ἐπειδὴ γὰρ ἐν τῇ σοφίᾳ τοῦ θεοῦ οὐκ ἔγνω ὁ κόσμος διὰ τῆς σοφίᾱς τὸν θεόν, εὐδόκησεν ὁ θεὸς διὰ τῆς μωρίᾱς τοῦ κηρύγματος σῶσαι τοὺς πιστεύοντας. 22 ἐπειδὴ καὶ Ἰουδαῖοι σημεῖα αἰτοῦσιν καὶ Ἕλληνες σοφίᾱν ζητοῦσιν, 23 ἡμεῖς δὲ κηρύ[ῡ]σσομεν Χρῑστὸν ἐσταυρωμένον, Ἰουδαίοις μὲν σκάνδαλον ἔθνεσιν δὲ μωρίᾱν, […]“ S. auch 1. Kor 2,14par: „14 Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; […]“ Ebenda: Kindle-Positionen 31080–31081. Bibel Kindle. Kindle-Version. („14 ψῡχικὸς δὲ ἄνθρωπος οὐ δέχεται τὰ τοῦ πνεύματος τοῦ θεοῦ, μωρίᾱ γὰρ αὐτῷ ἐστιν, καὶ οὐ δύναται γνῶναι […]“) S. auch Phil 4,7par: 7 Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, […]“ Ebenda: Kindle-Positionen 32120–32121. Bibel Kindle. Kindle-Version. („7 καὶ ἡ εἰρήνη τοῦ θεοῦ ἡ ὑπερέχουσα πάντα νοῦν […]“) IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 142 exklusiv in und durch Jesus als dem Christus vertreten wird, sind zu verstehen von der Eröffnung der Möglichkeit des Ergreifens der Heilsmöglichkeit her. Die prominentesten Stellen finden sich diesbezüglich in den sog. johanneischen Schriften, v.a. die berühmten „Ich bin-Worte“ wie z.B.: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6)107 An diesen Stellen geht es um die Eröffnung des Heils und die Möglichkeit seines Erkennens und Ergreifens bzw. des Ergriffenwerdens durch es. Sie sind mithin soteriologisch108 zu verstehen. Im Blick auf die Eröffnung des Weges zum Heil gilt demnach: In Jesus als dem Christus hat sich Gott den Menschen, die ihn sonst trotz seiner wesenhaften Erkennbarkeit in und durch seine Schöpfungswerke regelhaft verkennen, zum Heil offenbart. Was aber bedeutet es, wenn von Jesus Christus als dem einzigen Weg zum Heil die Rede ist? Wird hier nicht allen anderen Religionen Heilsoffenbarung abgesprochen und, ineins damit, die Möglichkeit, (eigene) Wege zum Heil der Menschen zu sein? Für eine Klärung ist es hier nützlich, ja erforderlich, zwischen Inhalt und (Manifestations-)Form bzw. -Gestalt zu differenzieren: Wenn von Jesus Christus als dem einzigen Weg zum Heil die Rede ist (vgl. das ‘solus Christus’ Luthers), ist dies theologisch zu verstehen als die Letztverbindlichkeit bzw. Letztgültigkeit der Selbsterschließung Gottes durch seine Offenbarung in Jesus Christus als Manifestationsform dem Inhalt nach. Dem Inhalt nach hat sich Gott selbst in der Per- 107 „6 [λέγει αὐτῷ ὁ Ἰησοῦς,] Ἐγώ εἰμι ἡ ὁδὸς καὶ ἡ ἀλήθεια καὶ ἡ ζωή· οὐδεὶς ἔρχεται πρὸς τὸν πατέρα εἰ μὴ δι’ ἐμοῦ.“. S. zudem Joh 1,14 u. 18; 3,16 u. 18; I Joh 4,9; auch außerhalb der johanneischen Schriften finden sich vergleichbare Stellen: s. bes. Act 4,12; Mt 11,27par; Lk 10,22. Siehe aber auch bei Paulus (1. Kor 2,14par): „14 Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; […].“ Ebenda: Kindle-Positionen 31080–31081. Bibel Kindle. Kindle-Version. („14 ψῡχικὸς δὲ ἄνθρωπος οὐ δέχεται τὰ τοῦ πνεύματος τοῦ θεοῦ, μωρίᾱ γὰρ αὐτῷ ἐστιν, καὶ οὐ δύναται γνῶναι […]“) S. auch Phil 4,7par: „7 Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, […]“ Ebenda: Kindle-Positionen 32120–32121. Bibel Kindle. Kindle- Version.] („7 καὶ ἡ εἰρήνη τοῦ θεοῦ ἡ ὑπερέχουσα πάντα νοῦν […]“) 108 Soteriologisch: von gr. sotêr: Retter, Heiland; Soteriologie: die Lehre vom Heil bzw. der Errettung des Menschen. IV.4 Gottesoffenbarung auch in anderen Religionen? 143 son Jesu Christi in letztgültiger Weise offenbart. Letztgültigkeit meint aber nicht zeitliche Letztheit und Einzigkeit der Manifestationsform nach. Der Inhalt ist nach christlicher Auffassung unüberbietbar und normativ, Manifestationen des Heilswillens Gottes mag es jedoch auch noch andere, und zwar vor, während und nach Jesus Christus geben, eventuell sogar ‘gleichwertige’. Hier ist vor allem an die beiden anderen monotheistischen Offenbarungsreligionen zu denken. Denn gerade derjenige, auf den sie sich als ‘Stammvater’ allesamt berufen, wird als das Vorbild des rechten Glaubens neutestamentlich gepriesen, ja er ist geradezu „der Vater des (rechten) Glaubens“ (Röm 4,11 f.; s. auch Röm 4,9–25; Gal 3,6; Jak 2,23; vgl. Gen 15,6). Sein Glaube ist ihm, gerade auch gemäß dem neutestamentlichen Befund, durch Gott als Gerechtigkeit angerechnet worden (Röm 4,9–25; Gal 3,6; Jak 2,23; vgl. Gen 15,6), so dass er am Reich Gottes und Gottes Herrlichkeit Anteil hat (Mt 8,11; Lk 13,28; 16,22–31). Dass Gott sich Abraham in gültiger Weise offenbart hat, steht für die neutestamentlichen Autoren fest (s. bes. Lk 1,55; Act 7,1; vgl. Gen 15,1; 17,1 f.). Auch für die Autoren des Neuen Testamentes ist er eine zentrale Offenbarungsgestalt. Doch nach neutestamentlicher Überzeugung ist nicht nur Abraham bleibend gültige Gottesoffenbarung zuteil geworden. Entsprechend heißt es im Hebräerbrief (Hebr 1,1f.): „1 Nachdem vorzeiten Gott manchmal und mancherleiweise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, 2 hat er am letzten in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, welchen er gesetzt hat zum Erben über alles, durch welchen er auch die Welt gemacht hat; […]“109 Zu denjenigen, denen Offenbarung zuteil geworden ist, unmittelbar oder mittelbar, gehören die altjüdisch-israelitischen Propheten und die Väter. Zu ihnen gehört aber auch eine Gestalt wie Bileam (bzw. Balaam), der nicht zum Volk Israel gehört (s. Num 22–24). Zusammenfassend lässt sich kurz sagen: Es wäre, wie sich gezeigt hat, geradezu unchristlich, da gegen den biblisch-neutestamentlichen 109 Ebenda: Kindle-Positionen 32638–32640). Bibel Kindle. Kindle-Version. Πολυμερῶς καὶ πολυτρόπως πάλαι ὁ θεὸς λαλήσᾱς τοῖς πατράσιν ἐν τοῖς προφήταις 2 ἐπ’ ἐσχάτου τῶν ἡμερῶν τούτων ἐλάλησεν ἡμῖν ἐν υἱῷ, ὃν ἔθηκεν κληρονόμον πάντων, δι’ οὗ καὶ ἐποίησεν τοὺς αἰῶνας. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 144 Befund, die Möglichkeit gültiger Gottesmanifestationen als Heilsoffenbarung(en) in anderen Religionen zu verneinen. Dies festzustellen meint nicht, die Schlechthinnigkeit, Letztgültigkeit und Normativität des Inhalts der Heilserschließung in Jesus Christus zu verneinen. Das Gesagte bedeutet nun aber nicht, dass aus christlicher Sicht die Offenbarungsansprüche der anderen Religionen faktisch anerkannt werden müssten – aber andersreligiöse gültige Heilsoffenbarungen dürfen christlicherseits nicht ausgeschlossen werden als Möglichkeit(en). Die Möglichkeit derartiger Offenbarungen darf nicht einfachhin ausgeschlossen werden und die andersreligiösen Überzeugungen schlechthinniger Gottesoffenbarungen und die damit verknüpften Gewissheiten haben im Grundsatz110 ein Recht darauf, ebenso toleriert und respektiert zu werden wie die eigenreligiöse.111 Dies schließt (jedoch) interreligiöse Meinungsverschiedenheiten, ja Streit nicht aus, wo das, was sich als das (angebliche) Wesen Gottes erschlossen hat, dem Gehalt nach nicht ‘kongruent’ und/oder (wenigstens) ‘kompatibel’ ist mit dem Inhalt bzw. Gehalt der eigenen, Letztgültigkeit beanspruchenden Gottesoffenbarung (oder in sich widersprüchlich, ohne dass die andersreligiösen Vertreter/innen dies selbst erkennen würden). Ja, eine solche dialogische Auseinandersetzung mit einem damit verbundenen klaren Dissens kann geradezu ein Ausdruck des wechselseitigen Ernstnehmens sein – anders als so mancher religiöse Pluralismus der ‘Gleich-Gültigkeit’ jeder Religion, wie z.B. der eines angeblich unhintergehbaren Kultur(kreis)relativismus (etwa nach dem Motto: „Jeder Kulturkreis hat eben seine eigene religiöse Wahrheit!