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II ‘Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?’–Systematisch-theologische Einführung in die Thematik in:

Roland Mugerauer

Gibt es eine wahre Religion?, page 7 - 20

Eine systematisch-theologische und philosophische Einführung samt Wettbewerbsbeiträgen von Oberstufenschülern

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4205-2, ISBN online: 978-3-8288-7164-9, https://doi.org/10.5771/9783828871649-7

Tectum, Baden-Baden
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‘Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubens‐ annahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?’– Systematisch-theologische Einführung in die Thematik Gliederung der systematisch-theologischen Themeneinführung Zunächst wird das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben (A’) Das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben) diskutiert. Hierbei sollen beiläufig die Aspekte ‘Wissenschaftscharakter der Theologie’ (a) Theologie und Wissenschaft) und ‘Hermeneutik’ (b) Die Methodenproblematik der (christlichen) Theologie) gestreift werden. Dann soll nach Fortführung der Frage des Verhältnisses von Vernunft und christlichem Glauben (A’’) Das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben (Fortführung)) über die Frage nach einer allgemeinen Offenbarung und Gotteserkenntnis (B) Die Frage nach einer allgemeinen Offenbarung und Gotteserkenntnis durch menschliche Vernunft) auf das Verhältnis der abrahamitischen Religionen eingegangen werden (C) Das Verhältnis der abrahamitischen Religionen). Subliminal10 bleibt dabei durchgängig die Wahrheitsfrage tragend und leitend. Am Schluss sollen dann auf der Basis der gewonnenen Erkenntnisse die beiden Ausgangsfragen (‘Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?’) Beantwortung finden (D) Beantwortung der beiden Eingangsfragen). Ganz zum Ende wird der ‘Gewinn’, der für einen interreligiösen Dialog erzielt wurde, knapp zusammengefasst (E) Der Gewinn für den interreligiösen Dialog). Auch bei diesem hier avisierten Vorgehen muss aber wegen des begrenzten Umfanges eine ‘Methode der Ausklammerung’ von Aspekten, die in II II.1 10 Subliminal: unterschwellig. 7 einer umfangreicheren Publikation hätten mitbehandelt werden können, statthaben. Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung Das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben Vernunft und (christlicher) Glaube werden oft in prinzipieller Opposition zueinander gesehen, gerade von religionskritischer Seite. Darauf, dass eine solche Gegenüberstellung zu einfach ist, deutet christentumsimmanent schon hin, dass der Gott, auf den sich der christliche Glaube bezieht, sich diesem Glauben gemäß als lógos geoffenbart hat, mithin als vernünftig. Tatsächlich ist das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben, ineins mit dem Verhältnis von Religion/christlicher Theologie und Wissenschaft, in der Geschichte des Christentums höchst wechselvoll gewesen, pendelnd zwischen Hermetik11 und Offenheit des Glaubens bzw. der Religion gegenüber Vernunft und Wissenschaft. Aus Gründen der Begrenzung des Umfanges wird dazu an dieser Stelle keine historisch-systematische Untersuchung durchgeführt, sondern, wie generell, die Fragestellung nur kurz exponiert und dann einer vorläufigen systematischen Klärung zugeführt: Was ist unter (christlichem) ‘Glaube(n)’ im Kern zu verstehen, was ist bei der verbreiteten Sichtweise mit ‘Vernunft’ gemeint? Wie ist das Verhältnis zwischen dem, was christlicher Glaube im Grund ist, zu dem, was die Religionskritik als ‘vernünftig’ ansieht? Zunächst zum christlichen Glauben: Christlicher Glaube hat zum Kern, dass sich in Jesus Christus Gott verbindlich gezeigt hat als die unbedingte Liebe, die sich dem Menschen zuwendet, ihn annimmt, ihn in Anspruch nimmt, und im Vertrauen auf deren endgültigen