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III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema in:

Roland Mugerauer

Gibt es eine wahre Religion?, page 21 - 96

Eine systematisch-theologische und philosophische Einführung samt Wettbewerbsbeiträgen von Oberstufenschülern

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4205-2, ISBN online: 978-3-8288-7164-9, https://doi.org/10.5771/9783828871649-21

Tectum, Baden-Baden
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Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema Ein kontroverses, aber fruchtbares Gespräch von Ben Pfeiffer und Hannah Kraft (mit Anregungen von Melitta Vögeding) Neben dem Christentum stammen ihrem Selbstverständnis nach sowohl der Islam als auch das Judentum von Abraham ab, sind also abrahamitische Religionen. Trotz dieses als gleich angenommenen Ursprungs gibt es heute große Unterschiede zwischen den Weltreligionen, welche sich in diversen Facetten zeigen. Durch die teilweise widersprüchlichen Annahmen stellt sich früher oder später zwangsläufig die Frage: „Welche dieser Religionen ist die wahre Religion; was ist die Wahrheit?“ Der Begriff ‘Wahrheit’ selbst stellt schon die erste Hürde dar: Wie genau ist er zu definieren? Als wir uns diese Frage gestellt haben, kam uns als erstes die Definition „Wahrheit ist, was man mit Fakten beweisen kann.“ in den Sinn. Doch mit Blick auf die Philosophie sieht man schnell, dass dies doch nicht so einfach zu sein scheint. Die verschiedenen Vorstellungen reichen von „Wahrheit als Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand“, „Wahrheit als Übereinstimmung des Denkens mit seinen eigenen, logisch zwingenden Gesetzen“ bis „Wahrheit als Ausdruck der Macht“. Schnell wird deutlich, dass diese Frage nur schwer zu beantworten ist. Im folgenden Dialog unterhalten sich Person A und Person B über die Frage nach der wahren Religion. Person A vertritt dabei den Standpunkt, dass es eine wahre Religion gibt, während Person B die Gegenseite beleuchtet. Person B: Ich habe zu Anfang erst ‘mal eine Frage, um eine Grundlage zu schaffen: Wie definierst du christlichen Glauben für dich? Person A: Das ist nur schwer auf ein paar Sätze herunter zu brechen, aber um wirklich den Kern zu beschreiben würde ich sagen, dass die Liebe Gottes zu den Menschen grundlegend ist. Jesus III. III.1 21 Christus ist als ein Ausdruck dieser Liebe zu uns gekommen, um zu zeigen, dass Gott hinter uns steht und uns in unserem Dasein unterstützt. Person B: Und wie bringst du diese Glaubenseinstellung mit der Vernunft in Verbindung? Ich würde sagen, die Vernunft beschreibt die Fähigkeit des Menschen, durch Erfahrungen, methodisch gesicherte Beobachtung und weitere objektive Variablen Schlussfolgerungen zu ziehen und entsprechend ein Wirklichkeitsverständnis zu entwickeln. Person A: Ich denke, es ist schwierig ‘Vernunft’ zu definieren, da sich das Verständnis in der Geschichte immer wieder verändert hat – und auch heute gibt es viele unterschiedliche Vorstellungen davon. Person B: Stimmt, auch das Verhältnis zwischen christlichem Glauben und Vernunft hat sich über die Jahre oft verändert. Während die Religion und die Theologie für die Wissenschaften teilweise recht offen waren, gab es auch zeitliche Perioden, in welchen Hermetik im Vordergrund stand. Wir sollten uns, um bei unserer Klärung weiter zu kommen, mehr auf die spätneuzeitliche Seite beziehen, welche auch die Grundlage der Religionskritiker ist: Der Glaube bezieht sich demnach schlichtweg nicht auf das heutige Wirklichkeitsverständnis. So gesehen ist der Glaube also unvernünftig: Denn hier wird eine transzendente Wirklichkeit angenommen, und zugleich wird durch die Inkarnation Jesu in die unsere eingedrungen. Person A: Aus der religionskritischen Perspektive ist dies nachvollziehbar, da man hier vom Negativen ausgeht und nur herausarbeitet, was unvernünftig sei. Betrachtet man allerdings die andere Seite, muss als erster Widerspruch genannt werden, dass Gott sich von vornherein als Logos, also vernünftig, gezeigt hat. Person B: Und dennoch erscheint uns ein solches angesprochenes Handeln eines Gottes unvernünftig. Dazu kommt noch, dass keine Behauptungen des Glaubens in irgendeiner Weise überprüft werden, was mich den direkten Zusammenhang von Glaube und Vernunft in Frage stellen lässt. Ein weiterer, in meinen Augen wichtiger Punkt ist, dass der Glaube auf Heteronomie beruht. Über Traditionen hinweg stellt niemand diese Fremdgesetzgebung in Frage. Ich III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 22 denke, es wäre vernünftig, selbstständiger zu leben, und nach für einen selber sinnvollen Gesetzen. Das Ziel ist es also, sich selber zu verwirklichen und zu erfüllen, um sich so eine humane Wirklichkeit zu schaffen. Im Falle des Versagens ist es dann schließlich die Vernunft, die einen rettet, und nicht der Glaube! Person A: Betrachtet man manche historische Fakten, hast du mit Sicherheit Recht, dennoch denke ich, dass man diese Auffassung von Vernunft teilweise etwas abändern sollte. Denn der christliche Glaube steht dem vernünftigen Denken nicht im Weg, er unterstützt es sogar! Und auch wissenschaftliche Erkenntnisse werden von der Religion akzeptiert bzw. sollten es jedenfalls. Hier komme ich wieder zurück auf den Kern des christlichen Glaubens, der Liebe Gottes zu den Menschen, denn in diesem Rahmen handeln wir. Der Glaube an sich sollte frei sein von Nötigung und obligatorischem Zwang, egal ob psychisch oder physisch, da der Glaube nicht nur auf dem Inhalt des Glaubens, sondern auch auf einer ernsthaften Vertrauensbasis gründet, und dieser in Freiheit gewählt wird. Deshalb muss sich jeder persönlich und selbst auf den Glauben einlassen und etwas dabei ‘riskieren’, da seine Grund-Inhalte sich wissenschaftlicher Erforschbarkeit und Beweisbarkeit entziehen. Dies spiegelt sich auch in der Beziehung von Theologie und Wissenschaft wider, da die Wissenschaft Thesen als revidierbar annimmt, die Grundannahmen der Theologie jedoch charakteristisch für die Theologie und somit nicht revidierbar sind. Person B: Aber dann bedeutet, einem Glauben anzugehören ja, sich ihm völlig blind und kritiklos zu unterwerfen und sich quasi bedingungslos einer fremden Autorität hinzugeben? Also ich weiß ja nicht, wie du damit klarkommst, aber ich finde das, ehrlich gesagt, einfach nur unvernünftig! Person A: Glaube als rückhaltlos-vertrauensvolles Sich-Einlassen heißt nicht, kritiklos zu sein gegenüber Inhalten, die von religiösen institutionellen Instanzen, wie zum Beispiel der Kirche, vermittelt werden. Glaube ist das Vertrauen in die Zusagen Jesu Christi! Wenn man das vergisst, wird der Glaube zur blinden Ausführung dessen, was andere Menschen von einem verlangen. Wer das weiß, wird solche Ansprüche immer an Gottes Wort messen und entgeht III.1 Ein kontroverses, aber fruchtbares Gespräch 23 so einer kindlichen Hörigkeit von kirchlicher und weltlicher Seite, die sich auf den Glauben berufen. Person B: Findest du das nicht trotzdem irgendwie riskant und unvernünftig, sich alles vorschreiben zu lassen? Person A: Naja, dazu ist von Seiten des Glaubens klarzustellen, dass es grade das Wesen des Glaubens ist, anzuerkennen, dass der Mensch den letzten Fragen nicht nur mit Vernunft beikommen kann. Die entscheidenden Fragen der Existenz des Menschen übersteigen seine bloße Intelligenz. Zudem verlangt der Glaube nicht, dass man sich dieser Wirklichkeit entzieht und sich quasi einfach einer anderen Welt hingibt. Person B: Also verlangt der Glaube nicht, dass man sich eher einer anderen Welt hingibt und die Realität sozusagen außer Acht lässt? Wie schon am Anfang erwähnt, wäre dies nämlich ein Zeichen der Unvernunft laut meiner Definition. Person A: Ganz und gar nicht. Der Glaube verlangt von niemandem eine, sagen wir ‘mal, außerhalb der Lebenswirklichkeit liegende, von ihr getrennte Welt anzunehmen. Denn man kann auch die Auffassung hegen, dass Gott Synonym ist für den unbedingten Liebeswillen, der sich in dieser Welt manifestiert und den Handlungen Richtung geben kann, ohne Befehl oder Anweisungen aus einer jenseitigen Sphäre. Gott ist somit quasi das Aufbrechen von etwas in unserer Welt als ihr Grund Vorhandenem. Das sagt auch, dass das spätneuzeitlich-religionskritische Vernunftverständnis deshalb nicht angemessen ist, weil es zur Erklärung des Glaubens nur Dinge anzuerkennen bereit ist, die wissenschaftlich und empirisch-vernünftig sind, und dabei außer Acht lässt, dass Gott und Religion sich im Jenseits dieser wissenschaftlich-empirischen Vernunft bewegen müssen. Person B: Okay, ich glaube, ich verstehe deine Ansichten bezüglich des Verhältnisses von Vernunft und Glauben so weit. Lass mich unser Gespräch jetzt ‘mal in eine andere Richtung lenken, denn da gibt es etwas, was ich mich dann doch noch fragen muss. Person A: Ja, das ist eine gute Idee! Ich versuche gerne, dir den christlichen Glauben näher zu bringen! Person B: Die Schöpfung ist ja auch in außerchristlichen Religionen eine Thematik von großer Bedeutung – und auch, wenn es in III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 24 der Bibel nicht an allzu vielen Stellen erwähnt wird, so muss ich jetzt doch darauf eingehen, dass nach Paulus sich Gott in der Schöpfung selbst offenbart. Person A: Ja, du spielst quasi auf die sogenannte Selbstbekundung Gottes in den Werken seiner Schöpfung an! Siehst du dort ein Problem? Person B: Das Wort ‘Problem’ ist sehr negativ konnotiert. Ich würde lieber sagen, dass mir etwas nicht klar wird. Denn auch in den von mir bereits erwähnten außerchristlichen Religionen wird die Schöpfung erkannt und somit ja auch Gott; trotzdem entstehen aus dieser Erkenntnis heraus dem Christentum nach nur Götzendienste. Wie kann das sein? Person A: Darauf gebe ich dir gerne eine Antwort. Die Menschen haben nämlich von vorneherein nicht Gott in der Schöpfung erkannt. Sie sahen die Schöpfung selber als Gottheit an und sprechen die göttliche Allmacht so indirekt von Gott ab, da sie diesen nicht in der Schöpfung erkannt haben. Das zeigt im Übrigen auch, warum die heidnische Religion keine Vorstufe der christlichen Religion ist. Person B: Jetzt haben wir bisher ja nur von der christlichen Religion gesprochen, aber eigentlich interessiert mich ja auch der Umgang der christlichen Religion mit den anderen Religionen im Besonderen. Lass’ uns über die anderen abrahamitischen Religionen reden. Diese zeigen schließlich auch Wahrheitsansprüche in Bezug auf ihre Religion und erfahren die Gottesoffenbarung auch ohne die Christusoffenbarung. Person A: Das ist eine Thematik, deren Grundfrage durch verschiedene Modelle abgehandelt wird. Ich würde dir gerne ein besonderes nahebringen, dem ich am meisten zustimme. Person B: Das würde ich sehr gerne hören. Person A: Für uns im Christentum ist die Gottesoffenbarung in Jesus Christus von besonderer Bedeutung. Dadurch, dass die anderen Religionen die Gottesoffenbarung nicht aus dieser Christusoffenbarung erfahren beziehungsweise diese nicht in ihre Erfahrungen der Gottesoffenbarung fundiert einbeziehen, kann ihnen hier nicht die volle Wahrheit zugesprochen werden. Dennoch sind in ihnen Offenbarungsformen desselben Gottes vorhanden. Durch Nichteinbe- III.1 Ein kontroverses, aber fruchtbares Gespräch 25 ziehen der Christusoffenbarung liegen diese allerdings noch in quasi unvollkommener Form vor. Kurz gesagt, sie scheinen also die Frage nach der Gottesoffenbarung für sich richtig beantwortet zu haben. Das Problem liegt jedoch darin, dass sie zwar die richtige Frage stellen, doch ihre Antwort ist noch nicht die richtige. Das Christentum jedoch hat diese Antwort durch die Christusoffenbarung gefunden. Person B: Ich kann deiner Argumentation zwar folgen, aber wertest du damit nicht die anderen Religionen auf eine leicht arrogante Weise ab? Person A: Ich verstehe, worauf du hinauswillst, aber dem kann ich nicht ganz zustimmen. Dem Judentum und dem Islam wird schließlich durchaus Wahrheit zugesprochen und sie werden somit gewürdigt, allerdings haben sie die Wahrheit noch nicht vollends erkannt. Person B: Du würdest also sagen, dass die Offenbarung Gottes in Jesus Christus ein zentraler Bestandteil der Selbstoffenbarung Gottes ist? Person A: Ja, auf jeden Fall! Das ist besonders wichtig, da durch Jesus Christus ja alle Menschen durch Gott erreicht werden und diese Christusoffenbarung dem Christentum und dem Gott der abrahamitischen Religionen somit seine universale Bedeutung zuspricht. Deswegen ist quasi zu prüfen, ob die Vorstellungen der anderen beiden Religionen der Offenbarung Gottes in Jesus Christus widersprechen, um deren Wahrheitsansprüche bestätigen zu können. Person B: Sollte man sich dabei nicht erst einmal selber an die Nase fassen? Wer sagt, dass in allen Formen des Christentums dies der Fall ist? Person A: Das ist natürlich klar, denn auch das Christentum in sich widerspricht sich in manchen seiner früheren und wohl auch jetzigen Formen mit den eigentlichen, richtigen Vorstellungen. Deswegen muss sich das Christentum auch selbst prüfen! Person B: Warum sollte dann dem Christentum die volle Wahrheit zugesprochen werden, wenn es selbst nicht die ‘Anforderungen’ erfüllt? Person A: Zwar kann einzelnen Formen des Christentums nicht die volle Wahrheit zugesprochen werden, aber dem Christentum III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 26 als Ganzes schon, denn dem, was das Christentum übergreifend ausmacht, kann Wahrheit zugesprochen werden! Aber was du wissen musst, ist auch, dass es in der christlichen Theologie keineswegs heißen muss, man müsse den anderen abrahamitischen Religionen und sogar anderen Religionen ihre Fehler vorführen und den richtigen Glauben aufzwingen! Als wahrer Christ muss nämlich auch das Vertrauen in Gott da sein, der sich auch dort offenbaren kann und die Menschen seinen Liebeswillen fühlen lässt. Person B: Das ist für mich eine sehr vorbildhafte Einstellung! Somit sind dann auch Nichtchristen nicht vom Heil durch Gott ausgeschlossen? Person A: Genau richtig, denn nur Gott selber entscheidet, wem er mit seiner Liebe widerfährt, da auch nicht jeder ihm bewusst durch Jesus begegnen kann! Person B: Okay, da konntest du mich wirklich weiterbringen! Auch wenn ich nicht gläubig bin, kann ich jetzt Einiges sehr viel besser nachvollziehen und fühle mich dem Christentum nähergebracht. Person A: Das freut mich! Für mich ist und bleibt der christliche Glaube die Religion, die den vollen Wahrheitsanspruch erfüllt. Person B: Trotzdem tragen auch die anderen Religionen Wahrheit in sich. Person A: Ja, genau, schließlich verbindet die drei abrahamitischen Religionen auch Vieles. Ein Streitgespräch am Essenstisch von Hannah Politycki und Alanys de Thoré Maria: Mutter von Jona, Tochter von Richard, streng katholisch Jona: Kind ca. 8 Jahre, katholisch erzogen Richard: Vater von Maria, atheistisch → religionskritisch III.2 III.2 Ein Streitgespräch am Essenstisch 27 Sarah Rosenthal: jüdische Freundin von Maria Am Essenstisch Jona: Mama, Opa hat schon angefangen zu essen, wir haben doch noch gar nicht gebetet! Maria: Roland, würdest du bitte noch auf uns mit dem Essen warten?! Opa grummelt, Maria und Jona falten die Hände. Maria: Danke Herr, dass du uns dieses Essen geschenkt hast und uns tagtäglich behütest. Maria und Jona: Amen! Richard: Endlich können wir anfangen! Jona: Betest du nicht vor dem Essen? Es ist doch wichtig sich bei Gott zu bedanken. Er macht ja so viel für uns und liebt uns sehr! R.: Und du glaubst immer noch an Gott? Zynisch zu Jona. M.: Ach komm schon Richard! Fang jetzt bitte nicht wieder damit an! R: Ich werde damit immer wieder anfangen, denn du gibst diese Werte an meinen Enkel weiter! Das will ich nicht dulden! Das ist unvernünftig! M: Also bitte, ob das vernünftig ist oder nicht, steht hier doch gar nicht als Frage! R: Oh doch, das tut es! J: Könnt ihr bitte aufhören zu streiten!? Über was redet ihr überhaupt? M: Dein verbitterter alter Großvater meint, dass es Gott nicht gäbe und die Religion unvernünftig sei. R: Meinen? Dass es Gott nicht gibt, das ist ein Fakt! Naturwissenschaft, das ist Empirie, das kann man beweisen! Aber Gott? Glaube widerspricht schlichtweg dem Wirklichkeitsverständnis des modernen Menschen. Er lässt sich weder beweisen noch überprüfen, fertig! Da gibt es doch nichts zu diskutieren, Maria! M: Natürlich gibt es Gott! Was meinst du denn, wer uns sonst so ein wunderbares Geschenk wie das Leben und unsere gegenseitige Liebe hätte schenken können? III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 28 Richard verdreht die Augen. J: Gott gibt uns Hoffnung! Und später, wenn wir alt sind und sterben, werden wir es bei Gott im Himmel gut haben! M: Das hast du schön gesagt, Jona! R: Dein Verhalten, Tochter, ist ja ‘mal mindestens genauso infantil wie das deines Sohnes! Ich kann immer noch nicht glauben, dass du so leichtgläubig so etwas glaubst! M: Infantil?! Vater, jetzt halt mal den Ball flach! Richard unterbricht Maria. R: Dein Verhalten ist doch bloß ein Ausdruck einer Haltung von Autoritätshörigkeit und Auslieferung an Fremdgesetzgebung. Das ist unvernünftig! Ich weiß nicht, wie oft ich dir das schon gesagt habe! M: Religion schließt doch kein selbstbestimmtes Leben aus! Ich kann schließlich auch selbstbestimmt entscheiden, ob ich dieses Leben mit Gott leben möchte, oder eben nicht. Und das will ich! Und nur weil Jona und ich jede Woche zum Gottesdienst gehen, übergeben wir keinerlei Verantwortung an eine Autorität! Ich denke, du beziehst dich hier auf die Kircheninstitution. J: Hört auf zu streiten! Ich habe zwar gerade nicht mehr alles verstanden, aber Großvater, du kannst doch ‘mal wieder mit uns sonntags in die Kirche gehen! Du warst schon so lange nicht mehr mit uns, bitte, bitte, bitte! Jona schaut seinen Großvater mit großen Augen an. R: Mein Schatz, darüber können wir doch ein anderes Mal reden. M: Was dein Großvater sagen möchte, ist, dass er nicht mitkommen möchte. J: Warum denn das? Opa, magst du Gott nicht? Möchtest du ihm nicht danken? M: Großvater glaubt doch nicht, dass es Gott gibt. R: Ich würde eher sagen IHR glaubt, dass es Gott gibt. Ihr glaubt es. Ich weiß es. Und zwar, dass es KEINE höhere Gewalt gibt. Wissenschaftliche Ergebnisse, das wissen wir. Gott, das ist etwas, was empirisch NICHT überprüfbar ist. Da sag’ nochmal, ich würde glauben! III.2 Ein Streitgespräch am Essenstisch 29 M: Ja, du hast Recht, Gott ist nicht wissenschaftlich beweisbar, das ist aber kein Grund… Richard unterbricht sie. R: Ich weiß, Gott hat sich uns durch Jesus Christus offenbart, durch den Gottes Liebe zum Menschen und die Nächstenliebe verkörpert wurde. Das Argument bringst du immer. M: Das wird mir jetzt hier grade zu blöd! Komm Jona, wir gehen den Tisch abräumen und dann bettfertig machen. Jona und Maria stehen vom Tisch auf und gehen in die Küche. J: Ich mag das nicht, wenn ihr euch immer streitet! Er blickt seine Mutter traurig an. M: Das hat nichts mit dir zu tun, Jona. Es gibt nun ‘mal Menschen, die nicht an Gott glauben. Opa zum Beispiel glaubt auch nicht, dass es einen Gott gibt. Deswegen versteht er es dann nicht, warum wir daran glauben. J: Aber warum glaubt er denn nicht an Gott? M: Opa sagt, man kann Gott nicht ‘beweisen’. Das meint er mit „empirisch nicht überprüfbar“. Viele Menschen glauben nur das, was sie sehen, und Gott kannst du eben nicht sehen. J: Mama, aber woher wissen wir denn dann, dass es Gott gibt? Warum glauben wir denn? M: Weil es so in der Bibel steht, mein Schatz. Gott hat sich durch Jesus Christus offenbart und das ist doch grade das Besondere an der Religion. Wir vertrauen in Gott und wir vertrauen darauf, dass er immer bei uns ist. Maria und Jona gehen wieder zusammen ins Wohnzimmer. J: Wollen wir noch ein Spiel spielen? Ich möchte noch nicht ins Bett gehen! R: Das hört sich doch nach etwas Vernünftigem an. Ich bin dabei! M: Jona, du musst doch ins Bett, es ist schon Zeit. J: Mama, bitte! R: Jetzt lass’ uns doch noch eine halbe Stunde etwas spielen, morgen ist Samstag. M: Okay gut … Jona hat in der Zwischenzeit ein Spiel herausgeholt. Es klingelt an der Haustür und eine Freundin Marias kommt herein. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 30 Sie stellt sich Richard vor. S: Sarah Rosenthal, freut mich. Du, Maria, du hattest noch meine Tasche, die wollte ich noch schnell holen. J: Sarah! Bleib doch bitte! Du kannst ja mit uns noch eine Runde spielen. Er deutet auf das Spiel. Auf dem Deckel steht der Titel „Wer weiß was?“. M: Muss es denn genau dieses Spiel heute sein? Sie schaut von Jona zu ihrem Vater, stimmt letztendlich aber widerwillig zu. Sarah, Richard, Jona und Maria sitzen nun alle vor dem Spiel. J: Also, das Spiel funktioniert so: Man muss eine Frage ziehen und versuchen, sie richtig zu beantworten. Wenn man das schafft, darf man ein Feld weiterziehen, und wer zuerst am Ziel ist, hat gewonnen. Ich bin der jüngste Spieler, ich darf anfangen! Er zieht eine Karte vom Stapel. Jona liest die erste Frage vor: Wie alt ist die Erde? Antwort a) ist, dass wir das nicht wissen, Antwortmöglichkeit b) 4,6 Milliarden Jahre und Möglichkeit c) weniger als 10.000 Jahre alt. J: Uff, die Frage ist schwer. Ich weiß es wirklich nicht. Ich rate mal weniger als 10.000 Jahre. 4,6 Milliarden Jahre, das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Richard lacht. R: Aber, dass Gott die Welt vor weniger als 10.000 Jahren in 7 Tagen geschaffen hat, das kannst du dir vorstellen! Wahrscheinlich genauso wie auch, dass Adam und Eva nackt in einem Garten ‘rumgesprungen sind. Er sagte dies so leise, dass nur Maria es hörte. Sie zischt zurück: M: Er weiß es doch wirklich nicht! Kannst du nicht einmal deine zynische Art beiseitelegen?! J: Was würdet ihr denn sagen, wann die Erde geschaffen wurde? R (zynisch): Ich würde jetzt einfach ‘mal mit Sicherheit wetten, dass deine Mutter dir sagen wird, die Erde sei weniger als 10.000 Jahre alt. Das steht so nämlich in ihrem kleinen heiligen Zauberbuch, der Bibel. Aber ich kann mit definitiver Sicherheit sagen, die Erde ist schon 4,7 Milliarden Jahre alt und durch den Urknall entstanden. III.2 Ein Streitgespräch am Essenstisch 31 S: Ich würde mich einfach ‘mal bei der Frage herausnehmen, ich weiß es nämlich nicht. In der Thora … Richard unterbricht sie. R: Ach du meine Güte, nicht noch so ein kleiner Jude! Naja, bei dem Namen hätte ich es mir ja eigentlich schon denken können. Maria zieht die Luft ein und möchte grade schon etwas zu Richard sagen, da fällt Sarah ihr ins Wort. S: Maria, ist schon gut! Das bekomme ich oft zu hören. M: Nein, das ist nicht okay … J: Was ist noch einmal ein Jude? Er schaut Sarah an. Bist du ein Jude? S: Ja, ich bin Jüdin. Du bist Christ, das heißt, deine Religion, das, woran du glaubst, ist das Christentum. Bei mir ist es das Judentum. Juden und Christen glauben beide an einen Gott, für mich heißt er Jahwe, für dich einfach nur Gott, oder Vater, beziehungsweise für mich HERR. Wir beide beten zu ihm, bitten ihn um Hilfe. J: Und was unterscheidet dann einen Juden von einem Christen? M: Wir beten zum Beispiel auch zu Jesus Christus, durch den sich Gott offenbart hat. Er ist sozusagen der Sohn Gottes, der Messias, der uns befreit hat. Das hattet ihr doch letztens im Religionsunterricht, weißt du noch? Da hast du doch noch den Pfarrer nach dem Gottesdienst gefragt, warum Jesus gestorben ist. J: Stimmt! Jesus ist am Kreuz gestorben, damit uns unsere Sünden vergeben werden und die Menschheit so befreit wird. S: Aber Jahwe möchte doch keine Menschenopfer! Und Jesus ist auch nicht der Messias, der Messias ist noch nicht gekommen! R: Ihr mit eurem Messias…! Er wirkt genervt. J: Ich merke, ihr seid euch uneinig. Ich liebe Jesus, aber ich verstehe das noch nicht, wie ihr Juden ihn nicht lieben könnt. Jesus war doch auch Jude, oder? M: Ja, Jesus war Jude. Aber er erzählte den Menschen neu von dem Gott, an den das jüdische Volk glaubt, indem er dessen Liebe und Zuwendung zu den Menschen, seine Menschenfreundlichkeit betonte – entgegen jüdischer Gesetzesstrenge. Manche Menschen glaubten ihm, diese nannten sich nach der Auferstehungserfahrung III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 32 nachösterlich dann Christen. Manche nicht, das waren dann die, die Juden blieben. J: Und warum glauben wir denn Jesus? Woher wissen wir, dass Jesus Christus die Wahrheit gesagt hat? M: Er ist für unsere Sünden gestorben und vor allem ist er nach seinem Tod wieder auferstanden. Jesus’ Prophezeiungen hatten sich dadurch erfüllt, weil Gott ihm das ewige Leben geschenkt hat. Daher wissen wir Christen, dass Jesus Recht hatte. J: Ach so, jetzt verstehe ich das. Das heißt dann aber auch, wenn ich das richtig verstanden habe, dass es das Judentum schon vor dem Christentum gegeben hat, oder? Tut mir leid, dass ich jetzt so oft nachfrage, aber ich finde das Thema einfach so interessant. M: Ja, das heißt es. R: Und wenn ihr dem Jungen jetzt noch erzählen wollt, dass nicht nur das Christentum, sondern auch die ganzen Kopftuchträger vom Judentum abstammen, dann gehe ich, das wird mir wirklich zu blöd! J: Okay, das würde mich zwar auch interessieren, aber dann lass’ uns weiter das Rätselspiel spielen. Opa, du bist dran! Ich möchte nicht, dass du schon gehst. Richard zieht eine Karte. Auf der Karte steht: Welche dieser Religionen ist keine der abrahamitischen Religionen? Antwortmöglichkeit a) das Christentum, Möglichkeit b) der Islam, oder Möglichkeit c) der Hinduismus. R: Das ist einfach. Der Hinduismus. Alle einverstanden? J: Kannst du noch einmal die Frage vorlesen? R: Welche dieser Religionen ist keine der abrahamitischen Religionen? Christentum, Islam oder Hinduismus. J: In der Bibel gibt es einen Abraham, darüber hat der Pfarrer einmal geredet. Vielleicht hat das damit zu tun, aber was abrahamitisch ist, weiß ich nicht. M: Ich erkläre es dir kurz: Um die Antwort schon vorwegzunehmen, das Christentum, der Islam und das Judentum sind abrahamitische Religionen. Alle drei glauben nur an einen Gott, Christen nennen ihn Gott, Juden Jahwe und Muslime Allah. ‘Abrahamitisch’ III.2 Ein Streitgespräch am Essenstisch 33 heißen diese Religionen, weil sie sie sich alle auf Abraham, den sogenannten Stammvater, berufen. S: Jede Religion hat dabei auch ihre eigene heilige Schrift. Es gibt die Thora, den Koran und die Bibel. In den verschiedenen Religionen gibt es sehr verschiedene Ansätze und Traditionen, allerdings haben sie die gleichen Grundsätze. Und vor allem, was ich wichtig finde, ist, dass jede Religion auf ihre eigene Weise Kraft spendet. Sie bedeutet für uns Hoffnung. M: Genau! Religion heißt für mich, die Überzeugung zu haben, zu glauben. Es ist nichts, was auf Fakten beruht, auf Zahlen oder rationalem Handeln. Glaube findet im Herzen statt. Es ist die gefühlshafte Erfahrung! Und da macht es keinen Unterschied, ob ich nun christlich, jüdisch oder muslimisch bin. Das war auch das, Vater, was du vorhin meintest. Es geht gar nicht darum, dass man Gott messen kann. Gott ist mehr als das. Mehr als nur eine Zahl auf dem Papier! Er ist all die Liebe, die wir geben können. Gegenüber ihm und unserem Nächsten. Er ist all die Hoffnung, die wir schöpfen können, all die Hoffnung, die uns tagtäglich die Kraft gibt, weiter zu gehen, und Gott ist das Gefühl, beschützt zu werden. Das Gefühl, mehr als nur beschützt zu werden. Denn er ist bei uns! Kannst du dir vorstellen, was ich meine? R: Ich glaube schon. Die Vorstellung, dass man, egal was passiert, geliebt wird, ist wirklich sehr, sehr schön! Ich kann mir nicht erklären, wie das passieren konnte, aber ich denke, ihr habt in den letzten Stunden mein Weltbild ziemlich umgeworfen. Und, was mir gerade auffällt, egal wie unhöflich ich war, ihr habt mich akzeptiert! Ich habe euren Glauben nicht akzeptieren wollen, aber ihr habt mir trotzdem die Chance gegeben, ihn zu verstehen, ohne mich zu verurteilen. Die Welt braucht mehr Menschen, die so sind wie ihr! Und, meine Tochter, du hast Recht, was das angeht; es ist schön, einfach mal das Positive im Menschen zu sehen, seinen Nächsten zu akzeptieren und zu lieben! M: Ich glaube es nicht, Richard, dass solch wunderbare Worte aus deinem Mund kommen! Maria guckt gerührt. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 34 R: Das musst du auch gar nicht nur glauben, denn das hast du grade wirklich gehört! Er zwinkert ihr zu. S: Tut mir leid, dass ich diese emotionale Szene jetzt unterbrechen muss, aber ich denke, ich muss auch ‘mal wieder nach Hause. Ich würde mich allerdings sehr freuen, wenn wir die Konversation ein anderes Mal fortsetzen können! R: Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Frau Rosenthal! Und kommen Sie das nächste Mal gerne wieder vorbei! Durch meine Tochter hab’ ich schon oft etwas vom Christentum gehört, aber mit dem Judentum kenn’ ich mich ehrlich gesagt noch nicht so gut aus. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir noch mehr darüber erzählen würden! S: Auf jeden Fall! Lehitra’ot! („Auf Wiedersehen!“ in jiddischer Sprache.) Jona und Maria sind in der Zwischenzeit in Jonas Zimmer gegangen. Er macht sich gerade bettfertig. J: Mama, ich habe heute so viel gelernt, ich bin jetzt schon ganz müde. M: Ja, ich versteh dich gut. So viel Neues zu lernen, ist immer sehr anstrengend. Sie streichelt ihm liebevoll über den Kopf. J: Eine Frage habe ich noch. Kann ich sie dir noch kurz stellen? M: Natürlich! J: Gibt es denn jetzt eigentlich eine richtige Religion? Es gibt ja so viele Religionen … Jahwe, Allah, Gott, was stimmt denn davon nun? Wenn Sarah Jüdin ist und an Jahwe glaubt, aber ich Christ und an Gott glaube, liegt dann nicht einer sozusagen falsch? Ich meine, es gibt doch nur einen Gott. M: Das ist eine gute, aber auch eine sehr schwierige Frage, mein Schatz. Meine Meinung dazu ist, dass jede Religion ‘richtig’ ist, wenn sie dir hilft und du Kraft in ihr findest. Wenn du an Gott glaubst, dann gibt es Gott auch für dich, alleine aus dem Grund, weil du vom Glauben fest überzeugt bist. Wenn Juden von ihrem Glauben an Jahwe überzeugt sind, ist es für sie allerdings genauso richtig. Das Gleiche gilt auch für Muslime. Und dass es nur einen Gott gibt, bezieht sich darauf, dass es für DICH nur einen Gott gibt. III.2 Ein Streitgespräch am Essenstisch 35 Woran ich glaube, ist, dass Gott sich den Menschen als Jesus Christus offenbart hat und dass sein Wort das Wort an alle Menschen war, beziehungsweise immer noch ist. Das ist das, was das Christentum für mich so wertvoll macht und somit zur wahren Religion für mich. Es liegt allerdings im Ermessen von Gott, seinen Heilswillen auch in den anderen Religionen fühl- und erkennbar werden zu lassen. Das Gleiche gilt auch für Nichtchristen. Gott kann auch für Menschen, die nicht an ihn glauben, seine Liebe spüren lassen. Weißt du, was ich meine? J: Ja, ich denke schon. Danke schön Mama! Können wir noch beten? M: Möchtest du anfangen? J: Lieber Gott im Himmel! Ich möchte dir danken für diesen wundervollen Tag, den du mir geschenkt hast! „Am Abend, Gott, komme ich zu Dir, um für alles zu danken. Mein Denken und Tun war von Dir begleitet. Meine Sorge und Schuld war von Dir umfangen. Begleite und umfange mich durch die Nacht hindurch, bis der Morgen anbricht.“ M: Auch ich möchte Dir danken, für all das, was Du mir geschenkt hast, wie auch meinen wunderbaren Sohn, dem ich hoffentlich all die Liebe weitergeben kann, die Du mir gibst. Und somit glaube ich an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und an das ewige Leben. Amen. J: Gute Nacht, Mama. Ich hab dich lieb! Jona gibt seiner Mutter einen Gute-Nacht-Kuss. M: Ich hab dich auch ganz, ganz doll lieb! Sie verlässt leise das Zimmer. Draußen wartet bereits Richard. Er hat sich seine Jacke angezogen und steht bereits an der Tür. M: Gehst du schon? R: Ja, es ist doch schon etwas später geworden. M: Sie schaut auf die Uhr und nickt. Aber der Abend war auf jeden Fall schön! Auch wenn er von ein paar … Meinungsverschiedenheiten durchzogen war. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 36 R: Gehört doch aber auch dazu, oder nicht? Ich bin stolz auf dich, meine Tochter! Er umarmt Maria. M: Danke Richard! Ihre Augen spiegeln ihre Rührung wider. Richard verlässt das Haus. Er dreht sich noch einmal um. R: Sag’ ‘mal Maria, wann soll ich am Sonntag denn bei euch sein? Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen von Laura Heuser und Lilith Langhammer (mit Anregungen von Sophia Weiss) Wahrheit! ‘Wahrheit’ ist schwer zu definieren, da jeder seine eigene ‘Wahrheit’ für richtig hält. Dem Wort wurde die Macht der ‘Richtigkeit’ entzogen, da viele sagen, sie würden die Wahrheit sagen, obwohl sie tatsächlich lügen. Bezieht man das Wort ‘Wahrheit’ auf die Religion, so kann man auch hier nicht ohne weiteres eine bzw. die ‘richtige’ Religion ausmachen. Dennoch beanspruchen die drei großen monotheistischen und abrahamitischen Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) diese oft exklusiv für sich und sie rechtfertigten damit jahrhundertelang ihren jeweiligen Anspruch, die wahre Religion zu sein. Jedoch gibt es auch Menschen, die keiner dieser oder irgendeiner anderen Religion angehören. Daher ist die Frage nach einer oder gar der einen ‘wahren’ Religion sehr kritisch zu betrachten. Trotzdem machen manche Personen ihr Leben von ihrer Religion abhängig. Dies kann unter den unterschiedlichen Religionen zu Streitigkeiten führen. So auch in unserem Dialog, in dem sich einerseits zeigt, wie ähnlich sich die drei abrahamitischen Religionen eigentlich sind, andererseits aber, dass sie trotzdem oft nicht zu Übereinstimmungen kommen. Oder vielleicht gerade deshalb? Die drei Freundinnen Sarah (Muslima), Esther (Christin) und Shoshanna (Jüdin) diskutieren beim Mittagessen über die ‘wahre’ Religion. Shoshanna: Ah Sarah, stopp! Das ist das mit Schwein! Dein Lamm steht dort drüben! Sarah: Oh, danke! III.3 III.3 Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen 37 Esther: Shosh, war das nicht ein bisschen viel Arbeit, extra noch ‘was anderes zu machen? Hättest du nicht einfach auch Schwein essen können, Sarah? Shoshanna: Nicht das schon wieder …! Sarah: Esther, du weißt, dass ich kein Schwein essen darf! Es geht nicht darum, ob ich möchte! Esther: Ja, ja, aber… warum denn? Das macht doch keinen Sinn, Schwein ist doch lecker … Shoshanna: So steht das im Koran, stimmt’s? Genauso wie die Tora besagt, dass wir Fleisch nicht mit Milch zusammen essen oder kochen dürfen. „Du sollst ein Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen.“ Das hat bei euch wahrscheinlich auch ‘was mit eurer Geschichte zu tun, oder Sarah? Sarah: Haargenau! So steht es eben im Koran, und den müssen wir achten! Esther: Aber das ist doch dumm! Warum sollte Gott uns vorschreiben, was wir essen dürfen und was nicht? Darum geht es doch im Glauben nicht! Sarah: Naja, so einfach kann man das ja jetzt nicht sagen. Esther: Zumindest geht es bei uns nicht darum! Ich glaub’ das nicht, dass ein Gott dir sowas Dummes vorschreiben würde. Das kann ja gar kein richtiger Gott sein! Sarah: Jetzt aber ‘mal langsam, was soll denn das bitte heißen? Das ist schon etwas respektlos, Esther! Bei meinem Gott, bei Allah, ist das so! Du musst es ja nicht machen, ich jedoch glaube daran und höre auf Allahs Wort, für mich ist es ein richtiger Gott. Wer sagt denn, dass dein Gott der wahre sein muss? Shoshanna: Ich muss Sarah zustimmen! Außerdem, Esther, ich meine mich zu erinnern, dass das Verbot im Koran, Schweinefleisch zu essen, eigentlich auf die Bibel zurückgeht. Sarah hätte die gleiche Frage also auch andersherum stellen können. Sarah: Wirklich? Na siehst du, Esther? Warum isst du denn Schweinefleisch, wenn es auch in der Bibel steht? – Na? Nimmst du sie etwa nicht ernst? Esther: Doch! Natürlich! Woher wisst ihr überhaupt, was in der Bibel steht? Ach so, ja, das Alte Testament … Zumindest bei dir, Sosh, III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 38 wundert es mich nicht. Aber vielleicht meinte Gott das ja auch ganz anders! Shoshanna: Aber da seht ihr doch, eure oder besser: unsere Heiligen Schriften sind sich eigentlich sehr ähnlich! Warum kommt es dann zu so unterschiedlichen Auslegungen? Auch bei Themen wie: Gebete, Auslegung von Glaubensgemeinschaft oder Paradies beziehungsweise Himmel. Esther: Aber … habt ihr dann nicht bei uns abgeschrieben, Sarah? Wahrscheinlich habt ihr es nur falsch weiterentwickelt, das Christentum ist also das Original! Sarah: Du musst das nicht so persönlich nehmen, Esther! Aber hey, wenn wir nach deinem Argument gehen, dann könnte genauso gut das Judentum stimmen, ein Großteil eurer Bibel ist doch die Tora! War das Judentum nicht sogar zuerst da? Shoshanna: Das stimmt! Theoretisch könntet ihr ja beide Unrecht haben und das Judentum ist eigentlich die wahre Religion. Dafür würde tatsächlich mehr sprechen! Aber schlussendlich werden doch alle unsere Religionen auf Abraham zurückgeführt, stammen quasi von ihm ab! Wenn eine von uns Recht hat, müssen die anderen trotzdem noch einen Kern der Wahrheit beinhalten! Esther: Ah ja, unsere drei Religionen kommen ja alle aus der Abraham-Geschichte! Shoshanna: Das Christentum indirekt …! Esther: Boah, du Besserwisser …! Shoshanna: Tut mir leid, das war nicht so gemeint! Sarah: Leute, diese ganze Diskussion erinnert mich gerade an etwas … Wir sind gewissermaßen drei, wenn auch indirekte, ‘Nachkommen’ von Abraham, die sich über die Wahrheit streiten – … Shoshanna: Du meinst die Ringparabel! Esther: Die was? Sarah: Von ‘Nathan der Weise’, das haben wir doch in Deutsch gelesen! Shoshanna: Warte, ich hole es ‘mal schnell aus dem Regal, dann kann ich es dir noch ‘mal zusammenfassen, Esther! Shoshanna steht auf und verlässt den Raum, kurz darauf kommt sie mit einem kleinen Buch in der Hand wieder. III.3 Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen 39 Sarah: Spielt ‘Nathan der Weise’ nicht zur Zeit des dritten Kreuzzuges? Einem der Kriege, den die Christen neben anderen Beweggründen vor allem aus dem Glauben zu Gott heraus geführt haben. Shoshanna: Ja, das stimmt! Die Christen haben einfach alle anderen umgebracht, ganz besonders die Muslime, nur um das Heilige Land zu erreichen und zu ‘reinigen’. Das kann doch nicht der wahre Gott sein, der so etwas zulässt! Esther: Jetzt beschuldigt ihr den Falschen! Gott hatte damit nichts zu tun! Wer zum Kreuzzug aufgerufen hat, war der Papst Urban II. und damit die Kirche! Shoshanna: Tat er es nicht mit dem Zuruf „Deus lo vult!“ – „Gott will es!“? Esther: Schon, der Papst legte die Bibel zu der damaligen Zeit aus, aber das hat nicht wirklich etwas mit dem Neuen Testament zu tun, wo Gottes Liebe zu den Menschen durch Jesus offenbar und deutlich gemacht wird! – Vor allem sollte man an der Tat eines Menschen nicht festmachen, was die wahre Religion ist! Sarah: Wie heißt es doch so schön: „Errare humanum est.“ – „Irren ist menschlich!“ So, und jetzt wollen wir uns die Ringparabel anschauen. Esther: Ah, war das nicht die Geschichte mit dem Vater, der sich zwischen seinen drei Söhnen nicht entscheiden konnte, welchen er am meisten mag? Shoshanna: Ja, und Nathan hat diese Geschichte dem Sultan erzählt, als dieser ihn fragte, welche die wahre Religion sei. Sarah: Ok! Also noch ‘mal von Anfang … Sie blättert schnell durch das Buch, liest immer ‘mal ein paar Sätze. Dann legt sie das Buch hin: So: Der jüdische Geschäftsmann Nathan, dessen Pflegetochter von einem christlichen Tempelherren aus einem Feuer gerettet wurde, geht zum muslimischen Sultan Saladin, der wiederum einst den Tempelherren gerettet hatte. Saladin benötigt Geld und möchte dieses von Nathan leihen. Er bittet ihn jedoch nicht direkt um das Geld, sondern stellt Nathan, der nicht nur als großzügig, sondern auch als weise bezeichnet wird, eine Frage, die letzteres bestätigen soll. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 40 Esther: Warte, warte …! Also da fragt er ihn nach der wahren Religion? Sarah: Ganz genau! Und Nathan erzählt ihm dann die Geschichte, die wir als Ringparabel kennen. Hat er diese nicht benutzt, um eine klare Antwort zu umgehen? Denn wenn er seine Religion als die wahre bezeichnet hätte, hätte er den Sultan beleidigt. Hätte er den Islam als die wahre Religion bezeichnet, wäre er mit Sicherheit gefragt worden, warum er nicht dem Islam angehöre. Shoshanna: Ja, genau so war es! Nathan hat dem Sultan die Geschichte eines Mannes erzählt, der sich schwer tut, das Familienerbstück – einen Ring, der von Generation zu Generation an den Lieblingssohn des Vaters weitergegeben wird – an einen seiner drei Söhne zu vererben. Da er alle gleichermaßen liebt und keinen von ihnen kränken möchte, entscheidet er sich, den Ring vervielfältigen zu lassen, sodass jeder Sohn einen Ring erhält. Der originale Ring soll die Eigenschaft haben, seinen Besitzer bei Gott und allen Menschen beliebt zu machen. Nach dem Tod des Vaters finden die Söhne heraus, dass jeder der anderen auch einen Ring bekam. Sie ziehen vor Gericht, um herauszufinden, wer den ursprünglichen, ‘richtigen’ Ring bekam. Der Richter kann nicht feststellen, welcher ‘mal der echte Ring war, und gibt den Söhnen einen Rat mit auf den weiteren Lebensweg. Esther: Jetzt erinnere ich mich langsam wieder: Die Söhne sollten doch jeder davon ausgehen, dass man selbst den richtigen Ring habe. Weil man an die Wirkung glauben muss. Sarah: Aber wie kann man das auf die wahre Religion beziehen? Ich meine, hier geht es um einen Ring, der eine besondere Wirkung haben sollte. Das hat ja erst ‘mal nichts mit unseren verschiedenen Religionen zu tun. Shoshanna: Das Gleichnis ist eigentlich ganz einfach. Der Richter sagte den Brüdern, wenn einer der drei Ringe der echte sei, werde sich dies auch zeigen, sofern sich der Besitzer darum bemühe, die Wirkung des Ringes herbeizuführen. Die drei Ringe symbolisieren unsere Religionen. Und wenn es wirklich die eine wahre Religion gibt, dann wird sich diese offenbaren, wenn sich die Gläubigen darauf einlassen und nach den Werten der jeweiligen Religion leben. III.3 Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen 41 Esther: Das bedeutet, wir sind die drei Brüder aus der Geschichte? Und so wie sie immer noch auf der Suche nach dem wahren Ring? Shoshanna: Aber ja, das versucht die Parabel zu erklären. Und auch der Sultan hat diesen Vergleich sofort erkannt. Die ganze Geschichte aber endete ziemlich kompliziert. Esther: Echt? So weit habe ich nie gelesen, das Buch ist mir irgendwann zu anstrengend geworden. Hat denn das Ende auch noch eine Bedeutung für die Frage, ob es eine wahre Religion gibt? Shoshanna: Auf jeden Fall, da es aufzeigt, wie nah die drei Religionen zueinander stehen. Die Pflegetochter des Juden Nathan und der christliche Tempelherr sind die Kinder des verstorbenen Bruders des Sultans. Somit sind alle drei Religionen in einer Familie integriert. Sarah: Das klingt auf jeden Fall kompliziert, aber du hast Recht. Anhand dieser Geschichte sieht man, dass es in einer Familie mehrere Religionen geben kann. Aber mir stellt sich jetzt die Frage, warum man dann von einer wahren Religion sprechen muss? Shoshanna: Jetzt, wo man die Geschichte tatsächlich mit dem wahren Leben vergleicht, denke ich nicht mehr, dass man von einer wahren Religion reden kann. Wir respektieren uns ja alle und verstehen uns, obwohl wir mit verschiedenen Religionen aufgezogen wurden. Esther: Ich muss dir da zustimmen. Die Gründungsgeschichte der drei Religionen geht ja nämlich auch auf eine Familie zurück. Sarah: Diesmal weiß ich nicht, wovon du sprichst. Hast du eine Ahnung, was sie damit meint, Shoshanna? Shoshanna: Aber ja! Das haben wir letztens erst in Ethik durchgenommen. Da hat uns unsere Lehrerin erklärt, dass die drei Weltreligionen von drei der Söhne beziehungsweise Nachkommen Abrahams ausgingen. Esther: Ja genau, mich wundert allerdings, dass du das nicht wusstest, Sarah. Sarah: Vielleicht wurde es ja ‘mal erwähnt, ich kann mich zumindest in diesem Moment nicht daran erinnern. Aber das würde unsere Meinung bestärken, dass es nicht die eine wahre Religion gibt. Außerdem erkennt man ja auch manche Sachen in den anderen Religionen wieder, nur dass sie ein wenig umgewandelt wurden. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 42 Shoshanna: Ja, da stimme ich dir zu. Hinzu kommt, dass jeder, sei es die Bibel, die Tora oder den Koran anders interpretiert und somit auch seine Religion anders lebt. Esther: Es ist auch bei jedem anders, was ihm am wichtigsten ist. Bei dem einen steht sein Glaube im Vordergrund und bestimmt das Leben, bei dem anderen werden Teile der Religion und deren Traditionen übernommen, jedoch nicht voll und ganz gelebt. Das sieht man auch in Gottes Sohn Jesus … Shoshanna: Jetzt fang’ damit nicht schon wieder an! Die Juden warten immer noch auf den Messias! Sarah: Ist er nicht ein gewöhnlicher Prophet? Esther: Nein, Jesus ist doch die Inkarnation Gottes! Shoshanna: Also dass Gott als Mensch erschienen ist, was dann ja im Konflikt mit dem Gebot steht, dass man sich kein Bild von Gott machen sollte. Esther: Ihr wartet doch noch auf den Messias! Sarah: Jesus wurde doch als Jude geboren … Shoshanna: Klar, trotzdem gehen die Christen davon aus, dass er gestorben und auferstanden ist. Dadurch ist das Christentum entstanden! Sarah: Pffu …! Warum seid ihr eigentlich so überzeugt, dass ihr Recht habt? Weil, wenn einer von euch Recht hat, müssen ja die anderen falsch liegen. Shoshanna: Meine Religion gibt mir Hoffnung und Mut, sie motiviert mich, gibt mir aber auch meine Lebensweise vor, sodass ich gute Taten vollbringe. Esther: Für mich ist Glaube Hoffnung! Ich glaube, weil ich an ein Leben nach dem Tod denke, im Himmel Gottes Reich. Sarah: Wow, das ist ja beides tiefsinnig! Für mich ist es aber ähnlich. Meine Religion zeigt mir den Weg zu Allah. Wie Wittgenstein, ein Philosoph, ‘mal gesagt hat: „An einen Gott zu glauben, heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist. An Gott glauben, heißt sehen, dass das Leben einen Sinn hat.“ Shoshanna: Ich finde, da hat er vollkommen Recht. Glaubt ihr denn, dass sich irgendwann die wahre Religion herauskristallisieren wird? III.3 Eine lebhafte Diskussion beim Mittagessen 43 Sarah: Ich denke nicht, da, wie man bei Nathan festgestellt hat, man trotz verschiedener Religionen eine Familie sein kann, und man ja auch nicht zwischen seinen Geschwistern entscheidet, welcher der wahre Bruder oder die wahre Schwester ist. Shoshanna: An sich sind unsere Religionen doch gar nicht so unterschiedlich! Wir haben zwar unter anderem andere Sitten, Riten, Gotteshäuser und Gebete. Dennoch gibt es auch viele Gemeinsamkeiten. Das eine, was uns am meisten vereint, ist, wir glauben doch alle an EINEN Gott! Das ist doch schon Gemeinsamkeit genug! Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege von Marie und Julia Morgenstern Schon von klein auf streiten wir uns alle über die eine Frage, die Frage nach der Wahrheit. Es scheint uns zu Beginn noch sehr kindlich und banal, wenn die älteren Geschwister mit den Jüngeren darüber diskutieren, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt. Jedoch nimmt die Wahrheitsfrage im Leben eines Menschen sehr schnell eine ernstere Gestalt an. Debattieren wir nicht mehr nur über den Weihnachtsmann und Osterhasen, sondern über Genetik, künstliche Intelligenz und andere komplizierte Themen, bleibt der Grundsatz immer derselbe: Das Bestreben der Menschheit, ‘die’ eine gültige Wahrheit zu finden. Und schon seit Jahrtausenden sind die Menschen auf der Suche nach der einen wahren Religion. Lässt man die anderen Religionen außer Betracht und bezieht sich nur auf die monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam, so stößt man auf die wohl größte Debatte um Wahrheit und Religion. Obwohl sie doch durch Abraham als gemeinsamen Glaubensstammvater eine essentielle Gemeinsamkeit haben, trennt sie oft noch bis heute das Verlangen, allein die einzig wahre Religion zu sein. Zeigt sich das Christentum heute pluralistischer, weisen die Kreuzzüge aus dem Mittelalter deutlich darauf hin, dass dies nicht immer so war. Das häufig verfolgte Judentum machte es dem Christentum zu Zeiten seiner Entstehung nicht leicht, verfolgten sie doch dessen Anhänger und unterbanden die öffentliche Glaubens- III.4 III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 44 praxis. Heute erlebt man das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum entspannter, beide stehen in einem regen Dialog miteinander. Leider besteht zu einigen Gruppen des Islam zur Zeit eine kompliziertere Beziehung, denn kleinere Gruppen, die sich zum Islam bekennen, verhindern ein friedliches Zusammenleben aller. Um die Frage nach der Wahrheit zwischen den Religionen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, gehen drei alte Freunde auf die Suche nach der wahren Religion: Jakob: Guten Tag, mein Name ist Jakob. Gemeinsam mit meinen alten Freunden, Ruben und Mohammed, lebe ich in Frankfurt am Main. Wir stammen alle aus unterschiedlichen Kulturen und gehören verschiedenen Religionen an. Mein Freund Ruben ist Jude, Mohammed ist Muslim und ich komme aus einer christlich-katholischen Familie. Seit wir uns kennen, haben wir darüber diskutiert, welcher Gott der ‘richtige’ Gott ist. In diesem Punkt waren wir uns lange nicht einig und so machten wir uns auf die Suche nach der ‘wahren Religion’. Wenn wir gewusst hätten, dass diese Reise keinesfalls einfach und leicht werden würde … Aber seht selbst, was meine Freunde und ich während unserem Abenteuer alles erlebt haben … Angefangen hat alles 1985, als wir drei zusammen eingeschult wurden und in eine Klasse kamen. Sofort war uns klar, dass wir uns gut verstehen würden. Keiner konnte uns trennen, denn es gab uns nur noch im Dreier-Pack. Unsere unterschiedlichen Glaubensrichtungen und unser verschiedenes Aussehen machte uns überhaupt nichts aus. Unsere Eltern jedoch waren mit unserer Freundschaft oftmals nicht einverstanden. Als Mohammed seinen Eltern zum Beispiel erzählte, dass es bei uns zum Mittagessen Schweinefleisch gab, wollten seine Eltern lange Zeit nicht, dass er bei uns aß. Und auch Ruben durfte samstags nie mit uns draußen spielen, da er und seine Familie wegen des Sabbats immer in die Synagoge zum Gottesdienst mussten. Einmal unterhielten wir uns über einen Streit meiner Eltern, den ich belauscht hatte, weil es um meine Freunde und mich ging. Ruben: Hey Mohammed, hey Jakob! Alles klar bei euch? Ihr seht so niedergeschlagen aus! III.4 Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege 45 Mohammed: Jakob hat mir gerade erzählt, dass seine Eltern sich wegen uns gestritten haben. Ruben: Wieso das denn? Jakob: Ich habe gehört, dass sie sich wegen unserer unterschiedlichen Religionen gestritten haben. Sie meinten, wir seien dadurch zu verschieden. Ruben: Ja, natürlich sind wir verschieden, aber dadurch passen wir doch auch so gut zusammen! Mohammed: Genau, so wird es nämlich nie langweilig, weil es immer wieder Dinge gibt, die wir durch unsere verschiedenen Arten und Persönlichkeiten lernen und entdecken können! Jakob: Ihr habt vollkommen Recht! Wir lassen uns weder von unseren Eltern noch von unseren Lehrern oder anderen Kindern unsere Freundschaft kaputt machen! Es ist doch egal, welcher Religion wir angehören. Ruben: Ich verstehe auch nicht, was die Religion mit unserer Freundschaft zu tun haben soll! Mohammed: Ich auch nicht, aber die Erwachsenen machen sich eh’ immer viel zu viele negative Gedanken. Das war das erste Mal, dass ich mit meinen Freunden überhaupt über das Thema Religion nachgedacht habe. Weiter ging unsere Reise in der vierten Klasse. Wir lernten im Religionsund Ethikunterricht manches über die verschiedenen Glaubensarten. Uns drei interessierte aber nicht nur unsere eigene Religion, sondern auch die unserer Freunde. Einmal gingen wir mit Mohammed in die Moschee. Mohammed: So, hier sind wir! Ist unsere Moschee nicht wunderschön? Ruben: Ja, das ist sie! Man kommt sich irgendwie vor, als wäre man in einer anderen Welt. Jakob: Du, Mohammed! Wo sind denn hier die Mädchen und Frauen? Gehen sie nicht beten? Mohammed: Doch, klar! Aber wir haben getrennte Räume, in denen wir beten. Jakob: Ach, echt? Das wusste ich gar nicht! Aber warum betet ihr denn getrennt? III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 46 Mohammed: Allah hat uns durch den Propheten Mohammed die Botschaft übermittelt, dass Frauen und Männer getrennt beten sollen. So werden die Männer nicht so schnell von den Frauen abgelenkt. So hat es mir mein Vater zumindest damals erklärt. Ruben: Ja, bei mir in der Synagoge sind die Frauen auch von den Männern getrennt. Sie sitzen oben auf der Empore, kaum sichtbar von unten, wo die Männer sitzen. Jakob: Hä? Aber wieso denn? Ich verstehe den Grund dafür nicht! Meine Mama und meine Schwester sitzen immer neben mir und meinem Vater während des Gottesdienstes. Unser Pfarrer sagt in seiner Predigt immer: „Alle Menschen, egal ob groß, klein, jung, alt, männlich oder weiblich, sind vor Gott gleich gestellt!“ Ruben: Im Judentum und im Islam spielen traditionell die Männer in den Gottesdiensten und während den Gebeten einfach eine wichtigere Rolle. Wenn bei einem Gottesdienst als Minjan nicht mindestens zehn Männer, die bereits ihre Bar Mitzwa gefeiert haben, anwesend sind, so kann der Gottesdienst nicht stattfinden. Dabei ist die Anzahl der anwesenden Frauen unwichtig. Jakob: Aber für mich wirkt das jetzt nicht gerecht, wie die Frauen bei euch behandelt werden … Mohammed: Und wieso nicht? Bei uns sind vor Gott genau wie bei euch alle gleich und niemand ist in Gottes Augen weniger wert! Dabei ist es doch egal, ob die Frauen in einem anderen Raum beten oder nicht … Auch nach dem Wechsel ins Gymnasium gab es zwischen uns immer wieder kleinere Streitigkeiten über unseren Glauben und die damit verbundenen Bräuche und Traditionen. Bei einem Klassentreffen in der neunten Klasse sah ich Mohammeds Schwester Fatima, die ich das letzte Mal gesehen hatte als sie neun Jahre alt war, wieder. Wir verstanden uns auf Anhieb super und nach kurzer Zeit hatte ich mich in sie verliebt. War sie für mich früher nur das unscheinbare kleine Mädchen, das meiner Schwester sehr stark ähnelte, sah ich sie mit 15 plötzlich mit völlig anderen Augen. Im Gegensatz zu den Mädchen in meiner Klasse war sie weder eingebildet noch zickig. Fatima war einfach anders als alle anderen Mädchen, die ich bisher kannte. Mohammed erzählte ich erst einmal nichts davon, meine Angst vor seiner Reaktion war viel zu groß. Denn schon seit einer ganzen Weile be- III.4 Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege 47 tonte er, dass jeder Junge, der seine Schwester zur Freundin haben wolle, erst einmal an ihm vorbei müsse. Dabei verengten sich seine Augen immer so und er guckte plötzlich total ernst und angsteinflößend, sodass ich mich schlichtweg nicht traute, ihm die Wahrheit zu sagen. Aber natürlich trafen wir uns jede Woche mindestens ein Mal heimlich. Leider musste ich dadurch Mohammed und Ruben ziemlich vernachlässigen. Doch ich genoss jede einzelne Minute mit Fatima. An einem Tag luden mich meine Freunde ins Kino ein. Ruben: Hey Jakob, lang nicht mehr gesehen! Hättest du Lust, heute mit Mohammed und mir in den neuen Action-Film zu gehen? Mohammed: Immerhin hattest du doch in letzter Zeit so wenig Zeit für uns! Jedes Mal, wenn wir ‘was machen wollten, hast du abgeblockt. Manchmal haben wir echt das Gefühl bekommen, du denkst, du bist besser als wir. Entschuldigung Jakob, musste einfach einmal ‘raus! Du weißt doch, dass die anderen mich manchmal fertig machen nur, weil ich Muslim bin. Außerdem ist der Film echt richtig gut und trifft voll deinen Geschmack. Jakob: Oh Gott, Mohammed, wieso hast du denn nicht früher etwas gesagt? Jetzt fühle ich mich noch schlechter, doch leider muss ich heute schon wieder absagen. Ihr wisst doch Jungs, ich hab in letzter viel um die Ohren wegen meiner Mathenachhilfe. Aber wir können es doch nächste Woche nachholen, oder? Ruben: Schon wieder? Schade, aber, ja, nächste Woche klingt gut! Doch ich rechnete nicht damit, dass die beiden auch ohne mich in den Film gehen würden. Denn ich hatte mich am Vortag schon mit Fatima ins Kino verabredet. Abends im Kino kam es dann zur Konfrontation… Ruben: Sag ‘mal Mohammed, ist das da hinten nicht deine kleine Schwester mit einem Typen an ihrer Seite? Mohammed: Ja, das ist sie! Wer ist denn der Kerl neben ihr? Komm lass’ uns ‘mal zu ihr rüber gehen! Der Typ muss erst an mir vorbei, bevor er meine Schwester auch nur irgendwie anschauen darf! III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 48 Bei Fatima und Jakob angekommen: Mohammed: Jakob? Was zum Teufel machst du hier mit meiner Schwester? Zu uns hast du heute noch gesagt, dass du lernen musst, und jetzt treffen wir euch hier! Willst du uns für blöd verkaufen? Jakob: Ehm … also … lass’ mich das bitte erklären … Mohammed: Was gibt es da groß zu erklären? Es ist doch offensichtlich: Du triffst dich heimlich mit meiner Schwester und belügst deine engsten Freunde nach Strich und Faden! Wegen Fatima hattest du in den letzten Wochen so wenig Zeit für uns, oder? Jakob: Ja,… und es tut mir wirklich leid! Ich hätte es euch sagen sollen! Ich war so oft kurz davor, doch dann warst du immer wieder so wütend, wenn es um deine Schwester in Bezug auf andere Kerle ging! Du musst mich verstehen, Mohammed, ich hätte es euch noch erzählt! Ihr seid doch meine besten Freunde! Aber ich hatte einfach zu große Angst vor deiner Reaktion! Mohammed: Was soll das jetzt, Jakob? Willst du damit jetzt sagen, dass du Fatima gerne als deine feste Freundin hättest? Jakob: Aber wir sind doch schon längst zusammen, wir haben uns nur nicht getraut, es dir zu sagen – und jetzt, wo du es weißt, kannst du daran auch nichts mehr ändern! Wir haben uns in einander verliebt und daran kann niemand etwas ändern! Mohammed: Und ob ich das kann! Fatima ist meine kleine Schwester! Ich bin ihr Bruder und ich werde Fatima verbieten sich weiter mit dir zu treffen! Fatima: Das kannst du doch nicht machen! Ich bin doch nicht dein Eigentum! Mohammed: Aber du bist meine kleine Schwester und außerdem weißt du genau, dass Papa diese Beziehung sowieso verbieten wird! Ruben: Jetzt beruhig’ dich ‘mal wieder, Mohammed! Du kennst Jakob doch, er würde sie niemals verletzen! Mohammed: Ihr könnt das nicht verstehen! Jakob stammt aus einer katholischen Familie und Fatima und ich sind Muslime. Das passt einfach nicht zusammen! Ein Christ und eine Muslima, kommt schon, dass finde doch nicht nur ich lächerlich! Fatima wird später einen Muslim heiraten, so wie es sich bei uns gehört! Ich werde darüber jetzt auch mit keinem von euch diskutieren. Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte! Fatima, wir gehen jetzt nach III.4 Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege 49 Hause zu Papa! Jakob, wehe ich sehe dich noch einmal in der Nähe meiner Schwester! Glaub’ mir, danach wünscht du dir, du hättest es gelassen! Unsere Glaubensarten sind einfach zu verschieden und mein Gott ist nun ‘mal der wahre Gott! Ruben: Ich glaube, das wird er dir so schnell nicht verzeihen! Ich meine, Jakob, seine Schwester? Du weißt doch, wie wichtig sie für ihn ist! Außerdem hat er doch auch oft betont, dass sie nur mit einem Jungen zusammen sein darf, der auch Muslim ist! Jakob: Ich wusste, dass er sauer sein würde, aber mit dieser Reaktion hätte ich nicht gerechnet … Es schien so, als wäre in seinen Augen nur der Islam die wahre Religion und das Christentum total minderwertig. Dabei müsste doch gerade er wissen, wie es ist, nur auf seinen Glauben reduziert zu werden! Ich habe mich in sie verliebt! Mir war es egal, dass sie Muslima ist und an Allah und an Mohammed als seinen Propheten glaubt. In meinen Augen ist einfach jede Religion gleich viel wert und jeder hat das Recht, an das zu glauben, was er als das Richtige ansieht. Ruben: Naja, dass du uns nichts von deiner Beziehung mit Fatima erzählt hast, hat mich jetzt auch nicht begeistert! Immerhin sind wir beste Freunde, schon seit fast zehn Jahren! Selbst wenn du es Mohammed nicht erzählen wolltest, warum hast du es auch mir verschwiegen? In dem Punkt der Religion kann ich dir leider nicht vollkommen zustimmen Jakob! Ich sehe die Dinge zwar nicht wie Mohammed und würde jede andere Religion als schlechter darstellen. Dennoch steht für mich das Judentum an erster Stelle und hat auch in meinen Augen eindeutig Jahwe als den wahren Gott. Trotzdem akzeptiere ich deinen Glauben ebenso wie den Mohammeds. Immerhin sind wir alle drei Freunde, egal an welchen Gott wir glauben! Jakob: Ich weiß nicht, ob ich das von Mohammed noch behaupten kann. Seine Worte haben mich ziemlich verletzt … Das war der Grund, warum Mohammed in der Schule und auch nach der Schule nicht mehr mit mir redete. Ich war für ihn gestorben und das nur, weil ich Christ war und mit seiner Schwester für zwei Monate zusammen war. Aber nicht nur zu Mohammed verlor ich den Kontakt. Ruben, Mohammed und ich verloren uns seit dem Streit im Kino immer weiter aus den III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 50 Augen. Man grüßte sich manchmal auf den Gängen oder redete kurz miteinander. Jedoch war unsere Freundschaft durch unseren Glauben zerstört. Nach unserem Abschluss hatten wir dann endgültig keinen Kontakt mehr. Fünfzehn Jahre später hatten wir unser erstes Klassentreffen. In dieser Zeit lernte ich meine Frau Maria kennen und unsere gemeinsame Tochter Lisa erblickte das Licht der Welt. Ich betrat nun also nach fünfzehn Jahren unseren alten Klassenraum und sofort überkamen mich alte Erinnerungen. Wie wir gemeinsam lachten und uns über die neusten Filme unterhielten. Aber auch, wie wir uns ignorierten. Von weitem lächelte mir Ruben zu und ich erkannte ihn sofort. Jakob: Hallo Ruben, lange nicht mehr gesehen! Gut siehst du aus, du hast dich fast gar nicht verändert. Ruben: Hey, mein alter Freund! Ja, es ist sage und schreibe fünfzehn Jahre her! Schau ‘mal: Da hinten kommt Mohammed! Mohammed: Hallo ihr zwei. Schön euch zu sehen! Wie geht es euch? Ruben: Mir geht’s gut. Ich arbeite jetzt als Religions- und Ethiklehrer an unserer alten Grundschule. Und bei euch? Jakob: Also ich bin mittlerweile seit acht Jahren verheiratet und habe eine vierjährige Tochter. Nach der Schule habe ich Psychologie studiert und endlich vor drei Jahren meine eigene Praxis eröffnet. Und was ist mit dir Mohammed? Mohammed: Während meines Theologiestudiums habe ich meine Frau kennengelernt. Wir haben drei Kinder, die mich ganz schön auf trapp halten. Ich arbeite als Professor an der Uni Frankfurt und bin Imam in einer Moschee. Ruben: Ich habe in den letzten Jahren öfter darüber nachgedacht, wie wir damals auseinander gegangen sind … Jakob: Es tut mir wirklich leid, wie wir damals auseinander gegangen sind. Ich hatte euch damals nicht anlügen dürfen! Mohammed: Wenn sich einer entschuldigen muss, dann ich … Ich habe vor fünfzehn Jahren einfach überreagiert! Ich hatte nicht das Recht dazu, meine Schwester so zu bevormunden, und auch eure Religionen hätte ich nicht beleidigen dürfen! Fatima hat mir übrigens die Augen geöffnet. Nun ist sie seit acht Jahren mit einem jüdischen Mann zusammen. Ich wünschte, ich wäre damals schon so III.4 Drei Freunde auf langwieriger Suche nach der ‘wahren’ Religion – Lebenswege 51 tolerant gewesen! Ich war einfach völlig davon überzeugt, dass das mit dem Islam nicht verträglich sei. Ruben: Wisst ihr noch, damals in der Grundschule: Wir hatten uns versprochen, dass nichts und niemand unsere Freundschaft kaputt machen kann, und doch war es unsere Religion, die uns schlussendlich trennte! Jakob: Ja, als Kinder dachten wir noch viel toleranter und steckten niemanden in eine Schublade wegen seinem Aussehen oder seinem Glauben. Obwohl ich nie ein wirkliches Problem mit eurem Glauben hatte. Mohammed: Ich weiß, bis zur neunten Klasse haben wir unsere Religionen auch immer akzeptiert und keine war für uns mehr wert! Doch je älter ich wurde, desto mehr habe ich mich an den Islam geklammert. Das wäre ja nicht schlimm gewesen, solange ich euren Religionen auch ein wenig Wahrheit zugesprochen hätte und euch mit Offenheit und Herzlichkeit entgegen gekommen wäre! Ruben: Das versuche ich jeden Tag meinen Schülern beizubringen. Jeder Mensch ist einzigartig und genauso sein Glaube. Deshalb sollten wir niemals jemanden verurteilen. Jakob: Genau! Es spielt keine Rolle, an wen oder was man glaubt, denn so ‘was wie die eine unbestreitbar wahre Religion oder den einen unbezweifelbar wahren Gott gibt es nicht, jeder Einzelne von uns muss daher seine eigene Wahrheit finden! Nur darum geht es in der Religion für mich, einen Glauben zu finden, mit dem man sich identifizieren kann und mit dem man ein gelingendes Leben führen kann. Da stimmten mir meine beiden Freunde zu. Es tat gut, sich endlich mit ihnen auszusprechen. Sie hatten mir über die letzten Jahre ziemlich gefehlt. Ist es nicht schlimm, dass Religion, die das Ziel hat, Menschen im Glauben zu vereinen, die Macht hat, sie dermaßen zu spalten und zu trennen? Anstatt uns zu bekriegen, sollten wir erkennen, dass jeder von uns zu einem Teil der Wahrheit beiträgt. Damit im Großen und Ganzen etwas Wunderbares entstehen kann, viel stärker als aller Hass und Groll auf dieser Welt! Eine Welt, in der jede Religion die andere akzeptieren kann und in der Pluralismus eine Horizonterweiterung bedeutet. Mit Toleranz und Liebe anstatt mit Ignoranz, Hass und Egoismus würden wir viel friedlicher leben. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 52 So kommen wir nun am Ende unserer Reise an. Wir haben für uns den Schluss gezogen, dass es weder eine unleugbar wahre Religion, noch einen offenkundig wahren Gott gibt. Heute versuchen wir, jeder auf seine Weise, die Botschaft an die Welt weiter zu geben. Was wir als Kinder schon verstanden hatten, mussten wir als junge Erwachsene erst lernen. Wahrheit ist in religiösen Dingen immer subjektiv und niemand sollte anderen seine Wahrheit aufzwingen. Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion von Hannah Werner und Paula Janouch Heutzutage spielen die unterschiedlichen Religionen eine wichtige Rolle in unserem Leben. Sehr viele Kriege in unserer Welt beruhen u.a. auf Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Religion. Der Syrienkrieg beispielsweise existiert u.a. auch deshalb, weil unterschiedliche Religionsgruppen darum streiten, wer Recht hat. Jeder ist der Meinung, dass seine Religion bzw. Religionsauffassung die einzig wahre ist und dass alle anderen Unrecht haben. So oft stellt sich die Frage: Wer hat Recht? Gibt es eine wahre Religion? Und beim komplizierten Syrienkrieg mit seinen vielen Ursachen sind es, soweit es dabei auch um ‘die’ ‘wahre’ Religionsauffassung geht, nur Differenzen innerhalb des Islams. Die Unterschiede zwischen Islam, Judentum und Christentum sind anscheinend noch weitaus größer. Welcher dieser Glaubensannahmen sollen wir nun Gültigkeit zusprechen? Diese Frage stellten sich auch Frank Rohmann und Selma Özdemir. F: Du, sag ‘mal, Selma, warum trägst du eigentlich ein Kopftuch? S: Das ist im Islam so! Bei uns ist das völlig normal. Ob es im Koran so vorgeschrieben ist oder nicht, darüber kann man streiten. Ich auf jeden Fall trage es, um Gott zu ehren! F: Bei uns im Christentum ist das nicht so. Wir beten auch nicht fünfmal am Tag. Bei uns ist das Ganze freier und uns selbst überlassen. Aber das ist schon merkwürdig, oder? Schließlich wollen wir alle unserem Gott dienen – und haben alle unterschiedliche Ansichten, wie wir das tun sollen. III.5 III.5 Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion 53 S: Stimmt, da hast du Recht. Bei den Juden gibt es den Sabbat und bei uns eben u.a. das Kopftuch. Aber wer hat nun Recht? Was ist der beste Weg, um Gott zu ehren? Was erwartet er von uns? F: Ich glaube, bevor man sich fragt, welche die wahre Religion ist, sollte man sich erst einmal damit auseinandersetzen, was ‘Wahrheit’ überhaupt ist. Religion ist eine Sache, die man nicht greifen kann. Wenn ich zum Beispiel sage: „Das Gras erscheint uns grün (unter bestimmten Umständen).“, dann ist das eine Tatsache, die man wissenschaftlich beweisen kann, aber bei der Frage nach der wahren Religion sieht das schon ganz anders aus. Man kann nicht beweisen, was Gott von uns verlangt. Oder Jahwe oder Allah – oder wie man ihn auch immer nennen will. Es ist nicht eindeutig, ob zum Beten eine Kippa, eine rituelle Waschung oder überhaupt nichts dergleichen vonnöten sind. Ich denke, dass diejenige Religion, die eine Verbindung zwischen Gott und Mensch herstellen kann, wahr ist. Allerdings lässt sich nicht beweisen, wie man das schafft. Von daher ist es schwierig, eine Antwort auf die Frage zu bekommen. S: Ja, da sehe ich auch das Problem! Natürlich könnte man versuchen, das Problem wissenschaftlich zu lösen … F: Ja, das ist das, was man versucht! Man konnte schon beweisen, dass die Welt durch den Urknall entstanden ist. Damit liegt das Christentum schon einmal falsch, aber nur, wenn es biblizistisch aufgefasst wird und man den biblischen Schöpfungs’bericht’ anders, als er von seinen Verfassern gemeint war, streng wörtlich nimmt. Aber die Priester, die diesen Schöpfungsbericht im babylonischen Exil der Juden verfasst haben, wollten gegen den babylonischen Götterglauben ihren Glauben aussagen und bekennen, dass Jahwe und nicht der Babyloniergott Marduk Gott ist. Und zwar der einzige, und dass dieser die Welt in guter Weise geschaffen hat und erhält, dass also die Welt nicht voller Götter ist, wie die Babylonier glaubten, und so weiter. Auf das DASS kam es ihnen an und nicht auf das WIE, das die Naturwissenschaften erforschen! Dafür haben sie damals das babylonische Weltbild benutzt und ‘entgöttert’, und eben einen eigenen Schöpfungs’bericht’ dagegen gesetzt und geschrieben. Denn sie wollten nicht, dass ihr Volk im Exil seinen Glauben verliert – und damit auch seine Identität … III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 54 Es wurde wissenschaftlich auch schon manches über das Leben des historischen Jesus herausgefunden. Er war beispielsweise Wanderprediger und wurde etwa 34 Jahre alt. Aber das reicht nicht aus, um zu beweisen, wer Recht hat. S: Deshalb muss man sich dem Problem anders nähern. Damit etwas wahr ist, darf es keine Widersprüche wie beispielsweise im Buddhismus geben. Buddhisten wollen sich von jeglichem Verlangen befreien, aber essen müssen sie schließlich trotzdem. F: Da hast du vielleicht Recht. Außerdem sollte das, was Gott von uns verlangt, sinnvoll sein. Ich für meinen Teil sehe nicht den Sinn darin, dass Frauen Burkas tragen sollen. Warum sollte Gott so etwas von einem wollen? Es ist ein Zeichen der Unterdrückung! Ich finde, Frauen sollten sich das nicht gefallen lassen und sich dem widersetzen. S: Da stimme ich dir voll und ganz zu, ich verstehe auch nicht, warum sich Frauen das antun. Das ist von Allah definitiv nicht so gewollt! F: Aber in unserer Frage bringt uns das trotzdem nicht weiter. Vielleicht sollten wir uns dem Problem anders nähern … Stellen wir uns doch einmal die Frage der Vernunft! Oft wird Religion als Gegenteil von Vernunft gesehen. Religionskritiker sind der Meinung, es sei unvernünftig anzunehmen, dass es einen Gott gibt, der ‘uns von oben zuschaut’ und über unser Schicksal bestimmt. S: Das stimmt! Viele sagen, dass Glaube unvernünftig sei, weil er dem Wirklichkeitsverständnis des modernen Menschen widerspreche. Man sollte sich laut ihnen an seinen eigenen Zielen orientieren und sich nicht auf eine höhere Macht verlassen. Auch wenn viele der festen Überzeugung sind, dass es diese höhere Macht gibt. Es gibt alles Sinn für sie und sie verlassen sich auf diese höhere Macht. Sie sehen nicht ein, warum das unvernünftig sein sollte. F: Glaube muss ja nicht zwingend unvernünftig sein. Im Gegenteil, Glaube und Vernunft sind sogar eng miteinander verbunden! Grundsätzlich wird im christlichen Glauben vorausgesetzt, dass man seine Vernunft einsetzt, um ein gewisses Weltverständnis zu bekommen. Auch wenn man gläubig ist, darf man nicht blind durch die Welt gehen! III.5 Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion 55 S: Das ist klar! Auch wenn man streng gläubig ist, darf man den Bezug zur Wirklichkeit nicht verlieren und muss sich dementsprechend vernünftig verhalten! F: Das ist in jeder Religion so, nehme ich ‘mal an. S: Aber inwiefern bringt uns das weiter? Ich glaube, wir müssen präziser werden! Wir sind bereits so weit gekommen, dass Religion abgesehen von den Glaubensgemeinschaften und den Institutionen, ihren Riten und Gebräuchen nichts ‘Greifbares’ ist, und es daher nicht beweisbar ist, welcher Glaube wahr ist. Außerdem sind Religionskritiker zwar der Meinung, Glaube und Vernunft ließen sich nicht unter einen Hut bringen, dennoch widersprechen sich die beiden Dinge aber nicht. Vernunft wird für den Glauben sogar benötigt. Glaube ist also nicht grundsätzlich falsch oder unvernünftig. Es ist durchaus berechtigt, anzunehmen, dass es Allah gibt. Es gilt demnach jetzt herauszufinden, welche der Religionen nun wahr ist. F: Wir sollten uns anschauen, was die Gründe sind, warum man an die eine oder die andere Religion glaubt! Ich fange mal an: Ich bin Christ. Das Besondere am Christentum ist natürlich Jesus Christus und die durch ihn verkündigte Gottesliebe und gelebte Nächstenliebe. Gott hat ihn geschickt, um uns seine Menschenfreundlichkeit zu predigen. Und das ist auch das, was ich an meiner Religion so schätze. Jesus hat die Nächstenliebe sogar mit der Liebe zu Gott geradezu gleichgestellt, das kannst du im Matthäusevangelium nachlesen. Denn der Mensch ist auf Beziehungen angewiesen, um glücklich zu sein. Jeder will respektiert, anerkannt und geliebt werden. Aber um diese Anerkennung zu bekommen, muss man selbst auch die anderen anerkennen, denn Anerkennung beruht auf Gegenseitigkeit. Das Prinzip ist ganz einfach, dennoch haben viele Menschen Schwierigkeiten damit, andere Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Nächstenliebe ist, trotz des Namens, viel mehr eine Entscheidung als ein Gefühl. Wir müssen nicht alles gut heißen, was andere machen. Dennoch müssen wir lernen, unsere Mitmenschen wertzuschätzen und ihnen zu verzeihen, denn niemand ist perfekt. Grundlage für ein friedliches Miteinander ist, dass man sich nicht permanent in den Vordergrund drängt, sondern anderen zuhört, ihnen hilft und sich um sie kümmert. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 56 S: Wow, so habe ich noch nie über eure Religion nachgedacht! Du hast Recht, Nächstenliebe ist in unserer Gesellschaft sehr bedeutsam. Es wäre alles viel leichter, wenn wir unsere Mitmenschen einfach so akzeptieren und wertschätzen, wie sie sind! Denn jeder Mensch ist anders und hat es verdient, mit Respekt und Anerkennung behandelt zu werden. F: Außerdem schätze ich es an meiner Religion, dass es nach dem Leben die Hoffnung auf Ewigkeit gibt. Unsere Zeit auf der Erde ist begrenzt, und auch unsere Taten werden nach einer gewissen Zeit in Vergessenheit geraten. Deshalb stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Aber da es im Christentum die Ewigkeit gibt, beantwortet sich diese Frage. Nach dem Tod hat jeder die Möglichkeit, ewig bei Gott zu sein. Allerdings gibt es auch den Aspekt des Gerichtes und der Strafe, also der Verantwortung und Verantwortungsübernahme für die eigenen Taten. S: Das ist bei uns recht ähnlich. Im Islam wird zwischen Körper und Seele unterschieden. Während der Körper verwest, ist die Seele unsterblich und kommt entweder in das Paradies und hat ein Leben voller ‘Belohnungen’, oder sie kommt in die ‘Hölle’ und muss Qualen erleiden. Das Ganze ist noch um einiges komplizierter, aber das erspare ich dir jetzt ‘mal. Das ist schließlich nicht der Hauptgrund, warum ich an Allah glaube. Ich glaube, dass durch den Islam eine Beziehung zwischen Gott und Mensch hergestellt werden kann, deshalb bin ich Muslima. Für mich ist der Islam sehr logisch. Es gibt viel mehr Regeln als bei euch. Bei euch ist alles so locker; ich glaube, so ist es nicht möglich, eine Verbindung zu Gott aufzubauen. Durch das ständige und regelmäßige Beten und das Fasten im Ramadan fühle ich jedoch eine unglaubliche Nähe zu Gott. Das wäre nicht möglich, wenn es diese Regeln nicht gäbe und ich machen könnte, was ich will. Ich denke, durch diese Regeln ist es mir möglich, Gott nahe zu sein. Man muss ihm zeigen, dass man an ihn denkt und ihn ehrt! F: Das verstehe ich, dennoch finde ich es besser, wenn man freier ist! Meiner Meinung nach zwingt Gott uns nicht dazu, zu ihm zu beten, also gewissermaßen für ihn. Er ist auch so gnädig und gut zu uns, zu allen Menschen auf der Welt. Diese Regeln, dass man fünfmal am Tag beten soll, können von Gott nicht so gewollt sein. Es III.5 Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion 57 liegt an uns, wie sehr wir ihn ehren. Viel wichtiger ist hingegen unser Verhalten. Wir sollen miteinander gut umgehen, das ist wichtiger als regelmäßiges Beten. S: Vielleicht bringt es uns weiter, wenn wir eine dritte Ansicht einfangen. Schau’ ‘mal, da kommt jemand aus der Synagoge, den könnten wir fragen! S: Guten Tag! Ich bin Selma und das ist Frank. Hast du kurz Zeit für uns? Wir sind auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob es eine wahre Religion gibt bzw. welches die wahre Religion ist. Gerade haben wir uns darüber ausgetauscht, warum wir christlich bzw. islamisch glauben. Kannst du uns etwas über deinen Glauben berichten? P: Schalom erst einmal! Aber natürlich! Wie ihr euch sicherlich schon gedacht habt, bin ich Jüdin. Wir Juden glauben an den einen allmächtigen guten Gott, den Schöpfer der ganzen Welt. Ich denke, dass das Judentum der Ursprung von allem ist, denn auch der Islam und das Christentum entwickelten sich erst später aus meiner Religion heraus. Was für mich sehr wichtig ist, ist die Tatsache, dass Frauen eine wichtige Rolle spielen: Ich als Mutter gebe meine Religion auch an meine Kinder weiter, egal, welche Religion mein Mann hat. Früher, als die Wissenschaft noch nicht so weit vorangeschritten war, galt der Mann als Erzeuger, doch heute weiß man ja, dass die Frau entscheidend dazu beiträgt. Auf diese Weise bekam die Rolle der Frau eine zusätzliche Bestätigung. Aber eigentlich hinterfragen wir unsere Religion nicht, jedenfalls viele von uns. Wir sind Juden, weil wir als Juden geboren wurden! Das ist eben unsere Zugehörigkeit. Unsere Religion und unser Glaube gehören zu uns, es ist gewissermaßen selbstverständlich, wenn auch nicht für alle, so doch jedenfalls für viele von uns! Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht fragen, warum wir so sind, wie wir sind – und ob wir so sind, wie wir sein sollten –, aber viele von uns gehen nur äußerst selten der Frage nach, warum sie Juden sind, also grundsätzlich betrachtet. F: Das war mir gar nicht bewusst … Es ist doch immer wieder eine tolle Möglichkeit, neue Dinge zu erfahren! Soweit ich es verstanden habe, bedarf es euch Angehörigen des jüdischen Glaubens also nicht notwendigerweise, sich zu erklären. Vielen Dank für deine III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 58 Zeit! Das hat uns doch gleich einen kleinen Schritt weitergebracht. Schalom! S: Frank, langsam sollten wir versuchen, zu einer Schlussfolgerung zu kommen! Am Anfang haben wir ja schon festgestellt, dass der Glaube, also die Verbindung zwischen Gott und dem Gläubigen, nicht wissenschaftlich belegbar ist. Auf der Suche nach der wahren Religion ist uns auch aufgefallen, dass es keine Widersprüche geben sollte, wie es doch des Öfteren der Fall ist, aber dann haben wir uns doch dem Thema der Vernunft genähert. Die Vernunft ist wichtig für den Glauben, um nicht von der Wirklichkeit abzukommen. Diese Punkte sind ja in allen Religionen ungefähr gleich. F: Genau! Für die Überzeugung, einer bestimmten Religion beizutreten, muss es jedoch unterschiedliche Gründe geben, da man sonst mit einer Religion für alle zufrieden sein könnte. Oft hängt die religiöse Zugehörigkeit von der Herkunft einer Person ab. Als Beispiel hierfür haben wir das Judentum, wie die nette Dame uns vorhin berichtete. Was es schwierig macht, die wahre Religion zu finden, ist auch die Aufklärung über die verschiedenen Möglichkeiten und Regeln, die eine Religion bietet. Das konnten wir heute gut feststellen, indem wir beide viele neue Aspekte über den Glauben des Anderen erfahren haben. Ich würde sagen, dass vor allem die Regeln, die innerhalb einer Glaubensgemeinschaft einzuhalten sind, für die Entscheidung zu einer Religionszugehörigkeit wichtig sind, diese wiederum aber auch Auslöser für Konflikte zwischen den Glaubensrichtungen sein können. Die einen finden es wichtig, die gegebenen Regeln streng zu befolgen, um eine wirkliche Verbindung zu Gott herzustellen, und glauben, dass dies der einzige Weg sei. Andere setzen andere Schwerpunkte und bauen auch eine Beziehung zu Gott auf. S: Da gebe ich dir Recht. Jeder würde wohl sagen, seine Religion sei die einzig wahre, aber letztlich gibt es gar keine objektiv nachweisbar wahre Religion. Es lässt sich nicht beweisen, ob ein Glaube wahr ist oder nicht, wenn er nun ‘mal einfach psychisch und physisch existiert. Als wahre Religion könnte man, wenn, das Judentum bezeichnen, da unsere Religionen darauf zurückgehen. Einen eindeutigen Beweis für die Wahrheit des Judentums gibt es allerdings nicht. III.5 Ein Christ und eine Muslima fragen nach der wahren Religion 59 F: Somit hätten wir die Frage, ob es eine wahre Religion gibt, doch schon in gewisser Weise geklärt. Welcher der Glaubensannahmen wir Gültigkeit zusprechen sollen, ist genauso im Kern ein subjektives Empfinden. Der Glaube lebt davon, dass jeder Mensch individuell denkt, die Dinge für sich auffasst, sie subjektiv ‘bewahrheitet’ und auf diese Weise seine Erfüllung findet. Jeder muss den für sich richtigen Glauben finden, das lässt sich nicht verallgemeinern. Ich kann nicht eindeutig sagen, was richtig ist. Für mich ist das richtig, wovon ich überzeugt bin und was mir logisch erscheint, und ich denke, so geht es jedem anderen Menschen auch. Auch hier gilt wieder: Was dem einen nur logisch erscheint, ist für den anderen nicht nachvollziehbar. S: Ich bin ganz deiner Meinung! Zwar bin ich von meinem Glauben überzeugt, aber ich kann, mit einer guten Begründung, auch verstehen, wie du zu deiner Religion stehst. Ich glaube, wir konnten die Fragen einigermaßen beantworten. Unser Gespräch heute war wirklich spannend! F: Eine wertvolle Unterhaltung! Es ist immer wieder toll die Vielseitigkeit der Menschen und ihrer Religionen näher kennenzulernen. Mach es gut, Selma! S: Vielen Dank! Auf Wiedersehen! Eine zufällige Wiederbegegnung – Anlass für ein tiefgründiges Gespräch von Jeannine Fröhlich und Sophie Hartmann Eva: Hey Ana, wie geht es dir? Ana: Gut, und dir? Was gibt es Neues? Eva: Mir geht’s gut. Gestern haben wir in meiner Religionsdiskussionsgruppe uns mit der Frage beschäftigt, ob es eine wahre Religion gibt und welchen Glaubensannahmen wir Gültigkeit zusprechen sollen. Was hältst du davon? Ana: Das ist eine sehr komplexe Frage, für deren Antwort man sich viel Zeit und Überlegung nehmen sollte. Ohne mich mit dieser Frage genauer auseinander gesetzt zu haben kann ich mir vorstellen, III.6 III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 60 dass die Antwort auf diese Fragen je nach Person und Überzeugung variieren kann. Eva: Schon allein der Ansatz, wie wir die Fragen beantworten sollten, hat bei uns zu vielen Diskussionen geführt. Wie würdest du mit der Antwort auf die Fragen beginnen? Ana: Zu Anfang würde ich mir überlegen, wie für mich ‘Wahrheit’ definiert ist. Eva: Ja genau, darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Ich definiere als Wahrheit das Übereinstimmen einer Aussage oder Behauptung mit der Wirklichkeit. Ana: Einerseits möchte ich dir zustimmen, andererseits finde ich es schwierig, sich auf eine allgemein gültige Definition der Wahrheit zu einigen – was meint in deiner Definition z.B. das ‘Übereinstimmen’? Besonders bei religiösen Fragen ist der Grat zwischen der Wahrheit und der Wirklichkeit sowie der Wahrheit und dem Glauben sehr schmal. Eva: Stimmt. Aber so intensiv habe ich mich auch noch nie mit der Frage nach der Wahrheit auseinandergesetzt. Ana: Ehrlich gesagt glaube ich, dass fast jeder eine eigene Meinung zur Wahrheit hat. Zumindest gibt es diesbezüglich sehr viele verschiedene Ansichten, über die man trefflich streiten kann. Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen, würde ich mich dann als nächstes mit dem Verhältnis von Vernunft und Glaube beziehungsweise christlichem Glauben beschäftigen. Ich persönlich bin der Meinung, dass christlicher Glaube und Vernunft nicht miteinander vereinbar sind. Eva: Das sehe ich auf den christlichen Glauben bezogen nicht so, u.a. da Gott sich nach christlichem Glauben gerade als worthafte Vernunft, als Logos – so heißt es im griechischen Ur-Text – offenbart hat. Ana: Vielleicht hast du zum Teil Recht und ich habe mich ein bisschen zu extrem ausgedrückt, jedoch verbinde ich, als jemand, der nicht an Gott glaubt, Vernunft mit der Wissenschaft. Natürlich gibt es Inhalte aus der Bibel, welche historisch belegt wurden. Trotzdem ist mir das Glaubens-‚Gerüst‘ des Christentums zu unbelegt, um meine wissenschaftliche Vernunft damit zu assoziieren. Besonders heutzutage ist das meiner Meinung nach rational nicht mehr mög- III.6 Eine zufällige Wiederbegegnung – Anlass für ein tiefgründiges Gespräch 61 lich, da im christlichen Glauben von einer transzendenten Wirklichkeit die Rede ist. Und um damit meine Vernunft zu verbinden, gibt es zu wenige Nachweise. Letztendlich würde ich persönlich nicht gerne nach uralten Regeln leben, welche angeblich von Gott bestimmt wurden und die als Traditionen vermittelt wurden, wie zum Beispiel die zehn Gebote. Eva: Ich glaube, in diesem Punkt werde ich dich nicht umstimmen können. Ana: Stimmt! Vernunft ist für mich also, nach meinen eigenen Regeln und Zielen zu leben und mich dabei an den Entwicklungen der Wissenschaft zu orientieren. Eva: Du hast schon Recht, dass man historisch nicht alles aus der Bibel einfach belegen kann. Und vieles war von deren Verfassern auch nicht so gemeint, wie es, literalistisch genommen, da steht – alles nicht so einfach, aber lassen wir das hier … Jedenfalls ist das ‘Prinzip’ des christlichen Glaubens zu leben, wie Gott es möchte, aber dies beinhaltet im Kern ja auch nur, dass man die Welt vernünftig erkennt und versucht, nach Gottes Willen mit ihr umzugehen bzw. sie nach Gottes Willen zu gestalten und zu verändern. Dies ist meiner Meinung nach gar nicht unvernünftig. Natürlich nehme ich die wissenschaftlichen Erkenntnisse an, aber sie stehen nicht gegen meinen Glauben. Außerdem sehe ich die Regeln, welche du erwähnt hast, wie zum Beispiel die zehn Gebote, nicht als Zwänge, nach denen ich leben muss, sondern als Richtlinien, nach welchen ich mein Leben aufbaue. Indem ich mich an die Gebote halte, verzichte ich nicht auf etwas, sondern sie fördern das Gelingen meines Lebens. Und so waren sie auch immer gedacht, ‘lebensdienlich’. An die meisten Regeln halte ich mich automatisch. Au- ßerdem kannst du nicht behaupten, dass du komplett nach deinen eigenen, selbst gesetzten Regeln lebst, da du ja auch an das Grundgesetz gebunden bist. Zumal sich viele Gesetze des Grundgesetzes mit den Regeln Gottes überschneiden. Ana: In diesem Punkt muss ich dir Recht geben, trotzdem lebe ich nach Gesetzen, über deren Herkunft ich mir klar bin, und die nicht auf uralten Überlieferungen und sozusagen der Überschreitung unserer Wirklichkeit basieren. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 62 Eva: In meiner Religionsdiskussionsgruppe haben wir uns, um der Antwort auf die Fragen näher zu kommen, des Weiteren mit dem Verhältnis von Theologie und Wissenschaft beschäftigt. Dort kamen wir zum Schluss, dass die christliche Theologie und die Wissenschaft insofern miteinander vereinbar sind als beide nach der Wahrheit suchen. Ana: Das stimmt, aber sie gehen dabei von verschiedenen ‘Ansatzpunkten’ aus. Korrigier’ mich, wenn ich falsch liege, aber die christliche Theologie geht von Jesus als der zentralen Offenbarung Gottes aus. Eva: Das stimmt! Ana: Diese unhinterfragbare Grundannahme ist wiederum nicht mit den wissenschaftlichen Voraussetzungen und Absichten der hermeneutischen Wissenschaften vereinbar. An sich ist die Methodik, wie man an einen Text herangeht, in der Theologie und anderen hermeneutischen Wissenschaften ähnlich, jedoch ist das Ziel dabei ein anderes. In der Theologie ist man darauf bedacht, dass man Überlieferungen zwar verständlich(er) macht, aber den zentralen Inhalt und deren Aussagen dabei nicht verändert, anders als z.B. in geisteswissenschaftlichen Hermeneutiken, in denen im Verstehensprozess letztlich alles in Frage gestellt werden darf und in denen oft Neu-Aktualisierungen im Vordergrund stehen. Eva: Dieser Meinung bin ich auch, aber ich glaube, der Grund, warum du denkst, dass der christliche Glaube unvernünftig ist, ist, weil du eine falsche Vorstellung davon hast. Ana: Wie meinst du das? Eva: Du hast das Gefühl, ich würde blind irgendwelchen Regeln und Traditionen folgen, deren Herkunft keinem so richtig klar ist. Aber so funktioniert Glauben nicht! Er basiert auf dem Vertrauen, das ich in Gott habe. Ich denke, dass Gott für jeden von uns eine Art ‘Plan’ hat – oder vielleicht ist es weniger missverständlich, wenn ich von ‘Heilsabsicht’ rede. Dieses Vertrauen gibt meinem Leben erst einen Sinn und macht es für mich möglich zu hoffen, zu wünschen und zu träumen. Das Vertrauen, das ich in Gott habe, bestärkt mich in meinen alltäglichen Entscheidungen und lässt mich auch in mich selbst vertrauen. III.6 Eine zufällige Wiederbegegnung – Anlass für ein tiefgründiges Gespräch 63 Ana: Genau dieses Vertrauen finde ich beeindruckend. Ich denke, dass es in vielen Situationen des Lebens eine Stütze sein kann, an Gott zu glauben. Auch wenn mir das manchmal vorkommt wie ein Kinderglaube, begrüße ich teilweise den Gedanken, dass es eine höhere Macht gibt, die über uns steht und ‘wacht’. Trotzdem bin ich einfach zu rational um an Gott und die Bibel zu glauben. Ich denke, dass der Glauben von Person zu Person unterschiedlich ist und ein anderes Verständnis beinhaltet. Es ist etwas sehr Persönliches. Es gibt dabei kein Richtig oder Falsch, und man sollte jede Art von Glauben oder eben ‘Nicht-Glauben’ respektieren und akzeptieren. Zudem teile ich nicht die Auffassung, dass der Mensch nur durch Gottes Hilfe zu vernünftigem Handeln fähig ist. Eva: Ich dagegen bin der Auffassung, dass unser vernünftiges Handeln durch Gott definiert ist und deswegen das Vertrauen in ihn so wichtig ist. Ana: Genau dieses Vertrauen kann ich nicht in diese transzendente Wirklichkeit haben, für die es keinen Nachweis gibt. Eva: Wer sagt denn, dass Gott einer anderen Wirklichkeit angehört. Gott ist für mich genauso Teil unserer Wirklichkeit wie wir Menschen auch! Ana: Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Vernunft mit der Gottesoffenbarung zusammenhängt, gibt es im Neuen Testament keinen wirklich sicheren Anhaltspunkt dafür, dass es eine Selbstbekundung Gottes überhaupt gibt. Eva: Ich glaube daran und für mich bewahrheitet es sich in meinem Leben ganz ‘subjektiv’! Und was die anderen Religionen angeht: Du musst das ‘mal so betrachten: Im Christentum geht man davon aus, dass Jesus Christus die schlechthinnige Offenbarung Gottes ist. Selbst wenn es vor und auch nach Jesus Christus noch weitere Offenbarungen gab oder geben wird, kann keine von diesen die Offenbarung Gottes in Jesus übertreffen. Dadurch ist die Offenbarung in Jesus Christus eine Art Maßstab für die anderen Offenbarungen für Christen. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass, sobald eine Gottesoffenbarung nicht mit der von Jesus Christus im Kern, also wesentlich, übereinstimmt, sie für uns Christen nicht gültig ist. Und zwar sehen wir Christen die Offenbarung in Christus als vollkommenen Liebeszuspruch Gottes an uns Menschen. Der Unter- III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 64 schied zu den anderen beiden monotheistischen abrahamitischen Religionen liegt dann darin, dass sie für sich im Kern von einer vollständigen Gottesoffenbarung ausgehen. Dadurch kommt es zum Konflikt, da viele Gottesoffenbarungen der anderen Religionen nicht mit der von Jesus Christus bruchlos übereinstimmen und dadurch die Wahrheitsfrage, von diesem Standpunkt aus, bezogen auf diese Religionen einfach so zu bejahen schwierig ist. Ana: Daraus ergibt sich ja dann die Frage, inwieweit die Gottesoffenbarungen des Judentums und des Islams mit der Offenbarung in Jesus Christus übereinstimmen. Trotzdem hat das demgemäß nicht zu bedeuten, dass Nichtchristen nicht auch zum Heil finden können. Eva: Ja genau. Letztendlich kam ich beziehungsweise meine Religionsdiskussionsgruppe aber zu dem Schluss, dass das Christentum die wahre Religion ist. Wie denkst du darüber? Ana: Ich denke, wenn ich deinen Gedanken folge, zum Einen, dass auch die anderen monotheistischen abrahamitischen Religionen teilweise einer wahren Religion entsprechen, wobei man dann genauer die verschiedenen Gottesoffenbarungen untersuchen muss. Zum Anderen bin ich mir für mich selbst immer noch nicht sicher, ob es überhaupt eine ‘wahre Religion’ gibt. Eva: In Bezug auf die anderen Religionen gebe ich dir Recht, jedoch bleibe ich dabei, dass es sich beim Christentum um die wahre Religion handelt. Wie würdest du die Frage „Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?“ letztendlich beantworten? Ana: Für mich ist die Beantwortung dieser Frage schwierig, eben weil ich keiner Religion angehöre und nicht an Gott glaube. Zudem kann ich mir generell vorstellen, dass man als Gläubiger immer seine Religion als Antwort auf die Frage sieht, eben, weil sie für einen das Gerüst des Glaubens ist und sie, die Gläubigen, ja nicht daran glauben und sich nicht danach richten würden, wenn sie nicht der Überzeugung wären, dass es sich um die wahre Religion handle. Meiner Meinung nach wird kein Andersgläubiger zum Schluss kommen, dass das Christentum die wahre Religion sei, weil er damit entgegen seinen Auffassungen und Überzeugungen antworten würde. Rein objektiv betrachtet macht das Christentum mit dieser III.6 Eine zufällige Wiederbegegnung – Anlass für ein tiefgründiges Gespräch 65 Argumentation, die du vorgebracht hast, als Antwort am meisten Sinn, jedoch bin ich trotzdem hin und her gerissen, ob man das so einfach sagen kann. Eva: Meiner Meinung nach ist die Argumentation, die wir angeführt haben, ziemlich schlüssig, aber wie du ja auch gesagt hast, bin ich durch meinen Glauben nicht wirklich ‘objektiv’ – und kann es auch gar nicht sein. Trotzdem würde ich auch bei der Beantwortung der zweiten Frage den christlichen Glaubensannahmen Gültigkeit zusprechen, durch die sich der Liebeswille Gottes ausdrückt, der sich in Jesus Christus bekundet hat. Jedoch würde ich aus den vorgetragenen Gründen auch die anderen beiden monotheistischen abrahamitischen Religionen bei der Antwort auf die Frage nicht ausschließen. Auch in deren Glaubensannahmen kann sich, so nehme ich doch stark an und das zeigt ja wohl die Erfahrung, Gottes Liebeswille für den Menschen bekunden. Das verwundert ja auch nicht, da all diese drei Religionen stark miteinander verbunden sind. Ana: Da hast du Recht. Das war insgesamt eine sehr interessante und tiefgründige Diskussion! Eva: Ja, das finde ich auch! Durch dich konnte ich das Ganze noch ‘mal von einem anderen Blickwinkel aus betrachten. Aber ich muss jetzt los. Bis zum nächsten Mal! Ana: Tschüss! Diskussion beim Familientreffen von Paula Westenberger und Lina Wagner Holga und Felix, zwei entfernte Vettern, treffen einmal jährlich beim gro- ßen Familientreffen aufeinander. Obwohl sie sich gegenseitig stets sympathisch finden, sind sie zwei Männer verschiedener Ansichten und geraten deshalb jedes Mal erneut in eine intensive Diskussion. H: Hallo mein Lieber, schön dich anzutreffen! Ich bin gestern auf einen Artikel über die Frage nach der wahren Religion gestoßen und konnte es nicht erwarten, mich mit dir darüber zu unterhalten! III.7 III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 66 Ich kann generell eher nicht verstehen, wie man einer Religion ‘Wahrheit’ zusprechen kann. F: Hallo Holga, auch schön dich zu sehen! Ich muss ehrlich sagen, dass ich als Christ das Christentum als die wahre Religion ansehe. H: Hmmm, ich denke das Gesamte ist derartig komplex, dass man die Frage nach der Wahrheit zunächst ausklammern sollte. Zuerst einmal interessiert mich: Inwiefern kannst du behaupten, dass dein Glaube vernünftig ist? F: Ja, ich weiß, für die Religionskritiker stehen der christliche Glaube und die Vernunft zunächst einmal im Gegensatz zueinander. Doch dadurch, dass sich mein Glaube auf Gott stützt, der sich als Logos, also als worthafte Vernunft offenbart hat, steht der christliche Glaube zweifellos in Verbindung mit der Vernunft. Gerade Jesus wird als der Logos behauptet. Und in Jesus, in dem sich die unbedingte Liebe Gottes gezeigt hat, liegt der Kern des Christentums. H: Trotz dessen, dass es keine zeitlos-ewige Definition von ‘Vernunft’ gibt, entspricht der Glaube nicht unserem Wirklichkeitsverständnis, da er unsere Erfahrungswirklichkeit überschreitet. Der christliche Glaube speziell unterscheidet nicht zwischen dieser Welt und der Transzendenz, er denkt also nicht in zwei sauber getrennten Welten, denn er behauptet die Inszendenz Gottes in Jesus in diese Welt, vermischt also gewissermaßen diese Welten, die Erfahrungswirklichkeit, die empirisch erkennbar ist, und die transzendente Wirklichkeit. Und außerdem: Könntest du mir christliche Behauptungen nennen, die experimentell überprüfbar sind? Nein, denn sie lassen sich nicht bewahrheiten bzw. sind nicht falsifizierbar. Auch viele Naturwissenschaftler, also diejenigen, die mehr Fragen stellen, sehen den Gottesglauben als unvernünftig an. Meiner Meinung nach wird im christlichen Glauben eine traditionelle Lehre vermittelt, der sich die Gläubigen einfach unterwerfen. Diese Fremdgesetzgebung scheint mir folglich unvernünftig. F: Hmm, also denkst du, ein autonom bestimmtes Leben ist das einzig Richtige? H: Ja, ich denke, dass es wichtig ist, sein Leben losgelöst von Autoritäten zu führen. Insbesondere auf dem Weg zur Selbstverwirklichung ist dies wichtig. Durch den Glauben kommt es zu einer Ent- III.7 Diskussion beim Familientreffen 67 fremdung, die nur mit Hilfe der Vernunft zu erkennen und zu beseitigen ist. F: Ja, einige Widersprüche dieser Art sind tatsächlich historischfaktisch belegt, aber denk’ doch ‘mal in die andere Richtung! Es kann doch auch gut sein, dass wir unsere Vernunftauffassung korrigieren sollten. Denn immerhin hat uns Gott als vernünftige Wesen in die Welt gesetzt, damit wir diese weit gehend erkennen und verändern. Außerdem: Wir Christen widersprechen nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen, wir akzeptieren sie sogar, nicht aber jede Anwendung und jedweden Gebrauch. Für mich ist ganz klar die Akzeptanzgrenze dort überschritten, wo die Wissenschaft über das Handeln der Liebe hinausgeht. Mit dem Handeln der Liebe meine ich, dass sich Gott für die Menschen in Jesus Christus als Liebe offenbart hat und dies Vorbild sein soll. H: Okay, aber was sagst du jetzt zu der vorgeschriebenen Autorität deines Glaubens? F: Ja, ich sehe eine Autorität in meinem Glauben. Jedoch keinesfalls einen verbindlichen Zwang, ich bin frei von psychischen und physischen Nötigungen. Für mich beruht das Vertrauen im Glauben darauf, dass die einzelnen Glaubensinhalte auf Freiheit basierend geglaubt werden. Und ja, mir ist durchaus bewusst, dass Glaube nicht argumentativ beweisbar ist, wenngleich man für ihn argumentieren kann. Sobald man sich aber mit den Glaubensinhalten befasst und sich wirklich auf sie einlässt, kommt es zu einer subjektiven Bewahrheitung! H: Ach so, du hattest ja von deiner Akzeptanz von Wissenschaft geredet! Ich denke, an diesem Punkt ist es wichtig zu klären, wie denn das Verhältnis von Theologie und Wissenschaft ist: Theologie ist, so gestehe ich der Einfachheit halber einmal zu, in sich konsistent und sie ist in gewisser Weise eine Wissenschaft wie jede andere. Allerdings setzt sie zusätzlich