“) – man erinnere sich an die ‘schlechte’ Spielart der Postmoderne 110 Mit „im Grundsatz“ ist hier zugleich eine Einschränkung mitgemeint: Faktisch kann es sein, dass im konkreten Fall bestimmte Praktiken und Ausdrucksformen einer Fremdreligion nicht akzeptiert werden können, weil sie z.B. gegen die Menschenwürde verstoßen. 111 Dass aus christlich-theologischer wie biblischer Sicht die Möglichkeit echter Selbstoffenbarung Gottes in anderen Religionen zu konzedieren ist, bedeutet für das Verständnis des christlichen Missionsauftrages (s. bes. Mt 28, 19f.), dass allen Menschen gegenüber die Selbsteröffnung Gottes in Jesus Christus zu bezeugen und zu verkündigen ist, jedoch nur in dem Sinne, dass sie so verstanden wird, dass Gott selbst sich den Menschen offenbaren kann von dieser Voraussetzung her und so den Glauben bewirken. IV.4 Gottesoffenbarung auch in anderen Religionen? 145 („Anything goes!“), die einen wirklichen Dialog verunmöglicht. Eine entsprechende Einstellung scheint in der Religions- und Glaubensfrage heute gelegentlich und nicht selten in Äußerungen von Schülerinnen und Schülern auf, selbst dann, wenn sie den Religionsunterricht besuchen. Oft geschehen solche Äußerungen im falschen Bewusstsein, es handle sich hier um eine Haltung der Toleranz und Akzeptanz – statt um eine Haltung der Gleichgültigkeit (unbe- und hinterfragten ‘Gleich- Gültigkeit’), die einen echten Dialog gerade verhindert. Andererseits finden sich, dem entgegenstehend, gelegentlich Einstellungen, die erkennbar fundamentalistische Züge haben, die deswegen aus den entgegen gesetzten Gründen ebenfalls nicht wirklich dialogfähig sind. Ist Theologie eine Wissenschaft? – Von Wissenschaft und ‘Wissenschaftsgläubigkeit’ – und en passant ein Plädoyer für Bildung und Ideologiekritik statt ‘Kompetenz(en)’– Neusprech, ‘Soft-Skill(s)’-Talk(s) und schulischer ‘Kompetenzerei’ Selbstverständlich wäre anlässlich der Frage, ob Theologie eine Wissenschaft sei, zunächst einmal darauf einzugehen, was ‘Wissen’ überhaupt bedeutet. Doch hier stellen sich ähnliche Probleme wie beim Wahrheitsbegriff: Die im Abendland akzeptierteste Definition von Wissen ist diejenige, die schon durch Platon in seinem Dialog Theaitetos vom klugen Dialogpartner des Sokrates, der dem Dialog den Namen gab, als ein letzter, schon verzweifelter Definitionsversuch angeboten wird: Wissen ist wahre Meinung mit Begründung (dóxa alêthês metà lógu). Obwohl bereits die Titelfigur in Platons Theaitetos mit dem Versuch scheitert, diesen von ihr einmal gehörten und nun erinnerten und vorgebrachten Definitionsvorschlag (éphê dè tên mèn metà lógu alêthê dóxan epistêmên eínai, Theait. 201cf.) den skeptischen Einwänden des Sokrates gegenüber mit Erfolg zu verteidigen, kann man diese Definition als die ‘klassische’ Wissensdefinition im Abendland bezeichnen. Diese aber wurde in neuerer Zeit in einem schnell zu Berühmtheit gelangten Aufsatz, der gerade einmal drei Seiten umfasst, durch Edmund Gettier in einer grundsätzlichen Weise in Frage gestellt und er- IV.5 IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 146 schüttert, die bis heute noch keine befriedigende Entgegnung gefunden hat.112 Nun, auch wir werden dieses Problem hier nicht lösen.113 Stattdessen wenden wir uns dem Problem, was ‘Wissenschaft’ denn sei, direkt zu und beschränken uns auf einige wenige Feststellungen, die die äu- ßerst knappen Ausführungen in der Einführungsabhandlung dieses Büchleins ergänzen: Was ‘Wissenschaft’ ist bzw. was als ‘wissenschaftlich’ gilt, war und ist umstritten (teil sehr heftig!) und hat sich immer wieder verändert.114 Trotz aller Auseinandersetzungen um den Begriff der Wissenschaft lässt Wissenschaft sich hier allgemein definieren als ein kohärentes115 Gebilde von Aussagen, Theorien, und Verfahrensweisen, das systematischen Charakter hat und in Bezug auf das strenge und nachprüfbare Geltungsprüfungen durchgeführt wurden und werden. Mit ihm wird der Anspruch verknüpft, dass ihm objektive, überpersönliche Gültigkeit zuzubilligen ist. Wissenschaft versucht, durch reflektierte und kontrollierte ‘Standards’, Kriterien und Methoden116 Wirklichkeit zu erkennen. Die kontrollierten Verfahrensweisen und Methoden117 der Wissenschaft sollen dazu führen, dass die Ergebnisse, zu denen sie gelangen, sich von blo- 112 Is Justified True Belief Knowledge?, in: Analysis, Volume 23 (1963), S. 121–123. Der Aufsatz ist online abrufbar: http://www.ditext.com/gettier/gettier.html. 113 Es sei stattdessen hier nur der Hinweis gegeben, dass der Kern jedweden Wissens wohl nichtpropositionaler Art sein dürfte, so dass, wenn in der klassischen Wissensdefinition lógos propositional als Erklärung verstanden wird statt als das Geben von Rechenschaft im Sinne eines gelingenden sokratischen lógon didónai, keine Aussicht besteht, zu einer gelingenden Lösung des ‘Gettier-Problems’ zu kommen. 114 Ein noch vergleichsweise neuer Aspekt sind die von (insbes.) fernöstlichen ganzheitlichen Wirklichkeitsauffassungen und -zugängen gespeisten kritischen und grundsätzlichen Anfragen an die okzidental-westliche Rationalität und die hierdurch geprägten isolierend-analytischen, klassifikatorisch untergliedernden und zerlegenden Wissenschaften: S. hierzu Adiectamentum I (bes. unter Gloy). 115 Von lat. cohaerere: zusammenhängen. 116 Von gr. méthodos: Weg, hier: Weg der Erkenntnis- bzw. Wissensgewinnung. 117 Die Verfahrensweisen und Methoden müssen dabei selbst immer wieder der kritischen Prüfung unterzogen werden, ob sie ihrem ‘Gegenstand’ bzw. Gegenstandsbereich gemäß sind. IV.5 Ist Theologie eine Wissenschaft? 147 ßen Meinungen unterscheiden, weil sie zuverlässig und vertrauenswürdig sind (‘Wissen’). Es geht in der Wissenschaft also um die methodisch geleitete und kontrollierte, möglichst umfassende Erweiterung von Wissen und dessen Überprüfung (bzw. die Überprüfung dessen, was mit dem Anspruch auftritt bzw. vertreten wird, ‘Wissen’ zu sein). Hierbei ist das, was auf dem jeweiligen Stand der Wissenschaft als ‘Wissen’ gilt, stets ‘Wissen auf Abruf ’. Zu einer Letztbegründung, mithin zu einer definitiven Garantie einer mit einem Resultat wissenschaftlicher Forschung verbundenen Wahrheitsprätention118, ist die Wissenschaft nicht imstande, so gut begründet der Wissensanspruch im Einzelfall auch sein mag. Die Wissenschaftstheorie hat eindrücklich gezeigt, dass die Wissenschaft in allen ihren Ausgestaltungen zwar dem Postulat der Vorurteilslosigkeit verpflichtet ist (bzw. sein sollte) – kantisch gesprochen: als ‘regulativer Idee’, an der man sich im Wissenschaftsprozess ausrichten soll, und der man, obgleich immer unerreichbar bleibend, doch möglichst nahe kommen soll –, dass dies aber nicht mit realer Voraussetzungslosigkeit verwechselt werden darf: Auch jedwede Wissenschaft baut bereits auf Vorverständnissen und ‘Vorurteilen’ auf. Dies schon deshalb, weil diese unhintergehbare Möglichkeitsbedingung jeglicher menschlichen Wirklichkeitsauffassung und -erkenntnis wie auch jedweden Verstehens sind.119 Dem ‘entkommt’ auch die Wissenschaft nicht. Allerdings setzt wissenschaftliches Arbeiten – jedenfalls der Idee nach120 – die Bereitschaft 118 ‘Prätention’ hier: Anspruch. 