Sieg über alles, was ihr entgegensteht, der Mensch leben kann, darf und soll. Zur Vernunft: Eine zeitlos-ewige Definition dessen, was mit ‘Vernunft’ gemeint ist bzw. sein kann, scheint angesichts der Wandlungen des Vernunftbegriffes und der Pluralität gegenwärtiger Vernunftauf- II.2 A’) 11 Hier: ‘Verschlossenheit’. II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 8 fassungen wenig aussichtsreich. Stattdessen soll hier konturiert werden, was insbesondere von spätneuzeitlich-religionskritischer Seite unter ‘Vernunft’ verstanden wird, wenn sie dem Glauben entgegengesetzt wird, der als ‘unvernünftig’ bzw. ‘irrational’ bezeichnet wird, und zwar zunächst ‘ex negativo’12, indem untersucht wird, was als ‘unvernünftig’ angesehen wird. Von hier ausgehend kann dann gefragt werden, ob christlicher Glaube unter dem Maßstab eines derartigen Vernunftverständnisses tatsächlich ‘unvernünftig’ ist – und, last but not least, ob das hier zu Grunde liegende Verständnis von Vernunft, das sich in Grundsatzopposition zu christlichem, ja, jedwedem religiösem Glauben postuliert, überhaupt in sich plausibel ist. Die spätneuzeitlich-religionskritische Position lässt sich folgendermaßen konturieren: Der Glaube ist unvernünftig insofern, als er dem Wirklichkeitsverständnis des modernen Menschen widerspricht. Denn der Glaube behauptet eine über die Erfahrungswelt, wie sie durch die Sinne vermittelt wird, hinausgehende transzendente Wirklichkeit13. Speziell der christliche Glaube behauptet sogar, dass die (göttliche) Transzendenz in unsere natürliche Erfahrungswelt ‘einbricht’, u.a. in der Inkarnation Jesu Christi (‘Inszendenz aus Transzendenz’). Die empirisch erkennbare Wirklichkeit, die er funktional bzw. zweckrational gestalten kann, ist dem modernen Menschen aber schlechterdings der Inbegriff von Wirklichkeit überhaupt. Zudem erscheint der Glaube als unvernünftig, weil sich seine Behauptungen einer experimentellen, methodisch-empirischen Überprüfung entziehen. Sie sind nicht falsifizierbar, schon gar nicht verifizierbar. Ihnen kommt aber auch weder per se ein Evidenzstatus zu noch das Recht von Voraussetzungen, die man aus pragmatischen Gründen machen muss. Doch auch in den freien Diskussionen um ethisch-normative Zielvorstellungen etwa im Sinne eines (‘)vernünftigen(‘) Verhaltens im Umgang mit den wachsenden Techniken der Naturbeherrschung, also im Zusammenhang der Fragen des Zweckes, des Warum und des Wo- 12 „Vom Negativen ausgehend (das Positive bestimmend).“ 13 Von lat. transcendere: überschreiten, übersteigen; transzendente Wirklichkeit: eine Wirklichkeit, die unsere Erfahrungswirklichkeit überschreitet, die über sie hinausgeht, ‘über’ ihr ist, für uns nicht (direkt) erfahrbar ist. II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 9 zu sowie des (für uns) Guten erscheint der christliche Glaube mit seinen Behauptungen der Realität und eines Handelns Gottes unvernünftig. Nicht zuletzt erscheint der Glaube unvernünftig, da er Ausdruck einer Haltung von (infantiler) Autoritätshörigkeit und Heteronomie (heteronome Gebotsethik14) zu sein scheint. Der Glaubende scheint sich in Unmündigkeit kritiklos einer als Offenbarung postulierten, durch Tradition vermittelten Lehre zu unterwerfen. ‘Vernünftig’ wäre es demnach, das Leben autonom15, selbstständig und selbstverantwortet zu führen; sich also zu orientieren an Zielen, die frei gewählt wurden, und sich aus autoritativen Abhängigkeiten und heteronomen Gebundenheiten zu lösen; sich dementsprechend zu orientieren an Erkenntnissen und Einsichten, die allgemein in autoritäts- und herrschaftsfreien Diskursen begründbar sind; sich infolgedessen zu befreien (auch) von einschränkenden Transzendenzbefangenheiten zu Gunsten von verantworteter Selbsttranszendierung im Sinne immer größerer Selbstverwirklichung bzw. -vervollkommnung (auch in ethisch-moralischer Hinsicht) und stetig vermehrter