voraus, dass Gott sich in Jesus Christus offenbart hat. Diese bestimmte ‘Prämisse’ ist jedoch nicht gewöhnlich wissenschaftlich überprüfbar und gegebenenfalls revidierbar, sondern eine Grundannahme in der Theologie. Auch befassen sich Theologie und andere hermeneutische Wissenschaften strukturell wie methodisch gleichermaßen mit Texten. Die Intention bei der Auslegung der Texte ist jedoch unterschiedlich. Denn in III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 68 anderen hermeneutischen Wissenschaften können alle Aussagen immer wieder revidiert und verändert werden, während die Theologie die Grundaussage der Glaubensdokumente stets beibehält und diese bloß zeitlich neu anpasst, also aktualisiert. F: Ja, dieses Verständnis von Wissenschaft und Theologie haben wir im christlichen Glauben. Wie bereits gesagt, akzeptiere ich die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Und ja, die Grundaussage der Theologie und des christlichen Glaubens verändert sich nicht. Das zeigt sich im Umgang mit unserem lange bestehenden und anhaltenden Glaubensdokument, also der Bibel mit ihren Evangelien und sonstigen Schriften vor allem des Neuen Testaments. Aber zurück zum eigentlichen Thema, dem Verhältnis zwischen Vernunft und christlichem Glauben. Die christliche Religion verlangt nicht die Vernunftaufgabe aufgrund einer fremden Autorität, sie fordert viel mehr Vertrauen auf den Zuspruch Gottes in Jesus Christus. Somit können wir uns rückhaltlos und vertrauensvoll auf den Glauben einlassen. Wir stützen uns also auf die Zusage Gottes in dem, was wir glauben. Diese ist tatsächlich autoritativ. Sie ist so sehr von Belang, dass sich die gesamte kirchliche und theologische Lehre darauf bezieht. Und gerät dieser Zuspruch Gottes in Vergessenheit, so verschlechtern sich nicht nur die Theologie, der Glaube und die kirchliche Lehre, sondern auch vieles andere. Über das vertrauensvolle Sich-Einlassen erkennen wir vernünftig, wie wir die Vorschriften und Gebote an der Liebeszusage Gottes messen müssen. – Ach ja, nochmals zu deiner vorherigen Aussage zur Selbstverwirklichung, die laut dir nur mithilfe der Vernunft und allein durch sie möglich ist. Denkst du wirklich, dass die Vernunft alleine zu so etwas Großem führt? H: Ja, ich denke die Vernunft kann derartiges vollbringen. Was denkst du, kann sonst zur Selbstverwirklichung führen? F: Aus meiner Sicht ist die Vernunft nicht dazu im Stande, solch eine Leistung zu vollbringen. Der Sinn des Lebens kann sich doch nicht durch die Vernunft allein erkunden lassen oder gar setzen lassen. Das, was über unsere Vorstellung hinausgeht, etwa, was davor war und was danach ist, wird die Vernunft nie aufklären können. Wir benötigen also etwas losgelöst Höheres, das uns das nicht Verständliche nahebringt. Der christliche Glaube sieht diese Erklä- III.7 Diskussion beim Familientreffen 69 rung in Gott. Zudem verhilft dieser dem Christen aus der Verkehrung der Sünden befreit zu werden, oder, ‘moderner’ ausgedrückt, aus der Entfremdung von Gott, sich selbst und den Mitmenschen. Zu unserem Wirklichkeitsverständnis ist außerdem zu sagen, dass unser Glaube keineswegs eine zweite, transzendente Wirklichkeit verlangt. Denn Gott gibt unserer Wirklichkeit erst einen Sinn, einen Grund, ein Ziel und eine Richtung. Er ist keine separate Grö- ße, die sich außerhalb unserer Wirklichkeit befindet. H: Wie denkst du denn dann, gelangt er in die Wirklichkeit? F: Wir bezeichnen Gott als so etwas wie einen ‘Anderswohner’, der in unserer Wirklichkeit zum Vorschein kommt und ihr als ihr tragender Grund innewohnt. Wir denken, dass eure religionskritische Auffassung korrigiert werden muss. Denn ihr verbindet die Wirklichkeit nur mit dem deutlich Sichtbaren und lasst somit keinen Raum für das, was die christliche Tradition ‘Reich Gottes’ nennt. Doch unsere Wirklichkeit braucht diesen Raum. H: Laut Bibel ist der vernünftige Mensch, obwohl Gott sich in seinen Schöpfungswerken zeigt, von sich selbst aus eigentlich nicht in der Lage, Gott wahrhaft zu erkennen und anzunehmen, und somit ist die Frage nach einer allgemeinen Offenbarung und der Gotteserkenntnis durch die menschliche Vernunft beantwortet. F: Ich denke, damit sollte die Frage nach der Gotteserkenntnis abgehandelt sein. Und ich würde mich nun gerne wieder etwas mehr auf die eigentliche Ausgangsfrage beziehen. Dafür muss man meine Religion, also das Christentum, in Bezug zu den anderen monotheistischen beziehungsweise abrahamitischen Religionen setzen, um herauszufinden, inwiefern wir Wahrheitsansprüche stellen können. H: Da stimme ich dir zu. Doch zusätzlich müsste man sich aus deiner Perspektive die Frage stellen, ob man sich auf eine eventuelle ‘Vorahnung’ des ‘wahren Gottes’ beziehen könnte. Zudem müsste laut dir die Frage nach dem wahren Gott innerhalb der anderen monotheistischen und abrahamitischen Religionen relativ einfach zu beantworten sein, oder? Denn aus der Sicht der Christen sollte es offensichtlich sein, dass die christliche Religion den wahren Gott meint. Und somit wäre die Frage für dich durch deinen Glauben schnell beantwortet. Dies gilt aber nicht, wenn man eine andere Möglichkeit bedenkt. Und zwar kann es ja auch sein, dass die ande- III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 70 ren monotheistischen und abrahamitischen Religionen sich auf den selben Gott beziehen. Hier möchte ich jedoch gerne noch differenzieren, denn ich verlange nicht, dass das Christentum diese Gottesbeziehung als genauso ‘vollkommen’ ansieht wie in seiner Religion. F: Mhhhh, also am ehesten scheint es für mich so, dass den anderen Religionen trotz ihres monotheistischen Denkens etwas fehlt. Und in meinem Glauben ist mir das Entscheidende gegeben. So sehe ich es im Judentum und im Islam problematisch, dass eine Beanspruchung einer vollkommenen Gottesoffenbarung und Gotteserkenntnis vorliegt. H: Naja, die Offenbarung Gottes in Jesus Christus scheint mir im Christentum aber auch von grundlegender Bedeutung und Relevanz, da sie an alle Menschen gerichtet ist. Jedoch kann dies auch nur durch den Glauben bestätigt werden. Ich finde solche Denkweisen der Christen, welche auf dem Glauben beruhen, sind zu akzeptieren, wenn der christliche Glaube auch andere Vorstellungen von Gott akzeptiert und sie nicht allesamt als falsch qualifiziert. F: Man kann diese Vorstellungen aber nicht einfach akzeptieren. Man muss sie in jedem Fall kritisch überprüfen. Es könnte ja sein, dass diese Vorstellungen der Gottesoffenbarung in Jesus Christus widersprechen. H: Ja, aber ich denke, dass dies auch genauso für das Christentum gelten sollte. So muss man untersuchen, inwieweit die Vorstellungen von Gott mit dem in Jesus Christus offenbarten Gott, welcher allen Menschen im Evangelium dargelegt wird, und seinem Liebeswillen vereinbar sind. So denke ich, könnte es eine Entscheidung Gottes sein, wo und wie er seinen Willen außer in Jesus Christus erfahrbar werden lässt. Dies könnte dann durchaus auch in Religionen geschehen, die nicht einmal abrahamitisch sind. Demnach sollte die christliche Religion nicht voreingenommen und zu schnell urteilen und auch andere Religionen würdigen. F: Also könnten so auch Nichtchristen und Nichtchristinnen zum Heil gelangen? H: Ja, du hast es erfasst, denn das trägt dem Rechnung, dass Gott in seiner Liebe die Möglichkeit hat, zu entscheiden, ob er bestimmte Menschen seine Liebe erfahren lässt, obwohl diese nicht bewusst III.7 Diskussion beim Familientreffen 71 die Chance in Jesus Christus nutzen können, da ihnen die Begegnung mit seinem Zuspruch in Jesus Christus fehlt. Ok, wow, das Gesamte war jetzt ganz schön komplex! Ich finde die Diskussion sehr interessant, man bekommt viele neue Einblicke und kann besser über andere Religionen urteilen und sich eine Meinung bilden. F: Ja, das denke ich auch. Es ist wichtig, so eine Thematik vielseitig zu betrachten. Ich akzeptiere natürlich jede Religion und ihre Auslegung, kann aber deutlich sagen, dass ich dem Christentum allein volle Wahrheit zuspreche. H: Ich muss ehrlich sagen, dass ich mit einer ‘vernünftigen Religion’ nie etwas anfangen konnte und das für mich immer im Gegensatz stand. Ich finde es aber sehr interessant, wie du dieses Verhältnis im Christentum verstehst, und sehe, dass viele Aspekte dafür sprechen, dass das Christentum jedenfalls ‘vernünftige Züge’ hat. Natürlich kann ich nicht behaupten, ab jetzt allein dem Christentum Wahrheit zuzusprechen, aber in diese Denkrichtung hast du mich durchaus gebracht. F: Ich finde es gut, wenn es viele verschiedene Gesichtspunkte gibt, die man an den einzelnen Religionen durchdiskutieren kann. Die wahre Religion ist für mich persönlich, wie bereits gesagt, das Christentum. Ich finde aber, dass die anderen zwei monotheistischen Religionen durchaus Züge aufweisen, denen man Wahrheit zuerkennen kann. Ich spreche denjenigen Glaubensannahmen Gültigkeit zu, ob innerchristlich oder außerchristlich, die mit den Grundannahmen der Evangelien übereinstimmen, das heißt: Überall, wo sich der Liebeswille Gottes für die Menschen als anerkannte Annahme aufweist, lässt sich Geltung legitimieren. H: Ja, ich finde es gut, dass du hinter deiner Religion in vollen Zügen stehst und deine Meinung begründen kannst. Dabei dennoch mit solch einer Toleranz den anderen monotheistischen Religionen gegenüberzutreten, schätze ich. Schlussendlich muss man wohl auch sagen, dass sie vieles verbindet, trotz jeglicher Konflikte in der Vergangenheit. Aber ja, deine Perspektive auf das Christentum hat mich nochmals im positiven Sinne zum Nachdenken angeregt. Das war wirklich III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 72 ein interessantes Gespräch, ich kann viele deiner Gesichtspunkte vertreten und habe einen neuen Blick auf deine Religion erhalten. F: Ja, das stimmt, dass sie einiges verbindet. Ich fand es wirklich interessant, mit dir zu diskutieren, das ist immer eine lebhafte und tiefgreifende Konversation! H: Ich fand es auch sehr spannend! Ich glaube nur, wir sollten uns nicht noch viel länger vom Rest der Familie mit unseren erstklassigen ;-) Gesprächen abkapseln. F: Du hast Recht. Oh je, hoffentlich haben die anderen uns noch Kuchen übriggelassen, lass’ uns direkt mal nachschauen gehen! Ein zufälliges Gespräch im Café am Marktplatz von Hana Künzler und Marie Rein Joachim Brauner hatte schlechte Laune. Das Café an der Ecke Schmidtstraße, Karlsweg am Marktplatz, welches für ihn wie eine Stammkneipe war, war rappelvoll. Er hatte gerade noch einen seiner bevorzugten Plätze am Fenster ergattern können. Da saß er nun, 53 Jahre, zwischen der brunchenden Gesellschaft, und las die Tageszeitung. Die schlechte Laune wurde größer. Unzählige schlechte Nachrichten von unnötigen Kriegen im Osten und von Politikern, die sich über Firlefanz stritten. Gerade wollte er umblättern da sprach ihn jemand von der Seite an… „Entschuldigung, ist hier noch frei?“ Ein junger Mann, etwa Anfang zwanzig, blickte ihn freundlich von der Seite an. „Ja ähmm … Natürlich, bitte setzen Sie sich, ist ja wirklich voll heute!“ Joachim rückte schnell seinen Teller mit Streuselkuchen ein Stückchen mehr auf seine Seite. Der junge Mann setzte sich ihm dankbar gegenüber und stellte seinen Pappbecher auf den Tisch. ‘Paul’ stand da, in Edding geschrieben. Joachim lächelte ihn freundlich an, dann fiel sein Blick auf einen Mann, der am Fenster vorbei lief. Er trug eine Kippa und rauchte eine Zigarette. Joachim Brauner zog die Augenbraun hoch und schüttelte leicht den Kopf. „Furchtbar wie ungesund wir Menschen leben, nicht wahr?“, sagte Paul. Joachim Brauner sah ihn verwundert an: „Wie …? Was mei- III.8 III.8 Ein zufälliges Gespräch im Café am Marktplatz 73 nen sie? – Ach so! Nein, ich …, also nein! Seine Kippa …! Ich habe nur auf die Kippa geachtet, also … ja.“ Paul wirkte leicht verwundert und blickte ihn seltsam an: „Haben sie etwas dagegen, dass er seine Religion vor anderen Menschen zeigt?“ „Nein, das ist es nicht, es ist nur so, dass ich seine Religion nicht verstehe!“ „Können Sie sie nicht verstehen oder wollen Sie sie nicht verstehen? Also ich meine: Sehen Sie sie als falsch an?“ „Naja, also … . Ja, ich kann sie nicht verstehen, weil ich einfach weiß, dass seine Religion nicht komplett wahr sein kann, nicht vernünftig ist.“ „Wieso das denn?“ Paul sah ihn fragend an. „Nun ja, Sie und ich, wir wissen beide, dass nur das Christentum die einzig wahre Religion ist.“ „Ach ja, ist das so? Gibt es denn so etwas wie eine wahre Religion? Was bedeutet für Sie denn eine ‘wahre’, ‘richtige’ oder ‘vernünftige’ Religion? Wieso ausgerechnet das Christentum, was macht es so besonders?“ „Der Kern des Christentums oder vielmehr des christlichen Glaubens ist, dass sich Gott durch Jesus Christus offenbart in Form von unbedingter Liebe. Eine Liebe, die sich allen Menschen zeigt und allen Menschen zuwendet. Diese Liebe beansprucht uns, sie schenkt uns Vertrauen und lässt uns leben.“ „Sehen Sie, Sie glauben daran so, wie der Mann an seine Religion glaubt. Aber wieso ist seine Religion unvernünftig und ihre vernünftig? Was bedeutet für sie denn ‘Vernunft’? Meiner Meinung nach kann man nicht so einfach sagen, was ‘vernünftig’ ist, sondern besser, was unvernünftig ist. Der christliche Glaube ist genauso unvernünftig wie die anderen zwei abrahamitischen Religionen, nämlich in der Hinsicht, dass Glaube bedeutet, in etwas zu vertrauen, das wir nicht sehen oder anfassen können. Wir glauben an etwas, das übersinnlich ist. In dieser Hinsicht ist der Glaube unvernünftig, auch der christliche, also der ihre.“ Joachim Brauner schmunzelte. Schon lange nicht mehr hatte er solch eine Unterhaltung geführt. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 74 „Sie haben Recht, der christliche Glaube ist, so gesehen, ebenfalls unvernünftig!“ Joachim schob sich ein Stück Streuselkuchen in den Mund. „Hinsichtlich ihrer richtigen Aussage über das Glauben an etwas Übersinnliches muss man aber sagen, dass nur, weil der christliche Glaube in seinem Gehalt nicht nachgewiesen werden kann, er die Wissenschaft nicht ablehnt. Der christliche Glaube, recht verstanden, ist jedenfalls insofern vernünftig als er die Wissenschaft respektiert und auch anerkennt. Zudem kann ein Christ durchaus vernünftig denken und an z.B. anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse wie etwa den Urknall glauben.“ Paul hatte noch einen Einwand zu machen: „Zudem ist, wenn ich einmal diese religionskritische Position weiter einnehme, das Wesen von Religion, an das Handeln Gottes zu glauben, ebenfalls ‘unvernünftig’!“ Joachim nickte. „Ich verstehe Ihre Position.“ Paul fuhr fort: „Ich sehe es, wenn ich einmal weiter den Religionskritiker abgebe, aber auch als unvernünftig an, wenn das Leben durch den Glauben völlig ‘in Beschlag genommen’ wird. Ich habe den Eindruck, gelebtes, ‘orthodoxes’ Judentum und auch der Islam beeinflussen das Leben der Gläubigen oft sehr stark bzw. beanspruchen es ganz. Es ist unvernünftig, dass stark religiöse Menschen – und hier möchte ich das Christentum nicht völlig ausschließen, denn auch dort gibt es, z.B. unter fundamentalistischen Christen, streng religiös lebende Menschen – ein Leben nur ‘für Gott’ leben und ‘vervollkommnen’, anstatt es für sich zu beanspruchen und sich selbst zu entfalten. Das spricht eigentlich komplett gegen unseren Verstand. Diese lebensfeindlichen und unvernünftigen Lebenshaltungen sehe ich noch viel häufiger im orthodoxen Judentum, besonders aber im ‘strenggläubigen’ Islam.“ Joachim zuckte leicht zusammen. Mit solch einem Standpunkt, wie ernst auch immer er gemeint war, hatte er nicht gerechnet. Er verstand die vorgetragene Betrachtungsweise des Mannes und musste dennoch widersprechen. „Wieso muss es denn gegen unseren menschlichen Verstand gehen, wenn Gott in unserem Leben eine sehr große Rolle spielt? Kann es nicht auch einfach sein, dass man sein Leben durchaus ‘für sich’ III.8 Ein zufälliges Gespräch im Café am Marktplatz 75 lebt und Gott einfach ein bedeutender Teil des eigenen Lebens ist, der wichtig ist um sein Leben gelingend zu leben und zu vollenden?!“ Paul verstummte kurz und meinte dann gedankenverloren: „Es ist also nicht gegen unseren Verstand, wenn wir Gott in unsere Leben einbeziehen … . Es ist vielleicht einfach nur wichtig, dass man sich auch bewusst ist, dass einige unserer grundlegenden lebensleitenden Überzeugungen nicht wissenschaftlich nachgewiesen oder begründet werden können … einfach, weil das wissenschaftlich gar nicht geht….“ Nach einer kurzen Denkpause fuhr Joachim fort: „Ich denke, Islam und Judentum sind in dieser Hinsicht durchaus ‘vernünftig’, genauso wie das Christentum. Glauben bedeutet, sich auf Gott einzulassen ohne sich abzusichern. Man schenkt Gott sein vollstes Vertrauen und erhält seine Zusage in Form von Liebe. Unvernünftig wäre eine kritiklose Unterwerfung unter eine fremde Autorität.“ „Sehen sie, diese Unterwerfung, die unvernünftig ist, so habe ich den Eindruck, die sehe ich, fundamentalistische Christen wieder ausgenommen, vor allem in einigen Ausprägungen des Islam. Und was mich auch immer wieder erschüttert, sind Handlungen, von denen ständig in den Nachrichten zu hören ist, bei denen der Glaube als Grund angegeben wird. Zwar sieht, wie ich es verstehe, auch das Christentum Handlungen der Menschen von Gott gewollt, aber der Mensch soll hierbei seine Vernunft nutzen um die Welt positiv zu verändern.“ Joachim: „Sie haben Recht, ich finde so etwas auch erschreckend, aber bedenken sie, dass das nicht auf alle Muslime bezogen werden kann!“ „Natürlich, das ist mir, wie ich ja angedeutet habe, bewusst … .“ Joachim: „Dennoch ist, glaube ich, das Christentum am nahesten an der Offenbarung Gottes. Es richtet sich vom Grund her danach, dass uns die Liebe Gottes durch Jesus widerfahren ist. Judentum und Islam glauben vielleicht auch an die unbedingte Liebe Gottes, aber dies ist eventuell nicht ihre Grundlage, geschweige denn die Offenbarung Gottes in Jesu Verkündigung und Handeln. Sie weichen demnach von der maßgeblichen Offenbarung Gottes ab und können deshalb aus christlicher Sicht nicht ganz einer wahren Religion entsprechen. Allerdings lassen sie sich tatsächlich nur als III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 76 falsch beschreiben, wenn sie komplett gegen diese Offenbarung Gottes als unbedingter Liebeswille sind.“ Paul: „Also würden sie die Religion des jüdischen Mannes nicht als falsch, aber auch nicht als ganz richtig bezeichnen, wenn ich sie recht verstehe?“ „Ja, so lässt es sich ganz gut beschreiben.“ Joachim nahm einen Schluck seines schon kalten Kaffees. „Ich habe den Eindruck, dass dem Judentum und auch dem Islam etwas fehlt. Ich kann den Glaubensannahmen des Christentums mehr vertrauen, dass der Kern des Glaubens in der Liebe Gottes liegt, weswegen auch die Worte im Neuen Testament der Bibel oft von Nächstenliebe, bedingungsloser Akzeptanz von anderen oder eben allgemein von Gottes Menschenliebe handeln. Natürlich sind nicht alle scheinbaren ‘Berichte’ über Jesu Reden und Tun im Neuen Testament eine Wiedergabe tatsächlicher Ereignisse, sondern Glaubenstexte, die der Verkündigung dienen, nicht aber einem dokumentarischen Bericht. Das muss man feststellen, wenn man sich auf die Vernunft des Menschen beruft und auf Wissenschaft. Dennoch habe ich in das Christentum ein großes Vertrauen und sehe es deshalb als die wahre Religion an. In Bezug auf die Wahrheitsfrage gilt es im Umgang mit dem Neuen Testament, wie überhaupt mit der Bibel, eben vielfach zu berücksichtigen, dass es sich dabei um Glaubensdokumente handelt – und handeln soll –, nicht um Tatsachenberichte, etwa, was die Geburtsgeschichten Jesu anbelangt, wie sie in den Evangelien von deren Verfassern in Verkündigungsabsicht dargestellt wurden.“ „Ich denke, jetzt habe ich Sie verstanden. Auch meiner Ansicht nach muss jeder für sich selbst entscheiden, welchen Glaubensannahmen er vertraut und welche Religion für ihn demgemäß die wahre Religion ist oder welche sich ihm als die wahre erweist.