119 Die moderne Wissenschaftstheorie hat hier etwas erarbeitet, was sich gut in Einklang bringen lässt mit dem, was man innerhalb der Theologie den ‘eschatologischen Vorbehalt’ nennt: Unser Denken und Erkennen sind immer Stückwerk. Erst im Eschaton wird die Wahrheit voll offenbar werden. Eschaton: von gr. éschatos: äußerster, letzter; Eschatologie christlich: Lehre von den letzten Dingen: vom Heil (oder Unheil) des Menschen wie der Welt. Zur modernen Wissenschaftsauffassung passt aus theologischer Sicht auch gut, dass es letztlich bei Gott selbst liegt, ob und inwiefern er sich per Offenbarung dem Menschen erschließt oder nicht. 120 S. zum Faktischen aber relativierend bes. die Arbeit des Physikers, Wissenschaftsphilosophen und -historikers Thomas S. Kuhn: The Structure of Scientific Revolutions, Chicago 1962 (deutsch: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main 1967). IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 148 voraus, all diese Vorverständnisse und Vorurteile im Forschungsprozess in Frage zu stellen und ggf. zu revidieren. Für die Theologie als Wissenschaft bedeutet dies, dass es, sollte sich ihre fundierende ‘Glaubensprämisse’, dass in Jesus als dem Christus letztgültig die Offenbarung Gottes geschehen ist, nachweisbar als falsch erweisen, zur Selbstaufhebung der Theologie als Wissenschaft kommen würde – oder wenigstens zu ihrer Transformation zur speziell auf das Christentum bezogenen (bloßen) Religionswissenschaft. Es ist mir auf dem Hintergrund meiner Erfahrungen als Lehrender an Schulen, Universitäten und Pädagogischer Hochschule ein besonderes Anliegen, an dieser Stelle ein wenig näher einzugehen auf das, was man als ‘moderne Wissenschaftsgläubigkeit’ bezeichnen kann – und dem schulisch vielleicht durch ein Unterrichtsfach ‘Ideologiekritik’ begegnet werden könnte, jedenfalls ein wenig: Solche ‘Wissenschaftsgläubigkeit’ zeigt sich gegenwärtig u.a. im Zusammenhang mit und unter dem Eindruck der bildgebenden Verfahren der neurobiowissenschaftlichen Hirnforschung und der Neurophysiologie mit ihrem (anthropologischen) All- und Alleinerklärungsanspruch (– dieser bezieht sich auch auf die Pädagogik und das Lernen (z.B. Versprechen einer ‘Neuro-Didaktik’ etc.)). ‘Moderne Wissenschaftsgläubigkeit’ zeigt sich desgleichen in ‘Bestseller-Erfolgen’ als ‘wissenschaftlich fundiert’ daherkommender Publikationen, verbunden mit entsprechender öffentlicher Anerkennung ihrer Autoren. So etwa im immer noch anhaltenden Verkaufserfolg des Buches The Selfish Gene121 des amerikanischen Evolutions- und Soziobiologen Richard Dawkins. In diesem Buch vertritt Dawkins die These, dass es beim Menschen bereits auf einer genetischen Anlage beruhe, dass er egoistisch sei und (nur) seine eigenen Ziele verfolge. Darwin habe Unrecht, wenn er meine, es gehe in der Natur vorrangig um das Überleben der Art. Vielmehr sei es so, dass die Evolution bestimmt sei vom Gesetz der (egoistischen) Verbreitung der eigenen Gene. Als prominenten Beleg führt der Autor die Beobachtung an, dass ein junger Löwe, der sich erfolgreich gegenüber dem bisherigen Rudelführer behaupte, indem er diesen vertreibe, bei der Übernahme von 121 Oxford, 4. Aufl. 2016; deutsch: Das egoistische Gen, Berlin 2. Aufl. 2014. IV.5 Ist Theologie eine Wissenschaft? 149 dessen Rudel zunächst alle kleinen Nachkommen des bisherigen Rudelführers totbeiße, damit die Löwenweibchen durch den Verlust ihrer Jungtiere schneller wieder befruchtungsfähig seien und er so schneller sein eigenes Genmaterial weitergeben könne. Dieses Verhalten aber könne nicht der Arterhaltung dienen, denn für die Arterhaltung sei es nachteilig, wenn alle Neugeborenen getötet werden. Mithin sei der Genegoismus anstelle des Überlebens der Art anzusetzen als der eigentliche Zweck der Evolution. Die die natürliche Selektion fundierende Einheit sei das Gen, der Körper werde von ihm nur als eine Art von ‘Überlebensmaschine’ benutzt. Das skizzierte Verhalten von männlichen Löwen, die ein Rudel neu übernehmen, wurde oft beobachtet und steht nicht in Frage. Allerdings könnten zahlreiche Beispiele aus dem Tierreich angeführt werden, dass sogar fremde neugeborene Tiere der eigenen Art von der Herde mit aufgezogen werden, wenn das Muttertier gestorben ist. Worauf es hier ankommt, ist etwas anderes: Die Grenzüberschreitung von (Natur-)Wissenschaft, die so oft geschieht: Dawkins insinuiert122 durch sein Buch nämlich permanent, dass es (also) das angemessene Verhalten von Menschen sei, sich sozial und gesellschaftlich egoistisch zu verhalten. Er schließt von dem von ihm behaupteten genetisch codierten Verhalten der Tiere auf die menschliche soziale und gesellschaftliche Ebene. Dies hat, um dies als Fehlschluss an einem Beispiel zu konkretisieren, denselben fragwürdigen Status, wie wenn man von einer streng monogam lebenden Tierart darauf schließen würde, dass die Monogamie, näherhin die Ehe, die einzig natürliche menschliche Lebensform darstelle. Man mag für Monogamie und Ehe eintreten, doch diese solchermaßen zu begründen ist mehr als obskur. Gewissermaßen als ‘Brückenglied’ von der evolutionsbiologischen zur menschlich-sozialen und gesellschaftlich-kulturellen Ebene dient Dawkins das ‘Mem’, das er in Analogie zum Gen der biologischen Evolution verstanden wissen will als Replikationseinheit der kulturellen Evolution. Aus dem Genpool wird dementsprechend der ‘Mempool’. 122 Von lat. insinuare: unterstellen, einflüstern. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 150 Wie die Gene sind die ‘Meme’ den Faktoren Selektion und Mutation unterworfen.123.124 Geradezu bedenklich wird solch ein (quasi-)wissenschaftlicher Grenzübertritt, wenn er in den Sozialwissenschaften und in der allgemeinen Öffentlichkeit so breit rezipiert wird wie in diesem Fall. Solch ein Grenzübertritt der Naturwissenschaft ist nur von den Folgen her, nicht aber der generellen Struktur nach unterschieden von dem, was vormals (seit dem Ende des 1. Weltkrieges) als ‘Deutsche Physik’ bzw. (spätestens seit dem Nationalsozialismus) als ‘Arische Physik’ propagiert wurde (z.B. von J. Stark und bes. von Ph. Lenard).125 Im Fall der ‘Arischen Physik’ ging es zugleich um die eigenständige Berechtigung von Theoretischer Physik gegenüber der Experimentalphysik. Die Vertreter der ‘Arischen Physik’ stellten die Legitimität der Theoretischen Physik mit ihren abstrakt-mathematischen und ‘kontraintuitiven’ Annahmen in Zweifel (v.a. nichteuklidische Raumgeometrie sowie Raum-Zeit-Kontinuum in der Allgemeinen Relativitätstheorie; Unschärferelation sowie Dualismus von Welle und Teilchen in der sog. ‘Quantenmechanik’) – allerdings taten sie dies vorwiegend dadurch, dass sie in ihrer antijüdisch-rassenideologischen Verblendung die oft dem Judentum angehörenden Urheber der neuen physikali- 123 Zu kritischen Einwänden gegenüber Dawkins’ Auffassungen s. bes. die Arbeiten von D. S. Wilson, E. Sober, S. J. Gould, S. Atran. 124 Religion ist ihm in diesem Zusammenhang ein besonders gefährliches, da hochinfektiöses ‘Gedankenvirus’, s. dazu: Viruses of the Mind (1993). Bezeichnenderweise ist Dawkins der Meinung, dass Denken Anathema für jede Religion sei (s. Schloemann, J.: Atheisten-Kampagne in London – Gottlos ist geil. In: www.sueddeutsche.de. 17. Mai 2010, zuletzt abgerufen: 2. Mai 2015.) Anathema: von anáthema estô: „Er sei (dem Gott) anheimgegeben!