Selbsterfüllung in der immer weiter erkenn- und gestaltbaren Erfahrungswelt, die das Gesamt der Wirklichkeit ist. Und gelingt dies nicht, sondern lebt der Mensch ‘entfremdet’ von seinem eigentlichen Wesen bzw. seiner eigentlichen ‘Vernunftbestimmung’, so ist es doch die Vernunft, die ihn aus dieser Entfremdung zu erretten hat (per Einsicht in die Entfremdung als deren (schließliche) Überwindung). So weit die Rekonstruktion der spätneuzeitlich-atheistischen Position. Was ist zu ihrer Einschätzung und Bewertung zu sagen? Steht christlicher Glaube tatsächlich in Widerspruch zu diesem ‘vernünftigen’ Standpunkt? Historisch-faktisch betrachtet tut er dies teilweise mit Sicherheit! Aber ist dies auch in systematischer Hinsicht so, d.h. muss er es? Und wenn ja, inwiefern bzw. inwieweit? Und inwiefern muss die skizzierte Vernunftauffassung evtl. revidiert werden? Hierzu ist festzuhalten: Grundsätzlich begrüßt christlicher Glaube, dass der Mensch als – gottgewollt – vernünftiges Wesen seine Vernunft 14 Heteronomie: ‘Fremdgesetzgebung’. 15 Wörtlich: ‘selbstgesetzgebend’. II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 10 dafür verwendet, die Welt zu erkennen und sie zu verändern (– selbstverständlich aber nicht zu jedem Zweck (s. nachfolgend)!)16 Wissenschaftliche Erkenntnisse, die durch den Gebrauch des Vernunftvermögens zu Stande gekommen sind, hat der Glaube zu akzeptieren, auch wenn diese, dem Charakter von Wissenschaft gemäß, vorläufiger bzw. hypothetischer Art sind – zu akzeptieren, selbst wenn sie dem Glauben ‘ungelegen’ erscheinen mögen. Diese Akzeptanz muss sich aber nicht auf die Anwendung bzw. den Gebrauch beziehen, der von diesen Erkenntnissen gemacht wird bzw. der aus ihnen folgt, etwa in (bio-/gen-/atom-)techn(olog)ischer Hinsicht. Maß und Grenze ist hier das Handeln der Liebe, das sich als Gottes Wille für die Menschen in Jesus Christus als verbindlich offenbart hat auch als Auftrag an die Menschen für die Menschen. Glaube, angemessen verstanden, ist frei von Nötigung und autoritativem Zwang, sei dieser physisch oder psychisch. Denn Glaube hat stets nicht nur den Aspekt des Glaubensinhaltes, der geglaubt wird, sondern wesentlich auch den des existentiellen Vertrauensaktes, der in Freiheit gewagt wird. Glaube ist dementsprechend auch nicht im Vorhinein argumentativ begründbar, sondern muss als vorbehaltlos-vertrauendes Sich-Einlassen ‘riskiert’ werden. Sein Gehalt bzw. seine Inhalte sind weder methodisch-empirisch überprüfbar, noch sind sie evident noch handelt es sich um Voraussetzungen, von denen erweisbar ist, dass sie aus pragmatischen Gründen notwendig sind und mithin von selbst gemacht werden. Gleichwohl gibt es für den Glaubenden so etwas wie eine subjektive ‘Bewahrheitung’. 16 Hier ist vor allem an den sog. ‘Herrschaftsauftrag’ des Menschen/an den Menschen aus Gen. 1,28 sowie 1,26 zu denken (das sog. ‘dominium terrae’). Es handelt sich hier um eine Universalisierung der sog. ‘altorientalischen Königsideologie’, nach der der König als Statthalter Gottes seine Herrschaft ausübt. Das ‘Revolutionäre’ von Gen 1,28 und Gen 1,26 besteht darin, dass der biblische Herrschafts- bzw. Schöpfungsauftrag für sämtliche Menschen gilt (die imagines Dei (‘Ebenbilder Gottes’) sind (s. Gen 1, 26f.)). Der Kontext verdeutlicht, dass mit dem Schöpfungsauftrag nicht an eine rücksichtslose Ausbeutung von Natur und Welt gedacht ist (vgl. Carl Amery: Das Ende der Vorsehung. Die gnadenlosen Folgen des Christentums, Reinbek bei Hamburg 1992), vielmehr an eine weise Regentschaft des/der Menschen (s. bes. Gen 1, 24–31 sowie Gen 2,15, wo ausdrücklich von Bebauen und Bewahren die Rede ist). II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 11 Das Verhältnis von Theologie und Wissenschaft Entsprechend lässt sich zum Verhältnis von Theologie und Wissenschaft, auch ohne an dieser Stelle definitorisch eigens näher bestimmen