“ „Hmmm, ja, das stimmt. Ja, man kommt da um eine eigene Entscheidung und Stellungnahme nicht herum! Und der eigene Standpunkt ist für einen selbst dann ja oft der in sich stimmigste. Sagen sie: Wollen sie auch noch einen Kaffee?“ „Ähmmm … ja, sehr gerne: Ich nehme …“, doch da wurde Paul von seinem Handyklingelton unterbrochen. „Oh, entschuldigen Sie bitte!“ Er sah auf das Display und nahm ab: „Ja, hallo Schatz, seid III.8 Ein zufälliges Gespräch im Café am Marktplatz 77 ihr schon fertig?“ Joachim konnte eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung hören. „Ja, gut, ich bin gleich da! Treffen wir uns auf dem Platz? …. Dann bis gleich!“ „Tut mir sehr leid, aber ich muss gehen. Es hat mich sehr gefreut, mich mit Ihnen zu unterhalten! Vielleicht sieht man sich ja noch ‘mal!“ Paul stand auf und winkte zum Gruß. „Ja, kein Problem! Auf Wiedersehen und einen schönen Tag noch Ihnen!“ „Danke gleichfalls!“ Paul verließ das Café und lief noch einmal am Fenster vorbei. Die Männer lächelten sich an. Joachim verfolgte den Mann mit seinen Blicken und bemerkte, dass Paul auf eine junge Frau mit Kopftuch zuging, die in der Begleitung eines kleinen Mädchens war. Das Mädchen strahlte Paul an, mit einem typischen Tochtergrinsen auf den Lippen. Paul trat an die Frau heran, küsste sie auf den Mund und begrüßte die beiden. Dann zog die Familie über den Platz und verschwand hinter einer Straßenecke. Joachim Brauner saß für einige Minuten nur stumm da und starrte der glücklichen Szene hinterher. Dann grinste er und wandte sich seinem letzten Bissen Streuselkuchen zu. Eine Unterhaltung zwischen Sitznachbarn im Flugzeug von Marina Haug und Johanna Madeheim Ein gläubiger Christ und ein atheistischer Naturwissenschaftler befinden sich gemeinsam in einem Flugzeug und sind Sitznachbarn. Atheist: Endschuldigen Sie, wissen Sie, um wieviel Uhr die Maschine in Frankfurt landen wird? Christ: So Gott will um 14:30 Uhr. Atheist: Danke Ihnen! Aber was hat das mit Gott zu tun? Christ: Letztlich liegt es bei Gott, ob wir heil ankommen. Atheist: Das ist Ansichtssache! Meiner Meinung nach ist das unvernünftiges Denken! Vernunft und Glaube vertragen sich einfach nicht! III.9 III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 78 Christ: Das ist speziell Ihre Meinung! Glaube und Vernunft müssen nichts Gegensätzliches sein. Das Christentum beispielsweise war in seiner Geschichte der Vernunft gegenüber über weite Phasen durchaus aufgeschlossen. Atheist: Okay, das mag ja sein! Aber dennoch sind ‘Glaube’ und ‘Vernunft’ zwei Begriffe, die nicht zusammenpassen. Christ: Wie definieren Sie denn ‘Vernunft’? Atheist: Eine eindeutige Definition gibt es für diesen Begriff nicht. Aber alles, was über die Erfahrungswelt hinausgeht, ist für mich nicht logisch. Christ: Beim christlichen Glauben spielt sich jedoch vieles in der Erfahrungswelt ab, denn Jesus Christus hat historisch nachweisbar in ihr gelebt. Atheist: Seine Existenz bzw. die Existenz der Person mit dem Namen Jesus, der von Gläubigen der Titel ‘Christus’ beigelegt wurde, ist durchaus bewiesen, da gebe ich Ihnen Recht. Jedoch sind es viele seiner Taten nicht! Wie erklären Sie sich beispielsweise die Wunderheilungen? Christ: Das stimmt, dass sich viele seiner Taten historisch nicht belegen und wissenschaftlich nicht erklären lassen. Ich und viele andere Christen jedoch halten daran fest, dass viele dieser Dinge passiert sind, wie auch immer sie zu erklären sind. Und eine Reihe von Wundergeschichten, von denen die Evangelien ‘erzählen’, ist tatsächlich eindeutig legendarisch und man muss genau beachten, was mit ihnen eigentlich ausgesagt werden soll. Aber generell: Religion lebt nun ‘mal davon, auch an Dinge zu glauben, die wissenschaftlich nicht nachweisbar oder erklärbar sind. Nur durch diesen Glauben erfährt man die Liebe und Barmherzigkeit Gottes! Atheist: Blinder Glaube und blindes Vertrauen sind jedoch auch nicht gut. Die meisten Gläubigen unterwerfen sich einfach einer Offenbarung, die durch Tradition vermittelt wurde. Vernünftig wäre es aber, sich eigene Ziele zu setzen und sein Leben selbstbestimmt zu führen. Christ: Ich empfinde die Hingabe an Gott nicht als Zwang oder Nötigung. Ich vertraue Gott und fühle mich dabei frei und geborgen! Aber ich kann Ihre Vorbehalte hinsichtlich der Wissenschaft in gewisser Weise verstehen. Wir Christen müssen die wissen- III.9 Eine Unterhaltung zwischen Sitznachbarn im Flugzeug 79 schaftlichen Erkenntnisse, so weit sie vorliegen und nach den jeweiligen ‘Standards’ gut begründet sind, akzeptieren, unbenommen der Tatsache, dass wissenschaftliche Erkenntnis stets ‘Erkenntnis auf Abruf ’ ist und nur sein kann! Atheist: Freut mich, dass Sie mich verstehen! Im Christentum ist das Ganze ja auch etwas lockerer als beispielsweise im Islam. Christ: Wie meinen Sie das? Atheist: Sie sind zum Beispiel nicht so sehr verpflichtet, gewisse Dinge zu tun. Es gibt im Christentum keine strengen Vorgaben, wie oft und zu welcher Zeit man welches Gebet sprechen soll, wenn man einmal absieht z.B. von klösterlichen Ordensgemeinschaften. Im Islam hingegen ist das ganz anders gehandhabt. Nicht nur an die Regeln mit den Gebeten muss man sich halten, auch all die anderen Gesetze der fünf Säulen müssen beachtet werden. Christ: Ja, das stimmt, dass es einige recht strenge Gebote im Islam gibt, jedenfalls auf den ‘ersten Blick’. Das Christentum allerdings weist mit den zehn Geboten und dem Doppelgebot der Liebe auch Vorgaben auf, an die man sich halten muss bzw. soll. Atheist: Ach ja, stimmt, die zehn Gebote hatte ich ganz vergessen! Wie lauten diese denn noch ‘mal? Christ: Naja, zum Beispiel: Du sollst nicht stehlen, nicht töten, nicht ehebrechen … Atheist: Ach ja, die kenne ich doch! Aber daran halten sich ja auch Nichtgläubige! Ich denke, dass die Gebote im Islam um einiges strenger sind. – Wie ist das eigentlich im Judentum? Gibt es da auch sowas wie Gebote oder etwas, an das man sich halten muss? Christ: Ja, im Judentum gibt es die 613 Mitzwot, die die Juden einzuhalten haben – und die zehn Gebote, die mit zu den Mitzwot gehören, gelten natürlich auch für sie. Atheist: Und woher soll man denn dann wissen, welcher Religion man sich zugehörig fühlen soll – beziehungsweise: Warum haben Sie sich für das Christentum entschieden und nicht für eine andere Religion? Christ: Ich glaube an die Botschaft des Christentums von Jesus als dem Christus! Als Christ fühle ich mich durch Jesus Christus befreit. Und andere Religionen schränken meiner Meinung nach ge- III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 80 rade die Freiheit eher ein. Das Christentum gehört daher einfach zu mir! Es ist ein Teil von mir und ich bin ein Teil von ihm! Atheist: Würden Sie generell behaupten, dass das Christentum die ‘wahre’ Religion ist? Christ: Für mich ist das so, ja! Aber dazu hat jeder eine andere Meinung. Würden sie beispielsweise einen Muslim nach der wahren Religion fragen, würde dieser sicher den Islam als Antwort nennen. Atheist: Gibt es denn aber so etwas wie Beweise für die Wahrheit ‘hinter’ den Religionen? Christ: Was verstehen Sie denn unter ‘Wahrheit’? Atheist: Also für mich beruht Wahrheit auf Fakten, die wissenschaftlich nachweisbar und überprüfbar sind. Christ: Das habe ich mir fast gedacht, dass sie so antworten! Wissenschaftler haben meist eine sehr einseitige Sicht auf die Frage nach der Wahrheit. Wie ich schon sagte, beruht Religion nicht nur auf wissenschaftlich überprüfbaren ‘Fakten’, sondern auf dem Glauben und dem Vertrauen zu Gott! Atheist: Wie kann man denn an etwas glauben bzw. hinter etwas stehen, ohne dass Wahrheit darin eine Rolle spielt? Christ: Im Glauben wird ‘Wahrheit’ etwas anders definiert. Diese Wahrheit, von der sie eben sprachen, mag für sie die einzige Wahrheit sein, ich jedoch weiß, dass nicht allein diese allgemeingültig nachweisbare Wahrheit in der Religion und in der Geschichte der Religion vorkommt. Sicher gibt es auch in der Religion Dinge, die wirklich so passiert sein müssen als wissenschaftlich nachprüfbare ‘Fakten’. Nehmen wir wieder das Beispiel mit Jesus: Dieser hat sicher existiert. Die Geschichten von ihm und um ihn herum sind aber mit Sicherheit vielfach nicht genau so passiert, wie die Evangelien es ‘berichten’. Zunächst: Damals wurden die Geschichten mündlich weitergegeben, wobei sicherlich auch ‘mal das ein oder andere verändert, z.B. ausgeschmückt, wurde, und auch bei den Schriften wurden bei den Übersetzungen viele Dinge nicht einfach nur übersetzt, sondern auch umgeschrieben bzw. etwas verändert. Zudem handelte es sich dann in der Absicht etwa der Verfasser der Evangelien nie um protokollarische Berichte, sondern um Glaubensverkündigung, aber III.9 Eine Unterhaltung zwischen Sitznachbarn im Flugzeug 81 das hatte ich ja schon angedeutet. Für mich reicht das aber an Wahrheit bzw. ist das für mich Wahrheit, die sich mir gerade über diese Glaubensverkündigung als religiöse Wahrheit vermittelt. Atheist: Uff! Für mich ist diese Denkweise nicht ganz nachvollziehbar, jedoch respektiere ich natürlich Ihre Sicht bezüglich dieses Themas. Christ: Hat sich denn Ihre Frage nach der Wahrheit in der Religion etwas geklärt? Atheist: Hm, ich denke, Wahrheit bedeutet hier vielleicht für jeden etwas anderes. Man kann Wahrheit hier wohl nicht allgemein definieren. Für mich ist das alles generell etwas unverständlich. Ich finde in Religionen nach wie vor nichts Greifbares, woran ich glauben könnte. Ich kann zum Beispiel überhaupt nicht verstehen, was das jährliche Fasten für einen Nutzen hat. Beim Fasten geht es doch darum, auf etwas, was einem wichtig ist oder was einem Freude bereitet, zu verzichten. Wieso sollte Gott so etwas denn wollen? Christ: Genau das ist es ja: Indem du auf etwas vermeintlich Wichtiges verzichtest, etwas, bei dem du dir sicher bist, dass du es brauchst, lernst bzw. merkst du, wie gut du auch ohne es leben kannst. Man lebt so viel bewusster und schätzt die Dinge mehr, wird zudem unabhängiger. Außerdem geschieht das Fasten auf freiwilliger Basis. Jeder, der Lust dazu hat und diese Herausforderung annehmen will, kann das tun. Jeder andere muss das aber natürlich nicht. Atheist: Ah, ich verstehe, das ergibt natürlich Sinn. Was ich aber trotzdem nicht verstehen kann, ist, wieso im Islam Gott oder Allah wollen sollte, dass Menschen tagsüber hungern müssen? – Ich meine, wenn es hier, wie oft im Christentum, um Süßigkeiten oder auch andere nicht allzu wichtige Dinge geht, ist das noch verständlich und nachvollziehbar. Im Islam geht es ja aber um weitaus wichtigere Dinge wie tagsüber Essen und Trinken. Ich verstehe nicht, worin der Sinn liegt, tagsüber weder Essen noch Trinken zu sich nehmen zu dürfen, wobei nach Sonnenuntergang jedoch wieder alles erlaubt ist. Christ: Da müssten Sie sich wohl eher mit einem Muslim unterhalten, der könnte Ihnen sicher mehr dazu sagen. Ich kann mir aber vorstellen, dass das Ganze, ähnlich wie im Christentum, viel mit III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 82 Selbstbeherrschung oder sogar mit Askese zu tun hat, die den Menschen für Gott hin öffnen soll. Atheist: Mir fällt gerade ein, dass Muslime und Juden auch dauerhaft auf bestimmte Lebensmittel verzichten müssen. Im Christentum gibt es sowas doch gar nicht. Christ: Da haben Sie Recht. Im Judentum müssen die Lebensmittel koscher sein, während sie im Islam halal sein müssen. Wie Sie wahrscheinlich schon wissen, dürfen Muslime kein Schweinefleisch konsumieren, und Juden unter anderem nur Fleisch von Tieren, die Wiederkäuer sind und zwiegespaltene Hufe haben. Atheist: Wie seltsam, sein ganzes Leben auf so viele Dinge zu verzichten, nur wegen dem Glauben! Naja, für mich ist Religion eben immer noch sehr mysteriös und unverständlich. Auch das Thema Gotteshäuser finde ich sehr schwierig. Besuchen Sie denn regelmä- ßig den Gottesdienst? Christ: Ja, natürlich! Atheist: Wieso müssen Sie eine Kirche besuchen? Sie können doch auch einfach zu Hause beten. Außerdem: die Geldeinsammelei über die Kollekte im Gottesdienst und die Kirchensteuern sind wohl sowieso nur Geldmacherei! Christ: Na klar bete ich auch gerne zu Hause, in der Kirche ist das jedoch etwas ganz anderes. Ich fühle mich dort viel stärker mit Gott verbunden. Man fühlt sich dazugehörig, viel wohler und gestärkter mit Menschen, die alle dem eigenen Glauben angehören, zu beten. Die Kirchensteuer bezahle ich übrigens gerne und mit gutem Gewissen. Die Kirche gibt mir ja auch etwas zurück. Ich weiß, dass mein Geld dort gut angelegt ist, und bin froh, wenn ich der Kirche bzw. der gesamten Gemeinde helfen oder auch karitativ kann. Das Flugzeug macht sich bereit zur Landung. Atheist: Ich danke Ihnen für das interessante und aufschlussreiche Gespräch! Ich habe nun auch ‘mal die Sichtweise eines Gläubigen mitbekommen und kann nun einige Dinge eher nachvollziehen als vorher. Christ: Ich danke Ihnen ebenfalls! Auch ich habe durch unser Gespräch einiges dazugelernt. Ihre Frage nach der Wahrheit in der Re- III.9 Eine Unterhaltung zwischen Sitznachbarn im Flugzeug 83 ligion und nach der wahren Religion hat mich besonders zum Nachdenken angeregt. Atheist: Ich denke, dass so etwas wie ‘die eine, als wahr ausweisbare Religion’ nicht existiert, da jeder die Frage für sich selbst beantworten muss. Mir persönlich sagt das Christentum aber am ehesten zu, da ich den Glauben und die Lebensweise der Christen am ehesten von allen anderen Religionen nachvollziehen kann. Christ: Das freut mich zu hören! Das Flugzeug landet in Frankfurt. Atheist (schmunzelnd): Zum Glück hat Gott es gut mit uns gemeint und uns heil ankommen lassen! Christ: Haha! – Vielleicht sehen wir uns irgendwann ja ‘mal wieder! Atheist: Ja, das würde mich freuen! Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Auf Wiedersehen! Christ: Danke, ich Ihnen auch! Bis dann! Eine strittige Diskussion zwischen Studierenden der Theologie und der Philosophie von Pauline Riehl und Shakée Knolle-Akyüz Theologiestudent: David Theologiestudentin: Ella Philosophiestudent: Levi Philosophiestudent: Ilias Die zwei Theologiestudenten David und Ella trafen sich am Freitagabend in ihrem Lieblingsrestaurant mit ihren guten Freunden Ilias und Levi, welche beide Philosophie im 3. Semester studieren. Während die Jungs tief ins Gespräch vertieft sind, sitzt Ella an der Seite und scheint nur mit dem halben Ohr zuzuhören. David: Ella? Ella: Äh ja, entschuldige; was hast du gesagt? III.10 III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 84 David: Sag ‘mal: Was ist los mit dir? Du bist schon den ganzen Abend so still und grübelst vor dich hin! Ella: Sorry Jungs, mich beschäftigt nur die ganze Zeit die heutige Theologievorlesung. Es ging um das Verhältnis zwischen Vernunft und Glaube und … Levi: Oh, was ein Glück studiere ich nicht Theologie … David: Levi, lass’ sie doch wenigstens ‘mal ausreden! Ich finde, die Frage ist ziemlich interessant. Denn jeder muss sich erst ‘mal klarmachen, was ‘Vernunft’ für einen bedeutet und inwiefern es überhaupt eine Verbindung von Vernunft und Glaube gibt. Levi: Für mich ist das eine ganz klare Sache: ‘Vernunft’ bedeutet sachliches, rationales Handeln und Denken, frei von Gefühlen, orientiert an der Wissenschaft und am logischen Denken, weshalb ich keinerlei Verbindung zwischen Glauben und Vernunft sehe. Der Glaube behindert das vernünftige, rationale Denken des Menschen, da er das Wirklichkeitsverstehen beeinträchtigt und dies nicht mit unserem heutigen Leben vereinbar ist. Ilias: Dem, was du über die Vernunft gesagt hast, stimme ich zu, jedoch finde ich, dass der Glaube diese Vernunft nicht beeinträchtigt. David: Ihr solltet euch erst ‘mal klar machen, was der christliche Glaube überhaupt bedeutet und vermitteln möchte, damit ihr einschätzen könnt, inwiefern der christliche Glaube mit der Vernunft vereinbar ist oder auch nicht. Der christliche Glaube hat doch zum Kern, dass … Levi: Es ist mir egal, was du jetzt sagen willst, für mich sind gläubige Menschen einfach unvernünftig, weil sie alles glauben, was man Ihnen sagt und nichts hinterfragen! Ella: Wie definierst du denn ‘Unvernünftigsein’? Wenn ich an Unvernünftigkeit denke, kommen mir nicht-gläubige Menschen in den Sinn. Für mich bedeutet ‘Unvernunft’ unüberlegtes Handeln, ohne an die Konsequenzen zu denken. Levi: Genau das meine ich ja! Dieses unüberlegte Handeln der strenggläubigen Menschen, die ihr ganzes Leben nach Gott und der Bibel richten, ohne zu hinterfragen, wo der Ursprung ihres Glaubens überhaupt liegt! Sie folgen wie Blinde dem, was ihnen gesagt III.10 Eine strittige Diskussion zwischen Studierenden der Theologie und der Philosophie 85 wird, und sind zu stur, um den Leuten zuzuhören, die ihre Religion kritisieren! David: Levi, du hast eine falsche Auffassung von dem, was Glaube und Religion bedeuten. Besonders ich als Theologiestudent bin ständig mit dem Be- und Hinterfragen der Bibel und der Religionen beschäftigt. Ich kann deine kritische Haltung gegenüber dem Glauben nachvollziehen und respektiere diese auch, jedoch solltest du wissen, dass sich religiöse Menschen sehr wohl mit ihrem Glauben auseinandersetzen, auch kritisch! Es gibt aber natürlich ‘strenger’ Gläubige und weniger ‘Strenggläubige’, und du solltest niemanden dafür verurteilen, dass der Glaube ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist für diese Person! Ilias: Ich kann verstehen, was du am Glauben unvernünftig findest: Der Glaube überschreitet, ja widerspricht vielleicht sogar unserem heute allgemein oder jedenfalls weit verbreiteten Wirklichkeitsverständnis. Der Glaube nimmt Übermenschlich-Persönliches an und ist auf der Grundlage unserer heutigen Realitätsauffassung nicht leicht nachvollziehbar, schon gar nicht wissenschaftlich belegoder ‘beweisbar’, weshalb ich, David und Ella, Levis Ansicht, dass der Glaube mit seinen Annahmen der Realität widerspricht und er unvernünftig erscheint, gut verstehen kann. Levi: Demnach wäre es hingegen vernünftig, sich nicht einer durch Tradition vermittelten Lehre kritiklos zu unterwerfen, sondern sein Leben selbstbestimmt zu führen und sich eigene Vorschriften und Ziele zu setzen sowie sich von rational unbegründbaren Vorschriften zu lösen. Ella: Der christliche Glaube, wie ich als Jüdin ihn verstehe, bedeutet wie im Judentum nicht, dass man sich vom rationalen und vernünftigen Denken abwendet, sondern ist vielmehr dafür, dass der Mensch als gottgewolltes, vernünftiges Wesen handelt und die Welt positiv verändert! David: Genau Ella! Christlicher Glaube bedeutet nicht, dass man sich kritiklos und blind einer fremden Autoritätsperson unterwirft, sondern im Vordergrund steht das Vertrauen auf den Zuspruch Gottes! Denn gerade dieses vertrauensvolle Sich-Verlassen auf Gott ermutigt, vernünftig zu handeln und Gottes Intention zu verstehen! Aus der Sicht des christlichen Glaubens hilft dieser dem Menschen, III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 86 seine Wesens- und Zielbestimmung zu realisieren, da der Mensch nicht alleine in der Lage ist, dies zu tun. Außerdem: Jesus Christus ist nach christlichem Glauben ja gerade die fleischgewordene Vernunft, der inkarnierte Logos! Ella: Okay Leute, ich danke euch für eure verschiedenen Meinungen! Sie haben mir wirklich weitergeholfen … – Sag ‘mal, David, ich hätte noch eine weitere Frage, die ich mir schon länger gestellt habe: Und zwar gibt es ja selbstverständlich nicht nur die christliche Religion … In unserem Gespräch gerade war ja auch eher der christliche Glaube der Ausgangspunkt. Ich meine, ich bin jüdisch, Ilias ist muslimisch. Würdest du sagen, es gibt nur eine wahre Religion und Gottesoffenbarung? Levi: Was verstehst du denn überhaupt unter ‘wahre Religion’? Im philosophischen Sinne würde ‘Wahrheit’ bestimmt wieder etwas anderes bedeuten als wenn ihr über Religion und Glaube sprecht. Vielleicht sollte man an dieser Stelle klären, was ‘Wahrheit’ für dich eigentlich bedeutet. Man könnte sich ja fragen, ob sich ‘Wahrheit’ daraus ergibt, dass möglichst viele Leute mit einer Meinung oder Annahme übereinstimmen, und nur, weil genügend Leute daran glauben, ist etwas wahr? Natürlich nicht! Es muss schon auch gleichzeitig als allgemein zutreffend bewiesen werden. Ella: Ja, du hast Recht, ich meine, für mich persönlich ist Wahrheit im Allgemeinen, dass etwas, was man behauptet, tatsächlich zutrifft. Wenn etwas wahr ist, ist es richtig und gültig. Wahrheit ist das Gegenteil von Falschheit. Ich meine, es gibt verschiedene Maßstäbe, die zur Begründung von Wahrheit verwendet werden können. Beispielsweise die Evidenz, also die (unmittelbare) Offensichtlichkeit, oder natürlich auch, ob etwas schlüssig und widerspruchsfrei einzuordnen beziehungsweise abzuleiten ist. Oder in den Naturwissenschaften die methodisch-empirische Überprüfung von Annahmen im Experiment. Im religiösen Sinne ist es demnach gar nicht möglich, mit so etwas wie wissenschaftlicher Sicherheit zu behaupten: „Das ist die Wahrheit!