“ Traditioneller kirchlicher Bannfluch gegen sog. Häretiker (Irrlehrer) und schwere Sünder ohne Einsicht und Reue. Der Verfluchte wird aus dem durch (den) Gott geschützten Bereich verstoßen und dem Urteil Gottes preisgegeben. — Dawkins orientiert sich in seinen Kämpfen gegen Gottesglauben und Religion einseitig an Glauben und Weltbild religiöser Fundamentalisten, mithin an einem Zerrbild von Religion und Religiosität. Dawkins ist mit seiner Behauptung der Unvereinbarkeit von Wissenschaft und Glaube bzw. Religion auf seine Weise ‘fundamentalistisch’ und missbraucht die Wissenschaft (der Evolutionsbiologie). 125 Es wurde, so seltsam dies heute auch erscheinen mag, auch vertreten eine sog. ‘Deutsche Chemie’ (v.a. P. Waldens) und sogar eine ‘Deutsche Mathematik’ (bes. Th. Vahlen und L. Bieberbach). IV.5 Ist Theologie eine Wissenschaft? 151 schen Theorien rassistisch diffamierten, statt sich mit deren Theorien wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Vertreter der ihrer Bezeichnung nach ‘Jüdischen Physik’, die keine Juden waren wie etwa Werner Heisenberg, wurden von ihnen als ‘Gesinnungsjuden’ und ‘weiße Juden’ verunglimpft. „Ideologie überlagert nicht das gesellschaftliche Sein als ablösbare Schicht, sondern wohnt ihm inne.“ (Th. W. Adorno, in: Negative Dialektik) Warum aber kommt es immer wieder zu derartigen pseudowissenschaftlichen Übernahmen? Zu tun hat dies nicht allein mit der Eingängigkeit der vorgetragenen Thesen und der (rhetorischen) Eloquenz, mit der sie vorgetragen werden (wie im Fall von Dawkins). Es hat vor allem zu tun mit der ‘Zeitgeistentsprechung’ der vorgetragenen Thesen: Thesen wie die von Dawkins vorgetragene haben legitimatorischen Charakter, indem sie den Egoismus der einzelnen wirtschaftlichen Akteure gleichsam als ‘natürlich’ darstellen und die immensen Einkommensunterschiede im neoliberalistischen globalen Wirtschaftssystem samt der sonstigen massiven Ungleichheiten als selbstverständliche Folge größerer Durchsetzungsfähigkeit. Es erscheint so als unvermeidlich, dass es hier (eben) (gewisserma- ßen ‘geborene’) ‘Gewinner’ und ‘Verlierer’ gibt (z.B. unter den Einzelnen, die ‘eigenverantwortlich’ als Selbstunternehmer (‘Ich-AGs’) sich zu behaupten versuchen). Publikationen wie die von Dawkins haben mithin Ideologiefunktion und helfen mit, das Gegebene ‘sakrosankt’126 erscheinen zu lassen statt als hinterfrag- und verbesserbar. Die dem Menschen ‘natürlich’ eignende ‘Borniertheit’ des Blickes auf die Dinge (menschliche Verhältnisse, Gesellschaft, Wirtschaft; vgl. Platons Höhlengleichnis) wird so verstärkt, statt dass er aus der Borniertheit seines Blicke(n)s befreit würde um die Dinge zu sehen, wie sie sind. Hierfür wäre schulisch Einübung in Ideologiekritik vonnöten. Doch warum kommt es hierzu so selten? Generell: Es dürfte wohl staatlicherseits nicht gewünscht sein, da dem Einzelnen (d.h. der einzelnen Schülerin bzw. dem einzelnen 126 Sakrosankt: unantastbar. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 152 Schüler etc.) die Rolle zugedacht ist, dabei behilflich zu sein, die eigene nationale Ökonomie im Wettbewerb (‘Rattenrennen’?) der Volkswirtschaften möglichst weit vorne zu platzieren. Nicht zugedacht ist ihm, die Dinge und Verhältnisse als das (im Grunde genommen) ‘einzig Wahre’ im Blick darauf zu be- und hinterfragen, was ein wahrhaft menschliches – oder jedenfalls menschenwürdig(er)es – Leben ist oder sein könnte. Speziell: Die an der Schule Lehrenden haben in der Regel sich zwar viel mit Fachdidaktik und -methodik auseinandergesetzt, niemals aber in ihrem eigenen Ausbildungs- und Bildungsgang in systematischpädagogischer Hinsicht mit Bildungstheorie (und Bildungsgeschichte). Denn sonst wüssten sie wie selbstverständlich z.B., dass der aus psychologischen Theorietraditionen herrührende Kompetenzbegriff, sei es in einem engen oder einem weiten Verständnis, (samt dem derzeit inflationären ‘Kompetenz(en)sprech’ und der damit verbundenen Kompetenzenhuberei etwa im Entwerfen immer neuer ‘Kompetenz(en)kataloge’ und ‘Kompetenz(en)modelle’)127 nicht imstande ist, den Bildungsbegriff und das, was mit ihm veritabel (‘veritabel’ in der eigentlichen Bedeutung des Wortes) bezeichnet wurde und wird, zu ersetzen. Sie wüssten, dass dem Kompetenzbegriff das mit dem Bildungsbegriff geschichtlich verknüpfte skeptisch-abständige, kritisch-reflexive wie widerständige Moment fehlt, das einer Verzweckung und Funktionalisierung widerstreitet. So kommt es dazu, dass schulisches Lehrpersonal permanent in der Gefahr steht, die ihm überantworteten Schülerinnen und Schüler unvermerkt dem jeweils herrschenden Zeitgeist auszuliefern, ja sie diesem zur Verwertung zuzuliefern statt sie diesbezüglich zu skeptischkritischer Abständigkeit zu befähigen wie wahre Bildung(s’arbeit’) dies erfordern würde. 127 U.v.a. z.B. durch J. Weinberg, P. Faulstich, R. Arnold, J. Erpenbeck, G. Schneider – und auch durch O. Negt und D.-J. Löwisch, von denen hier zumindest mehr an Vorbehaltlichkeit zu erwarten gewesen wäre! IV.5 Ist Theologie eine Wissenschaft? 153 So weit hier, en passant, ein Plädoyer gegen naive Wissenschaftsgläubigkeit und für Bildung und Befähigung zur Ideologiekritik (statt ‘Kompetenzerei’)!128 Einige beiläufig-kurze skeptische Anmerkungen zur Gegenwarts-’Pädagogik’: ‘Soft-Skill(s)’-Talk(s) und schulische ‘Kompetenzerei’. „Auch den Tantalos sah ich, mit schweren Qualen belastet. Mitten im Teiche stand er, den Kinn von der Welle bespület, Lechzte hinab vor Durst, und konnte zum Trinken nicht kommen. Denn so oft sich der Greis hinbückte, die Zunge zu kühlen; Schwand das versiegende Wasser hinweg, und rings um die Füße Zeigte sich schwarzer Sand, getrocknet vom feindlichen Dämon. Fruchtbare Bäume neigten um seine Scheitel die Zweige, Voll balsamischer Birnen, Granaten und grüner Oliven, Oder voll süßer Feigen und rötlich gesprenkelter Äpfel. Aber sobald sich der Greis aufreckte, der Früchte zu pflücken; Wirbelte plötzlich der Sturm sie empor zu den schattigen Wolken.“ (Odysseus in: Odyssee (in der Übersetzung von Voß)) Mit dem Fokus auf Kompetenz(en) und Kompetenz(en)erwerb geht sachlogisch einher eine Vergleichgültigung inhaltlichen Lehrens zugunsten von ‘facilitation’ als Kreieren und Arrangieren der Bedingungen zur Ermöglichung von Lernen (und Entwicklung). Hierbei „erhöht sich mit dem […] Demokratie-Kreativitäts-Selbstregulations-Denken der Druck auf das Individuum, sich selbst als Kompetenzsteigerungszentrum zu sehen. Und die wichtigste Kompetenz jedes Kompetenzsteigerungszentrums ist die Kompetenzsteigerungskompetenz.“129 Der sich im pädagogischen Bereich allenthalben ausbreitende pädagogische ‘Kompetenz(en)-Neusprech’ wird sekundiert vom ‘Soft- Skill(s)-Talk’ um so etwas zu bezeichnen wie ‘überfachliche Kompetenzen’ und ‘persönliche Qualitäten’. 128 Ausführlich dazu Mugerauer, R.: Kompetenzen als Bildung? Die neuere Kompetenzenorientierung im Deutschen Schulwesen — eine skeptische Stellungnahme, Marburg 2012. Auf die ‘Kompetenzerei’ wird hier nicht ausführlich eingegangen, der genannte Publikationshinweis möge hier genügen. Stattdessen sollen hier noch einige Ausführungen zum neuerdings modisch gewordenen ‘Soft-Skill(s)-Talk folgen (in Orientierung v.a. an Roland Reichenbach). 129 So Roland Reichenbach in: Art.: SOFT SKILLS, in: Dzierzbicka, A./Schirlbauer, A. (Hg.): Pädagogisches Glossar der Gegenwart, Wien, 2. erweiterte Aufl. 2006, S. 251. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 154 Hierbei bleibt gemeinhin völlig unterbestimmt, was mit ‘soft skills’ (bzw. ‘people skills’ bzw. ‘heart skills’) denn eigentlich genau gemeint ist (außer, dass, wie es scheint, nicht ‘hard skills’, nämlich konkrete fachbezogene bzw. -gebundene Kompetenzen gemeint sind). Es eröffnet sich ein reichhaltiges, großteils obskures und unbestimmbar bleibendes ‘Pluriversum’ (von Lernbereitschaft, Lernkompetenz, Dialogfähigkeit, Kritikfähigkeit, Wertschätzung, Toleranz, Persönlichkeitsentwicklung, Gemüthaftigkeit, Selbstständigkeit, (relativer) Autonomie, Selbstregulation, Kreativität, Gemeinschaftsfähigkeit, Kommunikationsbereitschaft und -fähigkeit, Kooperationsbereitschaft und -fähigkeit, Konflikt(bewältigungs)fähigkeit, Handlungsbereitschaft und -fähigkeit, Wahrnehmungsvermögen, Ambiguitätstoleranz, Problemlösebereitschaft und -fähigkeit, Leistungsbereitschaft und -fähigkeit, wertefundierter Grundhaltung, Demokratiefähigkeit, Balancefähigkeit, Copingstrategien, Resilienz, Selbstverantwortung, Verantwortung für Andere, Umweltverantwortung und –kompetenz, politischer Bildung etc. etc.), das reicht von recht konkreten Fertigkeiten bis zu allgemeinen, kaum mehr definierbaren Fähigkeiten. Generell wird, auch in den ‘seriöseren’ Soft-Skill-Katalogen, nicht differenziert zwischen „1) Fertigkeiten, 2) Fähigkeiten oder Kompetenzen, 3) Persönlichkeitseigenschaften, 4) Verhaltensdispositionen, 5) Motiven und 6) Tugenden […]“130. Was aber ist die Hoffnung, die mit dem Erwerb von ‘Soft Skills’ verbunden wird?: „Soft Skills versprechen – in jedem Gebiet und auf je eigene Weise – Erfolg. Während wir in Bezug auf ‘Charakter’ […] noch formulieren konnten, dieser stelle die Fähigkeit dar, sich selbst im Weg zu stehen, stehen die Soft Skills keinem Akteur mehr im Weg, vielmehr stehen sie ganz antitragisch, unschuldig und ironielos im Dienst seiner höchstpersönlichen Ziele, z.B. als ‘dating skills’, ‘socratic selling skills’ [Wieder einmal muss Sokrates herhalten; Sokrates, der beim Anblick der Vielzahl von Waren ausgerufen haben soll: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, deren ich nicht bedarf!“; R.M.], als ‘professional telephone skills’ oder auch ‘basic travel skills’.“131 „Die ‘weichen Fähigkeiten’ zu optimieren – denn sie sind in jedem Fall lernbar, steigerungs- und ausbaufähig! – heisst also, sich in einen Engels- 130 So, wie gewohnt treffend, Roland Reichenbach: ebenda, S. 246. 131 Ebenda, S. 246f.. IV.5 Ist Theologie eine Wissenschaft? 155 kreis zu begeben und ewiges Wachstum zu bewirken. Philippe Garnier sprach einmal von Früchten, die ewig weiterreifen … (allerdings als Metapher für die Hölle).“132 So viel zu dem mit den ‘Soft Skills’ verbundenen Steigerungsethos!133 Wie aber steht es mit der Objektivierbarkeit, näherhin mit der Diagnostizierbarkeit, Messbarkeit und Überprüfbarkeit der Soft Skills, also der Nachweisbarkeit des Vorliegens (oder Nicht-Vorliegens) derselben als in je spezifischem Maße erworbenen?: „Während die Hard Skills relativ leicht zu beobachten, zu quantifizieren und valide zu messen sind, bleiben die Soft Skills [nun einmal] „hard to measure“. Dass dies ein Glück darstellen könnte, hat bisher noch den Status einer wenig bekannten Erkenntnis. Unabhängig davon traut man sich in so genannten „Assessment“-Verfahren diesbezüglich durchaus diagnostische Kompetenzen zu. Woher dieselben eigentlich herkommen, mögen sich jene fragen, die ein wenig mit der Erfassung z.B. spezifischer sozialer Kompetenzen – etwa der Verhandlungskompetenz, des Emotionsverstehens oder des moralischen Urteilsvermögens – vertraut sind. Die Kompetenz zur Soft Skills-Diagnostik wird also selbst weniger Hard Skills- als vielmehr selbst ‘soft skills’-Charakter aufweisen und die Soft Skills-Diagnostiker können – diese Vermutung sei erlaubt – wahrscheinlich froh sein, dass sie selbst keine Assessmentverfahren zweiter Ordnung zu durchlaufen haben, mit welchen ihre ‘soft skills detection (soft) skills’ gemessen bzw. ‘erfasst’ würden.“134 „They are“ sozusagen „not really measurable“, aber immer noch „really important“. Dass, wenn alle mit dem Kopf nicken, womöglich etwas nicht ganz in Ordnung ist, merkt man meist erst mit einer gewissen Verspätung.“135 Trotz all dieser mit den Soft Skills verbundenen ungelösten (und teils sicherlich unlösbaren) Probleme ist zu konstatieren, dass sie ‘attraktiv’ erscheinen, nicht zuletzt, weil sie ihrem (angeblichen) ‘strukturellen Design’ gemäß Erfolg in Leben und Beruf versprechen sowie Vielseitigkeit – und doch zugleich endlich die pädagogisch und sonstwo so oft ersehnte wie erträumte (und häufig sehr schmerzlich vermisste) ‘Ganzheitlichkeit’ (mit) zu ermöglichen scheinen: 132 Ebenda, S. 247. 133 Vgl. Reichenbach: ebenda, S. 251. 134 Reichenbach: ebenda, S. 247f. 135 Ebenda, S. 248. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 156 „Doch ob man will oder nicht: Der zweifellos ohne schwer wiegende Differenzierungen auskommende ‘soft skills talk’ hat sich international, global, interdisziplinär, cross-curricular sowie auf allen Ebenen der Abstraktion und Konkretheit durchgesetzt. Die Soft Skills besitzen die perfekte Form, sie sind modularisierbar, polyvalent, multifunktional und kommen dem Wunsch nach persönlichem und beruflichem Erfolg entgegen. Wo immer Menschen zusammenkommen, sind z.B. ‘strategies for successful interpersonal interactions’ wünschenswert. Dabei trifft die ‘Verbindung’ von Hard Skills und Soft Skills als neue Ganzheitlichkeit das pädagogischdidaktische Bedürfnis nach Vielseitigkeit bei gleichzeitiger Einheit.“136 In seinem Streben nach möglichst umfassendem Erwerb und Steigerung seiner ‘Soft Skills’ gerät das Individuum unvermerkt in die Lage eines (post-)modernen Tantalos, dem in seinem Tartaros-Dasein die Früchte seiner unablässigen Bemühungen doch stets unerreichbar bleiben, so greifbar sie ihm auch scheinen (bzw. versprochen werden; s. obiges Odyssee-Zitat): „Während das kompetenzsteigerungswillige Individuum über seine Hard Skills relativ gut informiert ist, da in diversen Abschlussprüfungen meist – zum Glück (!) – nur sie interessieren, ist es im Hinblick auf eigene Soft Skills notgedrungen etwas verunsichert und auf die Soft Skills-Diagnostik der anderen angewiesen. Diese professionelle (oder auch nicht im Geringsten professionelle) Diagnostik wird ihm sicher zeigen, dass es angesichts der vielen Defizite noch viel zu lernen hat, ein Leben lang, und dass es die Welt der Menschen trotzdem sehr wahrscheinlich noch defizitär verlassen wird. Statt also in einen dauerhaften Kontakt mit dem Universum des Nichtwissens und der Inkompetenz zu treten, wofür früher auch der Name ‘Bildung ‘ gebraucht worden ist, durchwandert das von konstitutiver Soft-Skills-Defizität gepeinigte Individuum, willig und eifrig, sich zu verbessern – früher ‘Bildsamkeit’ genannt –, die laue Soft Skills-Welt seiner höchstpersönlich modularisierten Aus- und Weiterbildung. Im Hintergrund ertönt vielleicht „You can get it if you really want, but you must try“ (von Jimmy Cliff); und wenn derlei Selbstwirksamkeitssuggestion als ‘Ideologie’ – zugegeben: ein nicht mehr gebräuchliches Wort – entlarvt würde [meine Hervorhebung; R.M.], so könnte in diesem (freilich unwahrscheinlichen) Fall die vielleicht wichtigste ‘soft skill’ überhaupt als Remedium dienen: die anti-tragische Zuversicht.