zu müssen, was mit ‘Theologie’ und ‘Wissenschaft’ je genau gemeint ist, hier beiläufig sagen: Insofern (christliche) Theologie auf die Erkenntnis von Wahrheit zielt und dies einseh-, nachvollzieh-, und kontrollierbar auf methodische und in sich konsistente Weise17 tut, ist sie ein Vollzug im Gebiet von Wissenschaft. Allerdings geht sie bei all ihrem Fragen, Be- und Hinterfragen wie kritischen Untersuchen von der Voraussetzung aus, dass in Jesus Christus letztgültig die Offenbarung Gottes geschehen ist. Diese ‘Glaubensprämisse’ aber ist nicht von der Art einer gewöhnlichen wissenschaftlichen Prämisse, die den Status einer überprüfbaren und revidierbaren Hypothese haben könnte. Die Grundannahme der Theologie hat unbedingten Charakter, nicht bloß hypothetisch-vorbehaltlichen.18 Dies gilt jedenfalls personal, d.h. für diejenige Person, die Theologie als Wissenschaft praktiziert, und zwar dem Inhalt nach a) 17 Konsistent: logisch widerspruchsfrei. 18 Es handelt sich hier um das, was man das ‘Grundkerygma’ (Kerygma: Botschaft) nennt, den ‘Kanon im Kanon’ (Kanon hier: Richtschnur, Richtmaß), die ‘Mitte der Schrift’. Diese ‘Mitte’ ist die Botschaft von der Heilstat Gottes in Jesus als dem Christus – wie auch immer man diese Heilstat soteriologisch-theologisch dann interpretiert (Soteriologie: Lehre vom Heil, näherhin die theologische Lehre vom Erlösungswerk Christi). Dies ist nicht im Sinne einer (Sühn-)Opfertheologie der Art zu fassen, gemäß der Gott durch den Tod eines anderen, nämlich Christi, als Opfer mit den sündigen Menschen erst (wieder) versöhnt hätte werden müssen wie ein blutrünstiger Moloch (s. z.B. 1. Joh. 4,8) (Moloch: grausame Macht, die immer wieder von Neuem Opfer verlangt und droht, alles zu verschlingen). Solch eine Theologie widerspräche sogar bereits dem biblisch-neutestamentlichen Befund, nach dem Jesu Tod zwar Sühnopfer ist, aber Gott (als ‘handelndes Subjekt’) es ist, der den ihm entfremdeten Menschen (als ‘Objekt’ dieser Handlung) aus seiner Liebe heraus mit sich versöhnt (s. z.B. bes. Röm 5,8 f. und II Kor 5,19). Dem speziellen Befund, dass Gott es ist, der versöhnt, trägt die bis in die Gegenwart wirkmächtige Satisfaktionstheologie Anselms von Canterbury (1033–1109 n. Chr.), dessen Name heute vor allem mit dem sog. ‘ontologischen Gottesbeweis’ (bzw. dem Versuch eines solchen) verbunden wird, Rechnung, wie er sie in seinem Werk Cur deus homo vorgetragen hat. Gemäß der klassisch gewordenen Satisfaktionstheologie Anselms wurden durch die Sünde des Menschen bzw. dessen Abfall von Gott (vgl. ‘Sündenfall’) Gottes Majestät und Ehre objektiv verletzt. Die Restitution (Wiederherstellung) der Ehre II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 12 (derjenige, der Theologie betreibt, muss m.E. nicht unbedingt selbst gläubig sein), und für die Theologie so lange sie Theologie ist und nicht (bloß) Religionswissenschaft. Sollte sich die die Theologie als Wissenschaft fundierende ‘Glaubensprämisse’ ihrem Inhalte nach nachweisbar als falsch erweisen, käme es zur Selbstaufhebung der Theologie als Wissenschaft. Sie könnte sich allenfalls zur Religionswissenschaft transformieren, die speziell auf das Christentum bezogen ist. Die Methodenproblematik der (christlichen) Theologie Dies zeigt sich in spezifischer Weise in der hermeneutischen Dimension: Strukturell wie methodisch unterscheidet sich das Auslegungsgeschehen in der Theologie nicht von demjenigen in anderen hermeneutischen Wissenschaften. Eine Differenz besteht jedoch in der Intention bei der Auslegung der Texte: Da angenommen wird, dass durch die menschlichen Aussagen der ausgelegten bzw. auszulegenden Glaubensurkunden der für alle Menschen zu jeder Zeit unüberholbar gültige und verbindliche Zu- und Anspruch Gottes selbst in Jesus Christus als Evangelium gegenübertritt, um wiederum Glauben zu evozieren, hat es verbindlich darum zu gehen, dass