“, denn es lässt sich so nicht beweisen oder wenigstens überprüfen, dass – ich gehe jetzt wieder einmal vom Christentum aus – Jesus der Christus war bzw. ist oder, bei uns im Judentum, dass Jahwe allein Gott ist – und es diesen Gott überhaupt ‘gibt’… III.10 Eine strittige Diskussion zwischen Studierenden der Theologie und der Philosophie 87 Levi: Ja genau! Es stellt sich die Frage, ob es in der Religion überhaupt eine wirkliche Wahrheit gibt. Kann es hier überhaupt ‘die Wahrheit an sich’ geben? David: ‘Beweisen’ lässt es sich nicht, aber auch nicht das Gegenteil! Man könnte es auch so sehen, dass in Sachen Glauben und Religion jeder Mensch seine eigene ‘Wahrheit’ hat oder haben kann, an die er glaubt und die er für richtig hält. Ilias: Genau diese Frage kann man sich auch in Bezug auf die drei abrahamitischen Religionen stellen: Gibt es zwischen diesen wesentliche Unterschiede – oder sind alle Religionen gleich wahr? In der Religion muss, wie du sagst, jeder für sich selbst entscheiden, was er glaubt, und demnach auch, was er als wahr empfindet und erfährt oder nicht. In dem Sinne ist es schwer, in der Religion nach der Wahrheit zu fragen. Wenn man entscheidet, sich einer Religion anzuschließen, stellt man sich in erster Linie nicht die Frage: „Ist das philosophisch wahr oder logisch?“, man richtet sich nach seinen Gefühlen und persönlichen Erfahrungen. Es geht doch um das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit, welches manche Leute in der Liebe Gottes (wieder) finden können. Ella: Ich finde in Bezug auf die Religionen die Aussage, dass jeder Mensch hier seine eigene Wahrheit hat oder haben kann, an die er glaubt, sehr passend, denn Religion bezieht sich auf nichts Offensichtliches, auch nicht auf etwas empirisch ‘Feststellbares’. Jeder Mensch hat seine eigenen Gedanken zum Glauben und deswegen würde ich ‘Wahrheit’ auch in zwei unterschiedliche Kategorien einteilen. Natürlich gibt es einerseits die Wahrheit im Sinne von feststellbaren, überprüfbaren Fakten oder Offensichtlichem und allem, was darauf bezogen ist, etwa in wissenschaftlichen Experimenten, auf der anderen Seite aber die Wahrheit, die jede oder jeder für sich erfährt und dann selbst ‘definiert’, bei der sich jeder seine eigenen Gedanken macht und bei der man für sich selbst erfahren und dann entscheiden muss, was ‘Wahrheit’ für einen ist. David: Um zu deiner Frage zurück zu kommen, Ella, kann ich dir keine allgemeine Antwort geben, denn auch hier entscheidet jeder für sich selbst, welchen Annahmen er Glauben schenkt oder nicht. III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 88 Meiner Meinung nach ist die christliche Religion die wahre Religion, von der die anderen Abstufungen sind. Ilias: Würdest du also daraus schließen, dass die Gläubigen der abrahamitischen Religionen alle an den gleichen Gott glauben? David: Es gibt bestimmt Leute, die annehmen, dass die anderen abrahamitischen Religionen als Manifestations- bzw. Offenbarungsformen desselben Gottes zu verstehen sind, allerdings in unvollkommener Form. Ilias: Diese Annahme kann ich keinesfalls nachvollziehen, denn dadurch würde man die anderen Religionen abwerten und behaupten, dass die christliche Religion die bessere wäre. Ella: Würdest du also sagen, David, dass die anderen Religionen eine abgewandelte und falsche Vorstellung Gottes haben, und somit nur die christliche Religion die einzig wahre, ‘richtige’ Religion ist? David: Nein, so habe ich das nicht gemeint! Ich bin zwar der Meinung, dass der christliche Glaube die wahre Religion ist und die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus das Wort Gottes, welches an alle Menschen gerichtet ist. Aber auch hier muss jeder für sich selbst entscheiden, inwiefern er an eine Offenbarung Gottes glaubt oder nicht – und an welche. Jeder hat eine andere Auffassung, die Hauptsache ist aus meiner christlichen Sicht, dass diese geglaubten Offenbarungen nicht der Offenbarung Gottes in Jesus Christus dem Inhalt nach widersprechen. Selbst die Christen müssen für sich entscheiden, ob sie den im christlichen Glauben jeweils vertretenen Gottesvorstellungen Glauben schenken (können). Sie müssen nämlich prüfen, ob diese dem von Jesus Christus vermittelten Liebeswillen Gottes, welcher sich allen Menschen zuwendet, entsprechen. Man sollte sich bei diesem Thema eher zurückhalten und nicht voreilige Schlüsse ziehen und infolgedessen nicht anderen Behauptungen Unrecht zusprechen bei Dingen, die man nicht hundertprozentig weiß oder auch nur wissen könnte. Ella: Angenommen, das Christentum sei die wahre Religion: Würde das dann bedeuten, dass wir Juden und die Muslime nicht zum Heil gelangen können, weil wir nicht dem christlichen Glauben angehören? III.10 Eine strittige Diskussion zwischen Studierenden der Theologie und der Philosophie 89 David: Liebe Ella, hier entsprechend dem, was ich gerade gesagt habe: Es liegt bei Gott selbst, ob er seinen Heilswillen in anderen Religionen zu erkennen gibt. Ilias: Aber Ella, stimmst du jetzt der Aussage zu, es gäbe nur einen Gott und eine ‘wirklich’ wahre Religion, und zwar die christliche? Ella: Ich persönlich würde selbstverständlich nicht sagen, dass die christliche Religion die ‘wirklich’ wahre ist. Jesus selbst, der, wie die Christen glauben, Offenbarer Gottes, war jüdisch, somit macht diese Aussage keinen Sinn für mich! David: Ich wollte mit der Aussage, dass die christliche Religion die fundierende Religion der Offenbarung Gottes ist, keinesfalls den anderen Religionen die Wahrheit oder die Gültigkeit absprechen. Wie schon oft gesagt, hat jeder seine eigene Meinung zu bilden, was er als richtig und wahr befindet und im Glauben als wahr erfährt. Wir können christlichen aber auch außerchristlichen Glaubensannahmen Gültigkeit zusprechen. Wichtig ist hierbei aber, dass sie stets in sich nachvollziehbar und vernünftig erscheinen sollten und dem Inhalt der Offenbarung Gottes in Jesus als Christus nicht widersprechen. Levi: Okay Leute, ich glaube, langsam reicht es mit dem Thema Religion, lasst uns doch einfach festhalten, dass es im religiösen Sinne schwer ist, ‘die’ einzig wahre Antwort zu finden! Jedem ist doch selbst überlassen, was er glaubt oder nicht, und trotzdem sollte man dabei nie vergessen, andere Meinungen und Überzeugungen zu akzeptieren. Und wenn ich jetzt noch ein Wort über Gott höre, dann geh ich nach Hause! Ilias: Ist ja gut Levi, ist ja gut! Hast du gestern das Fußballspiel gesehen?… To be continued … III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 90 Ein Physik- und ein Religionslehrer am Kopierer – Ist Religionsunterricht wichtig? von Laetitia von Westernhagen und Alina Philipsen Michael: „Hey, Günter, könntest du mich beim Kopieren bitte schnell vorlassen? Ich habe gleich Physik in meinem E-Phasen- Kurs. Ich denke, die Kinder aus deinem Religionskurs können auch mal 10 Minuten warten. Das heutige Thema in meinem Unterricht ist nämlich nicht nur für die nächste Klausur der Kinder, sondern auch für die Prägung ihres gesamten Weltbilds sehr wichtig.“ Günter: „Willst du damit etwa sagen, dass Religion nicht wichtig für ihr Weltbild ist?“ Michael: „Ach komm schon, Günter. Sei vernünftig! Du weißt selbst, mit welcher Ansicht sich die Kinder später besser in die Arbeitswelt einfinden werden. Mit der, dass, egal was passiert, Gott sie schon irgendwie immer ‘an den Mann’ bringen wird, bestimmt nicht! Mit der, dass sie die Dinge selbst anpacken sollten, um es zu etwas zu bringen schon eher. Die Geschichte ist das beste Beispiel. Ohne die neuzeitlich-moderne Wissenschaft selbstbestimmter Menschen wären wir heute noch lange nicht da, wo wir jetzt sind.“ Günter: „Das kannst du so nicht sagen, Michael. Ich bin vernünftig und ich glaube an Gott, der sich uns Menschen als logos offenbart hat. Er hat uns die Vernunft gegeben, die Welt zu erkennen und sie daraufhin zu verändern. Deshalb musste die Kirche und hat sie in der Vergangenheit immer wieder neuartige wissenschaftliche Erkenntnisse akzeptiert, wenn leider teils mit unangemessen erheblicher ‘Verspätung’.“ Michael: „Warum bist du dir so sicher, dass Gott uns die Fähigkeit dazu gegeben hat? Es konnte schließlich nie bewiesen oder zumindest überprüft werden, ob Gott wirklich existiert. Was, wenn du irgendwann aufwachst und herausfindest, dass dein ganzes Leben eine Lüge war?“ Günter: „Dieser Fall ist auszuschließen, denn, wie du bereits hast anklingen lassen, ist es mit experimentellen, methodisch-empirischen Überprüfungen nicht möglich, nachzuweisen, ob es Gott gibt. Der Glaube an Gott übersteigt unser Wirklichkeitsverständnis, III.11 III.11 Ein Physik- und ein Religionslehrer am Kopierer – Ist Religionsunterricht wichtig? 91 denn die göttliche Transzendenz, welche in unsere natürliche Erfahrungswelt einbricht, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Dieses ‘Hereinbrechen’ nennt man auch ‘Inszendenz aus Transzendenz’.“ Michael: „Du stimmst mir also zu, dass die Wirklichkeit des Menschen zweckrational erkennbar ist und der Mensch nicht in der Lage ist, mögliches Übernatürliches zu erkennen! Warum dann also unterwirfst du dich kritiklos und dienerisch einer Macht, die du nicht einmal begreifen kannst? Ohne den Glauben könntest du dich an anderen Zielen orientieren – dich selbst verwirklichen –, indem du dich von deiner Befangenheit in unbelegbaren Transzendenzvorstellungen befreist. Deine Vernunft sollte dir zeigen, dass du dich von den ohnehin veralteten autoritativen Abhängigkeiten und heteronomen Gebundenheiten lösen solltest, denn sie ist die Macht, die dich aus der Entfremdung deines Wesens wieder befreien kann.“ Günter: „Glaube, angemessen verstanden, ist frei von Nötigung und autoritativem Zwang. Ich verpflichte mich ganz bestimmt nicht heteronomen Gebundenheiten, sondern halte mich lediglich so gut es geht an die 10 Gebote, welche Grundlinien für das harmonische Zusammenleben der Menschen darstellen und an die sich deshalb auch jeder halten sollte. Zum Teil sind sie ja auch in unserem Grundgesetz wieder aufgegriffen worden. Außerdem hat Glaube nicht nur Inhalt und Vorschriften, sondern beruht auch auf Vertrauen. Gott will keinen zwingen, ihn anzunehmen. Das Gegenteil ist der Fall: Der Mensch muss es von sich aus riskieren, sich in vorbehaltlosem Vertrauen auf den Glauben einzulassen. Dabei gibt es keinen Zwang. Das Einzige, was wichtig ist, ist, dass sich für ihn/sie eine, wie man es nennen kann, ‘subjektive Bewahrheitung’ ergibt.“ Michael: „Na gut! Hier liegt also der grundlegende Unterschied zwischen uns bzw. zwischen Theologie und Wissenschaft. Wir sind uns beide einig, dass die Welt durch wissenschaftliche Erkenntnisse weitergebracht wurde. Auch denken wir, dass erst die menschliche Vernunft uns an diesen ‘Scheideweg’ gebracht hat, und es uns nun auch möglich macht, über solche Ansichten sogar zu diskutieren. Im Gegensatz zu mir hälst du jedoch Gott als verantwortlich für unsere Vernunft. Du meinst, Gott will, dass wir die Wahrheit erfas- III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 92 sen – willst und sollst dich jedoch in manchen Dingen dennoch von den Erkenntnissen distanzieren, vor allem wenn es um deren Anwendung und Gebrauch geht. Ich hingegen denke, wir sind dazu biologisch und genetisch veranlagt, diese Erkenntnisse zu erwerben, und entwickeln uns dabei auch immer weiter, auch durch deren Anwendung und Gebrauch. Deshalb vertraue ich auf die Wissenschaft. Habe ich unsere Standpunkte einigermaßen richtig ausgedrückt?“ Günter: „Exakt. Die Christen gehen von einer ‘Glaubensprämisse’ aus, sie vertrauen in Sachen des Glaubens statt des ständigen Beund Hinterfragens auf die Selbstoffenbarung Gottes, die sich ihnen im Glauben dann ‘bewahrheitet’. Diese ‘Prämisse’ ist nicht mit einer normalen, durch den Fortgang der Wissenschaften revidierbaren Hypothese zu vergleichen, sondern hat unbedingten Charakter.“ Michael: „Ja, trotzdem habe ich gehört, dass sich das Auslegungsgeschehen in der Theologie nicht wesentlich von dem der anderen hermeneutischen Wissenschaften unterscheidet. Was anders ist, ist die Intention dabei.“ Günter: „Das ist ebenfalls korrekt. In der Theologie wird angenommen, dass in allen auszulegenden Glaubensurkunden der Zu- und Anspruch Gottes in Jesus Christus als Evangelium gegenübertritt, um den Glauben hervorzurufen. Daher sollte jedes Wort bei der ‘Übersetzung’ von seinem Gehalt her dennoch möglichst identisch bleiben, auch wenn die Menschen von heute schon einen etwas anderen Blick auf die Religion bekommen haben, als die Menschen, die damals die Texte verstanden und gedeutet haben.“ Michael: „Na schön, das habe ich soweit verstanden, aber nochmal zurück zur Vernunft des Glaubens. Sich kritiklos einer fremden Autorität und deren Setzungen zu unterwerfen kann doch nicht vernünftig sein!“ Günter: „Na na, Michael, da hast du ja etwas vollkommen falsch verstanden! Glaube ist zunächst, der Zusage Gottes zu vertrauen, und dann seine Vorschriften und Gebote vernünftig und mündig zu erkennen und anzuerkennen.“ Michael: „Ja, aber aus der Sicht des Glaubens ist der Mensch doch eben nicht imstande zur Selbstsetzung von Sinn und Ziel seines Daseins per Vernunft – und darauf kommt es doch an!“ III.11 Ein Physik- und ein Religionslehrer am Kopierer – Ist Religionsunterricht wichtig? 93 Günter: „Ach Michael, du sprichst da doch von der spätneuzeitlich-religionskritischen Wirklichkeitsauffassung und übernimmst sie. Diese ist aus der Perspektive des Glaubens aber nicht angemessen, da sie nur anerkennt, was empirisch erkennbar ist, sei es nun direkt oder aber indirekt, oder aber ‘logisch zwingend’. Diese Auffassung der Wirklichkeit lässt für den göttlichen Liebeswillen keinen Raum. Michael: „Mensch Günter, was erwartest du denn! Ich bin doch Physiker, und das Ziel der Physik ist es, Dingen auf den Grund zu gehen und sie eben mithilfe der etablierten wissenschaftlichen Methoden und Standards zu beweisen oder nachzuweisen, z.B. durch kontrollierte Experimente. Aber wie willst du Gottes Liebe beweisen oder nachweisen? Der angeblichen originären Selbstbekundung Gottes entspricht kein wirkliches menschliches Erkennen.“ Günter: „Neben dem empirisch Nach- oder Aufweisbaren gibt es etwas weiteres – den Glauben! Und vor allem die christliche Religion, die einzig wahre Religion, kann …“ Michael: „Stopp, da muss ich dich nun wirklich unterbrechen! Ich glaube zwar nicht an Gott, aber wie kannst du die christliche Religion als einzig wahre bezeichnen und die anderen monotheistischen abrahamitischen Religionen komplett außen vor lassen? Günter: „Nun, Gott hat sich doch letztendlich den Christen in Form von Jesus Christus offenbart. Das Judentum beispielsweise ist in diesem Sinne also vorausweisend auf die christliche Religion. Und der Islam ist zurückweisend. Michael: „Ist das nicht sehr abschätzig von dir, so über die anderen Religionen zu reden?“ Günter: „Nein Michael, eben nicht. Denn die christliche Theologie übt sich in Bescheidenheit. Gemäß dem Zeugnis von Jesus Christus als Evangelium Gottes für alle! Der christliche Glaube kann zwar nicht abrücken von der universalen Bedeutung der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Diese Bedeutung kann nur geglaubt und glaubend erfahren werden. Dies bedeutet aber nicht, dass Nichtchristen nicht zum Heil gelangen können. Denn es liegt bei Gott, ob Menschen, die nicht die Chance einer bewussten Entscheidung per Begegnung mit Jesus Christus haben, ihm und seinem Liebes- III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 94 willen für den Menschen begegnen auch außerhalb von Jesus Christus. Michael: „Ach so meinst du das! Insofern haben die anderen Religionen also auch ihren Wert, oder?“ Günter: „Natürlich! Wenn christliche Religion eines bedeutet, dann doch wohl Nächstenliebe und Respekt. Auch deinen Atheismus toleriere ich, auch wenn ich ihn nicht nachvollziehen kann.“ Michael: „Da bin ich aber beruhigt, Günter.“ Günter: „Wir kommen also zu dem Schluss, dass jeder Mensch selbst entscheiden kann und muss, ob er sich auf den Glauben und vor allem auf welchen Glauben er sich einlässt. Für mich ist die wahre Religion die christliche. Das hängt mit der unaufgebbaren Grundannahme des christlichen Glaubens zusammen, dass Gott sich durch Jesus Christus offenbart hat. Wie sich Gott hier gezeigt hat, ist aus christlicher Sicht Maß jeden Anspruchs auf Gottesoffenbarung. Egal, ob die Glaubensannahmen nun innerchristlich oder außerchristlich aufgestellt werden. Ein Buddhist würde das aber ganz anders sehen und du als Atheist sprichst ohnehin keiner Glaubensannahme Gültigkeit zu.“ Michael: „Du sagst es! Aber da ist noch eine letzte Frage, die ich habe: Die anderen beiden monotheistischen und abrahamitischen Religionen verbindet doch so viel mit der christlichen – und trotzdem haben sie so verschiedene Glaubensannahmen?“ Günter: “Sooo verschieden sind die Annahmen gar nicht. Beide glauben wir an einen Gott. Vielleicht sogar an denselben. Nur geben wir ihm verschiedene Namen. Aber Jesus Christus spielt in den anderen Religionen nicht dieselbe Rolle wie im Christentum. Durch die verschiedenen Glaubensannahmen unterscheiden sich unsere Religionen ja und deshalb hat sich das Christentum vom Judentum abgespalten.“ Michael: „Da hast du Recht und ich bin froh, dass wir uns einigen konnten. Ich muss mich bedanken für dieses von Toleranz und Akzeptanz getragene, ergiebig verlaufene Gespräch.“ Günter: „Ja, zwar kommen wir jetzt beide zu spät zum Unterricht, aber ich finde auch, dass sich unser Gespräch gelohnt hat.“ Michael: „Ich wünsche dir einen angenehmen Unterricht, Günter!“ III.11 Ein Physik- und ein Religionslehrer am Kopierer – Ist Religionsunterricht wichtig? 95 Günter: „Ich wünsche dir ebenfalls einen angenehmen Unterricht, Michael! Tschüss!“ Michael: „Tschüss! Wenn ich demnächst kopieren muss, werde ich früher dran denken. Es tut mir leid, dass ich gesagt habe, dein Unterricht wäre weniger wichtig. Es ist bestimmt sehr interessant, was du deinen Schülern vermittelst!“ Günter: „Vielen Dank, Michael!“ III. Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschüler_inne_n zum Thema 96

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Zusammenfassung

Die modernen westlichen Gesellschaften sind gekennzeichnet durch religiöse Pluralität und Vielfalt. Schon damit stellt sich die Frage nach der vermeintlich wahren Religion. Ausgehend von den Fragestellungen „Gibt es eine wahre Religion? Welchen Glaubensannahmen sollen wir Gültigkeit zusprechen?“ widmet sich der habilitierte Pädagoge, Theologe und Philosoph Roland Mugerauer den damit einhergehenden Problemen aus christlich-theologischer, religionsphilosophischer und allgemeinphilosophischer Sicht. Zudem präsentiert der Autor im Mittelteil des Buches Wettbewerbsbeiträge von Oberstufenschülern zum Thema, die im Rahmen des Evangelischen Religionsunterrichts an einer hessischen Europaschule (Gymnasium) entstanden sind. Sie wurden verfasst im Kontext eines von katholischer Seite ausgeschriebenen länderübergreifenden (Italien, Österreich, Deutschland) Essaywettbewerbs, der 2018 zum Thema „Der echte Ring / vermutlich ging verloren (G.E. Lessing) – Zum spannungsreichen Verhältnis von Religion und Wahrheit“ durchgeführt wurde. Viele der enthaltenen Beiträge wurden durch die Juroren des Wettbewerbs ausgezeichnet.