“137 136 Ebenda, S. 249. 137 Ebenda, S. 251f. IV.5 Ist Theologie eine Wissenschaft? 157 Wie dargelegt, steht kaum zu erwarten, dass die angeführte Selbstwirksamkeitssuggestion schulisch als Ideologie erkannt und aufgezeigt würde. Vielmehr ist es so, dass der ‘Soft-Skills-Talk’ auch schulisch übernommen und per Erweiterung noch mehr ins Absurde geführt wird – so etwa wenn in einer Homepage-Anpreisung der schuleigenen Suchtund Drogenprävention als Beratungskonzept in Anlehnung an einschlägige ‘modisch’ daher kommende Präventions-Konzepte (bzw. eines derselben) von der Entwicklung und Förderung von ‘life-skills’ die Rede ist. Ja: solch pädagogischer Neusprech wirkt doch stets ungemein ‘kompetent’…! „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“ (Th. W. Adorno in: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben) „Das Verzweifelte, daß die Praxis, auf die es ankäme, verstellt ist, gewährt paradox die Atempause zum Denken, die nicht zu nutzen praktischer Frevel wäre.“ (Th. W. Adorno in: Negative Dialektik) Gotteserkenntnis, ‘negative Theologie’ und ‘ewiger Religionsfriede’ Im Einführungsessay wurde vertreten, dass sich der Christ bzw. die christliche Theologie hinsichtlich einer Selbsterschließung Gottes in anderen Religionen, und das heißt: außerhalb Jesu Christi, Zurückhaltung aufzuerlegen und sich vorschneller Behauptungen zu enthalten habe. Es sei hier vielmehr eine Haltung der ‘gelehrten Unwissenheit’ anzustreben. Der Ausdruck der ‘gelehrten Unwissenheit’ (docta ignorantia) stammt, wie bereits angemerkt, von Nikolaus von Kues und ist Ausdruck seiner Erkenntnis, dass jegliches endliche Wissen letztlich auf die Unbegreiflichkeit Gottes hinführe. Im Zuge einer gegenseitigen Toleranz könnte es gerade in der Gotteslehre und Gotteserkenntnis darum gehen, zum Wissen um das eigene Nichtwissen zu gelangen. IV.6 IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 158 Im Zentrum eines solchen Erwerbes hätte dann jedenfalls auch das zu stehen, was man in der Tradition in Unterscheidung zur ‘affirmativen Theologie’138 ‘negative Theologie’ genannt hat (lat. theologia negativa, griech. θεολογία ἀποφατική, theología apophatikê). Hiermit ist, kurz gesagt, gemeint, dass angesichts der Unfassbarkeit, Unbegreiflichkeit und Un(aus)sagbarkeit Gottes sowie seiner absoluten Seins- (und mithin auch Erkenntnis-)Transzendenz139 von diesem nur in Negationen bzw. in absprechender Weise gesprochen werden kann, da alle positiven Bestimmungen und Gottesvorstellungen Gott nicht angemessen sein können. Diese Tradition wurde durch die Mittel- und Neuplatoniker (bes. Numenios, Kelsos, Albinos, Plotin und Proklos) auf Platon zurückgeführt140, im Grunde genommen aber v.a. durch sie selbst begründet.141 In der christlichen Theologie wurde diese Tradition immer wieder aufgegriffen und im christlichen Sinne fort- und weitergeführt. In ihr steht nach v.a. (Pseudo-)Dionysius Areopagita, Johannes Scotus Eriugena und Meister Eckhart auch Nikolaus von Kues. (Pseudo-)Dionysius Areopagita bezieht sich übrigens bereits durch seinen Namen auf des Paulus Areopagpredigt vom unbekannten Gott. Betont sei hier, was u.a. Dionysius Areopagita betont: Gott steht auch noch über aller Verneinung. Die Verneinung ist ‘eminenztheologisch’142 und nicht etwa privativ143 zu verstehen. Diese Tradition der negativen Theologie ist sehr eng verknüpft mit der christlichen Mystik, sofern es sich hier um eine ‘Denk- und Aufstiegsmystik’, eine ‘rationale Aufstiegsmystik’ als Versuch eines denkenden Ergreifens und Erfassens Gottes als des höchsten, transzendenten Einen und nicht etwa v.a. um eine rationalitätsenthobene rauschhaft- 138 Von lat. affirmare: behaupten, (positiv) aussagen, bejahen. Bei der affirmativen Theologie handelt es sich um eine Theologie, die von der Erkennbarkeit Gottes ausgeht und Aussagen über Gott machen zu können glaubt (und dies auch tut). 139 Vgl. Platons Kennzeichnung der ‘Idee des Guten’ als noch ‘jenseits des Seins’ (ἐπέκεινα τῆς οὐσίας) im Dialog Politeia. 140 S. bes. den zweiten Teil von dessen Dialog Parmenides. 141 S. auch den jüdisch-hellenistischen Religionsphilosophen Philon von Alexandrien, der diesbezüglich bereits platonische mit alttestamentlichen Aspekten verknüpft. 142 Von lat. eminentia: das Hervorragen, konkret: das Hervorragende. 143 Von lat. privare: berauben. IV.6 Gotteserkenntnis, ‘negative Theologie’ und ‘ewiger Religionsfriede’ 159 verzückte (mehr oder minder obskurantistische) ‘Gefühls-, Auditionsund Visionsmystik’ handelt. So äußert Meister Eckhart u.a.: got enist niht wesen noch vernünftic noch enbekennet niht diz noch daz.“ („Gott ist weder Wesen, noch Vernunft, noch erkennt er etwas, nicht dies und nicht das.“) Nichts, Gott, Seelengrund und Vernunft sind für Meister Eckhart identisch. Der päpstliche Kardinal Nikolaus von Kues hat sich Abschriften der verbotenen, von der Inquisition teils als häretisch erklärten lateinischen Schriften von Meister Eckhart besorgt und sie sorgfältig studiert. In seiner eigenen negativen Theologie sind die docta ignorantia und die Lehre von Gott als der ‘coincidentia oppositorum’ (‘Zusammenfall der Gegensätze’) aufeinander bezogen. Gottes Existenz ist für Cusanus unaussagbar und unerreichbar/unberührbar (‘ineffabilis intangibilisque’). Sie ist weder zu verneinen noch zu bejahen. Cusanus fasst in seiner Schrift De pace fidei (Über den Frieden im Glauben) einen dem Denken seiner Zeit weit vorausgreifenden Gedanken des ewigen Friedens zwischen den Religionen, des Friedens im Glauben (pacem in fide) auf dem Hintergrund der ökumenischen Überzeugung, dass es hinter aller Verschiedenheit der ‘Riten’ nur die eine wahre Vernunftreligion gebe (una religio in rituum diversitate). Cusanus ist überzeugt davon, dass „alle Religionen von Anfang an immer den einen Gott vorausgesetzt und in allen Arten von Gottesdienst verehrt hatten.“144 Er meint, dass „[d]ie Hauptsache ist, dass der Glaube bewahrt bleibt“. Daher solle „durch ein allgemeines Gesetz dafür gesorgt werden, dass durch die Verschiedenheit der Riten die friedliche Übereinstimmung im Glauben nicht gefährdet“ werde.145 Ein ewiger Religionsfriede sei zu schließen, „damit alle gemeinsam in Frieden und Eintracht den Schöpfer aller Dinge loben [sollten] […].“146 144 De pace fidei, cp. XIX, nr. 68. 145 De pace fidei, cp. XVII, nr. 66. 146 De pace fidei, cp. XVII, nr. 68. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 160 Solche Gedanken finden erst in der ‘Aufklärung’ des 17. und 18. Jahrhunderts unter den Gebildeten Verbreitung, etwa bei G.E. Lessing (s. bes. dessen Nathan der Weise mit der darin enthaltenen sog. ‘Ringparabel’) und Kant (s. bes. Die Religion innerhalb der Grenzen der blo- ßen Vernunft). Cusanus unterschied sich hier grundsätzlich von vielen Laien und kurialen wie nichtkurialen Klerikern, etwa von Torquemada, seinem Kollegen im Kardinalskollegium (– eine dem Kusaner verwandte Auffassung etwa vertrat aber der Erzbischof Johannes von Segovia). Einschränkend ist allerdings anzumerken, dass Cusanus diese „una religio“ neuplatonisch-christlich und paulinisch verstanden hat. Die „una religio“ ist für ihn ein neuplatonisches, bereinigtes Christentum. Und für dieses sind Muslime wie Juden, wie er meint, leicht dialogischargumentativ zu gewinnen im Religionsdialog des in De pace fidei fiktiv-visionär entworfenen universalen himmlischen ‘Friedenskonzils’. Es ist dies eine fiktive Versammlung der Seligen über die Frage der Religionen und deren Wahrheit – auch der Hinduismus, zudem v.a. die chaldäische, die persische und syrische Religionsauffassung (teils als Varietäten des islamischen Monotheismus) sowie das ostkirchliche wie auch das hussitische Christentum sind vertreten bei diesem Himmelskonzil. Cusanus geht durchgängig von einer Prädominanz und Überlegenheit der christlichen Religion aus, die als Verteidigung des rechten Glaubens (fidei orthodoxe defensio) diskursbestimmend ist. Es handelt sich im himmlischen Religionsdiskurs des Cusanus also nicht um eine echte Gleichrangigkeit wie Konkordanz bzw. Eintracht, nicht um einen echten Konsens – und schon gar nicht um eine Anerkenntnis der Wahrheitsansprüche der von den anderen Religionen proklamierten Glaubenssätze als gleichwertig bzw. gleichrangig. Zwar gesteht Nikolaus von Kues dem Islam (wie dem Judentum) einen bestimmten Gehalt an Wahrheit wie eine Berechtigung seiner Existenz zu. Auch hier aber handelt es sich bei ihm im Grunde jedoch um eine ‘Vereinnahmungsstrategie’ für die christlich gefasste, philosophisch-neuplatonisch gedeutete, einzig wahre Religion. Entsprechend erfolgt die Koran-Interpretation in von Kues’ Schrift Cribratio Alkorani (‘Sichtung/Siebung des Korans’) im Stile einer Chris- IV.6 Gotteserkenntnis, ‘negative Theologie’ und ‘ewiger Religionsfriede’ 161 tentumsapologie147. Es geht hier gewissermaßen um eine argumentativ-polemische148 Verteidigung des christlichen Glaubens (defensio fidei christianae) angesichts der Konkurrenz der islamischen Religion. Zu diesem Defensiv-Zweck wird der Koran ausgelegt im Lichte des Evangeliums. Dabei fasst Cusanus den Islam wie bereits in seiner Schrift De pace fidei auf im Sinne der nestorianisch-christlichen Häresie149. Beim Glaubensgespräch mit dem Islam handelt es sich nach ihm daher im Grunde genommen um einen innerchristlichen Dialog. Dies sei hier kurz erklärt: Der Patriarch von Konstantinopel Nestorius (um 381 bis 451–453 n. Chr.; Patriarch von 428–431) vertrat im christologischen Streit um das Verhältnis der göttlichen und menschlichen Natur in Christus eine Position, nach der Gott nicht Mensch wurde, sondern sich mit einem Menschen, Jesus, lediglich verbindet. Göttliche und menschliche Natur sind in Christus vollkommen unvermischt, aber nicht ganz voneinander getrennt, sondern (lediglich) verbunden durch das Prósopon, d.h. durch seine Person; menschliche und göttliche Natur berühren sich so in einer einzigen Person (hén prósopon). Keinesfalls aber vermischen sie sich bzw. tauschen ihre Eigenschaften aus oder werden gar wesensmäßig eins. Diese Lehre wurde beim Ökumenischen150 Konzil von Ephesos, das 431 durch Kaiser Theodosius II. zur Klärung der Streitfragen einberufen wurde, als häretisch verworfen. Verwickelt war Nestorius bereits zuvor in einen mariologischen Streit, in dem es um das angemessene Verständnis der Mutter Jesu ging. Nach dem Konzil musste Nestorius, von einflussreichen Teilnehmern des Exils zum Häretiker151 erklärt, sein Amt niederlegen. Später wurde er zudem noch exkommuniziert152, seine Schriften verbrannt und er selbst verbannt. Er musste ins Exil nach Oberägypten, wo zu einem ruhelosen Leben gezwungen war und schließlich verstarb. 147 Apologie: Verteidigung (gr. apología). 148 Polemisch: kriegerisch/kämpferisch, von gr. pólemos: der Krieg. 149 Häresie: Irrlehre. 150 ‘Ökumene’ hier: die Gesamtheit der Christen betreffend. 151 Häretiker: Irrlehrer. 152 Exkommunizieren: aus der Gemeinschaft der Kirche ausschließen. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 162 Zurück zum Cusaner: Trotz der genannten Einschränkungen ist festzuhalten: Nikolaus von Kues’ Konzept eines friedlichen Miteinanders von Christentum und Islam sowie seine Anerkenntnis des Existenzrechtes des Islams (wie der anderen Religionen in ihrer Vielfalt) sowie sein Plädoyer für die Vielfalt von Riten und den einvernehmlichen Wettstreit von Ausprägungen von Frömmigkeit, auch muslimischer, bei wechselseitiger Verständigung sind besonders bemerkenswert. Denn der Kusaner entwickelt diese Gedanken, die Gewaltanwendung in Sachen der Religion(en) ablehnen, vor dem Hintergrund der Eroberung von Konstantinopel 1453 durch die Türken, die für das Christentum in Ost wie West traumatischen Charakter hatte. Allerdings wusste er sehr wohl, dass das Schwert des Kreuzzuges stumpf geworden war (– und war qua Amt zudem doch genötigt, an der Vorbereitung eines Kreuzzuges gegen die Türken mitzuwirken). Die genannten Schriften gehören trotz aller Einschränkungen als wichtige Vorstufe in die Geschichte der Entstehung der Toleranzidee, ja sie sind in dieser Hinsicht ein ‘Markstein’. Nun wieder zurück zur ‘negativen Theologie’: Biblischer Anknüpfungspunkt für eine negative Theologie können (wie in der Tradition) v.a. das Fremdgötterverbot (Ex. 20, 3; Dtn. 5, 7) und, noch mehr, das Bilderverbot (Ex. 20, 4f.; Dtn. 5, 8f.) sein, aber auch die Areopagpredigt des Paulus mit ihrer Predigt vom unbekannten Gott (Apg. 17,23). Durch die Stärkung der christlichen Traditionen der negativen Theologie könnte sich zugleich ein Brückenschlag ergeben zu Judentum und Islam, vermittelt über deren wirkmächtige Traditionen der negativen Theologie (bes. Abraham Ibn Daud, Moses Maimonides, Martin Buber, Franz Rosenzweig und Al-Ghazali). Aus evangelischer Sicht bietet sich für solch einen Brückenschlag (aber auch für den Dialog mit Nichtreligiösen, Zweiflern und Atheisten) vor allem an die Theologie Paul Tillichs, in Sonderheit sein Begriff des ‘Gottes über Gott’, den er in seiner Schrift The Courage to Be153 im 153 New Haven 1952; dt.: Der Mut zum Sein, deutsche Erstveröffentlichung: Stuttgart 1953. IV.6 Gotteserkenntnis, ‘negative Theologie’ und ‘ewiger Religionsfriede’ 163 Zusammenhang von Ausführungen über den radikalen Zweifel vorstellt und entfaltet.154 Mit ‘Gott über Gott’ bezeichnet Tillich den Gott, der den Gott der Religionen transzendiert, den Gott über dem Gott des Theismus, „der erscheint, wenn Gott in der Angst des Zweifels untergegangen ist“.155 In diesem ‘Gott über Gott’ gründet der ‘Mut zum Sein’, als „der Zustand des Ergriffenseins von dem Gott über Gott“.156 In ihm werden „alle Formen des Mutes wiedergeboren aus der Macht des Gottes über dem Gott des Theismus.“157 Gerade Tillichs Konzept vom ‘Gott über Gott’ macht deutlich, dass jegliche Gottesvorstellungen stets hinter der Wirklichkeit Gottes zurückbleiben und sie verfehlen – auch christlicherseits! Da auf Tillichs Begriff des ‘Gottes über Gott’ in diesem Zusammenhang nicht näher eingegangen werden kann, sei hier, um Missverständnissen zu wehren, abschließend nur noch darauf hingewiesen, dass es hier nicht etwa um die Ersetzung des Gottes der Religionen oder um die Abschaffung des Theismus und der Gottesvorstellungen geht (und schon gar nicht des/der christlichen!). Vielmehr ist bei Tillich ‘Gott über Gott’ stets zugleich zu verstehen als Gott. 154 Er knüpft damit an u.a. an das schlechthinnige, reine Eine Plotins , die ‘Übergottheit’ des (Pseudo-)Dionysius Areopagita und die ‘Gottheit’ Meister Eckharts sowie insbesondere an das ‘Absolute’ der Schellingschen Identitätsphilosophie. Zu Nikolaus von Kues s.o.. 155 Tillich, Paul. Der Mut zum Sein (de Gruyter Texte) (German Edition) (S. 129). De Gruyter. Kindle-Version. 