dieses Zu- und Anspruchswort im Auslegungs- und Übersetzungsvorgang als es selbst gewahrt wird, d.h., dass es mit sich selbst identisch bleibt auch und gerade, weil es um des Verständnisses willen für die Menschen der Gegenwart anders gesagt wird und werden muss als zu der Zeit, in der die ausgelegten überlieferten Texte entstanden sind. b) Gottes sei nur möglich durch eine objektive Strafe (poena) oder aber durch Wiedergutmachung (satisfactio). Da der Weg der Strafe aber die Vernichtung der ganzen Menschheit bedeutet hätte, blieb als Weg nur das Substitut, d.h. die Ersatzleistung, der satisfactio. Ein der Größe der Sünde angemessenes und entsprechendes Substitut aber konnte nicht der Mensch bzw. die Menschheit, sondern nur Gott selbst leisten. Aus diesem Grund musste Gott selbst Mensch werden um sein Leben hinzugeben als satisfaktives sühnendes Opfer für die Sünden der Menschheit. Diese Satisfaktionslehre hat einen germanisch-rechtlichen Hintergrund, d.h. ihr liegen germanische Rechtsvorstellungen zu Grunde. Diese Sühnopfertheologie beinhaltet allerdings mancherlei theologische Probleme, nicht zuletzt dasjenige der Vereinbarkeit mit dem neutestamentlichen Gesamtbefund. Eine ihrer unbestreitbaren Stärken liegt darin, dass die Heiligkeit und die Gerechtigkeit als zum Wesen Gottes gehörig gleichermaßen gewichtig genommen werden wie seine Liebe, Gnade und Barmherzigkeit. II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 13 Das Verhältnis von Vernunft und christlichem Glauben (Fortführung) Doch zurück zur Frage, inwiefern (christlicher) Glaube tatsächlich ‘unvernünftig’ ist: Glaube als rückhaltlos-vertrauensvolles Sich-Einlassen auf den liebenden Gott meint nicht Vernunftaufgabe zugunsten einer kritiklosblinden Unterwerfung unter fremde Autorität, unter heteronome Gebote und äußere, durch kirchliche Tradition übermittelte Lehrgehalte. Glaube ist zunächst und zuerst Vertrauen auf den Zuspruch und die – tatsächlich ‘autoritative’ (!) – Zusage Gottes an den Menschen in Jesus Christus. Alles andere, was gemäß theologischer und kirchlicher Lehre ‘zu glauben ist’, hat in dieser Zusage Grund und Maß. Gerät dies in Vergessenheit, depravieren Glaube, Theologie und kirchliche Lehre – multa sunt exempla!19 Glaube wird zum vernunftwidrigen Fürwahrhalten autoritativer Setzungen. Glaube als solch rückhaltlos-vertrauensvolles Sich-Einlassen ermutigt gerade dazu, vernünftig und mündig zu erkennen, was der Liebeszusage Gottes an den Menschen entspricht und was dieser entgegensteht, und Vorschriften und Gebote an diesem Gültigkeitsmaßstab zu messen. Dies widerstreitet jedweder infantilen Hörigkeit, in der die Gläubigen kirchlicherseits und von Seiten der weltlichen Obrigkeit(en) gehalten würden, ja relativiert deren Anspruchsberechtigungen. Gleichwohl sei der Religionskritik zugestanden: Auch hierfür gibt es viele Beispiele! Weiterer Widerspruch zum spätneuzeitlich-religionskritischen Vernunftverständnis von der Seite des Glaubens ist anzumelden, wo – aus der Sicht des Glaubens – eine Vernunftüberforderung und auch -überhebung vorliegt: Aus der Sicht des Glaubens ist der Mensch mit seiner Vernunft nicht dazu imstande, sich aus seiner ‘Verkehrung’ bzw. Entfremdung zu befreien und seine Wesens- und Zielbestimmung aus eigener Kraft zu realisieren, sondern hierfür muss er sich vertrauend auf das einlassen, was er sich mit seiner Vernunft und aus ihr heraus nicht selbst sagen kann: auf die Botschaft des Evangeliums, die den Ge- A’’) 19 „Viele sind die Beispiele!“ „Es gibt viele Beispiele!“ „Viele Beispiele können angeführt werden!“ II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 14 brauch der Vernunft fundiert und ausrichtet. Desgleichen ist der Mensch demgemäß nicht imstande zur Selbstsetzung von Sinn und Ziel seines Daseins per Vernunft. Bedingter Widerspruch ist anzumelden, was das Wirklichkeitsverständnis anbelangt: Der Glaube verlangt nicht unabdingbar die Annahme einer anderen Wirklichkeit vor, über und/oder nach der Wirklichkeit, in der der Mensch lebt. Denn Gott in seiner Wirklichkeit kann verstanden werden als der unbedingte Liebeswille, der in dieser Wirklichkeit präsent ist und bleibt, ihr Grund ist und ihr Ziel, Richtung und Sinn gibt, nicht etwa als eine von ihr abgeschiedene Größe, die für sich seiend wäre. Das Offenbarwerden dieses die Wirklichkeit tragenden, ihr immanenten unbedingten Liebeswillens in Jesus Christus muss nicht verstanden werden als ‘Inszendenz aus Transzendenz’ (s.o.), nämlich als das Durchbrechen eines Immanenzzusammenhanges der menschlichen Wirklichkeit von einem ‘Anderswoher’ aus. Es kann aufgefasst werden als das Zum-Vorschein-Kommen von etwas in unserer Wirklichkeit stets verborgen Gegenwärtigem. Dies bedeutet allerdings (gleichwohl), dass die spätneuzeitlich-religionskritische Wirklichkeitsauffassung aus der Perspektive des Glaubens nicht angemessen ist, da sie als Wirklichkeit nur anerkennt, was empirisch erkennbar ist, jedenfalls aber selbst für eine derartige ‘Immanenztranszendenz’ eines der einen Wirklichkeit immanenten, sie tragenden und auf eine Vollendung leitenden (‘Reich Gottes’) göttlichen Liebeswillens keinen Raum lässt. Die Frage nach einer allgemeinen Offenbarung und Gotteserkenntnis durch menschliche Vernunft Damit ist im Grunde die Frage einer allgemeinen Offenbarung (revelatio generalis) und Gotteserkenntnis durch die menschliche Vernunft berührt, wie sie u.a. in der theologischen Tradition auf der Grundlage insbes. von Röm. 1,18ff.; 2,14f.; Act. 14,16f.; 17,22–27 gestellt und behandelt wurde im Sinne einer in der menschlichen Vernunftnatur generell fundierten Möglichkeit einer wahren, obgleich nicht hinlänglichen, gebrochenen und noch nicht zum Heil führenden Gotteserkenntnis, die der Offenbarung Gottes in Jesus Christus vorhergeht, B) II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 15 aber durch die Sünde in den ‘Götzendienst’ heidnischer/außerchristlicher Religionspraxis verkehrt wurde und wiederzubeleben sei. Festzuhalten ist in unserem Zusammenhang lediglich: Der originären universalen Selbstbekundung Gottes in den Werken seiner Schöpfung (Röm 1,19ff.) entspricht gemäß dem neutestamentlichen Befund kein, und sei es auch nur fragmentarisches, echtes menschliches Erkennen Gottes als Ergreifen des Heiles als menschliche Antwort (s. bes. Röm 1,21ff.). Die heidnische Religion ist nicht als Vorstufe christlicher Religion zu affirmieren20. Das Verhältnis der abrahamitischen Religionen Die Frage nach einer allgemeinen, natürlichen Gotteserkenntnis, mithin einer ‘natürlichen Theologie’ (theologia naturalis) sei damit hier beiseite gestellt zu Gunsten einer Behandlung der christlichen Religion, die der Christ als ‘wahre’ Religion glaubt und glaubend erfährt, in ihrem Verhältnis zu den anderen (insbes.) monotheistischen wie abrahamitischen Religionen, ihren Beanspruchungen von Gottesoffenbarung außerhalb der Christusoffenbarung sowie ihren Wahrheitsansprüchen. Wie ist aus christlicher Sicht deren außerchristliche Rede von Gott und deren Beanspruchung von Gottesoffenbarung zu bewerten im Blick auf ihren Grund und ihre Wahrheit? Äußert sich in ihnen aus christlicher Sicht so etwas wie eine ‘Vorahnung’ des ‘wahren Gottes’ – an die dann aus christlicher Sicht angeknüpft werden könnte und auch ‘missionarisch-verkündigend’ anzuknüpfen wäre? Oder aber äußert sich in ihnen, recht verstanden, die Frage nach dem wahren Gott, die sich selbst jedoch bereits als Antwort missversteht – die dann als (bloße) Frage aufzudecken wäre, auf die dann die ‘richtige’ (christliche) Antwort zu erfolgen hätte? Oder sind die anderen monotheistischen abrahamitischen Religionen zu verstehen als Manifestations- bzw. Offenbarungsformen desselben Gottes, allerdings in unvollkommener und damit über sich selbst