156 Ebenda: S. 128. 157 Ebenda: S. 128f.. IV. Adiectamenta (‘Hinzufügungen’) 164 Nachwort: Die Haltung des Frankfurters Adorno als mögliches Leitbild für (u.a.) Frankfurter Schüler_innen Der Herausgeber und Hauptautor dieser Publikation zitiert hier zum Abschluss etwas aus dem Schrifttum des Frankfurters Adorno, was für ihn, selbst vor allem von Sokrates herkommend, in gewisser Weise Beschluss geworden ist, und was ausdrückt, wohin er, wie er hofft, seine Frankfurter Mitautor_inn_en und möglichst viele der Schülerinnen und Schüler, die er durch die gymnasiale Oberstufe begleiten durfte und darf, ein Stück weit führen konnte und kann – nicht nur in Fragen der Religion sowie Ethik, Philosophie und Geschichte, vielmehr ganz generell. Das Zitat markiert auch das, was der Autor Schülern und Schülerinnen sowie seinen Studierenden wie auch allen Leserinnen und Lesern wünscht: „Demgegenüber ist der kompromißlos kritisch Denkende, der weder sein Bewußtsein überschreibt noch zum Handeln sich terrorisieren läßt, in Wahrheit der, welcher nicht abläßt. Denken ist nicht die geistige Reproduktion dessen, was ohnehin ist. Solange es nicht abbricht, hält es die Möglichkeit fest. Sein Unstillbares, der Widerwille dagegen, sich abspeisen zu lassen, verweigert sich der törichten Weisheit von Resignation. In ihm ist das utopische Moment desto stärker, je weniger es – auch das eine Form des Rückfalls – zur Utopie sich vergegenständlicht und dadurch deren Verwirklichung sabotiert. Offenes Denken weist über sich hinaus. Seinerseits ein Verhalten, eine Gestalt von Praxis, ist es der verändernden verwandter als eines, das um der Praxis willen pariert. Eigentlich ist Denken schon vor allem besonderen Inhalt die Kraft zum Widerstand und nur mühsam ihr entfremdet worden. Ein solcher emphatischer Begriff von Denken allerdings ist nicht gedeckt, weder von bestehenden Verhältnissen noch von zu erreichenden Zwecken, noch von irgendwelchen Bataillonen. Was einmal gedacht ward, kann unterdrückt, vergessen werden, verwehen. Aber es läßt sich nicht ausreden, daß etwas davon überlebt. Denn Denken hat das Moment des Allgemeinen. Was triftig gedacht wurde, muß woanders, von anderen gedacht werden: dies Vertrauen begleitet V. 165 noch den einsamsten und ohnmächtigsten Gedanken. Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert. Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun. Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit. Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen. Glück ist er, noch wo er das Unglück bestimmt: indem er es ausspricht. Damit allein reicht Glück ins universale Unglück hinein. Wer es sich nicht verkümmern läßt, der hat nicht resigniert.“158 Mögen sich die Mitpublizierenden wie alle Schülerinnen und Schüler sowie Studierenden und auch alle Leserinnen und Leser das rückhaltlos kritische Denken auf ihrem Lebensweg, wie unauffällig und insgeheim auch immer, niemals ‘austreiben’ lassen! Denn die ‘Selbständigkeit im Denken’ (Theodor Ballauff) bzw. die Fähigkeit zum ‘problematisierenden Vernunftgebrauch’ (Jörg Ruhloff) dürfte dasjenige sein, was als ‘problematisch-vernünftige’ Bildung heute an der Zeit ist. Einer der auch heute noch pädagogisch wie gesellschaftlich relevantesten Gründe hierfür – und zwar in derzeit vielfach ungeahnter Aktualität – findet sich bei Adorno selbst ausgeführt: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, daß man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug. Daß man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewußt macht, zeigt, daß das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom dessen, daß die Möglichkeit der Wiederholung, was den Bewußtseins- und Unbewußtseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht. Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, daß Auschwitz nicht sich wiederhole. Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen.“159 158 Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Kritische Modelle 3. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 8731f. (vgl. GS 10.2, S. 798–799) http:// www.digitale-bibliothek. de/band97.htm. 159 Ebenda, S. 8516 (vgl. GS 10.2, S. 674). V. Nachwort: Die Haltung des Frankfurters Adorno als mögliches Leitbild 166 „[…] Das ist von keinem Lebendigen als Oberflächenphänomen, als Abirrung vom Lauf der Geschichte abzutun, die gegenüber der großen Tendenz des Fortschritts, der Aufklärung, der vermeintlich zunehmenden Humanität nicht in Betracht käme. Daß es sich ereignete, ist selbst Ausdruck einer überaus mächtigen gesellschaftlichen Tendenz.“160 „Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als dessen, was so monströs war, daß es am eigenen Tode noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern.“161 160 Ebenda, S. 9517f. (vgl. GS 10.2, S. 675). 161 Ebenda, S. 8315 (vgl. GS 10.2, S. 555). V. Nachwort: Die Haltung des Frankfurters Adorno als mögliches Leitbild 167

Zusammenfassung

Die modernen westlichen Gesellschaften sind gekennzeichnet durch religiöse Pluralität und Vielfalt. Schon damit stellt sich die Frage nach der vermeintlich wahren Religion. Ausgehend von den Fragestellungen „Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?“ widmet sich der habilitierte Pädagoge, Theologe und Philosoph Roland Mugerauer den damit einhergehenden Problemen aus christlich-theologischer, religionsphilosophischer und allgemeinphilosophischer Sicht. Zudem präsentiert der Autor im Mittelteil des Buches Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschülern zum Thema, die im Rahmen des Evangelischen Religionsunterrichts an einer hessischen Europaschule (Gymnasium) entstanden sind. Sie wurden verfasst im Kontext eines von katholischer Seite ausgeschriebenen länderübergreifenden (Italien, Österreich, Deutschland) Essaywettbewerbs, der 2018 zum Thema „Der echte Ring / vermutlich ging verloren (G.E. Lessing) – Zum spannungsreichen Verhältnis von Religion und Wahrheit“ durchgeführt wurde. Viele der enthaltenen Beiträge wurden durch die Juroren des Wettbewerbs ausgezeichnet.

References

Zusammenfassung

Die modernen westlichen Gesellschaften sind gekennzeichnet durch religiöse Pluralität und Vielfalt. Schon damit stellt sich die Frage nach der vermeintlich wahren Religion. Ausgehend von den Fragestellungen „Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?“ widmet sich der habilitierte Pädagoge, Theologe und Philosoph Roland Mugerauer den damit einhergehenden Problemen aus christlich-theologischer, religionsphilosophischer und allgemeinphilosophischer Sicht. Zudem präsentiert der Autor im Mittelteil des Buches Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschülern zum Thema, die im Rahmen des Evangelischen Religionsunterrichts an einer hessischen Europaschule (Gymnasium) entstanden sind. Sie wurden verfasst im Kontext eines von katholischer Seite ausgeschriebenen länderübergreifenden (Italien, Österreich, Deutschland) Essaywettbewerbs, der 2018 zum Thema „Der echte Ring / vermutlich ging verloren (G.E. Lessing) – Zum spannungsreichen Verhältnis von Religion und Wahrheit“ durchgeführt wurde. Viele der enthaltenen Beiträge wurden durch die Juroren des Wettbewerbs ausgezeichnet.