und folglich auf die Christusoffenbarung hinausweisender Form – im Falle des Judentums: vorausweisend, im Falle des Islam: zurückweisend C) 20 Von lat. affirmare: bejahen, bekräftigen. II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 16 auf die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus? Das Selbstmissverständnis dieser beiden Religionen läge dann darin, dass sie für sich selbst bereits im Wesenskern vollendete Gottesoffenbarung und (vom Grunde her) vollständige Gotteserkenntnis beanspruchen. Liegt in all dem aber nicht (wenigstens) neben einer gewissen Würdigung dieser beiden Religionen auch eine deutliche Abwertung beider? Folgendes kann und muss aus christlicher Sicht aber festgehalten werden: Entsprechend dem neutestamentlichen Befund, nämlich gemäß dem Zeugnis von Jesus Christus als Evangelium Gottes für alle Menschen, kann der christliche Glaube nicht abrücken von der universalen Bedeutung und Gültigkeit der Offenbarung Gottes in Jesus Christus – auch nicht gegenüber den anderen beiden abrahamitischen Religionen. Die Offenbarung des Gottes, an die der Christ glaubt, ist das Wort Gottes an alle Menschen! Diese universale Bedeutung ist allerdings nicht rational er- und beweisbar (etwa durch vergleichende Religionsanalyse), sie kann nur geglaubt und glaubend erfahren werden (wagend vorbehaltloser Einsatz von Vertrauen, s.o.). Von hier ausgehend kann das Verhältnis des christlichen Glaubens in seinem Wahrheitsanspruch zu den beiden anderen Abrahamsreligionen und ihren Gültigkeitsansprüchen näher bestimmt werden: Es wäre christlicherseits eine Anmaßung zu behaupten, in anderen Religionen könnten nur falsche Vorstellungen von Gott vertreten werden. Zwar ist stets kritisch zu prüfen, ob diejenigen Vorstellungen von Gott, die in den beiden anderen monotheistischen Religionen vertreten werden, der Offenbarung Gottes in Jesus Christus nicht widersprechen. Doch gilt dies in gewisser Weise für die im Christentum und dessen Theologie/n vertretenen Gottesvorstellungen selbst: Inwiefern sind sie wirklich dem in Jesus Christus als sich für alle Menschen als Evangelium offenbarenden Gott und seinem universalen Liebeswillen gemäß? Es liegt im Ermessen Gottes selbst, den Inhalt seiner Selbstmitteilung, nämlich seinen Heilswillen, auch in anderen Religionen (selbst über die Abrahamsreligionen hinaus) fühlbar, sichtbar und erkennbar werden zu lassen, also auch außerhalb seiner verbindlichen und II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 17 letztgültigen Offenbarung dieses Willens in der Gestalt Jesus Christus (die, so ist anzunehmen, nicht die (zeitlich) letzte und/oder einzige Manifestation dieser Liebe bleiben wird, ist und war). Der Christ/die christliche Theologie hat sich hier in Bescheidenheit zu üben und sich vorschneller Behauptungen zu enthalten hinsichtlich dessen, was er/sie nicht weiß und nicht wissen kann. Erstrebenswert ist hier die Haltung einer ‘gelehrten Unwissenheit’ (docta ignorantia, vgl. Nikolaus von Kues).21 Dies bedeutet zugleich und nicht zuletzt, dass der Christ/die christliche Theologie nicht behaupten kann und sollte, dass Nichtchristen/innen nicht zum Heil gelangen können. Denn auch hier gilt: Es liegt bei Gott, ob er Menschen, die nicht die Chance einer bewussten Entscheidung per Begegnung mit seinem Zuspruch in Jesus Christus haben, mit seiner Liebe begegnet und ihnen so ‘widerfährt’.22 21 Es geht Nikolaus von Kues hier um das Wissen von der Unbegreiflichkeit Gottes. Alles endliche Wissen führt letztlich auf diese Unbegreiflichkeit Gottes hin. In der Gotteserkenntnis geht es darum, Wissen über das eigene Nichtwissen zu erlangen, mithin über sich selbst belehrte Unwissenheit. Sprechen könnte man, die angerissenen Fragen betreffend, auch von der Angemessenheit einer diesbezüglichen sokratisch-skeptischen Problemkompetenz als problemqualifiziertes Nichtwissen und deren Erwerb im Verlauf philosophisch-theologischer Studien. 22 Im Blick auf die Frage nach der Vielfalt der Religionen aus christlicher Perspektive und der Bedeutung der nichtchristlichen Religionen im Heilsgeschehen wird hier also weder die Position eines ‘Heilsexklusivismus’ bezogen, wie er durch die christlichen Kirchen und Konfessionen über Jahrhunderte hinweg vertreten wurde („Extra ecclesiam salus non est!“: „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil!“) und fundierend für die christliche Mission gewesen ist (und für die katholische Kirche („Extra ecclesiam (catholicam)…!“) seit der Allgemeinen Kirchenversammlung in Florenz (1438–1445) sogar – wenn auch stets kontroverses – Dogma). Andererseits wird auch kein ‘religiöser Pluralismus’ der ‘Gleich-Gültigkeit’ bzw. ‘- Wertigkeit’ im Offenbarungs- und Heilsgeschehen vertreten, deren Vordenker vor allem der Religionsphilosoph John Hick (1922–2012) gewesen ist, sondern die Position eines in der dargelegten Weise ‘offenen’ (oder, wenn man so will: ‘schwachen’) religions- und heilsgeschichtlichen ‘Inklusivismus’ – wenn man denn überhaupt die Unterscheidung ‘Exklusivismus – Inklusivismus – Pluralismus’ für sachadäquat und hinreichend differenziert sowie eine derartige Ein- bzw. Zuordnung für sinnvoll hält. II Systematisch-theologische Einführung in die Thematik 18 Beantwortung der beiden Eingangsfragen Die beiden Eingangsfragen lassen sich nun knapp beantworten wie folgt: „Gibt es eine wahre Religion?“ „Ja, die christliche! Aber auch den anderen Religionen ist Wahrheit nicht von vorneherein abzusprechen, selbst wenn für sie die Gottesoffenbarung in Jesus Christus nicht fundierend ist!“ „Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?“ „Über die o.a. unaufgebbare Grundannahme christlichen Glaubens, die Grund und Maß ist, hinaus denjenigen, die als dem Zuspruch und Anspruch des sich in Jesus Christus bekundenden Liebeswillens Gottes für den Menschen als Evangelium entsprechend bzw. mit ihm im Einklang stehend vernünftig einsichtig und verstehbar gemacht werden können – ob sie nun innerchristlich oder aber außerchristlich aufgestellt werden!“ Der Gewinn für den interreligiösen Dialog Eine auf den Antworten auf diese beiden Eingangsfragen basierende Haltung kann aus christlicher Sicht die Ausgangsposition sein für einen durch Offenheit geprägten, von Toleranz und Akzeptanz getragenen, friedlichen und fruchtbaren interreligiösen Dialog insbesondere mit den beiden anderen monotheistischen abrahamitischen Religionen, die, trotz aller Konflikte in Geschichte und Gegenwart, mit dem Christentum, genau besehen, doch so viel verbindet! D) E) II.2 Durchführung der systematisch-theologischen Themeneinführung 19

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Zusammenfassung

Die modernen westlichen Gesellschaften sind gekennzeichnet durch religiöse Pluralität und Vielfalt. Schon damit stellt sich die Frage nach der vermeintlich wahren Religion. Ausgehend von den Fragestellungen „Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?“ widmet sich der habilitierte Pädagoge, Theologe und Philosoph Roland Mugerauer den damit einhergehenden Problemen aus christlich-theologischer, religionsphilosophischer und allgemeinphilosophischer Sicht. Zudem präsentiert der Autor im Mittelteil des Buches Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschülern zum Thema, die im Rahmen des Evangelischen Religionsunterrichts an einer hessischen Europaschule (Gymnasium) entstanden sind. Sie wurden verfasst im Kontext eines von katholischer Seite ausgeschriebenen länderübergreifenden (Italien, Österreich, Deutschland) Essaywettbewerbs, der 2018 zum Thema „Der echte Ring / vermutlich ging verloren (G.E. Lessing) – Zum spannungsreichen Verhältnis von Religion und Wahrheit“ durchgeführt wurde. Viele der enthaltenen Beiträge wurden durch die Juroren des Wettbewerbs ausgezeichnet.